Karlos (1960 – 2021)

Auf Karlos‘ Trauerfeier in der Kapelle fällt unter den vielen Blumen und Gestecken ein Kranz auf. Ein letzter Gruß: Deine Freunde vom Neumarkt. Da hat er zuletzt gern rumgesessen und seinen Wodka getrunken. „Anfangs hieß ich nur der Wodka-Mann.“ Ich hab ihn zweimal am Neumarkt besucht. Einmal brachte ich ihm das Buch vorbei, das er gleich mit einem kleinen Kuss stempelte (und ansonsten wortlos einsteckte), das andere Mal setzte ich mich einfach eine Weile dazu. Es war ein bisschen wie früher, als wir uns mit den kuriosesten Schluckspechten der Stadt die Zeit vertrieben. Doch jetzt gehörte ich nicht mehr dazu. Wenn man selbst nicht mehr trinkt, ist es unter Trinkern witzlos. Man bleibt ein Fremdkörper. Aber eins war schnell klar, und es beruhigte mich ungemein: die Jungs waren durch die Bank in Ordnung, und Karlos bildete auf seine defensiv-kommunikative Art das Herz der Truppe. Eine Frau, die etwas abseits saß, stellte er mir mit leisen Worten vor: „Das ist Wilma. Die sprichst du besser nicht an, wenn sie breit ist, sonst hast du direkt ihre langen Fiberglas-Fingernägel in der Fresse.“

Ich beobachtete sie in respektvollem Abstand. „Ist Wilma schon breit?“

Karlos: „Halt bloß die Klappe.“

*

Sein Vater erzählt, dass Karlos von den nachmittäglichen Treffen am Neumarkt oft mit Unmengen Fressalien heimkehrte. Tüten voller Obst, große Pizzas, Salami (geschnitten) – alles mögliche. Nur um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Damit er endlich an Gewicht zulegte. Er wog keine 45 Kilo mehr. Aber es war zu spät. Schon einige Tage vor seinem Tod, als wir ein letztes Mal telefonierten, bekam er keinen Bissen mehr runter. „Ich will nur noch saufen“, meinte er. Sein Vater, bei dem er seit 2 Jahren lebte, fütterte ihn zuletzt mit kleinen Schlückchen Wodka aus dem Flachmann, während Karlos im Bett lag. Eine schlimme Vorstellung, und dennoch eine runde Geschichte. Es war die Mutter, die ihn einst stillte, als er hungrig zur Welt gekommen war, es ist der Vater, der ihn am Ende mit Schnaps füttert, damit er beim Sterben keinen Schmerz spürt.

*

Da wegen Corona die Wirtschaften geschlossen sind und kein Reuzech stattfinden kann, (reuen und zechen) lud uns Burek nach der Trauerfeier auf einen Kaffee und einen Trester-Schnaps zu ihm nach Hause ein, ins Reihenhaus.

„Wo ist der Pott, Burek?“

„Wie in jedem Reihenhaus: wenn man reinkommt, die erste Tür links.“

Tatsächlich.

Danach sitzen wir zusammen, genau wie nach der Beerdigung von Benzini vor einigen Wochen, und erzählen uns von früher.

*

Dass Karlos seit einer Woche nicht mehr unter uns ist, ich werde es erst noch begreifen müssen. Wie bei jeder anständigen langjährigen Freundschaft gab es eine Zeit, wo wir uns kaum gesehen haben, ja, wo wir uns regelrecht aus dem Weg gegangen sind. Ein bisweilen nötiger Prozess unter Freunden, der schon mal 10, 15 Jahre in Anspruch nehmen kann. (Länger besser nicht.) Es dient der Gesundung, einer gewissen Richtigstellung. Irgendwann tauchte Karlos wieder auf am Kannenhof, und wir unternahmen wie früher lange Spaziergänge. Aber da war der Flachmann schon sein ständiger Begleiter.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang vor 10 Jahren, als wir am Treppenbach eine Pause einlegten, um den Hund Wasser saufen zu lassen. Es war so heiß, am liebsten hätten wir Leo das Fell aufgeknöpft.

„Eigentlich schade, dass alles so gekommen ist“, sagte ich in der Hitze.

Was ich meinte: dass alles so versandet war, wo es doch Chancen gegeben hatte. Für Karlos als Schauspieler, für mich als Schreiber. Dass wir die Gelegenheiten nicht verfolgt hatten. Wir hatten es verpatzt.

Beide.

„Stimmt“, meinte Karlos. „Aber langweilig war es nicht.“

„Nee, langweilig war’s nicht“, pflichtete ich ihm bei, zweifelte aber noch im selben Atemzug daran. Was zum Henker war langweiliger gewesen als die ganze Drogennehmerei der 90erjahre, die am Ende so vielen das Genick brach. Natürlich, die ersten Jahre waren Drogen ein Ausbund an Freiheit und Experimentierlust gewesen. Doch später… Ich meine, wenn man sich mal überlegt, dass es das einzige Leben ist, von dem wir sicher wissen, dass wir es haben, da verwundert es schon, dass man es so leichtfertig herschenken kann.

*

Margarete Helminger rief auf zum Thema Mutmaßungen über Mutter. Mein Beitrag:  Sag Mutter, ich hab Scheisse gebaut

Im Haus der Jugend 1977 Solingen, Kaminraum. Li. Karlos, re. Glumm

13 Gedanken zu „Karlos (1960 – 2021)

  1. Dumm nur, dass wir nicht wissen, was (und ob überhaupt was) wir verpasst haben, weil wir nicht den „normalen Weg“ genommen haben, wir alle, die irgendwie „außerhalb der Gesellschaft“ leben …

    Welche Wege es noch gibt, jetzt … da tauchen Fragen auf. Dazu die sich ständig ändernden Umstände …

    Und am Schluss damit Frieden damit machen, dass es so gekommen ist, wie es jetzt ist …

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      • Stimmt, es war eigentlich total langweilig, gerade das hat einen ja in den Rausch getrieben.
        Und ja, was wäre gewesen wenn…
        Schönes Haus, dicke Autos, den 911er für`s WE in der Garage, in unserem Alter dann so Opa/Oma.
        Hm….zufriedener ? Sicher. Glücklicher ? Philosophische Frage.
        Was wäre denn in diesem Alter tatsächlich die Alternative gewesen, was wäre interessanter gewesen.
        Sport, Beruf, je nach Talent Wissenschaft, Forschung oder Kunst, Reisen, noch mehr Sex ?
        Boahh…ich weiß es nicht, auf einer anderen, nicht unbedingt höheren, nur anderen Bewustseinsebene waren wir bestimmt. Mir hat mal einer gesagt, ohne Kiffen hätte es die Grünen nicht gegeben. Steile These. Und das Endergebnis ist mitlerweile auch na ja. Ein kurzzeitiger gesellschaftlicher Wandel war zu spüren, kurzzeitig.
        Aber jetzt hör ich auf.

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  2. Gelebte und erzählte Geschichten von früher machen mich oft ein wenig sentimental. Bin beim Lesen ganz traurig geworden und musste weinen…um Carlos …um seinen Pa… um die Irene…um die Leute am Neumarkt….um jeden der am Bodensatz aufsetzt…Schade…echt verdammt schade.
    Dir, große Achtung und Anerkennung…aus diesen Abgründen einen Ausweg zu finden, ist nicht leicht…Du hast es geschafft!

    Dir, mein Mitgefühl für den Verlust…Carlos Ruhe in Frieden

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  3. Ich traf ihn vor ein paar Wochen an der Ampel Goerdelerstraße.
    Obwohl wir nie viel miteinander zu tun hatten freuten wir uns jedes Mal wenn wir uns sahen.
    Ich glaube keiner von uns hat je verstanden warum eigentlich.
    Er griffelte sofort in einer Tüte herum und zauberte eine Scheibe Salami hervor.
    „In der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot“ schalte es mir mit ernstem Blick entgegen.
    Einigermaßen verdattert stopfte ich sie mir in den Hals und würgte ein Danke zurück.
    Wir schlenderten schweigend über die Straße beide ein breites Grinsen im Gesicht.
    Danach trennten sich die Wege.
    Auf seine Art ein wackerer Kerl.
    Gute Reise
    Maik R.

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    • Dass er dir 1 Scheibe Salami zusteckte… irgendwie seltsam, oder? (Aus seinen familiären Zusammenhängen weiß ich, dass er in letzter Zeit die Wupperstrasse, von der er entweder kam oder wo er hinwollte, selten gegangen ist. Mir ist er vor wenigen Wochen dort ein letztes Mal begegnet, auf der Wupperstrasse, wo wir uns 1000mal begegnet sind. Gut möglich also, dass dies der gleiche Tag war, an dem ihr euch dort auch getroffen habt.) Bisschen umständlich.

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      • Er ging tatsächlich Richtung Wupperstraße.
        Leider weiß ich nicht so genau wie sehr mir die Erinnerung bei der Zeitangabe einen Streich spielt.
        „vor ein paar Wochen „ können auch zwei- drei Monate sein.

        Im Ursprung ist es ja meistens die pure Lebenslust, ausgerechnet das große “Ja“ zum Leben was in die Zerstörung führt. Mittlerweile denke ich dass das sorgsame aktive Scheitern eine sehr gefährliche und perfide Spielart des Selbsterhaltungstriebes ist. Natürlich immer mit einem Schuss Narzissmus dabei. (sorry!)

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