Und wann ist dein Buch fertig?

Ich stand im Flur. Er auch.

„Und wann ist dein Buch fertig?“ fragte Vater.

Kurz zuvor hatte er gefragt, was ich denn für den weiteren Verlauf des Nachmittags plante, worauf ich „na ja, Schreiben“ geantwortet hatte, „wie immer“, obligatorisch halt. Doch jetzt hing ich in der Luft. Mein Buch… fertig? Wie kam er denn da drauf.

Schleppend machte ich mich an die nächste, an die ungleich schwerere Antwort. Ein Buch war etwas anderes als ein Dienstagnachmittag. 300 oder 350 Seiten hatten mehr Gewicht als ein Spaziergang von drei bis halb sechs, selbst wenn ich noch kurz bei meinem Vater reinguckte. Ein Nachmittag war etwas anderes als ein Buch, das viele Nachmittage kostete und einfach nicht Fahrt aufnehmen wollte, und das schon seit Jahr und Tag.

„Das Buch… wahrscheinlich nächstes Frühjahr…“, sagte ich jetzt, wie aus der Luft geschnappt. Dabei gab es gar keinen festen Zeitpunkt, keinen Masterplan. Ich hätte auch genauso gut „nächste Woche“ sagen können, „übernächstes Jahrhundert“ oder „in einer Viertelstunde“, alles wäre nicht weniger richtig oder falsch oder wahrscheinlicher gewesen als „nächstes Frühjahr“. Und dass ich Frühjahr gesagt hatte, lag nur daran, dass Frühjahr irgendwie positiv klang, nach Aufbruch, nach frischen Adjektiven und Joan Armatrading-warmen -Vocals.

Schwachsinn alles, dachte ich. Das nächste Frühjahr würde so rasch kommen wie immer und plötzlich neben mir stehen, den Hut gelupft und guten Tag gesagt, mit einem verschmitzten Lächeln, dass einem ganz anders wurde.

Zwar gab es immer wieder Anstöße für ein Buch, ob nun von außen oder von innen, vom Kreis der Eingeweihten oder von Zufallslesern, die meinen Blog im Internet entdeckt hatten, doch alle Welt forderte einen Roman, ja, selbst ich forderte neuerdings diesen Roman von mir und keine schnöde Sammlung von Short Stories, die ohnehin im Internet kursierten, gratis, in diversen Überarbeitungen, verteilt auf zwei Blogs, doch leider, nein – da war kein Roman. Nicht in mir. Nicht in diesem Leben.

Nichts in Sicht.

„Und was wird das für ein Buch?“ ließ Vater nicht locker. Er stand da wie ein Fels, trotz seiner 85 Jahre, trotz seiner beginnenden Demenz und des über ihn hereingebrochenen Unglücks, an dessen Beginn der Tod meiner Mutter stand.  „Eine… Familiengeschichte?“

Wir standen im Flur der Wohnung, in der ich aufgewachsen war. Es war Mittagszeit, Sommer 2011. Mutter war seit einem halben Jahr tot und ich bereit zum Aufbruch. Ich war nur kurz auf einen Sprung reingekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Der Hund an meiner Seite junkerte nervös, weil er wieder losmachen wollte, und in mir regte sich Dankbarkeit.

„Ja… natürlich, eine… Familiengeschichte“, sagte ich erleichtert.

*

Es dauerte dann noch satte 10 Jahre.

 

Im April 1983, kurz bevor Karlos und ich nach Portugal reisten, erschien im Lokalblatt eine winzige Vorankündigung unter Vermischtes:

Andreas Glumm liest Gedichte in Kennies Antiquitätenladen, Wupperstraße.

Das war aber nur die halbe Wahrheit. Die Gedichte stammten zwar von mir, gelesen wurden sie aber von Karlos. Als Bühnenschauspieler hatte er die trockeneren Finger beim Vorlesen, während eines meiner frühen, eher programmatischen Gedichte den Titel DIE FISCHANGST MEINER HÄNDE trug. Ich finde das Gedicht nicht mehr. Es ist verloren. Ich habe auf dem Speicher gesucht, in dem staubigen alten Koffer, in dem eine Menge loser Blätter lagern, doch das Gedicht ist weg. Es endet damit, dass ich in der Früh wach werde und einen Fisch reite mit einem großen Busen. Daran erinnere ich mich.

Das Ende war gut.

Karlos war der Erste gewesen, der an mich glaubte, zu einem Zeitpunkt, als es keinen Grund dafür gab. Ich hatte nicht mehr als 20, 30 kurze Gedichte geschrieben, und wenn ich sie heute durchsehe, ist da nicht viel Talent.

Aber das juckte Karlos nicht.

„Du machst das schon.“

Eine Handvoll Freunde und Angehörige erschien an diesem Nachmittag in Kennies Antiquitätenladen auf der Wupperstraße. Die Wupperstraße war berühmt für ihren Doppelcharakter. Es gab zwei Frisöre, zwei Supermärkte, zwei Büdchen, zwei Bäcker, zwei Dealer, zwei Blumenläden, zwei Imbissbuden, die legendäre Lotto-Annahmestelle, zwei Kneipen, zwei Generalvertretungen von Versicherungen und eine Weile sogar zwei Kindermodegeschäfte, die sich aber nicht halten konnten und kurz hintereinander dicht machten. Eine turbulente laute Strasse, von zwei Schulen gesäumt und einer Menge verkrachter Existenzen. Wer mittags der Wupperstrasse entlang ging, um Besorgungen zu machen,  dem begegneten auf Schritt und Tritt Grüppchen junger Männer, die einem frisch gepflückte Autoradios andrehen wollten, sonst ließen sie dich nicht durch. Und die Lotto-Annahmestelle war nach Schulschluss oft dermaßen überfüllt, dass die Inhaberin, eine geschäftstüchtige Frau, regelmäßig die Notbremse zog.

„NUR REINKOMMEN, WER GELD HAT!“ zeterte sie, „DIE ANDEREN WARTEN DRAUSSEN!“

In den 90er Jahren bot die Wupperstraße ein anderes Gesicht: Es gab nur noch einen Frisör, einen Billigbäcker, 1 Supermarkt und 1 Kneipe, aber dafür vier Imbissbuden. Das Gleichgewicht war innerhalb eines Jahrzehnts brutal aus dem Ruder gelaufen, und die Straße hat sich bis heute nicht davon erholt.

Kennies Antiquitätengeschäft, Samstagnachmittag ’83, erste Lesung. Proppenvoll war es nicht gerade. Der dicke Hansen war gekommen, sein Bruder, mein Bruder, meine Schwester, mein Schwager. Fleschkönigs ließ sich blicken, Lena war da, Pepe, Pepes Bruder, der kleine Bruder von Karlos, und Schnaat, der hatte keinen Bruder. Nur Schwestern. Die waren aber nicht da. Die waren woanders. Die waren ständig woanders. Sie waren mehr ein Gerücht. Dafür war Kennie da, logisch. Kennie, der Gastgeber, Einzelkind, Altjunkie, 2007 gestorben im Alter von zarten fünfzig Jahren. Ein paar Tage vor seinem Tod hab ich ihn noch in der Stadt getroffen. Er sah gut aus, gut wie lange nicht mehr. Er hatte beide Hände voll. Links einen Strauß Rosen in Blumenpackpapier, rechts einen Fisch in Fischeinwickelpapier.

„Kennie! Wohin?“

„Nach Hause“, gab er gutgelaunt zurück.

„Oh. Machst es dir gemütlich, wie?“

„Sicher“, leuchtete er. „Den Fisch in die Blumenvase, die Vase auf die Heizung, halbe Stunde aufdrehen, fertig ist der Budenzauber.“

Budenzauber war das letzte Wort, das ich aus seinem Mund gehört habe. Paar Tage später brach sein Kreislauf zusammen, abends vorm Fernseher, er saß neben seiner Mutter, bei der er zu Besuch war.

1983 stellten wir genau in die Mitte seines Antiquitätenladens eine hellblaue Werkstatt-Leiter. Karlos hockte auf der obersten Sprosse und las mit ritterlicher Stimme meine verschwurbelten kleinen Gedichte, in denen .. die Utopie ihrer inneren Blutung erliegt. Oder ich steh hinten in der Pommesbude, als meine Ex auftaucht, im Schlepptau ihren schnieke Fritz. Da blutet mein Herz, und im Bauch die Currywurst.

Das Ende war gut.

Nach dem letzten Gedicht kam meine große Schwester zu uns rüber und machte eine Riesenpulle Sekt auf. In gewisser Weise saufe ich heut noch davon.

13 Gedanken zu „Und wann ist dein Buch fertig?

  1. Die Enttäuschung des Jahres 2021 – für mich; und andere, Freunde, denen ich vorgeschwärmt habe, wie spontan die Geschichten sind, die du schreibst und ungewöhnlich im Vergleich mit dem Mainstream-Brei … Mehreren Menschen die ich beglückte ging es wie mir: nach einigen Stories verloren diese so weit an Spannung, daß sie das Buch weglegten, weil sie nichts Faszinierendes darin finden konnten; es war mit einem Mal seltsam substanzlos geworden … der Körper fehlte ihm. Ich weiß selbst nicht, wieso das so ist, die Geschichten im Blog fand ich allesamt gewichtig – vielleicht hast du Einiges überarbeitet ? Denn interessanterweise ging es mir auch mit jenen Geschichten so, die ich bereits kannte, dabei regte sich ausschließlich Nichts…
    Jedenfalls weigert sich mein Sundoku strikt, dieses Buch freizugeben und meint, es wäre nicht spannend genug für mich.

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      • Heute hat sich jemand unerwartet gemeldet und berichtet, daß es einer uns beiden nur namentlich bekannten Person ebenso erging.
        Ich bin kein professioneller Buchbewerter, befinde mich jedoch in illustrer Gesellschaft mit meiner Meinung.
        Vielleicht findet jene Generation, denen ein Bukowski oder Kerouac oder die Straße der Ölsardinen nicht in die literarische Krippe gelegt wurde, mehr zündende Inhalte für ihren Lesehorizont.
        Das neuerliche Rühren der Werbetrommel für eine nach meiner Meinung nicht gelungene Veröffentlichung deiner gesammelten Werke hat mich veranlaßt, meinen Senf dazu abzugeben – tut mir leid, aber es ist wie es ist.
        Fühl‘ dich selbstgekrönt – denn aus einer Ecke, in welche du mich mit deinem Bonmot möglicherweise bugsieren willst, komme ich nicht.

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  2. manchmal geht es nicht aus dem Kopf, auch wenn es 10 Jahre dauert. Und dann weiß man nicht zu wieviel prozent es an der Frage des Vaters gelegen hat, dass es doch geschrieben wurde oder, dass es noch so lange gedauert hat.

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  3. … guten Tag,
    ich habe das Buch bewusst nur in kleinen Abschnitten gelesen.
    Das hat dann ein knappes halbes Jahr gedauert.
    Hat sich sehr gelohnt.
    Heute als Anschlusslektüre „Generation X“ rausgekramt.
    Ich denke das sollte passen.

    Grüsse
    Jens

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  4. Die Fragen eines Vaters können für den Sohn zu „Geburtshelfern“ werden, wenn auch die „Wehen“ in Deinem Fall extrem lange gedauert haben.

    Schade, dass Deine Eltern das Buch nicht mehr kennenlernen und die ihnen gewidmeten Hommagen lesen konnten. Allein der Titel des Buches ist ja eine Reminiszenz an Deine Eltern, wie ich glaube.

    Gruß, Uwe

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    • Bin schon froh, dass sowohl Benzini als auch Karlos das Buch noch mitgekriegt haben. Beide sind wenige Monate später gestorben.
      Was meine Eltern angeht: stimmt. Der Titel „Geplant war Ewigkeit“ ist ihnen gewidmet.

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  5. … als Jahrgang 1960 plus X muss / sollte man sich auf die Verluste der Freunde allmählich einstellen. Beim ersten Mal ists vielleicht nur ein kurzer Blues — beim zweiten und dritten und X-ten Mal fängt es an weh zu tun. Danach kommt die „Dark Lady“ und die bleibt erst einmal. … evtl. ist Sie der Preis für unsere ausgedehnte Jugendzeit mit so vielen guten Freunden ungebunden für lange Zeit. Das hate unsere Elterngeneration nicht in dem Maße — die waren früh verheiratet und der Freundes/Bekanntenkreis war — hmm — irgendwie „normaler?“ — egal — we have to pay …

    Gruß
    Jens

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  6. Jeder ist eben anders sozialisiert. Ich muss genau sowenig Kerouac imitieren wie Goethe. Nachdem ich das Buch vor hm. vielleicht einem dreiviertel Jahr gelesen hatte, war ich begeistert. Jetzt frage ich mich, ob ich literarischer Analphabet bin, aber im Grunde ist mir das egal.

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    • Die Kritik von Olpo war die einzige, die mich erreicht hat, von vielen Dutzenden Kommentaren zum Buch. Von daher: das geht in Ordnung. Einschränkung: ein oder zwei Lesern waren zu viel Drogengeschichten drin, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, ich kann ja nicht im Nachhinein mein Leben umschreiben..

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      • Ja, das ist eine gute Einstellung. Jeder ist Herr seines Buches. Dem einen gefällt’s, dem anderen Nicht. Vielleicht waren ja seine Erwartungen überzogen. Ich bin zwar erst relativ spät in deinen Blog eingestiegen, aber ich finde, dass dir die Migration ins Buch gut gelungen ist.

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