Arnheim, der Blues – Das Original *

MUSS RAUS HIER. JETZT. RAUS. REIN IN DEN QUIETSCHEKADETT UND RAUS
AUS DIESER STADT.
WEG VON DIESER FRAU,
DER ICH ZU FÜßEN LIEGE ,
„KOMM ZURÜCK!“,
ABER SIE KOMMT NICHT..

..also raus auf die Piste.

Da fahren Lastwagen beladen mit Zigarren, die dickste für mich, die paff ich zum Blues, der steckt in den Knochen, und im Handschuhfach, da sind Schlagzeugstöcke, mit denen trommel ich den Beat:

SHE-S-MY-BA-BEE-
SHE-S-DRIVING-ME-
CRA-ZEE.

2 Wochen und 2 Tage hab ich sie nicht gesehen und dann, heut Nacht, das Telefon, ihre Stimme, „Muss dich sehn, mach mir Sorgen, du schmierst ab!“
sag ich,
„Ja Mädchen, das ist der Trip, der scheucht mich!“

Und in der Nacht zeigt der Türsteher mit dem Finger auf mich: Ahh, da isser wieder der Fertige! Fertig bin ich, wirklich schlimm, aber da ist diese Frau in meinem Kopf!, sag ich und schieb ihn beiseite.
„Aber sehen… sehen will ich dich nicht“, sag ich, „das würde mich umbringen.“

Doch schwach bin ich, hilflos, und um sechs in der Früh kommt sie mit dem Adventskalender angefahren. Wir öffnen zwei Türchen,
REDEN
RAUCHEN
HEIZEN
durch den Vormittag. Kaufen Turnschuhe im Supermarkt, weil die Latschen vom toten Nachbarsjungen mir kein Glück gebracht haben, tauschen Komplimente an der Kasse:

„Du siehst gut aus!“
„Nein, du siehst gut aus!“
„Nein, du!“
Frag ich: „Das ist unwirklich, nicht wahr?!“
sagt sie, „Doch es ist wahr, wirklich. Lass uns frühstücken“.

Im Cafe packen wir alles auf einen Teller, mein erstes Ei seit 2 Wochen 2 Tagen,
„Und neue Jeans brauche ich auch, solche in denen frau die Klöten sieht“, sag ich, da wird sie böse, das ist gut, also raus aus dem Cafe und rein in

DIE UMKLEIDEKABINE
DIE KÜSSE
ABER DA LÄUFT DIESES RADIO
DIESE SERVICEWELLE
DIE MELDET STAUS
AUF DER A8 B9 B10

so finden wir nicht zueinander, die Zungen blockieren.
„Das ist nicht unsere Zeit“, sagt sie,
„Nein, das ist sie nicht“, sag ich, „Aber die Jeans, die passt, die nehm ich“,
also raus aus der Boutique und rein in den Quietschekadett,

irgendwohin fahren, was kiffen, nichts mehr sagen, nur still sein und Holding back the years hören, bis die Kassette aus ist, die ist von mir, das macht uns melancholisch.
Sag ich „Mädchen, muss jetzt raus hier, auf nach Arnheim, in das Zimmer von Schnaat, das auf meinen Blues wartet“

sag ich „Ich liebe dich“, sagt sie „Ich dich auch, irgendwie“, und dieses Irgendwie, das ist der Knockout, der komische, aber das war heute Mittag, jetzt ist Abend,

jetzt ist Arnheim, jetzt parke ich am Hommelseweg und trete vor die Vermieterin, die bebrillte Kröte.
Sag ich „Grüße von Schnaat. würd gerne ne Woche hier knacken, bin auf der Flucht vor dieser Frau“,

sagt sie „Schön und gut, junger Mann, aber für Grüße kann ich mir nix kaufen, kostet doch alles, Strom, Gas, und die Frau, die kenne ich auch nicht, sagen wir fünfzehn Gulden die Nacht“
sag ich „Zehn!“
sagt sie „Fünfzehn!“
sag ich „Abgemacht, Hauptsache ne Hütte“

und steige die Treppe hoch, da ist das Zimmer kahl, kein Bett, keine Matratze, nur Fußboden und ein Haufen kratziger Decken, mit denen ich mir das Nachtlager mache und hier lieg ich jetzt und

HOL IHN MIR HOCH
UM IHN WIEDER RUNTER ZU HOLEN
DOCH ALS ER KOMMT DER ORGASMUS
DENKE ICH
ES WÄRE IHRER
DEN DER SOLDAT IHR MACHT
UND LASSE LOS LASSE SPRITZEN
LASSE RUMSEN IM BAUCH
BIS ES HELL WIRD,
draussen.

Das ist der Blues, der akute Schwitzkasten, selbst im Traum stehe ich auf dieser endlosen Straße, sehe sie fortlaufen mit dem Soldaten, immer schneller, ich will ihr nach, ich schaff mich, schwitze, doch ich steck fest bis sie fort ist, nur noch ein Punkt in der Ferne, da renne ich los in andere Richtung, gar keine Richtung.

Also rein in die Röhrenjeans, die O-Beine auch nicht grade macht, und runter auf den Hommelseweg.
HALLO ARNHEIM.
HIER BIN ICH!
Doch wer ist Ich?

Steh doch nur neben den Schuhen, weil sie überall drin steckt, sogar in diesen, und die sind so neu, dass die Ferse blutet, das ist der Blues,

ICH GEH
FÜHL
& KOMM UM

SEH ZWEI PUNKS EINEN KANISTER DURCH DIE GOSSE TRETEN
MIT SPITZEN STIEFELN BIS SIE FLITZEN DENN DA BIEGT DER METZGER UM DIE ECKE STEMMT DIE FÄUSTE IN DIE HÜFTE
aber das juckt mich nicht, seh nur die Mayonnaise aus den Ritzen quillen

denk mir,
EH ALLES BLECH, EINDRESCHBAR,

und dass diese Frau mich wahnsinnig macht, was ich ihr alles verspreche:
„Ich mach eine Million Dollar und hole dich zurück/Oder in Lira/Fürn Anfang auch nicht so übel/Oder ich leih mir was!“
lacht sie, „Junge bist du drauf“
sag ich, „Klar, Mädchen, aber deine warmen braunen Augen, die machen so satt, dass kein Hunger bleibt für Worte, die mir Dollars bringen sollen, also bleibts bei den Lira“,
doch das findet sie nicht witzig, ich auch nicht, es sind nur die schweren Sachen im Blut, die mich sülzen lassen, jung bin ich, blöd, habe keine Zeit für Weisheit,

MEINE EINZIGE ERFAHRUNG
IST DIE EFAHRUNG
DASS ERFAHRUNG HUMBUG IST
ES MACHT HUM
UND ICH KRIEG WAS VOR DEN BUG

das ist alles, ist wie Langlegen/Aufstehen/Langlegen/Aufstehen, der Rhythmus stimmt, der ist in Ordnung, aber ich, ich lieg gerade lang und nehm mich selbst furchtbar wichtig, also runter von der Straße, weg vom Gestank holländischer Fritten in gelben Tüten und rein in die Cafeteria. Da steht ein Tisch, da klemme ich den Bauch dran, den taste ich ab mit dem Kugelschreiber, ich suche den Bauchpuls, aber da ist nichts, da kommt nichts, weil ich ja doch nur an sie denke,
an ihre Worte,
die ich vom Ohr gleich rüber zur Goldwaage lege, damit ich ein Bild kriege, doch ihr Kopf ist ein Tollhaus, da gehts drüber, da gehts drunter, was sind da schon Worte, außer unzulänglich und verlogen

Einsam bin ich, verloren,
und weil jeder Einsame denkt,
er fällt auf in seiner
Einsamkeit, falle ich auf in meiner Einsamkeit

da denk ich lieber an zu Hause, an den BEUTEL GERÄUCHERTE BRATWURST IM KÜHLSCHRANK, sollte mein Proviant werden für Arnheim, hab ich aber vergessen, hab ich liegen lassen auf dem Küchentisch,

jetzt seh ich mich im Spiegel im Cafe, eine ganze Spiegelwand, bin erschrocken, wie normal ich wirke, nichts dringt nach außen, bin nur ein Sack, der sich nicht öffnen lässt, sonst ließe ich ihn strömen, den Schmerz, bis er mehr Ausdruck fände als Fassade und Gesülze,

DAMIT DU BESCHEID WEISST!

Kraftlos bin ich, eine einzige Lücke und hundertfünfzig Kilometer Luftlinie von dir entfernt, und diese Linie in der Luft, die gibt es wirklich, warum also flüchten, warum Arnheim, auch nur eine deprimierende Stadt, nicht mal groß, nur deprimierend, wenn man kein Bild ist in den Köpfen von Eingeweihten,

also rein in den Kadett,
quietsch mich heim zu ihr, zur Bratwurst
im Kühlschrank.

 

 

*  Es wird oft danach gefragt, bislang wurde ARNHEIM, DER BLUES nicht veröffentlicht – Ausnahme: auf meinem früheren Blog 500beine, dessen Anbieter myblog.de aber, so wie es aussieht, das Zeitliche gesegnet hat.

Mit der ARNHEIM, DER BLUES gewann ich im Herbst 1986 den 1. Preis in der Kategorie PROSA beim NRW-Autorentreffen 1986.

 

 

 

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14 Gedanken zu „Arnheim, der Blues – Das Original *

  1. Seeeeehr gut, soll dir auch beste Grüße von meinem Bruder Peter ausrichten. Er meint, dass er dich einmal bei einem Auftritt mit Schnard (ich meine es schreibt sich so, weil ein Lehrer von Jörg dessen Nachnamen einfach nicht richtig lesen konnte?) gesehen hatte und du ein ganzes Stück quasi im Sprechgesang vorgetragen hat. War es dieses?. Würde jedenfalls gut passen. Irgendwie hat man auch direkt die Blues-Beats im Kopf. Gelungen!

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    • Ja, das war ARHEIM DER BLUES.
      Ich hab es 1986 quasi in sehr früher RAP-Version gesprochen, mit der Unterstützung der 4-köpfigen RATTEN IN LODENMÄNTELN. Schnardt, da hat dein Bruder Peter recht, wäre wohl richtiger geschrieben, aber für uns war er stets Der Schnaat. Er hat auch die Musik zu ARNHEIM und andren Nummern geschrieben, unter anderem zur legendären DICKEN TANTE WALTRAUD.

      Wenn die Kassette von damals aus dem Proberaum noch nicht gerissen ist, wird wohl in nächster Zeit eine späte, knapp vierzig Jahre alte späthistorische Live-Version im Netz Premiere feiern, (aufgenommen im März 1986 in der LIEDERKISTE/CRONENBERGER SRASSE, in der Solinger Beatles-Besetzung mit Jörg Schnaat Lehnardt (g), Py Schneider (org), Ralle Scheider (perc), Schwarte Schwarz (b) und Glumm (voc) geben.

      Wenn man sich überlegt, dass mittlerweile schon zwei Musiker jenseits aller Instrumente und Lieblingssongs sind…

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      • Dein Lümmelbruder soll gefälligst mein Buch lesen.. Zwei kann ich zZ nicht verschenken. Aber vielleicht kann er es ja von dir klauen, in einem unbeobachteten Moment der Buchhaltung! (Ich kenne mich da aus..)

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      • Na klar, du brauchst keine zwei raus rücken. Aber womit genau kennst du dich aus? Mit dem Klauen oder mit der Buchhaltung 😉

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      • Buchhaltung, oh ja, das ist eine Geschichte für sich. 2001/2002 stieg mir das Job Center, damals noch Arbeitsamt, aufs Dach, weil ich arbeitslos war. Ich sollte eine Umschulung machen. Das war vom Sinn her schon unsinnig, ich hatte schließlich keine Ausbildung absolviert. (12. Schuljahr von der Schule geflogen, dann Nachtwächter-Jobs u.s.w.) Und jetzt war ich 39 und die kommen mir mit einer Umschulung zum Steuerfachangestellten an – Steufa. Und ich schließe die Umschulung, die ja so gesehen gar keine war, tatsächlich ab. 2 Jahre incl. Praktikum beim Stieber, oben am Schaberg. Aber das wars dann auch für mich, was Buchhaltung angeht. In Wirklichkeit hab ich Buchführung nie kapiert. Steuern ging noch, aber Soll & Haben, nein, da war Schicht für mich. Ich bin mit einer 5 in Buchhaltung durchgekommen im Abschluss-Zeugnis, aber nur, weil ich in EST und Umsatzsteuer, Gewerbesteuern und Abgabenordung eine 2 hatte und irgendwie ausgleichen konnte. Außerdem waren die froh, mich endlich los zu ein. Trotzdem keine schlechte Zeit.

        Wenn die nächsten Bücher kommen, melde ich mich.

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      • Whaaaat? Du hast bei dem Stieber gelernt? Cool. Ja den kenne ich auch, ist aber ein bisschen so ein Stiesel. Also ich liebe meinen Beruf, der hat mir und meiner gesamten Familie und Freunden in den letzten fast 40 Jahren soviel geholfen. Wenn ich dafür immer hätte einen Steuerberater hinzuziehen und vor Allem bezahlen müssen, darf ich gar nicht drüber nachdenken. Aber du hast völlig Recht, das reine Buchhalten ist nicht Jedermanns Sache, da kann man zwar auch kreativ arbeiten und mit den passenden Argumenten auch mal gegen den Strom buchen, aber die Grundkenntniss im Steuerrecht ist schon eine richtig gute Stütze in vielen Entscheidungen und kann niemals falsch sein.
        Ja wunderbar, dann hast du ja wenigstens ne gute kaufmännische Basis und wirst mit dem Erfolg deiner Bücher nicht übers Ohr gehauen.

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      • Also, ich hab das ganze Grundgerüst, das Prinzip der Buchführung tatsächlich nie verstanden, das war mir zu hoch. Ich wollte es zuletzt auch nur noch beenden und nicht schon wieder irgendwas abbrechen. Von daher war es okay für mich. Aber manchmal muss ich heute noch lachen, wenn ich daran denke, wie verständnislos die Leute glotzten, wenn sie mich fragten, na, was machste du denn so? Und ich blöd grinsend erwiderte: Ich mach eine Umschulung zum Steuerfachgehilfen! Das war genial. Das hatte wirklich niemand auf der Kappe.

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      • Sag mal, gibts hier eigentlich keine Emojis? Das wäre soooo schön, dann würdest du mein breites Grinsen sofort erahnen können. Ich glaube dir sofort, dass die alten Jungs da mächtig verwirrt geguckt haben. Aber immerhin hast du die Prüfung bestanden. Dazu erstmal einen wirklich herzlichen Glückwunsch. Meine Ergebnisse waren auch nicht die Besten und später beim Fachwirt noch schlechter, egal Hauptsache geklärt!
        Und das du in dem, natürlich wesentlich relevanteren, Tätigkeitsfeld des Steuerfachgehilfen, nämlich den *Steuern* gepunktet hast, zeigt ja ganz klar dass du sehr großes Verständnis für diese, mitunter extrem komplexen, Zusammenhänge aufbringst. Alle Achtung. Die reine Buchhaltung wird ja eher als die niedere und wenig anerkannte Arbeit der Steuerfachleute angesehen ;-). Trotzdem gut, wenn man so ein bisschen kaufmännisch denken kann, hilft in jeder Lebenslage.
        Aber glaubst du, dass dies alles hier hin gehört? Ach, eigentlich schon, denn du offenbarst ja eh sehr viel von dir, also können deine Leser auch wissen, was für einen wunderbaren Beruf du gelernt hast 😉
        Warst du denn nach der Ausbildung jemals in dieser Branche angestellt?

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  2. Oh, da war einer aber on fire.
    Ungewohnt hitzig, eine nervöse, rhythmische Prosa, bei der ich auch gleich an Musik dachte. Die Lücke wurde mit Wörtern überbrückt. Klasse.
    Den Preis hast Du Dir verdient!
    Uwe

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