Ich hab mal kurz durchgezählt:

Da sind etwas über 150 Notizbücher, die sich angesammelt haben über die Jahre. Sie sind gleichzeitig immer auch Tagebuch. Ganz brav stehen sie im Regal, nach Datum sortiert und gekennzeichnet, in Reih und Glied, fast wie Soldaten. Aber es sind Anarchisten. Sie fügen sich nicht. Oder nur widerwillig. Es gibt sogar Exemplare, die rutschen unter den Autositz und tauchen wochenlang nicht mehr auf.

Ein anderes hab ich mal in der Schalterhalle einer aufgegebenen Sparkassenfiliale liegengelassen, die mittlerweile von einem Kulturverein genutzt wird. Da gab es eine Lesung, da war ich eingeladen, sogar Karlos hat etwas vorgetragen. Als ich am nächsten Morgen feststellte, dass mein Notizbuch weg war, rief ich beim Kulturverein an. Moment mal, sagte der Chef und ging nachgucken. Er fand es auf Anhieb, weil ich eine Vermutung hatte, wo es mir weggerutscht war. Na, mein Kindchen, sagte ich, als ich es eine Stunde später abholte. Hat man dich gut behandelt? Wurdest du ordentlich versorgt? Oder brauchst du eine Revanche?

Das erste Notizbuch, das ich wirklich mit mir herumtrug, war das von Dezember 1985, als Lana mich zum ersten Mal verließ. Es war nicht mein erstes Notizbuch überhaupt, ich hatte bereits welche genutzt, doch zum ersten Mal hatte ich es ständig am Mann, wie ein Spielmacher den Ball. Zum ersten Mal hatte das Notizbuch eine wirkliche Funktion. Ich nutzte es wie einen Freund, dem ich Dinge anvertraute, wenn kein Freund in der Nähe war, kein Karlos, kein Schnaat. Und ich war im Dezember 1985 voll mit Dingen, die ich Freunden anvertrauen musste, ich war darauf angewiesen, es loszuwerden, wollte ich nicht daran ersticken. Ich war verlassen worden. Die große Liebe war mit einem anderen durchgebrannt. Da braucht es Freunde.

Wer etwas über sich erfahren will, das über den Anblick im Spiegel hinausgeht, der sollte den Leuten zuhören, die einen sehr lange kennen. Wer keine Freunde in seiner Umgebung hat, die einen lange genug kennen, der sollte schleunigst Freundschaft schließen. Dann zehn Jahre warten, und noch mal fragen.

So ein Notizbuch umfasst im Schnitt 3 Monate, manche mehr, manche weniger. In den Jahren zwischen 1995 und 2005 habe ich kein einziges Wort geschrieben, es sind zehn verlorene Jahre, es gibt kein einziges Notizbuch aus dieser Zeit. Und dann gibt es Notizbücher, die sind in 14 Tagen voll.

Die Notizbücher sind mein Maschinenpark. Es kommt vor, dass ich im Betrieb stehe und meinen Blick stolz über die Maschinenhalle wandern lasse. 150 leise tuckernde Maschinchen, von denen jedes einzelne zwischendurch und immer mal wieder zum vollen Einsatz kommt. Dazu greife ich blindlings hinein. Einfach mal reinlangen in die Vergangenheit. Einfach mal kommen lassen, dem Zufall vertrauen – es ist die Lust aufs eigene früher.

Es ist wie bei einer Plattensammlung. Nicht jede Platte hat Potenzial und enthält Single-Auskopplungen, ganz zu schweigen von einem Hit. Im Gegenteil. Was ich herausfische, sind oft Arztbesuche oder Spaziergänge mit Hund, der ganz normale Alltag und weniger die dicken unvergesslichen Bumsfallera-Tage, das Durchmachen bis morgen früh, das Singen und Rotzen der frühen 80er. Hätte ich bloß in solchen Zeiten Buch geführt, die Sammlung wäre dünn. Klitzeklein.

Ist sie aber nicht.

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