Vollidiot

Samstagnacht, halb drei. Das Mumms macht gleich dicht, aber der alte Karnickelschlauch ist immer noch rappelvoll. Eingequetscht stehen wir zu dritt am Tresen.

Inge, die Wunderbare, streckt Karlos die Zunge raus.

„Wird Zeit, dass du mir nochmal über die Hüfte rutschst, Karlos“, lässt sie ein dröhnendes Lachen hören, eine schmutzige kleine Lokomotive, die durch die finstre Nacht rumpelt.

Ich stehe hinter Inge und fische ihr heimlich die Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche. Ich stecke mir in Seelenruhe eine an.

„Kippe jemand?“

„Her damit!“ ruft Karlos.

„He, seit wann raucht ihr beiden denn Camel!?“ Inge dreht sich um und tippt mir auf die Schulter. „Sag bloß, ihr habt in meiner Tasche gewühlt?“

„Inge Schätzchen, du merkst auch gar nix mehr“, grinst Karlos. „Ich hab dich schon gevögelt, ohne dass du was gemerkt hast.“

„Na, jetzt übertreibst du aber, Karlos, hör mal! Wenn ich mit dir ins Bett steige, lass ich extra meine Kontaktlinsen drin, damit ich alles mitkriege!“

Um drei ist Sperrstunde. “RAUS HIER JETZT!” brüllt der Geschäftsführer. Karlos und ich torkeln rüber zum Taxistand, die ganze Breite der Kölner Strasse ausnutzend. Ein Streifenwagen hält auf uns zu. Karlos bringt sich in Stellung, wie immer, wenn er einen im Kahn hat und Polizeikräfte im Anmarsch sind. Er buckelt und wiehert wie ein Esel, dafür braucht er nicht mal ein Kostüm: „IA-IAA!!“ Er hat sie echt nicht mehr alle. Der Streifenwagen stoppt. Ein hochgewachsener Polizist steigt aus, die Mütze in der Hand, der Fahrer bleibt im Wagen sitzen.

„Augenblick, die Herrschaften!“

Wegen unerlaubten Überquerens der Straße (keine zehn Meter weiter ist eine Ampel und ein Fußgängerüberweg) und Behinderung des Straßenverkehrs sollen wir jeder zehn Mark berappen.

„Welcher Straßenverkehr!? Hier ist überhaupt kein Straßenverkehr!“ ereifert sich Karlos. „Hier ist überhaupt kein verschissenes Auto unterwegs!“ Er ist eine Zangengeburt. Wenn er jähzornig wird, sieht man den Bluterguss noch heute die Stirn runtersausen. Wie ein Blitz im Grand Canyon.

„Keine Diskussion, meine Herren! Ihr zahlt jeder zehn Mark wegen Behinderung des Straßenverkehrs und die Sache ist erledigt.“

„Wo zum Henker sollen wir euch denn behindert haben?!“ schreit Karlos. „Ihr seid selbst behindert!“

Der lange Bulle überhört die Provokation, er ist zu sehr mit seinen zehn Mark beschäftigt. Da wir natürlich alle Kohle versoffen haben und pleite sind und auch keinen Personalausweis dabeihaben, müssen wir mit zur Hauptwache. Unterwegs, auf der Rückbank, stimmen Karlos und ich „Fahr mit im grün-weis-sen Bul-len-bus!“ an, nach der Melodie von Kli-Kla-Klawitter, „wir neh-men je-den mit, wir ha-ben sehr viel Platz!“, wie in den alten Zeiten, als wir eine Weile mit den Möchtegern-Rockern der SHARKS rumhingen und jedes Wochenende eingepfercht im Mannschaftsbus zur Hauptwache gekarrt wurden.

„Na, da haben wir aber zwei Witzbolde aufgegabelt“, meint der Lange, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. „Ihr kamt mir gleich bekannt vor. Passt nur auf, dass es keine Backpfeifen hagelt!“

„Was willst du grüner Wicht?“ mische ich mich ein, voll wie eine Haubitze, da wird der Lange stinkig und droht mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung.

Auf der Wache werden unsere Personalien aufgenommen. Da Karlos vergangenes Jahr umgezogen ist, sich aber immer noch nicht umgemeldet hat, gibt es Probleme. Um die neue Adresse zu bestätigen, soll er Mietparteien nennen, die ebenfalls in dem Haus an der Finkenstraße wohnen, doch Karlos weigert sich.

“Finkenstraße 9 wohn ich, müsst ihr mir schon glauben! Und ich hab ne neurotische Lady zu Hause, die mir dauernd ins Bett pisst. Mehr sag ich nicht! Mehr müsst ihr schon aus mir herausprügeln! Könnt ihr doch so gut…”

Lady ist die Katze, die ihm in der neue Bleibe zugelaufen ist. Sie knabbert ihm die Tapete an, wenn er nicht daheim ist, was aber kein Verlust ist, es ist eine Nikotin-Tapete. Karlos sitzt genau im Neonlicht und schraubt seinen cholerischen Schädel den beiden Polizisten entgegen.

„Na, nun kommt schon her und verpasst mir eine, hier, schön auf meine Nuss! Das könnt ihr doch so gut!“

Natürlich spielt Karlos die Wut nur. Es ist, als hätten wir uns in ein Theaterstück verirrt, das in diesem Moment geschrieben wird. Eine Boulevardkomödie. Eine Provinz-Groteske. Karlos spielt seinen Part so überzeugend, sogar ich bin heilfroh, als er endlich die Klappe hält. (Seine Aggressivität auf der Bühne deutet Karlos gern als gigantisches Defensivverhalten.) Der lange Bulle steht kurz vorm Platzen. Zunächst droht er, uns bis morgen früh in Gewahrsam zu nehmen, zwecks Ausnüchterung, dann will er mir den Hintern versohlen, weil ich erneut übermütig werde und mit dem grünen Wicht rüberkomme.

„Männer, jetzt macht doch nicht so einen Öschekk hier…!“, greift der ältere Kollege beschwichtigend ein, worauf Karlos und ich lachen müssen, weil wir das lange nicht mehr gehört haben, einen Öschekk machen.

Das sagt doch kein Mensch mehr.

„Guter Mann!“ töne ich.

Die Situation entspannt sich etwas, doch nur kurzfristig. Denn als es plötzlich heißt, wir sollen das Präsidium verlassen, und zwar auf der Stelle, da weigern wir uns und wollen es uns lieber auf den harten Bänken (im Vorraum) bequem machen, wie früher, als wir mit den SHARKS jedes Wochenende im Polizeipräsidium landeten…

„Das hatten wir schon, Glumm!“ schreit Karlos, und auch dem Langen reicht es. „Wenn ihr nicht augenblicklich ne Biege macht, gibt es wirklich was auf die Backen!“

„Dann komm doch mit nach draußen!“ ruft Karlos am Ausgang. Tatsächlich hätte der lange Bulle zu nichts mehr Lust, doch der ältere Kollege hält ihn zurück.

„Jetzt seht zu, dass ihr den Rand haltet und hier wegkommt!“

Von der ganzen dämlichen Aktion ernüchtert, biegen wir um die Ecke in die Malteser Gründe ein, dem Stadtpark hinterm Haus der Jugend, und hocken uns auf die nachtfeuchte Bank. Karlos rollt eine Tüte. Man schmeckt schon beim Rauchen, ob es sich um halluzinogenes Baller-Gras aus holländischer Produktion oder um eine selbstgezüchtete milde Sorte von der Fensterbank handelt. Ich bin ein Freund der Fensterbank. Die lockert das Gehirn.

„Ist aber Baller-Gras“, meint Karlos.

Ein böses, langanhaltendes Neonlichtgewächs.

Endlich schalten wir einen Gang zurück.

„Sag mal, was wollte Lana eigentlich?“ fragt er.

Sie hatte um Mitternacht im Mumms angerufen und sich erkundigt, wie ich die Nacht zuvor überstanden habe.

„Du hast mir das Herz gebrochen“, sagte ich.

„Ich weiß“, sagte sie kleinlaut.

Karlos erzählt, dass Lana ihm am frühen Abend im Metropol über den Weg gelaufen sei, einem Laden, der schon immer auf Chic gemacht hat, mittlerweile aber völlig zum Yuppietreff verkommen ist.

„Das wird immer schlimmer, die sehen alle gleich aus da. Alles hübsche Gesichter, schön geföhnt und Stupsnase und alles, aber kein einziges Gesicht, das ein bisschen was hermacht. Unterhalten sich über Computer und Kleinwagen, und das Hemd muss nach was aussehen, und wenn es ein billiges ist, muss es wenigstens ein paar Punkte an der richtigen Stellen habe. Sogar die Drinks müssen nach was aussehen, ein normales Bier ist nicht drin.“

„Vielleicht gibt es gar keine Menschen mehr“, sag ich bekifft „Vielleicht haben die irgendwann angefangen, uns gegen Apparate und Maschinen auszutauschen und dann nie wieder damit aufgehört. War Lana allein im Metropol?“

„Nee. Mit so ’nem Heinz.“

Karlos verabschiedet sich auf ein paar Cheeseburger zum Amerikaner am Mühlenplatz, ich mach mich auf den Nachhauseweg. Als ich die Malteser Gründe runtergehe, bin ich plötzlich stocknüchtern – und stocksauer. Auf Lana, auf die halbe Welt. Die ganze. Nichts funktioniert, wie ich es möchte. Alle haben andere Pläne, die meine eigenen durchkreuzen. Ich hebe den erstbesten Pflasterstein auf, den ich im Park finde, einen faustgroßen Verbundstein, und schmettere ihn in die rückwärtige Fensterfront des Gesundheitsamtes. Das Klirren der Glasscheibe zerschneidet die Stille der Nacht, ein jäher Lärm, ich bin selber erschrocken, setze aber meinen Weg fort, als sei nichts geschehen.

Es dauert keine halbe Minute, da biegt auf der gegenüberliegenden Seite der Parkanlage ein Streifenwagen in den Malteser Grund ein. Geistesgegenwärtig verdrücke ich mich ins Gebüsch unterhalb des Hochhauses, das wie ein Leuchtturm über die Malteser Gründe wacht. Ich verstecke mich unter einem Balkon. Der Wagen rollt mit ausgeschaltetem Licht im Schritttempo vorüber, bleibt schließlich hinterm Gesundheitsamt stehen, mit ausgeschaltetem Motor. Leiser Funkverkehr ist zu hören. Niemand steigt aus. Keiner rührt sich. Ich nicht, die Streife nicht. Irgendwann fährt der Wagen langsam los, verlässt die Malteser Gründe auf dem gleichen Weg, den er gekommen ist, ohne das Licht einzuschalten. Ich warte noch etwas ab, bis ich mich aus der Deckung wage und in entgegengesetzter Richtung nach Hause schleiche.

Am nächsten Mittag geht das Telefon. Karlos ist dran. Er ist aufgebracht.

„Die Bullen haben mich heut Nacht nochmal klargemacht, wegen irgend so einem Vollidioten, der im Gesundheitsamt Fenster eingewichst hat!!“

Im Rahmen der sofort eingeleiteten Nahbereichsfahndung geriet Karlos dummerweise an dieselbe Streifenwagenbesatzung, die uns zuvor zur Hauptwache mitgenommen hat, mit dem Unterschied, dass Karlos dieses Mal die Taschen leeren musste. Inhalt: Gut zehn Gramm allerfeinstes Sensemilla.

Laut Karlos sogar 10,3 Gramm.

„Nachgewogen auf dem Revier!“

Der lange Bulle muss nur so geglüht haben vor Freude, dass er Karlos doch noch am Schlafittchen gekriegt hat. „Wie ein scheiß Lampion war der am Glühen.“

Und warum das alles??

„Nur wegen diesem verdammten Vollidioten!“

„Aber echt“, sage ich empört.

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