Die Beschädigten Tage

Die Geschichte ist nicht neu.

2012 war sie drin, ganz frisch, dann noch mal 2014. Und vor einigen Tagen hab ich sie ein drittes Mal überarbeitet und reingestellt, aber schnell wieder rausgenommen, weil sie mir zu lang erschien, nicht auf den Punkt gebracht. In den wenigen Minuten, die “Die beschädigten Tage” jetzt online war, (frühere Titel: “Flucht vom OP-Tisch” und Im September kam Post vom Klinikum), ist sie einige Mal abgerufen worden, unter anderem von Annika, die mir daraufhin eine Mail schrieb, weil Kommentieren ja nicht ging. Ihre Bemerkungen wiederum waren so treffend, dass ich die Geschichte doch hier reinstelle. Ein drittes Mal.

Die Geschichte ist nicht neu. Sie berührt mein Lebensthema.

Angst.

(Fear’s a man’s best friend, John Cale)

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Etwas war anders geworden seit dem Infarkt – härter, unnachgiebiger. Als hätte man plötzlich den Kampfeinsatz erhöht, als wäre das Urvertrauen futsch. Das Urvertrauen, dass man den Tag, den man beginnt, auch zu Ende bringt. Selbstverständliche Dinge eigentlich, kaum der Rede wert. Dass man das packt. Doch genau dieses Ur-Vertrauen war verloren seit dem dreifachen Infarkt, entwischt aus seinem offenen Gehege.

 

Urvertrauen entlaufen!

Belohnung

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Ich hab mich nie groß mit meinen Organen befasst. Der Körper hat seine eigene Schrift, und die kenne ich nicht. Die kann ich nicht lesen. Gewissermaßen bin ich ein Analphabet meiner Innereien. Ich weiss kaum, wie so ein Herz arbeitet, oder was genau geschieht, wenn es nicht richtig arbeitet. Bis heute betrachte ich das Innenleben meines Körpers als geheimnisumwitterten Maschinenpark, der seine gut durchbluteten Mitarbeiter rund um die Uhr beschäftigt, ohne jeden Urlaubsanspruch. Die schinden sich zu Tode in meinem dunklen Leib, nur damit ich mein Vergnügen habe und nicht etwa im falschen Moment Wiedersehn sage und kaputt umfalle.

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Drei Monate nach dem Herzinfarkt, im Spätsommer 2012, begann die Krise. Ich saß frühmorgens in der Linie 3 Richtung Central und bildete mir plötzlich ein, nicht mehr atmen zu können. Ich versuchte Luft zu holen, aber da war diese Wand, dieses Schott, es war kein Durchkommen. Erst als ich aufsprang, in Höhe Wasserturm, (sic), als hätte mich ein Insekt gestochen, schaffte ich ein Luftholen. Jeder einzelne Atemzug musste mühsam und wie eine voll beladene Brikett-Lore den Hals hinaufgeschoben werden, gegen massiven inneren Widerstand. Ich schnaufte wie ein Kumpel unter Tage. Voll die Panik sagt man. Die Angst, dass es wieder passieren könnte. Dass mich am hellichten grauen Tag ohne große Ankündigung einfach ein weiterer Infarkt niederstreckt – die nächste Hatz der Herzterroristen.

Einmal tief in die Scheiße gegriffen, siehst du überall Scheißhaufen um dich herum.

 

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Ich gehöre nicht gerade zu den Männern, die sich als Batterie begreifen, die man bloß aufladen muss und schon marschiert man wieder im Sturmschritt voran, doch ich hab Tagträume, da seh ich mich in der Autowaschanlage, wie ich das Premium-Paket inklusive Hochdruckwäsche und Unterbodenkonservierung durchlaufe und am Ende runderneuert und wiederaufbereitet und glanzgewichst die Straße betrete.

 

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Die Realität braucht ein Mantra.

Deine Angst ist nicht dein Chef. Erkläre sie zu deinem fähigsten Mitarbeiter und sie wird sich den Arsch aufreissen, um dir zu Gefallen zu sein und zu dienen – so oder ähnlich steht es hier irgendwo geschrieben, in einem früheren Logbucheintrag. Ein Satz, auf den ich stolz war, nicht weil er so fesch daherkam, sondern weil er sich aus eigener Erfahrung speiste, weil ich ihn so richtig fand, vielleicht sogar hilfreich. Doch etwas richtig finden und danach handeln sind zwei verschiedene Paar Stiefel, ja, sie bewegen sich nicht mal auf demselben Grund und Boden, an manchen Tagen.

 

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Jeder von uns schleppt böseste Ängste mit sich herum, in Geheimtinte verfasst, chiffriert, damit dir nicht jeder Elende, jeder Lump, jeder Fremde auf 10 Meilen Entfernung ansieht, was los ist. Was dich bedrängt. All die unerledigten Gemetzel der Kindheit und der Pubertät, die wiederkehrende Albträume des Erwachsenseins, für die es scheinbar keine Erlösung gibt.

Die Jahre, wo man sich an seine beste Seite herankämpfen muss, nur um zu überleben. Wo plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist, nicht mal Luftholen reibungslos funktioniert. Wo alles stresst. In höchstem Maße unlocker macht.

Willkommen im Kosmos der beschädigten Tage.

Und warum auch nicht.

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Es war frühmorgens, die Sache im Bus, die Angst, dass die Atmung versagt. Mir schoss der Schweiß ins Gesicht, ich ertrank im Sitzen, ich wollte nur noch raus. ICH BRAUCH PLATZ! Verschlossenes Gefährt, Türe auf! An der nächsten Haltestelle sprang ich aus dem Bus und machte mich vor Schwäche kotzend vom Acker. Wind im Haar, die Angst in den Stiefeln: der Versuch, die Panik wegzulatschen im morgendlichen Berufsverkehr / im Motorenmassaker / im Asphaltabraum. Es klappte

so halbwegs.

 

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Man atmet.

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Es gibt Tage, da bräuchte ich einen ganzen Stab von Leuten, der von früh bis spät um mich herum ist und nichts anderes tut, als ein Auge auf mich zu werfen.

“Ihr Männer könnt einfach nicht auf euch aufpassen, das habt ihr einfach nicht gelernt, und in den Genen habt ihr es auch nicht”, geht die Gräfin der Sache auf den Grund, mit lauschigen Worten.

 

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Anfang September 2012 kam Post, die ich erwartet hatte, Post vom Klinikum – die Einladung zum Kontrolltermin. Kontrolliert werden sollte, ob die im Mai eingesetzten Stents noch da waren, wo sie hingehörten, oder ob sich einer der drei Kameraden schon selbständig gemacht hatte und Richtung Ausgang wanderte. So wie ich es gemacht hätte, wäre ich als Stent zur Welt gekommen: Platzangst kriegen in den engen Herzkranzgefäßen, und dann tumultartig das Weite suchen: raus aus dem verdammten Kriegsgebiet, Richtung Westeuropa. Ich rief in der Krankenhausverwaltung und sagte den Termin kurzfristig ab. Verschob ihn eilig in hintere Regionen. Verlassen Sie den unmittelbaren Schwenkbereich meines Lebens. Weg damit.

“Nach hinten? Wieviel nach hinten? Eine Woche?” fragte die Angestellte.

“Weiter..”

“Weiter.. gut. Zwei Wochen?”

“Noch weiter”, sagte ich. “Oder ist das ein Problem?”

Die Frau aus der Verwaltung sah es pragmatisch. “Wenn Sie sich gesundheitlich soweit okay fühlen.. ist das kein Problem, nein. Wie Sie mögen. Ist ihre Sache.”

Wir vereinbarten schliesslich einen neuen Termin, so weit hinten, dass er kaum noch ins vierte Quartal passte. Es blieb nur noch ein Problem: Auch dieser neue, nach hinten verschobene Termin näherte sich unaufhaltsam. Wobei das sprachlich nicht ganz korrekt ist. In Wirklichkeit sind Termine fix, sie bleiben stehen und die Menschen bewegen sich auf sie zu, ob sie wollen oder nicht. Wir alle sind zutiefst geprägt von Terminen, von Zeitpunkten und Zahltagen und Verabredungen, wo es drauf ankommt, wo man den Karren endgültig in den Dreck fährt, und unterschreibt.

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Nichts ist sicher in diesem Leben. Wir kriegen es sekündlich um die Ohren geschlagen, in welcher Gefahr wir uns bewegen,  was für eine glasige Angelegenheit dieses Dasein auf Erden ist. Es reicht schon ein Trumm aus dem Weltall, und – zakk bumm, hat es sich erledigt, das Zeitalter der Menschen. Was bleibt, ist 1 Hologramm. Wenn man Glück hat.

 

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Je lauter die Angst in einem sitzt, desto weniger ist von aussen zu hören.

 

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Einen Tag vor der geplanten Herzkatheter-Messung gings los. Es war wie im Bus der Linie 3. Ich wurde schon beim Einsteigen hibbelig, da war dieses hastige Wimmeln in der Brustgegend, wie im Motodrom. Nachdem ich erst gar nicht atmen konnte, kam ich nun kaum hinterher vor lauter Atmerei. Es war, als setzte der nächste Atemzug schon zum Überholen an, während der Vorgänger noch zu tun hatte. Zwei Atemzüge, nein: Atemschläge, besser: zwei Boliden auf einer engen Spur. Dann wiederum Gestolper und Aussetzer, als würde der rote Muskel plötzlich auf die Kriechspur wechseln. Alles ein großes Durcheinander.

Panik, wenn ich im falschen Moment unter Menschen gerate. Es geschah, dass ich den Bus der Stadtwerke schlagartig verlassen musste, obwohl ich erst zwei oder drei Stationen gefahren war und noch einiges an Strecke vor mir lag. Ich absolvierte weite Fußmärsche, weil ich nicht in der Verfassung war, in einem gottverdammten Bus auszuharren, wenigstens so lange, bis ich mein Ziel erreicht hatte.

Wobei.

Es war nicht so, dass ich die Menschen nicht aushielt, die im Bus saßen, ein paar Meilen mit mir teilten und mich umringten, ich hielt mich selbst nicht aus, wurde mir selbst fremd, als Mensch unter Menschen. Immer wieder fand ich mich in diesem schwarzen fremden geschwächten Tunnel wieder und floh beim nächsten Halt.

Einmal bat ich den Fahrer, auf freier Strecke anzuhalten und mich rauszulassen. Ich hatte mich an Stangen und Halteschlaufen nach vorn gehangelt, käsebleich, mir gehts nicht gut, lassen Sie mich raus, schnell, bitte. Ihm genügte ein Blick in mein Gesicht, einer in den Rückspiegel, zischend öffnete sich die Tür. Oder soll ich den Rettungswagen rufen? Nein, schon gut – ich brauche.. frische Luft.

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Natürlich gab es die Option, im Krankenhaus anzurufen und den neuen Kontrolltermin ebenfalls abzusagen und nach hinten zu verschieben, es war schliesslich eine ganz und gar freiwillige Geschichte. Drei Monate zuvor eingesetzte Stents müssen nicht kontrolliert werden. Nicht unbedingt. Es liegt ganz im Ermessen des Patienten. Und die Vermutung, dass Krankenhäuser mit Herzkatheter-Messungen in der Hauptsache ihren überteuerten High Tech-Maschinenpark auslasten wollen, ist nicht von der Hand zu weisen. High Tech, die mir einst das Leben gerettet hatte. Einst im Mai. Am zehnten. Die Schweine.

Mai-Schweine.

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Ich seh den Herzchirurgen noch vor mir, sein joviales Hutgesicht, im Dienst ohne Hut, na klar, wie er nach dem Einsetzen von Stent Nr. 3 am 17. Mai 2012 an meinem Krankenbett hockt und versucht, mich auf diesen Untersuchungstermin zu eichen, der jetzt, einige Monate später, anstand und mich nervte.

“Lassen Sie die Kontrolle nicht verstreichen, im eigenen Interesse, mein Herr. Gehen Sie auf Nummer Sicher. Stents können sich wieder verengen. Und Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie es noch einmal erleben möchten, wie Ihr Herz schlapp macht..”

Der Kollege von der Kardiologie wusste nur zu gut, wie man zu einem Patienten spricht, der nach einem schweren Hinterwandinfarkt auf der Intensivstation liegt und kaum weiß, wo hinten und vorne ist – und wem diese gottverdammte Hutablage da gehört. Zum Abschied tippte er seine imaginäre Krempe. Ich nickte brav. Nun war es also soweit. Nun war die Zeit war gekommen, seinen Worten und meinem Kopfnicken Folge zu leisten. Versprochen war versprochen. Obwohl ich ja, genau genommen, nur genickt hatte. Und Nicken war noch lange kein Versprechen, so hatten wir es als Kinder gelernt.

Nicken ist noch lange kein Versprechen!

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Der Kontrolltermin bestand aus zwei Teilterminen. Nicht so schnell. Zwei Tellerminen? Ich befand mich im Krieg, Schauplatz war mein marodes Herz-Kreislaufsystem. War ich nicht schon immer davon ausgegangen, Drogen wären mein privater Weltkrieg? Ich gegen mich selbst, Brüder unter Waffen, wolle Gift kaufen, Massa? Und jetzt war da dieser verdammte Nebenkriegsschauplatz auf der Meridianebene, wo HERZINFARKT stattgefunden hatte. Ich kämpfte einen Zwei-Fronten-Krieg. An Front 1 das Herz, an Front 2 das Heroin. Wäre ich als Kino-Vorstellung zur Welt gekommen, man hätte mich als Midnight Double Feature buchen können. Genre: Europäischer Problemfilm, mit einem Schuss Salon-Nihilismus.

DU REDEST STUSS, GLUMM – ABER DU HAST NICHTS ANDERES GELERNT, ES SEI DIR VERZIEHEN.

(Das ist auch exakt der Grund, warum der Mensch einst die Religion in die Welt brachte. Als ihm klar wurde, wie schlecht er ist, erfand er etwas, das verzeiht. Welch ein Schachzug. What a Bummer.)

Der erste Teiltermin diente Voruntersuchungen wie EKG, Röntgen, Ultraschall. Alles ganz harmlose Dinge. Der zweite Teiltermin, Tag 2 war die eigentliche Crux, der Termin am Herzkathetermessplatz im Klinikum, unten auf U1, tief im Bauch des weißen Monsters.

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Ach, das ist doch nicht mehr so wild heutzutage, hörte ich eine Stimme auf dem Krankenhausflur, die es gewohnt war, dass man vor ihr kuschte. Ein Doktor in weißer Herrschaftskleidung, fast wie in vergangenen Tagen in Deutsch-Südwest-Afrika, als noch Namen zu Felde getragen wurden wie Dr. Joe Haubitz, Prof. Fleisch oder Sir Reginald Richtig Blutig. Ich sah Krankenhausluft und unausrottbare warme Keime, die hocheffektiv seine Hosenbeine hinauf krochen, und er stelzbockte von dannen.

Ist doch nicht mehr so wild heutzutage.

Das Problem: Der nachträglich eingesetzte Stent Nr. 3 war mein Trauma geworden. Seither bekam ich schon ein schlechtes Gefühl, wenn ich das Wort Stent nur irgendwo las. Während die ersten beiden Gitterröhrchen unmittelbar nach der Notfall-Einlieferung am 10. Mai, elf Uhr Ortszeit eingepflanzt worden waren, um die beim Infarkt verengten Blutgefäße aufzudehnen, wovon ich im Narkoserausch natürlich nichts mitbekam, so wurde der dritte Stent erst sieben Tage später Richtung Herz vorgeschoben, separat, bei vollem Bewusstsein. Und das, liebe Freunde und Arterienstecher, war nicht bloß etwas unangenehm, wie man mir vorhergesagt hatte, es fühlte sich an wie ein zweiter, ein leichterer Infarkt.

“Ja, das muss auch so sein”, hatte sich der Kardiologe noch während des Eingriffs verteidigt. Weil der Schlauch bei seiner Fahrt durch die enge Arterie dieselbe verstopfte, dass kaum noch Blut hindurch floss, bekam ich stechende Kopfschmerzen, panisches Engegefühl, Elefanten, die auf meiner Brust brennende Kippen austraten.. Von wegen leichtes Hitzegefühl. Von wegen unangenehm.

Meine Angst, mein Pech. Immer, wenn ich Angst aufbaue, bin ich 100 Prozent Reptil und Pechmarie. Von meinem männlichen Verstand, der als Ombudsmann eingreifen könnte, (bleib liegen und entspann dich, Blödmann!), ist in solchen Momenten weit und breit nicht zu sehen. Das Gefühl ist Chef im Ring. Das Mastergefühl. Die Master-Angst.

Die linke Seite.

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Angst wurde uns von Kindesbeinen an eingetrichtert, mit dem großen Apothekerlöffel und Zückerchen obenauf. Mein Vater war Ober-Apotheker und Ober-Angsthase in Personalunion, er war der Dompteur, der die Nachfahren auf seine Ängste abrichtete.

Tu dies nicht, tu das nicht, das ist zu gefährlich, da fällst du runter, fahr nicht so schnell, sei nicht so mutig, pass auf, pass auf, pass auf.

“Am liebsten hätte er euch alle in Watte gepackt”, sagte Mutter. Sie war von Natur aus offensiver, mutiger, eine Halb-Italienerin – es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, sie hätte die Atmosphäre daheim dominiert. Stattdessen entwickelte sie mit der Zeit eine Art Co-Ängstlichkeit. Doch konnte Vater etwas für seine Ängste? Konnte Mutter etwas dafür, dass sie nachgab? Oder gaben beide bloß weiter, was ihnen selbst als Kind einst eingeimpft worden war, von Über-Müttern, für die es in erster Linie stets darum ging, die große Familie zusammenzuhalten?

Und wozu da noch Fragezeichen.

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Tag 2.

Zweiter Teiltermin. Morgens um Sieben erreichte ich die Haltestelle, um den Bus in die Stadt zu nehmen. Mir war übel. Allein die Vorstellung, gleich in der Linie 695 zwischen Dutzenden von Schülern zu sitzen, zwischen all ihrer Lebenslust und ausufernden Präsenz, war zu viel für mich. Ich ging ein paar Meter auf und ab, spuckte hinter die große Plakatwand. Die berufstätige Frau, die jeden Morgen um diese Zeit an der Haltestelle saß, zurrte ihr altmodisches Haarnetz fest. Erst schien sie mir guten Morgen wünschen zu wollen, doch irgendetwas hinderte sie daran, einen Mann zu grüßen, der hinter die Plakatwand rotzt, früh um Sieben.

Der Dezemberwind schob Laub über den Asphalt, es raschelte auf dem Weg zum Schafott. Ich liess einen Bus nach dem anderen passieren und nahm die Fußgänger-Trasse bis zum Botanischen Garten. Ich ging die ganze Strecke bis zum Krankenhaus zu Fuß, während der Nieselregen einsetzte. Eine Dreiviertelstunde Gehen und Schwitzen in Dunkelheit und Dauerregen, bis sich irgendwann nicht mehr unterscheiden liess, was Schweiß, was Regenwasser, was Nasenrotz war.

Die Bäume warfen ihre Eicheln ab, viel mehr als üblicherweise im vierten Quartal. Um mich herum klackerte es mit einer Vehemenz und Präzision zu Boden, als säßen zornige Affen im Geäst, die mit Kokosnüssen auf Passanten zielten. Ich zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Wir kriegen einen strengen Winter, mutmaßten die Leute, die sich damit auskannten, immer noch.

Im Spital angekommen, nahm ich in der beinah menschenleeren, noch halbdunklen Empfangshalle Platz, gleich gegenüber der Information. Ich dampfte in meinen Kleidern, ich fühlte mich elend, schwach, fremd. Das machte alles keinen Sinn. Meine Nerven spielten nicht mit. Sobald ich kurz die Augen schloss, sah ich mich in höchster Not nackt vom OP-Tisch fliehen, Chaos hinterlassend. Ich sah entsetzte Mediziner, sie schrien durcheinander, Infusionsständer stürzten um, es schepperte. Ich sah mich voll verkabelt durch ein Fenster krachen. Um Gottes Willen, hier geblieben..!

Ich nahm mir vor, den Kontrolltermin abzusagen, sobald ich mich in der Empfangshalle etwas ausgeruht hatte und wieder bei Kräften war. (Können Sie unten auf U1 anrufen und Bescheid geben? hörte ich mich schon am Empfang formulieren. Dass ich nicht zum Termin komme. Ja wieso..? Jetzt sind Sie doch schon mal hier! Trotzdem, ich schaff das nicht.) Andererseits, nun war ich ja schon mal hier, da hatte sie recht. Das stimmte. Auch wenn ich das nur in meinem Kopf durchspielte. Ich saß in der Falle. Es sind stets die selbst gestellten Fallen, die solide sind und zuschnappen.

Kurz vor acht stieg ich die Treppe runter auf U1, Heimat der Ambulanz, der Radiologie, der Kardiologie. Ich dachte: Mach dich nicht verrückt. Mach dich nicht lächerlich. Was soll schon groß passieren. Ein Kontrolltermin. Du bist ein großer Junge. Du schaffst das. Ein Krankenhaus ist kein Obus.

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“Oder glauben Sie, dass wir Sie fressen?!”

“Nun ja. Davon ist immer und überall auszugehen im Leben”, entgegnete ich kühl.

“Was denn..? Dass wir Sie fressen?”

“Dass man gefressen wird.”

Der OP-Pfleger, der in der kardiologischen Aufnahme das Gespräch mit mir suchte, aus beruflichen Gründen zunächst, war ein Schlaks Mitte Zwanzig und für meinen Geschmack ein bisschen vorwitzig, ich meine für die frühe Uhrzeit. Ein Clown, der sich da als “Schwester” vorstellte, weil er Krankenschwester gelernt hatte und nicht Krankenbruder. Den Gag hatte er vermutlich schon so oft gebracht, dass er nur noch bedingt auf Lacher wartete, aber ich zeigte mich auch nur bedingt lachbereit. Man sah mir auf eine Meile Entfernung an, wie mir zumute war, und der Pfleger saß kaum eine Rocklänge von mir entfernt. Er hatte die komplette Dröhnung im Blick.

Ich erkundigte mich, ob es vor der Untersuchung etwas zur Beruhigung geben würde.

“Für wen? Für den Oberarzt?” scherzte er.

Ja, lustig.

“Gegen meine Nervosität”, meinte ich. Gegen mein Flattern. Die Panik, das Pulsrasen. Die Todesangst.

Sind Sie so ein Sensibelchen? sagte sein erster schneller Blick, der unmittelbar in der Fortsetzung mündete: Oder ist das ein Junkie? Will der BTM-Pillen abgreifen? Und sein Mund sprach: “Na, das muss der Oberarzt entscheiden. Ein leichtes Beruhigungsmittel bekommen Sie sowieso verabreicht.”

Es folgte erneut ein EKG, erneut wurde Blut abgezapft. Warum schon wieder das ganze fragte ich nicht, war mir auch egal. Und dann stand mir plötzlich und ohne Vorwarnung eine Stunde Zeit zur freien Verfügung, eine Stunde Leerlauf, bis das Labor die Testergebnisse runterschicken würde.

Eine Stunde, die ich im nahen Botanischen Garten verbrachte, unter Staudengewächsen und belehrenden Schildchen. Das rundum verglaste Tropenhaus, das mich schon als Grundschüler fasziniert hatte mit seinen riesigen Zuckerrohren und wilden Orchideen, kam mir winzig vor wie eine Zündholzschachtel. Da passt du doch gar nicht rein, dachte ich ungläubig, mit deinem blöden dicken Herzen, und blieb draußen.

Eine Stunde später. Im kleinen EKG-Vorraum (Vorstationäre Untersuchung) wartete ich darauf, dass es weiterging. Ich wollte den Termin nur noch hinter mich bringen, und dann nichts wie nach Hause. Ein Elvis-Verschnitt alter Schule, (ganz alte Schule), fiel in den Sitz gegenüber, er ging auf Krücken.

“Wenn ich einmal sitze, ist gut.”

Sein Haar trug der Alte gegelt und gezirkelt wie ein junger Stielkamm-Luigi aus Oberhausen-Eisenheim, und er war schwerhörig auf dem einen und beinah taub auf dem anderen Ohr. Er dübelte die Silben eher ins Gespräch, als dass er kommunizierte.

“Meine Frau sagt immer, Ernst, tagsüber sieht und hört man dich nicht, aber nachts schnaufst und ackerst du wie ein alter Traktor.”

Auf dem tauben Ohr hatte er einen gewaltigen Dauerpfeifton, einen Tinnitus, laut wie eine Turbine.

“Das ist das einzige, was ich links noch höre, und das lässt sich das doofe Ohr auch nicht nehmen. Obwohl es taub ist..”

Ohne Übergang erzählte er von dem Unfall im Haushalt, bei dem er sich 1989 schwerste Verletzungen am Rückgrat zugezogen hatte, noch vor der Wende.

“Beim Renovieren bin ich über den eingerollten Perserteppich gestolpert und hab mir das Rückgrat gebrochen. Dass ich heute überhaupt wieder gehen kann, verdanke ich nur einem göttlichen Zufall.”

Nach sechs Monaten im Krankenhaus war er entlassen worden, “praktisch querschnittsgelähmt”, ein hoffnungsloser Fall, austherapiert. Ein befreundeter Taxifahrer kutschierte ihn heim, inklusive einer Kiste Bier und einer Flasche Bourbon. Irgendwann schlief er besoffen und total schief in seinem Spezial-Rollstuhl ein. Seine Frau fand ihn mitten in der Nacht, schon halb auf den Boden gerutscht. “Dabei muss sich zufällig ein eingeklemmter Nerv gelöst haben.” Was all die Krankengymnasten und Bewegungstherapeuten monatelang umsonst versucht hatten, gelang nach einer einzigen Nacht im Suff. “Schon am selben Abend konnte ich den kleinen Zeh bewegen, und nach einem halben Jahr wieder aufrecht gehen, also auf Krücken. Aber wenn du einmal gelähmt warst, sind Krücken der Porsche.”

“Ja, ja, Besoffene und kleine Kinder..”, sagte ich.

Der Alte haute zustimmend mit dem Stock auf eine Stuhlkante, und sein gegeltes Haar schimmerte kraftvoll. Natürlich war nicht ganz klar, ob er die Wahrheit sagte, die Story klang etwas wirr, doch ich glaubte ihm. Dafür bekommt man ein Näschen im Laufe der Zeit, ob einem Scheisse serviert wird. Man nennt es auch Lebenserfahrung. Ich liege andauernd schief.

Ich hab mal ausgerechnet, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Lüge zu enttarnen, mit jedem Lebensjahr um ein Prozent steigt. Wird man also als blauäugiger und naiver 20jähriger Jüngling mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent beschissen und durchschaut selbst offensichtlichste Schauermärchen nicht, so sinkt die Quote dreißig Jahre später auf 50 Prozent. Man wird mit jedem Lebensjahr abgebrühter. Und um zu 100 Prozent wirklich jeden Quatsch herauszufiltern und unter Ulk abheften zu können, muss man 100 Jahre alt werden.

Und ganz am Ende kann man sogar sich selbst glauben.

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“Herr Glumm..?”

Es war soweit. Das Schafott war vorgeglüht, die Herzkathetermessung stand an. Der Pfleger drückte mir ein Info-Blatt in die Hand. Das kenn ich schon, sagte ich. Egal, sagte er. Durchlesen und unterschreiben. Er reichte mir seinen Kugelschreiber. Ich tat so, als würde ich das Blatt noch mal durchkauen, unterschrieb und steckte den Kuli ein.

Eine junge Schwester kam ins Zimmer und bat mich schüchtern, die Hosen runterzulassen. Sie rasierte mir eine Stelle am Handgelenk und eine Stelle an der Leiste, mit einem trockenen Einmalrasierer, der unangenehm schabende Geräusche von sich gab. Wir schauten uns gemeinsam meinen Schwanz an, wie bei einer kurzen Werbeunterbrechung.

Im Wasser sieht dein Pimmel aus wie ne Rolle Zwirn, hatte die Gräfin tags zuvor im Bad gemeint. Du meinst eine große Rolle Zwirn, entgegnete ich, doch darauf wollte sie sich nicht einlassen. Nee, ne Rolle Zwirn. 

Eine noch jüngere Schwesternschülerin führte mich nach nebenan, in einen Raum voll leerer Betten.

“Suchen Sie sich eins aus.”

“Eins aussuchen? Wofür..?”

“Na, für nachher. Sie müssen nach dem Eingriff vier Stunden ruhen, bevor Sie nach Hause dürfen.”

“Vier Stunden? Hä?! Wieso das denn..?”

“Na, weil das hier Usus ist. Falls es zu Komplikationen kommt. Hat Ihnen das niemand gesagt?”

Ich schüttelte vehement den Kopf, war mir aber nicht sicher. War da nicht doch etwas gefallen, in der Richtung? Vier Stunden! Da war ich ja Mittags noch hier! Die Schwesternschülerin brachte ein Hemdchen und legte es aufs Bett. Ich hatte mich für das Krankenbett ganz außen entschieden, im Norden des Zimmers. Norden war immer gut. Norden war nüchtern, Norden war kühl und klar.

Ich hatte keine Ahnung, wo Norden war.

“Bitte auch die Unterhosen ausziehen, und dann das Hemd hier drüber. Ich komm gleich zurück, dann schiebe ich Sie in den OP.”

Sie war so flott zurück, ich war noch damit beschäftigt, das hinten offene Krankenhausleibchen zu verschnüren und meinen Hintern im Spiegel zu betrachten. Ich sah aus wie durch die Babyklappe gerauscht und das Bettchen durchgeschlagen, weil das Baby 85 Kilo wog.

Sie hielt ein Paar weiße Stützstrümpfe bereit.

“Einmal Primaballerina”, scherzte sie.

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Ich war jetzt ein Fall für den Krankentransport. Es ging durch weitgehend verlassene, von Neonlicht ausgeleuchtete unterirdische Flure. Gegenüber der Kardiologie wurde ich auf dem Gang abgestellt. In einer Nische für ruinierte Herzen.

“Gleich gehts weiter. Viel Glück.”

Dann war ich allein. Ich fühlte ein Pochen in der Meridianebene, mein Hintern flatterte. Das letzte Mal, dass mein Hintern geflattert hatte, war vor einer Lesung in Köln gewesen, als plötzlich doppelt so viele Leute im Publikum saßen wie erwartet, mit verstörend hungrigen Augen. Auch auf U1 kam allmählich Betrieb auf. Schwestern auf dem Weg in die Umkleide, Putzfrauen in die erste Pause. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als anpacken und mitarbeiten zu dürfen. Irgendeinen Pisspott schrubben und bohnern, ganz egal. Hauptsache, nicht auf diesen verflixten Herzkathetermessplatz.

Als ich in den OP-Bereich geschoben wurde, kam eine Pflegerin auf mich zu und gab mir die Hand.

“Hey, wir kennen uns doch”, sagte sie. “Erinnern Sie sich?”

“Sie waren dabei, als ich meinen dritten Stent bekam.”

“Den dritten? Na, kann schon sein. Das weiß ich nicht mehr. Aber dass wir Sie hier gut versorgt haben, das weiß ich noch.”

Hellblonder Lockenschopf, kompakt gebaut, Typ Motorbiene, aber mit eigenem Motorrad, nicht bloß hintendrauf. Als sie ihrer Kollegin in die sterile grüne OP-Kleidung half, setzte ich mich im Bett auf und stieß mit dem Kopf gegen einen Scheinwerfer. Bongg! Die Beiden blickten sich erschrocken um.

“Hee – was machen Sie da? Bleiben Sie liegen.. Wir betten Sie gleich um.”

“Ich glaub, ich schaff das heute nicht”, murmelte ich.

“Ach was.. keine Angst, das machen wir schon.”

Ein Mitarbeiter kam hinzu, stellte sich als Assistenzarzt vor.

“Dauert noch ein Viertelstündchen, bis der Chef kommt.”

Die Pflegerin teilte ihm mit, ich hätte Bedenken.

“Welche Bedenken?”

Er musterte mich. Sein Kinn war extrascharf ausrasiert, geradezu gerodet, brandgerodet.

“Ich bin heute nicht gut drauf”, sagte ich.

“Macht nichts, wir sind Profis. Wir machen den ganzen Tag nichts anderes als Herzkatheter legen und Messungen durchführen. Wovor haben Sie Angst? Dass wir etwas falsch machen?”

“Nein.. nein, darum gehts nicht.”

Darum ging es wirklich nicht. Ich suchte verzweifelt nach Worten, aber es war nichts zu machen. Ich war innerlich zu aufgerieben, zu aufgewühlt, um richtige Worte zu finden. Um überhaupt irgendwelche Worte zu finden.

“Wissen Sie eigentlich, welches Glück Sie haben heut morgen..?” Die Motorbiene trat auf mich zu. “In Saal 2 kommen Sie heut morgen in den Genuss nagelneuer Apparate.”

“Nagelneu? Die haben Premiere?”

“Na, Premiere nicht. Aber neu sind die schon, höchstens ein halbes Jahr alt. Haben anderthalb Millionen gekostet.” Sie schraubte stolz ihr Näschen in die Höhe. “Oder möchten Sie rüber in Saal 1, zu den Altertümchen?”

Der andere Messplatz war von meiner Warte aus gut zu sehen, durch eine milchige Glasscheibe. Ein Patient mit ausserordentlich dickem Bauch, von einem Haufen grüner OP-Tücher abgedeckt, thronte auf dem Tisch, drumherum ein Gewimmel von Pflegekräften und Ärzteschaft. Das Bild erinnerte an die Bestattung eines Südsee-Königs in streng zeremoniellem Licht.

Mein Krankenbett wurde neben den OP-Tisch geschoben und hochgepumpt, bis beide die gleiche Höhe erreichten. Dann wurde ich umgebettet. Das Krankenhausleibchen wurde abgenommen, stattdessen bekam ich einen Strahlenschutz, der mir wie eine orientalisch anmutende schwere Windel zwischen den Beinen lag und hinauf bis zum Hals führte. Kontrastmittel und Infusionen wurden vorbereitet, Verkabelungen überprüft, aber noch nicht angelegt, ich bekam einen Stich in die Leistenarterie.

Um mich abzulenken, redete man mir.

“Was machen Sie eigentlich beruflich, Herr Glumm? Was war das noch mal?”

“Ich schreibe.”

“Bitte was?”

“Ich schreibe. Ich bin ein Autor.”

“Sie schreiben..?! Was schreiben Sie?”

“Ich schreibe mein Leben auf.”

“Um Gottes Willen!”

Von dieser Minute an war für den Assistenzarzt die Sache erledigt. Wir waren uns sozusagen plötzlich einig. Er resignierte, vielleicht aus Erfahrung. Künstler sind Spinner, der Kampf lohnt nicht. Ich saß aufrecht auf dem Tisch, den Bleischutz im Schoß, Elektroden auf der Brust, mit knielangen weißen Thrombosestrümpfen und sah aus den Augenwinkeln, wie er in meinem Rücken die Augen verdrehte. Wieder so ein.. Künstler.

Die Motorbiene hingegen gab nicht auf.

“Ich ruf beim Chef oben an, wie lange er noch braucht.”

Sie wies ihre Kollegin an, mir ein Glas Wasser zu bringen. Ich trank es in kleinen Schlücken aus. Aber es war sinnlos. Es ging nicht. Innerlich hatte ich mich schon entschieden. Alles in mir drehte sich um die Angst vor dem Moment, von dem an es nicht mehr rückgängig zu machen war. Wo ich die Sache durchstehen musste, selbst wenn ich dabei verrückt werden würde. The point of no return.

Angenommen, ich hätte mich auf die Katheteruntersuchung eingelassen. Ich wäre schon verkabelt gewesen und der feine Herzkatheter wäre in die Blutbahn eingeführt und bis zum Herzen vorgeschoben worden. Und dann hätte ich mitten in der Aktion eine Panikattacke gekriegt. In Panik bin ich zu allem fähig. Ich ticke dann nicht mehr normal, ich durchschlage auch selbstverständlichste Grenzen. Ich bin fähig, mir sämtliche Kabel und Elektroden vom Leib zu reissen, vom Tisch zu springen und zu flüchten, BLUTSPRITZEND, unter dem entsetzten Geschrei von Oberarzt und Personal: “Sie haben den Katheter noch im Körper!” Natürlich musste das alles nicht passieren – aber es hätte passieren können. Das musste ich verhindern.

“Ich mach das heute nicht”, entschied ich.

Ich muss hier raus. Ich dreh hier durch. Die Welt ist kein Ort für mich.

“Der Herr mag es gerne kompliziert”, hörte ich noch, leise, aber nicht leise genug.

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Ich wäre lieber zu Fuß nach Hause gegangen, doch aus dem Nieseln war strömender Regen geworden. Ich wartete an der überdachten Haltestelle auf die Linie 92. Der Regen stürzte die Straßen runter, und ich beobachtete eine Nacktschnecke, die sich in einer geschützten Ecke über einen weggeschnippten Zigarettenfilter hermachte, dem noch Reste von rotem Lippenstift anhafteten.

Die Nacktschnecke war ein durchgedrehter fetter Außendienstmitarbeiter, der auf dem Weg zum letzten Termin des Tages noch schnell einen Happen zu sich nehmen wollte, auf die Faust sozusagen, doch plötzlich geriet alles außer Kontrolle, mit dieser komplett heruntergerauchten Lord Ultra.

Da kam der Bus.