Eines Tages entdeckte ich eine kleine Warze an meinem Hodensack

… oder wie der Holländer sagt: op mijn klootzak.

Im ersten Moment befürchtete ich, eine Zecke hätte ihr Beißwerkzeug in mein Skrotum gehauen, doch aus Erfahrung wusste ich, dass solch ein Zeckenbiss, egal wo er einen heimsucht, rasch zu jucken beginnt und irgendwie warm wird, doch dieses stippelige Ding juckte nicht, und es wurde auch nicht warm. Es sah aus wie ein Fähnchen, das Buzz Lightyear versehentlich in meine Hautfalte getrieben hatte statt in den Mondsand.

Ich zeigte das unbekannte, nicht mal einen halben Zentimeter große Genitalgewächs der Gräfin, der man eine gewisse Freude am Detail nicht absprechen kann. Sie kam sofort mit der Lupe rüber, so wie es früher auch mein alter polnischer Hautarzt zu tun pflegte.

„Sieht aus wie ein Bienenstich“, sagte sie.

„Blödsinn. Wenn mich da ne Biene gestochen hätte, wäre ich doch in die Luft gegangen.“

„Nein, ich meine dein ganzer Sack sieht aus wie ein Bienenstich vom Konditor, so in der Vergrößerung.“ Sie schnupperte daran. „Riecht aber anders. Ein bisschen nach Hefe, wie früher, als du noch gesoffen hast. Ist wahrscheinlich ne Warze. Musst du besprechen, dann geht das Ding zurück. Oder mit frischem Morgenurin betröpfeln.“

„Wie jetzt…?! Soll ich mir selbst über den Sack pinkeln?“

„Betröpfeln sagte ich, nicht bepinkeln.“ Es war ihr anzusehen, dass ich ihre Phantasie angekurbelt hatte, sie verzog das Gesicht. „Aber das funktioniert nur bei abnehmendem Mond“, schränkte sie ein. „Sonst macht man alles nur noch schlimmer, und am Ende hast du einen ganzen Warzen-Park untenrum.“

„Aha – gut. Und was war das andere noch mal…?“ sagte ich, schon reichlich ernüchtert.

„Besprechen.“

„Genau. Wie bespricht man eine Sackwarze?“

„Am besten, man überlässt es einer alten Heilerin aus dem Donbass, oder man versucht es per Autosuggestion. So ähnlich wie beim Autogenen Training. Du quatschst dir die Warze sozusagen weg. Aber andererseits, wenn ich mir das Ding so anschaue… ist vielleicht doch ein Insektenstich.“

„Und was soll das bitte sehr für ein Insekt sein, das seinen Stachel im Sack zurücklässt?“

„Weiß ich doch nicht. Es werden doch immer exotischere Viecher eingeschleppt..“, sie sah mich an, „aus aller Sackherren Länder. Oder du versuchst es einfach mal mit Waschen.“

Sehr witzig. Und sehr verunsichernd. Nein, es half alles nichts, der Fachmann musste her. Ich sah mich schon bei meinem alten polnischen Hautarzt vorsprechen, das prekäre Weichteil in Gänze auf seinen Schreibtisch wuchtend.

„Herr Doktor, Inspektion!“

Dummerweise war der gute Mann seit 10 Jahren tot. Also wartete ich erstmal ab. Dinge, die sich von ganz allein erledigen, sind die nachhaltigsten. Und tatsächlich. Keine zwei Tage später schrumpfte das Ding zusehends, und war nach weiteren zwei Tagen verschwunden. Ganz ohne Besprechen, ganz ohne goldenen Schauer. Was soll ich sagen. Im Nachhinein erscheint mir das ganze wie ein Spuk. Ein Komplott, ein heimtückischer Anschlag auf die Blutlinie Jesu und meine Hygiene. Oder hatten Kölner Heinzelmännchen einen Zapfhahn in den Hodensack gerammt, um all mein Gold abzupumpen?

„Schicksale sind das“, sagte ich.

 

„Mir juckt der Sack, Frau.“

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Der rote Luftballon

Der Nachteil jedes Höhepunkts: Er läutet unerbittlich das Ende ein.

*

Der Wind jammert in den Bäumen, und der rote Luftballon steckt in der Baumkrone fest, seit Tagen schon. So perfekt sitzt er da, so extra-festlich, als wäre jemand den Stamm hochgeklettert und hätte ihn dort oben befestigt, was aber nicht hinhaut: das dichte Astwerk verhindert ein Hochkommen und Anbinden. Nein, der rote Luftballon ist durch den Coppel-Park getrieben und hat sich oben in der Baumspitze verfangen, fertig, aus.

So einfach ist das.

Das sind in etwa meine Gedanken, als ich stehen bleibe und mir den Hals verrenke, nur ein Gedanke von vielen, die man sich am Tag so macht, und meist ist der Anlass wesentlich nichtiger.

Ich meine, so ein schöner knallroter Zufall… das gibt es nicht alle Tage.

“Ist kein Zufall, ist Zeichen”, meint der knorrige alte Pole mit dem Pepita-Hut, er sitzt auf der Parkbank. Das ist sein Platz. Ich habe ihn nicht gesehen, weil die Bank etwas im Abseits steht. Sein Gesicht ist voller Ecken und Schrunden, er sieht aus wie jemand, der viel gesehen hat im Leben. Und wie er so dasitzt, nach vorn gebeugt, die Hände überm Knauf seines Spazierstocks gekreuzt, kommt er mir vor wie ein Apostel aus alter Zeit.

“Ist Zeichen von Gott.”

Nun bin ich schon immer ein Freund von Zeichen gewesen, ich  bin empfänglich für Gottes kleine Kommentare – doch woher soll der Pole das wissen. Oder sieht man mir die Hingabe schon an? Die Verehrung? Bin ich so schwer schon gezeichnet? Eine traurige, eine tückische Zeit ist das, wo alles schon mal dagewesen ist und unschwer zu erkennen.

„Ja“, sage ich.

Ich nicke dem schmächtigen Alten zu, der im Gegenzug höflich den Pepita-Hut lupft. Dann eile ich weiter. Ich muss den Bus kriegen, ich muss nach Elberfeld, ich habe etwas zu erledigen. Ich habe überhaupt keine Zeit für knallrote Luftballons.

“Ja, scheene Tag noch”, sagt der alte Pole versonnen, und blickt nach oben.

*

Coppel-Park