Ein komischer Sheriff

Als der Dauerregen endlich eine Pause einlegt, setze ich mich auf ein paar Notizen in die Malteser Gründe, dem Stadtpark hinterm Haus der Jugend. Hier haben wir früher ganze Nachmittage mit Fußballspielen verbracht, hier haben wir uns zum Saufen und Potrauchen getroffen, hier haben wir im Gebüsch gebumst mit Geräuschen. Sobald ein Pärchen aus den Sträuchern trat, (ihr tat der Rücken weh von den spitzen Steinchen), wurde es mit frenetischem Applaus empfangen. Lang her. Jahrzehnte. In einer anderen Ära. Einer anderen Welt.

Ein Typ nähert sich, vorsichtig. Etwa mein Alter. Das Haar lugt dünn unterm Baseballcap hervor, rötlicher Schnauzbart. Armee-Klamotten.

„Morgen“, sagt er.

„Morgen“, sag ich.

„Ist trocken?“ fragt er.

„Hier ja“, sag ich.

Unsicher bückt er sich und wischt mit der Hand über die Sitzfläche, bevor er sich auf der Bank niederlässt. Die Turmuhr der evangelischen Stadtkirche schlägt. Zehn Mal.

Wir schweigen.

Schauen durch den Park. Die Wege sind übersät mit Pfützen. Ich frage mich, ob die absolute Menge des Wassers, die auf der Erde zirkuliert, eigentlich immer gleich groß ist. Klar, es verdunsten hier mal ein paar tausend Liter, da regnen mal ein paar Wolken ab, aber so insgesamt.. Meine Vermutung: Irgendwann gab es mal soundsoviel Liter Wasser auf Erden, da hat der Große Statistiker gesagt: Reicht. Ist gut jetzt. Und seither zirkuliert die immer gleiche Menge in Kanälen und Seen und Talsperren, Meeren und Flüssen.

Der Typ räuspert sich.

„Nix los hier heute, wa?“

„Keine Ahnung“, sag ich. „Ich bin nicht mehr oft hier. Früher haben wir hier viel rumgehangen. Ist aber schon lange her.“

Ich zeige auf die andere Seite des Parks.

„Dahinten war ein großes orangefarbenes Zeltdach, unter dem Pop-Gruppen auftreten sollten, ist aber nie was draus geworden, ist nie jemand aufgetreten. Haben immer nur wir Kids aus dem Haus rumgestanden und Karlsquell gesoffen. Die Dose neunundreißig Pfennig.“

Er nickt matt, „das Zeltdach, stimmt..“, und blickt auf das Notizbuch in meinen Händen. „Studium?“

„Ich?! Nee, ich äh.. nein, kein Studium, nur so.“

„Ich dachte nur, wegen den vielen Zahlen.. Hast du vielleicht siebzig Cent übrig, fürn Bierchen?“

Ich schaue ihn an. Normalerweise rücke ich immer einen Euro raus, warum auch nicht, aber irgendetwas wehrt sich in mir. Keine Ahnung, warum. Dabei ist der Typ nicht mal unsympathisch. Er könnte auch im Wilden Westen auf der Bank sitzen, als ausgestorbener Dorf-Sheriff. Sheriff Schmitz.

Was wir in Rio City brauchen, ist eine starke Hand, Ma’am.

„Nee, hab ich nicht“, sag ich. „Die Kohle brauch ich selbst.“

Er zieht ein verknülltes Päckchen Tabak aus der Army-Jacke.

„Ist schon okay. Ich dachte ja nur. Ein Bierchen.“

Er rollt sich eine Kippe mit nikotingelben Reval-Fingern, auch wenn er gar keine Reval raucht. Kein Mensch raucht heutzutage noch Reval. Nur die Finger gibt es noch.

Er blickt wieder auf mein Notizbuch.

„Ich hab auch mal ein Buch geschrieben, vor zehn Jahren“, schnauft er. „Als die Zeiten noch gut waren. War ein Bestseller.“

„Hm? Du hast ein Buch geschrieben..?“ Die Leute entsorgen ihren Müll immer dreister. Das allerdings hab ich noch nicht gehört. „Was denn für eins?“

„Was Frauen an Männern lieben. Vierhundertzwanzig Seiten. Mit Kreuzworträtsel, mit Witzen und allem Pipapo. War alles drin. Aber ich schreib nicht mehr.“

So so. Mit Rätsel. Mit Witzen.

„Und wo hast du das.. Buch veröffentlicht?“

„Bei Bertelsmann. Das Manuskript hab ich zuhause noch irgendwo rumfliegen. Ist sofort angenommen worden damals. Vierhundertzwanzig Seiten. War ein Bestseller. Ein Millionenknaller.“

Seine prompten Antworten überraschen.

„Und jetzt schreibst du nicht mehr?“

Er steckt sich die Handgerollte an.

„Nee. Jetzt schreib ich nicht mehr.“

„Warum nicht? Wenn das erste Buch doch so riesig gelaufen ist..“

Ich gerate immer öfter in Situationen, wo ich denke, ist das hier einer dieser verunsicherten deutschen Spielfilme, wo man das Gefühl nicht los wird, Regisseur und Schauspieler wären in penetrant schwierige Verhältnisse hinein geboren worden? Und jetzt muss das arme deutsche Publikum dafür büßen.

„Ja, ich weiß auch nicht. Ich hab.. den Faden verloren.. mit dem Schreiben. Ich kann keine Witze mehr. Zuviel Tod.. um  mich herum. Erst ist meine jüngste Tochter gestorben. Blutkrebs. Mit sieben. Da machst du nichts. Dann meine Schwester. Mein jüngster Bruder. Und zuletzt meine Frau. Und demnächst stirbt wieder jemand, den ich liebe. Mein schwarzer Anzug hängt an der Garderobe, immer griffbereit. Den kann ich eigentlich direkt an lassen.“

Bei Trinkern ist oft nicht auszumachen, ob es Tränen sind, die sich früh am Tag in den Augen sammeln, oder ist es der noch nicht befriedigte Suff am Morgen.

Der Sehnsuff.

„Guck mal dahinten.., die beiden kenn ich“, sagt er, und sein Gesicht belebt sich. Zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes schreiten den Park ab, als schwarz gekleidete Majestäten. Eine trägt Zopf. Wie im Karneval.

„Da hab ich mal gearbeitet, beim Ordnungsamt, aber die Stadt hat mir gekündigt, aus..“, er lässt ein Lächeln erkennen, „..aus disziplinarischen Gründen. Ich hab nicht genug Leute angeschwärzt, du weißt schon. Ich hab ne soziale Ader. Wenn ich die Penner gesehen hab, hier im Park, hab ich sie nicht vertrieben, ich hab mich dazu gesetzt, ein Bierchen mitgetrunken, du weißt schon..“

Ja, weiß ich.

„Die Penner waren ja auch okay“, fährt er fort, „mit denen bin ich gut ausgekommen, aber die ganzen Ausländer.. Weisst du, wieviel Einwohner Solingen hat?“

„Hundertsechzigtausend.“

„Genau. Und was glaubst du, wie viele davon Ausländer sind?“

„Vielleicht.. zwanzigtausend“, schätze ich. „Keine Ahnung.“

„Keine Ahnung, siehst du! Zwanzigtausend? Ha! Früher mal vielleicht, heute sind das locker..“, er verfolgt seine ehemaligen Kollegen vom Stadtdienst Ordnung mit wässrigem Blick, „.. sind das locker dreißig.. ach was, vierzigtausend. Das Doppelte! All die Flüchtlinge. All die Illegalen. Wenn du die alle zusammenrechnest, kommst du locker auf.. hunderttausend..! Guck nicht! Musst du dir mal vorstellen! Nur in Solingen! Hunderttausend.. alles Ausländer!“

Der ganze Schrott, der so jäh aus ihm herausbricht, addiert sich zu einer Art metallenem Parfüm: Er stinkt wie ein Altmetallhändler. Altmetall Schmitz. Dabei war er doch gerade ein Mensch gewesen, hat vom Tod und von der Liebe gesprochen. Zur Menschenkenntnis gehört auch, dass man sich niemals sicher sein kann. Dass man dauernd daneben liegt. Als er merkt, dass ich angestrengt durch den Mund atme, rümpft er selbst die Nase und wechselt das Thema.

Eher nebenbei erwähnt er, dass er bis vor kurzem vier Jahre in der Kiste gesessen habe. „Am Simonshöfchen.“

„In Wuppertal“, sag ich.

Er nickt.

„War ein harter Klub.“

Als ich ihn nach dem Grund frage, „ich mein, vier Jahre sind kein Pappenstiel“, wird er einsilbig. Ich muss schon zweimal nachfassen. Die Szene anschieben.

„Was war los, wieso vier Jahre..?“

„Wegen.. versuchten Totschlag.“

„Mh. Und wen hast du totschlagen wollen?“

Er starrt in den Himmel.

„Siehst du das Loch da oben?“ fragt er.

„Welches Loch?“

„Da oben in den Wolken. Wo die Sonne durchguckt. Von dem Loch möchte ich so aufgesaugt werden. Die sollen mich endlich hoch holen..“

Ich greife nach meinem Notizbuch. Es wird Zeit. Hinterher hab ich wieder alles vergessen. Ist alles weg. Dann sitz ich zu Hause und denke, da war doch was. Irgendein ein kack Kurzfilm.

„Ich war damals in der Hooligan-Szene..“, beginnt er.

Pause.

„Welche Hools?“ frag ich, ganz Reporter plötzlich. „Welcher Club?“

„Na, die Union!“ antwortet er beinah empört.

Ich muss grinsen. „Eisern Union. Klar.“

Union Solingen hat einen harten Hooligan-Kern und kooperiert gern mit den Fortuna-Ultras aus Düsseldorf.

„Wir waren damals in St. Pauli, beim Auswärtskampf.“

Pause.

„Und?“

„Was und?“

„Was ist passiert? Wieso vier Jahre?“

„Na, was soll schon passiert sein. Der Typ aus St. Pauli war schon am Boden und ich hab immer weiter geboxt. Ich hab die Sau fast totgemacht.. Scheiße.“

Die schwarzen Majestäten vom Ordnungsamt erreichen unsere Parkbank. Sie sind im Gespräch, würdigen uns keines Blickes. Der Sheriff ist bleich geworden. Ich steck ihm einen Euro zu. Ich hab, was ich wollte. So halbwegs. Neues Futter fürs Notizbuch, und mehr krieg ich eh nicht aus ihm raus. Er braucht ein Bier. Einen Schnaps. Ich verabschiede mich.

„Wie heißt du überhaupt?“

„Maik.“

Wir geben uns die Hand.

Keine halbe Stunde später. Nachdem ich in der Stadt ein paar Besorgungen gemacht hab, nehme ich auf dem Heimweg die Abkürzung über den Friedhof, und wen seh ich da vor einem Grab? Nahe der Kapelle? Maik. Ganz still steht er da, den Blick zu Boden – beinah, als bete er. Er sieht mich dennoch vorübergehen, aus den Augenwinkeln.

„Tja, so ist das..“, sagt er mit zittriger Stimme, ohne den Kopf zu heben.

„Ein Kumpel von dir?“ grinse ich blöd.

„Nee. Meine Frau.“

Als ich am Friedhofsausgang kurz stehen bleibe und mich umdrehe, sehe ich ihn die akkurat gestutzte Hecke streicheln, die das Grab einfasst.

Babylon & ein doppelter Rittberger

Ende Juni ’86.

In Mexiko-Stadt steigt das Finale um die Fußball-WM und das Schreiner-Kollektiv feiert die obligatorische Sommerparty. Schon am frühen Nachmittag füllt sich der Innenhof mit Mädels in engen violetten Jacken und Maybelline New York-Netzstrümpfen, während die Jungs, eher schlicht in Blue Jeans und T-Shirt, ihre ersten Drinks kippen und auf Neuankömmlinge warten. Die begrüßt man mit knappem Kopfnicken, wenn man die Leute kennt, oder man ignoriert sie und schaut schnell woanders hin, wenn man sie nicht kennt oder nicht kennen will, man muss ja nicht jeden kennen wollen, wirklich nicht.

Ich steh mit meinem Bier im Schatten und halte Ausschau nach Benzini. Der muss irgendwo auf Krücken unterwegs sein, er trägt sein Bein in Gips. Oben in der Werkstatt stimmen Soon Come ihre Instrumente, eine lokale Reggae-Sensation mit einem jungen Drummer, der dafür bekannt ist, den Beat staubtrocken zu klopfen und dabei so wild und attraktiv sein volles langes Haar zu schütteln, als trommele er in der Muppet Show: Statler & Waldorf in blutjungen Jahren.

„He, hast du Benzini gesehen?“ frag ich den Bruder vom dicken Hansen.

„Benzini..? Mh, klar, der ist eben mit der kleinen Blonden abgehauen..“

„Welcher kleinen Blonden?“

„Na ja, der Junkiebraut.. wie heißt die noch?“

Der Bruder vom dicken Hansen fährt sich durchs Haar.

„Winnie?“ frag ich.

„Genau. Winnie. Die beiden sind zusammen weg.“

„Wohin?“

„Woher soll ich das wissen. Hinten in den Wald, glaub ich. Ficken.“

Ich zapf mir ein Bier und laufe über den sonnengefluteten Hof, schon leicht einen in der Krone. Es ist gerade mal drei Uhr. Wie zum Teufel soll ich bis zum Endspiel durchhalten? Ich muß Benzini finden, der hat garantiert Koks auf der Tasche. Marschierpulver. Und wenn er sich mit Winnie verdünnisiert hat, ziehen die beiden sich gerade garantiert was weg. Von wegen Ficken. So ein Blödsinn. Winnie steht nicht auf Sex. Sie kann überhaupt nicht verstehen, was die Typen immer für einen Wind darum machen.

„Ihr Kerle wollt doch sowieso nur abrotzen und dann pennt ihr ein. Was soll der ganze Zirkus, den ihr da veranstaltet. Nee, ohne mich, Jungs.“

Weit können sie nicht sein, mit Benzini auf Krücken. Ich hol mir noch ein Bier und mach mich auf die Suche. Gleich hinter der Schreinerwerkstatt führt eine lehmiger Pfad ins Grüne. Ich balanciere der Traktorspur entlang, bis ich nach fünfzig Metern ein eingezäuntes Gelände erreiche.

Baustelle. Eltern haften.

Benzinis krächzende Stimme ist von weitem zu hören.

„Keiner fickt Conni so gut wie ich! Keiner..!“

Ich zwänge mich durch ein enges Loch im Drahtzaun, gerade mal groß genug für mich. Meine Jacke kriegt was ab, ratscht an der Schulter auf.

„War ja klar!“ schimpfe ich. Mein Lieblingslumpen..

Benzini und Winnie lümmeln auf verschlissenen Campingstühlen und rauchen einen Joint.

„Die dumme Sau!“ schnarrt Benzini, das Gipsbein auf den wackligen Tisch abgelegt: ein haariges Männerballett. Er nimmt einen Schluck aus der Wodkaflasche.

Auf ausgelegter Teerpappe, die wie ein Steg einen Teil der morastigen Baustelle überbrückt, stakse ich auf die beiden zu.

„Ach nee, guck an – der Glumm! Will der alte Lump wieder einen kiffen!“ grinst Benzini übers ganze Zigeunergesicht.

„Na, hallo“, meint Winnie freundlich.

„Hallo“, sag ich, und an Benzini gewandt: „Falls du Connie suchst, die ist weg.“

„Wie die ist weg?“

„Die hat sich eben mit dem glatzköpfigen Fotograf dadurch getan.“

Benzini spuckt den Fusel aus. „Die dumme Sau!!“

„Schönen Schnäuzer hast du dir wachsen lassen“, lächelt Winnie. Sie hantiert an ihrem Gürtel, löst ihn aus dem Hosenbund. „Steht dir gut.“

„Ja?“

„Ja.“

„Scheiß Weiber!“ flucht Benzini.

„Mach dir nix draus“, meint Winnie, „vielleicht fickt der Fotograf sie nicht so gut wie du, dann hast du Glück gehabt. Dann holst du sie dir einfach wieder. Ist doch kein Akt für einen Benzini, so ein Fotograf, pff.. Was ist los.“

Der Wind trägt den Reggae-Sound aus der Schreinerwerkstatt herüber. Es klingt weiterhin nach Soundcheck, doch Soon Come werden schon gefeiert, bevor sie überhaupt loslegen. Die Leute klopfen Beifall auf Hobelbänken, die mit weissen Leinentüchern abgedeckt sind.

„Gleich fliegt die Mähne wieder“, sag ich.

„Was? Wer fliegt?“ Benzini glotzt mich an, als würde er gleich losspucken. Er ist mächtig geladen und aschfahl. Sein Gesicht eine slawische Gangsterballade.

„Dem Drummer seine Matte.“

„Was ist damit??“

„DIE FLIEGT!“

Winnie ist die älteste Junkiebraut, die ich kenne. Sie nimmt ihren dünnen roten Ledergürtel und legt ihn um den Oberarm, zieht eine Schlaufe fest. Erst jetzt bemerke ich die bereits aufgezogene Pumpe auf dem Tisch, fertig zum Fixen. Daneben liegt, von der Handtasche verdeckt, ein angekohlter Löffel und ein Sturmfeuerzeug.

Benzini glotzt uns an, aus glasigen Augen. „Keiner fickt Conni so gut wie ich.“

„Schön für dich“, meint Winnie unterkühlt. „Kannst du mir einen Schuss setzen? Bitte..“

„Hau bloß ab. Will ich nix mehr mit zu tun haben. Damit bin ich durch, Kinder.“

Mich fragt sie erst gar nicht.

„Kein Koks da Benzini?“ frag ich.

„Hau ab. Alles weg. Hier, zieh an der Tüte.“

Er reicht den Stummel rüber. Winnie ist auf der Suche nach einer brauchbaren Vene. Einer, die es noch tut. Ihre Armbeuge ist voll blauer Flecke und verhornter Haut.

Sieht nach Unfall aus, denke ich. Ein Unfall nach dem anderen. Eine Unfallserie.

„Dann zieh wenigstens einer den Gürtel stramm, Benzini.., bitte.“

Er greift widerwillig nach der Schlaufe, zieht sie stramm. Bei einem gesunden Menschen würden sich jetzt in der Armbeuge lange blaue Kanäle anbieten, nicht so bei Winnie. Und doch findet sie überraschend flott eine Vene.

„Das gibt’s doch nicht..“, murmelt sie, „tatsächlich“, und setzt die Nadel an. „Straffer!“ Der Schuss gelingt auf Anhieb. Gleichmäßig füllt sie ihren Blutkreislauf mit der braunen Pampe. Sie legt routiniert die Spritze ab, öffnet ihren Gürtel. „Normalerweise muss ich.. den Arm schon mit heißen Lappen bearbeiten, damit sich überhaupt mal was brauch..bares auftut..“ Sie drückt seufzend einen Finger auf die Einstichstelle, und ihr Unterkiefer kackt ab, in Zeitlupe.

Benzini packt mit beiden Händen nach seinem Gipsbein und hebt es vom Tisch runter. Er schnappt sich die Krücke, die am Tisch lehnt, und richtet sich mühsam an ihr auf, bis er im Lehm zum Stehen kommt. Er steckt die halbvolle Wodkaflasche in die Jackentasche und humpelt über die Baustelle davon, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Wenn’s drauf ankommt, Schnauze halten, denk ich, ruf ihm aber „He, wohin?“ hinterher, der Ordnung halber.

„Connie suchen! Dann ficken! Den G-Punkt unterfüttern!“

„Die ist weg“, ruf ich zurück. „Glaub es mir.“

Er verschwindet hinter dem Rohbau. Winnie genießt ihren Heroinkick. Ihr Kopf wippt hin und her, wie ein bräsiges Pendel. Ich lasse mich neben ihr auf dem Campingstühlchen nieder, das Benzini freigegeben hat. Obwohl der Rohbau schon zwei Stockwerke hoch gezogen ist, wirkt die ganze Baustelle, als wäre dem Bauherren die Puste ausgegangen. Ein Pleitegelände. Überall zerbrochene Ziegelsteine und aufgerissene Säcke, aus denen Glaswolle quillt, ein Zementmischer liegt verbeult auf der Nase. Ein rostiger Pflug erinnert an den Wilden Westen.

Winnie ist eingepennt.

Auf dem Nachbargrundstück seh ich zwei Jungs in einem Kirschbaum herumturnen, sie feixen.

„Ich bin Pathologe!“ ruft der eine.

Ich geh zu ihnen rüber, bis zum Zaun. „Werf mal ein paar Kirschen rüber, Pathologe!“ ruf ich.

„Was..?“

„Kirschen. Schick mal ein paar rüber.“

„Wie viele?“

„Weiß nicht.. vielleicht sechs. Sechs Kirschen für zwei Leute! Hast du sechs Kirschen da?“

Mein forsch-angekifftes Auftreten verunsichert die Jungs, aber nur kurze Zeit. Beide tragen ein grün-weißes Fußballtrikot.

„Spielt ihr bei Britannia?“

Sie nicken.

„D-Jugend?“

„Ja..“

„D-1?“

„Klar, was sollen wir denn in der D-2?! Bist du Hellseher?“

Nachdem sie Vertrauen gewonnen haben, pflücken sie Kirschen und werfen sie in meine Richtung. Ich sammle sie auf und kehre zu Winnie zurück. Die hat überhaupt nicht bemerkt, dass ich eine Weile fort gewesen bin.

„Heute ist mein Glückstag. Ich mein, direkt ne Vene aufgetan..“, leiert sie in meine Richtung, mit geschlossenen Augen.

Eigentlich wollte ich gar nicht so früh auf der Schreiner-Fete sein. Vormittags hab ich Harry beim Umzug geholfen, und nachdem wir die letzten Kartons geschleppt haben, sind wir auf einen Sprung zur Werkstatt, weil sie auf dem Weg lag. Nur mal eben abchecken, ob schon was los ist. Es lief bereits das erste Fassbier, da sind wir direkt dageblieben.

Als Winnie aufwacht, öffnet sie ihre Handtasche und verstreut Schminkutensilien überm Tisch. Ein Döschen mit braunem Puder, Kajalstift für die Augenbrauen. Sie hat allerhand zu tun mit einem Mal. Will sich aufpeppen für die Sommerparty. Mit einer kleinen schwarzen Bürste trägt sie Wimperntusche auf, zieht Lidschatten nach, vor ihrem Handspiegel. Der hat in der Mitte zwei lange Risse, die ihr Ebenbild brechen, und Baustaub auf der Oberfläche.

„Hast du nicht letztens erzählt, du müsstest in Therapie?“

„Ja ja..“ Sie zuckt mit der Schulter. „Muss schon.. aber solange die Bullen stillhalten und nichts von sich hören lassen, bleib ich draussen und baller weiter.“

Ich frage Winnie , ob Schore ihr eigentlich noch was bringt, nach all den Jahren. Ich kenne sie gar nicht clean. Eigentlich mag ich sie ganz gern, sie hat etwas Keckes an sich. Und sie redet nicht so viel Schmarrn wie andere Junkies. Heroin gibt einem das Gefühl, wichtige Dinge zu erleben, und das will man unbedingt weitergeben, dieses Wohlgefühl, diese Ausgeglichenheit, doch dann trieft nur Müll aus den Leuten heraus, belanglose Sprechblasen, das hab ich bei Winnie nie gehört.

„Schore macht rundum zufrieden, auf Schore kann mir keiner was. Da könnte Adonis in der Tür stehen.. wär mir auch egal. Ich würde ihn höchstens um ein bisschen Heroin anhauen. Für gute Schore lass ich alles stehen.“ Mühsam pudert sie die Wangen. Dabei trifft sie nicht immer ihr Gesicht. Ab und zu kriegt auch die Luft was Puder ab. „Ich glaub.. ich hab zu viel Gefühle.. die passen gar nicht alle in einen Menschen.. rein. Aber wenn ich clean bin, platze ich. Dann bin ich nur eine kleine Frau.. mit zu vielen Gefühlen. Verstehst du?“

Winnie ist eine drahtige und eigentlich hübsche Person, sie entwickelt ungeahnte Energien, wenn sie mal nicht breit ist. Sie bemüht sich um deutliche Aussprache, doch die Worte hängen ihr von den Lippen wie schwere nasse Wäschestücke. Am Montag geht sie in Therapie. Es ist ihre vierte. Diesmal in Espandrillos, meint sie.

„Alkohol ist noch beschissener als Heroin, glaub mir, da verliere ich so was von den Plan. Letzte Woche bin ich in Wermelskirchen in ner Pinte versackt, weiß der Kuckuck, wie ich da gelandet bin. Jedenfalls labern mich drei Typen an, ob ich Lust zu kiffen hätte. Klar, sag ich. Logo, klar doch. Wir also nach draußen zum Auto. Auf dem Parkplatz fällt der erste über mich her. Die beiden anderen stehen drumherum und glotzen. Haben sich wohl gedacht, die Alte ist so knülle, können wir eben mal drüberrutschen, alle drei. Ja, Jungs. Aber nicht mit mir.“

Sie gluckst.

„Ich hatte Stöckelschuhe an und trete um mich wie eine Furie. Erwisch den Ersten im Gesicht. Voll auf die Nase, voll auf den Höcker. Blut spritzt aus seiner Nase, ne richtige Fontäne schießt da raus. Hättest du die beiden anderen Feiglinge mal sehen sollen, wie schnell die sich dadurch getan haben. Die werden das so schnell nicht mehr versuchen, nicht bei ner Frau wie mir, glaub mir das.“

„Hey, du Hellseher! Was ist mit Kirschen? Wollt ihr noch mehr?“

Die Jungs stehen am Rand der Baustelle. Ich frag mich, wie lange die beiden uns schon zuhören. Winnie dreht sich um.

„Wo kommen denn die Kurzen her, Alter..?“

„Vom Kirschen pflücken“, sag ich und halt Winnie eine Kirsche hin, doch sie will nicht.

„Bloß nicht. Davon muss ich kotzen. Alles, was so Säure hat.“

Binnen Sekunden sind die Burschen wieder im Obstbaum verschwunden und Winnie legt brombeerroten Lippenstift auf, der in einem langen Strich nach unten hin verrutscht. Wie ein Komma, das in der falschen Zeile landet.

„Ausserdem.. du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass du nichts mit Schore machst“, knüpft sie an dem Gesprächspunkt an, den wir schon hinter uns gelassen haben.

„Klar hab ich mir ein paar Nasen gezogen, ist ja auch ein geiles Gefühl, aber am nächsten Tag bleibt diese scheiß Leere in einem zurück, mit der ich nicht klar komme. Und es wird jedes Mal schlimmer, mit jedem Pack.“

Sie nickt wissend. „Was ist mit Drücken?“

„Nee, ich hab mir noch nie einen Druck gemacht.“

„Ist auch besser so. Ich wollte es auch nie anfangen, das Ballern, aber wenn du mit tausend Leuten auf der Bude hockst und alles macht sich einen Druck und schmiert schön ab, während du ne lumpige Nase drin hast und musst zwanzig Minuten warten, bis die Wirkung einsetzt, dann hast du schnell die Faxen dicke, glaub mir das.“

„He, ihr scheiß Fixer!“

Benzini ist zurück und humpelt auf den Tisch zu. Plötzlich bleibt er stehen. Bückt sich umständlich nach einem Wackerstein und schmettert ihn auf einen umgestürzt im Matsch liegenden Zementmischer.

Donnggggg! macht es – ein dumpfer Gottesdienst.

„Los! Wir spielen Startbahn West! Oder besser: Wackersdorf!!!“

Er hebt einen zweiten Wackerstein auf und wirft ihn mit aller Gewalt gegen den Bauzaun, dass es nur so pfeift. Die Jungs springen vom Baum, türmen den Abhang runter, sogar Winnie wird munter und lacht.

„ALLE MANN AUF DIE COPS!“ krächzt Benzini. „WIR SIND BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER!!“

Er reicht mir den Wodka rüber. Ich nehm einen Schluck. Endlich geht die Party los.

„Babylon und ein doppelter Rittberger? Wo hast du das denn her?“

„Pfft. Keine Ahnung. Aus meinem Traum heut Nacht. Ich bin wach geworden und hatte den Satz im Kopf.“

Ich nehm eine Hand voll Lehm, backe alles zu einem Klumpen zusammen und laufe „BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER!“ skandierend auf den Rohbau zu – klatsche den Schmand gegen das Betreten Verboten-Schild.

„RÄUMEN SIE UMGEHEND DAS GELÄNDE!“ imitiert Benzini das Polizei-Megaphon.

„Scheiße. Seid ihr fertig“, murmelt Winnie .