Manchmal machte er mich wahnsinnig

Später Nachmittag im Altenheim. Ich wollte gerade an Vaters Tür klopfen, da sah ich, dass sie einen Spalt offen war und drückte sie langsam auf. Ich hörte Geräusche. Es war fast dunkel im Zimmer. Schemenhaft erkannte ich Vater, er saß am Tisch, vornüber gebeugt, und wühlte in einer Schublade. Er konnte unmöglich etwas erkennen. Er hatte nicht mal eine Brille auf.

“Hal-lo!” rief ich.

“Was??!”

“Ich bins! Hallo!”

“HALLO!? WER IST DENN DA!?”

“ICH!”

“WER?!”

“ICH BINS! DEIN SOHN!!”

“Ach sooo..!”

Das erste, was ich tat, wenn ich Vater im Altenheim besuchte: die Nase ins Zimmer strecken und schnuppern, ob die Luft rein war. Es war ein richtig kleines Trauma geworden, seit ich zwei Mal kurz hintereinander Zeuge geworden war, wie Vater den Urin nicht halten konnte und auf den Laminat-Fußboden pullerte, lustig wie ein Zimmerspringbrunnen. Das Gefühl für natürliche Blasenentleerung war verloren gegangen, seitdem er eine Weile einen Katheterschlauch getragen hatte. Wenn er pinkeln musste, musste er pinkeln, sofort, ohne Aufschub. Der Schlagbaum ging hoch, beim kleinsten Antippen.

Bei allem medizinischen Verständnis – schön war das nicht. Nicht so sehr der Anblick, der war okay, fast sportlich, jedenfalls menschlich, aber dieser beissend-aufdringliche Gestank von Urin. Als bestünde das Alter nur aus defekten Blasen, maroden Leitungen, kaputten Teilen. Doch heute roch es gut. Keine Gefahr. Alles im trockenen Bereich. Vater sah eher aus wie jemand, der Schubladen in totaler Dunkelheit untersuchte.

“Warum kommst du so spät? Warum machst du das?” Er klang verärgert. Sein Mund war verklebt mit Gebäckkrümeln.

“Ich konnte nicht früher”, sagte ich und machte Licht. Alles, was die Schalter hergaben, überall, wo On drauf stand, wurde aktiviert – sehr viel heller wurde es aber nicht. Eigentlich sprang nur die Deckenbeleuchtung an. Alle anderen Lampen schienen nicht zu funktionieren.

“Sind alle kaputt!” rief Vater und schloss die Schublade, indem er sie wütend zuwarf.

“Sag mal, Papa.. was hast du eigentlich gesucht?”

“WAS?”

“WAS DU DA EIGENTLICH GESUCHT HAST.”

“WO?”

“IN DER SCHUBLADE!”

“IN DER..?” Er blickte mich verständnislos an, und wir beliessen es dabei.

Er trug seine speckige königsblaue Lieblings-Trainingshose, dazu seine Lieblings-Weste und ein leicht bekleckertes rotes Holzfällerhemd, abgewetzte Schlappen. Der Kleiderschrank war gut bestückt, doch er begnügte sich mit einigen wenigen Sachen, die er ständig variierte. Da war er nicht anders als ich. Auf dem Tisch lagen die Schalen von geknackten Walnüssen und die übliche Lakritze.

“Sind die Lampen kaputt?” fragte Vater.

“Ja. Was ist passiert? Was hast du gemacht?”

Er zeigte in die Ecke. Eine auf alt getrimmte Messingleuchte. “Die.. ist mir runtergefallen. Da hab ich dran gestoßen – und wummz, war sie weg.”

Ich schraubte die 60 Watt-Birne heraus und machte den Schnelltest, um zu prüfen, ob sie noch intakt war.

“Okay, muss ich nur eine neue Birne mitbringen.”

Doch auch die große Stehlampe, die eine gemütliche Stimmung verbreitete, mit Fransenschirm und Zipperschaltung, tat es nicht. Ebensowenig wie eine weitere Tischlampe auf der Nachtkonsole neben seinem Bett.

Kein Licht, kein Ton, ich komme schon“, alberte ich.

“Was?”

“Kein Licht, kein Ton, ich komme schon..

“KEIN LICHT..? KEIN WAS?!”

“Schon gut, Papa. Nicht so wichtig.”

“Wie – ist nicht wichtig? Was meinst du, nicht wichtig?”

“Ich hab nur einen müden Scherz gemacht, Papa, es war nicht wichtig. War nicht mal witzig.”

“Nein? Nicht wichtig?”

“Ja. Nicht witzig.”

“Was..?”

“Schon gut!”

Ich hatte keine Lust, schon am Anfang mein Pulver zu verschiessen, jeder Besuch im Altenheim kostete Kraft und Energie. Doch etwas blieb mir ein Rätsel. Ich verstand es nicht.

“Wieso sind alle Lampen kaputt..? Ich mein, die kannst du doch unmöglich alle runtergeschmissen haben, oder?”

“Warum nicht?”

“Hm, na gut. Hast du die alle runtergeschmissen?”

“Wieso?”

“Na, weil die alle kaputt sind!”

“Ach, hier ist.. nein. Hier kann man keinem vertrauen, hier wirst du nur verarscht. Die Leute machen alles kaputt.”

Gut. Doch welche Leute sollten das sein, die alles kaputt machten? Wer stürmte in seiner Abwesenheit das Zimmer, zerstörte Lampen und zog wieder ab, wie ein Rollkommando? Und das alles, nur um meinen alten Vater zu triezen?

“Wieso grinst du?”

“Nur so”, sagte ich.

Seit Vater dement war und die Demenz immer heftigere Schübe feierte, musste ich vorsichtig sein mit irgendwelchem Grinsen. Ironische kleine Schlenker am Mundwinkel zum Beispiel konnte er gar nicht ab, es sei denn, es gab einen konkreten Anlass. Dann schon. Ansonsten konnte man ihm damit nicht kommen. Entweder es gab einen handfesten Grund, dann war jedes Lächeln willkommen, oder eben nicht. Dann hielt man aber auch besser die Lippen beisammen und machte keine süffisanten Faxen, die unangebracht waren.

Die Luft im Zimmer war so muffig und verbraucht, am liebsten hätte ich das Fenster aufgerissen, aber dann hätte Vater gefroren. Und wenn es irgendetwas gab auf dieser Welt, was er hasste, dann Kälte. Besser gesagt: keine Wärme. Er hatte es gern kommod. Wir hockten am Tisch und schauten runter auf die vielbefahrene regennasse Straße. Der Lärm der Motoren korrespondierte mit seinem Blick, der anders geworden war von den vielen Medikamenten, die er täglich schluckte. Hart war der Blick geworden, hart und zugleich müde, geschafft. Die Augen hatten dünne rote Ränder, wie mit dem Blutstift gezogen. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, und er schlief kurz ein. Sobald er aufwachte, fror er.

“Mir ist kalt”, jammerte er.

Ich nahm ihn in die Arme, rieb seinen Rücken. Wir zogen ihm eine zusätzliche bayrische Trachtenjacke über, aus irgendwelchen Gründen mochte er diese Art Jacken, er sah richtig alpin darin aus. Hochalpin. Ein Zausel.

“So ist besser”, sagte er.

Er traute mir nicht. Er erkundigte sich mehrfach, ob ich gegen seinen Willen die Heizung runtergedreht hätte. “Das würde ich mir nicht erlauben”, entgegnete ich wahrheitsgemäß. Er erzählte nicht zum ersten Mal, dass er schon als kleiner Junge ständig gefroren habe.

“Mir war immer kalt.”

“Ja, weiß ich doch.”

Um seinen Kindern diese Erfahrung zu ersparen, bekam jeder von uns seinen eigenen Heizkörper ans Bett installiert. Wahrscheinlich hatten meine Geschwister und ich weltweit die muckeligsten Träume, weil Vater in seiner eigenen Kindheit so sehr gebittert und geschnattert hatte.

“Aber wie hast du das später im Berufsleben gemacht?” fragte ich, um ein Gespräch in Gang zu bringen.

“Wie meinst du?”

“Na ja, als Klempner musstest du doch in kalten Kellern arbeiten.. Schlitze stemmen und so.”

(Schlitze stemmen faszinierte mich seit dem Tag, als ich den Begriff das erste Mal aufschnappte. Sobald ich Schlitze stemmen im Beisein meines Vaters anbringen konnte, brachte ich es an.)

Er strahlte.

“Aber deswegen hab ich doch so früh die Meisterprüfung abgelegt und mich selbständig gemacht.”

“Damit du nicht in kalten Kellern buckeln musstst?”

“Richtig! Genau das war meine Überlegung. Solche Arbeiten konnte ich delegieren. Ich musste nicht frieren.”

Dass er zwischendurch zu solch klarer Ansage fähig war, überraschte mich nicht mehr. Jede Demenz hat gute Tage, und an guten Tagen schimmerte Vaters alter Charme durch, als wäre er nie weg gewesen.

Zwei, drei Jahre vor seinem Tod, als er noch gut zu Fuß war, gingen wir manchmal zusammen Einkaufen. Sobald wir uns in der Öffentlichkeit bewegten, wurde Vater von unzähligen Leuten gegrüßt. Manche blieben auf ein Schwätzchen stehen. Es faszinierte mich, wie wohlgelitten er war. Besonders ehemalige Lehrlinge und Gesellen schätzten ihn für seine Menschlichkeit. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, den Chef raushängen zu lassen, seine Stellung als Meister zu mißbrauchen.

Einmal warteten mein Vater und ich aufs Taxi, er hatte einen Arzttermin. Plötzlich rief jemand seinen Namen.

“Herr Glumm..! Herr Glumm!”

Das Haus gegenüber wurde saniert, und da winkte jemand vom Gerüst herunter und setzte sich sofort in Bewegung. Er hatte etwas auf dem Herzen. Es war dringend.

“Moment! Herr Glumm! Warten Sie!”

“Wer ist das?” flüsterte Vater.

“Keine Ahnung”, sagte ich. “Jemand will was von dir.”

“Wieso von mir? Du bist auch Herr Glumm.”

“Ja schon.. aber.. Jede Wette, du bist gemeint.”

Ein Handwerker im Blaumann wieselte gekonnt das Gerüst runter, vom dritten Stock in den zweiten in den ersten bis runter ins Erdgeschoß, während Vater die Augen zusammenkniff, um die Person erkennen zu können.

“Hm, wer ist das denn?” flüsterte er.

“Hallo Herr Glumm..!”

“Ach.. du bist es! Domenico”, atmete Vater auf, “hallo. Ich habs eilig.”

“Nein. Ich bin Franco! Der Bruder!” lachte der Italiener temperamentvoll und schlug seine Hand in die meines Vaters. “Domenico hat Urlaub.. Herr Glumm! Dass ich Sie noch mal sehe!” Er leuchtete übers ganze Gesicht. “Ich will Sie auch gar nicht lange belästigen, aber ich wollte meinem ehemaligen Lieblings-Chef schnell mal guten Tag sagen! Sie waren der beste!” Und zupp – war er wieder weg. Franco, Bruder von Domenico. Der war im Urlaub. Franco kletterte das Gerüst wieder hoch in den dritten Stock, locker wie eine Bergziege. Oben angekommen winkte er noch, als wir längst im Taxi saßen und davonzuckelten.

*

“Sag mal, was ist denn mit der Gardine passiert..!?”

Erst jetzt fiel mir auf, wie schlaff und halbherzig sie da runterhing, wie ein Segeltuch bei Flaute.

“WAS?”

“Was mit der Gardine los ist..”

“MAGARINE??”

Manchmal machte er mich wahnsinnig. Es gab Situationen, da konterte er schon reflexhaft und aus bloßer Routine mit WAS HAST DU GESAGT, einfach weil das Spielchen immer so ging. Da konnte er gar nichts falsch machen.

“DIE GARDINE! WARUM DIE SO HALB RUNTERHÄNGT! HAT DA JEMAND EINE RAKETE REINGESCHOSSEN?!” Ich zeige auf die kaputte Gardine. “DAS IST DOCH NICHT NORMAL!”

“Ach so, die Gardine. Da bin ich gestürzt und wollte mich im Fallen dran festhalten..”

“Hast du dir weh getan?”

“Nee. Ist ja nichts passiert.”

Allmählich wurde ich böse. Nicht auf Vater, sondern auf die Heimleitung. Da hockte mein Vater Nachmittags im Dunkeln, weil alle Lampen defekt waren. Dann war die Gardine oben aus den Röllchen gerissen und hing so schlapp runter wie in einem Penner-Hotel. Ich fragte mich, wofür zum Henker mein Vater eigentlich 3000 Euro im Monat bezahlte. Eine Frage, die ich mir mittlerweile bei jedem Besuch stellte. Und bei jedem Besuch fiel die Antwort gleich aus: Er berappte jeden Monat so viel Geld für Verwahrlosung unter gelegentlicher Aufsicht.

Bevor ich verärgert in Richtung Schwesternzimmer aufbrach, fiel mein Blick zufällig auf die Mehrfachsteckdose am Boden, die eine Menge Elektrogeräte im Zimmer mit Strom versorgte. Jetzt erst sah ich, dass das Ding überhaupt nicht eingestöpselt war.

“Kein Wunder, dass hier keine Lampe brennt.”

“Was?”

“KEIN WUNDER, DASS HIER KEIN LICHT BRENNT, PAPA!”

“JA KLAR, WENN DIE GLÜHBIRNEN ALLE EINEN DÖTSCH HABEN..!”

“NEIN, DER STECKER IST NICHT IN DER STECKDOSE!”

“WAS ??!”

Ich streckte die Waffen. Ich hatte keine Chance. Der schwerhörige Mensch gewinnt immer. Es ist nicht nur anstrengend, gegen taube Ohren anzureden und jeden Satz zu wiederholen, man muss ja auch den eigenen Lautstärkeregler bei jedem neuen Versuch einige Dezibel hochfahren, bis man endlich verstanden wird.

Natürlich hätte Vater auch seine teuren Spezial-Hörapparate benutzen können, doch die brachten es irgendwie nicht, nicht für seinen Geschmack. Besonders die lauten Nebengeräusche störten. Nein, da ließ Vater die Hörgeräte lieber im Schuber und uns brüllen.

“SAG MAL, PAPA, ICH SEH GERADE, DU HAST JA GAR NICHT DEINE ZÄHNE DRIN!”

“FÄDEN..? WELCHE FÄDEN?!”

“ZÄHNE! DIE LIEGEN HIER AUF DEM TISCH, DEINE ZÄHNE!”

“ZWIEBELN?”

“DEINE ZÄHNE, PAPA! DU HAST VERGESSEN SIE EINZUSETZEN!”

“Ach so.. Ja. Stimmt. Du hast recht. Hab ich vergessen. Tu mir mal die Zähne.”

“Moment.. Können wir auch später reintun, vor dem Abendbrot.”

Er schlief im Sitzen ein. Er war mauschebeet, Solinger Platt für ausgelaugt, erschlagen. Ein Zustand, den er Zeit seines Lebens vom vielen Arbeiten kannte, jetzt war es das bloße Alter, das ihm so zusetzte und mauschebeet machte. Ich nutzte die Zeit und brachte ein bisschen Ordnung ins Zimmer. Räumte auf.

Plötzlich riss Vater die Augen auf. “NEIN!” schrie er. “NEIN!”, und blickte mich fassungslos an. Dann schlief er wieder ein.

Im Schwesternzimmer roch es nach Zigaretten, das Adventsgesteck brannte, alle vier Kerzen. Fast wollte man nicht stören. Doch plötzlich standen mir beide Pflegerinnen zur Verfügung, als ich ihnen die halb heruntergerissene Zimmergardine meldete. Zwei aufgeschreckt gackernde Hühner folgten mir in Vaters Zimmer. Eins der beiden ermunterte mich, solche Vorkommnisse künftig SOFORT zu melden.

“Tu ich doch gerade”, wandte ich ein, doch das ging im allgemeinen Gegacker unter.

“Sind wir ja immer froh, wenn wir von Angehörigen erfahren, dass die Gardinen runtergefallen sind..”

“Die kommen ja andauernd runter..”

“.. wenn unsereins einfach so ins Zimmer kommt, sieht man das nicht sofort..”

“Die passen gar nicht in die Ösen da oben.. Die Röllchen, mein ich..  die Gardinen.. das ist das Problem..”

“Der Hausmeister bringt das in Ordnung..”

“Ja, wir schreiben dem das immer auf..”

“Für heute ist es natürlich zu spät, der Hausmeister hat Feierabend. Und morgen ist Silvester..”

“Also nächste Woche?” mischte ich mich ein ins Geplapper. Aufbruch, Geflatter. Tschüss. Dankesehr.

Herr Glumm, in einer halben Stunde ist Abendbrot.

Möchten Sie roten Tee?