Hassan’s Süße Ecke

Als ich Hassan’s Süße Ecke betrete, pfeift mir jemand hinterher. Ein echt italienisches Minirockpfeifen, mehr Anerkennung als Anmache: Du hast wirklich schöne Beine, Mädchen… Ich bin irritiert. Ich meine, ich bin ein Mann, und ein Mann, dem ein anderer Mann hinterherpfeift..?! Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Außerdem hab ich Obeine. Ich ziehe den Schritt zurück, zurück auf den Bürgersteig, um mir den Knaben anzusehen, der mir so schwungvoll den Hof macht. Oder ob vielleicht eine Verwechslung vorliegt, ob ich vielleicht gar nicht gemeint bin. Seltsamerweise ist weit und breit kein Bauarbeiter zu sehen, überhaupt nichts Südländisches, was pfeift. Ich sehe bloß Autos vorüberfahren. Deutsche Autos, japanische. Ich hab Mittagspause, ich bin am Grünewald unterwegs.

Hassan’s Süße Ecke, nächster Anlauf. In dem Moment, als ich den Laden betrete, ist dieses Minirockpeifen wieder in meinen Ohren. Es dauert einen Augenblick, bis ich endlich schnalle, was hier vor sich geht: Eine automatische Spielerei, die ausgelöst wird, sobald man die Türschwelle übertritt. Damit Hassan, sollte er sich im hinteren Bereich der Trinkhalle aufhalten, Bescheid kriegt, dass ein Kunde kommt. Doch statt Gebimmel wird neapolitanisches Bauarbeiterflöten ausgelöst.

He he!

„Du bist nicht der erste, der sich geschmeichelt fühlt“, grinst Hassan, in den Händen ein Glas süßen türkischen Tee. „Manche Frauen kriegen direkt ne rote Bombe, wenn sie merken, dass sie gar nicht gemeint sind.“

*

Der Mann von der Zeitung stellt eine Frage, und es dauert lange, bis ich auf den Trichter komme, warum ich schreibe. Was das überhaupt soll, wem es dient. Die Antwort ist schlicht, sie liegt auf der Hand: Weil ich es woanders nicht zu lesen bekomme.

*

„Und dann pfeift mir glatt so ein Spacko hinterher“, erzähle ich am Abend der Gräfin.

*

Sie spielt mit dem Gedanken, im Alter nach England zu ziehen. Nach Süd-England genauer gesagt, oder nach Wales, wo es wild und zerklüftet zugeht. Und die Sprache kriegt man auch geregelt.

„Spätestens nach einem Jahr träumen wir auf Englisch“, sag ich.

„Und du schreibst auf Englisch“, sagt sie, „und ich male auf Englisch.“

Dieses kollektive Rumdümpeln in Träumen hat man als Deutscher gepachtet.

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„Ich kann einfach nicht mehr…“, stöhnt sie. „Obwohl ich ehrlich gesagt noch nie konnte… ich hab den Leuten immer nur gekonnt vorgespielt, als könnte ich.“

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Frauen, die frisch vom Klo kommen, sind mir deutlich lieber als Männer, die gerade beim Frisör waren. Oder andersrum? Ich habs vergessen. Glaub ich.

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Er ist fortgezogen, er wohnt mittlerweile woanders. Schon der vergangene Sommer war gewöhnungsbedürftig, es war der erste Sommer seit vielen Jahren, in dem keine Musik aus dem Hinterhof schallte. Für mich hieß er immer bloß „der DJ“. Jeden Abend saß der DJ allein in seiner Blockhütte und spielte Oldies in einer Lautstärke, dass die ganze Nachbarschaft mithörte, ob sie wollte oder nicht. Mehrfach wollte ich zu ihm runter und ihn bitten, leiser zu machen, doch da gab es ein Hindernis: er hörte die Musik aus den 70ern, mit der ich aufgewachsen war. Einmal schlich ich mich spätabends in die Nähe seiner Laube, um die Musik besser hören zu können. Ich hatte kein Interesse, dass er mich entdeckte und womöglich auf ein Bier einlud, ich pfiff nur leise den Song mit, der mich runtergelockt hatte: Goin‘ up the country, Canned Heat.

In einem Buch über Popmusik hatte ich als Pico gelesen, was Canned Heat bedeutete: Hitze in Dosen. Ich verstand nicht, was das bringen sollte, wenn eine Rock-Band sich Hitze in Dosen nannte, aber so war das eben. Es gehörte zum Mysterium der Popmusik, dass es Gruppen gab, die sich komische Namen verpassten wie Hitze in Dosen oder Die Türen. Ich pfiff also leise Goin‘ up the counry, einen Song, der auch in Woodstock gespielt worden war. Und als im Anschluss Steve Harley folgte, wurde mir richtig warm ums Herz: „Make me smile“. Und bei Fleetwood Macs Originalversion von „Black Magic Woman“ war ich dann endgültig angekommen in meinem alten Kinderzimmerhimmel von 1976.

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Vielleicht… ja, vielleicht ist der Welt wieder ein Heiland geboren worden, und wir wissen gar nichts davon. Man sagt uns ja nichts mehr, seit der Geschichte damals in Jerusalem, ums Jahr 30 herum. Seither ist Stille am Firmament.

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Ich mochte schon immer gern die schwärmerische Seite der Popmusik. Downtown von Petula Clark oder Volare, vielleicht das geheimnisvollste und leichteste Stück Popmusik, das jemals geschrieben wurde.

Komponiert und gesungen wurde Volare 1957 von Domenico Modungo, der Text kam von Franco Migliacci. Ein Jahr später gewann der Song den ersten Platz beim berühmten Festival von San Remo. Wie Migliacci 2004 über die Entstehung der Textzeilen verriet, war er an einem heißen Sommertag mit einem Freund zum Baden verabredet. Dieser ließ sich aber nicht blicken, also betrank Migliacci sich fürchterlich mit Chianti-Wein. Am Morgen erwachte er aus seinem Rausch und blickte auf zwei Drucke des Malers Marc Chagall. Es war der Blick seines Lebens. „Dabei kam mir die Idee für eine Flucht ins Blaue.“

Dass seine Zeilen tatsächlich um die Welt gingen, erfuhr Migliacci Jahre später. Auf einer Reise durch Pakistan hörte er, wie ein Straßenkehrer vor seinem Hotel „Volare, oh, oh“ schmetterte.

(Der zweite große Moment seines Lebens.)

*

Sollte jemals ein Raumschiff landen, in dem Außerirdische sitzen, die wissen wollen, was es mit der Musik der Menschen auf sich hat, ich würde vorschlagen, den Fremden Volare vorzuspielen, in der Originalversion, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Fliegen. Singen.

Schreiben.

Corona – die düsteren und die anderen Gedanken

Blaue Himmel, Sonnenschein, im Märzen der Bauer. Das Virus ist da, die Krise, aber draußen kracht der Frühling los, als wäre alles wie immer. Die Narzissen explodieren, vorm Fenster duftet eine einzelne, von Sanne höchstpersönlich ausgewilderte Hyazinthe und die Hunde toben über die Wiese wie junge Rößlein. Es könnte so schön sein. Doch Corona hängt überm Land. Eine tiefe schwarze Wolke, die Krankheit und Misere bringt, und Einsamkeit.

Und Geisterstadt.

Die Menschen nicken einander in tief verbundener Unsicherheit zu.

*

Als ich mit dem Hund unterwegs bin, fliegt der erste Schmetterling des Jahres vor mir her, im üblichen Zickzack. Ein Zitronenfalter. Ich bin mir nicht ganz sicher, doch ich meine, ich hätte im Vorbeifliegen einen winzigen gelben Mundschutz gesehen.

Manchmal denk ich, das ist vielleicht der letzte schöne Tag in deinem Leben. Ich duze mich in Momenten, wo ich mit mir selbst rede. Und dann sehe ich, dass die Wildschweine über Nacht aus dem Wald gekommen sind und den Pfad umgepflügt haben. Das Ganze ist nur schwer zu fassen. Es ist Krieg ausgebrochen, ein Krieg, dessen Front überall ist, ein Krieg, bei dem keine Bomben fallen, sondern Tröpfchen. Ein Krieg, der uns Tag für Tag neu erklärt wird, weil kaum jemand den Feind kommen sah. Und jetzt ist er da. Überall. Und nirgends. Und wo ist die Kriegserklärung? Der Feind ist link.

Eine hinterhältige Brut.

Wenn ich mit anderen Hundebesitzern zusammenstehe, fällt mir auf, wie zögerlich sich die Leute auf neue Umstände einlassen. Nur wenige halten die zwei Meter Mindestabstand zum Nachbarn ein. Sie nehmen den Feind nicht ernst. Sie freuen sich aufs Grillen am Wochenende. Sie stinken schon nach Rindfleisch.

*

Vorgestern Mittag hab ich gedacht, es hat mich erwischt. Ich bin infiziert. Corona. Seit Tagen werde ich morgens mit leichten Halsschmerzen wach, und da ist diese Irritation in der Lunge, dieses Gefühl, als blase jemand in unregelmäßigen Abständen kleine Feuerchen in mir an. Im Lungengewebe. Tief innen drin. In der Steuerzentrale. Wo die Atmung herkommt. Wo sich früher, als ich noch geraucht hab, Teer und Nikotin gute Nacht sagten. Winzig-kleine Einschübe, die mich wahnsinnig machen, je mehr ich mich darauf konzentriere.

„Du dürftest eigentlich nicht eine einzige Nachrichtensendung sehen“, meint Sanne und zeigt mir den Vogel. „Mal ganz abgesehen von Corona-Extras.“ Sie hält mich für einen eingebildeten Kranken. Nein. Ich bin mir sicher, es arbeitet etwas in mir. Eine Entzündung. Ich lege mich aufs Bett, strecke mich lang aus und horche konzentriert in mich hinein.

ICH.

ICH.

*

Sanne ist mit dem Hund gegangen, ausnahmsweise. Ist eigentlich mein Job. Ein Job, den ich gerne erledige. Nichts ist schlimmer, als einer dieser seltenen Tage, wo ich nicht vor die Tür komme. Nachdem ich mich ausgiebig verrückt gemacht habe, ziehe ich mir Schuhe an und geh einkaufen.

EINKAUFEN IST DER ABSOLUTE VIREN-SUPERALARM! Die Einkaufswagen. Die Leute. Das Bezahlen. Das Anstehen an der Kasse. Und an irgendeiner Ecke steht garantiert jemand und rotzt und schleimt, als gäbe es kein Heute.

(Sanne und ich beratschlagen später am Abend, ob man vielleicht mit Einmalhandschuhen einkaufen sollte. Wir haben aber nur noch zwei Paar, die sie gelegentlich zum Malen braucht, wenn sie richtig Sauerei macht. Als sie im Keller nach weiteren Gummihandschuhen sucht, findet sie zufällig zwei angebrochene Flaschen Desinfektionsmittel. „Das Zeug kann man auch für die Einkaufswagen benutzen“, sagt sie. „Mal eben über den Griff wischen, bevor man losfährt.“ Unsere Augen leuchten vor Freude.)

Im NETTO kaufe ich die letzten 6 Bananen ein, die es noch zu kaufen gibt, eine Tüte Tiefkühlbrötchen, Thunfisch in Olivenöl. Viele Regale bieten nur noch Staub und Krumen an. Als ich in der Schlange an der Kasse stehe, es kümmert sich niemand um einen Mindestabstand, bricht mir der Schweiß aus. Die alte Kassiererin, die neu an der Kasse sitzt, arbeitet so langsam, am liebsten möchte ich den ganzen Laden über den Haufen schießen, nur um hier rauszukommen. Geht das nicht was schneller!? Hier steht ein Mann mit Corona!

Die Kassiererin trägt Gummihandschuhe, aber sie sind zu dick, sie kann die Münzen kaum greifen. Schließlich zieht sie die Handschuhe aus und macht ohne weiter. „Sind zu dick!“ ruft sie einer Kollegin zu, die andere Probleme hat. Sie ist damit beschäftigt, für vier nicht georderte Paletten Blumenerde einen Stellplatz zu finden.

„Was sagst du!?“

„SIND ZU DICK!“

Ich staune über die prall gefüllten Einkaufswagen. Was die Leute alles aufs Band hieven. Die Speisen türmen sich meterhoch, und es kullert auch schon mal was runter und bleibt einfach liegen. Niemand bückt sich nach verlorengegangenem Gemüse. Noch nicht.

Hol mal ne neue Gurke, Rolf.

Nur der junge Mann, der unmittelbar hinter mir ist, tritt plötzlich einen Meter zurück, als könne  er meine düsteren Gedanken lesen. In Zeiten allgemeiner Verunsicherung verrät uns schon der kleinste Gedanke, der uns den Schweiß auf die Stirn treibt. Ich fühle mich so schwach, am liebsten würde ich mich irgendwo anlehnen, doch in dieser Corona-Superbrutstätte fasse ich nichts an, was ich nicht unbedingt anfassen muss. Nein, ich muss von ganz allein auf den Beinen bleiben, trotz Schwächegefühl.

Ich fühle mich zum Kotzen.

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Was haben wir uns über vollverschleierte Muslima das Maul zerrissen. Jetzt husten sie uns was in ihrem feinen körpergroßen Mundschutz. Jetzt sind sie plötzlich fein raus. Nein fein drin. In ihrer Burka, wo kein Virus reinkommt.

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Weil ich seit längerem springende Schmerzen im linken Arm habe und nicht weiß, was das soll und woher das kommt, hatte ich vor Wochen einen Termin beim Orthopäden gemacht. Der Termin ist morgen. Ich weiß nicht, ob ich ihn wahrnehmen soll. Es drängt mich nicht grade ins Wartezimmer. Ich kriege allmählich Panik, wenn ich Menschen sehe, potenzielle Virenschleudern. Aber ich hab den Termin schon zweimal verschoben, ein drittes Mal könnte ich mir selbst nicht verzeihen. Ich meine, der linke Arm. Hallo?! Der Herzarm! Warum also zum Orthopäden? Weil es bis zum Termin beim Kardiologen noch länger hin ist.

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Sieht denn niemand den engen Zusammenhang zwischen koronar und Corona? Es ist eigentl. ein Herz-Virus. Es dockt im Sozialraum der Herzen an und verwüstet die gesamte Infrastruktur: Nähe. Vertrauen.

Und sämtliche Ausgänge.

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Seitdem mein Bruder uns Netflix installiert hat, schaue ich in eine Menge Schrott rein. Uninteressantes Zeugs, Massenware. Ich schaffe es selten länger als fünf Minuten. Dann weiss man in der Regel Bescheid, was einen erwartet. Wie immer gibt es Ausnahmen. Echte Fundsachen. Die israelische Serie Shtisel kniet sich lustvoll in eine ultra-orthodoxe Familie in Jerusalem rein. Ich warte auf die zweite Staffel. (Keine Doku!) Momentan freue ich mich tgl. auf ein oder zwei , drei Folgen vom Breaking Bad-Ableger Better call Saul. Bob Odenkirk spielt den übermütigen Anwalt Saul, der stets den Ritt auf der Rasierklinge sucht. Lakonischer Humor, ohne lachen zu müssen.

Mir ist definitiv nicht nach Lachen zumute.

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Irgendwie glaubte ich immer, unsere Generation sei die eine große Ausnahme, die ohne existenzielle Einschnitte wie Krieg oder Hunger davonkommt. Ohne schwere Zeiten. Die eine goldene Ausnahme. Und jetzt sitzen Landräte in Bayern in ihrer Wohnung fest. Ohne jeden Besuch.

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„Ich bin auch einsam“, sage ich zu Karlos, als wir eine Runde Spazierengehen. „Jeder ist einsam.“

Einsamkeit ist ein hartes Wort, Bruder. Man sollte sich gut überlegen, ob man es benutzt, solange man noch eine Frau an seiner Seite hat, die man liebt, und einen Freund, der mit einem spazierengeht.

Schäme dich, Glumm.

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Ich stelle fest: die Leute spucken beim Sprechen. Und diese Leute bin auch ich. Ich hab mich selbst schon beim Spucken beobachtet. Ich rede mit irgendwem auf der Hundewiese und registriere aus den Augenwinkeln, (ohne dass ich mich beim Reden besonders echauffiert hätte), dass helle Rotzschleifchen aus meinem Maul fliegen in Richtung Nebenmann. Oh Scheiße, denke ich. Sollte ich infiziert sein, habe ich gerade die Infektionskette vervollständigt.

Der Mann, der gut anderthalb Meter entfernt steht, regt sich über die Hamsterkäufe seiner Mitmenschen auf, nur um im gleichen Atemzug von seinem eigenen Einkaufswagen bei Edeka zu erzählen, der trotz 150 Euro-Einsatz gerade mal halbvoll geworden sei, weil die billigen Artikel alle schon weggekauft waren und er auf die teuren Bio-Produkte umschwenken musste.

„Ist doch asozial.“

Was die sozialen und praktischen Verwerfungen angeht, stehen wir noch ganz am Anfang, und nein, ich habe kein gutes Gefühl. Wie selbstverständlich es ist, dass unsere Versorgung mit Essen & Trinken stets wie am Schnürchen läuft, fällt erst auf, wenn es wegzubrechen droht.

Von der Müllabfuhr ganz zu schweigen.

*

Manchmal muss man die Dinge aussprechen, nur um zu hören, was man alles für einen Mist zusammendenkt den ganzen Tag. Das waren schon immer die Momente, wo Karlos auftauchte und mir seine Ohren lieh. Bevor Karlos nicht davon erfuhr, war es praktisch nicht passiert.

Einsamkeit ist ein hartes Wort für die andere Seite der Welt.

*

Die Blockwarte laufen sich warm, ihre Zeit ist gekommen.  HE, RUNTER VOM SPIELPLATZ UND AB NACH HAUSE! Jawohl, mein Herr. Und vielen Dank auch für den Hinweis. Das Dumme: Zum ersten Mal sind die Penner auch noch im Recht.

*

Ob wir wollen oder nicht, die Zukunft ist Verzicht.

Mehr kann jeder, mehr ist kein Problem“, sagt sie. „Aber ins Weniger muss man erst reinwachsen.“

*

Mir fällt auf, dass die Blicke sich ändern. Die wenigen Leute, die sich auf der Strasse noch begegnen, mustern sich neugierig. Eine seltsame Mischung aus Trotz und Furcht spricht aus den Augen. Sogar Liebe ist zu spüren. Und die erste verkokelte Grillparty

DANACH.

*

Man geht mit Corona ins Bett, man träumt von Corona, und wenn man aufwacht und Frühstücksfernsehen schaut, ist das erste Wort, das man hört, CONVID19: über Nacht hat es wieder Hunderte erwischt.

*

Als ich eine späte letzte Runde mit dem Hund drehe, fällt es mir auf: Ich habe seit Jahren nicht mehr so viele Sterne so klar am Himmel gesehen wie heute Nacht. Eine gigantische Szenerie, und jeder Stern ein Gesundeter.

*

Corona übernimmt die Welt. Die USA verhängen Einreisestopp, New York droht Kollaps, Tom Hanks ist infiziert. Sanne kann es nicht mehr hören. Mach die Nachrichten aus. PANDEMIE. Die Regierung fordert die Bürger auf, direkte Sozialkontakte zu vermeiden. Frankreich schliesst Bars und Restaurants.

Zuhause bleiben…

Wer jetzt nicht in sich zuhause ist, ist nirgendwo zuhause.

Weißt du, wen ich lange nicht mehr gesehen hab?

Das sind die Richtigen! Keine Haare am Sack, aber’n Kamm in der Tasche! hieß es Mitte der 70erjahre, wenn jemand vorüberflanierte, der den Stielkamm griffbereit hinten in der Hosentasche trug, und da war es auch egal, wie alt oder wie jung dieser Jemand war und ob er vielleicht schon einen ganzen Busch an Schamhaaren zu versorgen hatte.. Ein Stielkamm hinten in der Hosentasche hieß: Vorsicht! Ich bin von gestern. Ich bin der Yesterday Man.

Einer der letzten echten Stielkamm-Luigis war ein schräger Vogel namens Pudding. Ein echter Freak, den es nicht weiter störte, was die Leute ihm hinterherriefen. Kurz nach hinten gegriffen, den Kamm gepackt und durchs fettige Haar gezogen, ein, zwei Bahnen nur, echte Ölspuren, dann zurück ins Täschchen. Keine große Sache.

Möchte man meinen.

Der Stielkamm an sich war ein Überbleibsel aus den 60ern, als englische Teddy Boys damit ihre Tolle in Schwung brachten. Doch irgendwann waren die Teds Vergangenheit, und übrig blieb Pudding, der sich einen Dreck um irgendwelche Moden scherte. Er steckte sich den Kamm auch in den frühen 90ern noch in die Gesäßtasche, so wie er zum Frühstück eine Käsestulle mampfte. Es gehörte zu seinem Leben dazu, es war eine Selbstverständlichkeit, er dachte sich nichts dabei.

Er kämmte sich.

Pudding hatte noch mehr drauf. Er konnte gleichzeitig reden und rauchen, und das in einer solchen Perfektion, wie ich es sonst nur aus dem Comicheft kannte, von Lucky Luke. Wenn Pudding einen dreckigen Witz raushaute, rotierte die Kippe in seinem Maul wie  ein qualmender kleiner Schraubenschlüssel. Pudding war ganz alte Schule. Er war Lucky Luke, er war Averell Dalton, er war der letzte Stielkamm-Luigi. Ich weiß überhaupt nicht, was aus ihm geworden ist. Er läuft mir schon seit geraumer Zeit nicht mehr über den Weg. Mensch, was ist bloß aus dem guten alten Pudding geworden…? Wo ist er abgeblieben??

Lebt der überhaupt noch?

*

„Weißt du, wen ich lange nicht mehr gesehen hab?“

„Nö.“

„Den Pudding.“

„Stimmt, ja… ich auch nicht… der Pudding.. Ist bestimmt ein Jahr her“, sagte sie. „Oder länger. Da war noch Sommer.“ Sie blinzelte belustigt. „Wo er versucht hat mit mir zu flirten.“

„Hm, ja“, sagte ich. „Hast du mir erzählt.“

Richtig aufdringlich sei er geworden.

„Aufdringlich..? Na ja, er hat sich bei mir untergehakt und wir sind ein paar Meter zusammen gegangen… War halb so wild.“

„Mh… der soll schön die Flossen bei sich behalten.“

„Ach, der ist doch nur einsam, der Pudding. Und er ist nun wirklich nicht mein Typ.“

Aber sie mochte diesen sonderlichen Kauz. Es gab kaum ein Gesicht in unserem Umfeld, das sie so gerne malte wie seines, auch wenn Pudding uns eher selten begegnete. Er hatte es ihr angetan. Ich blickte zufällig auf ihren Zeichentisch, wen sah ich da? Wer blickte mich von ihrem Zeichenblock an, die Kippe zwischen den Lippen, am rotieren wie ein Schraubenschlüssel? Der verdammte Pudding – am Grinsen und am Paffen. Der alte Schlot. Es gab auch Porträts von Pudding, auf denen er nicht rauchte. Die gefielen mir noch besser.

„Hat der eigentlich jemals ne Frau gehabt?“ fragte sie.

„Keine Ahnung… glaub nicht. Solange ich ihn kenne, ist Pudding solo.“

„Dabei hat er so treue braune Augen, so gutmütige Augen. Aber er ist zu schüchtern für Frauen. Oder? Ich meine, der Pudding spricht doch keine fremde Frau an, das traut der sich doch gar nicht, oder..?“

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Ill.: Pudding, Susanne Eggert

 

Wenn er einem so über den Weg lief, hätte man meinen können, sein Zuhause wäre Eisenheim gewesen, Oberhausen-Eisenheim, The Home of Arbeitersiedlung, doch Pudding kam aus dem Bergischen Land. Er war in der gleichen Gegend aufgewachsen wie ich, er war 10 Jahre älter, der gute alte Pudding. Er rauchte Kette, er marschierte im Deutschlandparka durchs Land, er beschwerte sich über Gott und die Rasspe AG und die ganze Welt, die alle drei keine Gnade kannten und ihn Ende der 80erjahre fallen ließen.

Pudding hatte die herrlichsten Reval-Finger, die ich jemals gesehen habe an einem lebenden Objekt, sie waren von einem solch triefenden Nikotingelb, dass sensiblere Gemüter schon vom bloßen Ansehen einen Kippenschock erlitten. Es kam vor, dass Pudding an langen Wochenenden von ehemaligen Arbeitskollegen zum Angeln abgeholt wurde, wie in den alten Zeiten fuhr man zum Rhein runter. Die Stelle bei Leverkusen-Hitdorf war ein Geheimtipp. Man fischte Brassen im Sommer, geködert mit Kellog’s Honig Smacks, und man fischte Brassen im Winter, geködert mit in Maggi gewälzten Maden.

„Da drehen die Brassen durch, da beißen die wie bekloppt. Maggi, das ist für die Brassen wie ne Schlemmermahlzeit von Iglo.“

„Und Honig Smacks?“ fragte ich neugierig.

„Wie, und Honig Smacks?“

„Na, ja wenn Maggi für die Fische wie ne Schlemmermahlzeit ist, was sind dann Honig Smacks für die..?“

Er blickte mich verständnislos an.

„Wieso? Honig Smacks sind Honig Smacks, für alle, fertig.“

Pudding führte ein schräges, freundliches Gesicht ohne viel Zähne und ähnliches Brimborium spazieren. Er trug es ganz in Leder, in der Regel mit einer Reval oder einer Roth Händle aufgehübscht, ohne Filter. Pudding war der totale Einzelgänger. Ich kannte ihn gar nicht anders. Nur wenn er ein paar Bier drin hatte, wurde er schon mal aufdringlich, mitunter sogar ein bisschen frivol, besonders Frauen gegenüber, bis die zurückwichen und Pudding allein zurückblieb.

Warum Pudding Pudding genannt wurde? Keine Ahnung. Ich habe ihn nie danach gefragt. Ich glaube auch nicht, dass ihn das jemals irgendwer gefragt hat.

„Sag mal, Pudding – wieso heißt du eigentlich Pudding?“

Blöde Frage.

*

„Weißt du, was sein Problem ist? Er sieht aus wie ein Kindermörder“, sagte ich zur Gräfin. „Als würde er i-Dötzchen fressen.“

„Der Pudding..? Blödsinn. So ein Typ frisst keine i-Dötzchen. Im Gegenteil. So was machen nur Milchgesichter.. Männer, die irgendwie nach nichts aussehen, das sind die grössten Schweine. Sag mal, was hat der früher eigentlich gearbeitet, der Pudding?“

„Der war Werkzeugmacher, glaub ich. Und am Wochenende hing er immer im Puff rum, unten am alten Nordbahnhof.“

„Im Puff? Ist wahr? Der schüchterne Pudding? Als was? Als Hausmeister?“

„Na, das glaubst aber auch nur du. Der Pudding war ein Ficker vor dem Herrn.“

„Du redest dummes Zeugs.“

„Nee, ist wahr. Wenn einer Nutte damals nach einem richtigen Freier zumute war, musste der Pudding ran. Das war seine Stunde.“

Sie brach in Gelächter aus. „Der Pudding..! Was ein Vogel.“

„Ja, schon“, sagte ich. „Aber der soll schön seine Flossen bei sich behalten.“

*

Nach der Arbeit im Design-Institut, ich ging der Trasse entlang, kam mir ein Typ entgegen. Das ist doch der Pudding, dachte ich. Oder nicht? Bisweilen gibt es ja noch Wunder und es begegnen einem Typen, von denen man glaubte, sie seien längst ausgestorben – und dann ist die Freude groß. Oder der Jammer, je nachdem.

In diesem Fall näherte sich der Mann bis auf ein paar Meter, erst dann sah ich, er hatte mit Pudding lediglich die Statur gemein und den schleppenden Gang einer alten Blues-Nummer. Keine Reval-Finger, kein dummer Spruch zur Begrüßung, nichts, was ich irgendwie mit Pudding in Verbindung gebracht hätte. Nein, es handelte sich um eine ganz normale deutsche Gurke, die mir da auf der Trasse entgegenkam.

Dann aber – am nächsten Tag – gleiche Uhrzeit, spazierte ich mit Frau Moll, unserem Hund, der Korkenziehertrasse entlang, es regnete. Es plumpste richtig in die Pfützen, und dann war es plötzlich vorbei mit dem Regenguss. Und wieder kam mir jemand entgegen, der aussah wie der Pudding. Aber diesmal war es der Pudding. Als er mich erkannte, wechselte er auf meine Seite der Trasse und grinste.

„Och, nee, guck mal an!!“ Seine rechte Hand schnellte aus dem Ärmel des Parkas, wie ein verschorftes Reptil. „Hallo!“

„Pudding!“ sagte ich. „Das wurde aber auch Zeit!“

„Was wurde Zeit?“

„Dass wir uns nochmal sehen! Andauernd treffe ich Leute, die so ähnlich aussehen wie du, aber nie bist du es. Es sind immer andere.“

Er hatte eine Tasche umhängen, in der Leergut klimperte. Er sah erschöpft aus. Doch eins war wie immer: Pudding hatte eine seiner legendären Zigarettenkippen in Arbeit. Kippen, die niemals qualmten, und die doch nicht aus waren. Er war unser Lucky Luke, er war der poor lonesome Cowboy.

„Mann, hat das geschüttet“, sagte Pudding.

„Das war kein Regen, das gehört schon als Totschlag vor Gericht“, legte ich einen drauf.

Pudding reagierte nicht, er hatte nur Augen für Frau Moll.

„Sag mal, was ist das denn..? Das ist doch nicht euer Hund“, sagte er entrüstet, “ Oder ist das der Hund, mit dem deine Frau immer rumläuft?!“

„Na sicher ist der das“, sagte ich. „Das ist Frau Moll.“

„Dann ist der aber ganz schön auseinandergegangen, der Hund, hör mal… Was gebt ihr dem armen Tier denn zu fressen – Hefe, oder wie..?“

„Blödsinn, der ist einfach kein Welpe mehr, das ist alles. Das ist ganz normale Gewichtszunahme…“ Strahlend wiederholte ich seinen Namen. „Der gute alte Pudding“, weil ich den so gern in den Mund nahm und so lange nicht mehr gesagt hatte. Ich meine, wer hieß schon Pudding, ohne etwas dagegen zu haben, in seinem Alter. Ich schaute ihn mir aus der Nähe an. Sein Hals war faltig geworden wie Buttercreme, die am Rand der Torte herunterläuft und sich überlappt. Pudding war eine müde, vertrocknete Buttercremetorte geworden, eine großartige Süßspeise.

„Ich bin jetzt Hartz vier“, schimpfte er. „Und was machen die Verbrecher vom Job-Center mit mir? Nehmen mich aus der Vermittlung raus. Weil ich angeblich zu krank bin zum Arbeiten. Dabei will ich doch arbeiten gehen. Wenn ich keine Arbeit kriege, können die mich gleich abknallen, dann sind sie mich los und die Sache hat sich erledigt.“ Seine Fluppe, kalt geworden, drehte sich im Mundwinkel mit, während er redete. Eine Selbstverständlichkeit, die man kaum noch zu Gesicht bekam. „Jetzt sammle ich leere Bierpullen und Dosen, damit ich vom Pfand mein Angelzeugs bezahlen kann.“

In einem Western wäre Pudding in der Saloon-Szene der unrasierte Cowboy gewesen, (am Ende der langen Messingtheke), bei dessen Anblick jeder Zuschauer dachte, oha, dem sitzt der Colt aber locker.

Der große Kinder-Colt.

„Aber seit ich keinen Wagen mehr hab, komm ich kaum noch vor die Tür,.“

„Du hast keinen Wagen mehr?“

„Den musste ich doch abmelden. Hab ich dir nicht erzählt? Keine Flocken mehr für Benzin, pleite. Aber zu Fuß bin ich auch nicht mehr gut. Das Bein. Und hier, mein Asthma. Aber ich kann das Quarzen nicht lassen. Weißt du doch.“

Mit jeder Silbe rollte die Zigarettenkippe in seinem Mund ein Stück weiter, bis sie schließlich im Mundwinkel landete und die Reise von vorn losgehen konnte. Die waren immer unterwegs, Puddings Fluppen. Sie qualmten nicht, und sie waren noch nicht aus, Puddings Fluppen. Sie hatten ein Leben.

„Ohne Auto und schlecht zu Fuß, da kommt man kaum noch vor die Tür“, wiederholte er trotzig und kaute auf der Kippe herum.

„Aber Angeln gehst du noch?“

„Wie denn, ohne Wagen? Wie soll ich denn zum Rhein runterkommen?“

„Deine Kumpel können dich doch mitnehmen, wie früher. Die haben dich doch früher auch immer abgeholt…“

„Ach, früher.“

Puddings krumm gewachsene Nase war mit der Zeit noch krummer geworden. Es sah irgendwie aus, als versuchte seine Nasenspitze in den Mund reinzuwachsen, damit sie auch mal ziehen konnte an seinen legendären Kippen, die niemals qualmten, aber immer an waren. Die Nase wollte auch mal leben, nicht immer nur krumm weiterwachsen. Immer nur wachsen, das war nicht schön. Immer nur wachsen war kein Leben. Immer nur wachsen war ein Irrglaube, immer nur wachsen war der Abgrund. War das Ende. Krumm und unansehnlich.

„Was ist denn mit deinen ehemaligen Kumpel von Rasspe? Holen die dich nicht mehr ab zum Angeln?“

„Mein Bruder hat mich letztes Wochenende zum Rhein gebracht, nach Monheim. Zum Nachtangeln. Dann ist er wieder gefahren. Scheiße, hat das geschüttet. Zwei Tage und eine Nacht lang nur Regen, Regen, Regen, im Zelt stand das Wasser bis zum Campingstühlchen. Ich war froh, als der Frank mich Sonntagabend wieder abgeholt hat. Alles stank nach Müll, alles war nass.“

(Die Gräfin erzählte mir einmal begeistert, wie sie Pudding in der Stadt getroffen hatte. Wie sie sein Gesicht am liebsten vom Hals gebrochen und mit nach Hause genommen hätte, um es im Detail abmalen zu können. „Das war ein starkes körperliches Verlangen, dem Pudding das Gesicht vom Rumpf zu reißen und mit nach Hause zu nehmen und zu bearbeiten und zu zeichnen..“)

Ein junges Ding radelte auf der Trasse an uns vorüber, sexy 15 (vielleicht), auf dem Weg zur Chemie-Nachhilfe. Pudding schielte ihr so großspurig hinterher, dass selbst die Kippe in seinem Mund einen Satz machte.

„Nee, viel zu jung, die Kleine“, meinte er dann. „Mit der kannst du höchstens ne kurze Propellernummer schieben.“

Er demonstrierte, was mit einer Propellernummer gemeint war. Die Frau auf das Geschlechtsteil des Mannes gesteckt und von Hand angeschoben, bis sie langsam an Fahrt gewinnt und sich im Kreise dreht und immer schneller wird und am Ende mit Karacho vom Hocker fliegt, wie beim Bullenreiten.

„.. pchjiiuuhhh..! Wie bei Hoppe hoppe Reiter!!“

Pudding lachte so sehr über seinen eigenen blöden Witz, dass er die Kippe fast verschluckte, , …pchjiiuhhh. Doch es dauerte nicht lange, und er wurde wieder zornig und böse. Böse aufs Job-Center, weil das immer noch nicht gezahlt hatte, obwohl schon der Siebte war, „die hätten schon am 30. zahlen müssen, die Schurken! Oder nicht!?“

„Ja klar. Hast du immer noch keine Kohle drauf?“

Er schüttelte den Kopf. Er war auch wütend auf seine Autoversicherung, die hatte auch noch nicht gezahlt, obwohl Pudding den Wagen schon Anfang des Jahres abgemeldet hatte, „da müssen die doch langsam mit der Erstattung rüberkommen, das sind bestimmt zweihundert Euro.“ Dann war er böse auf seinen Vermieter, eine Verwaltungsgesellschaft. Die hatte ihm unlängst versprochen, neue Fenster einzubauen, endlich- nach über zwanzig Jahren Kampf.

„Aber was machen die Brüder? Bauen nur ein Fenster ein statt direkt alle vier! Und dann noch so ein Plastikfenster!“

„Was meinst du..? Thermopane?“

„Nee, so ein Plastikfenster! Die Bude schimmelt mir seit zwanzig Jahren unterm Arsch weg, aber was machen die Brüder?! Bauen mir EIN neues Fenster ein! Nicht VIERI!“

Als Puddings Gejammer kein Ende zu nehmen drohte, übernahm ich das Wort. Ich war schließlich auch mal dran. Ich musste schließlich auch sehen, wo ich blieb.

„Pudding, ich muss nach Hause, ich hab Hunger. Meine Frau wartet mit dem Essen.“

„Ja gut“, sagte er, dachte aber nicht daran, mich ziehen zu lassen. Er motzte einfach weiter. Es drehte sich ohne Ende um die Autoversicherung und um die Vermietungsgesellschaft, bis ich einfach losmarschierte.

„Pudding“, sagte ich, „Ich muss nach Hause.“

Kipperingend suchte er nach einer gelungenen Pointe zum Abschied, doch ihm wollte partout nichts einfallen. Mir fiel auch nichts ein, aber ich suchte auch nicht danach, ich hatte Hunger.

Wir reichten uns die Hand.

„Machs gut, Pudding.“

„Jo, du auch. Und gebt euren Hund nicht so viel Hefe, sonst wird der noch ein… “

„Puddingteilchen“, sagte ich.

„Jo. Genau.“

 

Pudding

Warum er nicht Orange gesagt hatte

Seit dem zweiten Bandscheibenvorfall schleppte ich ein taubes Schienbein mit mir herum – was an sich nicht weiter tragisch war. Nur wenn ich mich bückte und testweise gegen den Röhrenknochen klopfte, spürte ich, genau, nichts, war ja taub.

Es erwischte mich alle Nase lang im Kreuz. Es gab kaum noch lange schmerzfreie Perioden. Rückenschmerzen waren zum ständigen Begleiter herangereift, zum chronischen Onkel, doch dann kam dieser Tag im Oktober, wo der Schmerz bis tief in den Oberschenkel hinein ausstrahlte, sogar bis in die Hüfte, das war eine neue Qualität. Es fühlte sich an, als wollte sich ein zusätzlicher Knochen in die Gelenkpfanne quetschen:

Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Ganglion-Style. Ich mittwochs zum Orthopäden, um den Schuft offenzulegen, ich meine den Schaft, mahahaaaha!!! Ich bin aber auch zu gut drauf heute – astrein, was ich alles rede! Ich weiß, ich weiß, so etwas sagt heutzutage kein Mensch mehr, astrein, das Wort ist gestorben, das liegt tot auf dem Zentralfriedhof, doch es gibt noch ein paar Unverbesserliche, ein paar Aufrechte, die können nicht anders. Wenn sie etwas unglaublich gut finden, ist es für sie immer noch astrein – und für Euch schreibe ich, ihr Jungens und ihr Mädchen da draußen! Ihr Unverbesserlichen, ihr Aufrechten, ihr seid nicht allein!

Astrein!

(Schon wieder. Wahnsinn. Es will einfach nicht aufhören heute.)

Orthopädische Praxis, vierter Stock. Aus dem schnuckeligen kleinen Bretterverschlag früherer Jahre, wo es so lecker nach italienischem Kaffee geduftet hatte, war eine turbulente Gemeinschaftspraxis mit drei Ärzten geworden. Statt einer Espressomaschine bubbelten nun an jeder Ecke bläuliche Mineralwasser-Spender vor sich hin und markierten den Umschwung zur Hochleistungspraxis. Arzthelferinnen in allen Schattierungen und unteren Gewichtsklassen wuselten über die Gänge, keine einzige sah mehr aus wie Kraut und Rüben, wie in früheren Tagen.

Nur die Probleme waren die alten. Weil zwei der drei Fachärzte krank bzw. außer Haus waren, wurden vorn an der Anmeldung sämtliche Patienten abgewimmelt, die entweder kein Notfall waren oder die keinen festen Termin vorzuweisen hatten.

„Ich bin ein Notfall!“ rief ich entrüstet und versuchte sofort mit meiner speziell auf solche Fälle zugeschnittenen Leidensmiene zu punkten, einer Kombination aus beleidigter Cherno Jobatey- und Peter Sloterdijks „Mir tut der Philosophenarsch so weh“-Fresse.

„Ich habe schlimme Rückenschmerzen, liebe Frau“, jammerte ich gekonnt. „Und ich hatte vor Jahren schon mal einen bösen Bandscheiben..“

„Moment, Moment, junger Mann, Termine und Kontrollen gehen vor, da helfen auch keine noch so schlimmen Bandscheibenvorfälle. Vielleicht kommen Sie nächste Woche wieder, dann sind wir wieder vollzählig., dann sind unsere beiden Doktoren wieder da.“

„Ja, aber ich kann kaum noch auftreten…! Hier, sehen Sie.“

Ich humpelte im Kreis, direkt vor der Rezeption. Das sah nicht gut aus. Das sah man doch. Ich war ein in der Mechanik schwer streikendes Blechspielzeug, eine total kaputte Micky Maus, die sich im Kreis drehte. Die Arzthelferin seufzte. Eine Kollegin kam hinzu und seufzte ebenfalls. Man schaute mir seufzend zu.

Ich nahm im Warteraum Platz.

„Aber Zeit müssen Sie schon einkalkulieren.“

Ja natürlich. Als müsste man das nicht sowieso. Als wäre ein Leben ohne Zeit mitzubringen, einzukalkulieren, zu verschenken möglich. Doch ohne Strafe kommt man nicht davon, nicht in diesem Leben. Auch nicht nach einer noch so gelungenen Humpelvorstellung. Manchmal dauert es seine Zeit, bis eine Strafe sich sehen lässt, manchmal folgt sie auf dem Fuße: Im Anschluss an meinen Auftritt wurde jeder Patient, der nach mir die Praxis betrat, konsequent vor mir drangenommen, und zwar zwei Stunden lang und ohne jede Ausnahme. Erst als sich der Wartebereich, bis auf mich, komplett geleert hatte, wurde ich in ein Behandlungszimmer geführt. Was nun nicht hieß, dass ich sofort drankam. Ich wartete nur woanders.

„In, sagen wir… fünfzehn Minuten können Sie schon mal langsam anfangen, Hose und Schuhe auszuziehen..“, sagte eine weibliche Arbeitskraft.

Ich wartete eine Weile. Dann zog ich mich brav aus und ließ mich auf einem Schemel nieder. Aber ich hatte schon zu viel gesessen. Die ganze Sitzerei machte mich fertig. Ich verlor die Geduld, stand verbotenerweise auf, ging nervös auf und ab. Ich knöpfte mir den Rechner vor und rief per Mausklick meine Patienten-Daten ab. Demnach war ich 1998 das letzte Mal hier gewesen. Vor zehn Jahren also. Wie die Zeit verging. Nur die aktuelle nicht. Die trat auf der Stelle.

Humpel, humpel.

Ich versuchte mich zu lockern. Ich blickte aus dem Fenster. Im Hof stand dieser prächtige rote Ahorn-Baum, der mir schon bei früheren Besuchen aufgefallen war – das Laub leuchtete wie ein Hochofen, in dem alle Rücken-und Fußversehrten verbrannt wurden, denen nicht mehr zu helfen war, die man aufgegeben hatte.

Ich hörte Stimmen. Die Tür schnappte auf.

„Guten Morgen! Doktor Stefan Lusch mein Name!“

Volles Haar, sehniger Typ, Sport-Mediziner. Sein Händedruck kam so prall rüber, als hätte er sich im Handballen ein Stück Kernseife eingenäht. Damit es direkt gut roch, wenn er einem beim Händeschütteln die Knochen brach. Erster Eindruck: cleveres Bürschchen. Er schuf sich gleich seine eigene Klientel beim Händeschütteln. Darauf musste man erstmal kommen. Ich achtete ihn sofort hoch. Bis auf weiteres.

„So. Was haben wir denn Schönes?“ fragte Dr. Lusch.

Bevor ich „Schönes..? Na, ich weiß nicht..“, antworten konnte, wie geplant, las er schon die in der Patienten-Maske vermerkten Personendaten laut vor.

„Andreas Glumm, 48 Jahre alt, Bibliothekar.“

Bibliothekar? Ha ha, sehr hübsch. Klasse. Doch irgendetwas hatte ich ja angeben müssen, als Beruf. Womit ich meine ofenwarmen Rosinenschnecken verdiente. Und es war ja nicht mal falsch.

„Und wo brennt’s?“

Ich zeigte dem Doc, wo es brannte. Es folgte die übliche Gymnastik. Der Doktor wollte sehen, ob ich mit den Fingerspitzen den Boden erreichte. Ob es weh tat, wenn ich die Beine im Liegen durchdrückte. Und das? Wie ist das? Tut das vielleicht weh? Nein? Jetzt vielleicht? Tut es jetzt weh? IMMER NOCH NICHT!?? WAS IST JETZT!!?? Und wenn ich so mache? Wie ist es jetzt!? TUT DAS WEH!??

„Nein. Eigentlich nicht.“

Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen. Nicht so direkt. So gar nicht wehleidig. Ich hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Ab jetzt war ich in seinen Augen nichts als ein Simulant, der einen gelben Schein abgreifen wollte. Eine Krankmeldung. Jedenfalls tat der Arzt meine geäußerte Vermutung, es handelte sich sehr wahrscheinlich um einen weiteren Bandscheibenvorfall, als nicht sehr wahrscheinlich ab.

„Was ich fühle, ist eine Wölbung der Bandscheiben. Sie arbeiten überwiegend im Sitzen, sagen Sie… hm. Schön. Na gut, na gut. Ich ziehe Sie diese Woche aus dem Verkehr und überweise Sie sicherheitshalber zum CT. Brauchen Sie etwas gegen Schmerzen? Soll ich Sie spritzen? Ja..? Gut. Ziehen Sie die Hose runter.“

So schnell hatte ich die Buxe lange nicht mehr unten. Wegen den Schmerzen, logisch, aber auch wegen der im Hintergrund agierenden Arzthelferin, die verstohlen zu mir rüberblickte. Verdammtes Luder. Die soll sich bloß vorsehen und im Treppenhaus auf mich warten. Das heißt, wenn ich es bis dahin schaffte, ohne zusammenzuklappen!

Luder!

Computer-Tomografie. Die Praxis des Radiologen war um die Ecke. Was heißt Praxis – es handelte sich um ein ganzes Haus mit drei Etagen. Rappelvoll, eine Abfertigung wie auf dem Flughafen. Rüder Mammografie-Massenbetrieb. Kasernenhofton.

„Jacke und Hose aus! Schuhe aus! Wertsachen in der Safe-Box verschließen! Dann hinsetzen! Jemand kommt und holt Sie ab!“

Als ich halbnackt in meiner Kabine Platz nahm, musste ich plötzlich pinkeln. Ich konnte es kaum noch aufhalten. Hose also wieder an, Schuhe an und durchs überfüllte Wartezimmer Richtung Patienten-Klo, mit fliegenden Schnürsenkeln. Ich pisste wie eine Kuh im Stehen, ich schiffte die ganze Weide voll. Dann zurück über den Gang, im Langlaufschritt, damit ich mir nicht auf die offenen Schnürsenkel trat und womöglich aufs Maul flog.

In der Kabine Schuhe wieder aus, Hose aus, Pullover aus. Es roch schon ein bisschen nach mir. Kaum saß ich auf meinem Bänkchen, wurde es mir schuppig kühl. Ich zog den Pullover gerade an, als wie von unsichtbarer Hand die Türe aufgeschoben wurde: „Herr Glumm…?“

Man führte mich in einen großen hellen Raum. Ein stabiler Untersuchungstisch führte in einen großen weißen Ring, dahinter war eine große weiße Maschine, deren Schlund offenstand und auf mich wartete.

„Einmal hinlegen..“

Das Personal sah aus, als wäre es an einem Mittwochmittag geboren worden, und seither war es jeden Mittwochmittag chronisch müde und wollte nur noch eins, nämlich so rasch wie möglich nach Hause, zurück ins Bett. Mittwochmittags, im Oktober.

„Ist das warm hier“, sagte ich, „da wird man ja müde“, und zog den Pullover aus.

„Den können Sie hier ablegen, wenn sie wollen“, sagte die Sprechstundenhilfe, „aber es lohnt eigentlich nicht. Können Sie in der Hand halten.“

„Warum lohnt das nicht?“

„Dauert nur zwei Minuten.“

„Nur zwei?“

„Ja. Zwei.“

„Die in der Orthopädie haben was von zehn bis fünfzehn Minuten gesagt.“

„Blödsinn. Nur zwei Minuten. Kein Problem.“

„Und mit dem Kopf muss ich nicht in der Röhre?“

„Nein. Müssen Sie nicht. Keine Angst.“ Sie zeigte mir die Apparatur. „Sie bleiben mit dem Kopf draußen, nur ihr Körper verschwindet durch den Ring. Sind Sie schon mal operiert worden?“

„Nein.“

„Gut. Dann legen Sie die Knie über das Kissen hier und entspannen sich.“

Die Liege fuhr automatisch nach vorn, einen halben Meter, bis ich mit dem Kopf die Maschine erreichte. Es war, als würde der Rest meines Körpers in einen überdimensionierten Verlobungsring verschwinden. Kam jetzt die langersehnte Verlobung zwischen mir und der Gerätemedizin?! Würde ich endlich mit der Technik vermählt werden!? Mit dem Somaton CT: SENSATION 16!

Um den Referenzpunkt festzulegen, wurde ich gelasert.

„Nicht in den Laserstrahl gucken!“

Ich glotzte voll rein.

Viertelstunde später, Sprechzimmer. Einer der Radiologen, ein großer Kerl mit grauem Kinnbart, hockte vor einer Batterie hochauflösender Monitore und teilte mir das vorläufige Ergebnis der CT-Untersuchung mit.

„Sie sind schon mal operiert worden?“

„Nein.“

„Gut. Davon habe ich nämlich auch nichts sehen können.“

Er blickte mir so ernst in die Augen, so grimmig, als hätte er soeben einen ganzen Doppel-Zentner Krebs entdeckt. Einen extrem bösartig streuenden doppelten Arschkrebs.

„Man sieht deutlich die Wölbungen an den Bandscheiben, es scheint aber noch kein Prolaps zu sein.“

„Kein Prolaps?“

„Kein Bandscheibenvorfall. Ich würde sagen, das kann noch konservativ behandelt werden. Muss nicht operiert werden. Wenn Sie Glück haben.“

„Wenn ich Glück habe?“

„Ja! Wenn Sie Glück haben! Und wenn Sie mich fragen, sehen Sie wie ein verdammter Glückspilz aus.“

Er kam mir vor wie ein Pilot, der Tag für Tag im engen Luftraum zwischen den Lendenwirbeln unterwegs war und sich dabei langsam aber sicher mit den immergleichen vorläufigen Kurzstreckenflügen zu Tode langweilte. Er tippte mit dem Stift auf einen der Monitore und sabbelte was von Schichtaufnahmen und Gallert-Flüssigkeit und irgendwas mit einer dicken saftigen Apfelsine. Er zeigte mal hier hin, mal dort hin, erwähnte „unerwünschte Abnormitäten“ und was weiß ich alles, ich hörte kaum noch hin. (Das mit der Apfelsine hatte ich überhaupt nicht kapiert.)

„Aber was letztlich bei Ihnen gemacht wird, entscheidet natürlich der Doktor..“, er warf einen schnellen Blick auf mein Patientenblatt, „.. Lausch.“

„Lusch.“

„Dann der.“

Als ich die Praxis verließ und über den Werwolf nach Hause ging, fragte ich mich, was der Doc mit der saftigen Apfelsine gemeint haben könnte, und warum er nicht Orange gesagt hatte, wie es jedermann heutzutage tat. Kein Mensch sagte mehr Apfelsine, kein junger Mensch jedenfalls, und so gut wie niemand fand irgendetwas noch astrein. Gegenüber des Baumarkts wirbelte plötzlich ein Haufen Laub durch die Luft, doch seltsam: es war kein Wind zu spüren. Das war auch gar kein Laub, das waren kleine Vögel, die zu Boden stießen. Im gleichen Moment nahm ich den Schatten eines Bussards wahr, der die Straße ins Visier nahm.

Engel und Indianer planen sich selbst

Mehr als 10.000 Bücher und Zeitschriften aus dem Bereich Design, Architektur und Kunst galt es bei laufendem Betrieb zu katalogisieren, aber ich hatte Zeit. Man ließ mich in Ruhe. Während Geschäftsführung und Computer in den oberen Stockwerken residierten, war die Bibliothek im Souterrain des restaurierten alten Hauptbahnhofs untergebracht, ich war ab vom Schuss.

Ehrlich gesagt: Die halbe Zeit saß ich am Rechner und schrieb Geschichten für mein Weblog 500beine. Es war das Jahr 2007, es waren die goldenen Blogger-Jahre. Wenn ich mittags die Statistik meines Blogs aufrief, hatte ich 400 Leute auf dem Schirm, doppelt so viel wie heute an zwei Tagen.

Blogs waren der Beat der mittleren Nullerjahre. Die Szene explodierte geradezu, jeden Tag kamen Hunderte neuer Blogs dazu, gleichzeitig schlossen hundert und wurden nie wieder gesehen. Als ich zwei Jahre zuvor gestartet war, tat ich es auf zehn Blogs gleichzeitig, aus lauter Übermut. Sie trugen Namen wie Opiumrauchklub, Ich bin die Beatles, Der Sprechvater und Frech wie Dreck. Einen nach dem anderen ließ ich wieder verschwinden, übrig blieb 500beine.

Es herrschte Goldgräberstimmung, und das Gold waren die Kommentare und vielen Verlinkungen, weniger die Klickzahlen. (Und scheiss Facebook gab es damals auch noch nicht, was ich dieser Zeit besonders hoch anrechne.) (Obwohl, Klickzahlen waren auch wichtig. Sei ehrlich, Glumm. Die Sucht nach Anerkennung steht auch Schlange in deinem Herzen.)

In der Bibliothek des Design-Instituts war es still und im Hochsommer angenehm kühl. Die wenigen Besucher, die sich überhaupt ins Souterrain des alten Hauptbahnhofs verirrten, waren meist vom alten Schlag. Sie hielten ein Schwätzchen, wenn sie an meinen Tisch traten und abwarteten, bis ich die Formalitäten erledigt hatte, die nötig waren, um eine Ausleihe (maximal vier Wochen, keine Verlängerung) zu ermöglichen. Die meisten Besucher hatten irgendwann mit Design zu tun gehabt, jetzt waren sie in Rente und hatten genug Zeit, um all die Fach-Literatur nachzuholen, die sie immer lesen wollten und für die ihnen früher die Zeit fehlte. Jetzt hatten sie die Zeit, aber es fehlte ihnen an Motivation. Sie quasselten mich lieber voll. Wie das so ist mit alten Menschen, die keine echte Aufgabe mehr haben. Sie entwickeln sich zu Nervensägen.

Es gab aber auch Besucher, die vor meinem Tisch standen und kaum einen Ton redeten, die lieber aus dem Fenster schauten, auf die Gleisanlagen und Fahrgasttreppen des alten Hauptbahnhofs, der seinen Betrieb eingestellt hatte. Ist ja schade, dass die Eisenbahn hier nur noch durchrauscht, hieß es vielleicht im Nachklapp, wenn die Ausleihe beendet war, oder Na, für Mitte September meint es das Wetter aber gut mit uns und solche Sachen, die man sagt, wenn man vom alten Schlag ist und nicht weiß, was man sonst sagen soll.

Und wenn zufällig Mittagszeit war, kam garantiert jemand mit Junger Mann um die Ecke, ich seh gerade, es geht auf halb eins zu, da hat meine Frau das Essen auf dem Tisch, jetzt muss ich mich aber sputen, und dann hörte ich nur noch das Klackern von sich sputenden Absätzen auf Granitfußboden und ich war wieder allein in der kleinen Bibliothek des Instituts, allein mit meinen zehntausend Büchern und Zeitschriften und CD-Roms.

Das heißt, so ganz allein auch wieder nicht. Es gab winzig-kleine Spinnen im Souterrain, UFO-Spinnen, die sich von der Decke seilten und ständig versuchten, mir ihre UFO-Eier ins Haar abzulegen. Es war ein bisschen unheimlich. Wenn ich die Türen öffnete und Durchzug machte, wenn Wind aufkam in den Räumen, regnete es winzige UFOs von oben, und niemand außer mir bemerkte es. Und was mich betraf, ich bemerkte es auch nur, weil ich mit der Zeit Augen dafür bekommen hatte, was hier vor sich ging. Andererseits war meine Wahrnehmung auch ein bisschen eingeäschert, wenn ich drei Stunden am Stück nichts anderes tat, als Bücher in die Computermaske einzugeben. Denn das tat ich ja auch noch, parallel zum Bloggen.

Es gab Tage, da war in der Bibliothek so wenig Publikumsverkehr, dass ich kein einziges Medium auslieh. Das Ganze war ohnehin eine Schnapsidee. Die vielen Bücher und Zeitschriften aus dem Bereich Design und Kunst waren die Schenkung eines emeritierten Design-Professors der Uni Wuppertal. Ein freundlicher alter Knabe, der so ausgiebig Pfeife rauchte, dass selbst seine Umrisse nur zu erahnen waren in all dem Pfeifenqualm, der ihn umgab. Er spazierte in seiner eigenen Wolke durchs Leben. Er waberte vor sich hin. Ich kam gut mit ihm aus. Wir mochten uns. Ich nannte ihn Professor Piepe, er mich Herr Sowieso, weil er sich keine Namen merken konnte.

Solange der alte Professor an der Universität Wuppertal Design gelehrt hatte, benötigte er zum Ausgleich einen Rückzugsort, an dem er ganz allein, nur mit seinen vielen Büchern, entspannen konnte. Seine Frau, die er liebte, („aber nicht über alles! Über alles liebe ich gar nichts! Nicht mal mich selbst!“), hatte ihm untersagt, diesen Rückzugsort im eigenen Heim einzurichten, sie wollte nicht im Muff der vielen alten Fachbücher hausen müssen. Also mietete der Professor im Jahre 1980 im Stadtteil Wichlinghausen kurzerhand zwei große Lagerräume an, in denen er dann fast dreißig Jahre lang viele entspannte Nachmittage im Kreise seiner Lieblinge verbrachte.

Als er 2007 in Pension ging, kündigte er den Mietvertrag und schenkte die Bücher dem neugegründeten Design-Institut in der Nachbarstadt Solingen. Problem: Solingen ist keine Uni-Stadt, hat keine eigene Studentenschaft. Wer zum Henker sollte also all die Medien ausleihen? Wer sollte sich dafür interessieren? Für Design und Philosophie und solchen Kram? Das war die Crux  an der Geschichte, an der ich beteiligt war, wenn auch nur als kleines Rädchen im Getriebe. Ganz unten, im Souterrain.

Als man nämlich Ausschau hielt nach jemanden, der die eigens im Souterrain eingerichtete Bibliothek des Instituts betreuen könnte, war ich zufällig in der Nähe und unterschrieb einen Zwei-Jahres-Vertrag. Zu Beginn fuhr ich jeden Tag nach Wichlinghausen, um Professor Piepe beim Abbau seines Lagers zu helfen, um die vielen Bücher und Magazine in Kisten zu verpacken. Ein Umzugsunternehmer brachte die Bücherkisten und Regale zum alten Hbf, wo ich alles wieder aufbaute. Ein einziges Mal noch schaute der alte Professor rein, das war am Tag der Eröffnung der kleinen Design-Bücherei, als Presse und Lokalfernsehen da war und ich zum TV-Moderator sagte, he, Sie kenne ich doch von irgendwoher, und der Mann nur vergrätzt so was ähnliches murmelte wie

ja.

Nun. Das war ungefähr der Stand der Dinge, als im Spätsommer 07 ein Indianer in die Bibliothek spazierte.

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Straßen, in Gang gesetzt

Die Auswahl an Geschäften war niemals größer als in den 80ern. An der Wupperstrasse gab es sogar ein kleines Antiquitätengeschäft, das einem Bekannten namens Kerry gehörte und in dem Karlos im Frühjahr 1983 zum ersten Mal öffentlich einige meiner Gedichte las. Meine große Schwester war im Publikum und machte nach Ende der Lesung eine Pulle Sekt auf. Ich war richtig stolz an dem Tag. Sogar die Sonne war draußen, daran erinnere ich mich. Der Laden floppte nach drei Monaten.

Es gab zwei Kioske, zwei Bäckereien und drei Friseursalons an der Wupperstrasse, dazu zwei Kneipen, eine mit Bundes-Kegelbahn. Es gab zwei Blumenläden, zwei Generalvertretungen von Versicherungen, eine Gesamtschule, eine Grundschule in unmittelbarer Nähe, zwei Discounter, drei (!) Imbissbuden und eine Lotto-Annahmestelle. Die war nach Schulschluss regelmäßig so mit Kindern überfüllt, die sich frenetisch mit süß-sauren Vampir-Schnüren und anderem Süßkram eindeckten, dass die Inhaberin entnervt die Notbremse zog.

„NUR NOCH REINKOMMEN, WAS GELD HAT!!“ rief sie. „ALLES ANDERE WARTET DRAUSSEN!“

Ruckzuck war die Lottohölle leergefegt.

*

Wie verabschieden sich Grundschüler, dritte Klasse, im Frühjahr 2020 voneinander? „Peace, Leute!“

*

Was die Imbissbuden an der Wupperstrasse betraf, entschieden wir uns meist für den Griechen. Ein schlecht gelaunter Mann um die sechzig, früh ergraut, teilnahmslos im Wesen, aber das Gyros, eins a. Weil sein gewöhnlicher Gyrosteller so reichhaltig ausfiel, dass man ihn kaum aufkriegte, handelten die Gräfin und ich einen noch größeren Extra-Teller aus, den wir uns dann teilten.

Das war mal ein Deal nach unserem Geschmack, der uns aber an einem späten Sonntagabend auch nicht weiterhalf. Wir wollten beim Griechen mal was anderes essen, nicht immer Gyrosteller, bloß – was? Wir standen ratlos vorm Eingang. Im Schaufenster hing eine kleine Tafel, die uns noch nie aufgefallen war. Mit weißer Kreide, das Angebot der Woche:

LAMMKOTELETT 9 MARK 50 MIT SALAT.

Der Grieche hatte kurze kräftige Arme wie ein Ringer, einen orthodoxen Schnauzbart und große unglückliche Augen. Dass er im reichen Deutschland einst bis zur Rente im Schaschlik stochern müsse, davon war keine Rede gewesen, zwanzig Jahre zuvor, als er in seiner Heimat sein Bündel schnürte, um im kühlen Bergischen Land Pommes Frites aufzubacken.

„Hallo“, grüßte er matt, mit dem Rücken zu uns. Er musste sich nicht groß umdrehen, um zu wissen, wen er hinter sich hatte. „Einmal Gyros extragroß mit Pommes und Krautsalat..?“ erkundigte er sich routiniert.

„Chef, heute nicht. Wir nehmen zwei Mal Lamm-Kotelett.“

Der Grieche packte die Greifzange und wendete die letzten Bratwürstchen auf dem Rost. Er trug einen kurzarmigen Kittel. Fett spritzte auf, bei jedem Wendemanöver. Er sagte keinen Ton. Sein linker Arm, der die Greifzange hielt, war schwer vernarbt. Der Glücksspielautomat machte Tiledülü, ohne dass jemand spielte. Die Gräfin schaute mich fragend an. Ich zuckte nur mit den Achseln.

„Ähem, Lamm-Kotelett, Chef!“ versuchte ich es erneut. „Zwei Mal. Mit Salat. Das Angebot der Woche.“

Er drehte sich um und blickte zur Wupperstrasse hinaus, genau zwischen uns hindurch, in die beginnende Nacht. Als existierten wir gar nicht. Es war fast dreiundzwanzig Uhr, wir waren die einzigen Gäste.

Tiledülü. Tiledülü. Tiledülü.

„Geschäft nix gut, Schulferien. Alle in Urlaub.“ Der Grieche zuckte unwirsch mit der Zange, und wartete. Wartete auf die richtige Bestellung. Vielleicht war ihm das Lamm ausgegangen, oder er hatte es nie besessen. Nur die Tafel im Schaufenster. Vielleicht war es ihm auch zu lästig, die Tiefkühltruhe nach zwei Angebot-Koteletts abzusuchen. Prospektfälscher, dachte ich.

Die Zeit brutzelte, das Fett, der Spielautomat. Es fühlte sich an wie kurz vorm entscheidenden Match, wenn beide Teams im Stadion auflaufen, die Wimpel austauschen und die Seiten wählen, und dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel nicht an.

Ich folgte seinem schweifenden Blick und sah hinaus auf die Straße. Eine Laterne warf ihr gelbliches Licht in sein Schaufenster. Am Abend schaltete die Menschheit großflächig ihr Licht an, weil die Angst überwog, im großen finsteren Nichts des Universums verloren zu gehen. Dass man am Ende womöglich noch unbedeutender war, als ohnehin vermutet.

Es war die Gräfin, die schließlich ein Einsehen hatte.

„Einmal Gyros, Chef, extra-groß, mit Pommes und Krautsalat… wie immer.“

*

Auch wenn man etwas vom Kiosk brauchte, hatten wir Alternativen. In der Nähe der Tankstelle betrieb der Kindermörder seine kleine Trinkhalle. Der Kindermörder hieß Kindermörder, weil er mit seinen sechzig Lenzen immer noch so goldig und putzig aus seinem Büdchen linste, dass sich alle einig waren: hinter dieser Fassade konnte nur ein gelernter Kindermörder stecken. Alles andere wäre Blödsinn gewesen. Hätte keinen Sinn gemacht. Warum sonst sollte ein 60jähriger Mann mit einer solch provozierend unschuldigen Fratze den ganzen Tag in einem Kiosk rumsitzen. Zwar verschwand während seiner aktiven Zeit niemals ein Kind, geschweige denn wurde eins ermordet, aber wir behielten den Burschen im Blick.

Weiter oben, Ecke Felderstrasse, führte die Negernase ein stadtbekanntes Büdchen. Komm, wir gehen zur  Negernase, war ein stadtbekannter Slogan. Er war geschäftstüchtig, verkaufte Düsseldorfer Altbierspezialitäten und amerikanische Schokolade. Er hatte weiße Haut, aber die Nase eines Schwarzen, ein verdammt plattes Teil. Sie wurde ihm mehrfach eingeschlagen. Schließlich gab er auf. Da tat er vielen Leuten leid. Vorher nicht.

Am Schlagbaum gab es übrigens eine türkische Pommesbude, die ein kleiner grauer Kerl namens Hitler betrieb. Ein Kurde. Komm, wir gehen noch zum Hitler! war nach Mitternacht ein ebenso stadtbekannter Slogan wie Komm, wir gehen zur Negernase! Wer irgendwie in die Nähe eines Spitznamens geriet, der hatte Pech gehabt. Dann hieß man eben Negernase, weil die Nase dick und platt war, oder Hitler, wegen dem kurzen Schnauzbart, oder Kindermörder, wegen der Unschuld im Gesicht, die nicht sein konnte.

Oder man hieß Schmutzvogel, der von der nahen Klingenstrasse aus operierte. Vor der Eingangstür seines Kiosks stand weithin sichtbar ein knallroter Sonnenschirm, darunter prangte ein großes GEÖFFNET-Schild, auch wenn geschlossen war. War doch egal. Machte doch nichts. Manchmal machte der Schmutzvogel zwischen eins und drei Mittagspause, manchmal zwischen zwölf und vier, manchmal gar nicht, dann machte er durch und war ganz stolz auf sich, dass er keine Mittagspause gemacht hatte. Am Wochenende war den ganzen Tag geschlossen. Montags auch, aber nicht immer. Es konnte passieren, dass man am Dienstagnachmittag zur Klingenstrasse radelte, um beim Schmutzvogel ein Päckchen Kaugummis einzusammeln, und dann war die Tür schon seit Tagen verrammelt. Bin gleich wieder da. Man blickte nicht durch, nach welcher Politik der Schmutzvogel seine Öffnungszeiten einrichtete.

Warum der Schmutzvogel Schmutzvogel hieß? Weil er ständig in derselben ollen schmutzigen Strickjoppe herumlief. Der ganze verdammte Kiosk müffelte nach seiner ollen Strickjoppe. Nur wenn sein Sohn ihn vertrat, roch es besser im Etablissement. Er war zwanzig Jahre jünger als das Original, unrasiert, er trug eine abgewetzte adidas-Jacke.

Neben dem Wechselgeld-Tellerchen fiel mir ein Packen Flyer auf. Jemand bot seine Dienste an. Spezialreinigung für sanitäre Anlagen, las ich, ausdrücklich auch für private WC’s, worauf ein stilisierter Toiletten-Pümpel hinwies.

„Kannst du einstecken den Flyer“, sagte der Sohn vom Schmutzvogel.

„Ist von dir?“ fragte ich.

„Ja. Mach ich seitn paar Tagen. So nebenher.“

„Und? Schon Kundschaft gehabt?“

„Kundschaft? Nee, noch nich. Mach ich erst seitn paar Tagen. Spezialreinigung. Man muss sich was dazu verdienen. Kannst du einstecken. WC-Wäsche. Für alle Anlagen, für jedes Pöttchen.“

„Nee, brauch ich nicht“, sagte ich, doch er hörte gar nicht hin.

„Ich muss nebenher was verdienen, wir kommen nicht über die Runden. Hier, der Kiosk, was glaubst du, was der an Miete frisst? Der frisst fünfhundert Tacken Miete im Monat, plus zweihundert Nebenkosten. Und was verdienen wir an einem Päckchen Tabak? Zehn Cent. An einer BILD? Drei Cent. Vier vielleicht. Oder hier, die Zeitschriften. Verdien ich sieben Cent dran. Das ist doch Mist, viel zu wenig bei siebenhundert Fixkosten.“

Moment. Er verdiente sieben Cent an einer Zeitschrift? Blödsinn.

„Ich kenne jemanden, der hat auch einen Kiosk, der macht an jeder Zeitschrift dreißig Prozent Gewinn, Zeitschriften sind sein Umsatzbringer“, sagte ich. „Dreißig Prozent, nicht sieben Cent.“

„Quatsch, sieben Cent“, beharrte der Sohn vom Schmutzvogel. Er stapfte ins Nebenzimmer, wo rund um die Uhr Besuch auf dem Sofa saß und die Vorräte wegrauchte. Als er zurückkehrte, hatte er eine Liste dabei. Vom Grossisten.

„Hier. Da.“ Er zeigte auf die Mehrwertsteuer-Spalte. „Da stehts doch. Ich´verdien 7 Cent an ner scheiß Zeitschrift. Mehr nicht.“

„Das bedeutet 7 Prozent“, sagte ich. „Das ist Umsatzsteuer.“

Der Sohn vom Schmutzvogel starrte mich mit großen Augen an, wobei er ein bisschen aussah wie das GEÖFFNET-Schild vor der Tür. Egal, ob geschlossen war.

„Das ist Mehrwertsteuer“, wiederholte ich. „Auf Zeitschriften sind 7 Prozent Mehrwertsteuer drauf. Nicht 7 Cent.“

„Was?! Nee! Sieben Cent! Alles Scheiße in Deutschland!“ Er senkte die Stimme. So, als dürfte der Besuch im Nebenzimmer nicht hören, was er nun zu sagen hatte. „Wieso sagst du plötzlich Mehrwertsteuer? Eben sagst du Umsatzsteuer.“

„Mehrwertsteuer ist Umsatzsteuer. Ist nur ein anderes Wort.“

Er drückte mir einen Packen Flyer in die Hand.

„Hier. Bisschen Reklame machen. Kannst du einstecken.“

Eigentlich wollte ich der Gräfin vom Schmutzvogel eine Wundertüte mitbringen, eine blaue für Knaben. Einer meiner besseren Gags. Aber dazu hatte ich jetzt keine Lust mehr. Die Idee mit der Wundertüte war nicht gestorben, aber ich kaufte sie lieber oben beim Kindermörder. Der hielt wenigstens seine Klappe, und schlachtete still vor sich hin.

Ill.: Susanne Eggert

*

Nachmittags im Salon der Stammfrisörin. Die Chefin ist außer Haus. Es bedient Sie meine kroatische Mitarbeiterin. Sie hat mir erst einmal die Haare geschnitten. Eine langsam vor sich hinwerkelnde Person um die Dreißig, die von ihrer Chefin die Order gekriegt hat, während der Arbeit kein Kaugummi mehr zu kauen. Es zu unterlassen. Sofort einzustellen. So mancher Kunde würde es als störend, ja als geradezu aufreizend lässig empfinden. Es wird nicht gern gesehen in Deutschland, mit einem Kaugummi im Mund sein Brot zu verdienen.

(Anstatt das Langsame, das Lässige zu zelebrieren und auszukosten, als Erlebnis zu huldigen, versuchen wir auf den fahrenden Zug aufzuspringen und noch einen draufzusetzen.)

(Dabei fand ich Zeitlupe schon als Kind toll. Das kitzelte so schön in der Seele, so die Gräfin).

Seither hat die Kroatin kein Kaugummi mehr im Mund bei der Arbeit, ist aber noch langsamer geworden, so langsam, so ermüdend langsam, dass mir nach nicht mal zwei Minuten in ihren Händen sämtliche Augen zufallen und ich nur noch das Klappern der Scherenblätter wahrnehme, aus der Ferne, in dieser weichen und leisen Lesart, als säße die Kroatin am Frühstückstisch und schmierte sich ein großes Butterbrot, mit gleichmäßigen, rhythmischen Scherenbewegungen. Keine zehn Minuten später wird mir der Kittel abgenommen und ich hab kurzes Haar. Genial.

*

Manchmal möchte ich wieder zwölf sein, von der Schule kommen, entlang der Schillerstraße trödeln. Ich freue mich darauf, am Nachmittag Pan Tau zu gucken, eine Tasse heißen Kakao in Arbeit. Aber keinen echten, fair gehandelten Bio-Kakao, sondern zuckriges Kaba.

*

Eine unvergessliche Beziehung hatte ich in den 90ern zu der neuen Verkäuferin in einer der beiden Bäckereien der Wupperstrasse. Sie war sowas von selten dämlich, dass ich schon keine Lust mehr auf ein Teilchen hatte, wenn ich die Bäckerei betrat und sah, dass sie hinter der Theke stand, weil ich genau wusste, gleich versucht sie wieder witzig zu sein. Andererseits wurde ich jedes Mal innerlich rot, wenn sie hinter der Ladentheke war.

Als ich sie mich das erste Mal bediente, dachte ich sofort, Moment, die kommt dir bekannt vor, die kennst du von früher – bloß woher? (Einer meiner Lieblingsgedanken von klein auf. Ich hatte von klein auf kein gutes Personengedächtnis. Ich musste mir immer alles aufschreiben, um wir was merken zu können.) Während sie mit glühenden Bäckchen meine Bestellung entgegennahm, fiel es mir ein – nein, es kam mir siedend heiß in den Sinn. Sie ähnelte verblüffend einer Figur aus einem Pornoheft, das eine Zeitlang in meinem Besitz gewesen war, bis der dicke Hansen eines Tages zu Besuch kam und sich ein Stündchen aufs Ohr haute. Dabei musste er das Pornoheft entdeckt haben, genau in der Ritze zwischen der Wand und meiner Matratze, ich habe es seit diesem Stündchen niemals wiedergesehen.

Wer ein Pornoheft eine Zeitlang in Arbeit hat, baut eine Beziehung zu den Figuren auf. Man hat schließlich Sex mit ihnen. Immer denselben. Das verbindet. Die Frau, an die mich die junge Bäckerin erinnerte, machte ich damals besonders scharf. Sie spielte eine Küchenmagd, und sie hatte außergewöhnlich rosige Bäckchen. Da waren natürlich noch jede Menge anderer Frauen in dem Sexheftchen, auch jede Menge Schwänze, die will man auch sehen in einem Porno, selbst wenn man Schwänzen anderer Männer sonst nicht so viel abgewinnen kann.

Was wollte ich sagen.

Wenn es mir beim Masturbieren kam, dann meist beim Anblick der Magd, sie war es, bei der es mir zuletzt warm über den Handrücken lief. Und nun wurde ich also von ihrer mutmaßlichen Wiedergängerin als Bäckereifachverkäuferin bedient.

(Der Porno spielte im Museum. Riesige Gemälde hingen dort, Szenen aus dem bäuerlichen Mittelalter. Es dauerte nicht lange, und die Mönche und Mägdelein stiegen aus den Bilderrahmen und trieben es miteinander. Da nagelten nicht nur überraschte Museumsbesucher und Putzfrauen um die Wette, auch die pingelige Direktorin Frau Dr. Moesenlechner, zunächst empört, kaute sich ab Seite 3 durchs Fleisch. Und nun stand ich 10 Jahre später in der Bäckerei vor der jungen Verkäuferin, die so verblüffend der Magd mit den roten Apfelbäckchen ähnelte, auf die ich mir xmal einen runtergeholt hatte, als ich jung war, und die nun, Jahre später, nur dummes Zeugs babbelte.

*

Morgens, kurz nach acht, in der Bäckerei.

Sie: „Moin, moin!“

„Morgen.“ (Ich).

Sie, listig: „Zwei Brötchen?“

Ich: „Nein. Vier.“

„Vier? Na! Oh!“ Sie stopft 2 Brötchen in eine Papiertüte. „Meistens nehmen Sie aber zwei!“

„Mh, ja. Heute vier.“

Sie grinst und nimmt 2 weitere Brötchen aus der Brötchenkiste.

„Stellen Sie sich vor, ich hätte jetzt nur zwei statt vier in die Tüte getan! Ist mir mal passiert! Ein Kunde hat vier Brötchen gesagt, und ich tu nur zwei rein!“ Sie rollt aufgeregt mit den Augen. „War aber nicht so schlimm. Ich hab ja Gott sei Dank bis vier Uhr Schicht! Hahaahaaa!“

Ich fasse es nicht. Ist sie jetzt komplett gaga? Sie geht zur Kasse.

„Hundertzwanzig Euro!“ ruft sie munter.

Ich lege eine Ein-Euro-Münze und 20 Cent auf den Tresen.

„Hey! Sie haben es passend! Wie wunderbar!“

Ich nehme die Tüte mit den Brötchen.

„Hier, sehen Sie! Ich kann auch 50 eindrücken!“ sagt sie, als ich schon halb aus der Tür bin.

Ich drehe mich müde um.

„Fünfzig.. was?“

„Fünfzig Euro! Wenn ich will. “

„Mh..“

„Oder dreissig Euro! Ganz wie ich will!“

Herrschaftszeiten, die schämt sich auch für gar nichts. Was soll denn daran witzig sein? Oder ist sie einfach nervös? Und bei der ist es mir so oft gekommen? Ich kapiere ihre blöden Zahlenspiele überhaupt nicht. Erst als sich hinten in der Backstube eine Männerstimme erhebt und barsch nach ihr verlangt, CONNIEE, DIE BERLINER!!, gibt sie Ruhe und wird um die Bäckchen rot, genauso, wie ich sie in Erinnerung habe.

Zuhause hole ich mir in Seelenruhe einen runter.

Crying

 

Das Bild hängt seit Jahren über meinem Bett und hält Wache. Sanne hat es im Mai 2012 gemalt, kurz nach meinem Herzinfarkt.

*

“Da sind Sie dem Tod ja nochmal von der Schippe gesprungen”, sagt Intensiv-Krankenschwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Ihr Auftrag: ein EKG anfertigen. “Das war Rettung in höchster Not.”

Eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, war schon seit geraumer Zeit dicht, wie ich im Nachhinein erfahre.

“Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt. Die zweite Arterie war nur noch zu zwanzig Prozent offen, und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste. Sie haben Glück gehabt, dass Sie so schnell im OP waren. Nicht auszudenken, Sie wären gestern irgendwo im Wald gewesen und die Rettungskräfte hätten noch Zeit gebraucht, um Sie zu finden…”

Hm..? Im Wald? Wie kommt sie denn darauf?

“Ich war tatsächlich im Wald“, sage ich, fast ein bisschen empört, „mit dem Hund. Aber zum Glück vorgestern.“

An der Papiermühle sind wir gewesen, Stöckchen werfen, räubern. Bei diesen schwülen Temperaturen. Unten an der Wupper. Ohne Handy natürlich. Wenn man mich da gefunden hätte, dann nur tot.

“Na, sehen Sie, wieviel Massel Sie hatten”, sagt Schwester Simone, und macht große Augen.

Pflegegruppe 32

Karlos hatte eine Katze

In den frühen 80ern zog Karlos von zu Hause aus. Er wohnte nun an der Finkenstraße. In der Vogelsiedlung gab es die Drosselstraße, die Lerchenstraße, die Finkenstraße, es fehlte nur eine Starenstraße. (Aber is klar, sagte ich zu Karlos. Ich wohn ja nicht da.) Und einen Dompfaffweg gab es auch nicht. Dafür aber eine Wachtelnstrasse. Und der Mitsubishi Boy wohnte um die Ecke, die Gemeine Bluesröhre unter den Singvögeln. Der B.B. King. Er konnte sogar ein Gitarrensolo zwitschern an guten Tagen.

Im Sommer herrschte ein ziemliches Gezeter in der Genossenschaftssiedlung, dauernd gab es Ärger. Das Getöse der Jungen kollidierte mit dem Ruhebedürfnis der Alt-Vögel, die zum Teil seit Jahrzehnten in der Siedlung nisteten. Die Häuser waren im Karree gebaut, es gab großzügige Innenhöfe mit viel Grün und Geschrei vom Spielplatz.

Einmal hörten wir die Kinder Herr Meier sagt spielen, ein Spiel, das wir selbst noch aus unserer Kindheit kannten, aber wir hatten vergessen, nach welchen Regeln Herr Meier den Mund aufmachen durfte. Man freut sich, wenn Kinder etwas spielen, das man selbst noch gespielt hat. Dass es noch Dinge gibt, die sich nicht ändern, Spiele wie Völkerball, Reise nach Jerusalem, Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Wo man sofort einsteigen könnte, eine Runde mitspielen.

Wenn die einen nur ließen, verdammte Saubande.

(Einmal kam ich an einem Schulhof vorbei. Die Kinder waren in ein Spiel vertieft, das ich nicht kannte. Ich blieb stehen und schaute eine Weile zu. Versuchte dahinterzukommen, wie das Spiel funktionierte, doch ich wurde nicht schlau daraus. Ein seltsamer Zorn lag über dem sonnigen Schulhof. „Wie heißt euer Spiel?“ rief ich. „Wer hat Angst vor der weißen Frau!?“ kicherten die Kinder und blickten sich um. Da erst merkte ich: war gar kein Spiel. War die Lehrerin dahinten.)

Karlos‘ Wohnung an der Lerchenstrasse hatte zwei Zimmer unterm Dach. Jeder 20jährige Single schien in solch einer 2 Zimmer-Wohnung zu hausen, unterm Dach der Genossenschaft, plus Kochnische. Man stieg eine steile Treppe hinauf, und kurz bevor man den Speicher erreichte, öffnete sich eine Tür und drin war man im Verlies der ewigen 45 m².

Karlos teilte es sich mit einer Katze namens Lady. Sie war ihm zugelaufen, kaum dass er eingezogen war. Ein ziemlich hochnäsiger Brocken, und hochneurotisch dazu. Lady pisste ihm gern mal ins Bett, wenn sie sich vernachlässigt fühlte. Heutzutage würde Lady vermutlich eimerweise Bachblüten zu fressen kriegen gegen Harnabsatzstörung, damals hieß es einfach, die Katze hat nen Knall.

Lady ließ Karlos sehr deutlich spüren, wer Herr im Haus war. Mit ihren scharfen Krallen lauerte Lady ihm nachts im Wohnungsflur auf, wenn er betrunken nach Hause kam. Sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Karlos zu viel getankt hatte – und Paff!! hatte er eine kleben, sobald die Tür aufging und Karlos durch den Flur torkelte. Lady saß oben auf der Garderobe und zog die Pfote voll durch, wie einen Baseballschläger. Eine Samtpfote war das jedenfalls nicht. Meist erwischte Lady ihn an der Schulter. Dass Karlos mittlerweile genau an dieser Stelle eine mittelschwere Arthrose ausbildet, wundert niemanden, der damals dabei war.

Lady war kein Tier, mit dem man schnell Freundschaft schloss. Zwei Tage vor ihrem Verschwinden, an einem Abend, als in der gesamten Siedlung 20 – 30 Katzen verschwanden und vermutlich als Versuchstiere endeten, stolzierte Lady in Karlos‘ Bude auf und ab. Sie sprang auf die Sessellehne, beugte sich zu Karlos hinunter und gab ihm einen Kuss – zum ersten und zum letzten Mal.

Wenn ich zu betrunken und/oder zu stoned war, um es heil die Treppe runterzuschaffen, übernachtete ich bei Karlos, ob es ihm gefiel oder nicht. Er hatte ein riesigen Bett, groß genug für Großfamilien, ein Unterschlupf für ganze Clans. Der Rest des Schlafzimmers wurde von hohen Apotheker-Regalen dominiert, die Karlos‘ Vater einem alten Apotheker abgeluchst hatte, für kleines, ja geradezu winziges Geld. Die schicken Wandregale reichten bis zur Decke und boten Platz für Karlos‘ immense Büchersammlung. Einige Regale trugen die original roten Apotheken-Schildchen aus den 50erjahren, wie Herb. Millefol. oder Leucoplast., Penicill. und Absinth. Im bekifften Kopf versuchten Karlos und ich immer wieder, die Bücher passend zu den Emaille-Schildchen einzuordnen. So standen die Romane von Paul Bowles unter Absinth, und Klaus Manns Kracher April, nutzlos vertan unter Phlox-Subulata. – was immer das bedeuten mochte. Nur beim Schildchen Asthmapulver. war klar, welcher Schriftsteller dort hingehörte: Proust. Aber Karlos hatte kein Buch von Proust.

„Pech gehabt“, sagte ich.

*

Es gibt ein Notizbuch aus dieser Zeit (1985). Dort lese ich, dass ich einmal bei Karlos übernachtete und dabei von drei dicken schwarzen Mamas geträumt hatte, die auf mich einquasselten, in einer S-Bahn, die ganze Fahrt lang. Ein echter Disput war im Traum entbrannt, doch als ich wach wurde, hatte ich vergessen, was Thema gewesen war, obwohl der Traum gerade mal eine halbe Sekunde vergangen war. Es will mir bis heute nicht in den Kopf, wie das sein kann, dass mit dem Moment des Wachwerdens ganze Traum-Passagen auf Nimmerwiedersehen abtauchen, nur weil plötzlich die Schranke zum neuen Tag hochschnackt.

Ein dumpfer Aufschlag brachte mich zurück in die Gegenwart. Er kam aus der Halbdistanz, wenn man das Leben als Boxkampf begreift. Selbst an einem ruhigen Sonntagmorgen war der dumpfe Schlag zu hören, wenn Überstunden anstanden. Der dumpfe Schlag kam aus der Gesenkschmiede, einen halben Kilometer Meter Luftlinie entfernt. In regelmäßigen Abständen sauste der Hammer nieder, wie ein Gongschlag aus der Eisenzeit, ein bedrohliches, ein bleiernes Aufstampfen.

Karlos und ich lagen im Bett, noch benommen von der Nacht lauschten wir dem Gesenkhammer, der heißes Eisen in Form brachte. Wir rauchten eine Zigarette.

„Hab ich ein komisches Zeugs geträumt“, meinte Karlos. Auf einer Messe hatte man ihm eine neuartige Biene vorgestellt, die man küssen konnte, ohne dass sie einen sticht.

„Ich konnte gar nicht genug davon kriegen, mit ihr zu spielen.“

Im weiteren Verlauf des Traums teilte er sich mit der neuartigen Super-Biene eine Brombeere am Brombeerstrauch. Alles ganz friedlich, ganz souverän.

„Die Wespe saß auf meinem Handrücken und war genüsslich die Brombeere am mümmeln, und ich hab den Rest genommen.“

„Ich dachte, das war ne Biene.“

„Was hab ich denn gesagt?“

„Ne Wespe.“

„Naja, Biene, Wespe, Hornisse – ist doch egal. Sind doch alle am Stechen.“

Während Karlos also (laut Notizbuch) mit friedfertigen Super-Bienen poussierte, saß ich im Traum im Eilzug Richtung Basel und ließ mir von drei dicken Soul-Mamas ein Ohr abkauen. Als ich wach wurde, fiel in der halbnahen Gesenkschmiede der Hammer.

„Ist vielleicht für ne Kurbelwelle oder so“, murmelte Karlos.

Gern hätte ich ihm von meinem Traum erzählt, aber es gab nichts zu erzählen, ich hatte fast alles vergessen. Es gibt kaum etwas dünneres auf Erden als Träume, die nicht viel hergeben, ja, die streng genommen gar nicht hätten geträumt werden müssen, die bloß auf die Welt gekommen waren, um etwas Traumzeit zu verbrennen.

Alles Unsinn.

Die Jungs, die wir schon immer waren

18 Uhr, Feierabend im Institut. Als ich die Trasse durch den Süd-Park nehme, Hände in den Manteltaschen, fröstelnd, da ich gerade noch im Warmen saß, humpelt jemand im Halbdunkel vor mir her, mit einem Hund an der Leine. Ist das nicht der Harry? Könnte der Harry sein, so von der Statur her, außerdem – wohnt der hier nicht in der Nähe..? Doch seit wann humpelt der? Ich schließe zu ihm auf. Klar ist er das. Das ist der Harry!

„Harry, alter Humpelbaron! Was ist los?“

Das war wohl etwas laut. Nah am Überfall. Der Hund, ein junger schwarzer Labrador, bleibt stehen und springt an mir hoch, die Steuermarke klimpert.

„Alter, du bist das..! Du krummer Parkettleger.“ Erleichtert reicht Harry mir die Hand. „Schampus, he! Nicht springen!!“

Der Hund dreht sich vor Freude im Kreis, er gerät außer Rand und Band, obwohl ich ihn gar nicht kenne. Die Hundeleine verwickelt sich um unsere Beine, Harry gerät beinahe ins Straucheln.

„Scheiße, das hätte noch gefehlt… dass ich mich hier aufs Maul lege. Schampus..!“

„Der riecht meine Frau Moll“, sag ich.

„Frau Moll? Hast du ne neue Olle?“

„Quatsch.. Mein Hund.“

„Ach so. Der wuschelige. Wie..? Noll?“

„Moll.“

Harry fasst den Labrador enger.

„Ich dachte schon, wer marschiert da so schräg hinter mir her. Ich wollte schon den Schlagring parat machen.“

„Ist wahr?“

„Ja, was denkst du.. Abends im Süd-Park, die aggressiven Skater, da weiß du nie. Die fahren dir die Hacken ab und weg sind sie.“

Harry gehört zu den Leuten, die ich schon lange kenne, ohne mit ihnen befreundet zu sein. Der Labrador schnuppert an meinem Sack. Ich tätschle sein Köpfchen.

„Sag mal, hat dein Hund frischen Pansen gefressen?“

„Ja, wieso? Stinkt der so?“

Ich nicke. „Als hätte jemand die Tür zum Kuhstall eingetreten.“

Harry lacht. „Pansen ist sein Pudding. Da kriegt er nicht genug von.“

„Hast du den schon lange?“

„Na, ein dreiviertel Jahr.. Eigentlich wollt ich mir einen belgischen Schäferhund zulegen, aber dann stand Schampus vor der Tür und hat Pfötchen gegeben. Da war`s um mich geschehen.“

„Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch“, sag ich. „Der Kollege könnte aber allmählich die Nase aus meinem Sack nehmen.“

„Er weiß eben, was gut ist.“

„Auch wieder wahr.“

Im Schein einer Laterne fällt mir auf, dass der Labrador ein Stummelschwänzchen hat. Seit wann haben Labradore Stummelschwänzchen? Harry sieht meinen irritierten Blick.

„Die Mutter hat acht Welpen geworfen und vor lauter Stress den Überblick verloren. Statt der Nabelschnur hat sie bei Schampus den Schwanz abgebissen. Er ist aber trotzdem ein fröhlicher Bursche. Auf Maria steht er besonders.“

„Maria?“

„Meine Freundin.“

„Ach ja, richtig.“

Maria kommt aus Polen. Anfangs brachte sie als Putzfrau Harrys Bude auf Trab, mittlerweile sind die beiden ein Paar. Harry steht auf polnische Frauen.

„Die sind besser durchblutet als deutsche Frauen mit ihren dicken Verkäuferinnenbeinen.“

Harry versucht, mein Tempo mitzuhalten, klappt aber nicht. Ich verlangsame den Schritt.

„Was ist denn passiert?“ frag ich. „Was hast du mit deinem Bein angestellt?“

„Na, der Arbeitsunfall!“

Er ist empört, dass ich diese Frage überhaupt stelle. Dass ich anscheinend nichts davon gehört habe, was ihm zugestoßen ist, dass schlechte Neuigkeiten nicht mehr automatisch die Runde machen wie früher, als wir jeden Abend am Tresen standen und uns flapsig Gags und Gin-Tonic zuwarfen. Und zwischendurch um die Ecke gingen, eine Lolle rauchen.

„Ich krieg schon seit Juli Verletztengeld, Alter! So lang ist das schon her mit dem Arbeitsunfall. Mittlerweile bin ich wieder richtig gut zu Fuß. Hier, ich kann schon wieder richtig auf Dancing Queen machen..“

Tap, tap, tap – Harry, der älteste der drei Rocketta-Brüder, deutet einen Schritt aus der Tanzschule an, mit einer Frau im Arm, die nicht da ist, und lässt ein nervöses Lachen hören,

„Ich bin noch nicht der Alte, aber das wird wieder.“

In den 80erjahren legte Harry eine filmreife Nummer hin, als er auf der Flucht vorm Kölner Rauschgiftdezernat seine 1000er Kawasaki in ein Gebüsch fuhr und in Panik über einen Zaun türmte. „Der war so hoch, der hörte überhaupt nicht auf. Dass ich da überhaupt hochgekommen bin, lag allein am Testosteron.“ Es war mitten in der Nacht, er verhielt sich so still wie möglich auf der anderen Seite, und schlief ein. Als er am Morgen wach wurde, hörte er das Trompeten eines Elefanten. Vor ihm stand ein Mann in grünen Klamotten, der mit einer Gartenhacke drohte. „Los, aufstehen!“ Er war im Kölner Zoo eingepennt.

„Der Unfall, ja, der Unfall.. im Betrieb hatte sich ne Stahlwalze selbständig gemacht und ist mir von hinten voll ins Bein gerutscht. Hätte mir das Bein fast zerquetscht. Mein erster Gedanke war, Mist, jetzt kann ich erstmal nicht mehr mit dem Hund raus.“

In einer Not-Operation wurde das Bein gerettet und mit Metallplatten und Schrauben verstärkt, „seitdem bin ich ein einziges Ersatzteillager, Alter. Wenn du mal was brauchst… ruf an. Es ist alles da. Platten aus Titan, Drähte, Schrauben in allen Großen… ich bin der Terminator.“

„Wo warst du denn? In welcher Klinik“

„Na, bei uns. Im Städtischen. Kannst du einen Roman drüber schreiben. Hier, die Gips-Ärztin, Alter, die hat nur Mist gebaut. Der Gips war viel zu weit, in dem konnte man verstecken spielen, soviel Spiel hatte der. Aber erst musste der Chefarzt kommen und meckern, bevor einem geglaubt wird – ruck zuck war der Gips runter und ein neuer dran, schön eng.“

Es ist 18 Uhr 15. Die Uhr der nahen Luther-Kirche schlägt einmal.

„Harry, nur das Malheur bringt einen voran.“

Er glotzt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle.

„Na, ich weiß nicht… wenn du auf Krücken rumhumpelst, erkläre das mal deinem Hund, der hält dich für komplett übergeschnappt, wenn du dauernd nach hundert Metern schlappmachst und umkehren musst.“

„Was ist denn mit deinem Bruder? Kann der dir den Hund nicht abnehmen?“

„Mein Bruder, au weia.. du meist den Siggy, ne? Erst war er irgendwo in Belgien verschollen, jetzt hat er das Bein auch kaputt. Noch schlimmer als bei mir. Der kann überhaupt nicht mehr laufen. Nicht mal einen Meter weit.“

„Der auch? Wieso? Aus Solidarität? Hat der ein Gewerkschaftsbein?“

„Unterm Fuß hat sich ein Abszess gebildet und entzündet, er kann keinen Schritt mehr machen. Der liegt zuhause bei Muttern und lässt sich pflegen, der Arsch. Aber einen Excel-Kurs fürs Arbeitsamt, den kann er machen. Jetzt träumt er nächtelang von irgendwelchen S-Verweisen. Na ja, du kennst ja den Siggy.“

Oh, aber ja doch, ich kenne den Siggy und all die anderen Verlierer, bei denen man das Gefühl nicht loswird, dass der Herrgott in Wirklichkeit ein großer Spötter ist, der jeden Morgen aufs Neue auf seiner Himmelstribüne Platz nimmt und sich erwartungsfroh die Hände reibt: Wollen doch mal sehen, wem von den Losern ich heute was vor den Latz knalle.

Siggy hat ein klobig geschnitztes Handpuppengesicht und trägt meist schwere graue Fischgrätmäntel, Palästinenserschal um den Hals. Er hat das breiteste und ordinärste Maul der Stadt, wie eine Auffahrt zur Müllverbrennungsanlage. Immer am Malmen, vom vielen Speedziehen. Wenn er mir früher über den Weg lief, dachte ich jedes Mal, gleich spuckt es dich an, das Lama.

„Und was ist mit dem anderen Bruder? Dem jüngsten? Wieso sieht man den gar nicht mehr?“

„Der hängt dauernd bei mir rum. Der hat auch ein dickes Bein, du glaubst es nicht. Der kann auch nicht mehr richtig gehen. Kommt vom Saufen.“

„Wie, kommt vom Saufen..?“

„Der Blödmann hat ein dickes Bein und zwei so Löcher im Unterschenkel, die nicht zugehen. Das hat sich entzündet. Zu viel gesoffen, der Blödmann. Zu viel Jägermeister.“

(Später muss ich darüber nachdenken, was so alles mit den Leuten geschieht, die man von früher kennt. Der eine baut Kulissen für Pro7-Nachmittagsmagazine und ist dick im Geschäft, der andere hat ebenfalls Modellschreiner gelernt, säuft sich aber das Bein dick. Dass man sich die Beine überhaupt dick saufen kann, ist mir neu. Ich kenne Leute, die sich jeden Tag Methadon in die Leiste injizieren, eine ungesunde Geschichte, bei der das Blut mit den Jahren verklumpt und die Beine zu Elefantenbeinen anschwellen und irgendwann abgeknipst werden müssen, wie eine olle Zigarre, aber die Beine dick vom Schnaps saufen? Junge, Junge. Das ist mir neu.)

Unter der nächsten Laterne zeigt Harry mir stolz die Stellen am Bein, wo die beiden Stahlplatten sitzen. Die Haut spannt sich und ist so dünn, das bläuliche Metall im Fleisch lässt sich gut erkennen.

„Der Chirurg meinte nach der OP, er wär praktisch genauso Schlosser wie ich. Die arbeiten auch nur mit Hartmetallfräsen und mit Spitz- und Flachzangen. Demnächst soll ich probeweise wieder in der Firma anfangen, für zwei Stunden am Tag.“

„Hm? Zwei Stunden? Was ist denn das für’n Blödsinn?“

„Vorschrift von der Berufsgenossenschaft. Die wollen sehen, ob ich Fortschritte mache. Ich hab ja noch ein zweites Bein, kann ich mir dann auch einquetschen. Und dann lass ich mich schön kaputtschreiben.“

Kaputtschreiben – das hab ich ewig nicht mehr gehört. Eine Zeitlang war es gang und gäbe, dass die Leute den Vertrauensarzt aufsuchten, ihm von ihrer defekten Bauchspeicheldrüse erzählten, die knarrt wie ein Geigerzähler, und eine Dreiviertelstunde später gingen sie kaputtgeschrieben in Frührente, mit Mitte Vierzig. Doch heutzutage, wo die ganze Welt abgenutzt ist bis auf die Felge, ist das nicht mehr so einfach mit dem Kaputtschreiben… Aber immerhin, das Wort an sich hält sich. Ist ein Selbstläufer.

„Und dann lässt er sich schön kaputtschreiben“, wiederhole ich feixend, als Schampus, der schwarze Labrador, mich zum Abschied antanzt, und sein Stummelschwänzchen quirlt vor Freude.

Ville Beton nix gut

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Zweiten Ostern, unterwegs auf der A3. Ein roter Power-Volkswagen stürmt an uns vorüber, mit einem Satz wuchtiger Jesus-Aufkleber und Weißwandreifen.

„Sportlich, sportlich“, sag ich.

„Das sind Attrappen“, meint die Gräfin.

„Meinst du? Sehen aber echt aus.“

„Gute Attrappen sehen echt aus. Aber das sind bestimmt keine Originalreifen.“

„Reifen? Ich meinte die Jesus-Aufkleber.“

Wir fahren nach Zeeland, im Süden von Holland. Unser windiges kleines Kalifornien. Aber um diese Jahreszeit? Ende März? Und dann auch noch… Camping?!

„Seid ihr suizidgefährdet?“ meinte mein Vater, 81 Jahre alt und immer noch die Vorsicht in Person. Als könnte jederzeit Donner und Hagelschlag auf uns niedergehen, als könnte alles in schwerem, selbstverschuldeten Gemetzel enden. „Bei dem Wetter im Zelt, ihr Pfeifen? Da holt ihr euch den Tod.“

„Fahr nicht so schnell“, sag ich.

„Nicht so schnell!? Ich fahr doch schon langsam.“

„Ja und? Fahr noch langsamer. Wir haben doch Zeit.“

„Zeit.. Niemand hat Zeit“, sagt die Gräfin, „Nicht mal der Jesus da vorn. Man sieht nur noch seine Staubwolke.“

Das waren unsere erste Worte seit Duisburg-Ruhrort. Ansonsten herrscht Schweigen im Wagen. Nur der Hund stöhnt gelegentlich auf und fiept, als stünde ein Topf Muscheln auf dem Herd. Jeder bereitet sich auf seine eigene Weise auf Holland vor. Eine Brücke über den Rhein wird repariert. Wir danken für Ihr Verständnis.

„Erzähl mal was“, sagt sie. „Mir ist langweilig.“

„Erzählen..? Was denn?“

„Na, irgendwas. Ist doch egal. Eine Geschichte. Unterhalte mich. Dann fahre ich auch langsamer. Wenn ich mich nämlich langweile beim Fahren, drücke ich automatisch aufs Gaspedal. Dabei fahre ich ja schon langsam, dir zuliebe. Tempo 100, pff. Ist doch nicht schnell.“

Sie will schnell ankommen, darum geht es ihr. So machen es alle Menschen heutzutage. Schnell etwas hinter sich bringen, schnell ankommen, damit mehr Zeit bleibt für… für, ja, für was eigentlich? Für die nächste Sache, die man schnell hinter sich bringen will?

„Bleibt ja immer an mir hängen, die blöde Fahrerei“, meckert sie.

Wir fahren beide ungern Autobahn, ich als Beifahrer, sie als Fahrer. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es. Es ist die ständige Präsenz des Todes, die mitfährt, die Bilder von irgendwelchen Schwerverletzten, die auf dem Asphalt liegen, in Brei und Scherben, wie im Bibelfilm. Blutige Bilder, die sich ganz unvermittelt in mein Bewusstsein drängen.

Ist es nicht unerträglich, quasi in jeder Sekunde seines Lebens Freiwild zu sein? Freiwild des Todes, der jederzeit sein Tribut einfordern kann?

Und dafür muss man noch nicht einmal Autobahnfahren.

Früher, klar, früher ist immer alles gut gegangen. Als die Welt noch jung war. Ist man von einer Stadt in die andere gefahren und weiter nach Wien und Bratislava und überall ist man heil angekommen, mit intakten Knochen und Kniescheiben. Aber die Zeiten sind vorbei. Das wissen alle. Jeder spürt es. Sogar die Jungen, obwohl sie es noch gar nicht spüren dürften.

Sie drosselt die Geschwindigkeit herunter auf Tempo 95, mir zuliebe, und tatsächlich, ich sterbe direkt einen halben Tod weniger.

„Fahr neunzig, und ich erzähl dir was“, schlage ich vor.

„Au ja.“

Lecker essen und schöne Geschichten hören, das ist es, was sie sich unter einem angenehmen Abend unter Menschen vorstellt. Aber es ist kein Abend, wir sitzen im Auto, und wir sind unter uns.

Ich habe einen teuflischen Plan: Wenn die Gräfin ihr Tempo Stückchen für Stückchen so weit hinunterdimmt, dass der Wagen zum Schluss stehen bleibt, müssen auch die Wagen hinter uns stehen bleiben. Alle Autos bleiben stehen auf der ganzen Welt, und alle Menschen dürfen weiterleben, unverletzt, mit intakten Gliedmaßen. Auf der Kriechspur. Auf der Überholspur. In der Mitte.

„Komm, erzähl mir was.“

„Was denn? Mir fällt nichts ein.“

„Dann fahr ich wieder schneller“, droht sie.

Sie kann knallhart sein. Hastig durchleuchte ich mein Gehirn nach Erzählbarem, doch der Stollen ist dicht. Blickdicht. Nichts zum Erzählen da. Alles ausgeräumt. Auf dem Rücksitz weiß der Hund nicht mehr, wo er es suchen soll. Er fühlt die Unsicherheit im Wagen. Mal liegt er, mal steht er, mal macht er einen Schritt, mehr Platz ist nicht, nach rechts, dann lässt er sich wieder fallen, mit einem Seufzer, so schwer, als habe man bei ihm gerade Rücksitz-Krebs diagnostiziert, vom vielen Autofahren. Der Hund hasst die Autobahn beinahe mehr als wir.

Ein heftiger Regenschauer geht plötzlich nieder, von einer Sekunde auf die andere, und die Gräfin ist gezwungen ein Abbremsmanöver einzuleiten, da auch der Wagen vor uns in die Eisen steigt. Unser graues sportliches Eselchen (Toyota) beginnt zu stottern und zu schlingern, es ist, als mache es Männchen, eins nach dem anderen.

„Das hat der von dir“, sagt die Gräfin.

„Von mir?!“

„Von wem denn sonst! Vom Hund etwa?“ Sie behält die Übersicht, sie bleibt ruhig. „Bis jetzt ist immer alles gut gegangen.“

„Ja, früher“, sag ich. „Aber die Zeiten sind langsam vorbei, wo alles gut geht, oder nicht.“

„Ach was.“

Die Gräfin ist eine gute, sehr sportliche Fahrerin, eine Kubanerin der Strasse. Sie macht sich oft lustig über die ängstlichen deutschen Autofahrer, die sich streng an Recht und Gesetz halten und es nicht mal schaffen, die gelbe Ampel im allerletzten Moment zu nehmen, damit man im Verkehrsfluss bleibt wie ein Fisch mit 4000 Umdrehungen.

„Hat Holland eigentlich einen ADAC?“ frag ich.

„Will ich doch hoffen“, murmelt sie.

Zum Glück lässt der Schauer so schnell nach, wie er gekommen ist. Wir sind voll durch den Regen gerast, wie durch eine Waschanlage. Und wo die Gräfin schon mal dabei ist, drückt sie das Gaspedal so weit durch, bis sie auf 130 Kilometer pro Stunde kommt, das ist ganz schön happig. Ich halte mich am Handschuhfach fest. Der Hund hat wieder einen Topf Muscheln aufgesetzt, auf seiner Kochstelle auf dem Rücksitz.

Es ist eine Kausalkette, das Leben. Alles hängt mit allem zusammen.
Es gibt keine isolierte Betrachtung.
Nirgends.

„Weisst du, was das ist, Leben?“ starte ich einen philosophischen Versuch, der mich wie aus dem Nichts bedrängt, als wir wieder in ruhigeren Fahrwassern dahintreiben, am Niederrhein. „Man lebt, man stirbt, und zwischendurch lernt man ein paar Leute kennen.“

„Stimmt“, sagt sie. „Und wenn man Glück hat, nette.“

Da sind wir uns einig. Bergen op Zoom, 90 Kilometer.

„Dann sind wir ja schon fast in Zeeland!“ ruft die Gräfin wie eine Großstadtfranzösin, die endlich die Cote d’Azur erblickt, und gibt Gas. 150. Sie kann nicht anders. Sie will ankommen. Es regnet wieder, der Wind kommt in Böen.

„Nicht so schnell“, stöhne ich.

Als sie leicht vom Gas geht, stöckelt der Motor wieder.

„Hat Holland nun einen ADAC oder nicht?“

Die Hinfahrt, egal wohin, egal wann, war schon immer schwierig bei uns beiden. Einmal, wir waren in Richtung Nord-Frankreich unterwegs, in die wilde Picardie, haben wir uns auf einem Rastplatz so heftig gestritten, dass fortan jeder allein weiter wollte. Sie mit dem Wagen, ich per Zug. Vom Autobahn-Rastplatz aus. Mit einem dicken Koffer in der Hand.

„Du hast mir immer noch keine Geschichte erzählt“, sagt sie vorwurfsvoll.

Sie wühlt mit einer Hand in der Tasche mit dem Proviant, während sie mit der anderen das Steuer hält und weiterfährt.

„Soll ich das Lenkrad halten..?“ sag ich.

„Nee, bloß nicht.. also, ich meine, geht schon. Guck einfach auf die Bahn und sag Bescheid, wenn.. irgendein Jesus angeflogen kommt. Hm, sag mal, hast du deine beiden Brötchen schon gegessen? Sollen wir uns mein zweites noch teilen? Wo ist das überhaupt?“

„Autobahnfahren macht hungrig“, sag ich, „auch als Beifahrer..“

„Was denn!? Du hast mein zweites Brötchen auch gefuttert?“

„Quatsch, das ist im Handschuhfach.“

Ich hol es raus.

„Hm, lecker..“, sag ich. Da ist Marmelade drauf.

„He, lass was übrig! Das ist meins!“

Der Hund kriegt auch noch was ab. Wir rülpsen alle drei, beinahe gleichzeitig, unter einer fetten Wolke über Bergen op Zoom.

Noch 66 Kilometer bis Vlissingen. Ich notiere: ein zerfetzter Reifen auf der Kriechspur, am Himmel tuffig die Putten.

Welkom op Zeeland!

„Irgendwie segeln hier alle im Wind!“ freut sich die Gräfin über den lässigen Verkehr auf Zeeland.

„Ville Beton nix gut“, sag ich leichthin.

„Was..?“

„Ville Beton nix gut“, wiederhole ich.

„Ja, gut, aber woher kenne ich das noch mal? Das kommt mir bekannt vor.“

„Das war ein Graffiti“, sag ich, „Auf der Cronenberger Strasse. Wo heute Radio Schultes ist, stand früher der Spruch an der Wand, bestimmt zehn Jahre lang. Dann war er plötzlich weg. Ville Beton nix gut.“

„Ach ja. Richtig! Ville Beton nix gut. Stimmt..“

Der Hund spürt, dass die Hinfahrt dem Ende zugeht und behechelt noch mal ordentlich sein Revier auf dem Rücksitz, den wir mit diversen Handtüchern drapiert haben, falls er kotzen muss. Viel Platz hat er ohnehin nicht. Koffer, Kocher, Gasflasche, Klamotten, Tisch, Stühle, Zelt. Wir können nicht für ein paar Tage wegfahren, ohne nicht das halbe Haus mitzunehmen.

„Ich rieche schon das Meer!“ freut sich die Gräfin.

Vlissingen, 6 Kilometer.

„Nee, riecht doch noch nicht nach Meer“, schnuppert sie aus dem Seitenfenster. „Riecht noch nach Kuh.“

Dabei ist das Meer schon da, hinter den Dünen.

„Komm, wir bedanken uns beim lieben Gott, dass der Wagen gehalten hat, bis hierhin“, sag ich.

Während sie nach oben betet, werfe ich ein Küsschen Richtung Boden. Wer sagt denn, dass Gott oben wohnt.

 

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Blue Hawaii

Wenn die Kirmes in der Stadt war, wussten alle: Die besten Mädels triffst du am Blue Hawaii, diesem Mittelding zwischen Raupenbahn und Freiluft-Disco. Schon am frühen Nachmittag kamen alle zusammen, und da war sie. Sie war klein und kompakt, das dichte Haar saß wie ein schicker blonder Helm auf ihrem Kopf. Sie war vierzehn, fünfzehn Jahre alt und redete nie ein Wort. Auf ihrem Gesicht lag ein feiner weißer Film aus Puder, wie der Zucker auf einem Streifen Wrigleys-Kaugummi, den man frisch aus der Packung holt.

Sie trug diese knackig-enge hellblaue Jeansjacke und achtete streng auf ihr Äußeres, gleichzeitig strahlte sie etwas mildes, nachsichtiges aus – genau meine Mischung. Ihre Augen blitzten grüngrau, echte Katzenwelten, und darüber wachten diese langen Lider, wie die Markisen eines Pelzhändlers.

Sie hatte eine Super-Stupsnase.

Sie war ein Engel. Ich fragte mich, wie zum Teufel spricht man einen Engel an. Ich war schwer verknallt, aber ich habe es ihr nie gestanden. Ich traute mich nicht. Es war auch nicht gerade leicht, sich den Mädels zu nähern. Wir Jungs standen in der einen Ecke des schräg gebauten Fahrgeschäfts und hielten uns am Geländer fest, der Pulk der Mädchen sammelte sich auf der gegenüberliegenden Seite. Dazwischen rotierte die Drehscheibe des Blue Hawaii mit den vielen Gondeln, angetrieben von Motoren, Riemen und dröhnender 5000 Volt-Discomusik: I’m on fire!

Sie hatte keinen Freund, das stand mal fest. Ich sah sie mit anderen Mädchen über die Kirmes ziehen, zum Auto Scooter, zum Kentucky Derby, zum Stand mit den roten Zuckeräpfeln und dem Kokusnussbrunnen, aber nie mit Jungs. Und selbst unter ihren Freundinnen blieb sie für sich. Sie war nicht isoliert, sie war eine hübsche kleine Einzelgängerin. Dagegen waren die anderen Mädchen bloß Staffage. Jedenfalls in meinen Augen. Karlos hatte eine andere im Blick, er beachtete meinen Schwarm überhaupt nicht. Er nannte sie nur die kleine Katze, wenn er von ihr sprach.

Ich bekam Bauschmerzen, wenn sie rüberschaute. Wenn unsere Blick sich trafen, drehte sie sich schnell weg und schaute woanders hin, während zwischen uns die Gondeln sausten und sich drehten, so laut und rumpelnd, dass einem der Hintern flatterte. Wenn sie den Blick ausnahmsweise hielt, wenn sie sich ein Herz nahm und sich traute, fixierte sie mich regelrecht. Ihre Katzenaugen hatten etwas kühles, gleichzeitig höchst inniges. Sie war ein Rätsel. Sie war hypnotisch.

Ich träumte von ihr.

Ich sah sie auf der Frühjahrskirmes, ich sah sie auf der Herbstkirmes und der Sommerkirmes, und immer schmuggelten sich mitreisende Schausteller ins Bild. Junge Typen, gegen den Fahrtwind gelehnt auf der rotierenden Drehscheibe, aufrecht und stolz wie Steh-Ruderer auf venezianischen Gondeln. Die Haare geföhnt, hielten sie sich an den Rücklehnen der Sitze fest und kassierten bei Fahrbeginn die Tickets ein, machten auf stramme Hose, cool und kaltschnäuzig, doch sie kriegten nie ein Mädel ab. Die Mädels gehörten uns einheimischen Jungs. Die Mitreisenden durften ein bisschen aufschneiden, auf Disco-Beat machen, doch vier Tage später hieß es für sie ohnehin das Fahrgeschäft abbauen und weiter ging’s zur nächsten Stadt. Wir Einheimischen dagegen blieben hier, wir hatten es in der Hand.

Oder auch nicht. Denn zwischen den Kirmessen liefen wir uns nicht über den Weg, zwischen den Kirmessen war sie von der Bildfläche verschwunden. Dabei wusste ich doch, dass sie in der Stadt wohnte. Ich kannte ihren älteren Bruder, der hatte die gleiche Stupsnase wie seine Schwester und spielte gut Gitarre. Man nannte ihn auch den Meister der Effektgeräte, und er machte seinen Weg.

Erst Jahre später sah ich sie wieder. Sie lächelte schüchtern und hatte ein Kaugummi in Arbeit. Sie war immer noch kompakt wie ein Block Wrigleys, sie roch nach Minze und frisch gewaschener Jeansjacke, der Kragen war hochgeschlagen, und da war die süße Stupsnase. Es war alles noch da. Ich wollte rübergehen und sie ansprechen, nach all den Jahren, warum nicht, wir waren keine Kinder mehr, doch ich ließ es sein. Es hätte keinen Sinn gemacht. Es war zu spät. Jetzt konnte es auch bleiben, wie es ist.

Zum 85. Geburtstag von Richard Brautigan

Linus verlor keine Sekunde, als er am Abend das Mumms betrat und mich am Tresen stehen sah.

„Schon gehört von Brautigan?“

„Hm..?“

„Der hat sich die Kugel gegeben.“

„Was..? Richard Brautigan??“

„Ja. Hat sich erschossen, mit ner 44er Magnum. In seinem Haus in Kalifornien. Und heute wäre er fünfzig geworden. Hab ich eben im Autoradio gehört.“

„Ach du Scheiße.. Nee, wusste ich nicht. Das gibt’s doch nicht.“ Ich nahm einen Schluck Bier. „Brautigan ist tot… ich werd verrückt. Warum?“

Linus hatte große Kulleraugen und raspelkurzes Haar, wodurch seine Augen noch größer wirkten, wie Auftaktsiege.

„Warum er sich erschossen hat?“

„Ja.“

„Hat er mir nicht gesagt. Ist schon im Herbst passiert, aber die haben ihn erst Wochen später gefunden.“ Linus stieß mit mir an. „Auf Richard Brautigan. Auf Willard und seine Bowlingtrophäen. Auf das Hawkline-Monster. Auf seinen Fünfzigsten.“

„Ja..“, sagte ich verstört.

Ich war wie betäubt. Richard Brautigan war tot. Ich kannte seine Bücher noch nicht sehr lange, doch ich hatte mich schwer in ihn verliebt. Und es war Linus gewesen, der mich darauf gebracht hatte. Linus, der immer eine Empfehlung auf Lager hatte, einen Geheimtipp. Wir liebten beide die US-Amerikaner und ihre Art, das Leben zu schreiben. Das Unverkopfte. Das Lebendige. Dass man sich gefälligst nicht klein macht, und dass man Familie und Freundschaft feiert. Brautigan hatte es sogar geschafft, im kleinsten Schneesturm der Weltgeschichte (eine Flocke) verloren zu gehen. Muss man erstmal hinkriegen.

Ich lieh Linus einen meiner Favoriten, John Steinbecks legendären Loser-Roman „Die Straße der Ölsardinen“. Linus entflammte so sehr für das Buch, dass er, je länger er darin las, immer langsamer wurde, um das drohende Ende hinauszuzögern. Für die letzten Seiten benötigte er geschlagene zwei Monate. Jeden Abend gönnte er sich nur wenige Worte. Für den letzten Absatz brauchte er 14 Tage. Als er das Buch endlich zuklappte, weinte er, und die Tränen schmeckten nach Sardinen.

“Jetzt ist nur noch Hank übrig”, sagte ich deprimiert.

Linus nickte. Brautigan und Charles Bukowski waren unsere Helden gewesen in einem Meer aus Scheiße. (Und John Fante natürlich, aber der war schon lange tot.) Ihre Bücher machten Mut, dass es auch anders ging. Dass es einen Versuch wert war, so zu schreiben, als hätte das Herz eine wilde Füllerkappe. Einen Boxhandschuh. Ein Reinheitsgebot.

Oder einfach gute Laune.

„Jetzt musst du es machen, Glumm“, meinte Linus.

Ich sah in sein Gesicht, versuchte Anzeichen von Ironie zu entdecken, von Verhohnepiepelung wenigstens, von Spott, doch da war nichts zu sehen, nur diese riesigen neugierigen Augen.

Mir brach der Schweiß aus.

*

Brautigan (* 30. 01. 1935) starb im Alter von 49 Jahren in Bolinas, Kalifornien, wo er abgeschieden auf einer alten Farm lebte. Sein lebloser Körper wurde am 25. Oktober 1984 gefunden, auf dem Boden des Wohnzimmers, direkt vor einem großen Fenster mit Blick auf den Pazifischen Ozean. Neben ihm lag die Pistole.

Da die Verwesung des Körpers stark fortgeschritten war, nimmt man an, dass Brautigan bereits einen Monat zuvor, vermutlich am 16. September 1984, Selbstmord begangen hat, einige Tage nach dem letzten Telefongespräch mit einer Bekannten. Nachbarn sagten aus, dass am 16. September ein laut peitschendes Geräusch zu hören war, während im TV die Live-Übertragung eines Footballspiels lief.

Es war nicht ungewöhnlich, dass Brautigan abtauchte, wenn er an einem neuen Roman arbeitete, und so hatte sich niemand ernsthaft Sorgen gemacht, als er eine Weile von der Bildfläche verschwand. Er galt ohnehin als Eigenbrötler. (Und als schwerer Trinker).

Die letzte Anekdote seines Lebens ist ein typischer Brautigan. Als die wenigen Freunde, die übrig geblieben waren, in den Wochen nach dem 16. September wiederholt und andauernd versuchten, ihn in Bolinas telefonisch zu erreichen, wurde die Batterie seines Anrufbeantworters allmählich schwächer und schwächer, bis seine auf Band gespeicherte Stimme nur noch eierte. Selbst das hielt man noch für einen seltsamen Gag eines seltsamen Autors.

Richard Brautigans größter literarischer Erfolg ist bis heute das 1967 veröffentlichte Debut Forellenfischen in Amerika. Ich lese gern im vergriffenen Tokio-Montana Express.

Auch lesenswert: ein Essay von Arne Rautenberg aus dem Jahre 2012, Alle Mädchen sollen ein Gedicht haben.

Brautigans letztes Werk aus dem Jahre 1982 trägt den Titel So the wind won´t blow it all away.

So soll es sein.

*

Nachklapp für beinharte Fans: auf der von Brautigan-Buddy Greg Keeler betreuten Website troutball.com (seit 2014 abgeschaltet, aber zB im Internetarchiv Waýback Machine einsehbar) sind zehn seiner letzten Briefe im Faksimile eingestellt. Plus zahllose Stories über den Autor.

Web Archiv Greg Keeler

Von Flüchtlingen und anderen Menschen

„Die müllen uns noch zu mit Flüchtlingen!“ belausche ich auf dem Bürgersteig ein Gespräch unter Deutschen.

Als ich noch mal hinschaue, ist da ein einträchtiges Nicken.

Glumms Gastbeitrag „Die Fremden sind im Haus“ bei Margarete Helminger ⇒ https://www.graugans.org/24t-mutmassungen-ueber-das-fremdetag18/

Scheintot – und dann die Würmer

Im Jahre 1995 bekam das Hotel einen neuen Pächter. Wir mochten uns vom ersten Moment an nicht. Er hielt mich für einen Faulpelz, einen Beatnik, einen verdammten Nachtwächter, der ihm auf der Tasche lag, ich fand, er sah aus wie ein kürzlich gescheiterter Herrenfrisör. Er hatte mich, wie die anderen Mitarbeiter auch, vom Vorgänger übernommen, besser gesagt übernehmen müssen, doch nach nicht einmal zwei Monaten höchst unlockerer Zusammenarbeit einigten wir uns auf einen Aufhebungsvertrag und ich war raus aus der Nummer, nach fast sieben Jahren Nachtdienst.

Sah ich endlich wieder

TAGESLICHT!!

Es hatte schon damit angefangen, dass der neue Pächter eine kleine Bar einbauen ließ, gleich gegenüber der Rezeption, wo zuvor eine flauschige Sitzgruppe stand, (in Ermangelung eines echten Foyers). Dort empfing einen nun eine Theke im Old Used Wood-Design, die eher an eine Hausbar erinnerte, inklusive Bier vom Fass und Weinregal. Und drei Hocker.

Wollte nun ein Gast noch „ein Bierchen trinken“, war es mir nicht mehr gestattet, ihn auf die Minibar im Zimmer zu verweisen, nun hieß es rüber zur Bar, mein Freund. Damit war ein neuer Tiefpunkt erreicht. Die Nächte um die Ohren schlagen war die eine Sache, aber Bier zapfen und Longdrinks auf Schirmchenbasis basteln, während die Leute einem ungeduldig auf die Finger starrten – ohne mich. Sogar von kleinen, im Jetstream-Ofen aufgewärmten Spezereien war die Rede. Ich war endgültig der falsche Mann am falschen Ort.

(Der neue Pächter kam von der holländischen Grenze, wo er mit seiner Ehefrau ein Business-Hotel geführt hatte. Direkt an der Grenze? fragte ich. „Ja, in der Grafschaft Bentheim, da wo die Hascher immer herfahren, wenn sie in die Koffieshops wollen.“ Er blickte mir prüfend in die Augen, aber ich hatte ein reines Gewissen, schließlich hatte ich bloß etwas Morphin intus in diesem Moment, kein Hasch.)

Eine Weile bezog ich Geld vom Arbeitsamt, bis der zuständige Sachbearbeiter, ein ganz gewitztes Bürschchen, mich mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) in einer kommunalen Bau-Schreinerei auf dem falschen Fuß erwischte.

„Ich in einer Schreinerei..?! Womit denn? Ich hab zwei linke Hände!“

Ich war richtig erbost.

„Aber irgendwas müssen wir doch mit Ihnen machen“, verzweifelte der Mann von der Arbeitsagentur. Ich saß ja nicht zum ersten Mal vor ihm. Ich war ihm ein Rätsel. Er verstand nicht, warum ich aus meinem Potenzial so wenig machte.. Ich verstand es ja selbst nicht. Ich war mir selber ein Rätsel.

Mein alter Freund Pepe hatte es schon in den frühen Achtzigern erkannt. Als er wegen gewerbsmäßigen Schmuggels von Drogen einige Monate Haft absitzen musste, schrieb er mir ellenlange Briefe aus dem Knast, vollgestopft mit Visionen, wie Karlos und ich ihn beim Hofgang mit waghalsigen Hubschraubermanövern befreiten. Zudem beschwerte er sich bitterlich darüber, dass der Staat ihn für seine Drogensucht so hart bestrafte und die Freiheit nahm.

Dabei will ich doch nur meinem Job nachgehen und am Wochenende feiern, wie jeder andere auch.. Was hat dieser scheiß Staat sich da einzumischen, welche Drogen ich bevorzuge. 

Und dann zählte er seine Freunde auf, die ebenfalls nichts anderes vom Leben erwarteten, als ihrem Job nachzugehen und das Wochenende durchzufeiern. Zu jedem Freund fiel ihm auch gleich der passende Job ein, nur bei mir geriet er ins Stocken, bei mir musste er passen. Es war zu spüren, wie sehr es ihn fuchste, dass ihm zu meinem Leben nichts passendes einfallen wollte, nichts, womit ich seiner Meinung nach je meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Die Gräfin begreift bis heute nicht, wie das kommen konnte. Wie es möglich war, dass ich als Sohn einer gestandenen bergischen Handwerkerlegende mit zwei inaktiven Händen zur Welt kommen konnte. Was da vorgefallen war.

„Deine Mutter war garantiert mit einem anderen Kerl im Bett. Einem Kerl, der deinem Vater allerdings verflucht ähnlich gesehen haben muss..“

Der Träger der ABM war nicht nur für den Bau städtischer Spielgeräte zuständig, auch die Pflege der Spielplätze zählte zu seinem Aufgabenbereich. Das war mein Ding. Ein bisschen Laubfegen an der frischen Luft war allemal besser als acht Stunden in der Schreinerei stehen und zu hobeln und zu fräsen, den Blaumann und den Sack voller Sägespäne. Jeden Morgen, wenn es um die Einteilung der Arbeit ging, stand ich in hinterster Front und wartete, bis zuletzt die Spielplatzpflege an der Reihe war und nur noch Harri, der Punker, und ich übrig waren. Harri war schwerer Asthmatiker. Er brauchte die frische Luft.

„Ich hab voll die Luftsucht, Alter.“

Einmal setzte man uns morgens vor einer Kindertagesstätte in Ohligs ab. Zum Grundstück gehörte ein riesiger Garten mit tausend Bäumen und tonnenweise Laub, das zusammengekehrt und abtransportiert werden sollte. Es war kurz vor Weihnachten und nasskalt. Die meiste Zeit saßen wir im Aufenthaltsraum, wo wir den Kindern den heißen Kakao wegsoffen. Die stapften derweil durch den nahen Wald und sammelten Moos für die Krippe mit dem Jesukind. In einer Ecke des Pausenraums stand bereits der halb-fertig geschmückte Christbaum, darunter lagen Geschenkpäckchen, die alle seltsam platt wirkten.

„Da ist wohl ein Rentier drübergelatscht“, meinte ich.

Harri verzog keine Miene. Mit Mitte Dreißig hatte er nicht nur seinen Irokesenschnitt und Teile des Lungenvolumens aufgebraucht, sondern auch seinen Humor. Er trank nicht einmal mehr Alkohol. Er trug einen blondgefärbten Mecki und war stolz auf seine Leberwerte.

„Meine Leber ist gepflegt wie ein englischer Vorgarten.“

Als er das zum ersten Mal behauptete, musste ich lachen, beim zweiten und dritten Mal nicht mehr. Harri war ein sehniger Punk und steckte schon das zweite Jahr in der Maßnahme fest. Ich weiß nicht, ob es an der regelmäßigen Arbeit lag, dass Harry so spießig und solide geworden war, aber er gab schon ein trauriges Bild ab. Nichts gegen einen Punk, der Drogen und Saufen an den Nagel hängt und ein gottesfürchtiges Leben führt, doch er schien zu erwarten, dass andere Leute sich genauso verhielten und seinem Beispiel folgten. Was natürlich niemand tat.

Wie viele Arbeitnehmer hatte Harri sich daran gewöhnt, konsequent aufs Wochenende hinzuleben. Freitagnacht zog er mit seinen alten Kumpanen Didi, Würmchen, Schlotti und Fauser los und graste die Umgebung nach Punkrockkonzerten ab, von denen er Montagmorgen begeistert berichten konnte, bevor er Dienstag wieder durch seinen gepflegten englischen Vorgarten schlurfte und die Klappe hielt, weil bereits alles erzählt war vom wilden Wochenende. Dann kam der Mittwoch und Harri wurde depressiv. Er hielt sich für eine ziemliche Flasche. Je länger die Woche dauerte, desto weniger mochte er sich leiden.

„Punks wie mich gibt es Zehntausende in Europa“, klagte er, „dazu die aus Amerika, die aus Kanada und Australien und.. die aus Hongkong, die sind auch nicht viel anders. Ich bin echt nichts besonderes. Ich krieg ja nicht mal mehr richtig Luft.“

Nun bin ich kein großer Freund von Leuten, die sich ständig selbst niedermachen, das sollte man lieber anderen überlassen, die können das besser. Die haben da mehr Erfahrung drin,  die erschnüffeln noch das kleinste Negative an dir. Es ist besser, die anderen hassen dich, als du dich selbst. An diesem Montag vor Weihnachten aber war Harry richtig aufgebracht.

„Harry, was ist los?“

„Der Schlotti ist verreckt“, sagte er.

An einer Überdosis Heroin. An den alten Bahngleisen. Es war schon einige Tage her und hatte sich bereits herumgesprochen, doch Harri hatte bislang keinen Ton dazu gesagt. Als ich ihn nun fragte, was genau geschehen war, war er nicht mehr zu bremsen.

„Die waren zu dritt, der Schlotti, der Müller und.. noch einer, komm jetzt nicht auf den Namen. Jedenfalls haben die drei sich einen Druck gemacht am alten Nordbahnhof. Die Schore muss bombig gewesen sein, die sind extra noch gewarnt worden, wie gut die ist, aber die Jungs haben das nicht ernst genommen.“

„Logisch“, werfe ich vorsichtig ein. „Wie oft erzählen Dealer irgendwas von Bombenschore und dann ist es doch der gleiche Dreck wie immer.“

„Die packen sich also den Löffel voll und machen sich einen Knaller an den Bahnschienen, bis der Schlotti plötzlich blau anläuft und umkippt. Atemstillstand. DER VERRECKT UNS! hat Müller gebrüllt. Kennst du den Müller, den asigen Müller, dieses asoziale Stück Scheiße?“

„Müller..?  Mh, der aussieht wie ne Fledermaus?“

„Nee, nicht Fledermaus Müller, ein anderer Müller, ist auch egal. Anstatt Hilfe zu holen, zieht der asige Müller Schlotti die Pumpe aus dem Arm und drückt sich sich erstmal gemütlich den Rest weg. Dann sind er und der Dritte.. stiften gegangen und haben Schlotti verrecken lassen. Der Zug soll noch drübergerattert sein, weil sie ihn nicht von den Gleisen runtergeschafft haben. Dabei hatten sie ein Handy dabei, die hätten bloß den Notruf wählen müssen.. “

Es ist der Albtraum jedes Junkies: jemand erwischt eine Überdosis, und du bist dabei. Den ganzen Hustle mit Krankenwagen und Bullen kann eh schon niemand gebrauchen, aber in solch einer Situation am allerwenigsten. Man ist dicht bis unter die Hutkrempe und nicht zurechnungsfähig. Was soll man da erwarten. Die großen heroischen Hilfeleistungen? Ich sagte nichts.

Erst eine Woche zuvor hatte sich Schlotti im Falle seines Ablebens einen russischen Abgang gewünscht: alle Kumpel sollten sich auf seiner Beerdigung einen hinter die Binde kippen und die Gläser auf den Sarg schleudern… Mit voller Wucht, wie beim Polterabend, damit die Würmer sich blutige Füße holten und ihn nicht mehr anknabbern konnten. Nur für den Fall, dass er scheintot wäre, so Schlotti. Das muss seine größte Angst gewesen sein: scheintot – und dann die Würmer.

„Und? Habt ihr die Gläser aufs Grab geschmissen?“

„Näh, wir hatten genug Trouble mit der Friedhofsverwaltung, weil wir ein Stück von den Ramones in der Kapelle gespielt haben. Nach der Beerdigung sind alle Mann ins besetzte Haus am Schlagbaum. Da war alles versammelt, was Rang und Namen hatte, die ganze Punkprominenz aus dem Bergischen. Auch einer von den Toten Hosen war da, und die Jungs von Syph.“

Harri steckte sich eine Kippe an.

„Und die ganze Zeit lief ein Video von irgendeiner Fete, auf der Schlotti zu sehen war.. auf nem alten Schloss in Wuppertal. GUCKT MAL, DER SCHLOTTI! DER LEBT! DER SACK IST GAR NICHT HINÜBER!“

Und dann, es war schon Abend und die meisten Leute längst hinüber, kam plötzlich der asige Müller die Treppe runter, Panik in den Augen.

„HAT HIER EINER NE SÄGEI? OBEN LIEGT DIE DAISY TOT IN MEINEM BETT! DIE IST TOT, GLAUB ICH! ICH BRAUCH NE SÄGE!! ICH MUSS DIE KLEINMACHEN!“

Ich verlor den Überblick.

„Welche Säge?“ fragte ich. „Welche Daisy?“

„Daisy, die frühere Alte von Schlotti. Irgendwann nach der Beerdigung hat sie versucht, sich den Goldenen zu setzen. Der Müller hat das irgendwie mitgekriegt und Schiss bekommen, dass die Bullen ihm das ankreiden würden, wenn Daisy tot im besetzten Haus liegt, in seinem Bett.. Also wollte er sie zersägen, wollte sie portionieren, damit er sie aus dem Haus schaffen konnte, unbemerkt von den Nachbarn..“

Harri rieb sich die müden Augen.

„Der Müller hat noch rumgefragt, auf wie viel verschiedenen Müllkippen er Daisys Körper am besten verteilen soll, damit das nicht so auffällt mit den Leichenteilen. Der hat das absolut ernst gemeint. Ich stand da und hab das Maul nicht mehr zugekriegt, Ich mein, begreifst du das? Am Tag der Beerdigung will Daisy so elendig verrecken wie Schlotti, und der Müller will ihre Leiche zersägen. Ich mein, wie scheiße doof sind Punks eigentlich?“

Harri war wie in Trance.

„Und was ist mit Daisy passiert? Hat der Müller sie nun zersägt oder nicht?“

„Blödsinn. Die war nicht tot. Blau angelaufen schon, aber nicht tot. Wir sind ne halbe Stunde mit ihr rumgelaufen, immer hin und her. Wir haben ihr kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet, Mund-zu-Mund-Beatmung, das ganze Programm. Und als sie endlich zu sich kam, war sie stocksauer. Hey, ihr Arschlöcher! Ich war so schön breit. Na ja, kennt man ja.  Blöde Funz.“

Wir nahmen die zwei Besen, die an der Wand lehnten, und gingen raus in die Kälte, Laub fegen. Ein scharfer Wind fegte um die Ecken, wie geschnitten Brot.

„Harry-Brot“, scherzte ich.

Wir stapften quer durch den Garten rüber zum großen Spielplatz.

Taxifahren

Sie erzählt von ihrer Zeit als Taxifahrerin bei Kemperdieck. Kemperdieck hatte eine Flotte von zehn Wagen, das neueste Modell fuhr der Chef grundsätzlich selbst. Ein misstrauischer Mann. Weil die Fahrer seiner Meinung nach zu oft auf eigene Rechnung unterwegs waren, ließ er als erster Taxi-Unternehmer der Stadt Sitzkontakte einbauen, was ihn pro Fahrzeug stolze 2.000 DM kostete. Sobald sich nun ein Fahrgast niederließ, egal, ob auf dem Beifahrer- oder dem Rücksitz, wurde ein Kontakt ausgelöst und das Taxameter sprang automatisch an. So waren keine Schwarzfahrten mehr möglich.

Dachte der Chef.

Doch es gab einen Pferdefuß. Die Technik reagierte erst ab einer Belastung von vierzig Kilogramm. Ein Kind konnte durchaus Platz nehmen, ohne dass der Kontakt ausgelöst wurde. Zwei Kinder eher nicht. Zwölf Heringe schon. 39 Eierbriketts: die auch.

Als die Gräfin nun, noch neu im Job, am Taxi-Halteplatz auf Kundschaft wartete, näherte sich ein dünner älterer Herr. Er ging um den Wagen herum, studierte das Nummernschild, und stieg schließlich zu. Vorsichtig schlängelte er sich auf den Beifahrersitz, machte sich krumm wie eine Salatgurke, bis er endlich mit einer halben Arschbacke Platz nahm. Die Gräfin dachte zuerst, der Mann hätte vielleicht Hämorrhoiden oder es läge etwas auf dem Sitz, was störte, und wollte es wegräumen, doch da war nichts. Der Platz war frei.

„Warum setzen Sie sich nicht richtig hin? Ich beiße nicht.“

Der Mann schaute verdattert auf.

„Na Moment, junge Frau… Sie fahren doch für Kemperdieck! Oder etwa nicht!?“

 

Die Taxifahrerin, Susanne Eggert

Angeber

Zum zweiten Mal sprach mich ein Unbekannter auf der Straße auf die Bloggerei an. Keine hundert Meter von meinem Zuhause entfernt.

„He.., sag mal, bist du nicht derjenige, der über Heroin schreibt?“

Ich kannte ihn vom Sehen, und ich war ein bisschen baff. Dass er gleich mit der Tür ins Haus fiel. Der Junge war Mitte zwanzig, trug Rasta-Locken. Er war mir schon einige Male über den Weg gelaufen, und als die Gräfin einmal dabei war und sah, wie ich ihm verschwörerisch zunickte, obwohl ich noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte, meinte sie anschließend nur: na klar magst du ihn. Der erinnert dich daran, wie du selber mal warst, so vor 30 Jahren.

„Ja“, antwortete ich nur. „Der bin ich.“

Er reichte mir die Hand. „Du hast mir mal das Leben gerettet.“

Ich blickte ihn fragend an.

„Doch, ist wahr. Letzten Sommer, als ich auf Entzug war, saß ein Freund bei mir am PC und meinte, hier ist ein Typ, der wohnt um die Ecke und schreibt über Heroin. Und dann haben wir deine Drogenstorys gelesen.. alles hintereinander weg. Er hat einfach Heroin eingegeben in die Suchmaske und vorgelesen und die ganze Zeit hatte ich beim Zuhören diesen bitteren Geschmack von Schore auf der Zunge. Und all diese Typen, die darin vorkommen… ich weiß auch nicht. Es tat gut jemanden zu lesen, der die gleichen Probleme hat wie ich.., das hat mir echt geholfen..“

Ich erfuhr, dass er in Wuppertal aufs Lehramt studierte und mit einer Frau zusammenlebte, die nicht Mutter seiner zwei kleinen Jungs war. Und dass er für sein Leben gern Didgeridoos aus alten PVC-Rohren zusammenbaute.

„Echt? Kann man da richtig drauf spielen?“

„Na klar kann man darauf richtig spielen, ich mach doch keinen Fake. Ich baue dir auch eins, wenn du willst. Meine Freunde haben alle ein Didgeridoo von mir.“

Wir standen noch ein bisschen zusammen. Ich erkundigte mich, ob er richtig drauf war auf Heroin oder ob er in der Phase war, wo es hin und herging, wo es noch unentschieden stand. Auch wenn die meisten User ab einem gewissen Punkt nicht mehr zurück können, so gibt es doch immer wieder Überraschungen. Leute, die plötzlich begreifen, dass sie auf dem Holzweg sind und von heute auf morgen die Finger vom Gift lassen, meist aus einem einzigen Grund: Weil eine fremde Macht Besitz von ihnen zu nehmen droht, und weil sie das nicht abkönnen. Weil sie es früh genug erkennen. Vielleicht auch, weil sie in ihrer Kindheit in den richtigen Momenten auf den Arm der Mutter durften und nicht weggestoßen wurden. Wer weiß das schon so genau. Im Nachhinein.

Er verabschiedete sich und ging weiter, ziemlich abrupt und ohne verraten zu haben, inwiefern ich sein Leben denn nun gerettet hatte. Nur weil er etwas gelesen hatte, was andere schon tausend Mal geschrieben hatten? Weil ich zufällig in der Nähe wohnte? Ich traf ihn noch etliche Male, meist am Bolzplatz, wenn ich mit dem Hund unterwegs war, aber ich vergaß stets, ihn danach zu fragen.

War wohl nicht so wichtig.

*

Es war das zweite Mal gewesen, dass mich jemand auf meinen Blog ansprach, der offensichtlich in der Nähe wohnte. Zuvor war da dieses Autogramm, das jemand haben wollte.

Eine Frau.

Sie war irritiert. „Ja gut, ich wollte eigentlich ein richtiges Autogramm haben..“

„Hm?“ Ich verstand nicht. Ich hatte ihr doch gerade eins gegeben.

Hier: Andreas Glumm.

„Ja, heißt du.. Weiß ich doch.“

Sie schaute nochmal den Kassenbon an, den ich auf ihren Wunsch hin auf der Rückseite unterschrieben hatte, weil nichts anderes aufzutreiben war auf die Schnelle. Es sah aus, als suchte sie etwas, was ihr beim ersten Blick entgangen war. Und ganz plötzlich verstand sie, und es wurde peinlich. Nur für einen Moment, nicht sehr lange, aber doch lange genug, um im Gedächtnis zu bleiben.

Ich hatte mit Frau Moll vorm Discounter an der Wupperstraße gewartet, drinnen machte die Gräfin ein paar Besorgungen. Frau Moll saß zu meinen Füßen, lässig die Innenschenkel nach außen geklappt, wie auf der Herbertstraße in Hamburg, und taxierte die Rüden, die vorübergingen. Je älter sie wurde, desto verspielter wurde sie.

Der Einkauf der Gräfin dauerte seine Zeit, wie immer, und wie immer stand ich irgendwann an der großen Schaufensterscheibe und schaute genervt in den Laden, um zu sehen, wo sie blieb, und in diesem Moment trafen sich unsere Blicke: eine große sportliche Frau mit weissblondem langen Zopf, einiges jünger als ich. Sie stand an der Kasse und starrte so direkt in meine Richtung, dass ich mich erst mal wieder wegdrehte, weil ich dachte, was will die denn.

Wieso guckt die so.

Frau Moll erhob sich, als Janosch vorüberging, ein Hund aus der Nachbarschaft, ein 10jähriger Boxer mit Bierbauch, platter Nase und Opagesicht. Sein Gang wirkte, als ob er gerade das dritte Schnäpschen auf hatte. Tüdeliger Gang, kleine Rente, dritter Korn. Seine Backentaschen hingen durch wie zwei behaarte Turnbeutel. Und plötzlich stand die Frau aus dem Laden vor mir.

„Du bist doch der Fünfhundert Beine“, meinte sie lächelnd, „und..“, sie bückte sich, „..dann ist das hier Frau Moll..“

Die Hündin duckte sich weg. Sie mochte keine Leute, die sie nicht kannte und die nach ihr griffen. Leute, die sie nicht kannte, waren nicht unbedingt Feinde, aber sie waren erst recht keine Freunde. Leute, die sie nicht kannte, mussten sich ihren Platz erst erarbeiten im hierarchischen System Frau Moll. Besonders die Kinder verstanden das nicht. Was sie sahen, wenn Frau Moll vor ihnen saß, war ein wuscheliger Streuner, ein Familienhund, der dazu animierte, ihm ins Fell zu greifen und zu japsen, „nee, ist der goldig! Ist das ein Wuschel!“ Ja, goldig, genau, besonders die Arztrechnung. Die Tetanusspritze, das Säubern der Bisswunde, das Tackern, das Nähen, die Laufschiene, die jahrzehntelange psychologische Behandlung der Hundephobie, das künstliche Auge – es hörte nicht auf, wenn man einmal Pech hatte im Leben.

Bleib mir bloß weg, knurrte Frau Moll. Von Geburt an trug sie ein großes weißes Kreuz auf dem Brustkorb, das ihr einen gewissen religiös-erleuchteten Anstrich verlieh: Frau Maria Moll. Die Frau zog die Hand zurück, war aber nicht beleidigt. Sie war groß, sie trug vorn einen Pony, hinten den weiß-blonden Zopf, sie war nah am Albino und hübsch, nicht zu hübsch, Anfang dreißig. Sie hatte ein Paket Bio-Schweinefleisch in der einen Hand, in der anderen einen Becher Schmand.

Sie strahlte.

„Ich lese 500beine seit zwei Jahren, und seitdem du ein kleines Bild im Header hast, weiß ich auch, wie du aussiehst. Ich hatte mich immer gefragt, wer das wohl ist, der hier lebt und all die Geschichten schreibt.. ich wohne hinten am Neuen Kannenhof. In den Hochhäusern.“

Ich beobachtete ihr Gesicht, während sie drauflos sprudelte. Sie hatte etwas von einem Blumenkind, das auf Nirwana stand, und sie wollte ein Autogramm von mir. Ich hatte noch nie ein Autogramm gegeben, ich hatte mir eher selbst welche geholt, (eins von Helge Schneider, eins von Pat Metheny), und dabei war es mir weniger um die Unterschrift eines Prominenten gegangen als darum, kurz in seiner Nähe zu stehen und das Gesicht zu studieren, während er schrieb. Eigentlich studierte ich mein Leben lang Gesichter. Ich war ein ewiger Gesichtsstudent. Menschengesichter waren mein Ozean, waren Salzwasser und Fische. Ich nahm mein Notizbuch als Unterlage und unterschrieb ihren Kassenbon auf der Rückseite. Vorne stand Schwein-Flei und Bio-Schma, hinten:

Andreas Glumm.

„Na gut, ich weiß ja schon, wie du heißt..“, meinte sie verstört.

„Hm?“

„Na ja..“

Sie guckte sich den Kassenbon und meinen Namenszug nochmal an, und augenblicklich verstand ich, warum sie so irritiert war: Sie hatte eine geschwungene Künstler-Unterschrift erwartet, einen echten Beethoven, aber was sie da in der Hand hielt, war Kindergekrakel. Ich unterschreibe bis heute wie in der vierten Klasse. Ich bin nicht viel anders geworden seit damals, als ich zehn Jahre alt war und die Schule wechselte. Ich wohne immer noch in der gleichen Gegend, und ich weiß immer noch nicht genau, was ich mal werden möchte, wenn ich groß bin. Sogar der kleine Tisch aus meinem Kinderzimmer steht bis heute an meinem Bett. Den gebe ich nicht mehr her. Klar. Ich meine. Ich bin Ende fünfzig, aber im Herzen immer noch zehn. Da fehlen irgendwie 40 Jahre. Wo sind die alle hin? Wer hat die mitgenommen. Hat die jemand abgeholt und ins eigene Leben eingebaut?

„Danke dir“, sagte die Frau und verschwand im Dickicht der viel befahrenen Wupperstrasse.

*

Und dann vorgestern. Ich komme vom Einkaufen aus der Stadt. Ich hab unterwegs ein paar Fotos mit dem Telefon gemacht, das hab ich mir so angewöhnt in letzter Zeit. Wenn die Gräfin heimkehrt und wissen will, wie und wo ich den Vormittag verbracht habe, klickt sie sich einfach durch die Foto-Galerie meines Telefons und weiß Bescheid.

Als ich also vorgestern in den Alten Kannenhof einbiegen will, habe ich mein Fototelefon gerade in der Hand. Ein paar Teenager auf der anderen Straßenseite haben mein Interesse geweckt. Ich überlege noch, ob ich sie knipsen soll, da blickt mich ein kleines, mit schwarzem Edding hingepinntes Graffito an, auf so einem Stromkasten der Stadtwerke.

Glumm rulez.

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„Ach komm, das hast du doch selber dahin gepinselt“, meint die Gräfin am Abend, als sie meine Galerie durchforstet.. „Du alter Angeber.“

Nein, so kriege ich das G nicht hin. Dieses G ist nicht von mir. Ich könnte noch so viel üben, mein G würde immer durchschimmern. Mein G in Glumm ist ja fast ein S, ist fast ein Slum. Ansonsten wäre es mir natürlich zuzutrauen, dass ich mich selbst feiere, nach all den Jahren. Ich bin ein zurückhaltender Angeber. Ein Prahlhans, auf den keiner so schnell kommt. Die Gräfin träumt heute gelegentlich von der Zeit, wie ich war, als sie mich kennenlernte. Damals.

“In meinen Träumen liegst du immer noch mit entblößtem Oberkörper im Gras, hast ein blondes Liebchen im Arm und pöbelst die Leute an. Machst einen auf dicke Hose, so wie du eben warst, früher, aber es war nur ein Spiel, es war unwichtig. Es war, als hättest du alles mit links gemacht. Wie oft hab ich früher im Mumms gestanden und dir zugeguckt, wie dich irgendwelche Großschnauzen und Nullchecker vollgesabbelt haben, und du warst ganz begeistert und hast mit großen Notizbuchaugen zugehört. Junge, waren das alles Aufschneider und Größenwahnnsinnige, und was hattest du einen Spaß.“

Ein Trapper auf dem Trail

Er hatte eine neue Bleibe gefunden, die typische Single-Wohnung unterm Dach: zwei Zimmer, kleine Küche, tausend Satelliten-Programme – “tipp topp, die Hütte.” Auch die Nachbarschaft schien soweit in Ordnung zu sein. Eine griechische und eine kroatische Familie, zwei hübsche Polinnen, bei denen es ein und aus ging, dazu ein Schwarzer aus Togo und ein oder zwei desorientierte Deutsche. Der Rest der Mieter schien tot zu sein, es war nichts zu sehen und nichts zu hören von ihnen. Lediglich die Namen an der Klingelleiste verrieten, dass es sich auch hier um Einheimische handelte.

„Wahrscheinlich sind sie am Vergammeln“, wie Wiegand schlechtgelaunt meinte. „Die Deutschen kümmern sich ja nicht um ihresgleichen. Die scheißen auf ihre Leute.“

Wiegand war Umzugsprofi. Er hielt es nicht lange in einer neuen Umgebung aus, aber er verließ nie die Stadt. Er umrundete die Heimat, und hin und wieder ergatterte er eine Bude im Herzen der Nordstadt . Um zu kontrollieren, wie die neue Hausgemeinschaft es mit der Hygiene hielt, musste der Pflaster-Test ran. Den hatte Wiegand einst von seiner Mutter abgeguckt. Die hatte den Pflaster-Test erfunden und jedes Mal eingesetzt, wenn es für die Familie mal wieder Umziehen hieß. Eine riesige Familie, die Familie Wiegand, mit neun Kindern. Da musste man als Mutter wissen, wie die Nachbarn tickten.

„Ja, deine Mutter vielleicht“, sagte ich, „aber doch nicht du. Du bist doch nicht Enie van de Meiklokjes, du bist doch selbst ein halber Messie! Was interessiert es dich, ob die Leute im Haus die Treppe putzen.“

Er hörte überhaupt nicht hin. Wenn der kleine Wiegand einmal anfing, sich über etwas zu echauffieren, war er nicht mehr zu stoppen. Ein Trapper auf dem Trail. Ein Putzmann ohne Putzlumpen. Der Pflaster-Test also. Man legt im Hausflur einen kleinen Köder aus, an exponierter Stelle, und wartet ab, was passiert. Köder war ein gebrauchtes Heftpflaster, das der kleine Wiegand in der vierten Etage des Mehrfamilienhauses an der Konrad Adenauer Strasse im Treppenhaus platzierte, und das sich innerhalb der nächsten vierzehn Tage kontinuierlich nach unten bewegte, Etage für Etage, Treppenabsatz für Treppenabsatz, Stufe für Stufe, weiter, immer weiter. Wie bei einem nicht abgesprochenen Staffellauf kickte jeder Mieter das dreckige Wundpflaster aus seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich in den Verantwortungsbereich des Nächsten, bis es endlich ganz unten landete, im Erdgeschoss, unter der Phalanx der Briefkästen, wo sich keine Sau mehr darum scherte. Wo es zur Ruhe kam. Wo es sich verlor, hinter der Ziellinie.

Das war der Beweis, dass Wiegand einmal mehr in einem Mietshaus gelandet war, in dem sich keiner für Sauberkeit interessierte. Allenfalls der kleine Wiegand, der die ganze Sache initiiert hatte, behielt das Pflaster noch eine Weile im Auge, ein Heftpflaster, das ursprünglich eine schlecht verheilende, eiternde und suppende Brandwunde an seinem linken Ringfinger verschlossen hatte.

“Meine Mutter hat das früher auch immer so gemacht mit dem Pflaster-Test.”

„Was du nicht sagst“, sagte ich, „aber deine Mutter war auch kein halber Messie, die hat ja auch brav das Treppenhaus geputzt, wenn sie an der Reihe war. Und außerdem, wer bückt sich schon nach einem versifften Hansaplast, das nach den zehn ekligsten ansteckenden Bluterkrankheiten der Welt aussieht?!“

„Zehn auf einen Streich“, feixte der kleine Wiegand, und das Thema war durch.

Ein Trapper auf dem Trail, II

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man die Leute kennenlernt, wenn man voll drauf ist und tagtäglich dem Gift nachjagt und irgendwie immer auf 180 ist und diesen Geschmack von Chemie niemals loswird, oder ob man die Leute noch aus der Zeit kennt, bevor es losging mit dem Suchtgeschäft. Als man noch ein richtiges Leben hatte, als es noch andere Themen und Gefühle gab, nicht bloß das nächste Pack. Den “Alten” vertraut man naturgemäß mehr. Der kleine Wiegand war einer von den Alten.

Ich kannte ihn aus dem Haus der Jugend, wo wir uns Mitte der Siebzigerjahre Woodstock anschauten, im großen Saal. Im Nachhinein wundere ich mich, wie alt uns der Film damals schon vorkam, wie antiquiert und aus der Zeit gefallen, obwohl das Festival gerade mal sechs Jahre zurücklag. Woodstock war muskulös und voller Magie, erschien uns aber wie von einem anderen Planeten. Woodstock war Höhepunkt und Abschluss von Flower Power, wir dagegen waren schon die Bump & Glitter-Ära, wir hatten mit Hippies nichts am Hut. Wir hörten Bowie und Slade und warteten auf die Punkbewegung, die schon ihr unanständiges Köpfchen hob. Ich glaube, wir waren die erste Generation, die nichts Gutes im Schilde führte.

30 Jahre später.

Wiegands Gesicht war teigig geworden und rund wie ein Pfannekuchen, vom vielen Saufen und billigem Essen. Mit seiner Lederweste und der Fransenjacke sah er aus wie ein Trapper auf dem Santa Fe-Trail. Einer, der seit vielen Jahren unterwegs ist, mit einem Packesel an der Seite, festen Boots an den Füßen, die Apachen im Genick. Wenn er zuviel Schnaps getankt hatte, verlor Trapper Wiegand schnell den Überblick, er schlief immer und überall ein.

„Ich hab niedrigen Blutdruck“, klagte er. „Das liegt in der Familie. Wir pennen alle den ganzen Tag.“

So war es auch gewesen, als er in der Linie 683 von vier Kiddies mit Baseballcaps ausgeraubt wurde. Er saß in der letzten Bank und schnorchelte tief und fest, während man ihm die schönen neuen Sneakers von den Füßen schälte. Die Polizei meinte später, er sei vermutlich schon beobachtet worden, als er in der Sparkassenfiliale am Fronhof am Bankautomaten stand. Es war Monatsanfang und Wiegand hatte alles abgehoben, was ging. Das ALG II sowie die kleine Rente, die ihm zugesprochen worden war, für einen in den Achtzigerjahren erlittenen Arbeitsunfall. Er hatte damals als Dachdecker gearbeitet und war in einen rostigen Nagel getreten, in billigen Arbeitsschuhen, die nichts aushielten. Der Nagel ging glatt durch, fünf Zentimeter weit in den Fuß rein, „wie Butter“, und guckte oben aus dem Spann wieder raus.

„Zuerst hab ich kaum was gemerkt. Das war ein Gefühl, als hätte ich auf eine Katze getreten, die nicht wegläuft… das war richtig weich.“

Im städtischen Krankenhaus haben sie dann ambulanten Murks gemacht: keine Röntgen-Aufnahmen, dumme Blicke, wieder nach Hause geschickt. Es ging alles schief, was schiefgehen konnte. Die Unfallversicherung bot ihm ein Jahr später eine einmalige Zahlung von 80.000 Euro an, wahlweise eine monatliche Invaliden-Rente von 300 Euro.

“Ja wie..? Erzähl mir nicht, du hast dich für die Rente entschieden..” Ich konnte es nicht fassen. “Bist du wahnsinnig? Solange lebst du doch gar nicht mehr, dass sich das lohnt!”

Der kleine Wiegand, sonst schlagfertig und immer für eine prompte Replik gut, grunzte nur vor sich hin und nahm einen Schluck Bier.

“Dich alte Labertasche überlebe ich allemal.”

Er saß auf der Treppe am Kaufhof. Er hatte die erste Kanne Bier in Arbeit, morgens um neun. Er rülpste verächtlich.

„Die erste.. bff.“

„Die wievielte denn?“

„Na, keine Ahnung. Weiss ich doch nicht. Ich zähl doch nicht mit. Die.. dritte glaub ich.“

Um diese frühe Uhrzeit wimmelte es in der Stadt nur so von Junkies, fast jeder hatte eine Flasche Bier und einen Jägermeister in Arbeit. Viele kamen direkt von der Methadon-Vergabe. Es gab zwei Arztpraxen in der Innenstadt, die lizenziert waren, Heroin-Süchtige zu substituieren, mit Methadon, Methadict, Polamidon, Subutex. Dazu wurden diverse Antidepressiva ausgegeben, Pillen gegen Alkoholismus, Schlaftabletten etc. Man sammelte sich in kleinen Grüppchen, stand an dunklen Ecken und besprach den Tag. Wo was zu schnappen war. Wovon man besser die Finger ließ. Ich hatte damit nichts mehr zu schaffen, ich war raus aus der Nummer, aber wenn ich in der Stadt unterwegs war, erkundigte ich mich nach dem Fortgang der Geschichte. Nach den Alten.

Ich setzte mich zu ihm, und Wiegand erzählte, wie es weitergegangen war, nachdem er am Fronhof sein Konto leergeräumt hatte. Mit fast 900 Euro in der Tasche war er volltrunken in eins der besseren Schuhgeschäfte in der City gewackelt, wo er sich für 150 Euro rote Nikes leistete. Er behielt sie gleich an. Die alten Treter ließ er im Geschäft zurück. Alle Verkäuferinnen weigerten sich, die Dinger anzufassen. Echtes Trapper-Bukett. Wiegand stieg in die 683 Richtung Höhscheid und schlief auf der Stelle in der hinteren Bank des überlangen Gelenkbusses ein. Die folgende Abzocke ist auf Video dokumentiert, alle Busse der Stadtwerke werden videoüberwacht. Vier Hip Hopper, die Basecaps tief in die Stirn gezogen, nehmen den nickernden Wiegand in ihre Mitte. Sie streifen ihm in aller Seelenruhe die nagelneuen Sneakers vom Fuß und zocken seine Brieftasche bis auf den letzten Cent. Eine Haltestelle weiter steigen sie aus. Auf dem Videomitschnitt sieht man, wie der Busfahrer an der Endhaltestelle auf Wiegand zukommt, ihn aufweckt und verärgert rausschmeißt, obwohl er nur noch Strümpfe an den Füßen hat.

“Der hielt mich für einen Penner. Der dachte, ich wär besoffen.“

„Ja, wieso. Warst du doch auch.“

„Ja klar, ich wusste überhaupt nicht, was Sache ist. Ich hab nix mehr geschnallt.”

“Na, das ist ja nun auch nix Neues”, sagte ich.

Ein Trapper auf dem Trail, III

2009 jobbte ich im Design-Institut am alten Bahnhof, und eines Tages stand Wiegand in der Tür. In seiner Uniform. Fransenjacke und Boots. Der Trapper. Ich hatte ihn zwei, drei Wochen zuvor in der Stadt getroffen und erwähnt, dass ich jetzt am alten Hauptbahnhof arbeitete, im Design-Institut, wo ich die kleine Bücherei verwaltete. Ich war schon eine Weile aus der Drogenszene raus, er steckte immer noch drin. Nun stand er in der Tür, mit einem beschädigten Grinsen im Gesicht, halb forsch, halb scheu, und brauchte dringend Kohle. 170 Euro genau genommen.

“Melli hat einen Roten draußen. Die kann jeden Moment verhaftet werden.”

Einen Roten draußen haben bedeutet, ein zuständiger Richter hat einen Haftbefehl unterschrieben, auf rotem Papier. Melli, die Mutter seiner Kinder, hatte wiederholt die Rate einer Geldstrafe nicht beglichen.

“Und da machen die so einen Honk?” wunderte ich mich. „Deswegen soll sie in die Kiste?“

“Der Staatsanwalt mag Melli nicht”, meinte Wiegand. “Der will die im Bau sehen, unter allen Umständen.”

“Warum?”

“Keine Ahnung.”

An seinen Augen war abzulesen, dass er sehr wohl wusste, was dahinter steckte, aber keine Lust hatte, darüber zu reden.

“Scheiße”, sagte ich, “ich hab keine 170 Euro.”

“War ja auch nur ne Frage.”

Überraschend schnell hakte er das Vorhaben ab, sich Geld von mir leihen zu wollen. Wahrscheinlich ging ihm erst jetzt so richtig auf, wie sinnlos dieses Unterfangen war. Wir kannten uns aus uralten Haus der Jugend-Tagen, hatten uns aber lange Zeit kaum gesehen. Dass er jetzt hier im Institut aufschlug und mich anpumpen wollte, zeigte nur seine ganze Verzweiflung. So dicke waren wir nicht, nicht mal annähernd so dicke, dass ich ihm mal eben 170 Euro rübergeschoben hätte, selbst wenn ich flüssig gewesen wäre. Vermutlich war ich einer der wenigen in seinem Bekanntenkreis, der überhaupt einen Job hatte, wo also die Möglichkeit, sich auf die Schnelle Geld leihen zu können, überhaupt in Betracht kam. Er blieb nicht lange, keine zehn Minuten später machte er sich wieder auf die Socken, er stand mächtig unter Zeitdruck.

Wenn er bis 16 Uhr die Kohle nicht auftrieb und einzahlte, konnten die Bullen jede Sekunde einfliegen und Melli in Haft nehmen. Dann musste sie die noch nicht abgestotterte restliche Geldstrafe absitzen.

„Vier Wochen. Die verkraftet das schon“, meinte Wiegand.

Aber was war mit den beiden kleinen Kindern? Ihm allein würde das Jugendamt kaum die Verantwortung übertragen. Wahrscheinlich mussten sie dann ins Heim, Und wenn sie erstmal im Heim waren, würde es schwer werden, sie wieder rauszuholen, selbst wenn Melli nach einem Monat wieder aus dem Knast kam. Als mir das klar wurde, begann ich zu rechnen, ob ich die Kohle nicht doch irgendwie auftreiben konnte, doch mir fiel nichts ein.

“Na ja, ich hab da noch eine Idee”, meinte Wiegand schließlich nebulös, “eine Möglichkeit bleibt noch.”

“Ich drück dir die Daumen”, sagte ich, “dass es klappt.”

Ein bisschen hatte ich den Eindruck, dass er das nur sagte, damit ich mich nicht so schlecht fühlte, weil ich ihm nicht weiterhelfen konnte.

“Tut mir leid”, sagte ich.

“Schon okay.”

Im Türrahmen drehte er sich um.

“Hab ich dir erzählt? Ich hab am Wochenende versucht, mich selbst in Hypnose zu versetzen.”

“Och.”

“Ja. Ich hab ne halbe Stunde lang ohne Unterbrechung auf das rote Standby-Licht meiner Stereoanlage gestarrt.”

“Is wahr..? Und? Hypnotisiert?”

“Nee. Eingepennt.“