Einmal ein ganz normaler Mann sein (Positively 4th Street)

“Musst du eigentlich immer so maßlos übertreiben? Kannst du nicht einmal, ein einziges Mal nur wie ein ganz normaler Mann sein?!”

Mein Bruder hatte mir ein neues Computerspiel von EA Sports geliehen, und seither war ich dem NHL-Eishockey verfallen. Stunde um Stunde saß ich am Joypad, drückte hektisch linker Trigger, rechter Trigger, Pass, Schuss, Täuschen. Am meisten nervte sie der kanadische Reporter, der stimmgewaltig durch das Match führte und eine Spur harter  Homo-Erotik in unseren Zimmern hinterließ. Dazu der Sound der übers Eis kreischenden Kufen und die Bodychecks, wenn die Spieler in ihrem engen Panzer gegen die Bande krachten – raggabanggg!! Was für eine Atmosphäre!

“Ich werde noch wahnsinnig bei dem Lärm! Mann, du bist doch keine fünfzehn mehr! Schalt endlich den scheiß Apparillo aus und mach was vernünftiges! Verdiene Geld wie andere Männer auch!”

Bitte sehr, wenn sie meinte. Ich hatte sowieso keine richtige Lust mehr. Ich hatte längst das höchste Level erreicht, es wurde immer kniffliger, gegen den Computer zu gewinnen ohne einen photosensiblen Epilepsie-Anfall zu provozieren. Also gab ich meine EA Sports-Lizenz vorübergehend ab, schaute mir zum Abschluß einige gespeicherte Highlights an und schaltete den Fernseher ein.

Nicht, dass man damit Geld verdiente, das nicht, aber immerhin war ich aus dem Computer-Eishockey-Geschäft raus, obwohl die Playoffs gerade begonnen hatten. Ihr zuliebe. Das war doch schon mal ein Anfang. Nicht mehr lange, und ich war ein Mann. Ein Tier. Wobei ich ja sowieso eine halbe Alte war, aber das hatte ich der Gräfin schon am ersten Abend mit auf den Weg gegeben. Da konnte ich ihr auch nicht mehr helfen. Ich war eine halbe Alte, sie ein halber Kerl. Das passte doch.

An sich jetzt.

“Na, weißt du, funktionieren wie ein Mann kann doch jeder”, hatte sie fröhlich entgegnet, als ich sie beim ersten Date vor mir gewarnt hatte, “ich will was zu lachen haben!”

Beim Zappen blieb ich im Südwestfunk hängen, bei einer Nachmittags-Sendung namens Kaffee oder Tee. Moderator war Frank Laufenberg, Radiolegende meiner Jugend. Mit seinen früheren Pop Shop-Sendungen und der unverwechselbar sonoren Stimme, die stets nach dreiundzwanzig Uhr und ein bisschen Schmusen klang, war ich aufgewachsen, er hatte einen dicken Bonus bei mir. In Kaffee oder Tee war Frank Laufenberg zuständig für die Rätsel-Ecke: “Wer hat diesen Popsong im Original gesungen?”

Es lief ein Song an, und schon nach den ersten Takten hatte ich ihn erkannt und murmelte, “.. na, Bob Dylan natürlich.”

Die Gräfin schaute zu mir rüber, mit diesem ach nee! Weißt du alter Unterarm-Frisör mal wieder alles besser!-Ausdruck im Gesicht, doch bald bemerkte sie die gelangweilte Bestimmtheit, mit der ich auf den Bildschirm stierte, und hakte nach.

“Dylan? Echt?”

“Echt.”

“Und wie heißt das Stück? Kommt mir irgendwie nicht bekannt vor.”

Da musste ich passen. Der Titel wollte mir nicht einfallen. Nicht auf Anhieb. Ich wusste aber, dass die Nummer in meiner Plattensammlung zu finden war, auf Dylans Doppel-Album Greatest Hits Vol. 3, das oben auf dem Speicher verschimmelte wie Tausende anderer Scheiben auch – doch der Titel..?

“Fällt mir jetzt nicht ein, ist aber von Dylan.”

“Dann ruf an.”

“Wo?”

“Wie, wo..?! Natürlich beim Fernsehen, du Puckjäger! Kannst du wenigstens was gewinnen. Bist du mal für was gut.”

“Was denn?”

“Na, für einen Gewinn!”

Ja gut, das hatte ich jetzt auch schon begriffen!

“Aber WAS kann man da gewinnen?!”

“Irgendwas. Konzertkarten vielleicht. Ne Katze. Irgend so was.”

Auf dem Bildschirm stand immer noch die Rufnummer eingeblendet, für das Musikrätsel.

“Los, ruf an.”

Bitte sehr! Wenn sie meinte! Ich ging in die Küche und wählte die Zahlen, die sie diktierte. Prompt war der SWF3 in der Leitung, eine Männerstimme. Irgendein Vorposten aus der Steppe vor Mainz.

“Bob Dylan natürlich”, sagte ich kurz angebunden.

“Ja, Moment bitte.. ich verbinde.”

Ein zweiter Vorposten bat mich, Name und Rufnummer zu hinterlassen, man würde eventuell zurückrufen.

“Wie siehts aus, bist du gleich im Fernsehen!?” krakeelte die Gräfin.

“Weiß nicht. Kann sein. Die rufen zurück.”

Von diesem Moment an war ich in den Augen der Gräfin ein anderer. Ein gemachter Mann. Eine unsterbliche Fernsehlegende. Ein Gewinner. Endlich punktete ich, und ausnahmsweise mal nicht auf dem Eis. Sie wurde ganz hibbelig. Sie konnte es kaum erwarten, dass das Telefon endlich läutete, zumal Kaffee oder Tee dem Ende zuging.

“Oder meinst du, die haben einen anderen ausgewählt? Warum haben die dich nicht genommen? Warst du frech am Telefon?”

Ich zuckte mit der Schulter.

“Oder war die Nummer gar nicht von Dylan?”

“Natürlich war das von Dylan!” sagte ich beleidigt, und schon klingelte das Telefon.

“TELEFON!” schrie die Gräfin, “GEH RAN!”

Ich hob ab.

“Einen Moment, Sie werden ins Studio durchgestellt…”

Jetzt rächte sich, dass wir (bis zu diesem Zeitpunkt im Sommer 2006) kein Handy hatten, denn die Strippe des Festnetztelefons war zu kurz, um den Apparat mit in mein Zimmer nehmen zu können, wo der Fernseher stand. Wo ich meiner eigenen Stimme hätte zusehen können, wie sie auf dem Bildschirm erste rauschende Erfolge feierte. Mir blieb nichts anderes übrig, als in der Küche sitzen zu bleiben. Am dicken alten Telefon.

Als Frank Laufenberg in seinem typischen, die Buchstaben wärmenden Timbre fragte, wen er am Apparat habe und ich meinen Namen nannte, war die Gräfin irritiert, wie sie später zugab.

“Erst hörte ich dich aus der Küche, dann, mit etwas Verzögerung, aus dem Fernseher. Das war.. wie bei nem Apollo-Flug!”

“Andreas Glumm, hallo”, grüßte Frank Laufenberg, “schön, dass Sie angerufen haben. Und von wem stammt nun das Original?”

Im Hintergrund hörte man den fraglichen Song, aber nicht das Original, sondern eine Blätterteig-Version a la Simply Red. Das Stück fiel auseinander, krümelte vor sich hin.

“Dylan natürlich”, sagte ich cool.

“Na-tür-lich.. Bob Dylan”, wiederholte Frank Laufenberg und verlötete ein Lächeln. “Sie gewinnen eine CD von.. Simply Red!”

Schon war ich aus der Leitung. Ich saß da wie angeschmiert. Simply Red. Davon war nie die Rede gewesen. Ne schöne Katze, okay. 10 Kabelbinder, eine Klub-Krawatte – aber SIMPLY RED?? Der zweite Vorposten war wieder dran, um meine Anschrift zu notieren.

“Die habt ihr doch schon!”

“Nein, nur Name und Telefonnummer.”

“Na super.. ne Kack-CD von Simply Red”, stöhnte ich, nachdem ich aufgelegt hatte, doch die Gräfin kam rüber und schmiegte sich an mich, klitschnass in den Augen.

“Mein alter TV-Hase..”