Affe in Velours

foto.paulstrasse

1994, Nachtdienst-Woche im Hotel.

Wenn ich affig war, blieb ich tagsüber im Bett, so lange wie möglich. Lesen, rotzen, gähnen. Abends quälte ich mich unter die Dusche, dann an den Esstisch, bekam nicht viel runter.

Aufrecht hielt mich nur die Aussicht, auf dem Weg zum Turm-Hotel bei Kilian reinzuschauen, um Nachschub zu organisieren. Hätte ich mich nicht regelmäßig gezwungen, ein paar Tage clean zu bleiben und Kilian zu meiden, obwohl seine Bude auf dem Weg (!) lag, ich wäre damals schon Heroin-Profi geworden.

Amateurleben war ehrlicher.

Amateurleben hieß: Ich schlich gegen halb zehn aus dem Haus, bergauf durch den dunklen Käuzchen-Park, Richtung Innenstadt, Richtung Turm-Hotel. Ich fühlte mich so lausig, so desolat und chemisch überreizt, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als den Nachtdienst zu schwänzen und stattdessen in eines der am Straßenrand geparkten Autos einzudringen und die Nacht heimlich auf dem Rücksitz zu verbringen, geschützt von Karosserie und Standheizung.

Besonders wenn Regen fiel und das Wasser von den Scheiben perlte, zog mich so ein blödes abgestelltes Auto magisch an. Noch magischer war der Anblick im Winter, bei zugeschneiten Kabinen. Wenn man nur eine Ahnung vom Autoinneren hatte, wenn die Schneedecke alles Konkrete schluckte. Kein Mensch würde einen finden in der Muschel. Spätestens gegen Mitternacht würde ein Drive by-Dealer ans Fenster klopfen und höflich etwas Drive by-Heroin anliefern, im Drive by-Verkauf. Einwandfreies Einduseln garantiert.

Nach vorn gebürstete Silhouette, auf Sternrädern unterwegs, die Scheiben nur Sehschlitze: als wäre man in einen Bunker der Effizienzklasse F gestiegen. Als drohte jederzeit ein Luftangriff, da half die niedrige Dachlinie, dem Feind wenig Angriffsfläche zu bieten. Fazit: Insgesamt handelte es sich beim Auto um fahrbare Verstecke, um Military Benzos, den Bunker-Mercedes.

Die Sehnsucht nach Abgeschottetsein, nach hermetisch abgeriegelten Fahrzeugen und Kabinen war ja nichts anderes als diese muckelige Einschlafhilfe, die ich mir als Knirps Abend für Abend zurechtgelegt hatte. Als ich mir vorstellte, in einer Glaskugel durch die Tiefsee zu treiben, wo alles federleicht, warm und aufgehoben schien, bis endlich der Schlaf kam und mich fortspülte durch den großen Ozean.

1994. Gegen die geballte innere Leere und Kälte des beginnenden Entzugs erschien jedes noch so verlassene Vehikel am Straßenrand so einladend und gastlich, dass ich im Vorübergehen Türen aufbrach und in Velours bezogenen Vollschalensitzen versank.