Kinder, die was wollen

Fotos Willi Glumm 421

Wenn wir als Kinder sagten “Oma, ich hab Durst..!”, kam immer dieselbe alte Leier, wie aus der Pistole geschossen: “Dann geh zur Frau Wurst. Die hat ein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen.”

Und wenn wir einen Wunsch hatten, der übers normale Maß hinausging, schüttelten die Omas nur den Kopf und drohten: “Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen!”

So ein Scheiß, dachte ich schon damals, mit gerade mal sechs Jahren. Was ist das billig!

*

Da mein Vater gern und ausgiebig von früher erzählte, vom Aufwachsen in einer Familie mit sechs Kindern und Dutzenden Nachbarn, die ein-und ausgingen im Haus am Stöckerberg, rückte die Familiengeschichte meiner Mutter in den Hintergrund, obwohl sie genauso spannend war.

Unsere Großmutter mütterlicherseits war die italienische Oma. Wenn wir von der Schule kamen und sie stand in der Küche, um Mittagessen zuzubereiten, bedeutete das für uns, dass Mutter den ganzen Tag am Schreibtisch saß und Bilanzen machte. Dafür brauchte sie Ruhe. Am besten, wir verzogen uns an solchen Tagen vor die Tür und liessen uns nicht blicken.

Bilanzen, soviel war klar, hatten mit Zahlenkolonnen zu tun, die Mutter in ein riesiges blaues Buch übertrug. Das Buch bestand aus lauter Spalten, Blöcken und Reihen und bedeckte aufgeschlagen das halbe Wohnzimmer.

Ich hörte Mutter oft fluchen an den Bilanz-Tagen.

Ganz schlimm wurde es am Abend, wenn Vater von der Arbeit kam und sich dazu setzte. Dann wurden Angebote gemacht, so hörte ich heraus, die auf Ausmaßen beruhten, die Vater als Chef seines Klempnerbetriebs im Notizbuch festgehalten hatte und die er jetzt Mutter diktierte. Es schwirrten Begriffe wie Hartchrom-Muffe, verzinkt, acht Millimeter und Brausetasse, extra-flach, neunzig mal neunzig durchs Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Mutters Büro war. An Bilanz- und Angebots-Tagen gerieten sich unsere Eltern oft in die Haare. Es war jedes Mal das gleiche. Sie schimpften noch wie die Kesselflicker, wenn wir längst im Bett lagen und inständig beteten, sie mögen sich nicht scheiden lassen.

Scheiß Bilanzen, sagte ich zu meinem kleinen Bruder, aber der guckte nur blöd und lachte. Mein kleiner Bruder war der Großmeister des Dinge-aus-der-Welt-lachen. Aus seiner Kindheit ist kaum ein Bild bekannt, auf dem er nicht lacht. Oder sich zumindest darauf vorbereitet, beim nächsten Schnappschuss in krachendes Gelächter auszubrechen. Ein fröhlicher Junge, sieben Jahre jünger als ich. Allein das schien ihn irgendwie glücklich zu stimmen. Die Tatsache, dass er nicht ich sein musste, sondern er selbst sein durfte. Unter Geschwistern verlaufen die Fronten bei weitem nicht so scharf und deutlich wie bei sonstigen, nicht-familiären Beziehungen. Man kann sich so manches Tauschgeschäft vorstellen unter Geschwistern. Nur nicht in der Rangfolge. Die ist fest zementiert.

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Kleiner Bruder links, großer Bruder rechts, Schwester nicht anwesend

Unsere italienische Oma sprach kein Wort Italienisch. Sie war schon als Baby mit den Eltern nach Deutschland eingewandert, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gab damals eine erste Einwanderungswelle italienischer Gastarbeiter, die sich auf schwere Arbeiten verstanden, die viele Deutsche nicht mehr übernehmen wollten.

Mein italienischer Ur-Großvater und Teile seiner Sippschaft, die Lesizzas, waren Straßenpflasterer. Sie stammten aus dem Friaul, einer abgelegenen und bitterarmen Bergregion an der Grenze zu Slowenien.

Auch wenn Oma kein Italienisch sprach und schnell Deutsch lernte, in der Schule hatte sie einen schweren Stand. Ich wurde bespuckt und geschlagen, erzählte sie später, nur weil meine Eltern Italiener waren.

Als alle Strassen gepflastert waren, ging mein italienischer Ur-Großvater in die Papierfabrik Jagenberg direkt an der Wupper. Dort arbeitete er nicht nur, dort lebte auch die ganze Familie, in der Hofschaft Papiermühle. Wir wohnen noch heute in der Nähe, keine dreiviertel Stunde Fußweg entfernt. (Mit dem selten verkehrenden Bus zwei Stationen.)

Mein Ur-Opa Lesizza, ein schweigsamer Mann, verunglückte Anfang der 20er Jahre beim Schlittschuhlaufen an der Papiermühle, auf einem zugefrorenen Teich. Er stürzte auf den Hinterkopf. Zwei Tage später bekam er rasende Kopfschmerzen und starb noch am selben Tag. Nun war meine Ur-Oma, die kaum Deutsch sprach und sich in einem Kauderwelsch aus Italienisch und einigen Brocken Solinger Platt verständigte, allein mit vier Kindern.

Damals gab es keine Arbeitslosenversicherung, die einen auffing, erzählte mein Vater, der selbst etwas Italienisches an sich hatte, als er jung war. Dichtes schwarzes Haar, markante Gesichtszüge, von eher gedrungener Gestalt. Die Witwe, die so gut wie kein Deutsch sprach und in der ersten Zeit keine Arbeit hatte, musste ums Überleben ihrer vier Kinder kämpfen, und es gab Tage, da ernährten sie sich nur von den Dingen, die in der Wupper vor ihrer Haustür trieben.

“Fische?” fragte ich.

Vater lachte. “Fische!? Du bist gut. Die Wupper war der dreckigste Fluss Europas. Wenn das Wasser rot wie Blut war wussten wir, dass die Textilindustrie in Wuppertal an diesem Tag rote Farbe benutzte. Ein paar Tage später konnte er giftgrün sein, und es stank erbärmlich, besonders im Sommer. In der Wupper gab es damals keinen einzigen Fisch, da lebte kein Wurm drin. Die Leute führten ja auch ihre Abwässer in die Wupper. Nee, die Lesizzas holten aus der Dreckbrühe, was andere Leute weggeworfen hatten. Salatblätter, den Strunk von irgendwelchem Gemüse, alles, was irgendwie essbar war.”

Seltsame Vorstellung, dass dieser alte Fluss einst meine Vorfahren durch schlechte Zeit brachte. In unserer eigenen Kindheit bis in die 80er Jahre galt die Wupper als Paria. Im Gegensatz zu Wuppertal, wo der Fluss das Stadtbild prägt, berührt die Wupper Solingen nur an den Randbezirken. Aber heute noch hab ich den Gestank in der Nase, der sich an Sommertagen in den Auen und Senken des Wupper-Tals sammelte und sich in die Kleidung fraß. Seit dem Wegfall der Industrien ist die Wupper immer sauberer geworden und gilt heute als eine der am besten renaturierten Flüsse Europas. Heute würden die Lesizzas Lachse aus dem Wasser angeln.

*

Die italienische Oma trank gern Bier und wurde dann lustig, sehr laut und ausfallend. Einmal beobachtete ich vom Kinderzimmerfenster, wie meine Eltern sie in ein Taxi verfrachteten, wo sie stinkbesoffen weiterkrakeelte und dem Taxifahrer den Muschifinger zeigte. Danach kam sie eine Weile nicht mehr zu uns nach Hause und Mutter musste auch an den Bilanz-Tagen Mittagessen machen, das war zu viel Arbeit. Später kam Oma dann wieder, aber Bier und Schnaps wurden weggesperrt.

Sie konnte unheimlich gut Reibekuchen backen. Es waren die leckersten Reibekuchen der Welt. Mit meinem Cousin bestritt ich regelrechte Wettbewerbe, wer mehr Reibekuchen verdrücken konnte. Er war zwei Jahre älter als ich, hatte ein Loch im Herzen, das der berühmte Dr. deBakey in Texas mehrfach stopfen musste. Immer, wenn mein Cousin nach Texas flog, um wieder operiert zu werden, sah ich den weltberühmten Arzt vor mir, der sich mit Nadel und Nähgarn über das Herz meines Cousins hermachte.

Er gewann jedes Mal beim Reibekuchenessen. Er konnte Unmengen davon fressen. Er war der Reibekuchenfressweltmeister.

“Ach, gönn ihm das doch”, sagte Mutter. “Er hat doch sonst nichts. Er ist doch ein Armer.”

Naja, ein Armer. Ich weiß nicht. Seine Eltern hatten viel Geld, er war Einzelkind, hatte eine seltene Krankheit und bekam dauernd Sachen geschenkt. Sogar ein Pferd und so lila Spezial-Schallplatten von Deep Purple. Und ich? Kaum äusserte ich einen Wunsch, hiess es gleich “Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen.” Diese verschissenen Bollen!  Die wurden ja doch bloß erwähnt, weil sie sich auf wollen reimten!

Junge, war das Leben billig damals.

*

Meine italienische Oma war keine schlechte Oma. Sie hatte früh ihren Mann verloren, er war im Krieg gefallen. Trotz einiger Verehrer heiratete sie nie wieder und begann irgendwann zu trinken. Lange Zeit, ohne dass die Familie es mitbekam oder mitbekommen wollte.

Als Junge war ich schwer fasziniert von den Adern, die ihre Arme durchzogen, lange blaue Schlangen unter pergamentpapierdünner Haut. Ich konnte nicht genug davon bekommen, sie zu betrachten. Die Adern sahen aus wie blaue Rohrleitungen für ein Puppenhaus. Und man konnte sie einfach zu Seite wegrollen. Wenn ich das tat, lachte Oma immer. Sie hatte eine hohe Stimme, wenn sie lachte. Mit ein paar Bier drin war sie ein Countertenor.

Jahre später, in der Pubertät, wenn ich mit Karlos und Schnaat unterwegs war, traf ich meine italienische Großmutter ab und zu im Bierbrunnen, wo sie große bayrische Bier trank. Sie war nicht mehr so lustig wie früher, aber sie hielt sich tapfer. Eine kleine Oma im grünen Lodenmantel und mit Federn am Hut.

“Andreas, mit dir wird es ein schlimmes Ende nehmen!” beliebte sie zu scherzen, wenn ich den nächste halben Liter anschleppte. Hast du Durst, Oma? fragte ich nur, und bevor sie antworten konnte, gab ich die Antwort schon selbst: “Dann geh zur Frau Wurst. Die hat ein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen.”

*

Als ich davon vor kurzem der Gräfin erzählte, gab es eine Überraschung. War ich bislang davon ausgegangen, dass die Sprüche eine Erfindung unserer Omas waren, um uns Kinder zu ärgern, erfuhr ich nun, dass die geliebte Oma Soest der Gräfin den selben Wortlaut benutzt hatte, um ihre Enkel zu ärgern, mehr als 200 Kilometer Luftlinie entfernt. Überglücklich, dass es auch Andere getroffen hatte, womöglich in ganz Deutschland, lagen wir uns in den Armen und gaben uns gegenseitig was auf die Bollen.

sanne kleines passfoto

Geschichte Nummer 1

 

Noch Wochen, nachdem in beiden Tageszeitungen der Stadt über den Literaturpreis berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.

“Wie siehts aus, Hank?!”

“Stabil”, rief ich.

“Vernünftig!”

Sie hielten mich für eine Art Bukowski – was ein Blödsinn. Charles Bukowski war ein Trinker, der mit Herz und Humor großartige Stories übers Leben in Los Angeles schrieb, während ich nur großartig trank. Nein, Bukowski war ein verdammtes Genie, ich nicht. Sparflammenbukowski, dachte ich.

Na, Hauptsache stabil.

Kurz nach Neujahr ging das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers unter die Erde kommen sollte. Mit seiner schweren Maschine, einer 1000er Kawasaki, hatte der Fahrer eine Bordsteinkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geknallt. Angeblich war er fünfzig Meter weit geflogen. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Bursche, den ich vom Sehen kannte, ein groß gewachsener introvertierter Beau, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste. Die Laboranten wollten das Ergebnis einfach nicht glauben, und sie fürchteten, es würde vor Gericht nicht standhalten. “Mit so viel Koks im Blut hätte der Junge doch fliegen müssen!”

Nun ja.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte “Momentchen..”, und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. “Für dich”, flüsterte er und machte sich auf die Socken Richtung Friedhof. Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren für ihn drei, vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, da machten sie richtig Asche, doch im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Tote Hose sozusagen, bis auf eine eins neunzig große Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft hatte. Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte zu tun. Was mich betraf, so war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann, wo oder wie. Nicht mal worüber war bekannt.

“Herr Glumm..?”

“Ja”, sagte ich und starrte in den Hinterhof.

“Buntenbach, Arbeitsamt. Schönen guten Morgen, Meister! Na, ausgeschlafen?”

Bevor ich etwas erwidern konnte, rückte der Sachbearbeiter, den ich von diversen Einladungen kannte, (Bitte kommen Sie in das kommunale Jobcenter. Ich möchte mit Ihnen Ihre berufliche Situation erörtern), schon mit der unangenehmen Sprache heraus: Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate, bei Obi in Ohligs.

“Bei.. OBI!?”

“Ja, in Ohligs. Die Eisenwarenabteilung sucht einen tatkräftigen jungen Mann, da habe ich gleich an Sie gedacht. Was sagen Sie dazu, Meister?”

Ja, was sagt man dazu. Eisenwarenabteilung. Bei Obi. In Ohligs. Einen Moment lang hoffte ich, Buntenbach wolle mich vielleicht auf den Arm nehmen, doch ein Arbeitsvermittler, der um diese frühe Uhrzeit anruft, will einen eher nicht auf den Arm nehmen – im Gegenteil, der will einen loswerden. Raus aus der Statistik, raus aus dem Bettchen, runter vom Arm.

In gewisser Weise konnte ich es sogar nachvollziehen. Mit Mitte zwanzig war ich in der Blüte meiner Jahre, wie man so sagt. Der Supervogel Jugend kreiste mit mächtigen Schwingen über mir, ich war voller Spannkraft und Schwellkörpern. Selbst wer mit 25 nichts anderes tut, als von früh bis spät auf der faulen Haut zu liegen, dem wachsen noch Matratzenmuskeln, von ganz allein. Vom bloßen Faulenzen.

Ich war wirklich ein fauler Hund.

Dennoch – in meinem speziellen Fall blieb ich bei meiner Auffassung, dass die Gesellschaft eine Ausnahme machen sollte. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich Zeit, um mich zu entwickeln, viel Zeit, denn ich war extrem langsam in meiner Entwicklung, ein echtes Kriechtier. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen hungrigen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich am nächsten Tag von der ganzen Sauferei zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo da noch Zeit für eine geregelte Arbeit sein sollte. Ohne Flachs. Vielleicht zwischen halb eins und eins? Gut, aber da war Mittagspause. Nein. Es machte keinen Sinn. Dem Faktor Zeit war nicht beizukommen, es sei denn, man gewährte ihn. In vollem Umfang.

Aber sie ließen nicht locker, die Damen und Herren vom Arbeitsamt. Alle paar Wochen kamen sie mit dem nächsten Jobangebot, mit dem nächsten perfiden Bewerbungstraining um die Ecke. Der Idee, mit dem Schreiben von Storys Geld zu verdienen, konnte man nichts abgewinnen. Hier, Literaturpreis, entgegnete ich und liess das Dokument flattern, das ich aus der Hand des Kultusministers in Empfang genommen hatte. Und sonst? entgegneten die Damen und Herren, kommt da noch was?

Allmählich wurde ich sauer. Was zum Henker ging da vor sich? Die herrschende Klasse rottete sich zusammen, um mein Vorankommen als Autor zu torpedieren. Man duldete keine angehende Berühmtheit unter Empfängern von Lohnersatzleistungen. Man sah in mir einen künftigen Maschinenarbeiter, einen Mann in Kittel und festem Schuhwerk, in den Händen einen Überstunden-Zettel, keinen Schreibstift.

“Ihr Ansprechpartner im Obi ist Filialleiter.. äh.. Moment.. Hafner..”

Und ausgerechnet Baumarkt. Wenn ich zu irgendetwas keinen Zugang hatte, dann zu Leuten, die in ihrer Freizeit Fliegengitter zusammenzimmerten und darüber mit dem Nachbarn fachsimpelten. Die ihre Seele zum Hobbyraum erklärten und zwischen offenen Lacktöpfen James Last flöteten. Oder Phil Collins, was das gleiche war.

Ich saß am Küchentisch, wie angeschossen, und lotete die Möglichkeiten aus, die Maßnahme abzuwenden oder wenigstens eine Weile hinauszuzögern, doch mir fiel kein Grund ein, nichts, was Sinn gemacht hätte. Eine Allergie gegen Heimwerkertum war nicht bekannt, auch nicht gegen das Tragen von orangefarbenen Kitteln. Nein, sie hatten mich am Arsch gekriegt, ich musste es akzeptieren. Ich war wieder in Lohn und Brot.

Halber Lohn, Knäckebrot.

Aber wenn ich die Dinge schon nicht verhindern konnte, wollte ich sie wenigstens so schnell wie möglich hinter mich bringen. Noch am gleichen Nachmittag rief ich in der Filiale an, um einen Termin für das Vorstellungsgespräch auszumachen. Als ich Karlos und den Anderen von der drohenden ABM erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm und seine zwei linken Hände in der Eisenwarenabteilung, zwischen Schrauben, Muttern und Nägeln: ein gefundenes Fressen.

“Der Glumm hat gar keine zwei linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen! Der Penner!”

Der Mitsubishi Boy freute sich schon darauf, mich im Baumarkt in flagranti mit dem Besen in der Hand zu erwischen, “aber na ja, haben wir nicht alle schon mal Staub gefressen?! Hehe!”, und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze wachsweiche Denunziantengesicht.

“Endlich haben sie dich klargemacht!”

Er schlug vor, zweimal die Woche als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen oder ob ich doch nur auf dem Klo hockte und eine Kippe nach der anderen rauchte, die Finger am Sack. Es war ein Elend, jetzt schon, und es hatte noch nicht mal begonnen.


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10. Januar 1987, halb zehn

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte NRW-Literat saß im Obus nach Ohligs, im Schädel die Bierhefe vom Vorabend. Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch scheiße aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos am Morgen das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern, und zwar so lange, bis ich mich schließlich noch mal hingelegt hatte und frontal mit dem Gesicht im Kissen eingepennt war. Vom Preisgeld hatte ich mir ein großes polnisches Gänsefederkopfkissen gekauft, in dem ich stets das Gefühl hatte, adieu zu sagen, wenn ich darin versank und den neuesten Träumen nachhing.

Die Obi-Filiale in Ohligs, ein Flachdachbau, groß wie ein Fußballfeld, hatte man an einer vielbefahrenen Hauptstraße errichtet. Die lange Glasfront erlaubte einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich drehte mir eine letzte Zigarette und schaute mir das kommende Schlamassel vom Parkplatz aus an. Dann raffte ich mich auf, und betrat die Hölle.

Es war eine Atmosphäre wie im Stadion, eine halbe Stunde vor Anpfiff. Grelles Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Gesprächsfetzen von selbsternannten Fachleuten, Bratwurstverkauf. Amateur-Oberliga. Wie zum Warmmachen schoben Kunden halbleere Einkaufswagen durch die Gänge, Ersatzspieler zogen einen Flunsch und lungerten im Kassenbereich herum. Aus dem Fumu-Gedudel schälte sich You make me shiver heraus, George Benson.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Es war Frühstückspause. Ein paar Mitarbeiter saßen um einen langen Tisch herum und gafften blass und erschöpft in die Pappbecher. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keine orangefarbene Kluft trug, drehte sich zu mir um.

“Hallo..”, lächelte sie aufmunternd.

Hinter ihr, im Stahlregal, stapelten sich die Verkäuferkittel, frisch gewaschen, gebügelt und nach meinem armen Leib schielend. You make me shi-waa.. hörte ich George Benson singen, und es klang, als mache er sich lustig. Na, was solls, dachte ich. Irgendwann ist der Schock vorbei, und dann gibts Kuchen.

“Ich suche den Filialleiter”, sagte ich.

“Im Büro”, meinte die Blondine knapp.

“Ja schon. Aber wo ist das Büro?”

“Na, hinter dir. Brauchst dich bloß umzudrehen.”

Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Der Kasten war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder geschah es, dass ich Dinge übersah, selbst wenn sie groß und sperrig waren wie ein Haus und in Flammen standen. Die Gräfin meinte Jahre später, um mein Interesse zu wecken müsse man nicht nur einen rechteckigen TV-Bildschirm um die Dinge ziehen, es müsse auch jederzeit weggezappt werden können.

Personalbüro Haffner. Ach so. Mit zwei f. Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor.

“Ach, Sie sind das”, sagte Herr Hafner. “Sie sind das Vorstellungsgespräch.”

Der Mann war Mitte Dreißig und ein sportlicher Typ. Er schien ganz in Ordnung zu sein. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen vor Aufmerksamkeit. Er gab sich so jovial und verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker und jovial machten, sehr schnell sehr unlocker und unjovial werden konnten, geradezu bockig, wenn ihre eigenen Interessen berührt wurden, und dann war mit Pferde stehlen schnell Essig. Dann hieß es bürsten, striegeln, Fresse halten.

Rasch war geklärt, dass ich aus der Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, es war nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Als ABM-Kraft. Ich fragte mich, warum, ich konnte es mir nicht erklären. Ausser, dass ich eine billige, vom Job-Center finanzierte Arbeitskraft war. Doch wem nutzte das?

“Ich mein, handwerklich bin ich eine totale Null”, spielte ich meinen letzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, dass die Hände kraftlos und schlaff über der Stuhllehne baumelten, wie traurige alte Stofftaschentücher.

“Das macht nichts, das lernen Sie schon noch.”

“Schön.. Aber was soll ich den Kunden sagen? Ich mein, die denken doch, da steht ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, und dann weiß ich nicht die Bohne Bescheid..”

“Ach was. Die ersten ein, zwei Wochen tragen Sie keine Arbeitskleidung, damit Sie niemand als Mitarbeiter identifizieren kann. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht und so. Und falls jemand hartnäckig ist, verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter. Alles kein Thema.”

“Kein Thema.. Hm. Und wenn kein nächster Mitarbeiter in der Nähe ist?”

“Na dann.. verweisen Sie den Kunden eben an den übernächsten Mitarbeiter. Irgendwo wird schon einer sein.”

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ die Hände hängen wie abgenudelte Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mich selbst schon wie der größte Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens fühlte, eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

“Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?”

“Jetzt fangen Sie doch erst einmal an..!! Herrschaftszeiten!!”

Ein Mann muss wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match ansteht. Nach der Niederlage ist vor dem Sieg. Es müffelte schon leicht nach Lorbeer. Und wenn ich den Job schon nicht verhindern konnte, ohne eine Sperre der Arbeitslosenkohle zu riskieren, versuchte ich wenigstens so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein. Teilzeit, dachte ich.

“Ich brauche Zeit zum Schreiben”, sagte ich.

“Was denn, was denn..? Sie müssen.. schreiben lernen!?”

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, ich klärte ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestsellerautor. Den King of Satzbau. Hinterland Bukowski.

“Short Stories? Was schreiben Sie denn? Ist ja interessant.”

“Na ja.. Short Stories.”

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Was für mich noch drei Wochen Galgenfrist bedeutete, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage, fürs gleiche Gehalt, wobei das Gehalt so klein war, es war kaum als Gehalt zu bezeichnen. Ein Gehältchen. Knäckebrot.

Da war nur noch eines.

“Sagen Sie, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?”

“Woanders? Ja, wo denn? Welche Abteilung?” Hafner sah mich gespannt an. “Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?”

Wir blieben bei Eisenwaren.

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Arbeitsvermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie kürzlich mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen verfehlt – das Baby wog hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Die Nase rot und blau nahm sie mindestens zwei Stühle in Beschlag und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

“Das wird immer schlimmer”, krächzte das zerschlagene Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Es roch nach Betaisodona. Ich fragte mich kurz, mit wem sie redete, doch da außer mir niemand anwesend war ging ich davon aus, dass sie mich meinte.

“Früher durfte hier jeder so viel Hunde mitbringen, wie er wollte, alles kein Problem. Dann durfte nur noch ein Hund mit rein, der andere musste draußen bleiben. Und heutzutage?” Sie stampfte mit dem Bein auf, dass der Ständer mit den ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt  einen Satz machte. “Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit ins Arbeitsamt rein! Nee! Muss ich beide zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti heimkehrt. Die zwei Racker reißen mir die Bude ab, wenn ich eine Stunde weg bin! Das sind Jagdhunde! Wenn die mir in die Gardine beißen, das sieht nicht schön aus, sag ich Ihnen. Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?”

Die Scharniere des Stuhls jammerten und begehrten auf, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde noch lauter, beinah schrie sie mich jetzt an.

“Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?” Sie glotzte höhnisch über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. “WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER HIER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!”

Sie zog schimpfend von dannen, verschwand mit einem Getöse im Fahrstuhl, als hätte sie die Jagdhunde in ihren Stiefeletten versteckt, ein Halali der anderen Art. Im gleichen Moment ging über dem Zimmer meines Sachbearbeiters das grüne Licht an. Er war aus der Pause zurück.

Buntenbach warf einen Blick in den Arbeitsvertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Wochenstunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine blasse “32” eingetragen hatte.

“Wieso nur zweiunddreißig Stunden, Meister?”

“Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können”, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik raus. Volle sechs Monate lang. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

“So, Meister, am 1. Februar ist definitiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen”, sagte er nicht ohne Genugtuung, wobei ihn definitiv finis mit Feiern kurz ins Stottern brachte. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und mit der Feierei war es auch nicht mehr weit her. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Die Schicht von Magie, die mich seit Teenagertagen umgeben und abgeschirmt hatte, begann zu bröckeln, der Schutzmantel rieb sich auf. Mit Mitte Zwanzig stand ich an der ersten roten Ampel und hatte keinen wirklichen Plan, wie es weitergehen sollte – und seit Lena weg war, interessierte es auch niemanden mehr. Mich selbst am allerwenigsten.

In Ermangelung eines echten Lebens träumte ich mir eins ins Federkissen, an den besseren Tagen.

Buntenbach blickte mich verärgert an. Er senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider, und wiederholte sich.

“Sagen Sie.., die verrückte Alte, sitzt die immer noch da draußen auf dem Flur?”

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 1. Februar, morgens, halb neun

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Vielen Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus einen internen kleinen Wettbewerb kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Zigarette an und rauchte sie so gierig runter, dass ich mir fast den Zeigefinger ansengte. Der erste Tag, und ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, doch es war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin schaute mich erstaunt an.

“Na halloo..”, flötete sie.

“Morgen”, sagte ich.

“.. hat er sich Brötchen mitgebracht!”

Wie niedlich.

“Das ist ein Schinken-Baguette”, stellte ich richtig.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz. “Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.” Eisenherz erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkeautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie sie es da reingeschafft hatte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Aber vielleicht lag die Sache anders und sie war seit dem dreizehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Stretch Jeans reingewachsen, ohne sie seither auch nur ein einziges Mal verlassen zu haben. Es gab Möglichkeiten, doch sie waren limitiert und hauten bei näherer Betrachtung allesamt nicht hin. Erst wenn man näher hinguckt, sieht man, wie die Wirklichkeit gemeint ist. Ihr Hintern war schlichtweg grandios. Nicht mehr und nicht weniger. Fertig, aus.

“Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..” Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern. Wünsch dir was. Der Pappbecher lief randvoll Kaffee, und sie schloss den Automaten. Sie besaß einen eigenen Schlüssel. Verdammt! Einen sexy Hintern und soviel Kaffee, wie reingeht – offenbarte sich das Paradies am Ende an unerwarteter Stelle?

“Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts..?”

“Danke. Schon okay.”

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, makellose sanfte Wellen, die unsere Füße und Öhrchen umspülten. Nein, es war doch die Hölle. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber ahnt, dass man sich schon bald nah kommen wird. Kommen könnte. Vielleicht auch nicht.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm eine Weißbrotstulle. Oh mein Gott. OH MEIN GOTT. OH MEIN GOTT!! Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor einer Situation im Pausenraum, wo eine Kollegin das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, war es der Untergang der Zivilisation.

“Nutella”, grinste sie. “Gibt Muckis.”

(Ich versuchte ein Lächeln.)

“Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Da stand, dass du ein Schriftsteller bist. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt in Solingen. Was schreibst du denn? So richtig Romane?”

Das körnige Schwarz-Weiß-Foto war kurz vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult, das Manuskript von Arnheim, der Blues in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, vor Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders gedacht hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, älter, nicht so.. nicht so.. Glumm.

“Nee, Romane nicht..” Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. Ein Schriftsteller, der keine Romane schreibt, ist kein Schriftsteller.”Geschichten.”

“Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?”

“Nee.. aus meinem Leben.”

“Aus deinem Leben?” Sie glotzte mich an. “Ist das denn so spannend?”

“Eigentlich nicht.”

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Es war kein Malochermampfen glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern.

“Und du? Keinen Hunger?” fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf. Mir schwante bereits, dass ich auf Dauer nicht mit ihr klarkommen würde. Sie erwartete eindeutig zu viel. Solche Charaktere roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man besser nichts. Am besten gar nichts. Erst dann konnte ich, ganz allmählich, Fahrt aufnehmen.

“Veröffentlichst du richtig Bücher?”

Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, “nein, ich schreib in also mehr ja so Stadtmagazinen”, doch es juckte sie ohnehin nicht mehr. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

“Ich hab dein Foto hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..”

Ich fahndete nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott, milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, eine Einladung zum Küssen fast, (nur geküsste Frauen haben heiße Gesichter kam mir in den Sinn und ich suchte mein Notizbuch), aber es war frappierend frei von allem, was irgendwie mit zweiter Ebene zu tun hatte.

Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem famos gradlinigen Hintern. Diesen Arsch musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, als er im Paradies die Blue Jeans ersann und was sich damit alles einpacken ließe.

“Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst”, meinte sie. “Ich wohne auf der Baumstrasse. Wenn du willst kann ich dich morgens im Auto mitnehmen.”

“Auf der.. Baumstrasse? Das ist ja um die Ecke.”

“Eben. Gut, ne?”

Ich wunderte mich, dass ich sie noch nie im Viertel gesehen hatte. Vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens ihren Kleinwagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man kaum zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Zimmer wohnten.

“Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?”

“Stimmt”, sagte ich.

“Warum nicht?”

“Was, warum nicht?”

“Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.”

Ich zuckte mit den Schultern. “Nur so.”

Frauen gehen shoppen, Männer fahren Auto. Bist du kein Mann? Bist du keine Frau? Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, der mich nach Ohligs brachte, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Eisenherz zu sitzen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da war mir alles Gewäsch zuwider.

“Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..”, hörte ich mich dennoch sagen, zur eigenen Verblüffung.

“Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob mit oder ohne dir.”

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

“Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?”

“Drei.”

“Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?”

“Vier Tage.”

“Nanu? Nur vier? Na gut, das macht dann.. vierundzwanzig Mark die Woche. Mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Dafür kannst du dir ja neue Bücher kaufen! Ha ha!”

Lustig. Ja. Schriftsteller schreiben Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, immer wieder, zur Abhärtung.

Sie schaute zur Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, auf eine solch unauffällige Art und wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Universums.

Aber ich wusste es besser.

“So, dann wollen wir mal wieder..”, sagte sie und stand auf.

“Und du? Ich mein, seit wann arbeitest du hier?” versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern. Das ging mir eindeutig zu schnell.

“Seit vier Jahren. Ist ganz okay hier, es lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber die findest du überall.”

“Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch”, meinte ich.

“Ja, vielleicht.” Sie lachte. “Ich bin die Gabi.”

“Ich der Glumm.”

“Weiß ich doch.”

Erst jetzt bemerkte ich, dass uns eine Putzfrau um die Füße wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bisschen schäbig, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte, so nach Herrenrasse. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr einfach keine Zeit gefunden habe, in glasklarem Abi-Deutsch. Und sie vermittelte dabei nicht den Eindruck, unglücklich zu sein. Erleichtert lehnte ich mich zurück. Die Putzfrau wrang das Schrubbtuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Er zeigte sich ebenfalls von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftige Aufgabe als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung zu vermitteln versuchte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum sonst so nüchternen Ambiente des Büros passte. Da es verkehrt herum lag, konnte ich lediglich das Wort Lyrik entziffern, auf ultramarinblauem Umschlag. Oben links ein gemalter Vollmond. Hafer verfolgte meinen Blick, sagte aber keinen Ton, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

Irgendwann war die Einarbeitungszeit vorüber. Die Kollegen wurden schon unruhig, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppig, als die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, müsse ich wissen, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, also könne ich doch endlich den verdammten Kittel anziehen. Oder ob ich eine Kittelallergie hätte.

Na gut. Jetzt war es soweit. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Unsichtbarmachen stand unmittelbar bevor.

Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Man existiert nur in Ausnahmefällen. Was in Indien die Kaste der Unberührbaren darstellte, war im alten Europa die Mischpoke der Sandwichkinder. Ihr Lebensmotto: nicht auffallen. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hieß es eine Weile normal und unauffällig vor mich hinleben, schon kam niemand auf die Idee, ich wäre es gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Moment an schief.

Sobald ich den Kittel am Leib hatte, traten die Kunden ungeniert an mich heran: Junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen? Wo Gardinenstangen? Ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute erst den ersten Tag hier, wenden Sie sich besser an meine Kollegen.

Oh, sagten die Leute, natürlich, wenn das Ihr erster Tag ist, dann können Sie natürlich nicht Bescheid wissen. Klar, lassen Sie mal gut sein, junger Mann. Dankeschön.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Vom vielen Fußballspielen in seiner Jugend hatte er ein schweres Becken, mit dem er durch den Laden schaukelte und die Sympathien der Mitarbeiter einheimste. Er baute sich vor mir auf, in Imponierstellung.

“Hören Sie mit der Lügerei auf, Glumm, das bringt doch nichts!”

Ab sofort nahm ich mir vor, bei der Wahrheit zu bleiben. Keine blöden Ausflüchte mehr.

“Tut mir leid, der Herr”, sagte ich, “aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich bin heute erst den vierundsechzigsten Tag hier..”

“Ach so! Das ist erst Ihr vierundsechzigster Tag heute! Nee, das ist klar, junger Mann!! Da können Sie natürlich nicht wissen, wo die Kasse ist!”

Nach drei Monaten wurde der Vertrag einvernehmlich aufgehoben, und ich zog mich wieder an Tresen und Schreibtisch zurück.