Glumm ist kein Name

Die Erfahrungen, die ich mit Buchverlagen in unserem Raum gemacht hatte, waren ernüchternd. Keiner wagte frischen Wind reinzulassen, alle hatten Schiss um ihren lumpigen kleinen Job, sollte ein Buch keine Auflage machen, das sie zu verantworten hatten. Neugier Fehlanzeige, Mutlosigkeit.

Verlagshäuser waren es von je her gewohnt, dass Manuskripte zu ihnen kamen, in ihr Postfach schwappten, dass sie Beute machten ohne einen Finger zu rühren, es war nicht aus ihnen heraus zu kriegen. Sie waren es gewohnt, Texte zu erhalten, zu bewerten und dann nach Gutsherrenart zu entscheiden, welcher eine Chance bekommen sollte und welcher nicht. Besonders welcher nicht.

Auf die Idee, auf eigene Faust nach neuen Autoren zu fahnden, kamen nur wenige. Und wenn ein Verlagsmensch in die Niederungen des Internet hinabstieg, dann war er auf der Suche nach Autoren und Autorinnen, die Kriterium Nr. 1 erfüllten: jung mussten sie sein. Je jünger, desto besser. Und dann kam ich alter Sack daher, (mit Sacksuppe drin, wie Helge Schneider es ausgedrückt hatte), mit dem Duktus eines Beatniks. “Sie suchen einen 450 Euro-Job?”

Ach na und, Bücher sind sowieso überbewertet, meinte die Gräfin. Jeder Hinz und Kunz bringt heutzutage ein Buch auf den Markt, daran ist nichts besonderes mehr. Im Gegenteil. Es ist mittlerweile was besonderes, als Autor KEIN Buch zu veröffentlichen. OHNE Buch als Autor zu bestehen. Ein rein virtuelles Dasein aus Nullen und Einsen zu bestreiten, im Internet, das ja angeblich nichts vergisst, (jedenfalls, solange es Nullen und Einsen gibt), während der Buchmarkt altersdement ist und ein Buch innerhalb von vierzig Tagen abhakt, wenn es keine Auflage schafft.

Na ja. Man kann es sich auch schön reden, wandte ich ein.

Andererseits: Ein Buch bedeutet Unannehmlichkeiten. Werbemaßnahmen. Eine Lesereise. Ich hasse es vor Publikum zu lesen, ich hasse Hotelzimmer, ich hasse Reisen. Das ist alles Mist, der einem nur Zeit raubt und Konzentration und wo man nachts die Groupies abräumen muss, die Genitiv und Genital erst verwechseln und dann total süß finden, süß wie falsche Artikel.

Der Person hat gereibt!

Also, warum zum Teufel solltest du knickrigen Buchverlagen hinterherjagen, wenn du das auch allein geregelt kriegst im Internet?! Wo du als Self-Publisher die Fäden selbst in der Hand hältst? Ohne sich einem Verlag auszuliefern, der dich mit einem Honorar in Pfennigstärken abspeist?

WARUM?

neues notizbuch

“Darum.”

Der Chef des mittelgroßen ambitionierten Verlages aus dem süddeutschen Raum hatte mein Manuskript mit nach Marseille genommen, wo er vierzehn Tage Arbeitsurlaub plante. Danach wollte er anrufen. Er mich. Als als nach drei Wochen immer noch kein Anruf kam, rief ich an.

Ach, der Herr.. Glumm. Sie wollte ich auch noch anrufen.

Na, das ist ja jetzt nicht mehr nötig, entgegnete ich kühl.

Die Stimmung war am Boden.

Er wollte etwas zu meiner Biografie wissen. Ich war sprachlos. Es ist nicht so schwer, meinen Namen zu googeln. Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, erfährt etwas über mich. Wahrscheinlich hatte er diese Art von Recherche bislang nicht nötig gehabt, schliesslich rannten ihm die Autoren auch so die Bude ein, Autoren, die von Ruhm träumten, von grandios übers Papier fliegenden Satzbauten, von Groupies mit hochgestrubbeltem Haar. Träumern. Vollidioten wie mir. Also erzählte ich etwas von mir. Das nötigste. Wer ich war, woher ich kam, wo ich noch nie gewesen bin und auch nicht hin wollte. Dann sagte der Verleger, dass er unschlüssig sei, was mein Manuskript betraf. Es passe in keine Kategorie. Das sei schon mal.. schwierig. Im übrigen, es gehe großartig los, baue aber im zweiten Teil stark ab.

Kann sein, sagte ich. Mit dem zweiten Teil hab ich mir jetzt nicht so die Mühe gegeben wie mit dem Anfang. Aber daran lässt sich arbeiten. Autoren arbeiten ständig an Texten. Das ist der Job eines Autors.

Gut, aber er habe da noch ein Problem. “Du hast keinen Namen.”

Keinen Namen?

“Andreas Glumm”, sagte ich.

Nein. Keinen bekannten Namen.

Na wie denn auch, sagte ich. Wenn alle Verleger so reden wie du werde ich nie einen Namen haben, nicht auf dem Buchmarkt. Und so ganz unbekannt bin ich ja nicht, als Blogger.

Ja, als Blogger, sagte er. Doch wie viele Leute kennen und lesen dich? Ein paar hundert? Ein paar tausend, wenns hochkommt?

Ja, für den Anfang doch besser als nichts.

Ja, aber das sind doch selbst alles Blogger. Sagen wir so. Wenn du schon irgendwie einen Namen hättest, das wär besser. Egal als was, Hauptsache einen Namen. Als Basketballstar in Israel, als Schwanzlutscher in Arabien, ganz egal. Du verstehst, was ich meine? Die Leute kaufen kein Buch von jemanden, dessen Name ihnen nichts sagt. Besser noch sie kennen deine Fresse, die einen vorn auf dem Umschlag anknallt. Das ist Umsatzbringer Nummer 1. Deine Fresse.

Meine Fresse.., dachte ich.

Na, deine jetzt nicht. Die kennt ja keiner. Leider.

Pass auf, sagte er. Wir machen es so. Du hast eine Minute. Sag mir, warum ich mich für dich entscheiden sollte und nicht für Autor Y, von dem ich hier ebenfalls ein Manuskript auf dem Tisch habe – ein Autor, der jünger ist als du und schon ein bisschen bekannter.

Das soll ich dir beantworten?! sagte ich.

Ja, sagte er. Erkläre mir, was dich auszeichnet. Warum es ein Buch von dir geben muss. Eine Minute.

Ich saß da und dachte, jetzt kratzt jemand an deinem Lack. Da geht einer an deinen Stolz. Der will sehen, ob du dich verkaufen kannst. Ob du ein Marktschreier bist für deine eigenen Belange. Daran ist nichts ehrenrühriges, der Mann ist Unternehmer, der will verkaufen, dachte ich, und schwieg. Ein Name also. Glumm ist kein Name, da hatte er irgendwie Recht. Glumm ist ein Zustand. Ein physikalischer Widerstand. Eine Minute.

“Mal ehrlich: würde nicht jeder Autor, der auch nur halbwegs von sich überzeugt ist, jetzt sagen, pass auf, Chef, nimm mich! nicht den Anderen?” sagte ich. “Dass ICH die Sachen schreibe, die die Leute lesen wollen? Das ist doch Humbug.”

Ich hörte Schreibtischgeräusche am anderen Ende der Telefonleitung. Ich hörte ein Verschieben von Stiften, Kratzgeräusche. Der Sauhund kritzelte, während wir miteinander sprachen. Wir nutzten beide Festnetz. Wir waren ungefähr gleich alt. Alter verlangt Chuzpe. Ohne Chuzpe bist du aufgeschmissen, und je älter du wirst, desto aufgeschmissener bist du, weil die Chancen weniger werden, wenn du kein Bein im Geschäft hast. Die Gräfin kritzelt auch immer, während sie telefoniert. Daran ist nichts respektloses. Aber der Typ ging mir auf den Sack. Vielleicht weil mir nichts passendes einfiel. Ein schöner Slogan. Irgendwas auf den Punkt.

Mir fiel doch sonst immer was ein.

“Wenn du wenigstens einen Roman hättest”, klagte er. “Nicht nur Storys.”

“Es gibt doch kaum Autoren, die so schreiben wie ich”, hörte ich mich sagen, ungenau und hochtraberisch. “Von Heroin, von Altersdemenz..” Das waren alles keine Gewinner-, keine Bringersätze. Ein Verleger will nicht hören, dass man anders schreibt, ein Verleger will gefälligst hören, dass man so ähnlich schreibt wie Bestseller-Autor Heinz XY. Ist doch logisch.

Ich kackte ab. Dabei war ich fast sicher gewesen, dass der Verlag das Manuskript annehmen würde. Wir hatten schon über Vorschuss verhandelt und den Veröffentlichungstermin. Da hing die Wurst also vor mir, zum Greifen nahe, ich hätte nur noch Hinschnappen müssen, und plötzlich – war sie weg. Weggezogen, wie zum Hohn. Mal wieder.

Wenn du eine Chance vertust, tritt dir das Schicksal noch mal extra in den Hintern, mit der Pieke. Volle Lotte. So ist das.

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Scheiß doch auf die Verlage, meinte die Gräfin später. Mach es selbst. (Nachdem sie zuvor etwas gesagt hatte, das ich interessanter fand: DIE CHANCEN SIND SOWIESO IN DER WELT. WENN DU SIE NICHT NUTZT, NUTZT SIE EBEN EIN ANDERER. DER CHANCE IST EGAL, WER SIE NUTZT.)

Nächster Satz der Gräfin:

“Du bist sowieso am besten, wenn du von hinten kommst und niemand mehr mit dir rechnet – genau das ist deine ganz persönliche Pole Position.”

Ich blickte sie an. Wir waren seit mehr als 25 Jahren zusammen, niemand kannte mich so gut wie sie. Was sie sagte, war Gesetz. Manchmal ging sie durch die Wohnung und ich schaute ihr hinterher, mit diesem Gefühl der Rührung. Zwei Menschen, die gut miteinander können, haben etwas rührendes. Zerfall hat etwas rührendes. Sätze haben etwas rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung. In der Sprach-Serengeti: Als würde ein Junges aus dem Hintern der Antilopenmutter fallen und losstaksen, inmitten lauter Nullen und Einser.

Nur einen Namen musste das verdammte Kind haben.

Guntherschnabel, vielleicht.

foto.abendbrotgebiet