Popcorn und Espresso

Dass Frauen älter werden, ja natürlich, davon hatte ich gehört. Dass aber auch Frauen an meiner Seite älter werden, davon war nie die Rede. Und dann kehrt sie eines Tages vom Termin bei der Frauenärztin heim, mit einer Schachtel Hormonpflaster, und teilt mir mit, (wo sie schon mal dabei ist), dass sie demnächst ihren fünfzigsten Geburtstag feiere. (Oder schon den fünfundfünfzigsten? Und wie alt bin ich eigentlich? War ich nicht immer zwei Jahre älter als sie?!) Während ich meine Erschütterung so gut es geht zu verbergen versuche, liest sie mir aus dem Beipackzettel vor. Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll, was ich da höre, und lasse es mir übersetzen, möglich kurz, möglich knapp, fürs Männergehirn.

„Hormone… sind Popcorn für die Gebärmutter“, erklärt sie aufgekratzt.

Nicht, dass ich jetzt wirklich Bescheid gewusst hätte, was sie von nun an regelmäßig schluckt, doch jetzt hört es sich wenigstens nach was an: nach Popcorn. Nach großer Oster-Kirmes, nach gebrannten Mandeln und Zuckeräpfel, nach Autoscooter und Stromabnehmer, nach rieselnden Kokusnussbrunnen, nach Blue Hawaii. Nach 58jährigen Jungs und Mädchen, die über den Rummel ziehen und sich gegenseitig necken.

Tja, da sind wir also tatsächlich erwachsen geworden, und wie lange hat das gedauert.

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Wir haben zwei klassische italienische Espressokännchen zu Hause, die echten Mokakännchen, ein kleines und ein großes. Wenn das große Kännchen auf dem Herd steht und das Kaffeewasser darin zu brodeln beginnt, klingt es ein bisschen wie ein Motorflugzeug hoch über den Wolken. Im Sommer, wenn das Küchenfenster offen steht, bin ich mir oft nicht sicher, ist das nun der Espresso, der gleich fertig ist, oder will da jemand in Ferien?

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Ich steh auf und sage: „Dieser Satz muss festgehalten werden!“ und suche das neue Notizbuch, das ich heut Nacht angebrochen habe. Ich liebe es, neue Notizbücher anzubrechen. Den ersten Satz zu schreiben, das hat immer etwas feierliches.

„Was ist der erste Satz da drin?“ fragt die Gräfin ab und an, wenn ich ein Notizbuch in der Hand halte, und dann blättere ich zurück und lese den ersten Satz vor. So beginnt das Notizbuch von März/April 2013 zufälligerweise mit einem ihr zugeschriebenen Zitat: „Ich habe die besseren sozialen Sätze als du!“ (Die Gräfin).

Da soll mal jemand behaupten, das Leben sei kein Wettbewerb.

Ein neues Notizbuch ist jedes Mal ein neues Leben, ein Fest für jede noch so bröckelige Handschrift.

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Sobald ich das Haus verlasse, sorge ich dafür, dass ein Notizbuch in meinen Taschen steckt. Ich gehe niemals ohne Notizbuch aus dem Haus, nicht mal die vier Meter zur Mülltonne. Ich bin zerfressen von der panischen Angst, dass urplötzlich jemand meinen inneren Kreis betritt und mir das Leben erklärt, und dann ist womöglich niemand da, der mitschreibt.

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Es bedarf eines Kranken, um einen anderen Kranken zu identifizieren.

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Je nach Verfassung, bin ich ein hoffnungsloser Hypochonder. Letztens treffe ich den Belgier in der Stadt. Er sieht abgekämpft und blass aus. Da ihm ein Großteil der Zähne fehlt, er aber keine Lust hat, die Prothese einzusetzen, schwimmen seine Worte durch den Mund, wenn er ihn aufmacht und redet. Ohne Zähne fehlt das Handwerkszeug, das man braucht, um Punkt und Komma zu setzen, es gurgelt wie ein Ertrinkender. Aber er ist ein Kämpfer. Er fängt sich. Er hört seinem eigenen Geplansche zu und reißt sich zusammen.

Er war vier Wochen im Krankenhaus, erzählt er, nachdem er mich mit einem etwas zu lauten, zu begeisterten „He, lebst du auch noch!?“ begrüßt. Ich habe das Gefühl, dass er mit dieser Frage nur auf meine prompte Gegenfrage „Und du? Lebst du auch noch?“ spekuliert, was mich irgendwie nervt. Andererseits ist es menschlich. Ich entscheide mich für menschlich und bleibe ein, zwei Minuten stehen.

Vier Wochen im Krankenhaus also, Im Städtischen. Er war zu Hause umgekippt. Einfach so. Von jetzt auf gleich. Schwarzes Loch, bewusstlos. Als er aufwacht, ruft er den Rettungswagen, dann verliert er wieder das Bewusstsein. Die Sanitäter und der Hausmeister brechen die Tür auf, um an ihn ranzukommen. Gut. Nach einer Woche in der Klinik will man ihn entlassen, hoher Blutdruck, Herz kaputt, doch schon am Vorabend beginnt es bei ihm zu kribbeln. Im Nackenbereich, am Bauch. Er hat sich eine Gürtelrose eingefangen. Statt der Entlassung warten 21 Tage auf Quarantäne.

„War aber okay. Ein Zimmer ganz für mich allein, Kabel-TV, was willst du mehr.“

Er krempelt den Ärmel hoch und zeigt mir einige verkrustete Stellen.

„Das hat gejuckt, ich hab mir den Teufel gekratzt.“

„Von der Gürtelrose?“

„Ja sicher.“

„Ist das ansteckend?“

„Nee,  nicht mehr. Nur die ersten Tage.“

Trotzdem. Wir hatten uns kurz die Hand gereicht zur Begrüßung. FEHLER rast es durch meinen Kopf. Die Krusten sehen aus wie fiese Einstecktücher. Als ich zu Hause bin, juckt es mich schon überall.

Wasser!

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„Weißt du was? Du bist ein Springer“, sagte sie und nahm einen Schluck heißen Espresso.

Es hatte über Nacht geregnet, Wasser tropfte von der Zeltwand. Wir lagen schön gemütlich im Schlafsack, mit krümelnden Croissants vom Vortag und dem frisch gekochten Kaffee.

„Ein Springer..? Wieso? Was meinst du?“

„Na ja. Jahrelang machst du gar nichts, du liegst Amok im Bett, du verknöcherst, du kriegst Atemnot vor lauter Nichtstun, und dann, urplötzlich – innerhalb von Tagen – krempelst du dein ganzes Leben um.“ Sie klopfte drei Mal gegen die Zeltstange am Kopfende „Sa-gen-haft.“

„Mh.. ist wahr?“

„Nö. Aber du könntest so sein. Du könntest ein Springer sein.“

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Landläufig eine graue Maus

Sie war Ende Dreißig, Mutter zweier heranwachsender Töchter und etwas pummelig, aber nicht unansehnlich. Sie war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil die Kollegen nicht richtig hinhörten, wenn sie etwas sagte. Maria war das, was man landläufig eine graue Maus nennt. Aber sie war sanftmütig und den Menschen zugewandt. Wir konnten es gut miteinander.

Wenn sie morgens im Institut erschien, ging sie gleich durch zum Sozialraum und setzte Kaffee auf – für alle. Das hatte sie vom ersten Tag an getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass Maria den Kaffee für die gesamte Belegschaft kochte. Sie selbst übrigens auch. Wehe, jemand anderes stand morgens am Mocca-Master, wenn sie ausnahmsweise zu spät zum Dienst aufkreuzte. Dann wurde der Brühvorgang kurzerhand abgebrochen und der Kaffee erneut aufgesetzt.

„Besser ist das“, flüsterte es im Hintergrund.

Einmal stieß ich zur Mittagszeit die Tür zum Sozialraum auf. Ich hatte Kaffeedurst und flötete gutgelaunt vor mich hin, das Wochenende stand vor der Tür. Und da ich mir sicher war, allein zu sein, unbeobachtet, ließ ich schön einen fahren. Keine große Sache, eher klein und kompakt – ein schlanker kleiner Knoblauchsoßen-Schleicher vom Vortag, ihr wisst, was ich meine. Keine militante Blähung, kein Straßenkampfgefurze, aber fies im Abgang. Oder, wie die Gräfin es einst so treffend umschrieb:

... ein Gestank, als ob man einem Stinkkäse die Hose aufmacht.

Au weia. Während ich mich durch den Sozialraum bewegte, zog ich den kleinen Stinker wie an einer Leine hinter mir her. Selbst mir als Verursacher wurde es zu aufdringlich, obwohl einem die eigenen Monster sonst sehr nahestehen, aber nicht in diesem speziellen Thunfisch-Knoblauch-Mix-Fall: ich wurde das Tier nicht los.

Und dann, just in dem Moment, wo ich mich dafür entschieden hatte, mir den Furz  galant vom Hintern zu wedeln, sah ich sie im fahlen Februarlicht am Tisch sitzen – in aller Stille.

Maria.

“Oh..!” machte ich.

Sie lächelte.

“Ich dachte..”, setzte ich an.

“Ja”, sagte sie belustigt, “schon gut. Das denken viele, wenn ich im Raum bin… Dass sie alleine sind.”

Welch ein trauriger Satz. Mit einem Augenzwinkern serviert.

Auch ansonsten eine seltsam doppelbödige Situation. Denn obwohl der Mensch im Schnitt 8 mal am Tag flatuliert, lässt er sich dabei nur ungern in die Karten schauen. Und: wer von uns sitzt nicht mal ein Weilchen im Dunkeln und lässt die Welt als Zimmer Revue passieren. Es stand also gewissermaßen eins zu eins zwischen uns, mit leichten Vorteilen für Maria. Dennoch dauerte es seine Zeit, bis diese dumme kleine Angelegenheit endlich aus der Welt war.

Mein Gott, es war doch nur ein bisschen Gas und Einsamkeit.

Volkssport. Ill.: Susanne Eggert