Fräulein Wunderbar

Ich steh also beim Bäcker an und betrachte die uralte Frau links von mir. Sie muss fast neunzig sein. Oder hundert. Ihr Anblick erinnert mich daran, wie ich meiner alten Mutter vor Jahren in den Mantel half. Ich bemühte mich, die widerspenstige Beule glatt zu streichen, die sich auf dem Schulterstück des Mantels gebildet hatte, fast wie der Knauf eines Treppengeländers. Bis mir aufging, Moment, das ist keine Beule, das ist ihr beginnender Buckel.

Verdammt!

Die alte Frau lächelt. Sie ist klein. Ein wenig ärmlich. Ihre Schühchen sind so ausgetreten, dass sie zwei Nummern zu groß wirken, und die braunen Nylonstrümpfe leiern aus, werfen Falten. Sie stützt sich umständlich auf ihren Rollator und sucht im Portmonee nach Kleingeld, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe ist.

Je länger ich ihr wohlmeinendes und ebenso knuspriges wie karges Gesicht betrachte, von einer seit langer Zeit verflachenden Dauerwelle abgerundet, desto wärmer wird mir. Einer dieser raren Momente, wo einem eine Person in unmittelbarer Nähe so sympathisch wird, dass man sie am liebsten an der plötzlichen Zuneigung teilhaben lassen möchte.

Madam, Sie sind wunderbar. Darf ich Sie in den Arm schließen?

Aber das sagt man nicht. Man denkt es nicht mal so richtig. Man fühlt es nur. Wenn man Glück hat.

„Die Dame.. hallo! Sie wünschen?“

Die pummelige Verkäuferin hinterm Tresen hat Mühe, die Alte vorn in der Schlange auszumachen, so klein ist sie.

„Drei Kümmelbrötchen“, piepst es links vor mir. Dabei lächelt sie so unschuldig und scheu, dass aus meiner Sympathiewelle schnell eine mittlere Flut wird, ein generationsübergreifender Nylonstrümpfchen-Tsunami.

„Darf es sonst noch was sein?“

Sie schüttelt den Kopf und zahlt, indem sie umständlich jede Münze einzeln auf den Tresen legt. „Eins dreissig.. eins vierzig…“, zählt die Verkäuferin geduldig mit. Alle Kunden sind wie gefesselt. Es ist wie ein Ausschnitt aus einem alten Volkstheater. In etwas langsamerer Geschwindigkeit.

„Dankeschön, die Dame… Der Herr.. Sie wünschen?“

„Äh.. ich auch.“

„Bitte?

„Ich auch Kümmelbrötchen.“

„3?“

„Ja.“

Ich hab in meinem ganzen Leben noch kein Kümmelbrötchen gegessen. Oder seit zig Jahren keins mehr. Vielleicht mal als Kind in eins reingebissen. Zum probieren.

Ich strahle.

Kretins

Pepe sattelte als Erster um auf Heroin. 1983 lebte er in einer Einliegerwohnung im Stadtteil Aufderhöhe, nur zwei Häuser von seiner Mutter entfernt, und düste alle paar Tage mit seiner Geländemaschine in die holländische Grenzstadt Herleen, um Nachschub zu organisieren. Er war nicht die ganz große Nummer unter den Dealern, aber viele Leute wussten von seinen Machenschaften. Die Bullen waren heiß auf ihn, weil er die Tradition seines großen Bruders fortsetzte. Auch auf Benzini waren sie heiß, der damals mit Pepe abhing. Benzini hatte für ihren Geschmack eine zu große Klappe. Das wurde nicht gern gesehen.

Pepe, wegen seiner Sucht seit einem halben Jahr krank geschrieben, arbeitete in einem der diversen Modegeschäfte seines Vaters. Der Vater, stets sonnengebräunt, als wäre er überm Toaster eingepennt, war vermögend, kümmerte sich aber nicht weiter um seine Söhne, die in seinen Augen nichts als missratene Kretins waren. Nachdem Pepe und sein älterer Bruder nacheinander an einer Überdosis zugrunde gingen, der eine 1986 in München, der andere 1988 in Hagen, urteilte der Vater nur lapidar: Ich habe niemals Söhne gehabt. Dass die Söhne niemals einen Vater hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit zu viel Geld, darauf kam er nicht. Das schien ihm keinen Gedanken wert.

Ab und zu besuchte ich Pepe in seiner Parterrewohnung und kaufte etwas Heroin. Es war jedes Mal ein großes, ein verbotenes, irgendwie krank machendes Abenteuer, an dessen Ende eine Riesenkotzerei stand. Im Gegensatz zu Pepes früheren Wohnungen, in denen ich ein und aus gegangen war, hielt ich mich in Aufderhöhe stets nur kurz auf. Das Rauschgift-Dezernat war sehr agil in diesen Tagen, man hatte das Gefühl, dass jede Drogenwohnung unter Beobachtung stand, besonders wo Heroin und Amphetamine konsumiert und gehandelt wurde. Das war das letzte, wonach mir der Sinn stand: in eine Razzia zu geraten und, Sie sind festgenommen, eine Nacht in Haft verbringen zu müssen. Außerdem wurde mir die Atmosphäre in Heroin-Wohnungen zunehmend unsympathisch, es war mir einfach zu kaputt. Es wurde nicht mehr gelacht, im Gegensatz zu den alten Haschischtagen, wo einem oft die ganze Fresse wehtat vor lauter Lacherei. Junkies hingen nach einer Weile nur noch mit hohlen eingefallenen Wangen vorm Fernseher und pennten ein, während sie einen Joghurt löffelten. Mehr passierte nicht mehr.

Ich erinnere mich an einen lauen Sommerabend, als Pepe und sein Bruder im Innenhof wie in den alten Tagen einen Grill aufgebaut hatten und mich einluden, noch was zu bleiben, aber mit dem Pack in der Tasche wollte ich so schnell wie möglich nach Hause. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Rauschgiftbullen einfliegen würden. Ich hatte Horror vor allem, was irgendwie mit Polizei und Justiz zu tun hatte, seit ich Ende 78 zu zwei Wochenendarresten verdonnert worden war und den Knastalltag im Ansatz kennengelernt hatte. Bevor du jemals in Haft landest, schwor ich mir damals, hängst du dich auf. Doch wie sich aufhängen, wenn man so schlecht war im Knüpfen von Seilen, dass man doch nur mit dem Hintern auf dem Boden landen würde. Man würde sich kaputtlachen über mich, den schlechtesten Aufhänger aller Zeiten. Hat der ne miese Aufhängung. Nein. Das musste ich nicht haben. Das nicht auch noch. Kein Knast. Nicht einen Tag. Bloß nicht.

Pepe entfernte sich immer mehr von den alten Freunden. Er benahm sich wie ein echter Junkie. Schob ständig anderen die Schuld an der eigenen Misere zu, war bräsig und unzugänglich, irgendwie ständig beleidigt. In späteren Jahren stellte ich dieses Phänomen immer wieder fest, diese beleidigten Mienen von Heroinsüchtigen. Seht her, was ihr aus mir gemacht habt! Aber das war ja nur die eine Seite. Auf der anderen Seite blieb natürlich auch ein Süchtiger der Mensch, der er immer war. Und damit liebenswert, verschwenderisch, großzügig, was weiss ich. All das Zeugs, das man in sich trägt. Das verschwindet ja nicht, nur weil man drogenabhängig, alkoholabhängig, medikamentenabhängig ist. Man trägt es runter in den Keller, wo es überwintert, bis man wieder clean ist.

Die Bullen kamen mitten in der Nacht. Es war reiner Zufall, es war Pech. Sie kamen von einer Observierung, die nichts gebracht hatte, die Bullen waren frustriert und wollten nach Hause. Sie fuhren über Aufderhöhe und sahen zufällig Benzinis NSU vor Pepes Wohnung parken, gegenüber vom Bolzplatz. Es war 2 Uhr nachts. Los, die beiden holen wir uns. Hätte der Wagen da nicht gestanden, hätte Benzini nur eine Seitenstraße weiter geparkt, die Schmiere wäre einfach weiter gefahren und nichts wäre passiert.

Benzini und Pepe waren gerade aus Herleen gekommen und machten sich frisch mit einer Injektion, als es klingelte. Da es 2 Uhr nachts war,  wussten sie sofort Bescheid. Benzini schnappte sich den Beutel mit 50 Gramm Pulver und lief ins Badezimmer, um es runterzuspülen durchs Klo. Die Bullen hatten genau damit gerechnet und versuchten bereits das auf Kipp stehende kleine Badezimmerfenster von außen  zu öffnen. Benzini sah, was los war, und knallte das Fenster zu, trotz heftiger Gegenwehr. Dabei brach er einem Bullen zwei Finger. In dem Moment kamen die beiden anderen Einsatzkräfte schon mit der Ramme durch die Eingangstür. Es war ein Riesenlärm in unmittelbarer Nähe der Liebfrauen-Kirche. Benzini hatte nicht mal mehr Zeit gehabt, das Pulver loszuwerden.

Einmal präsentierte mir Pepe stolz seine von winzigen Brandmalen übersäte Brust. Ich kapierte nicht. Was ist das? fragte ich. Ein Teil der 20, 30 rötlichen Blattern war bereits vernarbt, anderes frisch verheilt. Der Anblick erinnerte mich an ins Fleisch eingewebte rote Käferchen. Pepe lag mit nacktem Oberkörper auf dem Bett und steckte sich eine Filterzigarette an.

„Hier, so penne ich jeden Abend vorm Fernseher ein, nachdem ich mir den letzten Druck gemacht hab.“

Ihm fielen die Augen zu, die Kippe steckte lässig im Mundwinkel. Irgendwann machte sie sich selbständig. Die Zigarette löste sich aus dem Mund, fiel runter, und die Glut versengte ihm das Brustfleisch. Ohne dass er zunächst etwas davon merkte. Heroin war wie ein Narkosemittel, auch wenn überhaupt keine Operation geplant war, es war bloß die allgemeine Narkose, die sich über das Jahr 1983 legte. Oder welches gottverdammte Jahr auch immer gerade zur Vernichtung jeglicher Schmerzen anstand.