Auf Zunge

Ich hatte immer noch nicht mit einem Mädchen geschlafen. Nicht, dass es an Gelegenheiten gemangelt hätte. Aber Sex war eine komplizierte Sache. Bis zu einem gewissen Punkt lief es ganz gut, wie geschmiert meinetwegen, doch irgendwann war es soweit und ich stand vor dieser großen dunklen Toreinfahrt. Und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich dort überhaupt noch rein wollte. Und drehte lieber um.

Ich erinnere mich an eine Frau, die in den großen Sommerferien bei mir landete, als meine Eltern in Urlaub waren und ich sturmfreie Bude hatte. Ich hatte sie im Mumms kennengelernt und ihr meine Adresse gegeben. Kannst vorbeikommen, wenn du Lust hast. Noch am gleichen Abend stand sie auf der Matte. Sie war etwas älter als ich und trug dieses nagelneue Paar Stiefel mit Fellaufsatz, mitten im Sommer. Die Verkäuferin hatte sie ihr aufgeschwatzt, obwohl sie schon bei der Anprobe zu eng gewesen waren. Angeblich würden die Stiefel ihre langen Beine perfekt zur Geltung bringen. Welche langen Beine? Da waren keine langen Beine, da war ein schiefes Maul, sie war wirklich keine Schönheit. „Hoffentlich weiten sich die Stiefel mit der Zeit“, sagte sie. Sie ließ die Dinger selbst im Bett an und wollte unbedingt, dass ich sie von hinten nehme, doch dazu kam es nicht, ich ging der Sache aus dem Weg. Ich will nicht, sagte ich irgendwann. Worauf sie: Oder kannst du nicht?

Seit der ersten Monumentalpleite mit Biene im Kompaktschlafzimmer meiner Eltern war es, als trüge ich einen Fluch mit mir herum. Natürlich erzählte ich keinem davon, es blieb mein Geheimnis, doch ich war fest davon überzeugt, dass mir dieses Geheimnis schon ins Gesicht geschrieben stand, wie ein Feuermal: Ich bin noch nie in eine Frau eingedrungen. Das war es, worum es ging, das war es, was mich ängstigte. Das Eindringen in den weiblichen Körper hatte etwas gewalttätiges, war mehr Krieg als Frieden. Auf dem Weg ins Zentrum einer Frau hatte mein Schwanz sich Platz zu verschaffen, musste Fleisch zur Seite räumen, eine dunkle Pforte öffnen. Das war ein Job für Bauarbeiter, so wie ich das sah. Für eine Vortriebsmaschine. Allein die Selbstverständlichkeit, mit der Mann und Frau weltweit miteinander ins Bett gingen und bumsten, verstörte mich. Es musste also mehr dran sein, als mir lieb war. Solange diese Sache nicht geregelt war, blieb ich unvollständig, solange war ich kein richtiger Mann, solange hatte ich keinen echten Sex gehabt. Im übrigen wollte ich wissen, was das für ein Gefühl ist, in einer Frau drin zu sein. So richtig mit Einladung und allem Pipapo.

Fryda war das erste Mädchen in meinem Leben. Mir schlug das Herz bis in den Hals, wenn wir verabredet waren. Fryda war ein Jahr älter als ich, auf skandinavische Weise hübsch und unkompliziert, ein temperamentvolles Mädchen mit wasa-blondem langen Haar und lustigen Sommersprossen. Das einzig Nicht-Schwedische an Fryda war ihr Nachname. Er begann mit Zw und klang irgendwie polnisch und war der letzte im örtlichen Telefonbuch. Dafür war sie die allererste, die mir zeigte, wie ein Zungenkuss ging, 1974 im Metropol-Kino in der unterirdischen Einkaufs-Passage, die auch zum Turm-Zentrum gehörte.

An den Film selbst habe ich keinerlei Erinnerung, (Karlos meinte, es wäre Das große Fressen gewesen), aber den stürmisch drängelnden Fleischlappen in meinem Mund habe ich nicht vergessen. Ich wurde gnadenlos überrannt, im Sitzen, im eigenen Mund. Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Dabei fing es vielversprechend an. Es war ein bisschen wie in der Kindheit an der Wursttheke, wenn die freundliche Verkäuferin eine Scheibe Fleischwurst rüberreicht, doch sobald der Happen in meinem Mund verschwunden war, rollten feindliche Bulldozer an und walzten alles nieder, was sich in den Weg stellte.

Wow… das also war… ein ZUNGENKUSS!

Und um diesen Mist wurde so viel Wirbel gemacht..!? Beim zweiten Versuch sah die Sache schon besser aus. Um einiges besser, und beim dritten Mal war ich es, der die Bulldozer losschickte. Von nun an stellte ich meinen eigenen Fuhrpark zusammen.

Bevor unsere Clique das Haus der Jugend an der Dorper Straße für sich entdeckte, trafen wir uns nachmittags im alten Botanischen Garten oder in der City hinterm Karstadt, das zum Turm-Zentrum gehörte.

Es war Februar. Es war windig. Es war überhaupt eine zugige Ecke damals hinterm Karstadt. Das Warenhaus war mit dem einzigen Hochhaus der City verbunden, das tatsächlich die Wolken kratzte, dem 14stöckigen Turm-Hotel. Nach hinten raus hatte Karstadt weder Schaufenster noch Türen, es gab nur eine tote asphaltierte Auslauffläche, die fürs Publikum gesperrt war. Wir kletterten über das Haupttor und verbrachten ganze Teenie-Nachmittage hinterm Karstadt, wo wir unsere Ruhe hatten. Selbst der Hausmeister drückte ein Auge zu, solange wir keine alten Matratzen mitbrachten und anzündeten.

Wir knutschten stets pärchenweise hinterm Karstadt. Karlos knutschte mit Skippy, der dicke Hansen mit Anne, Simone hatte Pepe in der Mache, Inez den Mitsubishi Boy, Fryda mich. Sobald der Abend dämmerte, wurden im Minutentakt Pullover hochgeschoben, überall blitzten kleine weiße Busen auf, Gekicher und Gelächter. Es war genau das, was meine italienische Oma kiss-kiss nannte, wenn sie uns zufällig in der Stadt traf. Na, Kinder, geht ihr wieder kiss-kiss machen!?

Ja, Oma.

Nach Feierabend um halb sieben kam der kleine schwule Chef der Tabakwaren-Abteilung aus einem Seitenausgang des Karstadt und versorgte uns Jungs mit Zigaretten. Mädchen existierten für ihn nicht. Er übersah sie einfach. Einmal führte er ein wildes Kosakentänzchen auf, nur für Karlos und mich. Wie ein Gockel fegte er übers zugige Parkett, ohne begleitende Musik, nur mit seinen fliegenden Kasatschok-Beinen und seiner Verrücktheit. Wir klatschten und lachten und feuerten ihn an, sogar die Mädchen mochten ihn an diesem Tag.

An einem Wintertag nahm Fryda meine Hand und entführte sie in ihre Jeanshose. Mir brach der Schweiß aus. Zentimeter um Zentimeter zitterte ich mich mit von der Kälte krebsroten Händen die enge Jeans runter bis ich den Busch erreichte. Es war das erste Mal, dass ich so weit unten war bei einem Mädchen, und es fühlte sich störrischer an, als ich gedacht hatte. Schon der Buschansatz war so dicht, ich musste unwillkürlich an das Fell eines Nachbarhundes denken, einem Deutsch Drahthaar. Ich bekam die Möse einfach nicht zu packen, ich blieb im Gebüsch stecken. A) war Frydas Hose zu eng und b) war ich zu nervös, um ihren Reißverschluss zu öffnen und mir dadurch mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen.

„Lass mal, wir machen das lieber bei mir zuhause, ganz in Ruhe“, meinte Fryda endlich. Sie blieb gelassen. Sie hatte schon mit viel größeren Jungs gefummelt, vielleicht sogar gerammelt, man hörte so manches, während es für mich die Premiere gewesen war. Die Pettingpremiere, auch wenn ich nicht übers Schamhaar hinausgekommen war.

Es dauerte Jahre, bis ich Fryda wiedersah. Sie war 18 und hübscher als je zuvor, ein sehr natürliches Mädchen, das es nicht nötig hatte, Schminke aufzulegen. Doch irgendetwas schien nicht zu stimmen. Als sie vom WC kam, war sie plötzlich so blass, als würde sie bei Velvet Underground singen, und zwar nicht im Hintergrund, sondern vorn im Rampenlicht, direkt neben Lou Reed. Schnell rückte sie mit der Bombe heraus: Sie war auf Heroin. Auf “H”, wie wir das damals nannten, “Eitsch”.

Ich war fassungslos.

“Wenn wir uns einen Druck setzen”, erzählte sie vom neuen Leben in ihrer Ohligser Clique, “machen wir uns schön, wir putzen uns richtig raus mit Make up und Lidschatten und gehen auf die Rolle, wie die Stars. Nach Köln oder Düsseldorf.”

Ich war empört. H und Köln, das war wirklich das letzte. Ich schimpfte sie aus, ich verstand nicht, wie man so doof sein konnte, harte Drogen zu nehmen. „Wie die Stars!“ höhnte ich, doch sie blieb unerreichbar für meine Worte. Sie lachte nur und nannte mich ihren naiven kleinen Pico von früher. Dann hörte ich lange nichts mehr von ihr. Bis zum Jahr 1995, als ich Fryda einen Überraschungsbesuch abstattete, in Dortmund, wo sie angeblich mit einem Junkie zusammenlebte. Die Adresse hatte ich von einem gemeinsamen Bekannten, der Kontakt zu ihr hielt, Kerry.

An diesem Tag hatte ich in Dortmund einen Termin. Ich traf mich mit dem Verleger einer holländischen Hardrock-Enzyklopädie, die ich gemeinsam mit Schnaat für den deutschen Markt übersetzen und bearbeiten sollte. Nach dem Treffen stand ich unangemeldet bei Fryda auf der Matte, in der Dortmunder Nordstadt. Wir hatten uns fünfzehn Jahre nicht gesehen. Sie ahnte nichts von meinem Besuch. Sie wusste nicht mal, dass ich ihre Anschrift hatte. Es war mehr ein Überfall als ein Besuch. Was mir die Tür öffnete, war eine geschrumpfte Heroin-Hausfrau, blond wie in alten Zeiten, aber klein geworden, mit einer viel zu großen kantigen 80erjahre-Brille. Nach einem ersten ungläubigen Blick fielen wir uns um den Hals.

“Bist du das..?! Bist du das wirklich?”

Nicht zu fassen. Ich hatte die Taschen voller Kohle, der Verleger hatte einen schönen vierstelligen Vorschuss rausgetan, und so dauerte es keine zehn Minuten, bis ich Fryda gestand, warum ich gekommen war.

“Sag mal, kannst du was Pulver klarmachen?”

Sie war nicht so überrascht, wie man meinen könnte, von meiner latenten Sucht hatte ihr Kerry längst berichtet.

“Wieviel willst du setzen?” fragte sie und holte ein Bier aus dem Kühlschrank. Ich blieb eine Stunde in der Wohnung in der Dortmunder Nordstadt und lernte ihren Typ kennen, der in Ordnung war und die halbe Zeit am Rechner saß. Er erledigte einige Telefonate, aber es tat sich nichts an diesem Abend, niemand hatte was zu verticken. Fryda bot mir etwas Methadon an, aber danach stand mir nicht der Sinn, ich war scharf auf Heroin. Weiter hatte ich kein Interesse. Ich war ein richtiges Arsch, behandelte sie wie eine stinknormale Dealerin, dabei tat sie ihr Bestes, um eine halbwegs freundliche Atmosphäre zu schaffen.

Ihr Mann erzählte, dass einem Kumpel während der Schmuggelfahrt über die holländische Grenze der mit fünfzig Gramm gefüllte Pariser im Darm fast geplatzt wäre. Wie, fast geplatzt? sagte ich. Ist doch lebensgefährlich oder nicht?

Na ja, so schlimm war’s nicht, war eben porös geworden, das Gummi, von der Darmflüssigkeit, ist aber nicht richtig geplatzt.

„Jedes Mal, wenn mein Kumpel in den nächsten Tagen Schore aufkochte, stank es in der ganzen Hütte nach Scheiße, als hätte man einem alten Schäferhund in den Hintern gegriffen.“

„Na gut, was solls“, sagte ich. „Nur weil die Hütte ein bisschen nach Scheisse stinkt, wirft man keine 50 Gramm weg.“

Fryda stand dabei, in 15 Jahren fünf Zentimeter kleiner geworden, obwohl sie noch keine vierzig war. Sie verzog die Miene mit gespielter Empörung. Wir sahen uns nie wieder, auch wenn wir es uns hoch und heilig versprochen hatten.

Ende 1979 oder Anfang 1980 lernte ich Lina kennen, mit Lina begannen die Achtziger. Es war in einem Jugendklub in Ohligs, Freitagabends war Disco. Ohligs war eigentlich nicht mein Revier, es war eher Zufall, dass ich an diesem Abend dort landete, und ich schüttete ihr gleich mal ein Tässchen Kaffee über die Füße. Auch das war Zufall, jedenfalls keine Absicht.

Sie war mir sofort aufgefallen, trotz des schummrigen Lichts, mit ihrem langen braunen Har und den schönen Augen. Dass sie gerade mal 14 war, sah man ihr nicht an. Von nun an dauerte es zwar noch seine Zeit, bis wir soweit waren und miteinander schliefen, doch als der Knoten irgendwann geplatzt war, hatte ich das Gefühl, die ganze Welt müsse den Knall gehört haben.

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