Du blutest aber gut

Anfang 1986, Notizbuch.

Wenn ich diese Zeilen in einigen Jahren lese, werden es nur noch Zeilen sein. Jetzt ist es mein Leben.

*

Macht es Sinn, dass ich ständig alles aufschreibe? Dass mein Notizbuch den geplagten Buckel herhalten muss, nur damit ich jemanden habe, dem ich meinen immergleichen Schmerz anvertrauen kann. (Wenn der Schmerz beginnt, ein Evergreen zu werden.) (Ein Long Vehicle.) Aber ich kann nicht anders.

Schreiben ist Schlaf, Schreiben ist Trance. Wenn ich nach Stunden vom Schreibtisch aufstehe, beginne ich zu frieren. Ich gähne acht, neun, zehn Mal hintereinander, elf Mal, ich bin komplett k.o. Es ist, als würde das Schreiben sämtliche Energien auf einen Punkt konzentrieren. Mir ist vermutlich schon während des Schreibens kalt gewesen, ich war schon die ganze Zeit k.o., aber ich habe es nicht gespürt. Ich habe geschlafen. Ich war in Trance. 

*

Schreiben ist: aus der Welt ausscheren, um das Innenleben auszuloten. Schreiben ist: mit sehnsuchtsvoller Stimme alte magische Zeiten heraufbeschwören. Ein Mammut sein, das für ein Wochenende in die alten Jagdgründe zurückkehrt, den Rüssel verschlammt, gewienert.

*

Wenn ich den ganzen Tag am Rechner sitze und das Holz des Schreibtischs einatme, gibt es nichts schöneres, als am Abend mit dem Hund durch den Wald zu laufen und das Holz der Bäume einzuatmen.

*

So schmilzt es dahin, das Leben. Dabei hab ich immer geglaubt, ich käme aus der Nummer mit dem Älterwerden irgendwie raus. Aus der Nummer mit dem Dahinschmilzen. Na schön, was solls. Solange das Herz noch radamm macht und Tageslicht in mein Gesicht fällt..

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Du blutest aber gut

Den ganzen Tag schon lief ich durch die Gegend und versuchte sie zu erreichen, aus jeder verfluchten Telefonzelle, die auf dem Weg lag. Die Route der Freizeichen führte übers Mumms und den Kotten runter ins York, dann die verschneite Schützenstraße rauf bis zur alten Bienenhalle und zurück zur Stadtmitte, ins York. Je öfter ich das Freizeichen hörte, desto bedrohlicher klang es. Wir hatten eine Woche nichts voneinander gehört, komplette Funkstille. Ich musste sie sprechen. Ich musste wissen, woran ich war.

Es war schon dunkel, als ich eine von Schnee eingewehte Telefonzelle am Werwolf betrat, nahe der Eislaufhalle. Ich schlug den Kragen hoch und wählte ihre Nummer, und endlich, sie war zu Hause.

„Ja..?“

„Ja, ich bin’s..“, sagte ich, eine Spur zu hastig.

Keine Reaktion. Schweigen. Stille.

In diesem Moment wusste ich, es ist vorbei.

Der Wind pfiff durchs Telefonhäuschen, es war lausig kalt, das Deckenlicht nicht mehr als eine Funzel. Ich versuchte die widerspenstige Tür zu schließen, doch ein Spalt blieb offen.

„Ich hab bestimmt zehn Mal angerufen..“, sagte ich und presste die Muschel des Hörers an mein Ohr. Leise im Hintergrund spielte ihr Radio, ihr kleines Transistorradio auf der Fensterbank. Und da war ein Rascheln. Sie war nicht allein.

„Sag mal.. sind wir eigentlich noch zusammen?“ sagte ich, wie von weit her. Das Echo einer tausend Mal nicht gestellten Frage.

„Ich glaub.. nicht.“

„Du glaubst nicht…?“

Ein Plakat starrte mich an: FUNKTAXI. Wie., FUNKTAXI?? Hatte nicht jedes Taxi Funk? Was sollte der Unsinn!?

„Und warum..? Wegen einem anderen?“

Sie zögerte.

„.. ja..“

„Wer ist der Typ?“

„Ist doch nicht wichtig.“

„Ist er bei dir?“

„.. ja schon.. aber du.. kennst ihn nicht..“

„Dann gib ihn mir.“

„Was, jetzt?“

„Natürlich jetzt!“

Lastwagen kraxelten die Schützenstrasse hinauf, schwerfällig wie Büffel, ich sah dreckiges Eis aufspritzen im Lichtkegel der Scheinwerfer.

„Du willst ihn ja doch nur beschimpfen..“

„Nein. Ich beschimpf ihn nicht.“

„Echt nicht?“

„Nein!“

Sie zögerte.

„Na gut.. Moment“, sagte sie.

Ich hatte keine Ahnung, was ich von dem Kerl wollte. Ich wusste nicht mal, wer er war. War es der Soldat, von dem sie erzählt hatte? War es der Junkie, der angeblich mit einer Knarre im Hosenbund rumgelaufen war und gedroht hatte, mich abzuknallen, unten vorm Daddy? Weil er sie für sich haben wollte, ohne sie je gehabt zu haben. War es irgendjemand ganz anderes?

„Nussbaum“, meldete sich eine Stimme, förmlich wie im Büro. Als hätte seine Sekretärin mich zu ihm durchgestellt.

„Hör zu.. Nussbaum. Lena ist seit fünf Jahren meine Freundin. Warst du schon mit ihr im Bett?“

„Spielt das ne Rolle?“

„Ob das ne Rolle spielt..?! HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?“

„Spielt das ne Rolle?“

„WENN’S KEINE ROLLE SPIELT“, äffte ich ihn nach, „DANN GIB’S DOCH ZU, FEIGLING!“

Lena war wieder am Apparat.

„He, bleib cool..“

„Ich soll cool bleiben..? Hätte ich nicht angerufen, ich wüsste gar nicht, was los ist!“

Du wolltest doch, dass ich nicht mehr anrufe.“

„Wer sagt das?“

„Du! Du hast das gesagt!“

Eine schwache Erinnerung flutete an. Im betrunkenen Kopf hatte ich bei ihr angerufen und sie aufgefordert, mich nicht mehr anzurufen. Ein echter Glumm-Anruf.

„Aber da war ich doch besoffen! Das zählt nicht!“

„Woher soll ich wissen, wann etwas zählt und wann nicht..“

„Pass auf: Ich komm jetzt bei dir vorbei und wir reden“, sagte ich, die Scheibe der Telefonzelle beschlug vor Erregung. „Wehe, du bist nicht da. Der Typ kann meinetwegen da bleiben!“

„Ja, komm vorbei, aber.. soll der echt hier bleiben?“

„Er kann auch verschwinden..“, schnaufte ich. „Mir doch egal.“

Ohne auf den Verkehr zu achten, stürzte ich über die Kreuzung. Autos hupten mich an, wie einen Wolf, der sich in die Zivilisation verlaufen hat. Rein in die nächstbeste Kneipe, das Tilbury, wo Karlos, Pepe und ich schon in den Siebzigern Schlankheitstropfen in unser Bier gemixt hatten und weggesackt waren zum Geklingel der Glücksspielautomaten. Jetzt gab es Videoclips auf dem Bildschirm über der Bar. Like a virgin.. like the very first time.. with your heartbeat. Ich nahm drei Osborne auf ex.

Auf dem Weg zur Teufelsinsel pochte es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen..?? Ich konnte es nicht fassen. Und ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen. Gleich würde sie mir sagen, was los ist, und ich würde ihr hilflos ausgeliefert sein. Mit jedem Schritt wurde ich zorniger. Kampfbomber waren in der Luft, die Fenster abgedunkelt. Im kleinen Park an der Feuerwache rutschte ich aus und legte mich lang, knallte mit dem Kopf auf einen vereisten Wurzelstrang. Der Stoß verfehlte die Schläfe nur um Millimeter – das ausströmende Adrenalin stellte mich sofort wieder auf die Beine.

„Scheiße!!!“

Teufelsinsel. Lena zitterte mindestens genauso. Wir saßen nebeneinander vorm Nachtstromspeicher, blickten uns kaum in die Augen. Was Neues wolle sie. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden, am Sonntag bei meinen Eltern Gulasch essen. „Immer der gleiche Streifen!“ Sie war richtig aufgebracht. Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da. Dieser Lebenshunger. Es gäbe keine Zukunft für uns. Alles, was sie sagte, riss mich in Stücke, nur die Klamotten hielten mich beieinander.

„Und der Typ? Was ist mit dem?“

„Der ist nett.“

„Ist es der Soldat?“

„Ja. Der Soldat.“

„Bist du verliebt?“

„Ja.. ich glaube. Ja..“

Diesmal würde es sich nicht wieder einrenken, diesmal nicht, diesmal war es anders. Sie wollte weg, sie hatte die Nase voll. Ich hinderte sie an ihrer Entwicklung. Sie war einundzwanzig und wollte andere Männer ausprobieren. Verständlich, wenn nicht ich der Gelackmeierte der ganzen Geschichte gewesen wäre. Ist doch klar, hätte ich gesagt. Muss doch.

Dann holte sie aus. Dass sie es nicht mehr mitansehen könne, wie ich in den Tag hinein lebe, perspektivlos und mich auf die Loyalität meiner Freunde verlassend. All die Dinge, die sie früher an mir geliebt habe, meine Sorglosigkeit, meine Lässigkeit hasse sie mittlerweile, „weil du ein kleines Arsch bleibst, wenn du dein Leben nicht endlich in die Hand nimmst.” Wie ich mir überhaupt meine Zukunft vorstelle, so als größter Drückeberger der Welt. Ich antwortete, dass man keine Zukunft nötig habe, bloß Gegenwart, “die macht schon genug Rückenwind, wenn man sie nah genug heranlässt.”

“Ach, du immer mit deinen.. Sätzen!”

Ihr war aufgefallen, dass ich beim Schreiben niemals ein Semikolon setzte. So ein Ding, weniger als ein Punkt, mehr als ein Komma. Ein Zeichen, das dem Leser signalisieren soll, jetzt kommt was Neues, in Anlehnung an das Alte.

“Gibt dir das nicht zu denken?!”

Ich sei doch schon immer ihr Traummann gewesen und sei es immer noch und werde es auch immer bleiben, aber jetzt sei es vorbei, fürs erste. Ich solle ihr Zeit geben. Platz lassen. Ihr Kopf sei ein Tollhaus, da gehe es drunter und drüber, sie könne nicht richtig erklären, was in ihr vorgehe, es rumore schon so lange in ihr. Und was wären da schon Worte, ausser unzulänglich und verlogen. Sie versuchte mich in ihre Arme zu schliessen, ich stiess sie fort und floh aus der Wohnung. Wie oft war ich im Streit aus der Wohnung gerannt, jedes Mal war Lena mir gefolgt, auf Strümpfen, auf Asphalt, mitten in der Nacht, bei Regen, bei Schneefall, großes Drama. Zum Schluss war es andersrum gewesen. Zum Schluss war sie rausgerannt und ich hinterher. Immerzu war irgendwer gerannt und der andere hinterher, diesmal nicht. Diesmal sah ich sie am Fenster stehen, wie eine Marienerscheinung. Sie machte keinerlei Anstalten, etwas zu tun, sie stand bloß da. Ich drehte mich um und stapfte los, die Hände in den Manteltaschen, wie unter einem riesigen Kuppelbau, in einer fremden und frostigen Kathedrale, weit draussen im Universum.

Schneehaufen türmten sich am Straßenrand. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer.

Als ich die Schillerstrasse erreichte und vor der Haustür stand, sträubte ich mich aufzuschließen. Die meiste Zeit hatten wir hier verbracht. Wegen dem großen Fernseher, der Badewanne, und überhaupt. Es war unser Quarier gewesen. Jetzt war sie einundzwanzig und hatte den Streifen satt. Hatte lange genug Sonntag für Sonntag gebadet, bei meinen Eltern  zu Mittag gegessen. Es reicht, mein Freund. Mach dich vom Acker. Ich knallte mich aufs Bett, versuchte etwas zu schlafen. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere. Immerzu tauchte ihr kleiner Busen auf, ihre Schenkel, in die jetzt irgendein gesichtsloses Schwein eindrang. Ihre zärtlichen Worte. Ihre warmen braunen Augen, die mich so satt gemacht hatten, dass kein Hunger blieb für andere Dinge.

Weil mein Telefon wegen unbezahlter Rechnungen gesperrt war, sprang ich aus dem Bett, zog mir die Schuhe an, in denen ich schon viel zu lange herumlief und die kaum noch Profil hatten, und stiefelte durch die Hinterhöfe zur Telefonzelle. Ich brauchte einen Hoffnungsschimmer. Es konnte doch nicht einfach so vorbei sein, so Knall – und aus! Es war klirrend kalt. Ich warf eine Mark in den Schlitz. Sie hatte meinen Anruf erwartet. Befürchtet. Ich fragte, ob es denn keine Möglichkeit mehr gäbe.

„Es gibt immer eine Möglichkeit“, sagte sie. Und dass sie ja selbst nicht genau wisse, was los ist. „Ich folge einfach meinem Instinkt.“

Ich jammerte wie ein kleiner Junge, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hatte, und der nicht verstand, warum. Nur weil er immer das gleiche gespielt hatte? Was konnte falsch an Dingen sein, die lange Zeit richtig gewesen waren?!

„Was soll ich denn machen ohne dich?!“

„Pack meine Sachen zusammen, stell ein paar Möbel um, keine Ahnung. Ich weiß nicht. Du bist so ein Gewohnheitstier, und ich brauche Abenteuer. Ich bin zu jung, um zu verrotten.“

Wieder starrte mich so ein großes FUNKTAXI-Plakat an, im Telefonhäuschen, schwarze Lettern auf gelbem Grund.

„Du musst stark sein. Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so.. durcheinander..“

Ich solle ihre Maßnahme als Experiment betrachten. Und dass es dabei weniger um einen anderen Typ gehe, sondern darum, dass wir uns über unsere Gefühle klar werden, unsere Gefühle füreinander. Was Frauen so sagen in solchen Situationen, und was Männer so schlucken. Sie legte auf. Das war es also. Gewohnheitstier.

Als Junge hatte es mir Spaß gemacht, Fußballstadien zu zeichnen, mit Bleistift, an verregneten Nachmittagen. Besondere Mühe machte ich mir mit dem tausendköpfigen Publikum, ich malte die Leute Kopf für Kopf. „Das sind aber eine Menge Köpfe!“ staunten meine Eltern. Besonders Mutter begeisterte sich für die Geduld, die ich aufbrachte, um eine große Zahl von Zuschauern zu zeichnen. Dabei hatte auch jede andere Arena, die ich gemalt hatte, so viele Köpfe gehabt, aber die hatten meine Eltern nicht gesehen. Wenn mir etwas Spaß machte, suchte ich die Wiederholung, um jeden Preis. Ist doch logisch. Ohne Fans, ohne Anfeuerungsrufe ist keine Action auf der Tribüne, das muss jeder einsehen.

Das Gewohnheitstier schlich nach Hause und haute sich hin. Im kältesten Bett der Welt lag es im Dunkeln und betete, die Nacht möge bald ein Ende haben, doch als es hell wurde, als das Licht zurückkehrte, baute sich etwas gräßlicheres vor ihm auf: die Angst vor dem Sonntag. Ohne Lena. Ohne Gewohnheit.

 

2

Sonntag. Der magische Sonntag im Tierpark. Sie trug ihr braunes Indian Summer-Kleid und war gut gelaunt. „Los, zu den Kamelen!“ Hier gibts keine Kamele, sagte der Tierpfleger. „Dann eben Lamas!“ Die Tiere standen in der Nachmittagssonne und malmten ihr Gras. „Beiß mich“, flüsterte Lena, die mal behauptet hatte, ein Fußkettchen hätte ihr gesamtes Leben umgekrempelt. Ich lugte hinüber zu den Lamas, und biss zu. Das Kettchen knirschte.

Auf Kieselsteinen weiter zum Exotenhaus. Javaneraffen turnten an nackten Stahlgerüsten, zeigten ihre Hintern. Früher, auf Bali, in ihrer Heimat, waren sie heilig gewesen, unantastbar. Früher mal. In alten Zeiten. Als Mensch und Tier sich noch grüßten, wenn die Sonne aufging.

Weiter unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine schattige Bank. Wir waren allein auf weiter Flur. Lena zog die Nylonstrümpfe aus und stieg auf meinen Schoß. Ich schob ihren Slip beiseite. Ich schmeckte ihren Hals. Küsse. Papageienschreie. Rote Flecken.

Die Bank kippte im richtigen Moment.

*

Bis in den Nachmittag blieb ich im Bett. Ich war wie gelähmt. Rauchte tausend Kippen. Ich versuchte den Kopf frei zu kriegen, nicht an sie zu denken, doch denken ist auch nur eine Möglichkeit, mit seinen Gefühlen umzugehen. Dann badete ich, doch ich weiß nicht, wie oft wir zu zweit Platznot hatten in der Wanne, jetzt war sie eine riesige Arena und verschlang mich. Immerzu musste ich an sie denken. An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir. Ihre zärtlichen Worte, unsere vertraute Sprache, die Spielereien. Es schmerzte und machte wütend. Lena war natürlich fein aus dem Schneider. Hatte einen neuen Kerl und Jacki, ihre beste Freundin, zog demnächst bei ihr ein. Nahtloses Timing. Wozu brauchte sie mich noch?! Mein Selbstbewusstsein lag auf dem Boden und schielte zur Uhr. Wenn wenigstens das Mumms schon geöffnet hätte.. Ich hielt es nicht mehr aus, ich machte mich auf die Socken. Unterwegs rief ich Karlos an.

„Lena hat Schluss gemacht.“

„Scheisse. Echt?“

„Ja. Ich komm jetzt bei dir vorbei.“

Weil nur die Hauptstrassen von Schnee und Eis geräumt wären, brauchte ich doppelt so lange wie sonst bis zur Finkenstrasse. Ich bestand nur noch aus Beinen. Aus Gehen und Fühlen. Ich ge(h)-, fühl und komm um, schrieb ich mit klammen Fingern in mein Notizbuch.

Drei Stunden lang saßen wir uns in Karlos‘ Bude gegenüber. Er legte Van Morrison auf und hörte zu. Ab und an schüttelte er den Kopf und warf etwas ein. „Man hat schon gemerkt, dass eure Beziehung einen gewaltigen Knacks erlitten hat..“, sagte er, und „Die Seele ist Prosa, da kannst du mit Poesie nix reissen“, und „Chaos im Kopf ist nie umsonst.“ Als ich begann, ziemlichen Scheiss zu labern, „Ich liebe sie so sehr, dass ich lieber mein Leben verpfusche als ohne sie etwas auf die Reihe zu kriegen“, fuhr er mir nur kurz über den Mund, jetzt red kein Scheiss. Zuletzt sagte er etwas, das mir im Kopf blieb. „Vielleicht musste es passieren. Vielleicht musste etwas in dein unverschämt sicheres Leben platzen, damit du aufwachst und anfängst das zu tun, was der liebe Gott für dich vorgesehen hat.“

Ich starrte ihn an. Wovon sprach er zum Teufel?

„Na, dass du dich auf deinen Arsch setzt und anfängst zu schreiben.“

Was Liebekummer betraf, konnte er mitreden wie kaum ein anderer. Zwei Jahre zuvor hatte ihn Biene verlassen, seine große Liebe, so richtig hinweg war er darüber immer noch nicht.

„Das ist noch nicht gegessen“, sagte er mit dieser tiefen Märchenplattenstimme, die mich stets beruhigte. Es klang wie: Die Braut hol ich mir noch zurück. Wart’s nur ab. Es war keine vier Wochen her, da hatte Karlos mitten in der Nacht unter Bienes Fenster gestanden und nach ihr gepfiffen und gerufen wie ein dummer Fünfzehnjähriger.

„Und?“

„Was, und?“

„Na ja, ich mein, hat sie aufgemacht oder nicht?“

„Ach wo, die Sau war überhaupt nicht zu Hause. Die war im Urlaub, wie sich hinterher rausgestellt hat.“

Punkt neun standen wir im Mumms am Tresen. Ein verrauchter Karnickelbau mit einem Herz Buben an der Tür, durchstochen von einem Stilett. Der Laden war oft so brechend voll, dass alle in Dreier-Reihen vorm Tresen drängelten und so viel soffen, als hätten sie Schiss gehabt, eines Tages aus diesem großspurigen Trinkgelage aufzuwachen. Karlos und ich orderten Bier und Tequila. Assoziationsketten aus Tod und Verzweiflung stürzten auf mich nieder. Ich war eine große glühende Wunde und hatte dieses aufputschende Gefühl, alles rauszulassen. Während Karlos mir geduldig das Ohr lieh, betrank er sich in aller Seelenruhe.

Benzini kam rein und stellte sich zu uns. „Du blutest aber gut“, meinte er süffisant, und Ludi, der mich nur vom Sehen kannte, meinte fast ein bisschen peinlich berührt: „Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, ich hätte dir gar nicht zugetraut, dass eine Frau dich so fertig macht.“

Cool und abgewichst. Darauf vertranken wir die Nacht.

 

4

Als ich zur Mittagszeit aufwachte, ging der Spuk weiter. Verkatert hockte ich auf der Heizung und hörte dem Wasserhahn zu, wie er in der Küche tropfte, er schlug eine Kerbe in den Spülstein. Das Barometer vorm Fenster war bei minus fünfzehn eingefroren. Ich rauchte eine Kippe nach der anderen. Vielleicht hatte sie ihren Entschluss schon bereut. Ich peitschte zur Telefonzelle gegenüber vom Gemeindeheim Margartenstrasse und rief in der Zahnarztpraxis an, wo sie ihre Ausbildung machte.

„Ich muss mit dir sprechen. Können wir uns treffen?“

„Klar. Klar doch.“

„Heut Abend im Mumms?“

Sie zögerte einen Moment.

„Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?“

TRAURIG!

Einmal unterwegs, ging ich gleich weiter in die Stadt. Ich nahm mir vor, neue Schuhe zu kaufen, weil die Winterlatschen vom toten Nachbarsjungen  mir kein Glück gebracht hatten, doch es blieb beim Vorsatz. Ich hatte keinen Nerv auf Schuhe kaufen. Ich suchte mir im Karstadt-Restaurant einen Fensterplatz, mit Blick auf den alten Busbahnhof, wo Lena und ich im Winter 1979 zum ersten Mal verabredet waren. Wir saßen bei nassem Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt den ganzen Nachmittag unter dem überdachten Wartehäuschen, zu schüchtern für einen ersten Kuss, aber mit löchrigen Turnschuhen und der Gewissheit: das ist es. Noch in derselben Nacht bekam ich hohes Fieber, alle Knochen taten mir weh. Drei Wochen lang lag ich mit einer schweren Nierenbeckenentzündung flach, und Lena, gerade mal fünfzehn und bildhübsch, kam mich besuchen, den Poncho übergeworfen, und neben meinem Bett dampfte der Haschischtee.

Das erste Mal gesehen hatte ich Lena im Mankes 13, einem Jugendklub in Ohligs. Ohligs zählte eigentlich nicht zu meinem Revier, es war Zufall, dass ich an diesem Freitag in dem Stadtteil gelandet war. Freitags war Disco im Mankes. Es war früher Abend, rappelvoll. Ich hatte eine Tasse Kaffee in der Hand, was ich mir bis heute nicht erklären kann, weil ich damals so gut wie nie Kaffee trank. An diesem Tag aber war Kaffee in meiner Tasse, und ich stolperte über ein Paar Beine, das zu einem jungen Mädchen gehörte, das auf einem Sofa saß. Ich strauchelte und schüttete ihr dabei etwas von dem Kaffee über die Hose. So hatte ich Lena kennengelernt.

So saß ich jetzt im Karstadt-Schnellrestaurant. Ich verdrückte ein Zigeunerhack mit Pommes und Salat oder was immer Tages-Menü war, dazu ein Glas Cola, weil Bier nicht mehr runter ging. Ich war fünfundzwanzig. Ich war der gutaussehende Typ gewesen, ich hatte immer Frauen um mich gehabt, jetzt war ich grau und erledigt, fühlte mich Scheiße, ich war Scheiße. Nichts stimmte mehr. Ich wartete nur darauf, dass Blut kam auf dem Klo, ich war ein versoffener ängstlicher kleiner Pisser. Ich glotzte dem Serviermädel hinterher, das den Geschirrwagen durch die Gänge schob und Geschirr einsammelte, ich glotzte dicken Frauen in den Ausschnitt, die ihr Mittagsmenü verdrückten. Eine Frau löffelte Linsensuppe. Ein überlanges Bockwürstchen ragte zu beiden Seiten über den Rand des Tellers. Alles an der Frau war korpulent und traurig, sie war überall zu viel. Sie kämpfte mit der langen Wurst, wusste nicht, wo sie den Löffel ansetzen sollte, um sie zu teilen. Oder ob sie doch lieber Messer und Gabel zur Hand nehmen sollte. Warum sie das überlange Vehikel nicht einfach in die Hand nahm, die Finger zur Not mit einer Serviette geschützt, blieb unklar.

Als Soundtrack zu der kuriosen Szene hatte sich die Geschäftsführung des Karstadt richtig was einfallen lassen. Man ließ über Lautsprecher Nummern ausrufen, eine Nummer nach der anderen, kuriose Personalnummern, pausenlos, wie auf dem nationalen Nummerntag.

„Die 366, bitte!“, „die 408, bitte!“, „die 369, bitte!“,

„die 500, bitte!“

Andere Frauen führten leise Selbstgespräche, mit angebissenen Würstchen und zittrigem Blick, bis sie entdeckten, wie ich ihnen auflauerte und mir Notizen machte, da fühlten sie sich ertappt und fingen an aufzuhören mit sich selbst zu reden. Das Zittern hörte nicht auf. Die Fragen auch nicht. Was schreibst der Kerl da? Schreibt der über mich?!

Na klar schreibe ich über euch. Ich schreibe, wie ihr das Maggi in eure Suppen pumpt, ich schreibe über Geschmacksverstärker und Gluten, die in euren Suppen um die Herrschaft raufen wie trotzige kleine Stöpsel. Ich schreib das alles auf, damit ich was zu tun habe und mir nicht noch mehr auf den Wecker falle. Würde ich nicht zufällig schreiben, ich würde einfach umfallen, ich wäre auf der Stelle tot.

Ich fasste einen Entschluss. Ich musste etwas tun. Genug geheult. Ich stand auf und machte mich auf zur Jobvermittlung. Ich brauchte Ablenkung. Außerdem hatte es Lena zunehmend gewurmt, dass ich bis in die Puppen ratzen konnte, während sie ständig früh raus musste und eine Ausbildung machte, die ihr gegen den Strich ging. Dass sie sich zusammenriss, während ich mich gehen ließ.

Frau Düstersiek war Leiterin der Jobvermittlung, einer Aussenstelle des Arbeitsamtes.

„Na, Sie As!“ meinte sie erfreut, „Allein hier heute? Was macht Ihr Kumpel, der.. wie heißt er noch gleich..?“

„Karlos.“

„Ja, genau, Karlos! Was ist Sache mit Karlos?! Warum kommen Sie ohne ihn?“

„Na ja.. also, nur so.“

Keine Ahnung, ob es wirklich daran lag, dass ich ohne ihren Spezi Karlos gekommen war, doch die Düstersiek rückte lediglich die Telefonnummer eines kleinen Betriebs raus, der in Türklinken machte, oben am Schaberg. Ich rief in der Firma an und sagte, dass ich auf der Stelle anfangen könne. Gut. Ja.

„Kommen Sie vorbei.“

„Was denn..?! Jetzt sofort?“

„Ja, natürlich. Wenn Sie Zeit haben, können Sie auch sofort anfangen.“

„Äh.. ja, natürlich.“

Damit hatte ich nicht gerechnet, dass man mich beim Wort nahm. Ich kaufte einen Strauß Blumen, klemmte ihn an der Teufelsinsel an ihre Wohnungstür. Mit einem Zettel. Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Was besseres fälll dir wohl nicht ein? dachte ich. Nein. Was besseres fiel mir nicht ein.

Die Firma am Schaberg entpuppte sich als Hinterhofbude. Ohne groß eingewiesen zu werden, setzte man mich in der Endmontage ein. Meine Aufgabe: Türbeschläge und Klinken polieren, Kartons falten, Aufträge zusammenstellen, verpacken und für den Versand fertigmachen. Meine Hände flatterten vom vielen Saufen. Von Ablenkung keine Spur. Was ich auch tat, ich hatte nur Lena im Sinn. Selbst in der Nacht, als ich mir einen runtergeholt hatte, hörte ich ihre Worte, als es mir kam, ganz anders als sonst, wo sich eher schmierige Tanten in meiner Phantasie verirrten. Und als es mir kam, fühlte es sich an wie der Orgasmus, den der neue Kerl ihr machte – ich ließ sofort los. Ließ spritzen, ließ rumsen im Bauch.

Lüttkenhorst, der Kollege, kam an und meinte, ich solle nicht dauernd rumsitzen und so ein dämliches Gesicht ziehen, lieber ein paar Kartons falten, wenn gerade Leerlauf war. Ein bisschen Eigeninitiative. Hm? Redete der mit mir? Am Abend wollte ich alles auf eine Karte setzen. Ich würde sie mir zurückholen. Versprochen. Endlich halb Fünf. Feierabend. Ich fuhr mit dem Bus in die Stadt.

Als ich das Mumms betrat, war sie schon da. Saß in der hintersten Ecke, mit einem Glas Tee vor sich. Sie sah umwerfend aus. Ich holte mir ein Bier, setzte mich zu ihr. Ich hatte keine Zeit für Tändeleien.

„Ist wirklich Schluss?“

Ängstlich blickte sie mich an. Sie nickte. Ich riss mich zusammen. Bestand darauf, dass ich eines schon kapiert hätte, in den letzten, nun ja, vierundzwanzig Stunden: ohne gemeinsame Zukunft keine Beziehung! Ein Satz, für den ich mir noch eine Woche zuvor auf die alten Schuhe gekotzt hätte.

„Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben.“

Sie war überrascht. Sie nahm es ernst. Es funktionierte.

„Ein Buch schreiben..? Na, das ist ja ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig und der Herr tut nix, aber kaum kriegt er einen Schuss vor den Bug, bewegt er seinen Hintern. Guck mal einer an.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Du sollst es nicht für mich, sondern für dich tun.“

„Für uns! Ich möchte mit dir meinen Weg gehen, mit dir glücklich sein.“

Ich immer mit meinen Sätzen. Ich spürte, dass sie nachgab. Damit hatte sie nicht gerechnet. Dass ich so schnell was dazugelernt hatte. Dass ich sie so sehr wollte.

„Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen..“

Wir blickten tief einander in die Augen. Dieses Bauchgefühl. Dann sagte sie es. Ganz leise. Fast unhörbar. Gehaucht.

„Ja.“

Ich flog ihr um den Hals. Vergrub ihren Kopf an meiner Brust.

„Hast du wirklich ja gesagt?!“

„Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los.“

Ich driftete zum Tresen. Glaubte es noch gar nicht richtig. Dass das so schnell ging. So ohne viel Widerstand. Ich bestellte Tequila. Wir lachten. Küssten uns. Wie waren wie die Kinder. Die Holztische des Mumms glühten im Sonnenuntergang, die Flusen tanzten im einfallenden Sonnenstrahl.

„Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen“, stellte Lena klar.

„Ja“, sagte ich, immer wieder ja. Ich hätte ihr einen Welt-Bestseller versprochen, wenn sie es nur ernst meinte.

„Wann machst du mit dem Typ Schluss?`“

„Ich werd.. es ihm gleich sagen.“

Wir verabredeten uns für den folgenden Nachmittag um Fünf, sie versprach zu mir zu kommen. Ich blieb im Mumms und betrank mich. Karlos tauchte auf. Er  warnte mich, ich solle mich nicht zu früh freuen, doch ich freute mich. Auf die Schnauze fallen konnte ich immer noch.

5

Die Maloche am nächsten Tag nervte. Ich konnte kaum meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzte mir zu. Wenn ich mal einen Tag wenig trank, schwitzte ich mir in der Nacht gleich die Beine weg. Aber ich liebte Lena und hatte sie wieder. Das war die Hauptsache.

„Die Kartons sind aus Pappe!“ blökte Lüttkenhorst, der Vorarbeiter. Die Schatten unter seinen Augen waren groß und finster, seine Stimme tief und krächzend, fast punktuiert. „Die Kartons kann man biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das mit dir! Da kannst du Gift drauf nehmen!“

Punkt fünf Uhr war ich daheim. Vielleicht wartete sie schon vor der Haustür. Tat sie nicht. Ich rauchte und hörte Radio, kaputt und aufgekratzt zugleich. Machte ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs. Ich wurde unruhig. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein, dachte ich. Überpünktlich. Vielleicht war was mit Jacki dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal. Ich versuchte etwas zu lesen. Uns verbrennt die Nacht. Von einem Indianer, der mit Jim Morrison durchs L.A. der 60er Jahre gezogen war, doch ich konnte mich nicht konzentrieren. Jeder Satz endete mit Lena in meinem Kopf.

Ich stand am Fenster und wartete. Watching and waiting. Sechs Uhr, halb Sieben. Autos fuhren vorüber, Autos hielten. Türen schlugen zu. Nur die Strasse zählte. Um sieben Uhr war Lena immer noch nicht da. Ich tigerte von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, geriet in Panik. Schrie „Lena, was machst du mit mir?!“ Raufte mir die Haare und schleuderte mich gegen die Wand. Blieb liegen. Stand auf. Konnte es einfach nicht fassen, wie ich verarscht wurde. Dass sie nicht gekommen war. Trotz ihrer Worte. Ich knallte mich gegen den Türpfosten. Es schellte. Nicht ihr Schellen. Es war der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber. Ich zerrte Poster von der Wand, trat eine Tasse durch die Küche. Sie zersplitterte unterm Spülstein. Eli begriff gar nichts.

Du kommst wegen Lena so drauf? Gibs das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt.“

Ich liess ihn stehen und lief zur Margaretenstraße, durch den Schnee, zur Telefonzelle. Jacki hob ab.

„Ist Lena da?!“

„Die ist schon lange weg.“

„Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?“

„Lena hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist.“

Ich hetzte durch die Strassen. Blickte in jedes vorübersausende Auto. Auch im Mumms war sie nicht. Natürlich nicht. Das Mumms war mein Revier. Mein Wohnzimmer. Cobra hockte am Tresen.

„Hallo.“

Sie hatte mich mal angemacht, nicht lange her, da hatte ich abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten. Jetzt war ich froh, dass sie da war. Fragte, wie es ihr geht und so. Spendierte Bier und Schnaps. Wenn es Schnaps gibt, steht der Angriff bevor. Göring und seine neue Braut kamen rein, tranken einen mit.

Göring arbeitete als Fernmeldetechniker bei der Bundespost. Einige Mal hatte ich ihn getroffen, als er gerade irgendeinen Telegraphenmast hochkletterte und seine Arbeit verrichtete. Ein Kerl mit schweren Knochen und einem gewaltigen Alkoholproblem, der lauthals „Geht doch um nix!“ posaunte, wenn er mich im Mumms erblickte. Den Spruch hatte er von einem Kumpel, der ihn seinerseits im Knast aufgeschnappt hatte.

Es dauerte nicht lange und wir beschlossen, zu verduften. Wir riefen ein Taxi, kauften unterwegs an der Tankstelle zwei Flaschen Ouzo, fuhren zu Göring nach Hause und versanken in den Ledersesseln. Göring erzählte von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hatte, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.

„Das sind die Tanten, die wir brauchen!“ wieherte Cobra.

Sie und Göring verstanden sich prächtig. Das gefiel mir nicht. Musste ich mich notgedrungen mit seiner Freundin befassen. Eine seltsam trutschige Person. Ihre Nase war groß und schief und irgendwie spanisch, eine vergeigte Steinmetzarbeit. Ich wusste nicht, was ich mit ihr reden sollte. Im Radio liefen Bronski Beat. It ain’t necessarily so. Muss doch alles nicht sein.

„GEHT DOCH UM NIX!“ brüllte Göring.

Irgendwann in der Nacht lagen wir zu viert im geräumigen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen waren zuviel für mich. Ich war sturzbetrunken und hatte nur Lenas Körper im Sinn. Cobra und Göring verschwanden ins Wohnzimmer. Während sie auf dem Tisch vögelten, hantierte ich an dieser Braut herum, deren Namen ich nicht kannte. Im Radio schepperte irgendein amerikanischer Heckmeck. Cobra kam ins Schlafzimmer zurück.

„Na, gut abgespritzt?!“

Ich sagte gar nichts und pennte ein.

 

Als der Morgen dämmerte, wurde ich schlagartig wach. Mein Herz pochte wie verrückt. Ich stand auf und suchte das Telefon. Cobra folgte mir mit den Augen.

„Vergiss es, das Telefon ist gesperrt.“

Ich zog mich an und machte mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle. Lena, klopfte es in meinem Bauch, sei zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß. Die Sonne ging auf, Hundepisse im Schnee. Ich klapperte vor Kälte. Endlich eine Telefonzelle. Ich wählte die Nummer. Es dauerte. Niemand ging dran. Ich wählte nochmal. Lena hob verschlafen ab.

„Ja..?“

„Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!“

Sie stöhnte.

„Es ging nicht.“

„WIESO GING ES DENN NICHT?“

„Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!“

Meine Stimme schnappte über.

„IST DER TYP DA?“

„Ja“, räusperte sie sich. „Er ist hier.“

„Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!“

Lena seufzte.

„Ich weiß.. Aber ich kann nicht.“

„WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!“

„Weil du mich so gequält hast..“

Ich rastete aus. Beschimpfte sie. Sie legte auf. Ich stapfte durch den Schnee zur Wohnung zurück. Cobra öffnete die Tür.

„Ich muss mit dir reden“, sagte ich.

Wir holten Bier am Kiosk und fuhren mit dem Bus zu mir. Es war okay. Wir verstanden uns. Gleiche Wellenlänge. Sie studierte Germanistik. Ich spielte ihr Jonathan Richman vor. Sie musste lachen.

„Was ist das denn für einer?“

„Der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen.“

Er gefiel ihr. Ich interessierte sie. Schade, dass ihre Titten so groß waren. Am nächsten Mittag ging Cobra heim und ich ins Mumms. Karlos war auch da und legte den Leuten die Karten. Hatte er selbst erfunden. Mir prophezeite er, dass ich immer Checkerei haben würde mit der Herz Dame. Abends war Cobra wieder da. Die Karo Dame.

„Flüchtige Liebschaft“, flüsterte sie.

„Du hast mich verwirrt“, sagte sie.

Der Russe war da. In seinem langen Armeemantel, dem grauen Vollbart und den wuchtigen, wie zu einer Brücke zusammengewachsenen Augenbrauen erinnerte er an Solschenyzin, den Schriftsteller. Er spielte in der Bundesliga Schach für 1868 Solingen und redete kaum ein Wort. Dafür hatte er ständig eine Zigarre und ein grosses Glas Altbier in Arbeit und lächelte sein Russenlächeln, unermüdlich, geheimnisvoll. Sperrte er den Mund doch einmal auf, dann nur für einen einzigen Satz:

„Immer gut rauchen“, prostete er uns zu, „und Mathematik!“

Da Solingen Schachstadt ist, 1868 war eine Weile deutscher Abonnementmeister im Vereinsschach, ist man hier schräge Figuren gewohnt, die nichts anderes im Kopf haben als spanische Spieleröffnungen und Springertausch, doch der Russe war ein absolutes Unikum, jeder mochte ihn. Selbst die faulenden Zähne und triefenden Nikotinfinger fielen nicht ins Gewicht. Eines Tages tauchte er nicht mehr auf, er blieb verschwunden. Niemand wusste etwas. Die Wetten im Mumms liefen auf Lungenkrebs oder Schachturnier im Irak. Auf einer Tafel wurden die Wetteinsätze notiert. Es stand Fifty-fifty.

„Immer gut rauchen und Mathematik!“

Karlos orderte Tequila und entwickelte das Kartenlegen weiter. „Kreuz As und Pik As gibt AIDS.“ Cobra erzählte, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe. Danach sei sie zusammengeklappt. Pik Sieben war die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.

„Liebe ist nicht alles“, tröstete mich Cobra.

Ich war geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lena. Cobra schleppte Tequila an. Tequila baute auf.

„Liebe ist nur Spinnerei im Kopf“, sagte sie.

Zitronenscheiben rutschten unter den Tisch. Kreuz Zehn bedeutete Entziehungskur. Folgte darauf die Herz Zehn, wurde man rückfällig.

„Heut bin ich verknallt“, summte Cobra in mein Ohr, „morgen ist alles vorbei. Lass uns noch was trinken.“

Der nächste Tequila. Endzeithunger. Mad dog days. Zwei dunkelhäutige Frauen setzten sich zu uns an den Tisch. Eine war Brasilianerin. Sie kam aus Recife. Sie erzählte von Insekten, die beim Abendessen aus den Bäumen in die Teller fielen, in ihrer Heimat.

„Du hast schöne Augen“, sagte sie.

Karlos legte ihr die Zukunft. Verlegen stand ich daneben und überlegte, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelte sich ihre Freundin dazwischen und funkelte mich böse an.

„Mein Zug ist abgefahren“, kritzelte Cobra in mein Notizbuch, das offen und für alle einsehbar auf dem Tisch lag. Ich holte das nächste Tablett Bier und wandte mich Karlos zu.

„Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist..“

Sturzbesoffen redete er auf mich ein.

„Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen.“

Ich hing an seinen Lippen.

 

Samstagmorgen wurde ich früh wach. Detonierter Bauch. Vollrauschnerven. Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrte sich in meinem Gehörgang fest. Ich holte mir einen runter. Zündete mir eine Kippe an. Die erste von den nächsten tausend. Draußen regnete es.

Tauwetter.

 

 6

Samstagmittag ging ich zu meinen Eltern rüber, zum Essen. Beim Nachtisch erzählte Mutter aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählte, war es mir, als lüftete sich ein Schleier und dahinter tauchte der Kern von mir auf. Vage erinnerte ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern geklettert war, auf die Seite meiner Mutter, und dort bis zum Morgengrauen blieb.

„Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben, wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich.“

Dann, 1967, wurde mein Bruder geboren, im Jahr der Ziege. Es war ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab. Mein Vater rief aus dem Krankenhaus an. Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.

„Was?! Ein Junge..?“ rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung, ich rannte von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.

„Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!“

Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt. Mein kleiner Bruder beanspruchte fortan den Thron an ihrem Busen.

„Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng im Bett. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen.“

Bedauern klang durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln zum Nachtisch, Bedauern, dass sie mich damals nicht darauf vorbereitet hatte.

„Es war ein Schock für dich. Du hast nächtelang gekrampft, ich weiß nicht, wie oft du schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund.“

„Schaum vorm Mund?“

„Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus.. Beinah wie bei einer.. Zyankalivergiftung..“

Wie sie so erzählte, spürte ich das Kitzeln einer tiefen, fast verlorenen Erinnerung. Nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, die mich verliess.

„Und warum du so viel Bier trinkst“, meinte Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm am Abend von Mutters Beichte berichtete, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als:

Blume.

Hexerei

Ehrlich gesagt, und um nicht viel anderes gehts ja hier, ich hab wenig Ahnung, wie Dinge funktionieren. Alles, was über das Drücken der START-Taste einer Maschine hinausreicht, ist für mich technisch nur schwer nachvollziehbar. Gut, STOP geht auch noch. Besser ist aber, der Apparat kapiert von sich aus, dass ich mit einer bestimmten Angelegenheit durch bin und fährt automatisch runter. Doch diese Mühe macht sich nur die ein oder andere Gerätschaft. Ist denen doch schnuppe. Hochnäsiges New School-Pack.

Manchmal sitz ich vorm Fernsehapparat und überlege, wie das Bild in die Kiste kommt, ob nun hochauflösend oder tief, ich hab keine Ahnung. Oder ich häng am Computer. Großes Naturwunder Internet. Wie geht das denn, bittesehr? Ich skype mit einer Antilope in Kamerun. Wahnsinn. Na gut, dahinten ist ein langes Kabel, das geht vom Computer in die Zimmerwand, das hat irgendwie damit zu tun. Aber ohne Kabel geht auch.

Hexerei.

..

Ich kann mit dem rechten Fuß so versiert gegen einen Ball treten, dass die Flugbahn die Form einer Bratwurst nachzeichnet, und zur Not kann ich über dieses Phänomen des Effet-Schusses einen Bericht schreiben, aber wen juckt das groß. Ich bin eine Inselbegabung. Ich kann detailliert berichten von der Insel, auf der ich lebe, ich kann das Meer beschreiben, das um die Insel herum tost und mich becircst, jedenfalls, so weit ich das überblicke. Doch zu viel mehr bin ich nicht in der Lage.

Die Gräfin ist darauf sogar ein bisschen neidisch. Sie fühlt sich von vielen Talenten umstellt, sie ist eine Inselkette. Es gibt eine Insel für Ölmalerei, eine fürs Steine hauen, sogar eine für Chansons singen. Sie kann gut Autofahren, sie kann wunderbar kochen und den Hund versorgen, wenn er krank ist und aus der Pfote blutet. Ich kann das alles nicht. Ich kann Flanken schlagen wie Bratwürste und Worte hinstellen, dass sie nicht direkt umfallen.

“Du hast es gut”, seufzt sie öfter mal. “Du musst dich nicht entscheiden.”

*

aus: Bleibst du Mensch? Wirst du Maschine? Du musst dich entscheiden

Der nächste Winter, und es hatte mich immer noch an den Eiern

Ich stand nachmittags schon im Mumms und schüttete Bier und warmen Osborne in mich rein, doch so warm konnte der Osborne gar nicht sein, dass mir davon wärmer wurde. Was ich auch tat, sie beherrschte mein ganzes Tun, mein ganzes Denken, nichts anderes erreichte mich. Sie regulierte selbst meine Körpertemperatur. Ständig spekulierte ich, was sie wohl gerade tat, mit wem sie zusammen war. Ich wälzte ihre Worte hin und her, ihre letzten Worte, mit denen sie ihr Unbehagen formuliert hatte, ihr Unbehagen in unserer Beziehung, genau das waren ihre Worte gewesen, nüchterne Worte, Unbehagen, Beziehung. Dass es besser für uns sei, wenn wir uns trennten, bevor unsere Beziehung sich ganz tot lief.

„Ich bin erwachsen geworden, Andi“, hatte sie gesagt. „Und du hast es gar nicht richtig mitgekriegt.“

Scheißdreck. Ihre Worte machten mich wahnsinnig. Dass sie womöglich Recht hatte. Ich musste zu ihr. Weg aus dem Mumms, weg aus der Innenstadt, hin ins Nordpol, der Beerenweinschenke an der Autobahnzufahrt. Da kellnerte Lena. Musste ich sie sehen? Musste ich sie wirklich sehen??

„Ich glaub, jetzt zerstör ich den Rest auch noch“, sagte ich zu Karlos, der neben mir am Tresen stand und mein Gefasel nicht mehr mitanhören konnte. Ein Jahr lang ging es jetzt schon hin und her mit Lena, die ganze Trennerei, nichts änderte sich. Im Gegenteil. Es wurde nur schlimmer.

„Na denn, viel Spass“, zuckte er nur mit den Achseln. „Und renn nicht gegen Haltestellen.“

Am Abend zuvor war ich so fürchterlich abgestürzt, (Tequila mit den Tieren), dass ich im besoffenen Kopf gegen eine Bushaltestelle gelaufen war. Folge: eine Beule an der Stirn, die zum Glück über Nacht weggegangen war.

Ich zahlte meinen Deckel, stiess mich vom Tresen ab und überquerte die Mummstrasse Richtung Taxistand. Zum Nordpol. Wir hoben vom Asphalt ab. Es fühlte sich an wie ein innerstädtischer Flug, Positionslichter am Strassenrand, mulmige Schwingungen in der Magengrube. Zwanzig Minuten Fahrt, achtzehn Mark. Die Besatzung wünscht einen schönen Abend.

Als ich das Nordpol betrat, wusste ich plötzlich nicht mehr, was ich hier zu suchen hatte, was ich überhaupt hier sollte. Einfach nur Stunk machen? War es das? Und dann.. war Lena gar nicht da. Jacki stand hinterm Tresen. Sie war baff, mich zu sehen.

„He, was suchst du denn hier?!“

„Na, was wohl. Wo ist sie? Hat sie ihren freien Tag?“

„Nee, Lena ist mit Uwe unterwegs, Plakate kleben. Aber eigentlich müssten die beiden jeden Moment wieder da sein.“

Die beiden.. Wie sie das sagte. Wie sie das betonte. Jacki und ich konnten noch nie gut miteinander. Eines Tages war sie aus dem Nichts aufgetaucht, blond, blöd, aufdringlich, wie aus dem Bilderbuch, und wurde Lenas Busenfreundin. Und Uwe, das war der Neue. Lenas Chef. Ihr Stecher. Mitte Dreissig, paar Rippen wegoperiert, aber immer auf Zack. Ich hatte ihn anfangs gar nicht wahrgenommen, als Konkurrenten. Er erschien mir zu farblos, zu muffig, genau wie seine Kneipe. Zu alt. Nicht mal Lena mochte ihn sonderlich.

Für die frühe Uhrzeit war das Nordpol überraschend gut besucht. Vor lauter Aufruhr stieß ich mein Glas um, das Bier ergoss sich über die Theke und Jackis Schürze. Sie lachte unsicher.

„Bist aber nervös.. was..?“

Uwe liess nicht locker. Hässliche Männer lassen nie locker. Sie sind es gewohnt zu kämpfen. Er kämpfte um Lena. Schenkte ihr ein weisses Tüllkleid, lud sie auf eine Woche nach Berlin ein. Stellte sie im Nordpol fest an und Jacki gleich mit. Er hatte alles unter Kontrolle. Ich hatte keine Schnitte. Ich musste sie sehen.

„Noch ein Bier?“ fragte Jacki.

„Gin Tonic“, sagte ich.

Dann kamen sie zur Tür rein. Nebeneinander. Lebensgroß. Wie das Kinoplakat für einen Sandalenfilm, der gerade gedreht wird, mit den beiden römischen Stardarstellern. Sie blickte zu ihm empor, schäkerte. Er grüßte ein paar Leute.

Ich rauchte.

„He..!“ Lena machte grosse Augen, als sie mich sah. „Was tust du denn hier?!“

„Na, was wohl. Weiss ich auch nicht.“

Ich war schon immer gut in knapp antworten und dick auftragen. Sie stellte mich ihm vor.

„Das isser“, sagte sie.

„Hallo“, sagte er.

„Hallo.“

Wir kannten uns kaum. Hatten uns ein, zweimal flüchtig gesehen. So hässlich war er gar nicht. Er bot mir an, mit hochzukommen, in seine Wohnung. „Ist gemütlicher da oben, und ein Bierchen hab ich auch da.“

Ein Bierchen. Sie hatte dort oben mit ihm geschlafen. Hatte er sie noch alle?

„Nee, lass mal“, sagte ich. „Ich möchte mit Lena alleine reden.“

Ich konnte zusehen, wie es in ihm arbeitete. Doch ihm schien nichts passendes einzufallen. Missmutig zog er sich zurück, half Jacki hinterm Tresen beim Bierzapfen.

„Komm, setzen wir uns“, meinte Lena. Sie war braun gebrannt, mitten im Dezember. Sie roch gut. Sie sah großartig aus. Sie lächelte.

„Ich musste dich einfach sehen“, legte ich los, ohne langes Geplänkel. Dass mich in diesem Kaff hier nichts mehr hielte. Dass ich weggehen wolle. In die Großstadt. Irgendwohin. Für ein paar Sekunden schlug sie die Hände vors Gesicht.

„Du hängst doch so an allem hier..“

„Woran ich hier hänge, das bist du. Aber du willst ja nicht mehr..“

Zuletzt hatte ich ganze Nächte auf sie gewartet. Hatte hinter ihr her telefoniert, vergeblich. In der Morgendämmerung machte ich mich auf die Suche. Fuhr mit dem Taxi zu ihr. Sie war nicht da. Weiter zu ihrer Schwester, sie rausgeklingelt, Sonntagmorgens um halb sechs. Aber niemand wusste etwas, sie blieb verschwunden. Selbst Jacki war ahnungslos. Oder eine bravouröse Schauspielerin. Gegen elf stand sie plötzlich an der Tür. Geschlitzter Rock, schwarze Strümpfe, übernächtigt. „Ich brauchte mal was anderes.“ Es folgte eine Prügelei. Ich war es, der anfing.

Uwe kam an den Tisch geschossen und bat uns, die Unterredung, wie er es nannte, woanders fortzusetzen, ausserhalb des Nordpols, weil er das nicht ertragen könne. „Da müsst ihr raus gehen, wenn ihr weiterreden wollt!“

„Blödsinn“, sagte ich, „setz dich.“ Ausserdem war es zu kalt draussen.

Er nahm Platz, Lena und mir gegenüber.

„Ich kann ja verstehen, dass es dir schlecht geht“, begann er. „Ich habe auch mal zwei Jahre gebraucht, um über ne Frau wegzukommen. Aber ich find das zum Kotzen, wie du Lena ein schlechtes Gewissen machst, wenn du ihr drohst dich umzubringen, wenn sie nicht zu dir zurückkehrt!“

Ja verdammt. Da hatte er recht. Ich hatte ihr das angedroht. Das war große Scheiße.

„Ich.. mach das nicht extra, es ist nur.. ich seh in solchen Momenten keinen Sinn mehr.. ohne Lena weiter zu leben..“ Ausserdem gäbe es einen bestimmten Grund, warum ich jetzt hier sei. „Du weisst, was ich meine?“

„Nein..“

„Dann erzähl es ihm“, forderte ich Lena auf, die mit gesenktem Kopf dabei saß.

Sie zögerte.

„Ich wollt.. zu ihm zurück.“

„Wann?!“ rief er.

„Als du.. mich immer gefragt hast, warum ich.. so still bin.“

„Ist ja korrekt, dass sie sich entschieden hat“, wurde ich laut, „aber nicht die Art, wie sie das gemacht hat!“

Das war natürlich Stuss. Sie hatte sich entschieden, gegen mich, das war alles.

„Wie du siehst, will Lena mit mir zusammen sein, und ich liebe sie abgöttisch!“ ereiferte sich Uwe. „Ich will sie heiraten.“

Lena wich meinem ungläubigen Blick aus. Heiraten.. Ein großes Wort für einen alten Mann. Dann entschuldigte sich Uwe, weil der Laden sich füllte und er hinterm Tresen aushelfen müsse.

„Der sieht aus wie ne Frikadelle mit Brille“, sagte ich zu Lena.

„Blödmann. Er ist keine Schönheit, stimmt. Dafür ist er nett, sehr nett.“

„Nett, pah! Ein Penner, der für alles Verständnis hat.“

„Du bist der Penner! Ausserdem, ich werde ihn natürlich nicht heiraten.“

„Das hätte auch noch gefehlt.“

Sie bot mir eine Zigarette an, aber ich lehnte ab.

„Hast du meine Kippen nicht mehr nötig, oder was?! Wäre aber das erste Mal. Was hast du da eigentlich am Kopf gemacht? Ne Beule?“

„Bin heut Nacht gegen ne Haltestelle gelaufen.“

Sie lachte auf. „Idiot.“

Dann verriet sie, dass sie gerade lernen würde ohne mich zu leben.

„Ich auch“, sagte ich.

Jacki legte She’s strange auf, von Cameo, eine Nummer, die Lena und mir in Fleisch und Blut übergegangen war. Das brachte mich wieder in Rage und ich redete („Ich will mit dir schlafen!“) und redete immer mehr („Du bist MEINE Frau!“) und hörte gar nicht mehr auf zu reden („Wieso lässt du mich im Stich?“) bis ich erneut mit meinem Tod drohte, weil ich nicht wisse für wen oder was..

„Für mich allein hab ich eh keinen Ehrgeiz!“

Lena wurde wütend.

„Wenn du das wirklich machst, hau ich dir im Grab noch auf die Fresse! Was glaubst du wohl, wie ich mich fühle für den Rest meines Lebens, wenn du dich wegen mir umbringst!“

Ich saß in der Falle.

„Ich will das alles nicht, aber ich bin so unglücklich.“

„Na, wer ist das nicht“, sagte sie, „irgendwie.“

„Du!“

„Pff! Glück.. Weißt du was? Das, was du Glück nennst, ist wie eine schöne Kindheit. Die kriegt man geschenkt, dafür kann man nichts, das ist Glück für dich. Bloss nichts tun dafür. Du wartest immer nur aufs Glück, und wenn es dann nicht kommt, so wie du es dir vorstellst, schreist du rum wie ein verwöhnter Bengel. Das ist genau, was du bist: ein verwöhnter Bengel, ein ewiges Talent, das nicht zu Potte kommt! Werd endlich erwachsen!“

Uwe stand währenddessen hinterm Tresen und trocknete Gläser ab. Er ließ uns nicht eine Sekunde aus den Augen.

„Das hättest du nicht tun sollen, so auf halbem Weg zu mir zurück, und dann doch nicht!“ warf ich ihr vor.

Sie stöhnte. „Ja, stimmt. Aber ich hatte doch selbst keine Ahnung, was ich will. Ich musste mich doch selbst erstmal sortieren.“

Vierzehn Tage hatte sie sich Bedenkzeit genommen. Vierzehn Tage Fuerteventura mit ihrer Mutter, vierzehn Tage Abstand, dann kam sie zurück.. „..und als Uwe mich vom Flughafen abgeholt hat, da war alles klar, da wusste ich plötzlich, zu wem ich gehöre..“

„Scheisse!!“

Ich rief lauthals nach einem Taxi, und Uwe nickte kurz, aber triumphierend. Ich fühlte mich randvoll Alkohol.

„Das hier ist mein letzter Versuch, Lena, bitte..!“

Sie war so genervt, dass die halbe Kneipe zuhörte.

„Okay, jetzt kommt mein letzter Vorschlag. Wenn du willst, wenn du das wirklich willst, geh ich jetzt auf der Stelle zum Uwe und sag ihm, dass alles nur eine Lüge war zwischen ihm und mir, und dann fahren wir beide, du und ich, gemeinsam weg..“, sie verdrehte die Augen, „..meinetwegen mit dem Taxi.. Lieber bin ich jetzt unglücklich, als das ich mir mein Leben lang Vorwürfe mache..!“

„N-nein..! Nein, so nicht.. Das geht schief, nein..!“

Die Tür schwang auf.

„Taxi!?“

Ich, der verlassene Herr Oberlehrer, stand auf und deckte sie nochmals mit Vorwürfen ein, mit der Faust auf den Tisch pochend, sie, den Kopf gesenkt, schwieg. Ich hörte selbst nicht mehr hin, was ich ihr alles reintat, irgendeinen Schmus, Wiederholungen.

„Eigentlich kannst du gar nichts dafür“, sagte sie leise, als meine Tirade vorüber war („Ich hasse dich!“), „du bist nun mal so extrem.“

„Na klasse!“

Und das ich Geduld haben sollte mit ihr.

„Ich hab keinen Bock auf Geduld!!“

Im Taxi sprach ich kein Wort mehr. Was ein Schwachsinn alles. Wenn ich ehrlich war, konnte ich mir ein Leben mit Lena gar nicht mehr vorstellen, auch wenn ich sie noch so sehr vermisste. Wir hätten da wieder angefangen, wo wir aufgehört hatten, und da war nicht mehr viel. Wir hatten uns alles gegeben in den fünf Jahren, wir hatten uns leer geliebt. Der nächste Winter, und es hatte mich immer noch an den Eiern. Nichts hatte ich dazugelernt, gar nichts. Alles war nur eine Ecke endgültiger geworden, fertiger.

„Wohin jetzt?“ fragte der Fahrer, der schon eine Weile unterwegs war, Richtung Mitte.

„Geradeaus.“

„Gut.. Geradeaus. Und dann?“

„Müngstener Brücke.“

Als er mich skeptisch musterte, aus den Augenwinkeln, weil die Müngstener Brücke als Dorado für Selbstmörder bekannt war, fügte ich „Merlin“ hinzu, das Lokal am Schaberger Bahnhof. Oben an der Brücke. Er liess mich am Parkplatz raus. Als das Taxi gewendet hatte und in der Dunkelheit verschwand, ließ ich die Kneipe links liegen und suchte einen Weg Richtung Brücke. Ich lief ein morastiges Waldstück entlang. Durch ein Loch im Stacheldrahtzaun zwängte ich mich auf die Bahnschienen und stiefelte Bohle für Bohle bis zur Mitte der höchsten Einsenbahnbrücke in Deutschland: über hundert Meter hoch, von einer Million Nieten zusammen gehalten.

Ich lehnte mich über das Geländer und spähte in die Tiefe. All die Menschen kommen auf die Welt und nur weil sie zufällig da sind, glauben sie, sie hätten ein Recht auf ein Leben, dachte ich. Und du auch. Unter der Brücke sah ich den schwachen Lichtschein von Laternen, ich hörte Hunde bellen. Das Plätschern der Wupper war zu hören, das Anschwappen von Wellen. Es war frostig kalt. Der Wind blies in die offene Jacke. Ich zog den Reißverschluss hoch, ein Geräusch, das mich ans Zelten erinnerte. Die Tiefe machte mir Angst. Wie sollte ich mich je da runterschmeissen? Nie wieder morgens aus einem Zelt krabbeln, nie wieder ans Meer fahren. Und was, wenn ich während des Fallen plötzlich Spaß am Fliegen bekommen würde, am Fallschirmspringen vielleicht, das wäre dann nicht mehr rückgängig zu machen. Ich steckte die Hände in die Taschen und stapfte den Weg zurück über die Bahnschienen.

Am Schaberg fand ich eine Telefonzelle. Ich wählte Karlos‘ Nummer. Er war zu Hause.

„Hör mal, ich wollt mich gerade umbringen“, sagte ich. „Ich hol ein paar Flaschen Bier und komm vorbei.“

„Mh“, murmelte Karlos, alles andere als begeistert. Aber da musste er jetzt durch. Man kann sich nicht immer aussuchen, wann ein Freund mit Bier vorbeikommt.

Der unwiderstehliche Drang grinsen zu müssen

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort, sie streckte das Pulver nicht noch zusätzlich mit Mörtelstaub, Backpulver oder zerriebenen Hufnägeln – oder was die Leute sich auch immer einfallen liessen, um die Verkaufsmenge nochmals zu vergrößern -, und wenn es einem dreckig ging und man hatte nur wenig Bares, packte sie gratis eine Messerspitze drauf. (Aber auch nur eine.) Nein, ihre wenigen, streng nach Solvenz ausgesuchten Stammkunden konnten sich wirklich nicht beschweren. Sie hielt ihr Wort, sie linkte niemanden und vorallem, man musste selten auf sie warten.

Es sei denn, irgendwo im Geflecht der Großdealer, Zwischenmänner und Ameisen kam es zu Verzögerungen und sie, die Unke, war selbst angeschissen und wartete auf die Lieferung. Das kam vor. Dann hockte man als Endkunde am Telefon und ersehnte ihren Anruf, ihre erlösenden, schattig hervorgestossenen Worte, “.. na nu los, mach dich auf die Socken.” Aber das konnte dauern, bis es soweit war, und es strapazierte die Lachmuskeln. Die Lachmuskeln? Ja genau – die Lachmuskeln.

Es ist ein Phänomen. Ich hab einiges über Heroin gelesen, Biografien von süchtigen Rockstars, ärztliche Bulletins, Christiane F., doch dieses Phänomen ist bislang im literarischen Dunkel geblieben: dieses verfluchte Grinsenmüssen, wenn der Entzug naht. Es ist das schwarze Loch der Opiumkunde. Nicht mal in Trainspotting hab ich darüber gelesen. (Auch wenn ich mir da nicht hundertprozentig sicher bin, denn Trainspotting verschlang ich 1999, auf dem Höhepunkt der Sucht.)

Das Grinsenmüssen, dieser unwiderstehlich dämliche Drang, die Mundwinkel hochzuziehen, geschieht in dem schmalen Zeitkorridor, in dem das letzte Quentchen Heroin dabei ist, den Körper zu verlassen, wenn nur noch klägliche Opiumreste durch deine Zellen spuken und du dich fühlst, als säßest du in einer Geisterbahn. Das sind jene verqueren Momente, wo jeder Junkie ein albernes Kichern im Gesicht hat, ob er will oder nicht. Er kann nichts dagen tun. Es lässt sich nicht unterdrücken. Es ist wie früher als Kind, wenn du spürst, dass du es nicht mehr nach Hause schaffst, dass du dir jeden Moment in die Hosen machst. Folge: ein unwillkürliches Ziehen und Drängeln, auf das man zu gern verzichten würde. Man grinst wie blöde, dabei gibt es nichts zu lachen. Im Gegenteil.

(Wir fuhren mal auf der Autobahn Richtung Rotterdam, und 100 Kilometer, bevor wir die Stadt erreichten, gings los. Egal, welcher Song im Radio lief, wir lachten uns schief. Es war, als säßen wir auf Furzkissen und waren 12 Jahre alt. Es war zum Kotzen, weil jeder Süchtige weiß, dass dieser Zustand nicht lange anhält. Schon bald kommt der Durchfall und es beginnt in den Knochen und Gedärmen zu rumoren und zu ziehen. Dann lacht niemand mehr. Noch hundert Kilometer.)

So gesehen ist das alberne kleine Gegeier nichts anderes als das letzte Symptom vor dem echten Entzug. Kein Wunder, dass ich darüber noch nie etwas gelesen habe. Es ist einfach zu dämlich. Aber es passiert, es passiert auf der ganzen Welt. Es passiert im heroinsüchtigen Illinois, im heroinsüchtigen Paris und in Potsdam, in Peking bestimmt auch, klar, die alten Opiumraucher lachen sich doch scheckig in der Provinz, hunderttausendfach, Tag für Tag, Nacht für Nacht.

*

Zeichnete sich schon im Vorfeld ab, dass es zu größeren Verzögerungen kommen würde, besorgte die Unke für uns Stammkunden etwas Methadon, damit wir auch ohne Heroin über die Runde kamen. Damals nahm ich zum ersten Mal Methadon und war erstaunt, wie gut es wirkte. Anstatt einen Tag im Bett abzuhängen, konnte ich Dinge erledigen und mich dabei auch noch frisch und ausgeruht fühlen. Methadon wurde 1937  in Deutschland erfunden – wo sonst. Bayer Wuppertal erfand Heroin, Hoechst in Frankfurt Methadon – das alte Deutschland machte uns immer noch fertig.

Die Unke drückte jedem ein kleines Apothekenfläschchen in die Hand, gefüllt mit einer Tagesration. Beziehungsmarketing nannte sie das, und es war nicht so, dass sie dabei mit den Augen zwinkerte, sie meinte es durchaus ernst. Humor war nicht ihr Ding. Sie war eine strenge Person. Sie hätte ins Biedermeier gepasst, und man konnte sie sich gut in einem Französischen Orden für gefallene Gouvernanten vorstellen.

Sie hielt sich strikt im Hintergrund, selbst in der Szene war sie kaum bekannt. Sie war supervorsichtig. Sie belieferte exakt drei Kunden, damit erst gar kein Gerede aufkommen konnte. Sie hatte panische Angst davor, im Knast zu enden. Da sie einem regulären Bürojob nachging, empfing sie ihr Kundschaft erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei. Jeder bekam eine Viertelstunde. Als Dealerin war sie perfekt, sie war ein gut geöltes Maschinchen, und sie liess uns niemals hängen.

Die Unke arbeitete von neun bis fünf. Wo genau wusste niemand. Sie machte ein Geheimnis daraus, damit von uns Klotzköpfen bloß niemand auf die Idee kam, auf der Arbeit anzurufen, um auf die Schnelle einen Fuffie klarzumachen. Irgendein Architekturbüro, vermutete der dicke Ben. Der dicke Ben war ein pausbäckiges Hundertkilo-Schlachtschiff, das gern zum Schnellchinesen ging und mit seiner Körperhygiene haderte. Aus der Ferne sah Ben manchmal aus, als trüge er einen Sepplhut, dabei hatte er bloß das Haar eine ganze Weile nicht gewaschen. Der dicke Ben gehörte nicht wirklich zu den Stammkunden der Unke, aber er wohnte um die Ecke und kannte sie aus alten Zeiten, sie waren gemeinsam zur Schule gegangen, also kam er ab und zu vorbei, aber nur nach vorheriger Anmeldung.

Wenn die Unke in der Grundschule einen Jungen küssen wollte und der zierte sich, verpasste sie ihm eine Ohrfeige, verriet uns Ben. Und dass die Unke eigentlich Alkoholikerin sei und nur deswegen mit Heroin angefangen hätte, um vom Alk wegzukommen. Na und – jeder hat sein Motiv, sagte ich. Man wusste ausserdem nicht, ob der dicke Ben Unfug erzählte, weil er gekränkt war. Er wäre selbst gern in den Kundenstamm aufgerückt, doch die Unke liess ihn zappeln.

Der dicke Ben stinkt, sagte sie. Ich kenn ihn noch von früher, aus der 2b. Da hat er auch schon gestunken.

Dagegen duftete die Unke, als wäre sie gerade dem Dampfbad entstiegen. Sie empfing einen mit einer Wolke aus Patschuli und die Wangen glühten wie Ceranfelder. Auf ihrer Fensterbank stand eine ganze Batterie der verschiedensten Wässerchen und Duftöle. Niemand, der sie auf der Strasse sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie heroinsüchtig war. Sie zählte zu den Menschen, die ihre Zukunft streng in graden und ungraden Kalenderwochen aufteilten und die einen verständnislos anglotzten, wenn man sie verständnislos anglotzte, weil man mit Kalenderwochen, ob gerade oder ungerade, nicht viel am Hut hatte, ausser dem Wissen, dass es sie gab, in unserer Zeitrechnung.

Wir Stammkunden kannte die Unke gut genug, um zu wissen, dass sie für eventuelle Notfälle stets etwas Heroin gebunkert hatte, für den Eigenbedarf. Sie war ja ebenso süchtig wie wir. Aber das hätte jeder von uns an ihrer Stelle genauso gemacht. Und ebenso klar war, dass noch so viel Bitten und Betteln keinen Sinn machte, von ihrem geheimen Vorrat würde sie nicht einen Krümel abdrücken. Ansonsten aber sorgte die Unke für uns wie eine Mutter. Sie war eine treue Seele, eine Krämerseele, und sie war eine Kauffrau.

Die Gräfin kannte die Unke aus ganz alten Teeniezeiten, als sie noch ein naives Hippiemädchen war und zu den Doors und Stairway to heaven tanzte, mit wippendem Busen, im Haus Groh in Haan, einer der Freak-Discos der späten 70er Jahr, immer gut gelaunt und ein Batikhemd am Leib.

Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs mit stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln in ihrem überheizten Wohnzimmer und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage nacheinander die Bestellungen ab. Sie trug Shorts und hieß Jutta, aber jeder nannte sie nur die Unke. Es lag an ihren Augen. Sie wölbten sich aus den Höhlen hervor wie Froschaugen, und sie schwammen in Tränenflüssigkeit. Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf ihre Tränen zu haben. Eine taurige Fröschin. Sie hätte eigentlich an einem feuchten Tümpel leben müssen, doch sie wohnte in einer hellen trockenen Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock, und in der Luft hing dieser schwere süßliche Geruch von Patschuli.

*

Ich war nur in ihren erlauchten Kundenkreis gerutscht, weil ex-Kunde No. 3 für 24 Monate in den Bau musste. Selbst bei guter Führung und Entlassung auf zwei Drittel war er für mindestens anderthalb Jahre weg vom Fenster. Ich kannte ihn nur vom Sehen, wusste aber, dass es das übliche Junkiespiel gewesen war. Das Gericht hatte ihn aufgrund irgendwelcher halbgarer Aussagen verknackt, die andere Süchtige in der U-Haft gemacht hatten. Da ließ man sie so lange ohne Heroin oder Methadon zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie irgendeinen Scheiß verzapften, irgendwelche belastende Aussagen machten, ob die nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, wen juckte das schon. Was bei jedem anderen Delikt kaum zu einem Verfahren geschweigedenn zu einer Verurteilung gereicht hätte, wird bei Rauschgift abgenickt, alles geht durch, die lächerlichsten Beschuldigungen – warum, weil so viele vom Elend der Junkies profitierten.

Junkies versorgen eine ganze Maschinerie aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienen, aus desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern und Psychologen, aus Bewährungshelfern, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten und Mafiosi. Jeder will ein Stück abhaben vom Junkie, der in aller Regel nichts anders tut, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür wird er auch noch bestraft und in eine Zelle gesteckt.

Dabei gibt es so viel größere Arschlochberufe als Heroinhändler. Holzfäller ist ein Arschlochberuf, Matrose auf einer Hochsee-Fischfangflotte, Kontrolleur im öffentlichen Nahverkehr, Lobbyist. Aber wer kriegt immer auf die Mütze? Die armen Heroinhändler kriegen immer auf die Mütze.

Es ist beschämend. Es ist zum Kotzen. Die Preise für schmutziges Strassenheroin bleiben gegen jede Marktregel von Nachfrage und Angebot in künstlichen Höhen, weil der Staat sich seit Jahrzehnten anmaßt, die eine Droge als illegal zu brandmarken und damit dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen ist. Du stellst dich an jede beliebige Strassenecke, setzt eine Flasche Wodka an den Hals und säufst dich zu Tode, ohne dass es jemand kümmert. Und für einen Fliegenschiss Heroin wanderst du in den Bau.

Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin kostete 100 Mark auf der Strasse, man wurde krank davon und wusste nie, welcher Zwischenhändler welches Streckmittel benutzt hatte, es war jedes Mal ein Vabanquespiel mit der Intensivstation. Was ein Gramm sauberes Heroin gekostet hätte? Fünf Mark, vielleicht zehn Mark, und der Hersteller hätte dabei immer noch seinen Schnitt gemacht. Aber Junkies haben keine Lobby, es kümmert niemanden, was mit ihnen geschieht. Junkies kümmern sich nicht mal um sich selbst, und sie stecken ständig in der Scheiße.

*

Nummer 3 war also weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer denn nun die neue Nummer 3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt. Sie war der Boss.

“Hat einer ne Idee?”

Sie hatte bloß eine Vorgabe: Der neue Kunde musste zuverlässig sein und arbeiten gehen. Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mein alter hatte die Dealerei von einem auf den anderen Tag an den Nagel gehangen, weil er Vater geworden war. Ich war zuverlässig, ich jobbte als Nachtportier. Und so wurde ich die neue No. 3 der Unke.

Mitch, die laufende No. 2, kannte ich nicht erst aus Drogenzusammenhängen, wir waren uns schon früher im Haus der Jugend über den Weg gelaufen. Er hatte riesige Pranken, echte Werkzeugmacherhände, mit denen er eine Weile zum Flipper-King der Stadt aufgestiegen war, in den späten Siebzigern. Zwanzig Jahre später war er schwerst alkohol- und heroinabhängig und ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es musste schon ein ordentlicher Schinken sein, ein Fantasy-Roman nicht unter Minimum 700 Seiten.

Die Exemplare waren zumeist komplett zerlesen, voller Eselsohren, die Cover faltig und eingerissen und von fettigen Chipsfingern betatscht, doch egal, für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Er hatte es drauf, lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurückzulegen, und er las wirklich darin, er tat nicht nur so. Eigentlich war Mitch nicht nur heroin- uns alkoholabhängig, er war auch lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman, wa”, lachte er.

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger stiller Junge mit langem krausen Haar, ein ehemaliger Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht, und er wurde immer sonderbarer. Er war davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, und nachts glaubte er den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Zuletzt zitterte er beim fernsten Getrappel im Hausflur am ganzen Leib, und wenn es dann auch noch klingelte, schmiss er sein letztes Pulver ins Klo und zog hektisch ab. Es hatte ihn voll erwischt. Er sah überall Bullen.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Meine Worte standen in der Luft, ich musste nichts sagen. Er ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten. Ich sah ihn nie wieder.

*

Nachdem ich es in die Stadt geschafft hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel der Unke. 1x kurz, 1x lang. Auf dieses ausgefallene Klingelzeichen wäre kein Bulle je gekommen.

“Die Tür ist offen!” hörte ich sie schnaufen. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden, sie klang wie eine Art marodes Brauereipferd. “Komm rein.”

Die Unke saß am Wohnzimmertisch, mit ihren stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln. Der Tisch war über und über mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien übersät.

“Hallo”, keuchte ich.

Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, das nicht, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin. Der Schweiß tropfte mir aufs T-Shirt.

“Willst du dich was frisch machen..?”

“Nee, schon okay”, sagte ich.

Sie grinste bräsig. Erst da ging mir auf, wie sie das meinte, mit dem Frischmachen.

“Ja, klar”, beeilte ich mich.

Frischmachen bedeutete: Junge, du siehst irgendwie scheiße aus, komm, ich streu dir erstmal ne Strasse. Zieh das erst mal weg, dann sehen wir weiter. Werd erstmal mal wieder Mensch.

“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, näselte sie.

Ich stöhnte zustimmend. Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war.

“In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen, dann hab ich ein anderes Date.”

“Na und? Ich kenn doch deine Leute.”

Weil sie nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr rüber. Ihre Augen waren zugefallen, der Mund stand offen wie eine Garage, und ganz langsam, Etage für Etage, sank das Kinn auf ihre Brust. Sie dämmerte weg. Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, sickerte aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Sekundenschlaf. Der konnte dauern.

Ich schnupfte die Pyramide weg, die sie mir zuvor auf der Zeitschrift, Gala, rübergereicht hatte, und als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf vierzig, vielleicht fünfzig Gramm. Ich beugte mich vorsichtig über den Tisch, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, und trug eine gute Messerspitze vom Pulverhügel ab. Ich lehnte mich zurück und streute mir eine lange Line, die ich so rasch wie möglich wegsniefte. Dann lehnte ich mich zurück. Ich hatte Gänsehaut, und mir war kotzübel, und ich war überglücklich.

Sie wohnte in zentraler Lage, am Busbahnhof. Man hörte das Surren der startenden Oberleitungsbusse, das Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Auf den Hügel darauf. Warum hatte ich nicht mehr genommen? Sie würde es gar nicht bemerken, die ein oder zwei Gramm weniger. Und selbst wenn. Sie hatte erst am Nachmittag Nachschub bekommen, sie war frisch wie lange nicht. Ich saß da und starrte den Hügel an. Den Fetisch.

“Wieviel?” murmelte die Unke plötzlich.

“Was..?”

“Wieviel du willst.”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So schnell, wie sie weggesackt war, war sie auch wieder zu sich gekommen.

“Zweihundert”, sagte ich. Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

“Zwei Blaue willst du? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?!” Sie kicherte und machte die Bestellung fertig.

*

Auf dem Rückweg hielt ich vor einem Altbau an der Florastrasse. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Die zweihundert Mark waren ja nicht von mir gewesen, ich hatte die Kohle zuvor in der WG eingesammelt. Die WG bestand aus zwei Jungs und einem Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Sie hatten die Kohle zusammengeschmissen. Ich lieferte ihnen 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein scheiß Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige groß Bescheißerei und kein Ende in Sicht. Immerhin war das Material korrekt.

Ob die drei wohl auch noch jemanden bescheißen würden, fragte ich mich, nachdem ich mich so schnell wie möglich verabschiedet hatte. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Mädchen, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!” hörte ich noch.

*

Im Herbst häuften sich Verspätungen und Lieferausfälle. Auch das Methadon floss nicht mehr, um uns Kunden bei Laune zu halten. Jetzt hiess es immer öfter improvisieren. Zur Not liess ich mich sogar auf der Platte sehen, was ich sonst tunlichst vermieden hatte. Wenn ich irgendetwas nicht gebrauchen konnte, dann Geschäfte im Scheinwerferkegel der Drogenfahndung abzuwickeln.

Sieh zu, dass du jemanden in der Hinterhand hast, falls die Unke demnächst ganz ausfällt, dachte ich, ich war ja ein schlaues Kerlchen. Einen Dealer hat man immer nur auf Zeit. Irgendwann steht man unten an der Tür, klingelt das verabredete Klingelzeichen, aber niemand öffnet. Niemand geht ans Handy. Einen Tag lang nicht, zwei Tage nicht. Dann wissen alle Bescheid. Entweder die Connection ist tot oder sie ist geplatzt.

Und in diesen Zusammenhängen lernte ich nun Tonio kennen. Noch so ein verdammter Schlaumeier. Er machte eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Lief den ganzen Tag im Blaumann durch die Gegend, selbst in seiner Freizeit und erst recht beim Verschecken. Der Blaumann schien ihm die perfekte Tarnung. Wer beobachtet schon einen Handwerker, der einem Mann die Hand gibt, wenn man sich zufällig auf der Strasse trifft. Dass dabei Heroin-Bubbles gegen Drogengeld getauscht werden, ja, mein Gott, Herr Vorsitzender, das konnte doch nun wirklich niemand ahnen.

Tonio lebte mit einer Italienerin und ihren zwei kleinen Kindern in einer heruntergekommenen Sozialwohnung, bei deren Betreten mich jedes Mal das Gefühl überkam, ich würde in einen Erdbunker hinabsteigen, ins dunkle Verliess von Ali Baba. Ein bisschen schämten sich die beiden, in dieser Bude zu hausen, auf nicht mal anderthalb Zimmern und einem Klo, das diesen Namen nicht verdiente. Es bestand aus einem Wassereimer, der halb gefüllt oben hinterm WC hing und mittels einer Strippe aktiviert werden musste, um den Pott zu fluten. Kleine Geschäfte gingen auf diese Weise runter, bei großen Geschäften musste man schon mal per Hand nachhelfen. Es war jedes Mal eine Stippvisite in der Dritten Welt, bei Tonio und Gina Stoff zu kaufen. Wer spätabends kam, musste leise sein, weil die Kinder schon schliefen, also saß man um den Tisch herum und lauschte Radio Monte Carlo.

*

Fünfzehn Jahre später sah ich ihn auf der Strasse wieder, wir fielen uns in die Arme. Es regnete, wir gingen ein paar gemeinsame Schritte unterm Regenschirm, wie Brüder. Er war rasiert, er war schlank, er war clean. Er sah große Klasse aus. Dass wir nicht kurz Volare anstimmten, cantare, war alles.

Obwohl ich mich aus der Szene grösstenteils herausgezogen hatte, ware die meisten Leute, die mich grüßten, wenn ich tagsüber durch die Stadt ging, Junkies. Was auch daran lag, dass andere Leute tagsüber gar nicht die Zeit haben, durch die Stadt zu streunen und Leute zu grüßen, die man lange nicht gesehen hat. So viel Zeit haben nur Junkies, Trinker, Tagediebe.

Einem Junkie begegnen, den man lange nicht gesehen hat, ist wie ein Treffen unter alten Arbeitskollegen. Man hat viel Zeit in derselben Firma verbracht.

“Sag mal, was macht eigentlich der Lange, der.. Dings, der.. wie hieß er noch..? Der lange.. äh..?” fragte ich Tonio.

“Der lange Stan..? Ist längst tot.”

“Der lange Stan ist auch tot? Im Ernst..? Seit wann?”

“Na, den hat man doch direkt vorm Parkhaus gefunden, die Pumpe noch im Arm. Gegenüber von den Bullen. Ist aber schon lange her.“

„Wie lange schon?“

„Wie lange der schon tot ist?“

„Ja.“

„Keine Ahnung. Ein halbes Jahr.”

„Ein halbes Jahr? Ist doch nicht lange.“

Die alten Knaben starben wie die Fliegen. Selbst Härtecracks und zähe Brüder gaben den Geist auf. Jahrzehntelang malträtiert, machten ihre inneren Organe schlapp, Dominosteinen gleich fielen sie nacheinander um, plopp plopp. Doppelplopp.

„Ist mir gar nicht aufgefallen, dass der lange Stan tot ist“, sagte ich.

„Na, ist ja auch kein Wunder“, meinte Tonio. „Der saß ja auch die halbe Zeit im Bau.“

Tatsächlich ging es bei Stan rein und raus. Ein paar Monate Haft, ein paar Monate draussen, im fliegenden Wechsel. Der lange Stan. Ein redlicher Kleinkrimineller. Wenn er mit seinen langen Zotteln und Zahnreihen ohne Zähnen die Warenhäuser der Stadt betrat, schlugen alle Kaufhaushunde Alarm. Was Stan jedoch niemals davon abhielt, umgehend die Parfüm-Abteilung aufzusuchen, mit riesigen hängenden Manteltaschen. Der lange Stan, die dreiste Notwendigkeit, die personifizierte Platte, der Mann, der nie einen Hehl aus seinem Appetit auf harte Drogen machte und stets geradeaus war.

Als ich ihn das letzte Mal getroffen hatte, war Stan gerade aus der Haft entlassen worden und auf dem Weg zu seiner Stammkundschaft in den Kneipen rund um den Neumarkt, zu all den alten Hartz 4-Hasen, die sich aufgrund Stans selbstlosem Warenhaus-Einsatz auch mal einen Flakon fürs Weib daheim leisten konnten.

Ich fragte Stan, wie es geht und so. Ob er eine Wohnung habe, ob er im Methadon-Programm untergekommen sei. Metha? Bloß nicht, antwortete Stan, den Rucksack voller Aluminiumfolie zum Blowen, und dass er absolut keinen Nerv auf Methadon habe und lieber beim Originalstoff bleibe.

„Ich hab ein einziges Mal im Bau einen Metha-Affen geschoben, seitdem hab ich Respekt davor. Das brauche ich nicht noch mal. Das war der härteste und längste Entzug, den ich je durchgemacht hab.“

Eines aber trieb Stan, eins fünfundneunzig lang und Beine dünn wie Zündhölzer, die Zornesröte ins Gesicht. Im Büro des Gefängnisarztes hatte er kurz vor der Entlassung einen Blick in seine Akten werfen können und etwas von einer irreversiblen Absenkung des Brustkorbs sowie vom Borderline-Syndrom gelesen, schwerer Persönlichkeitsstörung.

“Ich und Borderline..??! Nur weil ich seit dreißig Jahren saufe und drogensüchtig bin? Wie scheiße sind die denn drauf??!”

Tonio und ich lachten noch über die kleine Anekdote, als wir uns Ecke Cronenberger Strasse verabschiedeten, zurück in den grinsenden Regen.

Tja, ich würd sagen Totalschaden, junger Mann

Kettenbach war ein Zahnarzt, der sich für Zähne nicht sonderlich erwärmen konnte. Lieber machte er einer Assistentin den Hof oder er hing am Telefon, um beim Sektlieferanten die versprochene, aber nicht mitgelieferte Extrapulle Magnum Sport Teneriffa zu reklamieren, „so nicht, Sportsfreund!“ Überhaupt war sein Tonfall ein jovialer. „Na, gut gefrühstückt, Meister?“ war seine Standardansprache, wenn ein Patient Platz nahm im Stuhl, egal, wie grün er im Gesicht war.

Bei Zahnärzten, die sich für Zähne nicht groß interessieren, liegt die Vermutung nahe, dass sie den Beruf ergriffen haben, um Schotter zu machen. (Ähnlich wie bei Humanmedizinern, die es nicht mit Menschen können.) Wie anders war da seine Kollegin Quabeck, Zahnärztin aus Leidenschaft. Ambitioniert, kleinwüchsig, energiegeladen. Keine Aufgabe schien ihr zu heikel, zu hoffnungslos, um nicht gelöst zu werden. Als die Gräfin zum ersten Mal in ihrer Sprechstunde erschien und sich auf den Stuhl traute, war Frau Dr. Quabeck alles andere als erbaut. Im Gegenteil, sie wurde richtig böse.

„Wie kann eine schöne Frau so schöne Zähne so vernachlässigen!!?“

Erst dachte sie sogar daran, die Behandlung abzulehnen, so empört war sie, doch nach einigem hin und her spürte sie, dass es der Gräfin ernst war mit der Generalüberholung, und machte sich an die Arbeit. Zwanzig Sitzungen später, von denen die Gräfin nicht eine einzige absagte oder verlegte, war das Ergebnis zu bestaunen. Frau Doktor war so stolz auf ihr Werk, dass alle Mitarbeiter der Gemeinschaftspraxis kommen und sehen mussten. Bis auf Doktor Kettenbach. Der hatte gerade ein Telefon in der Hand und kein Interesse an Zähnen.

*

Gestatten, Glumm, Angstpatient, Superangstpatient, Großwesir aller Panikattacken, Schmerzsensibelchen. Schon in der Grundschule gab es genau zwei Dinge, die mir Angst einjagten: 1. Wenn alle vierzehn Tage Schulschwimmen auf dem Stundenplan stand, und 2. wenn es einmal im Jahr zu Beginn der ersten Stunde hiess, heute kommt der Schulzahnarzt.

Der alte Sack hatte immer was zu meckern, wenn er mir in den Mund guckte und stellte eine lange Mängelkarte aus, die mein bemitleidenswerter regulärer Zahnarzt mühselig abarbeiten musste. Ich hasste den Schulzahnarzt, und der Schulzahnarzt hasste Jungs wie mich, die faule Milchzähne hatten und den Mund nicht aufkriegten, weil sie wussten, das gibt bloß Ärger. Hass stand auf dem Stundenplan, wenn der Schulzahnarzt sich ankündigte, Hass an allen Fronten.

*

Frühjahr 1992. Ein Backenzahn, lange schon krank, hatte sich entzündet. Jeden Abend nahm ich mir vor, am nächsten Morgen zum Zahnarzt zu gehen, jeden Morgen wartete ich ab, ob die Sache sich nicht vielleicht von ganz alleine regelte. Ich las alles über Spontanheilungen und war ständig auf der Hut. Manchmal gab der entzündete Torso, von dem schon ein Teil weggebrochen war, zwei oder drei Stunden Ruhe, dann aber, von einer Sekunde auf die andere, ging’s wieder los: ein überfallartig attackierender Schmerz, so heftig, als sickerten ein Bündel Reißzwecken und Drahtstifte durchs Zahnfleisch. Ich zuckte bis in die Zehenspitzen, der Schweiss brach mir aus.

“Jetzt isses soweit”, taumelte ich verzweifelt durch die Wohnung, “jetzt isses soweit!”

Ein Aufschrei, den die Gräfin schon so oft gehört hatte, es fiel ihr schwer, mich überhaupt noch ernst zu nehmen.

“Dann geh endlich zum Zahnarzt, wenn es so schlimm ist! Mach überhaupt mal ir-gend-et-was ausser jammern!”

Ich futterte Filmtabletten, Brausetabletten und eine 30er Packung Retard-Kapseln gegen Zahnweh, sie schob mir ein Zäpfchen in der Größe eines Mini-U-Bootes in den Hintern, (“das ist das letzte, worum ich dich jemals bitten werde!”) – es brachte alles nichts, es machte keinen Sinn, nicht bei einer Entzündung.

So neigte sich die Freiwoche dem Ende zu, und Freitagvormittag, nach dem Frühstück, (“jetzt isses soweit! jetzt isses soweit!”), war es soweit: auch die allerletzte Pille Ibuprophen war geschluckt. Als das nächste Bündel Drahtstifte und Reißzwecken sich aufmachte, durch mein Zahnfleisch zu sickern, reichte es mir. Ich griff zum Telefon und rief beim Todfeind an, in der Praxis Kettenbach.

“Ich brauche einen Termin”, jammerte ich.

“Ja, einen Moment, ich schau nach, wann wir was frei haben”, flötete die Sprechstundenhilfe. Ihre Stimme hatte diesen kerngesunden Touch, der einem auf der Stelle sechzig blütenweiße Schneidezähne suggeriert. “Nächste Woche Donnerstag kann ich Ihnen anbieten. 15 Uhr?”

“Nächste Woche..? Wie, nächste Woche.. ich bin ein Notfall!”

“Ein Notfall, so so.. Wie war der Name?”

“Glumm.”

Stöhnen am Apparat. “Herr Glumm.. Schön, dann.. kommen Sie vorbei, in Gottes Namen. Aber bringen Sie Zeit mit.. viel Zeit.”

*

Halb zwölf in der Praxis. Der Warteraum war leer. Ich dachte, ich sollte Zeit mitbringen. Hier stimmte was nicht, wie immer, wenn ich die Praxis Kettenbach betrat. Kaum hatte ich mich hingesetzt, lotste mich der Lautsprecher, „Herr Glumm, bitte!“, in Behandlungsraum 2. Ich landete in Raum 3. Eine Schwester war so freundlich und holte mich da raus. “Hier lang, junger Mann..” Sie zeigte zwei Reihen der allerschönsten Zähne, dicht gestaffelt wie eine Palisade. Dr. Kettenbach dagegen wischte ohne mich eines Blickes zu würdigen über den Gang, ein arroganter Kittel-Herr, ohne Interesse an irgendwelchen Patienten. Er hätte am liebsten mit Pressluft gebohrt, um schneller Feierabend zu haben. Ich mochte ihn nicht, er mochte mich nicht. Er mochte überhaupt nichts und niemanden.

Als ich ein Jahr zuvor wegen eines schwierigen Eckzahnes in seiner Behandlung gewesen war, hatte er mir vier Betäubungsspritzen verpassen müssen, bis ich endlich Ruhe gab und er die Ruine ziehen konnte. Davon erzählte ich ihm sicherheitshalber, als ich jetzt im Stuhl saß.

“Ich mein, könnte ja sein, dass davon nichts im Patientenblatt vermerkt ist..”

“Nun lassen Sie mich mal machen, junger Mann. Ich kenne mich ein bisschen aus in der Materie, das müssen Sie mir schon zugestehen. Und mit einer Spritze muss ich ja schließlich anfangen.. eine nach der anderen, Schritt für Schritt.”

Zwischen den Spritzen wechselte er ins benachbarte Behandlungszimmer, um lauthals mit einer befreundeten Patientin zu scherzen, während ich mit taub werdender Backe die Hinrichtung erwartete. “Ojemine, ojemine, der ist hin, der ist hin..”, hatte Kettenbach nur gemurmelt, als er das Röntgenfoto betrachtete. “Tja, ich würd sagen, Totalschaden, junger Mann.”

TOTALSCHADEN. Das hätte er am liebsten in blutroten Lettern auf ein schneeweißes Banner projiziert und schadenfroh in mein Blickfeld gehängt, doch nach der dritten Spritze änderte sich seine Gemütslage und er verlor allmählich die Nerven. Wie ein Jahr zuvor war der entzündete Zahn trotz der gewaltigen Dosis Anästhetikum immer noch nicht vollends betäubt, im Gegenteil, schon bei der leisesten Berührung stand ich im Stuhl.

Es war ein Gefühl, als treibe der Doc einen Wurfstern durch den Zahnhals.

“Sie scheinen mir ein wenig übersensibel, junger Mann..!”

“Ja. Das sag ich doch!!”

Die vierte Spritze, (wie letztes Jahr, wie letztes Jahr!), setzte er mitten ins Zentrum des erkrankten Nervs.

“Das ist jetzt die finale Möglichkeit.. Es kann natürlich sein, dass die Entzündung schon so weit fortgeschritten ist, dass keine Anästhesie mehr greift. Das kann in diesem fortgeschrittenen Stadium natürlich sein, ganz klar. Dann haben wir die Arschkarte gezogen, Mister Strandgeflüster.” Jetzt wusste ich, woher der Wind wehte: Er hielt mich für einen Beach Boy, einen verdammten Hippie, der immerzu nach seiner Mama schrie, wenn es ernst wurde. Wieder setzte Kettenbach die Greifzange an, doch als er diese eine Stelle antippte, ganz leicht nur, röhrte es aus meinem Kiefer, tief und dunkel, “booorgg!!!”

“Fertig, aus! Das hat kein Zweck mit dem Mann! Dafür übernehme ich keine Verantwortung mehr!” Kettenbach knipste die Halogenleuchte aus und erhob sich. “Sofort in die Lukas-Klinik mit dem Mann..! Sollen die entscheiden, was die machen. Dafür übernehme ich keine Verantwortung mehr!”

Die Assistentin verschwand in Richtung Rezeption, mit geschätzten siebzig Stundenkilometern und hektisch geröteten ALARM-Backen watzte sie den Gang hinunter, während ich den Tränen nahe im Behandlungszimmer blieb und nicht weiter wusste. Ich hatte die verdammte Ruine immer noch im Mund. Es war ein Desaster. Kettenbach drehte mir demonstrativ den Rücken zu und verfasste den Bericht für die Lukas-Klinik.

“Vielleicht machen die in der Lukas-Klinik eine Schnellanästhesie”, murmelte er, “keine Ahnung, sollen die entscheiden.”

“Kommt das öfter vor?” erkundigte ich mich vorsichtig.

Er fuhr herum.

“Das ist mir noch nie passiert, in meiner ganzen Laufbahn nicht, nicht seit ich selbständig bin, in dreiundzwanzig Jahren nicht, junger Mann!” Er sah den Schock in meinen Augen und milderte seine Stimme. “Am besten wär, Sie saufen ne Flasche Whisky und ich hau Ihnen kurz was auf die Fresse und dann raus mit der Ruine, so wie früher im Wilden Westen.. ich mein, wegen nem scheiss Zahn. Aber das kann man ja nur unter Freunden machen.”

Ich hätte ja gern gelacht, und suchte den Ausgang.

“Da gehts raus, junger Mann”, lenkte eine weibliche Stimme freundlich ein. Die waren überhaupt alle so verdächtig zuvorkommend plötzlich, der Doktor und seine Assistentinnen, das liebe Vieh.

Ich machte, dass ich rauskam.

*

Ich hab mich mal gefragt, woher das kommt, meine Angst vorm Zahnarzt. Ich geh den Dingen ja gern auf den Grund. Sagen wir, ich nehme gern Witterung auf, bis zu dem Punkt, wo es zu stinken beginnt, schon bin ich in Nullkommanichts über alle Berge. Es liegt an der Haltung, die so ein Zahnarztstuhl abfordert. Nichts ist mir verhasster, als in Opferhaltung auszuharren, das Maul bis zum Anschlag aufgerissen, den dentalen Fertigkeiten eines Fremden ausgeliefert, von dem mir nicht mehr bekannt ist als das Diplom an der Wand. Meine Haltung im Zahnarztstuhl ist verkrampft, das Herz ein Bewegungsmelder. Vom Hochfrequenz-Surren des Bohrers in eine irrationale Form von Angst getrieben, die Hände ineinander verknotet und über den Weichteilen gekreuzt, stumme Fischschreie ausstoßend.

Man kann die Behandlung ja nicht unterbrechen und sagen, he, Meister, lass gut sein, ich hab genug für heute, lass uns nächsten Donnerstag weitermachen. Wer die Schmerzen los sein will, muss bis zum Ende durchhalten, in bitterer Opferhaltung, der Mund eine gähnende Fuchsfalle. Man ist dem Wohl und Wehe einer gänzlich fremden Person ausgeliefert. Wenn die will, macht die Eisbein aus mir. Oder verpasst mir Lachgas und vögelt die Stuhlassistenz, und meine Kasse rechnet Bleaching ab.

*

Mit eisiger Backe eilte ich den Werwolf entlang Richtung Graf Wilhelm Platz und stieg in ein Taxi.

„Zur Lukas-Klinik.“

“Direkteinweisung vom Zahnarzt?” fragte der griechische Fahrer mit kurzem Blick auf den Umschlag in meiner Hand. (DENTAL-LABOR).

Ich nickte. “Vier Spritzen. Alles nichts genutzt. Voll entzündet.”

Es war, als hätte ein Automat aus mir gesprochen, einer dieser alten Märchenwald-Automaten, wo man 50 Pfennig einwirft und eine nuschelnde Märchenwald-Stimme erzählt von Zahnärzten und ihren dreckigen Machenschaften. Vor lauter Beruhigungsspritzen spürte ich kaum noch meinen Mund.

“Kenn ich, kenn ich alles..” Der Fahrer winkte ab, ganz der erfahrene Profi. “Hab ich alles schon durchgemacht. Aber keine Angst, damit haben die in der Lukas-Klinik keine Probleme. Das sind Vollprofis da. Du kriegst eine Schnellnarkose, bist kurz weg, und wenn du wieder zu dir kommst, ist alles erledigt und du kannst praktisch nach Hause.”

Während der Fahrt über die Stadtautobahn hörten wir Lokalradio. Die beiden Täter, die am Wochenende einen jüdischen Friedhof in Wuppertal geschändet hatten, waren gefasst. Zwei Jungs. Einer zwölf, der andere dreizehn.

“Das sind ja noch Blagen”, schimpfte der Grieche. “Die haben ja nicht mal Haare am Sack! Was die brauchen, ist eine richtige Tracht Prügel. Richtig was auf die Fresse, so wie wir früher. Was wir alles angestellt haben..”

*

Solingen-Ohligs, Lukas-Klinik.

Auf dem Weg zur Kiefer-Chirugie begegneten mir zwei Pflegerinnen, die ein Krankenbett über den Flur schoben. Dem Patient standen kreuz und quer Drähte im Gesicht, in seiner Nase steckte ein blutverschmierter Schlauch, das Haar war dünn und brüchig und ähnelte zerdrückten Karoffelchips.

“Ich arme Sau”, wimmerte ich.

“Nun machen Sie mal die Tür zu, junger Mann!” blökte die Frau an der Anmeldung. “Eigentlich ist ja nur bis zwölf Bereitschaftsdienst..”, sie schaute zur Wanduhr, “.. aber ich werd mal sehen, was sich machen lässt. Nehmen Sie im Wartezimmer Platz. Aber nicht türmen, junger Mann!“

„Türmen..? Ich?“

„Ja, Sie. Sie sehen aus wie jemand, der türmt.”

Ich suchte ein Münztelefon und rief zuhause an. Die Gräfin hatte meinen Anruf erwartet. Befürchtet. Mit meiner dicken Backe klang ich verbeult und kläglich.

“Ich bin in der Lukas-Klinik.. Ja.. Genau.. Lukas-Klinik. Nee, Kettenbach hat nicht geklappt. Ich krieg nochmal ne richtige Betäubung..”

Erst bekam die Gräfin einen Schreck, dann fand sie die Situation komisch, und ich legte auf.

Kaum hatte ich wieder im Warteraum Platz genommen, wurde ich über Lautsprecher in Raum 2 gerufen. Der diensthabende Zahnarzt war mir sofort sympathisch. Ungefähr mein Alter, das Gesicht voller Sommersprossen, wie ein Tablett Likörchen. Zur Vertiefung der Anästhesie reichte er mir eine Pille und im Anschluss weitere zwei Betäubungsspritzen, die laufenden Nummern 5 und 6. Na, das war doch schon mal was.

Was auch immer der Mann tat, er gab sich alle Mühe und erklärte mir die Vorgehensweise, wobei ich nicht die Bohne kapierte. Es ging um den wichtigen ph-Wert im Gewebe? Aha. Ich nickte immerzu und dachte, du bist ein Profi, nicht wahr? Sag, dass du ein Profi bist! Sag es! Seine volltönende Stimmlage tat gut, entfaltete hier und da sogar die beabsichtigte leicht sedierende Wirkung. Ein Zahnarzt muss immer auch Hypnotiseur sein.

“Ich dachte, ich krieg hier eine Schnellnarkose”, hüstelte ich.

“Nee, machen wir nicht mehr, ist zuviel Aufwand für einen Zahn. Und dann womöglich noch eine Stunde im Aufwachraum und solche Geschichten, nee, nee, machen wir nicht mehr..”

Im Gegensatz zum verpimpelten Kettenbach trug der Profi weder Mundschutz noch Einmalhandschuhe. Er war ein Naturbursche durch und durch. Es war natürlich auch möglich, dass er sich bei früheren Spätschichten bereits mit HIV infiziert hatte, und dass es jetzt auch nicht mehr draufankam.

“Atmen Sie ruhig und gleichmäßig durch die Nase.. Niemand reisst Ihnen den Kopf ab.”

Während er das Brecheisen ansetzte, hielt die assistierende Schwester meinen Kopf fest.

“Sie müssen jetzt mal eine halbe Minute lang tapfer sein. Sehr sehr tapfer..”

Ach du Scheiße..! Wie klang das denn? Ich war auf dem Schafott! Ich klammerte mich an der Armlehne fest. Ich arbeitete mit den Beinen. Ich schrie durch meinen Kopf. Ich..

“Toll, wie Sie mitarbeiten. Gaanz toll machen Sie das..”

.. war sechs Jahre alt und am Ende. Und dann, mit einem kurzen schmerzbekloppten Ruck, war der infizierte Backenzahn draussen. Es war, als hätte man mir den ganzen Kiefer aus der Verankerung gerissen. Ich hatte noch nie einen so tiefen, aber kurzen Schmerz empfunden.

“Wunderbar! Geschafft!” hörte ich Jubelchöre, von irgendwoher. “Aber der war schon ganz infiziert, der Zahn. Hier.. schauen Sie.”

Ich blickte schnell woanders hin und sackte in den Stuhl zurück. Überall Blut. Auf der Stuhllehne, auf dem Boden, am Kinn, am Sabberlatz. Die Schwester lächelte mich an und stopfte Watte in die Wunde, in einer solchen Menge, dass ich dachte, die Puppe rollt einen Wintermantel aus.

Zurück in die Innenstadt nahm ich die Regionalbahn. Leute im Abteil starrten mich an, als käme ich vom Jupiter. Was sie zu sehen bekamen war ein Tampon, der aus meinem Maul quoll wie ein kleiner blutiger Zigarrenstumpen. Ich sah arg ramponiert aus, keine Frage, aber im Inneren war ich die Ruhe selbst. Ich war überglücklich. Es war geschafft. Ich schwebte heimwärts.

 

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LSD, Ostern ’78

Wer LSD nimmt und auf den Horror kommt, hat zuletzt nur noch einen Wunsch: dass in Gottes Namen alles wieder so wird, wie es einmal war. So normal und vertraut, wie man es gekannt hat, bevor die Säure das Bewusstsein kaperte und alles durcheinander brachte.

Gegen einen Horrortrip erscheint ein Albtraum geradezu luftig und leicht, wie Zuckerwatte. Hält ein Albtraum noch die Möglichkeit offen, schweißgebadet aufzuwachen und durchzuatmen, ist ein Horrortrip ein Schockzustand, aus dem man auf Stunden nicht herausfindet. Es ist, als würdest du dir selbst nachwinken, während du krachend in die Tiefe stürzt und dich nur noch danach sehnst, dass alles wieder so wird, wie du es gewohnt warst. Du möchtest mit Freunden zusammensitzen, in eine Tüte Colorado greifen und eine TV-Serie anschauen, du möchtest die normalsten Dinge der Welt tun und glücklich sein.

Dummerweise ist ein schlechter LSD-Trip so unerbittlich, so rigoros und potent, dass man sich die Verrichtung alltäglicher Dinge kaum noch vorstellen kann. Es fühlt sich unerreichbar an. Und je länger dieser Zustand andauert, desto weniger glaubt man daran, dass ein Zurück überhaupt möglich ist. Oder ob man nicht schon zu tief drin steckt im Mutterkorn..

Dabei ist LSD in der richtigen Dosierung am richtigen Ort zur richtigen Zeit eine Erfahrung, die einem das Leben in dieser Klarheit vielleicht nur einmal genehmigt. Vermutlich gibt es auf Erden kein chemisches Material, das einen näher an die Ursprünge der eigenen Existenz führt. Ein guter Trip ist deine eigene Schöpfungsgeschichte, ein guter Trip ist deine Indianererfahrung.

Ein schlechter Trip hingegen klemmt wie ein schwarzer Schatten über deinem weiteren Leben.

 

Jesus Christus, Susanne Eggert

 

Wenn die Rede auf Acid kam, sprachen wir von Linsen. Linsen galten als Könige unter den Drogen, sie herrschten unangefochten über die Subkultur. Gegen eine gute Linse stand jede andere Droge auf verlorenem Posten. Ob Marihuana oder Heroin, ob Koks oder Speed, allen Stoffen fehlte das gewisse Etwas der Linse, der dunkle Zauber des Unwägbaren.

Die erste Linse teilte ich mir im Frühsommer 1977 mit Pepe, eine Yellow Sunshine. Es war nicht nur die erste, es war auch die bei weitem beste Linse, die ich je eingeworfen hab. Danach hätte ich meine LSD-Experimente eigentlich einstellen können. Was auch besser gewesen wäre.

LSD ist ein Spiel mit dem Feuer, im Mikrofunkenbereich. Eine Messerspitze zu viel oder zu wenig kann darüber entscheiden, ob dir muckelig warm zumute ist wie am idyllischsten Lagerfeuer der Menschheitsgeschichte oder ob du dich im Wahn selbst entzündest und plötzlich Feuer fängt. Es gibt keinen Löschzug für einen schief laufenden LSD-Trip, die Brandwehr rückt erst gar nicht aus. Und die Substanz legt dich innerlich in Schutt und Asche. Oder wie Albert Hofmann, Entdecker von LSD, im Alter erschüttert meinte: „Ich glaubte nie, dass ein Stoff mit dieser Kraft auf der Strasse landen könnte..“ Nein, das hatte er nicht gewollt.

Das konnte er gar nicht gewollt haben.

*

Wir waren seit Monaten hinter einer Yellow Sunshine her, doch Pepes großer Bruder hielt uns hin.

“Ein Trip ist nicht wie Kiffen, Jungs. Das kann schwer ins Auge gehen. Man muss mit jemanden zusammen sein, dem man blind vertrauen kann. Wartet einfach noch ein bisschen. Wenn ich eine Yellow Sunshine in die Finger kriege, denk ich an euch. Versprochen.”

Yellow Sunshines, soviel hatten wir schon gehört, waren legendär. Sanft und lang anhaltend in der Wirkung, wenig Halluzinationen, kaum Speed. “Was denn, was denn, keine Hallus..!?” sagten wir verstört. Was zum Teufel sollten wir mit einem Trip, der keine Hallus bescherte? Pepes Bruder lachte nur. “Wartet ab.” Na schön. Was blieb uns auch anderes übrig.

Pepe war dafür bekannt, gut sitzende Blue Jeans zu tragen, immer die neueste Importware aus den USA. Sein von Selbstbräunern maskierter Vater, Inhaber mehrerer Herrenmodegeschäfte sowie einer Jeansladen-Kette, wollte Pepe frühzeitig zum Junior-Chef aufbauen. Der ältere Bruder wurde hauptsächlich als Fahrer eingesetzt, ab und zu er durfte im Zentrallager kommissionieren, wenn die Bestellung nicht über zehn Rifle-Jeans hinausging.

Pepes Bruder war ein lieber Kerl, nicht der gescheiteste, etwas weich in der Birne. Er war ständig auf Pille und bekifft und kicherte und verrechnete sich auf der Arbeit, er brachte alles durcheinander und wenn die Bestellscheine aus den anderen Filialen mit Fragezeichen verziert retour kamen, machte er eine Woche blau, schmiss Pillen ein, kiffte und kicherte.

Pepe hingegen machte etwas her, hatte vom Vater die Durchsetzungskraft geerbt. Hätte Pepe länger gelebt, aus ihm wäre noch ein richtig strammer Kapitalist geworden. Das mitfühlende, beinah feminine Herz seiner Jugend, gepaart mit der späteren Knast-und Heroinerfahrung, es wären sicher nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine Businesskarriere gewesen, hätte das Pulver ihn nicht dahingerafft, mit 25, auf einem Wirtshausklo in München.

So wie sein Vater nichts anderes im Sinn hatte als Geld, galt Pepes Interesse ausschließlich Drogen. Die beiden lagen gar nicht so weit auseinander, wie sein enttäuschter Herr Vater wohl annahm, als er während der Beisetzung seines ältesten Sohnes, der zwei Jahre nach Pepe ebenfalls einer Überdosis erlag, seine von ihm geschiedene Ex-Frau anherrschte, „ich habe niemals Söhne gehabt, meine Liebe!“ Worauf er sich umdrehte, in die wartende Limousine einstieg und nie wieder einen Fuß auf den Friedhof setzte.

*

An einem Frühlingstag war es endlich soweit. Eine Lieferung Yellow Sunshine war angekommen. Pepes Bruder hielt sein Versprechen. Wir zahlten 15 Mark für die kleine orangefarbene Tablette.

“Bleibt auf jeden Fall zusammen, egal was passiert, und geht raus in die Natur”, gab uns Pepes Bruder noch mit auf den Weg. “Bleibt bloß nicht auf dem Zimmer hocken.”

Dann wünschte er seinem kleinen Bruder und mir einen angenehmen Flug.

Jedes Mal, wenn ich eine Droge neu ausprobierte, war Pepe mit an Bord. Das war Gesetz. Der erste Trip, das erste Mal Heroin, das erste Mal Koks, selbst beim ersten Mal Kiffen war ich mit Pepe zusammen. Es war spätabends vor der Kirche Unter St. Clemens. Nach der zweiten Purpfeife hockten Pepe und ich auf den Treppenstufen der katholischen Innenstadt-Kirche und staunten in den Straßenverkehr. Wir ergötzten uns an den warmen Wechselfarben der Ampelschaltungen, an den roten Rücklichtern der Mopeds und dem Sound dahinjagender Ambulanzwagen. So homogen schien alles, so perfekt, als hätte jemand zu unseren Füßen die grosse Elektrische aufgebaut, nur eben in lebensecht: vor unseren Augen präsentierte das Haschisch seine große Märklin-Show. Und wir beide saßen unvermittelt an der Trafostation, Pepe und ich, und ließen es laufen.

Mit Pepe konnte man die Dinge ganz wunderbar laufen lassen.

*

Die Yellow Sunshine genehmigten wir uns nach kurzer Überlegung am Hippergrund, dem Landschaftsschutzgebiet, in dessen Nähe ich heute noch wohne. Und ab und zu, wenn ich am nahen Treppenbach stehe, sehe ich uns noch vor mir, Pepe und mich, wie wir die Linse brüderlich in zwei Hälften teilen und entspannt durch den Wald spazieren, Seite an Seite.

Es dauerte über eine Stunde, und nichts passierte. Als wir uns schon beinah verschaukelt fühlten, vom Geheimnis entkoppelt, ging es, leicht noch zunächst, los. Ein erster sachter Einschlag. Wer LSD nicht kennt, wer es nie ausprobiert hat, der erwartet alles mögliche, Krimi, Totschlag, Sensationen, (oder wenigstens drei Stunden lang wie ein Hund hören und riechen zu können, Explosionen in blau und ein inneres Orchester), aber eines bestimmt nicht – dass man sich fühlt wie ein unaufdringlicher Gast an einem milden Apriltag. Ja, man weiß anfangs nicht einmal, bin ich schon auf Acid? Ist das schon die Linse?

Angenehm, das Licht.

Und erst dieses organische Federn..

(LSD war das Geheimnis der großen Brüder. Wir hörten so viel, sie erzählten so wenig. Sie behielten es für sich. Es war ihr letzter Trumpf. Yellow Sunshine. Eine funkelnde kleine gelbe Sonne. Wir hatten regelrecht betteln müssen, bis wir sie endlich in den Händen hielten. Und nun steckte sie in unserem Kopf, und es geschah – nichts.)

Und urplötzlich ist man mittendrin. Ohne viel Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, wenn es wirklich drauf ankommt, sind Worte nichts als tapsige Urlauber, die im falschen Augenblick durchs Bild rennen. Man kann auf sie verzichten. Man kommt ohne sie besser klar. Niemand braucht so was.

(Das irrste Erlebnis auf LSD, wenn auch auf einem späteren, mehr von Speed dominierten Trip: Wie der jüngere Bruder vom dicken Hansen und ich nebeneinander auf dem Scheisshaus hockten und uns eine Klobrille teilten. Wir mussten beide zur selben Zeit: GROSS! Es war, als wollte der Stuhlgang überhaupt nicht enden, als würden wir ganze Planeten ausscheiden.

“Boh..”, grunzte der Bruder vom dicken Hansen.)

Wir flanierten den Panoramaweg entlang. Eine dicht bewachsene Talsenke, wo die Sonne unerbittlich knallt, weil kein Baum Schatten spendet, obwohl genug Bäume herumstehen. Sie weigern sich, Schatten zu werfen. Es sind eigensinnige Bäume. Wir spenden nicht, sagen sie. Im Sommer ist der Boden von der Glut der Sonne so trocken und rissig, als laufe man in Kuba über ausgerupfte Tabakblätter.

Am Zedernweg, wo sich Feldwege und Pferdewiesen kreuzen, ließen wir uns im Gras nieder. Wir streckten uns lang aus, die Ohren nah am Bachlauf, am eben noch blassen Frühlingstag. So mächtig kam der Klang des kleinen Wasserlaufs, so unmittelbar, als senkten sich gewaltige Tonarme in die Rille einer Geräuscheplatte. Es flogen Wassertropfen durch die Luft, wie von Ping Pong-Schlägern geschmettert pfiffen und giggelten sie uns um die Ohren, wir beobachteten Finger, die von Norden kommend durch geweihtes Wasser schlenderten. Geweihte Finger. Aprilrote Hände.

Doch kaum nahmen wir die Ohren vom Bachlauf und legten uns ins hohe Gras, machte sich Ruhe breit. Ein blauer Nachmittag nahm seinen Anfang. Wenn die Lichtgeschwindigkeit eine Milliarde Stundenkilometer schnell ist, beträgt die LSD-Innengeschwindigkeit genau Null, aber man bleibt nicht stehen. Man wandert einfach weiter, in die Geborgenheit hinein.

*

Höhepunkt: Wie Pepe und ich Schulter an Schulter auf der Wiese stehen und zur Sonne aufblicken. Wir schoben den blassen Bombenkopf am Himmel entlang, platzierten ihn neu am Firmament, fixierten ihn, ließen ihn kopfüber abtropfen, liessen ihn purzeln, tanzen, glühen – mit der bloßen Kraft des Hinguckens. Egal, was der eine auch vor hatte, der andere folgte und machte es nach. Wir spielten großes Sonneverschieben. Blickte Pepe nach links, rückte die Sonne nach links, blickte ich nach rechts, rutschte der gesamte Himmel nach rechts. Ein Wimpernschlag reichte..

“.. und meine Sonne schlägt Rad”, rief ich.

“Kuselkopp”, schäumte Pepe. “Meine macht Kuselkopp.”

Mit einer Genickstarre wie im Kino, erste Reihe, Hauptfilm, schlenderten wir weiter; die Eidechsen am Strassenrand, in tiefer Aufmerksamkeit,

grüßend.

Gezwitscher ging auf uns nieder, wie Landregen. „Vögel sind freundliche Menschen“, sagte jemand. Wir beobachteten Eichhörnchen, die sich von Baum zu Baum jagten und die überhängenden Zweige als Zubringer nutzten, da war ein Rascheln im Wald, das Gehuste einer alten Hexe. Der Trip dauerte bis in den frühen Abend. Nur allmählich leierte das chemisches Band aus und wir erreichten die Hofschaft Theegarten, wo Sonnenblumen ihre Köpfchen ausstreckten wie Richtmikrofone, die alles aufzeichneten für die Ewigkeit.

(Kann gar nicht sein, sagte einer.)

*

Spätere Trips, mit Speed gepanscht, gingen hauptsächlich in die Beine, stifteten Unruhe. Einmal steppten wir zu fünft die Wupperstrasse hoch, den schläfrigen Basslauf von “Clever Trever” von Ian Dury in den Oberschenkeln, eine Prozession dynamisch-bekloppter Beine. Nicht übel, aber flüchtig. Speedig. Kein Vergleich mit der inspirierten Ruhe einer Yellow Sunshine.

*

Zuletzt bröselte Pepe einige Cracker, die er in der Hosentasche hatte, in den Bach, und wir schauten versonnen den Krümeln hinterher, ihrem Verschwinden.

*

Ostern 1978. Die große Patti Smith gastierte in Düsseldorf. Sie war so populär geworden, dass wir die Karten im Vorverkauf besorgen mussten. Zwar war das neue Album Easter nicht so gut wie Horses und Radio Ethopia, aber es enthielt Because the Night, ihren ersten echten Single-Hit.

Horses, das Debüt, war eins meiner absoluten Lieblingsalben. Das Stück Birdland, eine sechsminütige Landschaft aus Baum und Bass, sowie ihre rauh und sexy hingerotzte Einleitung zu Gloria, “Jesus died for somebody’s sins but not mine”, hatte ich so oft gespielt, dass die LP an diesen Stellen wie ein Scheiterhaufen knisterte. Eine verdammte Jesusverbrennung. Patti Smith war meine erklärte Heldin, ich war angesteckt von ihrer fiebrigen weissen Energie. Sie war eine Druidin, und ihr Zaubertrank wurde auf Vinyl ausgeschenkt. (Dummerweise ist ihr Name für mich bis heute mit meinem grössten Desaster verbunden.) (Auch wenn ich andererseits vermute, dass ich schon mit einem Nervenscharren zur Welt kam.)

Einen Tag vorm Konzert rief Pepe an und meinte, er könne für Patti Smith etwas Acid klar machen.

“Ein Konzert auf Linse..?! Bist du übergeschnappt?”

“Keine normale Linse“, meinte Pepe fröhlich, „eine Yellow Sunshine..”

Das war was anderes, auch wenn man sich nie sicher sein konnte, was man da schluckte. Weil der Markt illegal war, konnte jeder alles zusammenpanschen und unter Phantasienamen verkaufen. Niemand garantierte einem, dass in einer Yellow Sunshine das drin war, was man von einer früheren Yellow Sunshine kannte und erwartete.

Ich hatte kein gutes Gefühl, von Anfang nicht. Zumal eine Linse definitiv nicht in die Konzerthalle gehört, sie gehört in die Natur, nach Faustregel Nummer 1: Keine Wände! Nichts, was dich irgendwie einkesseln und beschränken könnte! Ich beging einen Riesenfehler damals: Ich hatte eine Befürchtung, und ich ignorierte sie.

Eine fatale Entscheidung.

*

Wir waren vorm Mumms verabredet an diesem Samstag, Pepe und ich sowie drei oder vier andere Leute, die ihre Karte für Patti Smith schon in der Tasche hatten. Pepe nahm mich beiseite.

“DieYellow Sunshine hat sich erledigt”, sagte er, und ich war schon fast erleichtert, “aber mein Bruder hat eine Red Star abgedrückt.”

Am liebsten hätte ich die Sache auf der Stelle abgeblasen, doch Pepe wollte das Konzert unbedingt auf Linse erleben, das brachte mich in einen Konflikt. Es war nicht nur ungeschriebenes Gesetz, einen Trip in der Natur zu schmeissen, man liess auch einen Freund nicht allein auf Linse. Soweit nachvollziehbar. Warum wir den Red Star aber, einen gezackten roten Stern, der wie ein mit Zuckerglasur überzogener winziger Kirmesapfel funkelte, in zwei Hälften aufteilten und einwarfen, anstatt ihn erst mal zu vierteln und eine halbe Stunde abzuwarten, dafür gibt es im Nachhinein nur eine einzige Erklärung: Wir waren 17.

Ich seh uns noch vorm Mumms stehen, an den Parkscheinautomaten gelehnt. Wie Pepe den Stern in der hohlen Hand entzweibricht und jeder seine Hälfte schluckt, Schluck Bier hinterher, und wie der dicke Hansen Wind von der Sache kriegt und neugierig angeschlichen kommt, von hinten.

“He! Was pfeift ihr beide euch denn ein? Ne Linse?”

“Was? Nee”, sagte Pepe.

Auch ich schüttelte nur den Kopf. Der dicke Hansen auf Drogen, das bedeutete bloß  Scherereien. Und was kann man auf Acid partout nicht gebrauchen? Scherereien. Dafür ist LSD nicht gebaut.

Wir fuhren mit zwei Wagen nach Düsseldorf.

Ich stieg beim Schuh ein, im roten Kasten-R4, Pepe im Wagen dahinter. Schuh, ein charmanter langer Schlaks, der stets skeptisch in die Welt guckte und mich mit “He, du Spezialist” zu grüßen pflegte. Schuh war nicht nur ein paar Jahre älter, er fiel schon von der ganzen Ausstrahlung in die Kategorie Großer Bruder, auch wenn er Einzelkind war.

Nach nicht mal einer halben Stunde setzte die Wirkung ein – mitten auf der Autobahn Richtung Oberbilk. So rasch hatte es mich noch nie erwischt. Ich konnte kaum stillhalten, die Füße drängelten unterm Sitz hervor wie Flöze. Ich war heilfroh, als wir endlich in den Parkplatz vor der Philipshalle einbogen.

Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen, stürzte Pepe auf mich zu.

“Alter, was.. ist das denn..?!” zischte er, unterfüttert von einem in die Breite blubbernden Grienen, das ich so noch nie gesehen hatte, weder bei Pepe noch bei irgendwem sonst, doch ich konnte nichts erwidern. In meiner an Strommomenten nicht gerade armen Drogenkarriere steckte ich im funkelndsten aller Strommomente fest – und hatte keine Worte dafür.

(Zumal LSD keine Droge ist. Es ist eine Form von Wahrheit.)

Im gleißenden Flutlicht der Laternenmasten marschierten Pepe und ich Seite an Seite über den Parkplatz der Philipshalle, Stars auf schwarz geteerten glänzenden Bühnenbrettern. Ein rot glitzernder Aufgalopp.

Als in meiner Nähe jemand versehentlich den Schlüsselbund fallen ließ, schepperte es in meinen Ohren, als stürzten riesige Stahlträger in einer leeren Fabrikhalle zu Boden. Ich duckte mich erschrocken, während Pepe lässig weiter stolzierte, hin zum Gemurmel der Halle, zum Gelächter der In-Crowd, die, zurecht gemacht fürs Konzert, den Kassenbereich ansteuerte.

„Guck dir all die Gockel an“, hörte ich jemand kichern.

Umtost vom Hupen ankommender Autos und dem Club-Sound schwerer Motorräder verschmolz alles zu einem einzigen großen pulsierenden Super-Ereignis. Willkommen auf dem Acid-Trip, machs gut, Kamerad, verlier mich nicht.

Das Universum erklärt sich immer dort, wo man sich gerade aufhältst. Nur dort entfaltet es sämtlichen Glitzer.

Ich holte Pepe ein. Wir blickten uns an, halb irre schon (Innerlich noch am wegducken, ich.)

“Shit, ist das hell hier”, hörte ich Pepe, während ich mich schon sorgte, was denn erst drinnen werden sollte, in der Philipshalle. Zusammengepfercht, unter Tausenden Leuten. Und richtig mulmig wurde mir, nachdem ein Ordner unsere Eintrittskarten abgerissen hatte und wir die Vorhalle betraten, das Reich der Bierstände, der T-Shirt-Verkäufer, und wo mir schlagartig bewusst wurde, dass ich für die nächsten Stunden hier gefangen sein würde. Dass es kein Entrinnen geben würde aus diesem flachen Betonquader.

Jeder Acidhead kannte einen Acidhead, der einen Acidhead kannte, der hängen geblieben war auf Acid, nicht mehr zurückgekehrt war, der es nicht mehr geschafft hatte.

Der in der Klapse gelandet war.

*

(Bernie Wester hatte sich im Übermut eine Handvoll Trips in den Mund werfen lassen, wie verdammte M&M’s. Einige spuckte er wieder aus, andere nicht, sie rollten in sein Hirn. Es hieß, seine Augen wären damals fast geplatzt, vor lauter Innendruck, die Ärzte hatten ihre liebe Mühe, sein Augenlicht zu retten. Er blieb zwölf Monate im Landeskrankenhaus. Der nette Bernie Wester.)

*

Bedrängt von Fans in speziell punkigen Patti Smith-Capes, die sich nach vorne kämpften, um die besten Plätze zu ergattern, schoben wir uns in den Innenraum der Philipshalle. Aus Bühnen-Boxen, zu Türmen übereinandergestapelt, dröhnte Miss you von den Stones. Miss you mit dem rollenden Disco-Basslauf und der fröhlichen Mundharmonika, Miss you, gerade überall Nummer 1 – und dieses eine Mal noch grinsten wir uns verschwörerisch an, Pepe und ich, ein letztes Mal, bevor wir uns für den Rest des Abends aus den Augen verlieren sollten.

Unterhalb der Tribüne bildete sich eine Gasse, in der das Publikum hin und her strömte, hin zu den Bierständen, zurück zu den teuer erkauften Plätzen. In diesen Gesichtern begann der Horror. Fratzen, breit wie Brotkästen, das Maul eingekleistert, bebuttert, mit blutig geratschten Augen. Ich blickte in Schlachthof-Visagen, teigige Fleischwunden. Als mampften alle aufgeweichtes Krepp.

Ich hatte auf Acid Hallzuninationen gehabt, doch dieses Fratzenhafte, Zerstörte sprengte alles bislang Gesehenes und war eine Dimension näher am Irrsinn, ich bewegte mich auf Stromschnellen und das Schlimmste: ES würde anhalten, so schnell würde ES keine Erlösung geben, mein Zustand, diese LSD-Vollvergiftung, würde noch eine ganze Weile anhalten, (und niemand gab mir die Gewähr, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte): Das Weiterschwappen der Acidsäure durch alle Schichten war längst durchprogrammiert, da kam ich nicht mehr heraus – es WAR ZU SPÄT ZUM RÜCKKEHREN.

Eine Angst, wie ich noch nie Angst verspürt hatte, umfing mich. Ich suchte Pepe, fand ihn nicht. Ich fand niemand von meinen Leuten.

Ich schloss die Augen, versuchte mich dem Schwarz anzufreunden, doch da war ja noch das Speed in den Beinen, das mir keine Ruhe liess. Säure schoss die Beine hoch, ich lief wie auf aussuppenden Batterien umher, mit Augen, die sich nicht trauten, in entgegenkommende Gesichter zu blicken, weil dort Fratzen warteten. Unmöglich, irgendwo anzuhalten. Luft zu holen. Zu überlegen.

Ich

fand niemanden von meinen Leuten; ich mied Gesichter – inmitten siebentausend Gesichtern.

*

Einmal stand der dicke Hansen neben mir und brüllte etwas in mein Ohr, ich verstand ihn nicht, ich starrte nur zu Boden, um seiner Fratze zu entgehen.

“Keine Vorgruppe..”, wiederholte Hansen, und ich floh aus dem Innenraum.

Als ich die Gasse unterhalb der Tribüne erreichte, wo man etwas Platz hatte, blickte ich hinauf zu den Rängen, und jetzt geriet meine Wahrnehmung komplett durcheinander. Die Bewegungen der Menschen, die auf der Tribüne ihre Plätze einnahmen, deutete ich falsch. Ich glaubte, das Publikum sei in Panik. Ich sah Menschen fliehen, über die Sitze stolpern, ein einziges großes Gewimmel war es, was sich dort oben abspielte. Und das schlimmste – es interessierte niemanden. Um mich herum war alles wie zuvor. Leute kamen mit Bier, Leute gingen neues Bier holen.

Vielleicht war auf den Tribünen ein Feuer ausgebrochen und jetzt kletterte alles wild durcheinander und stürzte Richtung Notausgang, dachte ich. Nur merkwürdig. Nirgends war ein Schrei zu hören, keine Hilfe-Rufe, es war eine lautlose Panik, die die Halle ergriffen hatte..  was zum Teufel war mit den Leuten um mich herum los, wieso gaben sich alle so unberührt? Sah denn wirklich niemand außer mir, was dort oben vor sich ging!?

JA, MERKT DAS DENN NIEMAND?

Erst als das Hallenlicht unter Gejohle erlosch und schrille Pfiffe den Beginn des Konzerts forderten, verschwand das Gespenst einer Massenpanik. Ich versuchte mir irgendwie klarzumachen, dass es Halluzinationen gewesen sein mussten, nur Hallus.

Dumm nur, dass auf LSD definitiv kein nur existiert. Alles ist gleichsam wichtig, man bewegt sich wie in tausendfacher Vergrößerung unterm Elektronenmikroskop, schwimmt auf der Pipette. Das Selbst ist gleichsam monströs groß und winzig und enthauptet. Es gibt kein Ich mehr.

Nur noch Ichs.

Auf Resten einer entglittenen Seele, niedergedrückte Versuche, mir zu entkommen, Abgrund überall, Wege weg vom Abgrund –

hier entlang!

Ich versuchte, Vorsprung zu gewinnen, Vorsprung vor mir selbst inmitten rempelnder Körper, einem brutalen MILLIARDENGEMURMEL, o Herr – hätte ich es doch nur ungeschehen machen können. Ich blieb wie zugeschnürt, randvoll pulsierend.

*

Auf der Bühne erschien Patti Smith, die sich feiern ließ für ein erbärmliches Gitarren-Solo. Eine Leinwand wurde runtergefahren, ein schwarz-weißer Undergroundfilm voller Ratten in New York und monotonen Maschinengewittern gab mir den Rest. Ich tigerte durch die Vorhalle, vorbei an den Ständen und Freßbuden, versuchte zu entkommen, den Fratzen, lief hin und her, ohne ruhige Sekunde, ohne sitzen bleiben zu können, versuchte es mit einem Bier, das ich irgendwie bestellt bekam am Bierstand, doch was den Lippen entgegenschwappte war nicht fluid, es waren Stoffbahnen. Ich trank an gegen Mäntel, nahm einen Schluck gegen Innenfutter. Ließ es sein. Den Becher stehen. Weiter. Wohin?

Einfach verschwinden, in die S-Bahn setzen, nach Hause fahren, alles, was im cleanen Kopf ein Kinderspiel gewesen wäre, schien unmöglich, ich würde es nicht packen. In meinem Körper riefen sie nach Selbstmord, nach Schluß damit, komm, spring.
SPRING!

Müder Beifall.

Der Vor-Film war zu Ende. Leinwand hochgezogen, die Patti Smith Group enterte die Bühne. Ich verzog mich hinters Mischpult, wo genug Platz war. Patti Smith spielte Ask the angels, ich versuchte zu tanzen, mich in die Musik einzugraben, einen Schutzmantel aus Noten um mich herum zu ziehen, doch ich fand mich nicht ein, konnte die Musik nicht spüren, es blieb ein fernes Hampeln, ich blieb auf der Pipette. Schief, verdreht, verwickelt. Gebet;

Herr!

Runterstürzen, irgendwo: Doch die Philipshalle, ein Flachbau ohne Treppengänge, ohne jedes Oben und Unten, nur flaches Geschoß, das keinen Sprung zulässt. Hängengeblieben, wickelte sich eine Schleife durch meinen Kopf, Hängengeblieben Hängengeblieben, HÄN-GEN-GE-BLIE-BEN.

 

Beifall brandete auf. Ich spürte die Musik nicht. Ich spürte mich nicht. Ich lief hin und her und wusste nicht weiter. Ich wusste nur eins: so schnell würde sich dieser Zustand nicht ändern.

Schuh begegnete mir an der Garderobe. Wir waren nicht gerade das, was man Freunde nannte. Was sagt man einem Bekannten, wenn einem die Seele gerade von zu starkem LSD zerschossen wird?

“Schuh.. ich bin auf Trip.. ich pack das nicht mehr..”, mehr brachte ich nicht heraus. Die Worte eines Hängenbleibenden. Nüchternes Zeugs. Doch Schuh zögerte keinen Moment.

“Lass uns hier verschwinden. Mir gefällt das Konzert eh nicht. Und ich hab einen dicken Brösel im Wagen.”

“Nein. Nicht kiffen”, sagte ich, “bloß nicht!”

Ich hatte Angst, dass mit Haschisch alles nur noch schlimmer werden würde, doch Schuh ließ sich nicht beirren.

“Auf Horror hilft nur viel kiffen, so viel wie möglich.”

In seinem R4 holte er ein Piece aus dem Handschuhfach, groß wie ein Hühnerei. Wir rauchten fünf oder sechs Joints, bis Schuh nicht mehr konnte und nur noch für mich drehte. Es war, als drückte das THC allmählich die Säure aus meinen Beinen, als würde sich mit jedem Zug aus der Haschischzigarette eine weitere leichte Decke über meine rohen Sinne legen, in der kühlen Stille des Renault. Wir sprachen kein Wort. Ich hatte keins, Schuh wollte nicht. Als der Brösel fast ganz aufgeraucht war, gaben die Dämonen allmählich Ruhe.

Schuh gähnte ausgiebig.

“Du Spezialist.”

Fanny, Frau aus den Wupperbergen

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 ™

Ein Pinscher namens Benni, der einige Meter hinter ihr her zockelt, lila Moonboots, knallroter Lippenstift und auf dem Kopf eine Frotteekappe, das ist Fanny, die wunderbare Fanny. Die Verrückte, die durchgeknallte Tante. Wo ist die denn laufen gegangen? Kann ich euch sagen: In einer bis zur Erschöpfung durchgestylten Welt ist Fanny laufen gegangen, und sie ist so offensichtlich uncool, so unüblich, dass die Leute sich nach ihr umdrehen und den Kopf schütteln.

Die spinnt, die Alte.

Kann die mal jemand von der Straße holen.

*

„Lang nicht gesehen, ja!?“ tütet Fanny los, schon von weitem. „Ich hab vielleicht Arthritis im Bein und Rückenschmerzen.. ohhh, tut das weh. Das sind die Bandscheiben. Schlimm ist das. Haben Sie auch schon gehabt? Haben Sie bestimmt auch schon gehabt, Bandscheiben. Da kommt man hinten nicht mehr hoch, ich sag Ihnen.. Mit den Jahren..“

Sie taucht wie aus dem Nichts auf, tütet einen zu und taucht wieder ab, bis zum nächsten Mal. Sie ist alt, sie ist laut, sie fällt auf. Sie wackelt wie ein viktorianisches Schränkchen durch den Wald und singt alte Seemannslieder, mit Verve und Wehmut in der Stimme. Fanny, die Frau aus den Wupperbergen. Sie hätte ohne es zu wissen Dada erfunden, hätte nicht vor 100 Jahren schon jemand anders Dada erfunden.

Natürlich in Zürich.

Fanny ist keine Einheimische. Es sind die Zugreisten, die aus dem Raster fallen. Zugereiste, die dazugehören möchten bis sie irgendwann feststellen, ich bin anders, ich gehöre nicht dazu, ich komme woanders her, aber jetzt bleib ich hier. Leute, die wie ein Schiffchen in den Wald stechen, Narrenkappe tragen und schöne deutsche Seemannslieder singen.

„Und Hühner.. hab ich auch. Wie heisst das noch..? Na.. Hühner.. unten am kleinen Zeh, Hühner.. weh.. nee, AUGEN! HÜHNERAUGEN! Ich kann nur noch weiche Schuhe tragen. Hab ich letztens gelesen, kriegt man mit Zitrone weg, Hühneraugen. Hab ich mir direkt vier Zitronen gekauft. Muss ich nach dem Baden auf die Zehen drauf, ist nur schwer mit dem Bücken. Zum Arzt geh ich damit nicht, ich bin doch nicht verrückt, danach kann ich vier Tage nicht gehen. Kann ich drauf verzichten, auf so einen Arzt. Schlimm ist das. Mit der Bandscheibe muss ich drei Wochen warten, bis ich beim Doktor in den Tunnel komm. Drei Wochen warten auf einen Termin! Das sind Zustände heute.“

Rehpinscher Benni seufzt und lässt sich nieder. Warum lange in der Gegend rumstehen mit vier kurzen krummen Beinen. Wenn Frauchen erst mal lostütet, das kann dauern. Ein intelligenter, ein bodennaher Hund. Ich kenne da ganz andere Vertreter. In deren Oberstübchen nur Appetit reinpasst, Appetit und Hinterlist, wie man an mehr Futter herankommt.

„Ich hab heute Nacht kein Auge zugemacht, wegen den Schmerzen, können Sie mir glauben. Also, zu schon – aber dahinter war die Hölle los.“

„Geht auf die Pumpe, das Wetter. Ist Kreislaufwetter. Letzte Woche ist schon einer umgekippt bei uns oben auf der Strasse. So Kreislaufwetter ist das. Schlimm ist das. Gibt bald wieder Schnee. Heut Mittag mach ich Reis.“

Als sie uns vor Jahren das erste Mal über den Weg lief, das Make-up quer durchs Gesicht gerutscht wie ein schwerer Ausnahmefehler, mussten wir aufpassen, dass wir nicht loslachten. Mittlerweile freu ich mich richtig sie zu treffen. Fanny Katzenstein, tapfere kleine Rentnerin, immer unterwegs, immer unter Dampf, immer am Plappern. Sie schaukelt auf einen zu, stoppt abrupt ab, Stop and Go, das ist ihr Verkehr, im Vollbildmodus. Sie kann nicht anders. Wichtig ist allein das Wegkommen, das Aufzacksein.

All der Rückenwind.

*

“Und da ist ja auch der liebe Hund!”

Fanny greift nach Frau Moll, die sich das gefallen lässt, aus taktischen Gründen. Ein Leckerchen ist hier immer drin. Während Fanny beide Hunde mit Kaustangen abfüttert, versuche ich mir vorzustellen, wie sie wohl mit 18 ausgesehen haben mag. Ein heißes Rock’n Roll-Monster, ein Fetengerät. Eine knatschbunt gekleidete Jung-Bäuerin auf einem kommunistischen Kongress in Kiew, einem Dutzend Gefährtinnen voranschreitend, mit glühenden KPD-Bäckchen, die rote Bibel schwenkend, terrorlächelnd.

“Haben Sie heute schon den Bekloppten getroffen? Der mit dem Schäferhund? Der ist kriminell. Der ist rauschgiftsüchtig. Ganz rote Augen hat der. Der schlägt auch seine Frau. Man hört so manches. Gehässige Menschen gibt es, nicht wahr? Der lacht immer so dreckig, wenn er mich sieht. Der nimmt Rauschgift. BENNI! Bleib stehen! Komm zu Mami!”

Benni, zwölf Jahre alt, nach Adam Hunderiese also Mitte Achtzig, gehorcht nur, wenn ihm danach ist, was gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden alten Hasen führt. Einmal beobachtete ich Fanny, wie sie Benni an der Leine hinter sich her zog wie einen störrischen Würfel, den ganzen Kannenhof hoch.

Mit dem Rauschgiftsüchtigem meint sie Tim, einen in der Nachbarschaft wohnenden Personenschützer und Dauerkiffer, der mir seinerseits kürzlich von der verrückten Alten mit dem kleinen Hund erzählt hat.

“Die glaubt, mein Hund frisst ihren kleinen Kacker auf. Die ist voll bräsig, die Alte. Die hat sie nicht mehr alle.”

Nicht jeder mag verrückte Frauen, die durch die Welt stapfen und aus vollem Hals Gerüchte verbreiten, nicht jeder hat ein Faible für Außerirdische. Und sie ist ja nicht nur laut und schrill, sie ist auch noch ALT. Alte Menschen haben nicht laut zu leben, nicht mit knallrotem Lippenstift und lila Moonboots. Alte Menschen verstecken sich daheim, ihnen fehlt die gute Laune, “Seemann, lass das Träumen” zu schmettern, mitten im Landschaftsschutzgebiet.

*

Benni trottet lässig an uns vorüber. Frau Moll und er haben ein Stillhalteabkommen geschlossen. Sie ignorieren sich auf ganzer Linie. Sie sind Luft füreinander. Nicht mal schlechte Luft oder lästige Luft, nein, einfach nur – Luft.

Fanny stammt ursprünglich von der Küste, aus Schleswig-Holstein. Schon Ende der Fünfziger Jahre verschlug es sie ins Bergische Land, wo sie eine Stelle als Haushaltshilfe antrat, “beim Viehhändler Pott an der Hasseldelle, kennen Sie den?”

“Ja klar”, sag ich, “ich kenn deren Wiese, Potts Wiese. Da sind wir als Kinder Schlitten gefahren. Da war immer was los.”

“Ja, der hatte viele Ländereien und Milchkühe, der war nett, der alte Bauer, aber der ist früh gestorben. Der hatte es an der Lunge, der hat zu viel geraucht. Aber seine Frau, ich sag Ihnen, das war ein Besen. Die konnte mich nicht leiden, die hat mit weißen Taschentüchern hinter mir hergeputzt.”

Im Dezember wird Fanny 80 Jahre alt. Sie springt von Thema zu Thema und spricht so hastig, als würde sie Zwiebelchen hacken. Und wenn sie nicht gerade Hühneraugen hat und weiche Boots tragen muss, läuft sie in merkwürdigen Schuhen umher, einer Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh. Der Boden unter ihrem Schuhwerk schimmert bläulich, wo immer sie hergeht, stehen bleibt und lostütet. Es ist das Indigo-Blau eines Edelsteins.

„Gestern bin ich mal rückwärts gegangen, hundert Meter, haben Sie auch schon mal gemacht, rückwärts gehen? Fühlt sich komisch an, ja? Man geht, aber man geht nicht.. drauf zu.“

Ihrer 57jährigen Tochter habe man den halben Magen wegoperiert, erzählt sie, “oh weh, sieht die schlecht aus, die raucht zu viel, vier Packungen am Tag, ist doch nicht normal, oder? Und all die Türken, mit denen sie rummacht, das bleibt doch nicht in den Kleidern hängen. Schlimm ist das. Ist doch nicht normal.”

Halben Satz später regt sie sich über einen Nachbarn auf, der ihr ständig am Fenster auflauert und nur darauf wartet, dass Benni sein Geschäft verrichtet, in den Blumenrabatten vorm Haus. “Wechseln Sie die Straßenseite!” schnauzt er Fanny heut Morgen an, “Ihr Hund kackt mir in die Blumen!” “Geht dich gar nichts an, auf welcher Seite ich hergehe”, gibt sie zurück. “Und jetzt mach die Luke zu, ich kann Karate.”

“Gehässige Menschen gibt es, nicht wahr? Schreit mich die Verkäuferin im Penny-Markt an, ich soll meinen Hund besser erziehen, nur weil der ein bißchen was kläfft, wenn ich am Einkaufen bin. Ja was denn? sag ich zu der Ollen, Sie quasseln doch auch den ganzen Tag, da kann mein Hund ja wohl mal bellen, oder nicht? Böse Menschen sind das, die haben Zerstörungswut, schöne Gummistiefel haben Sie an. Meine sind kaputt gegangen. Und die hier hab ich heut Morgen fast nicht an gekriegt, musste ich Sonnenblumenöl reinschmieren, die waren ja nass geworden gestern, die sind fast eingelaufen, bei dem Wetter. Und dann noch die ..die Augen.. hühner.”

Für einen Moment kehrt Ruhe ein. Im Geiste mach ich mir Notizen. Ich nehme erst mal alles mit, was die Heimat zu bieten hat – modrige Gerüche, Fixergeschichten, Fanny Katzenstein-Lieder.

„Bei meiner Schwägerin in Italien ist jetzt auch die zweite Brust weg. Schlimm ist das heutzutage.“

*

Einmal hörten wir Fanny schon aus der Ferne trällern.

“SEEMANN, LASS DAS TRÄUMEN..”, schallte es durch die Wupperberge, so kräftig und verwegen, dass die Krähen aufflogen. Die hatten ja keine Ahnung, was los war. Ob Untergang drohte. Eine Havarie vielleicht. “..DENK NICHT AN ZUHAUS, SEEMANN, WIND UND WELLEN RUFEN DICH HINAUS..”

Toller Sound. Großartiges Konzert. Aber natürlich, nicht jeder mag verrückte alte Frauen, die der Wupper entlang schaukeln und aus ganzer Seele Shantys trillern. Nicht jeder hat ein Faible für Außerirdische und alte Menschen. Die haben nicht laut zu singen, alte Menschen haben sich daheim zu verbergen. Alt werden ist eine andere Rasse. Ist unnormal. Alt werden ist, als führe man ein Doppelleben, an einem vergessenen Nebenarm.

*

Fanny wuchs als jüngste von 14 Kindern auf.

“Meine arme Mutter ist mit 41 gestorben, vom vielen Kinderkriegen.”

Fanny wollte als junges Mädchen Sängerin werden, aber ihre arme Mutter konnte ihr keine Ausbildung bezahlen. Dabei hat sie eine betörende Stimme, sie kann wunderbar den Ton halten. Selbst wenn sie ihren Pinscher ruft, Bennnni!, und dabei das “n” vor sich her rollt wie einen nasalen Steinzeitreifen, “singt sie schön”, so die Gräfin. Dennoch fühlte sich Fanny ein bisschen ertappt, damals, als wir sie mitten im Wald beim Singen überraschten. Damit hatte sie nicht gerechnet, dass ihr bei diesem schlimmen Kreislaufwetter Leute begegneten.

Einmal stellte sie meine Menschenkenntnis auf die Probe, und ich bin durchgefallen, mit Pauken und Trompeten. Ich weiss bis heute nicht, warum sie das erzählt hat, aber sie hat es erzählt und ich hab es ihr abgenommen. Angeblich war ein privater Tierschutzverein auf sie zugekommen und wollte ihr den Hund abnehmen, weil sie nicht gut für ihn sorgte. Als ich das hörte, war ich so erbost, dass ich gleich die Tante vom Tierschutz anrief und ihr die Leviten las. Leider stellte sich die Geschichte als kompletter Fake heraus. Ich war eine Weile ziemlich sauer auf Fanny, bestrafte sie mit Nichtbeachtung. Aber eben nur eine Weile. Wer so umwerfend singen kann, der darf schon mal daneben fassen.

Blöde Kuh.

*

Frau Moll schmiegt das Köpfchen an Fannys Handtasche. Da sind noch mehr Leckerchen drin. Frau Moll merkt sich jedes Täschchen, das einmal was springen liess. Fanny hat ihre ureigene Methode, Leckerchen rauszurücken. Ihre Handtasche, die sie vor sich her trägt wie einen Kochtopf, gerade von der Feuerstelle genommen, ist in Hundekreisen für die selbstgemachten Leckerchen berühmt. Allerdings verfüttert sie die kleinen Getreideplätzchen nicht so liebevoll, wie ältere Damen das zu tun pflegen, sondern schmeißt die Kamelle nach den Hunden wie ein Funkenmariechen vom Rosenmontagswagen. Die Hunde müssen sich schon sehr vorsehen, dass nichts ins Auge geht.

“Demnächst ist wieder Wupper in Flammen”, freut sich Fanny. Dann betritt sie wieder im original Plissee-Röckchen der Jitterburg-Ära die Wupperberge, auf dem Kopp den lila Pott und soviel Schminke im Gesicht, als wäre sie damit schon in der Nacht zuvor ins Bett gegangen.

Enorm, diese Person.

“DEINE HEIMAT IST DAS MEER, DEINE FREUNDE SIND DIE STERNE, ÜBER RIO UND SHANG-HAI..”

Tage im Coppel-Park

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Bis in die frühen Sechzigerjahre war er der Botanische Garten der Stadt, und noch heute besticht der Coppel-Park durch konsequente Hanglage und verschiedenste Baumarten, unter anderem nordamerikanische Amberbäume, die im Herbst ihr glutrotes Laub abwerfen, wie aus dem Pizzaofen. Es gibt Ententeiche, Fledermäuse sowie Singvögel, die ob der unmittelbaren Nähe zum Penny-Markt Wupperstraße ihre Lieder knallhart kalkulieren.

Goldwespen sind hier zu Hause, eine Schar Stockenten und schwarze Teichhühner, eine Eule, die spätabends mit einer anderen, weiter entfernt sitzenden Eule kommuniziert, u-huuh-uhh..!, dass einem warm wird ums Herz, sowie ein Fischreiher, der aber nur sporadisch auftaucht. Ein junger Kerl, dessen Flügel kräftige Zeppelin-Schatten werfen, wenn er galant über die Wiesen hinwegsegelt. Ein furchtloser Bursche, im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Der alte Fischreiher schlurfte durch die Luft wie eine Majestät, er war bedächtig und vorsichtig, eine Märchenfigur aus dem Orient. Sobald man ihm zu nah kam, schwang er sich auf und verschwand naserümpfend.

Einmal verfolgte ich seinen Flug. Sah zu, wie er eine ausladende Runde über die Anlage drehte und sich schliesslich auf einem der gegenüberliegenden Hausdächer niederliess. Komm, sagte ich zum Hund, den holen wir uns. Wir bewegten uns auf die Häuserzeile am Pappelweg zu, deren Rückfront zum Park zeigt. Davor Gartenparzellen, Blockhütten, Blumenrabatte.

Es dauerte seine Zeit.

Alle paar Schritte vergewisserte ich mich, dass er noch hoch oben auf dem Dachfirst stand. Bewegungslos zeichnete sich seine Silhouette gegen den Himmel ab. Ein stolzer Recke, der es nicht nötig hatte, die Stellung zu verändern. Erst als wir uns dem Haus bis auf zwanzig Meter näherten und nach oben blickten, entdeckte ich, das es gar nicht der alte Reiher war, sondern ein Wetterhühnchen, oben auf dem Dach. Oder wie die Viecher heissen. Windhühnchen. Arschlochhühnchen.

Komm, wir gehen.

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Irgendwo in Parknähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzt, wie sie das nennt, in Gefrierbeuteln verpackt wegen der Witterung. Schundromane zumeist, aber gelegentlich ist ein Treffer darunter. Das letzte Buch von Thomas Kling etwa, dem Maurer unter den deutschen Dichtern. Auswertung der Flugdaten wird sofort verhaftet und landet bei uns daheim auf dem Küchentisch und wird so schnell nicht wieder freigesetzt, wie es seine Bestimmung wäre, laut Lehrmeinung der Bookcrosser.

“Irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen”, meint die Gräfin weise und ich nicke angetan.

Das hat sie schön gesagt.

*

Da freut man sich ja immer, wenn man durch die Anlagen geht und beobachtet Kinder, die Sachen spielen, die man selbst als Kind schon gespielt hat. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann, Völkerball. Das ist natürlich nostalgischer Blödsinn. Sollen sie doch neue Spiele erfinden. Wofür hat man denn Kinder. Wer hat Muffen vorm weißen Vollweib.

ICH!

(Wenn es sich um die Ferres handelt.)

*

“Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, da möchte man schreiend weglaufen”, meint sie und hält inne. “Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen.”

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich ihr bloß von einem alten Weinpenner erzählt hab, der mir im Park begegnet ist und so geheimnislos nach Pisse stank.

*

Abends sammeln sich die Enten am Teich, sie gründeln und tuscheln. Ein Erpel lacht auf, laut und unverschämt. Manchmal entwickelt sich aus dieser einzelnen Erpelmeinung ein Mannschaftsschnattern, so zynisch, man fühlt sich regelrecht veralbert und verfolgt. Wenn man den Park entnervt verlässt, zieht das Gelächter hinter einem her wie Blechbüchsen am Just Married-Wagen. Nur eben Schnatterbüchsen.

*

Im Coppel-Park, den ich gern als Abkürzung Richtung Innenstadt nutze, kommt mir der kleine Wiegand überfallartig entgegen.

„Ich kann meinen Kot nicht mehr halten!“ schreit er.

Erst will ich zur Seite wegspritzen und den Weg freimachen, aber so richtig dringend scheint die Sache nicht zu sein. Er hat ein Grinsen im Gesicht.

„Wie jetzt?“ frag ich.

Er erzählt, dass er gerade aus Friesland zurück ist, wo zwei seiner Kinder in einer Pflegefamilie leben. Einmal im Monat fährt er an die Küste und bleibt übers Wochenende.

„Ich hab mir auf der Rückfahrt in die Hosen geschissen, das gibts gar nicht.. Mann, hat das gestunken..!“

Es stellt sich heraus, dass er im ICE drei eiskalte Bier getrunken hat, und zuvor beim Weihnachts-Plätzchen-Backen mit den Kindern jede Menge Teig genascht hat.

„Na, dann ist das ja auch kein Wunder, wenn du dir in die Hosen scheisst.“

„Ja..?“

„Ja.“

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Den größeren der beiden Parkteiche teilen sich die Enten und Teichhühner mit zwei ausgesetzten Kois. Sie haben sich zu echten Brummern entwickelt, während sie die Herrschaft über das nährstoffreiche Gewässer übernommen haben. Sie sind meist gemeinsam unterwegs, zwei orangefarbene Unterseeboote auf Aufklärungsfahrt.

Ein in Ufernähe in den Teich gefallener Pfahl liegt waagerecht auf der Wasseroberfläche und dient den Kois als schicke Theke. Wenn die Sonne untergeht, sieht man die beiden Kameraden nebeneinander am Tresen stehen, inmitten von Schilf. Sie beratschlagen, was zu tun ist, planen den nächsten Tag und genehmigen sich ein Küppchen Teichwasser, frisch gezapft.

*

Im Hochsommer wird die Abendrunde mit dem Hund in den Park verlegt. Da ist es schön schattig, besonders in der Riviera-Ecke, wo vertrocknete Tannenzapfen unter den Sandalen zerbröseln, wo Pinien und Fichten wachsen. Sehnsuchtsholz, wie die Gräfin es nennt. An langen Sommerabenden, wenn die Sonne den ganzen Tag auf die Anlage gebrannt hat und die Dunkelheit anbricht, atmen die Tannen ihren harzigen Duft aus. Fledermäuse jagen durch die Luft, pfeilschnell und im Zickzack, dass man sich unwillkürlich wegduckt. Als wäre Militär unterwegs, Tarnkappenbomber, dunkle Park-Junta.

Es ist eine unwirkliche, fast bohemienhafte Atmosphäre. Man erwartet jeden Moment das Erscheinen einer großmäuligen Pariser Literaturlesbe um 1920, mit dem ebenso unwahrscheinlichen wie streng durchkomponierten Namen Calkutta Großmüller, doch – sie erscheint nicht.

Wahrscheinlich hat sie einen anderen Namen.

 *

Eine Dschungelhitze, stickige vierunddreißig Grad. Von den vielen Wetterberichten der vergangenen Tage befinden wir uns in permanenter Gewittererwartungshaltung, doch nichts rührt sich, die Luft bleibt schwer, die Gesichter verzerrt – Cro Magnon Menschen sind wir, Alt-Nomaden, die letzten Überlebenden auf der Flucht vor den Sonnenmassen.

Ich habe sogar im Bett seifige Füße.

Auf dem Weg in den Park komme ich am Mehrfamilienhaus vorbei, wo unterm Dach eine stämmige Mutter wohnt mit ihren beiden Teenager-Jungs. Man sieht die Frau selten ausserhalb ihrer Wohnung, nur im Sommer baumelt ihre Hand aus dem Wohnzimmerfenster und streift lässig die Zigarettenasche ab, während sie fernsieht oder mit ihren beiden Jungs quasselt, die in der Tiefe des Raumes vorm flackernden PC-Bildschirm sitzen.

“Maurice.. Maurice..! MAURICE!!!”

“Jaa, Mama…” (genervt).

“Sag mal, was hat die Töle von der dicken Zimmermann noch mal für ne ansteckende Krankheit? Wie heisst das?”

“Leptospirose.”

“Lebbot.. was!? Wie?”

“Leptospirose, Mama..!!”

“Kannst du das auch übersetzen, du freches Stück?!”

*

Einmal hab ich die Mutter dabei beobachtet, wie sie mit einem pitschnassen Handtuch nach Elstern schlug, die in der hohen Birke vor ihrem Fenster ein Nest bezogen hatten und sich keckernd in die Haare gerieten, ksch-ksch-KSCHSCH! RA-RA-RAAH!

„Macht iht wohl, dass ihr wegkommt, ihr Mistgeier!“

Cro Magnon-Menschen sind wir, Höhlenmenschen. Ein Klecks Kacke in der Weltgeschichte.

*

Im Coppel-Park, benannt nach dem jüdischen Unternehmer und Stifter Gustav Coppel, dessen Nachfahren die Nazis ins KZ verschleppten und ermordeten, steckt ein roter Luftballon in der Baumkrone fest, seit Tagen schon. So perfekt sitzt er da, so extra-festlich, als wäre jemand den Stamm hochgeklettert und hätte ihn da oben angebunden, doch die vielen Zweige, das dichte Astwerk verhindern ein Durchkommen, nein, unmöglich – der rote Luftballon war einfach in der Luft unterwegs und hat sich in der Baumspitze verfangen, fertig, aus.

So ist das. So einfach. Dennoch bleib ich stehen und verrenke mir den Hals und mach mir so meine Gedanken. Ich mein, so ein schöner knallroter Zufall..

“Ist kein Zufall, nein – ist Zeichen”, meint der schmächtige alte Pole auf der Parkbank. Ich hab ihn nicht gesehen, weil die Bank etwas im Abseits steht. Er trägt einen Pepita-Hut, der nagelneu aussieht. Und wie er so dasitzt, nach vorn gebeugt, die Hände überm Knauf seines Spazierstocks gekreuzt, kommt er mir vor wie ein Apostel.

“Ist Zeichen von Gott.”

Nun bin ich schon immer ein Freund von Zeichen gewesen, empfänglich für Gottes kleine Kommentare, doch das kann der Pole schlecht wissen. Oder sieht man mir die Hingabe schon an? Bin ich gezeichnet?

“Guten Tag”, nicke ich dem schmächtigen Alten mit dem Pepita-Hut zu, während ich weiter eile. Ich muß den Bus kriegen, ich muß nach Wuppertal, ich hab da was zu erledigen. Ich hab überhaupt keine Zeit für knallrote Luftballons.

“Ja, scheen Tag noch”, antwortet der alte Pole versonnen, und blickt nach oben.