13 Uhr mittags: Beim Formatbäcker

­Die Mittagspause verbrachte ich gelegentlich bei Kamps am Grünewald, einem Café, das einem großen Lebensmittel-Discounter angeschlossen war. Ich mochte den Laden nicht besonders, aber ich trank gern schwarzen Kaffee in der Mittagspause mit vier Tütchen Feinzucker drin. Die Leute verschnauften vom Einkaufsstress, die Luft war gespickt mit Lautsprecherdurchsagen. Nicht gerade die große Qi Gong-Entspannung, aber in der Bibliothek des Design-Instituts hatte ich genug Ruhe.

„Frau Glas bitte, die 45! Frau Glas bitte!“

Gemurmel. Geschnatter.

„Frau Glas! Die 45!“

(Uschi, dachte ich. Die 45. Nun mach schon.)

„DIE 45 BITTE!!“

Am Tisch rechts von mir saßen zwei dicke Frauen und ein Ducal rauchender dicker Zimmermannsgeselle. Er trug eine verbeulte Zimmermannshose und eine Wampe geformt aus Franchise-Speisen, halbwegs in Form gehalten von einem lila Sweatshirt mit Papagei drauf, Santa Lucia. Es war nicht ganz klar, ob die drei zusammengehörten, da es sich um einen der wenigen Rauchertische handelte, da rückte man schon mal zusammen.

„Rente is noch nich drauf, Ilse“, hörte ich eine der beiden Frauen, „sonst hätt ich mir wat leckeres gegönnt, glaub mir dat. Nich hier so.. Bohnengemüse..“

„Wat denn sonst?“

„Hier den lecker Speck-Topf, Ilse. Den Topf da.“

„Wat fürn Topf?“

„Holsteiner Speck-Topf.“

„Ja warum sagst du denn nix! Hätt ich dir doch ausgelegt, die zwei Euro, hör mal.“

„Ach, is doch lächerlich, Ilse. Immer nur über die Runden kommen und am Fünfundzwanzigsten fehlt’n Euro siebzig für den Speck-Topf… nee, lass mal stecken, meine Liebe, Bohnengemüse geht auch in Ordnung. Wenn du Hunger hast, ich mein, so richtig Hunger…“

„.. na sicher, Christel. Aber’n bisschen Geschmack muss dran sein.“

„Ja, sicher. Sonst kannst du direkt zuhause bleiben.“

Da hatten sie Recht. Wenn es auswärts nicht schmeckt, kann man auch gleich zu Hause bleiben und hungern. Der Zimmermannsgeselle aschte auf die Untertasse. Er war in einem Raucherhaushalt aufgewachsen, das stand mal fest. Er war fertig mit der Nichtraucherwelt.

„Sollen wir morgen mal in dat neue Café, da oben am Rondell, Ilse?“

„Wie oben am Rondell? Wo meinst du?“

„Oben am Bismarckplatz da.“

„..ach so! Am Rondell da oben!!“

„Ja, in dat neue Café vom Nicoll. Mit den drei Kindern und dem Mann.“

„Unser Nicoll..? Die hat doch kein Mann, hör mal.“

„Sicher hat die ein Mann! Drei Kinder und ein Mann, und früher noch ein Pferd. Jetzt nich mehr.“

„Ohja, die is spack geworden. Die hatte früher kein Hintern in der Hose.“

„Ach wo, die is nich spack geworden. Die is im siebten Monat. Deswegen.“

„Och. Und dann macht die da oben’n neues Café auf?“

Ich beobachtete eine Mutter, die mit ihrem halbwüchsigen Sohn zu Mittag aß. So ein hübscher Junge, dachte ich, so lebendige offene Augen, und irgendwann wird er Filialleiter. Der Bauch wird dick, er kriegt ne Glatze – welch eine Verschwendung. Ich sah es schon vor mir. War das alles ein Elend.

Filialleiter.

„Guck mal, wer da kommt.. Tach, Paula.“

Eine schwer angepinselte Matrone zog einen Stuhl heran und setzte sich schnaufend dazu.

„Is dat nicht ein herrlich Wetterchen draußen?“ rief Paula fröhlich. „Obwohl, normal is dat nich, dreißig Grad die ganze Zeit. Aber wat is schon noch normal, Kinder.“

„Is die Klimaerwärmung. Aber schönes Wetter.“

„Haben wir auch verdient, Paula. Oder nich.“

Ich fragte mich, ob der Zimmermannsgeselle mit dem bunten Papagei auf dem Sweatshirt tatsächlich mit am Tisch saß oder ob ich einer optischen Täuschung aufsaß. Man kennt das ja aus der Wüste. Man sieht Dinge glitzern in der Hitze, die gar nicht da sind, Fata Morgana.

„Habt ihr beiden schon wieder keine Lust zu kochen?“ erkundigte sich Paula mit Blick auf die leeren Teller, sie blinzelte frech.

„Mittwochs nie, Paula, weißte doch“, gab Ilse zurück. „Rente war noch nich drauf, deshalb gab et nur Bohnengemüse.“

„Ja wie – nich mal ein Stück Fleisch dabei?!“

„Nee, Pommfritt auch nich. Christel hätt sonst Holsteiner Speck Topf genommen, hör mal.“

„Wieso Holsteiner?“

„Weiß nich. Heißt eben so.“

„Macht doch ne Gemeinschaftskasse auf, Christel. Ihr seid doch sowieso jeden Mittag hier, oder nich.“

„Nicht jeden Mittag. Vielleicht gehen wir morgen hoch zum Rondell, in dat neue Café vom Nicoll. Die hat früh morgens schon auf.“

„Dat Nicoll? Dat dicke? Mit den drei Blagen, dat Nicoll??“

„Die is nicht dick. Die is im siebten Monat, hör mal.“

„Schon wieder?“

Als ich aufstand und mein Tablett in die Hand nahm, las ich an der Lottobude die Schlagzeile: DER SAHARA SOMMER IST DA.

„Frau Glas, bitte die 45! Frau Glas bitte!“

(45: Abteilung Reklamationen und Beschwerden.)

In dem Moment, wo ich das Tablett in den Geschirrwagen stellte und aufschaute, nahm der Zimmermannsgeselle einen tiefen Zug von der Zigarette und blies den Rauch in meine Richtung – ein fauchendes Krokodil im Kasperltheater. Ich verließ den Discounter am Grünewald, der so riesig war, er erinnerte fast an die Filialen der Hypermarché-Kette Mammouth in Frankreich, mit Einkaufspfaden breit wie Landebahnen, und trat in die heiße Mittagssonne. Ich fühlte mich irgendwie verarscht.

Und ich wusste irgendwie nicht genau, von wem.

 

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