Und in uns Italien. Sì

Nachdem ich mich entschlossen hatte, künftig unter dem Decknamen Don Lesizza in der Öffentlichkeit aufzutreten, in Verbeugung vor meinen norditalienischen Vorfahren aus dem Friaul, geriet die Gräfin, ebenfalls mit italienischem Blut gewappnet, in einen Freudentaumel und nominierte mich noch auf der Stelle als möglichen Ehegatten in spe.

„DANN BIN ICH ENDLICH MAFIA-BRAUT!“

*

Don Lesizza in den späten 80ern mit gewohnt lässigem Lippenaufschlag

*

Fahndungsaufruf im Großraum Triest:

Stiamo cercando l’Erbschleicher Don Lesizza

(Montage: D. Glumm)

Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr Glumm!?

Nein. Ich hatte nie eine Vorstellung davon, wo mein Platz sein sollte in dieser Gesellschaft, was werden sollte aus mir. Eine Weile wollte ich berühmt werden. Erst als Fußballer, dann als Schriftsteller. Ich war der geborene Popstar. Doch dass die Karriere, die ich schließlich hinlegte, exakt die eine war, für die man nicht gefeiert wird, war wohl kein Zufall. Wenn man nicht weiß, was man vom Leben will, nimmt man das am bequemsten zu Erreichende: was im Regal auf Augenhöhe steht.

Was Kindheit und frühe Jugend betrifft, will er nicht meckern. Er verbrachte so viel Zeit auf dem Fußballplatz, dass seine gleichaltrigen Kumpel Wupperbusch und Pille ihn abends auf dem Nachhauseweg in ihre Mitte nehmen und mühsam den steil ansteigenden Klauberg hochwuchten mussten, weil er es allein nicht mehr schaffte, so sehr schmerzten die überlasteten Achillessehnen und der Meniskus. Hätte er das Kicken nicht irgendwann eingestellt, er wäre heute ein Sammelsurium orthopädischer Nickeligkeiten. (Nicht umsonst hieß sein erster Weblog 500beine.)

Fußball war mein Leben, der große Sandplatz am Klauberg meine Heimat. (In der Nazizeit hieß der Bolzplatz nur der Reitplatz, weil die SA ihn für ihre Pferde umfunktioniert hatte.) Im Sommer gab es kaum einen Abend, wo wir Picos nicht bis zum Einbruch der Dunkelheit spielten, an den Wochenenden standen Punktspiele mit dem RSV an, Montag und Donnerstag kaufte ich mir den Kicker. Auf die Idee, Berufsfußballer zu werden, kam ich dennoch nicht.

„Das hätte auch nicht funktioniert“, rückte Jahre später Ekki, mein Lieblingstrainer beim RSV, meine späten Träume zurecht, als wir am Tresen standen. „Du warst gut, du hattest Talent, aber du hattest keinen linken Fuß.“

Ach so, richtig. Habe ich ganz vergessen: Ich machte alles mit rechts.

Ich war Mitte zwanzig, als ich eines Morgens damit begann, die Dinge aufzuschreiben. Das Drama. Die Maschine hieß Gabriele, der Anschlag tat einem in den Ohren weh. Ich schickte die Texte an ein paar Verlage, ich nahm an Wettbewerben teil. Als mir 1986 in Düsseldorf ein Literaturpreis verliehen wurde, flüsterte mir der später zur Legende gewordene, zu früh verstorbene Dichter Thomas Kling ins Ohr, ich solle mich nicht verheizen lassen. Ich habe mich nicht verheizen lassen. Es war nämlich niemand da, der mich verheizen wollte, weil ich im selben Moment aufhörte mit dem Schreiben, als es losging. Ich war schon immer ein cleveres Kerlchen. (Bleibt mir bloß vom Leib mit eurem Erfolg.)

„Anstatt nach vorn ins Licht zu treten und dich zu zeigen, bist du erschrocken in deinen Schatten zurückgeschnackt, wie ein Haushaltsgummi.“ (Die Gräfin)

Tatsächlich hab ich in den folgenden Jahren lieber gesoffen und gekifft und herzhaft mit braunem Pulver experimentiert und wie nebenbei im höchsten Hotel am Platze als Nachtportier gejobbt und bedröhnt übers finstre Land geglotzt, anstatt zu schreiben und mich verheizen zu lassen.

Clever.

*

Eines Tages steckte sich der Pächter des Turm-Hotels (baumlanger Kerl, silbriges Puffkettchen um den Hals, Kettenraucher) die nächste HB an und bat mich ins Büro. „Herr Glumm, sagen Sie… was tun Sie eigentlich noch hier?“ Er verstand nicht, warum ich so wenig machte aus meinen Möglichkeiten. Das machte ihn nervös. „Ich meine, ein Mann in Ihrem Alter… und dann Nachtportier..?“ Natürlich wusste ich keine Antwort darauf. Ich versuchte erst gar nicht, mir irgendwas zurechtzustammeln, ich schwieg einfach. Aber so einfach ist es nicht. So einfach ist es nie. Schon gar nicht mit den wichtigen Anmerkungen zu deinem Leben. Seine Frage geistert mir seither im Schädel herum, und zwar genau alle 7 Jahre.

Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr G.!??

Alle sieben Jahre, sagt die Psychologie, häutet man sich, alle 7 Jahre ändert sich dein Leben. Alle 7 Jahre meldet sich das Teufelchen und flüstert dir Dinge ein, die dich verunsichern, Dinge wie: Was hast du hier noch zu suchen!!? Erfinden sich immer nur andere neu?! Alle sieben Jahre trifft man jemanden, der einem die Wahrheit geigt, in schlichten Worten, die einen nackig und sprachlos zurücklassen. Auch, weil es meist von unerwarteter Seite kommt. Es kommt immer von unerwarteter Seite, und es erreicht dich wie nebenbei. Man muss schon sehr genau hinhören, sonst verpasst man die wichtigen Lektionen seines Lebens.

Herr Glumm! Was tun Sie eigentlich noch hier? hat die gleiche Qualität wie ein Satz meines Bruders in den mittleren Neunzigern. Wir saßen an der Bar und waren schon reichlich hinüber. Es ging darum, warum zum Teufel ich nicht endlich wieder zu schreiben beginne. Richtig zu schreiben. Basslastig, mit dicker Hand. Wann ich aufhörte zu spielen. Zu tändeln.

„Alles, was du jetzt nicht schreibst, wirst du niemals schreiben!“ zürnte er. „Das ist verloren! Für immer!“

Ich glotzte ihn an wie ein Kalb – ein bisschen dümmlich, ein bisschen unschuldig. Voll der Amateur. Und wenn ich richtig rechne, sind 2019 mal wieder sieben Jahre um. Beziehungsweise zehn Jahre, weil bei mir alles etwas länger dauert. Ich brauche stets etwas länger, wie überhaupt jeder Mensch seinen eigenen sieben Jahren auf die Schliche kommen muss.

„Wieviel Volumen hat eine Seele, Joe?“

“Na, ein Tempel muss schon reinpassen.”

Silvester!

Den Jahresausklang zu dritt vorm Fernseher verbummelt. Ausnahmsweise durfte der Hund mit ins Bett. Es lief Außer Atem, das Original von 1959. „Das Schlimmste im Leben ist Feigheit“, hörte ich Belmondo krächzen. Er nuckelte an seiner Maiscigarette, dann schlief ich ein.

Es war 21 Uhr.

Meine Schwester hatte eine Mail geschickt, ob wir Lust auf Fondue hätten inklusive einem Schälchen Wasser für den Hund, in intimer Runde, doch die Mail war schon einige Tage alt, als ich sie entdeckte, und wir waren eh zu müde und geschlaucht, um das Haus zu verlassen. Nein, wir waren vor dem Fernseher besser aufgehoben. Es gab doppelt gesüßten Baldriantee und einen Tierfilm, danach den Belmondo.

Dabei hatten wir vorgehabt, es dieses Jahr Silvester richtig krachen zu lassen. Das neue Jahr ans Laufen bringen, wie es sich im Normalfall gehört: auf den zusammenkrachenden, weggeböllerten Trümmern des alten Jahres. Ich hatte im Discountermarkt auf den letzten Drücker eine extra-fette Bang! Bang!-Tüte besorgt plus 90 Sekunden Goldregen!, doch als ich endlich wach wurde, irgendwann nach Mitternacht, war die Ballerei längst im Gange.

„Pff…! Welch lustig‘ Gewitter Silvester doch ist!“ spöttelte die Gräfin, sie stand am offenen Fenster. Es pfiff und donnerte.  Was ist ein Feuerwerk schon anderes als eine versuchte Kontaktaufnahme zu den Göttern, dachte ich. Ich war noch halb im Schlaf, es war kalt im Zimmer. Im Fernsehen lief ein anderer Belmondo. Oder ein James Bond-Film. Ist ja eh alles das gleiche an Silvester. Ich stand auf, wickelte mich in die Bettdecke ein und gesellte mich zu ihr. Der Hund kam schwanzwedelnd auf uns zu. Wir standen alle drei am offenen Fenster. So richtig kalt war es gar nicht. Eher neblig. Draußen wurde geschossen.

PRAAAFFF!
SSSSIIIIIIIIIIIIIIIIIII..!!
SELLLIPPZZZZ!!!

„Typisch Deutschland. Kein Schwein feiert mehr ne verfickte Party, doch kaum ist Silvester, kommen sie alle aus ihren Löchern gekrochen“, murrte die Gräfin.

„Warum hast du mich nicht geweckt?“ fragte ich.

Ich beugte mich mit einem Kuss zu ihr runter, in meine Decke gehüllt. Ich fühlte mich wie in Woodstock. Ich hatte sogar Mathews Southern Comfort im Kopf. Auf dem großen Wendeplatz vorm Haus wälzte sich der Nebel abgefeuerter Raketen über den Asphalt, es sah aus wie riesige graue Staubflusen.

Die Nachbarschaft feierte mit Sekt.

„Guck mal..“, sagte sie.

„Ja“, sagte ich. „Super.“

„Nein, nicht da! Hier!“

Ich blickte sie an.

„Hübsch“, sagte ich.

„Herpes“, sagte sie.

Ach so. Das da.

„Hab ich mir eben gefangen, bestimmt beim Knutschen mit dem Hund, und jetzt finde ich die verdammte Herpes-Salbe nicht.“

Während 13 Etagen-Knatter-Batterien den Himmel erleuchteten und pfijuuh! die nächste Fontäne heulend den Erdboden verließ, half ich ihr beim Suchen nach der verschollenen Salbe.

„Die hab ich wieder irgendwo verklüngelt“, murmelte die Gräfin, während ich das Badezimmerschränkchen auseinandernahm.

„Mannomann, ist das wieder ein Hörnchen“, stöhnte sie in den Spiegel. „Und wie das brutzelt an der Oberlippe… Geht ja wieder gut los das neue Jahr.“

„Lass uns den Herpes doch einfach wegböllern“, schlug ich vor. „Wie in Moonraker! Wir hängen einen Sprengsatz an das Ding, anzünden – RAPAFFF!! Ist das Böhnchen platt!“

Moonraker.. Wieso Moonraker? Was war denn da?“

„Null Null Sieben!“

„NA, DAS WEISS ICH SCHON! ABER.. ach, schon gut.“ Sie belauerte sich im Spiegel. „Würde jedenfalls ne hübsche Kaskade abgeben, wenn der Herpes explodiert.“

Immerhin wusste ich jetzt Bescheid, warum sie partout keinen Neujahrs-Kuss von mir wollte, da konnte ich sie in meiner Woodstock-Decke noch so sehr umgarnen und Mathews Southern Comfort summen.

„Sag mal.. einen Kuss gibt’s hier wohl nicht mehr!?“ maulte sie keine Sekunde später. „Bin ich jetzt verpönt wegen meinem Virus??“

Von wegen. Ich kam mit einem Monsterkuss rüber, einem zeitlosen Monster von Zungenkuss. Martinis, Girls, Guns, Kisses – alles kein Problem für Belmondo.

Plötzlich heftiges Getrappel im Hausflur. Gus, der Altpunk aus der Wohnung über uns, schleppte sich schwer erkältet die Treppe runter, im Schlepptau eine 99 Schuss-Batterie und der 12jährige Sohnemann.

„Du Scheiße“, sagte ich, „jetzt geht das wieder los.“

Es war jedes Jahr Silvester das gleiche: Der Sohnemann hielt Gus auf Trab. Er konnte nicht genug kriegen von Feuerwerk. Er war total verrückt nach der ganzen Knallerei.

„Los, Papa, fang schon mal an!! Ich hol direkt Nachschub!“

Die Gräfin nahm unterdessen ein flackerndes Teelicht vom Tisch und streckte es weit aus dem Fenster, eine intime kleine Mitternachtsmesse in all dem furiosen Himmelsgeknatter.

Sie warf mir eine Wäscheklammer zu.

„Hier, nimm!“

„Was soll ich damit?“

„Na, Krach machen. Wie alle anderen auch!“

Hm. Na schön. Ich ließ die Wäscheklammer aufspringen. Plopp. Ich stand da am offenen Fenster, mit aufgeploppter Wäscheklammer.

Gus entdeckte uns.

„Frohes Neues!“ rief er heiser. Er war böse erkältet und hatte bestimmt zehn Kilo abgenommen in den letzten vierzehn Tagen. Er sah aus wie ein Gespenst. Der Lichtschein der Raketen und die umhertanzenden Leuchtregen erhellten sein geschundenes Gesicht, all die Sex Pistols & Madness-Furchen der wilden Siebziger-und Achtzigerjahre: eine eisenharte, nicht wiedergutzumachende  Alt-Akne.

„Sag mal, du hast doch auch was zu Ballern geholt“, sagte die Gräfin zu mir. „Warum gehst du nicht raus und knallst auch ein bisschen?“

„Nee.. lass mal. Das bewahren wir schön auf“, sagte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Wenn im Sommer kein Schwein mit Feuerwerk rechnet, regnen hier die Gold-Bomben vom Himmel.

Erst als Gus und sein halbwüchsiger Sohn auch noch um 1.15 Uhr Kanonenschläge und Römische Licht-Batterien, Effekthöhe 25 Meter, Brenndauer 60 sec., in den Himmel schossen und kein Ende in Sicht war, fing es selbst in meinem Bett bedrohlich an zu rumoren.

Wir hatten zu Mittag Linsensuppe gegessen.

„Nein! Nicht das auch noch!“

 

Warum es so eine traurige und tückische Zeit ist, in der wir leben

Zwischendurch sollte man sich immer mal wieder vergegenwärtigen, dass bei allem, was man auch tut, stets die Möglichkeit mit an Bord sitzt, dass du mittendrin abkratzt, dass alles vergeblich ist, ein letztes, ein allerletztes Mal und dann nie wieder,

allez!

(Und dass du niemals erfahren wirst, was das alles soll mit dem Universum, wer das alles gebaut hat, und wofür.)

(Dafür, dass uns jede, wirklich JEDE Sekunde der Schlag treffen kann, gehen wir eher lässig mit unserem Leben um. Als würde es ewig dauern.)

Es kann nicht schaden sich ab und an zu vergegenwärtigen, warum es für einen fanatischen Beatles-Fan kein größeres Glück auf Erden gibt, als einen Vogel singen zu hören, der hoch oben auf einem Baum der Abbey Road lebt, während exakt derselbe Gesang für einen Anwohner der Abbey Road nur das tagtägliche Gezwitscher eines stinknormalen Piepmanns darstellt.

Und warum es in Amerika Campbell’s-Dosensuppen gibt, von denen Andy Warhol Kunstdrucke angefertigt hat, während Deutschland mit Fertiggerichten von Sonnen Bassermann klar kommen muss.

Oder warum es das allergrößte Glück auf Erden ist, lecker zu Mittag zu essen, sich eine Stunde aufs Ohr zu legen und dann schellt es an der Tür und es kommt der beste Freund zum Spielen. Der zweitbeste tut es auch. Hauptsache, ein Freund kommt, scheiß doch auf die Rangfolge.

Oder warum so viele Leute meinen, sich von ihren Kollegen und Nachbarn mit einem verlogenen „Schönen Tag noch!“ verabschieden zu müssen, und zurück bleibt dieser unappetitliche Flunsch von Millionen bis auf die Knochen runtergerockten verlogenen „Schönen Tag noch“-Visagen.

Warum es durchaus Menschen gibt, vor denen ich den Hut ziehe, ich aber die Mühen scheue, dafür extra einen Hut aufzusetzen.

Warum mir Krähen gefallen, die Keppler heißen.

Warum die wenigen Menschen, die ich in mein Herz schließe, sich ständig darin verlaufen und kaum mehr herausfinden.

Warum ich die Nase gestrichen voll habe von diesem ganzen hochmodernen digitalen Kram und ich am liebsten meinen Rucksack packen und auswandern würde, zurück in meine Kindheit, einfach vierzig, fünfzig Jahre zurück, in dieses unbeschwerte kleine Land, das natürlich alles andere als unbeschwert war, aber trotzdem.

Warum ich mich hin und wieder nach einer durchzechten Nacht sehne mit Kartenspiel, Cognac, dicken Zigarren und drei Tage lang die Bude durchlüften.

Warum ich manchmal von der Brücke springen möchte in den Fluss, so richtig mit Bauchklatscher und Einreißen aller Stützmauern.

Warum das so eine traurige und tückische Zeit ist, in der wir leben.

Warum Golden Slumbers von den Beatles es immer noch schafft, einem das Herz zu vermöbeln.

Warum es Tage gibt, an denen sie zu mir sagt: Du riechst heute wie ein Eismann, mein Freund, und ich zurückgebe: Ein Eismann? Ich? Wie riecht denn ein Eismann? Und sie antwortet: Na, wie so ein Eismann eben riecht, wenn man klein ist und der Eiswagen kommt angefahren und bimmelt und du rennst hin und der Eismann macht die Scheibe runter und schaut dich an mit großen italienischen Augen, so riechst du heute.

Warum ich vielleicht besser Eismann geworden wäre.