Der neue Hund

„Wir brauchen einen neuen Hund“

Die Bildergeschichte „Der neue Hund“ von Susanne Eggert auf

Citronenbusen

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Null Uhr Stammesgebiet

„Mir ist langweilig. Dann denk‘ ich.“

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I.

„Früher haben die Menschen versucht, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu kriegen. Heute versucht jeder das Leben auf sich selbst zuzuschneiden. Und die Schwierigkeiten damit haben dann die anderen.“

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„Auch mit Fünfzig hat man morgens dicke Ränder unter den Augen – aber nicht vom Saufen, sondern vom Durchschlafen.“

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„Diese Haltlosigkeit, weil man nie genau weiß, wer bin ich morgen..“

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„Man kann als Mensch die Welt gar nicht nicht verändern. Selbst wenn man keinen Handschlag tut, spielt man Schicksal.“

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Sie weiß eine Menge Sachen, von denen ich keinen Schimmer habe. Sie weiß zum Beispiel, was es mit selbstgemachtem Frühlingsquark auf sich hat und warum er so viel besser schmeckt als die Fabrikvariante von Milram: Es fehlt der anerkennende Pfiff der Hausfrau, den sie beim Abschmecken ausstößt, wenn es GENAU JETZT richtig ist mit Kräutern und Gewürzen.

„Ich meine, woher soll so eine Maschine in der Fabrik auch wissen, dass sie GENAU JETZT die Lippen spitzen und pfeifen muss. Die hat doch keine Lippen.“

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„Die 80erjahre waren der letzte Geschmack von Freiheit und Aufbruch, und wir sind dabei gewesen. Die 80er waren die letzte Feier vorm Erbsenzählen.“

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„Ich hab mich so an die Person gewöhnt, die ich verkörpere, manchmal weiß ich gar nicht mehr, wer ich wirklich bin..“

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„Nein. Mich stört wirklich nicht, dass ich so langsam bin und Unmengen Zeit brauche, mich stört, dass das Leben so kurz ist.“

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„Wir sind alle zu Tode beleidigt, weil das Leben uns nicht streichelt.“

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„Für andere Leute Kuchen backen ist wie ein Baby zur Adoption freigeben.“

  • Die Gräfin

 

II.

Solingen wurde bei seiner Geburt nicht gerade vom göttlichen Funken begünstigt, Solingen wurde schwerfällig beim Fingerhakeln geboren. Andererseits ist Solingen keine dieser verzärtelten Regionen, die schon beim leisesten Landregen ein 40minütiges Wetter-Extra im Lokalfunk auflegen. Hier wird man noch nass auffem Kopp, weil einem keiner was sagt.

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Weißt du, wann die Welt echt am Arsch ist? Wenn die Innuit anfangen, Leberkäs zu fressen. Dann war’s das. Dann ist Schluss. Dann wird gekotzt.

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Man kann ruhig auf Tausendsassa und dicke Hose machen, man kann auf einem Pottwal winkend in New York City einreiten, um bei Bloomingdale’s sein neues Buch zu promoten, alles kein Problem, solange man nur gelegentlich innehält und etwas opfert, das einem am Herzen liegt. Den Göttern opfert, damit sie gnädig bleiben.

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Worum es sich im Leben eines rechtschaffenen Drogensüchtigen dreht, hat vermutlich nie jemand treffender ausgedrückt als Becks (†):

„Hauptsache es knallt mit Schaum im Arsch.“

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Becks hatte sieben Brüder, darunter Püppi. Püppi war der zweitälteste. Er hatte ein unbewegliches milchiges Puppengesicht und winzige eingeschlossene Äuglein. Er konnte gar nichts dafür, aber er sah aus wie ein Kindermörder, der früh am Morgen wach wird nach der letzten Tat und schon wieder einen verbotenen Ständer hat. Püppi, manche nannten ihn auch Bizzi, wurde 1995 in Velbert ermordet. Seinen Leichnam fand man auf dem Balkon einer Mietskaserne, man hatte ihn in einen Schrank gestopft, wie einen lästigen Seesack.

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Im Bus schneuzt sich einen alter Mann, so lautstark, dass sich der Busfahrer umdreht.

„Hat dahinten jemand Papierstau?!“

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Schon Wochen vor dem Nervenzusammenbruch hatte ich schlecht geschlafen. So schlecht, die Gräfin meinte, ich hätte nur noch geschnaubt abends im Bett neben ihr. „So komische Stressgeräusche.“ Ich war ein Hund, der nicht mehr aus dem Hecheln herauskam. Nichts ging mehr. Drei, vier schlimme Wochen bestand ich hauptsächlich aus schlechten Gefühlen, Angst und Herzrasen. „Wenn andere Menschen zu 70 % aus Wasser bestehen, bestehst du zu 70 % aus Angst.“ Ich wurde früh um vier wach und lief in meinen vier Wänden auf und ab wie ein Tier in Gefangenschaft. Ich war nicht nur auf einem Abstiegsplatz Richtung Irrsinn, ich war das Schlusslicht, ich hatte die rote Laterne. Mehr als einmal hatte ich die Finger schon am Telefon, um einen Rettungswagen zu rufen, der mich in die Klappse bringt, weil ich im kleinen Wagen der Gräfin („Ich kann dich doch fahren!“) Platzangst bekommen hätte. Was ich bis dahin nicht wusste: dass es tatsächlich möglich ist, solche Mengen an schlechten Gefühlen zu fühlen, alle auf einmal. Das war neu. Das war krank.

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Wir alle haben Angst davor, eines Tages zu den Menschen zu gehören. Die nirgendwo erwünscht sind. Nach denen niemals irgendwer fragt. Die wissen, was es bedeutet, einsam zu sein.

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Ich glaube, ich werde demnächst Bayern München-Anhänger. Kann man schön woanders hingucken, wenn ein Bayern-Spiel im TV läuft, macht doch nichts, die Bayern gewinnen sowieso. Bayern-Fan zu sein ist total bequem. Man hat nie Sorgen, Geld ist auch immer da, nicht mal anfeuern muss man die Mannschaft. Bayern München ist das erste Robot-Team der deutschen Bundesliga. Nicht mal ein sonderlich menschliches Antlitz ist noch nötig.

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Schwüles Wetter, gereizte Atmosphäre und immer noch nicht berühmt. Wo soll das bloß enden. Auch Karlos ist sich nicht sicher, wie es weitergeht.

„Was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Leben, Glumm.“

Weiterbrechen. (Standardantwort).

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Ich glaube, man verbringt die schönste Zeit seines Lebens, wenn man keinen Gedanken daran verschwendet, dass man gerade die schönste Zeit seines Lebens verbringt.

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Ein Wetterchen ist das, als spiele jemand Solo-Trompete in der Weltuntergangs-Combo und bei jedem Trompetenstoß bubbeln olympische Schneekristalle im Schalltrichter. Ein Wetterchen, wie geschaffen für Doktor Schiwago im ZDF, einem der wenigen Spielfilme, wo man das Gefühl hat, man schlägt sonntagnachmittags ein dickes Buch auf und die ganze Zeit liegt Schnee in Russland.

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Wenn die Leute sich unbeobachtet fühlen, hebt mein Interesse sein Köpfchen. Da ist die Spaziergängerin mit dem bösen Gesicht, die ihren Hund als „Wichser!“ beschimpft und nach ihm tritt – es gibt nichts, was es nicht gibt bei leichtem Schneefall. Was nicht heißt, dass es gleich für eine geschlossene Schneedecke reicht. Aber es glitzert recht knuffig im abendlichen Schein der Laterne.

„Nun zieh nich so, Wichser!“

„Laangsam..! Laangsam, du verfluchter Köter!“

„Blöder Wichser!“

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Man kann sich das Leben erklären. Sogar den Tod. Aber leichter wird’s dadurch auch nicht.

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Urvertrauen verloren!

Belohnung