Warum es so eine traurige und tückische Zeit ist, in der wir leben

Zwischendurch sollte man sich immer mal wieder vergegenwärtigen, dass bei allem, was man auch tut, stets die Möglichkeit mit an Bord sitzt, dass du mittendrin abkratzt, dass alles vergeblich ist, ein letztes, ein allerletztes Mal und dann nie wieder,

allez!

(Und dass du niemals erfahren wirst, was das alles soll mit dem Universum, wer das alles gebaut hat, und wofür.)

Es kann nicht schaden sich ab und an zu vergegenwärtigen, warum es für einen fanatischen Beatles-Fan kein größeres Glück auf Erden gibt, als einen Vogel singen zu hören, der hoch oben auf einem Baum der Abbey Road lebt, während exakt derselbe Gesang für einen Anwohner der Abbey Road nur das tagtägliche Gezwitscher eines stinknormalen Piepmanns darstellt.

Und warum es in Amerika Campbell’s-Dosensuppen gibt, von denen Andy Warhol Kunstdrucke angefertigt hat, während Deutschland mit Fertiggerichten von Sonnen Bassermann klar kommen muss.

Oder warum es das allergrößte Glück auf Erden ist, lecker zu Mittag zu essen, sich eine Stunde aufs Ohr zu legen und dann schellt es an der Tür und es kommt der beste Freund zum Spielen. Der zweitbeste tut es auch. Hauptsache, ein Freund kommt, scheiß doch auf die Rangfolge.

Oder warum so viele Leute meinen, sich von ihren Kollegen und Nachbarn mit einem verlogenen „Schönen Tag noch!“ verabschieden zu müssen, und zurück bleibt dieser unappetitliche Flunsch von Millionen bis auf die Knochen runtergerockten verlogenen „Schönen Tag noch“-Visagen.

Warum es durchaus Menschen gibt, vor denen ich den Hut ziehe, ich aber die Mühen scheue, dafür extra einen Hut aufzusetzen.

Warum mir Krähen gefallen, die Keppler heißen.

Warum die wenigen Menschen, die ich in mein Herz schließe, sich ständig darin verlaufen und kaum mehr herausfinden.

Warum ich die Nase gestrichen voll habe von diesem ganzen hochmodernen digitalen Kram und ich am liebsten meinen Rucksack packen und auswandern würde, zurück in meine Kindheit, einfach vierzig, fünfzig Jahre zurück, in dieses unbeschwerte kleine Land, das natürlich alles andere als unbeschwert war, aber trotzdem.

Warum ich mich hin und wieder nach einer durchzechten Nacht sehne mit Kartenspiel, Cognac, dicken Zigarren und drei Tage lang die Bude durchlüften.

Warum ich manchmal von der Brücke springen möchte in den Fluss, so richtig mit Bauchklatscher und Einreißen aller Stützmauern.

Warum das so eine traurige und tückische Zeit ist, in der wir leben.

Warum Golden Slumbers von den Beatles es immer noch schafft, einem das Herz zu vermöbeln.

Warum es Tage gibt, an denen sie zu mir sagt: Du riechst heute wie ein Eismann, mein Freund, und ich zurückgebe: Ein Eismann? Ich? Wie riecht denn ein Eismann? Und sie antwortet: Na, wie so ein Eismann eben riecht, wenn man klein ist und der Eiswagen kommt angefahren und bimmelt und du rennst hin und der Eismann macht die Scheibe runter und schaut dich an mit großen italienischen Augen, so riechst du heute.

Warum ich vielleicht besser Eismann geworden wäre.

 

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