Der Filmkuss

„Du…?“

Es ist spät am Abend. Wir liegen im Bett, ich bin schon fast weggeduselt, da wispert sie in mein Ohr…

„Du?“

„Mh..“

„Sag mal, können wir nicht endlich einen Film über mich drehen?“

„Wie.. . was fürn Film?“

„Weiß nicht. Egal. Irgendeinen… Aber ein Filmkuss muss drin sein. So was richtig  altmodisches, du weißt schon, wo die Schauspieler nur so tun, als ob sie sich küssen. Was meinst du? Kriegen wir das hin?“

„Warum nicht, aber… welchen Schauspieler willst du nehmen, für den Filmkuss? Wen willst du.. küssen? Doch nicht mich, oder?“

„Quatsch, ist doch ein Spielfilm! Na, jedenfalls keinen Schönling. Keinen Johnny Depp oder so. Dann schon lieber… sagen wir, Bukowski.“

„Der ist tot.“

„Nein, ich meine jemand, der Bukowski spielt. So einen möchte ich im Film küssen. Keinen Lackaffen.“

„Aha. Und wenn nun, sagen wir, Johnny Depp Bukowski spielt? Geht das?“

„Nein. Das geht nicht. Kein Schönling. Basta.“

„Gut. Weiter. Was ist mit Stuntmen? Brauchen wir Stuntmen für waghalsige Stunts, damit deine Schauspieler keine Rückenschmerzen kriegen, wenn sie aus deinem Film wieder rausklettern?“

„Stuntmen…?! Was redest du denn da! Mach doch nicht immer alles so kompliziert! Ich will doch nur einen Film über mich im Kino sehen, wo ich die beste, die schönste, die schillernste bin und einen süßen kleinen Filmkuss abkriege! Ist das denn so schwer? Das kann doch nicht so schwer sein! Herrgott noch mal!“

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Der Kuss, Susanne Eggert, 2012

*

Der kleine Beitrag „Filmkuss“ stammt aus dem Jahr 2013. In den Kommentaren spricht auch der Kurt. Kurt ist der Mitsubishi Boy. Gelegentlich kommentierte er auch unter dem Namen Margot. Er war ein versierter Junge.

Das Bild „Kuss“ ist, wie immer, von der Gräfin.

Originalton Frühstück

„Weisst du, warum die Typen aus dem Maghreb glauben, sie könnten sich bei deutschen Frauen alles erlauben?“ fragt sie beim Frühstück, als wir davon lesen, dass auch dieses Jahr Silvester wieder 2000 Nordafrikaner im Zug nach Köln unterwegs waren. „Das kommt vom Sex-Tourismus in ihrer Heimat, von den deutschen Frauen, die jeden Sommer nach Marokko und Tunesien fliegen, um sich einen Lover zu organisieren. Und wenn die Jungs dann nach Deutschland kommen, denken sie natürlich, alle Frauen hier sind Flittchen, die nur Bumsen im Kopf haben.“

Während ich noch überlege, führt sie die Unterhaltung schon mal alleine weiter.

„Natürlich machen deutsche Männer das seit Jahrzehnten, nach Bangkok düsen, um zu bumsen. Aber umgekehrt machen sich noch lange nicht 2000 thailändische Frauen auf den Weg nach Köln, um den Männern hier am Sack rumzufummeln.“

Da muss ich mal drüber nachdenken.

Sexy oder nicht sexy

“Also, ich finde das sexy”, sagt sie, als wir im  Badezimmer nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Moment mal.. sexy?! Du findest Geheimratsecken.. sexy?”

“Na.. ja, sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. Besonders bei Männern. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Da hatte ich eine schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk. Da war ich..

“Ach Blödsinn, das sind doch noch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toller Versuch, Dankeschön auch.

„Weißt du noch früher? Das war besser, da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ja, ich weiß.”

 

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Klappspaten ist ein schönes Wort

Technicolor ist ein schönes Wort“, sag ich.

„Ist ein männliches Wort“, sagt sie.

„So? Findest du?“

„Ja. Obwohl.. na, vielleicht nicht voll männlich. So halb und halb. Sagen wir, Technicolor ist ein feminines Männerwort. Punkt. Kein echtes Männerwort wie Baustoffhandel und Bodenpersonal. Klappspaten. Dampfmaschine. Oder Startguthaben. Überhaupt alles, was mit Start und Ziel zu tun hat, ist maskulin.“

„Hm.. und feminin? Was ist ein typisch feminines Wort..? Karamell?“

„Zum Beispiel. Tannennadeln. Tausendsassa. Kissen. Bei Marrakesch läuft mir das Wasser im Mund zusammen.. das Frauenwasser. Marrakesch ist wie den Teller ablecken nach einem köstlichen Mittagessen.“

Marrakesch ist weiblich, Kissen ist weiblich. Was ist mit Küssen? Weiblich?“

Küssen.. ist neutral. Aber Luft ist weiblich. Hase, Ferse, Gras – alles weiblich. Wiese ist männlich.“

Wiese? Moment.. Der kleine Grashalm ist weiblich, die große Wiese dagegen männlich? Ich dachte, die Frau hat das ganze Großraumbüro im Blick, während der Mann an seinem winzig-kleinen Schreibtisch sitzt und ackert, wie sie es mal so treffend formuliert hat

Oder auch:

60 Männer auf einem Haufen füllen eine Kneipe, zwei Frauen sind die ganze Welt.“

Na schön. Es gibt so viele Worte, die der Klärung bedürfen. Man könnte ein Brevier verfassen.

Halifax ist ein schönes Wort“, sag ich.

„Männerwort“, sagt sie.

„Was ist mit Frottee? Ist feminin, oder?“ schätz ich mal.

„Frottee ja, Frotteur nein.“

Frotteur?“

„Männer, die sich zu Stoßzeiten in überfüllten U-Bahnen an nackten Frauenbeinen rubbeln, sind Frotteure. Grapscher, Fummeltrinen.“

Einspruch.

Fummeltrinen sind halb Männer, halb Frauen.. die Zwitterwesen der Disco-Ära. Romy Haag, Amanda Lear, der dritte Sex. Wobei man nie genau wusste, sind das schon Frauen oder sind das noch Männer. Haben die jetzt einen Sack oder was.“

Sie nickt. „Okay.“

„Was ist mit Käse?“ frag ich. „Männlich, weiblich, neutral?“

Käse.. ist unberechenbar, Käse ist weiblich. Du gehst zum Kühlschrank und schnupperst am Weichkäse, der so nach Ammoniak stinkt, dass du glaubst, du stehst im Stall in bepisstem Stroh. Und das beste daran: Es schmeckt! Klare Sache: Käse ist weiblich. Käse ist Frauensache.“

Studio 54

Als ich die 27 geschafft hatte und 28 wurde, lag das Problem auf der Hand – ich brannte vor Sorge: Worüber sollst du eigentlich schreiben, wenn die wilden Jahre vorüber sind – wenn Drogen keinen Spaß mehr machen, wenn Schnaps nur noch fad schmeckt und einen deprimiert, wenn man den Frauen nur noch hinterherschaut, weil man es immer so gehalten hat und wenn die Nacht nur noch zum Schlafen da ist und man früh um Sieben zur Arbeit hastet statt im Morgengrauen heimzukehren, im Schritt bekotzt, eine Zigarre im Gesicht – worüber zum Teufel soll man dann noch schreiben!!?  Dass man mit dem Hund rausgeht dreimal am Tag!!?

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Typen wie mir, die das Glück hatten, nicht mit 27 zu sterben, obwohl sie doch alles dafür getan haben, um Aufnahme in den Klub 27 zu finden, solchen Typen bleibt nichts anderes übrig, als die Suppe ganz auszulöffeln und noch mal 27 Jahre draufzusatteln, bevor sie endlich gehen dürfen, sag ich abends zu ihr, überwältigt von der eigenen Schlauheit.

Na, dann hast du es ja dieses Jahr geschafft, rechnet sie kurz durch.

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Sätze, die zu Besuch kommen

Henrystutzen. Manchmal reicht ein einziges aufgeschnapptes Wort, schon taucht man entschlossen ab in sein eigene Jugendherberge. Oder Halifax.

Admiral Benbow.

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Beim Kacken und beim Beten hat man den gleichen konzentrierten Gesichtsausdruck.

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Da verbringt man sein ganzes Leben damit, der Mensch zu werden, der man sein möchte, nur um irgendwann festzustellen, es haut nicht hin. Nicht so. Schon heftig.

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Ich bin ein übler Fall von Gewohnheit. Selbst Dinge, die ich nicht mehr tue, weil sie mir schaden, beginne ich zu vermissen, sobald mich ein Gefühl von Rührung beschleicht, wenn ich daran zurückdenke, wie oft ich es getan habe und wie schön es war, das Falsche zu tun, über einen langen Zeitraum, und wie gern ich mich einen Dreck um die Folgen scherte.

Ich hatte mich doch so schön daran gewöhnt.

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Natürlich muss es noch lange nicht das beste für einen sein, nur weil man sich an etwas gewöhnt hat. Andererseits hilft Gewohnheit dabei, nicht direkt Panik zu kriegen, nur weil man mal Langeweile hat.

– Die Gräfin über Gewohnheit –

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Der Mensch ist am schönsten, wenn er zu Fuß unterwegs ist. Dafür sind wir gemacht, zum zu Fuß unterwegs sein.

– Die Gräfin –

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Es ist ein ständiges Vabanquespiel, den richtigen Ton zu treffen im eigenen Leben.

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Kaum lieg ich mal zwei Tage mit Grippe im Bett und hab Zeit zum Nachdenken, schon kommen wieder die großen philosophischen Kack-Monumente aus meinem Mund. Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll.

– Die Gräfin –

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Sie: Sag mal, Schriftsteller, gibt es Sätze, die zu Besuch kommen, die aber ganz schnell wieder weg sind, wenn du ihnen nicht gleich eine Übernachtungsmöglichkeit anbietest, in deinem Werk? Gibt es so arrogante Sätze?

Ich: Klar gibt es das, dass Sätze wieder abhauen. Aber die kommen auch wieder zurück. Wenn sie den Schirm vergessen haben.

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Sie: „Die Menschheit ist aber auch zu dämlich.“

Ich: „Wir sind auch Menschheit.“

Sie: „Na, das macht die ganze Sache ja so unerhört.“

Dialog des Tages

Der Dialog des Tages findet statt, als ich mit dem Hund den steilen Klauberg hochkraxele, auf dem Weg zu meinem Vater.

Flossbach (sitzt in der offenen Autogarage und prostet mir zu mit seiner Flasche Feierabendbier, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt): „HE, GLUMMI, WAT IS LOS, WOLLSTE AUCH EIN BIER?“

Ich (ausser Atem): „Nee, lass mal.“

Flossbach: „WAT IS LOS?!

Ich: „NEE, LASS MAL!“

Flossbach (steht auf, kommt näher): „HÖR MAL, DEIN HUND MUSS ZUM FRISÖR! DER SIEHT JA AUS WIE EIN HIPPIE!“

Ich: „Der ist ein Hippie.“

Flossbach (den ich seit Kindertagen kenne): „WAT IS LOS?!

Ich: „DER IST EIN VERDAMMTER HIPPIE, DER HUND!“

Flossbach: „Ja, dann ist gut.“

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Film mit Sean Penn

„WAS KOMMT IM FERNSEHEN?“ rufe ich ihr nach dem Abendessen zu, ich bin in der Küche, am spülen. Spülen ist mein Job. Spülen und Staubsaugen und so tun, als sei alles in bester Ordnung.

„EIN FILM ..“, ruft sie zurück, aus dem Zimmer, wo der TV-Apparat steht, „.. SCHON AM PENNEN.“

„WAS..??“

„EIN FILM!!“

„JA, NATÜRLICH EIN FILM..! ABER WIESO BIN ICH DANN SCHON AM PENNEN?!!“

„NEIN, NICHT SCHON AM PENNEN!! DA KOMMT EIN FILM MIT SEAN PENN HAB ICH GESAGT! UM HALB ZWÖLF!“

Um halb zwölf? Da bin ich doch längst am pennen.

*

 

Natur

Alles, was irdisch ist, ist Natur, ganz und gar, ohne Ausnahme. Auch die Unterscheidung zwischen Urwald und von Menschenhand kultiviertem Wald führt in die Irre. Als wären Menschen und das, was sie mit ihren Händen und Gehirnen anstellen, keine Natur. Alles, was Menschen bauen, denken, erfinden ist Natur, weil der Mensch selbst Natur ist, genauso wie alles Natur ist, was Tiere und Pflanzen so tun, den lieben langen Tag.

Ein von Maurern und Architekten geschaffenes Beton- und Stahlmonster wie New York ist nichts als Natur, Plastiktüten vom Supermarkt sind Natur, Kernkraft, Lourdes – alles Natur. Von uns gemacht, auf der Erde gemacht. Wir stecken alle unter einer Decke. Wir stehen nicht ausserhalb der Erde. Es ist alles ein einziges großes Naturschauspiel, ihr ollen Buckelzirpen.

„Aber ja! Natürlich!“

*

„Wir brauchen unbedingt einen neuen Urknall“, endet sie eine längere Litanei zum Zustand der Erde.

Ich stehe am Fenster. Es ist laut am Fenster.

„Ein Neun Uhr-Knall? Was ist das denn?“

Eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung

Ich ahnte schon früh, dass die meisten Mädchen einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat und zweimal im Jahr zwei Wochen Urlaub springen lässt. Ich hätte es also wissen müssen.

„Ich will in die Normandie! Oder in die Picardie! Am besten erst in die Norman, dann in die Picardie! Kann das denn so schwer sein? Stattdessen renn ich schon wieder durch den Wald hinter unserem Haus! Den hab ich schon tausend Mal gesehen, diesen beschissenen Wald! Da, die scheiss Buchsbaumhecke kenn ich auch! Die heisst vermutlich Magdalena!“

Die Gräfin ist geladen. Wir wollten ein paar Tage in den Süden fahren, nach Holland, nach Süd-Holland, müssen das aber verschieben. Es geht nicht. Nichts zu machen. „Fahren wir eben im Oktober“, sag ich. „Sind doch nur noch vier Wochen.“

„Ach, du! Auf dich muss man immer nur warten! Mein ganzes Leben warte ich schon auf dich! Du könntest langsam mal kommen.“

Sie geht so zornig weiter, dass der Kies wegspritzt unter ihren Sandalen. Ist ja ein toller Samstagvormittag. Wir biegen ein in die Schrebergartensiedlung, der Hund trottet zwanzig Meter hinter uns her, wie immer, wenn wir streiten.  Seemannshohe Sonnenblumen verneigen sich wie Richtmikrofone, Vorsicht! Live-Aufzeichnung! Steinchen zersplittern unter ihren Schritten, Vögel verirren sich in der Luft.

Am Boden spielen Schrebergartenkinder zum 10. Jahrestag der Angriffe auf die USA lauthals Dschihad. „In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben..“

Wird Zeit, dass wir weiterkommen.

Krähenversammlung und Waschtag am Himmel, der Feuerahorn wirft erste Blätter ab, wie Blutplättchen sammeln sie sich rund um den Baum.

„Dass das ganze Leben super ist, dass immerzu alles passieren kann und nichts unmöglich ist, diese Einstellung hat mich mein Leben lang getragen. Jetzt bin Ende vierzig und alles kracht zusammen“, schimpft sie. „Ich bin gelandet. Nicht mal ne Woche Holland kriege ich noch hin.“ Sie fixiert mich. „Kriegen wir noch hin.“

„Süd-Holland“, sag ich.

Unser Spielzeugkalifornien mit Pommes Frites.

Immer schön bei der Wahrheit bleiben.

*

Richtung Bärenloch begegnet uns eine intakte Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Großmutter, Hund, es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Oma legt liebevoll die Arme um die Enkelin, die das offenkundig geniesst. Mutter und Vater unterhalten sich mit uns, der Gräfin ist der pummelige Gang des Labradors aufgefallen.

„Das ist doch die Mona, die ist doch früher immer stiften gegangen, wenn sie die Hitze hatte.“

„Genau“, freuen sich Vater und Mutter. Aber Mona ist alt geworden, sie hat Arthrose und schnauft und ist froh, wenn sie es ab und zu den Hügel raufschafft.

Als wir im Bärenloch sind, einer weitläufigen Parkanlage mit Hundeauslaufplatz, den wir noch nie benutzt haben, weil es nichts langweiligeres gibt als Hundeauslaufplätze, wo die Hunde rumstehen und sich fragen, was sie hier machen sollen, hat sich die Lage beruhigt. Frau Moll springt vor Freude in den großen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das Stichlinge fischt.

Ich geh auch mal dahin.

„Ich hab schon sechzig Stück!“ ruft das Mädchen, keine zehn Jahre alt.
„Kaulquappen?“ sag ich.
„Nee, Stichlinge..!“
Ich guck in den Eimer.
„Das sind doch keine Stichlinge, hör mal. Das sind Schürzen. Glitschige, kleine Küchenschürzen.“
Mir hört niemand zu. Ich hab schon mal besser gescherzt. Mist.

„Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?“ tanzt das Mädchen am Ufer entlang. Die Gräfin steht bis zu den Knöcheln im Teich, die Sandalen hat sie ausgezogen.
„Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge.“

Das Mädchen folgt der Gräfin ins Wasser.
„Vielleicht nuckeln die mir auch am Zeh.“
„Kannst du schwimmen?“
„Klar, aber nicht hier drin.“  Es rollt die Ärmel hoch. „Hier, fühl mal meine Mukkis.“

Die Beiden haben sich innerhalb fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, und Frau Moll paddelt eifrig hinterher, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wenn Frau Moll aus dem Wasser kommt, riecht ihr Fell wie ihre alte Blockflöte, meint die Gräfin später. „Wenn ich sie zu sehr eingespeichelt hatte, roch sie wie nasser Hund.“

Als wir am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir zunächst ein Passagierflugzeug, das wie ein silbriger Walfisch den Himmel durchpflügt, dann eine weitere Krähenversammlung und zuletzt diesen Mann, der seiner Geliebten mal zeigen will, wie hoch er seine Brieftasche werfen kann.

„Mit 500 Euro drin!“

Die Börse verschwindet gleich beim ersten Versuch im dichten Geäst des Kastanienbaums. Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wiederzukriegen. Hochklettern geht nicht, da der Stamm unten keine Äste hat, die man nutzen könnte, also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in Richtung Baumkrone, in der Hoffnung, die Börse zu treffen, damit sie sich lösen kann und herunterfällt, aber er stellt sich dabei so untalentiert an, dass selbst uns als geübte Beobachter anderer Leuts Leben langweilig wird. Auch seine Geliebte stöhnt irgendwann nur noch „Blödmann“, und so endet der Tag, wie er begonnen hat.

So ungefähr.

*

Manch ein Pop-Song gallopiert auf der Stelle, wie ein elektrisches Schaukelpferd, vor und zurück, vor und zurück, ohne Entwicklung, und erst nach drei schlimmen Minuten, wenn man den Strick schon in der Hand hat, (und das Schiesseisen in der Hinterhand), ist endlich Schluss mit der Monotonie. Genau so eine Heimsuchung ist „Love Is In The Air“, ein beschissener Schunkel-Oldie aus den 70ern. Ich mein, es gibt Nummern aus den 70ern (und sogar aus den unseligen 80ern: DIE WAREN SO VERFLUCHT VOLLKOMMEN SCHEISSE, DIE 80ER JAHRE, UND ICH WAR SO GUT DRAUF), die es zweifelsohne verdient hätten, häufiger gespielt zu werden, aber sie haben es nicht geschafft. Als hätte es sie nie gegeben, lagern sie nun an einem weit entlegenen Ort in einem Geheimtresor, versehen mit dem Aufkleber „ACHTUNG! SONGPERLEN! NICHT SENDEN!“

„Love Is In The Air“ dagegen wird pausenlos verhackdudelt. Im Radio, im Heimwerkermarkt, im Hintergrund einer TV-Vorabendserie, wenn dem hörigen Hauptdarsteller Timm in Folge 343 in der prallen Sonne von Wiesbaden der Hoden abfault. Das wäre es. So könnte man das Lied vielleicht aus der Welt kriegen. „Love Is In The Air“ in Verbindung mit einem fauligen Hodenei in hochauflösender Nahaufnahme: So verschwand die Nummer auf ewig in der Versenkung.

„ACHTUNG! LOVE IS IN THE AIR! NICHT SENDEN!“

(PS: Regie-Assistenz gesucht)

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Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt! Ich lese es auf der Rückfahrt, als ich desinteressiert aus dem Fenster schaue, (nur ranghohe Hunde können sich desinteressiertes Verhalten erlauben), und wer glotzt mich da von einem Plakat an, aus den Tiefen meiner Kindheit?

Räuber Hotzenplotz  ist in der Stadt!

Es ist das gleiche Bild wie auf dem Buchumschlag 1970, wo der alte Schelm verschlagen über einen Lattenzaun blickt, auf der Flucht vor Wachtmeister Dimpfelmoser. Ganze Stellwände von Baustellen sind mit diesem Plakat gepflastert. Räuber Hotzenplotz, Puppentheater-Vorstellung, tgl. 15, 17, 19 Uhr.

Ich nehm alle drei!

Mir wird ganz heiß im Unterbauch, da, wo die Seele sitzt, weil ich ab jetzt jederzeit damit rechnen muß, dass Hotzenplotz barfuß und vollbärtig und schlapphütig hinterm Busch hervorspringt, um mit vorgehaltener Knallbüchse die Herausgabe der Kaffeemühle von Seppels Großmutter zu verlangen!

PIFF! PAFF!

Ich bin ganz aufgeregt!

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(Ich hab eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung.)

Blasphemie

Als ich Samstag früh in die Küche komme, sitzt die Gräfin am Tisch und studiert die Zeitung. Die dicke Wochenendausgabe. Ich guck ihr über die Schulter.

„Vermietungen..? Was suchst du unter Vermietungen? Willst du ausziehen?“

„Nö, nicht unbedingt. Aber vielleicht gibts ja irgendwo ein Schnäppchen, mit  Parkettboden und Riesenbalkon.“

„Schnäppchen, pah“, sag ich verächtlich. „Wenn ich demnächst einen Bestseller raushause, bau ich uns ne Kirche, nur zum Reinfurzen. Ne Riesenfurzkirche!“

Während die Gräfin gar nicht darauf eingeht und weitersucht, halte ich erschrocken inne.

„Verdammt. Hoffentlich hat der liebe Gott das nicht gehört.“

„Keine Sorge, mein Schatz, da steht der liebe Gott drüber, jedenfalls bei Typen wie dir.“

Ich atme auf, für alle hörbar.

„Ne verdammte Kathedrale!“

*

Ich weiß gar nicht, wie wir auf das Thema kommen, plötzlich ist es auf dem Tisch. Tapetenwechsel. Mal umziehen. In eine andere Stadt. Warum eigentlich nicht. Ich tu so, als wäre Solingen der Nabel der Welt, mein New York: wer es hier schafft, der schafft es nirgendwo.

Ich häng an Solingen wie eine Klette. Was soll das überhaupt? Die Gräfin ist anderer Meinung. Jedenfalls heute. Das ändert sich schon mal, je nach Laune, Witterung und ob der Espresso gelingt.

„Aus der Wohnung hier kriegen mich keine zehn Pferde raus“, sagt sie.
„Ach ja? Und was, wenn die mit elf Pferden kommen?“
„Na, dann sag ich denen: Da habt ihr aber Glück gehabt! Dass ihr zu elft seid! Mit zehn hättet ihr mich nicht hier rausgekriegt!“