Moonlight Speziaal

Ich mag es, wenn sie im Dunkeln zu mir ins Bett steigt und noch rasch den Fleck vom Kopfkissen schnippen will, doch der Fleck erweist sich als hartnäckig, er lässt sich nicht fortwischen, es ist ein sehr heller Fleck, ein Spot, ein Einbrecher, ein König – es ist das Mondlicht, das durchs Fenster fällt.

Straßen, in Gang gesetzt

Die Auswahl an Geschäften war niemals größer als in den 80ern. An der Wupperstrasse gab es sogar ein kleines Antiquitätengeschäft, das einem Bekannten namens Kerry gehörte und in dem Karlos im Frühjahr 1983 zum ersten Mal öffentlich einige meiner Gedichte las. Meine große Schwester war im Publikum und machte nach Ende der Lesung eine Pulle Sekt auf. Ich war richtig stolz an dem Tag. Sogar die Sonne war draußen, daran erinnere ich mich. Der Laden floppte nach drei Monaten.

Es gab zwei Kioske, zwei Bäckereien und drei Friseursalons an der Wupperstrasse, dazu zwei Kneipen, eine mit Bundes-Kegelbahn. Es gab zwei Blumenläden, zwei Generalvertretungen von Versicherungen, eine Gesamtschule, eine Grundschule in unmittelbarer Nähe, zwei Discounter, drei (!) Imbissbuden und eine Lotto-Annahmestelle. Die war nach Schulschluss regelmäßig so mit Kindern überfüllt, die sich frenetisch mit süß-sauren Vampir-Schnüren und anderem Süßkram eindeckten, dass die Inhaberin entnervt die Notbremse zog.

„NUR NOCH REINKOMMEN, WAS GELD HAT!!“ rief sie. „ALLES ANDERE WARTET DRAUSSEN!“

Ruckzuck war die Lottohölle leergefegt.

*

Wie verabschieden sich Grundschüler, dritte Klasse, im Frühjahr 2020 voneinander? „Peace, Leute!“

*

Was die Imbissbuden an der Wupperstrasse betraf, entschieden wir uns meist für den Griechen. Ein schlecht gelaunter Mann um die sechzig, früh ergraut, teilnahmslos im Wesen, aber das Gyros, eins a. Weil sein gewöhnlicher Gyrosteller so reichhaltig ausfiel, dass man ihn kaum aufkriegte, handelten die Gräfin und ich einen noch größeren Extra-Teller aus, den wir uns dann teilten.

Das war mal ein Deal nach unserem Geschmack, der uns aber an einem späten Sonntagabend auch nicht weiterhalf. Wir wollten beim Griechen mal was anderes essen, nicht immer Gyrosteller, bloß – was? Wir standen ratlos vorm Eingang. Im Schaufenster hing eine kleine Tafel, die uns noch nie aufgefallen war. Mit weißer Kreide, das Angebot der Woche:

LAMMKOTELETT 9 MARK 50 MIT SALAT.

Der Grieche hatte kurze kräftige Arme wie ein Ringer, einen orthodoxen Schnauzbart und große unglückliche Augen. Dass er im reichen Deutschland einst bis zur Rente im Schaschlik stochern müsse, davon war keine Rede gewesen, zwanzig Jahre zuvor, als er in seiner Heimat sein Bündel schnürte, um im kühlen Bergischen Land Pommes Frites aufzubacken.

„Hallo“, grüßte er matt, mit dem Rücken zu uns. Er musste sich nicht groß umdrehen, um zu wissen, wen er hinter sich hatte. „Einmal Gyros extragroß mit Pommes und Krautsalat..?“ erkundigte er sich routiniert.

„Chef, heute nicht. Wir nehmen zwei Mal Lamm-Kotelett.“

Der Grieche packte die Greifzange und wendete die letzten Bratwürstchen auf dem Rost. Er trug einen kurzarmigen Kittel. Fett spritzte auf, bei jedem Wendemanöver. Er sagte keinen Ton. Sein linker Arm, der die Greifzange hielt, war schwer vernarbt. Der Glücksspielautomat machte Tiledülü, ohne dass jemand spielte. Die Gräfin schaute mich fragend an. Ich zuckte nur mit den Achseln.

„Ähem, Lamm-Kotelett, Chef!“ versuchte ich es erneut. „Zwei Mal. Mit Salat. Das Angebot der Woche.“

Er drehte sich um und blickte zur Wupperstrasse hinaus, genau zwischen uns hindurch, in die beginnende Nacht. Als existierten wir gar nicht. Es war fast dreiundzwanzig Uhr, wir waren die einzigen Gäste.

Tiledülü. Tiledülü. Tiledülü.

„Geschäft nix gut, Schulferien. Alle in Urlaub.“ Der Grieche zuckte unwirsch mit der Zange, und wartete. Wartete auf die richtige Bestellung. Vielleicht war ihm das Lamm ausgegangen, oder er hatte es nie besessen. Nur die Tafel im Schaufenster. Vielleicht war es ihm auch zu lästig, die Tiefkühltruhe nach zwei Angebot-Koteletts abzusuchen. Prospektfälscher, dachte ich.

Die Zeit brutzelte, das Fett, der Spielautomat. Es fühlte sich an wie kurz vorm entscheidenden Match, wenn beide Teams im Stadion auflaufen, die Wimpel austauschen und die Seiten wählen, und dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel nicht an.

Ich folgte seinem schweifenden Blick und sah hinaus auf die Straße. Eine Laterne warf ihr gelbliches Licht in sein Schaufenster. Am Abend schaltete die Menschheit großflächig ihr Licht an, weil die Angst überwog, im großen finsteren Nichts des Universums verloren zu gehen. Dass man am Ende womöglich noch unbedeutender war, als ohnehin vermutet.

Es war die Gräfin, die schließlich ein Einsehen hatte.

„Einmal Gyros, Chef, extra-groß, mit Pommes und Krautsalat… wie immer.“

*

Auch wenn man etwas vom Kiosk brauchte, hatten wir Alternativen. In der Nähe der Tankstelle betrieb der Kindermörder seine kleine Trinkhalle. Der Kindermörder hieß Kindermörder, weil er mit seinen sechzig Lenzen immer noch so goldig und putzig aus seinem Büdchen linste, dass sich alle einig waren: hinter dieser Fassade konnte nur ein gelernter Kindermörder stecken. Alles andere wäre Blödsinn gewesen. Hätte keinen Sinn gemacht. Warum sonst sollte ein 60jähriger Mann mit einer solch provozierend unschuldigen Fratze den ganzen Tag in einem Kiosk rumsitzen. Zwar verschwand während seiner aktiven Zeit niemals ein Kind, geschweige denn wurde eins ermordet, aber wir behielten den Burschen im Blick.

Weiter oben, Ecke Felderstrasse, führte die Negernase ein stadtbekanntes Büdchen. Komm, wir gehen zur  Negernase, war ein stadtbekannter Slogan. Er war geschäftstüchtig, verkaufte Düsseldorfer Altbierspezialitäten und amerikanische Schokolade. Er hatte weiße Haut, aber die Nase eines Schwarzen, ein verdammt plattes Teil. Sie wurde ihm mehrfach eingeschlagen. Schließlich gab er auf. Da tat er vielen Leuten leid. Vorher nicht.

Am Schlagbaum gab es übrigens eine türkische Pommesbude, die ein kleiner grauer Kerl namens Hitler betrieb. Ein Kurde. Komm, wir gehen noch zum Hitler! war nach Mitternacht ein ebenso stadtbekannter Slogan wie Komm, wir gehen zur Negernase! Wer irgendwie in die Nähe eines Spitznamens geriet, der hatte Pech gehabt. Dann hieß man eben Negernase, weil die Nase dick und platt war, oder Hitler, wegen dem kurzen Schnauzbart, oder Kindermörder, wegen der Unschuld im Gesicht, die nicht sein konnte.

Oder man hieß Schmutzvogel, der von der nahen Klingenstrasse aus operierte. Vor der Eingangstür seines Kiosks stand weithin sichtbar ein knallroter Sonnenschirm, darunter prangte ein großes GEÖFFNET-Schild, auch wenn geschlossen war. War doch egal. Machte doch nichts. Manchmal machte der Schmutzvogel zwischen eins und drei Mittagspause, manchmal zwischen zwölf und vier, manchmal gar nicht, dann machte er durch und war ganz stolz auf sich, dass er keine Mittagspause gemacht hatte. Am Wochenende war den ganzen Tag geschlossen. Montags auch, aber nicht immer. Es konnte passieren, dass man am Dienstagnachmittag zur Klingenstrasse radelte, um beim Schmutzvogel ein Päckchen Kaugummis einzusammeln, und dann war die Tür schon seit Tagen verrammelt. Bin gleich wieder da. Man blickte nicht durch, nach welcher Politik der Schmutzvogel seine Öffnungszeiten einrichtete.

Warum der Schmutzvogel Schmutzvogel hieß? Weil er ständig in derselben ollen schmutzigen Strickjoppe herumlief. Der ganze verdammte Kiosk müffelte nach seiner ollen Strickjoppe. Nur wenn sein Sohn ihn vertrat, roch es besser im Etablissement. Er war zwanzig Jahre jünger als das Original, unrasiert, er trug eine abgewetzte adidas-Jacke.

Neben dem Wechselgeld-Tellerchen fiel mir ein Packen Flyer auf. Jemand bot seine Dienste an. Spezialreinigung für sanitäre Anlagen, las ich, ausdrücklich auch für private WC’s, worauf ein stilisierter Toiletten-Pümpel hinwies.

„Kannst du einstecken den Flyer“, sagte der Sohn vom Schmutzvogel.

„Ist von dir?“ fragte ich.

„Ja. Mach ich seitn paar Tagen. So nebenher.“

„Und? Schon Kundschaft gehabt?“

„Kundschaft? Nee, noch nich. Mach ich erst seitn paar Tagen. Spezialreinigung. Man muss sich was dazu verdienen. Kannst du einstecken. WC-Wäsche. Für alle Anlagen, für jedes Pöttchen.“

„Nee, brauch ich nicht“, sagte ich, doch er hörte gar nicht hin.

„Ich muss nebenher was verdienen, wir kommen nicht über die Runden. Hier, der Kiosk, was glaubst du, was der an Miete frisst? Der frisst fünfhundert Tacken Miete im Monat, plus zweihundert Nebenkosten. Und was verdienen wir an einem Päckchen Tabak? Zehn Cent. An einer BILD? Drei Cent. Vier vielleicht. Oder hier, die Zeitschriften. Verdien ich sieben Cent dran. Das ist doch Mist, viel zu wenig bei siebenhundert Fixkosten.“

Moment. Er verdiente sieben Cent an einer Zeitschrift? Blödsinn.

„Ich kenne jemanden, der hat auch einen Kiosk, der macht an jeder Zeitschrift dreißig Prozent Gewinn, Zeitschriften sind sein Umsatzbringer“, sagte ich. „Dreißig Prozent, nicht sieben Cent.“

„Quatsch, sieben Cent“, beharrte der Sohn vom Schmutzvogel. Er stapfte ins Nebenzimmer, wo rund um die Uhr Besuch auf dem Sofa saß und die Vorräte wegrauchte. Als er zurückkehrte, hatte er eine Liste dabei. Vom Grossisten.

„Hier. Da.“ Er zeigte auf die Mehrwertsteuer-Spalte. „Da stehts doch. Ich´verdien 7 Cent an ner scheiß Zeitschrift. Mehr nicht.“

„Das bedeutet 7 Prozent“, sagte ich. „Das ist Umsatzsteuer.“

Der Sohn vom Schmutzvogel starrte mich mit großen Augen an, wobei er ein bisschen aussah wie das GEÖFFNET-Schild vor der Tür. Egal, ob geschlossen war.

„Das ist Mehrwertsteuer“, wiederholte ich. „Auf Zeitschriften sind 7 Prozent Mehrwertsteuer drauf. Nicht 7 Cent.“

„Was?! Nee! Sieben Cent! Alles Scheiße in Deutschland!“ Er senkte die Stimme. So, als dürfte der Besuch im Nebenzimmer nicht hören, was er nun zu sagen hatte. „Wieso sagst du plötzlich Mehrwertsteuer? Eben sagst du Umsatzsteuer.“

„Mehrwertsteuer ist Umsatzsteuer. Ist nur ein anderes Wort.“

Er drückte mir einen Packen Flyer in die Hand.

„Hier. Bisschen Reklame machen. Kannst du einstecken.“

Eigentlich wollte ich der Gräfin vom Schmutzvogel eine Wundertüte mitbringen, eine blaue für Knaben. Einer meiner besseren Gags. Aber dazu hatte ich jetzt keine Lust mehr. Die Idee mit der Wundertüte war nicht gestorben, aber ich kaufte sie lieber oben beim Kindermörder. Der hielt wenigstens seine Klappe, und schlachtete still vor sich hin.

Ill.: Susanne Eggert

*

Nachmittags im Salon der Stammfrisörin. Die Chefin ist außer Haus. Es bedient Sie meine kroatische Mitarbeiterin. Sie hat mir erst einmal die Haare geschnitten. Eine langsam vor sich hinwerkelnde Person um die Dreißig, die von ihrer Chefin die Order gekriegt hat, während der Arbeit kein Kaugummi mehr zu kauen. Es zu unterlassen. Sofort einzustellen. So mancher Kunde würde es als störend, ja als geradezu aufreizend lässig empfinden. Es wird nicht gern gesehen in Deutschland, mit einem Kaugummi im Mund sein Brot zu verdienen.

(Anstatt das Langsame, das Lässige zu zelebrieren und auszukosten, als Erlebnis zu huldigen, versuchen wir auf den fahrenden Zug aufzuspringen und noch einen draufzusetzen.)

(Dabei fand ich Zeitlupe schon als Kind toll. Das kitzelte so schön in der Seele, so die Gräfin).

Seither hat die Kroatin kein Kaugummi mehr im Mund bei der Arbeit, ist aber noch langsamer geworden, so langsam, so ermüdend langsam, dass mir nach nicht mal zwei Minuten in ihren Händen sämtliche Augen zufallen und ich nur noch das Klappern der Scherenblätter wahrnehme, aus der Ferne, in dieser weichen und leisen Lesart, als säße die Kroatin am Frühstückstisch und schmierte sich ein großes Butterbrot, mit gleichmäßigen, rhythmischen Scherenbewegungen. Keine zehn Minuten später wird mir der Kittel abgenommen und ich hab kurzes Haar. Genial.

*

Manchmal möchte ich wieder zwölf sein, von der Schule kommen, entlang der Schillerstraße trödeln. Ich freue mich darauf, am Nachmittag Pan Tau zu gucken, eine Tasse heißen Kakao in Arbeit. Aber keinen echten, fair gehandelten Bio-Kakao, sondern zuckriges Kaba.

*

Eine unvergessliche Beziehung hatte ich in den 90ern zu der neuen Verkäuferin in einer der beiden Bäckereien der Wupperstrasse. Sie war sowas von selten dämlich, dass ich schon keine Lust mehr auf ein Teilchen hatte, wenn ich die Bäckerei betrat und sah, dass sie hinter der Theke stand, weil ich genau wusste, gleich versucht sie wieder witzig zu sein. Andererseits wurde ich jedes Mal innerlich rot, wenn sie hinter der Ladentheke war.

Als ich sie mich das erste Mal bediente, dachte ich sofort, Moment, die kommt dir bekannt vor, die kennst du von früher – bloß woher? (Einer meiner Lieblingsgedanken von klein auf. Ich hatte von klein auf kein gutes Personengedächtnis. Ich musste mir immer alles aufschreiben, um wir was merken zu können.) Während sie mit glühenden Bäckchen meine Bestellung entgegennahm, fiel es mir ein – nein, es kam mir siedend heiß in den Sinn. Sie ähnelte verblüffend einer Figur aus einem Pornoheft, das eine Zeitlang in meinem Besitz gewesen war, bis der dicke Hansen eines Tages zu Besuch kam und sich ein Stündchen aufs Ohr haute. Dabei musste er das Pornoheft entdeckt haben, genau in der Ritze zwischen der Wand und meiner Matratze, ich habe es seit diesem Stündchen niemals wiedergesehen.

Wer ein Pornoheft eine Zeitlang in Arbeit hat, baut eine Beziehung zu den Figuren auf. Man hat schließlich Sex mit ihnen. Immer denselben. Das verbindet. Die Frau, an die mich die junge Bäckerin erinnerte, machte ich damals besonders scharf. Sie spielte eine Küchenmagd, und sie hatte außergewöhnlich rosige Bäckchen. Da waren natürlich noch jede Menge anderer Frauen in dem Sexheftchen, auch jede Menge Schwänze, die will man auch sehen in einem Porno, selbst wenn man Schwänzen anderer Männer sonst nicht so viel abgewinnen kann.

Was wollte ich sagen.

Wenn es mir beim Masturbieren kam, dann meist beim Anblick der Magd, sie war es, bei der es mir zuletzt warm über den Handrücken lief. Und nun wurde ich also von ihrer mutmaßlichen Wiedergängerin als Bäckereifachverkäuferin bedient.

(Der Porno spielte im Museum. Riesige Gemälde hingen dort, Szenen aus dem bäuerlichen Mittelalter. Es dauerte nicht lange, und die Mönche und Mägdelein stiegen aus den Bilderrahmen und trieben es miteinander. Da nagelten nicht nur überraschte Museumsbesucher und Putzfrauen um die Wette, auch die pingelige Direktorin Frau Dr. Moesenlechner, zunächst empört, kaute sich ab Seite 3 durchs Fleisch. Und nun stand ich 10 Jahre später in der Bäckerei vor der jungen Verkäuferin, die so verblüffend der Magd mit den roten Apfelbäckchen ähnelte, auf die ich mir xmal einen runtergeholt hatte, als ich jung war, und die nun, Jahre später, nur dummes Zeugs babbelte.

*

Morgens, kurz nach acht, in der Bäckerei.

Sie: „Moin, moin!“

„Morgen.“ (Ich).

Sie, listig: „Zwei Brötchen?“

Ich: „Nein. Vier.“

„Vier? Na! Oh!“ Sie stopft 2 Brötchen in eine Papiertüte. „Meistens nehmen Sie aber zwei!“

„Mh, ja. Heute vier.“

Sie grinst und nimmt 2 weitere Brötchen aus der Brötchenkiste.

„Stellen Sie sich vor, ich hätte jetzt nur zwei statt vier in die Tüte getan! Ist mir mal passiert! Ein Kunde hat vier Brötchen gesagt, und ich tu nur zwei rein!“ Sie rollt aufgeregt mit den Augen. „War aber nicht so schlimm. Ich hab ja Gott sei Dank bis vier Uhr Schicht! Hahaahaaa!“

Ich fasse es nicht. Ist sie jetzt komplett gaga? Sie geht zur Kasse.

„Hundertzwanzig Euro!“ ruft sie munter.

Ich lege eine Ein-Euro-Münze und 20 Cent auf den Tresen.

„Hey! Sie haben es passend! Wie wunderbar!“

Ich nehme die Tüte mit den Brötchen.

„Hier, sehen Sie! Ich kann auch 50 eindrücken!“ sagt sie, als ich schon halb aus der Tür bin.

Ich drehe mich müde um.

„Fünfzig.. was?“

„Fünfzig Euro! Wenn ich will. “

„Mh..“

„Oder dreissig Euro! Ganz wie ich will!“

Herrschaftszeiten, die schämt sich auch für gar nichts. Was soll denn daran witzig sein? Oder ist sie einfach nervös? Und bei der ist es mir so oft gekommen? Ich kapiere ihre blöden Zahlenspiele überhaupt nicht. Erst als sich hinten in der Backstube eine Männerstimme erhebt und barsch nach ihr verlangt, CONNIEE, DIE BERLINER!!, gibt sie Ruhe und wird um die Bäckchen rot, genauso, wie ich sie in Erinnerung habe.

Zuhause hole ich mir in Seelenruhe einen runter.

Ville Beton nix gut

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Zweiten Ostern, unterwegs auf der A3. Ein roter Power-Volkswagen stürmt an uns vorüber, mit einem Satz wuchtiger Jesus-Aufkleber und Weißwandreifen.

„Sportlich, sportlich“, sag ich.

„Das sind Attrappen“, meint die Gräfin.

„Meinst du? Sehen aber echt aus.“

„Gute Attrappen sehen echt aus. Aber das sind bestimmt keine Originalreifen.“

„Reifen? Ich meinte die Jesus-Aufkleber.“

Wir fahren nach Zeeland, im Süden von Holland. Unser windiges kleines Kalifornien. Aber um diese Jahreszeit? Ende März? Und dann auch noch… Camping?!

„Seid ihr suizidgefährdet?“ meinte mein Vater, 81 Jahre alt und immer noch die Vorsicht in Person. Als könnte jederzeit Donner und Hagelschlag auf uns niedergehen, als könnte alles in schwerem, selbstverschuldeten Gemetzel enden. „Bei dem Wetter im Zelt, ihr Pfeifen? Da holt ihr euch den Tod.“

„Fahr nicht so schnell“, sag ich.

„Nicht so schnell!? Ich fahr doch schon langsam.“

„Ja und? Fahr noch langsamer. Wir haben doch Zeit.“

„Zeit.. Niemand hat Zeit“, sagt die Gräfin, „Nicht mal der Jesus da vorn. Man sieht nur noch seine Staubwolke.“

Das waren unsere erste Worte seit Duisburg-Ruhrort. Ansonsten herrscht Schweigen im Wagen. Nur der Hund stöhnt gelegentlich auf und fiept, als stünde ein Topf Muscheln auf dem Herd. Jeder bereitet sich auf seine eigene Weise auf Holland vor. Eine Brücke über den Rhein wird repariert. Wir danken für Ihr Verständnis.

„Erzähl mal was“, sagt sie. „Mir ist langweilig.“

„Erzählen..? Was denn?“

„Na, irgendwas. Ist doch egal. Eine Geschichte. Unterhalte mich. Dann fahre ich auch langsamer. Wenn ich mich nämlich langweile beim Fahren, drücke ich automatisch aufs Gaspedal. Dabei fahre ich ja schon langsam, dir zuliebe. Tempo 100, pff. Ist doch nicht schnell.“

Sie will schnell ankommen, darum geht es ihr. So machen es alle Menschen heutzutage. Schnell etwas hinter sich bringen, schnell ankommen, damit mehr Zeit bleibt für… für, ja, für was eigentlich? Für die nächste Sache, die man schnell hinter sich bringen will?

„Bleibt ja immer an mir hängen, die blöde Fahrerei“, meckert sie.

Wir fahren beide ungern Autobahn, ich als Beifahrer, sie als Fahrer. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es. Es ist die ständige Präsenz des Todes, die mitfährt, die Bilder von irgendwelchen Schwerverletzten, die auf dem Asphalt liegen, in Brei und Scherben, wie im Bibelfilm. Blutige Bilder, die sich ganz unvermittelt in mein Bewusstsein drängen.

Ist es nicht unerträglich, quasi in jeder Sekunde seines Lebens Freiwild zu sein? Freiwild des Todes, der jederzeit sein Tribut einfordern kann?

Und dafür muss man noch nicht einmal Autobahnfahren.

Früher, klar, früher ist immer alles gut gegangen. Als die Welt noch jung war. Ist man von einer Stadt in die andere gefahren und weiter nach Wien und Bratislava und überall ist man heil angekommen, mit intakten Knochen und Kniescheiben. Aber die Zeiten sind vorbei. Das wissen alle. Jeder spürt es. Sogar die Jungen, obwohl sie es noch gar nicht spüren dürften.

Sie drosselt die Geschwindigkeit herunter auf Tempo 95, mir zuliebe, und tatsächlich, ich sterbe direkt einen halben Tod weniger.

„Fahr neunzig, und ich erzähl dir was“, schlage ich vor.

„Au ja.“

Lecker essen und schöne Geschichten hören, das ist es, was sie sich unter einem angenehmen Abend unter Menschen vorstellt. Aber es ist kein Abend, wir sitzen im Auto, und wir sind unter uns.

Ich habe einen teuflischen Plan: Wenn die Gräfin ihr Tempo Stückchen für Stückchen so weit hinunterdimmt, dass der Wagen zum Schluss stehen bleibt, müssen auch die Wagen hinter uns stehen bleiben. Alle Autos bleiben stehen auf der ganzen Welt, und alle Menschen dürfen weiterleben, unverletzt, mit intakten Gliedmaßen. Auf der Kriechspur. Auf der Überholspur. In der Mitte.

„Komm, erzähl mir was.“

„Was denn? Mir fällt nichts ein.“

„Dann fahr ich wieder schneller“, droht sie.

Sie kann knallhart sein. Hastig durchleuchte ich mein Gehirn nach Erzählbarem, doch der Stollen ist dicht. Blickdicht. Nichts zum Erzählen da. Alles ausgeräumt. Auf dem Rücksitz weiß der Hund nicht mehr, wo er es suchen soll. Er fühlt die Unsicherheit im Wagen. Mal liegt er, mal steht er, mal macht er einen Schritt, mehr Platz ist nicht, nach rechts, dann lässt er sich wieder fallen, mit einem Seufzer, so schwer, als habe man bei ihm gerade Rücksitz-Krebs diagnostiziert, vom vielen Autofahren. Der Hund hasst die Autobahn beinahe mehr als wir.

Ein heftiger Regenschauer geht plötzlich nieder, von einer Sekunde auf die andere, und die Gräfin ist gezwungen ein Abbremsmanöver einzuleiten, da auch der Wagen vor uns in die Eisen steigt. Unser graues sportliches Eselchen (Toyota) beginnt zu stottern und zu schlingern, es ist, als mache es Männchen, eins nach dem anderen.

„Das hat der von dir“, sagt die Gräfin.

„Von mir?!“

„Von wem denn sonst! Vom Hund etwa?“ Sie behält die Übersicht, sie bleibt ruhig. „Bis jetzt ist immer alles gut gegangen.“

„Ja, früher“, sag ich. „Aber die Zeiten sind langsam vorbei, wo alles gut geht, oder nicht.“

„Ach was.“

Die Gräfin ist eine gute, sehr sportliche Fahrerin, eine Kubanerin der Strasse. Sie macht sich oft lustig über die ängstlichen deutschen Autofahrer, die sich streng an Recht und Gesetz halten und es nicht mal schaffen, die gelbe Ampel im allerletzten Moment zu nehmen, damit man im Verkehrsfluss bleibt wie ein Fisch mit 4000 Umdrehungen.

„Hat Holland eigentlich einen ADAC?“ frag ich.

„Will ich doch hoffen“, murmelt sie.

Zum Glück lässt der Schauer so schnell nach, wie er gekommen ist. Wir sind voll durch den Regen gerast, wie durch eine Waschanlage. Und wo die Gräfin schon mal dabei ist, drückt sie das Gaspedal so weit durch, bis sie auf 130 Kilometer pro Stunde kommt, das ist ganz schön happig. Ich halte mich am Handschuhfach fest. Der Hund hat wieder einen Topf Muscheln aufgesetzt, auf seiner Kochstelle auf dem Rücksitz.

Es ist eine Kausalkette, das Leben. Alles hängt mit allem zusammen.
Es gibt keine isolierte Betrachtung.
Nirgends.

„Weisst du, was das ist, Leben?“ starte ich einen philosophischen Versuch, der mich wie aus dem Nichts bedrängt, als wir wieder in ruhigeren Fahrwassern dahintreiben, am Niederrhein. „Man lebt, man stirbt, und zwischendurch lernt man ein paar Leute kennen.“

„Stimmt“, sagt sie. „Und wenn man Glück hat, nette.“

Da sind wir uns einig. Bergen op Zoom, 90 Kilometer.

„Dann sind wir ja schon fast in Zeeland!“ ruft die Gräfin wie eine Großstadtfranzösin, die endlich die Cote d’Azur erblickt, und gibt Gas. 150. Sie kann nicht anders. Sie will ankommen. Es regnet wieder, der Wind kommt in Böen.

„Nicht so schnell“, stöhne ich.

Als sie leicht vom Gas geht, stöckelt der Motor wieder.

„Hat Holland nun einen ADAC oder nicht?“

Die Hinfahrt, egal wohin, egal wann, war schon immer schwierig bei uns beiden. Einmal, wir waren in Richtung Nord-Frankreich unterwegs, in die wilde Picardie, haben wir uns auf einem Rastplatz so heftig gestritten, dass fortan jeder allein weiter wollte. Sie mit dem Wagen, ich per Zug. Vom Autobahn-Rastplatz aus. Mit einem dicken Koffer in der Hand.

„Du hast mir immer noch keine Geschichte erzählt“, sagt sie vorwurfsvoll.

Sie wühlt mit einer Hand in der Tasche mit dem Proviant, während sie mit der anderen das Steuer hält und weiterfährt.

„Soll ich das Lenkrad halten..?“ sag ich.

„Nee, bloß nicht.. also, ich meine, geht schon. Guck einfach auf die Bahn und sag Bescheid, wenn.. irgendein Jesus angeflogen kommt. Hm, sag mal, hast du deine beiden Brötchen schon gegessen? Sollen wir uns mein zweites noch teilen? Wo ist das überhaupt?“

„Autobahnfahren macht hungrig“, sag ich, „auch als Beifahrer..“

„Was denn!? Du hast mein zweites Brötchen auch gefuttert?“

„Quatsch, das ist im Handschuhfach.“

Ich hol es raus.

„Hm, lecker..“, sag ich. Da ist Marmelade drauf.

„He, lass was übrig! Das ist meins!“

Der Hund kriegt auch noch was ab. Wir rülpsen alle drei, beinahe gleichzeitig, unter einer fetten Wolke über Bergen op Zoom.

Noch 66 Kilometer bis Vlissingen. Ich notiere: ein zerfetzter Reifen auf der Kriechspur, am Himmel tuffig die Putten.

Welkom op Zeeland!

„Irgendwie segeln hier alle im Wind!“ freut sich die Gräfin über den lässigen Verkehr auf Zeeland.

„Ville Beton nix gut“, sag ich leichthin.

„Was..?“

„Ville Beton nix gut“, wiederhole ich.

„Ja, gut, aber woher kenne ich das noch mal? Das kommt mir bekannt vor.“

„Das war ein Graffiti“, sag ich, „Auf der Cronenberger Strasse. Wo heute Radio Schultes ist, stand früher der Spruch an der Wand, bestimmt zehn Jahre lang. Dann war er plötzlich weg. Ville Beton nix gut.“

„Ach ja. Richtig! Ville Beton nix gut. Stimmt..“

Der Hund spürt, dass die Hinfahrt dem Ende zugeht und behechelt noch mal ordentlich sein Revier auf dem Rücksitz, den wir mit diversen Handtüchern drapiert haben, falls er kotzen muss. Viel Platz hat er ohnehin nicht. Koffer, Kocher, Gasflasche, Klamotten, Tisch, Stühle, Zelt. Wir können nicht für ein paar Tage wegfahren, ohne nicht das halbe Haus mitzunehmen.

„Ich rieche schon das Meer!“ freut sich die Gräfin.

Vlissingen, 6 Kilometer.

„Nee, riecht doch noch nicht nach Meer“, schnuppert sie aus dem Seitenfenster. „Riecht noch nach Kuh.“

Dabei ist das Meer schon da, hinter den Dünen.

„Komm, wir bedanken uns beim lieben Gott, dass der Wagen gehalten hat, bis hierhin“, sag ich.

Während sie nach oben betet, werfe ich ein Küsschen Richtung Boden. Wer sagt denn, dass Gott oben wohnt.

 

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Endlich wiederentdeckt: Das Deutsche Zitronentier

Ein Exemplar des in seiner natürlichen Umgebung nur noch selten anzutreffenden Deutschen Zitronentiers wurde jetzt auf dem überfüllten Zeichentisch der Gräfin entdeckt, unter Hunderten ansonsten unverdächtiger Papierbögen. Im Moment seines Auffindens stand das für seine Scheuheit berühmte Tierchen ruhig und besonnen in der Landschaft rum, schlürfte Limo und war erstaunlich gut im Futter.

Gelbes Pferd - Malerin Eggert

Leo macht den Satz

Der springende Hund, Susanne Eggert

 

Das Bild zeigt unverkennbar unseren Leo, wie er eine neue Rekordmarke in den Sand setzt, früh am Morgen, mit all dem Elan und Übermut eines jungen Streuners. Seltsam nur: Die Gräfin malte das Bild bereits vor einigen Jahren, als von Leo (2) noch gar keine Rede war, als Frau Moll, seine wuschelige Vorgängerin, noch fest im Sattel saß.

Aus der losen Reihe: Wenn Vorahnung die Hand führt

Apropos Vorahnungen: Als ich das hier vor einiger Zeit wiederentdeckte, wurde mir schummrig ums Herz. Warum? Es ist der letzte Satz. Als ich ihn geschrieben habe, waren es noch drei Monate hin, bevor mich am 10. Mai 2012 ein 3facher Herzinfarkt niederstreckte. Und ich frage mich: Wieso habe ich das damals geschrieben? Was wollte ich mir sagen?

Warum erwähne ich ausgerechnet den 10. Mai?