Ville Beton nix gut

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Zweiten Ostern, unterwegs auf der A3. Ein roter Power-Volkswagen stürmt an uns vorüber, mit einem Satz wuchtiger Jesus-Aufkleber und Weißwandreifen.

„Sportlich, sportlich“, sag ich.

„Das sind Attrappen“, meint die Gräfin.

„Meinst du? Sehen aber echt aus.“

„Gute Attrappen sehen echt aus. Aber das sind bestimmt keine Originalreifen.“

„Reifen? Ich meinte die Jesus-Aufkleber.“

Wir fahren nach Zeeland, im Süden von Holland. Unser windiges kleines Kalifornien. Aber um diese Jahreszeit? Ende März? Und dann auch noch… Camping?!

„Seid ihr suizidgefährdet?“ meinte mein Vater, 81 Jahre alt und immer noch die Vorsicht in Person. Als könnte jederzeit Donner und Hagelschlag auf uns niedergehen, als könnte alles in schwerem, selbstverschuldeten Gemetzel enden. „Bei dem Wetter im Zelt, ihr Pfeifen? Da holt ihr euch den Tod.“

„Fahr nicht so schnell“, sag ich.

„Nicht so schnell!? Ich fahr doch schon langsam.“

„Ja und? Fahr noch langsamer. Wir haben doch Zeit.“

„Zeit.. Niemand hat Zeit“, sagt die Gräfin, „Nicht mal der Jesus da vorn. Man sieht nur noch seine Staubwolke.“

Das waren unsere erste Worte seit Duisburg-Ruhrort. Ansonsten herrscht Schweigen im Wagen. Nur der Hund stöhnt gelegentlich auf und fiept, als stünde ein Topf Muscheln auf dem Herd. Jeder bereitet sich auf seine eigene Weise auf Holland vor. Eine Brücke über den Rhein wird repariert. Wir danken für Ihr Verständnis.

„Erzähl mal was“, sagt sie. „Mir ist langweilig.“

„Erzählen..? Was denn?“

„Na, irgendwas. Ist doch egal. Eine Geschichte. Unterhalte mich. Dann fahre ich auch langsamer. Wenn ich mich nämlich langweile beim Fahren, drücke ich automatisch aufs Gaspedal. Dabei fahre ich ja schon langsam, dir zuliebe. Tempo 100, pff. Ist doch nicht schnell.“

Sie will schnell ankommen, darum geht es ihr. So machen es alle Menschen heutzutage. Schnell etwas hinter sich bringen, schnell ankommen, damit mehr Zeit bleibt für… für, ja, für was eigentlich? Für die nächste Sache, die man schnell hinter sich bringen will?

„Bleibt ja immer an mir hängen, die blöde Fahrerei“, meckert sie.

Wir fahren beide ungern Autobahn, ich als Beifahrer, sie als Fahrer. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es. Es ist die ständige Präsenz des Todes, die mitfährt, die Bilder von irgendwelchen Schwerverletzten, die auf dem Asphalt liegen, in Brei und Scherben, wie im Bibelfilm. Blutige Bilder, die sich ganz unvermittelt in mein Bewusstsein drängen.

Ist es nicht unerträglich, quasi in jeder Sekunde seines Lebens Freiwild zu sein? Freiwild des Todes, der jederzeit sein Tribut einfordern kann?

Und dafür muss man noch nicht einmal Autobahnfahren.

Früher, klar, früher ist immer alles gut gegangen. Als die Welt noch jung war. Ist man von einer Stadt in die andere gefahren und weiter nach Wien und Bratislava und überall ist man heil angekommen, mit intakten Knochen und Kniescheiben. Aber die Zeiten sind vorbei. Das wissen alle. Jeder spürt es. Sogar die Jungen, obwohl sie es noch gar nicht spüren dürften.

Sie drosselt die Geschwindigkeit herunter auf Tempo 95, mir zuliebe, und tatsächlich, ich sterbe direkt einen halben Tod weniger.

„Fahr neunzig, und ich erzähl dir was“, schlage ich vor.

„Au ja.“

Lecker essen und schöne Geschichten hören, das ist es, was sie sich unter einem angenehmen Abend unter Menschen vorstellt. Aber es ist kein Abend, wir sitzen im Auto, und wir sind unter uns.

Ich habe einen teuflischen Plan: Wenn die Gräfin ihr Tempo Stückchen für Stückchen so weit hinunterdimmt, dass der Wagen zum Schluss stehen bleibt, müssen auch die Wagen hinter uns stehen bleiben. Alle Autos bleiben stehen auf der ganzen Welt, und alle Menschen dürfen weiterleben, unverletzt, mit intakten Gliedmaßen. Auf der Kriechspur. Auf der Überholspur. In der Mitte.

„Komm, erzähl mir was.“

„Was denn? Mir fällt nichts ein.“

„Dann fahr ich wieder schneller“, droht sie.

Sie kann knallhart sein. Hastig durchleuchte ich mein Gehirn nach Erzählbarem, doch der Stollen ist dicht. Blickdicht. Nichts zum Erzählen da. Alles ausgeräumt. Auf dem Rücksitz weiß der Hund nicht mehr, wo er es suchen soll. Er fühlt die Unsicherheit im Wagen. Mal liegt er, mal steht er, mal macht er einen Schritt, mehr Platz ist nicht, nach rechts, dann lässt er sich wieder fallen, mit einem Seufzer, so schwer, als habe man bei ihm gerade Rücksitz-Krebs diagnostiziert, vom vielen Autofahren. Der Hund hasst die Autobahn beinahe mehr als wir.

Ein heftiger Regenschauer geht plötzlich nieder, von einer Sekunde auf die andere, und die Gräfin ist gezwungen ein Abbremsmanöver einzuleiten, da auch der Wagen vor uns in die Eisen steigt. Unser graues sportliches Eselchen (Toyota) beginnt zu stottern und zu schlingern, es ist, als mache es Männchen, eins nach dem anderen.

„Das hat der von dir“, sagt die Gräfin.

„Von mir?!“

„Von wem denn sonst! Vom Hund etwa?“ Sie behält die Übersicht, sie bleibt ruhig. „Bis jetzt ist immer alles gut gegangen.“

„Ja, früher“, sag ich. „Aber die Zeiten sind langsam vorbei, wo alles gut geht, oder nicht.“

„Ach was.“

Die Gräfin ist eine gute, sehr sportliche Fahrerin, eine Kubanerin der Strasse. Sie macht sich oft lustig über die ängstlichen deutschen Autofahrer, die sich streng an Recht und Gesetz halten und es nicht mal schaffen, die gelbe Ampel im allerletzten Moment zu nehmen, damit man im Verkehrsfluss bleibt wie ein Fisch mit 4000 Umdrehungen.

„Hat Holland eigentlich einen ADAC?“ frag ich.

„Will ich doch hoffen“, murmelt sie.

Zum Glück lässt der Schauer so schnell nach, wie er gekommen ist. Wir sind voll durch den Regen gerast, wie durch eine Waschanlage. Und wo die Gräfin schon mal dabei ist, drückt sie das Gaspedal so weit durch, bis sie auf 130 Kilometer pro Stunde kommt, das ist ganz schön happig. Ich halte mich am Handschuhfach fest. Der Hund hat wieder einen Topf Muscheln aufgesetzt, auf seiner Kochstelle auf dem Rücksitz.

Es ist eine Kausalkette, das Leben. Alles hängt mit allem zusammen.
Es gibt keine isolierte Betrachtung.
Nirgends.

„Weisst du, was das ist, Leben?“ starte ich einen philosophischen Versuch, der mich wie aus dem Nichts bedrängt, als wir wieder in ruhigeren Fahrwassern dahintreiben, am Niederrhein. „Man lebt, man stirbt, und zwischendurch lernt man ein paar Leute kennen.“

„Stimmt“, sagt sie. „Und wenn man Glück hat, nette.“

Da sind wir uns einig. Bergen op Zoom, 90 Kilometer.

„Dann sind wir ja schon fast in Zeeland!“ ruft die Gräfin wie eine Großstadtfranzösin, die endlich die Cote d’Azur erblickt, und gibt Gas. 150. Sie kann nicht anders. Sie will ankommen. Es regnet wieder, der Wind kommt in Böen.

„Nicht so schnell“, stöhne ich.

Als sie leicht vom Gas geht, stöckelt der Motor wieder.

„Hat Holland nun einen ADAC oder nicht?“

Die Hinfahrt, egal wohin, egal wann, war schon immer schwierig bei uns beiden. Einmal, wir waren in Richtung Nord-Frankreich unterwegs, in die wilde Picardie, haben wir uns auf einem Rastplatz so heftig gestritten, dass fortan jeder allein weiter wollte. Sie mit dem Wagen, ich per Zug. Vom Autobahn-Rastplatz aus. Mit einem dicken Koffer in der Hand.

„Du hast mir immer noch keine Geschichte erzählt“, sagt sie vorwurfsvoll.

Sie wühlt mit einer Hand in der Tasche mit dem Proviant, während sie mit der anderen das Steuer hält und weiterfährt.

„Soll ich das Lenkrad halten..?“ sag ich.

„Nee, bloß nicht.. also, ich meine, geht schon. Guck einfach auf die Bahn und sag Bescheid, wenn.. irgendein Jesus angeflogen kommt. Hm, sag mal, hast du deine beiden Brötchen schon gegessen? Sollen wir uns mein zweites noch teilen? Wo ist das überhaupt?“

„Autobahnfahren macht hungrig“, sag ich, „auch als Beifahrer..“

„Was denn!? Du hast mein zweites Brötchen auch gefuttert?“

„Quatsch, das ist im Handschuhfach.“

Ich hol es raus.

„Hm, lecker..“, sag ich. Da ist Marmelade drauf.

„He, lass was übrig! Das ist meins!“

Der Hund kriegt auch noch was ab. Wir rülpsen alle drei, beinahe gleichzeitig, unter einer fetten Wolke über Bergen op Zoom.

Noch 66 Kilometer bis Vlissingen. Ich notiere: ein zerfetzter Reifen auf der Kriechspur, am Himmel tuffig die Putten.

Welkom op Zeeland!

„Irgendwie segeln hier alle im Wind!“ freut sich die Gräfin über den lässigen Verkehr auf Zeeland.

„Ville Beton nix gut“, sag ich leichthin.

„Was..?“

„Ville Beton nix gut“, wiederhole ich.

„Ja, gut, aber woher kenne ich das noch mal? Das kommt mir bekannt vor.“

„Das war ein Graffiti“, sag ich, „Auf der Cronenberger Strasse. Wo heute Radio Schultes ist, stand früher der Spruch an der Wand, bestimmt zehn Jahre lang. Dann war er plötzlich weg. Ville Beton nix gut.“

„Ach ja. Richtig! Ville Beton nix gut. Stimmt..“

Der Hund spürt, dass die Hinfahrt dem Ende zugeht und behechelt noch mal ordentlich sein Revier auf dem Rücksitz, den wir mit diversen Handtüchern drapiert haben, falls er kotzen muss. Viel Platz hat er ohnehin nicht. Koffer, Kocher, Gasflasche, Klamotten, Tisch, Stühle, Zelt. Wir können nicht für ein paar Tage wegfahren, ohne nicht das halbe Haus mitzunehmen.

„Ich rieche schon das Meer!“ freut sich die Gräfin.

Vlissingen, 6 Kilometer.

„Nee, riecht doch noch nicht nach Meer“, schnuppert sie aus dem Seitenfenster. „Riecht noch nach Kuh.“

Dabei ist das Meer schon da, hinter den Dünen.

„Komm, wir bedanken uns beim lieben Gott, dass der Wagen gehalten hat, bis hierhin“, sag ich.

Während sie nach oben betet, werfe ich ein Küsschen Richtung Boden. Wer sagt denn, dass Gott oben wohnt.

 

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