Moderne Ritter

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„.. und alle beglückwünschten mich. Das ist der Durchbruch, dachte ich.“

Sie hatte einen schlimmen Albtraum, etwas schlimmeres kann einer Malerin im Traum vermutlich nicht zustoßen. Ich schätze, dieser Albtraum zählt zu den offiziell zehn schlimmsten Albträumen einer Malerin. Der Traum ging so, in der Nacht von Sonntag auf Montag…

Sie eröffnet eine neue Ausstellung, die Galerie ist gut gefüllt. All die Großkopferten sind gekommen und saufen Sekt, alles, was nach Rang und Namen aussieht, klopft ihr auf die Schulter. Phänomenal, sagt jemand. Ja, prachtige Kunst, sagt eine Holländerin. Doch seltsam. Von ihren Leuten ist niemand da. Keine Freunde, keine Bekannte, niemand aus der Familie. Fremde Menschen umringen sie, feiern ihre Bilder. Es sind großformatige Ritterbilder.

MODERNE RITTER.

„Danach haben wir lange Ausschau gehalten, genau so etwas brauchen wir“, gratuliert der Kurator, „für unser neues Museum in Chicago.“

Als die Gräfin sich umsieht, auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht, bemerkt sie, dass sie die Bilder an der Wand nicht kennt. Es sind überhaupt nicht ihre Bilder. Das ist gar nicht ihre Ausstellung. Es sind die falschen Ritter. Panik steigt in ihr hoch. Sieht das denn niemand?! Was ist hier los?? Sie wird weiterhin umgarnt und beglückwünscht und begeistert gefeiert. Kinder kommen auf sie zugelaufen.

„Königin, was hast du für eine schöne Krone auf?“

Dabei ist es nur ihre neue Frisur, die ein bisschen wie eine Krone aussieht. In dem ganzen Trubel, der um sie herum herrscht, versucht die Gräfin vergeblich, meine Schwester anzurufen, um sie zur Ausstellung einzuladen. Weil niemand da ist, den sie kennt. Bis auf mich. Ich bin die ganze Zeit in ihrer Nähe, sage aber nichts. Ich verhalte mich still. Ich bin der ruhige Vertreter, der ich schon als Kind war.

„Hast du das gesehen…? Das sind überhaupt nicht meine Bilder“, flüstert sie mir ins Ohr.

„Ja, es ist aber deine Krone“, antworte ich.

 

Moderne Ritter, Susanne Eggert, 2015

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