Corona – die düsteren und die anderen Gedanken

Blaue Himmel, Sonnenschein, im Märzen der Bauer. Das Virus ist da, die Krise, aber draußen kracht der Frühling los, als wäre alles wie immer. Die Narzissen explodieren, vorm Fenster duftet eine einzelne, von Sanne höchstpersönlich ausgewilderte Hyazinthe und die Hunde toben über die Wiese wie junge Rößlein. Es könnte so schön sein. Doch Corona hängt überm Land. Eine tiefe schwarze Wolke, die Krankheit und Misere bringt, und Einsamkeit.

Und Geisterstadt.

Die Menschen nicken einander in tief verbundener Unsicherheit zu.

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Als ich mit dem Hund unterwegs bin, fliegt der erste Schmetterling des Jahres vor mir her, im üblichen Zickzack. Ein Zitronenfalter. Ich bin mir nicht ganz sicher, doch ich meine, ich hätte im Vorbeifliegen einen winzigen gelben Mundschutz gesehen.

Manchmal denk ich, das ist vielleicht der letzte schöne Tag in deinem Leben. Ich duze mich in Momenten, wo ich mit mir selbst rede. Und dann sehe ich, dass die Wildschweine über Nacht aus dem Wald gekommen sind und den Pfad umgepflügt haben. Das Ganze ist nur schwer zu fassen. Es ist Krieg ausgebrochen, ein Krieg, dessen Front überall ist, ein Krieg, bei dem keine Bomben fallen, sondern Tröpfchen. Ein Krieg, der uns Tag für Tag neu erklärt wird, weil kaum jemand den Feind kommen sah. Und jetzt ist er da. Überall. Und nirgends. Und wo ist die Kriegserklärung? Der Feind ist link.

Eine hinterhältige Brut.

Wenn ich mit anderen Hundebesitzern zusammenstehe, fällt mir auf, wie zögerlich sich die Leute auf neue Umstände einlassen. Nur wenige halten die zwei Meter Mindestabstand zum Nachbarn ein. Sie nehmen den Feind nicht ernst. Sie freuen sich aufs Grillen am Wochenende. Sie stinken schon nach Rindfleisch.

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Vorgestern Mittag hab ich gedacht, es hat mich erwischt. Ich bin infiziert. Corona. Seit Tagen werde ich morgens mit leichten Halsschmerzen wach, und da ist diese Irritation in der Lunge, dieses Gefühl, als blase jemand in unregelmäßigen Abständen kleine Feuerchen in mir an. Im Lungengewebe. Tief innen drin. In der Steuerzentrale. Wo die Atmung herkommt. Wo sich früher, als ich noch geraucht hab, Teer und Nikotin gute Nacht sagten. Winzig-kleine Einschübe, die mich wahnsinnig machen, je mehr ich mich darauf konzentriere.

„Du dürftest eigentlich nicht eine einzige Nachrichtensendung sehen“, meint Sanne und zeigt mir den Vogel. „Mal ganz abgesehen von Corona-Extras.“ Sie hält mich für einen eingebildeten Kranken. Nein. Ich bin mir sicher, es arbeitet etwas in mir. Eine Entzündung. Ich lege mich aufs Bett, strecke mich lang aus und horche konzentriert in mich hinein.

ICH.

ICH.

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Sanne ist mit dem Hund gegangen, ausnahmsweise. Ist eigentlich mein Job. Ein Job, den ich gerne erledige. Nichts ist schlimmer, als einer dieser seltenen Tage, wo ich nicht vor die Tür komme. Nachdem ich mich ausgiebig verrückt gemacht habe, ziehe ich mir Schuhe an und geh einkaufen.

EINKAUFEN IST DER ABSOLUTE VIREN-SUPERALARM! Die Einkaufswagen. Die Leute. Das Bezahlen. Das Anstehen an der Kasse. Und an irgendeiner Ecke steht garantiert jemand und rotzt und schleimt, als gäbe es kein Heute.

(Sanne und ich beratschlagen später am Abend, ob man vielleicht mit Einmalhandschuhen einkaufen sollte. Wir haben aber nur noch zwei Paar, die sie gelegentlich zum Malen braucht, wenn sie richtig Sauerei macht. Als sie im Keller nach weiteren Gummihandschuhen sucht, findet sie zufällig zwei angebrochene Flaschen Desinfektionsmittel. „Das Zeug kann man auch für die Einkaufswagen benutzen“, sagt sie. „Mal eben über den Griff wischen, bevor man losfährt.“ Unsere Augen leuchten vor Freude.)

Im NETTO kaufe ich die letzten 6 Bananen ein, die es noch zu kaufen gibt, eine Tüte Tiefkühlbrötchen, Thunfisch in Olivenöl. Viele Regale bieten nur noch Staub und Krumen an. Als ich in der Schlange an der Kasse stehe, es kümmert sich niemand um einen Mindestabstand, bricht mir der Schweiß aus. Die alte Kassiererin, die neu an der Kasse sitzt, arbeitet so langsam, am liebsten möchte ich den ganzen Laden über den Haufen schießen, nur um hier rauszukommen. Geht das nicht was schneller!? Hier steht ein Mann mit Corona!

Die Kassiererin trägt Gummihandschuhe, aber sie sind zu dick, sie kann die Münzen kaum greifen. Schließlich zieht sie die Handschuhe aus und macht ohne weiter. „Sind zu dick!“ ruft sie einer Kollegin zu, die andere Probleme hat. Sie ist damit beschäftigt, für vier nicht georderte Paletten Blumenerde einen Stellplatz zu finden.

„Was sagst du!?“

„SIND ZU DICK!“

Ich staune über die prall gefüllten Einkaufswagen. Was die Leute alles aufs Band hieven. Die Speisen türmen sich meterhoch, und es kullert auch schon mal was runter und bleibt einfach liegen. Niemand bückt sich nach verlorengegangenem Gemüse. Noch nicht.

Hol mal ne neue Gurke, Rolf.

Nur der junge Mann, der unmittelbar hinter mir ist, tritt plötzlich einen Meter zurück, als könne  er meine düsteren Gedanken lesen. In Zeiten allgemeiner Verunsicherung verrät uns schon der kleinste Gedanke, der uns den Schweiß auf die Stirn treibt. Ich fühle mich so schwach, am liebsten würde ich mich irgendwo anlehnen, doch in dieser Corona-Superbrutstätte fasse ich nichts an, was ich nicht unbedingt anfassen muss. Nein, ich muss von ganz allein auf den Beinen bleiben, trotz Schwächegefühl.

Ich fühle mich zum Kotzen.

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Was haben wir uns über vollverschleierte Muslima das Maul zerrissen. Jetzt husten sie uns was in ihrem feinen körpergroßen Mundschutz. Jetzt sind sie plötzlich fein raus. Nein fein drin. In ihrer Burka, wo kein Virus reinkommt.

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Weil ich seit längerem springende Schmerzen im linken Arm habe und nicht weiß, was das soll und woher das kommt, hatte ich vor Wochen einen Termin beim Orthopäden gemacht. Der Termin ist morgen. Ich weiß nicht, ob ich ihn wahrnehmen soll. Es drängt mich nicht grade ins Wartezimmer. Ich kriege allmählich Panik, wenn ich Menschen sehe, potenzielle Virenschleudern. Aber ich hab den Termin schon zweimal verschoben, ein drittes Mal könnte ich mir selbst nicht verzeihen. Ich meine, der linke Arm. Hallo?! Der Herzarm! Warum also zum Orthopäden? Weil es bis zum Termin beim Kardiologen noch länger hin ist.

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Sieht denn niemand den engen Zusammenhang zwischen koronar und Corona? Es ist eigentl. ein Herz-Virus. Es dockt im Sozialraum der Herzen an und verwüstet die gesamte Infrastruktur: Nähe. Vertrauen.

Und sämtliche Ausgänge.

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Seitdem mein Bruder uns Netflix installiert hat, schaue ich in eine Menge Schrott rein. Uninteressantes Zeugs, Massenware. Ich schaffe es selten länger als fünf Minuten. Dann weiss man in der Regel Bescheid, was einen erwartet. Wie immer gibt es Ausnahmen. Echte Fundsachen. Die israelische Serie Shtisel kniet sich lustvoll in eine ultra-orthodoxe Familie in Jerusalem rein. Ich warte auf die zweite Staffel. (Keine Doku!) Momentan freue ich mich tgl. auf ein oder zwei , drei Folgen vom Breaking Bad-Ableger Better call Saul. Bob Odenkirk spielt den übermütigen Anwalt Saul, der stets den Ritt auf der Rasierklinge sucht. Lakonischer Humor, ohne lachen zu müssen.

Mir ist definitiv nicht nach Lachen zumute.

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Irgendwie glaubte ich immer, unsere Generation sei die eine große Ausnahme, die ohne existenzielle Einschnitte wie Krieg oder Hunger davonkommt. Ohne schwere Zeiten. Die eine goldene Ausnahme. Und jetzt sitzen Landräte in Bayern in ihrer Wohnung fest. Ohne jeden Besuch.

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„Ich bin auch einsam“, sage ich zu Karlos, als wir eine Runde Spazierengehen. „Jeder ist einsam.“

Einsamkeit ist ein hartes Wort, Bruder. Man sollte sich gut überlegen, ob man es benutzt, solange man noch eine Frau an seiner Seite hat, die man liebt, und einen Freund, der mit einem spazierengeht.

Schäme dich, Glumm.

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Ich stelle fest: die Leute spucken beim Sprechen. Und diese Leute bin auch ich. Ich hab mich selbst schon beim Spucken beobachtet. Ich rede mit irgendwem auf der Hundewiese und registriere aus den Augenwinkeln, (ohne dass ich mich beim Reden besonders echauffiert hätte), dass helle Rotzschleifchen aus meinem Maul fliegen in Richtung Nebenmann. Oh Scheiße, denke ich. Sollte ich infiziert sein, habe ich gerade die Infektionskette vervollständigt.

Der Mann, der gut anderthalb Meter entfernt steht, regt sich über die Hamsterkäufe seiner Mitmenschen auf, nur um im gleichen Atemzug von seinem eigenen Einkaufswagen bei Edeka zu erzählen, der trotz 150 Euro-Einsatz gerade mal halbvoll geworden sei, weil die billigen Artikel alle schon weggekauft waren und er auf die teuren Bio-Produkte umschwenken musste.

„Ist doch asozial.“

Was die sozialen und praktischen Verwerfungen angeht, stehen wir noch ganz am Anfang, und nein, ich habe kein gutes Gefühl. Wie selbstverständlich es ist, dass unsere Versorgung mit Essen & Trinken stets wie am Schnürchen läuft, fällt erst auf, wenn es wegzubrechen droht.

Von der Müllabfuhr ganz zu schweigen.

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Manchmal muss man die Dinge aussprechen, nur um zu hören, was man alles für einen Mist zusammendenkt den ganzen Tag. Das waren schon immer die Momente, wo Karlos auftauchte und mir seine Ohren lieh. Bevor Karlos nicht davon erfuhr, war es praktisch nicht passiert.

Einsamkeit ist ein hartes Wort für die andere Seite der Welt.

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Die Blockwarte laufen sich warm, ihre Zeit ist gekommen.  HE, RUNTER VOM SPIELPLATZ UND AB NACH HAUSE! Jawohl, mein Herr. Und vielen Dank auch für den Hinweis. Das Dumme: Zum ersten Mal sind die Penner auch noch im Recht.

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Ob wir wollen oder nicht, die Zukunft ist Verzicht.

Mehr kann jeder, mehr ist kein Problem“, sagt sie. „Aber ins Weniger muss man erst reinwachsen.“

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Mir fällt auf, dass die Blicke sich ändern. Die wenigen Leute, die sich auf der Strasse noch begegnen, mustern sich neugierig. Eine seltsame Mischung aus Trotz und Furcht spricht aus den Augen. Sogar Liebe ist zu spüren. Und die erste verkokelte Grillparty

DANACH.

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Man geht mit Corona ins Bett, man träumt von Corona, und wenn man aufwacht und Frühstücksfernsehen schaut, ist das erste Wort, das man hört, CONVID19: über Nacht hat es wieder Hunderte erwischt.

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Als ich eine späte letzte Runde mit dem Hund drehe, fällt es mir auf: Ich habe seit Jahren nicht mehr so viele Sterne so klar am Himmel gesehen wie heute Nacht. Eine gigantische Szenerie, und jeder Stern ein Gesundeter.

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Corona übernimmt die Welt. Die USA verhängen Einreisestopp, New York droht Kollaps, Tom Hanks ist infiziert. Sanne kann es nicht mehr hören. Mach die Nachrichten aus. PANDEMIE. Die Regierung fordert die Bürger auf, direkte Sozialkontakte zu vermeiden. Frankreich schliesst Bars und Restaurants.

Zuhause bleiben…

Wer jetzt nicht in sich zuhause ist, ist nirgendwo zuhause.

Das ist ja alles Blödsinn

Das Internet ist ein riesiger Freiraum, ein Luxusgut für jedermann, durch und durch großartig. Und was machen die Rechtsextremen daraus? Einen engen Kabuff, in dem es nach Neid und Rotze stinkt.

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Alles, was irdisch ist, alles, was auf unserer alten Erde wächst und gedeiht und geschieht, ganz gleich, was es ist und woher es rührt und welche Geschichte dahintersteckt, es ist alles Natur, ganz und gar und ohne Ausnahme. Auch die Unterscheidung zwischen Urwald und von Menschenhand kultiviertem Wald führt in die Irre. Als wären Menschen und das, was sie mit ihren Händen und Gehirnen anstellen, keine Natur, als stünden sie außerhalb der Schöpfung. Was seinen Wert für die Umwelt betrifft, mag es einen Unterschied ausmachen, ob ein Wald aus sich alleine heraus geboren ist oder ob er angepflanzt, ja gezüchtet wurde, doch im Ergebnis wächst ein Wald aus der Erde, ist also Natur, und die Natur macht daraus das beste, was möglich ist. Alles, was Menschen bauen, denken, erfinden ist Natur, weil der Mensch selbst auch Natur ist, genauso wie alles Natur ist, was Tiere und Pflanzen tun. Selbst ein von Menschenhand geschaffenes Glas- und Stahlmonster wie New York ist Natur, nichts anderes. Plastiktüten vom Supermarkt, Kernkraftwerke, Lourdes – alles Natur, von uns gemacht, für die Erde, auf der Erde gemacht. Wir stecken alle unter einer Decke. Es ist ein einziges großes und wunderbar schlimmes Naturschauspiel, das sich da vor unseren Augen entfaltet, ihr ollen Buckelzirpen. Nehmt es hin, und geht schlafen. Ruht euch aus.

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Nur die wenigsten Nachrichten schaffen es überhaupt bis in den Bereich, der einen berührt. Das meiste rauscht an einem vorüber, bleibt fremd, für mich persönlich uninteressant, wie Fred Fussbroich (WDR) einst so treffend formulierte. Vor einiger Zeit aber geisterte eine seltsame kleine Meldung durch die Presse, die es irgendwie in meinen Aufmerksamkeitsbereich schaffte. In Teilen der USA und in Schweden (!) waren Tausende von Vögeln vom Himmel gefallen, lagen tot in den Strassen. Ein beinah biblisches Bild, eine Ur-Vision vom nahenden Ende. Selbst Ornithologen waren ratlos, konnten nicht erklären, was in die Tiere gefahren war. Stress? Unbekannte Viren?

Ein dreiviertel Jahr später las ich zufällig von einem Wildlife Center in Wisconsin, USA, das sich auf die Aufklärung rätselhafter Todesursachen unter Wildtieren spezialisiert hat. Die Pathologen sezierten auch den Tod der amerikanischen Singvögel. Dabei stellte sich heraus, dass alle untersuchten Stärlinge zunächst gegen Türen und Hauswände geprallt waren, bevor sie den rätselhaften Tod fanden. Und dass man alle etwa zur gleichen Zeit aufgefunden hatte, nämlich rund um Neujahr. Die nachtblinden Tiere, so schlussfolgerte man, waren von Silvesterböllern aufgeschreckt worden und in Panik durch die Dunkelheit geflohen und gegen Häuser geknallt. Eigentlich naheliegend oder nicht. Ich meine, hätte man sich das nicht vorher schon irgendwie zusammenreimen können? Das war ja fast ein Schnäppchen unter den logischen Schlussfolgerungen. Vögel, die nach Silvester tot auf der Strasse liegen. Also, ich weiß auch nicht. Alter Schwede. Was ist los. Ist das überhaupt noch alles wahr. Oder ist das getrumpt?

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Vorsicht, Freunde. Hinter jedem richtig gewählten Zeitpunkt lauern mindestens sechzig falsche auf der Bank, die nur darauf brennen, endlich zum Einsatz zu kommen.

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Als die Regionalbahn einfährt, riecht es nach warmen Eisen und ich erdrängel mir einen Sitzplatz. Im Großraumabteil, mir gegenüber, lässt sich ein älteres Ehepaar nieder. Während sie sich angeregt mit ihrem Gatten unterhält, fasst er sich mehrfach unbeholfen über die Schulter, als suche er etwas hinter sich. Plötzlich hält er inne, mitten in der Bewegung, und tippt sich auf die Stirn. „Jetzt will ich mich sogar schon im Zug anschnallen.“ Seine Frau quasselt ungerührt weiter. Er glotzt mich an, wie ein alter Opel Vectra grau-metallic.

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„Um nochmal von vorn anzufangen, brauchen wir unbedingt einen neuen Urknall“, schlussfolgert sie. „Dann starten wir noch mal durch.“

Ich stehe am Fenster. Es ist laut da draußen.

„Hm..? Ein Neun Uhr-Knall? Was ist das denn?“

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Währenddessen im Notizbuch

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Da verbringt man sein ganzes Leben damit, der Mensch zu werden, der man sein möchte, nur um am Ende festzustellen, ich wäre doch lieber so, wie ich am Anfang war.

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Ich mag es, den Sachen nahe zu kommen, ihnen so richtig auf den Pelz zu rücken, denn je näher man den Sachen kommt, desto eher verschwinden sie auch wieder.

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Das ist ja auch nicht ungefährlich, die Arbeit am Marihuanastrauch. Ein Freund von mir ist mal im Sommer mit nacktem Oberkörper in die reifen Fruchtstände gefallen, das sah nicht gut aus. Das war schlimmer als Feuer. Das war eine schwere allergische Reaktion. Sein Bauch brannte, der Rücken, die Arme, er leuchtete am ganzen Oberkörper wie ein Hummer. Er wäre fast verrückt geworden, konnte aber schlecht zum Hautarzt gehen, tu mal ne Salbe rüber gegen Marihuanablütenverbrennung. Gibt’s ja nicht. Denk ich mal.

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Mit meinem alten Kumpel Karlos pflegte ich rituell Haschisch-Tee zu trinken. Das waren ganz besondere Erlebnisse, weil die langanhaltende Wirkung eines guten Tees mit dem Abbrennen eines normalen Joints wenig gemein hat. Es ist eher eine Art Trip. Einmal sind wir zufällig in Remscheid in einer Sporthalle gelandet, am Stadtrand, voll auf Tee, es war früher Nachmittag, roter Libanese, ich schätze so 1985 rum. Das Rollhockey-Bundesliga-Team hatte gerade Training. Wir nahmen auf der leeren Tribüne Platz und verloren uns im Sound des Spielballs. Die kleine harte Pille sauste durch die Halle wie ein Sektkorken und klackerte uns in einer Lautstärke um die Ohren, dass wir in unserem Rausch glaubten, die wollten uns kaputtklackern. Wir waren relativ flott wieder draußen, mit Nachhallminimierung beschäfigt.

Man möchte verzweifelt um Hilfe schreien, doch man sagt hallo

„Ist schon seltsam, im Zeitalter der totalen Kommunikation zu leben, aber kein Mensch redet mehr mit dem anderem“, sagt sie.

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„So schnell konnte meine Mutter gar nicht gucken, wie ich als Kind meine Finger irgendwo drin hatte. Wenn sie gewusst hätte, was ich draußen im Wald alles gesammelt und angefasst habe, tote Kröten, glibbrigen Froschlaich, kranke Vögel, die aus dem Nest gefallen waren, meine Mutter hätte mich nie mehr in den Wald gelassen. Jedenfalls nicht mit Händen.“

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„Ich werde immer gewöhnlicher“, seufzt sie. „Früher hab ich die verrücktesten Dinge getan, und heute..!? Bin ich schon froh, wenn ich mal einen verrückten Gedanken hab.“

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„Meine Oma hätte dich gemocht, wenn sie noch leben würde. Meine Oma mochte alle Männer, die man füttern kann.“

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Erwachsene sind heutzutage wie durchgedrehte Kinder. Und Kinder wie durchgedrehte Erwachsene.

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„Am Telefon war die total nett. Aber die Leute sind ja immer total nett, wenn sie einen nicht sehen.“

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„Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge immer so weiter. Aber eins sage ich dir, mein Freund: so leicht lässt sich das Leben nicht austricksen. Nicht mit Gewohnheit. Nicht auf ewig.“

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Sich neu erfinden heißt ja nicht, ein anderer zu werden, sondern endlich der, der man schon immer hätte sein können.

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Der wirkliche Killerblick… also, der Blick, wo man sich wirklich.. in die Hosen scheißt, das ist der leere Blick.

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Doc Hilten fühlte sich verraten, so wie alle guten Menschen. Gute Menschen fühlen sich ständig verraten. War ich froh, dass ich kein guter Mensch bin.

aus: The Western Blot

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Schreiben ist von sich selber essen.

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Support your local UFO

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„Manchmal gruselt es mich richtig, wenn ich mir vorstelle, dass unsere alte Erde so frei durch den Weltraum schwebt. Ich meine, wir könnten ja alle runterfallen. Wer garantiert mir denn, dass die Erdanziehung ewig hält… Aber weißt du, was mich am allermeisten stört? Dass ich nie erfahren werde, was das alles soll mit dem Universum, wer das erfunden und gebaut hat. Ich find das richtig gemein. Stell dir vor, die Wissenschaft kriegt im Jahre 2240 heraus, wie alles anfing, und ich bin längst tot, kein Mensch denkt mehr an mich, an meine arme, unwissende Seele. Das finde ich ungehörig. Lach nicht. Das ist mein Ernst. Da wird man sein Leben lang angefixt von den Forschern und steht am Ende da mit all seinen Vermutungen und nutzlosem Halb-Wissen. Ist doch Kacke.“

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„Solingen, die Hochburg der langweiligen alten Männer“, ätzt die Gräfin und blickt mich scharf an. „Und ich hab mir das Top-Exemplar geangelt!“

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Als ich nach dem Mittagsschläfchen wach werde, ist ihr Gesicht direkt über mir.

„Was is los…?“

„Ich guck dir beim Schlafen zu.“

„Ach… hmm. Ist spannend..?“

„Ja. All die Striche in deinem Gesicht. Schlaf weiter.“

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Support your local Boulevard

Als Pulp Fiction 1994 in die Kinos kam

Sperrstunde.

„Los, gehn wir zu mir“, mümmelte Klaus, der vom Urlaub auf Ibiza zurück war, „können wir noch schön einen Rundmachen.“

Er wohnte gleich um die Ecke. Riesen-Lounge, geschmackvoll eingerichtet mit Statuen und Wandteppichen aus Ceylon. Während ich durch die Wohnung lief und mir anschaute, was es so alles gab, (ein großes weißes Schaukelschaf für Kinder mit echtem Schafsfell und Modell-Flugzeuge in allen Größen, die an Strippen von der Decke hingen), drehte Karlos schon mal einen Joint.

„Warst du mal Pilot?“ fragte ich Klaus, der sichtlich Probleme mit der Motorik hatte. Er war so dünn und lang gewachsen, er sah aus wie ein braungebranntes biegsames Ausrufezeichen, das sich nicht mehr lange auf den Beinen halten konnte. Er hatte Geld geerbt, aus lauter Langeweile lötete er Stehlampen zusammen, die er auf dem Flohmarkt für kleines Geld verhökerte. „Aber eigentlich will ich ja nur in Ruhe trinken“, sagte er mit den Augen eines alten traurigen Hundes.

Er war weit gereist. Er kannte die Welt, aber es interessierte ihn alles nicht mehr. Selbst seine viel jüngere, hübsche Frau, die er in München geheiratet hatte, bevor er in seine Heimatstadt zurückehrte, „die schlechteste Entscheidung meines Lebens“, ließ ihn kalt. Lieber saß er schon früh um sechs in der schicken Küche und machte das erste Bier auf.

„Pilot? Ich? Nee, ich nicht“, mümmelte Klaus, „aber ich hab mal ne Pilotin gehabt, bei der bin ich viel vorne in der Kanzel gesessen. Bei der Landung und so. Ich sag euch, Jungs, wir landen alle mal, das geht ganz schnell, das siehst du gar nicht kommen – das geht tock-tock und plötzlich bist du unten.“

Eine Woche später fiel er hinterrücks die steile Treppe zu seiner Lounge unterm Dach herunter und brach sich das Genick. Auf der Beerdigung waren sechs Leute anwesend, darunter Karlos und ich. Seine junge Frau war nirgends zu sehen.

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„Du redest immer so schnell und leise“, sagte die Gräfin, als wir uns kennenlernten.

„Quatsch. Ich rede überhaupt nichts. Das hört sich nur schnell und leise an.“

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Zu Gast bei Graugans

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„Es ist nicht das Mittelmaß, das in diesem Land den Ton angibt, es sind vielmehr diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen als dazugehören zu dürfen zum erklärten Mittelmaß.“

aus Nachspiel – Mutmaßungen übers Deutschsein Gastbeitrag Glumm

Sag Mutter, ich hab Scheisse gebaut

Wer bei uns reinkommt, hat es sofort in der Nase: Willkommen im Pet Shop! Zwei schräge Vögel und ein Hund.

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Die Gräfin möchte einen Langsam-Club gründen. Wer gepflegt Mitglied werden möchte, sollte kurz erläutern, wie langsam er ist und ob er vielleicht etwas Langsames besonders gut kann, (etwa den Slowfox extrem langsam ins Akkordeon eintippen oder evtl. noch langsamer etc.)

Die Gräfin lässt bitten.

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Leo hat das Stöckchen

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Ich hole das Werbeblättchen eines Discounters aus dem Briefkasten und muss auflachen.

“Super, die verlosen 1.000 Brathandschuhe!”

“Was??!” ruft sie aus ihrer Malstube. Wo es golden und grün duftet diese Tage.

“Verlosen die.”

“Was?”

“Na, im NETTO..”

„Nein, WAS verlosen die..?“

„1000 Brathandschuhe.“

“Tausend Brathandschuhe..? Was willst du denn mit tausend Brathandschuhen?”

“Na, die gewinnt ja nicht einer allein.. Tausend Leute gewinnen einen Brathandschuh.”

“Aha. Und was willst du mit einem Brathandschuh? Man braucht doch zwei, um ein Hähnchen aus dem Ofen zu holen. Macht doch keinen Sinn sonst. Ist doch Bockmist.”

Da hat sie auch wieder recht.

“Na, dann gewinnen eben fünfhundert Leute je zwei Brathandschuhe. Weiss ich doch nicht. Steht hier nicht.”

„Was steht denn da?“

Sie erscheint im Türrahmen.

„1000 Brathandschuhe zu gewinnen. Hier.“

Einen Moment herrscht Ruhe. Dann geht sie zurück an die Arbeit. Ihr Interesse ist zwar noch nicht erloschen, aber ganz so makaber, wie sie anfangs dachte, entwickelt sich die Sache auch wieder nicht. Ich höre ihren Strich im Skizzenblock. Sie singt sogar ein bisschen. Vielleicht quietscht auch der Quast. Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht.

“Na, hoffentlich kriegen deine fünfhundert Gewinner auch alle je einen linken und einen rechten Brathandschuh”, ruft sie, “sonst sind die aber angepisst.”

Junge, ist das kompliziert heute. Vielleicht sollte doch lieber ein einziger Gewinner alle 1.000 Brathandschuhe auf einmal absahnen und ein großes Brathandschuhfest feiern, mit sich ganz allein, mitten im NETTO.

Gibt ja sonst doch nur Kuddelmuddel.

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Ich weiß nicht, wie oft sie mich schon gerufen hat, um mir irgendetwas zu zeigen, um mich an irgendetwas teilhaben zu lassen, was ihr gefällt. Ich bin meist ihr erster Zeuge. Auch wenn es manchmal lästig ist, ich bin stolz darauf, mir diese Position in langen rufenden Jahren erobert zu haben.

Diesmal ist es eine kleine formschöne Mandarine, die sie unterwegs geschält hat, und deren Schale sie an etwas erinnert.

„Guck mal, die Mandarinenschale sieht aus wie ne Weltkugel, wo nur Italien drauf ist.. Nee, Moment! Helsinki ist auch noch drauf! Und ein paar kleine Südsee-Inseln auf der Rückseite.“

„Zeig mal.“

Ich erkenne so gut wie gar nichts von dem, was sie darin sieht.

„Siehst du das nicht..? Hier, der Stiefel, das ist doch Italien..“

Richtig. Aber Helsinki..? Was hat denn Helsinki für ne typische Form. Die zweite Mandarine teilen wir uns, und die Schale kann man beruhigt in den Wald werfen, sagt sie. Ist ne Bio-Frucht.

„Die sind nicht gespritzt. Die verrotten gesund.“

Im Herbst, wenn der Wind durch die Büsche krault und die vielen Bäume mit kleiner Stimme sprechen, nehme ich mir eine kleine Saft-Orange zur Brust.

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Ab und an begegnet einem ein kleiner Satz, ganz egal, ob nun im eigenen Schädel, im Gespräch oder beim zufälligen Mithören, da habe ich wirklich das Gefühl, wow! Das isses jetzt. Jetzt aber wirklich. Mehr Treffer geht kaum. Ist schwer vorstellbar. Bis zum nächsten High End-Treffer, logisch. Aber erstmal sind wir bei: „Sag Mutter, ich hab Scheiße gebaut!“

Ich weiß nicht genau, woher der Satz stammt, kann sein, dass er mir zugeflogen kam, beim Nachdenken über eine Geschichte. Der Satz ist vielschichtig, er ist wahrheitsliebend, brutal, kurz und sentimental – womit alle Insignien vorhanden sind, um ihm über den Graben zu helfen in die Welt.

Ich bin Geburtshelfer.

Man kann den Satz sogar flüstern. Ohne Ausrufezeichen am Ende. „Psst.. Sag Mutter, ich habe Scheiße gebaut.“ Ja, es gibt Leute, die sind sogar davon überzeugt, dass der Satz erst dann seine volle Wucht entwickelt, wenn er geflüstert daherkommt, und man schnell in Deckung geht.

Sag Mutter, ich hab Scheiße gebaut. Ein wunderbarer schlimmer Satz. Ein Abschiedssatz. Eine allerletzte Ausnahmesituation.

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Die Kunst beschreibt das Zerbrechen am Leben. Das muss man aushalten.

Leo, ein glücklicher Hund


 

Als Frau Moll klein war, gerade dem Welpenalter entwachsen, räuberte sie gern mit Spikey, einem Schäferhundrüden, der am Rand vom Coppel-Park lebte. Herrchen und Frauchen kamen aus Kroatien, ein fleißiges Ehepaar, die Kinder waren schon groß. Besonders der Mann hatte es mir angetan.

„Spikey ist gaanz aktiver Burschäh“, meinte er. „Ist seit zwei Wochen steif, armäh Bursche. Hat Dauerstange. Weil irgendwo in Nachbarschaft ist läufigäh Hündin.“

Der Ton, in dem er das sagte, war nicht die Bohne anzüglich, es klang eher, als berichtete er von Kartoffeln, die eingekellert immer noch am besten schmecken. Die Nahkämpfe der beiden verliebten Rüpel endeten oft mit Zahnfleischbluten und ausgerupften Fellbüscheln, so sehr knallten sie mit den Rippen aneinander, das schepperte richtig.

Spikey starb schon mit 7, er hatte HD. Sein Herrchen bat mich einmal in sein Wohnzimmer, dort hing ein Ölbild von Spikey. Ein richtiger Schinken. Ihm kamen die Tränen.

„War soo scheener Huund.“

Danach holten sie sich keinen Hund mehr, sie kamen über den Verlust nicht hinweg. Eine Katze lief ihnen zu, die durfte bleiben. Ein Kater: Peterle.

„Peterle ist lieeb, ist gute Kaatzäh, aber ist kein Huund. Ist schaade.“

Heute überquere ich mit Leo die Baumstrasse, steht das ex-Herrchen von Spikey vor seinem Haus. Er strahlt mich an, als ich mit Leo auf ihn zuschreite.

„AHH, HAAST DU NEUE PUFFI!!“

Ich muss lachen. Puffi, so hat früher auch Fleschkönigs seinen Hund gerufen, einen aufgeplusterten Sheltie, halb Hund, halb Kissen. „Ein großer Puffi-Hund.“ Aber Leo hat kurzes Haar. Passt irgendwie nicht so richtig.

„Ja, aber den kennen Sie doch schon“, sag ich, „den haben Sie schon gesehen“, aber der Mann hört gar nicht hin. Mit einem Kopfnicken grüße ich seine Frau, die im Hintergrund steht, im Steingarten, und gütig lächelt, wie eine September-Madonna.

Ihr Ehemann greift vorsichtig nach Leo, streichelt ihn.

„Ist aber fett“, sagt er.

„Fett? Der ist doch nicht fett. Vielleicht ein Kilo zu viel..“

Andererseits, der Kollege frisst wie ein Scheunendrescher. Besonders die Gräfin kann seinen schönen hungrigen Augen kaum widerstehen. Ein Leckerchen ist schnell eingeworfen. Ihrer Meinung nach nimmt Leo die Speisen an wie ein Bankautomat, der Geld einzieht, ein Scheinchen nach dem anderen, sehr korrekt, ohne großes Krümeln.

„Ist nicht zu fett..?“ Der Mann ist nicht so richtig überzeugt. „Haat ganz dünne Beinchen, wie Zollstock.“ Er wiegt den Kopf hin und her, während er Leo betrachtet.

„Wie aalt ist Puffi?“ fragt er.

„Zwei.“

„Ist zwei?“

„Ja. Ungefähr.“

Er richtet seine Brille.

„Und ist nur ein Kilo?“

Ich nicke. Jetzt ist er überzeugt.

„Dann ist nicht zu fett.“

Das war knapp. Nochmal Glück gehabt. Und jetzt nichts wie weg, bevor der Kollege sich das nochmal anders überlegt.

Mein Blogger-Hürdenlauf

Zeilensturm hat zum Blogger-Hürdenlauf aufgerufen, eine schöne Idee – mal über Blogs schreiben, die man nicht kennt. (Wie’s geht, ganz unten.) Annika ist schon mal vorgelaufen, der fünfte und letzte von ihr kommentierte Blog ist der von Gaga Nielsen. Wo ich starte mit meinem Hürdenlauf.

Auf ihrer Blogroll hab ich erstmal Schwierigkeiten, vor lauter Kommerz überhaupt so etwas wie einen Blog zu finden. Einen Blogger immerhin gibt es,

→ 1. Kid 37

 

Auch wenn der mir nicht unbekannt ist. Im Gegenteil. Kid 37 ist zufälligerweise einer der ersten Blogger, die ich kennenlernte, als ich 2005 zu bloggen begann. Ich fand ihn zunächst etwas die Nase hoch, was sich legte, als ich ihn Jahre später WIRKLICH las und nicht nur meine Vorurteile bediente. Ein Mann mit Sprachgefühl und unaufdringlichem Witz. Zur Zeit arbeitet er seinen Trip nach New York auf, das sich seiner Meinung nach nun doch nicht so doll von Wuppertal unterscheidet. Lesenswert.

Von Kid 37 wollte ich schnell weiter zum ersten unbekannten Weblog, ging aber nicht. Kid 37 hat zwar eine recht ansehliche Blogroll, aber die üblichen Probleme: viele der empfohlenen Seiten sind längst unter der Erde. Weil ich aber nicht schon wieder eine bekannte Seite aufrufen möchte, brauche ich stattliche sieben Versuche, bis ich mit dem Wieselblog doch noch einen Treffer im Bereich MIR UNBEKANNT lande. Der Blog trägt den schönen Untertitel Da muss man sich wundern, dass nicht noch mehr passiert. Ein Heimwerkerblog? Von der Leiter gefallen mit der Fresse im Farbeimer-Slapstick? Keine Ahnung.

Das Wieseltier ist schon alt und wohnt in der Stadt, schreibt es selbst über sich. Ich gehe im Archiv ganz weit zurück bis zu seinem allerersten Eintrag vom November 2013, darin geht es ums Geld. In einer überaus klaren Sprache klärt uns das Wiesel darüber auf, dass es bis auf eine Ausnahme nie auf die Idee gekommen wäre, seine Eltern um Kohle anzuhauen. (Na, das wäre mal ein Thema für mich!) Diese eine Ausnahme war eine Reise nach New York vor vielen Jahren. Grüße dich, New Amsterdam. Gefällt mir. Was mir nicht gefällt: erst jetzt geht mir auf: Das Wieseltier hat gar keine Blogroll. Mist. Ich nehme mir vor, dass ich mich im weiteren Verlauf des Hürdenlaufs zunächst absichere, ob der anvisierte Kollege auch tatsächlich eine Blogroll führt, bevor ich mich näher mit ihm beschäftige. Oder ihr.

Zurück also zu Kid 37. Wir kommen nicht voneinander los. Jetzt werde ich sofort fündig in seiner Linksammlung. Ein mir unbekannter Blog namens MAD:

 

→ 2. Mumien, Analphabeten, Diebe

Jemand erzählt aus dem Leben, das haben Blogger so an sich, und in dem Eintrag 10 Jahre auf Sand nimmt MAD sich eines Themas an, das alle Blogger betrifft: Die Hoffnung, dass die Plattform nicht eines Tages absäuft, auf der man unterwegs ist. Interessant dabei: Als MAD sich im eigenen Archiv durch alte Beiträge klickt und feststellen muss, dass vor langer Zeit eingebettete Videos längst ausgebettet sind, bemüht er sich noch nachträglich um Restaurationsarbeiten. Das nenne ich mal Pflichtbewusstsein. Und er siezt seine Leser. Daran hab ich mich spätestens seit Herr MiM gewöhnt. Warum auch nicht. Draußen in der richtigen Welt duze ich auch nicht jeden Halunken. Von MAD’s Blogroll picke ich mir

 

→ 3. Die dunkle Seite

heraus. Zunächst mal: Ja! Er hat eine Blogroll, er hat ein Herz für Seinesgleichen. Gar nicht mal so unwichtig, wenn man den Blogger-Hürdenlauf mitmacht. Ansonsten scheint Mark 793 die Sorte Blogger zu sein, der ich wenig abgewinnen kann. Ich lese von Radtouren und sehe dauernd Bilder irgendwelcher Bikes vor mir, wobei nein, ich lese nicht, ich überfliege nur. Plötzlich bleibe ich stecken. Ich lese von Chemotherapie, ich lese von Krankheit. Ich lese plötzlich, warum die Seite im Untertitel Durchs Dunkel heißt. Ich lese Mark 793 und die Kammer des Schreckens.

Eine Kernspintomographie. Er steckt 20 Minuten lang in einer engen superlauten Medizinal-Röhre fest, unfähig auch nur den Kopf zu bewegen. Er überlässt es mehr der Phantasie des Lesers, die Tortur nachzuempfinden, als sie noch anzufachen durch hypergenaue Beschreibung. Gut gefällt mir sein letzter, sein abschließender Satz, wo er die Tasse Kaffee danach lobpreist: … konnte ich gottlob noch eine Tasse Kaffee organisieren – andernfalls wäre ich heute ein Fall für die Lokalnachrichten geworden, das kann ich Ihnen flüstern. 

Ich kann mir nicht helfen. Sobald jemand, und steckt er noch so sehr in der Scheiße, Humor zeigt, bin ich auf seiner Seite. Ich lese mich richtig fest. Bevor ich mich seiner Blogroll widme und die

 

→ Nr. 4 raussuche: Streifzug – Wo war ich stehengeblieben?

Ein Reiseblogger? Es geht los mit einer mehrteiligen Schottland-Tour, ich lande bei Tag 9: Die Flannan Isles. Auch hier steh ich mir zunächst selbst im Weg. Weil ich kaum Reise-Blogs lese, gebe ich auch diesem Reise-Blog keine Chance. Aber jetzt bin ich nun mal hier und zwinge mich zum Lesen. Und siehe: das ist gar nicht mal so schlecht. Zumal Giardino, Betreiber des Blogs, eine Schwäche für Vögel hat und auf dieser schottischen Insel voll auf seine Kosten kommt, es gibt Tausende Papageientaucher. Er präsentiert sie live in Bild und Video. Nachteil: Der Schreibstil ist für meinen Geschmack arg nüchtern. Aber wer Papageientaucher oder stinkende Basstölpel liebt und je auf einer Insel vor Schottland einkehren möchte..

Von seiner Blogroll zuletzt den

 

→ 5. Sprachlog

Ist für mich ein Reiseblog wie Streifzug schon exotisch, bin ich mit dem wissenschaftlichen Sprachlog sozusagen JWD, wie wir bei uns im Rheinland sagen, Janz Weit Draußen. Nicht vom Sujet her, das interessiert mich natürlich, Sprache. Aber eine eher theoretische Herangehensweise wird mir immer fremd bleiben. Ich bin ein Freund von knackig.

Geführt als gemeinsames Projekt dreier WissenschaflerInnen scheint mir Anatol Stefanowitsch auch heute noch tonangebend zu sein. Es gibt Audio-Mitschnitte von Vorträgen („Die Grenzen des Sagbaren“) oder Beiträge zu aktuellen Anlässen, wie etwa zum Anglizismus 2017: Influencer.

Muss man sich mit Kritik sonst stets ein bisschen zurückhalten, weil das Gros der Blogger hobbymäßig unterwegs ist, kann man hier richtig vom Leder ziehen. Kann man – muss man aber nicht. Der Beitrag jedenfalls ist interessant und zeigt Zusammenhänge, die mich aufmerken lassen. So geht der Mode-Begriff Influencer zurück aufs spätantike „influxus stellarum, eine unsichtbare Kraft, die von den Sternen aus in alle Körper hineinströmte und deren Schicksal bestimmte (wörtlich bedeutet es „das Hinfließen der Sterne“)..“

Das lässt sich gut lesen, das ist nicht verkopft, das macht neugierig, wie tief das Marketing-Deutsch in unsere Alltagssprache eindringt und zunehmend Begriffe wie den guten alten Meinungsmacher verdrängt. Und was mich betrifft: Wieder bin ich auf meine spontane Wahl reingefallen: Das Sprachlog hat nämlich keine Blogroll. Scheiße. Ich also zurück zum Streifzug, einen neuen Blog suchen.

 

→ 5a: Der Behindertenparkplatz

 

Der Behindertenparkplatz ist der Blog der Journalistin und Firmengründerin Christiane Link, die in London lebt und im Rollstuhl sitzt. Sie betrachtet das Leben in der britischen Hauptstadt mit den Augen einer Rollifahrerin, ihr Augenmerk liegt logischerweise auf Barrierefreiheit bzw. Barriereunfreiheit. In ihrem Beitrag Wer den Pfennig nicht ehrt… ist sie für ein paar Tage in Berlin und versucht bei der Bundesbank eine Tupperdose voller Kleingeld (100 Mark) umzutauschen in Euro. Nun ist der Publikumsbereich der Bundesbank alles andere als barrierefrei, und so schildert die Autorin die Bemühungen, an ihr Geld zu kommen, wobei sie ganz und gar angewiesen bleibt auf den guten Willen von zwei MitarbeiterInnen. Flockig geschrieben, aber ehrlich gesagt, da hätte man mehr draus machen können.

Soweit mein Hürdenlauf.

Als ich später mit dem Hund draußen bin und beim Wandern im lieblichen Tal meinen eben absolvierten Hürdenlauf noch mal Revue passieren lasse, erlebe ich eine Überraschung. Auf die Frage, welcher der 5 Blogs (ja gut, es waren 7) mich am meisten berührt hat, taucht vor meinem geistigen Auge der Blog mit den Pagageientauchern auf, Streifzug.

Gibbet gar nich, wa.

*

Wie es funktioniert?  Ich zitiere den Mann mit den Ideen, Zeilensturm:

„Dein Beitrag startet, wo dieser hier endet. Nimm dir die Blogroll/Blogliste des fünften kommentierten Blogs vor. Von dieser Liste klicke eines an. Das ist nun deine Station 1. (Aber nur, falls es selbst eine Blogroll hat, sonst ein anderes Blog der aktuellen Blogroll auswählen! Diese Bedingung gilt logischerweise immer.)

Lese im Blog 1 einen Beitrag, den du auch verlinkst, und schreibe nur drei Zeilen darüber: Lob, Kritik, Erstaunen, Fassungslosigkeit, Dank, whatever.

Nun klicke auf ein Blog der Blogroll von Station 1. Hat dieses seinerseits eine Blogroll? Sehr gut, dann ist es Station 2. Lese einen Beitrag … verlinke … schreibe drei Zeilen …
Und so noch drei Mal. Bis einschließlich Station 5. Deine Arbeit ist fast getan: fünf Reisenotizen zu fünf Blogbeiträgen. Nur noch diese Regeln hier anhängen – fertig!

Nun muss jemand anderes den Staffelstab (und vielleicht sogar mehrere) bei der Blogroll des letzten in deinem Beitrag kommentierten Blogs übernehmen – und fünf weitere kommentieren.

Vielen Dank für den gemeinsamen Streifzug durch die Meinungsvielfalt!“

Das weisse Notizbuch Gottes

Einstein lehrt: Je schneller du dich bewegst, desto langsamer verstreicht die Zeit. Man muss nur ständig mit Lichtgeschwindigkeit im All unterwegs sein, schon bleibt man länger jung. Und wer auf die Lichtgeschwindigkeit noch eine Schippe draufpackt, wenn es im Sattel also richtig zittert, der überholt sich sogar selbst und wird immer mehr jung bis er am Ende wieder in den Leib der Mutter zurückklettert, mit den Beinen zuletzt.

Wer noch schneller unterwegs ist, angetrieben von Freien Radikalen und Synthetischen Feuerbohnen, der durchschreitet die Erdenzeit noch weiter rückwärts bis zur Geburt von Nebelhaufen und Sternen vor elf Milliarden Jahren, bis zum Urknall und darüber hinaus bis zur Sekunde VOR dem Ur-Knall: endlich wissen wir, was damals wirklich geschah.

Da liegt es vor uns, das weiße Notizbuch Gottes, in dem ALLES skizziert ist, Anfang, Mitte, Ende aller Zeit. Der Beweis, welch ein Stuss die Theorie um Big Bang ist. Allerdings in Geheimtinte verfasst. Nach Enid Blyton. Aus getrocknetem Zitronensaft. Gut, dass ich die noch beherrsche. Von wegen Wernher von Braun, von wegen Einstein, von wegen Quantenphysik. Die Geheimtinte nach Enid Blyton kann man sogar aufschlecken und als Shortdrink saufen. Geheimtinte nach Enid Blyton entgiftet und macht schlau. Empfehle besonders Das Geheimnis um ein verbogenes Zimmer. (Drittes Erlebnis der sechs Spürnasen.)

 

 

Wie sagte schon die Mutter von Juri Gargarin, dem ersten Menschen im All, nachdem sie von seiner streng geheimen Weltraummission erfuhr, „Himmel! Was macht der Junge nur wieder für Sachen..!?“

Struktur und Story


 

Geschichten sind alles, was wir haben. Mit dem Erzählen von Geschichten versichern wir uns gegenseitig unsere zufällige Existenz. Erst Geschichten verleihen unserem Dasein die Struktur, die wir benötigen, um wenigstens halbwegs so aus der Nummer rauszukommen, als wäre alles geplant gewesen. Als hätte es gar nicht anders kommen können.

Gäbe es da nicht die Grundschwierigkeit jedes authentischen Erzählens: dieses dauernde Sich-nicht-erinnern-können. Dieses verfluchte Alles-was-man-nicht-sofort-aufschreibt-ist-für-immer-verloren. Dieses verdammte Gedächtnis.

Oder wie mein alter Freund Karlos es mal auf den Punkt gebracht hat: „Diesen Tag werde ich nie vergessen,“ schwärmte er, „obwohl ich mich an nichts erinnern kann.“

Welch ein Satz!!! Welch ein Treffer!! Welch hochrangiger Gast im Landstrich Lakonia!

*

Manchmal sind die Geschichten noch warm, wenn ich heimkomme und mich an den Schreibtisch setze. Es ist wie in der Bäckerei, wenn einem die Verkäuferin beim Verlassen des Ladens aufgeregt hinterherschnattert, „junger Mann, nicht zumachen die Tüte, die sind noch ofenwarm, die müssen noch atmen… sonst werden die weich!“

„Wer..? Die Geschichten?“

„DIE BRÖTCHEN!“

*

Wenn ich mir überlege, wieviel abertausend kleiner und mittelkleiner Erlebnisse schon abgetaucht sind auf den Grund meines Gedächtnisses, wo Unmengen von Schwarzen Rauchern herumsitzen und nur darauf lauern, alles aufzurauchen, was ihnen vor den Schlund kommt, alles, was nicht niet-und nagelfest in irgendeinem Notizbuch abgespeichert ist, in ganzen Sätzen am besten, in dieser elenden Grundschulklaue, diesem Gekritzel, das macht mich noch ganz kirre. Sonst ist alles fort! Alles verflogen! Alles für die Katz erlebt!

Erst wenn mir Jahre später eine längst verschollen geglaubte Anekdote in einem alten Notizbuch begegnet, eher zufällig, weil ich eigentlich etwas ganz anderes gesucht habe, erst dann öffnet sich plötzlich eine alte Tür und eine vage Erinnerung steht auf der Matte und wartet mit großen glänzenden Augen darauf, in die gute Stube gebeten zu werden.

„Alter Halunke..! Komm rein!“

Leg ab!

Und erzähl!!

*

Henrystutzen. Manchmal reicht ein einziges aufgeschnapptes Wort, schon taucht man entschlossen ab in seine eigene Jugendherberge. Oder Halifax.

Admiral Benbow.

Die Evolution muss neu überdacht werden

Beim Sonntagsfrühstück fliegt mir etwas Erdbeermarmelade vor die Brille.

„Jetzt hast du den süßen Blick“, sagt sie.

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Manchmal wünsche ich mir, das CERN in Genf hätte tatsächlich eine neue Zeitlinie erschaffen. Oder das nahe Sonnensystem Nemesis könnte eine Überlagerung von Dimensionen erzeugen. Irgendwas irreal Irreparables geschähe und könnte eine Erklärung liefern für die derzeitige Verwirrung. Die 9 Konföderierten, die Sternengeschwister, all ihr Gelichter. Herbei.

*

Man sollte sich kein Urteil erlauben über andere Menschen. Wir sind alle nur Evolution, und Evolution bedeutet Ausprobieren. Da geht eine Menge schief.

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„Hunde streicheln einen niemals zurück“, sagt sie nachdenklich. „Vielleicht wollen Hunde gar nicht gestreichelt werden.“

Es ist eine Überlegung wert.

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Auf halluzinogenen Pilzen kriegt man einen Eindruck davon, wie die Erde wirklich ist, unabhängig vom Zusammenspiel der Sinne und Gehirn. Dass die Erde rund ist, dass es Erdanziehung gibt, dass im Erdinneren ein großes Feuer brennt, es wird Gewissheit. Ein Trip ist eine sehr irdische Angelegenheit.

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Die Evolution muss neu überdacht werden.

Vielleicht ein Carport drüber.

Muss man sehen.

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Ich mag Menschen, die einem das Gefühl vermitteln, als mache sich die Ruhe der ganzen Welt in ihnen breit. Nicht, dass ich einen kennen würde.

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„Eine Frau wird für die Gesellschaft geboren, ein Mann für sich selbst, jeden Tag aufs neue.“

  • Die Gräfin

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Sich hinstellen und populäre Sachen sagen, das kann jeder. Die motzenden Massen bedienen. Wo man sich des Beifalls sicher sein kann, weil eine Million Mäuler schon das gleiche verkündet haben, ohne damit angeeckt zu sein. Dazu gehört kein Mumm. Das ist wie Schwarzfahren mit Hunderteuroscheinen in der Tasche – mutlos.

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„Psst! In mir sprechen gerade mehrere Menschen.“

„Ach.. Hast du wieder deine Stimmen an?“

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„Das Leben beginnt mit 50“, sagt sie tapfer.

„Na ja“, sag ich, „wenn man vorher kein anderes hatte.“

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„Wenn man älter wird, verliert man zunehmend die Lust, Fan von irgendwem zu sein – da ist man schon froh, wenn man sich selber gut findet.“

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Immer gibt’s gar nicht. Immer ist ein phantastisches Wort.“

  • Die Gräfin

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Eine Konditorei ist ein zutiefst friedlicher Ort. Wo Kuchen verkauft wird, bricht kein Krieg aus.

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„Kannst du abheften, unter Ulk“, war sein Standardspruch, wenn er an der Zigarre mümmelnd vor einem stand. Er nahm einem das Klemmbrett aus der Hand, auf dem die EDV-Liste eingespannt war, und begann sie mit den Lebensmitteln abzugleichen, die man auf den Rollcontainer geladen hatte. Sobald er einen Fehler entdeckte, (wenn man etwa statt der drei vom Kunden georderten Kartons Irische Butter nur zwei auf den Rolli gepackt hatte), gönnte er dem Zigarrenstummel eine kleine Pause, murmelte, „ein Karton Irische zu wenig, Jung“, strich den Fehler an und reichte einem das Klemmbrett zurück.

Der Kontrolleur trug einen weißen Kittel. Er war alt. Sechzig, mindestens. Ich war Anfang zwanzig und wunderte mich, dass ein so alter Mann in Deutschland noch arbeiten musste. Er war groß gewachsen, über seinem stattlichen Bauch spannte sich die immer gleiche Strickjoppe, die ihm etwas gefährlich gemütliches verlieh.

Wir arbeiteten im sogenannten Plus-Bereich, wo die Temperaturen bei konstant 7 Grad plus lagen, im Gegensatz zum benachbarten Tiefkühllager, wo sich bei minus 18 Grad erheblich ungemütlicher kommissionieren ließ.

(Was noch im Nachhinein erstaunt: das Rauchen in den Gängen des Lebensmittellagers war gestattet. Auch wenn wir 1983 schrieben, auch wenn die Sachen in Plastikfolie eingeschweißt waren.)

Viele Worte macht der Kontrolleur nicht. Er stand im Plus-Bereich am Ende des Parcours und wartete auf uns Kommissonierer. Wenn er überhaupt den Mund aufmachte, musste sich das Gesagte mühsam den Weg vorbei an dem im Mundwinkel geparkten Zigarrenstummel bahnen.

Der alte Kontrolleur hatte ein großes finsteres Gesicht, beherrscht von zwei buschigen Augenbrauen, die sich wie die beiden Bögen einer im Bau befindlichen Brücke aufeinander zubewegen schienen. Darunter Augen, in denen gelegentlich der Schalk aufblitzte.

„Den Job kannst du abheften, Jung – unter Ulk.“

*


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Nichts ist trauriger als mit seinem Witz allein gelassen zu werden. Da sitze ich mit der Gräfin am Frühstückstisch und reiße spontan einen Gag, mache richtig auf Witzkerl, und dann hört sie überhaupt nicht richtig hin! Ist mit ihren Gedanken ganz woanders und krümelt den Teller voll! Ja, wofür ackere ich denn hier?! Im übrigen unterstreicht sie mit diesem Verhalten nur eine handschriftliche Bemerkung unter ihrem Grundschulzeugnis, zweite Klasse, zweites Halbjahr.

„Die kleine S. ist intelligent, doch unaufmerksam“, schrieb ihre Klassenlehrerin, die blonde Frau Schäfer mit den stämmigen Beinen. „Statt dem Unterricht zu folgen, guckt sie lieber aus dem Fenster und beobachtet die kleinen Meisen, wie sie auf dem Schulhof landen.“

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dabei hatte der Witz durchaus normale Chefqualität.

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„Wo ist eigentlich das Leben hin..?“ klagt sie. „Ich hatte doch immer so viel Zeit. Ich glaube, die Jahre sind zu klein geworden.“

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„An Tagen, an denen ich mich hässlich fühle, kann keine Klamotte der Welt einen schönen Menschen aus mir machen.“

  • Die Gräfin

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„Wie lange ist Scheiblettenkäse denn haltbar..?“

Wir hatten vor einiger Zeit Heißhunger auf Hawaii-Toast, dafür brauchte es unbedingt Scheibletten-Käse, doch mehr als die Hälfte der Packung blieb übrig und steht sich seither im Kühlschrank die Beine in den Bauch.

„Ach, der ist ewig haltbar“, sag ich. „Das sind alles Restbestände aus alten Louis de Funes-Filmen, die heute noch im Supermarkt verkauft werden.“

„Dann hält der sich noch, meinst du?“

„Ja. Der hält noch.“

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In Büchern und in Filmen folgt man gern den abenteuerlichen Lebenswegen berühmter Künstler, während man von den eigenen Abenteuern zunehmend die Schnauze voll hat.

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Nichts stimmt einen so wehmütig wie ein schon lange vermisster Duft, der einem plötzlich um die Nase weht, wenn man im Grünen spaziert.

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Aaahh.. die Welt geht unter! Endlich! Da blühen die Geschäfte!!!

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Als wir mittags am Tisch sitzen und essen, klappert draußen der Briefkasten.

„Hörst du das auch?“ flüstert sie. „Der Wind hat Post reingeweht.“

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Das Herz einer Fledermaus schlägt 1000mal in der Minute. Das Herz einer Fledermaus ist ein sehr leises Schnellfeuergewehr, Fledermausblut ist seine Munition.

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Aus ihrer Haut heraus kommt nur die Schlange.

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Wir sind alle nur auf der Suche nach dem kleinen Glück, Mensch wie Tier, und es sind alles bloß Hormone. Ein Jagdhund, der laut wimmernd hinter einem Reh her ist, ein Terrier, der leidenschaftlich gern buddelt, ein Huskie, der durch den Schnee rennt bis zur Erschöpfung, sie alle entwickeln die gleichen Glücksgefühle wie ein Junkie, der sich nachts um drei auf die Socken macht, um Nachschub zu organisieren.

Versuch den mal zurückzupfeifen.

*


Spielen Sie Boule? Nein nein. Im Moment nicht.

*

Als ich mit der neuen Brille auf der Nase ins Bad ging und mich im Spiegel betrachtete, dachte ich, da steht Roy Orbison. So richtig einverstanden war ich nicht mit dem Anblick. Auch der Gräfin kamen Zweifel, ob die Auswechslung der alten Brille etwas gebracht hatte.

„Aus einem etwas merkwürdigen Büroleiter ist ein etwas großzügigerer merkwürdiger Büroleiter geworden“, grinste sie, wobei sie das etwas bis zum Anschlag dehnte. Im Laufe des Abends jedoch gewöhnten wir uns mehr und mehr an den Anblick, und aus einem etwas merkwürdigen Büroleiter wurde der Vize-Gebietsleiter vom Objektschutz Olpe, und ich war fürs erste zufrieden.

*

Kapitalismus – diese endlose Potenzmaschine.

*

Ich flöte so vor mich hin.

„Gute Laune heute?“

„Geht so“, sag ich.

„Och Mensch, entwerte doch nicht immer alles so, wie einen alten Fahrschein.“

*

Bücher, die man in seiner Jugend gelesen hat, sind wie alte Freunde. Sie erinnern einen daran, wer man einmal war, als man das Buch zum ersten Mal in der Hand hielt.

*

Mein Leben gehört zu den Kassenschlagern, wo man im Kino sitzt und die ganze Zeit darauf wartet, dass sich der Vorhang hebt und es endlich losgeht, auf Veranlassung des Filmvorführers.

*

Samstagabend auf dem Spielplatz. Es ist dunkel. Auf der Schaukel sitzt ein einsamer Teenager, er schaukelt langsam vor und zurück, vertieft in sein Handy und mit langen Strippen im Ohr, als würde er künstlich ernährt. Das bläuliche Licht des Displays leuchtet sein Gesicht aus, schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein betont höfliches UFO, das keine Fehler machen will. Nicht jetzt. Nicht beim Schaukeln.

*

„Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele verschiedene Leben ein einzelner Mensch leben kann“, sagt sie.

„Schön gesagt“, sag ich.

„Wieso schön? Das ist überhaupt nicht schön. Das ist verwirrend.“

*

„Du..“

Sonnabends, ich bin schon fast eingeschlafen, flüstert sie meinen Namen.

„Du..?“

„Mh..?“

„Können wir nicht mal einen Film über mich drehen? Ich würde mich gern mal groß im Kino sehen.“

*

„Antwerpen ist die letzte große Lektion, die ein Mensch in seinem Leben erhält, und jeder muss es ganz allein bewältigen, jeder für sich – ohne jede Anleitung.“

„Hmm..? Wieso ist Antwerpen die letzte große..“

„Altwerden, du Penner, nicht Antwerpen! Altwerden ist die letzte große Lektion..!“

*

„Die Scham gibt man ab, wenn man im Kapitalismus lebt. Scham war gestern.“

  • Die Gräfin

*

Was gibt es schöneres als ein strahlend blauer Sommerhimmel, 24 Grad und den ganzen Tag Zeit, ach was, das ganze Leben, für die eigenen Belange.

DANGER.

*

Ich: „He! Es ist schon fünf Uhr durch!“

Sie: „Bei dir vielleicht, du Penner.“

*


Der dünne heroinsüchtige Trompeter. Zum 30. Todestag von Chet Baker

„Wie hieß noch mal der dünne Trompeter, der auf Heroin war und der so wunderbar traurig und vorsichtig singen und Trompete spielen konnte?“

„Chet Baker. Du meinst Chet Baker. “

*

„Hörst du das..? Da ist so ein ganz eigener kleiner weicher Wind, wenn Chet Baker die ersten Töne anbläst…“

  • Die Gräfin

*

Vor 30 Jahren, am 13. Mai 1988, starb Chet Baker, der magischste aller Jazz-Trompeter in Amsterdam. (Halb)offiziell fiel er im Speedball-Rausch, einer Mixtur aus Heroin und Kokain, aus dem offenen Fenster des Prins Hendrik Hotels, als er um drei Uhr in der Nacht allein auf seinem Zimmer war. Der Schlüssel steckte von innen, es war abgeschlossen, Fremdverschulden scheidet aus. Chet Baker landete auf dem Pflaster des Gehwegs vor dem Hotel und war sofort tot.

Todesursache: Brain injury.

Nebulöser klingt die Aussage seines letzten Pianisten Graillier. Demzufolge soll Baker Stunden zuvor des Hotels verwiesen worden sein. Weil er aber sein Instrument vergessen hatte, sei er in der Nacht heimlich die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. Die Amsterdamer Polizei wies solche Vermutungen zurück. Wie auch immer, es handelte sich wohl um einen Unfall, (man fand Drogen in seinem Zimmer), und am folgenden Abend, so die Legende, verstummten alle Jazz-Clubs von Paris bis New York.

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Fressen und kacken

„Fressen und kacken, fressen und kacken, von früh bis spät dreht sich auf der Erde alles ums Fressen und ums Kacken“, spöttelt die Gräfin. „Von wegen der blaue Planet. Das ist ein bisschen blauäugig von uns.“

*

Die Gräfin drückt sich so vorsichtig einen Pickel aus, als puhle sie Pistazien aus der Mortadella. Die mag sie nämlich auch nicht.

„Wieso das denn?! Pistazien mag ich sehr wohl!“

„Ruhe! Ich muss etwas beschreiben. Ist doch egal, ob das genau stimmt. Hauptsache, es könnte stimmen und klingt richtig.“

Tja, da beiße ich bei der Gräfin aber auf Granit. Ginge es nach ihr, müsste alles haargenau so beschrieben werden, wie es in Wahrheit ist, und nicht, wie es vielleicht sein könnte.

„Schreib das nicht so! Schreib das anders!“

Und so sitze ich hier und zerbreche mir den Kopf, wie die Gräfin nun richtigerweise ihren Pickel ausdrückt. Wie  man das beschreiben könnte. Vielleicht so vorsichtig, als puhle sie aus der Mortadella die Pistazien heraus, die sie so gerne mag, sie möchte sie solo verzehren, ohne störende Fleischwurst drumherum.

„Na, so gern mag ich Pistazien nun auch wieder nicht!“

*

Heut morgen, kurz vor acht, hat sich im Coppel-Park ein halbes Dutzend Krähen gegenseitig in der Mache. Es flattert und zetert in der Luft, als hätte man Furzkissen in den Auspuff einer schweren Kawasaki gestopft. Ganze Besatzungen von militanten Outlaw Gangs scheinen in die Fehde verstrickt zu sein.

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„Unsere Zeit hat ADHS! Die ist ein ranghoher Zappelphilipp, die ist voll hyperaktiv, unsere Zeit! Die hält einfach nicht still! Die ist emotional gestört, die rennt immer weiter!“

  • Die Gräfin

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„Und, wie gehts?“ fragt er.

„Gut“, sag ich, „glaub ich.“

„Mh? Wie jetzt..? Glaubst du nur, dass es dir gut geht, oder gehts dir wirklich gut?“

Mann, da will es aber einer ganz genau wissen.

„Ich glaub, mir gehts gut, ja“, sag ich, schon leicht angesickt. „Weiß nicht.“

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Man beachte beim Joke der Woche: Es gibt Brüller, und es gibt Schnauferl.

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„Im Urlaub hatte mein Vater eine einzige Badehose mit, die war rot und ziemlich groß und ziemlich altmodisch, aber das war ihm egal. Er mochte keine knappen Shorts, wo ein Ei rausguckt und so. Das war nicht sein Ding“, erzählt sie.

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Coca Cola ist noch in jedem Getränkemarkt Rotlichtbezirk.

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Gott ist ein Frollein vom Theater. Etwas altbacken, aber idealistisch.

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„Ich bin Jesus!“ schreie ich abends an der Bar.

„Ach wo. Du hast ein paar üble Gestalten und Gott in dir, das ist alles“, lallt der Mitsubishi Boy.

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„Eines Tages kommt es ans Tageslicht: Das Weltall ist aus Schellack.“

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Gott, in seiner kugelsicheren Null-Präsenz.

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    „Dass das Wasser der Weltmeere nicht ausläuft ins All, finde ich gut.“ 

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Wenn ich nicht zufällig selbst in mir stecken würde, ich schätze, ich wäre einer dieser Typen, bei denen ich nicht wüsste, was ich über sie denken soll.

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„Männer machen nur Scherereien. Und dann wollen sie auch noch gekrabbelt werden.“

  • Die Gräfin –

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Draußen wird die Straße geteert. Der Lärm geht einem so auf den Nerv, man möchte noch ein Fenster mehr haben, das man zumachen könnte.

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Wenn ich als Kind vorm gut gefüllten Handwaschbecken stand und Schiffe versenken spielte, hieß das bei uns: Quasen.

„Jetzt hör mit dem Quasen auf“, rief meine Mutter, wenn es mal wieder zu sehr spritzte und das ganze Badezimmer unter Wasser stand.

Nicht weit entfernt, dreißig Kilometer Richtung Rhein, schimpfte die Mutter der kleinen Gräfin: „Hörst du wohl endlich mit dem Püttgern auf! Du alte Püttger-Liesel!“

Der Unterschied zwischen Quasen und Püttgern war der Unterschied zwischen Rhein und Wupper und gut dreißig Kilometern.

*

„Frauen haben viele Augen, wenn sie weinen. Vermutlich sind die vielen Tränen der Frauen ihre vielen Augen.“

(Die Gräfin)

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Ich hatte ihn lange nicht gesehen. Er sah verhärmt aus, abgemagert: im Alter bekommen wir endlich das Gesicht, das uns zusteht. Nur seine Stimme schnarrte so metallisch und herrisch wie eh und je.

„Ich hab nur noch schlechte Laune, seit ich nicht mehr saufe. Vor allem, wenn ich unter Leuten bin und um mich herum sind alle am Quasseln, das hältst du nicht aus. Da möchte ich manchmal das Saufen wieder anfangen. Aber kein Bier und Wein und so Sachen, nee, direkt harten Schnaps.“

„Wieso..? Nur um blöde mitquasseln zu können?“

„Nee, nicht quasseln! Also, ich meine, die können mich vollquasseln, wie sie wollen! Mir doch egal. Die sollen mich bloß in Ruhe lassen mit meinem Schnaps!“

*

„Weißt du was? Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, dem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn er Buchstaben sieht.“

  • Die Gräfin

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„Eine Ausstellungseröffnung ist für mich jedes Mal, als marschiere das Publikum schnurstracks in mich hinein. Ich gebe Dinge preis, die ich meiner besten Freundin nicht erzähle. Die Leute kommen und trampeln alles nieder und dann sind sie wieder weg.“

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„Na, hast du dir wieder einen Satz von mir gestohlen? Und angezogen, wie ein schönes Hemd, ja!?“

  • Die Gräfin

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„Sag mal.. bist du etwa immer noch so naiv zu glauben, dass die Dinge, die da draußen geschehen, in unserem Sinne sind..?“

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Einladungskarte zur Fete zum 30. Geburtstag 1990

Vielleicht lag die Sache anders

Gelesen von Margarete Helminger

Die für mich eher untypische Geschichte mit dem Haupt-Satz Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, sind sie nicht daran gebunden, so zu bleiben bis ans Ende aller Tage entstand im Frühjahr 2016, im Rahmen eines Projekts. Ich hatte völlig vergessen, dass ich sie geschrieben habe, und bin nur durch Zufall auf sie gestoßen, als ich eigentlich etwas ganz anderes suchte. Nicht vergessen jedoch habe ich die großartige Stimme von Margarete Helminger, ihre ebenso eingängige wie auf Abstand bedachte knarzende Ernsthaftigkeit, sie hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

*

Vielleicht lag die Sache anders

Er saß in der Nähe der Bahngleise und korrigierte sich. Das schlimmste, was passieren konnte, war nicht keine Träume mehr zu haben, (die kamen wieder, kräftiger als zuvor), das schlimmste war sein Geheimnis einzubüßen. Zu viel preiszugeben. Kein Rätsel mehr zu sein, nicht mal sich selbst. Ein Geheimnis, einmal in der Welt, brachte alle zum Lachen und erfüllte den ganzen Kosmos mit Scham.

Nein. Wenn es Flügel waren, wenn ihm tatsächlich Flügel gewachsen waren, musste er sie abstoßen. Er musste sie wieder loswerden. Ein Engel, so offensichtlich geheimnislos, (wenn auch vielleicht nicht auf Anhieb und für jedermann erkennbar), hatte das nicht etwas von jenem Stumpfsinn, dem er so verzweifelt zu entrinnen versuchte? War er nicht aufgebrochen, um neue Träume auszuhecken? Neue Worte zu klecksen? Auf neuen Wegen zu schlendern? Brauchte unsere sprudelnde Über-Welt nicht Heilung? O welch maschinenselige Zeit! In der alle Geheimnisse gelüftet, alle Abenteuer geabenteuert, alle Majestäten begrüßt sind.

Und exakt in diesem Moment der Schwebe, der Sehnsucht, (und gewissermaßen der Schwäche), waren ihm Federn gewachsen. Er war in Ohnmacht gefallen, er hatte im Irrenhaus übernachtet, er war ein Engel geworden. Doch ein Engel hatte unsichtbar zu bleiben und nicht mit Gefieder zu protzen. Ein Engel kam aus dem biblischen Off, verrichtete seinen Job auf Erden (hienieden) und verschwand, bevor jemand die Feuerwehr rufen konnte, hier schwebt das Unwesen! So hatte er es gelernt, so war es immer gewesen, warum etwas daran ändern. Warum zur flugfähigen Ikone werden, bei deren Anblick sich alte Weiber bekreuzigten und davoneilten. Engel waren keine Cheerleader, die in der Halbzeitpause die Puscheln schwangen zur Belustigung des Publikums. Nein, die Flügel mussten weg, fertig, aus. Sie hatten nichts zu suchen an ihm, und er hatte sie sich nicht ausgesucht.

Er betrachtete sein Spiegelbild in einer Pfütze. Da war nicht nur das gefiederte Schulterblatt, da war auch das zerknautschte Gesicht – er sah aus wie ein Mix aus Engel und Aborigine, ein Tier, das in die Zivilisation geraten war und zu viel Süßkram futterte. Wind kam auf. Er zog den Schal enger. Hatte er Schals nicht immer gehasst? Waren Schals nicht immer ein, je nun, rotes Tuch gewesen für ihn? Und jetzt, schau dich nur an, dachte er. Vielleicht lag die Sache also anders. Vielleicht hatte er etwas Wichtiges übersehen. Etwas Entscheidendes.

Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, sind sie nicht daran gebunden, so zu bleiben bis ans Ende aller Tage.

Wie immer, wenn es auf eine Entscheidung hinauslief, wenn er kurz davor war zu handeln, wurde er unruhig und geriet ins Wanken. Eine einzige kleine Entscheidung konnte alles verändern, das war es, was ihm zu schaffen machte, mehr, als ihm lieb war.

Du kannst jeden Ort verlassen, der unruhig ist, auf der ganzen Welt, aber nicht deinen eigenen Geist, nicht deinen eigenen Körper. Den musst du aushalten. Den musst du dir zum Freund machen, zu einem Ort mystischer Ruhe, sonst hast du ein Problem. Musste er die Flügel also aushalten? Waren sie jetzt ein Körperteil von ihm, egal, ob geliebt, ob ungeliebt?

Während er dem Gedanken nachhing, tat er etwas Überraschendes: Statt sich der Flügel zu entledigen, statt sie in der Luft zu zerreißen und dem Leibhaftigen zu überlassen, (oder vielleicht auch: statt die Flügel zu spannen und aufzusteigen in die Lüfte und sich zu verdünnisieren), holte er aus und schleuderte etwas fort, das seit dem Weihnachtsmarkt in seinen Taschen steckte, seit den Klängen des Akkordeons: die kleine blaue Kugel.

Ein spontaner Entschluss, eine sportliche Entgleisung fast, denn schließlich, was hatte sie ihm groß getan – nichts. Nicht einmal gestört hatte sie, nicht einmal lästig war sie geworden. Nur geglüht hatte sie ein wenig in seinen Taschen, eine wärmende Kugel in einem atemberaubend funkelnden, ja überirdischen Blau…

Idiot, dachte er.

Erst der Welt eine Standpauke halten, dass sie kein Geheimnis zu schätzen weiß, und dann genau das hergeben, das schmucke kleine Mysterium. Er starrte zu den Schienen hinüber, zum Bahngelände, wo er es hingepfeffert hatte. Irgendwo dort musste es liegen. Irgendwo.. hienieden. Er schimpfte, und zog los.

Ein Idiot zu sein war neu. Er war zeitlebens der Überzeugung gewesen, der einzige zu sein, der es blickte. Er hielt sich für die Hausmarke der Götter, während die Menschheit insgesamt nichtsnutzig war, nicht den Penny wert. Dass ihm jetzt Flügel gewachsen waren, war nur folgerichtig – so gesehen. Er war ein Auserwählter, der zunehmend törichte, ja entblößende Dinge tat. Er musste die Kugel zurückholen. Er musste das Geheimnis zurückbringen. An einen fremden Ort.

Er lief den Bahngleisen entlang, stocherte im Schotter nach der magischen Kugel, suchte zwischen allem, was Leute aus fahrenden Zügen werfen. Gepäckscheine, Kakaofläschchen, ein halber Regenbogen, 3 vergammelte Rosen. Eine war noch ein bisschen schön. Er legte sie ins Gleisbett zurück. Vielleicht war hier jemand verunglückt. Vielleicht war das eine Kultstätte. Konnte doch sein. Es konnte so vieles sein.

Und es war so viel.

Pferdegetrappel am Horizont; verirrte Plastiktüten, vom Wind aufgewirbelt, fegten übers Gelände. Ein Streifen Sonne fuhr wie ein plötzliches Bügeleisen über seinen Kopf, die Flügel zwickten. Aus der Ferne betrachtet kraxelte ein Engel übers Bahngelände, zog Holunderbüsche und Sträucher auseinander, warf einen Blick hinein, ging weiter.

Wirklich verrückt sein, das war gleich mal ne andere Nummer als bloß ständig davon zu schwafeln, dachte er. Einer seiner Lieblingsgedanken. Neben ihm ragte ein Baumstumpf aus dem aufgeweichten Boden, wie ein zum ewigen Lachen verdammter Schnabel.

„Da lacht was!“ rief er.

Der nahe Bach, sonst nur ein Rinnsal, zeigte seine lange weiße schäumende Zunge und preschte den Schienen entlang durch die Wiesen.

*

Ill.: Susanne Eggert

Null Uhr Stammesgebiet

„Bin gerade wach geworden, nach zwei Stunden dünnem Schlaf, wie unter ner Oblate.“

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I.

Früher haben die Menschen versucht, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu kriegen. Heute versucht jeder das Leben auf sich selbst zuzuschneiden.

Und die Schwierigkeiten haben dann die anderen.

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Auch mit Fünfzig hat man morgens dicke Ränder unter den Augen – aber nicht vom Saufen, sondern vom Durchschlafen.

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Sie weiß Dinge, von denen ich keinen Schimmer habe. Sie weiß zum Beispiel, was es mit selbstgemachtem Frühlingsquark auf sich hat, warum er so viel besser schmeckt als die Fabrikvariante von Milram. Es fehlt der anerkennende Pfiff der Hausfrau, den sie beim Abschmecken ausstößt, wenn es GENAU JETZT richtig ist mit all den grünen Kräutern und Gewürzen.

„Ich meine, woher soll so eine Maschine denn auch wissen, dass sie GENAU JETZT die Lippen spitzen und pfeifen muss, die hat doch keine Lippen.“

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„Die 80erjahre waren der letzte Geschmack von Freiheit und Aufbruch in der Welt, und wir hatten das Glück und sind dabei gewesen. Die 80erjahre waren die letzte Feier vorm Erbsenzählen.“

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„Ich hab mich so an die Person gewöhnt, die ich verkörpere, manchmal weiß ich gar nicht mehr, wer ich wirklich bin..“

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„Mich stört nicht, dass ich so langsam bin in meiner Entwicklung und Unmengen Zeit brauche. Mich stört, dass das Leben so kurz ist.“

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„Wir sind alle zu Tode beleidigt, weil das Leben uns nicht streichelt.“

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„Was ich jetzt noch brauche, das ist unter Aufsicht ausschlafen… EINMAL KOMA, HERR DOKTOR!“

  • Die Gräfin

 

II.

Solingen wurde bei seiner Geburt nicht gerade vom göttlichen Funken begünstigt, Solingen wurde schwerfällig beim Fingerhakeln geboren. Andererseits ist Solingen keine dieser verzärtelten Regionen, die schon beim leisesten Landregen ein 40minütiges Wetter-Extra im Lokalfunk auflegen. Hier wird man noch nass auffem Kopp, weil einem keiner was sagt.

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Weißt du, wann die Welt echt am Arsch ist? Wenn die Innuit anfangen, Leberkäs zu fressen. Dann war’s das. Dann ist Schluss. Dann wird gekotzt.

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Man kann ruhig auf Tausendsassa und dicke Hose machen, man kann auf einem Pottwal winkend in New York City einreiten, um bei Bloomingdale’s sein neues Buch zu promoten, alles kein Problem, solange man nur gelegentlich innehält und etwas opfert, das einem am Herzen liegt. Den Göttern opfert, damit sie gnädig bleiben.

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Worum es sich im Leben eines rechtschaffenen Drogensüchtigen dreht, hat vermutlich nie jemand treffender ausgedrückt als Becks (†):

„Hauptsache es knallt mit Schaum im Arsch.“

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Becks hatte sieben Brüder, darunter Püppi. Püppi war der zweitälteste. Er hatte ein unbewegliches milchiges Puppengesicht und winzige eingeschlossene Äuglein. Er konnte gar nichts dafür, aber er sah aus wie ein Kindermörder, der früh am Morgen wach wird nach der letzten Tat und schon wieder einen verbotenen Ständer hat. Püppi, manche nannten ihn auch Bizzi, wurde 1995 in Velbert ermordet. Seinen Leichnam fand man auf dem Balkon einer Mietskaserne, man hatte ihn in einen Schrank gestopft, wie einen lästigen Seesack.

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Im Bus schneuzt sich einen alter Mann, so lautstark, dass sich der Busfahrer umdreht.

„Hat dahinten jemand Papierstau?!“

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Schon Wochen vor dem Nervenzusammenbruch hatte ich schlecht geschlafen. So schlecht, die Gräfin meinte, ich hätte nur noch geschnaubt abends im Bett. „So komische Stressgeräusche.“ Nichts ging mehr. Drei, vier schlimme Wochen bestand ich hauptsächlich aus schlechten Gefühlen, aus Angst und einem Herzrasen. „Wenn andere Menschen zu 70 % aus Wasser bestehen, bestehst du zu 70 % aus Angst“, sagte sie. Ich wurde früh um vier wach und lief in den vier Wänden auf und ab wie ein Tier in Gefangenschaft. Ich war nicht nur auf einem Abstiegsplatz Richtung Irrsinn, ich war das Schlusslicht, ich hatte die rote Laterne. Mehr als einmal hatte ich die Finger am Telefon, um einen Rettungswagen zu rufen, weil ich diese Masse an schlechten Gefühlen nicht mehr ertrug, die auf mich niederprasselten, während ich im Zimmer auf- und abging, unablässig den Wahnsinn abwehrend, der sich Stück um Stück, Zentimeter für Zentimeter nach vorne kämpfte, wie ein mit schlechten Gefühlen gedopter Athlet, der nur ein einiges Ziel kannte und verfolgte: den eigenen Niedergang, Das war neu. Das war krank.

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Wir alle haben Angst davor, eines Tages zu den Menschen zu gehören, die nirgendwo mehr erwünscht sind. Nach denen niemals irgendwer fragt. Die wissen, was es bedeutet, einsam zu sein. Und nicht erwünscht.

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Ich werde demnächst Bayern München-Fan. Da kann man schön woanders hingucken, wenn im Fernsehen ein Bayern-Spiel läuft, macht ja nichts, die Bayern gewinnen ohnehin. Bayern-Fan zu sein ist total bequem. Man hat nie Sorgen, Geld ist auch immer da, nicht mal groß anfeuern muss man die Mannschaft. Bayern München ist das erste Robot-Team der deutschen Bundesliga. Nicht mal ein menschliches Antlitz ist noch nötig.

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Schwüles Wetter, gereizte Atmosphäre und immer noch nicht berühmt. Wo soll das bloß enden. Auch Karlos ist sich nicht sicher, wie es weitergeht. „Was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Leben, Glumm.“ Keine Ahnung. Weiterbrechen. (Standardantwort).

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Ich glaube, man verbringt die schönste Zeit seines Lebens, wenn man keinen Gedanken daran verschwendet, dass man gerade die schönste Zeit seines Lebens verbringt.

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Ein Wetterchen ist das heute, als spiele jemand Solo-Trompete in der Weltuntergangs-Combo, und bei jedem neuen Trompetenstoß babbeln olympische Schneekristalle im Schalltrichter. Ein Wetterchen, wie geschaffen für Doktor Schiwago im ZDF, einem der wenigen Spielfilme, wo man noch das Gefühl hat, du schlägst Sonntagnachmittags ein dickes Buch auf, und die ganze Zeit liegt Schnee in Russland.

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Sobald die Leute sich unbeobachtet fühlen, hebt mein Interesse das Köpfchen. Da ist zum Beispiel die Spaziergängerin mit dem bösen Gesicht, die ihren Hund ständig als „du blöder Wichser!“ beschimpft und nach ihm tritt – bei leichtem Schneefall. Was nun nicht heißt, dass es gleich für eine geschlossene Schneedecke reicht. Aber es glitzert recht knuffig im abendlichen Schein der Laterne…

„Nun zieh nich so, blöder Wichser!“

„Laangsam..! Laangsam, du verfluchter Köter!“

„Blöder Wichser!“

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Man kann sich das Leben erklären. Aber leichter wird es dadurch auch nicht.

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Urvertrauen verloren! Belohnung

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Man muss in der Regel ja nur mal woanders schlafen, schon wird man woanders wach.

Und genau darum ging es mir, wenn ich auf der Rolle war: woanders wach werden, und dann langsam nach Hause schlendern, mit dem Geruch einer fremden Frau am Hals.

 

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Mutters Erde

Ich tauche eine Weile ab, ich habe anderes zu tun. Nicht unbedingt besseres, was gibt es besseres als bloggen, aber anderes, zeitintensives. Was schön anstrengendes:

Schreiben.

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Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.

*

Ich mag es Kaffeebohnen von Hand zu mahlen. Wenn ich mal keine Lust habe, weil es mir zu lästig ist, neun Minuten lang die Kaffeemühle zu drehen, halte ich kurz inne und gedenke Pozzo di Borgo, einem Querschnittsgelähmten, einem Tetraplegiker, der im Rollstuhl sitzt: „Ich wäre schon froh, wenn ich nur den kleinen Finger bewegen könnte.“ Und in Windeseile zählt Kaffeemahlen mit der Hand wieder zu den schönsten Sachen der Welt.

*

Einmal konnte ich beobachten, wie der mit einer motorischen Behinderung ausgestattete Fotograf unter einem Baum stand, einem gewaltig ausladenden Silberahorn, und einen Vogel fotografierte, der hoch oben in den Ästen zu tun hatte. Wie ein Ornithologe stand er da, der Fotograf, angereist, um einen seltenen Vogel vor die Linse zu bekommen, doch es war nur ein kleiner Alltags-Specht, der oben am Baumstamm seinem Tagwerk nachging – tack tack tack machte es.

Tack tack tack, und die Kamera ging: klack.

*

Ein anderes Mal lief er mir in der Hitze des Sommers über den Weg, an einem Ort, der unter der Bezeichnung Am Sommerberg bekannt, aber auf keiner Karte verzeichnet ist und wo sich eine große Schrebergartenkolonie übers Tal erhebt, wie eine proppere Favela, mit WC- und Kabelanschluss, null Wäscheleinen, null Kindergeschrei. Kein Moped, kein Geknatter, Kühlboxen außer Betrieb, bis zum Wochenende. Deutsche Favela, ordentliche Favela.

Laubenpieperfavela.

Da stand er also am Sommerberg, der gehandicapte Fotograf, der Mühe hatte, seine Kamera zu bedienen, der sich für jedes Foto viel Zeit nehmen musste, und schaute verloren den Hang hinauf, an dem die Gartenhäuschen klebten wie in einem 1000-Teile-Puzzle. Irgendwann war es soweit. Der Mann nahm die Kamera zur Hand, die vor seiner Brust baumelte, und machte ein Foto. Fast ein wenig widerwillig. Ein Mann mit leicht nach innen gedrehtem Fuß, einer verkümmerten Hand, ein Mann in heller Leinenhose.

Und nur ein Foto.

Er machte immer nur ein einziges Foto. Er brauchte elendig lange, um den Bildausschnitt festzulegen, Blende, Weißabgleich, keine Ahnung, was er so lange zu fummeln hatte. Ist ja auch egal. Er brauchte Zeit, er hatte Zeit, er nahm sich Zeit. Er war die Zeit mit Fotoapparat.

Immer, wenn er mir über den Weg lief, war der Fotograf so beschäftigt, dass er nichts und niemanden um sich herum wahrnahm. Er fotografierte keine Menschen. Menschen schienen ihn eher zu stören, abzuschrecken. Er ging ihnen aus dem Weg, in seiner ganzen umständlichen und langsamen Art, er fotografierte Natur, soweit ich das beurteilen konnte. Selbst wenn ich ihn kurzfristig verfolgte, nur um zu sehen, was er eigentlich so trieb, wenn ich also zwei Meter hinter ihm auf meinem Beobachtungsposten war und er mich eigentlich hätte wahrnehmen müssen, so blieb er doch stets abgeschirmt in seiner Zeitlupenwelt und schenkte mir keinen Blick.

Ein Autist mit spärlich-verhaltenen Bewegungen. Ein Arm verkümmert. Wenig Spannung im Körper, aber den Fotoapparat stets schussbereit. Eine Taschenpfändung, dachte ich, würde Behindertenausweis, Traubenzucker und Ersatzfilme ans Licht bringen, Kodak, 36er-Farbfilm. Und es drängte mich tatsächlich, ihn anzusprechen. Ihn zu befragen, ob er digital fotografierte oder altmodisch auf Silberfilm. Zwar wäre mir die Antwort bekannt gewesen. Konnte ich ja sehen. Es war eine analoge Spiegelreflexkamera, mit der er knipste. Aber auf diese Art würde ich seine Stimme hören können. Einmal nur vernahm ich sie schwach und heiser, hustend, Bronchialasthma.

Gestern beobachte ich den milchgesichtigen kleinen Fotografen, Mitte 40, schütteres Haar, wie er in ungefähr zwanzig Metern Entfernung nahe dem Parkteich steht und ein Foto macht. Seine Handhabung der Kamera ist umständlich, es dauert, bis er die richtige Position findet. In halb gebückter, konzentrierter Haltung knipst er etwas, das am Boden liegt. Was sich dort unten abspielt, kann ich von meiner Warte aus nicht erkennen. Und dann schießt er entgegen seiner sonstigen Art ein Bild nach dem anderen, ohne die Position zu wechseln. Klack klack klack. Klack klack. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass er sonst nur ein einziges Foto schießt und jetzt eins nach dem anderen, aber ich meine so etwas wie Wut herauszuhören, Zorn. Entladung. Gewitterbilder. Ich halte Abstand, präge mir aber die Stelle ein, wo er fotografiert. Als er weiter gegangen ist, zaghaft, aber nicht ziellos, schaue ich sofort nach, was es da so sensationelles zu fotografieren gibt.

Die Rekonstruktion:

Da ist nur ein Loch im Boden nebst einem Hügel aufgeworfener Erde. Als hätte dort ein Hund gebuddelt. Sonst nichts. Nur ein Loch im Erdboden, fünfzehn Zentimeter tief vielleicht – die Art Ort, wo ein Wurm seine Werkbank hat und Aufträge bearbeitet. Oder hat ein Maulwurf sein Näschen herausgestreckt? Aber nein, den Maulwurf hätten die Klackgeräusche der Kamera verschreckt. Den hätte er nur einmal vor die Linse bekommen.

Enttäuscht bücke ich mich, untersuche den Boden genauer. Doch es ist weiter nichts zu sehen, bloß gute alte lockere Erde.

Muttererde.

Hallelujah.

*

Die andere Seite

„Als ich zum ersten Mal das Ding eines Mannes gesehen hab, bekam ich einen Riesenschreck. Ich dachte irgendwie, das wäre ein Innenorgan, das sich verlaufen hat.“

  • Die Gräfin

*

Sie kann sich mächtig aufregen, besonders über Männer. Je älter sie wird, desto roter das Tuch Mann. So findet sie es schlichtweg zum Kotzen, dass eine Frau, die spät abends allein auf der Straße unterwegs ist und plötzlich Schritte hinter sich hört, solche Ängste ausstehen muss.  Ängste, die einer Frau von klein auf eingeimpft werden. Ein Mann dagegen bewegt sich ganz selbstverständlich in der Stadt, auch mitten in der Nacht.

„Ich meine, warum wechselt der Blödmann nicht einfach die Straßenseite, damit ich keine Angst vor ihm haben muss?! Der merkt doch, dass ich Angst vor ihm hab! Ist doch keine große Sache, mal eben die Straßenseite zu wechseln, und es wäre eine wichtige, eine faire Geste zwischen Frau und Mann. Ein Signal..“

„Nun ja.. kann sein. Aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass die meisten Typen so denken, wenn sie nachts unterwegs sind, oder?“

„Du aber schon“, sagt sie und schaut mich an. „Du denkst doch an so was, oder nicht?“ Sie forscht nach Anzeichen in meinem Gesicht, ob ich die Wahrheit vorbereite. Oder ob ich nach links oben schaue, Anzeichen für: Lüge! Stress! Ausrede! (Andere Wissenschaftler sagen: Genau andersrum! Wer nach rechts oben blickt, der lügt!)

Tatsächlich habe ich mal nachts einen Umweg eingeschlagen, als eine Frau sich nervös nach mir umdrehte, weil ich auf meinen neuen Stiefeln, die Sohlen mit Nägeln fixiert, über den Asphalt schlirrte, wie ein Cowboy. Es gefiel mir nicht, dass sie sich verfolgt fühlte. Ich wollte nicht, dass sie Angst hatte.

„Daran würde ich aber nicht immer denken, zum Beispiel wenn ich besoffen aus der Kneipe komme und nach Hause will..“

„Na, wenn du besoffen aus der Kneipe kommst, hat auch keine Frau Angst vor dir. Höchstens, dass man dir womöglich hochhelfen muss, falls du dich aufs Maul legst. Das ist aber auch alles.“

Frauen können so mitleidlos sein.