Klappspaten ist ein schönes Wort

Technicolor ist ein schönes Wort”, sag ich.

“Ist ein männliches Wort”, sagt sie.

“So? Findest du?”

“Ja. Obwohl.. na, vielleicht nicht voll männlich. So halb und halb. Sagen wir, Technicolor ist ein feminines Männerwort. Punkt. Kein echtes Männerwort wie Baustoffhandel und Bodenpersonal. Klappspaten. Dampfmaschine. Oder Startguthaben. Überhaupt alles, was mit Start und Ziel zu tun hat, ist maskulin.”

“Hm.. und feminin? Was ist ein typisch feminines Wort..? Karamell?”

“Zum Beispiel. Tannennadeln. Tausendsassa. Kissen. Bei Marrakesch läuft mir das Wasser im Mund zusammen.. das Frauenwasser. Marrakesch ist wie den Teller ablecken nach einem köstlichen Mittagessen.”

Marrakesch ist weiblich, Kissen ist weiblich. Was ist mit Küssen? Weiblich?”

Küssen.. ist neutral. Aber Luft ist weiblich. Hase, Ferse, Gras – alles weiblich. Wiese ist männlich.”

Wiese? Moment.. Der kleine Grashalm ist weiblich, die große Wiese dagegen männlich? Ich dachte, die Frau hat das ganze Großraumbüro im Blick, während der Mann an seinem winzig-kleinen Schreibtisch sitzt und ackert, wie sie es mal so treffend formuliert hat

Oder auch:

60 Männer auf einem Haufen füllen eine Kneipe, zwei Frauen sind die ganze Welt.”

Na schön. Es gibt so viele Worte, die der Klärung bedürfen. Man könnte ein Brevier verfassen.

Halifax ist ein schönes Wort”, sag ich.

“Männerwort”, sagt sie.

“Was ist mit Frottee? Ist feminin, oder?” schätz ich mal.

“Frottee ja, Frotteur nein.”

Frotteur?”

“Männer, die sich zu Stoßzeiten in überfüllten U-Bahnen an nackten Frauenbeinen rubbeln, sind Frotteure. Grapscher, Fummeltrinen.”

Einspruch.

Fummeltrinen sind halb Männer, halb Frauen.. die Zwitterwesen der Disco-Ära. Romy Haag, Amanda Lear, der dritte Sex. Wobei man nie genau wusste, sind das schon Frauen oder sind das noch Männer. Haben die jetzt einen Sack oder was.”

Sie nickt. “Okay.”

“Was ist mit Käse?” frag ich. “Männlich, weiblich, neutral?”

Käse.. ist unberechenbar, Käse ist weiblich. Du gehst zum Kühlschrank und schnupperst am Weichkäse, der so nach Ammoniak stinkt, dass du glaubst, du stehst im Stall in bepisstem Stroh. Und das beste daran: Es schmeckt! Klare Sache: Käse ist weiblich. Käse ist Frauensache.”

Manchmal sitz ich wie ein Bauer

gehirnjogging

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Manchmal sitz ich wie ein Bauer nach getaner Feldarbeit auf dem Scheißhaus, die Ellbogen auf den Knien, und denke nach. Was das alles soll, der ganze Blödsinn hier, all die Tage, die Nächte, und der Mond.

Und was sie eigentlich damit meinte, als ich sie fragte, was sie vermissen werde, wenn sie eines Tages tot ist. Vermutlich alles, antwortete sie rasch. Alles werde ich vermissen – alles, und den Geruch von Regen.

Darüber muss ich nachdenken.

Oder warum ich mir keine schwarzen Business-Schuhe kaufe und ein Sakko, und jedes Mal, wenn ich in die Taschen greife, ist da Geld drin. Und zwar nicht zu knapp. Könnte man doch machen. Machen doch alle. Warum ich nicht. Man könnte doch Druckluftpuppen mit langen Flatterarmen verleihen oder Pepita-Hüte entwerfen. Aber nein. Ich tu es nicht. Ich hocke lieber auf dem Klo. Und denke darüber nach, warum es noch kein Buch von mir zu kaufen gibt – obwohl. Da weiß ich Bescheid. Ich warte immer ab, ob ich es demnächst nicht vielleicht noch besser kann. Deshalb. Nämlich.

Ist doch logisch.

Es gibt so vieles, was einem auf dem Lokus durch den Kopf geht. Etwa, warum unsere deutschen Mütter bis heute darauf achten, saubere Unterhosen zu tragen, damit sie reinen Gewissens in einen Unfall verwickelt und in ein Klinikum eingeliefert werden können. Ein Gedanke, auf dem sich leicht herumreiten lässt, schließlich kann so ein Schlüpfer nicht blütenweiß genug sein für die Herren Doktoren. Apropos Herren: Was ist eigentlich mit den Kerlen und ihren Unterhosen? Die geraten doch auch nicht gern in Schwulitäten. Aber alle sechs Stunde ne frische Buxe, nur weil einem der Blinddarm platzen könnte und dann ist ohnehin alles eingesaut… Ich weiß nicht.

Worüber ich noch nachdenke, wenn ich auf dem Pott sitze, was ich nicht kapiere:  warum jeder Höhepunkt unerbittlich das Ende einläutet, die Leute dieses Makel aber nicht wahrhaben wollen, jedes Mal aufs Neue.

Und warum bei allem, was wir tun, stets die Möglichkeit präsent ist, dass man mit-ten-drin abkratzt. Dass alles vergeblich ist, ein letztes Mal. Nie wieder. Allez..! Das ist doch.. Na ja. Schon gut. Ist eben so. Wir versuchen doch alle nur, nicht so schnell zu sterben.

Wir versuchen doch alle nur, nicht zu sterben.

gehirnjoggingAuch warum einem ganz schummrig wird, wenn einem die Wucht der Zukunft in den Sinn kommt, ist mir einen Gedanken wert. Warum wir, wie die Gräfin meint, niemals erfahren werden, was das alles soll mit dem Universum. Wer das erfunden hat. Gezeichnet. Bezahlt. Und gebaut. Und warum König Saul von den Philistern als Brautpreis hundert Vorhäute verlangte. (Eine hübsche Schnittmenge, sicher.)

Und warum ich wieder mal in Hundescheiße getreten bin, obwohl der Haufen doch klar und ersichtlich vor mir lag – ein dicker fetter Kackhaufen, ich mein, ich hätte es doch sehen müssen, aber ich hab es nicht gesehen. Ich hab es nicht mal gerochen, ach wo – immer volle Lotte rein mit den Sandalen. Vielleicht, um hinterher sagen zu können: Wusst ich’s doch! Beim Abgang. Voll reingesemmelt.

Zu spät - allerhand zu spät.., Susanne Eggert, 2013

Es ist ein Hybrid aus Denker und Bauer, der auf dem Klo sitzt und sich fragt, warum wir Menschen, die auch nur aus Wasser und einem Haufen chaotischer Chemie bestehen, genauso wie Pinselohrschweine oder Gorillas, sich so viel toller fühlen als die Pinselohrschweine oder Gorillas, nur weil wir nach getaner Arbeit noch auf dem WC kauern und schwere Sachen denken.

Zum Beispiel, warum die Vorstellung, dass es eine Matrix gibt, in der alles Weltgeschehen gespeichert ist, jedes Tun, jeder Gedanke, den je ein Mensch getan oder gedacht hat, warum diese Matrix nichts anderes ist als der übliche Gottesgedanke; und warum die Gräfin noch nie mit Gott gelacht, noch nie mit Gott geschäkert hat, wie sie behauptet.

“Ich hab noch nie zu Gott gesagt, na, hör mal, du bist mir ja vielleicht einer..”

Zuletzt frag ich mich, warum mir ein an sich bedeutungsloses Bild partout nicht aus dem Kopf will.

Sommerferien 1992. Wir fuhren durch das belgische Örtchen Nazareth, als uns ein Mofa-Fahrer begegnete, ohne Helm, seine ausgebeulte und viel zu große adidas-Hose flatterte im Wind wie ein großes zerrissenes Segel. Ein wunderbares, jäh auftauchendes Bild, das mich bis heute begleitet. Auch wenn es, isoliert betrachtet, keinerlei Bedeutung hat. Was soll das also? Warum denk ich solche Dinge? Warum spukt dieses Bild regelmäßig durch mein Bewusstsein, als hätte es ein Aktenzeichen? Wer hat etwas davon?

Und, vor allem: Wer zum Teufel bestimmt, was passiert, wenn ich die Augen schließe?

Wer regiert mich?

“Sag mal, was treibst du da eigentlich so lange auf dem Pott?” ruft die Gräfin besorgt.

“Nix.”

“Wie, nix?”

“Na, nix eben.”

“Für nix muss man doch nicht ne halbe Stunde auf dem Scheißhaus sitzen, mein lieber Schwan.”

“Doch, ich schon.”

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