Null Uhr Stammesgebiet

„Mir ist langweilig. Dann denk‘ ich.“

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I.

„Früher haben die Menschen versucht, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu kriegen. Heute versucht jeder das Leben auf sich selbst zuzuschneiden. Und die Schwierigkeiten damit haben dann die anderen.“

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„Auch mit Fünfzig hat man morgens dicke Ränder unter den Augen – aber nicht vom Saufen, sondern vom Durchschlafen.“

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„Diese Haltlosigkeit, weil man nie genau weiß, wer bin ich morgen..“

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„Man kann als Mensch die Welt gar nicht nicht verändern. Selbst wenn man keinen Handschlag tut, spielt man Schicksal.“

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Sie weiß eine Menge Sachen, von denen ich keinen Schimmer habe. Sie weiß zum Beispiel, was es mit selbstgemachtem Frühlingsquark auf sich hat und warum er so viel besser schmeckt als die Fabrikvariante von Milram: Es fehlt der anerkennende Pfiff der Hausfrau, den sie beim Abschmecken ausstößt, wenn es GENAU JETZT richtig ist mit Kräutern und Gewürzen.

„Ich meine, woher soll so eine Maschine in der Fabrik auch wissen, dass sie GENAU JETZT die Lippen spitzen und pfeifen muss. Die hat doch keine Lippen.“

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„Die 80erjahre waren der letzte Geschmack von Freiheit und Aufbruch, und wir sind dabei gewesen. Die 80er waren die letzte Feier vorm Erbsenzählen.“

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„Ich hab mich so an die Person gewöhnt, die ich verkörpere, manchmal weiß ich gar nicht mehr, wer ich wirklich bin..“

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„Nein. Mich stört wirklich nicht, dass ich so langsam bin und Unmengen Zeit brauche, mich stört, dass das Leben so kurz ist.“

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„Wir sind alle zu Tode beleidigt, weil das Leben uns nicht streichelt.“

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„Für andere Leute Kuchen backen ist wie ein Baby zur Adoption freigeben.“

  • Die Gräfin

 

II.

Solingen wurde bei seiner Geburt nicht gerade vom göttlichen Funken begünstigt, Solingen wurde schwerfällig beim Fingerhakeln geboren. Andererseits ist Solingen keine dieser verzärtelten Regionen, die schon beim leisesten Landregen ein 40minütiges Wetter-Extra im Lokalfunk auflegen. Hier wird man noch nass auffem Kopp, weil einem keiner was sagt.

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Weißt du, wann die Welt echt am Arsch ist? Wenn die Innuit anfangen, Leberkäs zu fressen. Dann war’s das. Dann ist Schluss. Dann wird gekotzt.

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Man kann ruhig auf Tausendsassa und dicke Hose machen, man kann auf einem Pottwal winkend in New York City einreiten, um bei Bloomingdale’s sein neues Buch zu promoten, alles kein Problem, solange man nur gelegentlich innehält und etwas opfert, das einem am Herzen liegt. Den Göttern opfert, damit sie gnädig bleiben.

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Worum es sich im Leben eines rechtschaffenen Drogensüchtigen dreht, hat vermutlich nie jemand treffender ausgedrückt als Becks (†):

„Hauptsache es knallt mit Schaum im Arsch.“

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Becks hatte sieben Brüder, darunter Püppi. Püppi war der zweitälteste. Er hatte ein unbewegliches milchiges Puppengesicht und winzige eingeschlossene Äuglein. Er konnte gar nichts dafür, aber er sah aus wie ein Kindermörder, der früh am Morgen wach wird nach der letzten Tat und schon wieder einen verbotenen Ständer hat. Püppi, manche nannten ihn auch Bizzi, wurde 1995 in Velbert ermordet. Seinen Leichnam fand man auf dem Balkon einer Mietskaserne, man hatte ihn in einen Schrank gestopft, wie einen lästigen Seesack.

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Im Bus schneuzt sich einen alter Mann, so lautstark, dass sich der Busfahrer umdreht.

„Hat dahinten jemand Papierstau?!“

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Schon Wochen vor dem Nervenzusammenbruch hatte ich schlecht geschlafen. So schlecht, die Gräfin meinte, ich hätte nur noch geschnaubt abends im Bett neben ihr. „So komische Stressgeräusche.“ Ich war ein Hund, der nicht mehr aus dem Hecheln herauskam. Nichts ging mehr. Drei, vier schlimme Wochen bestand ich hauptsächlich aus schlechten Gefühlen, Angst und Herzrasen. „Wenn andere Menschen zu 70 % aus Wasser bestehen, bestehst du zu 70 % aus Angst.“ Ich wurde früh um vier wach und lief in meinen vier Wänden auf und ab wie ein Tier in Gefangenschaft. Ich war nicht nur auf einem Abstiegsplatz Richtung Irrsinn, ich war das Schlusslicht, ich hatte die rote Laterne. Mehr als einmal hatte ich die Finger schon am Telefon, um einen Rettungswagen zu rufen, der mich in die Klappse bringt, weil ich im kleinen Wagen der Gräfin („Ich kann dich doch fahren!“) Platzangst bekommen hätte. Was ich bis dahin nicht wusste: dass es tatsächlich möglich ist, solche Mengen an schlechten Gefühlen zu fühlen, alle auf einmal. Das war neu. Das war krank.

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Wir alle haben Angst davor, eines Tages zu den Menschen zu gehören. Die nirgendwo erwünscht sind. Nach denen niemals irgendwer fragt. Die wissen, was es bedeutet, einsam zu sein.

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Ich glaube, ich werde demnächst Bayern München-Anhänger. Kann man schön woanders hingucken, wenn ein Bayern-Spiel im TV läuft, macht doch nichts, die Bayern gewinnen sowieso. Bayern-Fan zu sein ist total bequem. Man hat nie Sorgen, Geld ist auch immer da, nicht mal anfeuern muss man die Mannschaft. Bayern München ist das erste Robot-Team der deutschen Bundesliga. Nicht mal ein sonderlich menschliches Antlitz ist noch nötig.

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Schwüles Wetter, gereizte Atmosphäre und immer noch nicht berühmt. Wo soll das bloß enden. Auch Karlos ist sich nicht sicher, wie es weitergeht.

„Was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Leben, Glumm.“

Weiterbrechen. (Standardantwort).

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Ich glaube, man verbringt die schönste Zeit seines Lebens, wenn man keinen Gedanken daran verschwendet, dass man gerade die schönste Zeit seines Lebens verbringt.

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Ein Wetterchen ist das, als spiele jemand Solo-Trompete in der Weltuntergangs-Combo und bei jedem Trompetenstoß bubbeln olympische Schneekristalle im Schalltrichter. Ein Wetterchen, wie geschaffen für Doktor Schiwago im ZDF, einem der wenigen Spielfilme, wo man das Gefühl hat, man schlägt sonntagnachmittags ein dickes Buch auf und die ganze Zeit liegt Schnee in Russland.

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Wenn die Leute sich unbeobachtet fühlen, hebt mein Interesse sein Köpfchen. Da ist die Spaziergängerin mit dem bösen Gesicht, die ihren Hund als „Wichser!“ beschimpft und nach ihm tritt – es gibt nichts, was es nicht gibt bei leichtem Schneefall. Was nicht heißt, dass es gleich für eine geschlossene Schneedecke reicht. Aber es glitzert recht knuffig im abendlichen Schein der Laterne.

„Nun zieh nich so, Wichser!“

„Laangsam..! Laangsam, du verfluchter Köter!“

„Blöder Wichser!“

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Man kann sich das Leben erklären. Sogar den Tod. Aber leichter wird’s dadurch auch nicht.

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Urvertrauen verloren!

Belohnung

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Mutters Erde

Ich tauche eine Weile ab, ich habe anderes zu tun. Nicht unbedingt besseres, was gibt es besseres als bloggen, aber anderes, zeitintensives. Was schön anstrengendes:

Schreiben.

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Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.

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Ich mag es Kaffeebohnen von Hand zu mahlen. Wenn ich mal keine Lust habe, weil es mir zu lästig ist, neun Minuten lang die Kaffeemühle zu drehen, halte ich kurz inne und gedenke Pozzo di Borgo, einem Querschnittsgelähmten, einem Tetraplegiker, der im Rollstuhl sitzt: „Ich wäre schon froh, wenn ich nur den kleinen Finger bewegen könnte.“ Und in Windeseile zählt Kaffeemahlen mit der Hand wieder zu den schönsten Sachen der Welt.

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Einmal konnte ich beobachten, wie der mit einer motorischen Behinderung ausgestattete Fotograf unter einem Baum stand, einem gewaltig ausladenden Silberahorn, und einen Vogel fotografierte, der hoch oben in den Ästen zu tun hatte. Wie ein Ornithologe stand er da, der Fotograf, angereist, um einen seltenen Vogel vor die Linse zu bekommen, doch es war nur ein kleiner Alltags-Specht, der oben am Baumstamm seinem Tagwerk nachging – tack tack tack machte es.

Tack tack tack, und die Kamera ging: klack.

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Ein anderes Mal lief er mir in der Hitze des Sommers über den Weg, an einem Ort, der unter der Bezeichnung Am Sommerberg bekannt, aber auf keiner Karte verzeichnet ist und wo sich eine große Schrebergartenkolonie übers Tal erhebt, wie eine proppere Favela, mit WC- und Kabelanschluss, null Wäscheleinen, null Kindergeschrei. Kein Moped, kein Geknatter, Kühlboxen außer Betrieb, bis zum Wochenende. Deutsche Favela, ordentliche Favela.

Laubenpieperfavela.

Da stand er also am Sommerberg, der gehandicapte Fotograf, der Mühe hatte, seine Kamera zu bedienen, der sich für jedes Foto viel Zeit nehmen musste, und schaute verloren den Hang hinauf, an dem die Gartenhäuschen klebten wie in einem 1000-Teile-Puzzle. Irgendwann war es soweit. Der Mann nahm die Kamera zur Hand, die vor seiner Brust baumelte, und machte ein Foto. Fast ein wenig widerwillig. Ein Mann mit leicht nach innen gedrehtem Fuß, einer verkümmerten Hand, ein Mann in heller Leinenhose.

Und nur ein Foto.

Er machte immer nur ein einziges Foto. Er brauchte elendig lange, um den Bildausschnitt festzulegen, Blende, Weißabgleich, keine Ahnung, was er so lange zu fummeln hatte. Ist ja auch egal. Er brauchte Zeit, er hatte Zeit, er nahm sich Zeit. Er war die Zeit mit Fotoapparat.

Immer, wenn er mir über den Weg lief, war der Fotograf so beschäftigt, dass er nichts und niemanden um sich herum wahrnahm. Er fotografierte keine Menschen. Menschen schienen ihn eher zu stören, abzuschrecken. Er ging ihnen aus dem Weg, in seiner ganzen umständlichen und langsamen Art, er fotografierte Natur, soweit ich das beurteilen konnte. Selbst wenn ich ihn kurzfristig verfolgte, nur um zu sehen, was er eigentlich so trieb, wenn ich also zwei Meter hinter ihm auf meinem Beobachtungsposten war und er mich eigentlich hätte wahrnehmen müssen, so blieb er doch stets abgeschirmt in seiner Zeitlupenwelt und schenkte mir keinen Blick.

Ein Autist mit spärlich-verhaltenen Bewegungen. Ein Arm verkümmert. Wenig Spannung im Körper, aber den Fotoapparat stets schussbereit. Eine Taschenpfändung, dachte ich, würde Behindertenausweis, Traubenzucker und Ersatzfilme ans Licht bringen, Kodak, 36er-Farbfilm. Und es drängte mich tatsächlich, ihn anzusprechen. Ihn zu befragen, ob er digital fotografierte oder altmodisch auf Silberfilm. Zwar wäre mir die Antwort bekannt gewesen. Konnte ich ja sehen. Es war eine analoge Spiegelreflexkamera, mit der er knipste. Aber auf diese Art würde ich seine Stimme hören können. Einmal nur vernahm ich sie schwach und heiser, hustend, Bronchialasthma.

Gestern beobachte ich den milchgesichtigen kleinen Fotografen, Mitte 40, schütteres Haar, wie er in ungefähr zwanzig Metern Entfernung nahe dem Parkteich steht und ein Foto macht. Seine Handhabung der Kamera ist umständlich, es dauert, bis er die richtige Position findet. In halb gebückter, konzentrierter Haltung knipst er etwas, das am Boden liegt. Was sich dort unten abspielt, kann ich von meiner Warte aus nicht erkennen. Und dann schießt er entgegen seiner sonstigen Art ein Bild nach dem anderen, ohne die Position zu wechseln. Klack klack klack. Klack klack. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass er sonst nur ein einziges Foto schießt und jetzt eins nach dem anderen, aber ich meine so etwas wie Wut herauszuhören, Zorn. Entladung. Gewitterbilder. Ich halte Abstand, präge mir aber die Stelle ein, wo er fotografiert. Als er weiter gegangen ist, zaghaft, aber nicht ziellos, schaue ich sofort nach, was es da so sensationelles zu fotografieren gibt.

Die Rekonstruktion:

Da ist nur ein Loch im Boden nebst einem Hügel aufgeworfener Erde. Als hätte dort ein Hund gebuddelt. Sonst nichts. Nur ein Loch im Erdboden, fünfzehn Zentimeter tief vielleicht – die Art Ort, wo ein Wurm seine Werkbank hat und Aufträge bearbeitet. Oder hat ein Maulwurf sein Näschen herausgestreckt? Aber nein, den Maulwurf hätten die Klackgeräusche der Kamera verschreckt. Den hätte er nur einmal vor die Linse bekommen.

Enttäuscht bücke ich mich, untersuche den Boden genauer. Doch es ist weiter nichts zu sehen, bloß gute alte lockere Erde.

Muttererde.

Hallelujah.

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