Für unterwegs. Für auffe Faust

Dumme überflüssige unangenehme Dinge sollten pro Tag nicht mehr als eine halbe Stunde Licht kriegen.

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Ja, richtig. Glumm mein Name. Ich bin meine eigene Kultstätte. Ich mache ständig Bohei um mich. Ich bin ein Stenz in der Linie meines Großvaters, der protestantischen Wuppertaler Linie. Ich, Glumm, Chroniker, mache Bohei um meine Person in dem Bewusstsein, dass es viele hundert Millionen Menschen in Europa und Amerika gibt, die nicht viel anders sind als ich. Die wie ich sind. Wenn ich von mir spreche, spreche ich von ihnen. Von euch. Von dir. Du bist auch Glumm, in der einen oder anderen Weise. Von dem Milliardengewimmel in China ganz zu schweigen. Sind die etwa auch Glumm? Ich weiß es nicht. Aber auf eine Milliarde mehr oder weniger Glumm kommt es ohnehin nicht mehr an.

Die Frage bleibt: Wie soll man eigentlich bei so viel ähnlichem Personal noch etwas besonderes darstellen. Und warum auch. Hat der Herrgott (oder die Fraugott) uns etwa gebaut, damit jeder von uns etwas besonderes ist? Ich schätze schon. Warum hätte er sonst jedem eine einzigartige DNS zugeteilt. Also, Ärmel aufkrempeln und locker machen.

Es geht los.

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„Die Hände, die die leckersten Sachen kochten, waren Großmutters Hände – warme großbusige Hände.“

Die Gräfin

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Nun zähle ich bekanntermaßen zu den Leuten, die einen Fehler im Schnitt hundertmal wiederholen, bevor sie sich beim hundertersten Mal fragen, wie gestalte ich Nummer 102, um etwas Abwechslung in die Angelegenheit zu bringen. Ich langweile mich nicht gern, jedenfalls nicht mehr als nötig. Erst wenn der Fehler so richtig ins Blut übergegangen ist, kann es passieren, dass ich dazulerne, peu a peu und ohne es wirklich mitzukriegen. Dann erst kann ich mich an die nächste größere Misere heranwagen, so allmählich. Ich bin ein sehr langsamer Lerner. Slowlearnin‘ Glumm.

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„Wir Menschen sind nichts als eine Horde Evolutionsausreißer, und jetzt kriegen wir uns nicht mehr eingefangen.“

(Die Gräfin)

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„Manchmal, wenn ich so auf der Bühne stehe und meine laute Punk-Gitarre spiele, blicke ich runter ins Publikum und frage mich, sag mal, Junge, was denken die Leute eigentlich so von dir?“

(Stiller Teilhaber)

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Es gibt Menschen, die treten in dein Leben, erledigen ihren Job, sind wieder weg. Und es gibt Leute, die finden ihr Leben lang nicht die Erfüllung, stehen aber irgendwann frühmorgens auf und fällen 37 Fichten hintereinander weg, wie die Fichtenfäller.

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Romantiker sind immer etwas unbeholfen.

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Manchmal begegnet einem ein Bild auf der Straße, das es kaum noch gibt. Das man für ausgestorben hielt. Da ist diese Bande von Kindern. Wie die Orgelpfeifen strolchen sie durchs Viertel, Kinder im Alter zwischen sechs und vierzehn, bunt durcheinander gewürfelt und doch zusammengehörig. Sie tragen Flitzebogen (drei Jungs), machen Beatbox (die 14jährigen), und 10jährige Mädels sind halb Flitzebogen, halb Beatbox und ertränken alles in Gekicher. Die ganze Bande wirkt, als wäre sie auf dem Weg zur Straßenmeisterschaft. Super Sache. Das sind alles Glumms.

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Nein. Ich zähle mich nicht  zu den Männern, die sich selbst als Batterie begreifen, die es bloß aufzuladen gilt und schon hoppelt das Häschen wieder rosarot durch die TV-Werbung und schlägt die Pauke bis zum Umfallen. So ein Mann bin ich nicht. Nicht unbedingt jedenfalls. Denn ein bisschen davon trägt jeder Mann in sich, ein bisschen Batterie bin ich auch, ein bisschen Energiekonzept, Aufladestation und Restpower.

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Rainer aus Wuppertal kommentierte mal, ich hätte ein großes Herz, dabei ist mein Herz in Wahrheit eher normal entwickelt, es handelt sich um ein durchschnittlich zermürbtes Herz. Und was nun den Schneid angeht, gewisse Dinge anzupacken, die man tun muss, um bekannt zu werden, da ist mein Herz weit unter Normalnull. Beschädigt ist das Organ auch schon, dreifach zerschossen. Aber ich bin ein cleveres Kerlchen. Ich tu einfach so, als hätte ich mehr Herz, als in Wahrheit da ist, ich Kardio-Chamäleon.

Bevor ich mich an den Schreibtisch begebe, werden die Herzmuskeln mit dem Blasebalg aufgepumpt, ein Herz ist nichts anderes als eine Luftmatratze und Aufpumpen für mich als alter Camper keine große Sache. Bevor die Luft nun langsam aus den Kammern entweicht und eigene, fauchende Wege geht, schreibe ich schnell meine Sachen runter, die es zu schreiben gilt, wie im Rausch greife ich in die Tasten bis alle Luft aus den Ventilen ist und die Matratze ausgemergelt überm Rücken des Stuhls hängt, zum Ausatmen. So soll das, was ich schreibe, wie von einem großem robusten  Herzen formuliert klingen. Ich bin so clever, mir kommen gleich die Hyänen.

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Kurzfassung: Man nehme, bevor man mit dem Schreiben beginnt, das Herz in beide Hände.

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Eins hab ich nie kapiert. Weder im Religionsunterricht noch im Katechismus. Warum alles mit dem Wort begonnen haben soll. Am Anfang war das Wort? Ein einzelnes kleines Wort, staksig wie ein neugeborenes Fohlen, inmitten von: ja was..? nichts?? Und geboren von wem? Vom großen Muttersatz? Ich habe es nie kapiert.

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So ein hübscher Junge, und irgendwann wird er Filialleiter. Der Bauch wird dick, er kriegt ne Glatze – was eine Verschwendung. Ich seh es schon vor mir. Ist das alles ein Elend. Filialleiter!

aus: 500beine Klimaerwärmung und schönes Wetter

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Ill. Citronenbusen

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Ich bin ein äusserst träges System. Selbst zum Kacken lasse ich mich nicht öfters als 2, maximal 3 mal die Woche nieder, dann aber Hüppe die Berge, wie der Solinger scherzt, Haufen und Berge.

Oder hier, Pubertät. Dauerte bei mir dreißig Jahre, vom 15. bis zum 45. Lebensjahr. Dann kam das Erwachsendasein doch noch hereingeschneit, quasi über Nacht. Als schon niemand mehr damit rechnete. Ich jedenfalls nicht. Ich erst recht nicht. Woher auch.

Dreißig lange Jahre war mir nicht klar gewesen, wohin die Reise gehen sollte, während Gleichaltrige mit weniger Talent längst Karriere gemacht hatten oder wenigstens schon mal tot waren, das war ja schon mal was, während ich weiter die verdammte Zeit verklimperte, als wären tausend Murmeln in meiner Hosentasche und nirgends ein Loch.

30 Jahre lang nicht wissen, wohin im Leben – wozu sollte das gut sein? Welcher Sinn steckte dahinter? Warum eine Phase, wenn auch die wichtigste im Leben, dermaßen in die Länge ziehen? Warum 30 Jahre, wofür andere 5 oder 6 brauchten, um exakt das gleiche Ergebnis zu erzielen? Wo war da der tiefere Sinn? Verborgen?

(Wer die Antwort nicht kennt, muss die richtige Frage suchen. Und dann nichts wie weg.)

Es gibt ein paar Sätze aus diesen Tagen, besonders in der Spätphase, die ich von gewissen Leuten zu hören bekam und die mich erst ärgerten und dann, mit Verzögerung, zum Nachdenken brachten.

Da war unser werter Dr. Hilten, seines Zeichens Methadonarzt. Er war kaum in der Lage, die Frustration über sein eigenes verkorkstes Dasein von den verkorksten Lebensgeschichten seiner Patienten zu trennen. Damit machte er sich ständig zum Komplizen oder zum Richter seiner Patienten, je nach Tagesform. Beides darf ein Arzt niemals sein. Niemals Komplize, niemals Richter. Das bringt auf Dauer nur Ärger, für alle Beteiligten.

Dennoch hatte der Doc einige erstaunliche Dinge drauf, wie es bei Narren oft der Fall ist. Stehst du einem Narren gegenüber, höre genau zu. Er wird dir etwas zu sagen haben. Er kennt die Tricks der eigenen Psyche nur zu gut. In meinem Fall ging der Satz etwa so, ich hab es schon mal erwähnt, in Schattenreich und Existenz: „Warum sollte ich mir ein Buch von dir kaufen? Von einem Autor, der die Dinge nicht zu Ende denkt. Welchen Gewinn bringt mir das? Was hab ich davon? Welchen Erkenntnisgewinn?“

Der Vorwurf hatte keine unmittelbare Auswirkung. Erstens gab es sowieso kein Buch von mir. Die Worte waren mehr hypothetischer Natur. Er wollte mich herausfordern. Seine Spielchen treiben. Er wollte schauen, ob ich mich wehrte.  Irgendwann fiel mir auf, dass ich immer öfter an seine Worte dachte und ich fragte mich, ob da vielleicht doch was dran war, warum dachte ich sonst darüber nach, musste ja einen Grund haben, verdammte Scheiße. War ich ein Mann, der die Dinge nicht zu Ende dachte?

Jawohl.

Also gewöhnte ich mir beim Schreiben versuchsweise an, den einmal aufgenommenen Faden weiterzuspinnen und mich nicht gleich mit dem ersten, naheliegenden Ergebnis zufrieden zu geben. Schnell spürte ich: Der Vorschlag ging in Ordnung. Das wollte ich nur mal gesagt haben, an dieser Stelle: danke, Doc.

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„Wer hat dieses Leben bloß erfunden? Mit dem muss ich mal ein paar Takte reden.. Irgendwer muss dafür gerade stehen.“

Die Gräfin

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Eins sollte man sich hin und wieder vor Augen führen. Obwohl du es bist, der in dir steckt, sind es hauptsächlich andere, die dich ertragen müssen

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Sommerpause