Das ist ja alles Blödsinn

Das Internet ist ein riesiger Freiraum, ein Luxusgut für jedermann, durch und durch großartig. Und was machen die Rechtsextremen daraus? Einen engen Kabuff, in dem es nach Neid und Rotze stinkt.

*

Alles, was irdisch ist, alles, was auf unserer alten Erde wächst und gedeiht und geschieht, ganz gleich, was es ist und woher es rührt und welche Geschichte dahintersteckt, es ist alles Natur, ganz und gar und ohne Ausnahme. Auch die Unterscheidung zwischen Urwald und von Menschenhand kultiviertem Wald führt in die Irre. Als wären Menschen und das, was sie mit ihren Händen und Gehirnen anstellen, keine Natur, als stünden sie außerhalb der Schöpfung. Was seinen Wert für die Umwelt betrifft, mag es einen Unterschied ausmachen, ob ein Wald aus sich alleine heraus geboren ist oder ob er angepflanzt, ja gezüchtet wurde, doch im Ergebnis wächst ein Wald aus der Erde, ist also Natur, und die Natur macht daraus das beste, was möglich ist. Alles, was Menschen bauen, denken, erfinden ist Natur, weil der Mensch selbst auch Natur ist, genauso wie alles Natur ist, was Tiere und Pflanzen tun. Selbst ein von Menschenhand geschaffenes Glas- und Stahlmonster wie New York ist Natur, nichts anderes. Plastiktüten vom Supermarkt, Kernkraftwerke, Lourdes – alles Natur, von uns gemacht, für die Erde, auf der Erde gemacht. Wir stecken alle unter einer Decke. Es ist ein einziges großes und wunderbar schlimmes Naturschauspiel, das sich da vor unseren Augen entfaltet, ihr ollen Buckelzirpen. Nehmt es hin, und geht schlafen. Ruht euch aus.

*

Nur die wenigsten Nachrichten schaffen es überhaupt bis in den Bereich, der einen berührt. Das meiste rauscht an einem vorüber, bleibt fremd, für mich persönlich uninteressant, wie Fred Fussbroich (WDR) einst so treffend formulierte. Vor einiger Zeit aber geisterte eine seltsame kleine Meldung durch die Presse, die es irgendwie in meinen Aufmerksamkeitsbereich schaffte. In Teilen der USA und in Schweden (!) waren Tausende von Vögeln vom Himmel gefallen, lagen tot in den Strassen. Ein beinah biblisches Bild, eine Ur-Vision vom nahenden Ende. Selbst Ornithologen waren ratlos, konnten nicht erklären, was in die Tiere gefahren war. Stress? Unbekannte Viren?

Ein dreiviertel Jahr später las ich zufällig von einem Wildlife Center in Wisconsin, USA, das sich auf die Aufklärung rätselhafter Todesursachen unter Wildtieren spezialisiert hat. Die Pathologen sezierten auch den Tod der amerikanischen Singvögel. Dabei stellte sich heraus, dass alle untersuchten Stärlinge zunächst gegen Türen und Hauswände geprallt waren, bevor sie den rätselhaften Tod fanden. Und dass man alle etwa zur gleichen Zeit aufgefunden hatte, nämlich rund um Neujahr. Die nachtblinden Tiere, so schlussfolgerte man, waren von Silvesterböllern aufgeschreckt worden und in Panik durch die Dunkelheit geflohen und gegen Häuser geknallt. Eigentlich naheliegend oder nicht. Ich meine, hätte man sich das nicht vorher schon irgendwie zusammenreimen können? Das war ja fast ein Schnäppchen unter den logischen Schlussfolgerungen. Vögel, die nach Silvester tot auf der Strasse liegen. Also, ich weiß auch nicht. Alter Schwede. Was ist los. Ist das überhaupt noch alles wahr. Oder ist das getrumpt?

*

Vorsicht, Freunde. Hinter jedem richtig gewählten Zeitpunkt lauern mindestens sechzig falsche auf der Bank, die nur darauf brennen, endlich zum Einsatz zu kommen.

*

Als die Regionalbahn einfährt, riecht es nach warmen Eisen und ich erdrängel mir einen Sitzplatz. Im Großraumabteil, mir gegenüber, lässt sich ein älteres Ehepaar nieder. Während sie sich angeregt mit ihrem Gatten unterhält, fasst er sich mehrfach unbeholfen über die Schulter, als suche er etwas hinter sich. Plötzlich hält er inne, mitten in der Bewegung, und tippt sich auf die Stirn. „Jetzt will ich mich sogar schon im Zug anschnallen.“ Seine Frau quasselt ungerührt weiter. Er glotzt mich an, wie ein alter Opel Vectra grau-metallic.

*

„Um nochmal von vorn anzufangen, brauchen wir unbedingt einen neuen Urknall“, schlussfolgert sie. „Dann starten wir noch mal durch.“

Ich stehe am Fenster. Es ist laut da draußen.

„Hm..? Ein Neun Uhr-Knall? Was ist das denn?“

*

Währenddessen im Notizbuch

*

Da verbringt man sein ganzes Leben damit, der Mensch zu werden, der man sein möchte, nur um am Ende festzustellen, ich wäre doch lieber so, wie ich am Anfang war.

*

Ich mag es, den Sachen nahe zu kommen, ihnen so richtig auf den Pelz zu rücken, denn je näher man den Sachen kommt, desto eher verschwinden sie auch wieder.

*

Das ist ja auch nicht ungefährlich, die Arbeit am Marihuanastrauch. Ein Freund von mir ist mal im Sommer mit nacktem Oberkörper in die reifen Fruchtstände gefallen, das sah nicht gut aus. Das war schlimmer als Feuer. Das war eine schwere allergische Reaktion. Sein Bauch brannte, der Rücken, die Arme, er leuchtete am ganzen Oberkörper wie ein Hummer. Er wäre fast verrückt geworden, konnte aber schlecht zum Hautarzt gehen, tu mal ne Salbe rüber gegen Marihuanablütenverbrennung. Gibt’s ja nicht. Denk ich mal.

*

Mit meinem alten Kumpel Karlos pflegte ich rituell Haschisch-Tee zu trinken. Das waren ganz besondere Erlebnisse, weil die langanhaltende Wirkung eines guten Tees mit dem Abbrennen eines normalen Joints wenig gemein hat. Es ist eher eine Art Trip. Einmal sind wir zufällig in Remscheid in einer Sporthalle gelandet, am Stadtrand, voll auf Tee, es war früher Nachmittag, roter Libanese, ich schätze so 1985 rum. Das Rollhockey-Bundesliga-Team hatte gerade Training. Wir nahmen auf der leeren Tribüne Platz und verloren uns im Sound des Spielballs. Die kleine harte Pille sauste durch die Halle wie ein Sektkorken und klackerte uns in einer Lautstärke um die Ohren, dass wir in unserem Rausch glaubten, die wollten uns kaputtklackern. Wir waren relativ flott wieder draußen, mit Nachhallminimierung beschäfigt.

Werbeanzeigen

Man möchte verzweifelt um Hilfe schreien, doch man sagt hallo

„Ist schon seltsam, im Zeitalter der totalen Kommunikation zu leben, aber kein Mensch redet mehr mit dem anderem“, sagt sie.

*

„So schnell konnte meine Mutter gar nicht gucken, wie ich als Kind meine Finger irgendwo drin hatte. Wenn sie gewusst hätte, was ich draußen im Wald alles gesammelt und angefasst habe, tote Kröten, glibbrigen Froschlaich, kranke Vögel, die aus dem Nest gefallen waren, meine Mutter hätte mich nie mehr in den Wald gelassen. Jedenfalls nicht mit Händen.“

*

„Ich werde immer gewöhnlicher“, seufzt sie. „Früher hab ich die verrücktesten Dinge getan, und heute..!? Bin ich schon froh, wenn ich mal einen verrückten Gedanken hab.“

*

„Meine Oma hätte dich gemocht, wenn sie noch leben würde. Meine Oma mochte alle Männer, die man füttern kann.“

*

Erwachsene sind heutzutage wie durchgedrehte Kinder. Und Kinder wie durchgedrehte Erwachsene.

*

„Am Telefon war die total nett. Aber die Leute sind ja immer total nett, wenn sie einen nicht sehen.“

*

„Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge immer so weiter. Aber eins sage ich dir, mein Freund: so leicht lässt sich das Leben nicht austricksen. Nicht mit Gewohnheit. Nicht auf ewig.“

*

Sich neu erfinden heißt ja nicht, ein anderer zu werden, sondern endlich der, der man schon immer hätte sein können.

*

Der wirkliche Killerblick… also, der Blick, wo man sich wirklich.. in die Hosen scheißt, das ist der leere Blick.

*

Doc Hilten fühlte sich verraten, so wie alle guten Menschen. Gute Menschen fühlen sich ständig verraten. War ich froh, dass ich kein guter Mensch bin.

aus: The Western Blot

*

Schreiben ist von sich selber essen.

*

Bild

Support your local UFO

*

„Manchmal gruselt es mich richtig, wenn ich mir vorstelle, dass unsere alte Erde so frei durch den Weltraum schwebt. Ich meine, wir könnten ja alle runterfallen. Wer garantiert mir denn, dass die Erdanziehung ewig hält… Aber weißt du, was mich am allermeisten stört? Dass ich nie erfahren werde, was das alles soll mit dem Universum, wer das erfunden und gebaut hat. Ich find das richtig gemein. Stell dir vor, die Wissenschaft kriegt im Jahre 2240 heraus, wie alles anfing, und ich bin längst tot, kein Mensch denkt mehr an mich, an meine arme, unwissende Seele. Das finde ich ungehörig. Lach nicht. Das ist mein Ernst. Da wird man sein Leben lang angefixt von den Forschern und steht am Ende da mit all seinen Vermutungen und nutzlosem Halb-Wissen. Ist doch Kacke.“

*

„Solingen, die Hochburg der langweiligen alten Männer“, ätzt die Gräfin und blickt mich scharf an. „Und ich hab mir das Top-Exemplar geangelt!“

*

Als ich nach dem Mittagsschläfchen wach werde, ist ihr Gesicht direkt über mir.

„Was is los…?“

„Ich guck dir beim Schlafen zu.“

„Ach… hmm. Ist spannend..?“

„Ja. All die Striche in deinem Gesicht. Schlaf weiter.“

*

Bild

Support your local Boulevard