Was ich noch sagen wollte und schon mal gesagt habe

Ich mag es, wenn sie mir spätabends im Bett einen Kuss gibt und viel Spaß beim Träumen wünscht, „.. oder was auch immer du so treibst, wenn du gleich die Augen geschlossen hast.“

Ich mag Popsongs, die sich voranschleppen wie ein Tag, an dem man es schwer hat, und am Abend ist die Sache ausgestanden.

Ich mag es, den Sachen nahe zu kommen, denn je näher man den Sachen kommt, desto eher verschwinden sie auch wieder und sind fort und erledigt – für immer.

Ich mag die Szene, wo der ältetste der drei Rocketta-Brüder mit zwölf Monaten Mietrückstand und einem gewaltigen Hexenschuss nach Hause gehumpelt kommt, zwei Pullen Zuckerrohrschnaps unterm Arm. Er wird bereits erwartet von Gerichtsvollziehern, Handwerkern und Polizei, bleibt aber höflich. „Hereinspaziert, die Herrschaften“, ruft er und zählt erstmal durch. „So, sechs Mann sind am Start. Wer will alles ein Schnäpschen?“ Die Zwangsräumung verläuft in gelöster Stimmung.

„Ich mag Nullen, die haben ganz schön Kraft, im Hinblick auf die Nullen, die an einer Million hängen.“ (Die Gräfin)

Ich mag meine innere Stimme, meinen besten Außendienstmitarbeiter.

Ich mag Maria Callas. Dass ich Maria Callas mag, liegt daran, dass Maria Callas Blues singt.

Ich mag es mein Gegenüber zu fragen, „sag mal, wann fängt das Kino an, um acht oder um viertel nach acht?“ und mein Gegenüber antwortert, „och, weiss nicht, so um acht, viertel nach acht.“

Ich mag es in einer anstrengenden prallvollen Zeit zu leben, wo jedes neue Nichts mit lautem leutseligen Halloo begrüßt wird, während alles, was leise ist und mit zartem Strich rüberkommt, übersehen wird. („Das magst du doch nicht wirklich, du alter Pampahasenforscher!“ „Na, und ob!“)

Ich mag es, die Leute mit der Wahrheit reinzulegen, das ist besonders perfide.

Ich mag Genialität, die darauf beruht, nein zu sagen zur Gesellschaft und ihr dennoch alles zurückzugeben.

Ich mag dieses unbestimmte, niemals verstummende Gefühl von Weltende, das mich schon als Teenager im Griff hatte, als ich die Schule schwänzte, im Stonns Fuot am Tresen hockte und mit meiner Zeit nichts anzufangen wusste, ausser am Tresen sitzen und darauf warten, dass die Welt untergeht.

Ich mag den Anblick von Bodybuildern, diese furios triefenden Gebirge aus Muskelsträngen und Posing-Öl und untenherum eine winzige Ausbuchtung, als stünde eine einzelne Kaffeebohne quer im Höschen.

Abends mag ich es, wenn sich eine Bande dunkler Gesellen rund um den Kaugummiapparat sammelt und Rififi plant.

Ich mag den Rhythmus von John Lennons Give peace a chance, der wie eine Schlaghose daherkommt.

Ich mag den Bossa Nova Beat, mit dem Break on through to the other side von den Doors beginnt, und dann setzt der Basslauf ein, gestohlen von der Butterfield Blues Band, und die Nummer nimmt ordentlich Fahrt auf, voller Diebesgut.

Ich mag ausgebuffte Holunderbüsche und sofortige Wiederbelebung durch Kunst.

Ich mag es auf meinem eigenen Erbgut zu leben.

Ich mag Romane, die heftig gelesen wurden und aussehen wie ein seit Monaten ungemachtes Bett.

Ich mag den Inhalt eines typischen Männerhandtäschchen der Achtzigerjahre: Einwegfeuerzeug, Schachtel Kippen, Glas Bier.

Ich mag Rückwärtsgehen, es fühlt sich so schön verkehrt an – man geht, aber man geht nicht drauf zu. Wer eine Zeitlang einer bestimmten Sache nachgelaufen ist, wer sich zu sehr zielorientiert bewegt hat, der sollte einfach mal rückwärts gehen. Es fühlt sich so schön verkehrt an.

Richtig. Ich mag es Kaffeebohnen von Hand zu mahlen. Wenn ich mal keine Lust habe, halte ich kurz inne und denke an Pozzo di Borgo, einem Querschnittsgelähmten, einem Tetraplegiker, der im Rollstuhl sitzt: „Ich wäre schon froh, wenn ich nur den kleinen Finger bewegen könnte.“ Und schon ist Kaffeemahlen wieder die schönste Sache der Welt.

Angenommen, die Sonne explodiert, dann dauert es 8 Minuten bis die Auswirkungen die Erde erreichen und das Licht wegbricht, 8 Minuten, Zeit für eine letzte Photosynthese, ein letztes Mal Chlorophyll und dann ab ins Bett – es wird eine lange unruhige Nacht – ob ich das mögen werde?

Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.

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Ich mag es, auf Schleichwegen zu mir selbst unterwegs zu sein, das hab ich von der Gräfin gelernt.

Ich mag es, wenn sie die Nährwerttabelle auf der Nudelpackung laut vorliest. Es sind chinesische Nudeln. „Pro Portion 350 Kalorien! Das ist kulinarische Kriegsführung! Die Chinamänner wollen uns kugelrund füttern, damit wir aus Europa nicht mehr rauskommen! Damit wir hier versauern im eigenen Nudelfett, und die machen sich den Rest der Welt untertan! 350 Kalorien! Ich glaub, es hackt!“

Ich mag Lieder, die sich selbst singen, das ist für alle Mann die beste Lösung.

Ich mag es, wenn ihr in der Küche beim Anmachen des Möhrensalats aus einem Meter Höhe ein Gummiring vom Gewürzboard in die Salatschüssel fällt und sie spontan „Gummi im Salat!“ anstimmt, nach der Melodie von You’re the one that I want von Olivia Newton-John und John Travolta, incl. Hüftschwung und schmierigem Grinsen.

Ich mag Geschichten, die das Leben besser nicht geschrieben hätte.

Ich mag Dichter sind heilig und Klos sind dreckig, na und?!, das hat Lena mal gesagt, fand ich gut.

Ich mag jeden richtig gewählten Zeitpunkt, weil hinter jedem richtig gewählten Zeitpunkt mindestens sechzig falsche auf der Bank sitzen, die nur darauf brennen, endlich zum Einsatz zu kommen und den Gegner zu düpieren.

Ich mag Sätze, die einen anknallen wie erstklassiges Koks, die dampfen und zischen wie Brandzeichen, die aufbrausen wie Hitzköpfe, kurzum – die ein für alle Mal die Dinge auf einen magischen Nenner bringen, in schwarz geteerten Blockbuchstaben und mit doppeltem Ausrufezeichen:

SHINDIG!

Ich mag Litfasssäule, Tischfeuerwerk, NASA-Rakete.

Ich mag literarische Vergleiche, die ein paar Meter weit humpeln und mit schiefgelaufenen Absätzen mausetot zusammenbrechen.

Ich mag das Licht der ersten Frühlingstage, ich würde am liebsten den Pinsel rausholen und rüberlaufen an die Staffelei.

Ich mag Neugeborene, sie sind so runzlig und krebsrot wie besoffene alte Männer, es ist ein verstörend schöner Anblick.

Ich mag es, Studenten beim Telefonieren im Intercity zu belauschen: „Wenn ich die nächste Klausur verscheisse, hab ich verkackt.. ja, endgültig.. ist so. Wenn ich ein verschissenes Gefühl hab, verkacke ich jedes Mal.. genau“, ohne mich umzudrehen. Bringt ja nichts. In diesem Falle.

Ich mag es, mein Leben als Glumm Revue passieren zu lassen, denn wo ich auch hinsehe, nichts als clevere Schachzüge, obwohl das Wort Glumm, veraltet, trübe bedeutet. Du trübest das Wasser mit deinen Füßen, und machest seine Ströme glumm, Ezech. 32, 2. (Ein anderes Wort ist das Meklenburgische Glumm, für ein unter der Asche glimmendes Feuer .)

„Ich mag es, am Abend im Bett zu liegen und meine Lieblingsserie zu gucken. Das ist das gleiche, als kämen gute Freunde zu Besuch, aber man kann sie leiser stellen, wenn sie nerven.“  – Die Gräfin –

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Ich mag es, meine eigene Soko zu sein. Ich wurde speziell zusammengestellt für mein eigenes Leben.

„Ich mag es nach dem Essen erstmal eine Weile blöd zu sein, weil der ganze Körper mit dem Verdauungsvorgang beschäftigt ist, inklusive Gehirn.“ – Die Gräfin –

Ich mag die Idee des Lebens, allein geboren zu werden, allein zu sterben, und zwischendurch trifft man ein paar Leute – wenn man Glück hat, nette.

Ich mag Jammern, Wehklagen und Meckern, und das ist erst der Anfang, das können wir Deutsche noch viel besser, und jetzt alle. (Man soll ja immer das tun, was man am besten kann.)

Ich mag Neugier als ersten Wohnsitz.

„Ich mag Obst und Gemüse vom Bauern nebenan, weil es die gleiche Luft atmet wie wir.“  (Die Gräfin)

Ich mag den gut strukturierten Muskelschlamm im Oberkörper von Iggy Pop und ich mag die roten Bäckchen im Kripogesicht meines alten Freundes Karlos, (du alte Tiefsee-Meduse, du Röhrenwurm!), die mich an romantisches Ballonglühen auf dem Flugplatzfest erinnern. (Sich umzubringen im Kreise seiner Freunde – was gibt es Größeres, solange es Freunde gibt.)

Ich mag es, wenn mich alle im Stich lassen, wenn keiner mehr an mich glaubt, wenn alle sagen, näh, dä Typ dä krisste wirklich nit mie hin, dann dauert es nicht mehr lange und ich kann kommen. (Eine Situation, die man gelegentlich künstlich herbeiführen muss, wenn es partout nicht anders geht.)

Was ich an Typen wie Donald Trump und Berlusconi mag, ist ihre kompromisslose „Ich kacke so viel in den Sandkasten, wie ich will!“-Haltung.

Ich mag Persischen Tee am Abend, danach bin ich richtig rollig geworden, wie eine Katze, die auf Baldrian schläft.

Ich mag es nicht zu scheißen und dann muss Hulk groß.

Ich mag achtlos weggeworfene leere Zipperbags, die überall herumliegen, mit winzigen Anhaftungen von selbstgezüchtetem, leichten, die Seele öffnenden Mariuhana und nicht diesen chemischen Pfusch aus niederländischen Krafthäusern. (Beim heutigen THC-Gehalt im Gras ähnelt Kiffen mehr einem Sturzbesäufnis als dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten.)

Ich mag Verlierer, ich hab ein Faible für Gesockse und andere verkommene Subjektive, ich mag skurrile Gewinner und weiteres Personal. Das muss nicht notwendigerweise skurrile Namen tragen, das ist nicht nötig. Die Leute können ruhig, sagen wir, Orion Specht heißen. Oder Herr Billwitz. Randolph Stuttgard. Kinkerlitzchen Carmichael. Donna Littchen. Batzen Dill. Alles kein Problem.

Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 0:10 auf die Mütze kriegen, das finde ich gut. Mit Mitte Vierzig vor lauter Lachen in die Hosen machen und dann mit kleinen Schritten nach Hause staksen, damit auch ja keinem der riesige Pissfleck ins Auge fällt, das geht in Ordnung. Sehr gut sind alle Sachen, die nicht so laufen wie geplant, die kommen immer gut. Nein, nicht immer, natürlich. Null zu zehn untergehen ist wahrlich kein Coup. Aber notwendig. Bisweilen.

Ich mag das Unterwegssein in der Welt, das Suchen, was gibt es schöneres, solange man es nicht findet.

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Wach werden und die Freundin pult dir im Auge herum, weil sie einfach mal nach dem Rechten sehen will, “wie es eigentlich dahinter aussieht, wenn du schläfst”, das tut weh, geht aber in Ordnung. Super Sache.

Steh ich jetzt nicht so drauf.

Den ganzen Tag mit dem Geschmack eines Traumes durch die Gegend laufen, mit dem man früh am Morgen wach geworden ist, an den man aber ansonsten keine Erinnerung hat, finde ich von der Atmosphäre her gelungen.

Ich liebe diese Szene im Finale der Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko-Stadt, als Diego Maradona nach einem gelungenen Sololauf abrupt stehen bleibt, sich bückt und den eigenen Füßen Szenenapplaus spendiert, eine tolle Szene, auch wenn anscheinend nur ich das gesehen hab am Fernsehapparat, niemand sonst.

Ich mag defekte Lämpchen in all dem Glitzer.

Ich mag es am Hintern einen Pickel wachsen zu lassen, damit er artgerecht rausgelutscht werden muss.

Ich mag es, zum Soundtrack eines Ballerfilms aus Hongkong rhythmisch korrekt mit dem Kugelschreiber zu quietschen.

Ich mag es neben Karlos an der Bar zu sitzen und blöde Sätze zu sagen wie „es wird immer härter, echt“, worauf Karlos trocken entgegnet, „soll es immer weicher werden oder wie?“

Ich mag es, früh am Tag die Haustüre zu öffnen und der Rubel rollt zur Stube hinein bis ich mit erstickender Stimme nöle, „is gut, Sergej..! Lass gut sein.”

Ich mag den Moloch New York mit all den vielen Schluchten, es ist der gelungene Versuch, den Grand Canyon in Glas und Beton nachzubauen.

Ich mag Leute, die gleichzeitig reden und rauchen können. Das sieht cool aus, wenn man etwas erzählt und dabei rotiert die Kippe wie ein qualmender kleiner Schraubenschlüssel. Mein alter Kumpel Pudding war ein Meister darin, ein Lucky Luke der alten Schule, ich weiss nicht, was mit ihm geschehen ist. Er läuft mir nicht mehr über den Weg, seit geraumer Zeit schon nicht mehr, Mensch, was ist bloß mit dem guten alten Pudding los..

Pudding, Susanne Eggert, 2007

Ich mag es, im Bus Platz zu nehmen und der Fahrer tut etwas, was ich lange nicht gehört habe: Er pfeift ein Lied. Er pfeift Volare, er pfeift es laut und vernehmlich, er pfeift die Sonne in den Bus. Nächste Station:

Hoffnung.

Ich mag lebenslänglich Klappehalten ohne Bewährung.

Ich mag Flure und Dielen, denn Flure und Dielen sind die Zwischenwelten einjeder Wohnung, es sind die Orte, wo die Ahnen um Mitternacht zusammenkommen und auf die Pauke hauen.

Ich mag Come as you are, die düstere Basslinie, die das Unheil ankündigt, Nirvana, du weißt schon.. Wenn einem in den Neunzigern etwas schlimmes widerfuhr, hatte man automatisch Come as you are im Kopf, die Hymne, das Unglück, die Verschmelzung von schwarzer Magie und Pech an vorderster Front.

Ich mag Schornsteine im Winter, aus denen der weiße Rauch aufsteigt, als habe jedes kleine Haus seinen eigenen Papst gewählt.

Ich mag dieses neue große superleichte Kopfkissen. Wenn ich in darin versinke, habe ich das Gefühl, adieu zu sagen.

Ich mag diesen russischen Gitarrenspieler in der Fußgängerzone, mit dem wir uns eine Weile unterhalten und am Ende sagt er zur Gräfin, „.. so Frau wie du kann man nicht mit Taschenlampe finden!“

Ich mag Gott. Ich weiß nicht, ob Gott existiert. Ich glaube nicht. Aber ich hätte es gern. Ich fände es besser, wenn es Gott gibt. Ich würde mich für einen Mann entscheiden, als Gott. Ein Mann mit kanariengelber Fliege. Keine Frau. Oder doch eine Frau, eine vornehme Frau mit teurem Zobel und ungeduldigen Fingerschnippen, wenn es ihr unten auf der alten Erde wieder einmal zu trödelig vonstatten geht. Zu wenig schick. Ist Gott aber ein Mann, was ich vermute, dann ist Gott Österreicher – ein österreichischer Metzger, 47 Jahre alt, der sein Stammcafe hat und ein gewaltiges Methadonproblem am Hals, er nuschelt ein wenig wie alle Wiener. Keine große Sache.

Gott eben.

Ich mag es, wenn die Gräfin im Dunkeln zu mir ins Bett steigt und den Fleck vom Kopfkissen schnippen will, doch der Fleck erweist sich als hartnäckig, er lässt sich nicht fortwischen, es ist ein sehr heller Fleck, natürlich! es ist das Mondlicht, das durchs Fenster fällt.

Ich mag die Liebe zum Detail, es ist wie ein zartes Hackebeil.

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Ich mag es, der Gräfin vom Einkauf eine Riesenextratüte Salzige Chips mitzubringen, wenn sie ihre Tage hat, Darling, deine Periodenkartoffeln! – logisch, ich meine, welche Frau würde das nicht mögen.

Ich mag es, wenn im Leben plötzlich etwas passiert, wofür man gar nichts kann, das ist schön.

Ich mag Menschen, dieses kurze Winseln im All.

Ich mag Magie, manchmal merke ich nichts davon.

Ich mag mein Zuhause. Männer sind immer nur so gut wie ihr Zuhause. Auch unterwegs, beim Zelten.

Ich mag kalte Wintertage, wenn Kondensstreifen kreuz und quer am eisig blauen Himmel stehen, wie Sirtaki tanzende, aus den Händen gefallene Schreibstifte.

Ich mag Gedanken, die durch den Kopf eilen wie Vagabunden.

Ich mag Menschen, in denen sich die Ruhe der ganzen Welt breit macht.

Ich mag es, wenn die Gräfin beim Sonntgagsspaziergang einmal mehr im Mittelpunkt meiner Öffentlichkeit steht und ich das Notizbuch so oft zücken muss, dass wir in zwanzig Minuten nicht einen Meter vorankommen, nur weil sie stets einen neuen Satz erfindet, den ich mir nicht entgehen lassen kann – beziehungsweise, ich wäre ja schön blöde.

Ich mag es, mitten in der Nacht die Brille aufzusetzen, damit ich was zu sehen kriege im Traum und nicht etwa jemanden grüße, den ich gar nicht kenne, womöglich.

Ich mag Tage, an denen ich an mir herunterschaue und denke, Junge, hast du große Füße heute.

An den Hundstagen mag ich solche Schlagzeilen:

Ich mag Männer im Unterhemd. Sie sind stets auf dem Sprung.

An späten Sommernachmittagen mag ich den Klang alter Propellerflugzeuge, die in dreihundert Metern Höhe träge ihre Runden drehen, weil es keinen Klang gibt, der die Hitze eines späten Sommernachmittags besser ausdrücken könnte.

Ich mag die Tatsache, dass einem die wichtigsten Dinge im Leben stets erst dann klar werden, wenn sie irgendwer beiläufig erwähnt.

Den ganzen Tag vor sich hinsummen, als habe man eine gut bestückte original Wurlitzer-Musikbox verschluckt – kann gut sein, muss nicht. Eine Innenstadt-Taube, die beschwipst durch die Fußgängeroase torkelt wie eine Weinkönigin – knorke, keine Frage. Schummrige Wangen bekommen, nur weil man dieses eine Wort hört, Marrakesch – Klasse. Oder Terpentin.

Gut finde ich auch die Einsamkeit, mit der manche Leute Dinge tun, die andere Leute nicht tun, nicht mal in Gesellschaft. Zum Beispiel: Heimlich ne Wolke essen. Macht satt, sieht gut aus.

Ich mag die Idee, dass das Leben eingeschnappt ist, wenn es ungehuldigt bleibt.

Ich mag es, wenn einem mitten im Pfiff die Luft ausgeht und man noch einmal ansetzen muss, weil einem danach vielleicht der Pfiff der Jahrhunderte gelingt, kann doch sein, wer weiß das schon.

Ich mag es, das Notizbuch eng am Mann zu führen wie in den Jugendtagen den Fußball.

Sachen, die die Gräfin sagt, finde ich per se nicht schlecht. Nein, sie hat keine Angst vor der Zukunft, sagt sie, auch nicht vor der Gegenwart. “Ich hab Angst vor meiner Vergangenheit.” Ich schreibe den Satz auf. Es sind drei Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Ich frage sie nicht. Sie hat es schon mehrfach gesagt. Lassen wie es doch so stehen.

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Ich mag es, Junkies in der Stadt zu begegnen, das ist immer ein bisschen wie früher auf dem Schulhof, wenn wir Fußballbildchen tauschten. Erstmal zeigen!

Außerdem mag ich: Doppelpunkte. Ein Doppelpunkt hat etwas Militärisches, hat etwas von Krieg, von STILL GESTANDEN! Das ist manchmal nötig, auch wenn es keinem gefällt.

Ich mag Mütter, denen klar geworden ist, dass sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben, doch was sollen sie tun, die Pille für 20 Jahre danach ist weiterhin nicht in Sicht.

Ich mag es, wenn jemand ein Schoss raus hat, die Hochparterre und die zweite Etage incl. Sonnen-Loggia, es hängt alles reichlich schief im Wind.

Ich mag die große linke Tour, weil kleingedruckt lügen lohnt nicht.

Ich mag Geschichten vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus, ich mag Geschichten vom schneidigen Supervogel Pubertät und der alten Krähe Erwachsenwerden.

Ich mag die ewige Suche nach dem angenehmsten Zustand, keine Frage, das Optimum sollte es schon sein, was soll es denn sonst.

Ich mag es, aus dem Schatz zu schöpfen, ohne ihn ganz und gar zu heben.

Ich mag es im Herbst aus der Haustüre zu treten und von einem Geruch empfangen zu werden, als habe ein dicker Hund Gold gefrühstückt und in der Folge mehrfach aufgestoßen.

Ich mag den Anblick 16jähriger Jungs, das blonde Haar auf struppig gegelt. Sie sehen aus, als wären sie eingefroren in einer Windböe.

Ich mag den fröhlichen Friedhof von Sapanta in Rumänien in der Region Maramures, wo auf Grabkreuzen Bildergeschichten an das Leben der Toten erinnern. Die Bilder werden gemalt und geschnitzt, und der Dorf-Schnitzer sagt: „Ich liebe alle Menschen. Die guten und die schlechten.“ So soll es sein. Danke dafür.

 Ich mag den Trommelwirbel in Hound Dog von Presley, ich mag guten alten Rock’n Roll. Ich mag schon seit langer Zeit Curtis Mayfields People get ready in diversen Versionen und bin stolz darauf, dass es die Urversion der Impressions auf Rang 24 der 500 Greatest Songs of All Time geschafft hat, gewählt vom Rolling Stone.

Ich mag es den Hund im Wald auszutricksen, indem ich einen Stöckchenwurf nach links antäusche, den Übersteiger bringe, in falschen Zungen rede und dabei vergesse, was ich dem Hund eigentlich sagen wollte.

Ich mag es eine Dose Bier aufzureissen und eine schöne Frau guckt mir dabei zu.

Was ich nicht mag ist Wohlstand, der macht gehässig, und Pillen, die man einnimmt und ist satt für ein Jahr. (Kommt bald.)

Außerdem mag ich es, so lange wie möglich zu existieren, ohne durchzudrehen.

Und ich mag Sommerpause.

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Nichts ist trauriger als mit seinem Witz allein gelassen zu werden. Da sitzen wir am Frühstückstisch und ich reiße spontan einen Gag, mache richtig auf Witzkerl und charmantem Larry, und dann hört die Puppe überhaupt nicht hin. Ist mit ihren Gedanken ganz woanders und krümelt den Teller voll! Ja, wofür ackere ich denn hier?!

Ausserdem unterstreicht sie mit diesem Verhalten nur eine Bemerkung unter ihrem Zeugnis, zweite Klasse, zweites Halbjahr 1971.

Die kleine S. ist aufgeweckt und intelligent, doch sie ist auch oft unaufmerksam. Statt dem Unterricht zu folgen, blickt sie lieber aus dem Fenster und beobachtet die kleinen Spatzen, wie sie auf dem Schulhof von Pfütze zu Pfütze springen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nicht die Bohne. Dabei hatte der Witz normale Chefqualität.

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Zum Frühstück studiere ich gern die Etiketten von Marmeladengläsern, während sie eine Wurfsendung aus dem Briefkasten in Arbeit hat, in der lauter guccigestylte 13jährige Mädels auf einer Location rumstehen und kühl zueinander sind.

„Dieses Anbeten von Markenklamotten ist so was von dämlich..“, sagt sie, „das ist fast so, als würde man dem Kommerz noch extra den Hintern küssen.“

Demnächst hole ich mir wieder die Erdbeermarmelade aus Holland, die ganz einfache, denk ich. Die schmeckt am besten. Aber jetzt greife ich erst mal zum Notizbuch.

Ich weiß nicht, wie es in Albanien ist, aber

Ich weiss nicht, wie es in Albanien ist, aber im restlichen Europa ist mir nur ein TV-Sender bekannt, der kein 24-Stunden-Vollprogramm hat und nach Sendeschluss weiterhin ein Testbild auf den Bildschirm stellt, so wie es in alten Zeiten gang und gäbe war: Nederland 3.

Da haben die Augen mal Pause, da hat man endlich noch mal das Gefühl, in einer Sommernacht raus auf den Balkon gehen zu dürfen und eine zu rauchen, auch wenn man längst nicht mehr raucht. Ein Testbild ist ein Trostpflaster, Balsam für geschundene Fernsehseelen. Zur Untermalung wird das Nachtarbeiterprogramm des staatlichen Radiosenders eingespeist, Gospelmusik mit Mahalia Jackson.

So ein Testbild hat Kästchen und ovale Kreise, die mit Farben aufgefüllt sind in allerhand Abstufungen, eine strenge Angelegenheit, etwas für Nerds, die gut mit Kästchen und Kreisen können. Man kennt solche Typen. Die machen Überstunden, ohne es zu merken, und wenn sie nachts nicht schlafen können, starren sie Standbilder an. Oder, so hört man, Ziegen.

Nun gibt es nicht allzu viele Berufe, denen ich nachtrauere, weil ich sie nicht ergriffen habe, aber einer dieser Berufe, denen ich nachtrauere, weil ich sie nicht ergriffen habe, nicht mal versuchsweise, ist der des TV-Redakteurs auf Nederland 3. Da steht mitten in der Nacht das Testbild auf dem Bildschirm und rührt sich nicht, ein Fels in der Brandung aller 24 Stunden-Vollprogramme, die niemals Ruhe geben. Die schreien ohne Ende.

“Da tät ich gern arbeiten”, meinte ich tags drauf im Job-Center, „bei Nederland 3, die nachts noch ein gesundes Testbild bringen”, und der Zuständige blickte mich an, als müsse er die Einweisung ins Landeskrankenhaus nur noch, hier unten bitte, gegenzeichnen.

Eingewiesen, wie gesehen,

gez. Bruchhausen

 

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Plutonium strahlt 24.000 Jahre.

Das ergab jetzt ein Langzeit-Test, der 22.000 v. Chr. begann und letzte Woche beendet wurde.

Bei einem kleinen Empfang nahe Kiew wurden herzhafte Plutonium-Teilchen gereicht.

 

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“Sieben Milliarden Menschen, das kann doch nicht gutgehen”, meinte die Gräfin erschrocken, als sie vom neuen Höchststand der Weltbevölkerung erfuhr.  “Glaubst du, die Menschheit will es bis hinauf zu Gott schaffen, mit einer 7-Milliarden-Räuberleiter..? Was meinst du?”

„Ja. Das ist möglich.“

Man hätte Statiker werden sollen.

 

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Wir rätselten hin und her, wie es gelingen könnte, die Zahl der Menschen auf der Erde signifikant zu verringern, und fanden schnell eine Lösung: Wir müssen bloß lernen, Nahrung nur noch virtuell aufzunehmen. Dann haben wir in einem ersten Schritt sieben Milliarden total dünne Menschen.

Danach muss man weitersehen.

 

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Nachdem wir verärgert feststellen mussten, dass ausrangierte Brennstäbe aus deutschen Kernkraftwerken bei uns im Hinterhof zwischengelagert werden, in doppelt Cellophan verpackt, rief ich beim Deutschen Atomforum an.

“Sagen Sie – finden Sie das in Ordnung?”

“Bitte sehr?”

“Dass ihr euren Müll bei uns hinkippt?!”

„Mit wem spreche ich?“

„Glumm. Herr Glumm.“

„Ach, der Herr Glumm.. Momentchen.. ich verbinde.”

Kleine Pause mit Cäsiummusik. Dann das Schnarren einer Liquidatorenstimme.

“Was wollt ihr denn noch!??”

“Hm….?”

“Wie, hm??! Das heisst bitte! Spreche ich nicht mit Endlager Glumm??”

“Endlager..? Wie Endlager?”

“Schnauze! Was wollt ihr denn noch? Ihr habt Luft zum Atmen, ihr habt Internetanschluss und eine schöne Kaffeemaschine, also, bei aller Liebe zum Pöbel, aber irgendwann muss auch mal gut sein! Und wo ich Sie gerade an der Strippe habe: Ihre Badewanne ist nächsten Monat als Abklingbecken gebucht. Guten Tag.”

Das informelle Gespräch war beendet.

 

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Zwischenblutungen und Riemchensandalen sind  Dinge, die sollten Freundinnen lieber unter sich bekakeln, daran hat kein in groben Zügen halbwegs normaler Mann Interesse. Im Gegenzug möchte auch keine Frau etwas hören von koffergroßer Prostata und juckenden Hämorrhoiden.

“Allein das Wort jucken verursacht bei mir in diesem Zusammenhang.. gelinde gesagt.. Desinteresse”, so die Gräfin.

 

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Das kleine windschiefe Häuschen am Stöckerberg war vor dem Krieg ein stattliches dreigeschossiges Schieferhaus gewesen, in der Bombennacht 1944 fiel es in Schutt und Asche. Mein Großvater baute es 1946 eigenhändig wieder auf, doch weil nach dem Krieg Geld und Material knapp waren, reichte es nur noch zum einstöckigen Häuschen, in dessen Keller später die Werkstatt meines Vaters untergebracht war, der sich als Gas-und Wasserinstallateur selbständig gemacht hatte.

“Bei deinem Opa in der Küche fühlte man sich wie in einer Puppenstube”, meint die Gräfin, die Großvater zum 90. Geburtstag  ein klingendes Glückwunschtelegramm überbrachte, damals jobbte sie als Eilbotin bei der Deutschen Post. “Wenn man das Häuschen betrat, erwartete man automatisch winziges Geschirr und Messerchen.”

Opa hatte ihr persönlich geöffnet, obwohl das Häuschen voller Gäste war an diesem Tag im Mai 1990. In der  Hand hielt er eine angebrochene Flasche Korn, und er liess sich nicht davon abbringen, dass sie ihm zu Ehren einen mittrinken müsse, “Depeschen ausfahren hin oder her.”

“Also musste ich mich in der Puppenstubenküche auf die Eckbank zwängen und zwischen den alten Männern ein Schnäpschen trinken. Und da erst erkannte mich dein Opa und wusste, wo er mich hinstecken sollte. Du bist doch dat Kleen vom Andreas, dröhnte er und schenkte noch einen ein. Ich muss noch fahren, protestierte ich, doch das liess er nicht gelten. Wenn die Schmiere dich anhält, schiebst du alle Schuld auf den aulen Bock aus dem kleinen windschiefen Häuschen am Stöckerberg. Dat klappt schon.”

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Ist euch das auch schon aufgefallen? Man hört kaum noch, dass dieser oder jener Mensch ein gutes Herz habe. Gibt es keine guten Herzen mehr? Sind die ausgegangen? Ist die Luft aus den Schläuchen?

 

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“Sollte es jemals soweit kommen, dass ich mir das Leben nehmen will, dann geh ich ins Wasser”, sagte sie einmal zu mir. Eine sehr weibliche Art des Todes. Sehr sehnsuchtsvoll.

Ich kenne das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen, und seither weiss ich, dass diese Art des Freitods für mich ausscheidet. Ich hab zweimal im Leben keine Luft mehr gekriegt. Einmal war ich als Junge Sonntags beim Spiel unserer Ersten Mannschaft unten in Kohlfurth. Mir war langweilig, ich turnte am Geländer herum, das die Zuschauer vom Spielfeld trennt, und versuchte einen Feldaufschwung wie im Turnunterricht, doch der Holm des Geländers war zu dick, ich verlor den Halt und stürzte zu Boden. Das Geländer war nicht sehr hoch, einen guten Meter vielleicht, aber ich landete genau auf dem Rücken, da, wo die Lunge sitzt, und augenblicklich blieb mir die Luft weg.

Wer keine  Luft mehr kriegt, der sagt keinen Ton, der schreit nicht rum, der ist ganz still in seiner Panik. Er hat ja keine Puste zum Schreien. Der hat eher solch überraschte Gedanken wie: jetzt sterbe ich..? Ich soll jetzt sterben?! Ich war zehn Jahre alt. Meine Atmung war blockiert. Niemand bemerkte etwas von meinem Todeskampf. Es fühlte sich merkwürdig weich und matt in meinem Innern an. Erst als die Angst kam, änderte sich das Gefühl. Plötzlich war da ein Brennen. Sterben ist wie Brennen. Und dann, ganz plötzlich, ging es wieder. Ich atmete. Erst langsam, fast zögernd, dann tiefer. Ein schönes Gefühl, wieder atmen zu können, wenn man eine Weile nicht atmen konnte.

Das zweite Mal keine Luft kriegen war eine Ecke heftiger, ein Asthmaanfall 1995, aber  ich hab keine Lust mehr über solche Sachen zu reden.

 

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Wenn die Dinge woanders weitergehen.. oder: KUNST

Wenn man es gewohnt ist, seine Sache über Jahre vor sich her zu treiben, gewöhnt man sich an Wellenbewegungen. Manchmal ist die See über Wochen so seicht, dass man jeden neuen Abonnenten aus 100 Meilen Entfernung kommen sieht, manchmal knallt einen die Statistik an, kaum dass man sein Sehrohr in Stellung bringt.

Und ab und an geht die Sache auch woanders weiter:

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Geburt

Die Zeit

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Die Zeit ist voll auf Koks. Die tippelt wie wild auf der Stelle, in einem irren Tempo, kommt aber nicht vom Fleck. Die hat Tippelfüßchen und die kokst, die Zeit.

(Mitsubishi Boy)

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Wir versuchen sie einzuteilen, wir versuchen sie zu zähmen und mathematisch zu begreifen, wir lassen uns von ihr langweilen und einlullen, wir trauern ihr nach und wir verkoksen sie – alles Humbug: Die Zeit muss man anders behandeln. Ist sie zufällig in der Nähe, heißt es aufspringen und mitfliegen, egal wohin. Das ist alles. Mehr braucht es nicht. Und schon ist es zwanzig nach zwölf durch.

Mahlzeit.

(Die Gräfin)

Das Wort

Eins hab ich nie kapiert. Weder im Religions,- noch im Katechismus- noch im Konfirmations-Unterricht oder direkt in der Bibel: Warum zum Teufel alles mit dem Wort begonnen haben soll. Am Anfang war das Wort? Ein einzelnes kleines Wort, staksig wie ein neugeborenes Fohlen, inmitten von.. ja, was denn!?? Nichts..? Und geboren von wem? Vom großen Muttersatz, dem alten Wüstentier? Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Ich habe es nie kapiert.

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„Welches Wort, Joe?“

Klappspaten ist ein schönes Wort

Technicolor ist ein schönes Wort“, sag ich.

„Ist ein männliches Wort“, sagt sie.

„So? Findest du?“

„Ja. Obwohl.. na, vielleicht nicht voll männlich. So halb und halb. Sagen wir, Technicolor ist ein feminines Männerwort. Punkt. Kein echtes Männerwort wie Baustoffhandel und Bodenpersonal. Klappspaten. Dampfmaschine. Oder Startguthaben. Überhaupt alles, was mit Start und Ziel zu tun hat, ist maskulin.“

„Hm.. und feminin? Was ist ein typisch feminines Wort..? Karamell?“

„Zum Beispiel. Tannennadeln. Tausendsassa. Kissen. Bei Marrakesch läuft mir das Wasser im Mund zusammen.. das Frauenwasser. Marrakesch ist wie den Teller ablecken nach einem köstlichen Mittagessen.“

Marrakesch ist weiblich, Kissen ist weiblich. Was ist mit Küssen? Weiblich?“

Küssen.. ist neutral. Aber Luft ist weiblich. Hase, Ferse, Gras – alles weiblich. Wiese ist männlich.“

Wiese? Moment.. Der kleine Grashalm ist weiblich, die große Wiese dagegen männlich? Ich dachte, die Frau hat das ganze Großraumbüro im Blick, während der Mann an seinem winzig-kleinen Schreibtisch sitzt und ackert, wie sie es mal so treffend formuliert hat

Oder auch:

60 Männer auf einem Haufen füllen eine Kneipe, zwei Frauen sind die ganze Welt.“

Na schön. Es gibt so viele Worte, die der Klärung bedürfen. Man könnte ein Brevier verfassen.

Halifax ist ein schönes Wort“, sag ich.

„Männerwort“, sagt sie.

„Was ist mit Frottee? Ist feminin, oder?“ schätz ich mal.

„Frottee ja, Frotteur nein.“

Frotteur?“

„Männer, die sich zu Stoßzeiten in überfüllten U-Bahnen an nackten Frauenbeinen rubbeln, sind Frotteure. Grapscher, Fummeltrinen.“

Einspruch.

Fummeltrinen sind halb Männer, halb Frauen.. die Zwitterwesen der Disco-Ära. Romy Haag, Amanda Lear, der dritte Sex. Wobei man nie genau wusste, sind das schon Frauen oder sind das noch Männer. Haben die jetzt einen Sack oder was.“

Sie nickt. „Okay.“

„Was ist mit Käse?“ frag ich. „Männlich, weiblich, neutral?“

Käse.. ist unberechenbar, Käse ist weiblich. Du gehst zum Kühlschrank und schnupperst am Weichkäse, der so nach Ammoniak stinkt, dass du glaubst, du stehst im Stall in bepisstem Stroh. Und das beste daran: Es schmeckt! Klare Sache: Käse ist weiblich. Käse ist Frauensache.“

Manchmal sitz ich wie ein Bauer

gehirnjogging

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Manchmal sitz ich wie ein Bauer nach getaner Feldarbeit auf dem Scheißhaus, die Ellbogen auf den Knien, und denke nach. Was das alles soll, der ganze Blödsinn hier, all die Tage, die Nächte, und der Mond.

Und was sie eigentlich damit meinte, als ich sie fragte, was sie vermissen werde, wenn sie eines Tages tot ist. Vermutlich alles, antwortete sie rasch. Alles werde ich vermissen – alles, und den Geruch von Regen.

Darüber muss ich nachdenken.

Oder warum ich mir keine schwarzen Business-Schuhe kaufe und ein Sakko, und jedes Mal, wenn ich in die Taschen greife, ist da Geld drin. Und zwar nicht zu knapp. Könnte man doch machen. Machen doch alle. Warum ich nicht. Man könnte doch Druckluftpuppen mit langen Flatterarmen verleihen oder Pepita-Hüte entwerfen. Aber nein. Ich tu es nicht. Ich hocke lieber auf dem Klo. Und denke darüber nach, warum es noch kein Buch von mir zu kaufen gibt – obwohl. Da weiß ich Bescheid. Ich warte immer ab, ob ich es demnächst nicht vielleicht noch besser kann. Deshalb. Nämlich.

Ist doch logisch.

Es gibt so vieles, was einem auf dem Lokus durch den Kopf geht. Etwa, warum unsere deutschen Mütter bis heute darauf achten, saubere Unterhosen zu tragen, damit sie reinen Gewissens in einen Unfall verwickelt und in ein Klinikum eingeliefert werden können. Ein Gedanke, auf dem sich leicht herumreiten lässt, schließlich kann so ein Schlüpfer nicht blütenweiß genug sein für die Herren Doktoren. Apropos Herren: Was ist eigentlich mit den Kerlen und ihren Unterhosen? Die geraten doch auch nicht gern in Schwulitäten. Aber alle sechs Stunde ne frische Buxe, nur weil einem der Blinddarm platzen könnte und dann ist ohnehin alles eingesaut… Ich weiß nicht.

Worüber ich noch nachdenke, wenn ich auf dem Pott sitze, was ich nicht kapiere:  warum jeder Höhepunkt unerbittlich das Ende einläutet, die Leute dieses Makel aber nicht wahrhaben wollen, jedes Mal aufs Neue.

Und warum bei allem, was wir tun, stets die Möglichkeit präsent ist, dass man mit-ten-drin abkratzt. Dass alles vergeblich ist, ein letztes Mal. Nie wieder. Allez..! Das ist doch.. Na ja. Schon gut. Ist eben so. Wir versuchen doch alle nur, nicht so schnell zu sterben.

Wir versuchen doch alle nur, nicht zu sterben.

gehirnjoggingAuch warum einem ganz schummrig wird, wenn einem die Wucht der Zukunft in den Sinn kommt, ist mir einen Gedanken wert. Warum wir, wie die Gräfin meint, niemals erfahren werden, was das alles soll mit dem Universum. Wer das erfunden hat. Gezeichnet. Bezahlt. Und gebaut. Und warum König Saul von den Philistern als Brautpreis hundert Vorhäute verlangte. (Eine hübsche Schnittmenge, sicher.)

Und warum ich wieder mal in Hundescheiße getreten bin, obwohl der Haufen doch klar und ersichtlich vor mir lag – ein dicker fetter Kackhaufen, ich mein, ich hätte es doch sehen müssen, aber ich hab es nicht gesehen. Ich hab es nicht mal gerochen, ach wo – immer volle Lotte rein mit den Sandalen. Vielleicht, um hinterher sagen zu können: Wusst ich’s doch! Beim Abgang. Voll reingesemmelt.

Zu spät - allerhand zu spät.., Susanne Eggert, 2013

Es ist ein Hybrid aus Denker und Bauer, der auf dem Klo sitzt und sich fragt, warum wir Menschen, die auch nur aus Wasser und einem Haufen chaotischer Chemie bestehen, genauso wie Pinselohrschweine oder Gorillas, sich so viel toller fühlen als die Pinselohrschweine oder Gorillas, nur weil wir nach getaner Arbeit noch auf dem WC kauern und schwere Sachen denken.

Zum Beispiel, warum die Vorstellung, dass es eine Matrix gibt, in der alles Weltgeschehen gespeichert ist, jedes Tun, jeder Gedanke, den je ein Mensch getan oder gedacht hat, warum diese Matrix nichts anderes ist als der übliche Gottesgedanke; und warum die Gräfin noch nie mit Gott gelacht, noch nie mit Gott geschäkert hat, wie sie behauptet.

„Ich hab noch nie zu Gott gesagt, na, hör mal, du bist mir ja vielleicht einer..”

Zuletzt frag ich mich, warum mir ein an sich bedeutungsloses Bild partout nicht aus dem Kopf will.

Sommerferien 1992. Wir fuhren durch das belgische Örtchen Nazareth, als uns ein Mofa-Fahrer begegnete, ohne Helm, seine ausgebeulte und viel zu große adidas-Hose flatterte im Wind wie ein großes zerrissenes Segel. Ein wunderbares, jäh auftauchendes Bild, das mich bis heute begleitet. Auch wenn es, isoliert betrachtet, keinerlei Bedeutung hat. Was soll das also? Warum denk ich solche Dinge? Warum spukt dieses Bild regelmäßig durch mein Bewusstsein, als hätte es ein Aktenzeichen? Wer hat etwas davon?

Und, vor allem: Wer zum Teufel bestimmt, was passiert, wenn ich die Augen schließe?

Wer regiert mich?

“Sag mal, was treibst du da eigentlich so lange auf dem Pott?” ruft die Gräfin besorgt.

“Nix.”

“Wie, nix?”

“Na, nix eben.”

“Für nix muss man doch nicht ne halbe Stunde auf dem Scheißhaus sitzen, mein lieber Schwan.”

“Doch, ich schon.”

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