Als du noch jung warst

„Wir sind mit Koteletts groß geworden. Unsere Generation hat es am schwersten, Vegetarier zu werden.“

 – Die Gräfin –

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„Du hast einen irritierend männlichen Gang. Du säbelst alles nieder, was dir im Weg steht. Führend ist das linke Bein, das Gefühlsbein. Auch wenn du ein Typ bist, der viel Kopfarbeit machst, das Gefühl bestimmt deinen Gang. Und je schneller du gehst, desto mehr wird dein Gang zur Machete, die sich den Weg frei haut. Du schickst deine Energie voraus, und folgst. Du gehörst zu den Leuten, die vorwärts fallen beim Gehen“, meint sie. „Als du noch jung warst, also vor ein paar Jahren, war es noch schlimmer. Da bist du mit einer Verve über die Straße gegangen, als wäre dein linkes Bein aus Gummi und du wolltest es wegwerfen und hast es dann doch wieder herangeholt. Du warst wie dein eigener Jojo unterwegs, aber nur mit links.“

„Und was war rechts?“

„Na, normal war das auch nicht.“

 

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Anderer Mann, andere Beine

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Natürlich ist das witzig, wenn die Leute im Auto kurz vor Mitternacht lieber verzweifelt auf ihr Navigationsgerät starren und eine Software anbeten, als mal eben das Autofenster runterzulassen und mich nach dem Weg zu fragen. Aber auch ein bisschen ärgerlich. Ich mein, ich kenne mich schließlich aus hier in der Gegend, da kann man mich ruhig fragen. Oder sieht man mir das nicht an? Dass ich hier wohne.

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Als ich mit dem Hund von der Abendrunde heimkehrte, war es stockfinster. Es duftete nach frischen Pfannkuchen und im Gartenhäuschen lief Shame Shame Shame von Shirley & Company, Shame on you, if you can’t dance too. Ich stand im Garten, tanzte auf feuchtem Laub und war etwa eine halbe Minuten lang ein bisschen überglücklich.

Man erzählt sich Geschichten, weil man nie genau weiß, was los war, damals

„Ich glaube, die Zukunft hat schon begonnen.“

(Die Gräfin)

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Drei Grad minus am Montagmorgen, Schnee fällt behäbig vom Himmel. Ich fahre Bus. Beim Busfahren bin ich jedes Mal fasziniert vom Nothammer, diesem staubigen roten Werkzeug, das in unmittelbarer Nähe zum Panoramafenster in seiner leicht verstaubten Hängevorrichtung vor sich hinhängt. HOL MICH RAUS, schreit es mich tonlos an, KLOPP MICH INS GLAS – MACH SCHON!

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Kurioser Anblick im Bus nach Gräfrath. Eine Araberin, komplett in schwarzes Tuch gewickelt, lediglich Nase und Augen sind frei zugänglich, im Schoß eine volle Plastiktüte mit grellbuntem Aufdruck:

maoam.

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So langsam will ich auch meine Burkha. Eine Mini-Burkha, nur für die Augen. Was die sich alles gefallen lassen müssen.

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Die Abendrunde gehörte bekanntlich dem Hund und mir. Wie oft waren wir im Gustav Coppel-Park unterwegs.

Originalton:

Es ist früh dunkel. Unter der Laterne kommt uns die krummnasige Jugoslawin entgegen.

„Du immer noch mit Frau zusammen?“ fragt sie mit einem kehligen Lächeln, und weil ich nicht schnell genug bin, gibt sie sich die Antwort gleich selbst: „Du immer noch mit Frau zusammen.. Besser so. Ist nette Frau.“

Wobei nette aus ihrem Mund wie nättäh klingt, nättäh Frau.

Die Jugoslawin, Rentnerin, führt ebenfalls ihren Hund aus, ein kleiner dicker Hund, er ist schon sehr alt. Er watschelt durch den Lichtkegel wie eine Ente und kümmert sich ebensowenig um Frau Moll wie Frau Moll um ihn. Manche Hunde sind Luft füreinander.

„Und du nättäh Mann“, fährt die Jugoslawin unbekümmert fort.

Ein feines Bärtchen umspielt ihre Kinnpartie, wie Brüssler Spitze.

„Und nättä Hund auch“, werfe ich ein, doch sie zählt nicht zu den Zeitgenossen, die anderen Leuten groß zuhören, während sie selber weiterquatschen.

„Du grüßen schön deinäh Frau. Komm, Bubschi, mit Mama nach Haus.“

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Einer müsste mal aufstehen und was sagen. Vielleicht sollte ich aufstehen. Aber was sagen? Um was zu sagen, wovon man glaubt, dass es gesagt werden muss, weil es die Wahrheit ist, die sonst niemand sagt, muss man da nicht etwas im Rücken haben, was die Worte unumstößlich macht? Was einen an den eigenen Lippen hängen lässt? Was stabiles? Damit man stehen bleibt?

Tja, was soll ich sagen.

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Man ist nicht nur das Ergebnis all der Leute, mit denen man sich umgibt, man ist vor allem das Ergebnis all der Leute, mit denen man sich nicht umgibt.

(Is auch gut so.)

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Wenn man den Fuß schon in der Tür hat, die Tür wird aber trotzdem zugeknallt, das tut weh.

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Der Tod ist das einzige Versprechen, auf das man sich blind verlassen kann.

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„Manchmal glaube ich, das deutsche Volk fürchtet sich jetzt schon vor dem Moment, wo es wieder einen Adolf Hitler braucht.“

(Die Gräfin)

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Man erzählt sich Geschichten, weil man nicht genau weiß, was damals los war.

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In der Regel muss man ja nur mal woanders schlafen – schon wird man woanders wach.

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Menschen, die immer nur gut dastehen wollen, sind mir suspekt. Ohne dunkle Seite ist man kein Mensch – bloß Albinoseele.

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„Das Wort dufte, ist das wieder in?“

„Wieso?“

„Weil mir das andauernd begegnet.“

„Kann sein. Klar. Ich glaub, dufte ist ein Evergreen.“

„Find ich gut. Ja. Dufte.“

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Es kann nur einen geben? Na, ich weiß nicht. Vielleicht gibt es doch mehrere.

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Weltweite Finanzkrise auf meinem Konto angekommen:

„Eines Tages mach ich es wie du“, sagte ich.

„Was meinst du?“

„Na, ich kaufe mir schwarze Business-Schuhe und ein Sakko. Und jedes Mal, wenn ich in die Taschen greife, ist da Geld drin.“

Er lachte.

„Na, so einfach ist das auch wieder nicht.“

Er arbeitete im Finanzdistrikt und drehte Anlegern Hochrisikopapiere an, per Telefon.

„Doch“, sagte ich. „Genau so einfach ist es.“

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Mit Konsens und Konsum beschmiert bis unter die Haarwurzeln der Achseln: die Crux unserer Zeit.

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„Wenn wir nicht wussten, wohin mit dem Ball, haben wir ihn einfach reingewichst.“

(Ernst Kuzorra, Schalke 04)

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„Wir nehmen alles von dieser Erde, wirklich alles – und geben ihr Plastik zurück.“

(Die Gräfin)

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Er hatte ein weitmaschiges Herz, in dem nicht jeder verdammte Fitzel hängenblieb, den man in einem unbedachten Moment äusserte.

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„Du gehst immer noch so, als wärst du fünfzehn und kommst gerade vom Sportunterricht. Männer in deinem Alter gehen anders. Die sind gezeichnet.“

„Ich nicht gezeichnet?“

„Nee. Du 15.“

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Was den Menschen müde macht? Das Stoffwechseln. Also das Ausatmen. Diese ganze lästige Ausatmerei. Würde man immerzu bloß einatmen und könnte die ganze Luft drinbehalten, das Leben wäre nicht so anstrengend. Man käme zur Welt und würde sich von Stund an langsam aufpumpen, peu a peu, Luftzug für Luftzug, bis irgendwann eine mächtige Explosion deinen Abgang anzeigt. Raboms! Wäre das was? Nee? Keine Lust zu platzen? Dann eben nicht. Dann atmet schön weiter aus. Immer schön raus mit der verbrauchten Luft, die andere Menschen einatmen müssen. Eine hygienische Frechheit. Der große Bio-Lümmel führt uns alle an der Nase herum. Aber mit mir nicht. Ich..

„So, Herr Glumm, wir sind soweit. Folgen Sie mir in die Kabine, zum Lungenfunktionstest?“

 

Foto: Sven Oliver Schmidt ( Herr Schmidt), Köln, 2008