Von Boxern und Adolf Hitler

Boxer müssen leidenschaftlich sein, das müssen kuriose Typen sein im Ring, nicht so durchkalkulierte Fritzchen wie Henry Maske oder unsere beiden ukrainischen Groß-Rehe… wie hießen die noch, die Klitschkos, genau. Das sind eigentlich Hosenscheisser gewesen, Angsthasen waren das. Null Leidenschaft und immer Schiss, was auf die Nase zu kriegen, das war ihr Motor im Ring. Dieser Art Boxen kann ich nichts abgewinnen. Aber die Deutschen stehen drauf. Die Deutschen stehen auf Angst, die jubeln der Angst zu. Hitler hatte auch Angst. So eine kleine graue Gestalt, so ein totalitäres kleines Wrack, das selber Angst hatte vor der großen weiten Welt und diese Angst mit Größenwahn kompensierte – ich meine, keiner anderen Gestalt haben die Deutschen mehr zugejubelt im zwanzigsten Jahrhundert als diesem Hosenscheißer. Manchmal glaube ich, das deutsche Volk fürchtet sich jetzt schon vor dem Moment, wo es wieder einen Adolf Hitler braucht. Aber weißt du, was das allerschlimmste ist? Nein? Als Deutsch-Italienerin bin ich quasi doppelt geschlagen, mit Hitler und Mussolini.

Heil, Bella!

  • Die Gräfin

Susanne Eggert, Die Boxerin

Nothing from nothing

Er war der Afro-Look schlechthin und galt genau wie Klaus Voormann (Bass) als fünfter Beatle, womit wir insgesamt schon bei sechs Beatles gewesen wären – schöner Blödsinn. Er war nämlich der sechste Rolling Stone. Tatsächlich war er eine Weile informelles Mitglied bei den Beatles und bei den Stones, eine einmalige Karriere.

Billy Preston. Sein 1975er-Solo-Hit „Nothing from nothing leaves nothing“ gehört seit über 40 Jahren zu meinem Arsenal an Gassenhauern.

Nun gehöre ich NICHT UNBEDINGT zu der Fraktion der Ewiggestrigen, die glauben, früher sei alles besser gewesen, erst recht in der Rock- und Popmusik, doch die Vielfalt und Kraft der 70erjahre bleibt unerreicht. Das hat seinen Grund.

Stell dir Pop als Lebewesen vor. Geboren 1954, mit Schmalzlocke, als Rock’n Roll. Die wilden Teenagerjahre endeten mit Woodstock, und von nun an ging es 10 Jahre lang rund. Als jungem Erwachsenen kamen der Popmusik die besten Ideen, Disco, Funk, Punk, Reggae, Rap, Singer/Songwriter, früher Techno. Diese großartige Zeit ging bis Mitte der 80er, dann schwand der Elan. Die Rock- und Popmusik zitierte sich zunehmend selbst, eine logische Entwicklung. Ein 30jähriger hat nicht mehr die zwingenden Ideen eines zornigen 17jährigen. So ist es im Grunde geblieben bis heute. Die Kids hören weltweit Rap und Hip Hop und scheinen gar nicht zu ahnen, dass diese Musikrichtung bereits Mitte der 70erjahre in der Bronx ihren Anfang nahm.

Und weit und breit ist keine Erneuerung in Sicht. Wie denn auch. Im stolzen Alter von fast 70 Jahren sitzt die alte Schmalzlocke auf der Veranda und schaukelt der nächsten Rentenzahlung der Streaminganbieter entgegen, und die Jungen können froh sein, wenn Opa einen ausgibt.

That’s right, Baby.

Ein Platz für Patzer

„Ich möchte gern mal ein Buch in der Hand halten, wo jemand so schreibt, als hätte man es selbst gedacht…“

Die Gräfin

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Früher hieß es, sieben Hundejahre zählen so viel wie ein Menschenjahr. Bei mittelgroßen Hunden gilt seit einiger Zeit acht zu eins. 8 Hundejahre = 1 Menschenjahr. Im Dezember 2009 wurde unsere Frau Moll sechs Jahre alt. Acht mal sechs, das machte nach Adam Hunderiese 48. Der Hund war 48, ich war 49, die Gräfin 47. Für eine Winzigzeit waren wir drei also in etwa gleich alt. Wir gingen alle drei stramm auf die 50 zu. Wir waren The Fuffies. Zur Feier des Tages wurde rosa Kitschwasser gereicht.

„Wie, rosa Kitschwasser..?“ rief sie und kam in die Küche. „Was redest du da wieder?“

„Na, ist das etwa kein Partydrink hier?“

„He, stehen lassen! Das ist meins! Da ist doch ne Zink-Tablette drin! Die löst sich auf. Das sprudelt noch!“

„Ja, eben. Ich dachte zur Feier des Tages… Aber Zink? Wofür Zink?“

„Für mich. Hab ich irgendwo gelesen. Für schöne Fersen und eine leckere Halspartie. Und gegen altes Blut.“

„Ach, dann.. keine Party, klar.“

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Im Landschaftsschutzgebiet, das unweit vom Haus mit Schildern beginnt, (Bitte beunruhigen Sie keine wild lebenden Tiere, und darunter, fett mit Edding: Wer will ficken? 01735...) hatte eine Abordnung der örtlichen Maulwürfe unzählige Geburtstagshaufen aufgeworfen. Man hatte gehäufelt, was die Erde hergab, (und zwar auf der großen Fußballwiese), damit unser Hund schön was zu buddeln hatte am Ehrentag. Damit er nicht ohne Arbeit dastand, mit 48. Mit 48 arbeitet man gern, auch als Hund.

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Wenn man 30 wird, denkt man, ach du Scheiße, jetzt ist es soweit, jetzt wirst du alt. Jetzt ist deine Jugend passe. Und dann passiert erstmal – nichts. Man ist 30, bleibt aber Ende 20, auf unbestimmte Zeit. Bis man irgendwann 40 wird, viele Jahre später. Wenn man den ersten Schreck verdaut hat, dass es jetzt also wirklich so weit ist und man alt wird, SO RICHTIG ALT, dass die Zeit ENDGÜLTIG gekommen ist, sich von seinen Jugendtagen zu verabschieden, da erinnert man sich daran, wie es gewesen ist, als man 30 wurde. Welche Ängste man ausgestanden hat. Und dass am Ende gar nichts geschah. Dass man einfach Ende 20 blieb, lange Zeit, und erst im Laufe der Dreißiger irgendwann 30 wurde. Und so hofft man, dass sich das ganze bei der 40  wiederholt. Dass man 39 bleibt auf unbestimmte Zeit. Und tatsächlich. Auch wenn du 40 wirst, ändert sich nicht viel, du bleibst 39, das Leben bewegt sich in ruhigem Fahrwasser, du bist ein Glückskind. Doch dann, mittendrin, geschieht es. Mit Gongschlag 45. 45 ist die Pforte, hinter der das Alter wartet. Plötzlich mag man nichts Weichgekochtes mehr. Alles muss plötzlich hart sein. Du alte Schachtel.

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„Guck nicht so, wie dumme Leute auf Titten gucken!!“ höre ich eine Stimme aus einem Pulk Halbwüchsiger, der mir nach Schulschluss auf der Wupperstraße begegnet.

„Ist gut“, murmle ich, obwohl ich gar nicht angesprochen bin. Hoffe ich mal.

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„Ok, morgen früh, halb acht, nackig im Magen“, nimmt der Patient im knappen Ton den Einsatzbefehl entgegen, am Tresen der Hausarztpraxis. Er soll nüchtern kommen, zur Blutabnahme.

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„Ein bisschen lebensmüde sein schadet nicht“, sagt sie. „Man muss nur wirklich gern nicht mehr leben wollen.“

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Man kann eine ganze Menge Sachen sagen, die noch nie gesagt worden sind auf der Welt. Nicht so. Also, nicht genau so.

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„Eigentlich ist man nur das Produkt all der Menschen, mit denen man sich umgibt und jemals umgeben hat im Leben“, meint Malerin Eggert. „Mehr nicht.“

„Nicht nur das“, sag ich. „Man ist auch das Produkt der vielen Menschen, mit denen man sich NICHT umgibt und niemals umgeben hat.“

„Ja. Natürlich. Das vor allem.“

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Frau Moll, gemalt von der Gräfin

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„Das war voll peinlich. Aber irgendwie auch nicht. Die Lacher hatte ich jedenfalls auf meiner Seite.“

Vierte Klasse. In der Deutschstunde musste die kleine Gräfin einen Text vorlesen, in dem der Name des legendären Tierfilmers und TV-Morderators Bernhard Grzimek (Ein Platz für Tiere) vorkam. Sie hatte den Namen noch nie gehört, da sie selten vorm Fernseher saß. Denn anstatt fernzusehen, turnte die kleine Gräfin lieber draußen herum und sammelte halbtote Frösche auf, die sie zuhause aufzupäppeln versuchte mit Cornflakes und Cornichon-Gürkchen.

„Bernhard… ähh.. Grit..ze…meck…“, stotterte sie den schwierigen Namen des berühmten Mannes, den sie nicht kannte, worauf die ganze Klasse in Gelächter ausbrach. Die Gräfin wusste nicht mal, warum die anderen so einen Spaß hatten.

„Woher sollte ich auch wissen, dass er Tschimekk ausgesprochen wurde. Der alte Affenarsch!“

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Ich bin süchtig nach meiner Vergangenheit, und sie fängt regelmäßig gestern an. Das ist gar nicht so lange her. Und schon Suchtmotiv.

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„Bei allem, was du tust, wird man das Gefühl nicht los, es wäre wie nebenbei. Selbst wenn du eines Tages tot umfällst, wirst du es wahrscheinlich wie nebenbei erledigen“, sagt sie..“ Du bist der nebenbeiste Mensch, den es gibt.“

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Ach, übrigens: keine Frau ist nur eine Blume.