EXPRESS-Boy im Blaulicht

Nachdem ich aus einer Laune heraus begonnen hatte, mit fetten Zeitungsbuchstaben, einer Papierschere und Klebestift meine eigenen Schlagzeilen zu modellieren, benötigte ich nun täglich meine Ration Angeberbuchstaben aus den Boulevardblättern, wobei ich, naturgemäß, den rheinischen EXPRESS bevorzugte.

„Jetzt fehlt nur noch der Hobby-Keller“, amüsierte sich die Gräfin.

Es war wie immer. Wenn ich schon mal etwas in Angriff nahm, woran ich Spaß hatte, lief die Sache schnell aus dem Ruder. Ich war wie ein Terrier. Sobald ich ein Mäuschen aus dem Bau getrieben hatte, buddelte ich schon dem nächsten hinterher. Kein Ende in Sicht. Weiter und weiter. (Ein Terrier pausiert nur im Notfall.) Am Ende hatte ich einige hundert Arbeiten zusammen und gähnte ausgiebig. Einige dieser Dada-Arbeiten wurden 1989 in der Bonner Literaturzeitschrift PIPS veröffentlicht.

(Zur Erinnerung: damals saß Nelson Mandela noch im Knast).

 

 

Wenn ich nach dem Nachtdienst im Turm-Hotel früh um acht in der Fußgängerzone unterwegs war, langte ich in die roten EXPRESS-Verkaufsboxen, die überall in der Stadt herumstanden, und bediente mich. Einmal leerte ich den gesamten Inhalt einer Box, mindestens 20 Exemplare. Das würde eine Weile reichen. Keine 30 Meter weiter hielt mich ein Streifenwagen an. Guten Morgen, der Herr. Guten Morgen, die Herren. Was ich denn mit so vielen Zeitungen vor hätte.

„Welche Zeitungen?“

„Na, die unter.. deinem Arm.“

„Ach, die… äh wollte ich äh gerade zurückbringen“, sagte ich.

„Wohin?“

„Na, zurück in den… in den EXPRESS-Kasten dahinten…“

Die Beamten blieben eine Weile auf dem Posten, um zu prüfen, ob ich die Exemplare tatsächlich (ordnungsgemäß) zurückbrachte. Oder ob ich sie vielleicht doch lieber für mich behielt. Ein Bulle rief mir noch grinsend „VIER MARRRK!“ hinterher, „WENN SIE ALLE ZWANZIG KAUFEN!“, wohl in der irrigen Annahme, eine Boulevard-Zeitung würde 20 Pfennig kosten. (Statt 50.)

Als ich zu Hause war, und der Gräfin vom verhinderten Raubzug berichtete, brach sie in Gelächter aus, ging an ihren Zeichentisch und hielt den Einsatz der Polizei mit verschiedenfarbigen Wachsmalstiften fest.

Express-Boy im Blaulicht, Susanne Eggert, 1989

Wenn man älter wird und die Körperfehler kommen

Älter werden ist bei Licht betrachtet nichts anderes als Weiterbauen an dem Haus, in dem man von Geburt an wohnt, bis es einen Tages fertig ist  und abgerissen wird.

 

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Haus

 

Sollte ich das Notizbuch in dreißig Jahren noch mal lesen, werden es nur noch Zeilen sein. Jetzt ist es mein Leben.
(Anfang ’86)

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Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, nämlich gut, sind sie nicht daran gebunden, auf ewig so zu bleiben. Das sollte man zumindest im Hinterkopf behalten, wenn man im Gespräch mit anderen Menschen, denen es vielleicht gerade nicht so gut geht, den Zeigefinger hebt und vermeintliche Gewissheiten raushaut. Ratschläge womöglich, wie man es besser macht.

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„Wenn du mit einer Frau zusammen bist, bindet sie dir all ihre Gefühle auf die Nase, bis du irgendwann denkst, du wärst eine Waschmaschine. Eine Gefühlswaschmaschine. Ist doch so, oder?“

  • Die Gräfin

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Natürlich sind Verlierer die ergiebigeren Erzähler. Nicht etwa, weil sie per se tiefer wären als Siegertypen, sondern weil Unglück mehr hergibt.

Glück ist flüchtig, Unglück prägt.

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„Die erste Hälfte des Lebens ist Leben, die zweite Sterben. Leben ist einfacher.“

  • Die Gräfin

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Das Gesicht, mit dem man draußen in der Gesellschaft herumläuft und altert, ist ein anderes als das, welches man in sich trägt. Das hält länger jung.

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Wenn man als Paar lange zusammen ist, sieht man sich irgendwann gegenseitig beim Sterben zu. Dazu braucht es Mumm. Deshalb trennen sich viele Paare.

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Mit der Globalisierung hat sich die Welt auf ein gewisses Maß an gegenseitigem Desinteresse geeinigt.

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Dass nach Andy Warhol in Zukunft, die sich ja auch schon wieder dem Ende zuneigt, jeder Mensch eine Viertelstunde lang berühmt ist, hat seinen Grund: auch beim Essen ist der Mensch nach 15 Minuten satt, ganz egal, wieviel er in dieser Zeit an Nahrung aufnimmt.

Eine Viertelstunde ist die Maßeinheit, die der moderne Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte zu bewältigen weiß.

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„Der kleine Zeh ist irgendwie ein Eremit.“

  • Die Gräfin

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Und das alles für die schwarze Null…