Die Küche ist die Seele und in meiner Küche wohnt ein Hund

Wenn man nachts nicht schlafen kann, hilft nur noch eins: Aufstehen, durch die Straßen laufen und andere Leute aus dem Schlaf klingeln. Damit man nicht alleine nicht gut schlafen kann.

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Der Schneeregen klatscht gegen die Häuserwand, als verteile er großspurig Ohrlaschen.

„Und hier, du kriegst auch noch eine!“ brüllt es gegen den Beton – da kommt die nächste Schneeböe schon um die Ecke, mit einem Mordsgaudi.

„Puh, ist der übermütig!“ meint sie begeistert.

„Wer?“

„Der Herbst!!“

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„Alle haben voll die fetten Flats geladen, bloß ich hab nur noch sieben Cent Guthaben drauf! Ich bin das 7 Cent leichte Telephon-Mädel!!“

  • Die Gräfin

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Ich latsche entlang der Straße, hält plötzlich ein Wagen neben mir. „Junger Mann, wie komm ich denn nach Sprockhövel?“ Ich blicke auf. „Sprockhövel.. liegt hinter Wuppertal“, sage ich und eile weiter. Ich meine, das muss reichen als Auskunft. Auch für andere Fahrer, die ohne datengestützte Orientierung unterwegs sind und sich von mir die Wegbeschreibung nach Schwelm versprechen oder nach Velbert oder Radevormwald, es gilt: liegt hinter Wuppertal, irgendwo im Nebel, dann immer geradeaus.

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Herbstlaub fällt. Man wird überschüttet von buntem flirrenden Material, als hätte man den ersten Preis gewonnen. Man ist Star im Wald.

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„Magst du meine DNS etwa nicht mehr..?!“ fragt sie mit spitzer Zunge, als ich ein langes Haar von ihr im Dessert finde und vorsichtig herausfische.

„Doch. Ist lecker.“

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Auf der Straße liegt eine leere Dose herum, darauf ein Foto von Pflaumen. Ich wundere mich zwar, dass es Pflaumen jetzt auch in der Dose gibt, die waren doch früher immer im Glas, aber ist ja egal, sieht lecker aus, das blaue Früchtefoto macht Appetit. Könnte man sich eigentlich auch noch mal holen, Pflaumen im eigenen Saft, denke ich, da gucke ich genauer hin und erkenne, es sind gar keine Pflaumen, das ist eine Tabaksdose, darauf ein Warnhinweis mit einer Raucherlunge in Farbe.

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Hunde lecken so viel an einem, weil sie keine Hände haben zum Guten-Tag-sagen.

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Der 1jährige Hund, der seit einigen Wochen bei uns lebt und meist Leo, gelegentlich Little Joe heißt, war einige Monate Straßenhund nahe Lissabon, bevor Tierfänger ihn kaschten. Dann war er kurz auf der Tötungsstation, wurde freigekauft von Tierschützern und verbrachte anschließend ein halbes Jahr im Shelter, unter 300 anderen Straßenhunden, bevor wir ins Spiel kamen, via Internet. Wie alle Straßenhunde aus Südeuropa hat er einiges mitgemacht, und nicht alle Erlebnisse bekommt man als Straßenhund so einfach aus dem Kopf, nur weil man jetzt in Deutschland in einem Haus lebt.

Das hat nämlich seine Tücken, das Haus. Als die Gräfin einmal laut niesen muss, erschrickt der Bursche, der gerade neben ihr steht, so sehr, dass er mit dem Kopf gegen den Kleiderschrank knallt – rabummms! Nun weiß ich aus Erfahrung: Hunde haben einen harten Schädel. Dennoch ist er danach zwei Stunden lang nicht zu sehen, verkriecht sich unterm Zeichentisch der Gräfin.

Licht ängstigt ihn in allen Facetten. Straßenlaternen, die von draußen in die Stube scheinen, Leselampen, normale Deckenleuchten, flackernde Kerzen, ja selbst das Anzünden eines Streichholzes macht ihn fertig. Vor einigen Tagen führt die Gräfin Leo abends um elf zum letzten Pipimachen aus, nur kurz um die Ecke, da gerät er am Gartentörchen in Schreckstarre: eine Laterne leuchtet einen Busch aus, und die daraus resultierenden Schatten von Blättern und Zweigen sind so gespenstisch, dass er zu knurren und fletschen beginnt und kaum zu bändigen ist. Der Schattenwurf ist einer seiner mächtigsten Feinde.

Am schlimmsten aber ist es in der Wohnung. Wenn man elektrisches Licht anknipst und die Schatten zittern an der Wand, reagiert er oft so verstört, dass er kaum weiß, wohin mit sich. So wie hier: Er sieht mich abends auf dem Bett liegen und eine Zeitschrift lesen. Er will mich freudig begrüßen, kommt aufs Bett zugerannt bis er plötzlich, mitten im Laufen, den Schatten wahrnimmt, den meine Schreibtischlampe an die Wand wirft. Sofort bremst er ab, duckt sich, als würde er gleich Prügel kassieren, und macht kehrt, so schnell er kann. Nun ist ihm meine Schreibtischlampe zwar bekannt, aber eben nicht an dieser Stelle, ich habe sie ausnahmsweise am Bett platziert, da kennt er sie nicht, das macht ihm Angst, wie alles, was er nicht kennt.

Welches Trauma dahintersteckt, erfahren wir von einer Hundehalterin, die mit Straßenhunden mehr Erfahrung hat als wir. Es sind die Hundefänger, die in Südeuropa durch die Städte fahren und bei einbrechender Dunkelheit die Ecken nach streunenden Hunden ausleuchten, mit starken Taschenlampen.

Als ich der Gräfin davon erzähle, weint sie.

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Sie findet Bäume hocherotisch.

„Hmm, bist du sexy..!“ schmeichelt sie einem besonders stattlichen Exemplar im Coppel-Park, und der Galan verneigt sich leicht im Novemberwind.

 

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Schon als Kind zog es sie in den wilden Wald. Sie mochte es nicht, dieses wattierte Stadtleben, den ständigen Schutz. „Das ist alles so weich hier!“ empörte sie sich. „Überall Teppich! Warum kein Steinfußboden?!“

Sonntags, wenn es Hähnchen gab, hat die kleine Gräfin am liebsten das Herz gegessen, das war nicht so glibberig, und es quietschte so schön im Mund.

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Den ganzen Tag habe ich einen Oldie im Kopf. Keine Ahnung, wo ich ihn aufgeschnappt hab. Irgendwo im Radio, in einem Werbespot. I can help von Billy Swan. If you got a problem, don’t care what it is, I can help. I got two strong arms, let me help. Den ganzen Tag. Von morgens bis abends. Ich kriege es nicht aus dem Schädel. Es hat sich ein Nest gemacht in meinem Musikarchiv. Eigentlich habe ich nichts dagegen, mir gefällt der Song, mir gefiel er schon immer.  Er ist so schön einfach. Das erfolgreichste Lied aller Zeiten baut auf zwei Akkorden auf, A-Dur, E-Dur. La Paloma. Mehr braucht es nicht. Das reicht. Und dazu La Paloma pfeifen. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass Billy Swan seinen Welterfolg I can help in 10 Minuten an seiner Farfisa-Heimorgel komponiert hat.

Doch es gibt ein kleines Problem. Da ist diese andere Version von I can help, von Elvis. Elvis mochte I can help. Es ist auf seinem letzten Studio-Album verewigt, es erschien kurz vor seinem Tod. Nun höre ich in meinem Kopf abwechselnd die Stimme von Billy Swan und die von Elvis Presley, hoch oben in meinem Archiv. I can help. Den ganzen Tag. Was kann man dagegen tun. Ich ergebe mich. Ich singe leise mit.

„Was ist das noch mal?“ fragt die Gräfin. „Was du da summst?“

„I can help“, sag ich.

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Fotos sind angehaltenes, abgestorbenes Leben.

 

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Wir haben zwei klassische italienische Espressokännchen, ein kleines und ein großes. Wenn das große Espressokännchen auf dem Elektroherd steht und zu brodeln beginnt, klingt es wie ein Sportflugzeug hoch über den Wolken. Im Sommer, wenn das Fenster offen ist und ich koche Kaffee in der Küche, bin ich mir manchmal nicht sicher: Ist das nun der Espresso, der brodelt und gleich fertig ist, oder will da jemand in Ferien..?

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„Du gehst immer noch so, als wärst du fünfzehn und kommst gerade vom Sportunterricht. Männer in deinem Alter gehen anders. Die sind gezeichnet.“

„Ich nicht gezeichnet?“

„Nee. Du 15.“

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Vor Häusern und Tötungsstation

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Was Häuser für angsteinflößende Riesenmaschinen sind, fällt mir erst jetzt wieder auf, wo der junge Hund da ist. Der ein Straßenhund war für kurze Zeit, dann auf der Tötungsstation landete, freigekauft wurde und zuletzt in Portugal im Shelter saß, mit 300 Kameraden. Wie in einer großen hilflosen Burschenschaft. Mit Mädchen, immerhin. Er ist wohl 1 Jahr alt, hat aber den Erfahrungsschatz eines Welpen. Häuser sind für ihn riesige Schachteln, in denen große Menschen wohnen, die nach einem treten, wenn man ihnen zu nahe kommt, weil man Hunger hat. Daher macht er sich ganz klein, unser Mr. Bartholomew, und duckt sich, wenn er an einer unbekannten großen Betonschachtel vorbeikommt. Und zieht panisch an der Leine: wo ist das nächste Unterholz? Bloß weg hier, Massa! Das wird gleich ungemütlich hier, wenn die Tür aufgeht!

(Und dann erst diese Kirche: hat doch tatsächlich diesen Stachel auf dem Dach, wie beim Impfen.)

 

Findest du mich eigentlich kühn?