Die Solingen Fotos – 3 (Ein langer Weg)

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Ein Foto ist die schnellst mögliche Geschichte.

 *

Wenn ich übers Leben nachdenke, sagt sie, wird mir schwindlig. Das geht mir alles viel zu schnell.

Sie fliegt dauernd aus der Kurve.

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Um nur ja nichts zu verpassen, hab ich es als Fotograf vermieden, die Kamera aus der Hand zu legen. Selbst wenn ich den Müll herausbrachte, baumelte die Minolta schussbereit um den Hals. Es hätte ja sein können, dass genau in dem Moment, wo ich mich der Mülltonne nähere, ein Außerirdischer neben mir aufschlägt, pummelig geworden von der langen Überfahrt, ein schwabbeliger Krieger vom Stern Jones 45, und ich hab den Revolver nicht durchgeladen.

Das hätte mir die Welt nicht verziehen.

Zu Recht.

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Bevor ich mich aufs Schreiben verlegte, hab ich ordentlich durchfotografiert.

Es sind Dutzende Foto-Alben aus der Zeit zwischen 2001 und 2005 übrig. Das Aussuchen und Einkleben der Bilder hatte etwas Kontemplatives. Ich war wieder der kleine Junge, der auf der Fensterbank mit Matchboxautos spielt und darüber die Zeit vergisst – ich verbrachte ganze Tage damit, Fotos zu arrangieren, Brüche einzuziehen, Untertitel auszuhecken. Dabei blieb das Gros der Aufnahmen aussen vor. Entweder waren die Bilder zu schlecht, um im Album Berücksichtigung zu finden, oder sie hätten besser sein können, was ein gravierender Unterschied ist.

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Noch heute türmen sich Fotoalben aus dieser Ära auf meiner Kommode, eine wacklige Angelegenheit, bei der das Gleichgewicht schon mal verloren geht. Ohne besonderen Anlass, allein aus physikalischen Gründen, macht es plötzlich Rawumz, und der Fußboden ist übersät mit lauter näherer Vergangenheit.

Einzelne Bilder schaue ich mir genauer an. Da ist dieses Foto vom Jonathan Richman-Konzert 2001 in Düsseldorf, wo zwei Hippies selbstvergessen in der ersten Reihe tanzen, den Gürtel gelockert, von Scheinwerferlicht gestreift. Zwei Männer in den Dreißigern, Vermessungsingenieure vielleicht, die sich einen schönen Trance-Abend machen.

„Es sind immer die gleichen Typen, die auf Jonathan Richman-Konzerte gehen und mittanzen“, meint die Gräfin zu dieser Aufnahme.

„Verdammte Vermessungsingenieure.“

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Ein anderes Bild ist aus dem Album Juli 2003 gerutscht.

Ein Urlaubsfoto, das eine Momentaufnahme vom Strandleben in Zeeland zeigt. Im Hintergrund erkennt man einen Mann, der einen Winddrachen steigen lässt und genau in dem Moment, wo ich den Auslöser drücke, in die Kamera blickt. Und so ist bis heute der erstaunte Ausdruck in seinem Gesicht erhalten, in meinem Fotoalbum, auf diesem Urlaubsfoto vom Juli 03. Was der Knabe heute wohl so treibt, denk ich. Und was ist aus den beiden Vermessungsingenieuren vom Jonathan-Konzert geworden, wie die jetzt wohl aussehen, Jahre später.

Ob sie ihren Job noch haben?

Und was ist eigentlich mit mir?

Auf wie vielen Bildern in wie vielen digital aufbereiteten Fotoalben stehe ich eigentlich inkognito im Hintergrund rum, jahrelang dem Gilb ausgesetzt, dem Stuben- und Zigarettenstaub, nur selten aus dem Regal gezogen und beim Durchblättern mit knappem teilnahmslosen Blick bedacht..?

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Seltsamer Gedanke. Wir alle verstauben im Hintergrund bedeutungsloser Schnappschüsse von Menschen, die uns unbekannt sind, wir alle stecken fest in Foto-Büchern fremder Leute, die meiste Zeit nichts als zugeklappt und übersehen.

Eigentlich auch egal.

Sattelt das Blau, Freunde!

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Ich hab einen Kugelschreiber kaputt gesessen. Der Kuli steckte im Notizbuch, das Notizbuch in der Gesäßtasche, ich setz mich hin, ist der Stift platt. Die Mine bricht und läuft aus und ergiesst sich cobaltblau ins Notizbuch. Das sieht nicht mal übel aus. Der Klecks. Fast ein bisschen gut, wie blaues Blitzeis. „Wie drei so blaue Pferde hintereinander“, urteilt die Gräfin. Aber sie ist nicht frei von Lieblingsfarben. Blau ist ihre Lieblingsfarbe. Das Blau der französischen Nationalflagge, genau genommen.

„Ich tät für mein Leben gern mal schnörkellos am Blau der Trikolore lecken.“

Sattelt das Blau, Freunde! Auf gehts!

 

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Die Fotos von Glumm (2)

„He, du fotoapparierst ja alles!“

Ich war Anfang vierzig, als ich das Fotografieren entdeckte, als Heroinersatz sozusagen. Den Fotoapparat in die Hand nehmen war für mich wie das Aufsetzen einer Sauerstoffmaske. Ein Foto machen war, als bekäme ich in kontaminierter Umgebung endlich wieder Luft. Es war das pure Durchatmen.

Es war eine gute Sache in schlechten Zeiten.

Erst knipste ich mit der kleinen Rollei-Kompaktkamera, die ich 2001 zufällig auf der Straße gefunden hatte. Darin ein Farbfilm, den ich entwickeln liess, um zu sehen, ob ich die Leute vielleicht kannte, die darauf zu sehen waren. Und ja, einige Figuren auf den Bildern waren mir tatsächlich bekannt, als unsympathische Nachbarn, die eine verlorengegangene kleine Kamera verschmerzen konnten. Im Herbst 03 legte ich mir eine Spiegelreflex zu, eine Minolta, am Tag eines Jonathan Richman-Konzerts in Düsseldorf.

Bis Ende 2004 schoss ich zehntausende Bilder auf altmodischem Silberfilm, bevor ich das Fotografieren jäh wieder einstellte (und zu schreiben begann). Ich fertigte Dutzende Fotoalben an, das Einkleben der Bilder war eine hochkontemplative Angelegenheit. Natürlich fanden nur die wenigsten Aufnahmen den Weg ins Fotoalbum, und längst nicht jeder vollgeknipste Film wurde entwickelt. So kommt es, dass noch heute hundertfünfzig Filmrollen á 36 Aufnahmen in meinem Regal schlummern, die ich ins Fotolabor geben muss, solange die Welt Silberfilme kennt.

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Ein Mädchen, das gerne guckt

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“Hoffentlich verliere ich nie mein Augenlicht”, sagt sie.

“Logisch, ist ja auch das schlimmste, was einer Malerin zustoßen kann.”

“Malerin..?  Wieso? Ich bin keine Malerin. Ich bin ein Mädchen, das gerne guckt.”

*

Sie sitzt am Tisch, versunken in diesem alten Ausstellungs-Katalog von Edward Hopper, seit über einer Stunde schon. Blättert vor, blättert zurück.

Zuletzt holt sie ihre Lupe.

“Hopper malt so großartig, man möchte seine Bilder einatmen – und dann nie wieder ausatmen.”

*

Später Nachmittag, Landschaftsschutzgebiet. Plötzlich ein Knall hinter uns, als hätte der Wald die Tür zugeschlagen.

Der Spaziergang ist abrupt zu Ende.

*

Äusserlich mag ich nüchtern wirken, innendrin bin ich ein Spinner, und: einmal Spinner, immer Spinner. Das lässt sich nicht einfach ausknipsen wie das Licht im Backofen, zumal unser Backofen defekt ist, das Licht lässt sich nicht mehr ausknipsen. Noch tief in der Nacht leuchtet es einem vergessenen Hähnchenbollen heimwärts ins Reich des weissen Superfleisches.

“Du Spinner”, murmelt die Gräfin.

*

Na. Das murmelt die richtige.