Crying

 

Das Bild hängt seit Jahren über meinem Bett und hält Wache. Sanne hat es im Mai 2012 gemalt, kurz nach meinem Herzinfarkt.

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“Da sind Sie dem Tod ja nochmal von der Schippe gesprungen”, sagt Intensiv-Krankenschwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Ihr Auftrag: ein EKG anfertigen. “Das war Rettung in höchster Not.”

Eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, war schon seit geraumer Zeit dicht, wie ich im Nachhinein erfahre.

“Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt. Die zweite Arterie war nur noch zu zwanzig Prozent offen, und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste. Sie haben Glück gehabt, dass Sie so schnell im OP waren. Nicht auszudenken, Sie wären gestern irgendwo im Wald gewesen und die Rettungskräfte hätten noch Zeit gebraucht, um Sie zu finden…”

Hm..? Im Wald? Wie kommt sie denn darauf?

“Ich war tatsächlich im Wald“, sage ich, fast ein bisschen empört, „mit dem Hund. Aber zum Glück vorgestern.“

An der Papiermühle sind wir gewesen, Stöckchen werfen, räubern. Bei diesen schwülen Temperaturen. Unten an der Wupper. Ohne Handy natürlich. Wenn man mich da gefunden hätte, dann nur tot.

“Na, sehen Sie, wieviel Massel Sie hatten”, sagt Schwester Simone, und macht große Augen.

Pflegegruppe 32

Danke, Dasein, danke

Sie war noch ein Kind, als sie das erste Mal Paternoster fuhr, im Finanzamt zu Düsseldorf, und beim Runterfahren versuchte sie im Handstand auszusteigen.

Damit die ganze Angelegenheit irgendwie Sinn machte.

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„Weißt du, wie Nachrichten klingen müssten in einer Welt, in der ich gerne lebe? Bürgermeisterin rettet Küken!“

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„Weißt du, was mich krankmacht? Dieser ganze Fabrikzucker, davon werde ich blind, von dem Industriezucker, der macht mich zum Hulk, zum Zucker-Hulk!“

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Es gibt Tage, da beschleicht mich zunehmend ein ungutes Gefühl. Besonders, wenn ich früh am Morgen das Haus verlasse, um Dinge zu erledigen, die keinen Aufschub dulden, obwohl es schwer regnet. Was machst du eigentlich noch hier in diesem Kaff, in dieser vergessenen kalten kleinen grauen Stadt in der rheinisch-bergischen Provinz? denke ich, wenn ich am Graf Wilhelm-Platz auf den Bus nach Gräfrath warte. Warum lebe ich nicht in einer großen kalten grauen Stadt, die keiner so schnell vergisst.

Um nicht nass zu werden, suche ich Schutz unter dem Vordach der Drogerie und beobachte, wie eine Handvoll Gerüstbauer dem ersten Job der Woche nachgeht. Man baut direkt vor meiner Nase ein Gerüst ab und scherzt mit dem Busfahrer, der aus der Kanzel seines Busses tritt (Linie 682) und sich eine schnelle Pausenzigarette gönnt.

„Ihr Jungs könnt Feierabend machen!“ ruft er vergnügt. „Anordnung von ganz oben!!“

Die Gerüstbauer, gekleidet in gelben Warnwesten und schwarzen Arbeitshosen, transportieren Metallstangen von hier nach da und bleiben cool.

„Das musst du aber erst mit dem großen Meister klären.“

„Wie..? Ist der auch hier?“

„Na sicher. Der sitzt hinten im Laster und kloppt sich einen.“

„Oha. Dabei möchte ich ihn aber nur ungern stören. Also, Jungs: Feierabend!“

(07.58 Uhr, Graf Wilhelm Platz, vor großem Publikum)

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Nun sind ja Geburt und Tod die rigorosesten Dinge, die uns das Dasein zu bieten hat. Und was sagen wir da? Danke sehr, sagen wir da artig. Danke sehr, liebes Dasein.

Danke.

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„Bee Gees..? Moment.. Waren das nicht diese drei komischen Gebissmänner? So Falsettfritzchen? Ich verwechsle die immer mit den Beach Boys.. Die Beach Boys waren doch Brian Wilson, oder..?!“

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„Wenn ich nochmal jung wäre, ich würde Surfen lernen und beim Tanzen auf der Monsterwelle die Erkennungsmelodie von Hawaii Fünf Null pfeifen.“

  • Die Gräfin

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„Wenn mein Charakter so gut wäre, wie mein Kopf es sich ausdenkt, wäre ich schon sehr zufrieden.“

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„Aufwachen am Morgen und noch am leben sein, immer noch..!! Welch ein Privileg! Und womöglich scheint noch die Sonne, und du hast auf einem Bleistift geschlafen, ohne es zu merken!“

„Ja. Was will man mehr.“

„Ja genau! Konsequente Weltklasse!“

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„Wenn du in Gesellschaft nicht funktionierst, erntest du nur ratlose Gesichter..“

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Es gibt Worte, die sind abgenutzt bis auf die Felge. Man kann sie nicht mehr benutzen, obwohl sie in diesem Moment in diesem Satzzusammenhang genau passen würden, aber es geht nicht. Erschütternd. Ist so ein Wort.

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Blogs sind die beste Erfindung seit Hebammen und Griesel in der Schneekugel.

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Dass stets alles seinen Gang nimmt, mit dem Ziel, effektiver und gewinnträchtiger zu sein als am Tag zuvor, halte ich für das böseste Gerücht der Gegenwart.

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„Weißt du, was der Schliff des Lebens ist? Die Zeit. Am Ende sind wir alle ganz fein.“

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Die Säerin, Susanne Eggert

Die Steppe bei Düsseldorf

Sonntag. Wir warten auf die Schnellbahn nach Düsseldorf. Neben uns zwei verschwitzte Männer. Schon was älter. So um die sechzig. Die Luft rasierwassergeschädigt, Sand weht über den Bahnsteig.

Aus der Sahara.

„Wenne jung bist denkste, der spinnt, wenn dir einer was von nem leckeren Rollmops erzählt“, sagt einer der beiden Männer, er trägt ein Käppi mit verblasstem Obi-Schriftzug, „aber zwanzig Jahre später, nach ner durchzechten Nacht, da leckst du dir die Finger nach nem Rollmops.. oder ner sauren Gurke. Is doch wahr. Was herzhaftes. Oder nich.“

„Da ist was dran“, sag ich zur Gräfin.

Sie verzieht das Gesicht. „Ne saure Gurke..? Na ja.“

Am Fahrausweisautomat steht eine kleine Familie. Hartz IV würde ich mal tippen, jetzt rein vom Image her. Vom Habitus. Der Vater vom Nichtstun wabbelig und fahl, weil ihn keiner mehr einstellen will, nicht mit 51, nicht mal eine Zeitarbeitsklitsche, die Mutter Halbtagsstelle, kaufmännische Angestellte, BAT-Tarif, zwei missratene Blagen, alles Scheiße.

Und dann droht auch noch der kleine Sonntagsausflug in den Benrather Schlosspark ins Wasser zu fallen, weil der Ticketautomat den zerknitterten Zehn-Euro-Schein partout nicht annehmen will.

„Den hätte Mutti lieber mal gebügelt“, versucht der Vater einen Scherz und lacht ansteckend. Die ganze Familie lacht mit. Ich nehme postwendend alles zurück. Er, Geschäftsführer, bisschen überarbeitet, gutaussehend, sie Vollzeit-Hausfrau, Hobby Free Webspace, zwei Kinder, alles in Butter. Bis auf die Banknote, die ein ums andere Mal aus dem Schlitz des Automaten zurückgeschossen kommt, wie eine Rolling Stones Zunge, die den Hals nicht vollkriegt von dem großartigen Ulk.

Erneut prompter Stimmungswechsel, als der Vater der Tochter die alles entscheidende Frage aus dem Geo-Quartett nicht beantworten kann: wieviel Indianerstämme leben heute noch in Mexiko, Paps?

16?
31?
45?

„Keine Ahnung.. Woher soll ich das wissen?“

„Auch nicht grade schlau“, meint das Mädchen. „Voll die Blamage.“

Der Sohn, er ist im Kindergartenalter, drückt aufgekratzt alle dreißig Automatentasten durch und singt etwas ähnliches wie „BITTE ENTSCHULDIGEN SIE, ICH BIN EIN FREMDER MANN AUS DÜSSELDORF.“ Wie aus dem Nichts nimmt die Maschine in diesem Augenblick den Geldschein an und rattert los, tief im Inneren, wo das Maschinenherz sitzt und eins und eins zusammenzählt.

„Der Schein ist drin!“ jubelt die Gemahlin des Generaldirektors.

Der Zug läuft ein. Die beiden alten Knaben drängeln sich an uns vorbei.

„Dann erzähl mal deinem 16jährigen Söhnchen, ne saure Gurke wär was leckeres..“ Der Mann mit dem Obi-Käppi ist nicht weit gekommen. „Der hält dich doch für total plem-plem.“

Der Andere sagt kein Wort. Sein Gesicht aus der Nähe, große Steppe und Grasland.

Die Gräfin kräuselt gefährlich das Näschen.

„Ne Gurke..“

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Die Gräfin auf Facebook

Sattelt das Blau, Freunde!

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Ich hab einen Kugelschreiber kaputt gesessen. Der Kuli steckte im Notizbuch, das Notizbuch in der Gesäßtasche, ich setz mich hin, ist der Stift platt. Die Mine bricht und läuft aus und ergiesst sich cobaltblau ins Notizbuch. Das sieht nicht mal übel aus. Der Klecks. Fast ein bisschen gut, wie blaues Blitzeis. „Wie drei so blaue Pferde hintereinander“, urteilt die Gräfin. Aber sie ist nicht frei von Lieblingsfarben. Blau ist ihre Lieblingsfarbe. Das Blau der französischen Nationalflagge, genau genommen.

„Ich tät für mein Leben gern mal schnörkellos am Blau der Trikolore lecken.“

Sattelt das Blau, Freunde! Auf gehts!

 

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Madam Wunderbar

Ich stand beim Bäcker an und betrachtete die alte kleine Frau neben mir. Sie musste über neunzig sein, weit über neunzig. Ihre gekrümmte Haltung erinnerte mich daran, wie ich meiner Mutter vor Jahren in den Mantel half. Ich bemühte mich, die widerspenstige Beule glatt zu streichen, die sich auf ihrem Rücken gebildet hatte, fast so groß wie der Knauf eines Treppengeländers, bis mir aufging, dass es sich gar nicht um den Mantel, sondern um ihren Buckel handelte, verdammt.

Die alte Frau lächelte mich an. Sie war ärmlich gekleidet. Ihre Schühchen waren so ausgetreten, dass sie eine Nummer zu groß erschienen, der Mantel war ausgeblichen, die ausgeleierten Nylonstrümpfe warfen Falten. Sie stützte sich umständlich auf den Rollator und suchte in ihrem Portmonee nach Kleingeld, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe war.

Je länger ich ihr wohlmeinendes runzliges Gesicht betrachtete, von einer verflachenden Dauerwelle umrandet, desto wärmer wurde mir. Es war so ein Moment, wo einem eine unbekannte Person in unmittelbarer Nähe so sympathisch wird, dass man sie am liebsten an der plötzlichen Zuneigung teilhaben lassen möchte.

Madam, Sie sind wunderbar.

Aber das sagt man nicht. Man denkt es nicht mal. Man fühlt es nur. Vielleicht. Wenn man Glück hat.

“Die Dame.. Sie wünschen..??”

Die pummelige Verkäuferin hatte Mühe, die alte Frau vor der Theke auszumachen, so klein war sie von Gestalt.

“Drei Kümmelbrötchen”, piepste es links von mir. Dabei lächelte die Alte so unschuldig, als wäre sie gerade vom Himmel gestiegen und wolle hier unten nur kurz nach dem Rechten sehen.

Und wo sie schon mal hier war, nahm sie gleich drei von diesen herrlichen Brötchen mit.

„Tut mir leid, aber Kümmelbrötchen führen wir lange nicht mehr.. Vielleicht Laugenbrezel..? Darf ich Ihnen drei Laugenbrezel einpacken?“

Die Alte schaute mich an. Ich nickte. Warum? Keine Ahnung. Eine Eingebung.

„Gut. Ja. Dann drei.. Brezel“, sagte sie und zwinkerte freundlich.

Aus meiner Sympathie erwuchs eine heiße Flut, ein generationsübergreifender heißer Nylonstrümpfchen-Tsunami der Zuneigung.

“Der Herr.. halloo.!? Kann ich Ihnen weiterhelfen?”

Ruhe. Ich spreche mit einem Engel.

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