Sattelt das Blau, Freunde!

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Ich hab einen Kugelschreiber kaputt gesessen. Der Kuli steckte im Notizbuch, das Notizbuch in der Gesäßtasche, ich setz mich hin, ist der Stift platt. Die Mine bricht und läuft aus und ergiesst sich cobaltblau ins Notizbuch. Das sieht nicht mal übel aus. Der Klecks. Fast ein bisschen gut, wie blaues Blitzeis. „Wie drei so blaue Pferde hintereinander“, urteilt die Gräfin. Aber sie ist nicht frei von Lieblingsfarben. Blau ist ihre Lieblingsfarbe. Das Blau der französischen Nationalflagge, genau genommen.

„Ich tät für mein Leben gern mal schnörkellos am Blau der Trikolore lecken.“

Sattelt das Blau, Freunde! Auf gehts!

 

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Madam Wunderbar

Ich stand beim Bäcker an und betrachtete die alte kleine Frau neben mir. Sie musste über neunzig sein, weit über neunzig. Ihre gekrümmte Haltung erinnerte mich daran, wie ich meiner Mutter vor Jahren in den Mantel half. Ich bemühte mich, die widerspenstige Beule glatt zu streichen, die sich auf ihrem Rücken gebildet hatte, fast so groß wie der Knauf eines Treppengeländers, bis mir aufging, dass es sich gar nicht um den Mantel, sondern um ihren Buckel handelte, verdammt.

Die alte Frau lächelte mich an. Sie war ärmlich gekleidet. Ihre Schühchen waren so ausgetreten, dass sie eine Nummer zu groß erschienen, der Mantel war ausgeblichen, die ausgeleierten Nylonstrümpfe warfen Falten. Sie stützte sich umständlich auf den Rollator und suchte in ihrem Portmonee nach Kleingeld, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe war.

Je länger ich ihr wohlmeinendes runzliges Gesicht betrachtete, von einer verflachenden Dauerwelle umrandet, desto wärmer wurde mir. Es war so ein Moment, wo einem eine unbekannte Person in unmittelbarer Nähe so sympathisch wird, dass man sie am liebsten an der plötzlichen Zuneigung teilhaben lassen möchte.

Madam, Sie sind wunderbar.

Aber das sagt man nicht. Man denkt es nicht mal. Man fühlt es nur. Vielleicht. Wenn man Glück hat.

“Die Dame.. Sie wünschen..??”

Die pummelige Verkäuferin hatte Mühe, die alte Frau vor der Theke auszumachen, so klein war sie von Gestalt.

“Drei Kümmelbrötchen”, piepste es links von mir. Dabei lächelte die Alte so unschuldig, als wäre sie gerade vom Himmel gestiegen und wolle hier unten nur kurz nach dem Rechten sehen.

Und wo sie schon mal hier war, nahm sie gleich drei von diesen herrlichen Brötchen mit.

„Tut mir leid, aber Kümmelbrötchen führen wir lange nicht mehr.. Vielleicht Laugenbrezel..? Darf ich Ihnen drei Laugenbrezel einpacken?“

Die Alte schaute mich an. Ich nickte. Warum? Keine Ahnung. Eine Eingebung.

„Gut. Ja. Dann drei.. Brezel“, sagte sie und zwinkerte freundlich.

Aus meiner Sympathie erwuchs eine heiße Flut, ein generationsübergreifender heißer Nylonstrümpfchen-Tsunami der Zuneigung.

“Der Herr.. halloo.!? Kann ich Ihnen weiterhelfen?”

Ruhe. Ich spreche mit einem Engel.

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