It’s all about finesse! Zum 6. Todestag von JJ Cale

 

Einer der großen US-amerikanischen Songschreiber des 20. Jahrhunderts starb am 26. Juli 2013 in Kalifornien nach einem Herzinfarkt. Er wurde 74 Jahre alt. Er war der coolste von allen. Er hatte kein Telefon. Wollte sein Roadmanager ihn erreichen, musste er mit Mittelsmännern und Kassibern arbeiten.

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Layy…la summte die Gräfin wehmütig, nachdem wir die Nachricht von Cales Tod zufällig im Videotext aufgeschnappt hatten.

„He, das ist von Clapton..!“

Was ist von Clapton?

„Layla. Das ist doch nicht JJ Cale.“

Ach so.

Ein kleines Missverständnis nur, doch dahinter steckte eine tiefere Wahrheit. Eric Clapton hatte JJ Cale unterstützt, wo er nur konnte. 2008 gewannen sie mit ihrem gemeinsamen Blues-Album The Road to Escondido einen Grammy. 2014, ein Jahr nach Cales Tod, veröffentlichte Clapton mit The Breeze – An Appreciation of JJ Cale eine Hommage an seinen toten Freund. An Neu-Interpretationen von Cale-Klassikern wie Cajun Moon und Sensitive Kind wirkten u.a. Tom Petty, Mark Knopfler und Cales Ehefrau Christine Lakeland mit. Was mich betrifft, ich konnte dem Rummel nicht viel abgewinnen. Mir war Cale pur immer am liebsten. Laid back, ungehobelt und einen Nagel in den Stiefel getreten, der jeden Moment die Fußsohlen erreichen konnte…

Ein Tramp.

Wie unermüdlich der tausendmal berühmtere Eric Clapton versuchte, JJ Cale einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen, das hatte allerdings Klasse.

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Es war zum Heulen. Erst war James Gandolfini von einem schweren Herzinfarkt dahingerafft worden, und jetzt auch noch Cale. Und was war mit mir? Hatte es mich nicht auch schon fast erwischt? Mir gingen langsam die Helden aus.

Für den Fall, dass Bob Dylan eines Tages tot sein wird, (worüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist), habe ich die Überschrift für den Nachruf schon in der Tasche: HIS DEADNESS.

Doch das JJ Cale sterben könnte, damit hatte ich nicht gerechnet. Das war nicht vorgesehen. Das war Frevel. Da wilderte das Schicksal in den ureigenen Jagdgründen des Rock’n Roll und tat so, als ginge alles mit rechten Dingen zu. Das war Superfrevel. Das war uncool.

Es machte mich nicht glücklich.

Kaum jemand schaffte es, mich gefühlsmäßig so auf seiner Reise durchs Leben mitzunehmen wie JJ Cale. Seine frühen Alben sind der Soundtrack meines Lebens. Unseres Lebens.

Gruppenliebe.

Was Musik anging, hatte jeder seine eigenen Favoriten. Der dicke Hansen, der auf einer original Hammond, eingeschifft aus New Orleans, Orgelunterricht gab, stand auf Jazz & Funk, sein Bruder mochte es karibisch, Karlos und ich verehrten Jonathan Richman, Pepe liebte Bob Marley, Schnaat Bowie und Benzini Punk und Ska, das rassige Mauerblümchen der Popmusik. Der Sound jedoch, der uns verband, auf den wir uns alle verständigen konnten, das war der Sound von JJ Cale.

Cale schwebte über allen. Er war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen trampte, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen rostigen Nagel in den Stiefel getreten. Er war unser Gott. Unser Antibiotikum.

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Wir waren um die Zwanzig und vernarrt in Cales Tulsa-Sound, in sein programmatisch lässiges Easy come, easy go, anyway the wind blows. JJ Cale war der Kitt, der uns musikalisch zusammenhielt.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, frühen 80ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und wir, nun ja, wir Freaks sehnsüchtig darauf warteten, dass endlich ein Jahr um ist und wieder ein neues Album in den Geschäften auslag. Niemand sonst schaffte es, Blues, Jazz, Pop und Country so miteinander zu mixen, eingängig und doch wie nebenbei eingeschenkt.

Und natürlich, JJ Cale hatte Obeine. Obeine waren wie ein Extra-Eintrag im Personalausweis: Guter Mann. Knorriger Mann.

Weitergehen.

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„Ein nervöser Heini“ (Cale über Cale) eigentlich, dem die gelassenste Musik seiner Zeit aus den Fingern floss. Er wollte nie ein großer Star sein, er wollte lediglich die Musik machen, die ihm gefällt.

Sein Einfallsreichtum, ein und denselben Song immer wieder so umzuschreiben, dass er klingt, wie noch nie zu Ohren gekommen, war unerschöpflich. Erst auf den nur noch sporadisch erscheinenden Alben seiner späten Jahre schimmerte Ermattung durch. Was in jungen Jahren Charme hatte, klang nun bisweilen läppisch, doch noch immer gelangen ihm kleine Geniestreiche wie die zwinkernde Kiffer-Hymne Days go by aus dem Jahr 1996.

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Der 5. Juli gilt in seiner Heimatstadt Tulsa, Oklahoma, offiziell als JJ Cale-Tag, wenn in warmen Nächten der Cajun Moon über der Stadt steht. In Tulsa begann er Musik zu machen, doch zu Beginn der 60er Jahre flüchtete Cale mit den befreundeten Musikern Leon Russell (Piano) und Jim Karstein (Drums) Hals über Kopf nach Los Angeles.

„Ich liebte die Hippie-Zeit und all den Kram. Ich wollte dabei sein, mittendrin. Das war mein Ding.“

In LA gab es für ihn aber nicht genug zu tun und er kehrte zunächst zurück nach Tulsa.

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Ich kann heute noch Stunde um Stunde im Sessel sitzen, die Stereo-Kopfhörer angelegt und einen Cale-Song nach dem anderen hören, ohne dass mir langweilig wird. Vom Soundtrack meines Lebens.

Drifters Wife sangen Karlos und ich 1983 von der ersten bis zur letzten Strophe mit, (und zwar das ganze Jahr über), und Magnolia ist bis heute mein liebstes Liebeslied.

Magnolia, you sweet thing
You’re driving me mad
Got to get back to you, babe
You’re the best I ever had

Erst als Eric Clapton, der Cale bis heute geradezu quasireligiös verehrt, auf den Song After Midnight stößt und ihn covert und berühmt macht, wird die Öffentlichkeit auf Cale aufmerksam. Clapton über das Besondere in der Musik von JJ Cale: „It’s all about finesse“.

Meine Lieblingsplatte von Clapton war schon immer 461 Ocean Boulevard (1974), mit der eher bluesorientierte Clapton-Fans nie etwas anfangen konnten. Erst viele Jahre später las ich zufällig, dass Clapton dieses Album als frühe Hommage an JJ Cale verstand.

Als Claptons Version von After Midnight ein Hit wurde, überredete Clapton JJ Cale ein Album aufzunehmen, was dieser zunächst ablehnte. Er traute sich nicht zu, zehn, zwölf gute Songs zu schreiben und ein Album vollzukriegen, doch Clapton ließ nicht locker. So entstand 1971 Naturally, aufgenommen in Nashville. Die zweite Single-Ausklopplung Crazy Mama erreichte Platz 22 der amerikanischen Billboard Charts, ein Achtungserfolg und Grundstein einer weltweit einzigartigen Fanbewegung.

Es folgten die Alben Really (1973) und Okie (1974). Und dann kam das rockige Cocaine vom 1974er Meisterwerk Troubadour. Besonders Cocaine in seiner peitschenden Griffigkeit erreichte neue Hörerschichten. Viele Jahre lang war Cocaine der Rausschmeißer in vielen Rock-Discos, selten hatte jemand so unverblümt über Koks gesungen.

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Lana, die zu Beginn der 90er Jahre ihre Heimatstadt Solingen verließ und nach Hamburg ging, rief mich eines Tages an. Sie hatte Cale und Band live gesehen, ich glaube in Bremen. Sie erzählte, dass das Publikum, wie üblich, zunächst stand, doch nach nicht mal zwanzig Minuten entspannte sich die Atmosphäre in der Halle derart, bis immer mehr Leute sich niederließen. Bald saß alles gemütlich auf dem Boden, wie bei einem großen spontanen Picknick.

„Fehlte eigentlich nur, dass die Leute Karten rausholten und Mau-Mau spielten“, so Lana.

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Easy come, easy go, anyway the wind blows

Seine Freunde nannten ihn John, niemand in seiner näheren Umgebung sagte JJ zu ihm. JJ war die Erfindung seines Managers, der meinte, es gäbe schon einen John Cale in der Musikszene (bei Velvet Underground), und so machte er aus John (Weldon) Cale kurzerhand JJ Cale.

Für das Album Tulsa and back kehrte Cale 2004 noch einmal in seine Heimatstadt zurück. Er trommelte die alten Kumpel zusammen, mit denen er zum Teil seit 1957 auf Tour gegangen war. Manche mussten regelrecht ausgegraben werden.

„Es war wie ein Klassentreffen. Wir jammten ein bisschen und ließen die Rekorder einfach mitlaufen. So entstand das Album.“ (JJ Cale)

Hey hey, drummer, drummer, can you gimme me that beat, can you gimme me that beat, got to move my feet

In Nashville nahm Cale insgesamt 8 Alben auf. Die ganzen 70er Jahre blieb er dort, dann hatte er die Nase voll und ging an die Westküste. Er wohnte die meiste Zeit im Wohnwagen, weil er das einfache Leben liebte. (Die Frauen fanden das weniger angenehm.)

Wenn Cale keine Lust hatte, nahm er jahrelang keinen einzigen Song auf. Er weigerte sich Playback im TV aufzutreten, („das ist unecht und krank“), er hatte Angst vor Fahrstühlen und hasste Telefone, aber er liebte Aufnahmegeräte. Manchmal saß er einfach da und spielte Gitarre, stets einen Schritt hinter dem Beat, und die Maschinen liefen mit und zeichneten alles auf. Er war sein eigener Toningenieur. Gut zu hören ist das auf dem 1989er Album „10“, wo manche Songs wie ineinandergeschraubt klingen, und andere, als hätte er knapp den Anschlusszug verpasst, was aber kein Grund für schlechte Laune war.

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Ich bin mir ganz sicher. Alle Erdbewohner, die ganze große weite Welt, sie alle sind riesige JJ Cale-Fans. Viele wissen es nur nicht. Sie telefonieren zu viel.

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Trotz zahlreicher Klassiker, (Sensitive kind, Call me the breeze, I got the same old blues), mein Lieblingsalbum von Cale ist und bleibt sein drittes, Okie. Der Titelsong war viele Jahre lang Erkennungsmelodie des Pop Shop im Südwestfunk. Auf den ersten Blick sein unscheinbarstes Album, das selbst ich als eingefleischter Fan oft spielen musste, bis es sich einbrannte, doch als es soweit war, streckte ich die Waffen.

Auf Okie passt alles zusammen. Das geniale Album-Cover, die lockere Studio-Stimmung, die jeden der wenigen Songs prägt, Laufzeit: kaum 30 Minuten, inclusive dem unerreichten Cajun Moon und dem programmatischen Anyway the wind blows.

Okie hören, das ist wie das Fenster öffnen nach einem krachenden Sommergewitter, wenn die Luft erfrischt und gereinigt ist und man wieder durchatmen kann, wenn für eine halbe Stunde eine alles durchdringende Klarheit die Oberhand gewinnt, wenn die Regentropfen einzeln auf der Wäscheleine sitzen und Kniepäugelchen machen.

Das ist Okie.

Okie lehrte mich, dass Ohren mit der Zeit lernen, anders, genauer hinzuhören, wenn man ihnen nur die Gelegenheit gibt. Fand ich Cales Country-Nummer Precious memories mit Zwanzig eher so lala, um nicht zu sagen: Füllstoff, so schälte sich der Glanz dieses Songs erst 15 Jahre später heraus, als Okie in meiner Plattensammlung göttliche Wiederauferstehung feierte. Und selten wurde der Augenblick des seligen Erinnerns so perfekt eingefangen, so unaufdringlich, so zurückgenommen, so hypnotisch wie in The old man and me.

Zum Schluss eine kleine Anekdote. Na, mehr ein Bild. Es muss um 1979 herum gewesen sein, Cales Album 5, aufgenommen in Tennessee, war gerade erschienen. Wo auch immer man sich aufhielt, wo man auch saß, überall drehte sich die neue Scheibe.

Spätabends waren wir in zwei vollbesetzten Wagen unterwegs. Es ging den abschüssigen Promenadenweg runter ins Bärenloch, einer weitläufigen windigen Parkanlage. Wie ein Überfallkommando sprangen wir aus den Wagen, vielleicht zehn Leute, und tanzten zu Boilin‘ Pot, Track 2 von Album 5, der aus den Autoboxen schwappte. Eine spontane Rock-Session in der Dunkelheit, von zwei Autoscheinwerfern angestrahlt, eine eilig anberaumte Tanz-Konferenz auf dem kleinen Volleyballfeld des Bärenloch, ein batteriebetriebenes Lagerfeuer, eine Rangelei im Dunkeln, ein Fingerschnippen der Sterne am Nachthimmel. Und bevor die Bullen kamen, waren wir über alle Berge und tanzten der Einfachheit halber im Auto weiter, im Fahren, im Sitzen.

Seit dieser Nacht ist das Bärenloch ein geweihter Ort. Eine Masterstätte des hypnotischen Zurücknehmen, immer einen Schritt hinter dem Beat.

Hey hey Drummer Drummer can you gimme that Beat Can you gimme that beat gotta move my feet

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