It’s all about finesse! Zum 6. Todestag von JJ Cale

 

Einer der großen US-amerikanischen Songschreiber des 20. Jahrhunderts starb am 26. Juli 2013 in Kalifornien nach einem Herzinfarkt. Er wurde 74 Jahre alt. Er war der coolste von allen. Er hatte kein Telefon. Wollte sein Roadmanager ihn erreichen, musste er mit Mittelsmännern und Kassibern arbeiten.

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Layy…la summte die Gräfin wehmütig, nachdem wir die Nachricht von Cales Tod zufällig im Videotext aufgeschnappt hatten.

„He, das ist von Clapton..!“

Was ist von Clapton?

„Layla. Das ist doch nicht JJ Cale.“

Ach so.

Ein kleines Missverständnis nur, doch dahinter steckte eine tiefere Wahrheit. Eric Clapton hatte JJ Cale unterstützt, wo er nur konnte. 2008 gewannen sie mit ihrem gemeinsamen Blues-Album The Road to Escondido einen Grammy. 2014, ein Jahr nach Cales Tod, veröffentlichte Clapton mit The Breeze – An Appreciation of JJ Cale eine Hommage an seinen toten Freund. An Neu-Interpretationen von Cale-Klassikern wie Cajun Moon und Sensitive Kind wirkten u.a. Tom Petty, Mark Knopfler und Cales Ehefrau Christine Lakeland mit. Was mich betrifft, ich konnte dem Rummel nicht viel abgewinnen. Mir war Cale pur immer am liebsten. Laid back, ungehobelt und einen Nagel in den Stiefel getreten, der jeden Moment die Fußsohlen erreichen konnte…

Ein Tramp.

Wie unermüdlich der tausendmal berühmtere Eric Clapton versuchte, JJ Cale einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen, das hatte allerdings Klasse.

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Es war zum Heulen. Erst war James Gandolfini von einem schweren Herzinfarkt dahingerafft worden, und jetzt auch noch Cale. Und was war mit mir? Hatte es mich nicht auch schon fast erwischt? Mir gingen langsam die Helden aus.

Für den Fall, dass Bob Dylan eines Tages tot sein wird, (worüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist), habe ich die Überschrift für den Nachruf schon in der Tasche: HIS DEADNESS.

Doch das JJ Cale sterben könnte, damit hatte ich nicht gerechnet. Das war nicht vorgesehen. Das war Frevel. Da wilderte das Schicksal in den ureigenen Jagdgründen des Rock’n Roll und tat so, als ginge alles mit rechten Dingen zu. Das war Superfrevel. Das war uncool.

Es machte mich nicht glücklich.

Kaum jemand schaffte es, mich gefühlsmäßig so auf seiner Reise durchs Leben mitzunehmen wie JJ Cale. Seine frühen Alben sind der Soundtrack meines Lebens. Unseres Lebens.

Gruppenliebe.

Was Musik anging, hatte jeder seine eigenen Favoriten. Der dicke Hansen, der auf einer original Hammond, eingeschifft aus New Orleans, Orgelunterricht gab, stand auf Jazz & Funk, sein Bruder mochte es karibisch, Karlos und ich verehrten Jonathan Richman, Pepe liebte Bob Marley, Schnaat Bowie und Benzini Punk und Ska, das rassige Mauerblümchen der Popmusik. Der Sound jedoch, der uns verband, auf den wir uns alle verständigen konnten, das war der Sound von JJ Cale.

Cale schwebte über allen. Er war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen trampte, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen rostigen Nagel in den Stiefel getreten. Er war unser Gott. Unser Antibiotikum.

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Wir waren um die Zwanzig und vernarrt in Cales Tulsa-Sound, in sein programmatisch lässiges Easy come, easy go, anyway the wind blows. JJ Cale war der Kitt, der uns musikalisch zusammenhielt.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, frühen 80ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und wir, nun ja, wir Freaks sehnsüchtig darauf warteten, dass endlich ein Jahr um ist und wieder ein neues Album in den Geschäften auslag. Niemand sonst schaffte es, Blues, Jazz, Pop und Country so miteinander zu mixen, eingängig und doch wie nebenbei eingeschenkt.

Und natürlich, JJ Cale hatte Obeine. Obeine waren wie ein Extra-Eintrag im Personalausweis: Guter Mann. Knorriger Mann.

Weitergehen.

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„Ein nervöser Heini“ (Cale über Cale) eigentlich, dem die gelassenste Musik seiner Zeit aus den Fingern floss. Er wollte nie ein großer Star sein, er wollte lediglich die Musik machen, die ihm gefällt.

Sein Einfallsreichtum, ein und denselben Song immer wieder so umzuschreiben, dass er klingt, wie noch nie zu Ohren gekommen, war unerschöpflich. Erst auf den nur noch sporadisch erscheinenden Alben seiner späten Jahre schimmerte Ermattung durch. Was in jungen Jahren Charme hatte, klang nun bisweilen läppisch, doch noch immer gelangen ihm kleine Geniestreiche wie die zwinkernde Kiffer-Hymne Days go by aus dem Jahr 1996.

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Der 5. Juli gilt in seiner Heimatstadt Tulsa, Oklahoma, offiziell als JJ Cale-Tag, wenn in warmen Nächten der Cajun Moon über der Stadt steht. In Tulsa begann er Musik zu machen, doch zu Beginn der 60er Jahre flüchtete Cale mit den befreundeten Musikern Leon Russell (Piano) und Jim Karstein (Drums) Hals über Kopf nach Los Angeles.

„Ich liebte die Hippie-Zeit und all den Kram. Ich wollte dabei sein, mittendrin. Das war mein Ding.“

In LA gab es für ihn aber nicht genug zu tun und er kehrte zunächst zurück nach Tulsa.

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Ich kann heute noch Stunde um Stunde im Sessel sitzen, die Stereo-Kopfhörer angelegt und einen Cale-Song nach dem anderen hören, ohne dass mir langweilig wird. Vom Soundtrack meines Lebens.

Drifters Wife sangen Karlos und ich 1983 von der ersten bis zur letzten Strophe mit, (und zwar das ganze Jahr über), und Magnolia ist bis heute mein liebstes Liebeslied.

Magnolia, you sweet thing
You’re driving me mad
Got to get back to you, babe
You’re the best I ever had

Erst als Eric Clapton, der Cale bis heute geradezu quasireligiös verehrt, auf den Song After Midnight stößt und ihn covert und berühmt macht, wird die Öffentlichkeit auf Cale aufmerksam. Clapton über das Besondere in der Musik von JJ Cale: „It’s all about finesse“.

Meine Lieblingsplatte von Clapton war schon immer 461 Ocean Boulevard (1974), mit der eher bluesorientierte Clapton-Fans nie etwas anfangen konnten. Erst viele Jahre später las ich zufällig, dass Clapton dieses Album als frühe Hommage an JJ Cale verstand.

Als Claptons Version von After Midnight ein Hit wurde, überredete Clapton JJ Cale ein Album aufzunehmen, was dieser zunächst ablehnte. Er traute sich nicht zu, zehn, zwölf gute Songs zu schreiben und ein Album vollzukriegen, doch Clapton ließ nicht locker. So entstand 1971 Naturally, aufgenommen in Nashville. Die zweite Single-Ausklopplung Crazy Mama erreichte Platz 22 der amerikanischen Billboard Charts, ein Achtungserfolg und Grundstein einer weltweit einzigartigen Fanbewegung.

Es folgten die Alben Really (1973) und Okie (1974). Und dann kam das rockige Cocaine vom 1974er Meisterwerk Troubadour. Besonders Cocaine in seiner peitschenden Griffigkeit erreichte neue Hörerschichten. Viele Jahre lang war Cocaine der Rausschmeißer in vielen Rock-Discos, selten hatte jemand so unverblümt über Koks gesungen.

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Lana, die zu Beginn der 90er Jahre ihre Heimatstadt Solingen verließ und nach Hamburg ging, rief mich eines Tages an. Sie hatte Cale und Band live gesehen, ich glaube in Bremen. Sie erzählte, dass das Publikum, wie üblich, zunächst stand, doch nach nicht mal zwanzig Minuten entspannte sich die Atmosphäre in der Halle derart, bis immer mehr Leute sich niederließen. Bald saß alles gemütlich auf dem Boden, wie bei einem großen spontanen Picknick.

„Fehlte eigentlich nur, dass die Leute Karten rausholten und Mau-Mau spielten“, so Lana.

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Easy come, easy go, anyway the wind blows

Seine Freunde nannten ihn John, niemand in seiner näheren Umgebung sagte JJ zu ihm. JJ war die Erfindung seines Managers, der meinte, es gäbe schon einen John Cale in der Musikszene (bei Velvet Underground), und so machte er aus John (Weldon) Cale kurzerhand JJ Cale.

Für das Album Tulsa and back kehrte Cale 2004 noch einmal in seine Heimatstadt zurück. Er trommelte die alten Kumpel zusammen, mit denen er zum Teil seit 1957 auf Tour gegangen war. Manche mussten regelrecht ausgegraben werden.

„Es war wie ein Klassentreffen. Wir jammten ein bisschen und ließen die Rekorder einfach mitlaufen. So entstand das Album.“ (JJ Cale)

Hey hey, drummer, drummer, can you gimme me that beat, can you gimme me that beat, got to move my feet

In Nashville nahm Cale insgesamt 8 Alben auf. Die ganzen 70er Jahre blieb er dort, dann hatte er die Nase voll und ging an die Westküste. Er wohnte die meiste Zeit im Wohnwagen, weil er das einfache Leben liebte. (Die Frauen fanden das weniger angenehm.)

Wenn Cale keine Lust hatte, nahm er jahrelang keinen einzigen Song auf. Er weigerte sich Playback im TV aufzutreten, („das ist unecht und krank“), er hatte Angst vor Fahrstühlen und hasste Telefone, aber er liebte Aufnahmegeräte. Manchmal saß er einfach da und spielte Gitarre, stets einen Schritt hinter dem Beat, und die Maschinen liefen mit und zeichneten alles auf. Er war sein eigener Toningenieur. Gut zu hören ist das auf dem 1989er Album „10“, wo manche Songs wie ineinandergeschraubt klingen, und andere, als hätte er knapp den Anschlusszug verpasst, was aber kein Grund für schlechte Laune war.

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Ich bin mir ganz sicher. Alle Erdbewohner, die ganze große weite Welt, sie alle sind riesige JJ Cale-Fans. Viele wissen es nur nicht. Sie telefonieren zu viel.

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Trotz zahlreicher Klassiker, (Sensitive kind, Call me the breeze, I got the same old blues), mein Lieblingsalbum von Cale ist und bleibt sein drittes, Okie. Der Titelsong war viele Jahre lang Erkennungsmelodie des Pop Shop im Südwestfunk. Auf den ersten Blick sein unscheinbarstes Album, das selbst ich als eingefleischter Fan oft spielen musste, bis es sich einbrannte, doch als es soweit war, streckte ich die Waffen.

Auf Okie passt alles zusammen. Das geniale Album-Cover, die lockere Studio-Stimmung, die jeden der wenigen Songs prägt, Laufzeit: kaum 30 Minuten, inclusive dem unerreichten Cajun Moon und dem programmatischen Anyway the wind blows.

Okie hören, das ist wie das Fenster öffnen nach einem krachenden Sommergewitter, wenn die Luft erfrischt und gereinigt ist und man wieder durchatmen kann, wenn für eine halbe Stunde eine alles durchdringende Klarheit die Oberhand gewinnt, wenn die Regentropfen einzeln auf der Wäscheleine sitzen und Kniepäugelchen machen.

Das ist Okie.

Okie lehrte mich, dass Ohren mit der Zeit lernen, anders, genauer hinzuhören, wenn man ihnen nur die Gelegenheit gibt. Fand ich Cales Country-Nummer Precious memories mit Zwanzig eher so lala, um nicht zu sagen: Füllstoff, so schälte sich der Glanz dieses Songs erst 15 Jahre später heraus, als Okie in meiner Plattensammlung göttliche Wiederauferstehung feierte. Und selten wurde der Augenblick des seligen Erinnerns so perfekt eingefangen, so unaufdringlich, so zurückgenommen, so hypnotisch wie in The old man and me.

Zum Schluss eine kleine Anekdote. Na, mehr ein Bild. Es muss um 1979 herum gewesen sein, Cales Album 5, aufgenommen in Tennessee, war gerade erschienen. Wo auch immer man sich aufhielt, wo man auch saß, überall drehte sich die neue Scheibe.

Spätabends waren wir in zwei vollbesetzten Wagen unterwegs. Es ging den abschüssigen Promenadenweg runter ins Bärenloch, einer weitläufigen windigen Parkanlage. Wie ein Überfallkommando sprangen wir aus den Wagen, vielleicht zehn Leute, und tanzten zu Boilin‘ Pot, Track 2 von Album 5, der aus den Autoboxen schwappte. Eine spontane Rock-Session in der Dunkelheit, von zwei Autoscheinwerfern angestrahlt, eine eilig anberaumte Tanz-Konferenz auf dem kleinen Volleyballfeld des Bärenloch, ein batteriebetriebenes Lagerfeuer, eine Rangelei im Dunkeln, ein Fingerschnippen der Sterne am Nachthimmel. Und bevor die Bullen kamen, waren wir über alle Berge und tanzten der Einfachheit halber im Auto weiter, im Fahren, im Sitzen.

Seit dieser Nacht ist das Bärenloch ein geweihter Ort. Eine Masterstätte des hypnotischen Zurücknehmen, immer einen Schritt hinter dem Beat.

Hey hey Drummer Drummer can you gimme that Beat Can you gimme that beat gotta move my feet

A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom

Ich war sechzehn, ich war siebzehn, dann 18, und die ganze Zeit lagen zwei Taschenbücher neben meinem Bett: Gammler, Zen und Hohe Berge von Jack Kerouac, sowie A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn. Immer griffbereit. Auf dem Nachttisch. Zwei schmale Bändchen.

Mit einem kleinen Unterschied.

    Gammler, Zen und hohe Berge, das laut Klappentext von rororo von Cool Jazz und LSD handelte, habe ich nie gelesen. Ich habe das Buch x-mal Mal in die Hand genommen, ein paar Seiten gelesen und wieder weggelegt. Es war mir einfach zu sehr Fifties, es fesselte mich nicht. Aber das war nicht wichtig. Das Buch lag nicht auf meinem Nachttisch, weil ich den Inhalt so toll fand, sondern wegen der Verheißung, die von dem geheimnisvoll und fremd klingenden Titel ausging, und wegen dem Cover mit seinen weiten Horizonten, seinen Linien, den stilisierten Formen von Freiheit;

Amerika.

Zur gleichen Zeit, etwa 1976, begannen meine Locken zu sprießen. Meine Pubertät war ein Feuerwerk. Das Haar explodierte. Es franste aus in tausendundeiner Richtung, es verschachtelte sich kreuz und quer und in- und aus- und übereinander, eine gewiefte Nicht-Konstruktion, Locken wie Ausschreitungen.

„Krauses Haar, krause Gedanken“, sagten die Leute. Schafschufa, Schafschufa! hätten die Menschen in Libyen gespottet: „Krauskopf! Krauskopf!“

Dazu trug ich den ausgemusterten schwarzen Persianer meiner Mutter, den ich vom Speicher geholt hatte, den „Operettenmantel“, wie er im Kreis der Familie genannt wurde.

Ich war nicht der einzige, der den alten Persianer seiner Mutter auftrug, es war wie eine Welle, die schnell Fahrt aufnahm. Karlos erschien eines Morgens in einem braunen Pelzimitat in der Schule, das an ein Bärenfell erinnerte. Der Mantel war ihm viel zu groß, Karlos sah darin aus wie ein aufgeplusterter Grizzly. Wir steckten ihm ein Glas Bienenhonig in die Manteltasche und reizten ihn mit Stöcken, bis er wutschnaubend die Raucherecke des Schulhofs auseinandernahm – zweifellos, Karlos war der Hit.

(Schnaat kam im Schwalbenschwanz daher.)

Das Auftragen alter, den Motten entrissenen Mutti-Klamotten war unser Protest gegen die kleinbürgerliche und duckmäuserische Was-sollen-denn-die-Nachbarn-denken-Haltung unserer Eltern. Das brachte uns wirklich auf die Barrikaden.

Dieser Satz, der die deutsche Seele zu 100 Prozent abdeckt, WAS SOLLEN DENN DIE NACHBARN DENKEN, ist noch heute aktuell, es hat sich nichts geändert. Jedes Mal, wenn in der Öffentlichkeit irgendetwas zum NO GO! erklärt wird, zum modischen Tabu, zur nächsten Todsünde, muss ich daran denken, was in Wahrheit dahintersteckt: nichts anderes als das urdeutsch gequälte DAS TUT MAN NICHT!

Und:

    Was sollen denn die Nachbarn denken!?

Der Satz bündelt die Sorge, die deutsche Angst, unter seinesgleichen aufzufallen. Dass man aus der Masse herausragt. Als wäre es erste Bürgerpflicht, nichts darzustellen im Leben und lieber als veritable Null ins Grab zu rauschen. Hauptsache, man hat nirgends angeeckt.

Ja, so ist das.

Wir befinden uns Mitte der 70er Jahre. Ich bin 16 Jahre alt und zwei schmale Bändchen aus Amerika liegen neben meinem Bett. In Deutschland herrscht in diesen Tagen eine Atmosphäre von Angst und Erstarrung. Die Angst vor der RAF regiert das Land, Angst vor Terrorismus, dazu die Angst vor Drogen, die Energiekrise, Deutschland, einig Angstland. Während die USA die Mondlandung hatten, Andy Warhol und Campbells Dosensuppen, hatten wir nur Sonnen Bassermann und unsere Angst. Und da setzen wir Jungen an, da wollten wir nicht mitmachen. Sollten doch die Nachbarn denken, was sie wollen.

Ich wurde erstmal ein Gammler und tat: nichts.

NICHT war überhaupt unsere große Überschrift in jenen Tagen. Ich ging irgendwann NICHT mehr in die Schule, ich spielte NICHT mehr im Fußballverein, ich ging NICHT MEHR zu Familienfeiern. Ich wurde ein Fan der großen Verneinung, ich wurde destruktiv, ich verpestete alles mit meiner Passivität, wie ein Sozialkundelehrer einmal zu mir meinte, als er mir ins Gewissen zu reden versuchte. Hätte der Pinsel nicht diese lächerlichen Jesuslatschen getragen, vielleicht hätte ich ihm tatsächlich zugehört statt ihm nur auf die Füße zu glotzen.

Zur Passivität kam meine überbordernde Lockenpracht und der löchrige schwarze Persianerpelz meiner Mutter, mein Gott, was haben eigentlich die Nachbarn damals gedacht. Meine armen Eltern tun mir noch im Nachhinein leid.

Mit der Furcht aufzufallen war ihre Generation aufgewachsen. Im Dritten Reich aufzufallen war lebensgefährlich gewesen. Wie oft hatte Vater erzählt, wie seine Mutter abends ums Haus herumschlich und sorgsam die Schlagläden schloss, damit die Nachbarn bloß nichts davon Wind kriegten, wie bei den Glumms wieder mal über die Nazis hergezogen wurde.

(Was meine Großeltern Jahre zuvor nicht daran gehindert hatte, NSDAP zu wählen. Warum? Weil Großvater arbeitslos geworden war und die NSDAP Jobs versprochen hatte.)

Es konnte lebensgefährlich sein, was die Nachbarn von dir dachten. Auch in den 70ern lebten viele der alten Nazis noch, sie waren überall. Wenn ich Bus fuhr mit meiner Struwwelpetermatte konnte es passieren, dass mir so ein Nazi-Rentner von hinten ins Haar griff und brüllte, dass es das beim Adolf nicht gegeben hätte. Beim Adolf muss wohl die schönste und herrlichste Kneipe gewesen sein, die Deutschland je gesehen hatte. Warum hatte man die eigentlich dichtgemacht?

„Deutscher Humor vor den Nazis war nicht mal übel, ach wo, das war großartig! Das war die Zeit von Dada – distanziert, lakonisch, ein wenig von oben herab, aber durchaus menschlich, scharf und menschlich. Bis Hitler kam und anfing, Judenwitze zu erzählen.“

(Die Gräfin)

Das alles hatte für mich irgendwie mit Protest und Gammler, Zen und Hohe Berge von Kerouac zu tun, mit Amerika und Freiheit, ohne dass ich das Buch je gelesen hatte. Es reichte, Gammler, Zen und Hohe Berge so auf dem Nachttisch zu platzieren, dass es jedem Besucher sofort ins Auge fiel. Es war genauso ein Statement wie der Text von „Sittin‘ on the dock of the bay“ von Otis Redding, den ich auf Schreibmaschine abgetippt und an meine Kinderzimmertür geklebt hatte, weil er von einer lässigen amerikanischen Lebensart kündete, die mir so fehlte in unserem Land.

Das andere Buch dagegen, A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn, ja na klar, das hatte ich gelesen. Und wie ich es gelesen hatte. Ich hatte es gefressen. Nicht nur einmal. Mindestens zehnmal. Es ist bis heute mein Rock’n Roll- und Beat-Mantra. Ich habe es mit Klauen und Zähnen gelesen, wieder und wieder habe ich es mir einverleibt. Wenn Wein das Blut Jesu ist, ist A Wop Bop A Loo Bop das Kreislaufmittel der modernen Popmusik.

Nik Cohn, britischer Musikjournalist, erzählt darin die Story des Rock’n Roll, von seinen Anfängen bis etwa 1970, dem Termin der Drucklegung.

Und jetzt kommen wir, endlich, zum Kern der Geschichte.

Vergangene Woche wollte es der Zufall, dass mir ein bestimmtes Wort nicht einfiel. Es war nicht so, dass ich das Wort für einen Text benötigte, nein, ich wollte das Wort einfach noch mal lesen, ich wollte es noch mal vor Augen haben, noch mal spüren. Es war mir lange Zeit nicht mehr begegnet und ich spürte den Wunsch, es aus der Versenkung zu holen. Aber ich kam nicht drauf, welches Wort es war. Wie es hieß. Wie der Klang ging. Ich hatte nur so ein Gefühl.

Und ich wusste, wo ich zu suchen hatte.

Ich nahm das mittlerweile zerfledderte Exemplar von A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom, ein Taschenbuch, das von keinem Umschlag mehr zusammengehalten wird, und machte mich auf die Suche nach einem Wort, das mir nicht mehr einfiel und von dem ich nur noch wusste, dass es früher meine Phantasie beflügelt hatte. Auch wenn ich nicht einmal mehr wusste, ob es sich bei dem gesuchten Wort um ein Hauptwort handelte oder vielleicht um ein Adjektiv, so wusste ich doch um seine ungefähre Bedeutung:

hip, camp, verdreht, mit einem Schuss Intellekt und Philosophie. Und dass es englisch war. Natürlich. Das auch. Nicht wirklich ins Deutsche übersetzbar.

Die Suche dauerte anderthalb Tage. Ich verwickelte die Gräfin in die Fahndung, nachdem sie sich gewundert hatte, warum ich so konzentriert und gleichzeitig wie nebenbei in dem nikotingelben zerfledderten Taschenbuch ohne Cover blätterte, von dem ihr nur eines bekannt war: dass es aus meinen Jugendtagen stammte und dass ich es verehrte wie kein zweites.

Tatsächlich habe ich selten ein so leidenschaftliches Werk gelesen wie A Wop Bop A Loo Bop von Nik Cohn. Cohn pflegt einen wilden urbanen Schreibstil, und er ist absolut subjektiv in seinem Urteil. Was ihm gefällt, wie etwa die Stones oder Little Richard, das feiert er hemmungslos ab, er verfeuert eine Rakete nach der anderen für seine Helden. Doch was ihn langweilt, wie Bob Dylan oder die Doors, das macht er platt. Er rotzt es auf den Boden wie einen fiesen Jello und er tritt beim Weitergehen noch mal drauf. Ein gnadenloser Schreiber. Manchmal kotzte er mich an.

Er hatte in diesem Buch mein Lieblingswort benutzt, und das gleich mehrfach. Während ich mich nun fest las in den alten Rock’n Roll-Geschichten, ich las wie ein –Ermittler, auf dessen Fahndungsliste lediglich ein einziges Wort stand,  unterrichtete mich die Gräfin über ihr Lieblingswort:

schlaftrunken.

„Wenn ich das irgendwo lese, kriege ich sofort ein Glücksgefühl.“

„Ja, genau! So ging es mir bei meinem Wort auch.“

Aber ich kam nicht drauf, wie es hieß. Und ich fand es nicht in Cohns Text. Es dauerte. Ich stieß auf das Wort, als ich im eigentlich unverdächtigen Beatles-Kapitel suchte. Ich hätte es eher bei Bob Dylan im Folk/Rock-Kapitel vermutet oder vielleicht bei Phil Spector. Stattdessen also in dem Kapitel, vor dem es Cohn am meisten gegraut hatte, weil schon damals alles über die Fab Four aus Liverpool geschrieben worden war. Das Wort, das ich suchte, tauchte im Beatles-Kapitel im Zusammenhang mit Stu Sutcliffe auf, dem früh verstorbenen Ur-Beatle, der stets Sonnenbrille getragen hatte, auch bei Dunkelheit, Mr. Obercool, der, so Cohn, „Image von Natur aus“ war. Ihm gebührte das Wort, das mich als Jugendlicher so fasziniert hatte, dass es mir durch und durch gegangen war:

    sophisticated.

HIER ISSES! rief ich überwältigt und trug es laut vor. Ich ließ es richtig krachen in den Abendstunden.

„Na, Gott sei Dank“, seufzte die Gräfin.