Honey, I never lose

Konsumierende Kids von heute, gewohnt im Bruchteil von Sekunden Songs aus dem Internet runterzuladen, haben keine Vorstellung davon, was es heißt, ganze Nachmittage am UKW-Radio zu verbringen, den Finger an der Aufnahmetaste des Tapedecks, bis endlich der Song gespielt wird, auf den man die ganze Zeit wartet. Oder es kommt ein anderer Song, den man gar nicht kennt, aber zur Vorsicht erstmal aufnimmt. Weil, man weiß ja nie. Hinterher gefällt einem der Song und er kommt nie wieder, schon ist man der Gearschte. Ein Rock’n Roll Penner vor dem Herrn.

Wir waren ja eigentlich Angler, wir Kids in den frühen Siebzigern, das Radio unser Fischteich, der Kassettenrekorder der Wirtschaftsweg. Es konnte passieren, dass sich stundenlang kein einziger vernünftiger Fisch blicken ließ. Und wenn einer anbiss, quasselte einem garantiert der Discjockey ins Intro, las lapidar seine Staumeldungen ab auf der A8, B9, B10, der Typ hielt einfach nicht die Klappe und man konnte nichts dagegen tun, rein gar nichts – nur weiter aufnehmen und beten, sein Gequatsche möge bald ein Ende finden.

Es ließ sich ja im Nachhinein nichts korrigieren. Es war schlicht nicht möglich, mit irgendeiner Löschtaste ranzugehen und den DJ rauszuschneiden. Gut, das geht auch heute noch nicht, jedenfalls nicht mit normalem Equipment, aber damals musste man ALLES nehmen, wie es kam. Geduld war gefragt. Ausdauer. Mit einem Nebeneffekt: Wenn man seine Kassette irgendwann oft genug gehört hatte, verschmolzen die Worte des DJ’s und der Song auf eine Weise miteinander, dass man das Störfeuer regelrecht vermisste, wenn man den Song mal woanders hörte, in der Disco oder bei Freunden im Auto, in ungestörter Länge. Ich habe noch heute ganze Passagen von Radio-DJ’s im Kopf, die mir vor 30 Jahren in bestimmte Songs reingequatscht haben.

„Ain’t it strange and funny..“, begann ein gutaufgelegter DJ auf BFBS, während im Hintergrund Womack and Womack anlief, „..how time slips away when you’re enjoying yourselves..“

Welch ein Satz. Ich höre ihn heute noch ab und zu in meinem Kopf. Gut, dass ich ihn damals aufgezeichnet habe. Ich bin ein Glückspilz.

Schlimm war es, wenn man vorm Radio am Recorder saß und der Song zur Hälfte im Kasten war, also auf Cassette gebannt, und plötzlich – Nachrichten! Kein sanftes Rausschleichen, kein Abblenden, einfach CUT! und raus, „17 Uhr, hier die Nachrichten auf WDR2. Bonn.“

*

Als Teenager war ich die fleischgewordene Rangliste. Bundesliga-Tabellen, Torjägerlisten, Hitparaden, besonders die amerikanischen Billboard-Charts und die Top Twenty der BBC, ich steckte meine Nase in Rankings aller Art.

Selbst als ich zu Beginn des Jahres 2005 auf myblog.de mit dem Bloggen anfing, war ich stolz wie Oskar, als 500beine erstmals in der myblog-internen täglichen Rangliste auftauchte, irgendwo unter ferner liefen. Und als 500beine Monate später erstmals auf Platz 1 landete, setzte ich Himmel und Hölle in Bewegung, um einen Screenshot hinzukriegen. Das musste für alle Zeiten als Dokument zur Verfügung stehen. Das durfte nicht verschüttgehen.

Ich meine, einen Screenshot! 2005! ICH!!

Im Alter von elf oder zwölf Jahren begann ich meine eigene Top Twenty Show zu führen. Dafür legte ich ein Extra-Schulheft an, auf dem dick und fett HAUSAUFGABEN geschrieben stand, nur um meine Geschwister zu irritieren und von dem Heft abzulenken, (schon allein, damit sie mir nichts verraten konnten, womöglich die aktuelle No. 1 ausplauderten, bevor ich davon wusste). Ich achtete streng darauf, meine Charts pünktlich am Wochenende aufzustellen, so wie in der Branche üblich. Oder was ich damals für in der Branche üblich hielt.

Ich konnte den Sonntagnachmittag kaum abwarten: 14 Uhr – endlich durfte ich meinen brandneuen Spitzenreiter präsentieren, und zwar:

mir selbst.

Die Hitparade setzte sich größtenteils aus den Songs zusammen, die ich unter der Woche auf Band mitgeschnitten hatte, aus den angesagten Radiosendungen mit Frank Laufenberg (Pop-Shop, SWF 3) und Mel Sondock (WDR 2), einem in Köln gestrandeten US-Discjockey, der mit einem Akzent moderierte, breit wie ein texanisches Funkhaus.

Es war die große Ära der Glam-Rocker. Hatte T. Rex eine neue Single auf dem Markt, THE JEEPSTER, stürmte sie bei mir automatisch von Null auf Eins und hinterließ mit schwerer Plateausohle eine Spur der Verwüstung im Heft. Slade fand ich klasse, das war herrlicher Lärm, und die wilde Suzi Quatro natürlich, mit ihrer großen Klappe: TOO BIG! schrie sie:

HONEY, I NEVER LOSE! Honig, ich verliere nie.

John Lennon war drei Wochen lang meine Nummer 1, und zwar mit der Wiederveröffentlichung von GIVE PEACE A CHANCE, weil der Rhythmus genauso schön stampfte wie meine Schlaghose, wenn sie frisch aus der Wäsche kam. Mit EV’RYDAY schaffte es erstmals eine Ballade an die Spitze meiner Hitparade: EV’RY DAY von Slade. Tags zuvor hatte ich mit Tina, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, im Kinderzimmer schön gefummelt und geschraubt, und dabei war auf BFBS, dem britischen Soldatensender, der Song von Slade im Hintergrund gelaufen: Ev’ry day, when I’m away, I’m thinking of you..

Auch die Hollies schafften es an die Spitze meiner Hitparade, und das gleich 2mal. Die Hollies waren eine merkwürdige britische Kapelle. Brachten einen Haufen unerheblicher Schnulzen raus, Dutzendware vom Grabbeltisch der 60er/70er Jahre, darunter ein besonders übles Album mit Coversongs von Bob Dylan. Um mit Nik Cohn zu sprechen: „Die Hollies waren eine makellose Hitmaschine, sie hauten nie daneben, und sie waren sehr langweilig.“

Nun haute Nik Cohn seinerseits so gut wie nie daneben, doch er schrieb diese Zeilen zu einer Zeit, als zwei Hollies-Perlen noch meilenweit entfernt waren. Zum einen das unnachahmlich inbrünstige, ja religiöse (He ain’t heavy) He’s my brother, der große melancholische Rührkuchen unter den Brüderballaden, (die Parabel eines Mädchens, das mit seinem kleinen Bruder auf dem Arm läuft. Auf die Frage, ob das Kind nicht zu schwer für sie sei, antwortet es, „Nein, er ist nicht zu schwer; er ist mein Bruder“), sowie eine einpeitschende Gitarren-Rock-Tanz-Nummer mit dem mafiösen Titel The day that Curly Billy shot down crazy Sam McGhee, die schwer an den Vorgänger Long cool woman in a black Dress erinnerte.

Das waren die Hollies.

Neulich ist mir EV’RY DAY, der selten gespielte Oldie von Slade, nochmal zu Ohren gekommen, rein zufällig im Radio, und sofort sah ich Tina wieder vor mir, Tina aus der Nachbarschaft in ihrem roten Indianerkleidchen. Dazu dieser scharfe Verhütungsschaum, den wir damals verwendeten. Mann, hat mir der Pimmel gebrannt, obwohl überhaupt nichts richtig geklappt hat, da drin. Es war in etwa, als hätte ich Kiss Kiss (wie meine italienische Oma das nannte) mit einer Peperoni gehabt.

Double Barrel war Nummer 1 in meinen Charts, ein Song von Dave and Ansil Collins. Ein obskures Reggae-Instrumental, an den Drums, erstmals überhaupt, der legendäre Sly Dunbar. Double Barrel war ein echtes One-Hit-Wonder, unterlegt von martialischen Kung Fu-Rufen: I AM THE MAGNIFICENT! GOOD GOD! Die Single erschien 1971, und wenn man in der Musikkultur einer bestimmten Ära lesen kann wie in einem offenen Buch, dann ist die Ära der späten 60er/frühen 70er eng verbunden mit den Mondlandungen der NASA und der einen Milliarde Bürger, die dabei zuschaute, wie Amerikaner über den Erdtrabanten hüpften, als hätten sie den gesamten Weltraum zum Kindergarten erklärt; wunderliches Prahlen, Schwärmerei.

POP.

1975 erfuhr ich über Umwege, die sich heute nicht mehr rekonstruieren lassen, von Gleichgesinnten, die ebenso wie ich ihre eigenen Hitparaden machten und einen Klub gegründet hatten. Heutzutage würde man vermutlich von einem Netzwerk sprechen. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Club einen Namen hatte, aber der Vorsitzende hieß Jürgen, er war gleichsam der Initiator und der Älteste. In den 70ern gab es stets irgendwo einen Jürgen, der als Ältester seine Finger im Spiel hatte, es gab einen durchgeknallten Peter, eine dicke Angela und eine fahle Sibylle, die nicht die Klappe halten konnte.

Andreas war ich.

Jürgen schickte eine Kassette mit den Songs der aktuellen Klub-Hitparade los, und diese Kassette wurde wie eine Art Kettenbrief von einem zum anderen weitergeschickt, wobei jedes der dreißig Klub-Mitglieder seine eigene aktuelle Top Twenty hinzufügen musste. War die Runde durch, sandte der Letzte das Tape zurück an Jürgen, der nun anhand der Mitglieder-Top Twentys die neue KLUB-TOP TWENTY ermittelte und losschickte. So flitzten immerzu irgendwelche C-90-Bänder durch die Republik, sehr ermüdend das Ganze, die Post hatte gut zu tun.

Die meisten Ausgaben der Klub-Charts langweilten mich, sie unterschieden sich kaum von sonstigen Hitparaden, aber mit einer No. 1 war ich zutiefst zufrieden: dem grandiosen Shame shame shame von Shirley and Company, das mich heute noch aus dem Bett holt.

Sie hatten nur diesen einen Hit, aber was für ein Monster, was für ein Move, was für ein MOVEMONSTER, Shirley (Goodman) and Company.

*

Sonntags traf man sich gegenüber des Top Ten an der Schlagbaumer Straße, unsere ganze Haus der Jugend-Clique, an die dreißig Jungs und Mädchen, denn Sonntag war das Haus der Jugend geschlossen. Weil wir noch zu jung für die Disco waren, blieb uns nichts anderes übrig, als gegenüber des Top Ten herumzulümmeln, der Disco an der Schlagbaumer Straße.

Sonntagnachmittag 1975, alle trugen blaue Jeansjacken und Hosen mit Schlag, die Mädchen weiße Rüschenblusen und Apfelshampoo im Haar. Wir saßen auf dieser Mauer gegenüber des Top Ten, dazwischen die Straße, auf der die Autos im Schritttempo vorüberfuhren, neugierig, weil die Leute sehen wollten, was da los war, warum so viele Kids auf einem Haufen hockten. Schuld hatte der Türsteher des Top Ten, dem das Brusthaar oben aus dem Hemd quoll wie Topfkräuter. Er hatte keine Gnade, er ließ uns nicht rein, nicht einen von uns. Ihr seid zu jung. Haut ab mit euren Schülerausweisen, die hätte ja meine Omma besser gefälscht, ihr verdammten Hühnchen.

Die Tür ging auf, weil jemand an die Luft wollte. Schon zuvor hatten wir beim Aufschnappen der Tür Schnipsel von Barry White und Gloria Gaynor mitbekommen, von Never can say goodbye, boy und George McCraes Rock your baby, all diese wunderbaren Phillysound-Hits, die uns nur noch zappeliger, noch hibbeliger machten. Das war unsere Musik, sie verboten uns zu tanzen, wir waren 15, der erste Sex lag in der Luft, wir wollten uns bewegen, wir mussten uns bewegen, doch wir durften nicht, es machte uns wahnsinnig: Revolution lag in der Luft, TSOP, The Sound of Philadelphia, oben am Schlagbaum.

Und dann setzte unten im Top Ten Shame shame shame ein und brachte die Mauern zum Einstürzen. Wie auf Kommando sprang bei den ersten Takten alles auf, your feet want to move, es gab kein Halten mehr. Selbst der Türsteher schien erschrocken über das plötzliche Treiben auf der anderen Straßenseite und vergaß, die Eingangstür zu schließen, so dass Shame shame shame über die Straße dröhnte, die ganzen 3 Minuten 51 Sekunden lang. Der Song war draußen, die Sonne war draußen. Wir groovten und shakten so ungelenk, als wäre es kein Philly Soul, sondern Rock’n Roll, weit ab von jeder Disco-Coolness pulsierten die Füße, sie taten, was sie wollten, sie bumpten und jivten den Asphalt.

Noch heute, wenn mir Shame shame shame irgendwo begegnet, in all seiner hitzigen und doch beinah post-koitalen Lockerheit, seh ich es vor mir, wie wir auf der Straße tanzten, während die Autos anhielten, aber niemand hupte, weil ungeheuerliches vor sich ging an diesem Sonntagnachmittag, Frühjahr ’75.

I’m gonna dance ‚til the break of day.. My body needs action.. Ohh, it’s gettin‘ to me – aaaaaaahhhhhhhhh…

Jürgen wohnte in Osnabrück, war aber beruflich viel unterwegs, wie er einem ständig in den Ohren lag. Eines Tages hatte er hier in der Gegend zu tun und stand vor unserer Tür, ohne Vorankündigung. Ein Überraschungsbesuch. Ein Überfall. Meine Mutter öffnete.

„Schönen guten Tag, ich bin der Jürgen“, stellte er sich vor, den Fuß schon halb im Flur. Der Jürgen? fragte Mutter. Ja der Jürgen vom Pop-Club. Ob er mich mal sprechen dürfe. Meine Mutter, ohne Ahnung, von welchem Klub die Rede sein sollte, führte ihn vertrauensselig auf den Balkon. Es war Mitte August, große Sommerferien. Ich lag faul in der Sonne, dick eingeölt mit Tiroler Nussöl, das sich allmählich mit meinem Körperschweiß vermischte und aus mir einen türkischen Ringer mit riesiger Naturkrause machte. Jürgen schien perplex. Er hatte mich ja nie zuvor gesehen. Und ich ihn auch nicht. Wir kannten uns nur von den Kassetten.

Da stand er nun. Mitte zwanzig, stockschwul, ein Vertreter, der trotz der tropischen Temperaturen Anzug trug, darunter ein knallig buntes Hemd, als wäre er auf dem Weg zur Volkshochschule, um ein Honululu-Referat zu halten, während ich in der sengenden Sonne lag und vor mich hin tropfte, unschuldige fünfzehn Jahre alt. Nicht, dass ich nicht gut ausgesehen hätte, Gott bewahre, ich war ein Jünger des balkongetriebenen Nussöls, aber die Hitze, das viele Sonnenöl, dazu meine mächtige Matte, das war nicht das, was Jürgen erwartet hatte. Nicht exakt das.

Und was mich betraf: mir war das Jürgen-Männeken suspekt, das da auftauchte, auch wenn mir seine Stimme bekannt vorkam. Wir hielten es in der sengenden Sonne exakt 2:40 Minuten miteinander aus, eine lausige Slade-Single lang, aber auch nur die A-Seite, dann war Schluss, und Jürgen verabschiedete sich abrupt zu seinem Referat. Ich habe niemals wieder von ihm gehört, auch seine idiotischen Rausche-Kassetten, die immerzu mit „Tschüssikowski, ihr Lieben!“ endeten, kamen nur noch vereinzelt an, bis sie irgendwann ganz ausblieben. Ich glaube, ich war die ganze pomadige Hitparadenkacke einfach leid. Ich war fünfzehn, ich wollte endlich mal richtig dranpacken, meinetwegen konnte es losgehen.

Stunden später klingelte Tina in ihrem leuchtend roten Kleidchen. Ich war frisch geduscht, meine Eltern übers Wochenende weg, sturmfreie Bude. Was die schneidend scharfe Verhütungsschlacke betraf, die blieb fortan in der Tube, war ja noch nicht nötig. Ich ackerte mich peu a peu in Richtung Top Ten meiner Freundinnen, meiner Babes und Hascherl, und es lag noch ein schönes Stück Arbeit vor mir.

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