It’s all about finesse! Zum 6. Todestag von JJ Cale

 

Einer der großen US-amerikanischen Songschreiber des 20. Jahrhunderts starb am 26. Juli 2013 in Kalifornien nach einem Herzinfarkt. Er wurde 74 Jahre alt. Er war der coolste von allen. Er hatte kein Telefon. Wollte sein Roadmanager ihn erreichen, musste er mit Mittelsmännern und Kassibern arbeiten.

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Layy…la summte die Gräfin wehmütig, nachdem wir die Nachricht von Cales Tod zufällig im Videotext aufgeschnappt hatten.

„He, das ist von Clapton..!“

Was ist von Clapton?

„Layla. Das ist doch nicht JJ Cale.“

Ach so.

Ein kleines Missverständnis nur, doch dahinter steckte eine tiefere Wahrheit. Eric Clapton hatte JJ Cale unterstützt, wo er nur konnte. 2008 gewannen sie mit ihrem gemeinsamen Blues-Album The Road to Escondido einen Grammy. 2014, ein Jahr nach Cales Tod, veröffentlichte Clapton mit The Breeze – An Appreciation of JJ Cale eine Hommage an seinen toten Freund. An Neu-Interpretationen von Cale-Klassikern wie Cajun Moon und Sensitive Kind wirkten u.a. Tom Petty, Mark Knopfler und Cales Ehefrau Christine Lakeland mit. Was mich betrifft, ich konnte dem Rummel nicht viel abgewinnen. Mir war Cale pur immer am liebsten. Laid back, ungehobelt und einen Nagel in den Stiefel getreten, der jeden Moment die Fußsohlen erreichen konnte…

Ein Tramp.

Wie unermüdlich der tausendmal berühmtere Eric Clapton versuchte, JJ Cale einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen, das hatte allerdings Klasse.

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Es war zum Heulen. Erst war James Gandolfini von einem schweren Herzinfarkt dahingerafft worden, und jetzt auch noch Cale. Und was war mit mir? Hatte es mich nicht auch schon fast erwischt? Mir gingen langsam die Helden aus.

Für den Fall, dass Bob Dylan eines Tages tot sein wird, (worüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist), habe ich die Überschrift für den Nachruf schon in der Tasche: HIS DEADNESS.

Doch das JJ Cale sterben könnte, damit hatte ich nicht gerechnet. Das war nicht vorgesehen. Das war Frevel. Da wilderte das Schicksal in den ureigenen Jagdgründen des Rock’n Roll und tat so, als ginge alles mit rechten Dingen zu. Das war Superfrevel. Das war uncool.

Es machte mich nicht glücklich.

Kaum jemand schaffte es, mich gefühlsmäßig so auf seiner Reise durchs Leben mitzunehmen wie JJ Cale. Seine frühen Alben sind der Soundtrack meines Lebens. Unseres Lebens.

Gruppenliebe.

Was Musik anging, hatte jeder seine eigenen Favoriten. Der dicke Hansen, der auf einer original Hammond, eingeschifft aus New Orleans, Orgelunterricht gab, stand auf Jazz & Funk, sein Bruder mochte es karibisch, Karlos und ich verehrten Jonathan Richman, Pepe liebte Bob Marley, Schnaat Bowie und Benzini Punk und Ska, das rassige Mauerblümchen der Popmusik. Der Sound jedoch, der uns verband, auf den wir uns alle verständigen konnten, das war der Sound von JJ Cale.

Cale schwebte über allen. Er war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen trampte, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen rostigen Nagel in den Stiefel getreten. Er war unser Gott. Unser Antibiotikum.

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Wir waren um die Zwanzig und vernarrt in Cales Tulsa-Sound, in sein programmatisch lässiges Easy come, easy go, anyway the wind blows. JJ Cale war der Kitt, der uns musikalisch zusammenhielt.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, frühen 80ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und wir, nun ja, wir Freaks sehnsüchtig darauf warteten, dass endlich ein Jahr um ist und wieder ein neues Album in den Geschäften auslag. Niemand sonst schaffte es, Blues, Jazz, Pop und Country so miteinander zu mixen, eingängig und doch wie nebenbei eingeschenkt.

Und natürlich, JJ Cale hatte Obeine. Obeine waren wie ein Extra-Eintrag im Personalausweis: Guter Mann. Knorriger Mann.

Weitergehen.

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„Ein nervöser Heini“ (Cale über Cale) eigentlich, dem die gelassenste Musik seiner Zeit aus den Fingern floss. Er wollte nie ein großer Star sein, er wollte lediglich die Musik machen, die ihm gefällt.

Sein Einfallsreichtum, ein und denselben Song immer wieder so umzuschreiben, dass er klingt, wie noch nie zu Ohren gekommen, war unerschöpflich. Erst auf den nur noch sporadisch erscheinenden Alben seiner späten Jahre schimmerte Ermattung durch. Was in jungen Jahren Charme hatte, klang nun bisweilen läppisch, doch noch immer gelangen ihm kleine Geniestreiche wie die zwinkernde Kiffer-Hymne Days go by aus dem Jahr 1996.

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Der 5. Juli gilt in seiner Heimatstadt Tulsa, Oklahoma, offiziell als JJ Cale-Tag, wenn in warmen Nächten der Cajun Moon über der Stadt steht. In Tulsa begann er Musik zu machen, doch zu Beginn der 60er Jahre flüchtete Cale mit den befreundeten Musikern Leon Russell (Piano) und Jim Karstein (Drums) Hals über Kopf nach Los Angeles.

„Ich liebte die Hippie-Zeit und all den Kram. Ich wollte dabei sein, mittendrin. Das war mein Ding.“

In LA gab es für ihn aber nicht genug zu tun und er kehrte zunächst zurück nach Tulsa.

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Ich kann heute noch Stunde um Stunde im Sessel sitzen, die Stereo-Kopfhörer angelegt und einen Cale-Song nach dem anderen hören, ohne dass mir langweilig wird. Vom Soundtrack meines Lebens.

Drifters Wife sangen Karlos und ich 1983 von der ersten bis zur letzten Strophe mit, (und zwar das ganze Jahr über), und Magnolia ist bis heute mein liebstes Liebeslied.

Magnolia, you sweet thing
You’re driving me mad
Got to get back to you, babe
You’re the best I ever had

Erst als Eric Clapton, der Cale bis heute geradezu quasireligiös verehrt, auf den Song After Midnight stößt und ihn covert und berühmt macht, wird die Öffentlichkeit auf Cale aufmerksam. Clapton über das Besondere in der Musik von JJ Cale: „It’s all about finesse“.

Meine Lieblingsplatte von Clapton war schon immer 461 Ocean Boulevard (1974), mit der eher bluesorientierte Clapton-Fans nie etwas anfangen konnten. Erst viele Jahre später las ich zufällig, dass Clapton dieses Album als frühe Hommage an JJ Cale verstand.

Als Claptons Version von After Midnight ein Hit wurde, überredete Clapton JJ Cale ein Album aufzunehmen, was dieser zunächst ablehnte. Er traute sich nicht zu, zehn, zwölf gute Songs zu schreiben und ein Album vollzukriegen, doch Clapton ließ nicht locker. So entstand 1971 Naturally, aufgenommen in Nashville. Die zweite Single-Ausklopplung Crazy Mama erreichte Platz 22 der amerikanischen Billboard Charts, ein Achtungserfolg und Grundstein einer weltweit einzigartigen Fanbewegung.

Es folgten die Alben Really (1973) und Okie (1974). Und dann kam das rockige Cocaine vom 1974er Meisterwerk Troubadour. Besonders Cocaine in seiner peitschenden Griffigkeit erreichte neue Hörerschichten. Viele Jahre lang war Cocaine der Rausschmeißer in vielen Rock-Discos, selten hatte jemand so unverblümt über Koks gesungen.

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Lana, die zu Beginn der 90er Jahre ihre Heimatstadt Solingen verließ und nach Hamburg ging, rief mich eines Tages an. Sie hatte Cale und Band live gesehen, ich glaube in Bremen. Sie erzählte, dass das Publikum, wie üblich, zunächst stand, doch nach nicht mal zwanzig Minuten entspannte sich die Atmosphäre in der Halle derart, bis immer mehr Leute sich niederließen. Bald saß alles gemütlich auf dem Boden, wie bei einem großen spontanen Picknick.

„Fehlte eigentlich nur, dass die Leute Karten rausholten und Mau-Mau spielten“, so Lana.

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Easy come, easy go, anyway the wind blows

Seine Freunde nannten ihn John, niemand in seiner näheren Umgebung sagte JJ zu ihm. JJ war die Erfindung seines Managers, der meinte, es gäbe schon einen John Cale in der Musikszene (bei Velvet Underground), und so machte er aus John (Weldon) Cale kurzerhand JJ Cale.

Für das Album Tulsa and back kehrte Cale 2004 noch einmal in seine Heimatstadt zurück. Er trommelte die alten Kumpel zusammen, mit denen er zum Teil seit 1957 auf Tour gegangen war. Manche mussten regelrecht ausgegraben werden.

„Es war wie ein Klassentreffen. Wir jammten ein bisschen und ließen die Rekorder einfach mitlaufen. So entstand das Album.“ (JJ Cale)

Hey hey, drummer, drummer, can you gimme me that beat, can you gimme me that beat, got to move my feet

In Nashville nahm Cale insgesamt 8 Alben auf. Die ganzen 70er Jahre blieb er dort, dann hatte er die Nase voll und ging an die Westküste. Er wohnte die meiste Zeit im Wohnwagen, weil er das einfache Leben liebte. (Die Frauen fanden das weniger angenehm.)

Wenn Cale keine Lust hatte, nahm er jahrelang keinen einzigen Song auf. Er weigerte sich Playback im TV aufzutreten, („das ist unecht und krank“), er hatte Angst vor Fahrstühlen und hasste Telefone, aber er liebte Aufnahmegeräte. Manchmal saß er einfach da und spielte Gitarre, stets einen Schritt hinter dem Beat, und die Maschinen liefen mit und zeichneten alles auf. Er war sein eigener Toningenieur. Gut zu hören ist das auf dem 1989er Album „10“, wo manche Songs wie ineinandergeschraubt klingen, und andere, als hätte er knapp den Anschlusszug verpasst, was aber kein Grund für schlechte Laune war.

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Ich bin mir ganz sicher. Alle Erdbewohner, die ganze große weite Welt, sie alle sind riesige JJ Cale-Fans. Viele wissen es nur nicht. Sie telefonieren zu viel.

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Trotz zahlreicher Klassiker, (Sensitive kind, Call me the breeze, I got the same old blues), mein Lieblingsalbum von Cale ist und bleibt sein drittes, Okie. Der Titelsong war viele Jahre lang Erkennungsmelodie des Pop Shop im Südwestfunk. Auf den ersten Blick sein unscheinbarstes Album, das selbst ich als eingefleischter Fan oft spielen musste, bis es sich einbrannte, doch als es soweit war, streckte ich die Waffen.

Auf Okie passt alles zusammen. Das geniale Album-Cover, die lockere Studio-Stimmung, die jeden der wenigen Songs prägt, Laufzeit: kaum 30 Minuten, inclusive dem unerreichten Cajun Moon und dem programmatischen Anyway the wind blows.

Okie hören, das ist wie das Fenster öffnen nach einem krachenden Sommergewitter, wenn die Luft erfrischt und gereinigt ist und man wieder durchatmen kann, wenn für eine halbe Stunde eine alles durchdringende Klarheit die Oberhand gewinnt, wenn die Regentropfen einzeln auf der Wäscheleine sitzen und Kniepäugelchen machen.

Das ist Okie.

Okie lehrte mich, dass Ohren mit der Zeit lernen, anders, genauer hinzuhören, wenn man ihnen nur die Gelegenheit gibt. Fand ich Cales Country-Nummer Precious memories mit Zwanzig eher so lala, um nicht zu sagen: Füllstoff, so schälte sich der Glanz dieses Songs erst 15 Jahre später heraus, als Okie in meiner Plattensammlung göttliche Wiederauferstehung feierte. Und selten wurde der Augenblick des seligen Erinnerns so perfekt eingefangen, so unaufdringlich, so zurückgenommen, so hypnotisch wie in The old man and me.

Zum Schluss eine kleine Anekdote. Na, mehr ein Bild. Es muss um 1979 herum gewesen sein, Cales Album 5, aufgenommen in Tennessee, war gerade erschienen. Wo auch immer man sich aufhielt, wo man auch saß, überall drehte sich die neue Scheibe.

Spätabends waren wir in zwei vollbesetzten Wagen unterwegs. Es ging den abschüssigen Promenadenweg runter ins Bärenloch, einer weitläufigen windigen Parkanlage. Wie ein Überfallkommando sprangen wir aus den Wagen, vielleicht zehn Leute, und tanzten zu Boilin‘ Pot, Track 2 von Album 5, der aus den Autoboxen schwappte. Eine spontane Rock-Session in der Dunkelheit, von zwei Autoscheinwerfern angestrahlt, eine eilig anberaumte Tanz-Konferenz auf dem kleinen Volleyballfeld des Bärenloch, ein batteriebetriebenes Lagerfeuer, eine Rangelei im Dunkeln, ein Fingerschnippen der Sterne am Nachthimmel. Und bevor die Bullen kamen, waren wir über alle Berge und tanzten der Einfachheit halber im Auto weiter, im Fahren, im Sitzen.

Seit dieser Nacht ist das Bärenloch ein geweihter Ort. Eine Masterstätte des hypnotischen Zurücknehmen, immer einen Schritt hinter dem Beat.

Hey hey Drummer Drummer can you gimme that Beat Can you gimme that beat gotta move my feet

A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom

Ich war sechzehn, ich war siebzehn, dann 18, und die ganze Zeit lagen zwei Taschenbücher neben meinem Bett: Gammler, Zen und Hohe Berge von Jack Kerouac, sowie A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn. Immer griffbereit. Auf dem Nachttisch. Zwei schmale Bändchen.

Mit einem kleinen Unterschied.

    Gammler, Zen und hohe Berge, das laut Klappentext von rororo von Cool Jazz und LSD handelte, habe ich nie gelesen. Ich habe das Buch x-mal Mal in die Hand genommen, ein paar Seiten gelesen und wieder weggelegt. Es war mir einfach zu sehr Fifties, es fesselte mich nicht. Aber das war nicht wichtig. Das Buch lag nicht auf meinem Nachttisch, weil ich den Inhalt so toll fand, sondern wegen der Verheißung, die von dem geheimnisvoll und fremd klingenden Titel ausging, und wegen dem Cover mit seinen weiten Horizonten, seinen Linien, den stilisierten Formen von Freiheit;

Amerika.

Zur gleichen Zeit, etwa 1976, begannen meine Locken zu sprießen. Meine Pubertät war ein Feuerwerk. Das Haar explodierte. Es franste aus in tausendundeiner Richtung, es verschachtelte sich kreuz und quer und in- und aus- und übereinander, eine gewiefte Nicht-Konstruktion, Locken wie Ausschreitungen.

„Krauses Haar, krause Gedanken“, sagten die Leute. Schafschufa, Schafschufa! hätten die Menschen in Libyen gespottet: „Krauskopf! Krauskopf!“

Dazu trug ich den ausgemusterten schwarzen Persianer meiner Mutter, den ich vom Speicher geholt hatte, den „Operettenmantel“, wie er im Kreis der Familie genannt wurde.

Ich war nicht der einzige, der den alten Persianer seiner Mutter auftrug, es war wie eine Welle, die schnell Fahrt aufnahm. Karlos erschien eines Morgens in einem braunen Pelzimitat in der Schule, das an ein Bärenfell erinnerte. Der Mantel war ihm viel zu groß, Karlos sah darin aus wie ein aufgeplusterter Grizzly. Wir steckten ihm ein Glas Bienenhonig in die Manteltasche und reizten ihn mit Stöcken, bis er wutschnaubend die Raucherecke des Schulhofs auseinandernahm – zweifellos, Karlos war der Hit.

(Schnaat kam im Schwalbenschwanz daher.)

Das Auftragen alter, den Motten entrissenen Mutti-Klamotten war unser Protest gegen die kleinbürgerliche und duckmäuserische Was-sollen-denn-die-Nachbarn-denken-Haltung unserer Eltern. Das brachte uns wirklich auf die Barrikaden.

Dieser Satz, der die deutsche Seele zu 100 Prozent abdeckt, WAS SOLLEN DENN DIE NACHBARN DENKEN, ist noch heute aktuell, es hat sich nichts geändert. Jedes Mal, wenn in der Öffentlichkeit irgendetwas zum NO GO! erklärt wird, zum modischen Tabu, zur nächsten Todsünde, muss ich daran denken, was in Wahrheit dahintersteckt: nichts anderes als das urdeutsch gequälte DAS TUT MAN NICHT!

Und:

    Was sollen denn die Nachbarn denken!?

Der Satz bündelt die Sorge, die deutsche Angst, unter seinesgleichen aufzufallen. Dass man aus der Masse herausragt. Als wäre es erste Bürgerpflicht, nichts darzustellen im Leben und lieber als veritable Null ins Grab zu rauschen. Hauptsache, man hat nirgends angeeckt.

Ja, so ist das.

Wir befinden uns Mitte der 70er Jahre. Ich bin 16 Jahre alt und zwei schmale Bändchen aus Amerika liegen neben meinem Bett. In Deutschland herrscht in diesen Tagen eine Atmosphäre von Angst und Erstarrung. Die Angst vor der RAF regiert das Land, Angst vor Terrorismus, dazu die Angst vor Drogen, die Energiekrise, Deutschland, einig Angstland. Während die USA die Mondlandung hatten, Andy Warhol und Campbells Dosensuppen, hatten wir nur Sonnen Bassermann und unsere Angst. Und da setzen wir Jungen an, da wollten wir nicht mitmachen. Sollten doch die Nachbarn denken, was sie wollen.

Ich wurde erstmal ein Gammler und tat: nichts.

NICHT war überhaupt unsere große Überschrift in jenen Tagen. Ich ging irgendwann NICHT mehr in die Schule, ich spielte NICHT mehr im Fußballverein, ich ging NICHT MEHR zu Familienfeiern. Ich wurde ein Fan der großen Verneinung, ich wurde destruktiv, ich verpestete alles mit meiner Passivität, wie ein Sozialkundelehrer einmal zu mir meinte, als er mir ins Gewissen zu reden versuchte. Hätte der Pinsel nicht diese lächerlichen Jesuslatschen getragen, vielleicht hätte ich ihm tatsächlich zugehört statt ihm nur auf die Füße zu glotzen.

Zur Passivität kam meine überbordernde Lockenpracht und der löchrige schwarze Persianerpelz meiner Mutter, mein Gott, was haben eigentlich die Nachbarn damals gedacht. Meine armen Eltern tun mir noch im Nachhinein leid.

Mit der Furcht aufzufallen war ihre Generation aufgewachsen. Im Dritten Reich aufzufallen war lebensgefährlich gewesen. Wie oft hatte Vater erzählt, wie seine Mutter abends ums Haus herumschlich und sorgsam die Schlagläden schloss, damit die Nachbarn bloß nichts davon Wind kriegten, wie bei den Glumms wieder mal über die Nazis hergezogen wurde.

(Was meine Großeltern Jahre zuvor nicht daran gehindert hatte, NSDAP zu wählen. Warum? Weil Großvater arbeitslos geworden war und die NSDAP Jobs versprochen hatte.)

Es konnte lebensgefährlich sein, was die Nachbarn von dir dachten. Auch in den 70ern lebten viele der alten Nazis noch, sie waren überall. Wenn ich Bus fuhr mit meiner Struwwelpetermatte konnte es passieren, dass mir so ein Nazi-Rentner von hinten ins Haar griff und brüllte, dass es das beim Adolf nicht gegeben hätte. Beim Adolf muss wohl die schönste und herrlichste Kneipe gewesen sein, die Deutschland je gesehen hatte. Warum hatte man die eigentlich dichtgemacht?

„Deutscher Humor vor den Nazis war nicht mal übel, ach wo, das war großartig! Das war die Zeit von Dada – distanziert, lakonisch, ein wenig von oben herab, aber durchaus menschlich, scharf und menschlich. Bis Hitler kam und anfing, Judenwitze zu erzählen.“

(Die Gräfin)

Das alles hatte für mich irgendwie mit Protest und Gammler, Zen und Hohe Berge von Kerouac zu tun, mit Amerika und Freiheit, ohne dass ich das Buch je gelesen hatte. Es reichte, Gammler, Zen und Hohe Berge so auf dem Nachttisch zu platzieren, dass es jedem Besucher sofort ins Auge fiel. Es war genauso ein Statement wie der Text von „Sittin‘ on the dock of the bay“ von Otis Redding, den ich auf Schreibmaschine abgetippt und an meine Kinderzimmertür geklebt hatte, weil er von einer lässigen amerikanischen Lebensart kündete, die mir so fehlte in unserem Land.

Das andere Buch dagegen, A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn, ja na klar, das hatte ich gelesen. Und wie ich es gelesen hatte. Ich hatte es gefressen. Nicht nur einmal. Mindestens zehnmal. Es ist bis heute mein Rock’n Roll- und Beat-Mantra. Ich habe es mit Klauen und Zähnen gelesen, wieder und wieder habe ich es mir einverleibt. Wenn Wein das Blut Jesu ist, ist A Wop Bop A Loo Bop das Kreislaufmittel der modernen Popmusik.

Nik Cohn, britischer Musikjournalist, erzählt darin die Story des Rock’n Roll, von seinen Anfängen bis etwa 1970, dem Termin der Drucklegung.

Und jetzt kommen wir, endlich, zum Kern der Geschichte.

Vergangene Woche wollte es der Zufall, dass mir ein bestimmtes Wort nicht einfiel. Es war nicht so, dass ich das Wort für einen Text benötigte, nein, ich wollte das Wort einfach noch mal lesen, ich wollte es noch mal vor Augen haben, noch mal spüren. Es war mir lange Zeit nicht mehr begegnet und ich spürte den Wunsch, es aus der Versenkung zu holen. Aber ich kam nicht drauf, welches Wort es war. Wie es hieß. Wie der Klang ging. Ich hatte nur so ein Gefühl.

Und ich wusste, wo ich zu suchen hatte.

Ich nahm das mittlerweile zerfledderte Exemplar von A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom, ein Taschenbuch, das von keinem Umschlag mehr zusammengehalten wird, und machte mich auf die Suche nach einem Wort, das mir nicht mehr einfiel und von dem ich nur noch wusste, dass es früher meine Phantasie beflügelt hatte. Auch wenn ich nicht einmal mehr wusste, ob es sich bei dem gesuchten Wort um ein Hauptwort handelte oder vielleicht um ein Adjektiv, so wusste ich doch um seine ungefähre Bedeutung:

hip, camp, verdreht, mit einem Schuss Intellekt und Philosophie. Und dass es englisch war. Natürlich. Das auch. Nicht wirklich ins Deutsche übersetzbar.

Die Suche dauerte anderthalb Tage. Ich verwickelte die Gräfin in die Fahndung, nachdem sie sich gewundert hatte, warum ich so konzentriert und gleichzeitig wie nebenbei in dem nikotingelben zerfledderten Taschenbuch ohne Cover blätterte, von dem ihr nur eines bekannt war: dass es aus meinen Jugendtagen stammte und dass ich es verehrte wie kein zweites.

Tatsächlich habe ich selten ein so leidenschaftliches Werk gelesen wie A Wop Bop A Loo Bop von Nik Cohn. Cohn pflegt einen wilden urbanen Schreibstil, und er ist absolut subjektiv in seinem Urteil. Was ihm gefällt, wie etwa die Stones oder Little Richard, das feiert er hemmungslos ab, er verfeuert eine Rakete nach der anderen für seine Helden. Doch was ihn langweilt, wie Bob Dylan oder die Doors, das macht er platt. Er rotzt es auf den Boden wie einen fiesen Jello und er tritt beim Weitergehen noch mal drauf. Ein gnadenloser Schreiber. Manchmal kotzte er mich an.

Er hatte in diesem Buch mein Lieblingswort benutzt, und das gleich mehrfach. Während ich mich nun fest las in den alten Rock’n Roll-Geschichten, ich las wie ein –Ermittler, auf dessen Fahndungsliste lediglich ein einziges Wort stand,  unterrichtete mich die Gräfin über ihr Lieblingswort:

schlaftrunken.

„Wenn ich das irgendwo lese, kriege ich sofort ein Glücksgefühl.“

„Ja, genau! So ging es mir bei meinem Wort auch.“

Aber ich kam nicht drauf, wie es hieß. Und ich fand es nicht in Cohns Text. Es dauerte. Ich stieß auf das Wort, als ich im eigentlich unverdächtigen Beatles-Kapitel suchte. Ich hätte es eher bei Bob Dylan im Folk/Rock-Kapitel vermutet oder vielleicht bei Phil Spector. Stattdessen also in dem Kapitel, vor dem es Cohn am meisten gegraut hatte, weil schon damals alles über die Fab Four aus Liverpool geschrieben worden war. Das Wort, das ich suchte, tauchte im Beatles-Kapitel im Zusammenhang mit Stu Sutcliffe auf, dem früh verstorbenen Ur-Beatle, der stets Sonnenbrille getragen hatte, auch bei Dunkelheit, Mr. Obercool, der, so Cohn, „Image von Natur aus“ war. Ihm gebührte das Wort, das mich als Jugendlicher so fasziniert hatte, dass es mir durch und durch gegangen war:

    sophisticated.

HIER ISSES! rief ich überwältigt und trug es laut vor. Ich ließ es richtig krachen in den Abendstunden.

„Na, Gott sei Dank“, seufzte die Gräfin.

Honey, I never lose

Konsumierende Kids von heute, gewohnt im Bruchteil von Sekunden Songs aus dem Internet runterzuladen, haben keine Vorstellung davon, was es heißt, ganze Nachmittage am UKW-Radio zu verbringen, den Finger an der Aufnahmetaste des Tapedecks, bis endlich der Song gespielt wird, auf den man die ganze Zeit wartet. Oder es kommt ein anderer Song, den man gar nicht kennt, aber zur Vorsicht erstmal aufnimmt. Weil, man weiß ja nie. Hinterher gefällt einem der Song und er kommt nie wieder, schon ist man der Gearschte. Ein Rock’n Roll Penner vor dem Herrn.

Wir waren ja eigentlich Angler, wir Kids in den frühen Siebzigern, das Radio unser Fischteich, der Kassettenrekorder der Wirtschaftsweg. Es konnte passieren, dass sich stundenlang kein einziger vernünftiger Fisch blicken ließ. Und wenn einer anbiss, quasselte einem garantiert der Discjockey ins Intro, las lapidar seine Staumeldungen ab auf der A8, B9, B10, der Typ hielt einfach nicht die Klappe und man konnte nichts dagegen tun, rein gar nichts – nur weiter aufnehmen und beten, sein Gequatsche möge bald ein Ende finden.

Es ließ sich ja im Nachhinein nichts korrigieren. Es war schlicht nicht möglich, mit irgendeiner Löschtaste ranzugehen und den DJ rauszuschneiden. Gut, das geht auch heute noch nicht, jedenfalls nicht mit normalem Equipment, aber damals musste man ALLES nehmen, wie es kam. Geduld war gefragt. Ausdauer. Mit einem Nebeneffekt: Wenn man seine Kassette irgendwann oft genug gehört hatte, verschmolzen die Worte des DJ’s und der Song auf eine Weise miteinander, dass man das Störfeuer regelrecht vermisste, wenn man den Song mal woanders hörte, in der Disco oder bei Freunden im Auto, in ungestörter Länge. Ich habe noch heute ganze Passagen von Radio-DJ’s im Kopf, die mir vor 30 Jahren in bestimmte Songs reingequatscht haben.

„Ain’t it strange and funny..“, begann ein gutaufgelegter DJ auf BFBS, während im Hintergrund Womack and Womack anlief, „..how time slips away when you’re enjoying yourselves..“

Welch ein Satz. Ich höre ihn heute noch ab und zu in meinem Kopf. Gut, dass ich ihn damals aufgezeichnet habe. Ich bin ein Glückspilz.

Schlimm war es, wenn man vorm Radio am Recorder saß und der Song zur Hälfte im Kasten war, also auf Cassette gebannt, und plötzlich – Nachrichten! Kein sanftes Rausschleichen, kein Abblenden, einfach CUT! und raus, „17 Uhr, hier die Nachrichten auf WDR2. Bonn.“

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Als Teenager war ich die fleischgewordene Rangliste. Bundesliga-Tabellen, Torjägerlisten, Hitparaden, besonders die amerikanischen Billboard-Charts und die Top Twenty der BBC, ich steckte meine Nase in Rankings aller Art.

Selbst als ich zu Beginn des Jahres 2005 auf myblog.de mit dem Bloggen anfing, war ich stolz wie Oskar, als 500beine erstmals in der myblog-internen täglichen Rangliste auftauchte, irgendwo unter ferner liefen. Und als 500beine Monate später erstmals auf Platz 1 landete, setzte ich Himmel und Hölle in Bewegung, um einen Screenshot hinzukriegen. Das musste für alle Zeiten als Dokument zur Verfügung stehen. Das durfte nicht verschüttgehen.

Ich meine, einen Screenshot! 2005! ICH!!

Im Alter von elf oder zwölf Jahren begann ich meine eigene Top Twenty Show zu führen. Dafür legte ich ein Extra-Schulheft an, auf dem dick und fett HAUSAUFGABEN geschrieben stand, nur um meine Geschwister zu irritieren und von dem Heft abzulenken, (schon allein, damit sie mir nichts verraten konnten, womöglich die aktuelle No. 1 ausplauderten, bevor ich davon wusste). Ich achtete streng darauf, meine Charts pünktlich am Wochenende aufzustellen, so wie in der Branche üblich. Oder was ich damals für in der Branche üblich hielt.

Ich konnte den Sonntagnachmittag kaum abwarten: 14 Uhr – endlich durfte ich meinen brandneuen Spitzenreiter präsentieren, und zwar:

mir selbst.

Die Hitparade setzte sich größtenteils aus den Songs zusammen, die ich unter der Woche auf Band mitgeschnitten hatte, aus den angesagten Radiosendungen mit Frank Laufenberg (Pop-Shop, SWF 3) und Mel Sondock (WDR 2), einem in Köln gestrandeten US-Discjockey, der mit einem Akzent moderierte, breit wie ein texanisches Funkhaus.

Es war die große Ära der Glam-Rocker. Hatte T. Rex eine neue Single auf dem Markt, THE JEEPSTER, stürmte sie bei mir automatisch von Null auf Eins und hinterließ mit schwerer Plateausohle eine Spur der Verwüstung im Heft. Slade fand ich klasse, das war herrlicher Lärm, und die wilde Suzi Quatro natürlich, mit ihrer großen Klappe: TOO BIG! schrie sie:

HONEY, I NEVER LOSE! Honig, ich verliere nie.

John Lennon war drei Wochen lang meine Nummer 1, und zwar mit der Wiederveröffentlichung von GIVE PEACE A CHANCE, weil der Rhythmus genauso schön stampfte wie meine Schlaghose, wenn sie frisch aus der Wäsche kam. Mit EV’RYDAY schaffte es erstmals eine Ballade an die Spitze meiner Hitparade: EV’RY DAY von Slade. Tags zuvor hatte ich mit Tina, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, im Kinderzimmer schön gefummelt und geschraubt, und dabei war auf BFBS, dem britischen Soldatensender, der Song von Slade im Hintergrund gelaufen: Ev’ry day, when I’m away, I’m thinking of you..

Auch die Hollies schafften es an die Spitze meiner Hitparade, und das gleich 2mal. Die Hollies waren eine merkwürdige britische Kapelle. Brachten einen Haufen unerheblicher Schnulzen raus, Dutzendware vom Grabbeltisch der 60er/70er Jahre, darunter ein besonders übles Album mit Coversongs von Bob Dylan. Um mit Nik Cohn zu sprechen: „Die Hollies waren eine makellose Hitmaschine, sie hauten nie daneben, und sie waren sehr langweilig.“

Nun haute Nik Cohn seinerseits so gut wie nie daneben, doch er schrieb diese Zeilen zu einer Zeit, als zwei Hollies-Perlen noch meilenweit entfernt waren. Zum einen das unnachahmlich inbrünstige, ja religiöse (He ain’t heavy) He’s my brother, der große melancholische Rührkuchen unter den Brüderballaden, (die Parabel eines Mädchens, das mit seinem kleinen Bruder auf dem Arm läuft. Auf die Frage, ob das Kind nicht zu schwer für sie sei, antwortet es, „Nein, er ist nicht zu schwer; er ist mein Bruder“), sowie eine einpeitschende Gitarren-Rock-Tanz-Nummer mit dem mafiösen Titel The day that Curly Billy shot down crazy Sam McGhee, die schwer an den Vorgänger Long cool woman in a black Dress erinnerte.

Das waren die Hollies.

Neulich ist mir EV’RY DAY, der selten gespielte Oldie von Slade, nochmal zu Ohren gekommen, rein zufällig im Radio, und sofort sah ich Tina wieder vor mir, Tina aus der Nachbarschaft in ihrem roten Indianerkleidchen. Dazu dieser scharfe Verhütungsschaum, den wir damals verwendeten. Mann, hat mir der Pimmel gebrannt, obwohl überhaupt nichts richtig geklappt hat, da drin. Es war in etwa, als hätte ich Kiss Kiss (wie meine italienische Oma das nannte) mit einer Peperoni gehabt.

Double Barrel war Nummer 1 in meinen Charts, ein Song von Dave and Ansil Collins. Ein obskures Reggae-Instrumental, an den Drums, erstmals überhaupt, der legendäre Sly Dunbar. Double Barrel war ein echtes One-Hit-Wonder, unterlegt von martialischen Kung Fu-Rufen: I AM THE MAGNIFICENT! GOOD GOD! Die Single erschien 1971, und wenn man in der Musikkultur einer bestimmten Ära lesen kann wie in einem offenen Buch, dann ist die Ära der späten 60er/frühen 70er eng verbunden mit den Mondlandungen der NASA und der einen Milliarde Bürger, die dabei zuschaute, wie Amerikaner über den Erdtrabanten hüpften, als hätten sie den gesamten Weltraum zum Kindergarten erklärt; wunderliches Prahlen, Schwärmerei.

POP.

1975 erfuhr ich über Umwege, die sich heute nicht mehr rekonstruieren lassen, von Gleichgesinnten, die ebenso wie ich ihre eigenen Hitparaden machten und einen Klub gegründet hatten. Heutzutage würde man vermutlich von einem Netzwerk sprechen. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Club einen Namen hatte, aber der Vorsitzende hieß Jürgen, er war gleichsam der Initiator und der Älteste. In den 70ern gab es stets irgendwo einen Jürgen, der als Ältester seine Finger im Spiel hatte, es gab einen durchgeknallten Peter, eine dicke Angela und eine fahle Sibylle, die nicht die Klappe halten konnte.

Andreas war ich.

Jürgen schickte eine Kassette mit den Songs der aktuellen Klub-Hitparade los, und diese Kassette wurde wie eine Art Kettenbrief von einem zum anderen weitergeschickt, wobei jedes der dreißig Klub-Mitglieder seine eigene aktuelle Top Twenty hinzufügen musste. War die Runde durch, sandte der Letzte das Tape zurück an Jürgen, der nun anhand der Mitglieder-Top Twentys die neue KLUB-TOP TWENTY ermittelte und losschickte. So flitzten immerzu irgendwelche C-90-Bänder durch die Republik, sehr ermüdend das Ganze, die Post hatte gut zu tun.

Die meisten Ausgaben der Klub-Charts langweilten mich, sie unterschieden sich kaum von sonstigen Hitparaden, aber mit einer No. 1 war ich zutiefst zufrieden: dem grandiosen Shame shame shame von Shirley and Company, das mich heute noch aus dem Bett holt.

Sie hatten nur diesen einen Hit, aber was für ein Monster, was für ein Move, was für ein MOVEMONSTER, Shirley (Goodman) and Company.

*

Sonntags traf man sich gegenüber des Top Ten an der Schlagbaumer Straße, unsere ganze Haus der Jugend-Clique, an die dreißig Jungs und Mädchen, denn Sonntag war das Haus der Jugend geschlossen. Weil wir noch zu jung für die Disco waren, blieb uns nichts anderes übrig, als gegenüber des Top Ten herumzulümmeln, der Disco an der Schlagbaumer Straße.

Sonntagnachmittag 1975, alle trugen blaue Jeansjacken und Hosen mit Schlag, die Mädchen weiße Rüschenblusen und Apfelshampoo im Haar. Wir saßen auf dieser Mauer gegenüber des Top Ten, dazwischen die Straße, auf der die Autos im Schritttempo vorüberfuhren, neugierig, weil die Leute sehen wollten, was da los war, warum so viele Kids auf einem Haufen hockten. Schuld hatte der Türsteher des Top Ten, dem das Brusthaar oben aus dem Hemd quoll wie Topfkräuter. Er hatte keine Gnade, er ließ uns nicht rein, nicht einen von uns. Ihr seid zu jung. Haut ab mit euren Schülerausweisen, die hätte ja meine Omma besser gefälscht, ihr verdammten Hühnchen.

Die Tür ging auf, weil jemand an die Luft wollte. Schon zuvor hatten wir beim Aufschnappen der Tür Schnipsel von Barry White und Gloria Gaynor mitbekommen, von Never can say goodbye, boy und George McCraes Rock your baby, all diese wunderbaren Phillysound-Hits, die uns nur noch zappeliger, noch hibbeliger machten. Das war unsere Musik, sie verboten uns zu tanzen, wir waren 15, der erste Sex lag in der Luft, wir wollten uns bewegen, wir mussten uns bewegen, doch wir durften nicht, es machte uns wahnsinnig: Revolution lag in der Luft, TSOP, The Sound of Philadelphia, oben am Schlagbaum.

Und dann setzte unten im Top Ten Shame shame shame ein und brachte die Mauern zum Einstürzen. Wie auf Kommando sprang bei den ersten Takten alles auf, your feet want to move, es gab kein Halten mehr. Selbst der Türsteher schien erschrocken über das plötzliche Treiben auf der anderen Straßenseite und vergaß, die Eingangstür zu schließen, so dass Shame shame shame über die Straße dröhnte, die ganzen 3 Minuten 51 Sekunden lang. Der Song war draußen, die Sonne war draußen. Wir groovten und shakten so ungelenk, als wäre es kein Philly Soul, sondern Rock’n Roll, weit ab von jeder Disco-Coolness pulsierten die Füße, sie taten, was sie wollten, sie bumpten und jivten den Asphalt.

Noch heute, wenn mir Shame shame shame irgendwo begegnet, in all seiner hitzigen und doch beinah post-koitalen Lockerheit, seh ich es vor mir, wie wir auf der Straße tanzten, während die Autos anhielten, aber niemand hupte, weil ungeheuerliches vor sich ging an diesem Sonntagnachmittag, Frühjahr ’75.

I’m gonna dance ‚til the break of day.. My body needs action.. Ohh, it’s gettin‘ to me – aaaaaaahhhhhhhhh…

Jürgen wohnte in Osnabrück, war aber beruflich viel unterwegs, wie er einem ständig in den Ohren lag. Eines Tages hatte er hier in der Gegend zu tun und stand vor unserer Tür, ohne Vorankündigung. Ein Überraschungsbesuch. Ein Überfall. Meine Mutter öffnete.

„Schönen guten Tag, ich bin der Jürgen“, stellte er sich vor, den Fuß schon halb im Flur. Der Jürgen? fragte Mutter. Ja der Jürgen vom Pop-Club. Ob er mich mal sprechen dürfe. Meine Mutter, ohne Ahnung, von welchem Klub die Rede sein sollte, führte ihn vertrauensselig auf den Balkon. Es war Mitte August, große Sommerferien. Ich lag faul in der Sonne, dick eingeölt mit Tiroler Nussöl, das sich allmählich mit meinem Körperschweiß vermischte und aus mir einen türkischen Ringer mit riesiger Naturkrause machte. Jürgen schien perplex. Er hatte mich ja nie zuvor gesehen. Und ich ihn auch nicht. Wir kannten uns nur von den Kassetten.

Da stand er nun. Mitte zwanzig, stockschwul, ein Vertreter, der trotz der tropischen Temperaturen Anzug trug, darunter ein knallig buntes Hemd, als wäre er auf dem Weg zur Volkshochschule, um ein Honululu-Referat zu halten, während ich in der sengenden Sonne lag und vor mich hin tropfte, unschuldige fünfzehn Jahre alt. Nicht, dass ich nicht gut ausgesehen hätte, Gott bewahre, ich war ein Jünger des balkongetriebenen Nussöls, aber die Hitze, das viele Sonnenöl, dazu meine mächtige Matte, das war nicht das, was Jürgen erwartet hatte. Nicht exakt das.

Und was mich betraf: mir war das Jürgen-Männeken suspekt, das da auftauchte, auch wenn mir seine Stimme bekannt vorkam. Wir hielten es in der sengenden Sonne exakt 2:40 Minuten miteinander aus, eine lausige Slade-Single lang, aber auch nur die A-Seite, dann war Schluss, und Jürgen verabschiedete sich abrupt zu seinem Referat. Ich habe niemals wieder von ihm gehört, auch seine idiotischen Rausche-Kassetten, die immerzu mit „Tschüssikowski, ihr Lieben!“ endeten, kamen nur noch vereinzelt an, bis sie irgendwann ganz ausblieben. Ich glaube, ich war die ganze pomadige Hitparadenkacke einfach leid. Ich war fünfzehn, ich wollte endlich mal richtig dranpacken, meinetwegen konnte es losgehen.

Stunden später klingelte Tina in ihrem leuchtend roten Kleidchen. Ich war frisch geduscht, meine Eltern übers Wochenende weg, sturmfreie Bude. Was die schneidend scharfe Verhütungsschlacke betraf, die blieb fortan in der Tube, war ja noch nicht nötig. Ich ackerte mich peu a peu in Richtung Top Ten meiner Freundinnen, meiner Babes und Hascherl, und es lag noch ein schönes Stück Arbeit vor mir.

3. Juli 1971: Das Pulver hochgradig rein, Morrison sturzbesoffen wie immer

Der echte Tod ist der Tod auf dem Lokus. Auf dem Lokus kommt es zur Sache, auf dem Lokus spricht der Körper Tacheles, da ist er es gewohnt, Tacheles zu reden. Da lässt jeder Körper jede Vorsicht, jede Nachsicht fahren und reisst alle Vorhänge nieder. Der Lokus ist der ehrlichste Ort im Leben eines Menschen. Wer auf dem Lokus stirbt, stirbt den Heldentod.

– Die Gräfin –

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Jim Morrison, am 3. Juli 1971 angeblich in einer Hotel-Badewanne in Paris an Herzversagen gestorben, hat es in Wahrheit wohl auf dem Lokus erwischt, in einer Pariser Diskothek, mit zu viel Schnaps und Heroin im Blut.

Schon Tage zuvor rumort und arbeitet das Datum in mir. 3. Juli, Todestag von Doors-Sänger Jim Morrison. Ich kann nichts dagegen tun, der Tag pirscht sich heran und elektrisiert mich Jahr für Jahr aufs Neue, auch wenn ich mich ansonsten weitgehend von der Rockmusik und ihren Fallstricken und Legenden verabschiedet habe. Zwar begegnen mir auch heute noch gelegentlich Bands, die mir gefallen, doch im Gegensatz zu früher bin ich nicht mehr scharf darauf, Musik in meinen Besitz zu bringen, sie mein eigen zu machen, um sie hören zu können, wann immer mir danach ist. Ist nicht mehr nötig. Ist vorbei, und ehrlich gesagt, auch wenn man seinen Musikgeschmack nicht groß verändert, nur weil man das vierzigste oder fünfzigste Lebensjahr erreicht hat, irgendwann ist es auch mal gut.

Nichts ist peinlicher als Rockkonzerte, wo es um einen herum kreischt, pfeift und klatscht wie unter zehntausend Teenagern, und wenn nach der Zugabe das Hallenlicht angeht, drehst du dich um und die Teenies entpuppen sich als kugelbauchige Mittvierziger mit ausgeleiertem Hintern, die noch mal einen draufmachen wollen.

Was wollte ich sagen. Jim Morrison, Frontmann der Doors, ist am 3. Juli 2018 siebenundvierzig Jahre tot

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„The whole thing started with Rock’n Roll – now it’s out of control.“
Ray Manzarek
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“Ich wollte einen Sound, der einem den Zahnbelag entfernt”, erklärte der 2013 verstorbene Ray Manzarek, Keyboarder der Doors und hauptverantwortlich für den unverwechselbar warmen und dunklen Sound der Band. Auch wenn Jim Morrison der erklärte Gott war, unser heimlicher Held war Ray Manzarek.
Wir, das waren Karlos und ich, und auch wenn es eine Menge Leute um uns herum gab, die auf die Doors standen, der harte Kern, die Durchgedrehten, die total Kaputten, das waren Karlos und ich.

Wir stromerten ganze Nachmittage durch die Landschaft und zitierten aus den Doors-Dokumentationen, die wir aus Paris kannten. Im 11. Arrondissement gab es zwei Spezial-Kinos, deren Programm ausnahmslos aus Dokus rund um Jimi Hendrix, Otis Redding, Janis Joplin und den Doors bestand.

In einem dieser Streifen, technisch hundsmiserabel und amateurhaft geschnitten, steigen die Doors auf einem Flughafen die Gangway runter, einer nach dem Anderen, brav wie die Entchen, aber Entchen mit langem Haar und bösen Blick. Die Szene muss 1967 gefilmt worden sein, als sie noch relativ unbekannt waren, denn nacheinander verraten die Bandmitglieder dem Mann hinter der Kamera ihren Namen.

Als letzter ist Manzarek an der Reihe.

“Raymond Daniel Manzarek”, stellt er sich vor, mit diesem herrisch-tiefen Timbre in der Stimme, importiert aus Osteuropa und in Los Angeles geschärft und zur Blüte gebracht, “born Two Twelve Thirty-Nine, Musician, Organist.”
Das kam so obercool Westcoast rüber, Karlos und ich konnten nicht genug davon kriegen. Während wir einen kräftigen Haschisch-Tee im Blut durch die Gärten unserer Heimatstadt strolchten, trat abwechselnd einer von uns vors imaginäre Mikro und verkündete das Wort, “Raymond Daniel Manzarek, born Two Twelve Thirty-Nine”, und der andere gab brummend seine Zustimmung,
„Musician, Organist..“
(Als ich mir die Szene jetzt noch mal anschaue, mit all der Abgeklärtheit eines 50jährigen, stelle ich fest, das Rays Stimme hier eher dünn rüberkommt.)

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Meine Vernarrtheit in Jim Morrison und die Doors begann im heißen Sommer 71. Ich war keine elf Jahre alt, spielte Fußball beim RSV und hörte im Radio Riders on the storm, Single-Auskopplung aus dem Album L.A. Woman. Ein Song mit Klavier und mit Gewitter und einem Donnerhall, der Regen prasselt nieder, es ist tiefe Nacht. Eine der geheimnisvollsten Aufnahmen der Popgeschichte.

Ich ging zu Radio Palenschadt am Neumarkt und fragte nach der Platte mit dem Gewitter und dem Regen. Verkäufer Max wusste Bescheid. Verkäufer Max wusste immer Bescheid. Verkäufer Max war eine Kanone. Man sang ihm die wenigen Töne einer Aufnahme vor, die man aus dem Radio eines vorbeifahrenden Cabrios aufgeschnappt hatte, nur den Fetzen der Hookline, und er drehte sich um und zog die entsprechende Platte aus dem Fach, ohne ein Wort zu sagen, ohne den dicken Max zu markieren.

Radio Palenschadt hatte ein halbes Dutzend schalldichter Einzelkabinen, in denen man Platten probehören konnte. Jede Kabine war ausgestattet mit Plattenspieler und Stereoboxen – eigentlich waren es riesige begehbare Kopfhörer.

Seit diesem ersten Probehören von Riders on the storm in der Einzelkabine bei Palenschadts bin ich verrückt nach Gewittern, die punktgenau in einen Song einschlagen, und wenn der Regen fällt wie aus Spielfilm-Giesskannen und irgendwo plätschert ein Piano, bin ich vollends hinüber.

Riders on the storm war meine erste Single, gekauft am 20. Juli 1971. Das weiß ich deshalb, weil ich diesen Tick hatte, in der unteren Ecke des Plattencovers das Kaufdatum zu notieren.

20. 7. 1971.

Ich war keine elf Jahre alt und liebte Riders on the storm, ein düsteres Machwerk und schwer wie ein Kosakenchor, aber zugleich auch federleicht. Es klang wie etwas, das man braucht, um sich im zarten Alter von zehn wie schmutzige Elf zu fühlen.

Dass Sänger Jim Morrison zu diesem Zeitpunkt bereits tot und beerdigt war, wusste ich nicht. Angeblich war er in Paris in einem Hotel ertrunken, in der Badewanne. Der herbeigerufene Arzt hatte auf dem Totenschein Herzversagen als Todesursache attestiert. Mort naturelle. Erst dreißig Jahre später brechen Zeugen der Nacht auf den 3. Juli 1971, darunter der ehemalige Nachtclubmanager Sam Bernett, ihr Schweigen und bestätigen, was unter Fans schon lange als wahre Todesursache gehandelt wird: Heroin auf zu viel Alkohol.

Demnach hält sich Morrison in den frühen Morgenstunden in der Pariser Discotheque Rock’n Roll Circus auf und kauft von zwei Kleindealern Heroin. Seine Frau Pamela ist bereits seit langem hochgradig süchtig, Morrison selbst ein Trinker, dennoch verschwindet er aufs Klo und zieht sich eine Nase. Das Zeugs ist hochgradig rein, Morrison besoffen wie immer.

Als Club-Manager Bernett, von Unbekannten gerufen, dazu kommt und ihn auf dem Klo findet, liegt Morrison bereits gekrümmt auf dem Boden, Schaum vorm Mund, Blut tritt aus der Nase, er atmet nicht mehr. Man schleppt ihn in Panik ins nahe Hotel und weckt Pamela auf, die 1974 ebenfalls an einer Überdosis Heroin sterben wird. Sie stecken Morrison in die Badewanne, lassen Wasser einlaufen und versuchen hektisch, seinen Blutkreislauf wieder auf Vordermann zu bringen.

Jeder Junkie kennt solche Situationen: Jemand droht direkt vor deinen Augen zu verrecken, und du bist breit wie tausend Russen und stehst daneben und weißt nicht, was du tun sollst. Aus Schiss vor den Bullen wird nicht mal der Krankenwagen gerufen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite schilderte mir einmal ein Junkie, der, kurz bevor er ins Leberkoma fiel, mit dem All Time-Leberwerte-Rekord von 5200 auf der Entgiftungsstation eingeliefert wurde und die dortige Scorer-Liste seither anführt. „Ich war schon nicht mehr gelb, ich war schon grün wie ein Apfel.“ Er war Ende Zwanzig und süchtig nach Nahtoderfahrungen, nach In-den-Tunnel-fahren, wie er das nannte. Wie in Indien, wo es Junkies geben soll, die sich vorsätzlich von einer Cobra beißen lassen, um stundenlang zwischen Leben und Tod zu schweben und diesen Zustand bis ins Detail auszukosten. „Wenn du das Weiße am Ende des Weges glimmen und leuchten siehst, wenn du das Ziel fast erreicht hast und erst in letzter Sekunde packt dich jemand und zieht dich zurück ins Leben, das ist der intensivste und erdigste Kick, den man als Mensch erleben kann. Das ist so grandios, das kann keine Nadel und kein Speedball, das ist mit nichts zu vergleichen.“ Tatsächlich vergrößern sich die Pupillen des Menschen im Moment des Todes in einer Weise, als würde man etwas Großartiges sehen, etwas, das einen in maximales Erstaunen versetzt.

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Jim Morrison kehrt an diesem Sommerabend 1971 nicht zu den Lebenden zurück.
Es gibt Schwaz-Weiß-Fotos, einige Tage vor seinem Tod  aufgenommen, Ende Juni 71. Sie zeigen einen aufgedunsenen Säufer auf der Terrasse eines Pariser Cafes. Wer die Bilder sieht, ahnt: Jim Morrison hat sich totgesoffen, und ob nun an diesem letzten Abend im Rock’n Roll Circus Heroin im Spiel war oder nicht, spielt letztlich keine entscheidende Rolle. Es verkürzte lediglich sein Leiden.
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††

 Zehn Jahre später: Der 3. Juli 1981

Zu Morrisons 10. Todestag sind Karlos, Pepe und ich auf dem Cimetière Père Lachaise im Osten von Paris verabredet. Ein Haufen Prominenz hatte sich angesagt, da durften wir nicht fehlen.
Weil Pepe arbeiten musste und nicht frei bekam vom Arbeitgeber, (seinem Vater), nahm er am Vormittag des 3. Juli den Intercity von Köln nach Paris, während Karlos und ich bereits am Tag zuvor losgetrampt waren. Zwei Jungs ohne Gepäck in anderthalb Tagen bis Paris, mon Dieu, wir hatten schon weitere Strecken in schnellerem Tempo bewältigt, und das zu dritt mit stattlichen Rucksäcken, die Totenkopf-Flagge obenauf, Pernodfahne im Hals.

Wir waren um 12 Uhr Mittags verabredet.

Pepe stand pünktlich am Grab im 6. Friedhofsbezirk des Père Lachaise und hielt Ausschau nach Karlos und mir, inmitten Tausender Fans, die zusamengekommen waren. Alle waren so verdammt pünktlich an diesem 3. Juli 1981 und stimmten a cappella My wild love an, vom Album Morrison Hotel. Selbst die drei übrig gebliebenen Doors waren aus Los Angeles angereist, mit eigenem Filmteam: Ray Manzarek, Gitarrist Robbie Krieger, Drummer John Densmore. Gerüchteweise hatte selbst Doors-Intimus Danny Sugarman pünktlich die Reise nach Europa angetreten, der alte Angeber. Jedenfalls, wer war nicht da? Wer fehlte? Wer hatte es einfach nicht geschafft? Wer war unpünktlich?

Genau.

Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns auf einer Kuhwiese in Belgien und bauten im Regen ein winziges Zwei-Mann-Zelt auf. Karlos und ich hatten versagt, wir hatten Tramper-Pech auf ganzer Linie gehabt. Kaum ein Auto hatte angehalten, und wenn sich doch mal ein Fahrer erbarmte, dann nur für ein paar Kilometer bis zur nächsten Autobahn-Abfahrt.

„Und jetzt Allez!“ (Fußtritt.)

Wir waren so down, dass wir es nicht zum Pere Lachaise geschafft hatten, wir beschimpften uns gegenseitig als Loser und Penner und miese 10-Francs-Nutte.

Die Stimmung in der belgischen Diaspora änderte sich erst, als definitiv feststand, dass wir Paris selbst dann nicht mehr pünktlich erreichen konnten, wenn uns eine Concorde aufgelesen hätte. Wir mussten es akzeptieren, wir waren Loser. Von da an ging es aufwärts mit der Stimmung, und der 3. Juli 1981 entwickelte sich noch zum schönsten 3. Juli aller Zeiten:

Karlos und ich im Matsch unweit einer vielbefahrenen belgischen Autobahn, bei Dauerregen im engen Zelt gefangen, von furchteinflössend muskulösen belgischen Fleischkühen umgeben. Diese Monster niemals aus den Augen lassend, erhitzten wir vorm Zelt auf einem kleinen Campingkocher zwei Flaschen roten Landwein, kippten ein halbes Kilo Zucker dazu und rollten einen kleinen Joint vom letzten Rest Libanesen. Wir lachten bis wir einschliefen, und als ich mitten in der Nacht mit zerfranster Kehle aufwachte, lachte ich immer noch, während Karlos draußen vorm Zelt mit den Kühen diskutierte: „Zum Mitnehmen, ja selbstverständlich, die Dame! Können Sie ruhig alles in eine Tasse packen! Ist nicht weit, nein, dankesehr, nur bis zum Zelt da vorne! Ich bedanke mich recht herzlich! Ein schönes Fest ist das hier!“

Als wir am folgenden Abend endlich Pere Lachaise erreichten, war der Friedhof bereits geschlossen und wir mussten übers Tor klettern. Weit und breit war niemand zu sehen, logisch, ich mein, welcher Penner besucht Jim Morrisons Grab am 4. Juli!

1981!

Bringt doch nichts.

Pepe war stinksauer auf uns wegen dieser Geschichte. Er rieb es uns wieder und wieder unter die Nase, seine Schilderungen von Morrisons 10. Todestag in Paris, bis es ihn selbst erwischte, Ende Juni 1987 auf dem Klo eines Cafes auf der Münchener Leopoldstrasse: eine versehentliche Überdosis Heroin.

Als er vom Wirt gefunden wurde, der sich gewundert hatte, warum die Tasse Kaffee so lange unangerührt auf dem Tresen stand, lag Pepe gekrümmt auf den Bodenkacheln und atmete schwer, Blut lief aus der Nase.

Beigesetzt wurde er am 3. Juli (!) 1987 in Hagen, neben dem Grab seiner Großeltern.