Ach, da knallen wir noch ein Überbein rein!

Seit einem Bandscheibenvorfall erwischte es mich alle paar Monate im Kreuz, doch diesmal strahlte der Schmerz bis runter ins linke Bein, das war neu. Es war, als wollte jemand einen Knochen zusätzlich in den Oberschenkel quetschen:

Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Ich also zum Orthopäden. Aus dem schnuckeligen kleinen Verschlag im vierten Stock, wo es immer lecker nach italienischem Bohnenkaffee gerochen hatte, war eine turbulente Gemeinschaftspraxis im vierten Stock geworden, wo in jeder Ecke ein mercedesdicker Mineralwasser-Spender stand.

Der nächste Nachteil: Da zwei der drei Orthopäden diese Woche außer Haus waren, wurde vorn an der Anmeldung alles abgewimmelt, was kein Notfall war oder keinen festen Termin hatte.

„Ich bin ein Notfall“, sagte ich mit malader Stimme und Leidensmiene, „ich habe sehr schlimme Rückenschmerzen. Ich habe vor zehn Jahren einen Bandschei..“

„Moment, Moment, junger Mann. Termine und Kontrollen gehen vor, da helfen auch keine Rückenschmerzen.“

„Das sticht aber bis runter ins Bein, ich kann kaum noch auftreten! Hier, sehen Sie..“

Ich humpelte im Kreis, wie ein kaputter Esel. Die Sprechstundenhilfe seufzte. „Na schön..“ Ich nahm im Wartezimmer Platz.

„Aber Zeit müssen Sie einkalkulieren“, rief sie mir noch hinterher.

Zur Strafe wurden im Anschluss an meine kleine Humpelei sämtliche Patienten, die nach mir kamen, vor mir drangenommen, zwei Stunden lang und ohne Ausnahme: Termin-Gesichter, Zur-Kontrolle-Gesichter, Knie- und Knöchellahme, hüftoperierte und andere Missgeburten, ale kamen vor mir dran. Dann, Punkt zwölf, wurde ich endlich in eines der diversen Behandlungszimmer gerufen. Was natürlich nicht bedeutete, dass ich gleich drankam – ich wartete nur woanders.

„In fünf bis zehn Minuten können Sie schon mal laaangsam beginnen, Hose und Schuhe auszuziehen..“, meinte die Arzthelferin, und ich glaubte, nein, ich war mir sicher, einen gewaltigen Schlenker Richtung Ironie herausgehört zu haben. Dann saß ich da auf meinem Höckerchen in Behandlungszimmer 4. Halbnackt. Nichts geschah. Ich beobachtete eine fette Kellerspinne, die es irgendwie in den vierten Stock raufgeschafft hatte. Sie saß an der weiß getünchten Wand, den Kopf eingezogen wie eine Bulldogge auf dem Sprung. Ich stand auf und machte sie platt. Und wo ich schon mal auf den Beinen war, warf ich einen Blick auf den Rechner. Auf dem Bildschirm war eine Maske mit meinen Patienten-Daten aufgerufen. Demnach war ich 1998 das letzte Mal hier gewesen. 1998.. Wie die Zeit vergeht, dachte ich. Nur die Zeit jetzt nicht.

Mir tat das verdammte linke Bein weh. Ich hinkte ein paar Schritte, blickte aus dem Fenster. Im Hof stand ein herbstlich roter Ahorn-Baum und leuchtete wie ein Hochofen. Die Tür schwang auf.

„Guten Morgen! Lausch mein Name!“

Volles Haar, sehniger Typ, Sport-Mediziner. Sein Händedruck kam so knackig rüber, als hätte er im Handballen ein Stück Kernseife eingenäht. Er roch lecker. Dahinter folgte die Schwester. Kurzes dunkles Haar, gebutterter Teint. Sie bewegte sich wie eine süße kleine Wanderdüne. Endlich war was los hier.

„Was haben wir denn schönes?“ fragte der Doc.

Bevor ich antworten konnte, las er laut die Daten vom Bildschirm ab. „Andreas Glumm, 48 Jahre alt, Bibliothekar..?“

Bibliothekar, har – na ja. Irgendetwas hatte ich ja beim Ausfüllen der persönlichen Daten angeben müssen als derzeitiger Beruf. Womit man sein Geld verdient. Die Talente, wie Geld früher mal hiess. Die Ziffern auf der Lohntüte.

(„Glummi, wollste Tatas abholen?“/Jacky Weinberg in der großen Schalterhalle der Sparkasse.)

„Und, wo brennt’s, junger Mann? Sie sind wegen akuter Rückenbeschwerden hier..?“

Ich fragte mich, wie lange ich eigentlich noch als junger Mann durchging, wann das endlich ein Ende hätte und dass ich dann, wenn es soweit wäre, wahrscheinlich ausserdordentlich beleidigt reagieren würde – also, bleiben wir doch einfach bei junger Mann und alle sind zufrieden.

Ich erzählte dem Doc, welche Probleme mir das Kreuz machte. Es folgte eine Reihe Übungen. Ob ich mit den Fingerspitzen den Boden erreichte, ob es weh tat, wenn ich im Liegen die Beine durchdrückte etc. Jede Übung wurde mit der Frage verbunden: tut das weh? Nein..? Jetzt vielleicht? Und wenn ich so mache? Immer noch nicht? Und jetzt? Wie ist es denn jetzt!?

TUT DAS VIELLEICHT JETZT WEH!??

„Nein. Eigentlich nicht.“

Das hätte ich nicht sagen sollen. Ab sofort war ich in seinen Augen ein Simulant, der bloß einen gelben Schein abgreifen wollte. (An einem Mittwoch? Hielt er mich für einen Amateur?) Jedenfalls, einen zweiten Bandscheibenvorfall erachtete er als eher unwahrscheinlich.

„Vermutlich handelt es sich um eine Wölbung der Bandscheiben. Was arbeiten Sie, als Bibilothekar..? Also überwiegend eine sitzende Tätigkeit.  Hm hm. Schön schön. Ich ziehe Sie diese Woche aus dem Verkehr und überweise Sie zum CT.“

Damit er mir eine schmerzstillende Spritze verpassen konnte, sollte ich die Unterhose ein Stück runterlassen.

„Gut so?“ fragte ich scheinheilig und zog den Slip ein Stück weiter als nötig runter, und tatsächlich, sofort lugte die ansonsten im Hintergrund mitschreibende Schwester verstohlen rüber: Luder! dachte ich. Soll bloß gleich im Treppenhaus auf mich warten! Wenn ich es bis dahin schaffte, ohne zusammenzuklappen.

(Bei meiner Geburt hatten sich die Götter gedacht: Der Knabe hat einen so stabilen Body, da können wir ruhig eine superzarte Seele reinbauen. Und ein Überbein.)

(Wenn man seine eigene Tragik begreift, das ist tragisch.)

Okay. CT also. Computer-Tomografie. Auf dem Weg zur Radiologen-Praxis um die Ecke sah ich dauernd Dinge vorüberhuschen. Im Gesichtsfeld oben links und oben rechts. Oder waren das nur meine Nerven? Und was hieß „Praxis“? Der Radiologe beanspruchte ein ganzes Haus über drei Etagen für sich. Abfertigung wie auf dem Flughafen für gelenkkranke Krüppel. Mammografie-Massenbetrieb.

„Hose aus, Schuhe aus. Wertsachen bitte in der Safe-Box verschließen. Ich hole Sie gleich ab.“.

Als ich halbnackt auf dem Bänkchen in der engen Kabine Platz nahm und mich schon in der geschlossenen Röhre sah, musste ich plötzlich pinkeln. Also, Hose wieder an, Schuhe an, zurück über den Flur und durchs proppenvolle Wartezimmer zum Patienten-Klo, mit fliegenden Schnürsenkeln. Ich pisste wie eine Kuh im Stehen. Beim Händwaschen erwischte ich mein Gesicht im Spiegel. Vom vielen Stress war meine Chemie durcheinander geraten, das Haar hing an mir runter wie nasses Blech.

Ich sah aus wie im Bürgerkrieg.

Zurück durchs aus den Nähten platzende Wartezimmer zur Kabine, im wiegenden Langlaufschritt, damit ich mir ja nicht auf die offenen Schnürriemen trat und aufs Maul flog. In der engen Kabine zog ich Schuhe und Hose aus. Es roch schon ein bißchen nach mir. Kaum saß ich auf meinem Bänkchen, wurde wie von unsichtbarer Hand die Türe aufgezogen.

„Herr Glumm…“

Man führte mich in einen großen hellen Raum. Ich sah eine Liege, die in eine Art großen Ring führte, dahinter wartete die CT-Maschine, deren weißer Schlund offenstand.

„Einmal hinlegen bitte..“

Die Sprechstundenhilfe sah aus, als wäre sie an einem Mittwoch geboren. Seither war sie mittwochs müde und wollte nur noch zurück ins Bett, schon früh am Morgen. Es war Mittwochmorgen. Sie sah unglaublich müde aus.

.“Ist das warm hier“, sagte ich, „da wird man ja müde.“

Ich zog mein Sweatshirt aus.

„Das können Sie hier ablegen“, sagte sie. „Aber lohnt eigentlich nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil.. dauert nur zwei Minuten.“

„Nur zwei?“

„Ja. Zwei Minuten.“

„Die in der Orthopädie haben was von zehn bis fünfzehn Minuten gesagt.“

„Nein, nur zwei Minuten. Kein Problem. Lassen Sie den Pullover ruhig an.“

„Muss ich mit dem Kopf in die Röhre?“

„Nein. Der Kopf bleibt draußen, nur ihr Körper verschwindet. Sind Sie schon mal operiert worden?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Gut. Dann legen Sie die Knie über das Kissen hier und entspannen sich.“

Die Liege fuhr automatisch nach vorn, bis ich mit dem Kopf die Maschine erreichte. Der Rest meines Körpers entschwand in einer Art überdimensionierten Verlobungsring. War das jetzt die langersehnte Verlobung zwischen mir und der Gerätemedizin? Wurde ich endlich mit der Technik vermählt? Verlobt? Mit dem Somaton CT SENSATION 16?!!

„Nicht in den Laserstrahl gucken, bitte!!“

Viertelstunde später, Sprechzimmer. Der Radiologe, großer Mann, grauer Kinnbart, hockte vor einer Batterie hochauflösender Monitore und teilte mir das vorläufige Ergebnis mit.

„Sie sind schon mal operiert worden?“

„Nein.“

„Gut. Davon hab ich nämlich auch nichts sehen können.“

Dann blickte er mir ernst und grimmig ins Gesicht, als hätte ich den Doppelzentner Krebs schon auf den Rippen.

„Man sieht deutliche Wölbungen an den Bandscheiben, es scheint aber noch kein Prolaps zu sein.“

„Prolaps?“

„Bandscheibenvorfall. Kann noch konservativ behandelt werden.“

„Konservativ?“

„Ja. Muss nicht operiert werden. Wenn Sie Glück haben.“

„Wenn ich Glück hab?“

„Wenn Sie Glück haben.“

Er sprach wie ein orthopädischer Pilot, der Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr im Luftraum zwischen den Lendenwirbeln unterwegs ist und sich langsam aber sicher mit den immergleichen vorläufigen Diagnosen zu Tode langweilt. Er tippte mit dem Stift auf die Schichtaufnahmen und murmelte was von Gallert-Flüssigkeit und saftigen Apfelsinen, und während ich noch verzweifelt nach innerer Logik und Zusammenhängen suchte, zeigte er mit dem Stift mal hier hin, mal dort hin, erwähnte „unerwünschte Abnormitäten“ und erschlaffte plötzlich.

„Was letztlich gemacht wird, entscheidet natürlich Doktor..“, er warf einen Blick auf mein Patientenblatt, „.. Lausch.“

Als ich wieder auf der Straße stand, hörte ich einen Eichelhäher, mitten in der Stadt. Er krächzte so dreckig und voller Verachtung, dass ich irritiert den Luftraum nach ihm absuchte und nicht aufpasste, wohin ich trat – sofort machte es crrk! Es war Oktober, Schnecken mit Häuschen waren überall unterwegs. Ein Schulmädchen, polierte rote Bäckchen, blieb stehen und beobachtete mich, den Mund leicht geöffnet. Ihre weißen Zähnchen waren wie von einem Gespenst, das sich die Zähne putzte mit der Geisterzahnbürste. In der Fußgängerzone zog ein Treck schwer erziehbarer Mittdreißiger durch die halbgroße Stadt.

Ich machte, dass ich nach Hause kam.

Schön – dagegen hatte niemand etwas einzuwenden

Am Sommerwochenende lädt mein Bruder auf die Hazienda in den Wupperbergen. Die Atmosphäre: leicht teigig, ja apathisch. Wie das manchmal so ist. Es sind alle amtierenden Nasen da, die man gern hat, sogar die Sonne spielt mit, aber die Party kommt nicht vom Fleck.

Erst mit Anbruch der Dunkelheit wärmt Gelächter den Forst. Unser Schwager, paar Drinks intus, läuft zu großer Form auf und imitiert am Lagerfeuer längst verblichene Pauker der ehemaligen Höheren Lehranstalt für Jungen Schwertstrasse. Pauker, die ich zum Teil selbst noch erleben durfte, in der Zeit zwischen 1971 und 79, auf der Goldenen Gerade.

Bruns, ein kriegstraumatisierter Geschichtslehrer, stand kurz vor der Pensionierung. Es hiess, er habe fünf Jahre sibirischer Lagerhaft überlebt, inklusive Gehirnwäsche, da der Russe ihn irrtümlicherweise für einen führenden Nazi hielt. Und wer seinem Unterricht folgte, der ahnte schnell, jawoll, da konnte was dran sein – an der Gehirnwäsche. Er hatte es schwer mit den Nerven.

Bruns war ein Hüne von einem Kerl mit Pranken wie Abfallkörbe, mit denen er missliebige Schüler reihenweise vermöbelte, und er hatte einem immensen Verbrauch an Zeigestöcken.

Ob er nun stramm vor der Klasse auf- und abmarschierte oder lässig hinterm Lehrerpult lümmelte, die Beine auf dem Tisch, der Zeigestock ruhte stets hinter seinem Kopf auf den Schulterblättern. Er sah aus wie ein großgewachsener wuchtiger Wasserträger, nur dass an beiden Enden der Tragestange keine Eimer hingen. Seine gewaltigen Arme klemmten den Zeigestock ein, umrankten ihn wie Efeu, nahmen ihn in die Mangel und strapazierten ihn derart, dass es in seinem Nacken vor Spannung nur so knackte.

Auf die Dauer keine orthopädische Kleinigkeit.

Mit fortlaufender Unterrichtsstunde warteten wir Jungs nur auf den Moment, wo Bruns innerer Angriffskrieg gegen sich selbst den Höhepunkt erreichte, der Stock die Spannung nicht mehr halten konnte, und – KRRAKKAPATZZ!, hinter seinem Rücken zersplitterte.

Die Klasse atmete auf. Geschafft. Kaputt.

„Der nächste!“ rief Bruns.

Stante pede musste der Klassensprecher ins Sekretariat eilen, um einen neuen Zeigestock anzufordern. Unsere Sekretärin legte meist einen neuen Tafelschwamm hinzu, mit schönem Gruß an den Herrn Gauleiter.

Berüchtigt in der Schülerschaft waren Bruns jähzornige Ausfälle. Es waren bloß Kleinigkeiten, die ihn in Rage brachten, doch wenn es wieder einmal so weit war, warf er ohne Vorwarnung mit dem dicken Schlüsselbund nach dem Verursacher. In der Klasse meines Schwagers traf es meist Neef, einen Rotschopf aus der letzten Bank. Es reichte schon, dass Neef zur falschen Zeit zu laut auflachte und eine von Bruns kriegsgeschädigten Nervenenden streifte und in Wallung brachte.

Nun hatte der Schlüsselbund ein gutes Dutzend Schlüssel, und besonders der Kellerschlüssel entwickelte sich im fliegenden Zustand zum Knüppel aus dem Sack. Es war stets die gleiche Prozedur. Am darauffolgenden Schultag tat Bruns die Sache unendlich leid, er schämte sich für seine Ausraster und wollte sich entschuldigen. Es war nur noch ein großes Häufchen Elend, das vor der Klasse erschien und dem man die durchwachte Nacht ansah, von Selbstvorwürfen gequält.

Vor versammelter Mannschaft steckte er Neef vor Unterrichtsbeginn ein Fünfmarkstück zu sowie eine große Tafel Nußschokolade, Novesia Gold Nuss. Darüber hinaus durfte Neef vierzehn Tage lang soviel lachen und Popel fressen, wie er wollte, keine Sanktionen, versprochen.

Im Spätsommer, wenn Wandertag anstand, ging es mit Geschichtslehrer Bruns durch den Park am Hippergrund. Marschiert wurde in Zweier-Reihen, Bruns als Spähtrupp voraus. Ließ der Russe sich zum Verrecken nicht blicken, wurde umdisponiert.

“DREI MANN RAUS ZUM BLUTRÜHREN!” befahl Bruns. Er konnte blöken wie ein brünftiger Hirsch.

„Das war 1968, zur APO-Zeit“, erzählt mein Schwager am Lagerfeuer, „das fanden wir Knirpse super. Tausend Mal besser als Ho Chi Minh.“

„VORSICHT, MÄNNER! PANZER-SPÄHWAGEN VON LINKS, GRANATEINSCHLAG RECHTS! ALLES IN DIE BÜÜSCHE!!“

Der Panzerspähwagen von links wurde von einer jungen Frau mit Kinderwagen dargestellt, die zufällig durch den Park spazierte. Sie machte sich fast in die Hosen, als sich vierzig Halbwüchsige vor ihr aufbauten, die schweres Kontakt-Geheul von sich gaben und Blut & Spucke in der hohlen Hand anrührten, mit Ahoi-Brause.

1969 erreichte der Sommer der Liebe am Solinger Gymnasium Schwertstrasse seinen Höhepunkt: Neef, Rotschopf und erster Rüpel der Obertertia, erschien mit Blumenkettchen zum Unterricht.

„Ich bin jetzt Hippie.“

An der Kette hingen Glöckchen, die, wenn man sich bewegte, leise bimbambino machten. Aber nur bis zur dritten Stunde, da war die Kette schon Geschichte. Als Kriegsveteran Bruns den Flower Power-Schmuck zu Gesicht bekam, sah er rot. Er riss Intimfeind Neef das Kettchen vom Hals und pfefferte es wutentbrannt durchs offene Fenster auf den Schulhof – wo es bimmelnd zerschellte.

„Männer!! Ich hab nicht fünf Jahre Lagerhaft mit Sonnenblumenkernen überlebt, um mich zwei Jahrzehnte später mit langhaarigen Flegeln herumzuärgern, die sich Hasch in die Augen spritzen! Fünf Jahre Sonnenblumenkerne! Sonnenblumenkerne morgens, mittags, abends! Sonnenblumenkerne, Männer – und keine Haschglöckchen!“

Nun lagen Blumenkettchen und Sonnenblumenkerne sprachlich und inhaltlich nicht soo weit auseinander, wie Bruns es gern gehabt hätte, doch das fiel nicht weiter auf – im Gegenteil: Tief beeindruckt von seiner Tirade bewaffnete sich die Klasse zur nächsten Geschichtsstunde mit – Sonnenblumenkernen.

Bruns erhob sich vom Pult, den Zeigestock waagerecht im Genick, am knacken wie ein Flitzebogen.

„Männer, was ist hier los!? Was knistert da so? Was ist das?“

„Das sind Sonnenblumenkerne, Herr Bruns!!“

Er liess Neef, den Rotschopf, nach vorn kommen.

„Lass mal probieren, Neef.“

Bruns griff tief in die Tüte, „Hmm.. lecker“, und dann in seine Westentasche.

„Hier, Neef, ein Zwanziger. Kauf was Süßes für die ganze Bande.“

*

Musiklehrer Triesch, Gewohnheitstrinker, war eine Legende am Flügel, ein anerkannter Cool Jazz-Veteran, ein komischer Vogel, ein strange bird. Er trug ausgewuchtete Knickerbocker und Jägerhemden, an denen die Kleidermotten sich schon lange satt gefressen hatten, aber sie hörten einfach nicht auf, sie fraßen einfach weiter. Sein spärliches Haar war dünn und fettig, und die Schuppen rieselten in Divisionsstärke in seinen Dandy-Kragen.

Aus der Nähe betrachtet war Triesch ein verdammter Penner.

Er hatte die Angewohnheit, den Schnaps in Fanta-Dosen umzufüllen, bevor er ihn hinter der mobilen Tafel auf ex runterspülte. Er war im Glauben, wir Schüler würden nicht merken, dass er Alkoholiker war. Er setzte sich an den Flügel, in Knickerbockern und Kniestrümpfen, die seine Waden so trefflich stramm in Szene setzten, und spielte bis die Aula erleuchtete. Meist My way is cloudy vom Golden Gate Quartet oder Take Five von Dave Brubeck, seine beiden Lieblingsnummern.

Mein Schwager fügt hinzu, dass es genau zwei Sache gab, für die Triesch den Musikunterricht sofort abbrach: wenn jemand das Wort „Rollhockey“ erwähnte, als Remscheider war er Riesenfan des deutschen Rollhockey-Abonnenmentmeisters Remscheid, und wenn die Rede auf schnelle Autos kam, auf Sportwagen.

Triesch war eine ganz coole Sau. Irgendwie tragisch. Wir beteten ihn an.

Er war dauernd besoffen.

*

Rosenthal gab Deutsch und Latein. Ein kleines Kerlchen, das ständig rauchte und selbst im Lehrerkollegium nur der Gilb hieß. Von den Unmengen Burger Stumpen, einer billigen Mischform aus Zigarillo und Zigarre, war seine Haut im Laufe der Zeit gelb geworden. Im Gesicht, am Hals, in den Händen, überall saß der Gilb.

Im Gegensatz zu Geschichtslehrer Bruns, den die Schüler teils fürchteten, teils verehrten, wurde der Gilb zwar nicht wirklich ernst genommen, aber man mochte ihn, irgendwie.

Da der Gilb rechts ein Glasauge hatte, war es ihm nicht möglich, die von ihm aus gesehene (beziehungsweise nicht gesehene) rechte Seite des Klassenraums zu überblicken – ein Grund, warum die Schüler, die rechts saßen, getrost dem Unterricht fern bleiben konnten, der Gilb merkte eh nichts davon. Die zwei oder drei Schüler, die rechts saßen und dennoch am Unterricht teilnahmen, vertrieben sich die Zeit mit Schiffe versenken und Mau-Mau spielen, so waren am Ende alle zufrieden.

Dachte man.

Denn es kam der Tag, an dem der Gilb am Lehrerpult saß und den Hals, warum auch immer, ein Stück weiter nach rechts schraubte als üblich, viel weiter nach rechts, so weit nach rechts, dass er mit dem intakten linken Auge plötzlich die rechte und nahezu leere Seite des Klassenraums erfasste.. Was zum Teufel war da los? Da war überhaupt ja nichts los!

Er stampfte beleidigt mit den Schühchen auf.

„Wenn Sie lieber daheim bleiben wollen als dem Unterricht zu folgen, meine Herren, kann ich ja beruhigt nach Hause gehen!“

Schön, dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

*

Andi1977Gymnasium Schwerstrasse 012

Klsassenfahrt Nürnberg 1977

Pfifferlinge

Das war gar keine richtige Party, auf der ich da gelandet war, es war eins dieser Besäufnisse im Schwenkbereich zwischen Weihnachten und Neujahr, wo alle frei haben und wo es ununterbrochen regnet und schon deshalb keiner nach Hause will. Ich steh also mit einem Becher Bier in der Küche und qualme mit Beate, der Remscheider Hängetitte, eine schöne Marihuana-Lolle, als wir plötzlich den dicken Hansi schreien hören.

„WIE, ES GIBT NIX MEHR ZU ESSEN?? IST ZU ESSEN SCHON ALLES WEG?! OCH MANN!“ Kurze Pause, wütendes Gestöhne. „NA, DANN KAUF ICH MIR EBEN EINEN TELLER PFIFFERLINGE, HÖR MAL!!“

Wir sehen ihn durch den Hausflur schaukeln, die Türe aufreissen und mit roter Daunenjacke Richtung Stadtwald verschwinden, zum Uhu, dem berüchtigten Nachtrestaurant an der Burger Landstraße.

Es ist weit nach Mitternacht, als der dicke Hansi, den niemand mehr auf der Rechnung hat, mit einem Mal wieder auf der Veranda steht, die Buxe voller Schlamm, Zweige im Haar und klätschnass, aber überglücklich und mit gesunden roten Bäckchen.

„PFIFFERLINGE WAREN AUSVERKAUFT IM UHU, HAB ICH MIR IM WALD PAAR PFIFFERLINGE AUSGEBUDDELT UND GEFRESSEN, HOFFENTLICH WAREN DAS AUCH PFIFFERLINGE, HÖR MAL!“

Hoffmann Chicago

Alles an Hoffmann Chicago war schief und verbaut. Er hatte krumme Beine, einen fiesen Buckel und keinen Hals. Es sah aus, als steckte der Schädel unmittelbar auf den Schultern, wie eine Papierlaterne, die im Begriff war Feuer zu fangen. Bluthochdruck, sagte der Doktor. Dicken Kopp, sagten die Leute.

Die Kinder im Ort fürchteten Hoffmann wegen der schiefen Nase und den vielen Narben, die das Leben in sein Gesicht gezogen hatte, und wegen der krummen Knochen, auf denen er durch den Ort dackelte. Andererseits hatte er stets eine Kleinigkeit für sie in der Tasche: ein Kaugummi, etwas Lakritze, bunte Drops.

Hoffmann Chicago war ein Einzelgänger, und Einzelgänger stellen immer auch eine Instanz dar. Wie die Menschen mit einem umgehen, der anders ist, das sagt viel über die Menschen aus, die einen kleinen Ort bewohnen. Und einen großen.

Irgendwann begann es, dass die Nachbarn ihm he, Chicago hinterher riefen, weil seine verschlagene Visage zunehmend an die grobkörnigen Gangsterfotos aus der Metropole am Lake Michigan erinnerte. Als hätte sich Al Capone ins Sauerland verirrt, den einheimischen Slang angenommen und wäre geblieben, aus Bequemlichkeit. Oder vielleicht auch weil die Geschäfte gut liefen. Aber nein, hier endete die Ähnlichkeit.

Bis zur Rente war Hoffmann in der örtlichen Leiterfabrik beschäftigt. Wenn um fünf Uhr Feierabend war, wechselte er einen Steinwurf weiter in die Bierhalle, eine für ihren maroden Zustand berüchtigte Lokalität, die nur von vier umstehenden stattlichen Pappeln aufrecht gehalten wurde.

Über dem WC der Bierhalle, einer drei Meter langen Blechrinne, war eine winzige Fensterscheibe, an der sich im Winter Eiskristalle bildeten, die Pissnelken. „Alle mal rüberkommen!“ schallte es nicht selten vom Klo, wenn ein Stammgast ein seltenes Exemplar gesichtet hatte. „Sieht aus wie ein hohes Tier bei der Berufsfeuerwehr! Aber kein ganz hohes!“

Eine Damenklo gab es in der Bierhalle nicht, wozu auch, Damen wurden nicht geduldet. Bis auf die weizenblonde Ursel, die Bedienung, die stets am Wochenende kam und einen niedlichen, kleinen Zitronenbusen hatte. Weshalb sie von den Stammgästen auch liebevoll Zitrönchen gerufen wurde.

„Zitröönchen, noch ein Halbes!“

Die Bierhalle Winterberg war für ihre skurrilen Spielapparate bekannt. Besonders beliebt war die Grosse Willi, ein Williams-Kegelautomat aus den frühen 50ern, bei dem man neun weisse Kegel abräumen musste. Die fünf Meter lange Stretch-Ausführung gab es ausserhalb der USA nur im Vergnügungspark Tivoli in Kopenhagen und eben in der Bierhalle zu Winterberg. Da Hoffmann trotz knorpeliger Finger bemerkenswerte feinmechanische Fertigkeiten besaß, war er der Einzige, der den Kegelautomaten wieder flott kriegte, wenn sich die Fäden, an denen die Kegel hingen, wieder heillos ineinander verhaspelt hatten, neun Weibern gleich, die in wilden hysterischen Wellen aufeinander einquasselten. Das musste man erst mal wieder enthaspeln, und das brachte in ganz Winterberg nur Chicago Hoffmann.

„Hoffmann, machst du die Grosse Willi wieder flott?!“ rief Zitrönchen oft am Wochenende, wenn der Laden brummte.

Die Bierhalle besaß eine legendäre Musikbox, eine Wurlitzer. Bei ihrer Anschaffung zu Beginn der 60er Jahre war sie mit den damals angesagten Hits bestückt worden, und dabei blieb es. Nicht eine Single wurde je ausgetauscht, und so liefen die alten Schinken bis sich der Staub auch in die letzte Rille der am seltensten gespielten Nummer gesetzt hatte und die Nadel nur noch übers Vinyl rutschte wie beim Eisstockschiessen.

Dreissig Jahre lang war die Box eine sichere Bank gewesen. Hatte Chicago 1964 Taste C3 gedrückt, erklang Sascha Distel, „Der Platz neben mir bleibt leer“, sein Lieblingslied, und hatte Chicago 1989 Taste C3 gedrückt, erklang immer noch „Der Platz neben mir bleibt leer“, wenn auch in der vollwattierten, superschnell ihrem Ende entgegenflitzenden Version.

„Wonderful“, schwärmte Hoffmann Chicago dennoch gern, er hatte sich mit den Jahren einen eher internationalen Lebensstil angeeignet und orderte mitunter ein Gläschen Gin Tonic.

Hoffmann Chicago hatte wenig Interesse an Damenbekanntschaften, er verbrachte die Abende lieber am Tresen mit befreundeten Saufnasen und verplauderte sein Leben. Erzählte gern die Schote, wie er gleich nach dem zweiten Weltkrieg, als die Engländer Besatzungsmacht waren, eine Wette gegen einen Tommy gewann, wie britische Soldaten genannt wurden.

„Zwei gebrochene Beine hab ich mir eingehandelt, aber das wars wert!“ strahlte Hoffmann Chicago noch bei der einundfünfzigsten Schilderung der heroischen Tat.

In einer bitterkalten Winternacht 1949, nach dem zwanzigsten Bier und zehnten Korn, hatte er gewettet, von der weltbekannten Winterberger Skisprungschanze zu springen. Wetteinsatz: ein Kasten Export. Der Tommy nannte ihn erst einen Crazy Fool, dann einen Bastard und zuletzt einen Focking Bloody Bastard.

„I am Hoffman Chicago!“ setzte Hoffmann dagegen und kletterte über den Zaun der Leiterfabrik, um sich heimlich die guten Skier seines Chefs auszuborgen. Er wusste haargenau, wo sie standen.

Weit nach Mitternacht war es und stockdunkel, als sie die Schanze erreichten. Schnell wurde sie provisorisch beleuchtet von aufgestellten Taschenlampen. Als Hoffmann Chicago Minuten später im funzligen Lichtschein die Spur runtersauste, verpasste er am Schanzentisch den richtigen Absprung, trudelte zwanzig, dreissig Meter durch die Luft bis er wie ein Stein zu Boden fiel. (Ein Stein, den später niemand mehrso richtig geworfen haben wollte.)

Mit dem ersten Tageslicht wurde er von einem britischen Militärhubschrauber ins Hospital nach Soest ausgeflogen. Die Beinbrüche waren so kompliziert, man prognostizierte ihm ein Leben im Rollstuhl, doch dazu kam es nicht. Schon bald saß er wieder am Tresen der Bierhalle und stank schlimmer nach Alkohol aus dem dicken roten Kopf als je zuvor, weil einen Hals, den gab es ja nicht.

1989 ging Hoffmann Chicago in Rente, ein Jahr darauf schloss die Leiterfabrik, zwei Jahre später fiel die Bierhalle in sich zusammen, in einer stürmischen Herbstnacht. Zehn Tage darauf fand man Hoffmann Chicago tot auf der Parkbank. Zitrönchen weinte sehr.

Seinen schiefen Zinken erklärte Hoffmann Chicago gerne mit einem bösen Streich, den ihm seine Kumpel gespielt hatten, in der schlechten Zeit, als die Leute ihren Kaffee noch selber mahlten. Damals, so Hoffmann, hatte man ihm ein Präservativ in die Kaffeemühle gespannt.

„Ich sitz da und bin am Drehen und am Drehen und das wird immer schwerer, bis ich irgendwann denke, Mensch, Chicago, was ist da los? Was sind das für widerborstige Bohnen? Bis ich die Kurbel nicht mehr halten kann und loslassen muss, da haut es mir den Schwengel voll vor den Zinken!“

Das stimmte natürlich hinten nicht und vorne nicht, selbst in der Mitte musste man Bedenken haben und Abstriche machen, aber das war nicht wichtig, Hoffmann Chicago war mittlerweile Kult geworden, besonders für die Jugendlichen vor Ort. Wenn der Mob freitagabends das Wochenende einläutete, zog man zunächst in die Bierhalle, mal gucken, was Chicago Hoffmann so treibt.

Wenn man reinkam, hockte er links am Tresen, ein Glas Export und eine Zigarre in Arbeit. Von seinem Urgrossvater hatte er die Familientradition übernommen, eine 42er Fehlfarbe WIRKLICH zu Ende zu rauchen. Dazu stopfte er den übriggebliebenen Stumpen in einen Mundaufsatz aus Pappe, aus dem der Rest komplett weggeraucht werden konnte, bis nicht mal ein allerletzter Kringel Rauch übrigblieb.

Obwohl, der bleibt ja eigentlich sowieso nie übrig.

*

Das nächste Leben

Je länger ich als Nachtportier jobbte, desto schulterzuckender versah ich meinen Dienst. Zuletzt waren mehr als fünf Jahre um und ich begegnete meinem Schulterzucken nur noch mit Schulterzucken. Scheiße, hatte ich die Nase voll. Mein Chef rief mich ins Büro. Er nahm eine HB aus der Packung und zündete sie an.

„Herr Glumm, sagen Sie.. Was machen Sie eigentlich hier?“ Er verstand einfach nicht, dass ich so wenig aus meinen Möglichkeiten machte. „Ein Mann in Ihrem Alter, und dann Nachtportier..“, sagte sein Blick aus aufrichtigen sauerländischen Kuhaugen.

Ich zuckte mit den Schultern.

Meist verpulverte ich die Nächte vorm Kabelfernseher, der vom jahrelangen Nonstoppbetrieb knisterte wie ein Kaminfeuerchen. Vermutlich wartete ich auf eine Implosion, auf ein Lodern, ein schweres Ereignis von außen, oder von innen, egal, dann wäre die Sache endlich ausgestanden gewesen. Ich fühlte mich unfähig, an meinem Zustand etwas zu ändern. Ich saß einfach meine Zeit ab, wie ein Gefangener. Nur dass niemand ein Urteil gesprochen hätte. Ich war freiwillig im Bau. Aber ich hatte ja Zeit. Ich war immer noch jung. Eines Tages würde es soweit sein. Dass ich loslegen konnte. Doch womit? Einer Laufbahn als Fitnesstrainer?

„Hallo..!“ rief jemand von der Rezeption her.

„He?“ gab ich zurück, ich saß hinten im Büro.

„Ich bin’s!“

Hm?

„Zimmer vierzig!“

Ich nahm den Blick vom Bildschirm. Es war kurz nach drei.

„Schmattke“, fügte die Stimme hinzu.

Ach so, Schmattke. Einer der Messegäste. Er führte einen großen rentablen Öko-Hof in Niedersachsen, wo er aus Liebhaberei zwanzig verschiedene Kartoffelsorten anbaute, längst vergessene, beinahe ausgestorbene Sorten. Er quasselte ständig von Kartoffeln. Roten Kartoffeln, schwarzen Kartoffeln. Er war so penetrant begeistert von Kartoffeln, wenn er vor mir stand und quasselte, stellte ich ihn mir beim Masturbieren vor, und das Ejakulat war ein Haufen Püree.

„Ja, Herr Schmattke“, seufzte ich, „Moment noch, ich komme.“

Ich erhob mich aus dem Kunstledersessel und fuhr in die Slipper vom Chef. Die ollen Birkenstocksandalen. Natürlich hätte ich mir auch von zuhause ein Paar Schlappen mitbringen können, aber die Puschen vom Chef gingen in Ordnung. Ich hatte mich mit der Zeit an sie gewöhnt, und ich schätze, der Chef wusste davon. Jedenfalls hatte mich seine Frau einmal in den Slippers ihres Gatten überrascht, früh am Morgen, als ich noch nicht mit ihr gerechnet hatte.

„Ooh! Herr Glumm! Sie tragen ja HAARGENAU dieselben Gesundheitsschluffen wie mein Dieter!“

„Ja sicher“, murmelte ich zurück.

Zum Glück trug ihr Dieter keine Hüttenschuhe.

„Hal-looh!“ rief Schmattke. „Zim-mer vier-zig!!“

Den hatte ich glatt vergessen. Er stand immer noch an der Rezeption und wartete. Ich hörte Gekicher.

„Ich hab auch drei nette Damen dabei.“

Drei Damen? Wo hatte denn der Blödmann drei Damen aufgegabelt, mitten in der Nacht? Er strahlte, als ich nach vorne zur Rezeption kam.

„Guten Abend, junger Mann“, grüßten die Damen im Chor, höflich wie die Zirkuspferdchen.

„Nabend“, sagte ich überrascht.

Das Trio bestand aus Mittfünfzigerinnen, der blonden Dauerwelle auf ewig ausgeliefert. Sie sahen irgendwie alle gleich aus. Oder wo war der Unterschied? Der Anblick erinnerte mich an die letzte Seite der HörZu, wo ich als Junge Finde den Fehler gespielt hatte, und mich schwer tat.

„Die standen unten an der Tür“, erklärte Schmattke stolz, und sein Schnauzbart bewegte sich beim Reden rauf und runter und hin und her, wie ein zu kurz geratenes Lineal. „Da habe ich sie reingelassen. Ich mein, wir können die Damen doch da draußen nicht erfrieren lassen, oder?“

Na sicher, du Püreetrottel. Da draußen war Sommer, es war zwanzig Grad noch in der Nacht.

„Richtig“, sagte ich. „Gut gemacht, Zimmer 40.“

Immer einen Scherz auf den Lippen, wenn einen drei Damen anstarrten, das hatte ich gelernt. Mir fiel die betrunkene Kuh ein, die eines Nachts mit einem Kerl am Tresen aufgetaucht war und als sie mich sah, sofort von ihm abließ: „Ich will den Kellner!“

„Hätten Sie denn ein kleines Zimmerchen für uns?“ fragte eine der Damen leicht anzüglich. Wer nun gesprochen hatte, keine Ahnung. Irgendwie schien jede von ihnen abwechselnd ein Wort beigesteuert zu haben, und das Ergebnis stand vor mir, als ganzer Satz. Famos.

Drei Menschen sind famos. Die 3 ist ein mystische Zahl. Wo sie auftaucht, geschieht etwas, kommt Energie ins Spiel. Die 3 ist eine heilige, eine kräftige und eine gefährliche Zahl. Meine Energiezahl dagegen ist die 1. Ich bin am besten solo unterwegs. Aber ich muss irgendwo ankommen, wo jemand wartet, eine andere 1, sonst bin ich nicht gut. Vielleicht warten auch zwei Einser und wir geben eine 3 ab.

Genauer betrachtet, beim Schein des Neonlichts, wirkten die 3 Damen erschöpft. Es war ja mitten in der Nacht. Eine zog einen müffelnden Schweif hinter sich her, der an rosa WC-Steine erinnerte, als sie kurz den Frühstücksraum begutachtete und ganz begeistert war vom Ausblick aus dem elften Stockwerk.

„Ein großes Eckzimmer hätte ich noch“, fuhr ich mit dem Finger über den Belegungsplan. „Groß genug, um ein drittes Bett beizustellen. Wir haben ja eigentlich nur Doppel und Einzel..“

„Das wäre aber schön, junger Mann.“

Die Damen akklimatisierten sich allmählich. Plapperten wild durcheinander.  Man wusste nie, wer  dran war. Hatten die keinen Anführer? Männer in der Gruppe hatten stets einen Anführer. Da wusste man als Nachtportier, woran man war, wen man anzugucken hatte. Das war gut fürs Trinkgeld. Männer aus der zweiten Reihe gaben niemals Trinkgeld. Männer aus der zweiten Reihe waren geizig, hatten kein Selbstbewusstsein und warteten nur darauf, dass der Boss aus Versehen etwas Speichel fallen liess.

„Fein gemacht, Sackgesicht.“

„Eigentlich müssten wir drei Hübschen doch längst im Reisebus sitzen..“

„..ach Gottchen, hör auf, Erika, fast fünf Stunden haben wir unten auf den Bus gewartet..“

„Wie, fünf Stunden?“ warf ich ein.

„Ja, der Busfahrer sollte uns unten am Karstadt abholen, junger Mann.. aber da kam kein Bus..“

„Doch, Manu.. natürlich. Was erzählst du da dem jungen Mann? Da kamen sogar zwei Busse.“

„Ja, sicher. Aber beide Busse waren voll.“

„Aber die Fahrer sagten, da kommt noch einer.“

„Da kommt noch ein Bus.“

„Ein Extra-Bus, nur für uns, weil die anderen voll waren.“

„Da kam aber kein dritter Bus mehr, junger Mann. Können Sie uns glauben. Wir standen da wie die Ochsen.“

Die Frauen waren ganz niedergeschlagen.

„Woher kommen Sie eigentlich?“ warf Öko-Bauer Schmattke ein. Der war ja auch noch da. Am Rand, ganz hinten, kaum zu sehen. Dritte Reihe. Die dritte Reihe geht schon wieder. In der dritten Reihe sitzt der Ausschuss, der Mob. Freunde von mir.

„Aus Schwerte!“ antwortete das Trio wie aus einer großen geschminkten Kanone.

Schmattke schwieg betroffen.

„Und wohin wollen Sie.. reisen?“ übernahm ich die Führung.

„An die Blumen-Riviera!“ So etwas wie Stolz huschte über drei aufopferungsvoll geschminkte Kanonengesichter. „Nach.. Monaco!“

„Spätestens um ein Uhr würden wir abgeholt werden, haben die gesagt.“

„Von einem Extra-Bus, haben die Fahrer gesagt, Manu.“

„Jetzt ist halb vier durch.“

Ratlosigkeit legte sich über die Rezeption. Schmattke klimperte mit seinem Zimmerschlüssel und wünschte unvermittelt eine gute Nacht, er zog sich zurück. Jetzt hatte ich die Arschkarte. Um die Angelegenheit zu beschleunigen, senkte ich den Zimmerpreis für drei vom Veranstalter für Reisen an die Blumenriviera sitzengelassene Damen eigenmächtig auf 70 Mark. Das war mehr als fair. Das lag 100 Mark unter Tarif.

„Die Nacht hat ja nur noch ein paar Stündchen“, erklärte ich den Nachlass, doch eigentlich wartete ich nur darauf, wieder allein vorm Kamin sitzen zu können. Meine Ruhe zu haben. Ein Näschen Heroin zu ziehen und im Sessel wegzukacken, alle viere von mir gestreckt.

„Tja, was bleibt uns übrig, Herta.. was meinst du?“

„Und wir wollten an die Blumen-Riviera.“

„Müssen wir wohl in den sauren Apfel beißen..“

„..nach Monaco wollten wir.“

„Reichen Sie die Rechnung doch beim Reiseveranstalter ein“, schlug ich genervt vor. „Das muss der Ihnen ersetzen. Ist doch nicht Ihre Schuld, dass kein Bus mehr gekommen ist.“

Ganz kurz war das Trio ganz still, dann schnatterte es wieder durcheinander, bis Herta plötzlich ein Machtwort sprach.

„Kinder, ihr bringt den armen Mann ja ganz durcheinander!“

Ein Anführer. Endlich! Herta hieß die Anführerin. Ich starrte sie an. Ich war verliebt.

„Sagen Sie. Gibts hier eine Bar in der Nähe?“ fragte Herta.

„Eine Bar? Schwierig. Hier gibts mehr Kneipen als Bars.. und dann um die Uhrzeit..“ Ich überlegte. „Kommen Sie kurz mit?“ Die drei folgten mir in den Frühstücksraum, zu den großen Panoramafenstern. „Sehen Sie das Licht da unten, direkt gegenüber? Das blaue Licht?“

„Die blaue Leuchtreklame?“

„Ja, genau. Die Bar hat noch auf, glaub ich.“

„Wie.. heißt das? Was steht da?“

„Finale.“

„Finale? Das ist eine Bar? Das Finale?“

„Na ja.. so eine Art Bar..“

„So eine Art Bar?“

„Was ist denn so eine Art Bar, junger Mann?“

„Von den Kneipen ringsum ist das Finale am ehesten eine.. Bar“, sagte ich.

„Am ehesten.. eine Bar?“

„Was denn jetzt, ist das eine Kneipe oder eine Bar?“

„Gibts da auch Frauen? Oder sitzen da nur Besoffkis rum?“

„Junger Mann, sagen Sie, haben Sie vielleicht Bridge-Karten?“

„Was für eine Aussicht Sie haben.. Ist das dahinten Leverkusen? Das große Bayer-Kreuz? Vielleicht sollten wir einfach hier bleiben und der nette Nachtportier verwöhnt uns mit Longdrinks und Bridge-Karten..? Was meint ihr, Kinder?“

Als um sieben Uhr der Nachtdienst geschafft war, ging ich zum Doktor, den ich von früher aus der Schule kannte, und ließ mich krankschreiben. Als ich sechs Wochen später immer noch krankgeschrieben war, übernahm die Allgemeine Ortskrankenkasse die Lohnfortzahlung und der neue Pächter des Turmhotels kündigte mir per Einschreiben. Er zahlte eine kleine Abfindung und ich wartete aufs Geld vom Arbeitsamt. Die Sache war geritzt. Alle Regler auf Start. Das nächste Leben konnte beginnen.

Fitnesstrainer.

Das Geheimnis der großen Schuhe

1

Freitagabend. Das Mumms ist voll wie ein Karnickelschlauch. Man könnte Wühlgebühren kassieren, so wie die Leute sich schubsen, knutschen und gegenseitig das Bier wegfressen. Es ist ein Drama.

„Ach nee! Und was, bitteschön, soll daran ein Drama sein?“ höhnt Schwarte. Er trägt eine schwarze PVC-Brille mit dicken Gläsern und die froschgrüne Beat-Jacke mit den Silberknöpfen, die er auf einem Flohmarkt in Antwerpen gestohlen hat. Auf der Flucht vor dem Standbesitzer landete er in einer Frittenbude, wo er gegen einen Pistazienautomat knallte, der zu Bruch ging. Der ganze Boden war voll Splitter und kullernden Pistazien.

„Das war ein Drama, Alter! Kannst du da mithalten?“

„Ich steh seit ner halben Stunde im Mumms und bin immer noch nüchtern“, geb ich zurück, „an einem Freitag! Das ist das Drama.“

„Hou, das ist natürlich..!“ setzt Schwarte an, wirbelt dann ruckartig herum. „He, Gesichtshure! Was willst du von mir?!“

Ein rotwangiger Hippie, der im Gedränge etwas verloren hat und den von schwarzen Gumminoppen und Dutzenden von Schuhen übersäten Fußboden absucht, blickt entgeistert auf. „Meinst du.. mich?“

„Natürlich mein ich dich, Gesichtshure, wen denn sonst? Du schwulst mich doch schon den ganzen Abend an! Und jetzt nimm die Flossen von meinen Füßen!“

„Aber ich such doch nur mein ..“

„Ach, leck mich! MARINAA!!! Noch ein großes Gelbes!“

„Nichts da, Schwarte, du kriegst nichts mehr. Du hast genug. Du bist voll wie ein Pisseimer.“ 

„Wie.. ich krieg nix mehr..?“

„Na, wie ich das gesagt hab, Schwarte! DU, BIER? NEIN! HEUTE NIX MEHR, SCHWARTE VOLL GENUG! Und lass gefälligst die Leute in Frieden!“

„Voll genug, voll genug, was will die denn..“ Schwarte glubscht vom Tresen weg auf den langen Elias zu, der nahe dem Ausgang an der Marmorsäule lehnt. „Eli, du musst mich aus der Scheisse rausholen.. Marina verkauft mir nix mehr zu saufen.“

Der lange Elias, der Maschinenbau studiert und in den Semesterferien gerne als Kranführer jobbt, hievt in aller Seelenruhe zwei Glas Hellbier vom Tablett des Kellners, der sich gerade in einem Jutesäckchen verheddert.

„HE, WAS IS DAS DA UNTEN.. ?“

„Och, da isses ja! Mein Jutetäschchen!“ springt die Gesichtshure rosig hinzu, und auch der lange Eli und Schwarte feiern ihren gelungenen Hellbier-Coup und stoßen miteinander an.

„Die Marina ist ein ganz harter Hund“, lullt Schwarte. „Dabei bin ich überhaupt nich voll, keinen Hacken .. Ich hab nur niedrigen Blutdruck..“

Sie trinken ihre Beute auf ex, und Schwarte gerät ins Rutschen, mit dem Rücken langsam am Tresen hinunter, fast in Zeitlupe, bis er mit dem Hintern am Boden ankommt.

„Alter, ist das heiss.. als hätt ich nen Bunsenbrenner am Buckel.“ 

„VOLLSAUF!“ zetert Marina. „JETZT REICHTS, SCHWARTE! RAUS MIT DIR!!“

Während das Publikum amüsiert den Gang versperrt, packen Eli und ich den besoffenen Schwarte unterm Arm und schleppen ihn in unserer Mitte an die Luft. Mummstrassenluft, Benzin und Schnaps.

„Am besten, wir legen ihn ein Stündchen in deine Karre“, sag ich zum lange Eli. Er fährt eine blaue Ente aus den Siebzigern, topp in Schuss. Auf dem Weg zum Parkplatz kommen wir am China-Restaurant Lotus Garden vorbei.  Ein Kellner steht vor der Türe und raucht eine Kippe.

„Eh, du China-Kracher!“ grölt Schwarte. „Tu ma Feuer!“

Wir schieben Schwarte auf den Rücksitz von Eli’s Ente, decken ihn zu und kehren ins Mumms zurück.

2

Als Schwarte auf dem Rücksitz erwacht, ist es bereits hell, der Wind fegt durch die Ritzen. Er bibbert erbärmlich, er hat nur eins im Kopf: so schnell wie möglich heim. Die Bushaltestelle ist gleich gegenüber vom Mumms.

Kommt eine Frau daher. Viel zu große Schuhe. Ihre Haare flattern.

„Hast du mal ne Kippe?“ fragt Schwarte.

„Tabak.“

„Egal.“

Sie reicht ihm den Schwarzen Krauser.  „Wo kommst du her, um die Uhrzeit?“ fragt sie.

„Dahinten, aus der Ente.“

„Was für ne Ente?“

„Na, die blaue Ente, dahinten auffem Parkplatz.“

„Ach so, ein Auto.“ Ihre Schuhe sind so riesig groß, man kann sogar hinten reingucken. Da ist jede Menge Platz. „Und wieso wartest du auf den Bus, wenn du Auto fährst?“

„Nee, der Wagen gehört dem langen Eli. Ich hab nur drin gepennt. Ich fahr kein Auto.“ Schwarte friert so sehr, er kriegt kaum die Kippe gedreht. Der Tabak krümelt zu Boden. „Ich penn überhaupt viel. Ich hab niedrigen Blutdruck.“

Normalerweise ist die Anmache genau hier zu Ende, weil Frauen von Machosprüchen wie „Ich hab niedrigen Blutdruck“ und „Ich penn viel“ die Nase voll haben, nicht aber in diesem Fall. Nicht in dieser Geschichte. Da ist noch Platz.

„Und wenn du nicht pennst? Was tust du dann?“

„Wenn ich nicht penne? Dann.. hab ich irgendne Scheisse am dampfen, glaub mir das. Schulter ausgekugelt, Läuse am Sack, immer ist irgendwas, nie ist nix. Kennst du Phonebone? Da spiel ich Bass. Ne Boogieband. Phonebone.“

„Phonebone, he! Die kenn ich. Ich mach auch Musik. Aber erst seit zwei Wochen. Da vorn kommt mein Bus, die 81. Machs gut!“

„Ja, is gut“, bibbert Schwarte, „hier, dein Tabak. Machs gut.“

Gleich hinter der Linie 81 fährt die Linie 84 vor. Er löst bis Widdert, Endstation. Verdammt große Schuhe, die Tante, denkt er. Echte Schluffen. Aber sonst nicht übel. Kurzentschlossen steigt Schwarte aus und läuft rüber zur 81. Klopft an die Scheibe.

„Was is jetzt? Kommst du mit?“ ruft er, noch betrunken vom Vorabend. Da traut man sich schon mal Dinge, die man sich sonst nicht zutraut. Frauen in grossen Schuhen ansprechen, zum Beispiel. Frauen, deren Haar flattert. Sogar im Sitzen. Im Bus. Hinter der großen Scheibe. Hat die da drin einen Propeller am laufen? staunt Schwarte. 

Super Sache.

Endstation Widdert. Schwarte bewohnt zwei schräge Zimmer unterm Dach, der bordeauxrote Teppichboden ist fast wie neu. Und da ist die froschgrüne Beat-Jacke mit den Silberknöpfen, logisch. Der belgische Boogiefummel.

„Ich hab keine Lust auf fummeln“, meint die Frau, die selbst im Bett ihre Schuhe anbehält, aber das kriegt Schwarte schon nicht mehr gebacken. Er ist auf der Stelle weggedämmert.

3

Samstagmittag. Der lange Eli pocht an die Dachluke. „Aufstehen! Ich brauch meinen Autoschlüssel!“

Schwarte ist noch tief im Tran. „Äh..“

„Mach die Tür auf!!“

„Wa..?“

„VERDAMMT, HIER IST DER ELI! AUFMACHEN!“

Schwarte müht sich verkatert auf die Bettkante. Irgendwo in der Nähe brettert ein Achtzylinder über Kopfsteinpflaster.  „Alter, was war das denn gestern, hör mal? War gut?“

„Du hast in der Ecke gelegen und geweint“, erzählt Eli gutgelaunt, „wie immer.“

Schwarte fährt zusammen. „Im Mumms?? Nee! Sag das nich, im Mumms! Nich schon wieder im Mumms!“

„Nee, war Spass. Du bist umgekippt, wie immer. Sonst war nix.“

„Nich geweint?“

„Nich geweint.“

Schwarte greift nach dem Porzellanbecher, auf dem dick Betthupferl geschrieben steht und der randvoll gefüllt ist mit Traubenzucker.

„Du auch, Eli?“

„Lass mal. Sag mal, was sind das für Mauken unter deiner Decke?“

„Was für Mauken?“ Schwarte reibt sich die Augen, wobei etwas Mehl zu Boden sinkt. Weizenmehl, Typ K. Tatsächlich, ein Paar Frauenschuhe lugt unter der Bettdecke hervor. Große Schuhe, echte Quadratlatschen. „Scheisse, das ist die Ische, die heut morgen an der Haltestelle stand.“

„Bestimmt ne Orthopädie-Studentin“, vermutet Eli. „So. Was ist jetzt, Schwarte. Fährst du mit ins Mumms, ne Runde nachlegen?“

Mit der Linie 84 in die Stadtmitte.

4

Als King of Absturz wird Schwarte vom Stammpublikum aufs wärmste empfangen, inmitten von Rauchschwaden und einer illegalen Zockerrunde mittags um zwölf. Benzini ist auch schon da und zeigt die Wunden der vergangenen Nacht, Hacki hat sich heiser gevögelt, Golo Redemann quasselt sich warm. Es dauert keine zwei Stunden, und Schwarte steckt wieder mitten im von Marina ausgesprochenen absoluten Alkoholverbot. Auch der lange Elias schlägt derart zu, dass ihm das gefürchtete Stangenbier-Rheuma den Rücken hochkriecht und er in der Hocke gegen den Tresen strullert, was Schwarte so nicht akzeptieren kann: „Nich immer mir in die Halbschuhe!“

„Halt, der Spruch ist von mir“, beschwert sich Karlos, als er mit stoppschildroter Birne zur Eingangstür reinglotzt.

„IHR GOTTVERDAMMTEN PRIMATEN! EUCH GEHTS WOHL ZU GUT!“ faucht Marina und droht mit dem feuchten Aufnehmer, doch da sind die beiden Saufasseln Schwarte und Eli längst über alle Berge: gegenüber, an der Bushaltestelle.

„Zweimal Endstation, Meister!“

Der Fahrer guckt misstrauisch, sagt aber nichts. Was soll er auch sagen?

„Busfahrer haben Bus zu fahren!“ stänkert Eli, der Fall ist erledigt.

Unterm Dach in Widdert legt er sich gleich lang, und zwar weit nach hinten, ins ungemachte Bett. Rummss!

„HE!! Was soll das?!“ quietscht eine Frauenstimme, und ein großer Schuh tritt erbost die Decke zurück.

„Hups..“, murmelt Eli, „die ist ja auch noch hier“, und Schwarte versteht die Welt nicht mehr. „Ich hab niedrigen Blutdruck. Deswegen verpenne ich auch alles. Wahrscheinlich verpenne ich noch meinen Tod. Dann sitze ich hier auf meiner Bettkante und frag, wie spät isses, dabei schmore ich längst in der Hölle, mit nem Dreizack im Hintern und singe Hosianna…“

Die Frau gähnt ausgiebig.  „Sag mal, der Lange hier, ist das dein Kumpel?“ 

Schwarte nickt und schaut ungeniert zu, wie sie sich ankleidet.

„Ich muss jetzt nach Hause“, sagt sie. „Gleich ist Versammlung.“

„Versammlung?“ meint Schwarte. „Ich komm mit.“

Sie nehmen die Linie 84 zurück in die Stadt, wo sie umsteigen in die Linie 81 Richtung Merscheid. In Höhe der Stadtwerke pennt Schwarte ein. Die Frau packt ihn kurzerhand auf die Schulter und schleift ihn nach Hause.

Als Schwarte aufwacht, ist es mitten in der Nacht und stockfinster. Er hat keine Ahnung, wo er sich befindet. Da sind Stimmen. Sie kommen aus dem Nebenzimmer. Er steht auf. Er fröstelt. Er öffnet die Tür. Schwarte sieht zwei Frauen, die um ein Fußbänkchen herum sitzen. Darauf ein Stammtischwimpel.

„Ahh, da ist ja unsere Penntüte ..“, begrüßt ihn die Frau mit den Quadratlatschen. „Ausgeschlafen?“

„Geht so“, meint Schwarte und knibbelt an seiner Beat-Jacke. Ein Silberknopf fehlt. Verdammt. „Tja, ich fahr dann mal nach Hause.“

„Moment..“  Die beiden Frauen stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. „Sag mal, bei dir pennt doch der lange..?“

„.. Eli? Kann sein. Weiß nich, ob der noch da ist. Gestern Abend war er da.“

„Wir kommen mit.“

Mit dem Bus in die City, wo sie umsteigen und so weiter.

5

Unterm Dach in Widdert.

„Macht’s euch gemütlich, Kinder!“ ruft Schwarte ausgelassen. Er hat sich während der Busfahrt gefangen und mixt eine Lage Kölschbier mit Traubenzucker. Das ist so richtig nach seinem Geschmack, das bringt ihn auf Trab.

„Einmal war ich so blau, Alter, ich konnte keinen Apfel mehr von einer Kohlrabi unterscheiden: ICH KENNE SIE NICHT, JUNGE FRAU! HAHA, HA!“ Ein Riesenlacherfolg, vor allem bei Schwarte selbst. „So, Mädel! Dann lüfte mal deine Schuhe! Zeig uns dein Geheimnis..!“

„Schuhe? Welche Schuhe?“

„Welche Schu..? Na die, die du die..“, Schwarte gerät ins Stottern, „..ganze Zeit anhast, natürlich!“

„Willst du uns veräppeln? Wir sind vom Barfuß-Club. Wir laufen barfuss durchs Leben. Das hier sind keine Schuhe, das sind Füße!“

Die beiden Damen schrauben vier nackige Prachtexemplare in die Höhe. Schwarte, eben noch große Klappe, zeigt sich nun zutiefst verunsichert.

„Dann seid ihr.. Fuß-Nudisten?? Ja aber.. wieso sind eure Quanten so groß.. dass man hinten.. also, reingucken kann..?“

„Reingucken? Wovon sprichst du? Du solltest dir vielleicht mal ne Brille zulegen, Boogieboy.“

Ne Brille? Du Scheisse! Schwarte fährt sich erschrocken durchs Gesicht. „Meine Ray Ban!!“ Er fällt auf die Knie und krabbelt über den weinroten Teppichboden, auf der Suche nach dem guten Teil, aber das liegt unter Garantie im Mumms in der hintersten Ecke. Die Mädels schütten sich aus vor Lachen, wovon der lange Elias erwacht und sich krachend erhebt. „Was is hier los..?“

Schwarte weiß auch nicht. „Was soll schon los sein, Eli..? Nix is.“

Dabei stimmt das gar nicht. So gesehen.

*

Schuhfrau 4, Susanne Eggert

*

Bob Dylan immer noch nicht tot!

auf 500beine

Chef, das muss ich nicht mehr haben

Als ich aus der Tür trete, saust das hofeigene Eichhörnchen die Tanne rauf wie eine rote Zauberpantoffel, während unser Hund nur träge hinterher blickt. Dieses Katz-und Maus-Spielchen hat er schon zu oft verloren.

„Chef, das muss ich nicht mehr haben.“

*
Die Gräfin und ich und Frau Moll sind im Wald unterwegs, Richtung Treppenbach, und beobachten dieses Blatt, das keine Lust hat, zu Boden zu fallen.  Es steht in der Luft. „Ich bin ein physikalisches Wunder“, singt es und schwebt auf mich zu. Gelbes Herbstlaub, das am seidenen Spinnenfaden hängt. Es tänzelt in der Luft hin und her, einen Meter über dem Boden, an diesem nur im Gegenlicht sichtbaren Faden.

„Dass der Tod so schön sein kann, so leicht“, flüstert die Gräfin, „jedenfalls von aussen. Ich weiss ja nicht, wie es innen aussieht in so einem Herbstblatt, wenn es tot vom Baum trudelt. Wie es sich fühlt, wen  es dem Ende zugeht.“

Ein Windstoß reisst das Blatt jäh aus seiner Position, wie eine Sternschnuppe, eine Erdschnuppe saust es um uns herum, steigt an und kracht mir mitten auf die Stirn.

Die Gräfin, einige Meter entfernt, verpasst das Schauspiel, sie weint in der Zwischenzeit ein wenig, es sind kleine LSD-Tränen. Sie steht da wie das Sterntalermädchen.

*

Samstagmittag bei Mustafa. So winzig und bis unter die Decke mit orientalischem Nippes vollgestopft ist sein Kiosk, dass der bullige kleine Türke lieber auf dem Trottoir steht und auf Kundschaft wartet, die er schnäuzelnd zu Tür hereinbittet. Es ist ein bisschen wie in Paris oder St. Pauli, wo Passanten für eine Sex-Show animiert werden, nur dass Mustafa süß-saure Schnüre feilbietet, und Rauchwaren.

Während ich Rauchwaren kaufe, wartet die Gräfin draußen. Kommt ein schmächtiges Kerlchen daher. Mitte Fünfzig, verschossene Jeansjacke, Trinkernase.

„Mensch“, dreht er sich stöhnend um, „dahinten kommt meine Ex. Und das am Samstagmorgen.“

„Ach, du Scheisse“, pflichtet die Gräfin ihm bei.

„Obwohl, ist ja gar nicht meine Ex. Also nicht meine erste Ex. Das ist meine zweite Ex.“

„Na, dann gehts ja“, meint die Gräfin.

Er winkt ab. „Siehst du den Kerl da neben ihr, den Schrank?“

„Ist ja nicht zu übersehen, der Knabe.“

„Genau. Der wollte mich letztens vermöbeln, glaubste nich?“

„Wenn du das sagst.“

Er zeigt beiläufig nach unten, auf seine Füße. „Komm ich mittags nichtsahnend aus der Kneipe, unten aus dem Jägerstübchen, steht er da an der Ecke. Ich denk noch, Mensch, was macht der Schrank denn hier an der Ecke, was steht der denn hier rum, und schon läuft er hinter mir her. Verfolgt mich richtig, glaubst du nich? Ja, hör mal, wie soll ich mich denn gegen so ein Monster wehren? Ich Männeken? Ich hab doch die Beine kaputt.“

Im Kiosk verabschiede ich mich von Mustafa und trete mit frischem Tabak an die Sonne.

„.. einfach so, ich mein, wir hatten ja keinen Streit, wir sind uns rein zufällig übern Weg gelaufen, ich wusste gar nicht, warum der mir eine reinhauen wollte, und wer biegt da plötzlich um die Ecke..?“

Pause.

„Der Mike!“

Pause.

„Sag bloß, ihr kennt den Mike nich?“

Die Gräfin blinzelt mich an.

„Den kleinen Streifenpolizisten?“ frag ich.

„Ja, genau! Der Mike! Der immer Streife läuft!“

„Kenn ich“, sag ich, „vom Sehen. Und?“

„Na, der Schrank will mir eine verpassen, die Faust steht praktisch schon in der Luft, wie’n Fallbeil fertig zum Runtersausen, da guckt der Mike um die Ecke..“

Ja, das hatten wir schon. Hier guckt ja dauernd einer um die Ecke.

„..und ruft: Mensch, Roland! Was machst du denn hier?“

„Och!“ geht die Gräfin mit. „Und dann?“

„Und dann.. ? Na ja, wo meine Ex den Mike gesehen hat, hat sie den Schrank schnell weitergezogen, sie wollte keinen Ärger, logisch, und weg waren die Beiden. Oder nich.“

„Also die zweite Ex“, meint die Gräfin.

„Wie?“

„Das war doch die zweite Ex. Die hat ihn weggezogen. Nicht die erste Ex. Die war nicht da.“

„Klar. Die zweite. Hört mal, ich trink seit fünfzehn Jahren nur noch Bier, keine Kurzen mehr. Damit komm ich prima klar.“

„Mama, seit wann gibt es das Büdchen denn wieder?“ fragt ein vorbeikommendes Mädchen seine Mutter, während Mustafa den bulligen Kopf aus dem Kiosk steckt, wie ein zu groß geratener Specht.

Roland, der Trinker, klopft ihm freundlich auf die Schulter.

„Morgen, Meister! Eine Hürriyet!“

Eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung

Ich ahnte schon früh, dass die meisten Mädchen einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat und zweimal im Jahr zwei Wochen Urlaub springen lässt. Ich hätte es also wissen müssen.

„Ich will in die Normandie! Oder in die Picardie! Am besten erst in die Norman, dann in die Picardie! Kann das denn so schwer sein? Stattdessen renn ich schon wieder durch den Wald hinter unserem Haus! Den hab ich schon tausend Mal gesehen, diesen beschissenen Wald! Da, die scheiss Buchsbaumhecke kenn ich auch! Die heisst vermutlich Magdalena!“

Die Gräfin ist geladen. Wir wollten ein paar Tage in den Süden fahren, nach Holland, nach Süd-Holland, müssen das aber verschieben. Es geht nicht. Nichts zu machen. „Fahren wir eben im Oktober“, sag ich. „Sind doch nur noch vier Wochen.“

„Ach, du! Auf dich muss man immer nur warten! Mein ganzes Leben warte ich schon auf dich! Du könntest langsam mal kommen.“

Sie geht so zornig weiter, dass der Kies wegspritzt unter ihren Sandalen. Ist ja ein toller Samstagvormittag. Wir biegen ein in die Schrebergartensiedlung, der Hund trottet zwanzig Meter hinter uns her, wie immer, wenn wir streiten.  Seemannshohe Sonnenblumen verneigen sich wie Richtmikrofone, Vorsicht! Live-Aufzeichnung! Steinchen zersplittern unter ihren Schritten, Vögel verirren sich in der Luft.

Am Boden spielen Schrebergartenkinder zum 10. Jahrestag der Angriffe auf die USA lauthals Dschihad. „In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben..“

Wird Zeit, dass wir weiterkommen.

Krähenversammlung und Waschtag am Himmel, der Feuerahorn wirft erste Blätter ab, wie Blutplättchen sammeln sie sich rund um den Baum.

„Dass das ganze Leben super ist, dass immerzu alles passieren kann und nichts unmöglich ist, diese Einstellung hat mich mein Leben lang getragen. Jetzt bin Ende vierzig und alles kracht zusammen“, schimpft sie. „Ich bin gelandet. Nicht mal ne Woche Holland kriege ich noch hin.“ Sie fixiert mich. „Kriegen wir noch hin.“

„Süd-Holland“, sag ich.

Unser Spielzeugkalifornien mit Pommes Frites.

Immer schön bei der Wahrheit bleiben.

*

Richtung Bärenloch begegnet uns eine intakte Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Großmutter, Hund, es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Oma legt liebevoll die Arme um die Enkelin, die das offenkundig geniesst. Mutter und Vater unterhalten sich mit uns, der Gräfin ist der pummelige Gang des Labradors aufgefallen.

„Das ist doch die Mona, die ist doch früher immer stiften gegangen, wenn sie die Hitze hatte.“

„Genau“, freuen sich Vater und Mutter. Aber Mona ist alt geworden, sie hat Arthrose und schnauft und ist froh, wenn sie es ab und zu den Hügel raufschafft.

Als wir im Bärenloch sind, einer weitläufigen Parkanlage mit Hundeauslaufplatz, den wir noch nie benutzt haben, weil es nichts langweiligeres gibt als Hundeauslaufplätze, wo die Hunde rumstehen und sich fragen, was sie hier machen sollen, hat sich die Lage beruhigt. Frau Moll springt vor Freude in den großen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das Stichlinge fischt.

Ich geh auch mal dahin.

„Ich hab schon sechzig Stück!“ ruft das Mädchen, keine zehn Jahre alt.
„Kaulquappen?“ sag ich.
„Nee, Stichlinge..!“
Ich guck in den Eimer.
„Das sind doch keine Stichlinge, hör mal. Das sind Schürzen. Glitschige, kleine Küchenschürzen.“
Mir hört niemand zu. Ich hab schon mal besser gescherzt. Mist.

„Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?“ tanzt das Mädchen am Ufer entlang. Die Gräfin steht bis zu den Knöcheln im Teich, die Sandalen hat sie ausgezogen.
„Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge.“

Das Mädchen folgt der Gräfin ins Wasser.
„Vielleicht nuckeln die mir auch am Zeh.“
„Kannst du schwimmen?“
„Klar, aber nicht hier drin.“  Es rollt die Ärmel hoch. „Hier, fühl mal meine Mukkis.“

Die Beiden haben sich innerhalb fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, und Frau Moll paddelt eifrig hinterher, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wenn Frau Moll aus dem Wasser kommt, riecht ihr Fell wie ihre alte Blockflöte, meint die Gräfin später. „Wenn ich sie zu sehr eingespeichelt hatte, roch sie wie nasser Hund.“

Als wir am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir zunächst ein Passagierflugzeug, das wie ein silbriger Walfisch den Himmel durchpflügt, dann eine weitere Krähenversammlung und zuletzt diesen Mann, der seiner Geliebten mal zeigen will, wie hoch er seine Brieftasche werfen kann.

„Mit 500 Euro drin!“

Die Börse verschwindet gleich beim ersten Versuch im dichten Geäst des Kastanienbaums. Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wiederzukriegen. Hochklettern geht nicht, da der Stamm unten keine Äste hat, die man nutzen könnte, also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in Richtung Baumkrone, in der Hoffnung, die Börse zu treffen, damit sie sich lösen kann und herunterfällt, aber er stellt sich dabei so untalentiert an, dass selbst uns als geübte Beobachter anderer Leuts Leben langweilig wird. Auch seine Geliebte stöhnt irgendwann nur noch „Blödmann“, und so endet der Tag, wie er begonnen hat.

So ungefähr.

*

Manch ein Pop-Song gallopiert auf der Stelle, wie ein elektrisches Schaukelpferd, vor und zurück, vor und zurück, ohne Entwicklung, und erst nach drei schlimmen Minuten, wenn man den Strick schon in der Hand hat, (und das Schiesseisen in der Hinterhand), ist endlich Schluss mit der Monotonie. Genau so eine Heimsuchung ist „Love Is In The Air“, ein beschissener Schunkel-Oldie aus den 70ern. Ich mein, es gibt Nummern aus den 70ern (und sogar aus den unseligen 80ern: DIE WAREN SO VERFLUCHT VOLLKOMMEN SCHEISSE, DIE 80ER JAHRE, UND ICH WAR SO GUT DRAUF), die es zweifelsohne verdient hätten, häufiger gespielt zu werden, aber sie haben es nicht geschafft. Als hätte es sie nie gegeben, lagern sie nun an einem weit entlegenen Ort in einem Geheimtresor, versehen mit dem Aufkleber „ACHTUNG! SONGPERLEN! NICHT SENDEN!“

„Love Is In The Air“ dagegen wird pausenlos verhackdudelt. Im Radio, im Heimwerkermarkt, im Hintergrund einer TV-Vorabendserie, wenn dem hörigen Hauptdarsteller Timm in Folge 343 in der prallen Sonne von Wiesbaden der Hoden abfault. Das wäre es. So könnte man das Lied vielleicht aus der Welt kriegen. „Love Is In The Air“ in Verbindung mit einem fauligen Hodenei in hochauflösender Nahaufnahme: So verschwand die Nummer auf ewig in der Versenkung.

„ACHTUNG! LOVE IS IN THE AIR! NICHT SENDEN!“

(PS: Regie-Assistenz gesucht)

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Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt! Ich lese es auf der Rückfahrt, als ich desinteressiert aus dem Fenster schaue, (nur ranghohe Hunde können sich desinteressiertes Verhalten erlauben), und wer glotzt mich da von einem Plakat an, aus den Tiefen meiner Kindheit?

Räuber Hotzenplotz  ist in der Stadt!

Es ist das gleiche Bild wie auf dem Buchumschlag 1970, wo der alte Schelm verschlagen über einen Lattenzaun blickt, auf der Flucht vor Wachtmeister Dimpfelmoser. Ganze Stellwände von Baustellen sind mit diesem Plakat gepflastert. Räuber Hotzenplotz, Puppentheater-Vorstellung, tgl. 15, 17, 19 Uhr.

Ich nehm alle drei!

Mir wird ganz heiß im Unterbauch, da, wo die Seele sitzt, weil ich ab jetzt jederzeit damit rechnen muß, dass Hotzenplotz barfuß und vollbärtig und schlapphütig hinterm Busch hervorspringt, um mit vorgehaltener Knallbüchse die Herausgabe der Kaffeemühle von Seppels Großmutter zu verlangen!

PIFF! PAFF!

Ich bin ganz aufgeregt!

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(Ich hab eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung.)

Romeo gegen Julia

Astrid war dünn und hatte stramme Möpse. Ich lernte sie im WM-Sommer 1986 kennen, an einem schwülen Abend im Keller, einer Szenekneipe mit angeschlossenem Programmkino.

Der Keller lag in den Katakomben der stillgelegten Beckmann-Brauerei auf der Schützenstrasse. Stieg man die lange Treppe hinunter, schlug einem der feuchte Hefegeruch vom jahrzehntelangen Einlagern der Bierfässer entgegen. Die Fässer waren mittlerweile fest im Boden verschraubt und dienten als Stehtische, es brannten Kerzen, die nicht mehr als ein funzliges Licht schafften, die Decke war niedrig und die Musik von früher. Loco, stadtbekannter Rock’n Roller und Pächter des Ladens, war beseelt von der Beat- und Surfmusik der frühen 60er Jahre.

Und er war vernarrt in BILD-Schlagzeilen, in denen Harald Juhncke vorkam. Die Wände waren zugeklebt mit Seite 1-Aufmachern und Zeitungsausschnitten. JUHNCKE IN WIEN: WIEDER VOLL! JUHNCKE BESOFFEN VON BÜHNE GEKIPPT! „Ich hatte nur eine Piccolo vorher!“

Das Kino war klein und gemütlich. Als Publikum saß man auf ausrangierten Sofas und Ohrensesseln voller Brandlöcher, es durfte geraucht werden während der Vorstellung. Als Aschenbecher standen leere Erdnussdosen herum, bevorzugt Ültje.

Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt auf Morphinbase war, wohnte ein paar Häuser weiter Paolo, ein hagerer Italo-Dealer, der seine Kundschaft gerne aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi!  Wenn ich von ihm kam, aus seinem Badezimmer, vergrub ich mich nicht selten mutterseelenallein im unterirdischen Kellerkino und schaute mir japanische Kunst- und Sexfilme an, bis ich glückselig wegdämmerte.

Im heißen Fußball-Sommer 1986 aber war in Mexiko WM und die Zentren meiner Sucht wurden noch von Bier, Marihuana & Maradona regiert. Ich fand diesen Job im Turmhotel als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten.

Wenn der Reisebus mit den Amis ankam, meist am späten Nachmittag, verteilte ich das Gepäck auf die einzelnen Zimmer, und am nächsten Morgen, bei Abreise, holte ich es wieder ab und brachte es zum Bus. Dafür kassierte ich vom Reiseleiter pro Gepäckstück einen Dollar, später einen Dollar fünfzig. Bei im Schnitt fünfzig Touristen machte das 75 Dollar, und da sich die Amis beim Trinkgeld freigiebig zeigten, (vermutlich gingen sie davon aus, dass ich als Gepäckboy, wie in den USA üblich, von ihrem tip lebte), waren 100 Dollar am Tag keine Seltenheit.

Ich wurde Stammgast am Devisenschalter der Stadtsparkasse, wo ich jeden Morgen bündelweise die grüne Marie in D-Mark umtauschte.

In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war jeden Tag früh auf den Beinen, ich hatte genug Bargeld auf der Tasche, ich war braungebrannt. Wenn die Sonne morgens um neun auf die Dächer knallte, hatte ich meinen Job schon getan. Ich trug fingerdick Nussöl auf und legte mich hinters Haus in den Garten, um die gewaltlose Koexistenz mit Bremsen, Bienen und Hornissen zu üben. Im übrigen ging es mir besser, was Liebeskummer anging. Ich hatte mich dem Gedanken arrangiert, von nun an ohne Lena zu leben. Und siehe: Es war gar nicht mal so übel.

Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus bequem den Hörer abnehmen konnte. Es war das weltweit erste Mobiltelefon. Lena war dran. Die große, verflossene. Wir waren seit einem halben Jahr auseinander, nach einigem Hin und Her.

„Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?“ fragte sie.

Ich war überrascht.

„Klar“, antwortete ich. „Warum nicht. Blöde Kuh.“

Nach dem Gespräch legte ich mich wieder auf die Decke im Garten und wartete, dass es Abend wurde. Beobachtete meine Nachbarin, die alte Frau Kohl, die nur wenige Meter entfernt im Campingstühlchen saß und der beim Stricken der Wollknäuel aus der Hand fiel. Und als er den kleinen Hang hinunter rollte, na, da ließ ich ihn eben rollen! Leben 1986, das war Verzetteln in Gesellschaft und Sortieren im Alleinsein, damals wie heute, aber Alleinsein musste auch Alleinsein bleiben, sonst kriegte ich mich nicht sortiert. Was ich damit meine? Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen. 1986. Motive sind längst verschollen, Gedanken über alle Berge.

Lena kam um acht. Mexiko spielte gegen Paraguay. Sie kam rein und schaltete rotzfrech um. Im Zweiten lief Romeo gegen Julia.

„Romeo UND Julia!“

Per Fernbedienung knispste ich wieder nach Mexiko, wo Diego Maradona gerade seinen Auftritt hatte. Nach einem spektakulären Sololauf übers halbe Feld blieb er stehen, bückte sich und applaudierte den eigenen Füssen. „Amorcito corazon!“ schwärmte ich, „Blutsbruder!“

Maradona war mein Held. Unverdorben, nicht korrupt, adelig.

„Du mit deinem dämlichen Fußball“, meinte Lena.

Wir endeten bei Shakespeare. Als sie eher nebenbei verkündete, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet war, wurde ich wütend.

„Wenn du nur zum Fernsehen hergekommen bist, kannst du auch gleich wieder abhauen!“

Sie ging nicht weiter darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände, legte den Kopf in meinen Schoß. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel und guckten Romeo gegen Julia. Ganz brav alles.

„Romeo UND Julia!“

Ich schaute sie von der Seite an. Es war sowieso besser, wenn sie nicht über Nacht blieb. Ich liebte die Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs mit jedem Tag, den ich alleine war und mich besser sortiert bekam. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber plötzlich war es da. So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib.. Nun nervten mich ihre flüchtigen Küsschen. Die konnte sie sich an den Hut stecken.

Es schellte. Harry und sein Kumpel Meckenstock flogen ein, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.

„Stören wir?“ grinste Harry.

Lena mochte ihn nicht besonders, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der labert nur Scheiße, dein Harry, hatte Lena mal gesagt, als Harry am Tresen die Vorzüge polnischer Frauen pries. Die sind super durchblutet, die Polackinnen, nicht so wie die deutschen Weiber mit ihren Spatzenköpfchen und dicken Hausfrauenbeinen, worauf ihm Lena einen Vogel zeigte.

Kauf dir doch gleich ne Plastikpuppe, die machen dann auch nicht so’n Lärm , wenn du in sie reinspritzt.

„Nee ihr stört nicht, ist schon in Ordnung“, grinste ich, „Lena haut sowieso gleich ab“, und fühlte mich ganz wohl dabei.

Harry war betrunken und wollte unbedingt Straße der Sehnsucht hören, den sentimentalen Evergreen von Peter Kraus. Ich besaß die 45er-Original-Single, die ich in diesem Sommer so oft gespielt hatte, dass die Leute nun von sich aus die zerkratzte Edelschnulze forderten, während ich sie nicht mehr hören konnte. Der Fluch des selbst angeschobenen Kults. Ich hatte partout keine Lust, die Single aufzulegen, aber Harry und Meckenstock ließen nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach.

Lena verabschiedete sich.

„Nicht schon wieder die blöde Schnulze. Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?“ flüsterte sie. „Dazu hätte ich Lust. Und auch zu anderen Sachen..“

„Meinetwegen“, sagte ich.

„Na ja, lass uns noch mal telefonieren“, sagte sie. „Ich ruf dich an.“

Was war das denn jetzt?! Na, scheiß drauf. Mit den Jungs machte ich das Bier leer, dann riefen wir ein Taxi. Auf der Fahrt ins Mumms, unserer Zentrale in der Innenstadt, gaben wir drei eine a-capella-Version von Straße der Sehnsucht zum besten. Ich zog vor, die Jungs zogen nach. Zum Schluss fiel sogar der Taxifahrer in den Refrain ein.

Einmal heiß geliebt zu werden, einmal nicht beiseite stehen, ja, das.. wär schön.. Straße der Sehnsucht, einsam und still, dir muss ich folgen bis an mein Ziel..

Das Mumms war tot an diesem Abend, die Leute hockten alle daheim und guckten Fußball. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Meckenstock hatte keine Lust, er blieb im Mumms. Meckenstock war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er nie einen Job hatte, kleidete er sich stets wie ein Geschäftsmann, der Popcorn-Maschinen verlieh oder bunte Party-Zelte, und er hatte immer Kohle auf der Tasche. Vom vielen Saufen war seine Bauchspeicheldrüse hinüber. Weil nun jedes Schnäpschen ein Schnäpschen zuviel sein konnte, bevorzugte er Sekt, dem er zuvor durch ständiges Rühren mit dem Eislöffel den Sprudel entzog. Harry und ich riefen ein Taxi. Es war derselbe Fahrer wie zuvor.

„Zur Straße der Sehnsucht, Jungs?“

„Immer, Meister. Immer.“

Und dann saß sie da im Keller, an diesem zerschrammten und schwach beleuchteten Ecktisch. Astrid. Mit ihrer hochgesteckten dunklen Doo-Wop-Frisur, mächtigen Möpsen und einem scheuen Lächeln. Ich setzte mich zu ihr und baggerte drauflos, ich gab richtig den Silberrücken und trommelte mir auf die Brust, und als hätte El Loco es gerochen, legte der Boss an diesem Abend nur funzlige kleine Balladen auf. This ole Devil called Love, Something (in the way she moves) und selten gespieltes Material wie Underneath the neon sign von den Kinks, das mich zusätzlich anspornte und zur entscheidenden zweiten Luft verhalf. Wir gingen raus vor die Tür, fummeln und knutschen, als wären wir 16 gewesen.

Endspielsonntag. Maradona und Argentinien waren Weltmeister geworden. Nach dem Finale gegen Deutschland strömten Tausende in die Innenstadt, mit riesigen Fahnen, alle stockbesoffen. Vorm Mumms riss ich irgendwem die Trompete aus dem Gesicht und zog abwechselnd „AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA“ brüllend und in die Trompete pöbelnd los, nicht etwa weil ich den Gauchos den Titel so sehr gönnte, sondern weil mich diese kalte, sabbernde Aggressivität nervte, mit der die Leute durch die Stadt stiefelten und gegen die Niederlage anstanken. So stiefelte ich „AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA!“ trompetend und rempelnd gegen die besoffene Menge an, selbst natürlich nicht weniger besoffen. Allein die Blicke, die ich dafür kassierte, hätten für einen strammen Verrätertod gereicht. Dabei war ich nur ein alberner Störenfried, ein einziger Lump unter tausend Aufrechten, doch nicht mal dieser eine wurde toleriert, selbst der wurde bitterernst genommen und fast am nächsten Baum aufgeknüpft.

Weltmeister werden, Vize-Weltmeister -Junge, was ein Scheißdreck. Mir gefielen andere Sachen. Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 10:0 untergehen – das ging in Ordnung. Oder 3:4 verlieren nach Verlängerung und dramatischem Spiel, das hatte Größe. Verlieren zu können nach großem Kampf.

Um zwei Uhr in der Nacht stand ich vorm Cafe Tijuana in Gräfrath, das einen Schlag Süden in die Stadt brachte, und hielt den Daumen raus. Tatsächlich hielt der erstbeste Wagen an und nahm mich mit, bis in die Innenstadt. Auf der Schützenstrasse ruderte ich die letzten Meter an den Hauswänden entlang und ruinierte meine Jeansjacke. Ich hatte nur eins im Kopf: Gucken, ob Astrid vielleicht im Keller war. Ich hatte versprochen sie anzurufen, woraus natürlich nichts geworden war. Im Keller stiefelte ich schnurstracks auf sie zu. Der Laden war rappelvoll an diesem Abend, und wieder saß sie in der dunklen Ecke. Ihrem zerschrammten Hafen.

„Hör zu“, sagte ich. „Ich hab nicht angerufen, tut mir leid, aber hier bin ich. Nur wegen dir.“ (Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen.) Von da an waren wir zwei Tage zusammen. Sie wohnte in Wermelskirchen, einem Kaff im Oberbergischen, gut dreißig Kilometer entfernt. Sie hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und war ohne Umweg ins mittlere Management einer Firma eingestiegen, die chirurgische Instrumente anfertigte.

„Bring mir doch mal was mit“, forderte ich sie auf.

„Mitbringen? Was denn mitbringen?“

„Na, irgendwas aus eurem Sortiment. Einen schönen Hobel, oder hier, so Klammern, die man braucht, wenn jemand am offenen Bauch operiert wird.“

Ich nervte sie solange, bis sie mir endlich ein Reflexhämmerchen mitbrachte. Aber da hatten wir schon längst nichts mehr miteinander.

Montag früh um halb acht fuhr sie mich zum Turmhotel, wo ich meinen Job zu erledigen hatte. Sie wartete ein halbes Stündchen im Wagen, bis ich fertig war mit dem Gepäck aus Kansas und Chicago. Weil der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnete, hatten wir noch Zeit und bumsten im Auto. Es war so schwül, mir rann der Schweiß in die Augen, ich sah alles wie durch einen flirrenden Vorhang. Sie hatte Möpse wie im Kino. Danach fuhren wir zurück nach Wermelskirchen und frühstücken mit Sekt, wobei ich die Hälfte des Schampus über meine Hose verspritze.

Nachmittags tauchten Bekannte von Astrid auf, ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Sie konnten nichts mit mir anfangen, weil ich die ganze Zeit im Bett blieb mit einer Latte, die zwar niemand sah, die aber die Atmosphäre bestimmte. Jedenfalls waren Astrid und ich heilfroh, als die Beiden sich endlich verabschiedeten.

In der folgenden Nacht kühlte es nicht ab, es blieb so warm, dass wir ohne Decke schliefen, und als ich wach wurde, mitten in der Nacht, war es stockdunkel und ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand. Ich meine, normalerweise, wenn man sagt, es ist stockdunkel, dann ist doch irgendwo ein Spalt, durch den etwas Licht einfällt, man sieht die Ziffern eines Digitalweckers leuchten, irgendetwas, hier aber gab es nichts zu sehen, um mich herum nur bodenlose Schwärze. Von Panik erfasst griff ich um mich, ins Leere, bis ich neben mir einen Arm erwischte. Ich beugte mich runter, hörte ein Atmen, aber ich wusste nicht, wer das war, wer das sein sollte. Alles strebte fort von mir, ich suchte verzweifelt einen Punkt in der Finsternis, der mir Nähe vermittelte, Orientierung. Ich geriet so durcheinander, dass ich aufsprang vom Bett und mich der Länge nach hinlegte, wobei ich noch den Ventilator mit zu Boden riss, der sofort ansprang und Wind machte und Lärm.

„ICH BIN BLIND! ICH SEH NICHTS MEHR! HILFE!“

Noch am selben Vormittag nahm ich den Überlandbus von Wermelskirchen nach Hause. Ich nahm mir vor, ein paar Tage lang nichts zu trinken. Die alte Frau Kohl saß in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen im Garten und zog sich Obsttorte rein mit Sahne. Sie winkte freundlich, als sie mich am Fenster stehen sah. Ich winkte zurück und trat aus Versehen auf die 45er Single Straße der Sehnsucht, die vor mir auf dem Teppichboden lag. Dummerweise war es bloß das Cover.

Die Alzheimerkatze

Es gibt Geschichten, die werden mit jeder Umdrehung besser. Andere bleiben rätselhaft, von der ersten Sekunde an. Man weiß nicht, was man von ihnen halten soll. Sie sind wie Vögelchen, die aus dem Nest fallen, und man ist unsicher, ob man sie aufheben soll oder ob man es besser sein lässt. Schließlich geht man weiter, die Vögelchen werden platt gefahren. Das sind nicht notwendigerweise schlechte Geschichten. Man weiß einfach nicht, was man davon halten soll.

Morgens bin ich auf der Wupperstrasse Richtung Kiosk unterwegs, Frau Moll im Schlepptau. Sie mag keinen Asphalt und keine Hitze. Ville Beton nix gut. Sie ist vom Wesen her ein dunkler schwerer Wein, der es gerne schattig hat. Sie trottet neben mir her. Sie ist froh, wenn wir gleich im Wald sind. In unserem Revier.

„He! Seit wann hast du einen Hund?“

Die Frau bleibt stehen. Ich kenne sie von früher, ich hab sie lange nicht gesehen. Sie lächelt. Eine schmale Person. Mir fällt ihr Name nicht ein. Sie ist einfach stehen geblieben.

„Hat der aber ein struppiges Fell. Wie mein Wittek.“

„Dein Hund heißt Wittek? Kommt der aus Polen?“

„Nee, mein Kater heisst Wittek. Den hab ich seit einem Jahr. Ich hab doch keinen Hund.“

„Dann kommt das Kätzchen aus Polen.“

Sie guckt mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost.

„Wittek ist zweiundzwanzig, und hat Alzheimer.“

Sie erzählt, dass Wittek auf dem Bauernhof aufgewachsen ist.

„Der konnte kaum sitzen, der Wittek, so dicke Klöten hatte der. Der musste auf Wanderschaft, dem blieb nichts anderes übrig. Der arme Kerl. So Klöten. Von klein an.“

Manchmal blieb Wittek wochenlang verschwunden. Wenn er endlich zurückkehrte, wurde er von den Hofkatzen freudig begrüßt, mit bengalischem Kartoffelfeuer.

„Der alte Pole ist wieder da!“

„Sag ich doch“, sag ich.

Einmal jedoch übertrieb es Wittek. Ein Vierteljahr liess er sich nicht blicken, und als er zurückkehrte, war er nicht wiederzuerkennen. Verfilzt, verlaust, auf die Knochen abgemagert. Das war zu viel für die Hofkatzen, so wollten sie ihren Wittek nicht mehr haben.

„Die haben ihn regelrecht vom Hof geprügelt, den armen Kerl. Das war letztes Jahr, da hab ich ihn in Pflege genommen.“

Typisch Frau, denk ich. Kaum sieht man mal scheisse aus und wird vom Hof gejagt, prompt rettet einen die nächste.

„Mittlerweile hat Wittek Alzheimer, jetzt kann er nicht mehr auf Trebe. Der ist voll traurig im Kopf. Bevor ich morgens die Wohnung verlasse, bringt er sich in Position vor der Wand im Wohnzimmer. In Habachtstellung, als würden da irgendwelche Mäuschen in den Zwischenwänden entlanglaufen. Und wenn ich um fünf aus dem Büro komme, sitzt er noch ganz genauso da, immer auf demselben Fleck. Der Wittek.. der ist voll traurig im Kopf..“

Ich bin einigermaßen ratlos.

„Tja, tut mir leid für euch.“

„Für euch..? Was meinst du?“

„Na ja, für dich und deinen.. Mann.“

Ich hab seinen Namen vergessen. Teddie, Freddie, irgendwas mit Eddie. Ich weiss nicht mal mehr, wie er aussieht. Ich bin froh, dass ich weiß, wie die Frau aussieht, die vor mir steht. Es kommt mir vor, als wäre sie in der letzten Minute noch schmaler geworden, sie ist nur noch ein Windspiel ihrerselbst. Sie zählt zu den Frauen, die sich permanent mit fliegenden Fahnen durchs Leben bewegen.

„Meinst du etwa den Fred..?? Der ist doch längst ausgezogen. Der hat das nicht mehr ertragen, wie Wittek stundenlang die Wand anstarrt. Entweder ich oder die Alzheimerkatze, hat er geschrien. Die Alzheimerkatze!! Kannst du dir das vorstellen?!“

Ich nicke.

„Am nächsten Tag hab ich seine Koffer gepackt.“

Was so ein kleines krankes altes Tier alles anrichten kann.

„Ich überlege, ob ich einen Wanddurchbruch machen soll“, sagt sie, „vom Wohnzimmer zur Küche. Dann hat Wittek wenigstens freie Sicht, wenn er tagsüber alleine ist.“

„Gute Idee“, lobe ich. „Jetzt muss ich aber los.. Frau Moll wird schon ganz kribbelig.“

„Frau Moll?“

„Ja. Mein Hund.“

„Ach was. Na, denn. Grüss den Micha schön von mir.“

Den Micha..? Welchen Micha? Wer ist die Frau überhaupt? Kennen wir uns?

„Mach ich. Klar.“