Ach, da knallen wir noch ein Überbein rein!

Seit einem Bandscheibenvorfall erwischte es mich alle paar Monate im Kreuz, doch diesmal strahlte der Schmerz bis runter ins linke Bein, das war neu. Es war, als wollte jemand einen Knochen zusätzlich in den Oberschenkel quetschen:

Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Ich also zum Orthopäden. Aus dem schnuckeligen kleinen Verschlag im vierten Stock, wo es immer lecker nach italienischem Bohnenkaffee gerochen hatte, war eine turbulente Gemeinschaftspraxis im vierten Stock geworden, wo in jeder Ecke ein mercedesdicker Mineralwasser-Spender stand.

Der nächste Nachteil: Da zwei der drei Orthopäden diese Woche außer Haus waren, wurde vorn an der Anmeldung alles abgewimmelt, was kein Notfall war oder keinen festen Termin hatte.

“Ich bin ein Notfall”, sagte ich mit malader Stimme und Leidensmiene, “ich habe sehr schlimme Rückenschmerzen. Ich habe vor zehn Jahren einen Bandschei..”

“Moment, Moment, junger Mann. Termine und Kontrollen gehen vor, da helfen auch keine Rückenschmerzen.”

“Das sticht aber bis runter ins Bein, ich kann kaum noch auftreten! Hier, sehen Sie..”

Ich humpelte im Kreis, wie ein kaputter Esel. Die Sprechstundenhilfe seufzte. “Na schön..” Ich nahm im Wartezimmer Platz.

“Aber Zeit müssen Sie einkalkulieren”, rief sie mir noch hinterher.

Zur Strafe wurden im Anschluss an meine kleine Humpelei sämtliche Patienten, die nach mir kamen, vor mir drangenommen, zwei Stunden lang und ohne Ausnahme: Termin-Gesichter, Zur-Kontrolle-Gesichter, Knie- und Knöchellahme, hüftoperierte und andere Missgeburten, ale kamen vor mir dran. Dann, Punkt zwölf, wurde ich endlich in eines der diversen Behandlungszimmer gerufen. Was natürlich nicht bedeutete, dass ich gleich drankam – ich wartete nur woanders.

“In fünf bis zehn Minuten können Sie schon mal laaangsam beginnen, Hose und Schuhe auszuziehen..”, meinte die Arzthelferin, und ich glaubte, nein, ich war mir sicher, einen gewaltigen Schlenker Richtung Ironie herausgehört zu haben. Dann saß ich da auf meinem Höckerchen in Behandlungszimmer 4. Halbnackt. Nichts geschah. Ich beobachtete eine fette Kellerspinne, die es irgendwie in den vierten Stock raufgeschafft hatte. Sie saß an der weiß getünchten Wand, den Kopf eingezogen wie eine Bulldogge auf dem Sprung. Ich stand auf und machte sie platt. Und wo ich schon mal auf den Beinen war, warf ich einen Blick auf den Rechner. Auf dem Bildschirm war eine Maske mit meinen Patienten-Daten aufgerufen. Demnach war ich 1998 das letzte Mal hier gewesen. 1998.. Wie die Zeit vergeht, dachte ich. Nur die Zeit jetzt nicht.

Mir tat das verdammte linke Bein weh. Ich hinkte ein paar Schritte, blickte aus dem Fenster. Im Hof stand ein herbstlich roter Ahorn-Baum und leuchtete wie ein Hochofen. Die Tür schwang auf.

“Guten Morgen! Lausch mein Name!”

Volles Haar, sehniger Typ, Sport-Mediziner. Sein Händedruck kam so knackig rüber, als hätte er im Handballen ein Stück Kernseife eingenäht. Er roch lecker. Dahinter folgte die Schwester. Kurzes dunkles Haar, gebutterter Teint. Sie bewegte sich wie eine süße kleine Wanderdüne. Endlich war was los hier.

“Was haben wir denn schönes?” fragte der Doc.

Bevor ich antworten konnte, las er laut die Daten vom Bildschirm ab. “Andreas Glumm, 48 Jahre alt, Bibliothekar..?”

Bibliothekar, har – na ja. Irgendetwas hatte ich ja beim Ausfüllen der persönlichen Daten angeben müssen als derzeitiger Beruf. Womit man sein Geld verdient. Die Talente, wie Geld früher mal hiess. Die Ziffern auf der Lohntüte.

(“Glummi, wollste Tatas abholen?”/Jacky Weinberg in der großen Schalterhalle der Sparkasse.)

“Und, wo brennt’s, junger Mann? Sie sind wegen akuter Rückenbeschwerden hier..?”

Ich fragte mich, wie lange ich eigentlich noch als junger Mann durchging, wann das endlich ein Ende hätte und dass ich dann, wenn es soweit wäre, wahrscheinlich ausserdordentlich beleidigt reagieren würde – also, bleiben wir doch einfach bei junger Mann und alle sind zufrieden.

Ich erzählte dem Doc, welche Probleme mir das Kreuz machte. Es folgte eine Reihe Übungen. Ob ich mit den Fingerspitzen den Boden erreichte, ob es weh tat, wenn ich im Liegen die Beine durchdrückte etc. Jede Übung wurde mit der Frage verbunden: tut das weh? Nein..? Jetzt vielleicht? Und wenn ich so mache? Immer noch nicht? Und jetzt? Wie ist es denn jetzt!?

TUT DAS VIELLEICHT JETZT WEH!??

“Nein. Eigentlich nicht.”

Das hätte ich nicht sagen sollen. Ab sofort war ich in seinen Augen ein Simulant, der bloß einen gelben Schein abgreifen wollte. (An einem Mittwoch? Hielt er mich für einen Amateur?) Jedenfalls, einen zweiten Bandscheibenvorfall erachtete er als eher unwahrscheinlich.

“Vermutlich handelt es sich um eine Wölbung der Bandscheiben. Was arbeiten Sie, als Bibilothekar..? Also überwiegend eine sitzende Tätigkeit.  Hm hm. Schön schön. Ich ziehe Sie diese Woche aus dem Verkehr und überweise Sie zum CT.”

Damit er mir eine schmerzstillende Spritze verpassen konnte, sollte ich die Unterhose ein Stück runterlassen.

“Gut so?” fragte ich scheinheilig und zog den Slip ein Stück weiter als nötig runter, und tatsächlich, sofort lugte die ansonsten im Hintergrund mitschreibende Schwester verstohlen rüber: Luder! dachte ich. Soll bloß gleich im Treppenhaus auf mich warten! Wenn ich es bis dahin schaffte, ohne zusammenzuklappen.

(Bei meiner Geburt hatten sich die Götter gedacht: Der Knabe hat einen so stabilen Body, da können wir ruhig eine superzarte Seele reinbauen. Und ein Überbein.)

(Wenn man seine eigene Tragik begreift, das ist tragisch.)

Okay. CT also. Computer-Tomografie. Auf dem Weg zur Radiologen-Praxis um die Ecke sah ich dauernd Dinge vorüberhuschen. Im Gesichtsfeld oben links und oben rechts. Oder waren das nur meine Nerven? Und was hieß “Praxis”? Der Radiologe beanspruchte ein ganzes Haus über drei Etagen für sich. Abfertigung wie auf dem Flughafen für gelenkkranke Krüppel. Mammografie-Massenbetrieb.

“Hose aus, Schuhe aus. Wertsachen bitte in der Safe-Box verschließen. Ich hole Sie gleich ab.”.

Als ich halbnackt auf dem Bänkchen in der engen Kabine Platz nahm und mich schon in der geschlossenen Röhre sah, musste ich plötzlich pinkeln. Also, Hose wieder an, Schuhe an, zurück über den Flur und durchs proppenvolle Wartezimmer zum Patienten-Klo, mit fliegenden Schnürsenkeln. Ich pisste wie eine Kuh im Stehen. Beim Händwaschen erwischte ich mein Gesicht im Spiegel. Vom vielen Stress war meine Chemie durcheinander geraten, das Haar hing an mir runter wie nasses Blech.

Ich sah aus wie im Bürgerkrieg.

Zurück durchs aus den Nähten platzende Wartezimmer zur Kabine, im wiegenden Langlaufschritt, damit ich mir ja nicht auf die offenen Schnürriemen trat und aufs Maul flog. In der engen Kabine zog ich Schuhe und Hose aus. Es roch schon ein bißchen nach mir. Kaum saß ich auf meinem Bänkchen, wurde wie von unsichtbarer Hand die Türe aufgezogen.

“Herr Glumm…”

Man führte mich in einen großen hellen Raum. Ich sah eine Liege, die in eine Art großen Ring führte, dahinter wartete die CT-Maschine, deren weißer Schlund offenstand.

“Einmal hinlegen bitte..”

Die Sprechstundenhilfe sah aus, als wäre sie an einem Mittwoch geboren. Seither war sie mittwochs müde und wollte nur noch zurück ins Bett, schon früh am Morgen. Es war Mittwochmorgen. Sie sah unglaublich müde aus.

.”Ist das warm hier”, sagte ich, “da wird man ja müde.”

Ich zog mein Sweatshirt aus.

“Das können Sie hier ablegen”, sagte sie. “Aber lohnt eigentlich nicht.”

“Warum nicht?”

“Weil.. dauert nur zwei Minuten.”

“Nur zwei?”

“Ja. Zwei Minuten.”

“Die in der Orthopädie haben was von zehn bis fünfzehn Minuten gesagt.”

“Nein, nur zwei Minuten. Kein Problem. Lassen Sie den Pullover ruhig an.”

“Muss ich mit dem Kopf in die Röhre?”

“Nein. Der Kopf bleibt draußen, nur ihr Körper verschwindet. Sind Sie schon mal operiert worden?”

Ich schüttelte den Kopf.

“Gut. Dann legen Sie die Knie über das Kissen hier und entspannen sich.”

Die Liege fuhr automatisch nach vorn, bis ich mit dem Kopf die Maschine erreichte. Der Rest meines Körpers entschwand in einer Art überdimensionierten Verlobungsring. War das jetzt die langersehnte Verlobung zwischen mir und der Gerätemedizin? Wurde ich endlich mit der Technik vermählt? Verlobt? Mit dem Somaton CT SENSATION 16?!!

“Nicht in den Laserstrahl gucken, bitte!!”

Viertelstunde später, Sprechzimmer. Der Radiologe, großer Mann, grauer Kinnbart, hockte vor einer Batterie hochauflösender Monitore und teilte mir das vorläufige Ergebnis mit.

“Sie sind schon mal operiert worden?”

“Nein.”

“Gut. Davon hab ich nämlich auch nichts sehen können.”

Dann blickte er mir ernst und grimmig ins Gesicht, als hätte ich den Doppelzentner Krebs schon auf den Rippen.

“Man sieht deutliche Wölbungen an den Bandscheiben, es scheint aber noch kein Prolaps zu sein.”

“Prolaps?”

“Bandscheibenvorfall. Kann noch konservativ behandelt werden.”

“Konservativ?”

“Ja. Muss nicht operiert werden. Wenn Sie Glück haben.”

“Wenn ich Glück hab?”

“Wenn Sie Glück haben.”

Er sprach wie ein orthopädischer Pilot, der Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr im Luftraum zwischen den Lendenwirbeln unterwegs ist und sich langsam aber sicher mit den immergleichen vorläufigen Diagnosen zu Tode langweilt. Er tippte mit dem Stift auf die Schichtaufnahmen und murmelte was von Gallert-Flüssigkeit und saftigen Apfelsinen, und während ich noch verzweifelt nach innerer Logik und Zusammenhängen suchte, zeigte er mit dem Stift mal hier hin, mal dort hin, erwähnte “unerwünschte Abnormitäten” und erschlaffte plötzlich.

“Was letztlich gemacht wird, entscheidet natürlich Doktor..”, er warf einen Blick auf mein Patientenblatt, “.. Lausch.”

Als ich wieder auf der Straße stand, hörte ich einen Eichelhäher, mitten in der Stadt. Er krächzte so dreckig und voller Verachtung, dass ich irritiert den Luftraum nach ihm absuchte und nicht aufpasste, wohin ich trat – sofort machte es crrk! Es war Oktober, Schnecken mit Häuschen waren überall unterwegs. Ein Schulmädchen, polierte rote Bäckchen, blieb stehen und beobachtete mich, den Mund leicht geöffnet. Ihre weißen Zähnchen waren wie von einem Gespenst, das sich die Zähne putzte mit der Geisterzahnbürste. In der Fußgängerzone zog ein Treck schwer erziehbarer Mittdreißiger durch die halbgroße Stadt.

Ich machte, dass ich nach Hause kam.

Schön – dagegen hatte niemand etwas einzuwenden

Am Sommerwochenende lädt mein Bruder auf die Hazienda in den Wupperbergen. Die Atmosphäre: leicht teigig, ja apathisch. Wie das manchmal so ist. Es sind alle amtierenden Nasen da, die man gern hat, sogar die Sonne spielt mit, aber die Party kommt nicht vom Fleck.

Erst mit Anbruch der Dunkelheit wärmt Gelächter den Forst. Unser Schwager, paar Drinks intus, läuft zu großer Form auf und imitiert am Lagerfeuer längst verblichene Pauker der ehemaligen Höheren Lehranstalt für Jungen Schwertstrasse. Pauker, die ich zum Teil selbst noch erleben durfte, in der Zeit zwischen 1971 und 79, auf der Goldenen Gerade.

Bruns, ein kriegstraumatisierter Geschichtslehrer, stand kurz vor der Pensionierung. Es hiess, er habe fünf Jahre sibirischer Lagerhaft überlebt, inklusive Gehirnwäsche, da der Russe ihn irrtümlicherweise für einen führenden Nazi hielt. Und wer seinem Unterricht folgte, der ahnte schnell, jawoll, da konnte was dran sein – an der Gehirnwäsche. Er hatte es schwer mit den Nerven.

Bruns war ein Hüne von einem Kerl mit Pranken wie Abfallkörbe, mit denen er missliebige Schüler reihenweise vermöbelte, und er hatte einem immensen Verbrauch an Zeigestöcken.

Ob er nun stramm vor der Klasse auf- und abmarschierte oder lässig hinterm Lehrerpult lümmelte, die Beine auf dem Tisch, der Zeigestock ruhte stets hinter seinem Kopf auf den Schulterblättern. Er sah aus wie ein großgewachsener wuchtiger Wasserträger, nur dass an beiden Enden der Tragestange keine Eimer hingen. Seine gewaltigen Arme klemmten den Zeigestock ein, umrankten ihn wie Efeu, nahmen ihn in die Mangel und strapazierten ihn derart, dass es in seinem Nacken vor Spannung nur so knackte.

Auf die Dauer keine orthopädische Kleinigkeit.

Mit fortlaufender Unterrichtsstunde warteten wir Jungs nur auf den Moment, wo Bruns innerer Angriffskrieg gegen sich selbst den Höhepunkt erreichte, der Stock die Spannung nicht mehr halten konnte, und – KRRAKKAPATZZ!, hinter seinem Rücken zersplitterte.

Die Klasse atmete auf. Geschafft. Kaputt.

“Der nächste!” rief Bruns.

Stante pede musste der Klassensprecher ins Sekretariat eilen, um einen neuen Zeigestock anzufordern. Unsere Sekretärin legte meist einen neuen Tafelschwamm hinzu, mit schönem Gruß an den Herrn Gauleiter.

Berüchtigt in der Schülerschaft waren Bruns jähzornige Ausfälle. Es waren bloß Kleinigkeiten, die ihn in Rage brachten, doch wenn es wieder einmal so weit war, warf er ohne Vorwarnung mit dem dicken Schlüsselbund nach dem Verursacher. In der Klasse meines Schwagers traf es meist Neef, einen Rotschopf aus der letzten Bank. Es reichte schon, dass Neef zur falschen Zeit zu laut auflachte und eine von Bruns kriegsgeschädigten Nervenenden streifte und in Wallung brachte.

Nun hatte der Schlüsselbund ein gutes Dutzend Schlüssel, und besonders der Kellerschlüssel entwickelte sich im fliegenden Zustand zum Knüppel aus dem Sack. Es war stets die gleiche Prozedur. Am darauffolgenden Schultag tat Bruns die Sache unendlich leid, er schämte sich für seine Ausraster und wollte sich entschuldigen. Es war nur noch ein großes Häufchen Elend, das vor der Klasse erschien und dem man die durchwachte Nacht ansah, von Selbstvorwürfen gequält.

Vor versammelter Mannschaft steckte er Neef vor Unterrichtsbeginn ein Fünfmarkstück zu sowie eine große Tafel Nußschokolade, Novesia Gold Nuss. Darüber hinaus durfte Neef vierzehn Tage lang soviel lachen und Popel fressen, wie er wollte, keine Sanktionen, versprochen.

Im Spätsommer, wenn Wandertag anstand, ging es mit Geschichtslehrer Bruns durch den Park am Hippergrund. Marschiert wurde in Zweier-Reihen, Bruns als Spähtrupp voraus. Ließ der Russe sich zum Verrecken nicht blicken, wurde umdisponiert.

“DREI MANN RAUS ZUM BLUTRÜHREN!” befahl Bruns. Er konnte blöken wie ein brünftiger Hirsch.

„Das war 1968, zur APO-Zeit“, erzählt mein Schwager am Lagerfeuer, „das fanden wir Knirpse super. Tausend Mal besser als Ho Chi Minh.“

„VORSICHT, MÄNNER! PANZER-SPÄHWAGEN VON LINKS, GRANATEINSCHLAG RECHTS! ALLES IN DIE BÜÜSCHE!!“

Der Panzerspähwagen von links wurde von einer jungen Frau mit Kinderwagen dargestellt, die zufällig durch den Park spazierte. Sie machte sich fast in die Hosen, als sich vierzig Halbwüchsige vor ihr aufbauten, die schweres Kontakt-Geheul von sich gaben und Blut & Spucke in der hohlen Hand anrührten, mit Ahoi-Brause.

1969 erreichte der Sommer der Liebe am Solinger Gymnasium Schwertstrasse seinen Höhepunkt: Neef, Rotschopf und erster Rüpel der Obertertia, erschien mit Blumenkettchen zum Unterricht.

„Ich bin jetzt Hippie.“

An der Kette hingen Glöckchen, die, wenn man sich bewegte, leise bimbambino machten. Aber nur bis zur dritten Stunde, da war die Kette schon Geschichte. Als Kriegsveteran Bruns den Flower Power-Schmuck zu Gesicht bekam, sah er rot. Er riss Intimfeind Neef das Kettchen vom Hals und pfefferte es wutentbrannt durchs offene Fenster auf den Schulhof – wo es bimmelnd zerschellte.

„Männer!! Ich hab nicht fünf Jahre Lagerhaft mit Sonnenblumenkernen überlebt, um mich zwei Jahrzehnte später mit langhaarigen Flegeln herumzuärgern, die sich Hasch in die Augen spritzen! Fünf Jahre Sonnenblumenkerne! Sonnenblumenkerne morgens, mittags, abends! Sonnenblumenkerne, Männer – und keine Haschglöckchen!“

Nun lagen Blumenkettchen und Sonnenblumenkerne sprachlich und inhaltlich nicht soo weit auseinander, wie Bruns es gern gehabt hätte, doch das fiel nicht weiter auf – im Gegenteil: Tief beeindruckt von seiner Tirade bewaffnete sich die Klasse zur nächsten Geschichtsstunde mit – Sonnenblumenkernen.

Bruns erhob sich vom Pult, den Zeigestock waagerecht im Genick, am knacken wie ein Flitzebogen.

„Männer, was ist hier los!? Was knistert da so? Was ist das?“

„Das sind Sonnenblumenkerne, Herr Bruns!!“

Er liess Neef, den Rotschopf, nach vorn kommen.

„Lass mal probieren, Neef.“

Bruns griff tief in die Tüte, „Hmm.. lecker“, und dann in seine Westentasche.

„Hier, Neef, ein Zwanziger. Kauf was Süßes für die ganze Bande.“

*

Musiklehrer Triesch, Gewohnheitstrinker, war eine Legende am Flügel, ein anerkannter Cool Jazz-Veteran, ein komischer Vogel, ein strange bird. Er trug ausgewuchtete Knickerbocker und Jägerhemden, an denen die Kleidermotten sich schon lange satt gefressen hatten, aber sie hörten einfach nicht auf, sie fraßen einfach weiter. Sein spärliches Haar war dünn und fettig, und die Schuppen rieselten in Divisionsstärke in seinen Dandy-Kragen.

Aus der Nähe betrachtet war Triesch ein verdammter Penner.

Er hatte die Angewohnheit, den Schnaps in Fanta-Dosen umzufüllen, bevor er ihn hinter der mobilen Tafel auf ex runterspülte. Er war im Glauben, wir Schüler würden nicht merken, dass er Alkoholiker war. Er setzte sich an den Flügel, in Knickerbockern und Kniestrümpfen, die seine Waden so trefflich stramm in Szene setzten, und spielte bis die Aula erleuchtete. Meist My way is cloudy vom Golden Gate Quartet oder Take Five von Dave Brubeck, seine beiden Lieblingsnummern.

Mein Schwager fügt hinzu, dass es genau zwei Sache gab, für die Triesch den Musikunterricht sofort abbrach: wenn jemand das Wort “Rollhockey” erwähnte, als Remscheider war er Riesenfan des deutschen Rollhockey-Abonnenmentmeisters Remscheid, und wenn die Rede auf schnelle Autos kam, auf Sportwagen.

Triesch war eine ganz coole Sau. Irgendwie tragisch. Wir beteten ihn an.

Er war dauernd besoffen.

*

Rosenthal gab Deutsch und Latein. Ein kleines Kerlchen, das ständig rauchte und selbst im Lehrerkollegium nur der Gilb hieß. Von den Unmengen Burger Stumpen, einer billigen Mischform aus Zigarillo und Zigarre, war seine Haut im Laufe der Zeit gelb geworden. Im Gesicht, am Hals, in den Händen, überall saß der Gilb.

Im Gegensatz zu Geschichtslehrer Bruns, den die Schüler teils fürchteten, teils verehrten, wurde der Gilb zwar nicht wirklich ernst genommen, aber man mochte ihn, irgendwie.

Da der Gilb rechts ein Glasauge hatte, war es ihm nicht möglich, die von ihm aus gesehene (beziehungsweise nicht gesehene) rechte Seite des Klassenraums zu überblicken – ein Grund, warum die Schüler, die rechts saßen, getrost dem Unterricht fern bleiben konnten, der Gilb merkte eh nichts davon. Die zwei oder drei Schüler, die rechts saßen und dennoch am Unterricht teilnahmen, vertrieben sich die Zeit mit Schiffe versenken und Mau-Mau spielen, so waren am Ende alle zufrieden.

Dachte man.

Denn es kam der Tag, an dem der Gilb am Lehrerpult saß und den Hals, warum auch immer, ein Stück weiter nach rechts schraubte als üblich, viel weiter nach rechts, so weit nach rechts, dass er mit dem intakten linken Auge plötzlich die rechte und nahezu leere Seite des Klassenraums erfasste.. Was zum Teufel war da los? Da war überhaupt ja nichts los!

Er stampfte beleidigt mit den Schühchen auf.

„Wenn Sie lieber daheim bleiben wollen als dem Unterricht zu folgen, meine Herren, kann ich ja beruhigt nach Hause gehen!”

Schön, dagegen hatte niemand etwas einzuwenden.

*

Andi1977Gymnasium Schwerstrasse 012

Klsassenfahrt Nürnberg 1977