„Freddie, Teddie, irgendwas mit Eddie“

In den mittleren Neunzigern war ich fertig mit mir, der Schreiberei, mit allem. Nichts spornte mich mehr an. Ich steckte nicht mal mehr mein Notizbuch ein, wenn ich das Haus verließ. Das war das Ende. Kein Notizbuch mehr einstecken, war gleichbedeutend mit der Einsicht: egal, was ich auch erlebe, es wird nicht interessant genug sein, um es festzuhalten. Ich war wie tot.

Um etwas auf Papier festzuhalten, was einem zu Ohren kommt, (oder worauf man beim Nachdenken im eigenen Kopf stößt), bedarf es einer gewissen Grundspannung. Einem Ja. Sonst könnte man das Aufgeschnappte auch einfach vorbeisausen lassen, ohne es festhalten und zu Boden werfen zu wollen. Ohne es mit seinem ganzen Gewicht niederzudrücken, auszuquetschen.

Von der Morphin-Abhängigkeit mal abgesehen, die mein Sein von früh bis spät bestimmte, hatte ich das Gefühl, dass alles, was ich in der Lage war zu schreiben, ohnehin schon geschrieben worden war, von Anderen und das auch noch besser, als ich es je zustande bringen würde. Wozu sich also anstrengen. Wozu die ganze Plackerei.

„Rauchen wir noch ein Blech, Jungs.“

Aber so ganz lassen konnte ich es doch nicht. Ich beteiligte mich ab und zu an öffentlich ausgeschriebenen Literatur-Wettbewerben. Da gab es einen festen Einsendeschluss, bis dahin musste man einen Text zustande bringen und anonymisiert einreichen – oder eben nicht. Jeder hatte seine Chance. Ich hatte immer noch ein Sportlerherz. Ich wollte den besten, den weitesten Satz machen – ab und zu jedenfalls. Eine echte Strategie war das natürlich nicht. Aber wann war ich je weiter entfernt von einer wirklichen Strategie als in den Neunzigerjahren.

(„Eh, du Stratege!“, grüßte Hacki süffisant, wenn ich gelegentlich ins Mumms eintrat, meine alte Rock’n Roll-Kneipe.)

Die Firma Montblanc, bekannt für edle Füllfederhalter, richtete einen Literatur-Wettbewerb aus. Es war ein Thema vorgegeben: Der Termin. Schon im Jahr zuvor hatte ich am Montblanc-Wettbewerb zum Thema „Der Gipfel“ teilgenommen, und meine Story landete in der bei dtv veröffentlichten Anthologie, in der die besten Geschichten zusammengefasst waren. Ich hatte einfach eine ältere Story namens „Freddie, Teddie, irgendwas mit Eddie“ umfrisiert bis sie halbwegs zum Thema passte. Diesmal aber war ich ratlos. Zum Thema Termin fiel mir nichts ein. Ich hatte ja kaum Termine.  Ausser mit meinem Dealer. (Das fiel mir aber erst später auf. Dass mir das Thema quasi auf dem Silbertablett überreicht worden war. Da war es zu spät.)

Noch genau vier Tage, dann war Einsendeschluss. Aber wie sollte ich in vier Tagen eine Zehn-Seiten-Geschichte auf die Beine stellen? Gegen 21 Uhr, eine Stunde vor Dienstbeginn im Turm-Hotel, rief ich mir ein Taxi und ließ mich zu Toni nach Höhscheid kutschieren.

„Warten Sie hier, ich komme sofort wieder“, sagte ich zum Fahrer.

Ich hatte zuvor bei Toni angerufen. Er wusste, dass ich auf dem Weg zu ihm war, dennoch war er nicht zu Hause. Nur seine Frau Gina und die drei kleinen Blagen. Ein Teller mit aufgewärmten Erbsen und Möhren aus der Dose stand auf dem Küchentisch.

„Abendbrot?“ sagte ich.

„Abendbrot, Abendbrot!“ tanzte das älteste der Mädchen um mich herum. Ein aufgewecktes Kind, in einer unmöglichen Umgebung.

(Das war vor 25 Jahren. Das Mädchen muss heute Mitte 30 sein. Vermutlich süchtig. Wäre jetzt so mein vorsichtiger Tipp.)

„Wo ist Toni?“ fragte ich Gina.

„Tonio nis da.“

„Ja, gut, das seh ich. Aber er wusste doch..“

„Du Fuffie?“

„Ja“, sagte ich.

Keine halbe Minute später war ich wieder draussen und änderte meinen Plan. Ich bezahlte die Droschke und machte mich zu Fuß auf in die Innenstadt. Ich war so scharf auf die Shore, dass ich sofort die nächstbeste Telefonzelle ansteuerte und mir eine Line zog, während ich so tat, als würde ich im Telefonbuch eine Nummer raussuchen. Es dauerte. Eine verdammt lange Nummer. Das gelbe Telefonhäuschen stand auf einem kleinen Hügel und war hellerleuchtet wie ein UFO, und das in dieser tristen Arbeitergegend. Aber mir war alles egal. Hauptsache ein Näschen.

Auf dem Weg zum Nachtdienst im Turm-Hotel klapperte ich dunkle Seitenstraßen ab. Ich blieb alle paar hundert Meter stehen und kotzte. Zuletzt kam nur noch Galle raus. Ich ekelte mich vor mir selbst bis endlich die Wirkung einsetzte. Ich erreichte die Hauptstraße, und mir ging es besser. Nahe dem alten Hauptbahnhof stieß ich die nächste Telefonzelle auf, diesmal eine mit Kartentelefon. Danach musste ich nicht mehr kotzen. Endlich fühlte mich nicht mehr so schlapp wie in den vergangenen Tagen, die ich nur im Bett verbracht hatte, mit ausgedörrten Sinnen.

Nachts um zwei kam der dicke Hansen im Hotel vorbei. Er besuchte mich regelmässig. Ich saß im Büro an der elektrischen Schreibmaschine, stierte aber in den Fernseher. Ich war viel zu dicht um zu schreiben. Ich fragte mich immer, wie all die berühmten Beatnik-Autoren das hingekriegt hatten, im Drogenrausch zu schreiben. Ich bekam es nicht geregelt. Wenn ich breit war, war ich breit und hatte zu nichts anderem Lust, als mich dem Rausch hinzugeben. Wie sollte man sich da motivieren und an die Schreibmaschine klemmen. Ich versank im Chef-Sessel und stierte in den Fernseher.

„Außerdem hab ich kaum Termine“, klagte ich dem dicken Hansen mein Leid.

„Dann schreibst du eben über KEINE Termine.“

„Ach wo. Hab ich doch schon alles durchgekaut.“

Hansen hatte ebenfalls Shore auf der Tasche und sah genauso schlecht aus wie ich. Shore und Gesichtszüge, eine tragische Partnerschaft. Ergebnis: zwei alte Hunde in der Nacht.

„Du musst doch nicht unbedingt über dich schreiben“, meinte der dicke Hansen.

„Nee, natürlich nicht. Klar. Ist kein Muss.“

„Immer schreibst du nur über dich, klar, dass du dich langweilst. Schreib doch über mich.“

Hansen hing breit im Drehstuhl und rauchte eine Winston nach der anderen. Wenn er mal keine Kippe in Arbeit hatte, fielen ihm prompt die Augen zu. Aber wenn ich ihn weckte, war er sofort wieder da.

„Guck mal, im Gegensatz zu dir bin ich eine wichtige Person. Ich hab ständig Termine. Ich hab Proben-Termine, ich hab Unterrichts-Termine, ich hab Rendezvous-Termine. Ich hab Arzt-Termine.“

„Noch was?“

„Hm… nee. Sonst nichts. Reicht doch. Worüber möchtest du was hören? Rendezvous-Termine?“

„Lass hören.“

„Gut.. Moment.. Ein Rendezvous-Termin hatte schönes dickes Haar. Blondes Haar. Sah jetzt nicht supergut aus, war aber auch kein Sperrgut. Bisschen schiefe Nase vielleicht. Eine Klavier-Schülerin von mir. Sie meinte, sie will mal koksen. Mal ausprobieren, wie sich das anfühlt. Okay, hab ich gesagt, ich guck mal, was sich machen lässt.“

Den dicken Hansen kannte ich seit frühen Jugendtagen. Er war ein Sex-Maniac, ein Ficker vor dem Herrn. Er war der Typ deutscher Tourist, der am Flughafen Bangkok landete und sofort von einheimischen Schleppern in Beschlag genommen wurde: „Eh, du neckermanngeile Sau?!“ Andererseits musste Hansen nicht erst nach Bangkok fliegen, er bekam auch daheim die schönsten Frauen. Besonders seine Klavier-Schülerinnen hatten es ihm angetan. Ich fragte mich, wie er die Mädels rumkriegte. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und zwanzig Kilo zu viel auf den Rippen. Aber er hatte eine zupackende Art, er hatte Drive. Einen selbstverständlichen Charme, mit dem er seinen Schnitt machte.

„Und.. weiter?“ fragte ich.

„Nur, wenn ich in den Chef-Sessel darf, auf dem scheiss Drehding hier krieg ich Rückenschmerzen. Also, was ist? Tausche Spitzen-Story gegen Chef-Sessel.“

Ein fairer Handel. Jedenfalls nicht auf Anhieb unfair, sagen wir so. Ich überließ ihm das cognacbraune Kunstleder-Exemplar, das beim Aufstehen ein despektierliches Furzgeräusch von sich gab, wenn die Luft aus den Bezügen entwich.

Der dicke Hansen,  der nie wirklich dick war,  steckte sich eine Kippe an.

„Gut, pass auf. Die wollte koksen, die junge Dame. Ein lustiges Wesen. So vielfältig irgendwie. Sie war jedes Mal anders, wenn ich sie sah. Dann hab ich sie angerufen. Sie war aber nicht da, also hab ich ihr auf die Mailbox gesprochen. Was denn jetzt mit der Nase Koks wäre. Ob wir uns nicht mal treffen sollten.“

„Und? Hat sie zurückgerufen?“

„Na, weiß nicht. Kann sein. Jedenfalls ruft seither dauernd einer an und legt wieder auf.“

„Das ist sie!“

„Sicher. Mh.“

Er fläzte sich so tief in den Chefsessel, ich wusste gar nicht, dass man sich so tief in einen Sessel fläzen konnte. Er verschwand in dem Möbel wie in einer Geschichte aus tausendundeiner Sitzgelegenheit. Man sah kaum mehr als seinen dicken, fast kahlen Kopf.

„Hast du schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?“ fragte er.

Jetzt kamen wir der Sache näher. Der Terminsache.

„Nee. Du?“

„Natürlich! Ich glaub, zwischen dreißig und vierzig hat man nur Sex im Kopf. Sex und Penunse…“

Aus dem Radio, das in der Hotelküche stand, wehte hawaiianische Musik rüber, leise wie ein Wind, der die Vorhänge aufbauschte. Hallo Nachtarbeiter, unterbrach eine Stimme den Song. Der dicke Hansen paffte Winston-Kringel in die Luft. Er schwieg, und schlief ein.

„He, deine Kippe!“ Ich rüttelte ihn wach. „Pass doch auf, du brennst ein Loch in den Teppich!“

Die Sex-Story also.

Hansen hatte einen Nebenjob gesucht, für vormittags. Er las ein Inserat im Wochenblatt. Fahrer für tgl. 5 Std. gesucht. Er rief die Nummer an. Eine Frau hob ab.

„Veroonika, hallooo..?“

„Ja. Hallo. Ich hab Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen.“

„Jaa? Schööön.“

„Äh ja.. da wollte ich mal fragen, worum es sich dabei handelt.“

„Jaa, Herr..“

„Hansen..“

„Herr Hans?“

„Hansen.“

„Darf ich Sie so nennen? Herr Hans?“

„Hans..? Wieso?“

„Na, nur so.“

„Na meinetwegen..“

„Gut, Herr Hans. Mit dem Job verhält es sich wie folgt. Sie würden mich morgens gegen 8 Uhr 30 abholen und dann fahren Sie mich.. wohin..“

„Wohin?“

„Jaah, das.. ist abwechselnd. Aber innerhalb der Stadt, in aller Regel. Vielleicht mal Wuppertal oder Düsseldorf, muss man sehen, je nachdem. Die Fahrt würde ungefähr… sagen wir.. zwanzig Minuten dauern, dann haben Sie eine Stunde.. Freizeit. Anschließend holen Sie mich wieder ab und wir fahren zum nächsten ääh Job, wieder ungefähr zehn, zwanzig Minuten Wegstrecke, und wieder haben Sie frei, so eine, anderthalb Stunden. Das geht so bis.. etwa 12 Uhr 30, maximal 13 Uhr. Dann ist Schluss. Verstehen Sie, Her Hans?“

„Äh ja. Gut. Und mit welchem Wagen?“

„Jaah, Herr Hans, das ist auch wieder so ein Problem. Ich hab nämlich einen schöönen neuen Wagen, der hat einen Neuwert von fast vierzigtausend D-Mark, und wenn Sie zwischen den Einsätzen im Wagen ääh rumsitzen würden, alsoo, das wäre mir nicht recht, sag ich mal. Sie müssten schon Ihren eigenen Wagen nehmen, nicht waahr.“

„Na, okay, kein Problem. Was ist mit Bezahlung?“

„Ääh.. das ist einfach. Sie müssten täglich von 8 Uhr 30 bis 13 Uhr für mich erreichbar sein, Ihre eigentliche Arbeitszeit beträgt aber maximal eine Stunde.. oder auch nur mal dreißig Minuten, kommt drauf an, jaah? Ich würde Ihnen daher wöchentlich ein Entgelt von hundert Mark zahlen.“

„Hundert Mark..? In der Woche??! Ist das Ihr Ernst?“

„Äh, ja.“

Der dicke Hansen war kein Typ, um lange sprachlos zu bleiben.

„Und wenn Sie mich in Naturalien auszahlen?“

„Wie das denn?“

„Nun ja. Mit einem Nümmerchen.“

„Einem Nümmerchen?“

„Ja. Einem Nümmerchen.“

„Das wäre ja dann.. nun, nicht mal ein Nümmerchen pro Woche, Herr Hans..“

„Dann legen Sie halt noch was drauf.“

„Was drauflegen.. das wäre mir aber nicht recht.“

„Wir könnten aber sofort einen Probetermin ausmachen, auf der Stelle. Einen Vorschuss, quasi. Hätte ich kein Problem mit.“

„Ich suche aber erst für Anfang Januar einen Fahrer, da zahle ich doch jetzt keinen Vorschuss.“

Damit war das Gespräch beendet.

„Und?“ sagte ich.

„Was und? “

„Hat geklappt?“

„Nee“, sagte Hansen.

„Wieso nicht?“

„Na, die Kuh wollte sich auf keinen Vorschuss einlassen.“

„Schon klar, aber darüber soll ich was zum Thema Termin schreiben? Da war ja der Termin mit deiner Klavierschülerin noch spannender.“

„Mit der gab’s aber Ärger. Also mit ihr direkt nicht, aber mit den Eltern. Die haben nämlich den Anrufbeantworter abgehört. Mit meiner Nachricht.“

„Oh. Das mit dem Koksen?“

„Genau. Wusste ich ja nicht, dass die Kleine noch zu Hause wohnt. Jetzt hat sie natürlich Stubenarrest.“

„Stubenarrest..? Wie alt ist die Kleine denn??“

Hansen war plötzlich gereizt.

„17. Oder 15. Keine Ahnung. Mein Gott, die sehen doch heute alle aus wie Mitte vierzig. Wie die jungen Dinger heute so sind. Große Fresse, dicke Möpse.“

Der dicke Hansen hatte keine Lust mehr zu erzählen.

„Ich kann nicht mehr klar denken.“

Er lag lang ausgestreckt im Chef-Sessel und schnupperte an seinem Zeigefinger. Endlich ging die Sonne auf.

Trinkgeld

24. September 1994, Nachtdienst

In Köln ist Photokina, das Turmhotel ausgebucht. Lediglich ein Doppelzimmer ist auf den letzten Drücker storniert worden. Bis Mitternacht habe ich alle Hände voll zu tun und insgesamt zirka eine ruhige Minute. Zimmerschlüssel herausgeben, Wecklisten anfertigen und wieder ändern, Telefonate durchstellen, Gäste zum Parkdeck dirigieren, Minibars auffüllen, kleine Snacks rausgeben, blöde aus dem Fenster stieren. Der Nebel ist so dicht, dass sich die Innenstadt von der Rezeption im elften Stock aus nur erahnen lässt. Lediglich die Passats der Zivilbullen sind halbwegs gut zu erkennen, selbst in dunklen Toreinfahrten. Nebelnacht ist Bullennacht.

Um halb drei beginne ich den Frühstücksraum einzudecken. Für 70 Gäste Frühstück vorbereiten dauert seine Zeit. Wurst, Käse, Kochschinken schneiden, Buffet aufbauen, Tische decken. Es ist richtig Arbeit. Ich frage mich manchmal, wie das geschehen konnte. Dass man mich am Arsch gekriegt hat mit regelmäßiger Arbeit. Aber wahrscheinlich hält es auf Dauer kaum einer aus, mit Mitte zwanzig auf der faulen Haut zu liegen. Das schaffen nur die besten. Und zu denen scheine ich nicht zu gehören, nicht was das Drückebergen betrifft.

Ja, wenn man nicht aufpasst, führt einen das Leben in gräuliches Fahrwasser, Freunde!

Und weiß Gott, ich habe versucht, der Lohnarbeit aus dem Wege zu gehen. Ich gehörte zu denen, die erst gar keinen Beruf ergriffen haben, um sich soviel Zeit wie möglich freizuschaufeln, die sich voll und ganz ihrem Vergnügen gewidmet haben, die bis in den Mittag schliefen und aus dem Maul müffelten. Bis das Deutsche in mir doch noch die Oberhand gewann. Das Deutsche, das einem wie ein Papagei auf der Schulter hockt und einflüstert: Wer in diesem Lande lebt, wer hier auf- und weiterwächst, der muss nützlich sein. Und so wurde ich, weil mir auf die Schnelle nichts besseres vor die Füße fiel, Nachtportier. Da konnte ich wenigstens weiterhin bis in den Nachmittag schlafen.

Wie immer, wenn in Köln Photokina ansteht, kommen die Leute aus aller Welt. Allein Fujifilm aus Tokio hält eine Etage belegt. Es schellt. Auf dem grobkörnigen Monitorbild, das den Haupteingang im Erdgeschoß im Blick hat, erkenne ich ein Paar, Arm in Arm. Der Mann winkt fröhlich in Richtung Überwachungskamera.

„Hallo Herr Droese“, sag ich in die Gegensprechanlage.

„Hallo Meister! Noch’n Zimmerchen da?“

Droese kommt grundsätzlich in Begleitung seiner pferdescheuen Geliebten, die keinen Ton redet. Niemals hab ich von ihr auch nur einen Piep gehört.

„Ein Doppel kann ich noch verkaufen, Herr Droese“, sag ich. „Da haben Sie aber Glück heut Nacht.“

Per Summer öffne ich die Tür im Erdgeschoss und schaue per Monitor zu, wie die beiden Arm in Arm im Gebäude verschwinden.

Wenig später kündigt ein Gong den Aufzug an.

„Morgen Meister!“ dröhnt es im gnadenlosen Neonschein der Rezeption. „Das beste Zimmer für den alten Droese! Und nich so ne Bumsbude!“

Das ist sein Standardspruch. Das beste Zimmer! Und nich so ne Bumsbude! Immer das gleiche. Droese ist in Ordnung. Er schiebt ordentlich Trinkgeld rüber. Diesmal einen Zehner. Fürs erste.

„Für Sie, Herr Droese..“, sage ich verschwörerisch, als ich den Schlüssel vom Haken nehme, „..wie immer die Suite.“

Er weiß natürlich, dass im Turmhotel ein Zimmer wie das andere ist. Vor Vergnügen schlägt er mit der Faust auf den Tresen, dass die Klingel einen Hopser macht und seine Geliebte aufschreckt. Dennoch, irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas ist anders heut Nacht. Da erst sehe ich es. Es ist in seinem Gesicht.

„Sie tragen eine neue Brille“, sag ich erstaunt. Ein Riesending. PVC. Schwarz.

Droese nimmt meine Huldigung entgegen.

„Neue Brille, gut hingeguckt, Meister! Wenn ich vorm Badezimmerspiegel stehe, denke ich jedes Mal, das ist Roy Orbison!“ dröhnt er, und seine Geliebte kneift ihm in den Hüftspeck. „Ich war ja ein Riesen-Fan von Roy Orbison, als ich jung war“, fährt Droese fort. „Den hab ich richtig verehrt. Aber wenn du älter wirst, bist du kein Fan mehr von irgendwem. Wenn du älter wirst bist du froh, wenn du dich selber gut findest.“

Droese lacht, und haut mit der flachen Hand auf den Tresen.

*

In Zimmer 46, vierzehnte Etage, wohnt eine weitere Saufnase, Herr Hofmann. Auch er hat, genau wie Droese und seine Geliebte, mit der Photokina nichts am Hut, muss aber den überteuerten Messetarif berappen.

Der Chef hat mir bei der Übergabe extra gesteckt, dass Hofmann sein Zimmer stets nur gegen Vorkasse bekommt, plus 30 Mark Kaution für die Mini-Bar. Das sind die undankbarsten Jobs für einen Nachtportier. Wenn man eine unpopuläre Entscheidung verkünden muss, die man selber nicht zu verantworten, aber auszubaden hat. Dabei ist Herr Hofmann gar nicht so verkehrt. Auch er lässt gegen Mitternacht 10 Mark Trinkgeld rüberwachsen, damit ich seiner Perle und ihm ein Taxi rufe.

„Und wenn eine Frau Ritter anruft, sagen Sie, wir sind auf dem Weg.“

„Okay. Kein Problem“, sag ich und stecke den Zehner ein.

Zwei Stündchen später sind sie zurück. Seine Begleiterin ist etwas verlegen. Ich schätze, sie kommt aus Polen, irgendwie aus der Ostblockecke. Ihre raue Gesichtshaut, vom Licht der Rezeption noch verstärkt, wirkt wie eine Peelingmaske mit überhöhter Keimzahl. Ein Reptil.

„Sagen Sie, wir möchten mit Ihnen gerne noch einen Piccolo trinken“, sagt Hofmann mit eher ängstlich auf männlich-feste getrimmtem Vibrato. Die Polin blickt weg, mit einem verdeckten Lächeln. Was haben die beiden vor? Einen Dreier? Im Stehen? In der Wäschekammer?

„Das ist nett“, sag ich, „aber ich trinke nachts keinen Alkohol.“

Das stimmt sogar. Manchmal lässt sich mit der Wahrheit am besten herausreden. Herr Hoffmann akzeptiert meine Absage und schiebt mit seiner Begleitung ab. Die scheint ganz froh zu sein, dass ich auf das Angebot nicht eingegangen bin.

Weiter mit Tische eindecken. Da es im Frühstücksraum lediglich 42 Sitzplätze gibt, muss für 28 Gäste nachgedeckt werden. Das ist ein fließender Prozess. Ab sechs Uhr kann gefrühstückt werden, und sobald ein Gast fertig ist, decke ich bzw. die Frühschicht oder das Zimmermädchen den Platz neu ein, bis irgendwann alle siebzig Gedecke aufgetragen und abgefressen sind.

Das Eindecken der Tische beginnt rituell mit dem Verteilen der Papierservietten. Eine luftig-leichte Angelegenheit, als würde man 42 Damen mit Federboas ausstatten. Es schellt an der Rezeption. Auf dem Monitor erkenne ich eine Frau, sie steht im Erdgeschoss an der Gegensprechanlage.

„Ja bitte?“

„Ja guten Morgen. Ich möchte zu Herrn Hilger.“

Bevor ich etwas sage, mache ich einen Moment Pause, weil es gleich vier Uhr in der Nacht ist, mitten in der Woche, mitten in der Tiefschlafphase, wer empfängt da noch Besuch..? Da fällt mir ein, dass es genau diese Frauenstimme gewesen ist, die eine halbe Stunde zuvor angerufen hat und Herrn Hilger auf Zimmer 42 sprechen wollte.

„Weiß der denn Bescheid, dass Sie kommen?“ frage ich.

„Natürlich. Ich werde erwartet.“

Na schön. Ich drücke per Summer die Türe im Erdgeschoß auf, und widme mich wieder meinen Tischen im Frühstücksraum.

Es dauert keine Minute, da klingelt es an der Rezeption.

„Sagen Sie, der Herr Hilger, welche Zimmernummer hat der nochmal..?“ fragt die Frau. „Irgendwas mit drei..“

„Moment“, sag ich und schaue zur Sicherheit auf dem Belegungsplan nach. „Zimmer 42.“

„342“, verbessert sie mich.

„Nein. 13. Stock, Zimmer 42..“

Dann will sie los. Sie trägt eine Art Kostüm aus Blaser und Rock, mit schwarz-weißen Karos.

„Kann ich da mit dem Fahrstuhl rauffahren?“

„Natürlich. Aber dann müssen Sie Herrn Hilger erst anrufen, damit er zur Zwischentür kommt und Ihnen aufschließt. Sonst stehen Sie da oben vor verschlossener Tür.“

„Oh. Ja, gut. Welche Nummer muss ich wählen..?“

Auf der Rezeption befindet sich ein Extra-Apparat für Gäste, die intern im Haus telefonieren wollen. Ich wähle erst die 13, dann die 42, und gebe ihr den Hörer. Sie nimmt ihn entgegen, und lässt läuten. Ich beobachte sie von hinten. Sie starrt auf den Apparat. Sie ist groß, Mitte zwanzig, gepflegt, französisch kurz geschnittenes Haar, der Rock hat einen Schlitz, rot lackierte Fingernägel. Nicht hübsch, aber bestimmt. Wenn sie einmal weiß, was sie will, lässt sie nicht locker, da ist es auch nicht entscheidend, was die andere Seite will. Ihr Wille geschehe. Sie lässt 24mal durchläuten. Dann dreht sie sich zu mir um.

„Geben Sie mir mal was zu schreiben, ich hinterlasse eine Nachricht.“

Als ich um den Tresen herumgehe und ihr einen Bleistift reiche, fällt mir ein, dass für #42 bereits eine Nachricht hinterlegt ist, von gestern Nachmittag. „Von so ner komischen Puppe“, wie mein Chef bei der Übergabe meinte. Während sie nun eine erneut eine Notiz verfasst, lässt sie endlos weiterläuten, den Hörer eingeklemmt zwischen Schulter und Wange. Endlich gibt sie auf.

„Ist schon spät“, sage ich und versuche zu retten, was zu retten ist. Irgendwie tut sie  mir leid. Ihre Augenlider flattern, als würde sie versuchen ein aufsteigendes Sodbrennen niederzukämpfen.

„Ja, aber der erwartet mich“, sagt sie, und fängt sich schnell wieder. „Geben Sie mir bitte einen Briefumschlag.“

Auch wenn sie relativ aufrecht an der Rezeption steht, ihre Haltung verrät: Sekt gesoffen. Sie reicht mir den Umschlag zurück.

„Sie sorgen dafür, dass er ihn bekommt.“

Dann sagt sie noch „danke“ und „tschüss“ und ist weg, im Fahrstuhl verschwunden. 40 Sekunden weiter. Es schellt. Sie steht im Erdgeschoß an der Sprechanlage.

„Ja, ich bin’s. Ich hab das Trinkgeld vergessen. Würden Sie sich das bitte aus dem Fahrstuhl holen? Ich schicke ihn hoch in den elften Stock. Okay?“

„Oh ja, natürlich. Danke.“

Dann stöckelt sie davon, in den Nebel der Nacht. Ich begebe mich in den Vorraum zu den Fahrstühlen und warte, dass einer sein Kommen ankündigt. Als es Gong macht, schiebt sich die Türe auf und auf dem Boden des Aufzugs liegt ein nagelneuer, frisch dem Geldautomaten entnommener Zehner.

Der König pfeift, als er sich bückt.

*

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