Trinkgeld

24. September 1994, Nachtdienst

In Köln ist Photokina, das Turmhotel ausgebucht. Lediglich ein Doppelzimmer ist auf den letzten Drücker storniert worden. Bis Mitternacht habe ich alle Hände voll zu tun und insgesamt zirka eine ruhige Minute. Zimmerschlüssel herausgeben, Wecklisten anfertigen und wieder ändern, Telefonate durchstellen, Gäste zum Parkdeck dirigieren, Minibars auffüllen, kleine Snacks rausgeben, blöde aus dem Fenster stieren. Der Nebel ist so dicht, dass sich die Innenstadt von der Rezeption im elften Stock aus nur erahnen lässt. Lediglich die Passats der Zivilbullen sind halbwegs gut zu erkennen, selbst in dunklen Toreinfahrten. Nebelnacht ist Bullennacht.

Um halb drei beginne ich den Frühstücksraum einzudecken. Für 70 Gäste Frühstück vorbereiten dauert seine Zeit. Wurst, Käse, Kochschinken schneiden, Buffet aufbauen, Tische decken. Es ist richtig Arbeit. Ich frage mich manchmal, wie das geschehen konnte. Dass man mich am Arsch gekriegt hat mit regelmäßiger Arbeit. Aber wahrscheinlich hält es auf Dauer kaum einer aus, mit Mitte zwanzig auf der faulen Haut zu liegen. Das schaffen nur die besten. Und zu denen scheine ich nicht zu gehören, nicht was das Drückebergen betrifft.

Ja, wenn man nicht aufpasst, führt einen das Leben in gräuliches Fahrwasser, Freunde!

Und weiß Gott, ich habe versucht, der Lohnarbeit aus dem Wege zu gehen. Ich gehörte zu denen, die erst gar keinen Beruf ergriffen haben, um sich soviel Zeit wie möglich freizuschaufeln, die sich voll und ganz ihrem Vergnügen gewidmet haben, die bis in den Mittag schliefen und aus dem Maul müffelten. Bis das Deutsche in mir doch noch die Oberhand gewann. Das Deutsche, das einem wie ein Papagei auf der Schulter hockt und einflüstert: Wer in diesem Lande lebt, wer hier auf- und weiterwächst, der muss nützlich sein. Und so wurde ich, weil mir auf die Schnelle nichts besseres vor die Füße fiel, Nachtportier. Da konnte ich wenigstens weiterhin bis in den Nachmittag schlafen.

Wie immer, wenn in Köln Photokina ansteht, kommen die Leute aus aller Welt. Allein Fujifilm aus Tokio hält eine Etage belegt. Es schellt. Auf dem grobkörnigen Monitorbild, das den Haupteingang im Erdgeschoß im Blick hat, erkenne ich ein Paar, Arm in Arm. Der Mann winkt fröhlich in Richtung Überwachungskamera.

„Hallo Herr Droese“, sag ich in die Gegensprechanlage.

„Hallo Meister! Noch’n Zimmerchen da?“

Droese kommt grundsätzlich in Begleitung seiner pferdescheuen Geliebten, die keinen Ton redet. Niemals hab ich von ihr auch nur einen Piep gehört.

„Ein Doppel kann ich noch verkaufen, Herr Droese“, sag ich. „Da haben Sie aber Glück heut Nacht.“

Per Summer öffne ich die Tür im Erdgeschoss und schaue per Monitor zu, wie die beiden Arm in Arm im Gebäude verschwinden.

Wenig später kündigt ein Gong den Aufzug an.

„Morgen Meister!“ dröhnt es im gnadenlosen Neonschein der Rezeption. „Das beste Zimmer für den alten Droese! Und nich so ne Bumsbude!“

Das ist sein Standardspruch. Das beste Zimmer! Und nich so ne Bumsbude! Immer das gleiche. Droese ist in Ordnung. Er schiebt ordentlich Trinkgeld rüber. Diesmal einen Zehner. Fürs erste.

„Für Sie, Herr Droese..“, sage ich verschwörerisch, als ich den Schlüssel vom Haken nehme, „..wie immer die Suite.“

Er weiß natürlich, dass im Turmhotel ein Zimmer wie das andere ist. Vor Vergnügen schlägt er mit der Faust auf den Tresen, dass die Klingel einen Hopser macht und seine Geliebte aufschreckt. Dennoch, irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas ist anders heut Nacht. Da erst sehe ich es. Es ist in seinem Gesicht.

„Sie tragen eine neue Brille“, sag ich erstaunt. Ein Riesending. PVC. Schwarz.

Droese nimmt meine Huldigung entgegen.

„Neue Brille, gut hingeguckt, Meister! Wenn ich vorm Badezimmerspiegel stehe, denke ich jedes Mal, das ist Roy Orbison!“ dröhnt er, und seine Geliebte kneift ihm in den Hüftspeck. „Ich war ja ein Riesen-Fan von Roy Orbison, als ich jung war“, fährt Droese fort. „Den hab ich richtig verehrt. Aber wenn du älter wirst, bist du kein Fan mehr von irgendwem. Wenn du älter wirst bist du froh, wenn du dich selber gut findest.“

Droese lacht, und haut mit der flachen Hand auf den Tresen.

*

In Zimmer 46, vierzehnte Etage, wohnt eine weitere Saufnase, Herr Hofmann. Auch er hat, genau wie Droese und seine Geliebte, mit der Photokina nichts am Hut, muss aber den überteuerten Messetarif berappen.

Der Chef hat mir bei der Übergabe extra gesteckt, dass Hofmann sein Zimmer stets nur gegen Vorkasse bekommt, plus 30 Mark Kaution für die Mini-Bar. Das sind die undankbarsten Jobs für einen Nachtportier. Wenn man eine unpopuläre Entscheidung verkünden muss, die man selber nicht zu verantworten, aber auszubaden hat. Dabei ist Herr Hofmann gar nicht so verkehrt. Auch er lässt gegen Mitternacht 10 Mark Trinkgeld rüberwachsen, damit ich seiner Perle und ihm ein Taxi rufe.

„Und wenn eine Frau Ritter anruft, sagen Sie, wir sind auf dem Weg.“

„Okay. Kein Problem“, sag ich und stecke den Zehner ein.

Zwei Stündchen später sind sie zurück. Seine Begleiterin ist etwas verlegen. Ich schätze, sie kommt aus Polen, irgendwie aus der Ostblockecke. Ihre raue Gesichtshaut, vom Licht der Rezeption noch verstärkt, wirkt wie eine Peelingmaske mit überhöhter Keimzahl. Ein Reptil.

„Sagen Sie, wir möchten mit Ihnen gerne noch einen Piccolo trinken“, sagt Hofmann mit eher ängstlich auf männlich-feste getrimmtem Vibrato. Die Polin blickt weg, mit einem verdeckten Lächeln. Was haben die beiden vor? Einen Dreier? Im Stehen? In der Wäschekammer?

„Das ist nett“, sag ich, „aber ich trinke nachts keinen Alkohol.“

Das stimmt sogar. Manchmal lässt sich mit der Wahrheit am besten herausreden. Herr Hoffmann akzeptiert meine Absage und schiebt mit seiner Begleitung ab. Die scheint ganz froh zu sein, dass ich auf das Angebot nicht eingegangen bin.

Weiter mit Tische eindecken. Da es im Frühstücksraum lediglich 42 Sitzplätze gibt, muss für 28 Gäste nachgedeckt werden. Das ist ein fließender Prozess. Ab sechs Uhr kann gefrühstückt werden, und sobald ein Gast fertig ist, decke ich bzw. die Frühschicht oder das Zimmermädchen den Platz neu ein, bis irgendwann alle siebzig Gedecke aufgetragen und abgefressen sind.

Das Eindecken der Tische beginnt rituell mit dem Verteilen der Papierservietten. Eine luftig-leichte Angelegenheit, als würde man 42 Damen mit Federboas ausstatten. Es schellt an der Rezeption. Auf dem Monitor erkenne ich eine Frau, sie steht im Erdgeschoss an der Gegensprechanlage.

„Ja bitte?“

„Ja guten Morgen. Ich möchte zu Herrn Hilger.“

Bevor ich etwas sage, mache ich einen Moment Pause, weil es gleich vier Uhr in der Nacht ist, mitten in der Woche, mitten in der Tiefschlafphase, wer empfängt da noch Besuch..? Da fällt mir ein, dass es genau diese Frauenstimme gewesen ist, die eine halbe Stunde zuvor angerufen hat und Herrn Hilger auf Zimmer 42 sprechen wollte.

„Weiß der denn Bescheid, dass Sie kommen?“ frage ich.

„Natürlich. Ich werde erwartet.“

Na schön. Ich drücke per Summer die Türe im Erdgeschoß auf, und widme mich wieder meinen Tischen im Frühstücksraum.

Es dauert keine Minute, da klingelt es an der Rezeption.

„Sagen Sie, der Herr Hilger, welche Zimmernummer hat der nochmal..?“ fragt die Frau. „Irgendwas mit drei..“

„Moment“, sag ich und schaue zur Sicherheit auf dem Belegungsplan nach. „Zimmer 42.“

„342“, verbessert sie mich.

„Nein. 13. Stock, Zimmer 42..“

Dann will sie los. Sie trägt eine Art Kostüm aus Blaser und Rock, mit schwarz-weißen Karos.

„Kann ich da mit dem Fahrstuhl rauffahren?“

„Natürlich. Aber dann müssen Sie Herrn Hilger erst anrufen, damit er zur Zwischentür kommt und Ihnen aufschließt. Sonst stehen Sie da oben vor verschlossener Tür.“

„Oh. Ja, gut. Welche Nummer muss ich wählen..?“

Auf der Rezeption befindet sich ein Extra-Apparat für Gäste, die intern im Haus telefonieren wollen. Ich wähle erst die 13, dann die 42, und gebe ihr den Hörer. Sie nimmt ihn entgegen, und lässt läuten. Ich beobachte sie von hinten. Sie starrt auf den Apparat. Sie ist groß, Mitte zwanzig, gepflegt, französisch kurz geschnittenes Haar, der Rock hat einen Schlitz, rot lackierte Fingernägel. Nicht hübsch, aber bestimmt. Wenn sie einmal weiß, was sie will, lässt sie nicht locker, da ist es auch nicht entscheidend, was die andere Seite will. Ihr Wille geschehe. Sie lässt 24mal durchläuten. Dann dreht sie sich zu mir um.

„Geben Sie mir mal was zu schreiben, ich hinterlasse eine Nachricht.“

Als ich um den Tresen herumgehe und ihr einen Bleistift reiche, fällt mir ein, dass für #42 bereits eine Nachricht hinterlegt ist, von gestern Nachmittag. „Von so ner komischen Puppe“, wie mein Chef bei der Übergabe meinte. Während sie nun eine erneut eine Notiz verfasst, lässt sie endlos weiterläuten, den Hörer eingeklemmt zwischen Schulter und Wange. Endlich gibt sie auf.

„Ist schon spät“, sage ich und versuche zu retten, was zu retten ist. Irgendwie tut sie  mir leid. Ihre Augenlider flattern, als würde sie versuchen ein aufsteigendes Sodbrennen niederzukämpfen.

„Ja, aber der erwartet mich“, sagt sie, und fängt sich schnell wieder. „Geben Sie mir bitte einen Briefumschlag.“

Auch wenn sie relativ aufrecht an der Rezeption steht, ihre Haltung verrät: Sekt gesoffen. Sie reicht mir den Umschlag zurück.

„Sie sorgen dafür, dass er ihn bekommt.“

Dann sagt sie noch „danke“ und „tschüss“ und ist weg, im Fahrstuhl verschwunden. 40 Sekunden weiter. Es schellt. Sie steht im Erdgeschoß an der Sprechanlage.

„Ja, ich bin’s. Ich hab das Trinkgeld vergessen. Würden Sie sich das bitte aus dem Fahrstuhl holen? Ich schicke ihn hoch in den elften Stock. Okay?“

„Oh ja, natürlich. Danke.“

Dann stöckelt sie davon, in den Nebel der Nacht. Ich begebe mich in den Vorraum zu den Fahrstühlen und warte, dass einer sein Kommen ankündigt. Als es Gong macht, schiebt sich die Türe auf und auf dem Boden des Aufzugs liegt ein nagelneuer, frisch dem Geldautomaten entnommener Zehner.

Der König pfeift, als er sich bückt.

*

IMG_20171212_0002_NEWTURM-HOTEL

Raubüberfall auf Nachtportier

Nachtdienst im Turm-Hotel. Die fünfte Nacht hintereinander. Die Zimmer sind fast ausgebucht, in Köln ist Photokina ’94. Ich bin völlig groggy. Erst gegen drei Uhr ist Ruhe. Ich will mich im Büro hinter der Rezeption eine Runde aufs Ohr legen, da schellt es. Auf dem Überwachungsmonitor erkenne ich eine Person. Ein Mann. Er lehnt im Erdgeschoß an der Eingangstür, ohne Gepäck, so weit ich das sehe.

“Mh ja..”, melde ich mich mürrisch über die Gegensprechanlage.

“Haben Sie noch was frei heut Nacht? Und wie teuer?”

“Ein Einzel hab ich noch, ja”, brumme ich. “Hundertfünfzig, mit Frühstück.”

„Hundertfünfzig??“

„Ja, Messepreise.“

“Gut.. ja… Machen Sie mir auf?”

img_20160817_0001_turmhot

Per Summer drücke ich die Tür auf, und während der Typ in den Aufzug steigt und in den elften Stock unterwegs ist, zieh ich mir die Birkenstocksandalen vom Chef an und warte schlecht gelaunt. Die fünfte Nacht ist die schlimmste. Ich bin so geschlaucht vom Schlafentzug, dass ich kaum noch mitkriege, was um mich herum geschieht, denn als ich aufschaue, steht der Knabe schon da. Ich hab weder den Gong des ankommenden Aufzugs noch seine Schritte gehört. Er bleibt einen Meter vor der Rezeption stehen, seltsamerweise.

“Hallo..”, sagt er.

Irgendwie kommt der Typ mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich ihn hinstecken soll. Kann sein, dass er schon mal hier gewesen ist, dass ich ihm ein Zimmer verkauft habe. Oder ich kenne ihn aus anderen Zusammenhängen, hier aus der Stadt vielleicht. Keine Ahnung. Einheimische übernachten aus den dubiosesten Gründen im höchsten Hotel am Platze. Meine Frau lässt mich nicht rein, sie hat ihren Stecher da. Alles schon vorgekommen.

“Hallo”, grüße ich knapp.

Wieso kommt der nicht näher ran. Er bleibt einen Meter vor der Rezeption stehen. Das tun für gewöhnlich nur Leute, die sich kurz erkundigen wollen, was so ein Zimmer überhaupt kostet, ob Frühstück im Preis inbegriffen ist, ob es Rabatt gibt, wenn man im Voraus bucht oder länger als ne Woche bleibt, solche Leute. Die nur mal ne Frage haben. Aber die kommen nicht nachts um drei.

Und die Blicke der Leute flackern nicht so unruhig. So gereizt.

“Kann man bei euch nur gegen Vorkasse übernachten?”

Direkt liegt Ärger liegt in der Luft. Es ist diese Formulierung, dieses bei euch, kann man bei euch nur gegen Vorkasse übernachten, diese kaum verhohlene Aggression, und, mehr noch, es ist dieser Blick. Mit diesem Blick stimmt etwas nicht. Dieser Blick ist kalt, und er schnüffelt.

“Ja”, sag ich, “nur gegen Vorkasse. Sonst geht gar nichts.”

“Was ist mit einem Scheck?”

“Nein”, sage ich, “Scheck geht nicht.”

“Und wenn ich meinen Personalausweis hinterlege und das Geld später bringe?”

“Haben wir alles schon gehabt. Da hat auch jemand seinen Ausweis hinterlegt und ist nie wieder aufgetaucht. Der liegt heute noch hier, der Ausweis. Tut mir leid.”

Ich klinge schon wie mein eigener Chef, elfter Stock, Zimmer 13, rechts den Flur runter. Um die Kosten zu drücken, hat das Ehepaar aus dem Sauerland die Mietwohnung gekündigt und ist ins eigene Hotel gezogen. Folge: die beiden geräumigen Doppelzimmer, die sie nun bewohnen, können nicht mehr vermietet werden. Sie fehlen beim Umsatz. Die Rechnung geht nicht auf.

“Und warum kein Scheck?”

Ich zucke mit den Schultern. “Order vom Chef.”

Plötzlich geht alles ganz schnell. Er zieht am Reißverschluss seiner Wildlederjacke und greift in die Innentasche.

“Was würdest du sagen, wenn hier drunter eine Waffe wäre? Was würdest du sagen..?”

Was ist denn jetzt los? Wieso duzt der mich? Haben wir mal nebeneinander an der Bar gestanden? Ist das ein Spiel?

“Was ich dann sagen würde..? Weiß nicht. Was schon. Ich würd dir nicht glauben.. glaub ich.”

Etwas in ihm baut sich auf. Versteift sich. Aus einer vagen Idee wird ein Entschluss: Er setzt einen Schritt auf die Rezeption zu und zielt auf mich, mit etwas, das ich nicht sehen kann, weil er es in seiner Jackentasche versteckt hält. Vielleicht ist es eine Banane, vielleicht ein Messer, mit dem er auf mich zielt. Eine Pistole. Eine Smith and Wesson, Kaliber 38. Es läßt sich nicht erkennen.

“Ich hab hier eine Knarre und du rückst jetzt die Kohle raus.”

Ich weiß nicht, ob ich den Kerl ernst nehmen soll. Er macht einen stocknüchternen und unberechenbaren Eindruck. Er ist einen halben Kopf größer als ich, stämmig, blonder Bürstenhaarschnitt, kantiges Gesicht. Drei Tage-Stoppeln. Die Waffe in seiner Jackentasche wirkt auf mich mal komisch, so als strecke er nur den Zeigefinger lang, und mal authentisch, dann sehe ich den Lauf einer 38er Special, die sich gegen das Futter der Jacke drückt.

Kann doch sein, denk ich. Es sind genug Bekloppte unterwegs.

“Mach keinen Scheiss”, sag ich, “lohnt doch nicht.”

“Rück die Kohle raus! Und nur Scheine! Keine Münzen!”

Ich lasse die Kasse aufspringen und trete einen Schritt zurück.

“Na, dann komm um den Tresen rum und nimm dir das Geld selbst raus”, höre ich mich sagen, doch das passt nicht in sein Konzept, sein Blick bleibt stur auf mich gerichtet.

“Nein.. Du gibst mir die Kohle.”

Ich hab selbst keinen Plan, was ich mit meiner Aktion bezwecken will. Zeit gewinnen? Doch Zeit wofür? Dass er plötzlich Kniepäugelchen macht, ätsch, war alles bloß ein Spaß? War nur ein Gag? Vorsicht Kamera?

“Jetzt mach schon!“ Er wird ungeduldig. “Nur die Scheine! Kein Wechselgeld!”

Ich greife in die aufgezogene Schublade der Kasse und packe alles, was an Zehnern, Zwanzigern und Fünfzigern in der Kasse ist, auf den Tresen. Es sind vielleicht fünf, sechshundert Mark.

“Die Hunnies auch!”

“Hier sind keine Hunnies. Kannst dich ja selber überzeugen. Hier.. komm rum. Sind nur noch Münzen drin.”

Während seine rechte Hand weiterhin in der Jacke ausharrt, klaubt er mit links die Scheine vom Tresen und stopft sie umständlich in seine Hosentasche.

“Ist dir klar, dass du für die paar Mark in den Bau gehst? Das ist doch bescheuert.”

Er hält einen Moment inne. Scheint plötzlich selbst zu realisieren, was er hier veranstaltet. Ich versuche die Situation zu nutzen.

“Pass auf, du gibst mir die Kohle wieder, steigst in den Aufzug und verschwindest – und Schwamm drüber. Vergessen wir die Geschichte.”

“Geht nicht. Ich brauch das Geld.” Seine Augen sind unruhig, sie laufen Hürden. “Das ist das erste Mal, das ich so was mache..”

“Dann lass doch den Quatsch.. und gib mir die Kohle zurück.. Ganz einfach.”

Tatsächlich greift er in die Hosentasche und knallt einige Scheine, die er zu packen kriegt, auf den Tresen der Rezeption. Bestimmt zweihundert Mark. Eher mehr. Damit hab ich nicht gerechnet. Er schwitzt im Neonschein der Rezeption.

“Den Rest auch noch”, fordere ich so sanft wie möglich.

“Nee.. geht nicht. Den Rest brauch ich.”

“Wofür?”

“Ich muss nach Düsseldorf. Ich brauche das Geld.”

“Mach dich doch nicht unglücklich, Mensch, für die paar Mark”, wiederhole ich mich, doch die Situation ist festgefahren. Er fängt sich und droht, in der nächsten Nacht wiederzukommen und mich abzuknallen, sollte ich sofort die Bullen rufen, sobald er gleich weg ist.

“Ich bin ein scharfer Hund, pass bloß auf..! Wehe, du drückst Alarm, bevor ich weg bin, dann..”

“Hier gibt’s keinen Alarm”, sag ich unwirsch und verschwinde nach hinten ins Büro, um meinen Tabak zu holen. Das ist ein Raubüberfall, denke ich überrascht. Was mach ich hier eigentlich?

Eine rauchen mit dem Räuber?

“Kann ich mir eine drehen?” fragt er.

“Was..? Klar”, sag ich und lege den Tabaksbeutel auf die Rezeption. Er zögert, dreht sich aber keine. Wahrscheinlich, weil er dazu die Waffe aus der Hand legen müsste. Oder was auch immer er da in der Hand hält..

“Ich hau jetzt ab. Ruf nicht die Polizei.”

“Nicht die Polizei rufen? Du bist lustig. Und was soll ich deiner Meinung nach meinem Chef erzählen, wo die ganze Kohle ist?”

“Das ist deine Sache”, sagt er nervös.

Wir einigen uns darauf, dass ich die Polizei erst rufe, wenn er das Hotel durch den Haupteingang im Erdgeschoß verlassen hat, plus fünf Minuten Vorsprung. Wie früher auf dem Bolzplatz. Wenn das chancenlose Team ein paar Tore Vorsprung bekam. Und dann trotzdem 2:8 baden ging.

“Fünf Minuten Vorsprung”, sagt er.

“Okay”, sag ich. “Das ist fair.”

“Aber wenn du die Bullen rufst, bevor ich weg bin, komm ich morgen wieder und knall dich ab.”

Ja sicher. Er macht kehrt und stapft zu den Aufzügen. In dem Moment, als die Aufzugstür sich schliesst und der Lift mit einem Ruck losfährt, nehme ich den Telefonhörer in die Hand und wähle die Eins-Eins-Null. Der kann mich mal. Der spinnt wohl.

“Hier ist der Nachtportier vom Turm-Hotel, ich bin überfallen worden!”

“Wie war Ihr Name, bitte?”

Ich spüre, wie meine Stimme zittert, ich bin richtig aufgebracht plötzlich.

“Der Kerl verschwindet gerade in Richtung Graf-Wilhelm-Platz! Ich kann ihn sehen auf meinem Monitor, der flieht zum Taxistand! Er will nach Düsseldorf!”

“Nach Düsseldorf? Woher wissen Sie das?”

“Hat er gesagt!”

Ich beschreibe ihn mit knappen Worten, stämmig, groß, blond, (in den 30er Jahren wäre er Hitlers Leibwache geworden), (oder Palastwache im blonden Ägypten), und höre im Hintergrund, wie die Personenbeschreibung direkt über Funk weitergegeben wird. Ich leg auf und laufe den Flur runter, klopfe an Zimmertür 13, Ehepaar Plümacher.

“Ich bin.. überfallen worden! Aufmachen!”

Es dauert einen Moment, ich höre Stimmen, ein Poltern, dann erscheint der Chef im Bademantel, verpennt.

“Was ist los..?”

“ICH BIN ÜBERFALLEN WORDEN.”

“Ja äh..? Sind Sie okay? Haben Sie die Polizei schon gerufen? Einen Moment..”

Ich laufe in den Frühstücksraum, von wo man den perfekten Panoramablick über den beleuchteten Graf-Wilhelm-Platz und den Taxistand hat. Dort steht eine Reihe Taxis, vom Täter keine Spur. Zwei Streifenwagen kommen angerast, mit Blaulicht und Sirene. Gleichzeitig klingelt es im Hotel Sturm. Ich eile zur Rezeption. Vier Leute auf dem Monitorschirm, eng beieinander.

“Kripo Wuppertal. Machen Sie bitte auf..”

Zivilbullen. Ich drück per Summer die Tür im Erdgeschoß auf und laufe zurück in den Frühstücksraum, zur Live-Übertragung. Der Chef ist mittlerweile ebenfalls eingetroffen. Er steht neben mir, steckt sich eine Kippe an. Wir werden Zeuge, wie Polizisten aus einem Streifenwagen springen und den Gesuchten vom Rücksitz eines Taxis zerren, (sein kurzes blondes Haar blitzt auf, schlohweiß im Licht der Laternen), und wie einer der Beamten den Würgegriff ansetzt.

„Ist der das?!“ ruft mein Chef. “Guck mal, der kotzt!”

Eine Stunde später, auf dem Revier. Ich mache meine Zeugenaussage. Beim Täter ist keine Waffe gefunden worden, erfahre ich. Es ist fünf Uhr mittlerweile. Die Beamten sind müde, die Stadt schläft. Selbst der Funkverkehr schweigt. Das gestohlene Geld, beziehungsweise das, was er mir nicht zurückgegeben hat, vielleicht 250 Mark, muss sich der Knabe noch schnell in die Backentaschen gestopft haben, als die Streifenwagen aufs Taxi zurasten. Daher der Würgegriff des Polizisten.

“Respekt”, sage ich am Ende der Vernehmung zu dem Beamten, der mir gegenüber sitzt. “Da waren fast nur Zehner und Zwanziger in der Kasse, ich mein, das muss man erstmal alles ins Maul reinkriegen..”

Der Wachtmeister guckt erstaunt auf.

„Stimmt.“

(Und wer weiss, vielleicht kann ich ja später mal sagen: „Bei dem hab ich auch schon mal in die Knarre reingeguckt!“)

Beim Verlassen des Präsidiums fällt mir jäh ein, dass ich noch ein Pack Heroin in der Tasche habe. Es ist sechs Uhr früh. Wenn jetzt ein Drogenhund seinen Dienst beginnt und mir zufällig auf dem Flur begegnet, hab ich die Arschkarte gezogen, denk ich, als mir der diensthabende Beamte am Empfang per Summer die Tür aufsperrt.

Johnny

„Ach, Sie sind ein Schreiberling!? Das ist ja interessant. Hochinteressant! Was schreiben Sie denn?“

Ich war hauptsächlich ein Quatschkopf. Warum zum Henker konnte ich mein Maul nicht halten. Hatte ich gar nichts gelernt? Nichts war schlimmer als ein Vertreter im billigen Sakko, der von Schlafstörungen getrieben spät abends um die Rezeption herumwieselte und nur auf seine Chance lauerte, den Nachtportier in ein Gespräch zu verwickeln.

„Oder studieren Sie? Was studieren Sie denn?“

Ich tat so, als schliefe ich während ich den Kerl anstarrte, aber das brachte nichts. Er liess nicht locker. Als Generalvertreter von billigen Frisör-Scheren war er es gewohnt, den Fuß nicht zurückzuziehen, wenn er ihn einmal in der Tür hatte. Und nicht nur das. Jetzt schob er auch den Rest des Körpers hinterher. Das Knie, das Zeugs untenrum, den Rumpf.

„Ich habe während meines Studiums auch nachts gejobbt. In einem Heim für Schwererziehbare. Meine Herren, ich könnte Ihnen Sachen erzählen..“

Prüfend schaute er mich an, doch jetzt ließ ich ihn auflaufen und legte meinen abweisendsten Blick auf.

„Das war eine harte Prüfung, aber Studentenjahre sind keine Herrenjahre, nicht wahr? Ha-ha-ha!“

„Ich studiere nicht“, entgegnete ich düster.

„Nanu. Dann machen Sie das hier als Nebenjob? Verdienen sich etwas dabei, ja?“

„Nein. Ja. Also, ich mein.. nein, ich ähh schreibe.“

Und da waren wir nun. Ich schreibe! Die finsterste Kombination von zwei Wörtern, die mein Hirn mir jemals untergeschoben hat. Dieser Gewebeklumpen. Dieses.. Fasel-Areal. Während ich hinter der Rezeption stand und meine Schwätzwunden leckte, freute sich der Vertreter wie ein Saalkandidat, dass er mich drangekriegt hatte.

„Ein Schreiberling! Ja, was schreiben Sie denn schönes? Artikel?“

„Geschichten“, ächzte ich.

„Geschichten? So Novellen? Wer hätte das gedacht. Kinder, Kinder! Da trinkt man nichtsahnend sein Bierchen an der Rezeption, und als was entpuppt sich der Portier? Ein Schreiberling!“

Er hatte sein Ziel erreicht. Er war mit beiden Beinen in meinem Salon, markierte den dicken Max und – wusste plötzlich nicht mehr weiter. Die nächste Viertelstunde, die ich unter Hochdruck abschwieg, zog sich endlos hin, bis es ihm endlich zu bunt wurde und er sich beleidigt auf sein Zimmer zurückzog.

„Weckruf bitte für sechs dreißig“, bekam er gerade noch raus.

Dann kam Johnny.

Johnny, untersetzter Ire um die Dreißig, besuchte mit fünf Landsleuten einen Lehrgang in einer traditionsreichen Solinger Maschinenbaufirma. Johnny war eine Marke für sich. Er hatte diesen Bulldozergang, er nuschelte, er schielte, und in der Früh, wenn er den Essensraum betrat, zog er eine Schnapsfahne hinter sich her, breit wie eine Brautschleppe.

Es war jede Nacht das gleiche mit den Burschen. Kehrten sie ins Hotel zurück, die halbe Innenstadt leergesoffen, dann immer einzeln und im Abstand von jeweils fünf Minuten. Und der letzte, der sich an der Rezeption den Schlüssel abholte, war Johnny. „Too much beer..“ nuschelte er, „..focking too much“, mehr war aus ihm nicht herauszukriegen. Es sei denn, es war Samstagnacht und er war noch besoffener als sonst, dann geriet er auf dem Weg zum Fahrstuhl schon mal ins Stolpern und fiel „The hell with tomorrow!“ krakeelend in den offenen Lift.

Auch zum Frühstück um halb Sieben trudelten die Iren stets nacheinander ein, nie gemeinsam. Zuletzt Johnny. Er wackelte ratlos vor dem Buffet hin und her, bis ich ihm sein Kännchen pechschwarzen Tee brachte, mit drei Zwei-Kammer-Beuteln drin, die er extra von daheim mitgebracht hatte. Das Zeug roch wie Teer, wenn er frisch aufgetragen wird als Straßenbelag. Allenfalls wie Pattexdampf. Aber nicht wie Tee. Er nahm am Tisch seiner Kumpels Platz und verputzte ganz allein ein Körbchen weich gekochter Frühstückseier.

Einmal unterlief mir ein Fauxpas. Weil die Eier auf dem Buffet ausgegangen waren, musste ich kurz vor Feierabend auf die Schnelle zwanzig Stück nachkochen. Dummerweise hatte ich die Eieruhr aber auf zwei Minuten eingestellt statt auf fünf, was in der morgendlichen Hast weder der gerade einmarschierenden Chefin noch der tumben Küchenmamsell mit den blauen Bäckchen aufgefallen war. Warum auch. War ja meine Sache.

Ich wollte also gerade die Jacke anziehen und mich in den Feierabend verabschieden, da kam Johnny grinsend zur Rezeption und präsentierte ein flüssiges Frühstücksei, wobei ihm der Dotter schon zwischen den Finger herlief und auf den Tresen sickerte.

„Looks like an omelette..“, griente er.

Seit diesem Morgen duzten wir uns.

„Hi Andy.“

„Hi Johnny.“
Einige Nächte später, es wurde schon hell, saß ich im Büro vorm Fernseher und kabelte so vor mich hin, als ich plötzlich die Aufzüge rattern hörte, unterlegt von abartigen Gesängen, die entfernt an eine Nikolausfeier erinnern, auf der Geschlossenen im LKH.

Das Merkwürdige: Die Lämpchen über allen vier Aufzügen blinkten hektisch auf, was bedeutete, dass jeder Lift auf jeder einzelnen der vierzehn Etagen stoppte und die Türen aufgingen. Die Folge war eine Kakofonie von Ding Dongs. Darüber dieser schaurige Minnegesang, der jedoch klar aus den oberen Etagen kam, nicht aus den Fahrstühlen.

Irgendwie passte das hinten und vorne nicht zusammen. Es war natürlich gut möglich, dass die irischen Alkoholiker im breiten Schädel sämtliche Knöpfe in den Aufzügen gedrückt hatten, aber das erklärte nicht diesen schwer gestörten Singsang. Okay. Genug gehört.

Ich nahm das Treppenhaus.

Je höher ich stieg, desto lauter wurde es. Ganz oben, im 14. Stock, stieß ich die schwere Stahltür zum Hotelflur auf, und – ja, wen hatten wir denn da? Die Iren, allesamt in Unterhose und Socken, die Arme ineinander verschlungen, am grölen. Davor kniete Johnny und schoss ein infernalisches Erinnerungsfoto mit Blitzlicht. Es herrschte solch ein Lärm und Durcheinander, es wunderte mich, dass noch keiner der Hausmeister aufmarschiert war.

Das Turm-Zentrum, von dem das Turm-Hotel nur ein Teil war, beschäftigte drei davon: einen Hausmeister, einen Hauswart und einen Hausinspektor, und alle drei Herrschaften führten sich auf wie die Nummer eins, jeder hatte seine eigene Dienstwohnung im Gebäude.

Der Hausmeister war kaum zu sehen. Er erledigte seinen Job wie nebenbei. Es gibt Menschen, die werden von ihren Müttern wie nebenbei geboren, sie führen ein Leben wie nebenbei und wenn es soweit ist und sie unter die Erde kommen, ist das auch eher Nebensache.

Der Hauswart war ein Einfaltspinsel. Nun ist es aber so: Wenn Einfaltspinsel einen Job ergattern, der ihnen ein Minimum an Macht garantiert, blühen sie auf. Sie stolzieren mit konsequent durchgedrücktem Kreuz durch die Gegend, als hätten sie jederzeit gut geschissen, und wenn sie vor einem stehen und man bittet sie freundlich, die Türe aufzuschließen, rasseln sie erstmal eine Viertelstunde mit dem Schlüsselbund bis sie endlich den richtigen Schlüssel finden.

Blieb noch der Hausinspektor. Der machte nicht viel Worte, hatte aber stets ein waches Auge auf mich als kiffenden Nachtportier und schritt in grüner Kniebunthose, Kniestrümpfen und Wanderschuhen durchs Treppenhaus. Er war mir unheimlich. Er war groß und stabil und führte diesen Dobermann an der Leine. Der trug zwar einen Maulkorb, doch das machte es nicht besser. Im Gegenteil. Was ist durchgeknallter als ein Dobermann mit Maulkorb, der von seinem neurotischen Herrchen, einem Haus-Inspektor in grünen Kniestrümpfen, an der kurzen Leine durchs Haus gezogen wird.

Wie auch immer, lange würde es nicht mehr dauern und einer der drei Hausmänner würde auf der 14. Etage auflaufen. Das war offensichtlich.

„Hey! You must be quiet! People are sleeping..!“ versuchte ich den Nachtsheriff raushängen zu lassen, vergeblich. Irgendwie wollte mir das keiner abnehmen. Ich schätze, das Leuchten in meinen Augen war einfach zu verräterisch.

„Oh, come on, Andy! Let’s drink to our health!“

Immerhin gelang es mir die Bande in Johnnys Zimmer zu lotsen, wo ich sie die nächste Dreiviertelstunde unter Kontrolle hatte und mitfeierte. Es gab Bier, es gab Whisky, ich drehte eine Tüte. Einer der Iren hatte Geburtstag. Sein Name ist mir entfallen, aber nicht das Bild, wie er da in seiner Unterhose auf dem Koffer hockte, die Augenbrauen hochgekämmt wie ein besoffener Ur-Vogel. Ich nannte ihn fortan nur the crazy kormoran.

In der anschließenden Freiwoche traf ich die Iren beinah jeden Abend am Tresen. Wir soffen uns gegenseitig unter den Tisch und erzählten uns irgendwelche Schoten, ich spreche ja ein fabelhaftes Schulenglisch, wenn ich einen im Kahn habe, zum Teil liquid like an Omelett.

Ich erkundigte mich, ob Johnny zufällig einen Namensvetter in England hatte, einen alten Knaben, der 1946 im Seebad Bournemouth als Soldat diente. Mein Vater hatte uns Kindern oft von diesem Johnny erzählt, der ihm in der Kriegsgefangenschaft begegnet war. Bei den Tommies, wie er die Briten stets respektvoll nannte. Bei den Tommies mit dem fussigen roten Haar.

Deutsche Kriegsgefangene arbeiteten am Strand in einer Kolonne. Zehn Burschen, alle um die 17, die Hitler im letzten Moment an die Front geschickt hatte, wo sie glücklicherweise in Gefangenschaft geraten waren. Ihre Aufgabe bestand darin, Strandbefestigungen abzubauen. Ein englischer Soldat wurde ihnen zur Seite gestellt, das war Johnny, Anfang zwanzig und immer einen Riecher für ein gutes Geschäft.

Eines Tages schlugen ihm die deutschen Jungs vor, aus den am Strand angespülten Jutesäcken Sommerschuhe zu fertigen und an die britischen Urlauber zu verkaufen. Um provisorische Strandschuhe herzustellen, musste man die Säcke aufschneiden, den Sand auswaschen und in der Sonne trocknen lassen. Dann die Sackleinen aufriffeln und neu flechten bis daraus eine Schuhform entstand, inklusive Leisten. Englische Rentner, die an der Promenade saßen, sahen den Prisoner of War (POW) schweigend bei der Arbeit zu.

Was den Verkauf betraf, so wurde Johnny prozentual am Gewinn beteiligt, und die Sommerschuhe verkauften sich blendend. Johnny fürchtete sich nur vor den Häschern des eigenen Militärs, er durfte ja keine Geschäfte mit dem POW machen. Außerdem, das leuchtete ein, konnte er schlecht mit dem geschulterten Karabiner durch den schweren Sand stiefeln und nebenbei Schuhe verhökern, das machte ihn verdächtig. Also ließ er das Gewehr fortan im Bauwagen stehen, der den Kriegsgefangenen als Aufenthaltsraum zur Verfügung stand.

So zog Johnny mit einer ausladend großen Sporttasche voller Sommersandalen über den Strand und verkaufte sie an nichtsahnende Einheimische, während die POW im Bauwagen saßen, Schuhe zusammenkloppten und über eine Knarre wachten, mit ausgeklapptem Bajonett. Noch 40 Jahre später kriegte mein Vater sich nicht ein, wieviel Vertrauen Johnny in ihn und seine Kameraden gesetzt hatte. (Am Bauwagen selbst hing nach einer Weile eine Tafel mit dem Tagesangebot aus: Clarks, 30 Pence.)

Davon erzählte ich Johnny, dem Iren, aber ich glaube, er verstand nicht eine Silbe. Irgendwann nahm er mich beiseite und fragte seinerseits, beinah schüchtern, ob ich etwas „hash“ klarmachen könne. Nur eine kleine Ecke.

„One bloody corner, no problem!“ rief ich und hörte mich um. Irgendein Spinner hatte ja immer was auf der Tasche. Nachdem ich eine kleine Ecke organisiert hatte, gingen Johnny und ich sofort vor die Tür, eine Purpfeife durchziehen. Was heißt ziehen. So gierig, so ausgehungert hat man nie wieder einen Menschen an meiner Roten Zora nuckeln gesehen wie an diesem Abend. Ich fürchtete schon, mein Metallpfeifchen würde in Johnnys Lunge verschütt gehen, so kräftig und fintenreich inhalierte er den Rauch.

Nach drei Monaten Lehrgang hieß es Abschiednehmen von den Irish Boys. Heim nach Limerick!  Johnny hatte ich noch einen dicken Brösel besorgen müssen, darauf hatte er quasi bestanden, zwanzig Gramm Roten Libbi, schließlich war der Shit in Irland doppelt so teuer wie bei uns.

Einen Tag vor dem Rückflug konnte Johnny kaum damit aufhören, meine Hand zu schütteln, mich zu drücken, die Schulter zu klopfen. Er roch schlimm nach Schnaps und weichen Eiern. „You write a book, I write a Postcard!“ Ich hab nie wieder von ihm gehört.

Nettes Volk, dieser Johnny.

*

Endgültige Version