Schulschluss

Das letzte halbe Jahr ging ich nicht mehr hin. Ich hatte die Nase voll von der Anstalt. Ich war nicht versetzt worden in die 12. Klasse, eine ganz unnötige Geschichte, wegen einer 6 in Philosophie, einer 5 im Leistungskurs Bio sowie einer 5 in irgendeinem beknackten Nebenfach, Sozialkunde glaub ich.

Am Ende der Sommerferien versemmelte ich die Nachprüfung, wobei es gereicht hätte, in Bio auf 4 minus zu kommen, doch Vogel-Uli, der hagere Bio-Pauker, der mich auf den Tod nicht ausstehen konnte, („Glumm, Ihre ausgeprägte Ahnungslosigkeit erstaunt“), verweigerte mir das Upgrade.

In der neuen Klasse kam ich nicht zurecht, mir fehlten die bekannten Gesichter, die mich von der Sexta an begleitet hatten, die neue Klasse konnte mit mir nichts anfangen, die Lehrer hassten mich für meine die Atmosphäre verpestende Passivität (Vogel-Uli), kurzum, nichts ging mehr, und ich nicht mehr hin.

Morgens stand ich auf, wenn auch selten zur ersten Stunde, packte ein paar Schulsachen ein, nicht zu viele, damit die Tasche nicht zu schwer wurde, zwei Butterbrote, und machte mich auf die Socken. Die Zeit vertrödelte ich zum grössten Teil in der Stadt. Ich strich durch die Plattenabteilungen der Kaufhäuser, saß in den nahen Malteser Gründen. Ab zehn, halb elf war ich im Stonns Fuot, einer zweistöckigen winzigen Hardcorekneipe, gleich neben dem Tchibo. Ab und zu trank ich Bier, doch meist hockte ich einfach am Tresen und guckte zur Glastür hinaus. Ich wartete, dass Bekannte und Freunde kamen, ich wartete, dass James, der Wirt, gute Musik auflegte, ich wartete auf den dicken Hellmann, der mit seinem Hintern kaum auf den Hocker passte und wie unrasiertes dickes Ungeziefer aussah. Eigentlich wartete ich darauf, dass es endlich Mittag wurde, Schulschluss, und ich nach Hause konnte.

Wenn ich ein bißchen zu kiffen hatte, verdrückte ich mich ins Grüne. Einmal saß ich auf der großen Wiese, die Bauer Pott gehörte und Potts Wiese hiess. Von Potts Wiese aus hatte man einen grandiosen Panoramablick über die Wupperberge, bis rüber nach Wuppertal-Cronenberg und Remscheid. Ein warmer Wind strich durchs hohe Gras, Pferde schnaubten in der Nähe. Ich fühlte mich blass in der Sonne und seltsam frei. Ich holte ein Schulheft heraus und begann zu schreiben.

“Ringsum entblößen sich die Käfige..”

schrieb ich, so begann das Gedicht. Das war die erste Zeile. Ich schaute auf. Das war der Tag, an dem ich beschloss, Dichter zu werden. Meine Eltern wussten nichts davon, dass ich nicht mehr zur Schule ging. Dass ich schon seit Monaten nicht mehr dagewesen war. Ich war volljährig, ich hatte meine Entschuldigungen eine Zeitlang selbst geschrieben bevor ich auch das gelassen hatte. Als der graue Brief vom Gymnasium kam, fielen meine Eltern aus allen Wolken, schlugen hart auf. Warum hast du nie etwas gesagt? Warum bist du so ein Heimlichtuer geworden? Nimmst du Drogen? Was soll werden? Vielleicht ein Dichter, sagte ich. Ein Schreiber. SCHREIBEN? rief Vater. Er war nicht mal böse, es war nur, er hatte mich nicht verstanden. Vielleicht auch nicht, sagte ich. Vielleicht auch Trinker. Ich brauche erst mal Ferien. Ich fahre weg. Nach Portugal. An die Algarve. Wo es schön warm ist. Hier ist auch warm, sagte Mutter. Ja, aber nicht schön warm. Du redest Unfug, sagte Mutter. Karlos fährt mit, sagte ich.

Karlos war schon lange aus der Schule raus und schlief bis mittags. Manchmal kam er den ganzen Tag nicht aus dem Bett und hörte Klaus Kinksi-Schallplatten in seiner verqualmten Mansarde. Und er las meine Gedichte. Er schrieb selber welche. Es konnte losgehen. Bloß – was? Manchmal saßen Karlos und ich schon nachmittags in den Malteser Gründen, zwischen verbeulten Trinkern, und tranken. Eine Palette Karlsquell war die übliche Einheit, 24 Dosen Bier, die billigste Marke.

Wir lernten eine Menge schräger Figuren kennen, wie den zwei Meter großen Hennes. Ein herzensguter Penner um die Fünfzig, der noch das letzte Stückchen Fleischwurst mit dir teilte. Wenn er voll war, und er war dauernd voll – gefangen im Korntext – begann Hennes Lieder aus der Heimat zu schmettern und zu schunkeln. Er stammte von der Mosel, war auf Weinfesten groß geworden. Das mit dem Schunkeln wurde schnell zum Problem, weil er alle Mann mit sich riss. Mehr als einmal purzelten wir wild durcheinander, Weinflaschen stürzten zu Boden und zerschellten, es gab Tränen.

Sein Pennplatz war irgendwo hinter Wermelskirchen, kilometerweit entfernt. Oft schaffte er es abends nicht bis zum Unterschlupf, weil kein Bus mehr fuhr und sich niemand erbarmte, ein besoffenes Riesenbaby mitzunehmen, das lallend am Strassenrand stand. Dann fiel er einfach um und schlief ein, egal wo.

Auch wenn Hennes die Pranken und das Kreuz eines Preisboxers hatte, er war lammfromm. Wenn er von seiner Kindheit erzählte, flennte er wie ein Bengel, der etwas angestellt hatte und nun der Mutter beichtete. Ich konnte nicht genug davon bekommen, ihn anzusehen. Er hatte große treue Hundeaugen und mochte es, die Leute in seine gewaltigen John Wayne-Arme zu schliessen und an sich zu drücken.

Uff, stöhnte Karlos und duckte sich gekonnt unter ihm weg.

Einmal zeichnete sich ein frischer Pissfleck auf Hennes‘ Hose ab, groß wie ein Basketball. Wisst ihr, warum Männer lauter Unfug machen? krächzte er besoffen. Warum soviel Unglück und Leid in der Welt ist? Weil alle Männer Weltmeister sein wollen! Keiner will Vize sein!

Geschlossen prosteten wir dem Champ zu.

Plattendieb

Da saß ich nun halbwüchsig am Radio, bewaffnet mit Tapedeck und Stereokopfhörern und schnitt die Neuerscheinungen mit, die es aus London und New York ins deutsche Radio geschafft hatten. Doch bei aller Liebe zum Hitachi-Cassettenrecorder, der mir viele Jahre die Treue hielt, es ging nichts über die Krone der Popmusik, über das Vinyl, über Singles und Langspielplatten.

Weil das Taschengeld aber nicht ausreichte und es in der Stadt nicht genug abonnierte Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um all meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe.

Das Klauen von LP’s war schon Routine geworden. Ich wurde mit der Zeit richtig frech, ich machte nicht mehr viel Federlesen. Kurz umgeguckt, die Platte untern Arm geklemmt – und rausmarschiert.

Aber das Herzklopfen blieb. Das Herzklopfen und die sagenhafte Erleichterung, wenn ich das Geschäft verlassen hatte und niemand folgte mir. Das war der Kick überhaupt. Das war wie Sex, auch wenn ich damals noch keine Ahnung davon hatte. Es war wie Sex vorm ersten Sex. Das Nicht-erwischt-werden. Das Immer-mehr-wollen. Das Noch-mal-wollen.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich mittags aus der Schule kam und durch die Stadt trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es, wenn Schulkameraden fragten, was ich eigentlich nach der Schule in der Stadt trieb.

Kleine Fachgeschäfte wie das Zakk am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Plattenmarkt war, zur Orientierung sozusagen. Zum Stehlen war es mir dort zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung. Ausserdem kannte man die Mitarbeiter in kleinen Läden mit der Zeit zu gut, man entwickelte eine Beziehung zu ihnen. Das war nicht gut. Leute, die man kannte, beklaute man nicht so schnell. Man bekam Skrupel. Das war die nächste Lektion: entweder man freundet sich mit jemand an, oder man beklaut ihn. Beides kann man nicht haben. Nicht zur selben Zeit.

Das Zakk gehörte einem lässigen Macker aus Remscheid, der im langen beigefarbenen Kaschmirmantel zur Arbeit erschien und einen klapprigen alten Maserati fuhr. Er war die coolste Sau, die ich kannte. Er hatte stets einen Geheimtipp auf Lager und lächelte schon von weitem, wenn er mich kommen sah. Wie sollte man so einen Menschen bestehlen. Es war zum Mäusemelken. Gute menschliche Kontakte vermasselten einem das kriminelle Geschäft. Gangster durften keine freundschaftlichen Beziehungen pflegen. Jedenfalls nicht zwischen Plattendieb und Einzelhändler.

Meist war es so. Hatte ich im Zakk genug Informationen gesammelt, was sich auf dem Plattenmarkt tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags eine Weile in den Platten wühlte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Allerdings mit Beute unterm Arm. Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich ein As. Niemand sah mich, wenn ich nicht gesehen werden wollte, trotz wallender Mähne. Ich guckte woanders hin und zog die Blicke, die mich eben noch beobachtet hatten, einfach ab. Ich flog unterm Radar, wenn die Situation es erforderte.

Meine Mutter drückte sich einmal so aus: „Mit deinem Bruder kann ich mich streiten, bis die Fetzen fliegen, mit dir geht das nicht. Du bist glitschig wie ein Fisch, man kann dich nicht packen. Jedes Mal, wenn man glaubt, man hat dich endlich zu packen gekriegt, macht es flutsch – und du bist wieder weg.“

Die Gräfin: „Man legt sich voller Vertrauen zu dir nieder und lässt sich massieren, du machst es gekonnt, mit viel Gefühl und warmer Hand, und kaum ist man so richtig schön weggesackt und lässt sich verwöhnen, macht es rackkk! und deine scharfen Fingernägel schneiden sich ins Fleisch. Und wenn man sich dann umblickt und losschimpfen will, guckt man in die treuherzigsten Augen, die keiner Fliege was zu leide tun.“

„Echt..? Ist wahr? So eine linke Sau bin ich?“

„Genau.“

Am schönsten stehlen war im Kaufhof. Von der Plattenabteilung im Erdgeschoß bis zum Ausgang hieß es genau einmal um die Säule herum, schon war man draussen auf dem Mühlenplatz. Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich mein Diebesgut möglichst rasch und sicher raustragen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um mich in Sicherheit zu wiegen und irgendwann voll abzukochen, nämlich dann, wenn man gar nicht mehr damit rechnete, beim Klauen erwischt zu werden – na, mein Gott, ich war fünfzehn, ich wusste von solchen Sauereien noch nichts. Ich war ein kleiner Plattendieb. Ein Vinylgauner.

Eine meiner ersten Lieblings-Singles war Paranoid von Black Sabbath. Auf dem Cover waren ein paar Kerle mit unglaublich langen Haaren, und da war diese hallige verrückte Stimme, die mir sofort gefiel. Sie schien direkt aus einer schwarzen Comic-Fabrik zu kommen, und der Song war rasend schnell, ein Speedboot, das Haken schlug. Die B-Seite The Wizard war genauso gut. Auch wenn da keiner sang.

Noch heute schlummern Tausende LP’s aus den 70er Jahren auf meinem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt. Ich nahm nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge.

“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagt die Gräfin, “so abschätzig, wie du sie behandelt hast.”

Damit liegt sie nicht ganz falsch. Wenn ich mir früher (schön) einen runterholte, passierte es immer wieder, dass die Schlacke achtlos auf einer am Boden liegenden Platte landete und die Rille verstopfte – ein pointiertes kleines weißes Unwetter. Hach, Popmusik, herrlich.

All die achtlosen Angelegenheiten.

Ich war sechsundzwanzig und in der Spätphase meiner Pop-Besessenheit, als ich die Gräfin 1987 auf einem Theaterabend kennenlernte. Zwar nährt die Popmusik mich bis heute mit Schwärmerei, (und ich muss ständig mit Schwärmerei genährt werden, sonst wird mir langweilig), doch ich bin längst nicht mehr so verrückt wie früher. Ich muss eine Platte nicht mehr unbedingt meinem Besitz hinzufügen wollen, höre ich sie irgendwo zum ersten Mal. Ich kann eine Nummer auch einfach mal geniessen, ohne gleich abzuchecken, wie ich an sie rankomme.

Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George, eine verwässerte Hommage an das Original von Ken Boothe. Ein wunderbar schlichter Reggae: eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille – und hinterm Küchenschrank kriecht ein Ohrwurm hervor, groß wie ein Gecko.

Das war’s.

*

An dem Tag, als ich erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb jäh endete, es war im Frühsommer 76, gab es im Zakk am Eiland einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich mir gerne einverleibt hätte, doch weder im Karstadt, noch im Kaufhof waren die Platten schon eingetroffen. Als ich im Kaufhof stand, hatte ich keine Lust ohne Album abzuziehen und entschied mich notgedrungen für eine LP von Stephen Stills. Einen Song von seinem neuem Solo-Album hatte ich im Radio gehört, ich mochte es nicht mal besonders.

Die Platte in der Hand bückte ich mich, las ein wenig in den Credits, jedenfalls tat ich so. In Wahrheit sondierte ich die Umgebung. Der einzige Verkäufer, der in der Musikabteilung um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes im Sinn, als ein Auge auf mich zu werfen, also ließ ich Stills locker in die Jutetasche gleiten, erhob mich und verließ das Warenhaus. Ich ging meist mit zusätzlicher Umhängetasche in die Schule, wenn wir sechs Stunden Unterricht hatten und eine Menge Sachen einpacken mussten.

„Wo hast du denn die Platte schon wieder her?“ fragte Mutter oft, wenn ich mittags eine Scheibe heimbrachte und es kaum abwarten konnte, sie zu hören.

„Geliehen“, antwortete ich knapp.

„Geliehen..? Schon wieder? Von wem?“

„Na, von Freunden.“

„Du hast aber eine Menge Freunde.“

Entscheidend war der Moment, wenn ich das Kaufhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof bot einen einzigartigen Marylin Monroe-Effekt. Man stieg über einen  rechteckigen vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft in die Höhe stieg, verbrauchte, tausend Mal gefressene Kaufhausluft. Es war eine Art Stinke-Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, ob er das Warenhaus nun betreten oder verlassen wollte.

Für mich waren es jedes Mal Schritte zwischen Himmel und Hölle, wenn ich mit gestohlener Scheibe das vergitterte Niemandsland verließ, hinaus auf den Mühlenplatz, im Ohr noch das Heißluftgebläse. Ich verschwand zügig im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch und in den Beinen, dem Gefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen.

Wenn man sich unschlagbar fühlt, passiert es. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem großzügigen City-Areal mit Grünflächen, Bäumen und Wasserspielen. Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, seine tiefe männliche Stimme, „darf ich mal in deine Tasche gucken?“ mit dem vorangestellten „Junger Mann,“ zwei Worte, die alleine schon ausreichten, dass ich mich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand.

Ertappt.

Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, ich hätte gar nicht klauen müssen. Ich klaute mehr und mehr aus Gewohnheit und wegen des Gefühls der Befreiung, wegen dem Kribbeln, dem Aufatmen, wenn es gut gegangen war. Wegen des Sex. Nachdem ich erwischt worden war, klaute ich sehr lange Zeit nichts mehr, nicht mal eine kleine Salmiakpastille am Büdchen, das Erwischtwerden hatte mir jegliche Lust am Mopsen verhagelt.

Den Moment vorm Kaufhof hatte ein Bekannter verfolgt, ein junger Pole. Ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo er mit uns Fußball spielte. Sein entgeistertes Gesicht sehe ich heut noch vor mir:

Du klaust..? DU? Warum klaust du?!

In den folgenden Jahren liefen wir uns gelegentlich über den Weg. Wir nickten uns kurz zu, das letzte Mal Anfang 2000, und immer noch war da dieser überraschte Ausdruck, für immer festgefroren in seinem knochigen Gesicht, rübergerettet aus dem Jahre 1975: Du klaust? Warum klaust du?

Na, weil ich noch keine zehntausend Scheiben für den Dachboden zusammen hab, du Depp!

Juli 1977, Chalon-sur-Saône

Nachmittags besuchte ein Teil der Gruppe eine antike Burganlage. In dem Gemäuer war es schön feucht und schattig, doch nach einer Weile wurde Pepe und mir langweilig, wir seilten uns ab. Ich hatte den kleinen schwarzen Cassettenplayer von Grundig dabei, ein Monogerät, mit dem wir uns abseits der kopfsteingepflasterten Wege im Gras niederließen und Groovin‘ hörten.

Ich hatte den Song auf einer verstaubten Langspielplatte meiner Eltern entdeckt, Spitzenreiter 1967, und gleich drei Mal hintereinander aufgenommen. Ein Hippie-Klassiker, hemmungslos altmodisch, mit Vogelgezwitscher und Ah-haa-haaa-Chorus, leicht wie der Atem, der um eine Mundharmonika streicht, bevor er das Instrument entert. Pepe schloss die Augen und lächelte, und ich schaute Pepe beim Lächeln zu, in der endlosen Sonne von Burgund.

(Als Karlos um die Ecke kam, lächelte er.)

Dass ich Groovin‘ gleich drei Mal hintereinander aufgenommen hatte, war Taktik. Wir konnten den Hals nicht vollkriegen von Dingen, die uns gefielen. Wir waren sechzehn und strukturell süchtig, bevor wir überhaupt nur eine Ahnung davon hatten, was Sucht bedeutete: endlose Wiederholung nämlich

endlessly groovin‘.

Couldn’t get away too soon.

The Young Rascals, Groovin‘ (Original 1967)

*

Juli 1977, Jugendaustausch. Mit zwanzig Jungs und Mädchen aus dem Haus der Jugend ging es nach Chalon-sur-Saône in Burgund, einer Partnerstadt von Solingen. Weil das örtliche Maison de L’Enfance zu klein war, hatte man uns in einem neu gebauten College in der Rue Jules Ferry einquartiert. Wir belegten eine ganze Etage, jeder hatte sein eigenes Zimmer, mit Blick auf einen Park mit künstlich angelegtem See. Es war komfortabel wie im Hotel, mit dem Unterschied, das wir tun und lassen konnten, was wir wollten, die Betreuer logierten ein Stockwerk tiefer.

Außer Pepe und Karlos war auch der Mitsubishi Boy mit von der Parie, der zumeist irgendwo im Schneidersitz herumsaß und auf der Gitarre schrammelte. Ein schüchterner gutaussehender Bursche, ein echter Beau. Wir waren in der selben Schulklasse und holten uns nach Schulschluss schon mal gegenseitig einen runter.

Dann war da noch dieser ungewaschene Knabe, der selbst bei 30 Grad im Schatten einen Deutschland-Parka trug und den alle nur Fischkopp riefen, (nach einer Weile auch die Franzosen, Fichköp), und da war Mickes, unser Houdini der Ironie, der jeden Morgen den Frühstücksraum mit der gleichen gespielten Überraschung betrat: „Jessas..!“ rief er, sobald er am Buffet die üblichen Marmeladentöpfchen und den Korb voller Baguettes zu Gesicht bekam, „Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!“ Dabei machte er die gleiche gelangweilte Geste, mit der ein Magier das Kaninchen aus dem Hut zaubert.

Gegen Ende der Ferien ging Mickes zu „Orangeade, Kinder, Waaaahnsinn!“ über, bis er am Tag der Abreise das monotone Konfitüren- und Weissbrot-Fiasko ein allerletztes Mal auf den Punkt brachte, „Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!“

Natürlich hatten sich auch Mädchen für die Fahrt angemeldet, doch aus unserer Clique war lediglich Gudi an Bord, die Perle von Karlos. Eine leidenschaftliche Rothaarige, schwer okay und immer hilfsbereit, wenn einer von uns Jungs eine Latte hatte, die er partout nicht gebändigt kriegte. Pepe und ich waren frei, unsere Mädchen waren daheim geblieben. Keine Keule, kein Geheule, sangen wir, no woman no cry.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Einmal waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen.

Ein Sommerabend auf dem Land, eine lange Tafel in einem gemütlichen Baumhof, umgeben von hohen Hecken. Die Spezialität der Region, Poulette de Bresse, wurde aufgefahren, und es gab ausnahmsweise sogar etwas Tafelwein für uns. Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.

Als es dunkel wurde, hörten wir ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine. Das fiel schon deshalb auf und brachte den Tisch zum Schweigen, weil sonst nichts als das Zirpen der Grillen zu hören war, so still war es auf dem Land. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den hohen Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Ganz trocken. Zu hören war nur dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße, ein Sound, der nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte.

Dann Stille. Kein Aufprall, kein bums, bloß Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und die Reifen drehen sich über einem in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich Fackeln, die im Garten verteilt brannten, und eilten vom Grundstück. Noch bevor die Ambulanz und die Gendamerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult.

Der Motorradfahrer war von einem Nachbarhof gekommen, und er war sofort tot gewesen.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, „ich dachte, der erstickt doch!“ „Nicht anfassen!“ schrie unsere Betreuerin. Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie „Mama!“ und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert.

„MAMAAA..!!“

Eins der einheimischen Mädchen vom Maison de L’Enfance hieß Christine. Ein sehr stilles Mädchen, der Blick seltsam verloren. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Erst wurde getuschelt, sie habe einen Selbstmordversuch hinter sich, dann hieß es plötzlich, sie sei abhängig von Heroin. Wir waren baff. Heroinsüchtig mit fünfzehn, ging das überhaupt? Wir konnten es kaum fassen. Die junge dunkelhaarige Christine barg ein Geheimnis, war von etwas Dunklem, Unerklärlichen umgeben, doch insgesamt, wenn man darüber nachdachte, schien sie nicht gerade das Wesen vom anderen Stern zu sein, das Heroinsüchtige für uns darstellten. Wir kannten das nur aus der Zeitung.

Alle wollten Christine helfen. Einer jungen Französin, die vielleicht nicht die schönste war, bestimmt aber die charmanteste im ganzen Departement. Besonders unsere deutschen Mädels waren vom Helfersyndrom infiziert und mobilisierten all ihre Kraft. Sie saßen zusammen und tuschelten. Sie tüftelten einen Turboentzug aus, mit viel Wandern und Schwimmen. Und wenn Christine clean war, wollten sie auch anderen französischen Drogensüchtigen helfen. Es gab erste Pläne für ein Schlampenwohnheim und Therapiehäuser, rund um Chalon.

Christine ahnte nichts von all dem. Sie trug Boots und ein lässiges blaues Jungshemd, bei dem die oberen zwei Knöpfe fehlten. Sie hatte schwere Burgunder Brüste, die sie nicht versteckte, aber auch nicht wirklich zur Schau trug. In ihrem Blick war etwas ängstliches, scheues, andererseits sehnte sie sich nach Freiheit, wollte niemandem gehören, nur sich selbst. Sie war Raubkatze und sie war Wärmflasche, wie es nur mit 15 funktioniert.

Und nicht mal ihre beste Freundin Joline schien zu wissen, wie es um Christine stand, was mit ihr nun wirklich los war.

Es gibt Fotos aus dem heißen Sommer 1977, als der Punk über die Welt kam, die gleichzeitig mit Elvis Presley ihren König verlieren sollte, in den kommenden, noch heißeren Augusttagen, und es gibt Fotos aus Chalon. Auf einem sitzen wir mit ein paar Leuten auf der Treppe der Kathedrale St. Vincent. Ich mit blonder Löwenmähne, an einer Gauloises saugend, lege den Arm um Karlos, und mein Blick schweift in die Ferne, während Karlos, blaue Turnschuhe, Blue Jeans und schulterlanges blondes Haar, mit offensiven Spielfilmblick in die Kamera blickt. Und exakt in der Bildmitte sitzt Christine, den Kopf gesenkt, hypnotisch-selbstvergessen, eine Fremde in der eigenen Heimat.

Sie sprach kaum je ein Wort. Schien nie wirklich anwesend zu sein, war allein mit ihrem traurigen kleinen Weltschmerz. Sie wirkte älter als die gleichaltrigen Französinnen, denen man bei allem, was sie taten, schon die spätere Ehefrau ansah, die Mutter von zwei Kindern, die pharmazeutisch-technische Assistentin, die Staranwältin, die es, vielleicht, nach Paris schaffen würde, und dann mit 41 auf den Straßenstrich von Lyon.

Bald stellte sich heraus, das wir etwas falsch verstanden hatten. Das passierte häufig. Wir sprachen kein Französisch, die Franzosen sprachen kein Deutsch, und ihr Englisch klang wie ein dünner Unterwasserdialekt. Nicht Christine hatte einen Selbstmordversuch unternommen und Heroin probiert, no no no, die Gefährtin ihres großen Bruders war es gewesen, eine Haschischdealerin.

Als Pepe das hörte, fuhr er sämtliche Antennen aus. Haschisch, das war sein Zauberwort 1977. Sofort machte er sich an Christine heran, radebrechte und versuchte es mit Händen und Stift, er gab alles, und schließlich war es getan. Er überredete Christine, ein wenig Haschisch zu besorgen. Er selbst hätte auch einen großen Bruder, argumentierte Pepe, der auch unentwegt Haschisch rauchte, da müsse man doch zusammenhalten, er blätterte im Schulwörterbuch: coopération, Madmoiselle! International!

Noch am selben Tag brachte Christine Pepe einen kleinen Brösel vorbei, wollte ansonsten aber nichts damit zu tun haben. Sofort scharte Pepe die Leute um sich, mit denen er das Piece zu verbraten gedachte: Ole und mich. Ole, ein hochgewachsener langfüßiger Schreinergeselle, von dessen Schultern aus ich in einer Nacht-und Nebel-und Neuf Pastis-Aktion das Straßenschild Rue de la Banque in der Altstadt von Chalon abschraubte. Vermutlich war auch Karlos zum Rauchen eingeladen, doch der war in diesen Sommerferien kaum präsent, er hatte ja seine Puppe mit.

Gleich am Tag der Ankunft im College hatte er seine Matratze rüber ins Zimmer von Gudi geschoben, und da blieb sie für den Rest des Monats. Nur gelegentlich verließen die Beiden  das Zimmer für kleinere Ausflüge in die Mensa, um sich zu stärken.

Nahe der Rue Jules Ferry gab es diesen kleinen See, den Lac des Pres Saint-Jean, von den die Einheimischennur Le Grand Mare genannt. Um den führte ein Rundweg, und da irgendwo sollte das Haschisch verputzt werden, so wurde es beschlossen. Für mich war es Kiffpremiere, aber das behielt ich für mich. Das musste ja nicht jeder wissen. Der Legende nach hatte ich nämlich bereits im Sommer zuvor, als ich mit meinen Eltern in Zeeland im Urlaub gewesen war, fünf Gelsenkirchener Hippiemädchen kennengelernt, mit denen ich eine dicke Pfeife durchgezogen hatte. Das stimmte sogar, oder doch beinahe, jedenfalls fast, nur dass ich das Inhalieren des Rauches nur simuliert hatte, als ich an der Reihe war, und dann die Pfeife schnell weitergegeben hatte.

Ich war doch nicht bekloppt, hör mal.

Jetzt  aber, in Chalon, gab es kein Zurück mehr. Wir saßen zu dritt am Seeufer. Pepe baute die Tüte, überraschend fachmännisch klebte er die Papers aneinander. Da man den Park erst vor kurzem angelegt hatte, war die Bepflanzung des Geländes eher spartanisch, man wurde das Gefühl nicht los, unter Beobachtung zu stehen. Überall Augen. Kameras.

Christine hatte Pepe noch gewarnt, bloß nicht draußen am Grand Mare zu rauchen, wegen der vielen Flics, die dort angeblich in zivil herumspazierten, gedrillt auf  das Aufspüren von deutschen Haschischrauchern. Dementsprechend hektisch rauchten wir den Joint weg. Als Ole kurz vor dem Filter nochmal an der Reihe war, japste er nervös: „Da kommen Leute!“, und wir zerstreuten uns in alle Winde, als hätten wir Gott-weiß-was angestellt und Leichenteile in einer Pfeife verfeuert. Ich rannte links um den See herum, Pepe und Ole in die andere Richtung. Ich wurde erst langsamer, als klar war, dass mir niemand folgte. Außer Puste verließ ich das Seegelände und tapperte angekifft in die Welt aus Pharmarcie- und Tabac-Reklame, merkwürdig befangen.

Pepe fand ich in dem Bistro um die Ecke. Er stand am Flipperautomat und ließ ungerührt die Kugel gegen das Glas knallen. Ich sah ihn nur von hinten und machte kehrt, bevor er mich entdeckte. Ich flüchtete ins College. Ich wollte allein sein, mit diesem merkwürdigen Himmel in mir. Zum Glück kam mir niemand entgegen, dem ich irgendetwas hätte erklären müssen.

Ich ging auf mein Zimmer mit der Nummer 46, verriegelte die Tür und fiel aufs Bett. Ich hörte das Blut rauschen in den Ohren, in der Ferne die Autobahn. Als es Abend wurde, kamen Leute an die Tür und klopften, riefen meinen Namen, ich antwortete nicht. Ich lag einfach da. Ein bleierner Hunger machte sich breit. Irgendwann schlief ich ein, bei sperrangelweit geöffnetem Fenster. Ich wollte Geräusche hören, unbedingt, die ganze Nacht, auch im Schlaf, und ich mein, klar, da war ja auch ordentlich Kapazität.

*

Der kleine Wiegand war mit 14 Jahren der jüngste, er war Messdiener in einer katholischen Gemeinde. Er hatte noch nie eine Zigarette geraucht oder ein Bier getrunken, er lehnte strikt jede ungesunde Lebensweise ab. So wie es mit 14 schon mal sein kann, bevor es losgeht. In Frankreich hatte der kleine Wiegand zum ersten Mal Sex in seinem Leben. Mit der süßen Lucienne. Die mit der kleinen Locke, die wie ein Flämmchen vom Kopf stand, die mit dem anschmiegsamen Akzent. Spätestens wenn Lucy ein bisschen herumalberte und Wiegands Vornamen flüsterte, „Volkärrr“, schmolz der Knabe dahin.

Als wir drei Wochen später zurück in Deutschland waren, wollte der kleine Wiegand kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is klar, Volker. Logisch.