3. Juli 1971: Das Pulver hochgradig rein, Morrison sturzbesoffen wie immer

Der echte Tod ist der Tod auf dem Lokus. Auf dem Lokus kommt es zur Sache, auf dem Lokus spricht der Körper Tacheles, da ist er es gewohnt, Tacheles zu reden. Da lässt jeder Körper jede Vorsicht, jede Nachsicht fahren und reisst alle Vorhänge nieder. Der Lokus ist der ehrlichste Ort im Leben eines Menschen. Wer auf dem Lokus stirbt, stirbt den Heldentod.

– Die Gräfin –

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Jim Morrison, am 3. Juli 1971 angeblich in einer Hotel-Badewanne in Paris an Herzversagen gestorben, hat es in Wahrheit wohl auf dem Lokus erwischt, in einer Pariser Diskothek, mit zu viel Schnaps und Heroin im Blut.

Schon Tage zuvor rumort und arbeitet das Datum in mir. 3. Juli, Todestag von Doors-Sänger Jim Morrison. Ich kann nichts dagegen tun, der Tag pirscht sich heran und elektrisiert mich Jahr für Jahr aufs Neue, auch wenn ich mich ansonsten weitgehend von der Rockmusik und ihren Fallstricken und Legenden verabschiedet habe. Zwar begegnen mir auch heute noch gelegentlich Bands, die mir gefallen, doch im Gegensatz zu früher bin ich nicht mehr scharf darauf, Musik in meinen Besitz zu bringen, sie mein eigen zu machen, um sie hören zu können, wann immer mir danach ist. Ist nicht mehr nötig. Ist vorbei, und ehrlich gesagt, auch wenn man seinen Musikgeschmack nicht groß verändert, nur weil man das vierzigste oder fünfzigste Lebensjahr erreicht hat, irgendwann ist es auch mal gut.

Nichts ist peinlicher als Rockkonzerte, wo es um einen herum kreischt, pfeift und klatscht wie unter zehntausend Teenagern, und wenn nach der Zugabe das Hallenlicht angeht, drehst du dich um und die Teenies entpuppen sich als kugelbauchige Mittvierziger mit ausgeleiertem Hintern, die noch mal einen draufmachen wollen.

Was wollte ich sagen. Jim Morrison, Frontmann der Doors, ist am 3. Juli 2018 siebenundvierzig Jahre tot

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„The whole thing started with Rock’n Roll – now it’s out of control.“
Ray Manzarek
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“Ich wollte einen Sound, der einem den Zahnbelag entfernt”, erklärte der 2013 verstorbene Ray Manzarek, Keyboarder der Doors und hauptverantwortlich für den unverwechselbar warmen und dunklen Sound der Band. Auch wenn Jim Morrison der erklärte Gott war, unser heimlicher Held war Ray Manzarek.
Wir, das waren Karlos und ich, und auch wenn es eine Menge Leute um uns herum gab, die auf die Doors standen, der harte Kern, die Durchgedrehten, die total Kaputten, das waren Karlos und ich.

Wir stromerten ganze Nachmittage durch die Landschaft und zitierten aus den Doors-Dokumentationen, die wir aus Paris kannten. Im 11. Arrondissement gab es zwei Spezial-Kinos, deren Programm ausnahmslos aus Dokus rund um Jimi Hendrix, Otis Redding, Janis Joplin und den Doors bestand.

In einem dieser Streifen, technisch hundsmiserabel und amateurhaft geschnitten, steigen die Doors auf einem Flughafen die Gangway runter, einer nach dem Anderen, brav wie die Entchen, aber Entchen mit langem Haar und bösen Blick. Die Szene muss 1967 gefilmt worden sein, als sie noch relativ unbekannt waren, denn nacheinander verraten die Bandmitglieder dem Mann hinter der Kamera ihren Namen.

Als letzter ist Manzarek an der Reihe.

“Raymond Daniel Manzarek”, stellt er sich vor, mit diesem herrisch-tiefen Timbre in der Stimme, importiert aus Osteuropa und in Los Angeles geschärft und zur Blüte gebracht, “born Two Twelve Thirty-Nine, Musician, Organist.”
Das kam so obercool Westcoast rüber, Karlos und ich konnten nicht genug davon kriegen. Während wir einen kräftigen Haschisch-Tee im Blut durch die Gärten unserer Heimatstadt strolchten, trat abwechselnd einer von uns vors imaginäre Mikro und verkündete das Wort, “Raymond Daniel Manzarek, born Two Twelve Thirty-Nine”, und der andere gab brummend seine Zustimmung,
„Musician, Organist..“
(Als ich mir die Szene jetzt noch mal anschaue, mit all der Abgeklärtheit eines 50jährigen, stelle ich fest, das Rays Stimme hier eher dünn rüberkommt.)

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Meine Vernarrtheit in Jim Morrison und die Doors begann im heißen Sommer 71. Ich war keine elf Jahre alt, spielte Fußball beim RSV und hörte im Radio Riders on the storm, Single-Auskopplung aus dem Album L.A. Woman. Ein Song mit Klavier und mit Gewitter und einem Donnerhall, der Regen prasselt nieder, es ist tiefe Nacht. Eine der geheimnisvollsten Aufnahmen der Popgeschichte.

Ich ging zu Radio Palenschadt am Neumarkt und fragte nach der Platte mit dem Gewitter und dem Regen. Verkäufer Max wusste Bescheid. Verkäufer Max wusste immer Bescheid. Verkäufer Max war eine Kanone. Man sang ihm die wenigen Töne einer Aufnahme vor, die man aus dem Radio eines vorbeifahrenden Cabrios aufgeschnappt hatte, nur den Fetzen der Hookline, und er drehte sich um und zog die entsprechende Platte aus dem Fach, ohne ein Wort zu sagen, ohne den dicken Max zu markieren.

Radio Palenschadt hatte ein halbes Dutzend schalldichter Einzelkabinen, in denen man Platten probehören konnte. Jede Kabine war ausgestattet mit Plattenspieler und Stereoboxen – eigentlich waren es riesige begehbare Kopfhörer.

Seit diesem ersten Probehören von Riders on the storm in der Einzelkabine bei Palenschadts bin ich verrückt nach Gewittern, die punktgenau in einen Song einschlagen, und wenn der Regen fällt wie aus Spielfilm-Giesskannen und irgendwo plätschert ein Piano, bin ich vollends hinüber.

Riders on the storm war meine erste Single, gekauft am 20. Juli 1971. Das weiß ich deshalb, weil ich diesen Tick hatte, in der unteren Ecke des Plattencovers das Kaufdatum zu notieren.

20. 7. 1971.

Ich war keine elf Jahre alt und liebte Riders on the storm, ein düsteres Machwerk und schwer wie ein Kosakenchor, aber zugleich auch federleicht. Es klang wie etwas, das man braucht, um sich im zarten Alter von zehn wie schmutzige Elf zu fühlen.

Dass Sänger Jim Morrison zu diesem Zeitpunkt bereits tot und beerdigt war, wusste ich nicht. Angeblich war er in Paris in einem Hotel ertrunken, in der Badewanne. Der herbeigerufene Arzt hatte auf dem Totenschein Herzversagen als Todesursache attestiert. Mort naturelle. Erst dreißig Jahre später brechen Zeugen der Nacht auf den 3. Juli 1971, darunter der ehemalige Nachtclubmanager Sam Bernett, ihr Schweigen und bestätigen, was unter Fans schon lange als wahre Todesursache gehandelt wird: Heroin auf zu viel Alkohol.

Demnach hält sich Morrison in den frühen Morgenstunden in der Pariser Discotheque Rock’n Roll Circus auf und kauft von zwei Kleindealern Heroin. Seine Frau Pamela ist bereits seit langem hochgradig süchtig, Morrison selbst ein Trinker, dennoch verschwindet er aufs Klo und zieht sich eine Nase. Das Zeugs ist hochgradig rein, Morrison besoffen wie immer.

Als Club-Manager Bernett, von Unbekannten gerufen, dazu kommt und ihn auf dem Klo findet, liegt Morrison bereits gekrümmt auf dem Boden, Schaum vorm Mund, Blut tritt aus der Nase, er atmet nicht mehr. Man schleppt ihn in Panik ins nahe Hotel und weckt Pamela auf, die 1974 ebenfalls an einer Überdosis Heroin sterben wird. Sie stecken Morrison in die Badewanne, lassen Wasser einlaufen und versuchen hektisch, seinen Blutkreislauf wieder auf Vordermann zu bringen.

Jeder Junkie kennt solche Situationen: Jemand droht direkt vor deinen Augen zu verrecken, und du bist breit wie tausend Russen und stehst daneben und weißt nicht, was du tun sollst. Aus Schiss vor den Bullen wird nicht mal der Krankenwagen gerufen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite schilderte mir einmal ein Junkie, der, kurz bevor er ins Leberkoma fiel, mit dem All Time-Leberwerte-Rekord von 5200 auf der Entgiftungsstation eingeliefert wurde und die dortige Scorer-Liste seither anführt. „Ich war schon nicht mehr gelb, ich war schon grün wie ein Apfel.“ Er war Ende Zwanzig und süchtig nach Nahtoderfahrungen, nach In-den-Tunnel-fahren, wie er das nannte. Wie in Indien, wo es Junkies geben soll, die sich vorsätzlich von einer Cobra beißen lassen, um stundenlang zwischen Leben und Tod zu schweben und diesen Zustand bis ins Detail auszukosten. „Wenn du das Weiße am Ende des Weges glimmen und leuchten siehst, wenn du das Ziel fast erreicht hast und erst in letzter Sekunde packt dich jemand und zieht dich zurück ins Leben, das ist der intensivste und erdigste Kick, den man als Mensch erleben kann. Das ist so grandios, das kann keine Nadel und kein Speedball, das ist mit nichts zu vergleichen.“ Tatsächlich vergrößern sich die Pupillen des Menschen im Moment des Todes in einer Weise, als würde man etwas Großartiges sehen, etwas, das einen in maximales Erstaunen versetzt.

*

Jim Morrison kehrt an diesem Sommerabend 1971 nicht zu den Lebenden zurück.
Es gibt Schwaz-Weiß-Fotos, einige Tage vor seinem Tod  aufgenommen, Ende Juni 71. Sie zeigen einen aufgedunsenen Säufer auf der Terrasse eines Pariser Cafes. Wer die Bilder sieht, ahnt: Jim Morrison hat sich totgesoffen, und ob nun an diesem letzten Abend im Rock’n Roll Circus Heroin im Spiel war oder nicht, spielt letztlich keine entscheidende Rolle. Es verkürzte lediglich sein Leiden.
*
††

 Zehn Jahre später: Der 3. Juli 1981

Zu Morrisons 10. Todestag sind Karlos, Pepe und ich auf dem Cimetière Père Lachaise im Osten von Paris verabredet. Ein Haufen Prominenz hatte sich angesagt, da durften wir nicht fehlen.
Weil Pepe arbeiten musste und nicht frei bekam vom Arbeitgeber, (seinem Vater), nahm er am Vormittag des 3. Juli den Intercity von Köln nach Paris, während Karlos und ich bereits am Tag zuvor losgetrampt waren. Zwei Jungs ohne Gepäck in anderthalb Tagen bis Paris, mon Dieu, wir hatten schon weitere Strecken in schnellerem Tempo bewältigt, und das zu dritt mit stattlichen Rucksäcken, die Totenkopf-Flagge obenauf, Pernodfahne im Hals.

Wir waren um 12 Uhr Mittags verabredet.

Pepe stand pünktlich am Grab im 6. Friedhofsbezirk des Père Lachaise und hielt Ausschau nach Karlos und mir, inmitten Tausender Fans, die zusamengekommen waren. Alle waren so verdammt pünktlich an diesem 3. Juli 1981 und stimmten a cappella My wild love an, vom Album Morrison Hotel. Selbst die drei übrig gebliebenen Doors waren aus Los Angeles angereist, mit eigenem Filmteam: Ray Manzarek, Gitarrist Robbie Krieger, Drummer John Densmore. Gerüchteweise hatte selbst Doors-Intimus Danny Sugarman pünktlich die Reise nach Europa angetreten, der alte Angeber. Jedenfalls, wer war nicht da? Wer fehlte? Wer hatte es einfach nicht geschafft? Wer war unpünktlich?

Genau.

Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns auf einer Kuhwiese in Belgien und bauten im Regen ein winziges Zwei-Mann-Zelt auf. Karlos und ich hatten versagt, wir hatten Tramper-Pech auf ganzer Linie gehabt. Kaum ein Auto hatte angehalten, und wenn sich doch mal ein Fahrer erbarmte, dann nur für ein paar Kilometer bis zur nächsten Autobahn-Abfahrt.

„Und jetzt Allez!“ (Fußtritt.)

Wir waren so down, dass wir es nicht zum Pere Lachaise geschafft hatten, wir beschimpften uns gegenseitig als Loser und Penner und miese 10-Francs-Nutte.

Die Stimmung in der belgischen Diaspora änderte sich erst, als definitiv feststand, dass wir Paris selbst dann nicht mehr pünktlich erreichen konnten, wenn uns eine Concorde aufgelesen hätte. Wir mussten es akzeptieren, wir waren Loser. Von da an ging es aufwärts mit der Stimmung, und der 3. Juli 1981 entwickelte sich noch zum schönsten 3. Juli aller Zeiten:

Karlos und ich im Matsch unweit einer vielbefahrenen belgischen Autobahn, bei Dauerregen im engen Zelt gefangen, von furchteinflössend muskulösen belgischen Fleischkühen umgeben. Diese Monster niemals aus den Augen lassend, erhitzten wir vorm Zelt auf einem kleinen Campingkocher zwei Flaschen roten Landwein, kippten ein halbes Kilo Zucker dazu und rollten einen kleinen Joint vom letzten Rest Libanesen. Wir lachten bis wir einschliefen, und als ich mitten in der Nacht mit zerfranster Kehle aufwachte, lachte ich immer noch, während Karlos draußen vorm Zelt mit den Kühen diskutierte: „Zum Mitnehmen, ja selbstverständlich, die Dame! Können Sie ruhig alles in eine Tasse packen! Ist nicht weit, nein, dankesehr, nur bis zum Zelt da vorne! Ich bedanke mich recht herzlich! Ein schönes Fest ist das hier!“

Als wir am folgenden Abend endlich Pere Lachaise erreichten, war der Friedhof bereits geschlossen und wir mussten übers Tor klettern. Weit und breit war niemand zu sehen, logisch, ich mein, welcher Penner besucht Jim Morrisons Grab am 4. Juli!

1981!

Bringt doch nichts.

Pepe war stinksauer auf uns wegen dieser Geschichte. Er rieb es uns wieder und wieder unter die Nase, seine Schilderungen von Morrisons 10. Todestag in Paris, bis es ihn selbst erwischte, Ende Juni 1987 auf dem Klo eines Cafes auf der Münchener Leopoldstrasse: eine versehentliche Überdosis Heroin.

Als er vom Wirt gefunden wurde, der sich gewundert hatte, warum die Tasse Kaffee so lange unangerührt auf dem Tresen stand, lag Pepe gekrümmt auf den Bodenkacheln und atmete schwer, Blut lief aus der Nase.

Beigesetzt wurde er am 3. Juli (!) 1987 in Hagen, neben dem Grab seiner Großeltern.

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Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

„Das wird immer schlimmer“, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. „Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?“ Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. „Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?“

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

„Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?“ Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. „WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!“

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine „32“ eingetragen hatte.

„Wieso nur zweiunddreißig Stunden?“

„Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können“, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

„So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen“, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

„Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?“

„Nee. Die steht jetzt.“

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

„Na halloo..“, flötete sie erstaunt.

„Morgen“, sagte ich.

„.. hat er sich Brötchen mitgebracht!“

Wie niedlich. „Das ist ein Schinken-Baguette“, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

„Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.“ Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

„Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..“ Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. „Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.“

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

„Nutella“, grinste sie. „Gibt Muckis.“

(Ich versuchte ein Lächeln.)

„Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?“

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

„Nee, Romane nicht..“ Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. „Eher.. Geschichten.“

„Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?“

„Nee.. aus meinem Leben.“

„Aus deinem Leben?“ Sie glotzte mich an. „Ist das denn so super spannend?“

„Nee.“

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

„Veröffentlichst du auch richtig Bücher?“

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, „in also mehr ja so Stadtmagazinen“, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

„Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..“

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

„Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst“, meinte sie. „Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.“

„Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.“

„Eben. Gut, ne?“

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

„Dann musst du morgens nur kurz durch den Park“, sagte sie. „Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?“

„Stimmt.“

„Warum nicht?“

„Was, warum nicht?“

„Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Nur so.“

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

„Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..“, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

„Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.“

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

„Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?“

„Drei.“

„Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?“

„Vier Tage.“

„Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!“

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

„So, dann wollen wir mal..“

„Und du? Seit wann arbeitest du hier?“ versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

„Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.“

„Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.“

„Ja, vielleicht.“ Sie lachte. „Ich bin die Gabi.“

„Ich der Glumm.“

„Weiß ich doch.“

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

„Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!“

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

„Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..“

„Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!“