Wie ich Mutter einmal fast die Seele verbrühte

Vater lag nach dem zweiten Herzinfarkt in wechselnden Spitälern und Therapieeinrichtungen, seit Wochen schon, und Mutter blieb allein zu Haus, das war sie nicht gewohnt. Von ihren Kuren und Aufenthalten im Krankenhaus abgesehen war er stets an ihrer Seite gewesen – die Prägefalz einer langen Ehe.

“Der muss doch gleich um die Ecke kommen”, dachte sie.

Von der schweren Herz-OP erholte sich Vater nur langsam. Er litt unter dem Durchgangssyndrom und war oft so durcheinander, dass er sich statt im Krankenhaus in Kriegsgefangenschaft wähnte. „Was kochen die Franzosen für einen scheiß Kaffee!?“ schrie er. Dass er nicht bei klarem Verstand war, setzte Mutter besonders zu. Dass er dement werden könnte. Es rührte an ihrer gemeinsamen Würde.

Wenn ich mir den Hund schnappte und sie besuchte, saß sie verloren im Eßzimmer und blickte hinaus auf die wenig befahrene Straße. Eine alte Frau mit dünnem kittgrauen Haar, die mit verweinten Augen ins Nichts starrte und jeden Tag mehr abmagerte. Sie wog bald keine fünfzig Kilo mehr. Wir alle machten uns Sorgen, wie es weitergehen sollte, niemand hatte eine Antwort. Vater kam nicht um die Ecke, Mutter baute in rasender Geschwindigkeit ab.

Eine Erkältung mit Reizhusten erwies sich als hartnäckig und wollte nicht weichen, sie hatte Rückenschmerzen. Sie hatte Probleme mit der Hüfte und dem Bauch, dem Unterbauch, ihrer Auffassung nach der Sitz der Seele. Jetzt war es die Hölle. Der Darm schmerzte, sie hatte ständig Harndrang. Nachts musste sie bis zu zehnmal raus. An Tiefschlaf war nicht dranzukommen.

Da sie so schwach war, hatte die Krankenkasse einen Toilettenstuhl spendiert. Der stand neben ihrem Bett und tat seinen Dienst, während der Rollator, den die Krankenkasse mitgeliefert hatte, als Teewägelchen gebraucht wurde.

„Die Zeit nach den Hüftoperationen war schon schwierig“, sagte sie unter Tränen, „da ging es mir schon dreckig, doch das war nichts gegen die seelischen Schmerzen jetzt. Wie soll es denn weitergehen?“

Auf Anraten der Ärzte schauten wir uns für Vater schon mal nach einem Pflegeheim um, nur für den Fall, dass er es nicht mehr nach Hause schaffen würde. Noch aber roch die  ganze Wohnung nach ihm, nach seiner Anwesenheit, und sie saß allein in den gemeinsam angeschafften Möbeln, ratlos.

„Ich weiss nicht, wo ich es suchen soll“, sagte sie.

Zeitlebens mochte ich ihre Sprache. Sie benutzte ständig wunderbare Worte wie huschhascheln, was so viel wie hin-und herräumen, kramen bedeutet. Ich kannte sonst niemanden, der huschhaschelte. Und wenn man bewusst unkorrekt behandelt wird, wenn man gelinkt wird, dann war das schofel.

Während man bei meinem Vater sicher sein konnte, dass seine Worte aus dem Solinger Platt stammten, so war das bei meiner Mutter nicht unbedingt gesagt. Sie sprach zwar ebenfalls Platt, baute aber immer wieder Begriffe aus der neuen Zeit ein. So beschwerte sie sich einmal bei mir, und das war kurz vor ihrem Tod, dass Papa einen ätzenden Rede-Flash gekriegt habe.

Um ihr einen Besuch abzustatten, wählte ich meist die Route durch die Hofschaft Klauberg. Vorbei am staubigen alten Bolzplatz, der mittlerweile von staubigem Kunstrasen geadelt ist, den Klauberg hinauf, der ein so steiles Gefälle hat, dass Radfahrer an seinem Fuße absteigen und auf einen Wagen warten, der bereit ist, sie die Strasse hoch zu ziehen.

Je näher ich Mutter kam, desto stärker duftete es nach Kindheit. Ein Kokon legte sich um die Häuser, ein Mix aus unerledigten Hausaufgaben, Füllertinte von Geha und brandneuen Schulbüchern, zu Beginn des Schuljahrs ausgegeben. Wenn ich die Klingel drückte und Mutter die Tür per Summer öffnete, liess ich den Hund von der Leine und sprang wie früher die Treppen hoch, nahm immer mehrere Stufen auf einmal, zählte die Sekunden, bis ich oben war.

(Ich kam nicht mal entfernt an alte Rekordzeiten heran. Selbst der Hund war schneller.)

„Komm rein.“

Mutter schlurfte voraus ins Esszimmer, in zu groß gewordenen Pantöffelchen, und setzte sich wieder ans Fenster. Jedes Mal, wenn ich mittags zu Besuch kam, war es das gleiche Bild. Sie saß im Esszimmer, das unser altes Kinderzimmer war, und blickte aus dem Fenster. Zur gleichen Zeit saß Vater zwanzig Kilometer Luftlinie entfernt ebenfalls am Fenster und schaute zum Krankenhausparkplatz hinunter, in der Hoffnung, dass jemand aus der Familie zu Besuch kommen würde.

Die leeren Blicke, ihr letztes Band.

Das Fenster im alten Kinderzimmer, die ruhig daliegende Schillerstrasse, es war mir nur zu vertraut. Ich war Sechzehn, als ich mir genau an diesem Fenster eine Flasche Bier aufmachte und Magnolia von JJ Cale anhörte, ein traurig flirrendes Liebeslied. Auch wenn ich gar kein Liebeskummer hatte, es war dieses tiefe Gefühl von Vergeblichkeit, das ich mochte. Die Flasche Bier fand ich auch gut.

Damit sie überhaupt etwas aß und nicht bei lebendigem Leib skelettierte, kochte ich nach Mutters Vorgaben Kleinigkeiten wie Spinat mit Spiegelei oder wir machten uns eine Pizza warm. Ich aß einen Happen mit, wir saßen am Tisch, der immer der Mittelpunkt des Familienlebens gewesen war, und unterhielten uns. Ich war heilfroh, wenn ihre Stimme Farbe bekam und nicht ins Schlingern geriet, wenn ihr Mund ein Lächeln aufbaute und sie ein bißchen zu schnattern begann, wie in besseren Zeiten, die gar nicht so weit zurücklagen, keine Seite im Fotoalbum.

Es sind stets die kleinen Dinge, die einen anrühren, die das Herz absaufen lassen. Der Anblick der vielen Falten in ihrem Hals, die übereinander lappten wie Jahresringe, ihr Geruch, eine Komposition aus Pflegemilch und warmer Frauenhaut. Und dann war da die kleine Situation nach dem Essen, als sie sich für ein Mittagsschläfchen hinlegte und ich ihr die Strümpfe auszog. Jede Bewegung, jede Drehung kostete sie Anstrengung. Ich deckte sie zu, wie ein kleines Schulmädchen lag sie da, ein kleines Mädchen mit spitzem Näschen und einer Jahrtausende alten Vogelseele.

„Ich würde gern mal mit einem Vogel tauschen, ein paar Stunden nur“, hatte sie einmal gesagt. „Einfach in der kalten Weite des Himmels unterwegs sein. Das muss doch wie auf dem Meer sein. Oder als würden kleine Kinder tanzen.“

Im Leben meiner Mutter gab es Dinge, die mussten stimmen. Wenn ich ihr Bett herrichtete, musste jede ihrer diversen Über- und Unterdecken genau an ihrem Platz sein, und wehe, das Bettlaken war nicht glatt gezogen und warf Falten. So eine Falte konnte ihr das wichtige Schläfchen am Nachmittag verhageln.

„Da krieg ich lächerliche Beine“, schimpfte sie.

„Lächerlich?“ Ich verstand nicht. „Wie meinst du das, lächerlich?“

„Kennst du das nicht? Wenn die Beine jucken, als würde man auf Zwiebackkrümeln liegen, so.. lächerlich..“

Zuvor hatte ich ihr die obligatorische Wärmflasche gemacht und den gepeinigten Rücken mit Pinimentol eingerieben. Dabei hatte ich es zu gut gemeint. Statt, wie im Beipackzettel empfohlen, einen wenige Zentimeter langen schmalen Strang aufzutragen, hatte ich ihren ganzen Rücken großzügig eingerieben.

Am frühen Abend ging das Telefon. Schon das Läuten verriet, dass etwas nicht stimmte.

„Ich konnte nicht einschlafen, so kalt war mein Rücken von dem Pinimentol. Du hast viel zu viel genommen.“ Ihre Stimme hatte den alten Drive. „Mir war so kalt, als hätte ich im Eisfach gelegen. Oder wolltest du mich tieffrieren?“

„Oh.. äh. Nein. Natürlich nicht. Aber die Wärmflasche war doch in Ordnung, oder?“

„Die Wärmflasche, ja.. Die war so heiß, es hat mir fast den Bauch verbrutzelt. Das hat richtig verschröggelt gerochen, wie eine durchgebrannte Glühbirne. Der ganze Bauchspeck war angesengt.“

„Bauchspeck? Was für ein Bauchspeck?“

Sie liess den Einwand nicht gelten.

„Außerdem war zu viel Wasser in der Wärmflasche. Erst hat es mich fast verkocht, dann wurde es ruckzuck kalt. Ich hab gefroren wie ein Schneider, hinten und vorne. Ich dachte, ich läg schon in der Leichenhalle.“

Es dauerte eine Weile, bis sie besänftigt war. Dann musste einer von uns lachen, der andere fiel ein, aber nicht sehr lange. Wir verabredeten uns für den nächsten Mittag, auf eine kleine Pizza und ein bißchen Huschhascheln.

Ein Faible fürs Ausserirdische

Unten am Klauberger Bach kommt uns Frau Heller entgegen, mit trippelnden kleinen Schritten, dahinter folgt Cara, die ruhige Rehpinscherdame. Frau Heller redet schon aus zwanzig Metern Entfernung auf mich ein.

„Ich muss aufpassen, dass der böse Mann uns nicht sieht. Der mit dem Schäferhund.“

Erst denk ich, sie macht Spaß, doch als sie vor uns steht, in ihrem rosa Mäntelchen, das Make up einmal quer durchs Gesicht gerutscht, spüre ich ihre Erregung.

„Hier läuft so ein Verrückter rum, kennen Sie den? Der hetzt seinen Schäferhund auf andere Hunde. Hab ich Ihrer Frau auch schon von erzählt. Ein Rauschgiftsüchtiger ist das. Ganz rote Augen hat der. Ein rauschgiftsüchtiger Trinker. Der schlägt auch seine Frau. Man hört so manches.“

Ich schätze, sie meint Tim, einen in der Nachbarschaft wohnenden Dauerkiffer. Tims Hund kläfft sich um den Verstand, sobald er einem anderen Hund begegnet, egal ob Rüde oder Weibchen. Ob er wirklich zubeißen würde, weiß ich nicht, aber Tim hat tatsächlich ein Problem mit der Töle, die er aus dem Tierheim hat.

Während Frau Heller spricht, mit lustig zwinkernden kleinen Augen, legt sich Cara, die Rehpinscherdame, in einiger Entfernung ab. Cara kennt das Spielchen. Wenn ihr Frauchen einmal lostütet, kann man es sich auch gemütlich machen. Warum lange in der Gegend herumstehen, mit vier kurzen krummen Beinen? Ein intelligenter Hund. Ich kenne da ganz andere Vertreter.

„Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne. Gibt bald wieder Schnee, wissen Sie.“

Sie spricht schnell und kantig, als würde sie beim Reden kleine Zwiebelchen hacken.

„Geht mir auf die Pumpe, das Wetter. Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne!? Letzte Woche ist bei mir in der Siedlung auch eine umgekippt. Nee, ist nix für mich, das Wetter. Geht mir auf die Pumpe, wissen Sie. So Kreislauf. Gibt bald wieder Schnee, am Sonntag.“

Ichl versuche mir vorzustellen, wie sie wohl als Teenager ausgesehen haben mag. Als sie tanzen ging, auf Feten. Sie muss ein Rock’n Roll-Monster gewesen sein, damals. Ein heißes Fetengerät. Man kann sie sich auch gut auf einem dieser kommunistischen knatschbunten Propagandaplakate der 50er Jahre vorstellen. Wie sie als junge Bäuerin voranschreitet, im Schlepptau zehn andere Bäuerinnen, mit glühenden KPD-Bäckchen. Fähnchen schwenkend. Terrorlächelnd.

Als sie mir das erste Mal über den Weg lief, schon einige Jahre her, das Make-up durchs Gesicht gerutscht wie ein schwerer Ausnahmefehler, da musste ich aufpassen, dass ich nicht loslachte, so verschroben kam sie rüber.
Mittlerweile freue ich mich regelrecht, sie zu sehen, die tapfere kleine Rentnerin und ihre kleine Hündin. Immer unterwegs, immer unter Dampf. Immer am quasseln.

Nicht jeder mag verrückte alte Frauen, die durch die Welt stapfen und aus vollem Hals Seemannslieder singen, natürlich. Nicht jeder hat ein Faible fürs Ausserirdische. Die Frau jagt den Leuten Angst ein, mit ihrem lauten Anderssein. Und sie ist ja nicht nur laut und schrill, sie ist auch noch: ALT. Und alte Menschen leben nicht so laut. Alte Menschen verstecken sich daheim. Alten Menschen fehlt die Kraft und die Lust, „Seemann, lass das Träumen“ durch den Wald zu dröhnen.

Sie dreht sich um und macht ein paar schaukelnde Schrittchen auf Cara zu, stoppt abrupt ab, macht kehrt. Stop and Go, das ist ihr Verkehr. Sie kann nicht anders. Sie springt von Thema zu Thema, wie ein Eichhörnchen. Wenn man Geduld hat und lange genug wartet, kehrt Frau Heller irgendwann zum Ursprungsthema zurück.

„Haben Sie den Bekloppten heut schon gesehen, mit seinem Schäferhund? Der ist kriminell. Der ist rauschgiftsüchtig. Und dann lacht der immer so dreckig, wenn er uns sieht. Sagt zu seinem Hund, der soll sich Cara schnappen und auffressen. Das ist ein Krimineller. Der nimmt Rauschgift. Der läuft doch immer hier rum. Der hat ganz rote Augen. Müssen Sie aufpassen. Böse Menschen gibt es, nicht?“

Tim hat mir kürzlich von der verrückten Alten mit dem kleinen Hund erzählt, die ihm abends dauernd übern Weg läuft.

„Die glaubt, mein Hund frisst ihren kleinen Kacker. Die ist voll bräsig, die Alte.“

Frau Heller trägt merkwürdig festes Schuhwerk, eine Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh. Ihr Haar ist laubrot gefärbt, auch der verblichene Mantel ist mal rot gewesen, jetzt ist er zahnfleischrosa. (Wenn man nicht mehr viel Zahnfleisch hat, diese Art Rosa.) Dann ist da die Handtasche, die sie vor sich herträgt wie einen heißen Kochtopf, gerade von der Feuerstelle genommen. Die Handtasche ist in Hundekreisen berühmt für die selbstgemachten Getreideplätzchen, die darin lagern. Nur dass Frau Müller ihre Leckerchen nicht so liebevoll verfüttert wie ältere Damen das in der Regel tun, nein, sie schmeißt mit den Leckerchen um sich, als wäre es Kamelle. Wie ein zorniges Funkenmariechen auf dem Rosenmontagswagen. Die Hunde müssen sich sehr vorsehen.

Einmal, es war Sommer, haben wir Frau Heller unten an der Wupper getroffen. Die Wupper ist ein schwarzer mystischer Fluss, der strudelige kleine Geräusche von sich gibt, wenn er durchs enge Tal zuckelt. Als werfe er Blasen auf, wie ein Geysir, wupp, wupp, wupp, geht das. Daher hat der Fluss seinen Namen. Wupper. An diesem Sommertag aber war statt dem wupp-wupp der Wupper die laute Operettenstimme von Frau Müller zu hören, lange, bevor wir sie zu sehen bekamen.

„SEE-MANN“, trällerte sie mit Verve und Wehmut, „LASS DAS TR-RÄU-MEN..“.

Der Gesang schallte durch die Wupperberge, dass die Krähen aufflogen. Die wussten nicht, was los war. Ob Untergang drohte. Havarie.

„..DENK NICHT AN ZU-HAUS, SEEMANN, WIND UND WELLEN
RRU-FEN DICH HIN-AUS..“

Dann erst sahen wir sie den Waldweg hochkurven, ein alter Seebär, Cara im Schlepptau, zehn Meter dahinter, schnaufend.

„DEINE HEI-MAT IST DAS MEEER, DEINE FREUN-DE SIND DIE STERR-NE, ÜBER RIO UND SHANG-HAI..“

Wir unterhielten uns ein bißchen, und sie erzählte, dass man ihrer 57jährigen Tochter letzten Montag den halben Magen wegoperiert hatte.

„Oh, die sieht schlecht aus. Die raucht zuviel. Vier Packungen am Tag. Ist doch nicht normal, oder? Und dann die Türken, mit denen sie rummacht. Das bleibt doch nicht in den Kleidern hängen, oder? Immer nur Türken. Ist doch nicht normal. Jetzt ist der halbe Magen weg.“

Dann musste sie weiter. So wie jetzt auch. Sie muss immerzu weiter.

„Cara, komm..“, ruft sie, „wir müssen weiter. Frauchen muss noch in den PLUS“, doch Cara bleibt liegen. Hat keine Lust. „Cara, komm bei Mama..! Hier ist lecker Pfütze. Komm, lecker Wasser. Cara, komm. Bei Mama!!“

Nichts zu machen. Cara bleibt stur. Einmal haben wir zufällig mitgekriegt, wie Frau Heller, der Alien, die kleine Rehpinscherdame der Einfachheit halber an der Leine hinter sich herzog, die ganze Strasse rauf, wie einen störrischen Würfel. Als hätte Cara in meinen Gedanken gelesen, erhebt sie sich nun und schaukelt lässig an uns vorüber, an mir und meinem Hund. Die Beiden haben eine Art Stillhalteabkommen geschlossen, von dem wir Menschen nichts wissen. Sie ignorieren sich auf ganzer Linie. Sie sind Luft füreinander. Nicht mal schlechte Luft oder lästige Luft, nein, einfach nur.. Luft.

Cara folgt ihrem Frauchen, deren merkwürdiges Schuhwerk, dieser Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh, beim Gehen Geräusche macht, als hätte sie einen nassen Delfin im Schuh. Ein schöner Sound. Ein großartiges Konzert.

„Grüßen Sie ihre Frau“, ruft sie und wackelt davon.

Ja, sie hat den Dreh raus, genau wie die alte Erde. Ich freu mich schon auf den Frühling, wenn die Ausserirdische wieder im original Plissee-Röckchen aus den 60ern aufläuft, mit großen Karos, und auf ihrem Kopf sitzt ein großer lila Hut.

Durchgangssyndrom (Vater gehts besser)

  • .. In deinem Blog verarbeitest du alles mögliche an Erlebtem zu kleinen Geschichten. Durchgehend in äußerst persönlicher Weise. Du hast sogar eine sehr tiefgreifende und emotionale Geschichte über die Erkrankung deines Vaters geschrieben*, und den Umgang der Familie damit. In der Schilderung mischen sich die Tragik der Situation mit dem Mutterwitz deiner Beobachtungen zu etwas sehr, sehr Spannendem. Beim Lesen lachte ich, mit Tränen in den Augen. Hast du manchmal das Gefühl, zu viel von dir preiszugeben? ..
  • .. Die Geschichte war tatsächlich die erste, bei der ich gezögert habe, sie ins Netz zu stellen. Solange ich selbst die Hauptperson der Stories bin, ist die Verantwortung dafür kein Thema, anders in diesem Fall. Es geht um meinen 82jährigen Vater, der nach einer schweren Herz-OP beinahe den Verstand verliert und für einige Wochen im LKH verschwindet. Ich wusste zuvor gar nicht, dass dieses Krankheitsbild Durchgangssyndrom existiert. Wäre mein Vater aber nicht wieder gesund geworden, wäre er dement geblieben, ich hätte seine Geschichte nicht öffentlich gemacht. Nicht zu seinen Lebzeiten. ..

 

Ol' Man, Susanne Eggert, 2011

*

500beine zeigt

Das Durchgangssyndrom (Vater gehts besser)

Lustige Sachen, die einem das Leben spielt

1
Heut morgen treff ich nach einer windigen Nacht den Hacki in der unterirdischen Kaffeestube. Er zeigt mit dem Finger auf mich und wir trinken eine Tasse Kaffee zusammen. Bis halb vier in der Früh ist er bei einem Bekannten versumpft, hat Carrom und Backgammon und Koksrauchen gespielt.
„Seh ich arg zerstört aus?“
„Für drei Stunden Schlaf geht das vollauf in Ordnung“, beruhige ich ihn.
Ich guck dem Hacki gerne ins Gesicht. Da sind Falten drin wie früher die Flöze im Erdkundebuch. Die haben mich auch immer fasziniert. Eigentlich sieht Hacki über Tage aus wie der Pott unter Tage, damals.
„Ich glaub, ich leg mich noch ein Stündchen unter die Auadecke, was meinst du?“
„Tu das, Hacki. Tu das.“

2
„Je älter man wird, desto mehr wartet man auf das Besondere.
Und wenn das Leben dann nur Langweiliges zu erzählen hat,
sackt man wieder in sich zusammen.“
(Die Gräfin.)

3
Manchmal begegnen einem alte Klassenkameraden, die man lange nicht gesehen hat. Ich bin dann einen Moment lang verwirrt. Denke: Moment mal, der sieht ja aus wie der Vater von, sagen wir, Tommy Schiller..! Und dann kommt der Mann näher und ich erkenne: DAS IST NICHT SEIN VATER, DAS IST TOMMY SCHILLER HÖCHSTPERSÖNLICH! Teufel auch! Mitte Vierzig, und wir sehen aus wie unsere eigenen Väter. Aus. Und vorbei.

4
Dagegen hilft nur Streunen. Frische Luft ist die schönste Schminke der Welt.

5
Ich kann nicht immer alles gut finden.

Sein raffiniertes Leben

Selbst in der Nacht, wenn er den schwach beleuchteten Flur überquerte und zum Klo ging, steckte die Pfeife in seinem Mund. Es hätte ihm ja jemand begegnen können, um vier Uhr in der Früh, und dann ohne Piepe im Mund? Unmöglich. Das alte Meerschaum-Modell, das Mundstück schwarz vom vielen Heißrauchen, war zu seinem Markenzeichen geworden. Kaum jemand konnte sich erinnern, wie Rudi überhaupt aussah ohne Pfeife in Mund.

Bei Rudis Geburt war etwas schief gegangen, was genau, wusste er nicht. Rudi wusste überhaupt vieles nicht genau. Er war, so hatte er es einmal aufgeschnappt, als die Sprache auf ihn kam, „geistig auf dem Stand eines Zweitklässlers stehen geblieben.“

Das hinderte ihn jedoch nicht daran, ein freundlicher Zeitgenosse zu sein, im täglichen Leben auf Wiederholungen bedacht. Er mochte es gern, immer das gleiche zu tun. Zum Beispiel rauchen.

Sein quadratischer Schädel ähnelte einem großen Schinkenwürfel, sein Mund war bis auf wenige braune Stumpen im Unterkiefer zahnlos. Dass aber sein Atem so stank, lag weniger am ruinösen Zustand seines Gebisses, sondern am Tabak selbst.

Rudis Tabak war kein herkömmlicher Pfeifentabak, sondern eine aus sämtlichen Heim-Aschenbechern zusammengeklaubte Mixtur aus ausgedrückten Zigarettenkippen, die er geduldig aufdröselte und womit er dann seine Pfeife befüllte. Ein sehr schönes Ritual. Das beruhigte ihn. Denn eigentlich war Rudi ja ein nervöses Hemd.

Wenn ihm der Tabak gelegentlich ausging, wenn alle Aschenbecher leer waren, tigerte er nervös die Treppen rauf und runter, stundenlang, wie im dreistöckigen Käfig, bis sich die Raucher unter den Pflegern endlich erbarmten und ein paar Zigarettchen qualmten, jeweils zur Hälfte, versteht sich, und dann schnell ausgedrückt.

Was nun außer Kippenresten sonst noch so alles im Pfeifenkopf köchelte, wollte niemand so genau wissen. Einmal vermisste Mattes, der Kochlehrling, einen Teller mit neun Neuen Matjes. Das war just an dem Tag, als Rudi stolz wie Oskar das ganze Gebäude einräucherte, ja, die olle Meerschaum-Pfeife wollte gar nicht mehr aufhören, schuppige Wölkchen auszustossen.

Eine Stunde vor dem Mittagessen, das er grundsätzlich in abenteuerlicher Hast verschlang, hatte Rudi seinen Auftritt: Punkt elf Uhr kam er aus seiner Kammer geschritten, die Piepe vor Freude vibrierend, hieß es doch nun wie jeden Tag um diese Zeit: Vor die Tür gehen und „..Mäke kukke!!“ Rudi tänzelte von einem Bein aufs andere.

„MÄKE KUKKE!“ rief er. „MÄKE KUKKE!“

Als Mattes seine Lehre als Koch begonnen hatte, war er zur Stationsleitung gegangen und hatte sich erkundigt, was Rudi damit meinte, „Mäke kukke“.
„Na, Mädchen gucken! Eine Stunde vor Mittag geht Rudi vor die Tür, Mädchen gucken.“

Auf der Strasse vor dem Heim marschierte Rudi erregt auf und ab, im Trainingsanzug, Piepe im Maul und Augen wie Feuerräder. Es soll sogar vorgekommen sein, dass er all seinen Mut zusammenraffte und junge Frauen ansprach, doch die wechselten rasch die Straßenseite. Weniger aus Angst, vielmehr wegen des unerträglichen Gestanks.

„Hat hier irgendwo ein Stück Käse die Hose auf??“

„Cheiche.“ (Rudi.)

Zu Weihnachten gönnte ihm das Personal einen teuren Pfeifentabak, ein wirklich exquisites Stöffchen. Das war geruchstechnisch durchaus im eigenen Sinne, doch so leicht war Rudi nicht zu überzeugen. Nein, er blieb lieber bei seiner bewährten Stinkemischung. Die war besser. Bis auf Sonntags.

Da lag die Sache anders. Sonntags stolzierte Rudi das weiße Hemd gebügelt die Showtreppe herunter, die Haare frisch an den Schädel geklatscht, eine geschniegelte Manchester-Hose an den Beinen – und, tatsächlich, in seinem Rauchgerät dampfte der teure Weihnachtstabak. Eine solche Wohltat war das für die Nase, Pfleger und Mitbewohner konnten nicht genug davon bekommen, alle sammelten sich in Rudis Nähe, drängten sich um ihn und schnupperten anerkennend.

Rudi fühlte sich wie ein berühmter Kamin.

„Mäke gukke! Mäke gukke!“ klopfte er allen verschwörerisch auf die Schulter und verschwand nach draussen. Es war gerade mal acht Uhr früh. An einem Sonntag. Auf der Strasse war nichts los. Kein Mädchen – nichts.

Enttäuscht drehte Rudi ab, ging auf sein Zimmer, rein in den ollen Trainingsanzug und ab durchs Wohnheim, Etage für Etage die Aschenbecher abgrasen, damit die Piepe wieder wie gewohnt dampfen konnte. Auch in seiner unmittelbaren Nähe war wieder jede Menge Platz. So wie er es am liebsten hatte.

Ein raffiniertes Leben.