Fakten auf den Tisch (21) – Die Gräfin über Deutschland

Boxen muss leidenschaftlich sein, das müssen kuriose Typen sein im Ring, nicht so durchkalkuliert wie Henry Maske oder unsere beiden ukrainischen Groß-Rehe.. wie heißen die noch, die Klitschkos, genau. Das sind eigentlich Hosenscheisser, Angsthasen sind das. Null Leidenschaft und immer Schiss, was auf die Nase zu kriegen, das ist ihr Motor im Ring. Dieser Art Boxen kann ich nichts abgewinnen. Aber die Deutschen stehen drauf. Die Deutschen stehen auf Angst, die jubeln der Angst zu. Hitler hatte auch Angst. So eine kleine graue Gestalt, so ein totalitäres Wrack, das selber Angst hatte vor der großen weiten Welt und diese Angst mit Größenwahn kompensierte – ich meine, keiner anderen Gestalt haben die Deutschen mehr zugejubelt im zwanzigsten Jahrhundert als diesem Hosenscheisser.

Manchmal glaube ich, das deutsche Volk fürchtet sich jetzt schon vor dem Moment, wo es wieder einen Adolf Hitler braucht.

Weisst du, was das schlimmste ist? Nein? Als Deutsch-Italienerin bin ich quasi doppelt geschlagen, mit Hitler und Mussolini.

Heil, Bella!

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Die Bildschirme von Cherbourg (489)

Wer den halben Tag am Bildschirm verbringt, der kennt das. Man steht abends im Supermarkt und ertappt sich dabei, wie man eine Dose Thunfisch mit dem Cursor aus dem Regal holen will, und das Angebot der Woche versucht man per Copy & Paste aufs Band zu hieven. Und wie der Zorn in einem hochkocht, wenn sich nichts bewegt. Oder sollte es sich hier um ein Touchscreen handeln? Du nimmst die Fischdose in die Hand, führst sie zum Einkaufswagen – und lässt sie fallen. Perfekt.

Es funktioniert.

Der Welten Gebell

Das Gebell mancher Strassenköter erinnert an Seehunde. Ein Sound, als verschluckten sie das eigene Gebell, als wollten sie es zum Ursprungsort zurückreiten: ALLES ZURÜCK AUF START, über den Kehlkopf schnurstracks in den Unterbauch, wo alles Gebell beginnt. Das sind die Seelenhunde.

Man erkennt sie an ihrem Gebell.

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Im Coppel-Park, keine hundert Schritte entfernt, sind Goldwespen zu Hause, kleine Fledermäuse, eine Schar Stockenten und ein Fischreiher, der aber nur sporadisch auftaucht. Ein junger kräftiger Kerl, dessen Flügel Zeppelin-Schatten werfen, wenn er galant über die Parkbesucher hinwegsegelt.

Ein furchtloser Bursche, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Der alte Fischreiher schlurfte durch die Luft wie eine alte Majestät, er war bedächtig und vorsichtig. Sobald man ihm zu nah kam, schwang er sich auf und verschwand.

Einmal verfolgte ich seinen Flug. Sah, wie er eine ausladende Runde über die Anlage drehte und schliesslich auf einem der gegenüberliegenden Hausdächer am Pappelweg landete. Komm, sagte ich zum Hund. Wir bewegten uns auf die Häuserzeile zu, deren Rückfront zum Park zeigt. Davor Gartenparzellen der Mieter, einige Blockhütten, Blumenrabatte.

Es dauerte seine Zeit.

Bei jedem Schritt vergewisserte ich mich, dass er noch hoch oben auf dem Dachfürst stand. Bewegungslos zeichnete sich seine Silhouette gegen den Himmel ab. Ein stoler Recke, der es nicht nötig hatte, die Stellung zu verändern. Erst als wir uns dem Haus bis auf zwanzig Meter genähert hatten und stehen blieben, entdeckte ich, das es nur ein Wetterhühnchen war, oben auf dem Dach. Oder wie die Viecher heissen. Arschlochhühnchen.

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Irgendwo in Parknähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzen, wie sie das nennen, in Gefrierbeuteln verpackt gegen die nasse Witterung. Schundromane zumeist, aber gelegentlich ist auch mal ein Treffer darunter. Der wird sofort verhaftet und landet bei uns daheim auf dem Küchentisch und wird so schnell nicht wieder freigesetzt, wie es seine Bestimmung wäre, nach Lehrmeinung der Bookcrosser.

„Aber irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen“, meint die Gräfin weise und ich nicke angetan. Das hat sie schön gesagt.

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Da freut man sich ja immer, wenn man durch die Anlagen geht und beobachtet Kinder, die Sachen spielen, die man selbst als Kind schon gespielt hat. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann, Völkerball. Das ist natürlich nostalgischer Blödsinn. Sollen sie doch neue Spiele erfinden. Wer hat Muffen vorm weißen Vollweib.

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„Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, da möchte ich schreiend weglaufen“, meint sie und hält inne. „Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen.“

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich ihr bloß von einem alten Weinpenner erzählt hab, der mir im Park begegnet ist und so geheimnislos nach Pisse stank.

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Abends sammeln sich die Enten am Teich und tuscheln. Ein Erpel lacht auf, laut und unverschämt. Manchmal wird daraus ein regelrechtes Mannschaftsschnattern.

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Eigentlich mag sie dieses ganze Säugetierdasein nicht.

„Diese neun Monate in einem dominanten Muttertier sind irgendwie.. wie soll ich sagen, anstrengend, und ein bißchen eklig. Natürlich auch faszinierend, mit der Nabelschnur und all das, klar, tolle Geschichte, aber ehrlich gesagt, als Pflanze heranreifen ist doch viel ordentlicher“, sagt sie. „Oder als Ei.“

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„Meinst du, wir haben noch zwanzig Jahre Zeit?“

Sie hat gelesen, dass man 25 Jahre braucht, um sein Ziel zu erreichen, und fünf Jahre sind schon um. Eher sechs oder sieben. Die wir uns schon bemühen.

„Noch zwanzig Jahre, hm, könnte eng werden“, sag ich, „aber wenn wir Glück haben.. viel Glück,  dann .. ja, könnte es klappen.“

Aber sie ist schon woanders. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Kohl.

„Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?“

Ich schau auf die Uhr.

„Wann? Jetzt?“

„Na.. ab jetzt.“

Drei Minuten. Zwanzig Jahre. What a difference a day makes. Das Blanchieren von Zeit.

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„Ich versuche Talkshows voll zu vermeiden, weil ich mich dabei doch nur aufrege. Weil die ganze Quasselei nur mein Weltbild bestätigt, das ich nicht bestätigt haben will. Während du dich über so was amüsierst. Für dich ist das wie ein Zoobesuch. Du hast ja früher auch Aktenzeichen XY geguckt. All diese furchtbaren Menschen.“

– Die Gräfin –

Kleine Niete

Als Anhängerin der buddhistischen Lehre war sie davon überzeugt, dass die Seele des toten Hundes in ein Rotkehlchen gefahren war und dort sein nächstes Leben führte.

Auslöser war dieser raschelnde Herbsttag, als wir am Grab des Hundes standen und nach dem Rechten schauen wollten, einige Tage nachdem wir ihn beerdigt hatten. Genau in diesem traurigen Augenblick hob ein Vögelchen von dem Häufchen aufgeworfener Erde ab, drehte einige Runden über unsere Köpfe und flog lustig zwitschernd davon.

„Das war.. die Niete!“ rief die Gräfin überwältigt, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Ach, kleine Niete.. Was nun dein richtiger Name gewesen ist, darüber gingen schon zu deinen Lebzeiten die Meinungen geringfügig auseinander. Für die Gräfin und mich warst du schlicht die Niete, die Nachbarskinder riefen dich Nita, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein Hund Niete heissen konnte, und Karlos begrüßte dich mit einem langgezogenen Dieeeter, wenn er zu Besuch kam. Dann war da noch der Stiefvater der Gräfin, der nannte dich stets Hektor, doch er nennt auch Nietes Nachfolgerin Frau Moll nur Hektor. Man kann davon ausgehen, dass Hunde für ihn Hektor heissen.

Ein Rotkehlchen also bist du geworden, nach Lesart der Gräfin.  Ein potentes kleines Rotkehlchen, das uns mehrfach an der frischen Luft begegnete, nahe des dicht bewachsenen Brachgeländes hinterm Sportplatz, wo Niete beerdigt ist, im Landschaftschutzgebiet.

Niete war ein hübsches Mädchen, ein Mix aus Collie und Schäferhund, mit einem Schuss Wolfspitz drin. Der lange Schwanz war wie ein goldener Tusch, den sie zur Begrüßung aufstellte, stolz wie Frau Kapellmeisterin am Tag der offenen Tür.

Vom Wesen her war Niete das genaue Gegenteil von Frau Moll, die eine Hütehündin ist und Besuch wie eine struppige Gouvernante zu empfangen pflegt, die Pfoten eisern in die Hüften gestemmt, die Maggie Thatcher unter unseren Hunden.

Niete dagegen war zugänglicher, sie wehte vertrauensvoll und freundlich auf alle Menschen zu, wie ein offener Mantel. Wenn wir im Sommer durch die Fußgängerzone Richtung Mumms schlenderten, lief sie ungeduldig voraus, sie konnte es kaum abwarten, die dunkle alte Milchbar nahe des Pressehauses zu betreten. Kaum hatte Niete das Mumms erreicht, hörte man das Gejaule und Gekläffe der Mummsbesucher, die unserem Hund Hallo sagten.

Besonders Meckenstock hatte sie ins Herz geschlossen. Was er einmal beinahe mit dem Leben bezahlt hätte, als er eine offene Wunde am Handgelenk hatte und ablecken ließ. In der folgenden Nacht wurde Meckenstock mit einer akuten Blutvergiftung ins Spital eingeliefert. Im Mumms spendierte er ihr schon Tage später wieder Pferdefrikadellen und Teegebäck, bis Niete abwinkte und sich für den Rest des Abends vorm Eingang ablegte, wo man sachte über sie hinwegsteigen musste. Bitte nicht stören. Die Dame verdaute.

Sie war sieben Jahre alt, an diesem Montag im November 93. Wie immer, wenn ich die Nachtdienstwoche im Hotel geschafft hatte, ging ich an meinem ersten freien Abend einen saufen. „Treib’s nicht so doll“, meinte die Gräfin, die gerade im Keller eine Waschmaschine angeworfen hatte, „und sei leise, wenn du nach Hause kommst.“ Und: „Die Niete ist so komisch“, hatte sie auch noch gesagt, da stand ich schon in der Jacke im Flur, „die schleicht so bedröppelt hinter mir her.“ Weil das aber so furchtbar ungewöhnlich nicht war, machte ich mich auf ins Mumms, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

Nachts um drei kehrte ich heim, bekifft und blau und ein Näschen intus, wie üblich, und wie üblich liess ich den Hund noch zum Pipimachen in den Garten, während ich im Halbdunkel in der Küche saß und dicke perverse Brote mit Gewürzketchup verdrückte. Als ich die Haustüre aufmachte, um sie reinzuholen, wunderte ich mich, dass Niete nicht schwanzwedelnd auf den Stufen saß wie sonst, im Gegenteil, ich musste sie mehrmals rufen, bis sie endlich angeschlichen kam, mit eingezogenem Schwanz. Dann kroch ich zur Gräfin ins Bett und schlief auf der Stelle ein.

Dienstagmorgen fällt uns auf, dass Niete sich komisch bewegt, unbeholfen irgendwie. Sie schwankt hin und her, dann knicken die Hinterbeine weg. Wir wissen nicht, was los ist. Der Hund war noch nie richtig krank. Um elf ruft die Gräfin beim Tierarzt an, doch der ist schon fort. Die Spechstundenhilfe vertröstet uns auf 15 Uhr, wenn die Praxis wieder öffnet. „Dann ist auch die Tierärztin da.“

Mittags schellt es. Es ist Karlos. „Die Niete ist krank“, sag ich sofort, als er in die Küche tritt, doch das etwas faul ist, merkt er auch so. Anstatt laut kläffend zur Tür zu stürmen und Karlos in die Arme zu springen, bleibt der Hund wie gelähmt unterm Küchentisch liegen. Nur zwei, drei schwache Wuff-Laute gibt Niete von sich. Man spürt förmlich, wie gerne sie sich freuen würde, dass Karlos zu Besuch gekommen ist, aber sie ist dazu nicht in der Lage.

Dieter, was ist los mit dir?“ Karlos kniet sich nieder und krault bekümmert ihren Bauch. „Mit dem Blick stimmt was nicht. Mit dem Blick stimmt was ganz und gar nicht.“ Wir sitzen in der Küche und beratschlagen, was zu tun ist. Die Gräfin wird immer unruhiger, macht sich erstmals Sorgen, dass es vielleicht zu lange dauert, bis die Tierarztpraxis wieder öffnet. Dunkle Vermutungen machen die Runde. Einen Tag zuvor ist der Bruder vom dicken Hansen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Diagnose: Hepatitis. Kann ein Mensch Hepatitis auf einen Hund übertragen? Hat der Bruder vom dicken Hansen Niete gestreichelt? Wir wissen es nicht.

Um drei Uhr fahren wir zur Tierarzt-Praxis. Ich sitze vorne auf dem Beifahrersitz, Niete im Arm. Sie kann sich kaum noch bewegen. Ich lege sie im Wartezimmer ab. Während die Gräfin auf die Ärztin wartet, rauche ich mit Karlos eine Kippe im Hinterhof. Es ist kalt.

„Wo kann man gleich was klarmachen?“ fragt Karlos.

Ich weiss, wo man was klarmachen kann. Ich weiss immer, wo man was klarmachen kann.

Niete liegt schon hell ausgeleuchtet im Behandlungszimmer auf dem Untersuchungstisch, als wir zurückkehren. „Guck mal, die Niete ist ganz gelb“, sagt die Gräfin und zeigt auf den Bauch. Sogar die Zitzen sind schon gelb. Wir fragen uns, wo die verdammte Ärztin bleibt. Wir hören zwar ihre Stimme aus dem Nebenzimmer, doch sie lässt sich Zeit. Wahrscheinlich kriegt irgendeine Scheisskatze eine Impfung verpasst. Dabei sind wir ein Notfall. Der Grund, warum ich nicht schreiend aufspringe und die Ärztin heranzerre: Wir wollen kein Notfall sein.

Als die Ärztin endlich eintritt, eine sportive Erscheinung in perfekt sitzender weisser Arzthose, ist „Gelbsucht“ ihr erstes Wort, als sie einen kurzen Blick auf Niete wirft, und ob wir einen Kaffee möchten. Die Gräfin, die auf einem Hocker direkt am OP-Tisch sitzt und Niete streichelt, nimmt einen Becher, ich nicht. Die Ärztin untersucht Zahnfleisch und Augen, erkundigt sich nach der letzten Impfung, nach der Farbe des Stuhlgangs und so weiter. Sie schiebt Niete ein Thermometer in den Hintern. 41 Fieber.

„Das an sich ist schon lebensbedrohlich. Ich würde Ihnen ja empfehlen, den Hund in die Klinik nach Duisburg zu bringen. Da ist er die ganze Nacht unter Beobachtung.“

Wir blicken uns an. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Tierklinik ist teuer und besteht auf Barzahlung. Wir sind so gut wie blank. Die Ärztin nimmt uns die Entscheidung aus der Hand. „Wir können es auch hier versuchen.“ Während der Hund an den Tropf angeschlossen wird, erklärt uns die Tierärztin, dass hohes Fieber bei Hunden lediglich am auffälligen Verhalten zu erkennen ist. An Wegknicken der Läufe, Lähmungserscheinungen. „Eine heisse Stirn haben Hunde nicht.“ Was sie nicht sagt.

Weil Niete eine halbe Stunde am Tropf hängen muss, bevor wir sie dann doch mit nach Hause nehmen können, hole ich Karlos im Wartezimmer ab, wir fahren in die Stadt, ein Bier und ein Pack klarmachen. Ich fühle mich wie ein Arschloch. Der Hund kämpft mit dem Tod und mir fällt nichts besseres ein, als Pulver zu checken. In Karlos Wagen ziehen wir eine fette Line, dann bringt er mich zurück in die Praxis.

Ich kann von aussen in das Behandlungszimmer blicken. Das Bild zerreisst mir das Herz, wie die Gräfin da am OP-Tisch sitzt, den sterbenskranken Hund kraulend und traurig und verloren zum Fenster hinausschauend, wobei sie mich nicht erkennt, ihr Blick bleibt in der Gardine hängen. Als ich den Behandlungsraum betrete, schaut sie auf, als sähe sie mich zum ersten Mal im Leben. Wir kaufen in der Apotheke ein Thermometer und bringen Niete heim.

Abends gibt es Hähnchen, Nietes Lieblingsspeise, aber sie frisst nichts. Sie trinkt kaum Wasser, obwohl sie Durst haben muss vom hohen Fieber, doch sobald sie etwas säuft, kotzt sie alles wieder aus, die pure Galle. Während wir ohne Sinn für den Geschmack zu Abend essen, versucht Niete aus dem Zimmer der Gräfin, wo sie auf ihrer Schmusedecke liegt, zu uns zu robben, es gelingt ihr aber nicht. Sie schleppt sich ein Stück vorwärts und bricht zusammen. Man kann es kaum mitansehen, aber sie will unbedingt bei uns sein, unterm Küchentisch. Die Gräfin setzt sich daraufhin zu ihr auf den Boden und isst dort weiter.

Spät am Abend tragen wir Niete nach draussen, ins Gebüsch gleich gegenüber vom Eingang. Irgendwie muss sie doch mal Pipimachen. Weil sie von alleine nicht stehen kann, halten wir sie gemeinsam fest. Dennoch versucht sie einen Schritt nach vorn zu machen, es ist dunkel, es macht platsch!, sie fällt um, mitten in ihre Scheisse, wie ich vermute. Wir tragen sie in die Küche zurück und sehen die Bescherung: der Hintern ist urin-und blutverschmiert.

Die Gräfin ruft die Nummer der Tiernotärztin an. Die wiegelt ab, meint, Blut im Urin sei nicht ungewöhnlich bei diesem Krankheitsbild. Ich bekomme den Eindruck, dass man Niete schon aufgegeben hat, es uns aber nicht direkt sagen will. Ich bin groggy genug, um etwas zu schlafen, doch immer wenn ich in der Nacht wach werde, höre ich das Piepsen des Digital-Thermometers und das Fieberhecheln des Hundes. Die Gräfin macht kalte Umschläge, mit denen sie die Körpertemperatur des Hundes zeitweilig unter 40 Grad drückt. Sie selbst schläft so gut wie gar nicht. Sie ist gereizt, schimpft dauernd „Niete, jetzt bleib doch mal ruhig liegen“, weil die sich immer wieder aufzurichten versucht, was aber nicht mehr funktioniert. Nur der Kopf reckt sich noch. Es sieht alles so sinnlos aus.

Morgens um sieben klopft ihr Herz so stark, dass ich glaube, es springt gleich aus ihrer Brust und platzt. Um viertel vor Acht fahren wir langsam in die Praxis, umschiffen jegliche Unebenheit der Strasse.

„Um ehrlich zu sein, ich hab heute nicht mehr mit Ihnen gerechnet“, sagt die Tierärztin. Einmal, als die Gräfin aus dem Zimmer ist, streichle ich Niete’s Fell und flüstere „Tja, kleine Niete, das war’s dann wohl“, so sehr tobt ihr kleines Hundeherz. Diesmal bekommt sie einen Herzkatheter verpasst, mit Vitamin K gegen eine mögliche Vergiftung mit Rattengift. Wieso das nicht schon gestern geschehen ist, ich frage ich nicht. Überhaupt liegt der Grund der Gelbsucht im Dunkeln. Später erscheint auch der Doktor, es ist eine Gemeinschaftspraxis. Ein leger gekleideter Mann und Bartträger, der Tiere, so scheint es, nicht gerne anfassen mag. Er ist ratlos. Blut im Urin, Stuhlgang gestern normal, Fieber ein wenig gesunken. Er sitzt nachdenklich da, die Finger im Bart friemelnd.

„Haben Sie geröntgt?“ fragt er die Ärztin. Die verneint. Wir stehen still dabei, wir stellen keine Fragen, wir haken nicht nach, wir sind wie gelähmt. Wir haben Angst. Wir wollen keine Antwort. Wir wollen unseren Hund zurück. Wo wir mit dem Hund gewesen seien, will der Tierarzt wissen, am Tag, bevor die ersten Symptome auftraten. Wir waren nur im Park, und am Abend haben wir den Hund kurz in den Garten gelassen. Er vermutet eine Vergiftung. Der Venenkatheter wird abgestöpselt und Niete kommt wieder an den Tropf. Diesmal nehmen wir ihn mit nach Hause. Die Ärztin, die zunehmend flüchtiger wird, erklärt uns noch, wie wir den Tropf anlegen müssen, wenn wir daheim sind.

„Wie lange dauert es, falls Niete doch wieder auf die Beine kommt“, frage ich sie, beinahe trotzig.

„Zwei, drei Wochen“, sagt sie, blickt aber schnell weg.

Beim Bezahlen vorne am Tresen erzählt eine Frau, dass ihr Mops sechs Wochen lang Gelbsucht gehabt hätte, nun sei er wieder kerngesund. Wir schöpfen Hoffnung, obwohl ihr kleiner Zuckerhund alles andere als kerngesund aussieht.

Zuhause legen wir Niete eine Wolldecke in die Küche. „Dann müssen wir dich die nächste Zeit aber schön verhätscheln“, sag ich noch, da muss sie kotzen. Es ist wieder Galle. „Schnell!“ sagt die Gräfin. Ich soll ein Handtuch drunterschieben. Niete versucht zum x-ten Male, ihr Köpfchen zu heben, es sieht so furchtbar schief aus, und sie seufzt so schwer, wie ich noch nie ein Seufzen gehört habe. Ihre Zunge schiebt sich ganz klein aus der Schnauze heraus, und die Gräfin, in Tränen aufgelöst, wiegt sie im Arm.

Nietee! Nein! Nicht..!“

Es klingt, als ersticke der Hund, ich laufe hilflos im Rücken der Gräfin herum.

„Andi, mach den Tropf dran!“ ruft sie verzweifelt und ich hantiere ungeschickt an dem Beutel herum, da setzt das Herz aus. Niete atmet noch, jedenfalls kommt Luft aus ihrem Maul, es ist eher ein Auspusten. In ihrer Panik versucht die Gräfin, den Hund durch die Nase zu beatmen, umsonst.

Die Gräfin klagt laut, ich bin still.

Der tote Hund liegt drei Stunden lang in der Küche, auf ihrer Decke. Mittags geh ich rüber zu den Genossenschaftsgärtnern und leihe mir zwei Spaten und eine Schubkarre. Das Grab muss mindestens einen halben Meter tief sein, hat der Tierarzt noch gesagt, als ich ihn angerufen hab, weil wir zunächst nicht wussten, wo und wie wir den Hund beerdigen sollen.

Es ist ein grauer, nieseliger Novembertag. Die Gräfin schiebt die Karre, auf der Nietes Körper liegt, in ihre Decke gehüllt. Ihre Schnauze guckt oben ein Stück heraus. Ich trage die Spaten und geh voraus. Hinter der Fußballwiese ist ein Stück brach liegendes Land, wo im Sommer meterhoch die Brennessel stehen. Da können wir sie immerzu besuchen, da hat sie ihre Ruhe. Gleich nebenan dümpelt ein Bach.

Während die Gräfin praktisch ununterbrochen schluchzt und weint, als wir das Grab ausheben, setzen meine Tränen erst mit dem Begräbnis ein. Der Tod hat stets zwei Orte: da, wo er zulangt, und da, wo er in der Erde bleibt.

Der Akt des Sterbens hinterlässt ein Loch in der Küche. Wir sitzen Stunde um Stunde am Küchentisch und wissen nicht, wie uns geschieht. Wir bleiben die ganze Woche beieinander, wir flüchten aus der Wohnung, wir machen einen Tagesausflug nach Kaiserswerth, wir gehen sogar ins Kino und machen einen ersten langen Spaziergang ohne Hund, es ist ein stürmischer Novembersonntag, wie zum Hohn sind wir fast vier Stunden lang unterwegs, während wir mit Niete zum Schluss kaum noch ausgedehnte Touren unternommen haben. Aus Faulheit. Wir waren bequem geworden.

Nun waren wir auf der Flucht vor dem Loch in unserer Küche und schauten jeden Tag nach dem Grab. Die Todesursache blieb im Dunkeln. „Ihr Hund hat uns ja keine Zeit gelassen“, hatte der Tierarzt am Telefon noch bedauert und uns von der Möglichkeit berichtet, Niete nach Krefeld zu bringen, ins staatliche Veterinärinstitut, zur Feststellung der genauen Todesursache. Dann hätten wir den Hund aber nicht zurückgekriegt.

Die Gräfin macht sich Vorwürfe, zu spät zum Arzt gegangen zu sein, überhaupt zu sorglos gewesen zu sein, in letzter Zeit. „Nicht mal ein Fieberthermometer hatten wir im Haus.“ Sie glaubt, dass die Niete hätte gerettet werden können, wäre das Fieber früher festgestellt worden. So ein Blödsinn. Ich mag dieses „hätte“ nicht. Ich kann mit „hätte“ nichts anfangen. Ich versuche dagegen zu halten, dass Niete ein prima Hundeleben hatte. Eine Leine um den Hals war ihr weitgehend unbekannt, sie durfte nach Herzenslust herumstöbern, Kaninchen jagen, Jungbullen aufschrecken.

Ausserdem hatte sie sieben Jahre lang einen extralässigen Schutzengel gehabt. Sie hätte ein gutes dutzend Mal vorher tot sein können. Da gab es diese Szene auf den Bahnschienen, als Niete wie angewurzelt stehen blieb, hechelnd, nach einer erfolglosen Karnickeljagd. Ich hatte in der Nähe gestanden und den Zug kommen sehen, ich hatte geschrieen wie ein durchdrehender Oberst, sie solle endlich von den Schienen runterkommen, und erst in allerletzter Sekunde bequemte sie sich, die Bohlen zu verlassen, keine fünf Sekunden, bevor die hupende Lokomotive die Stelle erreichte und vorüberdonnerte. Danach war ich so erleichtert, dass sie von mir Prügel bezog, das erste und einzige Mal.

Die emaillierte Wasserschüssel steht noch sieben Tage später nach Nietes Tod an ihrem angestammten Platz in der Ecke, während ihr Napf mittlerweile gespült ist. Weil die Gräfin dem Tod so nahe wie möglich sein möchte, damit wir nicht so schnell vergessen und wieder in unseren Trott verfallen, isst sie einmal sogar aus dem Napf. Das weiße Hemd, das sie beim Sterben trug und am Ärmel getrocknete Blutflecken aufweist, wechselt sie erst am Ende der Woche. Ist das schon Kult? Beweinen wir uns selbst? Das Ende als Trio?

Einmal sitz ich auf dem Scheißhaus und brüte so vor mich hin, da höre ich plötzlich das altbekannte Bellen, draussen vor der Tür. So schnell hab ich mir nie wieder den Hintern abgeputzt. Erst draussen höre ich, dass es ein ganz anderer Hund ist, ein ganz anderes Bellen.

Der Tod ist ein komischer Vogel.

Der Mann, der in mir wohnt

Es war ein früher Morgen im Herbst, als ich mit dem Hund aus dem Haus ging und umfiel. Ein Gefühl, als wäre der Mann, der in mir wohnt, die enge Wendeltreppe hinuntergelaufen, und als er unten ankam, bohrte sich die Treppe weiter in den Erdboden, und er geriet ins Taumeln. Er strauchelte. Stürzte.

Saß auf seinem Hintern. Unter mir das vom Dauerregen der letzten Tage aufgeweichte Gras. Der Hund wedelte entsetzt mit dem Schwanz, kam aber nicht näher. Blieb, wo er war. Paar Meter entfernt.

„Wenn ein Mann hinfällt“, so hat es die Gräfin mal formuliert, „sind die Umstehenden unangenehm berührt. Wenn der sich schon nicht mehr auf den Beinen halten kann, was ist dann mit meinem mickrigen Dasein?“

Ich versuchte aufzustehen, und fiel wieder um. Dieser kolossale Rechtsdrall. Wie vom Magneten befohlen. Saß ich auf der Wiese, hilflos, der Hosenboden feucht.

Zwei Schulmädchen kamen die Straße hoch, unterhielten sich im Zwielicht.

„Hilfe..“, sagte ich leise. Es klang beinah wie eine Frage.

Die Mädchen blieben stehen.

„Könnt ihr.. mir helfen?“

Sie starrten in meine Richtung. Da saß ein Mann im Morgengrauen auf seinem Hintern, im Vorgarten. Nicht weit entfernt ein Hund. Es war fast noch dunkel. Regen fieselte im gelben Laternenschein.

„Ich weiß nicht, was los ist..“, sagte der Mann.

An der Wand eine gespenstisch schnelle Dia-Show: Der Notarztwagen, der durch die Stadt prescht, die Ambulanz im Krankenhaus, Infusionsständer. Ich sah einen Schlaganfall, ich sah einen epileptischen Anfall, ich sah mich nackt auf dem kühlen OP-Tisch. Menetekel, und da war auch die Gräfin zu sehen, meine Gefährtin. Sie lag im Bett, keine zehn Meter entfernt, dazwischen die dicke weiße Hauswand. Sie schlief noch, und wusste von nichts.

Die Mädchen standen auf der vom Regen glänzenden Strasse. Irgendwo fuhr ein Wagen los. Da war auch Wind, mit einem Mal, der den Berg hochfegte. Ich sah zum Hauseingang. Das Flurlicht brannte noch.

Ich hatte mich gebückt im Hausflur, dem Hund das Halsband umgelegt, ich hatte mir die Schuhe zugebunden. Ich hatte zwei große Espresso gehabt, und zwei Zigaretten auf nüchternem Magen. Es war wie immer gewesen. Nach einer Nacht ohne viel Schlaf.

„Könnt ihr.. reingehen, Bescheid sagen?“

Meine Stimme war schwach. Ein Rinnsal.

„Bescheid sagen..? Wo?“

„Also, da drin.. Wo ich wohne.“

Ich zog die Beine an, und schloss die Augen. Der Kreislauf, dachte ich. Ist nur der Kreislauf. Ein heftiger Schwindel. Der Sturz ins Lose. Wo der Mann wohnt. Saß ich auf der Wendeltreppe, auf dem letzten Absatz, tief in der Erde, unten – verloren.

„Schon gut..“, stammelte ich, „.. schon gut.“

Ich erhob mich vorsichtig und ging, vom Hund begleitet, die paar Meter zum Hauseingang. Schritt für Schritt. Wie auf Wolldecken, barfuß. Unter mir ein gähnendes, riesiges, weiches Überhauptnichts. Da die Haustüre nicht ins Schloss gefallen war, reichte es, sie aufzudrücken.

„Komm“, sagte ich zum Hund.

Im Flur setzte ich mich auf die Treppe, das Flurlicht erlosch. Ich saß im Dunkeln. Die Tür war zu.

Ich atmete.

1972, Mittagszeit

Ich war zwölf Jahre alt, als im Erdgeschoß unseres Mietshauses dieses sonderbare kinderlose Paar einzog. Die Frau war sexy, sie trug Minirock und das Haar hennarot gefärbt, er war klein und bestand nur aus dieser Nase, die knochig und krumm in seinem Gesicht hockte. Er hatte etwas krötenhaftes an sich, und er blickte einem nie in die Augen. Ich traute ihm nicht. Ich ging ihm aus dem Weg, wo ich nur konnte.

„Was die Frau wohl an dem Zwerg findet“, wunderte sich meine Mutter.

Mittagszeit, ich kam aus der Schule. Mit meinem schreiend blonden Lockenhaar und den femininen Gesichtszügen machte ich ersten Eindruck auf Schwule, eine nervende Geschichte, die ihren Höhepunkt erreichte, als Drago, der verrückte schwule Kellner, für mich tanzen wollte, für einen Kuss, da war ich 25. Danach war Schluss. Schwule mögen keine älteren Herren.

Ich schloss die Haustüre auf. Der kleine Mann stand im Flur. Die Tür zur Erdgeschoßwohnung stand offen. Ich wusste nicht, ob er auf mich gewartet hatte, so ganz zufällig schien er nicht da zu stehen. Ob ich mal eben anfassen könne. Ein Sofa. Zu zweit wäre das kein Problem. Alleine ginge das nicht.

„Dauert nicht lange, Junge.“

Meinem ersten Impuls folgend wollte ich ihn stehen lassen, wollte einfach weitergehen, die Treppe rauf und heim, dann dachte ich, was soll schon passieren. Wir wohnten im selben Haus, er hatte eine Frau. Eine sexy Frau. Ich nickte. Nur auf einen Sprung, sagte er, und ging vor ins Wohnzimmer. Er bot mir etwas zu trinken an. Ich sagte nein.

„Limonade?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Setz dich“, sagte er. „Du hast keinen Durst? Du möchtest doch bestimmt eine Cola. Ich hab kalte Cola..“

„Nein. Danke.“

Es war Mittagszeit. Ich war hungrig. Ich hörte einen Vogel in der Wohnung. Ich nahm Platz. Ich wollte die Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen. Er setze sich zu mir. Er war klein und drahtig, und da war diese große strenge Nase. Seine Haut wirkte aus der Nähe wie Sackleinen, von Grobheit durchzogen. Wo war das Sofa, das wir tragen sollten? Wir saßen auf einem Sofa. „Wo soll es denn hin?“ fragte ich. Ich hörte den Vogel. Ich mochte keine frei fliegenden Vögel in Wohnungen. Mein Onkel hatte einen Sittich, wenn der durchs Zimmer flog, landete er auf meinem Lockenkopf und begann ein Nest zu bauen, wobei sich die flatternden Flügel in meinem Schopf verfingen und sowohl der Vogel als auch ich Panik bekamen

Er rückte näher. Alles an ihm war Energie. Ich sah seine Schläfen beben und pochen, und als ich unvermittelt seine Hand auf meinem Schenkel spürte, schoss die Hitze durch meinen zwölfjährigen Körper, einem Blitzschlag gleich, und ich dachte, Scheiße, jetzt passiert es. Erwischt. Knochige klobige Männerfinger begannen meine Schenkel zu streicheln, zu bearbeiten, zu massieren, ungeduldig und fordernd. Ich hörte ihn schnauben. Der Vogel schrie, von irgendwoher. Nein! rief ich. Ich sprang auf, schnappte die Schultasche und lief los. Die Wohnung hatte den gleichen Grundriss wie unsere. Ich war Sportler. Ich flog durch den langen Flur zur Etagentür, drückte die Klinke runter. Als ich spürte, wie die Tür aufging, machte mein Herz einen Satz. Ich sprintete die Treppe hoch, 58 Stufen, die ich so oft gezählt hatte, wenn ich von der Schule kam. Oben angekommen, klingelte ich Sturm.

Mutter war in der Küche, das Radio plärrte, sie hantierte mit der Pfanne. Sie hörte mein Klingeln nicht. Im Erdgeschoß schlug die Türe zu, Schritte näherten sich. Ich klingelte wie verrückt. Tap, tap, tap –  er folgte mir tatsächlich. Der ist verrückt, dachte ich. Endlich öffnete Mutter. „Hast du den Schlüssel liegen lassen?“ Ich hatte vergessen, dass ich einen Schlüssel hatte.  Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen. Stattdessen blieb ich still. Ich war verwirrt. Ich fühlte mich schuldig. Warum war ich ihm in die Wohnung gefolgt? Ich hätte ja nicht mitgehen müssen. Ich sagte kein Wort. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Ich sagte nie auch nur ein einziges Wort, in all den Jahren nicht, ich behielt es für mich.

Ich war schuld. Ich hätte nicht mit ihm in die Wohnung gehen müssen, ich hätte den Vorwand erkennen müssen.

Das Paar zog bald aus, doch der Mann ist mir in den folgenden Jahren immer wieder über den Weg gelaufen. Meist am Mühlenplatz. Er erkannte mich nicht, oder jedenfalls tat er so, als wüsste er nicht, wer ich war, doch jedes Mal, wenn er mir begegnete, auf irgendeinem Bürgersteig, stur an seiner Kippe saugend, wurde es heiß und mir fuhr der Schreck in die Glieder. Noch mit Dreißig ist mir das passiert, als ich ihn längst um Haupteslänge überragte und mühelos hätte umhauen können. Ich bin schuldig bis heute. Dass ich es nicht getan habe. Dass ich ihm nicht die Fresse blutig geschlagen habe.

Schattenreich und Existenz

„Wie ein Jungbulle. Du hast einen Blutdruck wie ein Jungbulle“, feixt der Doktor und legt Manschette und Horchgerät ab. Ich muss kurz auflachen, weil ich mich auf der Weide stehen sehe, die Haxen mächtig aufgepumpt und einen Ring durch die Nase. „140 zu 80. Pulsschlag auch okay. Zwar kein Jungbulle, aber auch kein Alteisen.“

Er nimmt eine Stablampe und leuchtet in meine Augen, dann guckt er mir in den Mund.
„Zunge rausstrecken und laut a sagen.“
„aaa..“
„Lauter.“
„AAAA!!“
„He.. Gut.“

Nächste Aufgabe: die Nasenspitze antippen. Erst mit dem linken, dann mit dem rechten Zeigefinger. Darin bin ich gut. Das hat mit Sport zu tun. Mein Abgangszeugnis, in der 11. Klasse war ich ein halbes Jahr nicht zum Unterricht erschienen und von der Schule geflogen, war voller Vierer, Fünfer und Sechser, aber in Sport hatte ich bis zum Schluss eine Eins, und was ist Nasenspitzen-Antippen anderes als Gesichtsturnen.
„Sehr schön. Und jetzt der Linie entlang gehen.“
„Welcher Linie? Da ist keine Linie.“
„Witzbold. Natürlich nicht. Stell dir eine vor. Nur ein paar Schritte gehen, geradeaus. Als würden dich die Bullen anhalten, Samstagnacht vor der Disko.“
„Ich hab keinen Lappen, den die Bullen mir abnehmen könnten.“
„Nu mach schon.“

Ich schreite auf das massive weiße Wandregal zu, ein ganzer Fachwald ist darin, bißchen wackelig. Also ich. Nicht das Regal. Mein Gang. Die Beine. Deine Beine werden dich eines Tages verraten, hat die Gräfin gestern noch gemeint, in einem komplett anderen Zusammenhang. Merkt das denn hier niemand? Wie wackelig ich auf den Beinen bin?! Nicht mal die Gräfin?
„Gut“, urteilt der Doktor. „Und jetzt das ganze mit geschlossenen Augen.“

Ich stakse blind die zwei Meter in Richtung Regal und bin froh, dass ich mich nicht lang lege.
„In Ordnung. Soweit okay alles. Keine Ausfälle im Gehirn.“

Die Gräfin ist mitgekommen, trotz Kopfweh. Sie möchte wissen, was los ist.
„Ich mein, der Mann betrübt mich. Ich hab ihn noch nie so erlebt, so deprimiert. Ich glaub, er hat in der letzten Woche mehr geflennt als in den ganzen zwanzig Jahren zuvor. Langsam schwimmen uns die Felle weg. Das sind zwar keine Zobel, aber es sind unsere Felle.“
Keine Zobel? Wie, keine Zobel? Warum sagt sie so was? Warum macht sie uns so klein? Natürlich sind unsere Felle Zobel, die uns schützen, solange wir zusammen sind. Und was zum Teufel meint sie mit „mehr geflennt als in den letzten zwanzig Jahren“? Ich hab lediglich leicht getränt beim Zwiebelschälen, zwei Mal.
„Ach was.. bestimmt fünf Mal“, widerspricht sie. „Ohne Zwiebeln.“

Es liegt an meinem Nervensystem und den Biestern darin, die durch die Kanäle wuseln, die Material heranschaffen und ihre Nester bauen, die auf meinen Sinnen sitzen wie Insekten und Verwirrung stiften. Deshalb seh ich auch so komisch in letzter Zeit. Ich steh auf und will losgehen, und plötzlich ist kein Boden mehr unter meinen Füßen.

„Wann hat das angefangen?“ fragt der Doktor, und ich schildere ihm, wie ich morgens aus dem Haus ging und im Vorgarten aus den Latschen kippte.
„Hast du das Bewusstsein verloren?“
„Nein.“

Für den Doktor ist sein Schreibtisch eine Trutzburg, hinter der verschanzt er sich zusehends, und er wird immer fetter. Bei jedem Besuch hat er einige Kilos mehr drauf. Zuletzt saß ich hier wegen Migräne accompagnée. Sehstörungen, die mich überfallartig erwischten, im letzten Sommer, morgens, wenn ich zur Arbeit hastete, auf den letzten Drücker. Wenn ich das Institut endlich erreichte, begann es mit einem kleinen dunklen Fleck in der Mitte des Gesichtsfeldes. Nur eine kleine Bildstörung. Ich konnte ein Wort auf dem Bildschirm des Rechners nicht richtig lesen. Dann ging’s los. Im Zickzack laufende Lichtblitze, die von Minute zu Minute mehr wurden, ein ganzes Arsenal an Zacken und scharfen Wellen stürzte auf mich ein; Sommer-Silvester im Augendorf, im linken Sehfeld.

Ich flüchtete aus der Bibliothek, weil ich dachte, ich verliere den Verstand. Diese komplette Linienverwirrung. Als hätte sich ein Konstrukteur von Pop Art auf Millimeterpapier verlaufen und würde nicht mehr heimfinden. Kaskaden von Schnittmustern, ein visuelles LSD-Gemurmel zwanzig Minuten lang, erst dann klang das Flimmern ab, die kranke Geometrie, der Blitzkrieg, bis ich endlich wieder normalen Sehgang hatte. Die Welt zurück, auf die wir uns geeinigt haben.

„Migräne accompagnée. Ein neurologisches Phänomen“, befand der Doktor damals. „Auch die Visionen von Hildegard von Bingen führen Spezialisten neuerdings auf solche Anfälle zurück. Du siehst, du bist in guter Gesellschaft.“ In Gesellschaft von Jungbullen und Hildegard von Bingen. Es hätte tatsächlicher schlimmer kommen können. Ein bißchen.

Jedes Mal, wenn ich den Mund aufmache, um mich zu verteidigen, beobachtet der Doktor das Spiel meiner Hände. Immerzu stiert er einem auf die Hände. Man sieht es regelrecht arbeiten in seinem Kopf, wenn er die Hände seines Gegenübers beobachtet: ruhen sie in Höhe des Bauches, sind die Finger ineinander verhakt? Gestikuliert man italienisch in der Luft? Hängen die Hände womöglich schlaff von der Stuhllehne herab? Schlaff herabbaumelnde Hände sind der Kardinalsfehler. Das lässt man lieber bleiben. Das stellt dich beim Doktor in ein ganz schlechtes Licht. Dann hast du ein Problem. Dann hat er dich erwischt. Dann weiß er Bescheid.

Meine Hände sind krebsrot und haben keine Lust, irgendetwas zu tun oder auszudrücken. Sie sind kaum anwesend. Eine Art mobiler Tatort, mit rot-weissen Bändchen abgeriegelt, GEFAHRENGEBIET! HIER IST WAS PASSIERT! BITTE GEHEN SIE WEITER!

Der Doktor tut so, als lausche er der Gräfin, in Wirklichkeit rüstet er schon zum großen Medizinpalaver. Theorieblabla. Nur als die Gräfin ein weiteres Mal meine „weinerliche Verfassung“ einwirft, verzieht er kurz den Mund. Er kennt mich seit geraumer Zeit. Ist so ne Art Hausarzt. Ein in seiner Feistheit gefangener Hausarzt, der mich mit Mittelchen aller Art und Ratschlägen versorgt.

„Du hast die Wahl, mein Freund“, hat er mal getönt, als wir uns noch nicht so gut kannten, „du kannst Schriftsteller werden oder Puffmutter. Das musst du entscheiden. Es ist deine Wahl.“
Fand ich gut.

„Seh es als Alarmsignal deines Körpers“, meint der Doktor jetzt, „dass du nicht so weitermachen kannst wie bisher. Er will nicht mehr. Dein Körper hat dich satt.“ Endlich mal ein Satz. Das klingt logisch. Das kann ich nachvollziehen. Ich möchte auch nicht in der Haut meines Körpers sein. Leber. Nieren. Nerven. Und meine Beine, die Verräter.

Der Doktor möchte wissen, ob etwas anders gewesen sei in letzter Zeit.
„Eigentlich nicht.“
„Blödsinn, es war außergewöhnlich, und ob“, mischt sich die Gräfin ein. „Du hast nur noch am Schreibtisch gesessen, wie ein Blöder. Du hast dir überhaupt keine Pause gegönnt. Immer nur dieses scheiss Gehacke am Computer. Hack hack hack. Und keinen verschissenen Erfolg.“
„Was heisst das, keinen Erfolg?“
Möcht ich auch gern mal wissen!
„Na, es klappte alles nicht so, wie er sich das gewünscht hat.“

Bevor mein Jahresvertrag in der Bibliothek verlängert wurde, hatte ich zwei Monate frei und versuchte, aus einer Reihe meiner Stories einen Roman zu machen. Nicht, dass viel dabei herausgekommen wäre. Schreiben ist der Versuch, Schattenreich und Existenz zu vereinigen, in vielfältigen Versionen, klappt nicht immer. Man verhilft Sätzen ins Diesseits, und wenn sie wie neugeborene Fohlen übers Papier staksen und hinfallen, müssen sie von allein auf die Beine kommen, sonst taugen sie nichts. Sonst hätten sie im Jenseits bleiben können, im großen Unübersichtlichen. So ist das mit den Sätzen. Vielleicht auch nicht. Woher soll ich das wissen.

„Weisst du, was dein Manko ist? Du denkst die Sachen nicht zu Ende“, sagt der Doktor. „Du reißt alles nur an. Und von daher weiss ich auch nicht, ob ich dein Buch kaufe. Ob das überhaupt von Interesse ist, für mich.“
Er wartet einen Moment ab, ob seine Drohung, mein Buch, das gar nicht existiert, nicht kaufen zu wollen, irgendwie Gewicht hat.

„Ein Buch von einem Autor, der die Sachen nicht zu Ende denkt, wen interessiert das? Oder besser gesagt, wem bringt das was? Hab ich davon einen Gewinn?“

Die Gräfin wird unruhig. Ihr Kopfweh. Sie nimmt einen Apfel aus ihrer Jackentasche und beißt hinein. Ein knackiger Bioapfel. Sie steht auf und läuft durchs Chefzimmer, während sie den Apfel isst. Der Doktor ist leicht irritiert und froh, als sie sich wieder niederlässt.

Im Chefzimmer gibt es für den Patienten, in der Regel kommt man ja allein, zwei Sitzgelegenheiten zur Auswahl. Links vorm Schreibtisch ein tiefer Sky-Sessel aus Leder, in dem man gemütlich versinkt, daneben ein Stuhl, auf dem man genau in Augenhöhe mit dem Doktor sitzt, aber unbequem ist auf Dauer. Das hat der alte Fuchs natürlich extra so angeordnet. Wer sich wo hinsetzt, verrät sofort eine Menge. Stellt einen ersten kleinen Psychotest dar. Im Sky-Sessel sitzt man gemütlich, aber devot und muss aufschauen zum Chef, auf dem Stuhl sitzt man hart und auf gleicher Höhe mit dem Chef, hat aber schnell einen unruhigen Hintern und rutscht hin und her.

Ich schätze, ich bin kein schwieriger Fall für den Doktor. Ich bin für mich ein schwieriger Fall. Jeder ist seine eigene Klinik.

„Ich könnte dir jetzt eine Diagnose stellen, irgendwas mit vegetativer Störung“, sagt der Doktor, „aber das bringt nichts bei dir. Das setzt sich nur in deinem Kopf fest und macht alles noch schlimmer. Weißt du was? Mach einfach mal ne Pause. Tu mal nichts. Einfach mal gar nichts tun. Nicht schreiben, kriegst du das hin? Was meinst du?“

Zum Abschluss nimmt mir er mir noch Blut ab, Blut für ein großes Blutbild.

„Der Doc hat blaue Flecken am Unterarm, hast du das auch gesehen?“ flüstert die Gräfin, als wir die Praxis verlassen und im großen Lift runterfahren.

„Nee.“

„Unterm Ärmel vom Kittel, richtig dicke blaue Klatschen.“

„Fesselspiele?“

„Nee, dann wären das Striemen.“

„Vielleicht hat er sich am Backofen verbrannt, als er den Fisch rausholen wollte.“

„Keine Verbrennungen! Flecken!“

„Vielleicht hat der Fisch ihn ja geboxt.“

„Also, bei dem Scheiss, den du redest, möchte man glauben, du wärst schon wieder gesund. Blödmann.“

*
„Natürlich waren die 90er ein verlorenes Jahrzehnt“, sag ich zum Mitsubishi Boy. „Aber man muß auch mal zehn Jahre am Stück verloren gehen können. Sonst fehlt einem was. Auf Dauer. Im Leben.“

(aus Die Gräfin spricht, der Mitsubishi Boy ruft an, und so)

Wenn jemand stirbt

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„Wenn jemand stirbt, betrauert man auch den eigenen Tod, der dich eines Tages holen wird, und den du nicht betrauern kannst.“

(Die Gräfin)

*
Das Schlimme ist, wenn man schon im Leben stirbt. Wie ein kahler Baum. Da ist man tot und steht immer noch da rum.

*
Auch wenn in den vergangenen Tagen so ziemlich jeder Mensch auf diesem Planeten zu Wort gekommen ist, kaum jemand weint wirklich um Michael Jackson.

Man sieht Menschen mit Tränensäcken, Schnurrbärten und Partygelächter.
„Ist jemand gestorben?“
„Oh ja. Der traurige König.“

Man sah zuletzt nicht nur Nadel und Faden in einem korrigierten Gesicht, man sah gleich die ganze Schere.

Was bleibt: Der Basslauf von Billie Jean, die Kiekser, die Erinnerung an den Sommer 1982. Es war das letzte Mal, dass ich den Tanzflur stürmte, wenn ein Song einsetzte. Wir alle waren jung, wir trugen weiße Hemden, wir waren braungebrannt und besoffen.

*
Einsamkeit ist ein strenges Geschäft: Pina Bausch ist tot.

Warst du Jesus?

Mit wem man so alles ins Gespräch kommt, wenn man mit dem Hund unterwegs ist. Ein Hund ist ein sozialer Dienst. Eine Art Streetworker.

Da ist dieser Typ, ungefähr mein Alter, um die vierzig. Ich kenne ihn von früher, mehr oder weniger. Er hat eines dieser Gesichter, die ich nicht wirklich einordnen kann, wo ich nicht weiß, woher ich es kenne. Ein bißchen aufgedunsen, ein bißchen neben der Spur. Und der Drei-Tage-Bart so schmutzig, als wäre er mit dem Kinn in Druckerschwärze geraten.

Er hat einen Schäferhund-Mischling. Er geht ein bisschen staksig. Als habe er Rheuma. Der Hund jetzt. Aber vielleicht hängt er auch nur ein bisschen durch, ist zu viel drin gewesen die letzten Tage und steif geworden. Kein Wunder, bei dem Dauerregen.

Er begegnet mir am Theegarten, unter dem großen Baum, den die Vögel im Frühling als Konferenzbaum benutzen, und wir kommen ins Gespräch. Das heißt, er kommt ins Gespräch. Er nimmt mich in Beschlag.

Es gibt Leute, die ergreifen nicht nur die Hand, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, sie kugeln einem gleich die ganze Schulter aus.

(Andere dagegen huschen an einem vorüber, kein Herz, kein Ton, ich husche schon.)

„Du hast doch früher in der FZ gearbeitet, im Kühlhaus unten in Kohlfurth“, erstaunt er mich. Dass er das weiß, dass er sich daran erinnert. Vielleicht ist er gar nicht so.. ego.
„Ja.. stimmt. Aber das ist ja schon ewig her“, sag ich. „Das muss…“
„Das war 1981.“
„Moment.. Hast du da auch gearbeitet?“ frag ich. Kenne ich ihn daher?
Er feixt.
„Nee. Aber ich wusste trotzdem Bescheid, von eurer Schmuggelei.“
„Hm..? Schmuggelei? Wer?“
„Na, du und deine Kollegen, damals im Kühlhaus. Habt ihr doch Haschisch geschmuggelt, damals.“
„Hä?“
„He, jetzt tu nicht so. Ist doch lange her, musst du mir doch nichts vormachen. Ihr habt mit dem Holländer Geschäfte gemacht. Wusste doch jeder, damals.“
„Wie, mit welchem Holländer??“
„Der euch das Geflügel angeliefert hat.“

Ich stutze einen Moment, dann muss ich lachen.
„Ach, der Holländer.. Der Geflügelmann. So ein Blödsinn. Obwohl.. ich mein, wäre ja ne Idee gewesen. Damit kommst du aber reichlich spät rüber, mit der Idee.“

Tatsächlich kam zwei, dreimal die Woche ein Transporter an die Rampe gefahren, bis unters Dach vollgestopft mit 20-Kilo-Kartons voller Hühnerklein, Hühnerherzen und Hähnchenschenkel, direkt vom Geflügelhof in Venlo, direkt hinter der Grenze. Klar hätte man da Haschisch drunterpacken können, unter die kalten Hühner. Haschisch, Heroin, Kokain. Jede Menge sogar. Theoretisch jedenfalls. Oder hier, schwere Butter. Uran.

„Ihr habt das wirklich nicht gemacht..?“
Zweifelnd guckt er mich an, aus tiefschwarzen Augen, beinah ein bißchen enttäuscht.
„Ich hätte gewettet, dass ihr das damals gemacht habt. Haben doch alle geglaubt. Ihr seid doch so clever gewesen, du und deine Kumpel. “
„Nee“, sag ich, „Blödsinn. Außerdem hat von meinen Kumpel da gar keiner gearbeitet.“

Die Hunde stehen doof rum, auf der aufgeweichten Wiese. Ab und zu steppen sie eine uninspirierte Runde durch den Schlamm, und man hört die Halsbänder klimpern.

„Was machst du so?“ frage ich, neugierig geworden. „Womit verdienst du dein Geld?“
Er deutet eine Kopfbewegung an, als wäre jemand hinter ihm her, der ihm nichts gönnt.
„Ich?“
Der das nicht hören darf.
„Ich hab die Rente durch.“

Bei den meisten Leuten wäre ich mir nicht sicher, soll man den Spruch ernst nehmen oder nicht? Bei ihm ist sofort klar, das meint er todernst. Er ist kaputtgeschrieben.

„Ich hab ne Psychose“, sagt er. „Ich hab praktisch drei Jahre durchgekifft. Da hab ich mit dem Theo zusammengewohnt. Kennst du den Theo? Der hat Chemie studiert und ich war dauerbekifft. Und dann hab ich aufgehört mit dem Kiffen, nach drei Jahren, von einem Tag auf den anderen, da bin ich voll abgedreht. Da ist die Psychose ausgebrochen, Alter, ich hab geglaubt, ich könnte das Fernsehprogramm manipulieren, so Sachen. Zuletzt dachte ich, ich wär Jesus und hab den Verkehr geregelt, mitten auf der großen Kreuzung oben an der Krahenhöhe..“
„Und?“
„Was und?“
„Warst du Jesus?“
„Nee. War ich nicht.“
„Hm. Das merkt man dir aber nicht an. Ich mein, du machst einen ganz normalen Eindruck auf mich.“
„Normal.. na, ich nehme Medikamente. Bin zwar schon runterdosiert, aber ohne die Pillen.. das wär Scheiße. Ich bin gut eingestellt. Haldol, und paar Stimmungsaufheller.“

Er deutet auf das rote Notizbuch, das ich in der Hand halte, ich hatte mir gerade eine Notiz gemacht, als er auf mich zukam.
„Schreibst du immer noch? Wie früher?“
„Mh.“
Was der sich alles merkt.
„Ich schreibe auch“, sagt er, trockenen Schmand im Mundwinkel, wie bei Leuten, die zu wenig trinken und zu viel denken. „Ich hab mal ein Expose geschrieben, für einen Spielfilm mit Götz George. Ein Kifferdrama. Ist aber abgelehnt worden, das Drehbuch.“

Die Hunde haben sich zu unseren Füßen niedergelegt, mit einem Stock zum Knabbern. Frau Moll knurrt leise, wenn der Schäferhund zuviel vom Holz abhaben will: So nicht, Junge. Die Zähne da raus. Das ist mein Stock.

„Eigentlich wollte ich ja einen echten belgischen Schäferhund haben“, sagt der Typ, den ich irgendwie von früher kenne, eine Randfigur ohne Namen, zu der ich nie wirklich Kontakt hatte, „und keinen Mischling. Aber eines Tages stand der Rocky vor der Tür, hat Pfötchen gegeben und da war’s geschehen.“
„Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch“, sag ich und tätschle Rockys Kopf.

Ein, zwei Minuten stehen wir unter dem großen Konferenzbaum, hören dem Wind zu. Der großen Putze. Sie ist ordentlich am durchwischen, durch die Zweige.
Keiner sagt etwas.
Kein Vogel da.

„Wieviel Kilos habt ihr denn damals geschmuggelt, Alter?“