Beim nächsten Krieg rechts halten

Sind die Leute da draussen eigentlich alle gleichzeitig bekloppt geworden? Oder ist es nach und nach geschehen, fast unmerklich und jeder für sich, bis es plötzlich soweit war, alle durchgeknallt?

Nicht, dass der Beantwortung dieser Frage zentrale Bedeutung zukäme, ich bin nur neugierig, und doch: Wären wir alle zur gleichen Zeit bekloppt geworden, einem chemischen Millionenruck gleich, einer gewaltigen zwielichtigen Initialzündung Richtung Untergang, dann hätten wir (immerhin) die Vorwürfe unserer Enkel vom Hals.

„WIESO ZUM TEUFEL HABT IHR DAGEGEN NICHTS UNTERNOMMEN?! IHR HÄTTET ES  DOCH MERKEN MÜSSEN, DASS KRIEG KOMMT ..!“

Merken müssen? Was denn? WIR???!

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Sie hat ein Näschen für Stimmungen in der Gesellschaft. Für die Ängste, die aus den Gesichtern springen, im Bus, im Bioladen, auf der Meile. Für die Untergangsszenarien, die jedes Gesicht für sich ganz allein durchspielt und an die Wand wirft. Die Angst, dass einem das Geld ausgeht. Dass die Kinder sich selbst erschiessen in schwarzen Kampfanzügen. Dass unser alter, aus Amerika importierter Traum vom Tellerwäscher zum Millionär schon auf unterster Ebene versagt: vom Teller zum Wäscher in 50 Arbeitsjahren.

Dass alles verreckt und der Erde zuletzt nur ein Sehnsuchtstraum bleibt: von einem Trumm aus dem Weltall zerrissen zu werden.

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„Diese schreienden Farben, dieses bonbonbunte Kindergarten-Zeugs! Dieses Neon überall! Es ist soweit! Die Lemminge stürzen sich wieder in die Farben!!“

Bevor es Krieg gibt, so ihre These, steht hysterisches Tanzen und Abfeiern auf der Agenda. Schreiende Warnwesten, alles, um die Fanfaren des Krieges zu überhören, zu übertünchen, zu überpinseln.

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Keine Ahnung, was los ist. Die Hunde scheinen sich vor irgendetwas schützen zu wollen, was schon in der Luft liegt, aber von den Menschen noch nicht wahrgenommen werden kann.

Vor 14 Tagen ging es los. Frau Moll liess sich beim Spaziergang immer häufiger zurückfallen, um Gras zu fressen. Das wäre an sich kein Aufreger, sie hat schon immer Gras gefressen. Gelegentlich. Hunde fressen Gras, um den Magen zu entleeren oder kantige Knochenstücke erbrechen zu können. Aber Frau Moll kotzt das Gras nicht aus. Sie behält es für sich.

Ungewöhnlich ist auch die Menge, die sie aufnimmt. Und die Unabdingbarkeit, mit der sie vorgeht. Selbst ihr vielgeliebtes Stöckchenwerfen am Zedernweg muss zurückstehen, sobald ein saftiges Stück Wiese auftaucht. Gras hat plötzlich Priorität.

Und dann hören wir im Gespräch mit anderen Hundebesitzern, dass dieses Phänomen überall beobachtet wird. „Buddy hat noch nie so viel Gras gefressen wie in den letzten Tagen“, meint eine Nachbarin. Sie hat den alten Schrottplatzhund bei sich aufgenommen, der in seinem Leben kaum Gras gesehen hat und plötzlich Riesenportionen vertilgt.

Die Hunde fressen Gras wie verrückt. Ob es am jungen Frühlingsgras liegt, das besonders nährreich und saftig ist? Schon möglich, wer weiß, aber es ist Herbst. Das macht keinen Sinn. Es bleibt ein Rätsel.

„Vielleicht schützen die Hunde sich instinktiv vor irgendeiner Gefahr“, meint die Nachbarin. „Vielleicht wappnen die sich mit dem vielen Gras.“

Ja, schon – aber wovor?

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Noch in den 80er Jahren passierte es, dass ich aufgewacht bin mit Sirenen im Ohr. Ich dachte, noch bräsig vom Schlaf, Scheiße, was ist los!? Ist Weltkrieg?? Erwischt es uns doch noch? Bis ich mich im Bett aufstützte und genauer hinhörte.

Ja, da waren Sirenen, da war Geheul über der Stadt wie kurz vorm Fliegerangriff, doch es war Samstagvormittag, Punkt 10 Uhr:

Probealarm.

Den gibt es schon lange nicht mehr. Mit dem Fall der Mauer wurden die meisten Lautsprecher abgebaut, frei nach der Devise: no Wall, no War.

Very einleuchtend, Sir.

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„Sag mal, wann war die Kuba-Krise genau?“ fragt sie.

„Hm.. 1962, glaub ich.“

„Schon klar. Aber wann? Im September?“

Ich weiß nicht, worauf sie hinaus will, aber sie ist im September 1962 geboren.

„Ja, kann sein..“, sag ich.

„Ich wusste es! Ich bin die Kuba-Krise! Immer kurz vorm Eskalieren! Immer kurz vorm dritten Weltkrieg!“

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„Es wird allen anbefohlen, keinen Vagabunden, keinen hinschleichenden Müßiggängern und Straßenschlenderern eine Nachtruhe zu erstatten.“

(Aushang in Solingen, 1722)

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Sie beginnt bereits Muttererde zu horten und nach nicht einsehbaren Grundstücken Ausschau zu halten, groß genug für einen Garten, der uns im Notfall durch den Kriegswinter bringt.

Das ist kein Spiel. Kein Kokettieren mit dem Schrecken. Es ist der Krieg in den Gesichtern, es ist der Grusel und der Verdruss, es ist die viele Technik, die sich einmischt und die Dinge nicht besser macht. Nur bequemer und bequemer und bequemer. Es ist der fortschreitende Hass auf alles und auf jeden, weil niemand verantwortlich ist. Es ist die große Misere.

Es ist bald Krieg – und alle müssen hin.

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„Wir können froh sein, dass wenigstens die Tiere nicht auch noch einen Job suchen, zusätzlich zum Nestbau, der täglichen Nahrungsbeschaffung, der Revierverteidigung und Aufzucht der Jungen – also, wenn Tiere auch noch arbeiten gehen müssten wie wir Menschen, das wäre eine Riesenkatastrophe da draussen. Das wäre der totale Krieg um Arbeitsplätze!“

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„Ich möchte doch mal wissen, was Bienen so denken. Ob die nicht stinkig sind, wenn die den ganzen Tag am Blütenkelch malochen, und dann kommt der dicke Imker daher und nimmt ihnen fast allen Honig weg. Da muss man doch stinkig werden, oder wie?! Hoffentlich zetteln die Honigbienen nicht auch noch einen Krieg an.“

*

„Es gab immer was zu essen im Garten, als wir klein waren. Wenn wir Hunger hatten, zogen wir uns einfach eine Möhre aus der Erde. Oder wir pflückten Kirschen vom Baum oder Pflaumen und Mirabellen. Mirabellen..! Was haben wir uns den Bauch vollgeschlagen mit Mirabellen!“

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„Es liegt in der Natur der Deutschen: Wenn etwas schlimm ist, machen wir es noch schlimmer. Das haben wir quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Ein normaler Krieg reicht uns nicht, wir zetteln gleich einen Weltkrieg an, ach was, zwei Weltkriege. Wir verbrennen Millionen von Juden, wir schlachten Zigeuner ab und Schwule und Kommunisten und Behinderte, und warum? Um es schlimm zu machen, so schlimm wie möglich. So hart wie möglich, so gedankenlos wie möglich.“

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foto.baumInNacht

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„LARISSA,
HÖR DOCH MAL
ZWEI MINUTEN
DAS SABBELN AUF!“

Das Ohrfeigengesicht

Als ich fünfzig wurde, war Volkstrauertag und es gab eine Riesenparty. Also irgendwo auf der Welt, bei mir nicht. Es war Mittwoch, ich fuhr mit der 83 Richtung Wuppertal, als der lange Jack zustieg. Jack, Hände wie ein Werkzeugmacher. Sein Körpergewicht pendelte neuerdings massiv hin und her, er hatte Magenkrebs oder irgendeine andere schwere Krankheit. Oder wie sonst konnte es passieren, dass er innerhalb zwei Wochen locker fünfzehn Kilo zulegte. Und wiederum 14 Tage später tauchte er in de r 83 auf und da waren die 15 Kilo wieder weg, er sah aus wie ein halbierter Holzfäller.

Jack war in Ordnung. Er hatte stets ein offenes Wort für einen.

Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso. Na, der wäre jetzt auch tot. Erst wusste ich nicht genau, wer damit gemeint war, mit Ohrfeigengesicht, dann störte mich die Formulierung auch tot – wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch was mit? Lebte ich noch in dieser Stadt? Auf diesem Planeten? Wo die Leute anscheinend andauernd umfielen wie die Fliegen und tot waren, ohne dass ich davon etwas erfuhr? Oder doch erst sehr viel später, so spät, dass sie schon mumifiziert waren, wenn die Kunde von ihrem Ableben zu mir durchdrang.

Der Name Ohrfeigengesicht war mir bekannt, war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, doch welches Gesicht zu dem Namen gehörte, das wusste ich nicht. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer riesigen Grube, in der im Laufe der Zeit ganze Kasernen an Namen verschüttgegangen waren, hohe Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleiste. Zurückgeblieben waren bloß die Namensschildchen, lose im Gedächtnis-Schutt, ohne jegliche Geschichte.

Und außerdem:

Waren die Straßen nicht voller Ohrfeigengesichtern und anderen abgewatschten Visagen? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders den Leuten auffiel, die von auswärts in die Stadt kamen und erschraken, was sich hier alles auf die Straße traute.

Ich grübelte.

“.. Ohrfeigengesicht.., Moment… War das nicht der Kerl mit dem Zopf, der mal Spüli vertickt hat als Codein?”

“Quatsch, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte jeder, immer so steif auf seinem Mofa saß, wenn er zum Hilten fuhr. Wie ne Statue.”

“Hm. Der immer so kerzengerade saß auf dem Mofa, der?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam jeden Morgen auf seiner alten Zündapp zur Praxis von Doc Hilten geknattert, um seine Dosis Methadon abzuschlucken. Dann setzte er sich aufs Mofa und fuhr wieder nach Hause. Was Anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei anderen Tätigkeiten gesichtet, außer beim Methadon abschlucken und Mofa fahren. Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und so steif ging, als hätte er jahrelang nicht geschissen.

Ich fragte mich, wie das Ohrfeigengesicht sich wohl gefühlt haben muss, als es zum ersten Mal mitbekam, dass man es Ohrfeigengesicht nannte. Ich meine, diesen Moment muss es schließlich gegeben haben. Jeder Spitzname fällt irgendwann ein erstes Mal. Auch dieser Typ war nicht als Ohrfeigengesicht zur Welt gekommen. Vielleicht hatte er gerade in der Schlange bei Doc Hilten gestanden und wartete auf seine Methadonspeisung („Dem Methadon-Ritual ist unbedingt Folge zu leisten!“), als ihn jemand zum ersten Mal mit he, Ohrfeigengesicht ansprach.

„Ohrfeigengesicht? Wen meinst du?“

„Na, wen wohl, du Arsch.“

Im Obus der Linie 83, in Höhe Wasserturm, erzählte Jack, dass dem Ohrfeigengesicht vor Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat weggebrochen war. Seitdem trug er ein medizinisches Korsett, das zu dieser ungemütlich steifen Körperhaltung führte.

“Eigentlich hätte der gar nicht mehr Mofa fahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen und Titanbolzen im Kreuz. Der war eine Ruine, eine wandelnde Werkstatt.”

Ich versuchte mir das Gesicht des Ohrfeigengesichts vorzustellen, was gar nicht so einfach war, da der Bursche so gut wie nie den Helm abnahm. Wenn er mit einem sprach, klappte er einfach das Visier hoch und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den kack Helm ab”, hörte ich einmal, wie ihn jemand anpflaumte, “man versteht keinen Ton!”, doch das berührte das Ohrfeigengesicht nicht. Er behielt den Helm einfach auf und drehte beleidigt ab. Und wer ihn doch einmal ohne Helm erblickte, verstand auch, warum er den Helm so selten abnahm. Er sah aus, als habe ein Kampfhund versucht, ihm den Schlaf aus dem Auge zu reiben und dabei gewaltig daneben gelangt mit seiner Kampfhundpfote. Die Stirn war dermaßen von Narben und Katschen übersät, dass die Bezeichnung Ohrfeigengesicht schon eine Untertreibung darstellte, ja, einen Kosenamen.

Das Ohrfeigengesicht starb im Spätsommer 2010, als innerhalb weniger Tage drei Junkies ihr Leben ließen in der Stadt, alles geschwächte langjährige Dauerkonsumenten. Erst hieß es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf gewesen, dann stellte sich heraus, dass jeder der Abhängigen seinen eigenen Tod gestorben war, nur zufällig zur gleichen Zeit.

Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, oder dass ihre Organe den Dienst einstellen, oder sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden morgens nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht.

Der etwa 40jährige Mann, den alle bloß als Ohrfeigengesicht kannten, erwischte den klassischen Junkietod. Er hatte sich einen letzten Schuss zur Nacht gesetzt, ein Betthupferl, und war daran krepiert – das war‘s. Mehr war nicht zu erfahren, es interessierte auch keinen. Bis auf Fahnder des Rauschgiftdezernats vielleicht, aus statistischen Gründen. So konnten sie wieder einen toten Junkie in ihre Jahres-Statistik einbauen, die im Januar in der örtlichen Presse verbreitet wurde, und die Leute lasen den Schmu und sagten, oho, na, wie gut, dass es die Polizei gibt, bei all den kriminellen Schmeißfliegen in unserer schönen Stadt.

Mit der 83 angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge lag.

“Sag mal, hieß das Ohrfeigengesicht erst seit dem Unfall Ohrfeigengesicht oder schon vorher?”

Ben Jakubeck, genannt Jack, gegerbte Haut, Werkzeugmacherhände und ein Zinken im Gesicht wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Keine Ahnung. Kann sein. Woher soll ich das wissen. Ich hab mit dem nie ein Wort gewechselt. War eben ein Junkie, mehr weiß ich nicht.”

Na schön, nun war der Mann ja tot und ich konnte mich eh nicht daran erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Doch als ich mir nun sein Gesicht vorstellte, dieses stets übelgelaunte, vernarbte Gelände, das sich hinter seinem ewigen Mofahelm verbarg, da musste ich Jack Recht geben. Verdammt, ja. Wir Junkies alle hatten unser kleines Leben gegen die Wand gefahren, Heroin war unser Supervater gewesen, (und war es immer noch, auch wenn wir uns brav wie die Chorknaben zur Substitution aufmachten, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.) Wir schenkten dem Supervater all unser Vertrauen, und wir wurden nicht enttäuscht. Jeden Tag packte er uns aufs Neue in Watte, damit nichts an uns drankam, damit wir nicht behelligt wurden vom Unbill des Alltags mit all seinen gefährlichen Aspekten wie Sexualität, Humor, Hygiene. Der Supervater war allgegenwärtig, und musste doch stets neu gesucht werden. Oftmals war er nur schwer zu orten, es gingen Gerüchte um in der Szene, man habe ihn mal hier, mal dort gesehen, doch wenn man am beschriebenen Ort ankam, war er schon wieder fort. Sein leicht medizinischer Geruch stand oftmals noch in der Luft, wenn man ihn verpasst hatte, es war zum Verzweifeln.

Jack hatte Recht.

Das Leben und seine Motive waren ebenso kompliziert wie unkompliziert und undurchschaubar wie durchschaubar, es war alles wie immer bei uns Junkies und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht.

Zeit zum Schreiben (1)

Noch Wochen, nachdem in beiden Tageszeitungen der Stadt über den Literaturpreis berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.

„Eh.. da kommt Bukowski! Wie siehts aus, Hank?“

„Stabil“, rief ich.

Bukowski, so ein Blödsinn. Bukowski war ein Trinker, der großartige Stories übers Leben schrieb, während ich nur großartig trank. Bukowski war ein Genie, ich nicht. Sparflammenbukowski, dachte ich.

Hauptsache stabil.

*

Kurz nach Neujahr ging das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers verscharrt werden sollte. Mit seiner schweren Maschine hatte er eine Bordsteinkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geflogen. Angeblich fünfzig Meter weit. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den ich nur vom Sehen kannte, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste, weil die Laboranten das Ergebnis nicht glauben wollten. „Mit so viel Koks im Blut hätte er fliegen müssen.“

Mh.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte „Momentchen..“, und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. „Für dich“, flüsterte er, und machte sich auf die Socken Richtung Friedhof.

Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit für ihn, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Tote Hose sozusagen, bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft hatte. Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte wenigstens etwas zu tun. Was mich betraf, so war das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann oder wo.

„Herr Glumm..?“

„Ja“, sagte ich und stierte in den Hinterhof.

„Buntenbach, Arbeitsamt. Schönen guten Morgen, der Herr! Na, ausgeschlafen?“

Bevor ich auch nur einen Ton erwidern konnte, rückte mein Sachbearbeiter, ein fescher junger Mann mit Wohnsitz Köln, schon mit der unangenehmen Sprache raus: eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate. Wo? Bei OBI.

„Bei.. OBI!?“

„Die Eisenwarenabteilung sucht einen tatkräftigen jungen Mann. Da hab ich doch gleich an Sie gedacht.“

Einen Moment lang glaubte ich, Buntenbach wolle mich auf den Arm nehmen, doch ein Arbeitsvermittler, der um diese frühe Uhrzeit anruft, will einen eher nicht auf den Arm nehmen. Im Gegenteil. Der will einen eher loswerden. Raus aus der Statistik. Raus aus dem Bettchen.

In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Mit Mitte zwanzig stand ich in der Blüte meiner Jahre, der Supervogel Jugend kreiste noch über mir, ich war voller Spannkraft. Selbst wenn man mit 25 nichts anderes tat, als von früh bis spät auf der faulen Haut zu liegen, wuchsen einem Matratzenmuskeln.

Dennoch war ich der Auffassung, dass die Gesellschaft in meinem Fall eine Ausnahme machen sollte, was das Arbeiten anging. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich von der ganzen Sauferei zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater endlich nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo da noch Zeit für eine geregelte Arbeit sein sollte. Vielleicht zwischen halb eins und eins. Aber war da Mittagspause. Allmählich wurde ich sauer. Was zum Henker ging da vor sich?! Die herrschende Klasse rottete sich zusammen, zu meinem Schaden.

„Ihr Ansprechpartner ist Filialleiter.. äh.. Moment.. Hafner, Herr Hafner.“

Ich saß da wie angeschossen. Ein halbes Jahr ABM. Im Baumarkt! Wenn ich von irgendetwas keine Ahnung hatte, dann von Baumärkten und Heimwerkern. Männer, die in der Freizeit Fliegengitter zimmerten und darüber mit ihrem Nachbarn fachsimpelten. Der seine Seele zum Hobbyraum erklärte und zwischen offenen Lacktöpfen Nazilieder pfiff. Au weia. Das hatte noch gefehlt.

Ich lotete alle Möglichkeiten aus, die Maßnahme abzuwenden oder wenigstens rauszuzögern, doch mir fiel nichts ein, was irgendwie Sinn gemacht hätte. Noch am gleichen Nachmittag rief ich den Filialleiter an, und wir machten einen Termin aus für das Vorstellungsgespräch.

Als ich Karlos und den anderen Kumpeln davon erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm im Baumarkt, in der Eisenwaren-Abteilung, zwischen Schrauben, Muttern und Nägeln, mit zwei linken Händen, das war ein gefundenes Fressen.

„Dabei hat der Glumm gar keine linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen! Der Penner!“

Der Mitsubishi Boy freute sich schon darauf, mich in flagranti mit dem Besen in der Hand zu erwischen, („aber na ja, haben wir nicht alle schon mal Staub gefressen?! HEHEHE!“), und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze fette Denunziantengesicht.

„Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!“

Er drohte, zweimal die Woche im OBI als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen oder ob ich mich doch nur aufs Klo verdrückte, EXPRESS lesen und ne Kippe rauchen, die Hand am Sack.

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Anfang 1987, mit Kahnbeinbruch, auf dem Arm meine Nichte

*

10. Januar 1987, halb zehn.

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte Literat saß mit der Bierhefe vom Vorabend im Schädel im Oberleitungsbus nach Ohligs. Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos früh am Morgen so lange das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern. So lange, dass ich mich schliesslich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht im Kissen eingepennt war. Ich hatte mir vom Preisgeld ein neues Kissen zugelegt. So ein großes leichtes Kopfkissen, in dem ich stets das Gefühl hatte, adieu zu sagen, wenn ich darin versank und meinen neuesten Träumen nachging.

Die OBI-Filiale in Ohligs war ein Flachdachbau und groß wie ein Fußballfeld, sie lag an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte eine letzte Kippe und schaute mir währenddessen das kommende Schlamassel durchs Panoramafenster an, bevor ich mich aufraffte und die Hölle betrat.

Es war ein bißchen wie im Stadion, eine halbe Stunde vorm Anpfiff: Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstatmosphäre. Zum Warmmachen schoben Spieler halbleere Einkaufswagen übers Feld, Ersatzspieler zogen einen Flunsch und lungerten im Kassenbereich herum.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter gaffte erschöpft in die Pappbecher, die vor ihnen auf dem Tisch standen. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen der orangefarbenen Kittel trug, drehte sich zu mir um.

„Hallo..“, lächelte sie freundlich.

Hinter ihr, im Stahlregal, stapelten sich die Verkäuferkittel, gebügelt und nach meinem armen Leib trachtend.

„Ich such Hern Hafner, den Filialleiter.“

„Im Büro“, meinte die Blondine.

„Ja schon. Aber wo ist das Büro?“

„Na ja. Hinter dir. Brauchst dich nur umzudrehen.“

Tatsächlich. Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Der Kasten war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder geschah es, dass ich Dinge übersah, selbst wenn sie groß waren wie ein Boxring und in Flammen standen. Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor.

„Ach, dann sind Sie das Vorstellungsgespräch.“

Herr Hafner, Mitte Dreißig, sportlicher Typ , schien soweit in Ordnung. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen, er gab sich jovial und verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker und jovial machten, sehr schnell sehr unlocker und unjovial werden konnten, geradezu bockig, wenn ihre Interessen berührt wurden, und dann war mit Pferdestehlen schnell Essig. Dann war kleiner Ponystall angesagt. Bürsten, striegeln, Fresse halten.

Rasch war geklärt, dass ich aus der ABM-Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, es war nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Ich fragte mich, warum, ich konnte es mir nicht erklären.

„Ich mein, handwerklich bin ich eine totale Null“, spielte ich meinen allerletzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, dass die Hände kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumelten, wie traurige alte Stofftaschentücher.

„Das macht nichts, das lernen Sie schon noch.“

„Schön.. Aber was soll ich dem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, und dann weiss ich nicht die Bohne Bescheid..“

„Ach was. Die ersten ein, zwei Wochen tragen Sie keine Arbeitskleidung, damit Sie niemand als Mitarbeiter identifizieren kann. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, na dann verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter. Alles kein Thema.“

„Kein Thema.. Hm. Und wenn kein nächster Mitarbeiter in der Nähe ist?“

„Na dann.. verweisen Sie den Kunden an den übernächsten.“

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über die Stuhllehne hängen wie abgenudelte Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mir selbst schon wie der größten Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens vorkam: eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

„Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?“

„Jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!“

Ein Mann sollte wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match im Raum steht, das es zu erobern gilt. Und da ich den Job schon nicht verhindern konnte, ohne eine Sperre der Arbeitslosenkohle zu riskieren, hiess es nun für mich, so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein. Teilzeit, dachte ich.

„Ich brauche Zeit zum Schreiben“, sagte ich.

„Was denn, was denn..? Sie müssen schreiben lernen!?“

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, ich klärte ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor. Den King of Satzbau. Saufziegen-Ferdi. Bukowski.

„Short Stories? Was schreiben Sie denn? Ist ja interessant.“

„Na ja.. Short Stories.“

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Was für mich drei Wochen Galgenfrist bedeutete, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage, fürs gleiche Gehalt, wobei das Gehalt so klein war, es war kaum als Gehalt zu bezeichnen. Aber immerhin.

Da war nur noch eines.

„Sagen Sie, Herr Hafner, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?“

„Hm.. Wo denn? Welche Abteilung?“ Er sah mich gespannt an. „Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?“

Wir blieben bei Eisenwaren.

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Fortsetz.:  Zeit zum Schreiben (2)