Lesung mit Thomas Kling in Bochum *

Nikolaustag 1987.

„Beim nächsten Ton ist es… 7 Uhr… 0 Minuten… und 10 Sekunden!“ dröhnte der Auftragsdienst. Die Stimme von Band kam so scharf und unnachgiebig, als kreiste eine Messerschmitt überm Telefonnetz. Ich hatte gerade mal drei Stunden geschlafen. Mein Herz wummerte vom jähen Aufwachen, ich schmeckte das faulige Nachbrennen von Cognac und Nikotin und ließ mich zurückfallen ins Bett. Erstmal warten, bis das Wummern sich beruhigte. Bis das Herz seinen Modus fand.

„…Ton ist es… 7 Uhr… zwei Minuten und 30 Sekunden…“

Ich stierte in die Dunkelheit.

Bis drei hatte ich im Mumms gestanden und Brandy und Bier in mich reingeschüttet. Schwarte und ich hatten am Tresen kleine Thai-Sticks geraucht, die mächtig gestunken haben mussten, und ohne Ende palavert. Seine Worte fuhrwerkten immer noch durch meinen Schädel. „Ich hab niedrigen Blutdruck“, hatte sich Schwarte beschwert, „deswegen verpenn ich auch alles. Irgendwann verpenn ich noch meinen eigenen Tod.“ Zuletzt sang Paul, der Ire, ein keltisches Kampflied, mit geschlossenen Augen und so innig und leidenschaftlich, dass ihm die Tränen in die Halsmanschette liefen. Der ganze Laden war mucksmäuschenstill. Auch wenn der alte Zausel schon lange Jahre in der Stadt war, sein Heimweh nach Irland wurde nicht weniger. Im Gegenteil, es wurde schlimmer mit der Zeit. Am Ende war Paul obdachlos, er erfror in den unglücklichen Neunzigern im Seiteneingang einer katholischen Innenstadt-Kirche. Was das Mumms betraf, das schöne Mumms, wie Paul es gern nannte, unser schönes Mumms, dafür hatte er in seinen besseren Tagen passende Worte gefunden, begeistert wie ein Stadtführer, der auf seine neue Heimat blickte: „Dicke Rauchschwaden, und an der Tür ein Herz-Bube mit ’nem Stilett drin, genau in der Mitte, aus Solinger Produktion, das ist das Mumms.“

Als ich um drei nach Hause wankte, fing mich ein Streifenwagen ab und gab mir Geleitschutz. Ich wunderte mich über das Schritttempo des Wagens, und warum die Bullen keine Anstalten machten anzuhalten, um meine Personalien zu überprüfen. Erst als die Scheibe runtergelassen wurde, „Na, Glummi, gefeiert..?“, erkannte ich Feysas Mondgesicht, er war vor Jahren zur Polizei gegangen.

„Manfred“, meinte ich.

„Glummi. Und?“

„Was, und..?“

„Gefeiert?“

„Mh… sicher.“

Zu Hause machte ich mich über den Kühlschrank her.

Drei Stunden später saß ich verkatert im Bett und wartete eine Zigarettenlänge ab, ob das Telefon noch mal klingelte. Ich ruf dich gegen sieben an, hatte sie gesagt, wenn ich Lust hab mitzukommen. Natürlich würde sie nicht anrufen. Nicht nach meinem letzten Auftritt. Weit nach Mitternacht hatte ich bei ihr angerufen und gefragt, ob sie mitkäme zur Lesung oder nicht. Mein Pech: ich hatte sie aus dem Tiefschlaf gerissen. Das mögen Frauen nicht. Frauen aus dem Schlaf reissen zählt zu den 7 Todsünden. Tja. Dann eben nicht, dachte ich jetzt. Dann fahr ich eben allein. Allein bin ich sowieso besser. Allein bin ich am besten. Allein quatscht mir keiner rein, allein kriegt man mehr mit, allein bin ich Master G. Warum rief sie nicht an, verdammt.

Als ich mich endlich erhob und in die Küche ging, pufften Atemwölkchen vor mir her, so ausgekühlt war die Wohnung. Weder Karlos noch ich hatten daran gedacht, Kohlen nachzulegen. Ein einziges Brikett, in feuchtes Zeitungspapier eingewickelt, hätte gereicht, um den Ofen über Nacht am Laufen zu halten, jetzt machte es keinen Sinn mehr. Der Frost saß tief im Holzregal, und knackte.

Karlos schlief noch, die Tür zu seinem Zimmer war zugezogen. Keine Ahnung, wo er den Abend verbracht hatte, im Mumms war er nicht aufgetaucht. Seine schwarzen Sargträgerschuhe, sonst penibel auf Hochglanz poliert, ganz so, wie es die Friedhofsordnung verlangte, lagen kreuz und quer und schlammverschmiert im Flur, wie gestrandete Containerschiffe. Wo auch immer er abgeblieben war in der vergangenen Nacht, es musste für ihn ähnlich volltrunken geendet haben wie bei mir.

Einen großen Espresso und eine Kippe später machte ich mich auf den Weg in Richtung Hauptbahnhof. Viel zu dünn angezogen für die Temperaturen, wie ich bald feststellen musste, doch zum Zurückgehen war es zu spät, dann verpasste ich den Zug. Ich legte einen Zahn zu, damit mir warm wurde. Die Lunge rasselte und pfiff, ein eisiger Wind trieb Schneeböen über den Asphalt. Ich war verkatert wie lange nicht. Hätte es für die Lesung in Bochum kein gutes Honorar gegeben, ich wäre auf der Stelle umgekehrt und zurück unter die Decke gekrochen. Scheiße. Sie hätte ruhig anrufen können. Warum hatte sie nicht angerufen.

08 Uhr 07.

Der Ruhrgebiets-Express lief ein. Ich war heilfroh, als ich endlich im Abteil Platz nahm und der Zug abfuhr. Neben mir turnten Kinder durch den Gang, die sich lautstark in ihrer grimmigen türkischen Landessprache stritten. Türken klangen für meine Ohren, als spürten sie einen tiefen Groll in sich, als hätten sie noch nicht genug Ärger im Leben. Ich nahm eine medizinische Broschüre in die Hand, die jemand auf dem Sitz liegen gelassen hatte. Jede Sekunde entstehen 50 Mio. Zellen im menschlichen Körper und jede Sekunde sterben 50 Mio. Zellen, las ich. Eine Zelle, die nicht sterben kann, wuchert unkontrolliert und wird – Krebs. Au Kacke, dachte ich. So einfach ist das.

Neue Ausfallerscheinung nach übermäßigem Schnapskonsum: ein tumbes, wattiertes Gefühl im linken Ohr. Es war fast, als büßte ich allmählich mein Gehör ein. Als zöge sich das linke Ohr, (es war ausschließlich das linke), peu a peu in die Tiefe der Schnecke zurück. Als hätte ich genug gehört, genug für ein ganzes Leben. Es gab zunehmend solche Tage, wo ich zerstört wach wurde und so groggy war, dass ich eine geschlagene Dreiviertelstunde auf dem Bettrand hockte und dumpf ins Nichts stierte. Tage, an denen ich eine Badewanne einlaufen ließ und die Klingel abstellte, das Telefon leise. Wo ich außer Stille und heißem Wasser nichts ertragen konnte. Bedingungsloses Versumpfen in der Emaille, über Stunden, den Blick zur Decke gerichtet, die Nerven in Trümmern.

Die Matinee-Lesung zu Nikolaus wurde organisiert vom Bochumer Kulturamt. Eingeladen waren mit Kling und mir die beiden letztjährigen Literatur-Preisträger des Landes NRW in Lyrik und Prosa. Einsilbig fuhr die Literatur an die Wand:

Kling! Glumm! Peng! Bumm!

Kling war eine Nummer für sich. Ein kleiner Mann, ein Schreihals, ein Unteroffizier und ein verdammtes Genie. So stellte ich mir einen modernen Dichter vor. Besser noch: er war ein Großmeister. Während der Preisverleihung in der Düsseldorfer Kunsthalle lugte wie zufällig ein Pöttchen Düsseldorfer Löwensenf aus seiner Manteltasche.

Ich besorgte mir sein erstes Gedichtband, Erprobung herzstärkender Mittel, das aber klebetechnisch so beschissen verarbeitet war, dass es nach nicht mal einem Jahr auseinanderfiel in sämtliche Einzelteile – was ich wiederum passend fand für Kling und seine explodierende Welt. Nie hatte ich schärferes gelesen, was Gedichte anbelangte. Das Wort Lyrik traute ich mir in diesem Zusammenhang nicht in den Mund zu nehmen. Dann würde er den Stachel ausfahren.

In Hagen hieß es umsteigen. Am Bahnhofs-Kiosk besorgte ich mir zwei große Dosen Export-Bier und widmete sie meinem alten Freund Pepe, der im Sommer zuvor in Hagen begraben worden war, gleich neben seinen Großeltern. Er hatte sich in München einen Speedball zu viel geschossen, auf dem Wirtshausklo. Dem Wirt war aufgefallen, dass die Kaffeetasse seit über 20 Minuten unangerührt auf der Theke stand, er ging nachschauen, was los war. Auf der Toilette hörte er schweres Atmen hinter einer verschlossenen Kabinentür. Man konnte den Kopf eines jungen Mannes auf den Fliesen liegen sehen, da war Blut, verstreutes Fixerbesteck. Der Wirt rief den Notarzt, doch der konnte nichts mehr tun.

Pepe wurde 24 Jahre alt. Die letzten Augenblicke in seinem kurzen Leben verfolgten mich, es ließ mich nicht los. Ich versuchte mir vorzustellen, was er gefühlt haben muss, als die (versehentliche) Überdosis ihn flutete und er aus den Latschen kippte. Als er in Windeseile geschnallt haben muss, dass es diesmal definitiv zu Ende ging. Dass er dieses Mal nicht davonkommen würde. Nicht dieses Mal. Was ging vor in Pepes Kopf, während Bodenfliesen seine Stirn kühlten und er schwer atmete? Zogen Szenen seines Lebens, unseres Lebens, an ihm vorüber? War ich beteiligt? Oder sonstwer aus der alten Gang? Der dicke Hansen oder Karlos? Oder Pepes älterer Bruder? Oder doch der von Selbstbräunern maskierte millionenschwere Arschlochvater?

Bochum.

Der Chef des Kulturamts, ein Herr Karl, erwartete mich am zugigen Bahnsteig. Daneben Thomas Kling. Wir reichten uns die Hand, gingen ein paar Meter. Er redete, ich nicht. Damit war das Feld abgesteckt für den Rest des Tages. Vorm Bahnhof wartete das Dienstauto. Der Herr Karl vom Kulturamt stieg vorn ein, Kling und ich hinten. Ich hatte eine erste Fahne mittlerweile, was aber niemand bemerkte, da Herr Karl vorn saß und Kling in einem fort quasselte und ich die Klappe hielt.

Kling war nervös und Profi zugleich. Nervös, weil er mich nur flüchtig kannte und nicht einzuschätzen wusste, und Profi, weil er voll im Geschäft war, während die Lesung im Pott für mich eine Ausnahme darstellte. Er war schmal und blass, das blonde Haar fiel ihm wie reifer Weizen auf die Schulter, gekrönt von lockigen Einsprengseln – man hätte ihn so küssen können, den Bub. Aber Vorsicht. Es fehlte nur der Schmiss auf der Backe, und er hätte seine eigene Bruderschaft aufgemacht. Ein Offizier und Wespenmann.

„Kling hat etwas extrem Maschinelles in seiner Sprache“, urteilte die Gräfin, nachdem sie sein erstes Gedichtband gelesen hatte. Sie nannte ihn einen lodernden Apparatschik, schwierig zu lesen für ihren Geschmack. „Vielleicht musst du Kling hören“, sagte ich, „dann wird vieles klarer, komm doch einfach mit“, worauf sie entgegnete: „Vielleicht. Mal sehen. Ich ruf an.“

Bochum, eine Kreuzung in der Innenstadt. Die Ampel stand auf Rot, ich blickte aus dem Seitenfenster. Beobachtete Schulkinder, sie rutschten lärmend über einen zugefrorenen großen Park-Teich. Sie spielten Eishockey mit langen frisierten Holzstöcken und einer zum Puck umfunktionierten, ja, was?! runden Hartsalami, der Schiedsrichter machte Kunststückchen auf dem BMX-Rad. „Guckt euch das an…!“ rief ich verdattert, doch Kling parlierte ungerührt weiter und der Mann vom Kulturamt und der Fahrer hatten genug zu tun mit dem City-Verkehr am frühen Sonntag.

Und Kling? Irgendwie war er ein Angeber. Kleine Männer sind immer Angeber, es kann nicht anders sein. Sie sind Schläger, sie sind gewitzt, sie gehen niemals unter, weil sie von klein auf gelernt haben zu kämpfen. Zur Not mit Worten. Kleine Männer stinken beim Ficken, weil sie so ackern müssen, kleine Männer versuchen ständig, größeren Männern zu imponieren. Ein Glücksfall, was Kling betraf. Wäre er nur ein paar Zentimeter größer gewesen, er hätte nicht ein verdammtes anständiges Gedicht geschrieben, jede Wette.

Die Lesung fand im Museums-Café statt. An der kleinen Bar genehmigte ich mir den ersten warmen Osborne des Tages. Herr Karl moderierte, er stellte die Autoren vor. Kling, wegen ihm waren die meisten Besucher gekommen, sei der neue Liebling des deutschen Feuilletons, so Herr Karl. Sein Ton war sachlich und ruhig, er hatte die Veranstaltung im Griff. Von mir wusste er nicht viel. Nur dass bei meiner Preisverleihung in der Düsseldorfer Kunsthalle eine Stimmung geherrscht haben musste wie im Fußballstadion. So hatte es in der Zeitung gestanden.

Gut.

Ich fang dann mal an, sagte ich. „Dann hab ich es auch als Erster hinter mir.“ So war’s abgemacht. Ich las die ersten engbeschriebenen Seiten aus „Komma, ich blute“, wo ich krank vor Liebeskummer und Einsamkeit durch Düsseldorf torkle, kurz vorm Weihnachtsfest, ein manisch-depressiver Dezembertext, an dessen Ende ich eine neue stone washed US-Jeanshose kaufe, in der ich ganz am Ende auch nicht besser dastehe.

„Früher, mit 14, kaufte ich mir eine dunkle ungewaschene Levis und wusste genau, in zwei Jahren ist das Ding hell und ich seh bombig darin aus. Aus und vorbei.“ 

Das Publikum bestand aus nicht mehr als drei Dutzend Personen, von denen sehr wahrscheinlich jede einzelne selber schrieb. Als ich nach einer halben Stunde mit dem Text durch war, bat der Moderator um Reaktionen. Ich war gut in Form gewesen. Ich hatte anständig gelesen, einen Kaffee und zwei Osborne in Arbeit. Eine Dame in den Dreißigern meldete sich zu Wort, sie schnippte mit dem Finger, als säße sie in der Schule. Als sie drangenommen wurde, sprach sie mich direkt an:

„Herr Glumm, ich könnte Ihnen noch stundenlang zuhören…“

„Das ist aber ein schönes Kompliment“, antwortete ich überrascht und blickte zum Moderator rüber. „Ich könnte auch stundenlang weiterlesen.“ Worauf Herr Karl unwirsch abblockte und nach weiteren Wortmeldungen fahndete. Vor mir der vierte Osborne. Den dritten hatte ich ausgelassen, um aus dem vierten gleich einen doppelten zu machen. Keine weitere Wortmeldung. Ja doch, Moment. Thomas Kling. Er meinte, „Glumm schreibt ehrlich“, was mir nicht gefiel. Ehrlich schreiben, was soll das denn sein? Jeder biegt sich seine miese kleine Wirklichkeit so lange zurecht, bis sie ihm gut zu Gesicht steht. Ehrlichkeit ist auch nur ein Gag. Dann wurde Kling fast väterlich.

„Pass auf, dass du nicht verheizt wirst.“

Herr Karl fragte noch irgendwas, der Ordnung halber, unter anderem, ob sich mein Schreiben im Laufe der Jahre verändert habe, was man eben so fragt, wenn man jemanden nicht kennt, der schreibt. Sagte ich: „Gar nicht. Ich variiere immer nur Guten Tag im Januar, eins meiner allerersten Gedichte.“ Was sich allerdings geändert habe, sagte ich, ist die Tatsache, dass ich mittlerweile jeden Tag am Schreibtisch sitze und nicht nur dann, wenn mir danach ist, „und das ändert dann alles.“

Dann legte der Meister los. Kling war nicht allein gekommen. Er wurde von Jansen begleitet, einem befreundeten Musiker an den Keyboards. Keine Ahnung, woher er kam, plötzlich war er da. Jansen gab eine merkwürdige Figur ab. Wirre Mähne und kurze Beine, die in weiten Flanellhosen steckten. Fehlten nur Zauberpantoffeln, und der kleine Muck hätte höchstpersönlich am Synthi gestanden, Furchen der Verzweiflung in die Stirn getrieben. Es war nicht mal zwölf Uhr, und ich hatte Feierabend. An der Bar zog ich mir ein Bier nach dem anderen rein. Dazu Osborne. Ja, sicher. Noch einen. Auf Kosten des Hauses.

Den zweiten Teil seiner Lesung betritt Kling ohne Musik. Er las aus ERPROBUNG HERZSTÄRKENDER MITTEL, trug auf Zuruf aus dem Publikum Gedichte vor, auf die jeweilige Seitenzahl („59!“) Bezug nehmend. Es war Dada-Performance, Big Beat. Friederike Mayröcker hatte Kling schon 1983, als noch gar kein Buch von ihm auf dem Markt war, die Stimme des kommenden Jahrtausends genannt.

Kling war großartig. Er sirrte umher, er fuhr die Sprache in Trümmern, er war auf Raubbau aus. Seine Stimme war immerzu erregt, im Rennmodus, Gift verspritzend. Er war ein Sprachinstallateur, der Klempner unter den Dichtern: er ging zur Arbeit, wenn er dichtete. Gegen ihn war der Ton anderer zeitgenössischer Dichter der von Stümpern, von selbstgefälligen Brotzeitlern. Talentfreies Gesindel.

Nach der Lesung landeten wir alle in der gediegenen Altbauwohnung einer Dame, die im Publikum gesessen hatte. Sie sah aus, wie ich mir gemeinhin eine Mäzenin vorstellte: alleinstehend, um die fünfzig und genug Asche, um im Wohnzimmer ein gewienertes Bechstein-Klavier stehen zu haben. Dazu servierte sie selbstgemachte Stachelbeertorte mit selbst geschlagener Sahne. Ein Sonntagnachmittag in Bochum. Unangenehm: Klings Kompagnon Jansen grub die Mäzenin an. Er machte ihr richtig Avancen. Und nicht nur das, er fingerte auf den Klaviertasten herum und spielte Terzen und wackelte dabei so defekt auf dem Klavierhocker, dass er zweimal auf dem Hosenboden landete. Kann der nicht einfach die Fresse halten und auf dem Sofa einpennen, dachte ich.

Kling lief zu großer Form auf. Er erzählte der intimen Runde, dass er und Kumpel Jansen schon seit 72 Stunden auf den Beinen seien und eigentlich schon halbtot sein müssten. Man kam direkt von einem interdisziplinären Kunst-Happening in Zürich. Es folgten, im Plauderton, theoretische Anmerkungen zur aktuellen deutschsprachigen Literatur. Ja gab’s die denn? Kling streute Fremdwörter ein, von denen ich noch nie gehört hatte oder seit Ewigkeiten nicht mehr. Kling war der Star. Ich zählte nicht, nicht wirklich. Ich war mehr Statist. Ich war betrunken und saß im Publikum. Kling füllte das Wohnzimmer. Es waren noch andere Leute anwesend, jüngere Leute, ältere Leute, Gefangene, Vieh. Einmal warf ich ein, wie sehr ich moderne deutsche Literatur hasste, sie sei provinziell und lumpig, dabei hatte ich null Plan von moderner deutschsprachiger Literatur.

„Deutsche Autoren schreiben, als hätten sie Muffen vor dem, was die Nachbarn sagen könnten.“

Kling wieherte kurz – und übernahm wieder die Führung. Er ertrug keinen Schatten. Nicht eine Sekunde. Er war große Klasse. Ich war mir im Nachhinein nicht einmal sicher, ob ich das überhaupt gesagt oder doch nur gedacht hatte. Im Anschluss referierte Kling, ein Stück Torte in Arbeit, über Stachelbeersträucher im Garten seiner Patentante, die im Bingen am Rhein lebte und wo er als Jugendlicher stets die Schulferien verbrachte. Jetzt, wo er mir so nah war, erkannte ich plötzlich, an wen er mich die ganze Zeit erinnerte: an einen ehemaligen Klassenkameraden, der ähnliche Gesichtszüge hatte und dessen Vater eine Messerfabrik besaß. Patente Burschen, alle beide, die wussten, was sie vom Leben wollten, die wussten, was sie konnten. Bloß – wer war ich eigentlich? Was hatte ich hier zu suchen?

Schreiben Sie selber?

Abends lud das Kulturamt Bochum zum Essen bei einem stadtbekannten Griechen. Kleine Marihuanasticks glühten am Tisch, (da, wo ich saß), endlich besserte sich meine Laune. Ich hatte fünfhundert Mark Honorar in der Tasche, ich war bekifft und betrunken, das Essen war lecker. Bauchspeichelkombüse kritzelte ich auf meine Serviette.

„Benutzt du auch Notizbücher, wenn du unterwegs bist? Um was festzuhalten?“ fragte ich Kling, als ich meins herauszog, um den schönen Beifang zu übertragen.

Bauch

speichel

kombüse

„Notizbuch, ja, aber für zu Hause, nicht für unterwegs“, antwortete Kling, der neben mir saß und neugierig in meins hineinschaute. Überhaupt, er zeigte Anteil am ganzen Tisch. Jegliches Geschehen schien ihn zu interessieren, dann abrupt nicht mehr. Sprunghaft wie ein Bub, der ständig nach dem nächsten Streich zu geiern schien. Was zahlste fürn Gedicht im Einkauf? fragte ich ihn übermütig und forderte als Dessert „irgendwas aus der Kantine in Klarsichtfolie“, wobei ich -folie wie folilie aussprach. Der Kellner guckte doof, und Kling lachte, aber nicht wirklich. Irgendwas stimmte mit dem Kerl nicht. Na schön, mit wem stimmte überhaupt irgendwas in diesem Leben. Mit mir jedenfalls nicht. Mit meinen albernen Gags auch nicht. Wenn man seine Rolle nicht findet, wird man unangenehm.

Jansen und Kling, die beide in Köln lebten, bestanden darauf, mich nach Hause zu bringen. „Ist doch kein Umweg.“ So ein Blödsinn. Von Bochum nach Köln über Solingen war natürlich ein Umweg, auch wenn im Ballungsraum alles nah beieinander ist. Jansen fuhr einen großen kalten Ford Transit. Mit seinen ultrakurzen Kleine Muck-Beinchen schaffte er es gerade so an Bremse und Gaspedal. Trotz meines betrunkenen und zugekifften Zustands ließ ich während der ganzen Autobahnfahrt kein Auge vom Asphalt. Ich traute diesem seltsamen Vogel nicht. Ich plädierte für langsamer fahren oder Kriechspur, konnte mich aber nicht durchsetzen. Wären wir in dieser Nacht tödlich verunglückt, ich hätte gemeinsam mit dem besten deutschen Dichter meiner Generation den Tod gefunden. Und mit dem kleinen Muck. Na, das wäre verdammt noch mal nicht der übelste Tod gewesen. Da hatte ich krankere Tode überlebt.

Unterwegs stellten Kling und ich fest, dass wir außer einem kümmerlich dotierten Literaturpreis (er hatte bereits mehrere abgeräumt, er sammelte Literaturpreise) noch etwas anderes gemeinsam hatten: wir konnten beide nicht Autofahren. Wir hatten beide keinen Führerschein. Leute, die schreiben, fahren nie Auto, logisch. Entweder oder.

Kling, der die Dreißig schon erreicht hatte, rechnete mir auf der A3 in Höhe Ausfahrt Langenfeld vor, dass er sieben Pfennig an jedem verkauften Gedichtband verdiene (vor oder nach Steuern? dachte ich) und einige Wochen in Helsinki gelebt habe, wenn ich ihn richtig verstand. Außerdem hatte er sich auf einer Schiffsreise mit dem finnischen Kapitän angefreundet. Kling sprach sogar ein bisschen finnisch, er ließ einige Proben hören. Wir waren erschöpft, als wir in der SG ankamen, an der Mummstrasse, direkt vor der Kneipe, regelrecht ermattet. Wir hatten uns verausgabt. Er schrieb mir noch die Telefonnummer eines Freundes ins Notizbuch, einem Autor, den ich unbedingt kontaktieren müsste. Ein gewisser Mike Feser.

„Der schreibt ähnlich wie du.“

“Kommt ihr noch mit rein, auf einen Sprung?” fragte ich der Ordnung halber, obwohl die Antwort klar war. Nach 72 Stunden Kunst-Happening in Zürich und Bochum und so: nein! (Heftig.) Man sieht sich. (Nie.)

Karlos stand am Tresen, als ich die Tür aufzog und einkehrte. Es war weit nach Mitternacht.

“Och nee – guck an, die alte Tante Glumm!“ rief er. „Die kannst du lesen schicken und alles – die geht nicht kaputt!”

“War aber knapp”, sagte ich.

*

* In Erinnerung an Thomas Kling (5. Juni 1957 – 1. April 2005)

Dass er ausgerechnet an einem 1. April ging… Scherzbold.

Den Kampf mit der eigenen Schärfe, wie Kling ihn auszufechten hatte, muss man erst mal aushalten, 47 Jahre lang. Und er ging nicht einmal ausgebrannt. Es hätte noch was kommen können. Selbst ein dämliches Buchcover („Auswertung der Flugdaten“, Dumont, 2005) konnte ich ihm (so gerade noch) durchgehen lassen.

Thomas Kling war das männliche Genie unter den wenigen deutschsprachigen Nachkriegs-Dichtern von Rang.

Bachmann war ja Frau.