Wie ich Mutter einmal fast die Seele verbrühte

Vater lag nach dem zweiten Herzinfarkt in wechselnden Spitälern und Therapieeinrichtungen, seit Wochen schon, und Mutter blieb allein zu Haus, das war sie nicht gewohnt. Von ihren Kuren und Aufenthalten im Krankenhaus abgesehen war er stets an ihrer Seite gewesen – die Prägefalz einer langen Ehe.

“Der muss doch gleich um die Ecke kommen”, dachte sie.

Von der schweren Herz-OP erholte sich Vater nur langsam. Er litt unter dem Durchgangssyndrom und war oft so durcheinander, dass er sich statt im Krankenhaus in Kriegsgefangenschaft wähnte. „Was kochen die Franzosen für einen scheiß Kaffee!?“ schrie er. Dass er nicht bei klarem Verstand war, setzte Mutter besonders zu. Dass er dement werden könnte. Es rührte an ihrer gemeinsamen Würde.

Wenn ich mir den Hund schnappte und sie besuchte, saß sie verloren im Eßzimmer und blickte hinaus auf die wenig befahrene Straße. Eine alte Frau mit dünnem kittgrauen Haar, die mit verweinten Augen ins Nichts starrte und jeden Tag mehr abmagerte. Sie wog bald keine fünfzig Kilo mehr. Wir alle machten uns Sorgen, wie es weitergehen sollte, niemand hatte eine Antwort. Vater kam nicht um die Ecke, Mutter baute in rasender Geschwindigkeit ab.

Eine Erkältung mit Reizhusten erwies sich als hartnäckig und wollte nicht weichen, sie hatte Rückenschmerzen. Sie hatte Probleme mit der Hüfte und dem Bauch, dem Unterbauch, ihrer Auffassung nach der Sitz der Seele. Jetzt war es die Hölle. Der Darm schmerzte, sie hatte ständig Harndrang. Nachts musste sie bis zu zehnmal raus. An Tiefschlaf war nicht dranzukommen.

Da sie so schwach war, hatte die Krankenkasse einen Toilettenstuhl spendiert. Der stand neben ihrem Bett und tat seinen Dienst, während der Rollator, den die Krankenkasse mitgeliefert hatte, als Teewägelchen gebraucht wurde.

„Die Zeit nach den Hüftoperationen war schon schwierig“, sagte sie unter Tränen, „da ging es mir schon dreckig, doch das war nichts gegen die seelischen Schmerzen jetzt. Wie soll es denn weitergehen?“

Auf Anraten der Ärzte schauten wir uns für Vater schon mal nach einem Pflegeheim um, nur für den Fall, dass er es nicht mehr nach Hause schaffen würde. Noch aber roch die  ganze Wohnung nach ihm, nach seiner Anwesenheit, und sie saß allein in den gemeinsam angeschafften Möbeln, ratlos.

„Ich weiss nicht, wo ich es suchen soll“, sagte sie.

Zeitlebens mochte ich ihre Sprache. Sie benutzte ständig wunderbare Worte wie huschhascheln, was so viel wie hin-und herräumen, kramen bedeutet. Ich kannte sonst niemanden, der huschhaschelte. Und wenn man bewusst unkorrekt behandelt wird, wenn man gelinkt wird, dann war das schofel.

Während man bei meinem Vater sicher sein konnte, dass seine Worte aus dem Solinger Platt stammten, so war das bei meiner Mutter nicht unbedingt gesagt. Sie sprach zwar ebenfalls Platt, baute aber immer wieder Begriffe aus der neuen Zeit ein. So beschwerte sie sich einmal bei mir, und das war kurz vor ihrem Tod, dass Papa einen ätzenden Rede-Flash gekriegt habe.

Um ihr einen Besuch abzustatten, wählte ich meist die Route durch die Hofschaft Klauberg. Vorbei am staubigen alten Bolzplatz, der mittlerweile von staubigem Kunstrasen geadelt ist, den Klauberg hinauf, der ein so steiles Gefälle hat, dass Radfahrer an seinem Fuße absteigen und auf einen Wagen warten, der bereit ist, sie die Strasse hoch zu ziehen.

Je näher ich Mutter kam, desto stärker duftete es nach Kindheit. Ein Kokon legte sich um die Häuser, ein Mix aus unerledigten Hausaufgaben, Füllertinte von Geha und brandneuen Schulbüchern, zu Beginn des Schuljahrs ausgegeben. Wenn ich die Klingel drückte und Mutter die Tür per Summer öffnete, liess ich den Hund von der Leine und sprang wie früher die Treppen hoch, nahm immer mehrere Stufen auf einmal, zählte die Sekunden, bis ich oben war.

(Ich kam nicht mal entfernt an alte Rekordzeiten heran. Selbst der Hund war schneller.)

„Komm rein.“

Mutter schlurfte voraus ins Esszimmer, in zu groß gewordenen Pantöffelchen, und setzte sich wieder ans Fenster. Jedes Mal, wenn ich mittags zu Besuch kam, war es das gleiche Bild. Sie saß im Esszimmer, das unser altes Kinderzimmer war, und blickte aus dem Fenster. Zur gleichen Zeit saß Vater zwanzig Kilometer Luftlinie entfernt ebenfalls am Fenster und schaute zum Krankenhausparkplatz hinunter, in der Hoffnung, dass jemand aus der Familie zu Besuch kommen würde.

Die leeren Blicke, ihr letztes Band.

Das Fenster im alten Kinderzimmer, die ruhig daliegende Schillerstrasse, es war mir nur zu vertraut. Ich war Sechzehn, als ich mir genau an diesem Fenster eine Flasche Bier aufmachte und Magnolia von JJ Cale anhörte, ein traurig flirrendes Liebeslied. Auch wenn ich gar kein Liebeskummer hatte, es war dieses tiefe Gefühl von Vergeblichkeit, das ich mochte. Die Flasche Bier fand ich auch gut.

Damit sie überhaupt etwas aß und nicht bei lebendigem Leib skelettierte, kochte ich nach Mutters Vorgaben Kleinigkeiten wie Spinat mit Spiegelei oder wir machten uns eine Pizza warm. Ich aß einen Happen mit, wir saßen am Tisch, der immer der Mittelpunkt des Familienlebens gewesen war, und unterhielten uns. Ich war heilfroh, wenn ihre Stimme Farbe bekam und nicht ins Schlingern geriet, wenn ihr Mund ein Lächeln aufbaute und sie ein bißchen zu schnattern begann, wie in besseren Zeiten, die gar nicht so weit zurücklagen, keine Seite im Fotoalbum.

Es sind stets die kleinen Dinge, die einen anrühren, die das Herz absaufen lassen. Der Anblick der vielen Falten in ihrem Hals, die übereinander lappten wie Jahresringe, ihr Geruch, eine Komposition aus Pflegemilch und warmer Frauenhaut. Und dann war da die kleine Situation nach dem Essen, als sie sich für ein Mittagsschläfchen hinlegte und ich ihr die Strümpfe auszog. Jede Bewegung, jede Drehung kostete sie Anstrengung. Ich deckte sie zu, wie ein kleines Schulmädchen lag sie da, ein kleines Mädchen mit spitzem Näschen und einer Jahrtausende alten Vogelseele.

„Ich würde gern mal mit einem Vogel tauschen, ein paar Stunden nur“, hatte sie einmal gesagt. „Einfach in der kalten Weite des Himmels unterwegs sein. Das muss doch wie auf dem Meer sein. Oder als würden kleine Kinder tanzen.“

Im Leben meiner Mutter gab es Dinge, die mussten stimmen. Wenn ich ihr Bett herrichtete, musste jede ihrer diversen Über- und Unterdecken genau an ihrem Platz sein, und wehe, das Bettlaken war nicht glatt gezogen und warf Falten. So eine Falte konnte ihr das wichtige Schläfchen am Nachmittag verhageln.

„Da krieg ich lächerliche Beine“, schimpfte sie.

„Lächerlich?“ Ich verstand nicht. „Wie meinst du das, lächerlich?“

„Kennst du das nicht? Wenn die Beine jucken, als würde man auf Zwiebackkrümeln liegen, so.. lächerlich..“

Zuvor hatte ich ihr die obligatorische Wärmflasche gemacht und den gepeinigten Rücken mit Pinimentol eingerieben. Dabei hatte ich es zu gut gemeint. Statt, wie im Beipackzettel empfohlen, einen wenige Zentimeter langen schmalen Strang aufzutragen, hatte ich ihren ganzen Rücken großzügig eingerieben.

Am frühen Abend ging das Telefon. Schon das Läuten verriet, dass etwas nicht stimmte.

„Ich konnte nicht einschlafen, so kalt war mein Rücken von dem Pinimentol. Du hast viel zu viel genommen.“ Ihre Stimme hatte den alten Drive. „Mir war so kalt, als hätte ich im Eisfach gelegen. Oder wolltest du mich tieffrieren?“

„Oh.. äh. Nein. Natürlich nicht. Aber die Wärmflasche war doch in Ordnung, oder?“

„Die Wärmflasche, ja.. Die war so heiß, es hat mir fast den Bauch verbrutzelt. Das hat richtig verschröggelt gerochen, wie eine durchgebrannte Glühbirne. Der ganze Bauchspeck war angesengt.“

„Bauchspeck? Was für ein Bauchspeck?“

Sie liess den Einwand nicht gelten.

„Außerdem war zu viel Wasser in der Wärmflasche. Erst hat es mich fast verkocht, dann wurde es ruckzuck kalt. Ich hab gefroren wie ein Schneider, hinten und vorne. Ich dachte, ich läg schon in der Leichenhalle.“

Es dauerte eine Weile, bis sie besänftigt war. Dann musste einer von uns lachen, der andere fiel ein, aber nicht sehr lange. Wir verabredeten uns für den nächsten Mittag, auf eine kleine Pizza und ein bißchen Huschhascheln.

Begeisterung

Meine italienische Großmutter war eine kleine Witwe, die lustig wurde, wenn sie einen in der Krone hatte. Die Adern auf ihren Handrücken waren tiefblaue und weit verzweigte Rohrsysteme, die mich als Kind ungeheuer faszinierten und glauben liessen, das Blut wäre blau wie der Ozean, und sie sprach keinen Ton italienisch.

Sie wurde zwar in Italien geboren, doch ihre Eltern verliessen das kleine Bergdorf im Friaul zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sie keine zwei Jahre alt war. Die Lesizzas kamen im Tross an, allesamt versippt und verschwägert, die Männer arbeiteten als Strassenpflasterer.

In den 20er Jahren heiratete meine Großmutter einen deutschen Tunichtgut, der sich gerne in Billardkneipen herumtrieb und trank, er fiel im zweiten Weltkrieg. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor, eine davon, die ältere, war meine Mutter. Ich bin demnach ein fünfundzwanzigprozentiges Ölauge. Ich mag Paolo Conte, wie es sich gehört, und ich hasse die Nervensäge Giana Nannini. Meine Mutter nannte mich Zeit ihres Lebens einen „Lot mich jewerden“, Solinger Platt für jemanden, der es gerne sieht, wenn man ihn in Ruhe lässt, der dem Leben mit Phlegma begegnet. Auch meine chronische Unpünktlichkeit führte sie stets aufs italienische Blut zurück, und meinen Hang zu Drogen.

Als meine italienische Großmutter 1980 starb, fand man unter ihrem Bett eine ganze Batterie leerer Bier-und Schnapsflaschen. Dass sie gerne getrunken hatte war kein Geheimnis gewesen, doch diese Dimension und die Aussage der Ärzte, dass der Zustand ihrer Leber auf eine schwere Alkoholikerin schliessen liess, schockte besonders meine Mutter. Sie machte sich für den Rest ihres Lebens schwere Vorwürfe, dass sie Oma immer ausgeschimpft hatte, wenn sie betrunken war, anstatt ihre Sucht zu erkennen und Hilfe anzubieten.

Die Gräfin verdankt ihre Existenz ebenfalls der italienischen Taktik, die Heimat hinter sich zu lassen, doch liegen die Dinge hier anders, auf dem Rücksitz eines Fiats, ich erzähle sie an anderer Stelle.

(Rücksitzbaby).

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Herr, lass Hirn verkümmern, damit die Menschen nicht so viel denken (müssen).

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Im Park tummeln sich Dutzende gut erzogener Jungalkoholiker, die den spärlichen Rest ihrer Sommerferien begiessen. „Guten Abend“, grüßen sie artig, einer nach dem anderen, als ich in der einbrechenden Dunkelheit mit dem Hund vorüberspaziere. Beim ersten Knaben grüße ich noch zurück, „Nabend.“ Bei Nummer 2 und 3 sage ich nichts, nicke nur kurz. Beim vierten hab ich die Nase voll.

„Noch einmal Guten Abend und ich saufe mit! Lümmel!“

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Schon mal aufgefallen, dass man kaum noch Jugendliche sieht, die sich lässig an Hausecken herumdrücken und Kaugummis aufblasen groß wie Zeppeline, die Hände in den Hosentaschen? Nee, noch nicht aufgefallen?

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Als ich gestern Mittag telefoniere, werde ich schon nach zwei Minuten so furchtbar müde, mein Gesicht raschelt zu Boden wie eine Zeitungsseite, ich schlafe beinah im Sitzen ein. Nahe dem Sportteil.

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Wenn das Leben eine Weile stillhält, wenn die Tage sich gleichmäßig abspulen wie ein Trainingspensum, ohne dass je der Ernstfall eintritt, dann kann man auch die Klappe halten. Das muss man nicht unbedingt weitererzählen, dass nichts passiert, das wäre schon an der Grenze zur Behelligung. Aber man muss aufpassen. Dass man nichts übersieht. Dass man nicht etwas für üblich hält, für nicht erwähnenswert, nur weil es beim ersten Augenschein kein Brüller zu sein scheint, der im Multiplexkino, erste Reihe Mitte, Tinnitus provoziert. Nicht wahr. Immer schön die Augen auf.

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          Jesus beim Abendbrot, Susanne Eggert, 2011

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Übrigens, eine Begeisterung reicht. Alles zu seiner Zeit. Es kann sonst passieren, dass man mittags beieinander sitzt und so begeistert ein Stück Lamm aus der Schulter mit köstlichem Gemüse feiert, dass man noch während des Kauens das hymnische Comes a time von Neil Young anstimmt und alle Anwesenden fallen ein und die Küche wird kurzfristig zum Tollhaus aus Fleisch und Sangeslust, bis du vor lauter Ausgelassenheit auf ein Stück absplitterndem Knochen beisst und der Zahnstatus sich jäh zum Negativen wendet.

Nein, eine Begeisterung reicht, Freunde.