Ich nahm die Abkürzung über den Friedhof

Gegenüber der kleinen Kapelle hockte eine Gestalt auf der Bank, die sich den Schweiß aus dem Nacken rubbelte. Irgendwie kam mir die Bewegung bekannt vor. War das der durstige Mann von der Tuborg-Dose? War da ein Handtuch im Spiel? Dann war es der Becks. Das konnte nur der Becks sein. Der Bienenkönig.

“Na Scheiße”, rief ich, “der Becks..! Was machst du denn auf dem Friedhof.. Nach Zahngold buddeln?”

Er stöhnte. “Alter.. ich war gestern voll wie ein Treteimer..!”

“Was war los?”

“Wodka gesoffen, mit den Russen und dem Saarländer.”

Er reichte mir die verschwitzte Hand. Er schwitzte ständig und überall, ich kannte es nicht anders. Im Sommer trug er einen Rucksack, in dem er Handtücher deponiert hatte und einen Sportföhn für die besonders üblen Zustände. Wenn es in ihm köchelte wie bei ner Ollen in der Monopause! Alter Schwede!

“Ich weiß kaum, wie ich nach Hause gekommen bin.. Angeblich hat mich der Saarländer ins Taxi gesetzt, dem Fahrer Kohle in die Hand gedrückt und gesagt, hier Chef, fahr den Sack zum Katternberg elf, zweite Klingel unten.”

“Hm, ist doch okay. Oder nicht.”

“Nee, ist nicht okay. Warum? Weil der Sauhund mir die Brieftasche gezockt hat, die ganze Kohle, alles weg..”

“Hm, na. Das ist nicht okay.”

“Siehst du, mein ich auch. Nur den Zehner fürs Taxi hat er mir gelassen. Wenn der mir unter die Augen tritt, setzt es ne Schelle, glaub mir das.”

Wenn Becks von Schellen sprach, meinte er solche in Großformat, in Metall gegossen, ich sag mal: Glocken. Massive Gongs, wie im Dom.

“Den mach ich platt, den Sauhund!”

Der Saarländer war noch nicht lange in der Stadt. Es schien ihm nicht klar zu sein, mit wem er sich da angelegt hatte. Noch in den frühen Neunzigern war Becks mehrmals in Haft, weil er einer ganzen Reihe von Leuten wiederholt Schellen, Ohrfeigen und Gongs verpasst hatte. Es geschah durchweg im Suff, wenn er jähzornig wurde. Dann gab es einen Riesenknall und irgendein armes Schwein lag in der Ecke und weinte. Obwohl, wer weint schon gern mit dreifach gebrochenem Nasenbein. Das lässt man lieber bleiben. Das tut weh. Da blutet man lieber blöd in die Gegend und wartet auf die Ambulanz.

Jedenfalls war das früher so. Es knallte an allen Ecken, da konnte man hergehen, wo man wollte. Es war überall was los. Angenommen, ich liefe heute mit einem Schmetterlingsnetz durch die Straßen der Stadt und würde all die vergeudete Energie der Achtzigerjahre einfangen, ich würde den Jahrhundertfang einfahren. Den Catch of the Century. Andererseits, meinte nicht schon mein Großvater, früher wäre mehr los gewesen? Und mein Vater meinte das auch, für seine Zeit. Irgendwie glaubt jede Generation, früher wär mehr los gewesen. Vermutlich saßen schondie Leute in der Jungsteinzeit am Feuer und trauerten der Altsteinzeit hinterher, als es noch genug Mammuts gab zum Jagen. Und was werden die Leute in hundert Jahren sagen, wenn genmanipulierte Neon-Babies als Quizgewinn ausgelobt werden? “Früher war aber mehr los.”

Ist klar.

So gesehen bricht ständig für irgendwen die goldene Ära an, die später mal als früher in seine Geschichte eingehen wird, als noch was los war und überall Leute mit dreifach gebrochenem Nasenbein rumlagen. Das ist auch der Grund, warum so viele Geschichten in diesem ominösen großen Königreich namens früher spielen, das jeder so, wie es ihm gefällt, regiert. Früher ist eine prächtige Monarchie, mit Billionen von Zeptern.

Becks öffnete seinen Rucksack und holte eine Flasche Almdudler raus, gegen den Nachdurst. Er nahm einen kräftigen Schluck und rülpste mit einem Elan, dass die Kolkraben aus den Bäumen flüchteten. Wodka-Reste flirrten durch die Luft.

Er setzte eine grüne Military-Kappe auf.

“Ist noch von der Bundeswehr.. uralt das Ding.”

Du warst beim Bund?”

“Nee, nicht wirklich. Obwohl ich mich verpflichtet hatte, für vier Jahre.”

“DU warst beim Bund, Becks..!?”

“War ich nicht, Lutscher! Aber die wollten mich als Gebirgsjäger, als Zeitsoldat für vier Jahre. Blöd und jung wie ich war, hab ich meine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt, ohne richtig durchzulesen. Ich war achtzehn, ich wollte bloß weg von zu Hause, weg von meinem Alten. Aber dann hab ich von dem Verein sieben Jahre nichts mehr gehört. Ich hatte die ganze Sache schon vergessen, als mir plötzlich der Stellungsbefehl ins Haus flattert. Antrittstermin, das Datum vergess ich nie: zweiter Januar 89. Einen Monat vor meinem 27. Geburtstag. Danach hätten die mich nicht mehr einziehen können, verstehst du. Danach wär Sense gewesen mit Becks, dem Zeitsoldat.”

“Na ja, du bist ja auch der Bienenkönig“, stellte ich richtig.

Er lachte. “Der Rum-Summser..”

Plötzlich verdunkelte es sich auf dem Friedhof, eine riesige Wolke schob sich vor die Sonne. Becks nahm einen weiteren Schluck Almdudler, das Gezwitscher der Vögel tropfte auf uns nieder wie ein erfrischender kleiner Wolkenguss.

“Antrittstermin war der 2. Januar 89. Oder 88..? Zweiter Januar 88, kann auch sein. 88 oder 89. Ich glaub 89. Klar, 89. Oder 88. Weiss nicht mehr. Jedenfalls hatte ich überhaupt nicht mehr mit denen gerechnet, ich dachte, der Drops wär längst gelutscht”, sinnierte Becks, einer der letzten großen orthodoxen Trinker in unserer Stadt. “Und dann kommt die Einberufung für den zweiten Januar.. Ich mein, wie schräg muss einer drauf sein, um Rekruten zum zweiten Januar einzuziehen?! Da ist der Trouble doch vorprogrammiert, zwei Tage nach Silvester, oder nicht. Die suchten den Gong doch förmlich.”

Becks drehte sich eine Zigarette, in aller Ruhe. Eine zarte Raucherröte bedeckte seine Wangen. Ein Feld geplatzter Äderchen. Ein bewirtschafteter roter Acker.

“Und?” sagte ich.

“Was?”

“Warst du jetzt vier Jahre beim Bund?”

“NEIN, MANN! Bist du bescheuert?! Aber versuch mal aus dem Vertrag rauszukommen, wenn du schon unterschrieben hast. Das kannst du vergessen, selbst wenn du den Scheiß-Dienst noch gar nicht angetreten hast.”

Wir schreiben also den zweiten Januar 89, als Becks von Tangemann, einem guten Kumpel, den ich nicht kannte, zur Kaserne nach Mönchengladbach chauffiert wird, direkt bis vorn ans Tor.

Oder 88.

“Warte ne Viertelstunde, hab ich zum Tangemann gesagt. Bleib im Wagen sitzen. Ich hatte so ein Gefühl im Bauch, mal abgesehen vom Silvesterkater. Ich also rein in die Kaserne, noch reichlich Pernod und Koks intus, unbekokst bin ich damals ja nicht aus dem Haus gegangen, original wahr, ich wusste nicht mehr, wie Bäume riechen, so fertig war ich vom Koksen, steht da plötzlich so ein kleiner Uffz vor mir. Ich grüß noch nett, FROHES NEUES JAHR, MEISTER!, bißchen vorlaut vielleicht, okay, kann sein, ich hatte mir ja vorher mit Tangemann noch ein Näschen gezogen, da blökt der Uffz zurück, wie, schönes neues Jahr..!? Wissen Sie nicht, wer vor Ihnen steht!?  Sicher, hab ich gesagt, ist ja nicht zu übersehen, und da ist der Knabe explodiert. SIE STEHEN JETZT STRAMM UND GRÜSSEN, SONST ORDNE ICH SIEBEN TAGE BAU AN! Und das schlimmste, jetzt kommt’s: Der betatscht mich die ganze Zeit. Der tippt mir dauernd mit dem Zeigefinger auf der Brust rum..”

Becks erhob sich von der Bank und demonstrierte die Szene. Die zurückgekehrten Kolkraben schauten neugierig aus den Baumkronen zu, die Friedhofsmitarbeiter, ein Stück weiter den Weg hoch, ließen geschlossen den Spaten sinken.

“Ich sag also zum Uffz, pack mich lieber nicht so an, das kann ich gar nicht ab, doch der hört nicht auf, der gräbt mich weiter an, der tippt mir auf der Brust rum, als wär ich seine scheiß Klingelleiste, also, was sollte ich machen, verpass ich ihm ne Schelle. Ich mein, da hat richtig die Tapete geflattert, den ganzen Gang hoch, nur weil der nicht aufgehört hat mich anzugraben. War ja nicht meine Schuld.. muss man sehen.”

“Nee, ist ja nicht deine Schuld, wenn der nicht die Finger bei sich halten kann..”

“Siehst du. Da liegt der Uffz also in der Ecke, die Nase gebrochen und am winseln, ich mein, der war wirklich beeindruckt, und ich latsch einfach raus zum Wagen und sag zum Tangemann, komm, gib Gas, Alter, lass uns losmachen. Tja, und dann sind wir die nächsten zwei Monate erstmal in Rotterdam abgekackt.. Tangemann hatte ja noch seine Abfindung auf der Tasche, verstehst du.”

Nee, keine Ahnung, aber das machte ja nichts. So waren nun mal die Zeiten. Die Achtziger waren das letzte Jahrzehnt, wo kein Federlesen gemacht wurde, auf keiner Seite. Man wusste genau, wo der Feind steht und wie er aussieht und welche Sprache er spricht. Man kannte seine Kleidung, seine Gewohnheiten, seine Drogen. Problematisch wurde es nur, wenn man beim Feind unterschrieben hatte, weil man jung war und nicht nachgedacht hat. Dann stand man plötzlich beim Feind unter Vertrag. Mit 18.

Ja, verdammt, das war nicht gut.

“Und da ging der Scheiß erst richtig los – plötzlich war ich fahnenflüchtig und hatte die Kettenhunde auf den Fersen, zwei Jahre lang. Die haben nicht locker gelassen.

“Die.. Kettenhunde? Du meinst die, na.., wie heissen sie noch..?”

“.. ja.. ich komm auch nicht drauf, die.. Dings.. die harten Spürnasen vom Bund.. wie heißen die noch mal, verdammt.. die Kettenhunde.. die.. die..”

“.. FELDJÄGER!”

“RICHTIG! DIE FELDJÄGER!! DIE KETTENHUNDE!”

Zwei hochbetagte Damen, für den Friedhofsbesuch adrett zurecht gemacht mit weißer Bluse und das Sommermäntelchen ausgeklopft, nutzten den sonnigen Tag, um die Gräber der verstorbenen Gatten zu pflegen. Auf dem Weg zur Wasserstelle passierten sie unsere Bank und grüßten freundlich. Becks und ich, vom alten Schlag, grüßten freundlich zurück. Becks nahm sogar die Military-Kappe ab und fuhr sich mit dem Handtuch durchs Gesicht.

“Wenn dich die Kettenhunde auf der Rechnung haben, bist du geliefert. Die lassen nicht locker. Vor allem der Anführer, das war so ein Langer, hat das jedes Mal persönlich genommen, wenn ich ihnen durch die Lappen ging.”

Becks erzählte, wie ihn ein Wirt einmal in höchster Not vor den Feldjägern versteckte. Die hatten einen Wink gekriegt, dass Becks sich oft in seiner Kneipe in der Nordstadt aufhielt, und als sie mit ihren schweren Stiefeln einmarschierten, führte ihn der Wirt heimlich die Kellertreppe runter und half ihm in ein leeres Bierfass, Deckel drauf, fertig. Eine Stunde schwitzte Becks in dem Ding, bekam kaum Luft bis die Brüder endlich weg waren.

“Ein anderes Mal haben sie mich fast gestellt, als ich ne Woche bei nem Kumpel übernachtet hab, beim Galla..”

“Beim Galla..??”

“Ja. Kennst du den noch..?”

“Den bekloppten Galla, natürlich! Der immer Pretenders gehört hat!”

“Haha, stimmt, beim Galla liefen immer die Pretenders. Was anderes kannte der gar nicht.”

Ich mochte die Pretenders. Sie klangen frisch und aufregend, sie retteten etwas vom aufmüpfigen England der frühen Jahre rüber in die Achtziger, rüber ins Computerzeitalter. Die Pretenders waren die britischen B52’s, eine prima Band, aber Galla hatte trotzdem ein Schoss raus. Er machte auf Rock’n Roller der alten Schule, auf Teddyboy mit Pomade im Haar und Nietenhosen, aber er trank zuviel. Der Schnaps machte ihn fertig. Er starb besoffen, und auf dem Plattenteller drehten sich die Pretenders.

“Das muss man auch erst mal hinkriegen”, meinte Becks.

“Stimmt”, sagte ich, und spielte in meinem Kopf kurz It’s a thin line between love and hate an. Pretenders, 1983. Schöne Nummer, kein Thema.

Die beiden alten Damen winkten verschwörerisch rüber, während sie den Kies harkten und frisches Heidekraut und Primeln auf die Gräber ihrer Ehemänner setzten.

“Mitten in der Nacht hör ich beim Galla Geräusche im Hausflur, knarzende Treppen und so. Die kamen ja immer im Gleichschritt, die Kettenhunde, immer zu dritt, immer in schweren Stiefeln, als wären sie die Chefs der Welt. Alter, da kommen die Kettenhunde, sag ich zum Galla – morgens um halb vier. Ach Quatsch, woher sollen die wissen, dass du hier bist, geh pennen, leg dich wieder hin..

Ich hab ja immer in voller Montur gepennt, damit ich jede Sekunde weg konnte. Und in der Küche war ein kleines Fenster, wo ich gerade so durchpasste – klar, damals hatte ich dreißig Pfund weniger drauf..”

Er klopfte sich auf die Wampe, und wieder war da dieses stramme Wodka-Flirren in der Luft – wie ein kleiner fliegender Teppich, der nicht wegfliegt. Der einfach in der Luft stehen bleibt und streng von orthodoxem Trinken kündet.

“Moment!” sagte ich. “Wohnte der Galla nicht Kurfürstenstrasse, irgendwo in den Altbauten da?”

“Genau, Kurfürstenstrasse! Wieso?”

“Nur so.”

Becks quetscht sich also durchs Küchenfenster und zieht sich gegenüber am Garagendach hoch, da rammen die Kettenhunde die Tür ein und stehen beim Galla in der Bude.

“Ich meine, die klingeln ja nicht höflich, Guten Tag, ist Herr Sowieso zu sprechen..”

“Nee, wa. Wär auch irgendwie.. blöd.”

Zum Glück hatte Becks zuvor alles ausbaldowert, er war ja ständig auf dem Sprung, wo auch immer er sich aufhielt.

“Du glaubst nicht, was du für Kräfte entwickelst, wenn du auf der Flucht bist. Das ist pures Adrenalin, du bist Superman und Batman und Spiderman und der grüne Hulk, du bist alles auf einmal und noch ne Schippe Harrison Ford oben drauf. Geht auch nicht anders, ich mein, wie sonst wär ich das Garagendach hoch gekommen. Heute würd ich da wie ein nasser Sack runterhängen, heute könnten die Herren Kettenhunde mich abpflücken wie ne reife Quitte..”

Gelächter. Abklatschen. Kolkraben fliegen auf, Friedhofsmitarbeiter lehnen am Spaten.

Weiter im Text.

Becks schwingt sich also aufs Garagendach. Es ist stockdunkel, bis auf diesen schmalen Streifen Licht, der aus der Küche kommt und oben über die schwarze Teerpappe fällt.

“Plötzlich sind da überall Hände, die sich festkrallen, die sich da hochziehen wollen, Hände, die nach meinem Hosenbein schnappen, und ich die ganze Zeit wie wild am treten und am trampeln, das war voll die Muppets-Show, wie die Finger da wimmeln in dem Streifen Licht, am glänzen wie Bockwürstchen im Glas, und ich immer am treten und am trampeln..”

Und dann, urplötzlich, ist Schluss. Alle Finger fort, die Kettenhunde ziehen sich zurück. Becks watzt übers Dach, setzt mit einem Riesensatz auf nächste Dach über, und springt zuletzt irgendwo runter in den Hof..

“.. ab durch die Mitte.”

“He..! Rififi –  Über den Dächern der Nordstadt”, pfiff ich anerkennend. “Aber warum haben die aufgegeben?”

“Keine Ahnung. Ich hab von den Brüdern nie wieder gehört.”

Becks nahm einen letzten Schluck Almdudler und warf die leere Pulle in den Mülleimer an der kleinen Kapelle.

“Yepp.”

Ein lässiger Korb.

“Die haben alles an die Bullen übergeben, ich glaub, die hatten einfach die Nase voll von mir. Außerdem, ich wurde ja auch wegen Körperverletzung gesucht, ich hatte längst den Roten draussen, den Haftbefehl, und irgendwann kassierten die Brüder mich ein, da war ich gerade zu Besuch bei meinen Eltern. Ich hatte ein Stück Torte auf der Gabel, als sie kamen. Das war mir richtig peinlich, ich mein, nach all den Jagdszenen und dem ganzen Stress sitz ich da mit nem Stück scheiß Schwarzwälder Kirschtorte. Die Handschellen klicken und ich hab noch Sahne am Maul.. na ja.”

Becks streckte seine Knochen. Es knackte, als öffnete sich irgendwo ein morsches Grab, mit Frankenstein drin. Die beiden Mütterchen hielten beim Harken inne und lächelten selig in unsere Richtung.

Ich saß noch einen Moment dumm in der Geschichte herum.

“Scheiße, hab ich einen Brand”, murmelte Becks.

Kettenhunde

Auf dem Heimweg nehme ich die Abkürzung über den Friedhof. Gegenüber der kleinen Kapelle hockt eine Gestalt auf der Bank, die sich den Schweiß aus dem Nacken rubbelt. Irgendwie kommt mir die Bewegung bekannt vor, dieses emsige daran. Ist das ein Handtuch? Ist das der Becks? Das kann nur der Becks sein. Oder ein riesiges Eichhörnchen.

“Na Scheiße”, ruf ich, “der Becks..! Was machst du denn hier? Auf dem Friedhof! Nach Zahngold buddeln?”

Er stöhnt.

“Alter. Ich war gestern voll wie ein Treteimer. Wodka gesoffen, mit den Russen und dem Saarländer.”

Becks reicht mir die verschwitzte Hand. Er schwitzt immer, ich kenne ihn gar nicht anders. Im Sommer geht er nie ohne Handtuch vor die Tür.

“Wo ist dein Hund?”

“Zu Hause”, sag ich und setz mich zu ihm. “Und du? Gestern gefeiert?”

“Ach was, gefeiert.. Ich weiß kaum, wie ich nach Hause gekommen bin. Angeblich hat mich der Saarländer ins Taxi gesetzt, dem Fahrer Kohle in die Hand gedrückt und gesagt, hier, fahr den Sack zum Katternberg elf, zweite Klingel unten.”

“Na, ist doch okay. Oder nicht.”

“Nee, ist nicht okay. Weil der Sauhund mir vorher die Brieftasche gezockt hat, die ganze Kohle, alles weg..”

“Hm, na. Das ist nicht okay. Wieviel war drin?”

“Ein Fuffie bestimmt, ‘n dicker Fuffie. Nur den Zehner fürs Taxi hat er mir gelassen. Aber der Sausack weiß genau, dass er mir die nächste Zeit besser nich unter die Augen tritt, sonst setzt es ne Schelle, glaub mir das.”

Wenn Becks Schellen anspricht, dann meint er solche in Großformat, in Metall gegossen. Also mehr so Glocken. Massive Gongs, wie aus dem Kölner Dom.

“Den mach ich platt, den Sauhund, glaub mir das.”

Glaub ich ihm. In den frühen Neunzigern hat Becks sechsunddreissig Monate in Simonshöfchen auf Endstrafe abgesessen, weil er einer ganzen Reihe von Leuten Schellen, Ohrfeigen und Gongs verpasst hat. Es geschah durchweg im Suff, wenn man ihn geärgert hatte und er jähzornig wurde. Dann knallte es wie eine Brötchentüte, und irgendwer lag in der Ecke und weinte.

Aber am nächsten Morgen hatten alle was zu erzählen. Herrliche Stories, Stories von früher. Stories von heute sind auch gut, na klar, aber früher.. war irgendwie mehr los. Überall knallten Brötchentüten und irgendeine arme Socke lag immer in der Ecke und weinte, da konnte man hergehen, wo man wollte. Andererseits meinte schon mein Großvater, früher wär mehr los gewesen. Und mein Vater meinte das auch.

Irgendwie denkt jede Generation, früher sei mehr los gewesen. Schon in der Jungsteinzeit saßen die Alten am Kamin und trauerten der Altsteinzeit hinterher, als es noch Mammuts gab zum Jagen und Abstechen und niemand das Landbrot mühsam aus der Eifel herbeischaffen musste. Und was werden die Leute einst sagen, wenn 2060 im Web-TV genmanipulierte Neon-Babies als Quizgewinn ausgelobt werden?

“Früher war aber mehr los.”

So gesehen bricht ständig für irgendwen die goldene Ära an, die später als früher in seine Geschichte eingehen wird, als noch was los war. Als es noch gong gemacht hat, wenn dem Becks der Kragen platzte. Das ist auch der Grund, warum so viele Geschichten in diesem ominösen Königreich namens FRÜHER spielen, das jeder so, wie es ihm gefällt, regiert. Selbst die Zukunft ist im Grunde nichts anderes als ein vorweggenommenes früher. Und die Gegenwart wird schneller früher, als der Morgen naht.

O ja, früher ist eine prächtige Monarchie.

Becks öffnet seinen Rucksack und holt eine Flasche Almdudler raus. Ich seh Alufolie, ein verknülltes Handtuch. Er nimmt einen kräftigen Schluck gegen den Nachdurst und rülpst so laut, dass die Krähen von den Bäumen flüchten. Dann setzt er seine grüne Militarykappe auf.

“Die ist noch von der Bundeswehr, uralt das Ding.”

“Du warst beim Bund?”

“Nee, nicht wirklich. Obwohl ich mich schon verpflichtet hatte, für vier Jahre.”

“Becks, dass du beim Bund warst, wusste ich nicht.”

“War ich ja auch nicht! Aber die wollten mich haben, mit Achtzehn. Als Gebirgsjäger, Zeitsoldat für vier Jahre. Blöd und jung wie ich war, hatte ich meine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt, ohne richtig durchzulesen, ich wollte bloß weg von zu Hause, weg von meinem Alten. Danach hab ich von den Brüdern nichts mehr gehört, sieben Jahre lang, ohne Scheiss. Ich war schon sechsundzwanzig, als mir der Stellungsbefehl doch noch ins Haus flattert. Antrittstermin, das Datum werd ich nie vergessen: zweiter Januar 1989. Einen Monat vor meinem 27. Geburtstag. Danach hätten die mich nicht mehr einziehen können, verstehst du.”

Er nimmt einen Schluck Almdudler und rülpst.

“Es sprach der Bass”, sagt er fröhlich und imitiert eine Werbung. “Der Power Acoustik Super Bass.” Eine Spur Wodka flirrt durch die Luft. Und kalter Knoblauch. So Reste.

“Antrittstermin war der 2. Januar 89. Oder 88″, sinniert Becks, einer der letzten großen orthodoxen Trinker in unserer Stadt. “Ja, zweiter Januar 88, kann auch sein. 88 oder 89.. Ich glaub, 89. Klar, 1989. Oder 88. Weiss nicht mehr. Jedenfalls hatte ich überhaupt nicht mehr mit denen gerechnet, ich dachte, der Drops wär längst gelutscht, aber dann kam die Einberufung für den zweiten Januar.. ich mein, wie schräg muss einer drauf sein, um Rekruten zum zweiten Januar einzuziehen?! Da ist der Trouble doch vorprogrammiert, zwei Tage nach Silvester, oder nicht. Die suchten den Gong doch förmlich. Arschgeigen.”

“Und?”

“Und was?”

“Warst du jetzt vier Jahre beim Bund?”

“Bist du bescheuert?! Aber das war nicht einfach, da rauszukommen. Versuch das mal als Zeitsoldat, wenn du schon unterschrieben hast, das kannst du vergessen, auch wenn du den Dienst noch gar nicht angetreten hast.”

Wir schreiben also ungefähr den zweiten Januar 1989, als Becks von Tangemann, einem guten Kumpel, zur Kaserne nach Mönchengladbach gefahren wird, direkt bis vorn ans Tor.

Oder 1988.

“Wart ne Viertelstunde, hab ich zum Tangemann gesagt. Bleib im Wagen und warte. Ich hatte so ein flaues Gefühl, mal abgesehen vom Silvesterkater. Ich also rein in die Kaserne. Noch reichlich Pernod und Koks intus, unbekokst bin ich damals ja gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, ich wusste überhaupt nicht mehr, wie Bäume riechen oder ne verdammte Möhre, so kaputt war mein Zinken vom Koksen. Na, ich also rein in die Kaserne, steht da ein kleiner Uffz, ein Männeken von Unteroffizier. Ich grüß noch nett, FROHES NEUES JAHR!, bißchen laut vielleicht, war ja gut drauf, vorher mit Tangemann im Wagen noch ein Näschen gezogen, da blökt der Uffz zurück, was mir denn einfällt, von wegen Schönes neues Jahr, ich wüsste wohl nicht, wo ich wär! Sicher, hab ich gesagt, beim Bund, sieht man doch, ist ja nicht zu übersehen, da ist der Knabe explodiert. SIE STEHEN JETZT STRAMM UND GRÜSSEN ORDENTLICH, SONST ORDNE ICH SIEBEN TAGE BAU AN! Aber das schlimmste: Der betatscht mich die ganze Zeit. Der steht vor mir und tippt dauernd mit dem Zeigefinger auf meine Brust.. das kann ich ja nun gar nicht ab.”

Becks erhebt sich von der Bank und demonstriert die Szene.

“Hier, so.”

“Pff..”, sag ich, als würde Luft entweichen.

“Genau, pff! Hab ich auch gedacht! Wenn ich was nicht ab kann, dann wenn mich einer antatscht. Ich sag also zum Uffz, he, lass das lieber, pack mich besser nicht an, das gibt Trouble, doch der Knabe hört einfach nicht auf, der gräbt mich weiter an, der tippt mir auf der Brust rum, als wär ich seine scheiß Klingelleiste, also, was sollte ich machen, hab ich ihm ne Schelle verpasst, Alter, da hat aber die Tapete geflattert, den ganzen Gang hoch. Ich mein, was sollt ich machen, der hat nicht aufgehört mich zu betatschen. War nicht meine Schuld.”

“Ist ja nicht deine Schuld, wenn der nicht die Finger bei sich behalten kann”, stimme ich zu. “Natürlich nicht.”

“Da lag der Uffz in der Ecke, die Nase zweimal gebrochen und am winseln, der schien wirklich beeindruckt. Ich dreh mich um und hau ab, latsch einfach raus aus der Kaserne und sag zum Tangemann, gib Gas, Alter, lass uns losmachen, und dann sind wir die nächsten zwei Wochen erstmal in Amsterdam versackt. Tangemann hatte ja noch die paar Flocken Abfindung auf der Tasche, vom Gerüstbau, weisst du..”

Keine Ahnung, wovon Becks spricht, aber so war das nun mal in den 80ern. Früher. Da wurde nicht viel Federlesen gemacht, auf keiner Seite. Man wusste genau, wo der Feind stand und wie er aussieht und welche Sprache er spricht. Problematisch wurde es nur, wenn man beim Feind einen Vertrag unterschrieben hatte, weil man jung war und nicht nachgedacht hat. Dann stand man plötzlich beim Feind unter Vertrag. Bei Bayern München. Das war nicht gut.

“Danach ging der Scheiß erst richtig los, danach hatte ich die Kettenhunde auf den Fersen, einundzwanzig Monate lang. Fast zwei Jahre. Die haben nicht locker gelassen.”

“Kettenhunde..? Du meinst die, na.., wie heissen sie noch..?”

“.. ja.. ich komm auch nicht drauf, die.. die harten Spürnasen vom Bund.. wie heißen die noch, verdammt.. die Kettenhunde.. die..”

“.. FELDJÄGER!”

“Genau! DIE FELDJÄGER!! DIE KETTENHUNDE!”

Zwei hochbetagte Damen, adrett zurecht gemacht mit weißer Bluse und das Mäntelchen ausgeklopft, nutzen den sonnigen Tag, um auf dem evangelischen Abschnitt des Friedhofs die Gräber ihrer verstorbenen Gatten zu pflegen. Auf dem Weg zur Wasserstelle, wo die Gießkannen hängen, kommen sie an unserer Bank vorbei und grüßen freundlich. Becks und ich, vom alten Schlag, grüßen zurück. Wir wohnen schließlich alle im selben großen Land. Da hat man nett zu grüßen.

“Wenn einen die Feldjäger erstmal auf der Rechnung haben, bist du geliefert, die lassen nicht locker”, fährt Becks fort und holt das Handtuch aus dem Rucksack. “Die kamen immer zu dritt. Vor allem der Anführer, so ein Langer, hat das richtig persönlich genommen, wenn ich denen wieder durch die Lappen gegangen bin. Aber weisst du, wer mich vor den Kettenhunden mal bewahrt hat, in allerhöchster Not?”

Becks wischt sich durch den Nacken.

“Scheisse, bin ich am ölen.. Hier, der Max vom Mumms.”

“Der Max?”

“Ja, der Max. Glaubt man nicht, wa?”

Max hat früher im Mumms gekellnert. Moment. Er war der Wirt. Der Chef. Ihm gehörte der Schuppen.

“Da kommen die drei Kettenhunde abends ins Mumms, in voller Kampfmontur, und ich steh ganz hinten in der Ecke, neben der Zapfanlage und kann mich in letzter Sekunde wegducken.. Scheiße, die Kettenhunde, sag ich zum Max, und was macht der? Bringt mich heimlich runter in den Keller, steckt mich in ein leeres Bierfass, Deckel drauf, fertig.. Zwei Stunden hab ich da drin geschwitzt und kaum Luft gekriegt, bis die Brüder weg waren. Wie im Kino.”

“Das hätte ich dem Max gar nicht zugetraut”, sag ich anerkennend.

Becks öffnet einen kleinen Jägermeister. Ein Eierköhlchen.

“Frühstück.”

Auf ex. Eine Weile hat er nun ziemlich grünen Schlammassel am Mund. Kleine Pause. Die Luft tut gut. Ob das doch noch Winter wird dieses Jahr?

“Ein anderes Mal haben die mich beinah gestellt, da hab ich bei nem Kumpel übernachtet, beim Galla..”

“Beim Galla..??”

“Beim Galla, ja. Kennst du den noch?”

“Den bekloppten Galla, na klar. Wenn der auf Koks war, sprang er immer auf wie ein Teufelchen und brüllte: ICH BIN UNHEIMLICH WEISS..”

“.. UND ICH KOMME AUS DEM BETON!! GENAU! DER HALLI GALLI GALLA!”

Die beiden alten Damen lächeln zu uns rüber, während sie den Kies harken und frisches Heidekraut und Primeln setzen.

“Ich werd also beim Galla wach, mitten in der Nacht, und hör Geräusche aus dem Hausflur. Die marschierten ja immer im Gleichschritt, die drei Kettenhunde, immer die Treppe hoch mit ihren schweren klirrenden Stiefeln, als wären sie allein auf der Welt, die Blödmänner. Da kommen die drei Kettenhunde, hab ich zum Galla gesagt. Ach Quatsch, woher sollen die wissen, dass du hier bist. Sicher, hab ich gesagt, das sind die Kettenhunde, jede Wette, ich muss weg. Ich hab immer in voller Montur geschlafen, damit ich schnell wegkam – ich also ruckzuck in die Küche, da war ein kleines Fenster, wo ich so eben noch durchpasste – ich hatte damals gut dreißig Kilo weniger drauf, da ging das noch.”

Er klopft auf seine Wampe, und wieder liegt dieses stramme Wodka-Flirren in der Luft, wie ein kleiner fliegender Teppich, der nicht wegfliegt. Der einfach in der Luft stehen bleibt und streng müffelt.

“Moment mal”, sag ich, “wohnte der der Galla nicht Kurfürstenstrasse, in den Altbauten?”

“Genau, Kurfürstenstrasse! Erdgeschoss rechts. Ich zwing mich also gerade durchs Küchenfenster nach draußen, da wichsen die Kettenhunde schon die Wohnungstür ein. Ich meine, die klingeln ja nicht höflich, Guten Tag, ist Herrn Zorrmann zu sprechen..”

“Nee, natürlich nicht. Wär ja auch blöd.”

“Ja, aber lustiger. Jedenfalls, direkt gegenüber vom Küchenfenster, vielleicht einen Meter höher, war das Garagendach, da hab ich mich hochgezogen. Na ja, mehr geschwungen. Du glaubst gar nicht, was du für Kräfte entwickelst, wenn du auf der Flucht bist. Das Adrenalin pumpt und peitscht durch den Körper, du bist Superman und Batman und Spiderman und der grüne Hulk, alles zusammen, sonst wär ich doch nicht hoch aufs Dach gekommen, verstehst du. Ich also oben auf dem Garagendach, mitten in der Nacht, nur mit dem bisschen Licht unten aus der Küche. Ich hab das Bild noch vor mir, davon träum ich heute noch, das war Popcorn-Kino vom feinsten, Alter, wie die drei Kettenhunde hinter mir sind und mich fast am Hosenbein erwischen, aber ich trete und trample denen auf die Finger, damit die sich nicht aufs Dach hochziehen können, immer auf die Finger, wie Würstchen sahen die Finger aus, zappelnde Würstchen aus der Muppets-Show.”

Becks ist aufgestanden und tanzt herum, wie ein Derwisch.

“Und dann, plötzlich, ist Sense. Stille, nichts mehr. Ich weiss nicht, warum, aber die haben sich zurückgezogen. Da bin ich losgepeest übers Dach und mit einem Riesensatz auf nächste Dach, runter in den Hof und ab durch die Mitte.”

“Rififi.. über den Dächern von Nizza”, pfeife ich anerkennend. “Und die Kettenhunde? Was war mit denen? Warum kamen die nicht hinterher?”

“Keine Ahnung. Ich hab nichts mehr von denen gehört oder gesehen. Nie wieder.”

Er nimmt den letzten Schluck Almdudler und wirft die leere Pulle in den Mülleimer.

“Yepp.”

Ein lässiger Korb. Und den leeren Jägermeister hinterher.

“Wieso nie wieder?”

“Die haben den Fall an die Bullen übergeben. Ich wurde ja nicht nur gesucht wegen Fahnenflucht, sonder auch wegen Körperverletzung. Und dann haben die mich ganz unspektakulär einkassiert, da war ich gerade zu Besuch bei meinen Eltern und hatte ein Stück Torte auf der Gabel. Das war richtig peinlich. Schwarzwälder Kirsch. Hab ich seitdem nie wieder angepackt, so Sahnezeugs. Na ja, die nächsten Tage hat die Schmiere mich nicht mal unbeobachtet pissen lassen, bis ich in U-Haft war.”

Becks macht sich lang und streckt seine Knochen. Es knackt, als öffne sich irgendwo ein morsches Grab. Die beiden Mütterchen halten beim Harken inne und lächeln selig in unsere Richtung. Ich sitz noch einen Moment dumm in der Geschichte herum, dann steh ich auf.

“Scheiße, hab ich einen Brand”, meint Becks.