Wie gehts meinem Vater

Der man einmal war, bevor das Leben schrecklich wurde.

*

Morgens rufe ich im Krankenhaus an, wo man ihn vorsorglich eingeliefert hat, seine Blutzuckerwerte spielten verrückt. Er liegt auf der Nephrologie, wo er nicht wirklich hingehört, doch auf der Inneren war auf die Schnelle kein Bett frei, schon gar kein Privat-Bett.

“Wie gehts meinem Vater? Wie hat er die Nacht verbracht?”

“Wie er die Nacht verbracht hat, kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie die Nachtwache fragen.“ Die Krankenschwester klingt gleichzeitig amüsiert und genervt. “Im Moment sitzt Ihr Vater wieder draußen auf unserem Hanse-Stuhl und schimpft über Gott und die Welt, wie man ihn kennt.”

Wie man ihn kennt..? Da ist unser alter Vater nicht mal einen Tag auf Station, und schon heißt es, wie man ihn kennt.

Wenn das mal kein Qualitätsmerkmal ist..

Als ich die Station betrete und nach jemand Ausschau halte, der zum Zustand meines Vaters Auskunft geben darf, komme ich an einer offenstehenden Tür vorbei. Ein Männlein steht mitten im Zimmer, das weiße Krankenhaus-Leibchen schlottert an seinem Körper. Es hat eine Strickjacke übergeworfen, deren Knöpfe falsch geknöpft sind. Haltlos tapst es umher, auf Socken, die schiere Panik im Gesicht. Erst, als es mich erblickt und meinen Namen ruft, erkenne ich ihn.

“Papa..!!” ruf ich erschrocken.

Er gräbt sich in meine Arme, versteckt das Gesicht hinter seinen Händen. Sein weißes Haar steht wirr in der Luft, wie nach einer Razzia.

“Ich dachte schon, ihr hättet mich alle abgeschrieben! Ich könnt so luggen..!”

Er ist kaum zu bändigen. Er irrt im Kreis umher, das Gesicht in den verschorften Händen. Ein alter Dickhäuter, der zu lange schon auf der Welt ist, um sie noch zu verstehen. Es dauert seine Zeit, bis ich ihn so weit runterfahre, dass er sich ins Bett legt. Er muss zur Ruhe zu kommen.

Auch ich bin aufgebracht. Ich bin aufgebracht, weil man ihn ohne Rücksprache ins Klinikum eingeliefert hat. Mit der Leitung des Altenheims war abgesprochen, Vater nur noch dann ins Krankenhaus einzuweisen, wenn es dazu medizinisch keine Alternative gibt und wir Kinder zuvor informiert werden. Jeder Krankenhausaufenthalt bereitet ihm solche Qualen, dass er vom Moment der Einlieferung an radikal abbaut, seelisch wie körperlich. Ortsveränderungen sind Gift für demenzkranke Menschen. Die fremden Gesichter, die vielen überflüssigen und langwierigen Untersuchungen, mit denen Kliniken ihre millionenschweren Apparateparks auslasten, die damit verbundenen Strapazen und Ängste.

Du willst einen Pflegefall töten? Stecke ihn ins Krankenhaus und warte fünf Minuten.

Trotz der Abmachung mit der Altenheimleitung geschieht es immer wieder, dass einzelne überforderte Pflegekräfte sofort nach dem Notarzt telefonieren, wenn Vater sich morgens beim Waschen nicht kooperativ zeigt und grantig wird. Was schon mal passieren kann, wenn man früh um fünf aus dem Bett gescheucht wird, im Kommandoton. Und wenn dann noch die Blutzuckerwerte gestiegen sind, an einem Freitag, wie es der Zufall will, konstruiert man daraus kurzerhand ein heftiges Variieren der Blutzuckerwerte. Und je nachdem, welcher Notarzt gerade Dienst hat, fackelt der nicht lange und schreibt so fix eine Einweisung, dass keine Zeit bleibt, sich mit irgendwelchen Angehörigen in Verbindung zu setzen, die eh nur Ärger machen – Sache erledigt. Soll sich doch das Krankenhaus übers Wochenende mit dem dementen Deppen herumärgern.

 

Bis 19 Uhr liegt er im Bett und schläft. Aber es ist ein unruhiger Schlaf. Trotz zweier zusätzlicher Wolldecken und der auf volle Pulle gestellten Heizung ist ihm so kalt, dass er fröstelt, er bibbert regelrecht. Ich hole eine dritte Decke aus der Wäschekammer. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, rollt mit den Pupillen, starrt zur Decke. Dann fällt er wieder in den Schlaf. Unruhig, ohne echte Entspannung. Doch immerhin, er liegt im Bett.

“Zum ersten Mal an diesem Tag,” wie die Pflegerin erleichtert feststellt, als sie ins Zimmer reinschaut, um das Abendbrot zu bringen. “Er hat praktisch den ganzen Nachmittag im Hanse-Stuhl verbracht und gezetert und geschimpft.”

Der Hanse-Stuhl ist ein Riesenmöbelstück, das am Ende des Flurs steht und dem unregelmäßig amtierenden König der Station vorbehalten bleibt. Die Jury besteht aus dem Pflegepersonal, das aktuell Dienst schiebt, und der Arzt-Visite. Die hat auch ein Wörtchen mitzureden. Der Hanse-Stuhl hat weitläufige Armlehnen, die ihn zu einem majestätisch anmutenden Thron, ja zum Herrschersitz aufbrezeln. Selbst von anderen Stationen kommen am Wochenende Patienten und Pflegekräfte auf einen Sprung rüber, um dem aktuellen König zu huldigen. Unserem Vater.

Der alte Schreihals.

“Die trachten mir nach dem Leben”, soll er nachmittags in einer Art Dauerschleife geschrien haben. “Die wollen mich abspeisen, die wollen mich fertig machen! Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird. Und das nur, weil ich nicht weiß, welches Datum heute ist und welchen Wochentag wir haben.. Der ist bestusst, heißt es dann. Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird!”

Man kann es nicht anders sagen. Seit Vaters Umzug ins Altenheim feiern Demenz und innere Erregung fröhliche Eskapaden und er spricht die Wahrheit – nichts als die Wahrheit.

 

Ich weiss nicht, an wieviel aberhundert Abenden ich im Wohnzimmer am großen Kirschbaumschrank saß, die Kopfhörer aufgesetzt und aus dem Stereo-Radio Musiksendungen mitschnitt, die sich um Pop drehten, um US-Charts und britische Neuentdeckungen, während keine drei Meter entfernt, mit dem Rücken zu mir, mein Vater seinem spät entdeckten Hobby nachging und Heimorgel spielte, die Kopfhörer aufgesetzt. Er in seiner beschwingten Farfisa-Welt, ich in meinem UKW-Universum.

Was besonders in Erinnerung geblieben ist: wie mein Vater, er war damals Ende vierzig, ich vierzehn, beim Spielen mit den Beinen arbeitete. Er trat in die Pedale seiner Orgel, als wolle er den Tourmalet erobern, dazu die Handarbeit an den zwei Manualen. Er schmiss sich in die Tasten wie ein Handwerker, der Feierabend hatte, aber nicht davon ablassen konnte, zu schmirgeln und sich ins Zeug zu legen. Eine schöne Zeit war das. Wir fröhnten beide unseren Leidenschaften, Abend für Abend, gemeinsam, ohne den anderen groß damit zu behelligen.

Und dauernd sah ich seinen rockenden Rücken.

 

Wir hatten nicht viele Gemeinsamkeiten. Zwar waren wir uns vom Gemüt her ähnlich und auch äusserlich unschwer als Vater und Sohn zu erkennen, doch damit hatte es sich. Mit meiner Leidenschaft für Fußball konnte er nichts anfangen, ich kann mich nicht erinnern, dass er je ein Spiel besucht hat, bei dem ich auf dem Platz stand. Nicht, dass es mir wirklich gefehlt hätte, ihn am Spielfeldrand zu sehen wie so viele andere Väter meiner Klubkameraden, die sich den Hals wund meckerten, weil ihr Sohn nicht mit Flanken gefüttert wurde, aber es zeigte eben doch, wie wenig er sich für mein Leben interessierte.

Einspruch. Da gab es ein Spiel, wo er mit dabei war. Und meine Mutter auch. Es muss ungefähr 1972 gewesen sein, wir spielten mit dem RSV in Baumberg am Rhein, auf Rasen, und Vater probierte seine neue Super 8 Kamera aus. Schöne Farbaufnahmen, aber ich war nicht gut in Form an diesem Tag. Mein Vater stand am Spielfeldrand und filmte mich. Das machte mich nervös. Kaum ein Trick gelang.

 

Der Bettnachbar, wesentlich jünger als mein Vater, ist ein komischer Kauz. Ständig ins Kreuzworträtsel der Frau im Spiegel versunken, zeigt er keinerlei Interesse an seiner Umgebung. Nicht mal in dem Moment, wo ich das Zimmer betrete, blickt er auf. Und auch als Vater lauthals schreit, “DIE WOLLEN MICH FERTIGMACHEN!”, bleibt er stur im Kreuzworträtsel verhaftet. Wie ein Bussard, der über der Zeitschrift steht und nur darauf wartet, dass er endlich Beute macht, wie ein Buchstabenbussard. Erst im Laufe des Abends merke ich, dass der Mann ein gewaltiges Problem mit dem Hören hat, ja, dass er vermutlich schwerhörig ist und außerdem kaum Deutsch spricht, geschweige denn versteht. Kein Wunder, dass er mit dem Kreuzworträtsel nicht zurecht kommt.

Als ich ihn frage, ob er vielleicht eine Ahnung habe, wie sich das grelle Licht am Krankenbett meines Vaters herunterdimmen ließe, muss ich schon dreimal nachfassen und ihm direkt unter die Augen treten, bis er endlich kapiert, was ich von ihm will. Dann aber gibt er bereitwillig und kompetent mit Händen und Füßen Auskunft und ruckzuck herrscht gemütliche Dämmerstimmung im Zimmer. Eigentlich ganz in Ordnung, der blöde Hammel.

Vater hat dennoch keinen Respekt vor ihm. Er nennt ihn bloß Vinzenz, wenn er von ihm spricht. Nun weiß ich aus jahrelanger Erfahrung, dass Vater nur solche Leute Vinzenz nennt, die er nicht ernst nimmt. Ein Vinzenz rangiert im Ansehen meines Vaters noch weit unter der Pfeife, und eine Pfeife gilt schon nicht viel. Ironischerweise ist Vinzenz von Viktor abgeleitet und bedeutet: Sieger. Aber so ist das nun mal mit den Märtyrern im Dunstkreis meines Vaters.

 

“Mir ist kalt”, jammert Vater, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Immer wieder erkundigt er sich, ob ich die Heizung auch wirklich hochgedreht habe. “Ich friere wie ein Schneider.”

“Du bist ein Frösterpitter”, sag ich, und er lächelt. Wenn ich Platt spreche, lächelt er.

“Ich hab schon als kleiner Junge immer gefroren”, sagt er.

Das ist doch mal ein Wort. Ich steige sofort darauf ein.

“Wie hast du es denn später im Beruf gemacht?”

“Was meinst du?”

“Na ja, wenn du als Installateur in Kellern gearbeitet hast, ich mein, da muss es doch ständig bitterkalt gewesen sein. Oder hat dir jemand von den Stiften alle zwei Stunden eine Wärmflasche vorbeigebracht?”

Er übergeht den müden Scherz.

“Na, deswegen hab ich mich doch früh selbständig gemacht.” Er wartet einen Moment, um zu prüfen, ob ich weiß, worauf er hinaus will. “Damit ich als Meister solche Arbeiten nicht ausführen musste. Das konnte ich.. delegieren. Das waren meine Überlegungen damals. Es war ja alles genau geplant. Als Meister musste ich nie irgendwo arbeiten, wo es unangenehm kalt war. Außerdem konnte ich jeden Mittag nach Hause fahren, Mittagessen und mich ein Stündchen aufs Ohr legen.”

“Ich erinnere mich.”

Zwischen eins und halb drei, nach dem Essen, mussten wir Kinder still sein, Papa hatte sich hingelegt. In diesen knapp anderthalb Stunden war in der ganzen Wohnung nichts zu hören, ausser dem leicht wiegenden Surren der Spülmaschine und kehliges Schnorcheln.

“Ja, siehst du. Das hätte ich als einfacher Geselle alles nicht gekonnt.”

Da hatte er also Mitte der 50er Jahre seinen eigenen Betrieb eröffnet, um nicht sein Leben lang selbst in eiskalten Kellern buckeln und frieren zu müssen. Noch Jahrzehnte später ziehe ich den Hut vor solchen Schachzügen, die einem das Leben erleichtern. Und nicht nur das: Weil er in seiner eigenen Kindheit so oft frieren musste und uns Kindern diese Erfahrung ersparen wollte, bekam jeder von uns Dreien seinen eigenen Heizkörper ans Bett montiert.

Ehrensache.

 

Vater schließt die Augen und schläft etwas. Ich schaue ihm zu. Den unruhigen Atemzügen, den Zuckungen in seinem Gesicht, mit denen er auf Geräusche vom Stationsflur reagiert. Einmal kracht ein Tablett zu Boden, mit lautem Geschepper. Er reißt die Augen auf.

“Was.. war das denn..??!”

“Ach nichts. Draussen auf dem Gang ist.. Besteck  zu Boden gefallen.”

Er nickt zufrieden. Unterdessen nehme ich seine Hände, die über Kreuz auf dem Brustkorb liegen, in meine Hände, und drücke sie.

“Ja, das kannst du ruhig tun”, flüstert er.

 

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Zum zweiten Todestag meines Vaters (1927-2014)

Fotos Willi Glumm 523

Der Bursche ganz rechts unten

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Heiligabend 1933

Sonntagmittag, 9. Februar 2014

Nach dem Essen leg ich mich vor den Fernseher und schaue Winter-Olympiade, aber ich bin nicht richtig bei der Sache und sacke dauernd weg. Die Gräfin hat sich auch hingelegt, in ihr eigenes Bett, um Ruhe zu finden. Bis ihr, es muss viertel vor drei gewesen sein, wie sie später erzählt, die Tränen in die Augen steigen, ganz plötzlich. Sie führt es auf den Stress der letzten Tage zurück, auf all die Sorge, den fehlenden Schlaf – in Wahrheit stirbt in diesen Minuten mein Vater.

Organversagen.

Gegen halb vier steh ich auf, geh in die Küche, setze Teewasser auf. Da ich die Telefone leise gestellt hab, um beim Schlaf ungestört zu bleiben, werfe ich einen Blick auf das Display meines alten Motorolas. Ich seh die Nummer meiner Schwester, der Anruf ist wenige Minuten alt. Im gleichen Moment höre ich das Läuten des Festnetztelefons – leise zwar, doch vernehmlich, wenn man sich in der Nähe des Telefons aufhält und auf den Sound geeicht ist.

2 Anrufe in Ihrer Abwesenheit. 2 neue Nachrichten. Eine von meiner Schwester, die andere von der Station, auf der mein Vater liegt. Ich soll umgehend zurückrufen. Ich ahne, was los ist. Ich wähle die Nummer meiner Schwester.

Mein Schwager nimmt ab.

Du, das Klinikum hat vor.. zehn Minuten angerufen. Euer Vater ist gestorben.

Ich wusste es, sag ich nur.

Die Gräfin steht hinter mir. Papa ist tot, sag ich. Sie nickt.

Was meinst du? Kommt ihr alle zu uns?  fragt mein Schwager. Sollen wir uns alle hier sammeln?

Ja, machen wir.

Nachdem ich auflege, fallen Sanne und ich uns in die Arme. Es ist vollbracht.

“Er lacht die ganze Zeit, wenn ich an ihn denke”, schluchzt sie.

Wenn sie weint, ist sie die Sonne. Wenn sie weint, herrscht Friede.

Mein Bruder ruft an. Weisst du schon..? Ja, ich weiss schon.

Zwischen elf und zwölf waren wir noch im Krankenhaus gewesen, zu zweit, um uns, ohne es zu ahnen, von Vater zu verabschieden. Es war die gleiche Konstellation wie tags zuvor, doch wir waren uns nicht sicher, ob Vater uns noch wahrnahm. Ob er überhaupt mitkriegte, dass wir im Zimmer waren und mit ihm sprachen.

*

Kaum angekommen im Klinikum fingen wir den diensthabenden Oberarzt auf dem Flur ab. Er kam mit auf Vaters Zimmer. Sah sich im Patientenblatt die letzten Laborwerte an, fühlte seine Beine, “ja, ist etwas weniger Wasser geworden.” Auch die vermutete Lungenentzündung habe sich glücklicherweise nicht bestätigt. “Doch der Allgemeinzustand Ihres Vaters lässt eine Rückverlegung ins Heim nicht zu.” Er sah uns an. “Aus Erfahrung sage ich Ihnen, Ihr Vater ist nach zwei Stunden wieder im Krankenhaus.”

Überhaupt sei der arme Mann seiner Einschätzung nach der typische Patient, den die Altenheime übers Wochenende gerne ins Klinikum ausquartieren: dement und pflegeintensiv.

Vater hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen, gab unartikulierte Geräusche von sich. Oder er nuschelte vor sich hin, dass ihn niemand verstand. An miteinander reden wie am Tag zuvor war nicht zu denken.

Einmal fiel Vater dem Oberarzt ins Wort und stöhnte wie ein verwundetes Tier, das sich ins Dickicht verzieht. “Papa, sei mal einen Moment still!” meinte ich genervt, und augenblicklich war Ruhe. Ich hatte kein gutes Gefühl, fand mich eine Spur zu brüsk, zu autoritär, und sofort tat es mir leid. Das hättest du dir früher nie erlaubt, dachte ich. Früher, als er noch bei Kräften war, hast du dich nie gegen ihn gestellt.

Toll, dass du dich jetzt traust.

Und dann war da noch dieser kurze, ja unvollständige Augenblick, von dem mein Bruder, wie ich später erfuhr, nichts mitbekam. Wir hatten uns von Vater auf ein halbes Stündchen verabschiedet, weil wir unten im Cafe etwas trinken wollten. Bis gleich, Papa, sagten wir, doch es kam keine Antwort. Später kehrten wir auf einen Sprung ins Krankenzimmer zurück, es sollte das letzte Mal sein, dass wir Vater sahen.

Wir standen um sein Bett herum, und ich sprach mit ihm. Mein Bruder saß am Tisch, kontrollierte sein Smartphone auf Anrufe und SMS. Vater mühte sich, etwas zu sagen. Ich beugte mich zu ihm runter, um ihn besser verstehen zu können. Wenn ich ihn aber nicht so gut gekannt hätte, sein Solinger Platt, seinen Singsang, ja, seine ganzen Eigenheiten, ich hätte nicht ein Wort verstanden.

Was er zu sagen versuchte bezog sich darauf, dass wir im Krankenhaus-Cafe gewesen waren, mein Bruder und ich, er hatte uns also doch verstanden. Dann hauchte er, “ja, ihr beiden.. macht es euch schon schön..” und lächelte schwach, wie aus der Ferne. Es war das letzte, was er uns mit auf den Weg gab. Der Tod griff schon nach ihm, brach schon seinen Blick, und durch den Schleier hindurch suchte er nach etwas Wohlwollen zum Abschied.

*

Als wir uns am Abend beim Griechen trafen, fiel mir Vaters Lieblingsgeschichte aus seiner Kindheit ein. Er hatte sie oft erzählt, wenn wir nachmittags auf dem Balkon saßen und heißen Kakao schlürften, und wenn die ersten Takte der Geschichte erklangen, wusste ich, was kommt, und hing an seinen Lippen. Es war nicht mal eine besondere Geschichte, aber er liebte es, sie zu erzählen, und wenn er etwas zu erzählen liebte, liebte ich ihm zuzuhören. So einfach war es geworden zwischen uns, aber wie lange hatten wir dafür gebraucht.

In den frühen Dreißigerjahren, er war ein kleiner Junge, fuhr er regelmäßig mit der Straßenbahn hinauf nach Cronenberg, wo Tante Milli einen kleinen Lebensmittelladen führte. Die Linie 5 zwischen Solingen und Wuppertal führte mitten durch die Wupperberge und galt als eine der landschaftlich reizvollsten Straßenbahnlinien Deutschlands. Die Zugmaschinen hatten die stärksten Motoren, um den knifflig steilen Anstieg nach Cronenberg zu bewältigen, und die Fahrer, allesamt Meister ihres Fachs, mussten all ihre Fahrkunst aufbieten, wenn es auf dem Rückweg bergab ging.

Es war Heiligabend, als der kleine Knirps, der mein Vater werden sollte, in Cronenberg die Straßenbahn bestieg, doch als er zahlen wollte, stellte er fest, dass sein Geld weg war – zwei Groschen, er hatte sie verloren. Es war die letzte Bahn, die an diesem Tag fuhr, und keine Zeit mehr, um zurück zu Tante Milli zu eilen und etwas Fahrgeld zu holen.

Mein Vater war der einzige Passagier an Bord. Nicht mal ein Schaffner hatte Dienst. Bloß der Fahrer und er waren anwesend. Ein fast leerer Waggon wartete auf die letzte Fahrt des Tages. Der Schnee wirbelte gegen die Scheiben.

“Du häss kin Jeld, Jung?” sagte der Straßenbahnfahrer, (er trug eine stolze Kapitänsmütze, erzählte Vater, wie einer von der Marinekameradschaft.) “Maht nix. Kannste Weihnachtslieder singen?”

Vater nickte. Er war 7 Jahre alt. Mit sieben kann man Weihnachtslieder.

“Dann singste ewen. Ich hölp dir auch.”

Und so sangen die beiden Weihnachtslieder, während sie bei einbrechender Dunkelheit durch den Busch Richtung Solingen rumpelten. Oh Tannenbaum, Stille Nacht, Heilige Nacht, O du fröhliche. Irgendwann ging ihnen der Text aus, sie wussten nicht weiter.

“Na, dann pfeifste eben noch wat.”

Und so pfiff mein Vater noch ein wenig. Als sie am verschneiten Stöckerberg in Solingen ankamen und der kleine Willi ausstieg, winkte ihm der Fahrer hinterher.

“Frohe Weihnachten, Jung! Und sing nit so schief, wenne gleich ungerm Christbaum stehst!”

Das vergass Vater nie zu erwähnen.

 

Fotos Willi Glumm 009