Du blutest aber gut

Sollte ich das Notizbuch in dreißig Jahren noch mal lesen, werden es nur noch Zeilen sein. Jetzt ist es mein Leben.

(Anfang 1986)

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Den ganzen Tag versuchte ich sie zu erreichen, aus jeder Telefonzelle, die auf dem Weg lag. Die Route der Freizeichen führte übers Mumms und den Kotten runter ins York, die verschneite Schützenstraße rauf, „die zieht sich!“, bis zur alten Bienenhalle und zurück zur Stadtmitte. Je öfter ich das Freizeichen hörte, desto bedrohlicher klang es. Ich hatte seit einer Woche nichts mehr von ihr gehört – komplette Funkstille. Ich musste sie sprechen. Ich musste wissen, woran ich war.

Es wurde schon dunkel, als ich eine von Schnee eingewehte Telefonzelle am Werwolf betrat, nahe der Eislaufhalle. Ich schlug den Kragen hoch und wählte ihre Nummer, keine Ahnung, zum wievielten Mal, und endlich – sie war zu Hause.

„Ja..?“

„Ja, ich bin’s..“

Der Wind pfiff durchs Telefonhäuschen, es war lausig kalt, das Deckenlicht nicht mehr als eine Funzel. Ich versuchte die widerspenstige Tür zu schließen, ein Spalt blieb offen.

„Ich hab heute bestimmt tausend Mal angerufen..“, sagte ich. Ich hörte ihr Radio, das kleine Transistorradio auf der Fensterbank. Und da war ein Rascheln.

„Bist du allein?“

Keine Antwort. Schweigen. Nichts.

„Sag mal.. was ist eigentlich los? Sind wir noch zusammen?“ Meine Stimme klang fremd, wie von weit her.

„Nein. Ich glaube.. nicht.“

Ein Plakat starrte mich an: FUNKTAXI. Ich hatte es in beinah jeder rostigen Telefonzelle gelesen und wusste nichts damit anzufangen.Was sollte das sein, ein Funktaxi?? Hatte nicht jedes Taxi Funk?

„Und warum..?“ fragte ich. „Wegen einem anderen?“

Sie zögerte.

„.. Ja..“

„Wer ist der Typ?“

„Ist doch nicht wichtig.“

„Ist doch nicht wichtig..? Na toll. Ist er bei dir?“

„.. ja schon.. aber du.. kennst ihn nicht..“

„Gib ihn mir mal.“

„Was, jetzt?“

„Natürlich jetzt! Wann sonst!“

Ein Lastwagen mit polnischem Kennzeichen kraxelte die Schützenstrasse hinauf, schwerfällig wie ein Büffel. Ich sah dreckiges Eis aufspritzen im Lichtkegel der Scheinwerfer.

„.. du willst ihn ja doch nur beschimpfen..“, hörte ich den Rest ihrer Worte.

„Ich beschimpf ihn nicht.“

„Echt nicht?“

„Weiss ich doch nicht.“

Sie zögerte.

„Na gut.. Moment. Warte.“

Ich hatte keine Ahnung, was ich von dem Kerl wollte. Ich wusste nicht mal, wer er war. War es der Soldat, von dem sie erzählt hatte? War es der Junkie, der so scharf auf sie war, dass er angeblich mit einer Knarre im Hosenbund rumlief und drohte, mich abzuknallen, sollte ich mich weiter zwischen ihn und Lena stellen?

„Nussbaum“, meldete sich eine Stimme, förmlich wie im Büro. Als hätte seine Sekretärin mich gerade zu ihm durchgestellt.

Der Junkie war’s jedenfalls nicht.

„Hör zu.. Nussbaum. Lena ist seit fünf Jahren meine Freundin. Warst du schon mit ihr im Bett?“

„Spielt das ne Rolle?“

„Ob das ne Rolle spielt..?! HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?“

„Spielt das ne Rolle?“

„WENN’S KEINE ROLLE SPIELT“, äffte ich ihn nach, „DANN GIB’S DOCH ZU, FEIGLING!“

Lena war wieder am Apparat.

„He, bleib cool..“

„Ich soll cool bleiben..? Hätte ich nicht angerufen, ich wüsste gar nicht, was los ist!“

Du wolltest doch, dass ich nicht mehr anrufe.“

„Wer sagt das?“

„Du! Du hast das gesagt!“

Verdammt. Stimmt. Im betrunkenen Kopf hatte ich bei ihr angerufen und sie aufgefordert, mich nicht mehr anzurufen.

„Aber da war ich doch besoffen! Das zählt nicht!“

„Woher soll ich wissen, wann etwas zählt und wann nicht..“

„Pass auf: Ich komm jetzt bei dir vorbei und wir reden“, sagte ich, und die Scheibe der Telefonzelle beschlug vor Erregung. „Wehe, du bist nicht da. Der Typ kann meinetwegen da bleiben!“

„Ja, komm vorbei, aber.. soll der echt hier bleiben?“

„Er kann auch verschwinden..“, schnaufte ich. „Mir doch egal.“

Ohne auf den Verkehr zu achten, stürzte ich über die Kreuzung. Autos hupten mich an, wie einen Wolf, der sich in die Zivilisation verlaufen hat. Rein in die nächstbeste Kneipe, das Tilbury, wo Karlos, Pepe und ich schon in den Siebzigern Schlankheitstropfen in unser Bier gemixt hatten und weggesackt waren zum Geklingel der Glücksspielautomaten. Jetzt gab es Videoclips auf dem Bildschirm über der Bar. Like a virgin.. like the very first time.. with your heartbeat. Ich nahm drei Osborne auf ex.

Auf dem Weg zur Teufelsinsel pochte es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen..?? Ich konnte es nicht fassen. Und ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen. Gleich würde sie mir sagen, was los ist, und ich würde ihr hilflos ausgeliefert sein. Mit jedem Schritt wurde ich zorniger. Kampfbomber waren in der Luft, die Fenster abgedunkelt. Im kleinen Park an der Feuerwache rutschte ich aus und legte mich lang, knallte mit dem Kopf auf einen vereisten Wurzelstrang. Der Stoß verfehlte die Schläfe nur um Millimeter – das ausströmende Adrenalin stellte mich sofort wieder auf die Beine.

„Scheiße!!!“

Teufelsinsel. Lena zitterte mindestens genauso. Wir saßen nebeneinander vorm Nachtstromspeicher, blickten uns kaum in die Augen. Was Neues wolle sie. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden, am Sonntag bei meinen Eltern Gulasch essen. „Immer der gleiche Streifen!“ Sie war richtig aufgebracht. Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da. Dieser Lebenshunger. Es gäbe keine Zukunft für uns. Alles, was sie sagte, riss mich in Stücke, nur die Klamotten hielten mich beieinander.

„Und der Typ? Was ist mit dem?“

„Der ist nett.“

„Ist es der Soldat?“

„Ja. Der Soldat.“

„Bist du verliebt?“

„Ja.. ich glaube. Ja..“

Diesmal würde es sich nicht wieder einrenken, diesmal nicht, diesmal war es anders. Sie wollte weg, sie hatte die Nase voll. Ich hinderte sie an ihrer Entwicklung. Sie war einundzwanzig und wollte andere Männer ausprobieren. Verständlich, wenn nicht ich der Gelackmeierte der ganzen Geschichte gewesen wäre. Ist doch klar, hätte ich gesagt. Muss doch.

Dann holte sie aus. Dass sie es nicht mehr mitansehen könne, wie ich in den Tag hinein lebe, perspektivlos und mich auf die Loyalität meiner Freunde verlassend. All die Dinge, die sie früher an mir geliebt habe, meine Sorglosigkeit, meine Lässigkeit hasse sie mittlerweile, „weil du ein kleines Arsch bleibst, wenn du dein Leben nicht endlich in die Hand nimmst.” Wie ich mir überhaupt meine Zukunft vorstelle, so als größter Drückeberger der Welt. Ich antwortete, dass man keine Zukunft nötig habe, bloß Gegenwart, “die macht schon genug Rückenwind, wenn man sie nah genug heranlässt.”

“Ach, du immer mit deinen.. Sätzen!”

Ihr war aufgefallen, dass ich beim Schreiben niemals ein Semikolon setzte. So ein Ding, weniger als ein Punkt, mehr als ein Komma. Ein Zeichen, das dem Leser signalisieren soll, jetzt kommt was Neues, in Anlehnung an das Alte.

“Gibt dir das nicht zu denken?!”

Ich sei doch schon immer ihr Traummann gewesen und sei es immer noch und werde es auch immer bleiben, aber jetzt sei es vorbei, fürs erste. Ich solle ihr Zeit geben. Platz lassen. Ihr Kopf sei ein Tollhaus, da gehe es drunter und drüber, sie könne nicht richtig erklären, was in ihr vorgehe, es rumore schon so lange in ihr. Und was wären da schon Worte, ausser unzulänglich und verlogen. Sie versuchte mich in ihre Arme zu schliessen, ich stiess sie fort und floh aus der Wohnung. Wie oft war ich im Streit aus der Wohnung gerannt, jedes Mal war Lena mir gefolgt, auf Strümpfen, auf Asphalt, mitten in der Nacht, bei Regen, bei Schneefall, großes Drama. Zum Schluss war es andersrum gewesen. Zum Schluss war sie rausgerannt und ich hinterher. Immerzu war irgendwer gerannt und der andere hinterher, diesmal nicht. Diesmal sah ich sie am Fenster stehen, wie eine Marienerscheinung. Sie machte keinerlei Anstalten, etwas zu tun, sie stand bloß da. Ich drehte mich um und stapfte los, die Hände in den Manteltaschen, wie unter einem riesigen Kuppelbau, in einer fremden und frostigen Kathedrale, weit draussen im Universum.

Schneehaufen türmten sich am Straßenrand. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer.

Als ich die Schillerstrasse erreichte und vor der Haustür stand, sträubte ich mich aufzuschließen. Die meiste Zeit hatten wir hier verbracht. Wegen dem großen Fernseher, der Badewanne, und überhaupt. Es war unser Quarier gewesen. Jetzt war sie einundzwanzig und hatte den Streifen satt. Hatte lange genug Sonntag für Sonntag gebadet, bei meinen Eltern  zu Mittag gegessen. Es reicht, mein Freund. Mach dich vom Acker. Ich knallte mich aufs Bett, versuchte etwas zu schlafen. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere. Immerzu tauchte ihr kleiner Busen auf, ihre Schenkel, in die jetzt irgendein gesichtsloses Schwein eindrang. Ihre zärtlichen Worte. Ihre warmen braunen Augen, die mich so satt gemacht hatten, dass kein Hunger blieb für andere Dinge.

Weil mein Telefon wegen unbezahlter Rechnungen gesperrt war, sprang ich aus dem Bett, zog mir die Schuhe an, in denen ich schon viel zu lange herumlief und die kaum noch Profil hatten, und stiefelte durch die Hinterhöfe zur Telefonzelle. Ich brauchte einen Hoffnungsschimmer. Es konnte doch nicht einfach so vorbei sein, so Knall – und aus! Es war klirrend kalt. Ich warf eine Mark in den Schlitz. Sie hatte meinen Anruf erwartet. Befürchtet. Ich fragte, ob es denn keine Möglichkeit mehr gäbe.

„Es gibt immer eine Möglichkeit“, sagte sie. Und dass sie ja selbst nicht genau wisse, was los ist. „Ich folge einfach meinem Instinkt.“

Ich jammerte wie ein kleiner Junge, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hatte, und der nicht verstand, warum. Nur weil er immer das gleiche gespielt hatte? Was konnte falsch an Dingen sein, die lange Zeit richtig gewesen waren?!

„Was soll ich denn machen ohne dich?!“

„Pack meine Sachen zusammen, stell ein paar Möbel um, keine Ahnung. Ich weiß nicht. Du bist so ein Gewohnheitstier, und ich brauche Abenteuer. Ich bin zu jung, um zu verrotten.“

Wieder starrte mich so ein großes FUNKTAXI-Plakat an, im Telefonhäuschen, schwarze Lettern auf gelbem Grund.

„Du musst stark sein. Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so.. durcheinander..“

Ich solle ihre Maßnahme als Experiment betrachten. Und dass es dabei weniger um einen anderen Typ gehe, sondern darum, dass wir uns über unsere Gefühle klar werden, unsere Gefühle füreinander. Was Frauen so sagen in solchen Situationen, und was Männer so schlucken. Sie legte auf. Das war es also. Gewohnheitstier.

Als Junge hatte es mir Spaß gemacht, Fußballstadien zu zeichnen, mit Bleistift, an verregneten Nachmittagen. Besondere Mühe machte ich mir mit dem tausendköpfigen Publikum, ich malte die Leute Kopf für Kopf. „Das sind aber eine Menge Köpfe!“ staunten meine Eltern. Besonders Mutter begeisterte sich für die Geduld, die ich aufbrachte, um eine große Zahl von Zuschauern zu zeichnen. Dabei hatte auch jede andere Arena, die ich gemalt hatte, so viele Köpfe gehabt, aber die hatten meine Eltern nicht gesehen. Wenn mir etwas Spaß machte, suchte ich die Wiederholung, um jeden Preis. Ist doch logisch. Ohne Fans, ohne Anfeuerungsrufe ist keine Action auf der Tribüne, das muss jeder einsehen.

Das Gewohnheitstier schlich nach Hause und haute sich hin. Im kältesten Bett der Welt lag es im Dunkeln und betete, die Nacht möge bald ein Ende haben, doch als es hell wurde, als das Licht zurückkehrte, baute sich etwas gräßlicheres vor ihm auf: die Angst vor dem Sonntag. Ohne Lena. Ohne Gewohnheit.

 

2

Sonntag. Der magische Sonntag im Tierpark. Sie trug ihr braunes Indian Summer-Kleid und war gut gelaunt. „Los, zu den Kamelen!“ Hier gibts keine Kamele, sagte der Tierpfleger. „Dann eben Lamas!“ Die Tiere standen in der Nachmittagssonne und malmten ihr Gras. „Beiß mich“, flüsterte Lena, die mal behauptet hatte, ein Fußkettchen hätte ihr gesamtes Leben umgekrempelt. Ich lugte hinüber zu den Lamas, und biss zu. Das Kettchen knirschte.

Auf Kieselsteinen weiter zum Exotenhaus. Javaneraffen turnten an nackten Stahlgerüsten, zeigten ihre Hintern. Früher, auf Bali, in ihrer Heimat, waren sie heilig gewesen, unantastbar. Früher mal. In alten Zeiten. Als Mensch und Tier sich noch grüßten, wenn die Sonne aufging.

Weiter unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine schattige Bank. Wir waren allein auf weiter Flur. Lena zog die Nylonstrümpfe aus und stieg auf meinen Schoß. Ich schob ihren Slip beiseite. Ich schmeckte ihren Hals. Küsse. Papageienschreie. Rote Flecken.

Die Bank kippte im richtigen Moment.

*

Bis in den Nachmittag blieb ich im Bett. Ich war wie gelähmt. Rauchte tausend Kippen. Ich versuchte den Kopf frei zu kriegen, nicht an sie zu denken, doch denken ist auch nur eine Möglichkeit, mit seinen Gefühlen umzugehen. Dann badete ich, doch ich weiß nicht, wie oft wir zu zweit Platznot hatten in der Wanne, jetzt war sie eine riesige Arena und verschlang mich. Immerzu musste ich an sie denken. An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir. Ihre zärtlichen Worte, unsere vertraute Sprache, die Spielereien. Es schmerzte und machte wütend. Lena war natürlich fein aus dem Schneider. Hatte einen neuen Kerl und Jacki, ihre beste Freundin, zog demnächst bei ihr ein. Nahtloses Timing. Wozu brauchte sie mich noch?! Mein Selbstbewusstsein lag auf dem Boden und schielte zur Uhr. Wenn wenigstens das Mumms schon geöffnet hätte.. Ich hielt es nicht mehr aus, ich machte mich auf die Socken. Unterwegs rief ich Karlos an.

„Lena hat Schluss gemacht.“

„Scheisse. Echt?“

„Ja. Ich komm jetzt bei dir vorbei.“

Weil nur die Hauptstrassen von Schnee und Eis geräumt wären, brauchte ich doppelt so lange wie sonst bis zur Finkenstrasse. Ich bestand nur noch aus Beinen. Aus Gehen und Fühlen. Ich ge(h)-, fühl und komm um, schrieb ich mit klammen Fingern in mein Notizbuch.

Drei Stunden lang saßen wir uns in Karlos‘ Bude gegenüber. Er legte Van Morrison auf und hörte zu. Ab und an schüttelte er den Kopf und warf etwas ein. „Man hat schon gemerkt, dass eure Beziehung einen gewaltigen Knacks erlitten hat..“, sagte er, und „Die Seele ist Prosa, da kannst du mit Poesie nix reissen“, und „Chaos im Kopf ist nie umsonst.“ Als ich begann, ziemlichen Scheiss zu labern, „Ich liebe sie so sehr, dass ich lieber mein Leben verpfusche als ohne sie etwas auf die Reihe zu kriegen“, fuhr er mir nur kurz über den Mund, jetzt red kein Scheiss. Zuletzt sagte er etwas, das mir im Kopf blieb. „Vielleicht musste es passieren. Vielleicht musste etwas in dein unverschämt sicheres Leben platzen, damit du aufwachst und anfängst das zu tun, was der liebe Gott für dich vorgesehen hat.“

Ich starrte ihn an. Wovon sprach er zum Teufel?

„Na, dass du dich auf deinen Arsch setzt und anfängst zu schreiben.“

Was Liebekummer betraf, konnte er mitreden wie kaum ein anderer. Zwei Jahre zuvor hatte ihn Biene verlassen, seine große Liebe, so richtig hinweg war er darüber immer noch nicht.

„Das ist noch nicht gegessen“, sagte er mit dieser tiefen Märchenplattenstimme, die mich stets beruhigte. Es klang wie: Die Braut hol ich mir noch zurück. Wart’s nur ab. Es war keine vier Wochen her, da hatte Karlos mitten in der Nacht unter Bienes Fenster gestanden und nach ihr gepfiffen und gerufen wie ein dummer Fünfzehnjähriger.

„Und?“

„Was, und?“

„Na ja, ich mein, hat sie aufgemacht oder nicht?“

„Ach wo, die Sau war überhaupt nicht zu Hause. Die war im Urlaub, wie sich hinterher rausgestellt hat.“

Punkt neun standen wir im Mumms am Tresen. Ein verrauchter Karnickelbau mit einem Herz Buben an der Tür, durchstochen von einem Stilett. Der Laden war oft so brechend voll, dass alle in Dreier-Reihen vorm Tresen drängelten und so viel soffen, als hätten sie Schiss gehabt, eines Tages aus diesem großspurigen Trinkgelage aufzuwachen. Karlos und ich orderten Bier und Tequila. Assoziationsketten aus Tod und Verzweiflung stürzten auf mich nieder. Ich war eine große glühende Wunde und hatte dieses aufputschende Gefühl, alles rauszulassen. Während Karlos mir geduldig das Ohr lieh, betrank er sich in aller Seelenruhe.

Benzini kam rein und stellte sich zu uns. „Du blutest aber gut“, meinte er süffisant, und Ludi, der mich nur vom Sehen kannte, meinte fast ein bisschen peinlich berührt: „Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, ich hätte dir gar nicht zugetraut, dass eine Frau dich so fertig macht.“

Cool und abgewichst. Darauf vertranken wir die Nacht.

 

4

Als ich zur Mittagszeit aufwachte, ging der Spuk weiter. Verkatert hockte ich auf der Heizung und hörte dem Wasserhahn zu, wie er in der Küche tropfte, er schlug eine Kerbe in den Spülstein. Das Barometer vorm Fenster war bei minus fünfzehn eingefroren. Ich rauchte eine Kippe nach der anderen. Vielleicht hatte sie ihren Entschluss schon bereut. Ich peitschte zur Telefonzelle gegenüber vom Gemeindeheim Margartenstrasse und rief in der Zahnarztpraxis an, wo sie ihre Ausbildung machte.

„Ich muss mit dir sprechen. Können wir uns treffen?“

„Klar. Klar doch.“

„Heut Abend im Mumms?“

Sie zögerte einen Moment.

„Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?“

TRAURIG!

Einmal unterwegs, ging ich gleich weiter in die Stadt. Ich nahm mir vor, neue Schuhe zu kaufen, weil die Winterlatschen vom toten Nachbarsjungen  mir kein Glück gebracht hatten, doch es blieb beim Vorsatz. Ich hatte keinen Nerv auf Schuhe kaufen. Ich suchte mir im Karstadt-Restaurant einen Fensterplatz, mit Blick auf den alten Busbahnhof, wo Lena und ich im Winter 1979 zum ersten Mal verabredet waren. Wir saßen bei nassem Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt den ganzen Nachmittag unter dem überdachten Wartehäuschen, zu schüchtern für einen ersten Kuss, aber mit löchrigen Turnschuhen und der Gewissheit: das ist es. Noch in derselben Nacht bekam ich hohes Fieber, alle Knochen taten mir weh. Drei Wochen lang lag ich mit einer schweren Nierenbeckenentzündung flach, und Lena, gerade mal fünfzehn und bildhübsch, kam mich besuchen, den Poncho übergeworfen, und neben meinem Bett dampfte der Haschischtee.

Das erste Mal gesehen hatte ich Lena im Mankes 13, einem Jugendklub in Ohligs. Ohligs zählte eigentlich nicht zu meinem Revier, es war Zufall, dass ich an diesem Freitag in dem Stadtteil gelandet war. Freitags war Disco im Mankes. Es war früher Abend, rappelvoll. Ich hatte eine Tasse Kaffee in der Hand, was ich mir bis heute nicht erklären kann, weil ich damals so gut wie nie Kaffee trank. An diesem Tag aber war Kaffee in meiner Tasse, und ich stolperte über ein Paar Beine, das zu einem jungen Mädchen gehörte, das auf einem Sofa saß. Ich strauchelte und schüttete ihr dabei etwas von dem Kaffee über die Hose. So hatte ich Lena kennengelernt.

So saß ich jetzt im Karstadt-Schnellrestaurant. Ich verdrückte ein Zigeunerhack mit Pommes und Salat oder was immer Tages-Menü war, dazu ein Glas Cola, weil Bier nicht mehr runter ging. Ich war fünfundzwanzig. Ich war der gutaussehende Typ gewesen, ich hatte immer Frauen um mich gehabt, jetzt war ich grau und erledigt, fühlte mich Scheiße, ich war Scheiße. Nichts stimmte mehr. Ich wartete nur darauf, dass Blut kam auf dem Klo, ich war ein versoffener ängstlicher kleiner Pisser. Ich glotzte dem Serviermädel hinterher, das den Geschirrwagen durch die Gänge schob und Geschirr einsammelte, ich glotzte dicken Frauen in den Ausschnitt, die ihr Mittagsmenü verdrückten. Eine Frau löffelte Linsensuppe. Ein überlanges Bockwürstchen ragte zu beiden Seiten über den Rand des Tellers. Alles an der Frau war korpulent und traurig, sie war überall zu viel. Sie kämpfte mit der langen Wurst, wusste nicht, wo sie den Löffel ansetzen sollte, um sie zu teilen. Oder ob sie doch lieber Messer und Gabel zur Hand nehmen sollte. Warum sie das überlange Vehikel nicht einfach in die Hand nahm, die Finger zur Not mit einer Serviette geschützt, blieb unklar.

Als Soundtrack zu der kuriosen Szene hatte sich die Geschäftsführung des Karstadt richtig was einfallen lassen. Man ließ über Lautsprecher Nummern ausrufen, eine Nummer nach der anderen, kuriose Personalnummern, pausenlos, wie auf dem nationalen Nummerntag.

„Die 366, bitte!“, „die 408, bitte!“, „die 369, bitte!“,

„die 500, bitte!“

Andere Frauen führten leise Selbstgespräche, mit angebissenen Würstchen und zittrigem Blick, bis sie entdeckten, wie ich ihnen auflauerte und mir Notizen machte, da fühlten sie sich ertappt und fingen an aufzuhören mit sich selbst zu reden. Das Zittern hörte nicht auf. Die Fragen auch nicht. Was schreibst der Kerl da? Schreibt der über mich?!

Na klar schreibe ich über euch. Ich schreibe, wie ihr das Maggi in eure Suppen pumpt, ich schreibe über Geschmacksverstärker und Gluten, die in euren Suppen um die Herrschaft raufen wie trotzige kleine Stöpsel. Ich schreib das alles auf, damit ich was zu tun habe und mir nicht noch mehr auf den Wecker falle. Würde ich nicht zufällig schreiben, ich würde einfach umfallen, ich wäre auf der Stelle tot.

Ich fasste einen Entschluss. Ich musste etwas tun. Genug geheult. Ich stand auf und machte mich auf zur Jobvermittlung. Ich brauchte Ablenkung. Außerdem hatte es Lena zunehmend gewurmt, dass ich bis in die Puppen ratzen konnte, während sie ständig früh raus musste und eine Ausbildung machte, die ihr gegen den Strich ging. Dass sie sich zusammenriss, während ich mich gehen ließ.

Frau Düstersiek war Leiterin der Jobvermittlung, einer Aussenstelle des Arbeitsamtes.

„Na, Sie As!“ meinte sie erfreut, „Allein hier heute? Was macht Ihr Kumpel, der.. wie heißt er noch gleich..?“

„Karlos.“

„Ja, genau, Karlos! Was ist Sache mit Karlos?! Warum kommen Sie ohne ihn?“

„Na ja.. also, nur so.“

Keine Ahnung, ob es wirklich daran lag, dass ich ohne ihren Spezi Karlos gekommen war, doch die Düstersiek rückte lediglich die Telefonnummer eines kleinen Betriebs raus, der in Türklinken machte, oben am Schaberg. Ich rief in der Firma an und sagte, dass ich auf der Stelle anfangen könne. Gut. Ja.

„Kommen Sie vorbei.“

„Was denn..?! Jetzt sofort?“

„Ja, natürlich. Wenn Sie Zeit haben, können Sie auch sofort anfangen.“

„Äh.. ja, natürlich.“

Damit hatte ich nicht gerechnet, dass man mich beim Wort nahm. Ich kaufte einen Strauß Blumen, klemmte ihn an der Teufelsinsel an ihre Wohnungstür. Mit einem Zettel. Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Was besseres fälll dir wohl nicht ein? dachte ich. Nein. Was besseres fiel mir nicht ein.

Die Firma am Schaberg entpuppte sich als Hinterhofbude. Ohne groß eingewiesen zu werden, setzte man mich in der Endmontage ein. Meine Aufgabe: Türbeschläge und Klinken polieren, Kartons falten, Aufträge zusammenstellen, verpacken und für den Versand fertigmachen. Meine Hände flatterten vom vielen Saufen. Von Ablenkung keine Spur. Was ich auch tat, ich hatte nur Lena im Sinn. Selbst in der Nacht, als ich mir einen runtergeholt hatte, hörte ich ihre Worte, als es mir kam, ganz anders als sonst, wo sich eher schmierige Tanten in meiner Phantasie verirrten. Und als es mir kam, fühlte es sich an wie der Orgasmus, den der neue Kerl ihr machte – ich ließ sofort los. Ließ spritzen, ließ rumsen im Bauch.

Lüttkenhorst, der Kollege, kam an und meinte, ich solle nicht dauernd rumsitzen und so ein dämliches Gesicht ziehen, lieber ein paar Kartons falten, wenn gerade Leerlauf war. Ein bisschen Eigeninitiative. Hm? Redete der mit mir? Am Abend wollte ich alles auf eine Karte setzen. Ich würde sie mir zurückholen. Versprochen. Endlich halb Fünf. Feierabend. Ich fuhr mit dem Bus in die Stadt.

Als ich das Mumms betrat, war sie schon da. Saß in der hintersten Ecke, mit einem Glas Tee vor sich. Sie sah umwerfend aus. Ich holte mir ein Bier, setzte mich zu ihr. Ich hatte keine Zeit für Tändeleien.

„Ist wirklich Schluss?“

Ängstlich blickte sie mich an. Sie nickte. Ich riss mich zusammen. Bestand darauf, dass ich eines schon kapiert hätte, in den letzten, nun ja, vierundzwanzig Stunden: ohne gemeinsame Zukunft keine Beziehung! Ein Satz, für den ich mir noch eine Woche zuvor auf die alten Schuhe gekotzt hätte.

„Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben.“

Sie war überrascht. Sie nahm es ernst. Es funktionierte.

„Ein Buch schreiben..? Na, das ist ja ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig und der Herr tut nix, aber kaum kriegt er einen Schuss vor den Bug, bewegt er seinen Hintern. Guck mal einer an.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Du sollst es nicht für mich, sondern für dich tun.“

„Für uns! Ich möchte mit dir meinen Weg gehen, mit dir glücklich sein.“

Ich immer mit meinen Sätzen. Ich spürte, dass sie nachgab. Damit hatte sie nicht gerechnet. Dass ich so schnell was dazugelernt hatte. Dass ich sie so sehr wollte.

„Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen..“

Wir blickten tief einander in die Augen. Dieses Bauchgefühl. Dann sagte sie es. Ganz leise. Fast unhörbar. Gehaucht.

„Ja.“

Ich flog ihr um den Hals. Vergrub ihren Kopf an meiner Brust.

„Hast du wirklich ja gesagt?!“

„Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los.“

Ich driftete zum Tresen. Glaubte es noch gar nicht richtig. Dass das so schnell ging. So ohne viel Widerstand. Ich bestellte Tequila. Wir lachten. Küssten uns. Wie waren wie die Kinder. Die Holztische des Mumms glühten im Sonnenuntergang, die Flusen tanzten im einfallenden Sonnenstrahl.

„Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen“, stellte Lena klar.

„Ja“, sagte ich, immer wieder ja. Ich hätte ihr einen Welt-Bestseller versprochen, wenn sie es nur ernst meinte.

„Wann machst du mit dem Typ Schluss?`“

„Ich werd.. es ihm gleich sagen.“

Wir verabredeten uns für den folgenden Nachmittag um Fünf, sie versprach zu mir zu kommen. Ich blieb im Mumms und betrank mich. Karlos tauchte auf. Er  warnte mich, ich solle mich nicht zu früh freuen, doch ich freute mich. Auf die Schnauze fallen konnte ich immer noch.

5

Die Maloche am nächsten Tag nervte. Ich konnte kaum meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzte mir zu. Wenn ich mal einen Tag wenig trank, schwitzte ich mir in der Nacht gleich die Beine weg. Aber ich liebte Lena und hatte sie wieder. Das war die Hauptsache.

„Die Kartons sind aus Pappe!“ blökte Lüttkenhorst, der Vorarbeiter. Die Schatten unter seinen Augen waren groß und finster, seine Stimme tief und krächzend, fast punktuiert. „Die Kartons kann man biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das mit dir! Da kannst du Gift drauf nehmen!“

Punkt fünf Uhr war ich daheim. Vielleicht wartete sie schon vor der Haustür. Tat sie nicht. Ich rauchte und hörte Radio, kaputt und aufgekratzt zugleich. Machte ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs. Ich wurde unruhig. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein, dachte ich. Überpünktlich. Vielleicht war was mit Jacki dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal. Ich versuchte etwas zu lesen. Uns verbrennt die Nacht. Von einem Indianer, der mit Jim Morrison durchs L.A. der 60er Jahre gezogen war, doch ich konnte mich nicht konzentrieren. Jeder Satz endete mit Lena in meinem Kopf.

Ich stand am Fenster und wartete. Watching and waiting. Sechs Uhr, halb Sieben. Autos fuhren vorüber, Autos hielten. Türen schlugen zu. Nur die Strasse zählte. Um sieben Uhr war Lena immer noch nicht da. Ich tigerte von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, geriet in Panik. Schrie „Lena, was machst du mit mir?!“ Raufte mir die Haare und schleuderte mich gegen die Wand. Blieb liegen. Stand auf. Konnte es einfach nicht fassen, wie ich verarscht wurde. Dass sie nicht gekommen war. Trotz ihrer Worte. Ich knallte mich gegen den Türpfosten. Es schellte. Nicht ihr Schellen. Es war der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber. Ich zerrte Poster von der Wand, trat eine Tasse durch die Küche. Sie zersplitterte unterm Spülstein. Eli begriff gar nichts.

Du kommst wegen Lena so drauf? Gibs das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt.“

Ich liess ihn stehen und lief zur Margaretenstraße, durch den Schnee, zur Telefonzelle. Jacki hob ab.

„Ist Lena da?!“

„Die ist schon lange weg.“

„Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?“

„Lena hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist.“

Ich hetzte durch die Strassen. Blickte in jedes vorübersausende Auto. Auch im Mumms war sie nicht. Natürlich nicht. Das Mumms war mein Revier. Mein Wohnzimmer. Cobra hockte am Tresen.

„Hallo.“

Sie hatte mich mal angemacht, nicht lange her, da hatte ich abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten. Jetzt war ich froh, dass sie da war. Fragte, wie es ihr geht und so. Spendierte Bier und Schnaps. Wenn es Schnaps gibt, steht der Angriff bevor. Göring und seine neue Braut kamen rein, tranken einen mit.

Göring arbeitete als Fernmeldetechniker bei der Bundespost. Einige Mal hatte ich ihn getroffen, als er gerade irgendeinen Telegraphenmast hochkletterte und seine Arbeit verrichtete. Ein Kerl mit schweren Knochen und einem gewaltigen Alkoholproblem, der lauthals „Geht doch um nix!“ posaunte, wenn er mich im Mumms erblickte. Den Spruch hatte er von einem Kumpel, der ihn seinerseits im Knast aufgeschnappt hatte.

Es dauerte nicht lange und wir beschlossen, zu verduften. Wir riefen ein Taxi, kauften unterwegs an der Tankstelle zwei Flaschen Ouzo, fuhren zu Göring nach Hause und versanken in den Ledersesseln. Göring erzählte von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hatte, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.

„Das sind die Tanten, die wir brauchen!“ wieherte Cobra.

Sie und Göring verstanden sich prächtig. Das gefiel mir nicht. Musste ich mich notgedrungen mit seiner Freundin befassen. Eine seltsam trutschige Person. Ihre Nase war groß und schief und irgendwie spanisch, eine vergeigte Steinmetzarbeit. Ich wusste nicht, was ich mit ihr reden sollte. Im Radio liefen Bronski Beat. It ain’t necessarily so. Muss doch alles nicht sein.

„GEHT DOCH UM NIX!“ brüllte Göring.

Irgendwann in der Nacht lagen wir zu viert im geräumigen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen waren zuviel für mich. Ich war sturzbetrunken und hatte nur Lenas Körper im Sinn. Cobra und Göring verschwanden ins Wohnzimmer. Während sie auf dem Tisch vögelten, hantierte ich an dieser Braut herum, deren Namen ich nicht kannte. Im Radio schepperte irgendein amerikanischer Heckmeck. Cobra kam ins Schlafzimmer zurück.

„Na, gut abgespritzt?!“

Ich sagte gar nichts und pennte ein.

 

Als der Morgen dämmerte, wurde ich schlagartig wach. Mein Herz pochte wie verrückt. Ich stand auf und suchte das Telefon. Cobra folgte mir mit den Augen.

„Vergiss es, das Telefon ist gesperrt.“

Ich zog mich an und machte mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle. Lena, klopfte es in meinem Bauch, sei zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß. Die Sonne ging auf, Hundepisse im Schnee. Ich klapperte vor Kälte. Endlich eine Telefonzelle. Ich wählte die Nummer. Es dauerte. Niemand ging dran. Ich wählte nochmal. Lena hob verschlafen ab.

„Ja..?“

„Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!“

Sie stöhnte.

„Es ging nicht.“

„WIESO GING ES DENN NICHT?“

„Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!“

Meine Stimme schnappte über.

„IST DER TYP DA?“

„Ja“, räusperte sie sich. „Er ist hier.“

„Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!“

Lena seufzte.

„Ich weiß.. Aber ich kann nicht.“

„WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!“

„Weil du mich so gequält hast..“

Ich rastete aus. Beschimpfte sie. Sie legte auf. Ich stapfte durch den Schnee zur Wohnung zurück. Cobra öffnete die Tür.

„Ich muss mit dir reden“, sagte ich.

Wir holten Bier am Kiosk und fuhren mit dem Bus zu mir. Es war okay. Wir verstanden uns. Gleiche Wellenlänge. Sie studierte Germanistik. Ich spielte ihr Jonathan Richman vor. Sie musste lachen.

„Was ist das denn für einer?“

„Der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen.“

Er gefiel ihr. Ich interessierte sie. Schade, dass ihre Titten so groß waren. Am nächsten Mittag ging Cobra heim und ich ins Mumms. Karlos war auch da und legte den Leuten die Karten. Hatte er selbst erfunden. Mir prophezeite er, dass ich immer Checkerei haben würde mit der Herz Dame. Abends war Cobra wieder da. Die Karo Dame.

„Flüchtige Liebschaft“, flüsterte sie.

„Du hast mich verwirrt“, sagte sie.

Der Russe war da. In seinem langen Armeemantel, dem grauen Vollbart und den wuchtigen, wie zu einer Brücke zusammengewachsenen Augenbrauen erinnerte er an Solschenyzin, den Schriftsteller. Er spielte in der Bundesliga Schach für 1868 Solingen und redete kaum ein Wort. Dafür hatte er ständig eine Zigarre und ein grosses Glas Altbier in Arbeit und lächelte sein Russenlächeln, unermüdlich, geheimnisvoll. Sperrte er den Mund doch einmal auf, dann nur für einen einzigen Satz:

„Immer gut rauchen“, prostete er uns zu, „und Mathematik!“

Da Solingen Schachstadt ist, 1868 war eine Weile deutscher Abonnementmeister im Vereinsschach, ist man hier schräge Figuren gewohnt, die nichts anderes im Kopf haben als spanische Spieleröffnungen und Springertausch, doch der Russe war ein absolutes Unikum, jeder mochte ihn. Selbst die faulenden Zähne und triefenden Nikotinfinger fielen nicht ins Gewicht. Eines Tages tauchte er nicht mehr auf, er blieb verschwunden. Niemand wusste etwas. Die Wetten im Mumms liefen auf Lungenkrebs oder Schachturnier im Irak. Auf einer Tafel wurden die Wetteinsätze notiert. Es stand Fifty-fifty.

„Immer gut rauchen und Mathematik!“

Karlos orderte Tequila und entwickelte das Kartenlegen weiter. „Kreuz As und Pik As gibt AIDS.“ Cobra erzählte, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe. Danach sei sie zusammengeklappt. Pik Sieben war die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.

„Liebe ist nicht alles“, tröstete mich Cobra.

Ich war geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lena. Cobra schleppte Tequila an. Tequila baute auf.

„Liebe ist nur Spinnerei im Kopf“, sagte sie.

Zitronenscheiben rutschten unter den Tisch. Kreuz Zehn bedeutete Entziehungskur. Folgte darauf die Herz Zehn, wurde man rückfällig.

„Heut bin ich verknallt“, summte Cobra in mein Ohr, „morgen ist alles vorbei. Lass uns noch was trinken.“

Der nächste Tequila. Endzeithunger. Mad dog days. Zwei dunkelhäutige Frauen setzten sich zu uns an den Tisch. Eine war Brasilianerin. Sie kam aus Recife. Sie erzählte von Insekten, die beim Abendessen aus den Bäumen in die Teller fielen, in ihrer Heimat.

„Du hast schöne Augen“, sagte sie.

Karlos legte ihr die Zukunft. Verlegen stand ich daneben und überlegte, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelte sich ihre Freundin dazwischen und funkelte mich böse an.

„Mein Zug ist abgefahren“, kritzelte Cobra in mein Notizbuch, das offen und für alle einsehbar auf dem Tisch lag. Ich holte das nächste Tablett Bier und wandte mich Karlos zu.

„Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist..“

Sturzbesoffen redete er auf mich ein.

„Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen.“

Ich hing an seinen Lippen.

 

Samstagmorgen wurde ich früh wach. Detonierter Bauch. Vollrauschnerven. Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrte sich in meinem Gehörgang fest. Ich holte mir einen runter. Zündete mir eine Kippe an. Die erste von den nächsten tausend. Draußen regnete es.

Tauwetter.

 

 6

Samstagmittag ging ich zu meinen Eltern rüber, zum Essen. Beim Nachtisch erzählte Mutter aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählte, war es mir, als lüftete sich ein Schleier und dahinter tauchte der Kern von mir auf. Vage erinnerte ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern geklettert war, auf die Seite meiner Mutter, und dort bis zum Morgengrauen blieb.

„Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben, wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich.“

Dann, 1967, wurde mein Bruder geboren, im Jahr der Ziege. Es war ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab. Mein Vater rief aus dem Krankenhaus an. Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.

„Was?! Ein Junge..?“ rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung, ich rannte von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.

„Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!“

Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt. Mein kleiner Bruder beanspruchte fortan den Thron an ihrem Busen.

„Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng im Bett. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen.“

Bedauern klang durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln zum Nachtisch, Bedauern, dass sie mich damals nicht darauf vorbereitet hatte.

„Es war ein Schock für dich. Du hast nächtelang gekrampft, ich weiß nicht, wie oft du schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund.“

„Schaum vorm Mund?“

„Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus.. Beinah wie bei einer.. Zyankalivergiftung..“

Wie sie so erzählte, spürte ich das Kitzeln einer tiefen, fast verlorenen Erinnerung. Nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, die mich verliess.

„Und warum du so viel Bier trinkst“, meinte Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm am Abend von Mutters Beichte berichtete, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als:

Blume.

Tischgespräche (76)

Zu Tisch I, Sue Eggert

“Na, weißt du, Joe, man ist doch eigentlich nur das Produkt der Menschen, mit denen man sich umgibt und immer umgeben hat..”

“.. und der Menschen, mit denen man sich nicht umgibt und nie umgeben hat..”

“.. das vor allen Dingen, Joe, ja. Das vor allen Dingen.”

Er war immer hungrig, und er war sehr dünn – Let’s get lost – Zum 85. Geburtstag von Chet Baker

„Wie hieß noch mal der schmächtige Trompeter, der auf Heroin war und so wunderbar traurig und vorsichtig singen und Trompete spielen konnte?“

„Chet Baker? Du meinst Chet Baker. “

*

Am 13. Mai 1988 starb der magischste aller Jazz-Trompeter in Amsterdam. Offiziell fiel er im Speedball-Rausch, einer Mixtur aus Heroin und Kokain, aus dem offenen Fenster des Prins Hendrik Hotels. Naheliegender klingt die Aussage seines letzten Pianisten Graillier. Demzufolge soll Baker Stunden zuvor des Hotels verwiesen worden sein. Weil er aber sein Instrument vergessen hatte, sei er in der Nacht heimlich die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. Wie auch immer, es handelte sich um einen Unfall, und am folgenden Abend, so die Legende, verstummten alle Jazz-Clubs von Paris bis New York.

*

Es gibt ein filmisches Porträt über das Leben von Chet Baker, ein schwarz-weißes Meisterwerk von US-Fotograf Bruce Weber, Let’s get lost. Der Film kam kurz nach Chets Tod in die (Programm-)Kinos. Von Jazz-Puristen oft verschmäht, ist Let’s get lost für mich bis heute der beste Musikfilm, den ich je gesehen habe. Eine wehmütig stimmende Hommage an einen Mann, der Musik machte, als wäre ein Engel zur Erde hinabgestiegen – ein dünner Engel, immer hungrig, und mit zerknittertem Gesicht.

*

„Er war immer hungrig,
und er war sehr
dünn.“

*

Dialog aus Let’s get lost:

„Findest du das Leben langweilig, Chet?“

„Nein, nicht langweilig, aber manchmal ist es .. lästig. Ja, ich denke, für viele Leute ist das Leben lästig.“

*

Let’s get lost zeigt Ausschnitte aus Spielfilmen der 1950er Jahre, als Hollywood den jungen Chet Baker entdeckte, als sein Gesicht noch ebenmäßig und hübsch war. In einer Szene sieht man ihn mit Natalie Wood in „The fine young Cannibals“, da war er 21, 22 Jahre alt und, wie es ein Freund jener Tage ausdrückte, „.. ein Mann wie aus einem Guss.“

Die Amsterdamer Polizei, die seinen Leichnam im Frühjahr 1988 auf der Strasse fand, wusste zunächst nichts mit ihm anzufangen. Da der Tote weder Zähne noch Ausweispapiere bei sich trug, identifizierte man ihn als „..verwahrloste Gestalt, etwa 80 Jahre alt.“ Zu diesem Zeitpunkt war Chet genau 59.

Er war seit Jahrzehnten heroinsüchtig und methadonabhängig, er war ständig koksgeil und der wahrhaftigste Trompeter aller Zeiten. Ich mag besonders den Cool Jazz, seine sanften Sachen. Musik, die so intim klingt, dass man es kaum aushält, sie im selben Raum mit jemanden zu teilen, den man nicht liebt..

Er hauchte mehr, als dass er sang.

*

„Was war der schönste Tag in deinem Leben, Chet?“

„Der schönste Tag? Das war der Tag, an dem ich meinen roten Alfa Romeo beim Händler abholte.“

Bis zu seinem Tod blieb Baker der kleine Junge mit einem roten Flitzer im Herzen und der Trompete im ramponierten Gesicht.

*

Heute, am 23. Dezember 2014, wäre Chet Baker 85 Jahre alt geworden. In der Pool Position der Dinge, die ich unwiderruflich verkackt habe, steht der 22. Dezember 1987. Chet Baker spielte (einen Tag vor seinem letzten Geburtstag) im Flamingo, einem kleinen Jazz-Club am Schlagbaum. Um die Ecke. Chet Baker. Einer meiner Helden. Als Toots Thielemanns wenig später im Konzerthaus spielte, ein weiterer Held, bin ich hingegangen. Da habe ich es geschafft. Bei Chet Baker nicht.

Ich wusste von dem bevorstehenden Konzert und bin doch nicht hingegangen, weil der kleine Jazz-Club Flamingo dafür verrufen war, bei Live-Auftritten ein Dinner zu servieren. Es gehörte sozusagen zum Konzept des Clubs, ein Dinner zu servieren. Man sah darin wohl die einzige Möglichkeit, einen Jazz-Club von Rang in einer Mittel-Stadt wie Solingen zu positionieren, die erdrückt wird von den Zentren drumherum. Du steigst ins Auto und welche Himmelsrichtung du auch immer einwählst, eine halbe Stunde später bist du in Köln, in Düsseldorf, im Ruhrpott. Legst du ein weiteres halbes Stündchen drauf, winken Holland und Belgien. Was braucht es da ein Kaff wie Solingen. So gesehen war das Konzept des Flamingos ein Versuch. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber Chet Baker und ein warmes Schnitzel? Die Vorstellung war so grotesk, dass wir das Konzert sausen ließen. Mit wir meine ich die Gräfin und mich. Seltsamerweise sprach ich mit niemand sonst darüber. Im Nachhinein kann ich es mir nur so erklären: Chet Baker war in diesen Tagen nicht gerade in jedermanns Mund.

Ach Mensch, wäre ich doch hingegangen. Hätte ich doch meinen dummen Stolz überwunden. Es war eins der letzten Konzerte seines Lebens, kurz vor Weihnachten 1987, gerade mal einen lumpigen Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Ich hätte die Wohnungstür zugezogen, wäre ein halbes Stündchen durch die Winterluft gelatscht bis ich den Schlagbaum erreicht hätte, eine vielbefahrene Kreuzung in der Nordstadt. Dann hätte ich der Gräfin die Tür des Flamingos aufgehalten. Es war einer seiner letzten Auftritte. Einige Monate später lag er in Amsterdam auf der Straße und war tot.

Wir haben es vermasselt. Ich habe es vermasselt. Dann hätte ich eben ein verdammtes Ragout bestellt und beim Dessert mit dem Eisfähnchen gewunken, während Chet auf der winzigen Bühne des Flamingo Jazzclub.. während Chet .. nein. Unmöglich. Es ging nicht. Ich wäre darüber so böse geworden, einer lebenden Legende mit Messer und Gabel und einem Kännchen Jäger-Soße gegenüberzusitzen, dass ich den Inhaber des Flamingo eigenhändig gemeuchelt hätte. Ich säße noch heute in Haft und würde Chet Baker-Platten und mp³-Bootlegs hören bis in alle Ewigkeit, ganz melancholisch im Gemüt. Ach, wär ich doch nur hingegegangen.. ich würde als Chets Rächer in den Geschichtsbüchern stehen. Als Jazzclub-Klopper.

Der Flamingo-Meuchler.

*

„Wenn ich My funny Valentine von Chet Baker höre“, so die Gräfin, „schmelze ich dahin.. Es klingt wie der letzte Fetzen Jugend, der aus meinem dummen Erwachsenenkittel ragt, der mir zeigt, wer ich einmal war..“

 

Karpaten

Der ozeanblaue Datsun Cherry, den ich 1979 in einer engen (andere meinen kommod weiten) Kurve so zu Klump fuhr, dass er aus dem Schutt gezogen werden musste, gehörte dem dicken Hansen. Der dicke Hansen war nicht richtig dick, er war gemäßigt breit, wie er ständig betonte. Doch damit kam er nicht durch, nicht bei uns, bei seinen Kumpeln. Für uns blieb er der dicke Hansen, da konnte er zwischendurch so viel abspecken, wie er wollte – nichts zu machen, Fat Boy.

Aus einem Spitznamen lässt sich nicht einfach heraushungern.

Es dauerte Jahre, bis ich den Totalschaden beglichen hatte, in schmerzhaften kleinen Raten von monatlich hundert Mark, die ich an Hansens Gr0ßmutter zahlte, sie hatte den Neuwagen finanziert. Das meiste Geld floss während meiner Zivildienstzeit, wo ich besonders knapp bei Kasse war. Aber wann zum Henker war ich nicht knapp bei Kasse. Mit einer Ausnahme.

Als wir in einer Winternacht eine Angeberbrieftasche auf dem Asphalt fanden, randvoll mit Scheinen und Fünfmarkstücken. Die riesige Krösusbrieftasche lag im Lichtschein einer Straßenlaterne, ohne jeglichen Hinweis auf den Eigentümer. Ein Traum wurde wahr. Wir teilten die Beute unter vier Jungs auf, und ich kannte eine Weile keine Sorgen. Immer, wenn ich ins Regal griff, zog ich ein Dutzend klimpernder Heiermänner hervor und mindestens zwei, drei Hunderter. So hätte es weitergehen können. Stattdessen fuhr ich den Datsun vom dicken Hansen zu Schrott und machte ein paar Tausender Schulden.

Morgens gegen fünf war es, als Hansen in der Wipperaue auf dem Sofa lag und tief und fest schlummerte, während ich vorsichtig den Autoschlüssel aus seiner vorderen Hosentasche fischte.

„Scheiße, lass lieber“, versuchte noch sein jüngerer Bruder mich davon abzuhalten, den Wagenschlüssel zu klauen, bevor auch er in Pepes ansteckendes Gegacker einfiel.

„Psst..“, flüsterte ich, „haltet das Maul!“

Bis auf den dicken Hansen waren alle wach in dieser Nacht, und alle waren betrunken und bekifft. Wir waren dauernd betrunken damals, und ohne Kiffen ging gar nichts. Eine großartige Zeit. Man machte sich Freitagabends auf in die Stadt und kehrte Montags zurück, die Fresse voller Pöckchen, nur noch ein Hosenbein. Es dauerte, bis ich es geschafft hatte, die Autoschlüssel aus Hansens eng anliegender, vom Körperfett eingekeilter Hosentasche zu frickeln, ohne dass er davon aufwachte.

Wir waren zu viert: Pepe, Karlos, der Bruder vom dicken Hansen und ich. „Fahren!! Fahren!!“ rief Karlos, als wir draussen vor dem Wagen standen. Er knipste mit Daumen und Mittelfinger, ein aufgeregter Pennäler mit hektischen Bäckchen. Vermutlich meinte er „Lasst mich fahren!“, doch Karlos war zu stoned, um noch ein Satzschema auf die Reihe zu kriegen.

„Ich bin Erster! Ich hab Heimrecht!“ Das war Pepe. Pepe wusste, was er wollte. Nur Hansens Bruder hielt sich raus. Nicht ohne Grund: Sein eigener Japaner, ein fabrikneuer Nissan, ebenfalls von der Oma spendiert, stand um die Ecke, und er war heilfroh, dass es nicht ihn erwischt hatte. Dass nicht er es gewesen war, dem ich im Wohnzimmer der Wipperaue morgens um fünf den Schlüssel stiebitzte, während die Anderen um den Glasbong herumsaßen und krankes Zeugs ausbrüteten. Dann schon lieber sein Bruder.

Die Wipperaue war eine kleine Hofschaft nahe der Wupper und bestand aus Fachwerkhäuschen und einem Pferdestall. Eins der Häuschen hatten Pepe und sein Bruder angemietet, es hatte den Schwamm in den Wänden. Wenn ich in der Wipperaue übernachtete, waren meine Klamotten am nächsten Morgen klamm wie nach einer Woche im Moor. Es dauerte seine Zeit, bis man die Moorleichen aus den Kleidern hatte.

Maria war die Lebensgefährtin von Pepes Bruder, ein launisches Flittchen mit kräftigen Waden, das von Zimmer zu Zimmer wuselte und die plärrende Mutti gab. “Kifft nicht soviel! Bringt das Leergut weg! Sagt nicht immer Fotze!” etc. Das kam besonders bei Pepe schlecht an, der gerade von zu Hause ausgezogen war und keine Lust auf Vorhaltungen hatte. Doch auch wir anderen Jungs waren genervt. Wir hatten genug Mutti daheim, es brauchte keine plärrende Maria der Wipperaue.

Dann war da noch Snoop, der Hofschaftshund. Dumm wie ein Union-Brikett, aber immer wie aus dem Ei gepellt, immer wie mit edelster Schere getrimmt, auch wenn nie jemand gesehen hatte, dass irgendwer Hand an sein Fell legte. Snoop war ein feiner Hund, man konnte ihn wunderbar veräppeln. Man hielt ihm ein Stöckchen hin, Snoop sprang hoch, ganz narrisch wurde er und aufgeregt, doch kurz bevor er zuschnappte, zog man das Stöckchen fort und seine Zähne schnappten krachend ins Leere, wie eine vergebliche Kastagnette. Wir hatten viel Spaß mit Snoop. Blödmann.

„Ich fahr zuerst“, sagte ich und schloss die Fahrertüre auf. „Wir können uns ja abwechseln.“ Karlos und Pepe waren einverstanden. Nur Hansens Bruder sagte nichts. Aber er sagte im Allgemeinen nicht viel. Auch jetzt nicht, kurz nach fünf, Sonntagfrüh, Sommer 79.

„Scheiße, wie geht die Mistkarre an?“ brüllte ich gegen die Gitarrenriffs an, die aus den HiFi-Lautsprechern schallten. Die Reihenfolge der Songs hab ich heute noch im Ohr. MC 5: KICK OUT THE JAMS/Bowie: YOUNG AMERICANS/T. Rex: DANDY IN THE UNDERWORLD/T. Rex: WE LOVE TO BOOGIE.

„Ich dachte, du hättest schon Fahrstunden gehabt“, brüllte Pepe. „Du musst doch wissen, wie ein Auto anspringt!“

„Hat der Glumm schon alles vergessen“, antwortete Karlos, worauf es etwas ruhiger wurde in dem Viertürer. Dass ich nicht mal wusste, wie man ein  Fahrzeug ans Laufen kriegte, streute erste Bedenken, ob das auch alles in Ordnung ging, was wir da abzogen, ob das mit dem Gewissen vereinbar war. Pepe beugte sich über mich und drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. „Jetzt Kupplung treten, Gang einlegen, langsam Gas geben..!“ Ich gehorchte, und der Datsun vollführte Bocksprünge.

„LANG-SAMER!“ riefen alle, und die Karre soff fast ab unter dem Gejohle. Ich probierte es weiter, langsam, bis es endlich klappte. Ich blieb drei Kilometer im ersten Gang.

„WIILLST DU NICHT LANGSAM MAL IN DEN ZWEITEN GANG SCHALTEN, GLUMM!?“ Pepe war genervt, und auch der kleine Bruder vom dicken Hanse verdehte nur noch die Augen. Er fühlte sich in Teilen verantwortlich für die Situation. Schliesslich gehörte der Wagen seinem älteren schlafenden Bruder, und er, der jüngere, hatte den Diebstahl nicht verhindert.

Zur Hofschaft Wipperaue gab es ein Pendant, den berüchtigten Dorperhof nahe der Bienenhalle, wo in einer aufgegebenen Fabrikantenvilla wechselnde Freaks mit langen Zähnen und schlechten Haaren zur Miete wohnten, tausend Mark kalt.

Wenn am Dorperhof die Rauschgiftbullen zur Hausdurchsuchung anrückten, im Schnitt alle vier Monate, wurde sofort die Telefonkette aktiviert. Es war Usus, dass sich das örtliche Rauschgiftdezernat im Anschluss an die Hausdurchsuchung am Dorperhof direkt zur Wipperaue begab, um weiterzufilzen – darauf konnten sich alle Beteiligten verlassen.

Und so klingelte in der Wipperaue mal wieder das Telefon, als die Schmiere am Dorperhof in Mannschaftsstärke auflief.

„Vorsicht.. RD rückt gleich an..“

„Wie so gleich..? Die sind schon da!“

Das Dezernat hatte die kurze, aber hoch effektive Telefonkette durchschaut und war zeitgleich mit zwei Teams an zwei Tatorten aufgekreuzt. Die waren so was von pfiffig, die Jungs.

Die Sonne ging auf. Wir bretterten Richtung Leichlingen. Weil auf dem Beifahrersitz niemand Platz nehmen wollte, nicht mal Karlos, mein bester Kumpel, war vorn viel Platz und hinten war es intim eng. Ich schaukelte die Bande immer der Wupper entlang, bis es rauf nach Wermelskirchen ging und ich schneller wurde, riskanter fuhr. Wenn ich aus dem Seitenfenster blickte, taten sich Abgründe auf von motorhistorischer Dimension. Allerdings sah ich schlecht.

Im Wageninneren ging es hoch her. Aus den Speakern wummerte WHATEVER HAPPENED TO THE TEENAGE DREAM von T. Rex, ein opernhafter Song, den Karlos und ich mitjohlten, als ich vor einer Kurve das Pedal verwechselte. Statt der Bremse drückte ich mit meinem starken rechten Schussbein das Gas durch. Der Motor heulte irritiert auf und wir flogen von der Fahrbahn, rein in die

„.. KARPATEN!“

brüllte Karlos, und Pepe, ganz durcheinander, fauchte „FALUTSCHAA VOHSICHTIG ..!“, doch zu spät. Der Wagen krachte am Waldrand in einen Haufen schwarzen Schotter, rrummmzss!, und blieb jäh stecken.

Wäre in dieser Kurve nicht zufällig Streusplit aufgeschüttet gewesen, das Tempo hätte uns geradewegs vor den nächstbesten Baum getragen. Die Schnauze des Datsun Cherry verschwand komplett in der anthrazitgrauen Masse. Es war, als steckten wir in einer Höhle: vorne der finstere Tod, hinten Tageslicht. Die Karosserie war so verzogen, wir bekamen die Türen nicht auf und mussten über die Sitze klettern und durch den Kofferraum aussteigen. Überall Schotter und Granulat, Steinchen schoben sich durch jede Ritze. Die Kassette drehte sich die ganze Zeit weiter, ohne Erbarmen:

T. Rex, Jitterburg Boogie.

„Totalschaden!“ Karlos glühte wie eine Festpackung Mon Cheri. „Garantiert!“

„Du Idiot!“ fluchte Hansens Bruder, die bitteren Vorhaltungen seines großen Bruders schon im Ohr – zu Recht, wie ich fand: „Wie in aller Welt konntest du den besoffenen Glumm ans Steuer lassen?!“

„Aber echt!“

Ich bin danach nie wieder Auto gefahren. Ich hängte das Autofahren an den Nagel. Nur ab und an, wenn sich im Urlaub eine schnurgerade südfranzösische Landstraße vor uns auftat, übergab die Gräfin mir mit großzügiger Geste das Lenkrad, das ich kurz vom Beifahrersitz aus halten durfte, doch ans Gaspedal liess sie mich nicht ran.

Nicht mal einen Monat später waren wir spätabends im Oberbergischen unterwegs, alle Mann sturzbesoffen, im Nissan von Hansens Bruder. Am Steuer: Karlos, der genauso wenig wie ich einen Lappen hatte. An der Abbiegung von Wermelskirchen runter nach Glüder verlor Karlos die Kontrolle über den Wagen und setzte ihn, ohne groß zu bremsen, „FALUTSCHA VOHSICHTIG..!“, (zu spät), frontal vor eine Hauswand und drückte dabei noch einen Kaugummiapparat in den dahinterliegenden Ziergarten.

Das Ohrfeigengesicht

Als ich fünfzig wurde, war Volkstrauertag und es gab eine Riesenparty. Also irgendwo auf der Welt, bei mir nicht. Es war Mittwoch, ich fuhr mit der 83 Richtung Wuppertal, als der lange Jack zustieg. Jack, Hände wie ein Werkzeugmacher. Sein Körpergewicht pendelte neuerdings massiv hin und her, er hatte Magenkrebs oder irgendeine andere schwere Krankheit. Oder wie sonst konnte es passieren, dass er innerhalb zwei Wochen locker fünfzehn Kilo zulegte. Und wiederum 14 Tage später tauchte er in de r 83 auf und da waren die 15 Kilo wieder weg, er sah aus wie ein halbierter Holzfäller.

Jack war in Ordnung. Er hatte stets ein offenes Wort für einen.

Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso. Na, der wäre jetzt auch tot. Erst wusste ich nicht genau, wer damit gemeint war, mit Ohrfeigengesicht, dann störte mich die Formulierung auch tot – wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch was mit? Lebte ich noch in dieser Stadt? Auf diesem Planeten? Wo die Leute anscheinend andauernd umfielen wie die Fliegen und tot waren, ohne dass ich davon etwas erfuhr? Oder doch erst sehr viel später, so spät, dass sie schon mumifiziert waren, wenn die Kunde von ihrem Ableben zu mir durchdrang.

Der Name Ohrfeigengesicht war mir bekannt, war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, doch welches Gesicht zu dem Namen gehörte, das wusste ich nicht. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer riesigen Grube, in der im Laufe der Zeit ganze Kasernen an Namen verschüttgegangen waren, hohe Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleiste. Zurückgeblieben waren bloß die Namensschildchen, lose im Gedächtnis-Schutt, ohne jegliche Geschichte.

Und außerdem:

Waren die Straßen nicht voller Ohrfeigengesichtern und anderen abgewatschten Visagen? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders den Leuten auffiel, die von auswärts in die Stadt kamen und erschraken, was sich hier alles auf die Straße traute.

Ich grübelte.

“.. Ohrfeigengesicht.., Moment… War das nicht der Kerl mit dem Zopf, der mal Spüli vertickt hat als Codein?”

“Quatsch, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte jeder, immer so steif auf seinem Mofa saß, wenn er zum Hilten fuhr. Wie ne Statue.”

“Hm. Der immer so kerzengerade saß auf dem Mofa, der?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam jeden Morgen auf seiner alten Zündapp zur Praxis von Doc Hilten geknattert, um seine Dosis Methadon abzuschlucken. Dann setzte er sich aufs Mofa und fuhr wieder nach Hause. Was Anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei anderen Tätigkeiten gesichtet, außer beim Methadon abschlucken und Mofa fahren. Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und so steif ging, als hätte er jahrelang nicht geschissen.

Ich fragte mich, wie das Ohrfeigengesicht sich wohl gefühlt haben muss, als es zum ersten Mal mitbekam, dass man es Ohrfeigengesicht nannte. Ich meine, diesen Moment muss es schließlich gegeben haben. Jeder Spitzname fällt irgendwann ein erstes Mal. Auch dieser Typ war nicht als Ohrfeigengesicht zur Welt gekommen. Vielleicht hatte er gerade in der Schlange bei Doc Hilten gestanden und wartete auf seine Methadonspeisung („Dem Methadon-Ritual ist unbedingt Folge zu leisten!“), als ihn jemand zum ersten Mal mit he, Ohrfeigengesicht ansprach.

„Ohrfeigengesicht? Wen meinst du?“

„Na, wen wohl, du Arsch.“

Im Obus der Linie 83, in Höhe Wasserturm, erzählte Jack, dass dem Ohrfeigengesicht vor Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat weggebrochen war. Seitdem trug er ein medizinisches Korsett, das zu dieser ungemütlich steifen Körperhaltung führte.

“Eigentlich hätte der gar nicht mehr Mofa fahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen und Titanbolzen im Kreuz. Der war eine Ruine, eine wandelnde Werkstatt.”

Ich versuchte mir das Gesicht des Ohrfeigengesichts vorzustellen, was gar nicht so einfach war, da der Bursche so gut wie nie den Helm abnahm. Wenn er mit einem sprach, klappte er einfach das Visier hoch und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den kack Helm ab”, hörte ich einmal, wie ihn jemand anpflaumte, “man versteht keinen Ton!”, doch das berührte das Ohrfeigengesicht nicht. Er behielt den Helm einfach auf und drehte beleidigt ab. Und wer ihn doch einmal ohne Helm erblickte, verstand auch, warum er den Helm so selten abnahm. Er sah aus, als habe ein Kampfhund versucht, ihm den Schlaf aus dem Auge zu reiben und dabei gewaltig daneben gelangt mit seiner Kampfhundpfote. Die Stirn war dermaßen von Narben und Katschen übersät, dass die Bezeichnung Ohrfeigengesicht schon eine Untertreibung darstellte, ja, einen Kosenamen.

Das Ohrfeigengesicht starb im Spätsommer 2010, als innerhalb weniger Tage drei Junkies ihr Leben ließen in der Stadt, alles geschwächte langjährige Dauerkonsumenten. Erst hieß es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf gewesen, dann stellte sich heraus, dass jeder der Abhängigen seinen eigenen Tod gestorben war, nur zufällig zur gleichen Zeit.

Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, oder dass ihre Organe den Dienst einstellen, oder sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden morgens nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht.

Der etwa 40jährige Mann, den alle bloß als Ohrfeigengesicht kannten, erwischte den klassischen Junkietod. Er hatte sich einen letzten Schuss zur Nacht gesetzt, ein Betthupferl, und war daran krepiert – das war‘s. Mehr war nicht zu erfahren, es interessierte auch keinen. Bis auf Fahnder des Rauschgiftdezernats vielleicht, aus statistischen Gründen. So konnten sie wieder einen toten Junkie in ihre Jahres-Statistik einbauen, die im Januar in der örtlichen Presse verbreitet wurde, und die Leute lasen den Schmu und sagten, oho, na, wie gut, dass es die Polizei gibt, bei all den kriminellen Schmeißfliegen in unserer schönen Stadt.

Mit der 83 angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge lag.

“Sag mal, hieß das Ohrfeigengesicht erst seit dem Unfall Ohrfeigengesicht oder schon vorher?”

Ben Jakubeck, genannt Jack, gegerbte Haut, Werkzeugmacherhände und ein Zinken im Gesicht wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Keine Ahnung. Kann sein. Woher soll ich das wissen. Ich hab mit dem nie ein Wort gewechselt. War eben ein Junkie, mehr weiß ich nicht.”

Na schön, nun war der Mann ja tot und ich konnte mich eh nicht daran erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Doch als ich mir nun sein Gesicht vorstellte, dieses stets übelgelaunte, vernarbte Gelände, das sich hinter seinem ewigen Mofahelm verbarg, da musste ich Jack Recht geben. Verdammt, ja. Wir Junkies alle hatten unser kleines Leben gegen die Wand gefahren, Heroin war unser Supervater gewesen, (und war es immer noch, auch wenn wir uns brav wie die Chorknaben zur Substitution aufmachten, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.) Wir schenkten dem Supervater all unser Vertrauen, und wir wurden nicht enttäuscht. Jeden Tag packte er uns aufs Neue in Watte, damit nichts an uns drankam, damit wir nicht behelligt wurden vom Unbill des Alltags mit all seinen gefährlichen Aspekten wie Sexualität, Humor, Hygiene. Der Supervater war allgegenwärtig, und musste doch stets neu gesucht werden. Oftmals war er nur schwer zu orten, es gingen Gerüchte um in der Szene, man habe ihn mal hier, mal dort gesehen, doch wenn man am beschriebenen Ort ankam, war er schon wieder fort. Sein leicht medizinischer Geruch stand oftmals noch in der Luft, wenn man ihn verpasst hatte, es war zum Verzweifeln.

Jack hatte Recht.

Das Leben und seine Motive waren ebenso kompliziert wie unkompliziert und undurchschaubar wie durchschaubar, es war alles wie immer bei uns Junkies und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht.

Wahlmöglichkeit

Mit jeder Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu. Wurde Eisenkorsett. Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb große Garderobe, in dem ein Sofa stand. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Damen leise. Ein Glas Wasser? flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen, zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund hockte vor mir auf dem Boden und beobachtete mich, er wusste nicht, was los ist. Auch die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig alle, evangelisch, adrett, waren ratlos. Da wankt an einem Vormittag im Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann mit Hund auf sie zu, weil ausnahmweise die Hintertüre offen steht. Der Mann ist fahl, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

„Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..“, spricht er sie an, mit kläglicher dünner Stimme, „können Sie den Notarzt rufen?“

Dann warteten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, ich konnte schon rüberspucken, der Hund auf dem Fußboden, die drei Gemeindemenschen halb im Zimmer und halb auf dem Flur, um die Ambulanz nicht zu verpassen. Ich wurde mit jeder Minute schwächer, es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Und doch war da eine warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte.

Als ich die Kirche Minuten zuvor über den Hintereingang betreten hatte, liess ich mich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand war zu sehen. Stille. Ich hätte mich in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, damit er den Rettungswagen ruft, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte. Ich lieferte mich in der Stadtkirche ein, über den offenstehenden Hintereingang. Es war reine Intuition. Weil ich mir nicht sicher war. Ob ich wirklich Rettung wollte, ob ich weiterleben wollte. Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins dachte ich: Du kannst dich auch sterben lassen.

Du kannst dich sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzen oder Medikamente fressen oder von der Brücke springen muss, nein, war nicht nötig. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, den sie nehmen würden, gäbe es keine modernen Zeiten mit Notruf, Herzkatheter, pulsierendem Ultraschall.

In den Katakomben der Stadtkirche roch es nach Politur und Filterkaffee. Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich, und mein Herz schmerzte. Drückte. Die Holme knackten. Musst bloß ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bißchen noch. Die wärmende Hand unter mir schaufelte mich hoch. Ich flog ein bißchen.

Dann erhob ich mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, Richtung Sozialräume. Wo drei Menschen mich empfingen und die 112 wählten. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund leise junkern hörte und ihn streichelte, er saß jetzt genau zu meinen Füßen.

Wenn gleich die Rettungskräfte kommen, dachte ich, gibts ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen.

Na schön, die Sanitäter kamen an mich ran und retteten mich und brachten mich ins Krankenhaus und der Fahrer fluchte, weil die Einkaufszone zugeparkt war. Der Hund landete für ein paar Stunden im Tierheim, bis die Gräfin ihn auslöste, und ich hatte für einen Moment die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, aber immerhin, ich meine, ich hätte auch alles sausen lassen können.

Sehr beruhigend, das.

Feuerland

Es war die dritte Nacht hintereinander, die sie bei mir geschlafen hatte, und jeden Morgen dauerte es länger, bis sie sich endlich bequemte und unter die Dusche stieg. Sobald sie fertig war, rief sie nach einem Handtuch. Sie hätte mich natürlich vorher um ein frisches Handtuch bitten können, aber nein, stets liess sie mich ins dampfende Badezimmer kommen, wie ihren persönlicher Butler, mit einem frischen Handtuch in der Hand.

Das Problem: Sie bedeutete mir nichts. Wäre ich verliebt gewesen, es hätte mir nichts ausgemacht, ihr Morgen für Morgen das Handtuch nachzutragen, ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich davon genervt sein könnte. Aber ich war nicht verliebt. Es konnte mir nicht schnell genug gehen, bis sie mit dem Duschen fertig war, sich abgetrocknet hatte und sich ins Auto setzte und abdüste, zur Arbeit.

Wir hatten uns nichts zu erzählen. She was a substitute. Ihr Hintern war plump, sie watschelte durch die Küche wie eine etwas unförmig geratene Ente. Daisy Duck. Und war es nicht schon immer sterbenslangweilig gewesen, wenn Daisy Duck im Micky-Maus-Heft auf der Bildfläche erschien und den Schnabel aufmachte? Blätterten nicht alle Jungs schnell weiter, wenn Daisy Duck um die Ecke kam?

Andererseits küsste sie sehr süß mit ihrer kleinen Zunge, das musste man ihr lassen, es war ja nicht alles mittelmäßig an ihr, wie ein Nagetier küsste sie, das machte mich an. Wenn wir nachts aus dem Mumms nach Hause kamen, rissen wir uns die Klamotten vom Leib und schoben eine emsige Nummer, das wars aber auch schon. Viel mehr war nicht zwischen uns.

Es war das erste Mal, dass ich auf so eine Art mit einer Frau zusammen war, so unentschieden, so la la, so mit halbem Herzen, und, ja, ein bisschen schämte ich mich dafür. Ich war auf dem absteigenden Ast.

Wir saßen früh am Morgen in der Wohnküche und tranken Mocca. Es war noch dunkel. Ich hatte keine Lust, Licht zu machen. Licht hätte Leben bedeutet, Licht wäre einer Einladung gleich gekommen, einer Aufforderung, mein Dasein schon früh am Morgen aus der Nähe zu betrachten, zu sezieren, wer wollte das schon. Ich war sechsundzwanzig und wollte in Ruhe kaputtgehen, mit allem Pipapo, wie es sich gehörte: mit Schnaps, Pulver, Action, aber bitte ohne die sehnsüchtigen Blicke einer Frau, die etwas von mir wollte, was ich ihr nicht geben konnte.

„Ihr habt ne komische Brause, mal ganz heiß, mal eiskalt“, sagte sie. „Und der Strahl ist so hart, das brennt richtig auf der Haut. Kann man das nicht gleichmäßiger einstellen?“

„Muss ich mal sehen“, sagte ich schlecht gelaunt und nahm einen Schluck Kaffee. Ich kam mir vor wie ein Ehemann, dessen Weib gleich zur Arbeit musste, während er selbst zurück in die Koje kriechen konnte, doch ich war nicht mehr müde. Ich hatte keine Lust noch mal einzuschlafen, ich war das Träumen satt. Ich wollte nicht zurück ins Bett. Aber was sollte ich sonst tun? Es gab nichts zu tun für mich. Der Tag schüttete sich vor mir auf wie eine riesige schwarze Kohlenhalde.

Das Burgfräulein sah mich an und kicherte. Obwohl Karlos‘ Zimmertür geschlossen war, hörte man sein Scharchen bis in die Küche.

„Da ist aber ganz schön was los beim Karlos.“

Sofort entspannte sich die Situation. Ich machte Licht. Das Burgfräulein verschwand in mein Zimmer und zog sich an. Ich nannte sie Burgfräulein, weil genau das mein Eindruck gewesen war, als wir die erste Nacht miteinander verbrachten. Ihr Haar verteilte sich auf dem Kissen wie golden gesponnenes Märchenwerk.

Ein schweigsames Mädchen. Ich wusste nie, was ich sagen sollte, in ihrer Nähe. Nicht mal im Bett sprachen wir groß miteinander. Oder im Mumms. Oder beim Chinesen.

Eine Viertelstunde später war es geschafft. Sie musste los. Die Frühschicht begann. Sie arbeitete im städtischen Klinikum als Kinderkrankenschwester.

„Vielleicht bis morgen Abend..?“ meinte sie, als das Taxi da war.

„Ja“, sagte ich. „Klar.“

Die Tür schlug zu, und ich setzte noch einen Kaffee auf. Es war kurz vor sieben. Und jetzt? Den ganzen Tag Kaffeetrinken? Das Telefon ging. Ich liess es klingeln, doch der Anrufer blieb hartnäckig. Ich hob den Hörer ab.

„Ich hab dich gestern kurz in der Stadt gesehen, du hast ja die Haare ab..!“ rief Lana, ohne hallo zu sagen. Es schmerzte  in meinen Ohren, so laut war sie, wie eine Trans-All. Auch wenn wir schon über ein Jahr auseinander waren, Lana brauchte kein Starterlaubnis, um bei mir abzuheben.

„Ja, schon seit ein paar Tagen“, antwortete ich.

„Du siehst ja furchtbar aus. Wie ein entflohener Sträfling.“

„So, findest du?“

„Ja, gefällt mir nicht. Ein echter Kahlschlag. Ist ja nicht eine einzige Locke übrig. Geht’s dir so schlecht?“

„Mh? Wieso soll es mir schlecht gehen?! Nur weil ich beim Frisör war? Was ist denn das für eine Logik.“

„Nee, wegen uns mein ich. Willst du dich mit den kurzen Haaren selbst bestrafen?“

„Was.. redest du da? Selbst bestrafen wofür?“ Erst jetzt fiel bei mir der Groschen. „Ich.. hab mich beschissen benommen letztens im Nordpol, tut mir leid, das war überflüssig. Aber ich komme schon klar ohne dich, keine Angst.“

„Na ja, wenn du meinst…“

In Wirklichkeit kam ich natürlich überhaupt nicht klar, nicht die Bohne kam ich klar. Besonders nicht so früh am Tag, wenn ich nicht wusste, was ich mit mir anstellen sollte. Aber Lana war die letzte, der ich das auf die Nase gebunden hätte. Ich sah aus wie ein entflohener Sträfling? Da war ja selbst Karlos‘ blöder Kommentar besser gewesen, „du siehst aus wie ein schwuler Berliner“, als er mich tags zuvor mit kurzem Haar gesehen hatte.

Karlos kam am frühen Nachmittag vom Friedhof. Er hatte es eilig. Raus aus den schwarzen Sargträgerklamotten und die glänzenden Totenschuhe gegen Sneakers ausgetauscht, die Theaterprobe wartete. Am Wochenende war Premiere. Das Ensemble gab „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“, geschrieben von einem Franzosen, der an AIDS gestorben war. Ich hatte den Text gelesen, konnte nichts damit anfangen. Aber der Titel war gut. Der Titel gefiel mir. In der Einsamkeit der Baumwollfelder.

„Warte“, sagte ich zu Karlos, „ich komm mit in die Stadt.“

Wir stiefelten nebeneinander her Richtung City. Die harten Weihnachtstage waren vorüber, die Fußgängerzone überfüllt von Leuten, die ihre Geschenkgutscheine einlösen wollten. Me fecit Solingen, murmelte ich. Mich schuf Solingen. Es nieselte. Krähenwetter. Keiner sagte ein Wort. Die Stimmung unter uns war auf dem Tiefpunkt. Ohne besonderen Anlass. Es war einfach so, dass wir seit ein paar Monaten zusammenwohnten, aber die Dinge sich dadurch nicht grundlegend änderten. Aus zwei Wohnungen war eine Wohnung geworden, that’s it. Ich fragte mich, was zum Teufel man schon erwarten konnte, wenn zwei Freunde Mitte Zwanzig ihre Möbel zusammenwarfen, zwei Freunde mit künstlerischen Ambitionen, von denen der eine so lala mit einer Mischung aus Daisy Duck und Burgfräulein zusammen war und ansonsten keinen Schimmer hatte, was das Leben bedeuten sollte, außer dass Weihnachten vorüber war. Und der andere schien zu glauben, eine Weltkarriere als Schauspieler sei prinzipiell auch in der Provinz möglich.

Karlos bog ab Richtung Theater, ich in die Kneipe. Die Nachmittage im Mumms waren gefürchtet. Es war kaum Publikum da, bis auf eine behäbige Skatrunde. Nichts bewegte sich. Andererseits konnte es stets passieren, dass plötzlich die Eingangstür aufschnappte und irgendein Großmaul samt Gefolge kam hereinspaziert, das eben noch auf allen sieben Weltmeeren unterwegs gewesen war, mit dem großen Schleppnetz.

Ich konnte schon immer gut mit Typen, die eine großes Maul haben. Fatzkes mit langer Zunge – große Klappe, nichts dahinter. Und davor: jede Menge herrlich lauter Luft.

„Wie oft hab ich früher im Mumms gestanden und dir zugeguckt, wie dich irgendwelche Großschnauzen vollgesabbelt haben. Aber du warst ganz begeistert und hast mit großen Notizbuchaugen zugehört“, meinte die Gräfin mal zu mir. „Junge, waren das Blödmänner, und was hattest du einen Spaß.“

Liess sich kein Großmaul blicken, blieb einem nichts anderes übrig, als geduldig auf den Abend zu warten. Nacheinander trudelten sie dann alle ein. Karlos, Schnaat, der dicke Hansen, der Mitsubishi Boy, Benzini, die wilde Inge, Ringo, ach, Dutzende von Typen und skurillen Kackern.

Als Jose, der Spanier, auftauchte, verschwanden wir nach draußen, einen Stickie rauchen. Jose hatte prächtige schwarze Locken und machte sich einen Spaß daraus, Deutsche als Fische zu bezeichnen, als die Fische der Welt. Wir saßen unter der überdachten Bushaltestelle.

„Jose, gib es endlich zu, du bist überhaupt nicht in Spanien geboren. Du bist gar kein Spanier: du bist selbst ein Fisch. Du Deutscher.“

„Nee, Alter, meine Eltern waren ein halbes Jahr in Deutschland, als ich geboren wurde, so gesehen..“

„Dachte ichs mir! Du bist ein Fisch!“

„.. nee, bin ich nicht. Guck mal, meine Eltern waren noch in Sevilla, ich bin noch in Spanien gebumst worden, verstehst du, ich bin ein.. ein andalusisch-bergischer Fisch. Die sind nicht so nass wie deutsche Fische.“

Ein paar Wochen zuvor hatte Jose im Gedränge des Mumms Ich liebe das heiße Leben in mein Notizbuch gepinselt, übers ganze Gesicht strahlend, auf der allerletzten Seite. Jose, das Stehaufmännchen. Zu Beginn der 80er Jahre hatte er mit Benzini im Übermut eine Handvoll Papers eingeworfen, auf Löschpapier geträufelte LSD-Säure. Während Benzini ohne größere Schäden davonkam, (na ja), irrte Jose tagelang durch die Stadt und bildete sich ein, das TV-Programm manipulieren zu können. Er war so neben der Kappe, er hielt sich für Jesus. Zuletzt lief er nackig über die A 46 und regelte den Verkehr. Es funktionierte sogar. Jedenfalls wurde er nicht totgefahren. Die Autobahnpolizei griff ihn auf und verfrachtete Jose nach Langenfeld, ins zuständige Landeskrankenhaus. Zwei Jahre blieb er in der Geschlossenen. Man hörte kaum etwas von ihm. Wenn etwas nach aussen drang, dann Schauergeschichten. Fett sei er geworden aufgrund der starken Medikamente gegen die Psychose, willenlos, apathisch – ein einziges Fass Chemie.

Einmal half ich einem Bekannten in der Papageiensiedlung beim Umzug, als Jose uns zufällig über den Weg tippelte. Er hatte Freigang und besuchte gerade seinen Bruder, der in der Nähe lebte. Jose tippelte über den Bürgersteig, mit winzigen Schritten schob er sich vorwärts. Ich grüsste, „Jose, wie gehts dir, mein Freund“, doch er erkannte mich nicht. Er hatte mich noch nie gesehen. Er war von einem unbekannten fernen Planeten, er war auf der Durchreise, er tippelte weiter.

Zu diesem Zeitpunkt hätte niemand einen Pfifferling auf seine Genesung gesetzt, doch mittlerweile war er wieder in der Stadt, lebte vorübergehend bei seinem Bruder. Es war kaum zu glauben, aber Jose hatte sich tatsächlich erholt. Er war ein bißchen gesetzter geworden, doch ansonsten kiffte und bumste er sich wieder durch die Landschaft, als wäre es niemals anders gewesen.

„Du verdammter Thunfisch“, strahlte er mich unterm Dach der Bushaltestelle an, mit seiner Lücke in den Schneidezähnen, dem kleinen Tor nach Andalusien, und reichte den Joint rüber. Ich riet ihm, in Zukunft mit dem Kiffen aufzupassen, „nicht, dass du hinterher wieder abdrehst.“

„Ihr Fische immer und eure Angst, dass was passiert.. Nee, ich pass schon auf. Komm, gehen wir zurück ins Mumms.“

Bekifft am Tresen stehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief. Das war der Nachteil. Ich war ruckzuck voll. Als der Kellner kurz nach eins den Gong schlug, „LETZTE RUNDE!“, grinste mich die Trulla an, mit ihren unordentlichen Zähnen. Richtig frech grinste sie rüber, einer Aufforderung gleich, und schon stand sie neben mir. Ich kannte sie vom Sehen, eine gekünstelt wirkende, immer euphorische, hart an der Grenze zur Hysterie agierende Tucke. Sie lud mich ein, mit zu ihr nach Hause zu kommen. Ich zögerte keine Sekunde. Ich hatte keine Lust, die Nacht allein zu verbringen.

Erst im Taxi kriegte ich mit, dass ich an diesem Abend nicht der einzige war, den sie abschleppte. Außer mir stiegen der lange Picard und sein Kollege vom Tresen zu, ein stiller Trinker, den ich nur vom Sehen kannte. Die Beiden hatten im Mumms stundenlang am Tresen gestanden und miteinander gequatscht. Picard war ein Quatschkopf vom alten Schlag, der, wenn er nicht gerade in der Kneipe war, daheim auf der Couch saß, abwechselnd seine sechs Katzen streichelte und selbstgebackenes Haschischbackwerk futterte.

Das Taxi brachte uns in eins der besseren Viertel am Rande der Stadt. Ein reines Villenviertel gab es in Solingen nicht. Es gab vereinzelte Reiche-Leute-Spots am Stadtrand, mit seltenen Rosenstöcken im Vorgarten, aber spätestens keine fünfzig Meter weiter wartete ein Appartementhaus mit eingedrückter Klingelleiste und asozialem Geschrei in der Nacht.

„Meine Eltern sind verreist, die sind über alle.. hi hi.. Berge“, schnatterte die Unordentliche, „im Tessin“, als wir das großzügige Einfamilienhaus betraten. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Kein Wunder, dass sie noch daheim lebte. Alles an ihr war unordentlich. Die Zähne, das Haar, die Augen. Die waren riesig, wie die einer Eule. Einer unordentlichen Eule. Ich fragte mich, ob vielleicht mein alter Freund Ringo Spaß an ihr gehabt hätte. Ringo mochte Frauen mit einem gewissen Schlampenfaktor. Wenn das Strumpfband speckig war, der Lippenstift krümelig, das Gehirn verrutscht und die Augen wie die einer Eule, solche Sachen.

Natürlich gab es Weiber, deren Mode es war, sich betont unmodisch zu geben, die das Haar extra tuckig werden liessen und Make-up wie Strassenmalkreide auftrugen, doch die Unordentliche war anders, Unordentlichkeit war ihre Natur. Sie konnte nicht anders. Allein die schiefstehenden gelben Zähne, wie ein kubistisches Häusermeer, das eng aneinander lehnte, damit die einzelnen Häuschen nicht umkippten und wild durch die Strassen purzelten. Grotesker Höhepunkt aber war ein fingerlanges Haar, das ihr aus der Nase wuchs, eine supra-dünne Liane, wie bei einem griechischen Müllmann. Streng genomnmen hatte ihre ganze ungeputzte Aura grandiose Züge, wäre da nicht ihre hysterische Stimme gewesen, dieses ewig quiekende „Hach, Kinder, was bin ich gut drauf heute und wie bezaubernd ist die Welt wieder einmal!“ – dabei war doch alles Scheiße.

Wir ließen uns im Wohnzimmer nieder, das sie nur living-room desaster nannte, krankhaft gackernd. Sie zauberte einige Weingläser auf den Tisch, bauchige Teile, und füllte sie mit einem erlesenen Tröpfchen, wie sie dreimal hintereinander versicherte, ihr beknacktes unordentliches Haar in den Nacken werfend, und dabei entblößte sie ihr riesiges gelbes Pferdegebiss.

„Dieses Jahr Heiligabend“, überschlug sie sich, „war ich soo glücklich WIE NOCH NIE! Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt wäre im Freudentaumel..! im Freu-den-tau-melll.. Kinder! Die ganze Fam-milie war ü-b-e-rglücklich!“

Der lange Picard und sein Kollege aus dem Mumms stierten ratlos in ihr Glas. Niemand wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Die Unordentliche hatte offensichtlich einen weitaus größeren Knall als angenommen. Ein Urknall. Ich bediente mich aus der offenen Karaffe, die auf dem Tisch stand, und kippte die Flüssigkeit, die wie Campari aussah, in meinen erlesenen Weißwein.

„Du magst es, venezianisch zu frühstücken?“ lachte die Unordentliche und hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Das war kein Campari in der Karaffe, das war billiger Sirup. Ich hatte die Nase voll.

„Ich leg mich aufs Ohr“, sagte ich. „Ich bin erledigt.“ Das war alles, was ich von diesem Leben noch erwartete. In einem fremden Bett schlafen und am nächsten Morgen das Haus verlassen, in einer fremden Gegend, als hätte ich mich in der Nacht verlaufen.

„Bedien dich, Cherie“, flötete die Dame des Hauses, „im ganzen Desaster-House sind genug leere Betten. Suche dir einfach eins aus.. à la vôtre!“

Ich steuerte einfach das erstbeste Zimmer an und knallte mich aufs Doppelbett, dessen Tagesdecke schräge Motive zierten, die ich nicht kapierte.  Irgendwelche Geometrie, Zirkelgeschäfte. Ich zog Schuhe und Hose aus. Auf dem Nachttisch lag ein Diercke Welt-Atlas und eine Schachtel Pralinen. Ich riss das Zellophan von der Packung und stopfte mir ein paar Schokoböhnchen in den Mund, die Finger im aufgeschlagenen Atlas. Ich tastete die Südspitze von Südamerika ab. Feuerland, las ich. Das war Feuerland? Die Tür ging auf. Als die Unordentliche mich sah, musste sie erst lachen, doch schnell schlug ihre Stimmung um. Sie wurde aggressiv, richtig böse.

„Was ist denn mit dir los?“ verstand ich nicht, was los war.

„Na, was zum Henker würdest du denn sagen, wenn ich das Bett deiner Eltern einsauen würde??“

Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an, und sie warf das Roßhaar in den Nacken.

„Ich saue hier nichts ein“, erwiderte ich, auch wenn ich mir da nicht so sicher war. „Aber okay, ich kann auch woanders hin. Kein Problem.“

Ich schnappte meine Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Welt-Atlas, und verschwand eine Tür weiter, ins nächste Zimmer. Es war kleiner und sah weitgehend unbenutzt aus, ein Gästezimmer. Was die Möblierung betraf, so  erkannte ich auf Anhieb Interlübke, ein in weiß gehaltenes Kompaktschlafzimmer. Meine Eltern hatten in jüngeren Tagen lange darauf gespart, und als sie sich 1970 endlich ein Interlübke-Schlafzimmer leisten konnten und es aufgebaut vor ihnen stand, weinte Mutter vor Freude. Ich warf den Atlas aufs Bett und mich gleich hinterher. Ich wollte nur noch schlafen. Am frühen Morgen erwachte ich mit dem Schädel auf Feuerland, die Nasenspitze direkt vor Kap Hoorn.

Ahoi.

Der Digitalwecker zeigte exakt 12:02, als ich das zweite Mal wach wurde. Regen klimperte gegen das Fenster. Ich setzte mich auf den Bettrand und zog mir die Strümpfe an. Mir war übel. Ich hatte Kopfweh. Die kleinste Bewegung verursachte ein Stechen, als stießen hohe Stuhllehnen gegen papierdünnes Glas. Bevor ich meine Hose anziehen konnte, sank ich zurück ins Bett. Ich hörte Schritte. Die Tür ging auf. Die Unordentliche. Sie lugte ins Zimmer. Ich lag auf der Seite und tat so, als schliefe ich noch.

„Ich lasse mich krankschreiben“, hörte ich eine überraschend klägliche Stimme. „Aber erstmal hau ich mich noch zwei Stunden aufs Ohr. Kaffee ist unten in der Küche, und ein Brot kannst du dir auch schmieren, wenn du magst. Fühl dich einfach wie zu Hause.“

Sie schloss leise die Zimmertür.

Im Wohnzimmer, das mir kleiner und gedrungener erschien als in der Nacht zuvor, griff ich mir eine Camel ohne vom Tisch und ging erstmal ordentlich scheißen. Ich stöberte im Badezimmer nach Rasierklingen, so was konnte man immer gebrauchen, fand aber keine. Es gab nur Elektrorasierer, die Scherblätter intakt. Ich mochte aber keine Elektrorasierer, und ich mochte auch keine Väter, die Elektrorasierer benutzten. Solche Männer rasierten sich nicht, um sich zu erfrischen und zu entspannen, sie traten lediglich dem Wildwuchs von Barthaaren entgegen, eine rein mechanische Angelegengheit, ohne jegliches  Spitzengefühl.

Ich strich durchs Haus, landete in der Küche. Die Kaffeemaschine war in Betrieb, ich goss mir eine Tasse ein. Die Brühe war nicht nur kalt, sie schmeckte so grässlich, dass ich sie augenblicklich aus dem Hals zurückholte und in die Spüle ausspuckte. Blöde Kuh, dachte ich. Was erzählt die von frischem Kaffee. Ich steckte mir eine weitere Camel ohne an und warf einen Blick in den großen Wohnzimmerschrank, auf der Suche nach einer ausklappbaren Schrankbar, in der notdürftig verschlossene Glaskaraffen voller altem Scotch und Dujardin verrotteten.

Ich fühlte mich halb in einer Derrick-Folge, halb in einem x-beliebigen amerikanischen Roman, in dem spätestens auf Seite 10 erstmals der Satz kam: er mixte sich einen Drink. Wenn man amerikanischen Romanen Glauben schenken durfte, schien ganz Amerika den Feierabend mit einem Drink in der Hand einzuläuten, niemals soff ein Amerikaner direkt aus der Flasche.

Na toll.

Auf dem Sideboard entdeckte ich die Weihnachtspost. Sie bestand aus zwei Postkarten. Eine war in der DDR abgestempelt, eine in Braunschweig. Zwei Karten, zweimal der gleiche Tenor: Wieso lasst Ihr nichts mehr von Euch hören? Lebt Ihr noch? Über dem ganzen Haus lag eine leichte Fäulnis, ein unsichtbares und engmaschiges Tuch des Todes.

Ich liess mich auf dem Vollschaumsofa nieder, da war ich nicht allein. Da saßen zwei nagelneue Porzellan-Puppen, lieblos in die Sofakissen gedrückt. Daneben, auf einem Teewagen, ein Porzellanpuppen-Bildband. Beim Durchblättern stieg mir ein Geruch in die Nase, der mich an den druckfrischen Hochglanzporno erinnerte, den ich als Halbwüchsiger bei meinen Eltern im Schlafzimmerschrank gefunden hatte. Von dem ich lange nicht lassen konnte. Es war wie immer nach einem versoffenen Abend. Wenn ich aufwachte, war ich geil. Es war keine wirkliche Geilheit. Es war wie durstig sein und ein Glas Wasser runterstürzen. Einen Berg Plankton auskotzen.

Ein Regenschauer klatschte gegen die Panoramafenster. Im Garten miaute eine fette graue Katze, sie wollte rein. Ich versuchte, die Verandatür zu öffnen, kam mit dem Mechanismus nicht zurecht. Die Tür knarrte, bäumte sich auf. Ich fluchte, die Katze fluchte, der Regen flutete den gräulichen Rasen. Endlich schnappte die Tür auf. Das Vieh musterte mich skeptisch, drängelte sich rein.

Es schlich um mich herum. Ich hockte mich nieder, auf den flauschigen Teppich, der alle Geräusche schluckte. Es hatte aufgehört zu regnen, nur das Ticken einer Wanduhr war zu hören. In Häusern, in denen nichts zu hören ist bis auf das Ticken einer Wanduhr, stockt einem der Atem vor lauter Stille. Es ist, als greife der Tod nach einem. War die Familie wirklich in Urlaub, wie die Unordentliche behauptet hatte? Oder lagen Vater und Mutter den Schädel eingeschlagen in der Mansarde, dem einzigen Ort, zu dem kein Zutritt war?

Ich holte meinen Schwanz raus und ließ die Katze daran schnuppern. Ich spürte ihre Schnauzhaare. Sie war fett. Sie trollte sich. Sie war wahrscheinlich der Familienkater. Ich war ein einsamer Bauer in den Pyrenäen, der sich aufs Feld schlich und heimlich einen dicken Esel bumsen wollte. Verdammt. Ich saufte zu viel. Ich soff. SIFF. Himmel! Ich kannte nicht einmal mehr die Vergangenheitsform von saufen, weil sich mein verfluchtes kleines Dasein ständig im Hier und Jetzt abspielte, auf dem kläglichen Transportband zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne jegliche Reflexion. Ständig stand ich neben mir und beobachtete, was der Kerl wohl als nächstes tat. Das war alles. Die pure Gegenwart. Mehr war nicht.

Himmel, half!

Ich war am Ende. Der Mensch war am Ende. Irgendwann würde er nach Afrika zurückkehren. Er würde den aufrechten Gang verlernen und wieder oben in den Bäumen leben. Nur wie wir die verfluchte Gefrierkombination hinauf kriegten, stand noch in den Sternen. Die Katze kam zurück. Ich saß auf dem Teppich. Sie hatte Vertrauen gefunden, drückte sich an meine nackten Beine. Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte ich die Hose angezogen, die Schuhe geschnürt, das Haus verlassen.

Ich stand draußen im Eingang. Ein sanfter Regen setzte ein, als stünden Engel vorm Urinal. Ich versuchte mich zu orientieren. Jemand schneuzte sich. Im Erdgeschoss war das Fenster auf Kipp. Die Unordentliche. Sie war erkältet. Ich hörte ein leises Strampeln, knöpfte den Mantel zu, und ging.

*

Fortsetzungen:

Der Schuss

Transportschaden

Wenn das Herz zusammenkracht

Hey, du bist nicht krank, sagt sie. Du bist gerettet worden! Eine tolle Sache!

*

Gerettet worden..? Ich hab schlechte Laune, und wenn ich schlechte Laune hab, ist mir alles zu viel. Noch die geringste Anforderung nervt.

– Die Leute werden lästig -, sag ich.

– Welche Leute? –

– Na, die hier. Schreiben Emails und Kommentare, rufen an, quasseln die Mailbox voll.. –

– Bist du doof? Die wollen wissen, wie es dir geht. Die machen sich Sorgen.  –

– Aber ich hab doch geschrieben, was passiert ist. Wie es mir geht. –

– Du meinst diesen einen Eintrag? –

– Ja. –

– Also, wenn man das liest, könnte man fast auf die Idee kommen, dir gehts nicht besonders. –

– Stimmt ja auch. Ich hab zu nichts Lust. Nicht mal zu schreiben. –

– Du brauchst doch nur kurz zu bloggen, hallo, ich lebe noch, aber ich brauche ne Pause. Ich komm wieder. Das reicht doch. Keiner erwartet eine grosse Geschichte.. –

– Ich hab keine Lust. –

– Ja. Das hast du bereits gesagt. –

Ich werd bockig.

– Ich kenn die Leute doch gar nicht. Das sind doch keine Kumpel wie Karlos oder Schnaat… –

– Natürlich kennst du die Leute nicht. Aber die Leute kennen dich. –

– Die kennen mich? –

– Natürlich. Die lesen dich doch. –

– Ach so.. ja. (Ich bin plötzlich gerührt.) Stimmt.. –

– Also, antworte den Leuten ruhig mal. Muss ja nichts großes sein. Das erwartet auch niemand. –

– Gut. Ja. –

*

Schon als Kind hab ich mich stets zurückgezogen, wenn ich Fieber hatte und krank wurde. Ich bin dann immer ganz still geworden und hab mich im Bett verkrochen, in die hinterste Ecke. Selbst aufs Klo gehen war mir lästig, ich hab so lang angesammelt, bis ich fast platzte.

*

Hab seit fünf Wochen nicht geraucht, und was passiert? Ich nehme zehn Pfund ab. Normalerweise wächst Rauchern eine englische Drops-Plauze, wenn sie das Rauchen aufgeben. Eine de Beukelaer-Zone.

Obwohl, dass ich überhaupt keine Zigarette angepackt habe, das stimmt ja auch nicht.

Als ich noch im Klinikum war, die Station aber schon verlassen durfte, hab ich mir draussen eine Kippe geschnorrt, aber nicht angezündet. Nur in den Mund geschoben. Wie Lucky Luke, bei dem qualmts auch nie. Der hat nur einen Stummel im Mund. So bin ich runter zur Ambulanz, weil da gerade ein Rettungswagen um die Ecke bog.

Seit ich selbst in so einem großen roten Kasten durch die Strassen geflogen bin, höre ich anders hin, wenn eine Sirene sich nähert. Als wären die vielen Male zuvor bloß Staffage gewesen, jahrelanger Probealarm. Seit dem Herzinfarkt liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Strassen tobt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt: Ich bin das.

Ich stand also unten an der Ambulanz, die Kippe lässig im Mund wie Lucky Luke, und schaute zu, wie die Türe des Rettungswagen sich öffnete und ein Mensch auf einer Bahre herausgeschaufelt wurde. Ich konnte nicht erkennen, ob der Mensch verunfallt war, ob es ein blutender, ein hustender Mensch war oder mehr ein verinnerlichter. Schlaganfall, und so.

Keine acht Tage zuvor war ich an gleicher Stelle eingeliefert worden, länger war das noch nicht her, doch jetzt, wo ich mir das routinierte Spektakel anschaute, fühlte ich nichts, gar nichts, nur das Brennen der heissen Nachmittagssonne im Nacken.

„Haben Sie Feuer?“ fragte ich eine Raucherin, die mit zwei anderen Raucherinnen zusammenstand. Sie zündete mir die geschnorrte Zigarette an, ich nahm drei hektische Züge und trat die scheiß Kippe auf dem Betonboden aus.

Schluss jetzt.

*

Sie rauschen in ein energetisches Loch, so stand es geschrieben.

Das waren genau die Worte, die Sanne einen Tag vor meinem Infarkt aus dem Wochenhoroskop vorlas, aus unserem Wochenhoroskop, wir sind schliesslich unter ein und demselben Sternzeichen geboren, Jungfrau, aber es gibt Worte, auf die reagiere ich nicht, die rauschen an mir vorbei, als wären sie niemals gesprochen worden.

Nicht in meinem Beisein.

Worte wie energetisch oder „Kohlenstoffwelt“, oder wie PARAMETER. Kotzworte, mickriger Füllstoff, auf den die Leute auch noch stolz sind, wenn es aus ihren Mäulern kraucht. Modebuchstaben mit eingebautem Ausrufzeichen, Angeberworte. Aber nicht die Art Angeberworte, die man aus einem offenen Karman Ghia aufschnappt, der bei Schneetreiben an der roten Ampel steht, nichts imposantes, nichts witzig-krachledernes, bloß plumpes Aufplustern. Aber was juckt mich das noch. Jetzt, wo mir das Herz zusammengekracht ist. An einem Donnerstag im Mai. Halb elf am Vormittag.

Juckt mich das alles nur noch am Rande.

Denn plötzlich kracht mir das Herz jeden Vormittag zusammen. Immer, wenn der Uhrzeiger auf halb elf vorrückt. Spätestens 10 Punkt 40. Zieht es im Herzen. Durchzug, Kammerflimmern.

Panikattacken.

– IST DER HERR PANIK-ATTACHÉ ZU SPRECHEN?! –

– NEE, DER IST SCHON WEG! IST SCHON GEFLÜCHTET! –

Nicht, dass ich darauf hinzielte, dass ich mir Panik wünschte, natürlich nicht. Nein. Es passiert einfach. Jeden verfluchten Vormittag, an dem ich mein Zuhause verlasse, verlassen muss, kommt das Trauma über mich als eine Reihe schwerer Körpertreffer: wie an dem Tag, als ich am Fronhof langsam zu Boden ging und niemand war da, der mich anzählte. Kein Ringrichter, der so was kommen gesehen hätte. Kein Trainer mit weissem Handtuch in der Hinterhand. Niemand war da. Nur ich und mein Hund und ein paar Menschen, die nicht darauf vorbereitet waren, einem Mann gegenüberzustehen, dem, käsebleich und schwitzend, gleich das Herz zusammenkracht. Wie auf einem Schrottplatz.

(Die Retter kamen später. Die Retter kommen immer später. Man liebt die Retter dafür, dass sie später kommen.)

*

Intensivstation, 13 Uhr 30.

Vor anderthalb Jahren lag mein Vater auf der Intensivstation, mit einem schweremn Herzinfarkt, und ich schrieb: Auf der Intensivstation liegen Männer und Frauen Bett an Bett, es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen, es gibt nur einen Unterschied auf der Intensivstation, das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Einige Monate später starb meine Mutter auf der Intensivstation an einem Herzanfall, und jetzt lieg ich selbst mit einem Infarkt auf der Intensivstation, höre das Auf und Ab der Beatmungsschläuche, die meine Nachbarin mit Atemluft versorgen.

Ich weiss nicht, wie die Frau aussieht, die keine drei Meter von mir entfernt mit dem Tode ringt. Ein weisser Rollverhang verstellt den Blick auf ihr Bett, nur gelegentlich, wenn ich mich ein Stück aufrichte, sehe ich ihre Füße am Bettende, nackig, reglos.

Ich höre die Gespräche der Schwestern, wenn sie die unbekannte Nachbarin umbetten, wenn sie einen neuen Verband anlegen müssen, oder wenn irgendetwas geswitcht wird.

„Nicht erschrecken, liebe Frau Meyer, wir switchen Sie jetzt.“

Was wird denn da geswitcht? wollte ich die Schwester noch gefragt haben, aber dann hab ichs vergessen.

Krankenschwestern auf der Intensivstation sind bemerkenswert zuvorkommend, fast warmherzig, geschult vom Elend, vielleicht, keine Ahnung. Schwester Simone wohnt übrigens am Kannenhof, ein paar Blocks nur entfernt. Sie ist es auch, die mir am zweiten Tag den einzigen TV-Apparat der ganzen Station ans Bett rollt, damit ich das Pokalfinale sehen kann.

Die meisten Patienten gucken hier sonst kein Fernsehen, kichert sie.

Schwester, sag ich, was ist mit der Frau neben mir los?

Ich erfahre, dass sie schwer lungenkrank ist und tags zuvor einen Luftröhrenschnitt erhalten hat, ansonsten aber austherapiert ist.

„So liebe Frau Meyer, nicht erschrecken, wir müssen nur kurz die Beatmungsschläuche tauschen.“

Es sei unklar, so Schwester Simone, ob die arme Frau überhaupt noch etwas mitkriegt.

Ja, ist sie denn im Koma?

„So ähnlich“, sagt sie ausweichend.

Die Schwestern sprechen dennoch mit der Patientin, als verstünde sie jedes Wort, als ich Samstagmorgen, halb im Bett liegend, halb sitzend, in Zeitlupe Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade frühstücke. Ich trage ein weisses Plastikbändchen am Handgelenk mit Namen, Geburtsdatum und Fallnummer, sowie ein frisches hellblaues Engelshemdchen am Leib, hinten offen, die Arschbacken frei.

Können Sie mir das mal zubinden, Schwester?

Die ständige Alarmbereitschaft der Apparaturen rund um mein verkabeltes Bett, medizinische Hochleistungsapparate, die LIFE VIEW heissen und INTELLI-VIEW und an Baywatch erinnern, an braungebrannte Rettungsschwimmer, jederzeit bereit, ein absaufendes nölendes Herz aus den Fluten zu heben, einen Schlaganfall zu glätten, komm her, du! Falscher Hase! Wir retten dich.

Wir betten dich um.

*

Seit der Lucky Luke Kippe gönnte ich mir noch zwei weitere Zigaretten, hab an beiden aber nur ein Mal gezogen. Macht insgesamt fünf Lungenzüge in fünf Wochen, bei fünf Kilo Verlust an Bauch, macht pro Zug ein Kilogramm weniger. Das ist doch kein richtiges Rauchen mehr. Kein heiliger Akt, keine Medicine. Nein, vorbei. Künftig heisst es, wie es schon mal geheissen hat, damals, als wir uns kennenlernten,

Erprobung herzstärkender Mittel.

Thomas Kling, Eremitenpresse, 1985.

*

„Da sind Sie dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen“, so Schwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Sie will ein EKG anfertigen. „Das war sozusagen Rettung in allerhöchster Not.“

Tatsächlich war eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, schon seit geraumer Zeit dicht. „Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt.“ Die zweite Arterie war nur noch zu 20 Prozent offen und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste.

„Sie haben mächtig Massel gehabt, dass Sie so schnell im OP gelandet sind. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie wären gestern im Wald gewesen. Das hätte unter Umständen viel zu lange gedauert bis ..“

„Ich war vorgestern im Wald,“ sag ich, fast ein bisschen empört. Tief im Wald, mit dem Hund, Stöckchenwerfen.

„Na, sehen Sie.“ (Große Augen.)

*

Als ich noch im Klinikum lag, rief Karlos zwei Mal zu Hause an und hinterliess kurze Nachrichten auf der Mailbox, jeweils gegen 19 Uhr. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, dass ich im Krankenhaus lag. Er forderte mich auf, alles stehen und liegen zu lassen und in Turnschuhen und Trainingshose, „hast du noch die alte blaue von adidas?“, runter zum Käfig zu kommen, eine halbe Stunde kicken. „Ich bin seit gestern wieder im Training. Los, Glumm, mach hin, ich bin in fünf Minuten im Käfig.“

Sanne hörte die Nachrichten ab und war sich nicht sicher, ob sie Karlos zurückrufen solle, ob mir das recht wäre.

„Nee, lass mal. Ich rufe Karlos selbst an.“

*

„Ich konnte nicht zum Käfig kommen“, sagte ich ein paar Tage später am Telefon zu Karlos, „ich hatte einen Herzinfarkt.“

Und dann erzählte ich ihm, was passiert war an diesem 10. Mai 2012. Erzählte ihm vom Sofa in den Gemeinderäumen der Evangelischen Stadtkirche, im Untergeschoss, wohin ich geflüchtet war, als ich mir in der Innenstadt, genauer: am Fronhof, nicht mehr zu helfen wusste, mit diesem elenden Getrampel in der Herzgegend, mit Frau Moll an der Leine, mit dieser scheiß Angst zu sterben, und doch: wie seltsam kühl mich alles liess. Fast ein wenig.. lästig.

(Diese überraschend alltäglichen Gedanken, die mich beherrschten, als der Tod schon anklopfte: wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt, obwohl mir doch klar war, dass gerade etwas schlimmes in meinem Körper vorging. Denkt man nur alltägliches Zeugs.)

Ich erzählte Karlos von den Minuten auf dem Sofa, dem Warten auf den Rettungsdienst in den gebohnerten Gemeinderäumen der Stadtkirche, in der Karlos Vater lange Jahre als Küster gearbeitet hat. Wo wir ihn als Teenies oft aufsuchten, weil Karlos einen Schlüssel abliefern sollte, oder weil sonst eine Kleinigkeit zu tun war. Ein Konfirmandenunterricht vorbereiten, Kaffekochen, Kuchen anschleppen.

Können wir noch etwas für Sie tun? fragten die Gemeindeleute, nachdem sie die 110 gewählt hatten, aber ich schüttelte kaum merklich den Kopf und flüsterte: „Nein. Ich hab einen Herzinfarkt. Vielleicht ein Glas Wasser.“

Suche einen Ort, der dir gut bekannt ist, wenn der Tod anklopft mit langen dürren Fingern. Wenn noch Zeit bleibt. Wenn man es sich noch aussuchen kann. Das beruhigt.

Ausgerechnet am Fronhof.

Ich war mit dem Hund auf dem Weg zur Sparkassen-Filiale am Fronhof, bin schnell gegangen, hastig fast, an diesem bleiern-schwülen Vormittag. Bekam plötzlich schlecht Luft. Erst glaubte ich, es wäre das übliche Asthma. Das, was ich immer glaubte in der letzten Zeit, wenn es irgendwo steil bergauf ging. Ich inhaliere zwar seit langem kein Spray mehr, doch wenn ich den steilen Klauberg hochging, um meinen alten Vater zu besuchen, musste ich nach der Hälfte stehenbleiben und pausieren. Und jedes Mal dachte ich: Verdammtes Asthma. Scheiss Kippen. War aber kein Asthma. War das Herz.

Am Fronhof liess ich die Sparkasse links liegen, versuchte Luft in meine Lungen zu lassen. Vorbei am Hähnchengrill, vorbei an der Laderampe des Kaufhof, vorbei am Obststand, an dem Erdbeeren verkauft werden, Erdbeeren aus den Leichlinger Sandbergen. Eine lokale Spezialität.

„Sie auch junger Mann? Eine schöne rote zum Probieren?“

Den Hund an der Leine ging ich über den leeren Platz, der grau schimmerte im Sonnenschein, die fröhliche weibliche Stimme aus den Sandbergen verfolgte mich.

„Möchten Sie auch mal kosten, junge Frau? Nee, nicht zum Sattessen. Ist zum Sattessen zu schade.“

Gelächter, und mir gehts immer schlechter. Das ist kein Asthma, denk ich zum ersten Mal, das ist nicht in der Lunge, das ist in der Brust. Das Herz. Da drin ist alles dünn. Dazu dieses stückweise Hinweggleiten, wie bei einem fremden, gleichwohl bekannten Manöver. O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERREN WORT. Ausgerechnet.. am Fronhof.

Und wenn ich ins Krankenhaus muss? Wohin mit dem Hund? Der lässt doch keinen Sanitäter an dich ran.. Der verteidigt dich, auch wenn du erste Hilfe brauchst. Der beisst den Feind weg. Ich lasse mich auf einer der grünen Drahtbänke nieder. Versuche, zu entspannen. Zu relaxen. Auf dem Rücken liegen. Geht nicht. Ein Schulmädchen im Sommerkleidchen, wippende weisse Waden, fröhlich im Gemüt, nehme ich noch aus den Augenwinkeln wahr, als der Tod, die Kanaille, schon den Schlüsselbund hervorzieht, es rasseln lässt.

Ich versuche es mit einer Entspannungsübung wie beim RSV früher, wenn ich nach einem langen Sprint k.o. war: den Rücken durchdrücken, dabei die Arme hinterm Kopf kreuzen. Das entlastet die Lunge. Jetzt nicht. Nichts entlastet mich. Ich bin in ein Stahlkorsett gepresst, das Korsett zieht sich enger zu. Ich kann kaum noch durchatmen. Es ist, als hätte meine Lunge auf magere Schnappatmung umgestellt. Mageratmung. Ist das Sterben? So schmal? So dumpf, so mager?

Mein Bewusstsein schwindet, taucht sekundenweise ab, und immer hektischer werden meine Schritte, gleichzeitig kraftloser. Beinah.. milde. Wind fegt über den grauen leeren Platz. Links die Treppe, wo die Solinger Lieferfrau ihr Denkmal hat, die Stufen runtertaumeln, dann keine 20 Meter bis zum Hintereingang der Stadtkirche. Die Eingangstüren liegen im Schatten, sind geöffnet, ausnahmsweise. Ich geh in den Flur. Im Vorraum lege ich mich auf eine Holzbank, auf den Rücken, es riecht nach Politur. Ich will sterben, sag ich. Wispere ich. Ich will diesem Zustand entfliehen. Dieser Schwäche, die wie ein schweres knochiges Tuch über mich niedergeht.

Ich kauere in der Ecke.

Der Hund, die ganze Zeit dabei, angeleint, blickt mich an. Unsicher. Die Contenance wahrend, mühsam. Jetzt langsam den dunklen Flur hinunter, ich höre Stimmen hinter verschlossenen Türen. Wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt? Der kann ja wohl kaum mitfahren. Ich kann mich nicht entscheiden, geh den Flur zurück, in den Vorraum. Mit kleinen Schritten. Schwitzend. Das Bewusstsein.. wegrutschend, der Brustkorb ein Barren, dem die Holme wegbrechen. Als hätte ich Tag und Nacht Filterlose geraucht, und jetzt fliegt mir der Laden um die Ohren. Die Schläuche.

Bevor ich alles aus der Hand gebe, falle ich einen Entschluss: du willst nicht sterben, nicht hier. In einer Kirche schon, das geht in Ordnung, an sich, doch nicht in den Gemeinderäumen. Bei Kaffee und Kuchen. Zurück, den dunklen Gang hinunter. Als ich anklopfen will, öffnet sich eine Tür. Schweiss pläddert an mir runter, als käme ich aus einem unbekannten Platzregen. Erschrockene Blicke.

Können Sie den Notarzt rufen? Ich hab einen Herzinfarkt.

*

Juli 1977, Chalon-sur-Saône

Nachmittags besuchte ein Teil der Gruppe eine antike Burganlage. In dem Gemäuer war es schön feucht und schattig, doch nach einer Weile wurde Pepe und mir langweilig, wir seilten uns ab. Ich hatte den kleinen schwarzen Cassettenplayer von Grundig dabei, ein Monogerät, mit dem wir uns abseits der kopfsteingepflasterten Wege im Gras niederließen und Groovin‘ hörten.

Ich hatte den Song auf einer verstaubten Langspielplatte meiner Eltern entdeckt, Spitzenreiter 1967, und gleich drei Mal hintereinander aufgenommen. Ein Hippie-Klassiker, hemmungslos altmodisch, mit Vogelgezwitscher und Ah-haa-haaa-Chorus, leicht wie der Atem, der um eine Mundharmonika streicht, bevor er das Instrument entert. Pepe schloss die Augen und lächelte, und ich schaute Pepe beim Lächeln zu, in der endlosen Sonne von Burgund.

(Als Karlos um die Ecke kam, lächelte er.)

Dass ich Groovin‘ gleich drei Mal hintereinander aufgenommen hatte, war Taktik. Wir konnten den Hals nicht vollkriegen von Dingen, die uns gefielen. Wir waren sechzehn und strukturell süchtig, bevor wir überhaupt nur eine Ahnung davon hatten, was Sucht bedeutete: endlose Wiederholung nämlich

endlessly groovin‘.

Couldn’t get away too soon.

The Young Rascals, Groovin‘ (Original 1967)

*

Juli 1977, Jugendaustausch. Mit zwanzig Jungs und Mädchen aus dem Haus der Jugend ging es nach Chalon-sur-Saône in Burgund, einer Partnerstadt von Solingen. Weil das örtliche Maison de L’Enfance zu klein war, hatte man uns in einem neu gebauten College in der Rue Jules Ferry einquartiert. Wir belegten eine ganze Etage, jeder hatte sein eigenes Zimmer, mit Blick auf einen Park mit künstlich angelegtem See. Es war komfortabel wie im Hotel, mit dem Unterschied, das wir tun und lassen konnten, was wir wollten, die Betreuer logierten ein Stockwerk tiefer.

Außer Pepe und Karlos war auch der Mitsubishi Boy mit von der Parie, der zumeist irgendwo im Schneidersitz herumsaß und auf der Gitarre schrammelte. Ein schüchterner gutaussehender Bursche, ein echter Beau. Wir waren in der selben Schulklasse und holten uns nach Schulschluss schon mal gegenseitig einen runter.

Dann war da noch dieser ungewaschene Knabe, der selbst bei 30 Grad im Schatten einen Deutschland-Parka trug und den alle nur Fischkopp riefen, (nach einer Weile auch die Franzosen, Fichköp), und da war Mickes, unser Houdini der Ironie, der jeden Morgen den Frühstücksraum mit der gleichen gespielten Überraschung betrat: „Jessas..!“ rief er, sobald er am Buffet die üblichen Marmeladentöpfchen und den Korb voller Baguettes zu Gesicht bekam, „Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!“ Dabei machte er die gleiche gelangweilte Geste, mit der ein Magier das Kaninchen aus dem Hut zaubert.

Gegen Ende der Ferien ging Mickes zu „Orangeade, Kinder, Waaaahnsinn!“ über, bis er am Tag der Abreise das monotone Konfitüren- und Weissbrot-Fiasko ein allerletztes Mal auf den Punkt brachte, „Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!“

Natürlich hatten sich auch Mädchen für die Fahrt angemeldet, doch aus unserer Clique war lediglich Gudi an Bord, die Perle von Karlos. Eine leidenschaftliche Rothaarige, schwer okay und immer hilfsbereit, wenn einer von uns Jungs eine Latte hatte, die er partout nicht gebändigt kriegte. Pepe und ich waren frei, unsere Mädchen waren daheim geblieben. Keine Keule, kein Geheule, sangen wir, no woman no cry.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Einmal waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen.

Ein Sommerabend auf dem Land, eine lange Tafel in einem gemütlichen Baumhof, umgeben von hohen Hecken. Die Spezialität der Region, Poulette de Bresse, wurde aufgefahren, und es gab ausnahmsweise sogar etwas Tafelwein für uns. Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.

Als es dunkel wurde, hörten wir ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine. Das fiel schon deshalb auf und brachte den Tisch zum Schweigen, weil sonst nichts als das Zirpen der Grillen zu hören war, so still war es auf dem Land. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den hohen Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Ganz trocken. Zu hören war nur dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße, ein Sound, der nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte.

Dann Stille. Kein Aufprall, kein bums, bloß Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und die Reifen drehen sich über einem in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich Fackeln, die im Garten verteilt brannten, und eilten vom Grundstück. Noch bevor die Ambulanz und die Gendamerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult.

Der Motorradfahrer war von einem Nachbarhof gekommen, und er war sofort tot gewesen.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, „ich dachte, der erstickt doch!“ „Nicht anfassen!“ schrie unsere Betreuerin. Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie „Mama!“ und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert.

„MAMAAA..!!“

Eins der einheimischen Mädchen vom Maison de L’Enfance hieß Christine. Ein sehr stilles Mädchen, der Blick seltsam verloren. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Erst wurde getuschelt, sie habe einen Selbstmordversuch hinter sich, dann hieß es plötzlich, sie sei abhängig von Heroin. Wir waren baff. Heroinsüchtig mit fünfzehn, ging das überhaupt? Wir konnten es kaum fassen. Die junge dunkelhaarige Christine barg ein Geheimnis, war von etwas Dunklem, Unerklärlichen umgeben, doch insgesamt, wenn man darüber nachdachte, schien sie nicht gerade das Wesen vom anderen Stern zu sein, das Heroinsüchtige für uns darstellten. Wir kannten das nur aus der Zeitung.

Alle wollten Christine helfen. Einer jungen Französin, die vielleicht nicht die schönste war, bestimmt aber die charmanteste im ganzen Departement. Besonders unsere deutschen Mädels waren vom Helfersyndrom infiziert und mobilisierten all ihre Kraft. Sie saßen zusammen und tuschelten. Sie tüftelten einen Turboentzug aus, mit viel Wandern und Schwimmen. Und wenn Christine clean war, wollten sie auch anderen französischen Drogensüchtigen helfen. Es gab erste Pläne für ein Schlampenwohnheim und Therapiehäuser, rund um Chalon.

Christine ahnte nichts von all dem. Sie trug Boots und ein lässiges blaues Jungshemd, bei dem die oberen zwei Knöpfe fehlten. Sie hatte schwere Burgunder Brüste, die sie nicht versteckte, aber auch nicht wirklich zur Schau trug. In ihrem Blick war etwas ängstliches, scheues, andererseits sehnte sie sich nach Freiheit, wollte niemandem gehören, nur sich selbst. Sie war Raubkatze und sie war Wärmflasche, wie es nur mit 15 funktioniert.

Und nicht mal ihre beste Freundin Joline schien zu wissen, wie es um Christine stand, was mit ihr nun wirklich los war.

Es gibt Fotos aus dem heißen Sommer 1977, als der Punk über die Welt kam, die gleichzeitig mit Elvis Presley ihren König verlieren sollte, in den kommenden, noch heißeren Augusttagen, und es gibt Fotos aus Chalon. Auf einem sitzen wir mit ein paar Leuten auf der Treppe der Kathedrale St. Vincent. Ich mit blonder Löwenmähne, an einer Gauloises saugend, lege den Arm um Karlos, und mein Blick schweift in die Ferne, während Karlos, blaue Turnschuhe, Blue Jeans und schulterlanges blondes Haar, mit offensiven Spielfilmblick in die Kamera blickt. Und exakt in der Bildmitte sitzt Christine, den Kopf gesenkt, hypnotisch-selbstvergessen, eine Fremde in der eigenen Heimat.

Sie sprach kaum je ein Wort. Schien nie wirklich anwesend zu sein, war allein mit ihrem traurigen kleinen Weltschmerz. Sie wirkte älter als die gleichaltrigen Französinnen, denen man bei allem, was sie taten, schon die spätere Ehefrau ansah, die Mutter von zwei Kindern, die pharmazeutisch-technische Assistentin, die Staranwältin, die es, vielleicht, nach Paris schaffen würde, und dann mit 41 auf den Straßenstrich von Lyon.

Bald stellte sich heraus, das wir etwas falsch verstanden hatten. Das passierte häufig. Wir sprachen kein Französisch, die Franzosen sprachen kein Deutsch, und ihr Englisch klang wie ein dünner Unterwasserdialekt. Nicht Christine hatte einen Selbstmordversuch unternommen und Heroin probiert, no no no, die Gefährtin ihres großen Bruders war es gewesen, eine Haschischdealerin.

Als Pepe das hörte, fuhr er sämtliche Antennen aus. Haschisch, das war sein Zauberwort 1977. Sofort machte er sich an Christine heran, radebrechte und versuchte es mit Händen und Stift, er gab alles, und schließlich war es getan. Er überredete Christine, ein wenig Haschisch zu besorgen. Er selbst hätte auch einen großen Bruder, argumentierte Pepe, der auch unentwegt Haschisch rauchte, da müsse man doch zusammenhalten, er blätterte im Schulwörterbuch: coopération, Madmoiselle! International!

Noch am selben Tag brachte Christine Pepe einen kleinen Brösel vorbei, wollte ansonsten aber nichts damit zu tun haben. Sofort scharte Pepe die Leute um sich, mit denen er das Piece zu verbraten gedachte: Ole und mich. Ole, ein hochgewachsener langfüßiger Schreinergeselle, von dessen Schultern aus ich in einer Nacht-und Nebel-und Neuf Pastis-Aktion das Straßenschild Rue de la Banque in der Altstadt von Chalon abschraubte. Vermutlich war auch Karlos zum Rauchen eingeladen, doch der war in diesen Sommerferien kaum präsent, er hatte ja seine Puppe mit.

Gleich am Tag der Ankunft im College hatte er seine Matratze rüber ins Zimmer von Gudi geschoben, und da blieb sie für den Rest des Monats. Nur gelegentlich verließen die Beiden  das Zimmer für kleinere Ausflüge in die Mensa, um sich zu stärken.

Nahe der Rue Jules Ferry gab es diesen kleinen See, den Lac des Pres Saint-Jean, von den die Einheimischennur Le Grand Mare genannt. Um den führte ein Rundweg, und da irgendwo sollte das Haschisch verputzt werden, so wurde es beschlossen. Für mich war es Kiffpremiere, aber das behielt ich für mich. Das musste ja nicht jeder wissen. Der Legende nach hatte ich nämlich bereits im Sommer zuvor, als ich mit meinen Eltern in Zeeland im Urlaub gewesen war, fünf Gelsenkirchener Hippiemädchen kennengelernt, mit denen ich eine dicke Pfeife durchgezogen hatte. Das stimmte sogar, oder doch beinahe, jedenfalls fast, nur dass ich das Inhalieren des Rauches nur simuliert hatte, als ich an der Reihe war, und dann die Pfeife schnell weitergegeben hatte.

Ich war doch nicht bekloppt, hör mal.

Jetzt  aber, in Chalon, gab es kein Zurück mehr. Wir saßen zu dritt am Seeufer. Pepe baute die Tüte, überraschend fachmännisch klebte er die Papers aneinander. Da man den Park erst vor kurzem angelegt hatte, war die Bepflanzung des Geländes eher spartanisch, man wurde das Gefühl nicht los, unter Beobachtung zu stehen. Überall Augen. Kameras.

Christine hatte Pepe noch gewarnt, bloß nicht draußen am Grand Mare zu rauchen, wegen der vielen Flics, die dort angeblich in zivil herumspazierten, gedrillt auf  das Aufspüren von deutschen Haschischrauchern. Dementsprechend hektisch rauchten wir den Joint weg. Als Ole kurz vor dem Filter nochmal an der Reihe war, japste er nervös: „Da kommen Leute!“, und wir zerstreuten uns in alle Winde, als hätten wir Gott-weiß-was angestellt und Leichenteile in einer Pfeife verfeuert. Ich rannte links um den See herum, Pepe und Ole in die andere Richtung. Ich wurde erst langsamer, als klar war, dass mir niemand folgte. Außer Puste verließ ich das Seegelände und tapperte angekifft in die Welt aus Pharmarcie- und Tabac-Reklame, merkwürdig befangen.

Pepe fand ich in dem Bistro um die Ecke. Er stand am Flipperautomat und ließ ungerührt die Kugel gegen das Glas knallen. Ich sah ihn nur von hinten und machte kehrt, bevor er mich entdeckte. Ich flüchtete ins College. Ich wollte allein sein, mit diesem merkwürdigen Himmel in mir. Zum Glück kam mir niemand entgegen, dem ich irgendetwas hätte erklären müssen.

Ich ging auf mein Zimmer mit der Nummer 46, verriegelte die Tür und fiel aufs Bett. Ich hörte das Blut rauschen in den Ohren, in der Ferne die Autobahn. Als es Abend wurde, kamen Leute an die Tür und klopften, riefen meinen Namen, ich antwortete nicht. Ich lag einfach da. Ein bleierner Hunger machte sich breit. Irgendwann schlief ich ein, bei sperrangelweit geöffnetem Fenster. Ich wollte Geräusche hören, unbedingt, die ganze Nacht, auch im Schlaf, und ich mein, klar, da war ja auch ordentlich Kapazität.

*

Der kleine Wiegand war mit 14 Jahren der jüngste, er war Messdiener in einer katholischen Gemeinde. Er hatte noch nie eine Zigarette geraucht oder ein Bier getrunken, er lehnte strikt jede ungesunde Lebensweise ab. So wie es mit 14 schon mal sein kann, bevor es losgeht. In Frankreich hatte der kleine Wiegand zum ersten Mal Sex in seinem Leben. Mit der süßen Lucienne. Die mit der kleinen Locke, die wie ein Flämmchen vom Kopf stand, die mit dem anschmiegsamen Akzent. Spätestens wenn Lucy ein bisschen herumalberte und Wiegands Vornamen flüsterte, „Volkärrr“, schmolz der Knabe dahin.

Als wir drei Wochen später zurück in Deutschland waren, wollte der kleine Wiegand kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is klar, Volker. Logisch.

Draussen vorm Haus

Da steh ich draussen vorm Haus und rauche eine Zigarette und denke: nichts. Jedenfalls nichts besonderes, es sind nur die Art Gedanken, die man hat, wenn man gefragt wird, was denkst du gerade? und du antwortest „nichts“. Ich rauche, es ist früh am Tag. Ein Tag im Januar, und genau in dem Moment, wo ich zu Boden blicke, kommt von oben ein kleiner weisser Klecks nieder. Nur ein Pünktchen, ein Schisslein. Ein Vogelschisslein. Ich bücke mich, um den weissen Punkt in Augenschein zu nehmen. Ja, das hat so ziemlich genau die Konsistenz und Farbe, die man gemeinhin von Vogelkacke erwartet, es sei denn, der Vogel hat zuvor rote Beeren gefressen, dann sieht die Sache anders aus – vermutlich. Ich steh auf und schaue hoch zu den beiden Birken, leises Gezwitscher ist zu hören, aber nichts zu sehen, obwohl die Bäume kahl und leer sind, nein, kein Vogel weit und breit, da fliegt nichts durch die Luft, wahrscheinlich sind die Verursacher längst weiter gezogen. In dieser Haltung, den Kopf im Nacken, blicke ich in den grauen Januarhimmel. Sehe die feingliedrigen Äste der Birken, die weit übers Hausdach ragen, wie ausgemergelte Beatnikperücken, und denke: da oben, da spielt sich das Leben ab, das Leben der Vögel, das ist deren Perspektive – wir hier unten, die da oben. Ihr Vögel, die ihr euch all die vielen tausend Jahre schon scheckig und schimmlig lacht über unsere Weltkriege, unsere Spielfilme, unsere Kippen und Zigarren, und dann scheisst ihr uns auch noch vor die Füße, ohne dass wir es merken. Normalerweise.

Alle Menschen sind morgens Kinder

„Bist du nicht der Mann, der die Tränen seiner Frau trinkt?“ fragt sie, noch im Bett, und hat gleich den ersten Job des Tages für mich: eine Morgenträne, schon auf dem Weg die Backe runter.

Frühstück!

*

Alle Menschen sind morgens Kinder.

– Die Gräfin –

Die Bildschirme von Cherbourg (489)

Wer den halben Tag am Bildschirm verbringt, der kennt das. Man steht abends im Supermarkt und ertappt sich dabei, wie man eine Dose Thunfisch mit dem Cursor aus dem Regal holen will, und das Angebot der Woche versucht man per Copy & Paste aufs Band zu hieven. Und wie der Zorn in einem hochkocht, wenn sich nichts bewegt. Oder sollte es sich hier um ein Touchscreen handeln? Du nimmst die Fischdose in die Hand, führst sie zum Einkaufswagen – und lässt sie fallen. Perfekt.

Es funktioniert.

Negernase

Dienstag. Die Gräfin backt Reibekuchen, wünscht sich aber schnell einen Ratgeber für Problempfannen.
„Oder sehen so etwa Reibekuchen aus!?“
Entnervt wirft sie die Brocken hin.
„Ach, ist doch nicht schlimm“, sag ich. „Geh ich eben hoch zum Discounter und hol uns ne Pizza. Ist doch egal. Macht doch nichts. Und der Salat ist auch schon fertig.“
Sie verzieht sich schmollend in ihr Reich, das nach Farbe riecht. Blauer Farbe, halbtrocken. Blau ist ihre Lieblingsfarbe, als Malerin. Genau genommen das Blau der italienischen Nationalflagge. An diesem Blau würde sie gern mal richtig schnörkellos lecken.

„So kann ich nicht arbeiten! Bring eine neue Pfanne mit!“

Frau Moll das Halsband umgelegt, durch den Coppel-Park hoch zur Wupperstrasse. Der Himmel ist zugestellt mit dunklen Wänden, Gewitterwürmchen schwirren umher. Unterm Vordach des Ladens ist ein Fahrradständer, an den ich Frau Moll anleine, da bleibt sie trocken. Denn kaum eile ich durch die Gänge und werfe alle Zutaten in den Einkaufswagen, geht ein mächtiges Gewitter nieder. Es blitzt, es donnert, und der Regen steppt über die Strasse wie heißes Popcorn in der Pfanne.

„Bitte werfen Sie uns Ihre Brieftasche entgegen!“ brüllt die Kassiererin, als ich an der Reihe bin. „Mit erhobenen Händen!“ Was man eben so tagträumt, wenn man einfach das Gefühl nicht los wird, dass alle nur noch MEIN Geld wollen. Geld wofür?! Ein Vogel muss doch auch nicht dafür blechen, nur weil er im Baum sitzt und singt! Weil das nun mal seine Daseinsform ist! Eines Tages laufe ich Amok und schieße einen scheiß Supermarkt zusammen. Einfach so, weil ich schlechte Laune habe. Oder kein Geld. Vermutlich beides zusammen, plus die geladene 45er. RRATTATATATTATTATT!! Weg mit dem Müll.

Als ich wieder draußen bin, junkert Frau Moll in einer Lautstärke, als wäre sie den ganzen Nachmittag angeleint gewesen, allein auf weiter Flur, ohne Unterhaltung. Unverschämtes Tier.

„Wir müssen warten“, sag ich, „bis der Regen aufhört.“ Bis der Große Elektriker aufhört den Himmel zu spalten mit der Axt. (Da bekommt es der Hund mit der Angst und hält die Klappe. Na siehst du.)

„Hallo“, sagt jemand. Ich dreh mich um.
„Ach, hallo..“

Hab ihn gar nicht bemerkt. Steht plötzlich neben mir, eine Plastiktragetasche in der Hand. Frau Moll hebt den Kopf und knurrt. Sie mag keine Fremden. Schon gar nicht bei Wind und Wetter. Sie ist auch nicht gern am Fahrradständer angeleint, nahe dem Betonsockel, auf den jemand ACID gekritzelt hat, vorm Netto. Sie ist gern im Karnickelgebüsch unterwegs, oder am Fressnapf. So gern wie ich Bombenleger schreibe.

„Scheiß Regen, wa“, sagt er.
„Ja, ne?“ sag ich.

Man kennt sich. So vom Sehen. Man steht hier nebeneinander, weil der Regen einen dazu zwingt. Er ist der mittlere von drei Brüdern. Der jüngste war ein Fußballkumpel von mir, der zu den Junkies überlief und vor Jahren was Falsches auf dem Löffel hatte und daran krepierte. Ich mochte ihn gern. Er hatte eine nette Freundin, Mischa. Die ist auch tot.

Mit dem Mittleren der drei Brüder, dem Sandwich, hab ich dagegen nie viel zu tun gehabt. Ein kleiner drahtiger Typ. Mundfaul wie ich. Meist begnügen wir uns mit Kopfnicken, wenn wir uns über den Weg laufen. Unterm Vordach der Netto-Filiale stehen wir nah beieinander, der Regen prasselt nieder. Ein Krach, wie von Chinaböllern.

„Was macht dein Bruder?“ ruf ich. „Der.. na, wie hieß er noch?“
„Wen meinst du?“
„Na, den Ältesten.“ Der junge ist doch tot, denk ich.
„Sammy?“
„Sammy. Genau. Den hab ich ewig nicht gesehen.“
„Ich auch nicht.“
„Wie? Du auch nicht?“
„Seit acht Jahren nicht“, erwidert er so postwendend, als hätte er die Jahre heut morgen noch durchgezählt.

Ich bin fasziniert. Er hat ein Gesicht, das man nicht vergisst. Es hat sich kaum verändert in den Jahren. Dieselbe Boxernase wie damals, als er überall nur Negernase gerufen wurde. Platt geschlagen, oder als hätte er sich den Zinken als Kind zwischen Tür und Türpfosten eingequetscht. Darunter ein schlecht gelaunter Mund.

„Wieso acht Jahre?“
„Weil vor acht Jahren meine.. unsere Mutter gestorben ist.“

Als sei er hier der Boss und wolle dem Gewitter ganz alleine Paroli bieten, das wie ein großes düsteres Live-Konzert über der Stadt steht, blickt er um sich. Als hätte er den Sicherheitsdienst nach Hause geschickt. Schon im Haus der Jugend wollte er immerzu lässig sein, lässig und mutig, doch es funktionierte nicht. Er ging immer baden. Sobald er den coolen Travolta-Gang hinzulegen versuchte, wurde eine Hüpfburg draus. Und wollte er böse dreinschauen, wurde er einfach übersehen. Wenn kleine Männer es schon schwer haben im Leben, dann haben es kleine weiße Männer mit Negernase noch sehr viel mehr schwer. Niemand nimmt sie ernst. Vielleicht sollte er sich einen Hund kaufen. Oder zwei. Beide groß.

Er starrt abwechselnd in mein Gesicht und in den Regen, während ich konstant draufhalte auf sein Gesicht, die Großaufnahme suche.

„Ich hab meinen Bruder zuletzt im Mumms gesehen. War ein Samstagmittag. Da stand Sammy keine drei Meter von mir entfernt am Tresen..“, sagt er. Es donnert, von Norden her: die Live-Band bereitet die Zugabe vor. „.. aber wir haben kein Ton miteinander gesprochen.“ Er winkt ab. „Das kommt gar nicht von ihm, dass er so geworden ist, dass er sich so zurückgezogen hat. Das ist seine Alte. Wenn der mal abends ein Bierchen trinken will, muss er sich schon aus dem Haus schleichen.“

„Ist wahr? So kenn ich ihn gar nicht. Der war doch früher nur solo unterwegs. Solo und besoffen.“
„Früher, ja klar. Aber seit er verheiratet ist..“

Dieses Gesicht. So bodenlos in seiner Wahrhaftigkeit. So unfassbar hässlich, und so sehr.. Nase. In den frühen 80ern jobbte er als Rausschmeißer und Gläsereinsammler und Ersatz-DJ im Unox, einer vergebens auf Exklusivität getrimmten Innenstadt-Disco, die eigentlich Xenox hieß. Einmal war ich im Unox dermaßen betrunken, dass ich nicht mehr den Ausgang fand. Ich wusste einfach nicht mehr, wo die scheiss Türe war. Ich irrte hinter den Tischen her und wurde zunehmend panisch, weil ich glaubte, hier kommst du nie mehr raus. Bis ich plötzlich IHN erblickte, auf der anderen Seite der Disco, hinter der Tanzfläche, auf einem kleinen Podest. Negernase. Da stand er und blickte in meine Richtung, versuchte mich zu dirigieren, mit weit ausholenden rudernden Armbewegungen, in Richtung Ausgang. Nach einigen Fehlinterpretationen meinerseits und Rempeleien schaffte ich es endlich an die frische Luft. Dafür danke ich ihm heut noch schön. Dass er mich damals aus dem zuckenden Schwarzlicht geleitet hat.

„Aber wenn’s ums Erbe geht..“, sagt er.
„Erbe?“
„Ja, das Erbe meiner Mutter..“

In Ordnung. Ich bleib noch ein bißchen. Jetzt wirds spannend. Moneten. Mord. Dazu dieser schlecht gelaunte, spöttelnde Mund, der davon berichtet.

„Mein Bruder hat damals Anzeige erstattet, gegen Unbekannt. Aber selbst der Bulle, der mich vernommen hat, meinte, dass er mich mit Unbekannt meinte, und nicht Unbekannt.“
Ich kapiere kein Wort. „Hm?“
„Mein lieber Bruder hat damals rumposaunt, ich wäre es gewesen, der unsere Mutter tot aufgefunden hat. Ich wäre der erste gewesen in der Wohnung und hätte das ganze Geld gestohlen, das sie unterm Bett aufbewahrte.“

Seine gefüllte Unterlippe, wie Pastete. Ich hab Hunger. Die Pizza taut auf.

„Um wieviel Kohle gings denn?“
„Bei den Bullen hat Sammy von dreißig bis fünfunddreißigtausend Mark gesprochen. Dabei war ER der erste in der Wohnung gewesen, nicht ICH. Ich war erst eine Stunde später da. Konnte es aber nicht beweisen. Aber später hab ich Kontobewegungen gefunden, die stimmten hinten und vorne nicht. Und wer war stets der Empfänger? Mein lieber Bruder.“

Der Mittlere von drei Brüdern, von denen der Jüngste den Herointod gestorben ist und der Älteste sich aus dem Haus schleichen muss für ein Feierabendbierchen, nimmt die Tragetasche vom Boden.

„So, ich muss. Ein bisschen nass werden schadet ja nicht, wah? Wir sind ja nicht aus Zucker. Oder? Tschö.“
„Ja, machs gut“, sag ich, obwohl ich gern noch gehört hätte, was nun aus der Sache geworden ist. Andererseits, scheiß drauf. Ich schau ihm hinterher, wie er sich davonmacht im fieselnden Regen, ein Mann Mitte vierzig, negroide Nasenführung.

*

Platzregen, Wupperstaße

*

..

Wenn man so richtig den Höhenflug hat, wenn einen das Adrenalin pusht, tagelang, als würde man sich ohne Unterbrechung selber unter den Rock gucken: yes. Dann ist Donnerstag.

..

Neues aus den Parkanlagen

Ich mag

Ich mag es, wenn sie mir spätabends einen Kuss gibt und viel Spaß beim Träumen wünscht, „oder was immer du da treibst, wenn du gleich die Augen geschlossen hast.“

Ich mag Popsongs, die sich voranschleppen wie ein Tag, an dem man es schwer hat, und am Abend ist die Sache ausgestanden.

Ich mag es, den Sachen nahe zu kommen, denn je näher man den Sachen kommt, desto eher verschwinden sie auch wieder.

Ich mag die Szene, wo der ältetste der drei Rocketta-Brüder mit zwölf Monaten Mietrückstand und einem gewaltigen Hexenschuss nach Hause gehumpelt kommt, zwei Pullen Zuckerrohrschnaps unterm Arm. Er wird bereits erwartet von Gerichtsvollziehern, Handwerkern und Polizeischutz, bleibt aber freundlich, „Hereinspaziert, die Herrschaften“, und zählt erstmal durch: „So, sechs Mann am Start. Wer will alles ein Schnäpschen?“ Die Zwangsräumung verläuft in gelöster Stimmung.

Ich mag meine innere Stimme, meinen besten Außendienstmitarbeiter.

Ich mag Genialität, die darauf beruht, nein zu sagen zur Gesellschaft und ihr dennoch alles zurückzugeben.

Ich mag sogar dieses unbestimmte, niemals verstummende Gefühl von Weltende, das mich schon als Teenager im Griff hatte, als ich die Schule schwänzte, im Stonns am Tresen hockte und nichts mit meiner Zeit anzufangen wusste.

Ich mag den furiosen Anblick von Bodybuildern, ihre triefenden Gebirge aus Muskeln und Öl und die Ausbuchtungen untenrum, als stünde eine einzelne Kaffeebohne quer im Höschen.

Ich mag Väter, die eine einzige Badehose im Urlaubsgepäck haben, was ich nicht mag sind Väter, die coole weite Badeshorts tragen, wo trotzdem ein Ei rausguckt.

Ich mag dunkle Gestalten am Kaugummiapparat.

Ich mag den Rhythmus von Give peace a chance, der wie eine Schlaghose daherkommt.

Ich mag sofortige Wiederbelebung durch Kunst und diese andere Zukunftsvision: Wer eine Technik erfindet, wie man das überflüssige Fett aus dem Bauchraum einer Frau ohne Aufschneiden hoch in ihre Brüste bekommt, der hat noch für seine Ururenkel ausgesorgt.

Ich mag Bücher, die sehr heftig gelesen wurden und aussehen wie ein seit Monaten ungemachtes Bett.

Ich mag den typischen Inhalt der Männerhandtäschchen der 80er Jahre: Einwegfeuerzeug, Kippen, Glas Bier.

Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.

Ich mag es, auf Schleichwegen zu mir selbst unterwegs zu sein, das hab ich von der Gräfin gelernt, aber manchmal muss man die Türen auch offensiv eintreten, den Mieter verwichsen und alles einsacken, was an Gold und Silber anwesend ist.

Ich mag Blattgold, Unhold und 5000 Volt, ich mag ausgezahlten Sold und den Bourbon unverzollt, Hauptsache, es rollt.

Ich mag es, wenn ihr beim Anmachen des Möhrensalats aus einem Meter Höhe ein Gummiring vom Gewürzboard in die Salatschüssel fällt und sie sofort „Gummi im Salat“ singt, nach der Melodie von You’re the one that I want.

Ich mag Geschichten, die das Leben besser nicht geschrieben hätte.

Ich mag Dichter sind heilig und Klos sind dreckig, na und?!, das hat Lena mal gesagt, das fand ich gut.

Ich mag jeden richtig gewählten Zeitpunkt, weil hinter jedem richtig gewählten Zeitpunkt mindestens sechzig falsche auf der Bank sitzen, die nur darauf brennen, endlich zum Einsatz zu kommen.

Ich mag Sätze, die einen anknallen wie erstklassiges Koks, die dampfen und zischen wie Brandzeichen, die aufbrausen wie Hitzköpfe, kurzum – die ein für alle Mal die Dinge auf einen magischen Nenner bringen, in schwarz geteerten Blockbuchstaben und mit doppeltem Ausrufezeichen:

SHINDIG!

Ich mag Litfasssäulen, die ruhenden Minipizzas unter den NASA-Raketen: Ich mag Vergleiche, die ein paar Meter weit humpeln und dann mit schiefgelaufenen Absätzen tot zusammenbrechen.

Ich mag es, Studenten beim Telefonieren im Bus zuzuhören, „Wenn ich die Rechteklausur verscheisse, dann hab ich verkackt.. ja.. ist meist so.. wenn ich ein verschissenes Gefühl hab, dann verkacke ich auch.. genau“, ohne mich umzudrehen. Bringt ja nichts. In diesem Fall.

Ich mag es, mein Leben als Glumm Revue passieren zu lassen, denn wo ich auch hinsehe, nichts als clevere Schachzüge, obwohl das Wort Glumm, veraltet, trübe bedeutet. Du trübest das Wasser mit deinen Füßen, und machest seine Ströme glumm, Ezech. 32, 2. (Ein anderes Wort ist das Meklenburgische Glumm, für ein unter der Asche glimmendes Feuer .)

Ich mag Grünkohl

Ich mag die Idee des Lebens, allein geboren zu werden, allein zu sterben, und zwischendurch ein paar Leute zu treffen, und wenn man Glück hat, nette.

Ich mag Jammern, Wehklagen und Meckern wie ein Meister, dabei ist das doch erst der Anfang, das können wir noch viel besser, und jetzt alle.

Dann mag ich den gut strukturierten Muskelschlamm im Oberkörper von Iggy Pop und die roten Bäckchen im Kripogesicht meines alten Freundes Karlos, (alte Tiefsee-Meduse, du Röhrenwurm!), die mich an romantisches Ballonglühen auf dem Flugplatzfest erinnern. (Sich umzubringen im Kreise seiner Freunde – was gibt es Größeres, solange es Freunde gibt.)

Ich mag es, wenn mich alle im Stich lassen, wenn keiner mehr an mich glaubt, dann dauert es nicht mehr lange und ich kann kommen. (Eine Situation, die man gelegentlich künstlich herbeiführen muss, wenn es partout nicht anders geht.)

Ich mag Tee am Abend, danach bin ich richtig rollig geworden, wie eine Katze, die Baldrian riecht.

Ich mag Abkürzungen und kleine Hopser weg von der Wirklichkeit.

Ab und an mag ich es, drei Wochen lang nicht zu scheißen – und dann musste Hulk groß.

Ich mag achtlos weggeworfene leere Zipperbags  mit winzigen Anhaftungen von selbstgezüchtetem, leichten, die Seele öffnenden Mariuhana, und nicht diesen chemischen Pfusch aus niederländischen Krafthäusern.

Ich mag Verlierer.

Ja, ich hab ein Faible für Gesockse und verkommene Subjektive, ich mag skurrile Gewinner und andere Personen. Die müssen nicht notwendigerweise skurrile Namen tragen, das ist nicht nötig. Die können ruhig, sagen wir, Orion Specht heißen. Oder Herr Billwitz. Randolph Stuttgard. Kinkerlitzchen Carmichael. Batzen Dill.

Alles kein Problem.

Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und dann 0:10 auf die Mütze kriegen, find ich gut. Mit Mitte Vierzig vor lauter Lachen in die Hosen machen und dann mit kleinen staksigen Schritten nach Hause eilen, damit niemand die verdammten Pissflecken sieht, das ist gut. Sehr gut sind alle Sachen, die nicht so laufen wie geplant, die sind immer gut. Nicht immer, natürlich. Null zu zehn untergehen ist wahrlich kein Coup. Aber notwendig. Bisweilen.

Wach werden und die Freundin pult dir im Auge herum, weil sie nach dem Rechten sehen will, “wie es eigentlich dahinter aussieht, wenn du schläfst”, das tut weh, geht aber in Ordnung. Super Sache.

Steh ich nicht so drauf.

Den ganzen Tag mit dem Geschmack des Traums durch die Gegend laufen, mit dem man wach geworden ist, an den man sich aber kaum erinnert, finde ich, von der Atmosphäre her, gelungen.

Ich gebe es hiermit zu: Jawohl, ich mag die Welt, wie sie ist.

Die Welt ist eine Kirche, in der das Volk niederkniet und so tut, als ob es bete. In Wahrheit reiben sich alle die Hände. (Aber das geht in Ordnung).

Ich liebe diese Szene im Finale der Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko-Stadt, als Diego Maradona nach einem gelungenen Sololauf plötzlich stehen bleibt, sich bückt und seinen eigenen Füssen applaudiert, auch wenn anscheinend nur ich das gesehen habe an meinem Fernseher, niemand sonst.

Ich mag es, zum Soundtrack eines Ballerfilms aus Hongkong rhythmisch korrekt mit dem Kugelschreiber zu quietschen, und ich mag es, früh am Tag die Haustür zu öffnen und der Rubel rollt zur Stube hinein bis ich mit erstickender Stimme nöle, “nun ist gut, Sergej! Lass gut sein..”

Ich mag es, wenn Leute gleichzeitig reden und rauchen können, wenn die Kippe im Mund rotiert wie ein Schraubenschlüssel, das ist genial, mein alter Kumpel Pudding ist ein Meister darin, ich glaube, er lebt nicht mehr, er läuft mir nicht mehr über den Weg, was ist bloß mit Pudding los.

Ich mag es, im Bus Platz zu nehmen und der Fahrer tut etwas, was ich lange nicht gehört habe: Er pfeift ein Lied. Er pfeift Volare, er pfeift es laut und vernehmlich, er pfeift die Sonne in den Bus. Nächste Station: Hoffnung.

Ich mag die Liebe zum Detail, ein zartes Hackebeil.

Ich mag Flure und Dielen, Flure und Dielen sind die Zwischenwelten jeder Wohnung, die Orte, an denen die Toten und die Lebenden jeder Familie um Mitternacht zusammenkommen und Pauke hauen.

Ich mag Schornsteine im tiefen Winter, aus denen weißer Rauch aufsteigt, als habe jedes Heim seinen eigenen Papst gewählt.

Ich mag Gott. Ich weiß nicht, ob Gott existiert. Ich glaube nicht. Aber ich hätte es gern. Ich fände es besser, wenn es Gott gibt. Ich würde mich für einen Mann entscheiden, als Gott. Ein Mann mit kanariengelber Fliege. Keine Frau. Oder nur eine vornehme Herzogin mit teurem Zobel und einem ungeduldigen Fingerschnippen, wenn es ihr drunten auf der Erde mal wieder zu trödelig vonstatten geht. Zu wenig schick. Ist Gott aber ein Mann, was ich vermute, dann ist Gott Österreicher – ein österreichischer Metzger, 47 Jahre alt, der sein Stammcafe hat und ein gewaltiges Methadonproblem am Hals, er nuschelt ein wenig wie alle Wiener. Keine große Sache. Gott eben.

Ich mag Österreicher

Ich mag es, wenn die Gräfin im Dunkeln zu mir ins Bett steigt und den Fleck vom Kopfkissen schnippen will, doch der Fleck erweist sich als hartnäckig, er lässt sich nicht fortwischen, es ist ein sehr heller Fleck, natürlich! es ist das Mondlicht.

Ich mag es, der Gräfin eine Riesenextratüte Ungarische Chips mitzubringen, wenn sie ihre Tage hat, Darling, deine Periodenkartoffeln, welche Frau würde das nicht mögen.

Ich mag es, wenn plötzlich etwas passiert, wofür man gar nichts kann, das ist schön.

Ich mag Menschen, dieses kurze Winseln im All.

Ich mag Magie, manchmal merke ich nichts davon.

Ich mag mein Zuhause. Männer sind immer nur so gut wie ihr Zuhause. Auch unterwegs im Zelt.

An kalten Wintertagen mit einem halben Meter Neuschnee, wenn das Erdgas aus Kasachstan in den Heizkörpern weht, mag ich es drinzubleiben. Wenn Kondensstreifen kreuz und quer am eisigblauen Himmel stehen, wie Sirtaki tanzende, aus den Händen gefallene weiße Schreibstifte.

Ich mag Gedanken, die sich im ganzen Körper verteilen wie tausend kleine Vagabunden.

Ich mag Menschen, die den Eindruck vermitteln, die Ruhe der ganzen Welt mache sich in ihnen breit.

Ich mag es, wenn die Gräfin beim Spaziergang am heiligen Sonntag einmal mehr im Mittelpunkt meiner Öffentlichkeit steht und ich das Notizbuch so oft zücke, dass wir in zwanzig Minuten nicht einen Meter vorankommen, weil sie stets einen neuen schönen Satz erfindet, den ich mir nicht entgehen lassen kann.

Ich mag es, mitten in der Nacht die Brille aufzusetzen, damit ich auch was zu sehen kriege in meinem Traum und nicht jemanden grüße, den ich gar nicht kenne, womöglich.

Ich mag Tage, an denen ich an mir herunterschaue und denke, Junge, hast du große Hände heute.

An den Hundstagen mag ich Schlagzeilen wie diese:

Ich mag Männer im Unterhemd, die sind stets auf dem Sprung.

Ich mag Deutschland, dieses ständige und hastige Brutzeln nicht ausgelebter Gefühle, nicht so sehr. Dafür alte Propellerflugzeuge, die in dreihundert Metern Höhe träge ihre Runden drehen, weil es keinen Klang gibt, der die Hitze eines späten Sommernachmittags besser ausdrücken könnte.

Ich mag die Tatsache, dass einem die wichtigsten Dinge im Leben stets erst dann klar werden, wenn man sie beiläufig erwähnt.

Den ganzen Tag vor sich hinsummen, als habe man eine gut bestückte original Wurlitzer-Musikbox verschluckt – kann gut sein, muss aber nicht. Eine Innenstadt-Taube, die beschwipst durch die Fußgängeroase torkelt wie eine Weinkönigin, knorke. Schummrige Wangen kriegen, nur weil man dieses eine Wort hört, Marrakesch, das hat Klasse. Oder Ohio.

Gut finde ich auch die Einsamkeit, mit der manche Leute Dinge tun, die andere Leute nicht tun. Zum Beispiel: Heimlich ne Wolke essen. Macht satt, sieht gut aus.

Ich mag die Idee, dass das Leben eingeschnappt ist, wenn es nicht gehuldigt wird.

Ich mag es, den Instrumental-Einstieg von Come Together der Beatles nachzuahmen, indem man eine unter Stress stehende Flasche Coca Cola mehrfach köpft.

Ich mag sogar, wenn einem mitten im Pfiff die Luft ausgeht und man noch einmal ansetzen muss, weil einem danach vielleicht der Pfiff der Jahrhunderte gelingt, kann doch sein, wer weiß das schon. Ich versuch es mal.

Ich mag es, das Notizbuch eng am Mann zu führen wie in der Jugend den Lederball.

Auch Sachen, die die Gräfin sagt, finde ich nicht schlecht. Sie hat keine Angst vor der Zukunft, sagt sie. Auch nicht vor der Gegenwart. “Ich hab Angst vor meiner Vergangenheit.” Ich schreibe den Satz auf. Es sind drei Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Ich frage sie nicht. Sie hat es schon mehrfach gesagt. Lassen wie es doch so stehen.

Ich mag das Bild „Frauenzimmer“ von Sanne

Außerdem mag ich: Doppelpunkte. Ein Doppelpunkt hat etwas Militärisches, hat etwas von Krieg, STILL GESTANDEN! Das ist manchmal nötig.

Ich mag Mütter, denen klar geworden ist, dass sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben, doch was sollen sie tun, die Pille für Jahre danach ist nicht in Sicht.

Ich mag es, wenn jemand ein Schoss raus hat, die Parterre und die zweite Etage incl. Sonnen-Loggia, es hängt alles reichlich im Wind.

Ich mag Geschichten vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus, das muss ich nicht erwähnen.

Ich mag die ewige Suche nach dem angenehmsten Zustand, keine Frage, denn das Optimum sollte es schon sein, was soll es denn sonst.

Ich mag es, aus dem Schatz zu schöpfen, ohne ihn ganz und gar zu heben.

Ich mag die Rückkehr der Ohrfeige und den Trommelwirbel in Hound Dog von Presley, ich mag guten alten Rock’n Roll. Ich mag schon seit langer Zeit Curtis Mayfields People get ready in diversen Versionen und bin stolz darauf, dass es die Urversion der Impressions auf Rang 24 der 500 Greatest Songs of All Time geschafft hat, gewählt vom Rolling Stone.

Ich mag es den Hund im Wald auszutricksen, indem ich einen Stöckchenwurf nach links antäusche, den Übersteiger bringe, in falschen Zungen rede, mein Cape aus knusprig gebratener Hühnchenhaut anlege und dann vergesse, was ich dem Hund damit eigentlich sagen wollte.

Was ich nicht mag, sind Tage, an denen man an allem etwas auszusetzen und zu nörgeln hat, selbst aber den allergrößten Mist baut. Wenn man nichts gebacken kriegt und dann noch einen draufsetzt. Wenn das ganze Leben mal wieder nur aus Warten zu bestehen scheint und ich trotzdem zu spät zu jedem Termin erscheine. Wenn mir plötzlich schwarz wird vor Augen und ich seh überall Sternchen, Lichtschiffchen, fix abzappelnde Elektro-Stichlinge, obwohl.. so gesehen, find ich eigentlich auch nicht schlecht.

Ich mag Hunde.

Außerdem mag ich es, so lange wie möglich zu existieren, ohne durchzudrehen.

Arbeit war ein fremdes Wort *

Arbeit? Tz. Ich verbrachte die Zeit lieber mit Einladungen zum Sektfrühstück und traf mich mit Damen der Gesellschaft. Eine war gerade aus der Haft entlassen worden, sie war spitz wie Nachbars Lumpi. Dagegen war an sich nichts einzuwenden. Das Problem: Sie hatte eindeutig zu viel Speck auf den Hüften und trug diese große eckige Brille, die mich an meinen alten Physiklehrer erinnerte, der mich ständig an die Tafel gerufen hatte, obwohl er nur zu genau wusste, wie ahnungslos ich war. Das machte mich skeptisch, aber es gibt ein altbewährtes Mittel gegen Skepsis: trinken. Sie stand am Tresen, sie war gut drauf, sie kam mit zu mir.

Ich wohnte damals auf der Schillerstrasse. Die Bude, in der den ganzen Sommer über das Fenster offenstand und die Freunde nach Lust und Laune reingeklettert kamen.

„Moment noch“, sagte ich zum Taxifahrer. „Ich muss eben rein, Geld holen.“
„Lass mal, ich mach das schon“, meinte sie.

Auch drinnen machten wir nicht viel Federlesen. Wir liessen den ganzen Kram sein, vonwegen möchtest du was trinken, wo ist das Scheißhaus, und legten sofort los. Es war nicht mal übel. Es war absolut okay. Nach 24 Monaten Gefängnis ohne Entlassung auf zwei Drittel war sie ausgehungert und bestrebt, all ihre Phantasien umzusetzen, die in der kargen Einzelzelle aufgelaufen waren. Ich fühlte mich fast ein bißchen benutzt. Aber auch nur fast, und nicht mal ein bißchen. Jedenfalls, ich konnte mich nicht erinnern, jemals so pompös einen geblasen gekriegt zu haben, mit allem Pipapo.

„Ich könnte dir stundenlang zugucken“, sagte ich, und sie grinste wissend.

Am nächsten Abend stand sie wieder am Tresen. Erst war mir das überhaupt nicht recht, ich grüßte sie nur mit einem Kopfnicken. Ich hatte keine Lust auf eine Laison mit jemand, der mich an meinen verhassten Physiklehrer erinnerte, doch als um drei Uhr die Glocke zur Sperrstunde läutete, stolperten wir gemeinsam rüber zum Taxistand. Diesmal löhnte ich.

Nach dieser zweiten Nacht dauerte es zehn Jahre, bis sie mir wieder über den Weg lief. Ich war unterwegs zum Nachtdienst im Hotel. Erst erkannte ich sie kaum, wie sie da die Kölner Strasse überquerte, so sehr hatte sie sich verändert. Sie hatte enorm abgenommen, trug todschicke Lederstiefel und einen Blazer, dazu eine Designersonnenbrille, die ihr gut stand. Sie sah zehn Jahre jünger aus als zehn Jahre zuvor. Das machte insgesamt zwanzig Jahre. Wir grinsten verlegen. Die Bilder von früher stiegen auf, wie Dämpfe aus der Mangelstube. Niemand sagte ein Wort. Ach doch. Ich.

Ich sagte: Na?

*

Für meinen Freund Airen zu seinem 30. Geburtstag

Ja klar, ich hab das schon mal gesagt, aber manche Dinge kann man gar nicht oft genug

Alles, was auf der Erde lebt, ist Natur, ohne Ausnahme. Hört sich simpel an, ist es auch. Dabei macht der Mensch dauernd Unterschiede. Schon die Unterscheidung zwischen Urwald und von Menschenhand kultiviertem Wald führt in die Irre. Als wäre das, was Menschen mit ihren Händen und Gehirnen anstellen, keine Natur. Alles, was Menschen bauen, denken, erfinden ist Natur, weil der Mensch selbst Natur ist, genauso wie alles Natur ist, was Tiere und Pflanzen tun. Ein von Menschenhand geschaffenes Beton- und Stahlmonster wie New York ist Natur, Plastiktüten vom Supermarkt, Kernkraft, Lourdes – alles Natur. Von uns gemacht, auf der Erde gemacht. Wir stecken alle unter einer Decke. Es ist alles ein einziges großes Naturschauspiel, ihr ollen Buckelzirpen.

„Aber ja! Natürlich!“

Dieses Geräusch, wenn man sich zusammenreisst

In Zukunft, wenn der Wald exklusiv aus Aluminium besteht, schöne Scheiße.

*

Sie hat ein neues leichtes großes Kopfkissen, wenn sie da reinsinkt, hat sie immer das Gefühl, adieu zu sagen.

*

Wenn ein Mann von sich spricht, meint er stets den 25jährigen Kerl, voll im Saft, auf Abenteuer aus, egal, wie er alt er gerade wirklich ist.

Eine Frau dagegen spricht von sich immer in all ihrer Aktualität.

*

Die Erde ist rund,

die Sterne weit,

Hauptsache gesund,

oder breit.

*

Dass ich gewisse Dinge in meiner unmittelbaren Umgebung einfach nicht wahrnehme, darüber hat sie sich einmal trefflich mokiert.

„Dir muss man schon kleine Bildschirme um die Dinge herumbasteln, damit du sie mitkriegst.“

Ein sehr männliches Verhalten, sicher, das aber den unschlagbaren Vorteil hat, dass mich gewisse Sachen gar nicht erst belasten.

Anderes dagegen blase ich zur gewaltigen Fassbierindustrie auf.

*

Da ist es wieder. Dieses Geräusch, wenn man sich zusammenreißt.

*

Ich mag Sambamusik, ehrlich, gefällt mir, aber spätestens nach drei Nummern im Stil von Girl from Ipanema wünsche ich mir, dass jemand eine etliche vierzehn Tage benutzte Slipeinlage dazwischenwirft.

*

Seien wir doch mal ehrlich. Hinter der miserablen schulischen Ausbildung unserer Kinder stehen handfeste Eigeninteressen. Wir halten nachwachsende Generationen bewusst doof, damit es später genug Sozialfälle gibt, die uns im Pflegeheim für ein paar Euro im Monat die Scheisse vom Hintern kratzen.

*

Mit Fernsehen bin ich groß geworden, mit Internet werde ich alt und wieder klein.

*

Eine Zeitlang wunderte ich mich, wie selbstverständlich die Leute heutzutage auf der Strasse Selbstgespräche führen, bis ich dahinter kam, dass sie beim Telefonieren eine Freisprecheinrichtung benutzen.

Schade.

*

Sie macht sich gerne darüber lustig, dass ich auf der Stelle wegpenne, sobald ich abends vorm Fernseher liege. Dabei schlafe ich gar nicht, ich blinzle mit den Augenlidern, so wie jeder andere Mensch auch, nur mit dem Unterschied, dass zwischen zwei Blinzelbewegungen meine Augen acht Stunden am Stück geschlossen bleiben.

*

Wenn allgemein anerkannt ist, dass Hunde Depressionen kennen, kann auch ein lockerer Vogel mal einen schlechten Tag haben und voll in den Kaktus springen.

Die Bresche, Susanne Eggert, 2009