„Unser Türkenhaus brennt!“ 20 Jahre danach: Der Brandanschlag von Solingen

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29. Mai 93, Pfingstsamstag

Seit Tagen ist es so heiß und stickig, wenn ich um halb acht vom Nachtdienst nach Hause komme und mich hinlege, bin ich keine zwei Stunden später wieder wach und starre wie gerädert zur Decke. Nachtdienst und hohe Luftfeuchtigkeit machen mir zu schaffen. Ich sehne mich nach Schlaf. Nach Erholung. Nach einem Traum.

Mittags klopft es ans Fenster. So laut und so fordernd klopft nur mein Bruder ans Fenster. Da brauche ich gar nicht erst durch die roten Lamellen der Jalousie zu spinksen. Er steht mit den Fingern praktisch am Bett und zerrt an mir.

„He, Bruder..! Aufmachen!“

„Moment!“ Genervt steh ich auf und öffne das Fenster. „Was ist?“

„Mach mal die Tür auf..“

Dass irgendwas im Busch ist, sehe ich seinen Augen an. Sie sind zu Schlitzen zusammengezogen, wie graue kleine Briefeinwürfe für schlechte Nachrichten„Am Bärenloch hat es heut Nacht gebrannt. Es gibt vier oder fünf Tote.. alles Türken.“

„Was..?“ Die grelle Mittagssonne beißt in den Augen, ich kapiere nicht. „Wie, alles Türken..?“

„Die Toten! Am Bärenloch ist ein Haus abgebrannt.. Schalt das Radio ein. Alles ist in Bewegung, die ganze Stadt vibriert. Los, mach hin..“

Am Bärenloch..?! Ich öffne die Haustür und lasse ihn rein, und während ich mich anziehe, erzählt er, was los ist. Was er gehört hat. Viel ist es nicht. Eigentlich nur das, was auch das Radio bringt. Ein Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus. Mehrere Menschen verletzt, es gibt Tote.

Beim Zubinden der Schuhe fällt der Groschen. Mitten in der Nacht, als ich im Turmhotel vorm Fernseher saß und eine alte Kojak-Folge schaute, waren plötzlich jede Menge Sirenen zu hören, ein endloser Mahlstrom aus Polizei, Feuerwehr und Notarzt.

„Da war richtig Alarm, nachts um zwei.“

An sich nichts besonderes. In schwülen Sommernächten, zumal bei Vollmond und an langen Wochenenden, sind Feuerwehr und Notarzt im Dauereinsatz. Die Leute sind besoffen und hauen sich gegenseitig aufs Maul, oder sie kippen von ganz allein um, weil der Kreislauf schlappmacht und bluten aus der Nase. Also bin ich erstmal sitzen geblieben im Chefsessel vorm Kabelfernseher und hab weiter ferngesehen, Lieutenant Theo Kojak, “entzückend, Baby..!”

Ich hatte ja keine Ahnung.

Im Park laufen uns die Gräfin und Daisy in die Arme, bepackt mit Tragetaschen und Plastiktüten.

„Schau an, die Herrschaften“, stöhnt die Gräfin genervt, „könnt ihr gleich mal anfassen und..“

„Am Bärenloch hat’s gebrannt“, unterbreche ich sie und nehme ihr einen Teil der Einkäufe ab, „es soll fünf Tote gegeben haben.“

„Was??!“

„Ja, fünf Türken“, sagt mein Bruder, fast schon missmutig. „Oder vier.“

„Wir haben auch was gehört, oben im Laden, aber da war von Brandstiftung die Rede“, meint Daisy blass, „nicht von Toten..“

„Das waren die Nazis“, ist die Gräfin sich sicher.

Wir bringen die Einkäufe rein und machen uns auf die Socken Richtung Nordstadt.

„Ausgerechnet am Bärenloch“, sagt mein Bruder.

In der Gegend ist unser Vater aufgewachsen, wir Kinder sind mit seinen Erzählungen vom Bärenloch groß geworden. Was er vom Bärenloch erzählte, einer Wildnis voll mit Brombeerbüschen und Baumbuden, klang in unseren Ohren wie Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Es hatte einen fernen dunklen Zauber und war von kindlicher Zärtlichkeit durchdrungen, aber immer auch ein wenig gefährlich.

Vaters Kindheit trug schon früh die Armbinde der Hitlerjugend, er war noch klein gewesen, als die Nazis die Macht ergriffen, der beginnende 2. Weltkrieg lugte schon um die Ecke. Dennoch war das Bärenloch für uns Kinder stets gleichbedeutend mit Romantik, und nicht mit Fremdenhass und brennenden Fachwerkhäusern.

Leute begegnen uns, die von einer ersten spontanen Demonstration aufgebrachter Türken am Schlagbaum berichten, einer Sitzblockade. Wir ziehen die steile Schlachthofstraße hinauf. Ein großes düsteres Gemurmel liegt über der Nordstadt, das je lauter und bedrohlicher anschwillt, je näher wir dem Bärenloch kommen. Wir sind träge und verschwitzt. Die Sonne drückt. Die hohe Luftfeuchtigkeit ist wie Schweinebauch, der beständig auf den Grill tropft. Man hört es zischen, das tropfende Fett.

Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Fünf tote Menschen, mitten unter uns, und die Anschläge von Mölln und Rostock liegen nicht weit zurück.

„Die Nordstadt ist fest in türkischer Hand“, sagt mein Bruder, „Wenn das wirklich Brandstiftung war und die Täter Neonazis, dann geht hier die Post ab. Das ist ein Wespennest.“

„Stimmt“, meint auch die Gräfin. „Da wohnt ein Haufen Grauer Wölfe. Die lauern nur auf eine Gelegenheit, es den Deutschen zu geben. Den Deutschen und den linken Türken. Jede Wette, die Wölfe sitzen schon im Hinterzimmer der Moscheen und basteln Mollis.“

Sie war eine Weile mit einem in Deutschland geborenen Alleviten zusammen, der Probleme mit den Grauen Wölfen hatte. Sie kennt sich in einer Szene aus, die Deutschen normalerweise verschlossen bleibt.

„Für die Grauen Wölfe sind tote Türken in Solingen ein gefundenes Fressen. Da können sie den Deutschen endlich aufs Maul hauen. Das sind Faschos. Die hassen Deutschland, die hassen unsere ganze Demokratie. Die sind nur hier, weil sie in der Türkei gesucht werden.“

„Das sind doch nicht alles Graue Wölfe“, wendet Daisy ein, bleich und außer Puste. Sie wohnt in unserer Nachbarschaft.

„Natürlich nicht. Aber die heizen die Stimmung an. Und wenn es dann knallt, dann richtig.“

Am Schlagbaum biegen wir in die Kuller Strasse ein, von da aus ist es nicht weit bis zum Bärenloch, das mittlerweile ein großzügig angelegter Park ist. Von überallher strömen Menschen zum Tatort, Hubschrauber knattern heran. Das abgefackelte rußige Fachwerkhaus taucht unvermittelt auf, an der Unteren Wernerstraße. Wie ein  Gespenst reckt sich die Ruine in den Himmel, inmitten benachbarter Häuser, die nichts abbekommen haben und so intakt und adrett dastehen, als könnten sie selbst nicht glauben, was in ihrer Mitte geschehen ist. In ihrer Mitte, in unserem Namen.

Die Sicht auf die Ruine wird von aberhundert Menschen versperrt, nur der Dachstuhl ist aus jeder Position gut zu erkennen, ein Gerippe aus verkohlten Balken. In den oberen Fensterkreuzen wehen Blumensträuße, darüber eine rote Flagge, der türkische Halbmond. Es stinkt verbrannt. Ein Geruch, der mich an die Kindheit erinnert, wenn nach einem langen Sommer die Kohleöfen in Gang gebracht wurden und schwarzer Rauch aus den Schornsteinen stieg.

Überall bekannte Gesichter. Man nickt sich betreten zu. Ausgerechnet Solingen, wa?

Ausgerechnet Solingen. Ja. Nicht zu fassen.

Ekki, mein immer cooler Ex-Trainer vom RSV, kommt auf mich zu und umarmt mich, ohne ein Wort zu sagen. Er hat Tränen in den Augen. Jetzt bin ich tatsächlich fassungslos. Ich fühle mich merkwürdig hartherzig, weil ich keine Tränen habe. Doch wie kann ich weinen, wenn ich nicht verstehe. Ich kapiere überhaupt nicht richtig, was los ist. Wieso.. hier bei uns?

Ein Bundesgrenzschutz-Hubschrauber donnert so niedrig über die Minute für Minute anwachsende Menge hinweg, dass die Menschen sich unwillkürlich wegducken und so klein wie möglich machen, bis der Helikopter endlich abdreht und überm weitläufigen Bärenloch zur Landung ansetzt.

„Da sitzt der Seiters drin!“ ruft jemand gereizt. Es klingt fast, als käme der Teufel persönlich, um nachzuschauen, ob auch wirklich die bestellte Arbeit abgeliefert wurde. Im Hintergrund ertönt ein Wehklagen, ein vereinzelter arabischer Singsang, eine Litanei, die sich nicht lokalisieren läßt.

Ich hab Gänsehaut.

Wir drängeln uns durch bis zum Haus, kommen endlich zum Stehen vor einer Absperrung. Niemand sagt etwas. Ab sofort wird dieses Stück Erde geweiht sein, prophezeie ich der Gräfin und meinem Bruder. Das wird ein Wallfahrtsort. Auf dem Grundstück sind Wäscheleinen gespannt, an denen noch Kleider und Kinderunterhosen hängen, weiße Hemden, ein Stofftier, ein Strampelanzug. Jemand hat ein Hakenkreuz in den Sand gezogen, mit den Schuhen. Es ist spiegelverkehrt.

Die Toten sind zwei kleine Kinder und drei Frauen einer türkischen Großfamilie. Die Feuerwehr sei zu spät eingetroffen, hört man, und habe wegen der vielen parkenden Autos an der Unteren Wernerstrasse Schwierigkeiten gehabt, die Drehleiter auszufahren. So sei wertvolle Zeit verstrichen. Ein Kleinkind soll aus dem zweiten Stock aufs Pflaster geknallt sein, weil es das Sprungtuch verfehlt habe. Es heisst, die junge Mutter habe oben im brennenden Fenster gestanden und das Kind in Panik fallen gelassen. Ein weiterer junger Türke liegt angeblich im Koma, die Haut zu zwei Dritteln verbrannt.

Die Gräfin macht mich auf beschriftete Einmachgläser aufmerksam, neben dem von rot-weissen Absperrbändern gesicherten Hauseingang. Die Gläser stehen auf einem kleinen Betonsockel. Teppich-Probe Eingangsbereich, entziffert sie eins der Etiketten. Probe Fußmatte. Labor.

„Das Haus hat gebrannt wie eine Fackel“, spricht ein Anwohner in ein orangefarbenes ZDF-Mikrofon. Er ist umringt von Presseleuten mit Notizbüchern und Diktiergeräten. „Die Schreie haben mich geweckt. Wann das war? Das war gegen.. na, halb zwei. Eine Frau hat ein kleines Kind im Arm gehalten und stand im brennenden Fenster.. ja.. ein kleines Kind. Dann ist sie gesprungen. Da vorn schlug sie auf, auf dem Beton.. ja.. da vorn..“

„..ja.. da war die Feuerwehr schon da, aber die haben.. nein, so schnell nicht..“

„.. so schnell konnten sie das Sprungtuch nicht aufspannen..“

Innenminister Seiters taucht auf, mit Gefolge. Er wird mit schrillem Pfeifkonzert und Buhrufen empfangen. „Who the fuck is Seiters?“ spottet mein Bruder. „Kohl müsste hier sein. Aber der taucht ja ab, wenn’s brenzlig wird.“

Als die Pfiffe abgeklungen sind, stellt sich der Minister der Presse. Er spricht von einer Schande für Deutschland und der ganzen Härte des Gesetzes, die die Täter zu spüren bekommen würden. Tatsächlich wurden in der Nacht Skinheads beobachtet. Mal sind es drei, mal nur einer, mal eine ganze Gang. Doch wie viele es auch immer es waren, in jeder Version, in jeder Zeugenaussage flüchten die Täter Hals über Kopf in Richtung Bärenloch, sobald das Feuer ausgebrochen ist. Als wären sie selbst überrascht gewesen, wie lichterloh so ein Haus brennt, wenn man es anzündet.

Die Rede ist von vier stadtteilbekannten Skins. Einer soll gerade mal sechzehn sein und hier auf der Unteren Wernerstrasse wohnen,  im Nachbarhaus.

„Vier Skinheads? So viele Skinheads gibt’s hier doch gar nicht“, sag ich.

„Was..? In ganz Solingen keine vier Skinheads?“ zieht mein Bruder die Augenbrauen hoch. „Hast du das Zählen verlernt?“

„Quatsch. Ich mein nur, hier gibt’s keine echte rechte Szene.“

„Aha.. Nur weil man kaum Kids in Springerstiefeln durch die Gegend rennen sieht, SS-Runen auf den rasierten Schädel?!“

Ich geb mich geschlagen. Immer mehr Auswärtige fluten die Gegend rund ums Bärenloch, hauptsächlich Türken und andere Südländer, zornige junge Männer, die eine Arena betreten. Ihre Arena. Sie kommen von überall her, die Autokennzeichen verraten es. Bochum, Duisburg, Dortmund. Der ganze Westen ist verteten. Aufruhr liegt in der Luft.

„Ich krieg es mit der Angst“, meint die Gräfin. „Die Jungs haben in der Höhle des Löwen gezündelt. Die können froh sein, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Die werden gelyncht, wenn die Türken sie in die Finger kriegen.“

Sie will nach Hause. Sie mag keine Gewalt, erst recht keine, die in der Luft liegt und der man noch entrinnen kann. Daisy und die Gräfin nehmen ein Taxi, während mein Bruder und ich am Bärenloch bleiben.

„Passt auf euch auf.“

Die Sorge ist nicht unberechtigt. Noch am Abend knallt es zum ersten Mal. Ich gerate in eine Situation, wo mich ein aus dem Nichts heranfliegender Stein nur um Haaresbreite verfehlt. Als ich mich umdrehe, im Laufen, beobachte ich einen Heckenschützen im dunklen Hauseingang, der mit einer Zwille auf mich zielt. Ich weiss bis heute nicht, was das sollte. Wieso ich das Ziel sein sollte.

Doch eins liegt bereits auf der Hand, wo der Anschlag gerade mal zwölf Stunden alt ist: Solingen ist kein Kaff wie das niedersächsische Mölln, wo Neonazis ebenfalls ein von Türken bewohntes Haus ansteckten, und Solingen ist auch nicht Rostock-Lichtenhagen, wo vietnamesische Asylbewerber auf der Flucht vor dem Mob fast gesteinigt wurden, wo es ansonsten aber so gut wie keine Ausländer gibt, die nach Vergeltung gieren.

Solingen ist anders.

Zusammen mit dem angrenzenden Ruhrgebiet und dem Köln-Düsseldorfer Raum ist die Stadt ein Schmelztiegel mit Hunderttausenden von Türken, die einen Mordanschlag auf ihre Landsleute nicht einfach hinnehmen, die Gerechtigkeit fordern, die Rache schwören, die Steine aus dem Pflaster reissen und Lynchjustiz suchen.

Der Gedanke ist kaum da, schon beginnt an der sechsspurigen Verkehrskreuzung am Schlagbaum die erste Sitzblockade. Erst sind es bloß ein paar versprengte Gestalten, die sich auf dem glühenden Asphalt niederlassen, schnell sind es Hunderte, trotz der beissenden Hitze. Autoreifen werden wie aus dem Nichts herangerollt, übereinander getürmt und angezündet, Matratzen aus dem nahen Bettenmarkt in Brand gesteckt.

Der Schlagbaum lodert am hellichten Tag. Es ist ein hasserfülltes und nach Gummi stinkendes, mächtiges Spekatakel, ein weithin sichtbares Lagerfeuer.

Zwei Spuren Richtung Innenstadt werden von Demonstranten auf eigene Faust abgesperrt. Richtung Südstadt geht gar nichts mehr. Polizei läßt sich nicht blicken, nicht ein einziger Streifenwagen ist zu sehen. Die wenigen Autos, die nicht in der Schlange stehen und abwarten, kurven vorsichtig um die Blockierer herum, in Schrittgeschwindigkeit. Niemand murrt, es gibt kein Gehupe, ziviler Gehorsam überall, schon im eigenen Interesse. Alle ahnen, dass nur ein einziger winziger Funke fehlt, und die nächste Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Am späten Nachmittag, ein bisschen Polizei ist dann doch aufmarschiert, beruhigt sich die Lage, und die Solinger Lokalpresse lässt kostenlos ein Extra-Blatt verteilen:

MIT KIND IM ARM IN DEN TOD GESTÜRZT

Ein spontaner Trauermarsch bewegt sich zum Bärenloch, flankiert von Kolonnen türkischer Taxifahrer aus Duisburg und Bochum, die stolz und aufsässig zugleich Einzug gehalten haben. Zum Schluss sind es über zehntausend Bürger, die schweigend Richtung Tatort marschieren. Noch nie habe ich in den Straßen der Stadt auch nur annähernd so viele Menschen gesehen. Es ist, als habe erst die Tat dafür gesorgt, dass eine Stadt plötzlich ihre Stimme findet. Auch wenn es vermutlich nur der Schock ist, der die Leute auf die Strasse treibt, die pure Ohnmacht. Immerhin, die Stadt zeigt Gesicht.

Sprechchöre flammen auf in türkischer Sprache, ebben ab, fluten wieder an, wütend, scheitern. Niemand weiß, wohin mit seinem Zorn und seiner Trauer. Ein bisschen die Strasse rauf und runter spazieren, soll es das gewesen sein? Die Atmosphäre ist seltsam heiß und morbide, und hat doch etwas zartes.

Dass es ausgerechnet am Bärenloch passiert ist, wo mein Vater in den 30er Jahren aufwuchs, zu einer Zeit, als das Bärenloch ginster- und brombeerüberwucherte Wildnis und grosse Freiheit war, macht sowohl mich als auch meinen Bruder ratlos. Wir können es nicht einordnen. Das Bärenloch ist von den unzähligen Geschichten unseres Vaters geprägt, es ist das verlorene Paradies seiner Kindheit, und damit auch unseres, auf immer und ewig.

Und jetzt das hier.

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