Heroin. Ein Frontbericht

Der Versuch, für den Rest des Lebens stoned zu bleiben, war nach hinten losgegangen.

“Mann, dass du so dämlich bist, hätte ich nicht gedacht..!”

Es war meine Schwester, die so aufrichtig reagierte und es kaum glauben wollte, als ich ihr meine Heroinsucht beichtete. Und obwohl Sucht mit dämlich oder nicht dämlich relativ wenig zu tun hat, musste ich lachen. Sie hatte ja recht. Ich war nicht naive siebzehn gewesen, als ich mit Heroin zu experimentieren begann, (mit Siebzehn war Kiffen meine Dienstmarke), sondern Ende Zwanzig, und da weiß man eigentlich, was man tut. Da kennt man das Dorf, in dem man sich bewegt.
Sein Pappenheim.

Ich war überrascht, dass sie überrascht war. Dass sie bis zu diesem Moment offenbar nichts von meiner Sucht bemerkt hatte. Es musste sie doch stutzig gemacht haben, wie schlecht ich aussah, wenn wir uns im Kreis der Familie begegneten: fahle Haut, Mundwinkel im Keller, verkniffener Blick. Heroin und Gesichtszüge, auf Dauer eine tragische Liaison. Resultat: ein alter Hund, den man hinterm Ofen hervor zerrt. Kriegt der arme Kerl das falsche zu fressen?

Selbst meine Mutter hatte mich eines Tages, wir standen auf dem Balkon, auf den Kopf zu gefragt, “sag mal, nimmst du Heroin?” Ihre unerwartete Direktheit machte mich so perplex, dass ich es glaubhaft abstreiten konnte, Heroin zu nehmen, und sie hat mich danach nie wieder darauf angesprochen. Dabei war ich in diesem Augenblick lediglich konsterniert, mit welcher Hellsichtigkeit sie erkannt hatte, dass ich weder harten Schnaps, Kokain oder irgendwelche Psychopillen konsumierte, sondern Heroin. Schore. Material.

Golden Brown.

Wir betraten ein überfülltes spanisches Lokal am Grünewald und mussten auf einen freien Tisch warten, meine Schwester, ihr Mann, die Gräfin und ich. Ich hatte schon einiges an Bier und warme Osborne intus. Irgendwann war ein Tisch frei, und die Zeit reif für eine Heroinbeichte. Meine Schwester brach in Tränen aus, als ich ihr von dieser Desasternacht erzählte, wo ich im besoffenen Kopf zu viel Pulver geschnupft hatte und in Karlos’ Wagen bewusstlos weggesackt und beinah verlorengegangen war, auf dem Weg ins Klinikum. Es waren zornige aufgebrachte Tränen.

Für die Abhängigkeit von Drogen gibt es im Holländischen den Begriff Versklavung. Die Versklavung beginnt streng genommen mit dem Zeitpunkt der Geburt, wenn man brutal dem Fruchtwasser entrissen wird, Mutters Schutzzone, in der es behaglich warm gewesen war. Eine typisch männliche, kitschige Vorstellung, und dennoch: Das erste Mal Heroin gleicht nicht weniger als der Rückkehr in den Mutterschoß. Man wird mit Jubelchören im Blut und Tschingderassabum geködert, einer Trommel, die tief im Leib wummert. Die Hitze des Opiats kriecht dir das Rückenmark hinauf und umfängt dich mit einem Gefühl von Tiefsee, von ewiger Plazenta.

Du fühlst dich angekommen, alles Suchen hat ein Ende. Es ist, als zöge die Brandwehr einen Ring Warmwasserschläuche um deinen Körper, ohne einen Fingerbreit auszusparen.

Es ist ein Gleiten, eine Tauchfahrt, ähnlich den Traumbildern, die mich schon als Kind sanft in den Schlaf brachten, wenn ich abends im Bett lag und mir vorstellte, ich würde in einem gläsernen Unterseeboot den Ozean durchpflügen, geschützt von Panzerglas, während um mich herum die prächtige Unterwasserwelt vorüberzog – tiefblau und warm und tonnenschwer und flockig.

In unseren Träumen und auf Opium kehren wir ins Universum zurück, leicht wie Kosmonauten, der Ewigkeit entgegen.

Die Gräfin verfolgt in ihren Exkursionen zum Thema Heroin einen ähnlichen Ansatz. Ihrer Auffassung nach wollen Heroinabhängige gar nicht erst geboren werden.

„Mit ihrer Sucht rächen sie nur ihre Geburt.“

Mitte der Neunzigerjahre hatte ich eine neue Stammdealerin, die Unke. Selbst in der Szene war sie kaum bekannt. Sie belieferte exakt drei Kunden, damit kein Gerede aufkommen konnte. Da sie einem regulären Büro-Job nachging, empfing sie uns erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei.

Sie wohnte im zweiten Stock eines Mietshauses im Stadtzentrum. Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs in Shorts auf ihrer Couch und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage die Bestellungen ab. Sie hatte stämmige, ungeheuer weiße Schenkel, und in der Wohnung hing der schwere süßliche Geruch von zu viel Patschuli.

In ihren erlauchten Kundenkreis war ich gerutscht, nachdem sich ex-Kunde Nummer 3 für vierundzwanzig Monate in den Bau verabschiedete. Man hatte ihn aufgrund irgendwelcher Aussagen verknackt, die andere Süchtige in U-Haft gemacht hatten. Es war immer das gleiche Spielchen, aber ein Spielchen, an dessen Ende ein Suchtkranker ins Gefängnis wanderte. Auf dem Präsidium ließ man die Junkies so lange ohne den gewohnten Stoff zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie jedes belastende Papier unterschrieben, das man ihnen vorlegte – wenn man ihnen nur etwas gegen die Entzugserscheinungen versprach.

Heroin war Krieg an allen Fronten. Jeder Junkie führte einen privaten Weltkrieg gegen sich selbst, der Staat führte Krieg gegen die Süchtigen. Was bei jedem anderen Delikt kaum zur Eröffnung eines Strafverfahrens geschweige denn zu einer Verurteilung gereicht hätte, wurde bei Rauschgift abgesegnet. Es wurde alles abgenickt, alles ging durch, die lächerlichsten Beschuldigungen, bloß weil so viele vom Elend der Junkies profitierten. Die Kette der Profiteure war eine Kette ohne Ende, und niemand lehnte sich dagegen auf, die Junkies zuallerletzt, sie steckten ständig in der Scheiße und hatten keinerlei Lobby.

Junkies versorgten ein ganzes Füllhorn aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienten, desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern, Psychologen, Bewährungshelfern und Ärzten, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtsmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten, Ladendetektiven und Berufs-Mafiosi. Jeder wollte ein Stück abhaben vom Junkie, der in der Regel nichts anders tat, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür steckte man ihn am Ende in eine Zelle. Es war beschämend. Es war zum Kotzen.

Die Preise für illegales schmutziges Straßenheroin blieben so hoch, weil der Staat sich anmaßte, die eine Droge dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen war. Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin mit einem Reinheitsgehalt von 10 Prozent kostete auf der Strasse 100 Mark, das heißt, neunzig Prozent von dem Stoff, den man ankaufte, waren nichts als Steckmittel. Für die Süchtigen war es ein ständiges Vabanquespiel mit der Intensivstation. Ein Gramm sauberes, vom Staat lizenziertes Heroin hätte fünf Mark gekostet, vielleicht zehn Mark, und dabei wäre jeder Zwischenhändler immer noch auf seinen Schnitt gekommen. Aber Junkies hatten keine Lobby, es kümmerte niemanden, was mit ihnen geschah. Junkies kümmerten sich nicht mal um sich selbst, und sie steckten ständig in der Scheiße.

Kunde Nummer 3 war weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer die neue Nummer 3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt.

“Hat einer ne Idee?”

Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mitch, gelernter Werkzeugmacher, hatte riesige Pranken, mit denen er in den späten Siebzigern zum inoffiziellen Flipper-König der Stadt aufgestiegen war. Zwanzig Jahre später war er schwer alkohol- und heroinabhängig, und er ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es mussten ordentlichen Schinken sein, Fantasy-Romane nicht unter 700 Seiten. Die Exemplare waren komplett zerlesen und voller Eselsohren, die Cover faltig, eingerissen, doch für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Er legte lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurück. Genau genommen war Mitch heroin,- alkohol- und lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman, Alter.”

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger Junge mit krausen Haaren, ein ex-Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht und wurde immer sonderbarer. Zuletzt war er davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, er konnte nachts nicht schlafen und glaubte den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören. Schon beim fernsten Getrappel im Hausflur zitterte er am ganzen Leib und schmiss sein letztes Pulver ins Klo und zog ab. Es hatte ihn voll erwischt.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Zehn Tage drauf ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten.

Es ging abwärts und jeder von uns wusste, unten angekommen wartete nur noch der Schanzentisch und man hob ab ins Nichts. Und dennoch – wir wollten es nicht anders. Es war genau das, was wir wollten, wir wollten süchtig sein. Ich wollte Abhängigkeit kennenlernen, ich wollte wissen, wie es ist, morgens affig aufzuwachen, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Ich wollte mich selbst erobern, ich wollte mich kleinkriegen, ich legte alles daran, mich zu foltern, zu desillusionieren, zu töten. Warum? Woher soll ich das wissen. Frag mal die großen Kriegsherren, warum sie Kriege führten. Weil sie Sieger sein wollten. Weil sie sich kleinkriegen wollten.

Ich bin mit den Kriegserzählungen meines Vaters aufgewachsen. 1944 gehörte er als 17jähriger zu Hitlers letztem Aufgebot. Und wie mein Vater als Melder hinter den feindlichen Linien agierte und dem Gemetzel an der Front ausweichen konnte, so ging ich der Einwegspritze aus dem Weg, der Maschinenpistole der Drogenszene. Ich rauchte und schniefte das Pulver in nicht haushaltsüblichen Mengen, injizierte es aber nicht ein einziges Mal, ich verweigerte mich der MP. Ich agierte wie Vater in geschützter zweiter Reihe.

“Was glaubst du, was an der Front für ein Durcheinander herrscht. Jeder hat die Hosen voll, jeder sieht zu, dass es nicht ihn trifft. Melder zu sein war mein Glück. Weil ich ständig in Bewegung war, bot ich kein Ziel. Die Kameraden dagegen, die vorn an der Maschinenpistole saßen, die hatten Pech. Ich war der Einzige aus meinem alten Zug, der überlebte.”

Nachdem ich es ins Stadtzentrum geschafft und bei der Unke geklingelt hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel. 1x kurz, 1x lang.

“Die Tür ist offen!” hörte ich das Näseln der Unke. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden. “Komm rein.“

Sie saß am Wohnzimmertisch, der übersät war mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien. Ich ließ mich keuchend in den Ohrensessel fallen, ein gemütliches Altertümchen, das sie auf dem Flohmarkt erstanden hatte, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin.

“Willst du dich was frisch machen..?” fragte sie.

Es dauerte, bis mir aufging, wie sie das meinte. Es bedeutete: Junge, ich streu dir erstmal ne Line. Zieh das erst mal weg, komm erst mal zu dir, und dann sehen wir weiter.
“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, nuschelte sie und reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war. Daneben lag der übliche McDonalds-Strohhalm. “In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen…”

Ich schnupfte die Portion weg, die sie mir auf der Zeitschrift rübergereicht hatte, und blinzelte zu ihr rüber. Ihre Augen waren zugefallen, der Mund stand offen. Sie befand sich im Dämmerschlaf Sudden death. Heroin, feucht geworden vom Schleim, sickerte als brauner Rotz aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf fünfzig Gramm. Ich beugte mich leise über den Tisch und schnupfte weg, was auf der Schnelle reinging. Ich hatte Gänsehaut, mir klebte Pulver an der Nasenspitze, mir wurde kotzübel, ich war überglücklich. Ich lehnte mich zurück. Solche Momente waren an der Front rar gesät.

Vom nahen Busbahnhof hörte ich das Surren der startenden Oberleitungsbusse, Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Ich saß da und starrte den Pulverhügel an, Terrain, von dem es noch mehr zu erobern galt.

“Wie viel?” hörte die Unke plötzlich murmeln.

“Was..?“

“Wie viel willst du?”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So plötzlich, wie sie weggesackt war, war sie auch wieder zu sich gekommen.

“Zweihundert”, sagte ich.

Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

Auf dem Heimweg legte ich an der Florastrasse ein Stopp ein. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde schon sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Das Geld, das ich bei der Unke gesetzt hatte, hatte ich zuvor in der WG eingesammelt. Zwei Jungs und ein Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Ich lieferte gut 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein mieser Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige große Bescheisserei, nirgends Ende in Sicht. Ich zog Leine. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Ding, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!”

*

Nein, Sucht ist nicht die Art Spinne, die schwarz und hässlich auf der Bettdecke hockt, wenn du mitten in der Nacht aus dem Traum schreckst und die Augen aufschlägst. Sucht siehst du kommen am helllichten Tag. Sucht krabbelt mit zittrigen Beinchen der Wand entlang und starrt dich freundlich an, bis du ein Einsehen hast und sie einfängst und im Garten aussetzt, du willst ihr nicht schaden, sie soll leben, meinetwegen, aber bitte woanders. Doch Spinnen haben einen formidablen Orientierungssinn, sie finden ohne Probleme zurück ins Haus. Bald hockt sie wieder an der Wand und starrt dich an, als sei nichts geschehen, als wäre sie niemals fort gewesen.

Nur freundlich ist sie jetzt nicht mehr.

Du verlierst die Nerven und schlägst das Spinnentier platt, doch selbst davon lässt es sich nicht beeindrucken, es kehrt zurück, hässlicher, widerstandsfähiger als zuvor. Du versuchst es mit dem Staubsauger aufs höchster Leistungsstufe, du versuchst es mit alten Hausmitteln. du holst den Kammerjäger, du wechselst den Wohnort und wohnst woanders, du streichst die Wände in ultimativen Spinnenfarben, du setzt die Große Zitterspinne aus, den ultimativen Intimfeind jeder Kellerspinne, es hilft nichts. Sobald du aufwachst, hockt das finstere kleine Monster an der Wand, langbeinig, wohlgenährt, unbesiegbar.

Dann, eines Tages, ist es soweit. In aller Seelenruhe steigt das Insekt ins Zimmer hinab, übernimmt die Wohnungsschlüssel, den Mietvertrag und die Ehefrau, und frisst dich langsam auf.

*

Mehr: Heroinrauchen

30 Polaroids

Kein einziges Foto ist geblieben. Keins einziges von den dreißig Polaroids, aufgenommen im grimmigen Winter 1979 in einem oberbergischen Kaff, wo der dicke Hansen ein Fachwerkhaus erben sollte. Das wollten wir uns mal anschauen, Karlos, Pepe und ich. Und der dicke Hansen natürlich. Und bei der Gelegenheit eine Runde Schlitten fahren. Ein bisschen kiffen. Musik hören. Was man so macht, wenn man neunzehn ist und mit Freunden unterwegs.

Schon die Hinfahrt in der blauen Ente war frostig. Weil nacheinander Heizung und Lüftung ausfielen beschlugen die Scheiben so stark, dass wir zeitweise bei offenem Seitenfenster fahren mussten, damit frische Luft reinkam und der dicke Hansen hinterm Steuer überhaupt mal was sehen konnte und nicht bloß auf Verdacht fuhr.

„Hört mal mit der Kifferei auf dahinten!“ wetterte er.

Na, das sagte der richtige. Der dicke Hansen war einer der grössten Kiffer, der mir je unter die Augen gekommen ist, er schätzte sich selbst als Haschgetüm ein. Hätten die Bullen uns angehalten und den THC-Gehalt in seinem Blut ausgemessen, sein Lappen wäre für Jahrhunderte weg gewesen. Doch die Polizei hatte genug mit dem jähen Wintereinbruch zu tun. Unter der Last des Neuschnees waren Bäume umgeknickt, verlassene Fahrzeuge standen am Strassenrand, Warndreiecke überall. Selbst Hansens Autoradio und das Tape stellten den Dienst ein. Keine Musik im Wagen ist ärgerlich, aber mit 19, auf dem Weg ins Wochenende, ist es eine Kampfansage.

Als wir das Kaff im Oberbergischen erreichten, baute Hansen sofort seine futuristische Stereoanlage von Wega auf und ich setzte meine nass gewordenen neuen Wildlederstiefel zum Wärmen auf den bullernden Ofen, wo ich sie dummerweise über Nacht vergaß. Am nächsten Morgen waren sie voller Beulen und zwei Nummern kleiner als zuvor, sie sahen aus wie eine Pizza Calzone, die Bläschen wirft. Die Dinger waren im Eimer.

Während das dreistöckige Fachwerkhaus Stunde um Stunde tiefer im Schnee versank, hockten wir in der von einem englischen Kanonenofen befeuerten, gemütlichen Klause im ersten Stock und drehten Joints. Ich kann mich nicht erinnern, etwas anders getan zu haben, jedenfalls nicht am Samstag. Pepe hatte sagenhaftes Dope auf der Tasche, das in der Szene nur als Türkenplättchen kursierte, dünn wie Oblaten, potent wie Opium. Wir saßen zu viert um den großen Nussbaumtisch, bauten eine Tüte nach der anderen, hörten Musik und grölten albernes Zeugs wie Wir verkiffen unsrer Oma ihr klein Häuschen.

“Mann, seid nicht so laut“, fauchte Hansen, „die hören das doch da unten! Die sind doch nicht doof, nur weil sie auf dem Dorf wohnen!“

Das Erdgeschoss war an ein einheimisches älteres Ehepaar vermietet, das lebenslanges Wohnrecht besaß. Selbst wenn Hansens Großmutter am nächsten Tag gestorben wär und er hätte das Haus geerbt, das Ehepaar wäre ihm auf unabsehbare Zeit erhalten geblieben. Man hätte sich arrangieren müssen. Aber was kümmerte uns das. Wir waren neunzehn und rauchten Haschisch, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Wir verehrten JJ Cale, seine lässige amerikanische Okie-Musik, easy come, easy go, anyway the wind blow. JJ Cale war der Kitt, der uns zusammenhielt, auf den wir uns musikalisch alle verständigen konnten.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und jedes Jahr ein Album herausbrachte. Niemand sonst schaffte es, Pop, Blues, Jazz und Country so mühelos miteinander zu verdrahten, so laid back, wie nebenbei. Und: JJ Cale hatte Obeine. Obeine sind wie ein Eintrag im Personalausweis: guter Mann. JJ Cale war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen reiste, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen Nagel in den Stiefel getreten.

Überm Kanonenofen hing ein abgelaufener Pin up-Auto-Kalender, der aus einem einzigen Blatt bestand, Miss Juni 1975. Miss Juni 1975, JJ Cale auf Hansens futuristischer WEGA 2000-Stereoanlage und Türkenplättchen, die schlicht aussahen, sich beim Bröseln aber aufplusterten wie ein Federkleid und großes Zauberhaschisch wurden, dazu ein Haufen Pulverschnee, das war das Wochenende im Oberbergischen, Winter 1979. Und dann waren da noch die dreißig Polaroids. Dreißig witzige übermütige Aufnahmen, die wir ausnahmslos am ersten Abend schossen und mit Untertiteln versahen und die noch Jahre später für Furore sorgten.

“War das an dem Wochenende, als ihr im Oberbergischen auf die Fresse gekriegt habt?” hieß es, wenn die Fotos auf irgendeiner Party durch die Hände gingen. “Kann schon sein”, antworteten wir stolz, “glaub schon, ja.. sicher, das war das Wochenende”, und mit jedem Erzählen bezogen wir mehr Dresche, hatte Karlos mehr Finger gebrochen, fehlten Pepe gleich zwei Schneidezähne statt einer Füllung, tat mir der Schädel immer noch weh.

Dreißig Sofortbilder vom Winter 1979, die von einer versunkenen Zeit künden, einer Ära, die es so vielleicht nie gegeben hat, wer weiß das schon, die Beweise fehlen, sie sind verschollen, seit langem verloren, dreißig Polaroids, niemand weiß, wo sie abgeblieben sind.

Sie sind weg.

Für die Gräfin, die Pepe niemals leibhaftig begegnete, ist Pepe bis heute das Phantom, dessen nobler grauer Hut an unserer Garderobe hängt, an prominenter Stelle. Der Hut ist alles, was geblieben ist von Pepe, der Jahre später an einer Überdosis Heroin verrecken sollte: der Hut und zwei verkratzte Langspielplatten von Iggy Pop und Bob Marley, auf denen Pepes Name verewigt ist, rechts oben in der Ecke.

In der zweiten Nacht im Oberbergischen wagten wir uns auf die Felder, obwohl ein Schneesturm tobte. Weil meine Schuhe auf dem Ofen kaputtgegangen waren, trug ich Gummistiefel, die ich irgendwo im Haus gefunden hatte, echte Bulldozer, aber irgendwas musste ich ja an den Füßen haben. Zugedröhnt bis zum Anschlag stapften wir durch die Nacht und lachten laut in den Schnee, es war stockfinster, der Wind brüllte und heulte, wir verloren die Orientierung und kamen kaum voran.

“Der Schnee hat den Weg geklaut!” schrie Karlos verwirrt.

Erst eine nur halb verwehte Traktorspur führte uns unter Mühen zum Ortseingang zurück.

Sonntagvormittag wurde uns im Erdgeschoss ein warmes bergisches Bauernfrühstück serviert, mit Bratkartoffeln und Kaffee, auf ausdrücklichen Wunsch von Hansens Großmutter. Sie hatte früh am Morgen angerufen und sich nach uns erkundigt.  “Ich hab heut Nacht kein Auge zugetan”, hörten wir die Frau schimpfen. Erst dachten wir, sie hätte vom Schneesturm gesprochen, doch sie meinte uns. Unseren Lärm. Ihr Ehemann tat sich grummelnd dadurch und schmiss die Haustür zu. Was wir nicht wussten: Unsere Anwesenheit war nicht unbemerkt geblieben. Das ganze Dorf hatte uns bereits auf dem Kieker.

Nach dem Frühstück zogen wir uns ins Obergeschoss zurück, das Dope war noch nicht ganz aufgeraucht. Vorsichtshalber hatte Hansen gleich nach der Ankunft die Ritze unter der Etagentüre mit Tüchern abgedichtet. Im Gegensatz zu Pepe, Karlos und mir war er mit der Mentalität der Leute aus dem Dorf vertraut, er wusste von ihren Vorurteilen gegen die aus der Stadt: Hippies, Taugenichtse, Haschgetüme.

Das Fiasko nahm seinen Lauf nach einer heftigen kurzen Auseinandersetzung zwischen dem dicken Hansen auf der einen und uns dreien auf der anderen Seite. Der Anlass war nichtig. Wir wollten es partout nicht einsehen, vor der Abfahrt die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wir stellten uns stur, bis der dicke Hansen drohte, ohne uns heimzufahren, worauf wir noch bockiger wurden und ihn als Spießer verhöhnten. Es ging ums Prinzip. Wir waren verwöhnte Jungs, wir erwarteten, dass drei Muttis vom Himmel fielen und hinter uns herräumten, wie wir das von daheim gewohnt waren. Wutentbrannt machte der dicke Hansen Ernst und dampfte in seiner blauen Ente davon, die WEGA 2000-Anlage auf dem Beifahrersitz.

„Dann seht zu, wie ihr nach Hause kommt!“

Damit hatten wir nicht gerechnet, doch niemand versuchte ihn aufzuhalten. Es hätte auch keinen Sinn gemacht, Hansen aufzuhalten, wenn er sich verletzt fühlte. Als Kind waren er und sein jüngerer Bruder von der überforderten Mutter zur Oma abgeschoben waren. (Der Vater starb früh an Krebs und blieb den Jungs als der große Held in Erinnerung, der sie im Sommer mit zum Angeln nahm.) Fortan hasste der dicke traumatisierte Hansen Frauen, die sich von ihm trennten. Frauen, die sich von ihm trennten, überzog er mit Hass und Niedertracht. Er verpfiff sie beim Finanzamt, wenn sie schwarz kellnerten, er machte Telefonterror, er schlitzte die Reifen ihrer Autos auf.  Er mochte es einfach nicht, wenn man sich gegen ihn stellte.

Aber wer mag das schon.

Während der dicke Hansen nun allein im Wagen auf der Rückfahrt war, steckten wir zu dritt im Oberbergischen fest. Was blieb uns anderes übrig, wir würden die gut zweihundert Kilometer bis nach Hause trampen müssen.

“Zur Not zeig ich am Straßenrand meinen nackten Hintern”, bot Pepe an. Das war mehr als ein blöder Spruch, er hatte einen perfekt geformten, wunderbarö weichen Frauenhintern, fast wie ein Schwämmchenverkäufer.

Als wir uns endlich auf die Socken machten, dämmerte es bereits. Die illuminierten Christbäume in den Vorgärten, der weiße Rauch aus den Schornsteinen, das Dorf wirkte so friedlich, als habe man gerade den neuen Papst gewählt und der Welt verkündet. Und dann kamen wir daher und schmissen Schneebälle. Trafen eine Hauswand. Eine Kellertür, ein kleines Fenster. Vielleicht haben wir auch nur zu laut gelacht. In den Schnee gerotzt. Zu rotzig durchs Dorf geblickt.

Keine Ahnung.

Eine Haustür wurde aufgerissen. Im Eingang bauten sich ein Vater und seine Söhne auf. Drei kräftige Söhne, mit aufgepumpten Fäusten, dahinter die Mutter. Mütter von idiotischen Söhnen wissen in der Regel, dass sie idiotische Söhne zur Welt gebracht haben, und feuern sie an.

Es dauerte keine halbe Minute, da lagen sämtliche Langspielplatten, die ich in einer Plastiktüte mit mir trug, im Schnee verstreut, und mein Schädel klopfte, als hätte mir jemand Betonwürfel ins Auge gedrückt.

Karlos hatte einen Finger gebrochen und ging stiften, am ärgsten aber erwischte es Pepe, ihn stampften sie wirklich ein. Seine Brille splitterte, das Nasenbein knackte, er spuckte Blut. Ein Schneidezahn war weg.

Natürlich gab es dauernd Schlägereien damals. “Sollen wir vor die Tür gehen, Alter!?”, “Ja, gehen wir vor die Tür, Alter!” und dann ging man vor die Tür, Alter, und markierte den dicken Maxe, doch wirklich auf die Nase gab es eher selten. Die Sache im Oberbergischen dagegen war anders. Sie kam kurz und bündig wie eine Eilmeldung: paff, paff, paff! Lasst euch nie wieder hier blicken!

Paff!

Auf der Polizeistation im nächst größeren Ort, ein Fremder hatte uns an der Landstraße aufgelesen und mitgenommen, ließ man uns auf der Bank schmoren. Man beschimpfte uns als “Drogensüchtige”, die schon verdient hätten, was ihnen widerfahren war.

“Blutet uns ja nicht die Wache voll, ihr Säue!”

Erst als Pepes Vater, ein vermögender Unternehmer, der sein Geld mit einer Kette Jeans-Stores gemacht hatte, spät am Abend vorfuhr, im einschüchternd strengen Benz und braungebrannt, bequemte man sich, einen Arzt zu rufen und Strafanzeige aufzunehmen. Die im Sande verlief. Wir haben nie wieder von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft gehört, in dieser Sache.

Wir waren heilfroh, als wir im beheizten Mercedes saßen und Pepes Vater kutschierte uns heim, wortkarg durch die Dunkelheit. Ein einziges Mal noch wurden wir munter. Wir hielten an einer hell ausgeleuchteten Jet-Tankstelle, und eine Frau mit Mannequinfigur, viel zu dünn angezogen, betankte ihren Wagen, und wie auf Kommando trällerten wir im Chor:

LA LA LA.

Im Benz duftete es nach Leder. Im Nachtradio lief Burt Bacharach. Wahrscheinlich war es James Last.