Einmal Diazepam läuft durch!

cropped-cropped-zinudr-154-e1448115374819.jpg

10. Mai 2012

Auf der überraschend hellen Intensivstation wird morgens eine große Waschschüssel mit lauwarmem Wasser ans Bett gebracht, inklusive Seife und einer Zahnbürste-to-go. Aufstehen und bewegen funktioniert, aber nur im Radius der Schläuche und Kabel, etwa einen Meter ums Bett herum. Gepinkelt wird in die Urinflasche. Ich mache eine Pulle nach der anderen voll und klingle.

„Ist voll, Schwester.“

Eine der ständig wechselnden Pflegerinnen meint es besonders gut und stellt mir zur Morgentoilette eine Dose 8×4 Hollywood dabei, für die frische feminine Note. Sie bleibt so lange am Bett stehen, bis ich mir tatsächlich einen Hub unter die linke Achselhöhle gönne, und so kommt es, dass mir bis in den Nachmittag hinein jedes Mal chemischer Blümchenmüll um die Nase weht, wenn ich meinen Kopf ein Stück nach links drehe und aus dem Fenster schaue.

Am Abend wird  meine Lunge geröntgt, mit Hilfe eines mobilen Röntgenwagens. Ich sitze aufrecht im Bett, Röntgenschürze am Sack, Platte vorm Bauch.

„Morgen früh werden Sie auf die Kardiologie verlegt“, sagt die Röntgenassistentin und drückt den Buzzer wie in der Game-Show. Ich trage weiße Thrombosestrümpfe. Jeden Abend gibt’s eine Thrombosespritze in den Bauch. Man kann sie sich auch ins Bein jagen lassen. Ich bleibe bei Bauch.

*

Wieviel Herzinfarkte gibt es in der Stadt jeden Tag, Schwester?

Hm. Das ist verschieden.

Na, so ungefähr.

Manchmal zehn, manchmal gar keinen. Warum?

Na, nur so.

Bei anhaltend schwülem Wetter häuft es sich, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen wie die Bekloppten.. dann ist hier Alarm auf Station.

War ich vorgestern der einzige mit Herzinfarkt?

Hier in der Klinik?

Ja.

In der Klinik schon, ja.

*

Die Bildschirme hinterm Bett werfen Tag und Nacht ihr bläuliches Licht ins Zimmer, wie eine Wachmannschaft auf Dauerpatrouille. Die Geräte messen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Pulsschlag wird kontrolliert, steriles Wasser läuft in meinen Arm, in der Nase steckt eine Sonde. Ich bin ein Apparatschik. Als ich am Nachmittag eingeduselt bin, muss sich die automatische Blutdruckmanschette neu justiert haben. Statt alle zwanzig Minuten bläst sich die Manschette plötzlich alle Naselang auf und wird so hart, dass ich denke, mir knallt der Oberarm durch. Ich nehme die Popeye-Manschette ab, lasse sie vorm Bett runterbaumeln. Es dauert keine Viertelstunde, steht die Schwester im Zimmer.

Ist abgegangen, sag ich.

*

Da die Enzymwerte im Blut zu hoch sind, kann ich die Intensivstation noch nicht verlassen, sagt die Oberärztin. Vielleicht morgen. Ist nicht schlimm, es gefällt mir auf der Intensiv. Das Personal hat Zeit für einen, es ist schön ruhig, kein Geschrei auf den Gängen. Das sage ich auch der Schwester, als sie nach mir schaut.

Schön ruhig, ja. Das hat auch seinen Grund, dass es so ruhig ist, ruhiger noch als sonst. Heut Nacht ist hier jemand gestorben, der sehr lange auf der Intensiv gelegen hat, das schlägt allen aufs Gemüt.

Später karrt Schwester Simone ungefragt den einzigen tragbaren TV-Apparat der Station an, damit ich das Pokalfinale sehen kann. Als das Spiel dann beginnt, schaue ich kaum hin. Hauptsache, es steht ein Apparat am Bett, der nicht irgendeine Körperfunktion misst.

„Hier guckt sonst nie jemand Fußball“, kichert sie.

Wir unterhalten uns ein bisschen. Sie erzählt, dass sie mich vom Sehen kennt, sie wohnt nämlich am Kannenhof, und dass ihre Eltern Italiener sind.

„Ich hab auch italienische Vorfahren“, sag ich, „meine Großmutter mütterlicherseits war Italienerin.“

„Italienisch ist eine schöne Sprache“, sagt Simone.

„Ja“, sag ich, „geht direkt in den Kiefer.“

*

„Du hattest immer so weiche schwere Augen“, meint Sanne bekümmert, „aber seit dem Infarkt..“

„Was ist seit dem Infarkt?“

„.. ist dein Blick so hart und aufgerissen, als hättest du das Böse gesehen.. als hättest du einen Blick in die Hölle geworfen.“

„Das hatte ich auch vorher schon.. Aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann.“

*

Ich hab mich nie groß mit meinen Organen befasst. Bis heute betrachte ich das Innenleben meines Körpers als geheimnisvollen Maschinenpark, der seine blutigen kleinen Angestellten rund um die Uhr beschäftigt und lausig bezahlt, ohne jeden Urlaubsanspruch. Die schuften, damit ich meinen Spaß habe und nicht etwa im falschen Moment tot umfalle.

*

Heute wurde ich Zeuge des stillsten Verwandschaftsbesuchs aller Zeiten. Meine dem Tod entgegendämmernde Zimmergenossin bekommt Besuch von Tochter und Enkelin. Punkt 15 Uhr, zu Beginn der offiziellen Besuchszeit, öffnet sich die Tür und die beiden Frauen betreten das Zimmer. Mit bangem Blick, und ohne mich auch nur im Geringsten wahrzunehmen, nähern sie sich dem Krankenbett und verschwinden aus meinem Blickfeld, hinter dem weissen Rollvorhang. Es fällt kein Ton. Ich höre nur das übliche Auf und Ab des Beatmungsschlauches. Einmal verlässt die Enkelin, die Augen voller Tränen, die Großmutter und nimmt Platz auf einem Besucherstuhl. Ich schaue zu ihr rüber und hoffe, dass sie mich nicht bemerkt. Nach zehn Minuten verlassen die Angehörigen wortlos das Zimmer und kehren nicht zurück.

*

War es Boxer Butch, gespielt von Bruce Willis, der in Pulp Fiction die weisen Worte sprechen durfte, „das ist der seltsamste Scheißtag in meinem ganzen Leben“? Ich meine ja. Ich meine, es wäre in der Szene, wo er im Taxi sitzt, nachdem er entgegen der Abmachung einen Boxkampf nicht durch K.O. verloren, sondern durch Totschlag gewonnen hat. Jedenfalls hätte man als Drehbuchautor in diesem Moment Boxer Butch solche Worte in den Mund legen können, das machte ja durchaus Sinn.

Und natürlich, ja, ich könnte jetzt kurz nachgoogeln und wüsste sofort und sicher Bescheid, wer was wann in Pulp Fiction gesagt hat, aber ich lasse es lieber im halbwegs Ungefähren, ich tu einfach mal so, als schrieben wir das Jahr 1994 und Internet wäre noch Underground und Google in weiter Ferne und alles sowieso nicht so scheißeinfach und banal, ich meine das Überprüfen kultureller Dinge.

Wir sind 1994 zur Premiere von Pulp Fiction ins Bambi nach Düsseldorf gefahren, zur Mitternachtsvorstellung, in einer eiskalten Winternacht, in einem geliehenen alten VW Variant, den ich an jeder Kreuzung anschieben musste, weil der Motor streikte. Vielleicht war es auch Weihnachten 1993. Den Wagen hatten wir von einem alten Bekannten der Gräfin geliehen, der für eine traditionsreiche Solinger Manufaktur neue Regenschirme entwarf und ohne Ende Haschischbongs rauchte. Vom vielen Kiffen hatte er dicke rote Pickel im Gesicht, am Hals, am Arm, eigentlich überall, wo seine Haut Platz bot zur Pickelblüte. Ein introvertierter Vogel mit einem kränkelnden Auto, aber Ideen für neue Schirme schüttelte er nur so aus dem Ärmel. Jedes Mal, wenn wir ihn besuchten, entweder weil wir uns sein Auto ausleihen oder ihm unseren Hund aufs Auge drücken wollten für ein Wochenende, saß er da am Tisch, stopfte Bongs und zeichnete auf Millimeterpapier einen weiteren Rohentwurf für auf Knopfdruck aufploppende Regenschirme.

Ich hatte im Vorfeld viel über den Film gelesen, ich hatte einige Ausschnitte gesehen. Jetzt war ich total scharf auf John Travolta als Gangster, und als er in Pulp Fiction unter Heroineinfluss zu Chuck Berry tanzte, raste mein Puls vor Freude, er war brilliant.

Doch plötzlich, nach nicht mal der Hälfte der 145 Minuten Laufzeit, sackte Travolta von Kugeln durchsiebt auf dem Scheißhaus zusammen. Ich war verstimmt. Ich wollte auf der Stelle nach Hause.

„So ein Betrug! Travolta ist tot!“

„Ist ja gut“, stöhnte sie. „Ich sehs.“

Ich fand Pulp Fiction ganz okay, ein wenig langatmig vielleicht beim ersten Mal, aber als John Travolta auf dem Pott sitzend und Zeitung lesend erschossen wurde, war die Nummer für mich gelaufen. „Komm, John Travolta ist tot“, sagte ich zur Gräfin und wollte los, doch sie bestand darauf, den Film zu Ende zu sehen.

Für mich ist P.F. der beste Film der 90er Jahre, und die 90er Jahre, so übel sie insgesamt waren, habe noch einige andere herausragende Werke auf dem Buckel. Was Tarantino angeht, so hat er danach keinen nennenswerten Film mehr zustande gebracht. Macht aber nichts. Lieber ein Meisterwerk als keins.

Und Travolta? Ich kann machen, was ich will, der Mann hat als Schauspieler ein Stein bei mir im Brett, seit er 1978 in der Eröffnungssequenz von Saturday Night Fever zu Stayin‘ alive von den Bee Gees taktsicher übers New Yorker Trottoir stiefelt. Einer der bewegendsten Momente der Popkultur. Mit zehn, zwölf Schritten in eine neue Ära. Ich hab den Film, als er damals in die Kinos kam, vier oder fünf Mal gesehen, und jedes Mal mussten wir, weil wir auf den letzten Drücker kamen und die Vorstellungen fast ausverkauft waren, mit einem Platz in der ersten Reihe Vorlieb nehmen. Ich wollte aber eh nur den Anfang sehen, und zehn, zwölf Schritte machen noch keine Genickstarre, Freunde.

Und ob es nun Boxer Butch war, der den Spruch mit dem seltsamsten Scheißtag gebracht hat, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich weiss nicht mal genau, in welcher Etage des Klinikums die Intensivstation liegt. Ich schätze, es ist der fünfte oder sechste Stock. (Später erfahre ich, es ist das Erdgeschoss.)

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich in einigen hundert Metern die Müllverbrennungsanlage. Wie eine alte Dampfmaschine steht sie da, in der Morgensonne glitzern der Schornstein und die silbern ummantelten Rohrleitungen wie eine Raketenabschussrampe in der Taiga, aber in der unbeholfen-niedlichen Version der Augsburger Puppenkiste. Ich blicke aus dem Fenster, kann nicht einschlafen und warte auf das Monster.

Oder auf Butch.

*

Als der Infarkt mich überrollte , war ich mit dem Hund auf dem Weg zur Bank. Später schrieb ich über diesen Tag, er sei so schwül und schwer gewesen wie Layla von Clapton. So gefährlich. („Klingt denn Layla gefährlich..?“ zweifelt Sanne. „Ja, denn nicht?“ sag ich.) Ich nahm die steil ansteigende Kasinostraße und geriet im Schatten der langen, nicht enden wollenden Backsteinmauer des evangelischen Friedhofs in wachsende Luftnot. Das war nicht neu. Sobald es irgendwo steil bergauf ging, war ich außer Puste. Ich schob es auf meine beschädigte Lunge, aufs Heroinrauchen, auf Hunderttausende Zigaretten, auf das ganze gelebte Leben. Ich fühlte mich ständig wie in einer schlecht belüfteten Garage.

Ich verlangsamte den Schritt. Die Sonne stach im Nacken, ich begann zu schwitzen. Eine gespenstische Schwäche machte sich breit, jemand trampelte auf meiner Brust herum. Ich ahnte sofort, was los war, dass es sich um einen Herzinfarkt handeln könnte, auch wenn ich mir darunter bislang eine Art Explosion vorgestellt hatte, in der Art einer Sprengfalle, die bei Berührung zuschnappt, statt einem alles vernichtenden Schwächeln, begleitet von Panik, Engegefühl und der fiebrigen Ausschüttung allen Schweißes, zu der ein Körper in der Lage ist – ein Gefühl, als wäre man unter einen seelischen Sattelschlepper geraten.

*

Einige Stunden nach dem Infarkt liege ich flach auf dem Rücken, mit einem Pressverband auf der Leistenschlagader und darf mich vierundzwanzig Stunden lang nicht bewegen, damit sich das Loch in der Leistenarterie in Ruhe verschließen kann. Eine strenge Vorgabe, die Schwester Barbara mir wieder und wieder einimpft. Es könne sonst zu einer Verletzung der Arterie kommen und passieren, dass ich innerlich verblute. Wenn man so was den ganzen Tag hört, bleibt man eben vierundzwanzig Stunden auf der Stelle liegen, klar. Dennoch gibt es am Abend auf der Intensivstation einen verzweifelten Moment, wo ich das schier endlose Stillhalten kaum mehr ertrage und kurz davor stehe, mir sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu rupfen und mich mitsamt Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich den ganzen Scheiß hinter mir habe. Was nicht funktioniert hätte, nicht wirklich. Denn auch wenn das Fenster weit geöffnet ist an diesem stickig heissen Frühlingsabend, der Weg ins Freie wird von einem robusten Insektengitter versperrt. Einem Fliegenrollo.

*

„Haben Sie Ihr Handy dabei?“ fragt die Schwester.

„Nein.“

„Dann bringe ich Ihnen gleich das Stations-Handy, können Sie Ihre Leute daheim anrufen und Bescheid sagen.“

Was dann kommt, ist wirklich eine schräge Sache, nach Hause telefonieren und erzählen, dass man auf der Intensivstation liegt. In der Regel erreicht die Familie ein Anruf aus dem Klinikum und die einfühlsame Stationsschwester teilt einem mit, dass ein Angehöriger einen Herzanfall erlitten habe. Doch wenn man das selbst übernimmt und daheim anruft..

„Hallo Schatz, ich lieg auf der Intensivstation, im Städtischen. Nein, kein Scherz. Nein, ich veräpple dich nicht. Ich hatte einen Herzinfakt. Ja, ist wahr. Einen dreifachen. DREI-FACH! JA! In der Stadt, mitten am Fronhof. Wann? So halb elf rum. Nein, kein Bypass, Stents. Ja, zwei, vorerst nur zwei, der dritte folgt in ein paar Tagen. Gleich? Mach ich Mittag. Danke, dir auch. Schüss!“

*

Sonntagmorgen, neun Uhr, Visite. Zwei Ärztinnen und ein polnisch aussehender kleiner Doktor treten an mein Bett.

“Sie dürfen die heiligen Hallen heute wahrscheinlich verlassen und werden rauf auf die Kardiologie verlegt, wenn die Werte in Ordnung sind.”

Eine Ärztin nickt.

“Ja, die Werte sind wahrscheinlich in Ordnung.”

Gestern hieß es zwar noch, ich werde runter auf die Kardiologie verlegt, heute heisst es rauf – was soll’s. Wenn das Klinikum nichts besseres zu tun hat als über Nacht stickum die Stationen umzusiedeln, kann es so schlecht nicht bestellt sein um den ganzen Apparat.

“Der Infarkt sollte noch einige Tage ausheilen, dann müssen Sie ein zweites Mal in den Katheterraum. Der dritte Stent muss noch gesetzt werden.”

*

Erinnerungsfetzen: Im Rettungswagen vor der Stadtkirche. Ich liege auf der Bahre, ruft von draussen ein Sanitäter: “Unter der Telefonnummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige Nummer”, wispere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Es ist die Nummer von Sannes Mutter. Sanne ist bei ihr zu Besuch, wie jeden Donnerstag. Sie muss doch den Hund holen. Jemand muss sich um den Hund kümmern. Er wartet in der Kirche. Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, ein kühler Luftzug streift meinen Körper. Eine Männerstimme aus dem Führerhaus: “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an bleiben die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt während der Fahrt, eine Infusion wird gelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch.”

(Scheiß Dias, denk ich. Verursachen nur Albträume.)

Meine Augen öffnen sich erst wieder im Klinikum, als man mir auf dem OP-Tisch in Windeseile Strümpfe, Hose und Hemd herunterreisst, einem Fisch gleich, der skelletiert wird.

“Ruhig, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

*

Der Unterschied zwischen Deutsch und Englisch? Herzinfarkt klingt böse und unmenschlich, Heart Attack sportlich.

*

Alles begann am 10. Mai 2012, einem Donnerstag. Wir saßen beim Frühstück, und sie blickte mich besorgt von der Seite an.

„Neuerdings glitzert morgens eine ungeweinte Träne in deinem Auge.“

Was sie manchmal so sagt. Kleine rätselhafte Sachen. Schöne kleine rätselhafte Sätze. Was im Nachhinein wie eine Vorahnung klingt, machte mich im ersten Moment stutzig. Vielleicht sollte ich mir den Schlaf aus dem Auge reiben, dachte ich, doch dann würde es nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn, das würde niemand wollen. Also liess ich alles so, wie es war, eine Spezialität von mir, und widmete mich wieder dem Marmeladenbrötchen und der Zeitung. Man reibt sich ungern das Glitzern aus dem Auge, schon mal gar nicht, wenn es eine schmucke Träne ist.

Während sie schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung in Remscheid sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch vom Frühstückstisch und hielt den schönen kleinen rätselhaften Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge, machte ein Zitat daraus, um in Fragen des Urheberrechts keine Unsicherheit aufkommen zu lassen. Dahinter das Datum, 10. Mai 2012, und meinen ersten schnellen Senf dazu:

Na. Ich weiß auch nicht, schrieb ich.

*

Pflegegruppe 32. Zimmer 13.

„Auf einmal geht das KLATSCH und dann rappelt es und ich lieg wieder auf der Nase“, erzählt Günter, der neue Bettnachbar. „Wegen dem Zucker“, fügt er frohgemut hinzu.

Günter ist einundsiebzig und ein Veteran, was Krankenhausaufenthalte anbelangt. Vor Jahren, erzählt er, habe er mal soviel Wasser in der Lunge gehabt, dass die Ärzte ratlos waren. Da drückte ihm im Besucherzimmer eine russische Handarbeitslehrerin, „ich weiß gar nicht, zu wem die gehörte, die tauchte auf wie ein Engel“, ein Schwämmchen unters Herz. Er demonstriert es umständlich.

„Hier, so. Und dann hat dieses kleine Schwämmchen innnerhalb von vierundzwanzig Stunden peu a peu sämtliches Wasser abgesaugt.“

„Und, was war das fürn Schwämmchen, Günter?“

„Ja, wenn ich das wüsste, wäre ich ein reicher Mann. Das war mit irgendwas getränkt.“

Günter erzählt viel, quasi ununterbrochen, und der Tag hat gerade erst begonnen. Weil er mich jetzt aber mit riesengroßen, nach Bestätigung heischenden Froschaugen ansieht, hebe ich den Daumen zur internationalen Gut gemacht-Geste, Günter: Allerhand, das mit der russischen Handarbeitslehrerin.. sämtliches Herzwasser, alles weg, hui. Leck mich am Arsch.

Günter ist Jerry Cotton-Fan und nimmt gern Spielfilme auf DVD auf. Das ist sein grösstes Steckenpferd, Filme aus dem Fernsehen aufzeichnen und später angucken. Er hat daheim ein üppiges Archiv aufgebaut.

„Meistens guckt meine Frau oben Liebesfilme und ich guck unten bei mir Krimis, aber manchmal gucken wir uns auch oben zusammen was an und dann schneide ich unten alles auf DVD mit, ist doch kein Thema.“

Er berichtet lang und bräsig von irgendeiner Tatort-Folge, die er gesehen hat, ich höre nach einer Weile kaum noch hin. Erst, als ich denke, jetzt musst du langsam mal den Kopf heben und nicken, damit Günter nicht denkt, du hörst gar nicht hin, (ich enttäusche nette Zeitgenossen nur ungern), erst da sehe ich, dass er ein Handy am Ohr hat und die ganze Zeit schon mit seiner Frau telefoniert.

„Hast du gestern Tatort geguckt?“ höre ich ihre schrille Stimme aus dem Handy.

„Ja klar hab ich Tatort geguckt“, sagt Günter.

„Gut. Hab ich für dich aufgenommen. Kann ich dann löschen, oder?“

„Tatort?“

„Ja. Tatort. Hast du doch schon gesehen.“

„Ja, hab ich gesehen. Kannst du löschen. Aber danach bei Inspektor Lewis, da bin ich weggepennt. Hast du aufgenommen?“

„Inspektor Lewis hab ich auch aufgenommen.. Soll ich nicht löschen?“

„Nee, Lewis nicht löschen! Bin ich nach zehn Minuten eingepennt. Guck ich mir in acht Tagen an.“

Kommunikation unter Ehegatten ist alles.

*

Hey, du bist nicht krank, sagt Sanne am Telefon. Du bist gerettet worden! Eine tolle Sache! Der liebe Gott schenkt dir noch eine Chance!

*

Der andere Bettnachbar, ein Maschinenbau-Ingenieur namens Raschke, stammt ursprünglich vom Chiemsee. Er geht im Juli in Rente, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und einer fürstlichen Abfindung seines langjährigen Arbeitgebers.

„Meine Frau und ich sind unter die Mobilisten gegangen“, erzählt er, und es dauert einen Moment, bis ich kapiere, dass Mobilisten Leute sind, die im Wohnmobil durch die Welt gondeln.

„Früher sind wir noch um die ganze Welt geflogen..“, sagt er fast verächtlich, und die bratwürstelrote Gesichtsfarbe verrät den Herzkranken.

„Der Raschke hat ne künstliche Herzklappe, die klappert nachts so laut, man denkt, er wär wieder am Kühlschrank“, meint Günter und lacht sich scheckig, doch Raschke hört gar nicht hin.

„Heutzutage sind meine Frau und ich froh, wenn wir morgens aufbrechen, vielleicht in Holland, ein paar Meilen fahren und wieder stehen bleiben, wenn wir meinen, dass es das Richtige ist. Da muss man nicht um die Welt fliegen.“

Und wieder einmal blickt jemand beifallheischend in meine Richtung. Wieso blicken die Leute alle in meine Richtung, wenn sie Bestätigung suchen? Bin ich hier der Big Bestätiger? Jetzt reicht’s. Ich nicke nicht, ich bestätige nicht, ich lasse den Mann auflaufen und starre zurück. Wäre Zimmer 13 eine Herzweide, drei ratlose Herzkühe stünden sich in diesem Augenblick gegenüber. Die Verunsicherung ist mit Herzen zu greifen.

„Obwohl, ab und zu eine kleine Fernreise, im Winter, ich meine.. dagegen ist nichts einzuwenden, oder..?“

Ich nicke. „Nee.“

*

„Da sind Sie dem Tod ja noch mal von der Schippe gesprungen“, sagt die Schwester.

Zunächst nehme ich das als bloße Floskel wahr, mit der hier Herzinfarktpatienten empfangen werden, und erst als der Oberarzt erscheint, in Begleitung weiterer Ärzte und Ärztinnen, und mit ernstem, aber nicht hoffnungslosen Blick von einem schweren Herzinfarkt spricht, den ich nur deshalb überlebt habe, weil ich so rasch auf seinem OP-Tisch gelandet bin, („Ein Zugang war schon komplett zu, der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt“), erst da wird mir bewusst, wie knapp die Sache war. Junge, da hab ich die Achtziger überlebt, die Neunziger, selbst die dumm-dreisten Nuller haben mich nicht umgebracht, und jetzt das.

Denn:

Hätte mich der Herrgott an diesem 10. Mai 2012 nach dem Frühstück nicht in die Innenstadt gelotst, um Geld abzuheben, sondern, wie am Tag zuvor, mit dem Hund in die Wupperberge marschieren lassen, abseits der Fußwege und wie immer ohne Handy, dann, ja dann wäre meine Überlegung, wie man eine Herzinfarkt-Geschichte beginnt, obsolet gewesen.

Hoffnungslos veraltet.

Und was wäre mein vorletzter, je geschriebener Satz gewesen? Eine kleine Bemerkung von ihr, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge.

Und der allerletzte Satz im Notizbuch: Na. Ich weiss auch nicht.

Perfekt, eigentlich.

*

Einige Tage später feiert Vater 86. Geburtstag. Er besucht mich in Begleitung meiner Schwester und ihrer Tochter. Ich bin mittlerweile von der Intensivstation auf die Kardiologie verlegt worden. Wir gehen raus auf den Balkon. Es ist immer noch ungewöhnlich heiß für Mai.

„Vielleicht hörst du besser mit dem Rauchen auf“, meint meine Schwester.

Vater nickt zustimmend, ansonsten sagt er nicht viel. Er blickt mich verständnislos an. Ich und ein Herzinfarkt, das passt schon für viele in meiner Umgebung nicht recht zusammen, aber für Vater scheint es sich um eine groteske Fehldiagnose zu handeln. Die Ärzteschaft kennt mich doch überhaupt nicht. Herzinfarkte erleiden unruhige und flatterhafte Geister, die ihre Beine nicht still halten können, Leute wie mein alter Kamerad Benzini, der mit Tempo 200 über die Autobahn donnert und eine 50 Stunden-Woche an einem einzigen Vormittag abreisst – aber doch nicht ich. Nicht sein ältester Sohn. Ich bin kein nervöser Heini, ich mache eher halblang, ich lasse es ruhig angehen.

Noch ruhiger, und die Mediziner hätten Probleme, überhaupt irgendwelche Vitalfunktionen wahrzunehmen, orakelt mein Bruder, der später dazu kommt und mit mir eine Zigarette raucht auf dem Balkon.

*

So modern die Intensivstation eingerichtet ist, hier unten auf der Pflegegruppe 32 scheinen die Krankenzimmer auf dem Stand der Sechzigerjahre eingefroren zu sein. Als ich das Nachtschränkchen neben meinem Bett genauer in Augenschein nehme, fühle ich mich an eine Musiktruhe aus dem Jahre 1958 erinnert, designmäßig auf Ostblock getrimmt. Besonders ansprechend die vielen Knöpfe, die sich ohne Ende ins Nichts drehen lassen, die zerschundenen kleinen Spionage-Lautsprecher sowie die Buchsen für den Anschluss moderner Tonbandmaschinen.

*

Man hatte mich in ein Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb Garderobe. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? Ein Glas Wasser vielleicht? Ja.. ein Glas Wasser, flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen auf dem Sofa, versuchte zu entspannen, doch wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt, wenn man dem Tod so nah ist, dass man schon rüberspucken kann.

Mit jeder Sekunde wurde ich schwächer, ein Gefühl, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild, mit ruckartigen kleinen Gedanken, langsamen, in sich stockenden Gedanken. Und da war diese warme Hand, die sich unter den Körper schob und sachte aufschaufelte. Astronaut war ich, schon halb aus dem Weltraumanzug, schon halb in der Ewigkeit. Bis sich im Mahlstrom des nachlassenden Bewusstseins eine kleine Idee einschlich, eine Abwägung: was, wenn du dich einfach sterben lässt? Wer sagt denn, dass man sich nicht für den Tod entscheiden darf.. wer sagt denn, dass man Rettung in Anspruch nehmen muss, nur weil Rettung naht. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, wie die Dinge ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Telefon-Notruf gab, noch keine rund um die Uhr besetzten Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen. Als es nur das gute alte Herz gab, den guten alten Herzanfall, den guten alten Gevatter Tod, der sich seine verdiente Beute nahm, wann immer es ihn danach gelüstete.

Ein bisschen noch, und ich wäre sang- und klanglos aus der Welt getreten, mit dem exakten Grabsteindatum 10. Mai 12 – ein beruhigendes Gefühl. Wer die Ausweglosigkeit einer Situation annimmt, wer sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren beginnt, der hat gute Chancen, dass er es noch irgendwie die Böschung raufschafft.

*

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

*

Mitten in der Kernschmelze nahm ich den Hund und stakste um die Ecke Richtung Stadtkirche, O Land Land Land, höre des Herrn Wort, betrat sie zögernd und mit immer steifer werdenden Beinen über den Hintereingang. Im Bauch der Katakomben duftete es nach Kaffee und Kuchen. Nach Gemeindearbeit, während mir unbekannte Infanterie weiter daran arbeitete, meine Brust zu zerschiessen. Ich kauerte vor der polierten Holzbank, neben mir der Hund, fast wie im Gebet. Du hast die Wahl, dachte ich, während das Herz drückte und stauchte, während Holme knackten.

Du hast die Wahl.

Musst bloß ein wenig warten.

Es fehlte noch das ganz große Okay des Universums.

Der Hund zerrte an der Leine. Ich erhob mich und wankte den langen Flur entlang, stehend k.o., als wäre ich in eine Presse geraten. Stalinorgel. Brustpanzer. Zwei Menschen vom Bibelkreis empfingen mich, es ging alles sehr rasch, einer wählte die 112.

„Der Mann schwitzt auch ganz doll, und er ist ganz käsig..“

*

„Ja, selbstverschnittlauch!“ tönt Günter jedes Mal, wenn er in der Früh wach wird und die Augen aufschlägt. „Guten Morgen, Kameraden zur See!“

Er ist schwer zucker- und herzkrank und wird morgen operiert. Er bekommt einen Defilibrator eingesetzt. Eine grosse Operation von mindestens drei Stunden Länge. Es ist seine siebzehnte OP. Ein Profi durch und durch. Entsprechend weiss er auch, worauf es ankommt: „Man muss vorher noch mal ordentlich kacken gehen.“ Diesen Rat hat er schon in der ersten Nacht, die ich auf der Kardiologie verbringe, beherzigt. Auch wenn da gar keine OP anstand.

„Wer weiss, wann ich dafür wieder Gelegenheit habe“, schnauft er um halb fünf in der Früh, als die ersten Vögel singen und er zum dritten Mal hintereinander den Pott aufsucht. Jede Sitzung, jeden noch so kleinen Klecks Stuhl leitet Günter mit einem ausgelassen knatternden Furz ein. Da kennt er nichts. Nichts ist ihm peinlich. Sollen die Nachtschwestern auf dem Flur ruhig Bescheid wissen, dass Günter auf dem Töpfchen sitzt, früh um halb fünf. Ein echter Spitalprofi. Nicht mal als ihm Pfleger Daniel, 32, drei Stunden später einen Blasenkatheter anlegt, zeigt Günter Zeichen von Nervosität.

„Wenn meine Frau anruft, sag ihr, wir gucken nächste Woche zusammen Inspektor Lewis. Kennst du Inspektor Lewis, Daniel? Ist Klasse. Musst du gucken, Daniel. Kannst mich ja mal besuchen. Ich hab zweitausend Krimis zu Hause, auf Video und DVD.“

*

Sanne ruft an.

„Lass uns ein paar Tage an die See fahren, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und etwas Zeit vergangen ist.“

Sie träumt von Abenteuern in den Dünen, von Wandern mit dem Hund, von Orten, wo einen niemand erreicht, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss.

„Aber erstmal koche ich uns eine schöne Hühnersuppe, wenn du draussen bist.“

„Ja selbstverschnittlauch.“

*

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport. Minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, diktierte der Doktor.

Verdammtes Plaque, dachte ich.

 My poor heart is aching (Nina Simone).

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidet, und wie gekonnt eine Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzt. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut, mein weißer Schwanz.

O Herr, reiß die Himmel auf! Es ist soweit. Soll ich.. darf ich.. muss ich kommen?!

*

Seit ich selbst in einem großen roten Kasten durch die Strassen geflogen bin, höre ich anders hin, wenn sich von hinten eine laute Sirene nähert. Als wären die vielen hundert Male zuvor bloß Staffage gewesen, jahrelanger Probealarm, den man hinnimmt. Seit dem Herzinfarkt liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Strassen tobt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt und um sein Leben kämpft – ich bin das.

*

Leute, die dem Tod von der Schippe springen, erzählen gern, sie lebten danach intensiver und genössen jeden einzelnen Moment. Solche Leute waren mir schon immer suspekt, genau wie die Schlaumeier, die sich dauernd neu erfinden. Wie soll das funktionieren, wie soll ich mir das vorstellen, das dauernd neu erfinden. Sind das alles fesche kleine Daniel Düsentriebs, die sich mit ihren Helferlein hinsetzen und bei flackerndem LED-Licht sämtliche Verkleidungen durchgehen, die noch nicht an der Tagesordnung waren? Ja, vielleicht. Vielleicht bedeutet sich neu erfinden aber auch gar nicht, ein Anderer zu werden, sondern lediglich der, der man schon immer hätte sein können. Dann wäre ich dabei. Dann könnte man auf mich zählen, wenn es wieder heisst:

alle, die sich neu erfinden wollen, vortreten.

Nein, ich lebte nicht intensiver als vor der heftigen Herzattacke, ich versuchte nicht, etwas neues auszuhecken, was meine Person betraf. Im Gegenteil, ich fühlte mich düpiert. Ich fühlte mich meiner Sicherheit beraubt, meinem geradezu unverschämten Glauben an meine Unversehrtheit, an die tausend Leben des Andreas Glumm. Mein Universum war beschädigt, mein Urvertrauen war beschädigt. Mein Urvertrauen, ewig zu leben und das Sterben den anderen zu überlassen. Daran kannst du nicht wirklich geglaubt haben, mag man einwenden, dass immer nur andere sterben, so naiv kann man doch nicht sein. O doch, kann man, und dazu muss man noch nicht einmal ausbuchstabiert an das Konzept von Ewigkeit glauben – es reicht schon, nach diesem Prinzip zu leben.

Leben reicht in aller Regel.

*

Günter hat seine vierstündige Herz-OP überstanden und ruft seine Frau an.

„So, ich bin wieder unter den Lebenden“, spricht er mit schleppender Stimme. „Gekotzt hab ich auch schon.“

Er ist schon wieder so gut in Schusss, dass er eine seiner wunderbaren Lebensweisheiten raushaut, als er auf der Bettkante sitzt und eine frische Unterhose anzieht.

„Schlafen ohne Unterhose ist Scheiße“, sagt er.

*

Die ersten fünf Tage im Krankenhaus hab ich nicht geraucht, und was passiert? Ich verliere Gewicht, ich nehme fünf Pfund ab. Obwohl, also, dass ich überhaupt keine Zigarette angepackt habe, stimmt nun auch nicht. Als ich die Station schon verlassen durfte, hab ich mir draussen eine Kippe geschnorrt, aber nicht angezündet, nur in den Mund geschoben. Wie bei Lucky Luke, bei dem qualmt’s auch nie. Der trägt auch nur den Stummel im Mund. So bin ich runter zur Ambulanz, weil da gerade ein Rettungswagen um die Ecke bog.

Ich steh also unten an der Ambulanz, die Kippe im Mund wie Lucky Luke und schaue zu, wie die Türe des Rettungswagen sich öffnet und ein Mensch auf einer Bahre herausgeschaufelt wird. Keine Woche ist es her, dass ich an gleicher Stelle eingeliefert wurde, doch jetzt, wo ich hier stehe und das Spektakel beobachte, spüre ich seltsamerweise nichts, gar nichts, nicht mal eine vage Solidarität, bloß das Brennen der Nachmittagssonne im Nacken.

„Haben Sie Feuer?“ frage ich eine Raucherin, die mit zwei anderen Raucherinnen zusammensteht. Sie zündet mir die geschnorrte Zigarette an, ich nehme drei hektische Züge und trete die scheiß Kippe auf dem Betonboden aus. Das war’s, denke ich. (Nachdem ich entlassen werde, rauche ich noch einige Monate weiter, bis zum 31. 12. 2012 morgens gegen zehn. Seitdem nicht mehr.)

*

Wer traurig ist und nichts mehr fühlt, wer zur Depression neigt, der sollte um Gottes Willen das Rauchen aufhören!

Sanne

*

Mittags steht die Oberärztin vor meinem Bett.

„Also, Herr Glumm, wie ich sehe haben unsere Ärzte Sie wieder von der Strasse weggeschnappt“, scherzt sie mit Blick auf mein Patientenblatt. Selbst die gespielte Überraschung hat sie gut drauf, gelernt ist gelernt. „Moment mal.. Sie sind ja zum ersten Mal im Krankenhaus, und das in Ihrem Alter, Respekt, Herr Specht. Respekt.“

Sie klebt Elektroden auf meine Brust und reicht mir ein Maschinchen, mit dem ein 24-Stunden-EKG durchgeführt werden soll. Auf dem dazugehörigen Merkblatt lese ich zwar von einem empfindlichen Hochleistunggerät, doch der Anblick des handygroßen Dings erinnert eher an Raumschiff Orion. Auch Günter hatte nur „Mann, sieht das Kacke aus“ gerufen, als er das Gerät selbst am Körper tragen musste.

Die Oberärztin informiert mich über die Risiken des zweiten Herzkathetereingriffs, der am Mittwoch stattfinden soll, und erklärt den Eingriff anhand einiger Schaubilder. Ein dünner Schlauch wird durch die Leistenarterie eingebracht und bis zum Herzen geführt und aufgeblasen, um die von Kalk verstopften Gefäße zu öffnen. Über den Katheter wird ein Kontrastmittel eingespritzt, um die Strukturen des Herzens auf einem Monitor sichtbar zu machen. Dann wird ein dritter Stent, ein kleines Gittergerüst eingesetzt, um das Gefäß auf Dauer offenzuhalten. Ich erfahre, dass es dabei im Ausnahmefall zum Schlaganfall kommen könne. Oder es stellt sich heraus, dass die Arterien so dicht sind, dass kein Stent mehr gesetzt werden kann. Dann wird der Eingriff abgebrochen.

„Und dann?“

„Dann muss man sehen, was sich medikamentös noch machen lässt.“

„Kann man das nicht von vornherein medikamentös lösen?“

Sie schaut mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle.

„Junger Mann, das ist eindeutig die schlechtere Variante.“

Sie schickt mich runter auf U1 zur Echo-Untersuchung. Da treffe ich zufällig den Oberarzt wieder, der den Eingriff durchführte, gleich nach dem Infarkt. Doktor Droste. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich weiterhin am Leben teilnehmen darf.

„Sie hatten relativ schlechte Karten an dem Tag, als es passierte. Gut, dass Sie so schnell auf unserem Tisch gelandet sind“, sagt er und führt noch einmal aus, wie verstopft die Gefäße schon waren.

„Erinnern Sie sich überhaupt noch an mich?“ fragt er zum Schluss.

„Nicht wirklich.. aber der Klang Ihrer Stimme kommt mir bekannt vor.“

Ausserdem hat er eisblaue Huskie-Augen, sehr verwegen irgendwie, aber das behalte ich für mich. (Scheisse. Wo ist mein Notizbuch?)

„Ja, ich musste ganz schön laut werden, weil Sie einfach nicht still liegenbleiben wollten. So, bis Mittwoch. Und keine Angst. Das machen wir schon.“

*

Heute wird, so Gott will, der dritte Stent gesetzt. Auf der OP-Liste stehe ich an zweiter Stelle, das bedeutet ca. 9 Uhr. Um 11 Uhr sitz ich immer noch abholbereit im Zimmer auf der Pflegegruppe, die weißen Thrombosestrümpfe drübergezogen wie ein Primaballerino. Das hellblaue Engelshemdchen, am Rücken offen, umweht meinen Körper. Ich bin nüchtern. Kein Kaffee, kein Frühstück, nichts. Schwester Conny, Reibeisenstimme, schaut kurz ins Zimmer.

„Na, alles gut überstanden?“

„Ich war noch gar nicht unten.“

„Ah.“

Eine halbe Stunde mit Sanne telefoniert. Sie spricht mir Mut zu. „Du machst das schon.“ Das Problem: als ich den Infarkt hatte, wurden mir sogar zwei Stents auf einmal gesetzt, aber davon bekam ich nichts mit. Da war ich mit Diazepam und weiss der Teufel noch alles abgeschossen. Da lachte das kaputte Junkieherz. Warum schiesst ihr mich diesmal nicht ab? frage ich natürlich. „Weil wir Sie während des Eingriffs brauchen. Sie müssen uns währenddessen zwei, dreimal Auskunft geben, was Sie gerade spüren.“

Schöner Mist.

Gegen 12 Uhr werde ich in meinem Krankenbett abgeholt und runtergefahren zu den OP-Sälen. Die Pflegerin der Funktionsabteilung Kardiologie, die mich durch die Gänge manövriert, keucht müde, aber mit einem freundlichen Lächeln.

„Diese alten Betten..“

Weil man mir die Angst vor dem, was kommt, auf zehn Meilen Entfernung ansieht, versucht sie mich zu beruhigen, als wir mit dem Aufzug unterwegs sind.

„Sonderfahrt“, knarzt der Lautsprecher. „Beim nächsten Halt bitte aussteigen!“

„So ein Stent ist keine große Sache mehr, das wird heute tausendfach gesetzt, da müssen Sie sich keine Sorgen machen, Herr Glumm. Als es noch keine Stents gab, wurden die Engstellen lediglich aufgeblasen, das hielt dann vielleicht ein Jahr, wenn man Glück hatte.“ Meinen Namen hat sie mit fixem Blick vom Patientenblatt abgelesen, das auf der Bettdecke liegt. „Und bislang hat noch jeder Patient gesagt, es wäre alles nur halb so schlimm gewesen..“

„Ich nehme Sie beim Wort“, sage ich, als wir aussteigen, und weil ich das in den vergangenen Tagen bereits mehrfach gesagt habe, komme ich mir lächerlich vor und würde den Satz am liebsten löschen, wie ich es am Computer gewohnt bin.

Vor den OP-Sälen werde ich zwischengeparkt, in einer der dafür vorgesehenen Parktaschen. Irgendwann taucht die nette Oberärztin wieder auf. Sie misst den Blutdruck. „120/80. Ich würde sagen: Bilderbuch.“ Sie versucht mir über die Leistenarterie einen neuen Zugang legen, was sich als schwierig erweist.

„Sie haben Angst, Sie haben nichts gegessen, Sie haben nichts getrunken. Sie sind ganz kalt und Ihre Hände feucht, da habe ich Schwierigkeiten, einen Zugang zu legen. Brauchen Sie was zur Beruhigung?“

Ich hab meine täglicher Dosis Polamidon schon genommen, dazu 2 ml Methadon aus dem eigenen Vorrat. Ich nicke.

„Wäre vielleicht nicht schlecht.“

Ich bekomme eine weiche kleine Pille, die ich unter die Zunge legen soll. Kaum fünf Minuten später werde ich müde und mir fallen dauernd die Augen zu. Eine Dreiviertelstunde lang liege ich im Gang, bis ich endlich in den OP der Kardiologie geschoben werde. Es ist halb eins. Doktor Droste erkundigt sich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er den dünnen biegsamen Kunststoffschlauch statt über die Leiste übers Handgelenk einführen würde. Ich kann kaum so schnell ja! sagen, Herr Doktor, aber sicher doch!, weil dadurch die 24stündige völlige Bettruhe wegfällt.

„Vorsicht, jetzt wird es mal eben kalt..“

Eine vermummte OP-Schwester pinselt mich mit einer braunen Brühe ein, Oberschenkel, Hüfte, ich seh aus wie ein Maori-Krieger, mit sterilen Tüchern eingedeckt. Doktor Droste legt den Zugang übers Handgelenk. Ich bemerke kurz den Einstich der Spritze und mir wird heiss, aber nicht sehr lange. Der Einschwemm-Katheter schwimmt im Blutstrom mit und findet selbständig den Weg zum Herzen. In den folgenden 30 Minuten kontrolliert der Doc die beiden bereits gesetzten Stents, „sehr schön! sehr stabil!“, und setzt einen dritten hinzu. „Das sieht alles sehr gut aus, Herr Glumm.“ Dennoch: „Ein Stück des Herzgewebes ist durch den Infarkt bereits abgestorben, da muss das Herz zusehen, wie es mit dem vernarbten Gewebe zurecht kommt.“

Ich bin heilfroh, als alles vorüber ist und ich zurück in mein gutes altes Krankenbett gehievt werde.

*

Die nächsten vier Stunden nach dem Eingriff verbringe ich auf der Intensivstation, in einem speziellen Aufwach-Saal. Er wird von unzähligen weißen Vorhängen auf Rollen in viele kleine, sozusagen“offene“ Kojen dividiert, was eine weite und freie, eine bewegliche Atmosphäre macht, ganz anders als auf einer festen Station. Es ist ein Großraumbüro für frisch Operierte. Wenn jemand die Koje nebenan betritt, flattern die Tücher.

Gegen sechs Uhr wird mir ein verspätetes Mittagessen hingestellt, und im selben Augenblick taucht Sanne auf. Als ich brav alles aufgegessen habe, legt sie sich eine Viertelstunde zu mir ins Bett. Ich bin so bräsig von all den Medikamenten und Beruhigungshammern, dass ich dauernd wegsacke, aber es ist schön, dass sie da ist. Ich fühle mich wie auf einem Schiff, das durch den Himmel fährt, und hinterm Bullauge glühen die Sterne.

Sie bleibt eine Stunde, ich werde gegen 19 Uhr zurück auf Station gebracht. Aus dem unscheinbaren kleinen Druckverband am Handgelenk wird peu a peu die Luft entlassen, bis sie ganz raus ist und der Verband abgenommen wird. Zurück bleibt die bräunliche Maori-Flüssigkeit auf der Haut, Betaisodona, und ein weisses Pflaster.

Um 21 Uhr drehe ich eine kleine Runde durchs Klinikum, verlasse es für fünf Minuten, aber es ist zu kühl draussen, ich kehre zurück in mein Zimmer. Nachdem der Mobilist vom Chiemsee entlassen wurde, bin ich mit meinem Bett ans Fenster gerückt. Zudem hat sich eine neue Nummer 3 zu uns gesellt. Der Mann hat keinen Namen und ist Leiter der Versandabteilung eines Maniküremesser-Herstellers aus Solingen, lungenkrank, geschieden, zwei Töchter. Er macht kaum Worte. Insgesamt angenehm.

„Männer, hier riechts nach einer Mischung aus Bratäpfeln und Druckerschwärze!“ ruft Günter, nachdem er erfrischt und beschwingt aus dem Bade tritt. Er durfte zehn Tage nicht duschen, auf Doktors Anweisung.

„Noch was zur Nacht, Herr Glumm?“ erkundigt sich die Nachtschwester, als sie die letzte Runde dreht.

„Sicher, was ich immer kriege.“

Da bin ich nicht zimperlich.

„Kein Problem, Herr Glumm. Ich stell Ihnen das Töpfchen hier hin.“

Um elf schlummere ich ein, und erwache erst, als die Sonne aufgeht.

*

Sie rauschen in ein energetisches Loch.

Das waren genau die Worte, die Sanne mir einen Tag vor dem Infarkt aus meinem Wochenhoroskop vorlas, (nein, aus unserem Wochenhoroskop, wir sind schliesslich unter ein und demselben Sternzeichen geboren, als Jungfrau).

.. in ein energetisches Loch..

Nun gibt es Worte, die nerven, Worte wie energetisch oder PARAMETER, sie sind mir ein Greuel, die dazugehörigen Leute auch, die sie benutzen. Die von ihrer eigenen „emotionalen Festplatte“ faseln, als wären sie eine Maschine, die ständig ihren „Akku“ aufladen müssen. Vielleicht reden Gesellschaften so, die ihre wachsende Unterlegenheit zur Maschine kompensieren müssen, keine Ahnung. Kotzworte allemal, mickriger Füllstoff, Modebuchstaben mit eingebauten Ausrufzeichen, Angebersprache. Aber nicht die Art Angebersprache, die man aus einem Cabrio aufschnappt, der bei Schneetreiben an der Ampel steht, nichts wagemutig-blödes. Aber was juckte mich das noch. Jetzt, wo mir das Herz zusammengekracht war. An einem Donnerstag im Mai. Halb elf am Vormittag. Juckte mich das alles nur noch am Rande.

(Und vielleicht muss sich in Zukunft auch jeder Mensch entscheiden, was er sein will, Mensch oder Maschine.)

Denn plötzlich krachte mir das Herz jeden Vormittag zusammen. Immer, wenn der Uhrzeiger auf halb elf vorrückte. Zog und drehte es im Herzen. Flirrte es, wurde das Herz flügge und silbrig, war Durchzug und heftig Kammerflimmern zu spüren.

Panikattacken.

– IST DER HERR PANIK-ATTACHÉ ZU SPRECHEN?! –

– NEIN, IST SCHON WEG! IST SCHON GEFLÜCHTET! –

– IST SCHON WEG!?? –

– JA. SCHON WEG! –

Nicht, dass ich etwa darauf hinzielte, dass ich mir die Panik heranwünschte, nein, es passiert einfach. Jeden verfluchten Vormittag, an dem ich mein Zuhause verliess, gegen zehn Uhr 30, kam das Trauma über mich wie eine Reihe schwerer Körpertreffer, ich ging zu Boden und niemand war da, der mich anzählte. Kein Ringrichter, der es kommen gesehen hätte. Kein Trainer mit weissem Handtuch in der Hinterhand. Niemand. Nur ich und mein Hund und ein paar Menschen, die nicht darauf vorbereitet waren, einem Mann gegenüberzustehen, dem, käsebleich und schwitzend, in diesem Moment das Herz zusammenkrachte. Die Retter kamen später. Die Retter kommen stets später. Man liebt die Retter dafür, dass sie später kommen.

*

Vater hatte zwei Herzinfarkte in den Jahren 2003 und 2009, die er auch dank der Einpflanzung eines Bypass überlebte. Mutter erlitt ebenfalls zwei Herzinfarkte, aber beide direkt hintereinander, was sie nicht überlebte. Cousin Michael hatte von Geburt an ein Loch im Herzen, er flog in den 70ern mehrfach rüber nach Texas, um vom renommierten Dr. deBakey operiert zu werden. Er starb kaum vierzigjährig. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass es in unserer Familie eine gewisse Neigung zum Herztod gibt, sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite aus. Und doch war das Herz ganz selten ein Thema in der Familie. Niemand kam auf die Idee, es könnte sich um verstopfte koronare Gefäße handeln, wenn ich auf dem Weg zu meinen Eltern den steilen Klauberg hoch marschierte und schweißüberströmt und außer Puste ankam.

„Junge, bist du am schwitzen“, schüttelte Mutter nur den Kopf. Und Vater wartete vier, fünf Minuten, bevor er mich ansprach.

„Hüor dat Ruoken up, Jung.“

*

Ich höre das Auf und Ab der Beatmungsschläuche, die meine Bettnachbarin mit Atemluft versorgen. Ich weiss nicht, wie die Frau aussieht, die keine drei Meter von mir entfernt mit dem Tode ringt. Ein weisser Rollverhang verstellt den Blick auf ihr Bett, und nur gelegentlich, wenn ich mich ein Stück aufrichte, sehe ich ihre Füße am Bettende, nackig, reglos. Ich höre die Gespräche der Schwestern, wenn sie die unbekannte Frau umbetten, wenn sie einen neuen Verband anlegen müssen, oder wenn irgendetwas geswitcht wird.

„Nicht erschrecken, liebe Frau Meyer, wir switchen Sie jetzt.“

Was wird denn da geswitcht? wollte ich die Schwester noch gefragt haben, aber dann hab ich’s vergessen. Krankenschwestern auf der Intensivstation sind bemerkenswert zuvorkommend, fast warmherzig, geschult vom Elend, vielleicht, keine Ahnung.

Schwester, sag ich, was ist mit der Frau neben mir los?

Ich erfahre, dass sie schwer lungenkrank ist und tags zuvor einen Luftröhrenschnitt erhalten hat, ansonsten aber austherapiert ist.

„So liebe Frau Meyer, nicht erschrecken, wir müssen nur kurz die Beatmungsschläuche tauschen.“

Es sei unklar, so Schwester Simone, ob die arme Frau überhaupt noch etwas mitkriegt. Ja, ist sie denn im Koma?

„So ähnlich“, sagt sie ausweichend.

Die Schwestern sprechen dennoch mit der Patientin, als verstünde sie jedes Wort, als ich Samstagmorgen, halb im Bett liegend, halb sitzend, in Zeitlupe Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade frühstücke. Ich trage ein weisses Plastikbändchen am Handgelenk mit Namen, Geburtsdatum und Fallnummer, sowie ein frisches hellblaues Engelshemdchen am Leib, hinten offen, die Arschbacken frei.

Können Sie mir das mal zubinden, Schwester?

Die ständige Alarmbereitschaft der Apparaturen rund um mein verkabeltes Bett, medizinische Hochleistungsapparate, die LIFE VIEW heissen und INTELLI-VIEW und an Baywatch erinnern, an braungebrannte Rettungsschwimmer, jederzeit bereit, ein absaufendes nölendes Herz aus den Fluten zu heben, einen Schlaganfall zu glätten, komm her, du! Falscher Hase! Wir retten dich. Wir betten dich um.

*

Freitag, 18. Mai 2012

Entlassungstag. Sanne ist froh, dass ich wieder zu Hause bin. Sie spricht von der „schwarzen Woche“. Sie war viel mit dem Hund unterwegs, hat sich den Stress aus dem Leib zu laufen versucht, hat stundenlang telefoniert, mit ihrer Schwester, mit meiner Schwester.

„Ich hab die ganze Woche gebrannt“, sagt sie, „jetzt bin ich Asche.“

Als ich noch im Klinikum lag, rief Karlos zwei Mal zu Hause an und hinterliess kurze Nachrichten auf der Mailbox, jeweils gegen 19 Uhr. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, dass ich im Spital lag. Er forderte mich auf, alles stehen und liegen zu lassen und in Turnschuhen und Trainingshose, „hast du noch die alte blaue von adidas?“, runter zum Käfig zu kommen, eine halbe Stunde kicken.

„Ich bin seit gestern wieder im Training. Los, Glumm, mach hin, ich bin in fünf Minuten im Käfig.“

Sanne hörte die Nachrichten ab und war sich nicht sicher, ob sie Karlos zurückrufen, ihm Bescheid geben solle, ob mir das recht wäre.

„Nee, lass mal. Ich ruf ihn selbst an.“

*

„Ich konnte nicht zum Käfig kommen“, sagte ich ein paar Tage später am Telefon zu Karlos, „ich hatte einen Herzinfarkt.“

(Später, im Laufe des Gesprächs, fällt ihm ein, dass just an dem Tag, als mir das Herz kaputt ging, Karlos seinen Fußball aufpumpen wollte, aber die Ballpumpe ging kaputt.

„Knickt das dünne Ding da oben ab, das, wie heisst das noch, das Ventil!“)

Und dann bin ich dran. Ich erzähle ihm, was passiert war an diesem 10. Mai 2012. Erzählte ihm vom Sofa in den Gemeinderäumen der Evangelischen Stadtkirche, im Untergeschoss, wohin ich geflüchtet war, als ich mir in der Innenstadt, genauer: am Fronhof, nicht mehr zu helfen wusste, mit diesem elenden Getrampel in der Herzgegend, mit dem Hund an der Leine, mit dieser scheiß Angst zu sterben, und doch: wie seltsam kühl es mich irgendwie liess. Es war fast lästig.

(Diese überraschend alltäglichen Gedanken, die mich beherrschten, als der Tod schon anklopfte: wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt? Der lässt doch keinen Sanitäter an dich heran. Der verteidigt dich, selbst wenn du erste Hilfe brauchst. Der beisst den Feind weg. Obwohl etwas furchtbares in meinem Körper vorging, dachte ich bloß alltägliches Zeugs.)

Ich erzählte Karlos von den Minuten auf dem Sofa, dem Warten auf den Rettungsdienst in den gebohnerten Gemeinderäumen der Stadtkirche, in der Karlos Vater bis zur Rente als Küster gearbeitet hatte. Wo wir ihn als Teenager oft aufsuchten, weil Karlos einen Schlüssel abliefern sollte oder sonst eine Kleinigkeit zu tun war. Ein Konfirmandenunterricht vorbereiten, Kaffekochen, Kuchen holen. Suche einen Ort auf, der dir gut bekannt ist, wenn der Tod anklopft mit langen dürren Fingern. Wenn noch Zeit bleibt. Wenn man es sich noch aussuchen kann. Das beruhigt.

Ausgerechnet am Fronhof.

Bevor ich den Hinterausgang der Kirche aufsuchte, versuchte ich Luft in meine Lungen zu kriegen. Vielleicht war es kein Infarkt, vielleicht war es Asthma. Vorbei am Hähnchengrill, vorbei an der Laderampe des Kaufhof, vorbei am Obststand, an dem Erdbeeren verkauft wurden, Erdbeeren aus den Leichlinger Sandbergen, eine lokale Spezialität.

„Sie auch junger Mann? Eine schöne rote zum Probieren?“ Der leere Platz schimmerte im Sonnenschein. „Möchten Sie auch mal kosten? Nicht zum Sattessen. Ist zum Sattessen zu schade.“

Gelächter, und mir ging’s immer schlechter. Ich machte mich auf einer der grünen Drahtbänke lang. Versuchte zu entspannen. Zu relaxen. Auf dem Rücken zu liegen. Ein Schulmädchen im Sommerkleidchen ging vorbei, das Wippen ihrer weissen Waden nahm ich noch aus den Augenwinkeln wahr, als der Tod, die Kanaille, schon den Schlüsselbund hervorzog und rasseln liess.

Ich stand auf, versuchte es mit einer Entspannungsübung wie beim Fußball früher, wenn ich nach einem langen Sprint k.o. war: den Rücken durchdrücken, die Arme hinterm Kopf kreuzen. Das entlastet die Lunge. Jetzt nicht. Nichts entlastete mich. Ich war in ein Stahlkorsett gepresst, das Korsett zog sich mehr und mehr zu. Ich konnte kaum noch atmen. Es war, als hätte meine Lunge auf Schnappatmung umgestellt. Mageratmung.

Ist das Sterben? dachte ich. So schmal? So dumpf, so mager?

*

Sanne, genervt von jeglichem Lärm, („der deutsche Mann ist erst dann zufrieden, wenn er ein lautes Gerät anwerfen darf“), („He! Nicht so laut dahinten! Ich bin Malerin, ich will nichts hören, ich will gucken!“), kommt der Sache auf die Spur, warum das alles so laut geworden ist draussen in der Welt.

„Weißt du, warum Menschen so einen Radau machen? Um die Stimme in ihrem Kopf zu übertönen, die ihnen dauernd sagt, bald, mein Freund, bald musst auch du sterben..“

*

Im Juni, ich war noch angeschlagen von der Herzattacke, packten wir unser neues großes Zelt in den Wagen und fuhren Richtung Zeeland. Die Nordsee gilt seit meinen Kindheitstagen als Allheilmittel gegen körperliche Schwächezustände und Fehlentwicklungen jeglicher Art, aber diesmal war die Sache nicht so einfach. Ein Infarkt heilt nicht mal eben so aus, nur weil man lange Strandspaziergänge unternimmt und salzige Meeresluft einatmet.

Vielleicht war die Idee nicht so gut, kurz nach dem Einbringen von drei Blutgefäßstents in die Herzkranzgefäße ans Meer zu fahren.

Als wir am zweiten Urlaubstag in der Mittagsglut von Zeeland eine Wanderung durch das Reservat De Zwarte Polder unternahmen, bekannt für seine blauen See-Disteln und brütende Vögel, stieß ich an meine Grenzen. Wie ein leck geschlagenes Schiff, in dessen unteren Mannschaftsräumen das eindringende Wasser hin-und her schwappte, manövrierte ich mit schweren Beinen über die sandigen Wege und lief bald auf Grund. Ich war heilfroh, als wir den Strand-Pavillon erreichten und Sanne es bei fünfunddreißig Grad im Schatten übernahm, zwei große Gläser heißen Pfefferminztee zu ordern.

Am nächsten Tag begann es zu regnen, und hörte nicht mehr auf. Wir saßen mit aufgespanntem Regenschirm im Zelt fest wie in einer großen Fruchtblase und konnten nichts anderes tun als dafür zu sorgen, dass wir nicht fortschwammen oder bei aufkommenden Winden davongetragen zu werden.

„Seit wann hat Holland Monsun?“ stöhnte ich.

Da noch Vorsaison war, hatten wir auf dem Zeltplatz ein Areal für uns allein, das groß genug für ein Dutzend Caravans und Mobilheime gewesen wäre. Der viele Platz sorgte bei Dauerregen für zusätzlichen Verdruss. Das Fehlen jeglicher Nachbarschaft, in deren Windschatten sich unser Zelt hätte verstecken und einigeln können, ließ uns zum Hauptangriffspunkt der Regen- und Sturmböen werden. In der Nacht fielen die Temperaturen auf fünf Grad. Selbst der Hund verkroch sich tief im Schlafsack. Eine unglückliche Woche.

Enttäuscht von uns selbst, dass wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nichts mehr entgegenzusetzen hatten, bauten wir das Zelt ab und traten die Heimreise an. Was uns früher als Paar ausgezeichnet hatte, nämlich noch aus der gröbsten Scheiße etwas zu machen, schien verloren gegangen zu sein. Wir waren ein normales, humorloses Paar um die fünfzig, das sauer war, weil es im Urlaub regnete, obwohl man bei Sonnenschein gebucht hatte.

„Red keinen Scheiß“, sagte Sanne, schaute dabei aber aus der Wäsche, als hätte sie es selber gesagt.

Als ich zehn Tage später die Urlaubsfotos abholte, fühlte ich mich bestätigt. Da war nichts mehr zu sehen vom jungen Mann, der einst mit jedem Tag am Strand mehr an Bräune und damit an Leichtigkeit und Charme gewann. Die Kleinbildkamera, die wir statt der Digitalen mitgenommen hatten – der verflixte Nordseesand hatte mir schon einmal eine Spiegelreflexkamera ruiniert – tat ihr übriges. Die Fotos wirkten, als hätte man mich in den Siebzigern mit Vorsatz falsch fotografiert: mein grotesk überbelichtetes Gesicht erinnerte an weißen Schweinebauch.

„Ich glaube, ich sterbe langsam“, stänkerte ich, als wir die Bilder durchgingen.

„Stirb langsam, Teil 45“, murmelte Sanne.

„Ist der mit Bruce Willis?“

Advertisements

Geplant war Ewigkeit (7)

Im Juni 2012, ich war noch angeschlagen von der Herzattacke, lockten wir den Hund ins Auto und fuhren zum Zelten nach Zeeland. Die Nordsee war seit meinen Kindheitstagen das Allheilmittel gegen Erkrankungen jeglicher Art, aber diesmal war die Sache nicht so einfach. Ein Herzinfarkt heilt nicht mal eben so aus, nur weil man nachts im Schlafsack liegt und salzige Luft atmet.

„Du hattest immer so weiche schwere Augen“, meinte die Gräfin bekümmert, „aber seit dem Infarkt..“

Sie zögerte.

„Was ist seit dem Infarkt?“

„.. seitdem ist dein Blick hart und aufgerissen, als hättest du das Böse gesehen, als hättest du einen Blick in die Hölle geworfen.“

„Na, die Hölle hatte ich auch vor dem Infarkt schon gesehen“, relativierte ich. „Aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann.“

*

Leute, die dem Tod von der Schippe springen, erzählen oft, sie lebten danach intensiver und genössen jeden einzelnen Moment. Solche Leute waren mir immer suspekt, genau wie die Supertypen, die sich ständig neu erfinden. Wie soll das funktionieren? Sind das alles fesche kleine Daniel Düsentriebs, die sich mit ihrem Helferlein hinsetzen und bei flackerndem Teelicht auf Sternenstaub-Basis alle Verkleidungen durchgehen, die noch nicht auf der Tagesordnung waren?

Ja, vielleicht.

Vielleicht bedeutet sich neu zu erfinden auch nicht, ein Anderer zu werden, sondern endlich der, der man schon immer hätte sein können..

*

Ich lebte nicht intensiver als vor der Herzattacke, ich genoss meine Momente nicht mehr als zuvor. Im Gegenteil, ich fühlte mich eher meiner Sicherheit beraubt, meinem geradezu unverschämten Glauben an die universelle Unversehrtheit des Andreas Glumm, an die tausend Leben des Andreas Glumm. Mein Urvertrauen war beschädigt. Mein Urvertrauen, ewig zu leben, und das Sterben möglichst den Anderen zu überlassen.

Daran kannst du nicht wirklich geglaubt haben, mag man einwenden, so naiv kann man doch nicht sein. O doch, kann man, und dazu muss man noch nicht mal ausbuchstabiert an das Konzept von Ewigkeit glauben – es reicht schon, danach zu leben.

Leben reicht in aller Regel.

*

Vielleicht war die Idee nicht so gut, so kurz nach einem Infarkt und dem Einbringen von zwei Blutgefäß-Stents in die Herzkranzgefäße ans Meer zu fahren.

Als wir am zweiten Urlaubstag in der Mittagsglut von Zeeland eine Wanderung durch das Reservat De Zwarte Polder unternahmen, bekannt für blaue See-Disteln, Riesenlöwenzahn und brütende Vögel, stieß ich an meine Grenzen. Wie ein leck geschlagenes Schiff, in dessen unteren Mannschaftsräumen das Wasser hin-und her schwappt, lief ich beinah auf Grund. Ich war heilfroh, als wir den Strandpavillon erreichten und die Gräfin es bei über dreißig Grad im Schatten übernahm, heißen Pfefferminztee zu ordern.

Am nächsten Tag begann es zu regnen und hörte nicht mehr auf. Wir saßen mit aufgespanntem Regenschirm im Zelt fest wie in einer großen Fruchtblase und konnten nicht viel mehr tun als dafür zu sorgen, dass wir nicht fortschwammen und vom Wind davongetragen wurden. Da noch Vorsaison war, hatten wir ein Areal für uns allein, das normalerweise Platz bot für ein Dutzend Caravans und Mobilheime. Was bei Sonnenschein ideal gewesen wäre, sorgte bei Dauerregen für zusätzlichen Verdruss. Das Fehlen jeglicher Nachbarschaft, in deren Windschatten sich unser Zelt hätte verstecken und einigeln können, ließ uns zum Hauptangriffspunkt der Sturmböen werden, die uns fast vom Platz fegten. In der Nacht fielen die Temperaturen auf fünf Grad.

Selbst der Hund verkroch sich im Schlafsack.

Eine unglückliche Woche. Enttäuscht von uns selbst, dass wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht mehr viel entgegenzusetzen hatten, packten wir das Zelt nass ein und  fuhren nach Hause. Was uns früher ausgezeichnet hatte, noch aus der grössten Scheiße etwas zu machen, schien verloren gegangen zu sein. Wir waren ein normal humorloses Paar um die Fünfzig, das sauer war, weil es im Urlaub regnete.

„Red keinen Scheiß“, sagte die Gräfin, schaute dabei aber aus der Wäsche, als hätte sie es selbst gesagt.

Als ich später die Urlaubsfotos abholte, fühlte ich mich bestätigt. Da war nichts mehr zu sehen von dem jungen Mann, der einst mit jedem Tag am Strand Bräune gewann und damit an Leichtigkeit und Charme. Die Kleinbildkamera, die wir statt der Digitalen mitgenommen hatten, (der verflixte Nordseesand hatte mir schon einmal eine Spiegelreflexkamera ruiniert), tat ihr übriges. Die Fotos wirkten, als hätte man mich in den 70er Jahren extra falsch fotografiert, mit grotesk überbelichtetem Gesicht, wie geweißter Schweinebauch.

„Ich glaub, ich sterbe langsam“, stänkerte ich, als wir die Bilder durchgingen.

„Stirb langsam, Teil 45“, murmelte die Gräfin.

*

Wie immer, wenn mich etwas richtig erwischt hatte, war ich von dem Verursacher besessen. Der verfluchte Herzinfarkt dominierte mich bis in die Träume. Ich wachte Nacht für Nacht auf der Intensivstation auf. Eine Krankenschwester kam ans Bett, Schwester Barbara. Freundliche Augen, forschender Blick.

„Sie hatten einen schweren Herzinfarkt.“

„Weiß ich doch“, antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen. Ich versuchte mich zu erheben, doch Schwester Barbara drückte mich behutsam zurück und fixierte die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett patrouillierten und ihr kühles bläuliches Licht ins Zimmer warfen.

Geräte kontrollierten die Sauerstoffsättigung im Blut und den Puls, tief in meiner Nase steckte eine Sonde. Über eine Kanüle lief steriles Wasser in meinen Arm, ein Druckverband sicherte die Einstichstelle an meiner Leiste. Alls zwanzig Minuten pumpte sich die Blutdruckmanschette am Oberarm selbständig auf, fünf, sechs Mal am Tag wurde mir Blut abgenommen.

„Sie können von Glück reden, dass Sie den Herzinfarkt mitten in der Stadt erlitten haben und so rasch im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald spazieren gegangen..“

„An dem Tag nicht, aber am Tag zuvor bin ich tatsächlich mit dem Hund im Wald gewesen“, gab ich stolz zurück.

„Na, sehen Sie.“

Tief im Wald sogar. Im Unterholz, wo man ständig darauf gefasst sein muss, auf verbuddelte Leichen zu stoßen in ollen Koffern, die der Erdboden freisetzt.

„Haben Sie Ihr Handy dabei?“ fragte die Schwester.

„Nein.“

„Ich bringe Ihnen gleich das Stations-Handy, dann können Sie Ihre Leute anrufen.“

*

Nach Hause telefonieren, dass man auf der Intensivstation liegt, ist eine merkwürdige Sache. In der Regel, also in Spielfilmen, kommt ein Anruf aus dem Klinikum, und die einfühlsame Stationsschwester teilt einem mit, dass ein naher Angehöriger einen Herzanfall erlitten hat.

Doch selbst die Nummer wählen und anrufen..

„Hallo, ich bin’s. Hör mal, Schatz, ich lieg im Städtischen auf der Intensivstation, ja richtig, ich hatte eben einen dreifachen Herzinfakt. Ja, dreifach. In der Stadt, ja, mitten am Fronhof. Nein, kein Bypass, Stents. Ja, zwei, ich hab vorerst nur zwei Stents gekriegt, der dritte folgt in einigen Tagen. Na ja, gleich mach ich Mittag. Danke, dir auch, Schatz. Schüss!“

*

Einige Tage später feierte Vater 86. Geburtstag. Er besuchte mich in Begleitung meiner Schwester und ihrer Tochter. Ich war mittlerweile verlegt worden, von der Intensivstation auf die Kardiologie. Wir gingen raus auf den Balkon. Es war heiß.

„Vielleicht hörst du besser mit dem Rauchen auf“, meinte meine Schwester.

Vater nickte zustimmend, sagte ansonsten nicht viel, blickte mich verständnislos an. Ich und ein Herzinfarkt, das passte schon für viele in meiner Umgebung nicht recht zusammen, aber für Vater handelte es sich um eine groteske Fehldiagnose. Herzinfarkte erlitten unruhige und flatterhafte Geister, die ihre Beine nicht still halten konnten, Leute wie Benzini, die mit Tempo 200 über die Autobahn donnerten und eine 50 Stunden-Woche an einem einzigen Vormittag abrissen – aber doch nicht ich.

Ich war kein nervöser Heini, ich machte eher halblang, ich liess es ruhig angehen.

Noch ruhiger, und die Mediziner hätten Probleme, überhaupt irgendwelche Vitalfunktionen wahrzunehmen, orakelte mein Bruder, der später dazu kam.

*

Zurück aus dem Krankenhaus schnappte ich mir den Hund und spazierte zur Schillerstraße.

Vater stand in der Küche, die etwas muffig roch, und wärmte den Inhalt einer Büchse Hochzeitssuppe auf. Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war sein Leibgericht geworden, seit Mutters Tod. Ein Einkaufszettel ohne Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann war undenkbar. Sobald der Vorrat an Hochzeitssuppe auf ein halbes Dutzend Dosen schrumpfte, wurde er nervös. „Hochzeitssuppe!“ schrie er mich beinah schon an, wenn ich den neuen Einkaufszettel schrieb und ihn fragte, was ich obenan setzen sollte.

Keine Ahnung, was er an Hochzeitssuppe so lecker fand, und warum es unbedingt Sonnen Bassermann sein musste. Er war schon immer ein großer Anhänger von Hühnersuppe gewesen, die Art Hühnersuppe, wie Mutter sie gekocht hatte. Doch aus der Büchse? Sonnen Bassermann?

Ich fragte ihn, was er die letzten Tage so getrieben habe, und er antwortete lakonisch, „Oh, ich bin hübsch zu Hause geblieben“, als hätte es eine Hundertschaft Alternativen gegeben.

Er rührte geduldig im Topf. Er trug seine alte speckige Lieblings-Trainingshose.

„Ich zähle genau zwei Stück Hühnerfleisch“, sagte er. „Oder ist das nur eins, das sich im Kreise dreht? Guck du mal.“

Wir drängelten uns um die Hochzeitssuppe herum, die allmählich Fahrt aufnahm und zu bubbeln begann.

„Na.. da sind zwei Stück“, sagte ich. „Oder? Tu mal den Löffel da weg.“

„Da ist nur eins!“ rief Vater. „Siehst du! Nur eins! DA!“

„Nee, das andere schwimmt unter der Oberfläche. Das kommt gleich wieder hoch. Das sind zwei.“

Wir warteten darauf, dass ein zweites Bröckchen Geflügelfleisch sein Haupt zeigte und vergaßen darüber, dass der Inhalt der Dose lediglich erwärmt werden sollte. Stattdessen brodelte die Suppe wie ein Geysir.

„RÜHREN!“ rief Vater. „DU MUSST RÜHREN! DAS BRENNT DOCH AN!“

„WIESO ICH!? DU HAST DEN LÖFFEL!“

*

Als es mit dem Infarkt passierte, war ich mit dem Hund auf dem Weg zur Apotheke gewesen, um für Vater ein Rezept einzulösen.

Es war Donnerstagvormittag, 10. Mai 2012, 10 Uhr. Später schrieb ich über die Luft an diesem Tag, sie sei so schwül und so schwer gewesen wie Layla von Clapton.

Und so gefährlich.

Ich nahm die steil ansteigende Kasinostraße und geriet im Schatten der langen, nicht enden wollenden Friedhofsmauer in wachsende Luftnot. Das war an sich nichts besonderes. Ich kannte das schon. Jedes Mal, wenn es steil bergauf ging, war ich schnell außer Puste. Ich schob es auf meine Lunge, auf die vielen zehntausend selbstgedrehten Kippen, auf mein ganzes Drogenleben, das ich über die Jahre geführt hatte und in Teilen immer noch führte.

Ich verlangsamte den Schritt, die Sonne stach im Nacken, und ich begann zu schwitzen. Innerhalb einer Minute lief die Suppe an mir runter, und eine seltsame Kraftlosigkeit machte sich breit, eine Schwäche, als wäre ich unter einen Sattelschlepper geraten, als saugte jemand alle Kraft aus mir heraus.

Hatte ich mir unter einem Herzinfarkt stets eine Explosion vorgestellt, (in der Art einer Sprengfalle, die bei Berührung zuschnappt), so folgte nun die brüske Belehrung. Ein Herzinfarkt ist eher ein alles vernichtendes Schwächeln, begleitet von einem Aufgebot an Engegefühl und Schweiß. Ganze Bataillone von Drüsen sind mit der fiebrigen Ausschüttung von Schweiß beschäftigt.

Dass ich lange meine Lunge in Verdacht hatte, Verursacher der Misere zu sein, machte Sinn. Mitte der Neunziger war bei mir Asthma diagnostiziert worden, ein paar Jahre lang ging ich nicht ohne Asthmaspray aus dem Haus.

Es gab zwei Asthmaanfälle, die meine letzten hätten sein können. Sie verliefen beinah identisch, und ich war beide Male allein: Ein Hustenanfall direkt nach dem Aufwachen verengte meine Luftröhre derart, dass ich durch die Wohnung sprang und in die Hosen pisste, aus lauter Angst zu ersticken. Ich bekam keinen Fitzel Luft mehr. Hätte ich kein Spray zur Hand gehabt, (und hätte ich nicht den dringenden Rat des Lungenarztes im Ohr gehabt, bei schweren Anfällen einfach in den Mundraum zu sprühen, um die verstopften Atemwege wenigstens so weit zu öffnen, dass man überhaupt ein klein wenig inhalieren kann), ich wäre drauf gegangen.

Ich wäre zweimal schon erstickt, bevor der Herzinfarkt kam und als laufende Nummer 3 schweißüberströmt durch den Ring tänzelte.

*

Vater hatte zwei Herzinfarkte in den Jahren 2003 und 2009, die er auch dank der Einpflanzung eines Bypass überlebte. Mutter hatte ebenfalls zwei Herzinfarkte, erlitt aber beide direkt hintereinander, was sie nicht überlebte. Cousin Michael hatte von Geburt an ein Loch im Herzen, er flog in den 70ern mehrfach nach Texas, um vom renommierten Dr. deBakey operiert zu werden. Er starb kaum vierzigjährig.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass es in unserer Familie eine gewisse Neigung zum Herztod gibt, sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite aus. Und doch war das Herz ganz selten ein Thema. Niemand kam auf die Idee, es könnte sich um verstopfte koronare Gefäße handeln, wenn ich auf dem Weg zu meinen Eltern den steilen Klauberg hoch marschiert war und schweißüberströmt und außer Puste ankam.

„Junge, bist du am ölen“, schüttelte Mutter höchstens den Kopf. Und Vater wartete vier, fünf Minuten, bevor er mich ansprach.

„Hüor dat Ruoken up, Jung.“

*

Der Rettungswagen stand in der Fußgängerzone. Ich lag auf der Bahre, hörte von draußen einen Sanitäter rufen, „unter der Telefonnummer ist aber niemand zu erreichen.“ „Ist aber die richtige.. Nummer“, flüsterte ich und wiederholte die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Der Wagen fuhr an, ich nahm das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, sowie einen Luftzug, der meinen Körper streifte.

Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich im Krankenhaus bin, ging mir durch den Kopf. Sie muss den Hund aus der Kirche holen. Der Hund kann nicht da bleiben. Der lässt sich nicht anfassen, wenn er die Leute nicht kennt. Ich war selbst überrascht von den alltäglichen Gedanken, die mir im Kopf schwirrten, obwohl mir der Herztod im Genick saß.

Erinnerungsfetzen an die erregte Stimme des Fahrers, „Die Fußgängerzone ist blockiert!“ Dann das Rappeln und Rumpeln während der Blaulichtfahrt ins Städtische Krankenhaus – eine Infusion wurde gelegt.

„Einmal Diazepam läuft durch!“

Diazepam, scheiß Zeugs, macht nur kirre im Kopf, dachte ich und verlor das Bewusstsein.

Ich öffnete die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt wurde, wo mir eine Pflegerin auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Jeanshose und Pulli vom Körper zog.

„Ruhig, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.“

Und dann retteten sie mich.

*

– Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? –

– Hm. Ist verschieden. –

– Na, ungefähr. –

– Manchmal zehn, manchmal gar keinen. Warum? –

– Na, nur so. –

– Infarkte häufen sich bei anhaltend schwülem Wetter und bei Frostperioden im Winter, wenn die Leute frühmorgens zum Schnee schippen raus müssen. Dann ist Daueralarm hier auf der Intensiv. Überall stehen Gummistiefel und Moonboots rum.. –

– Hm. Ja. Und heute war ich der einzige Herzinfarkt? –

– Bis jetzt, ja. –

*

Mit jeder Minute, die ich in den Sozialräumen der Stadtkirche auf den Ambulanzwagen wartete, schnürte sich der Brustkorb mehr zu, steckte ich enger im Korsett. Es war, als versuchte ich durch eine zusammengefaltete Tasche zu atmen. Als hätte ich über Jahrzehnte mit jedem Atemzug Roth Händle gequalmt und jetzt flog mir der Laden um die Ohren. Der Saalschutz ging stiften.

Die Schläuche platzten.

Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa stand. Ein rotes Sofa. Ich musste daran denken, dass die Gräfin immer ein rotes Sofa für ihr Atelier haben wollte.

„Alle berühmten Maler haben ein rotes Sofa in ihrer Werkstatt. Nur ich nicht. Deswegen bin ich nicht berühmt. “

Und jetzt lag ich auf dem roten Sofa im Hinterzimmer der Evangelischen Stadtkirche, im Sterben. So einfach war Sterben.

So einfach, so ruhmlos.

„Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?“ erkundigten sich die beiden Damen, die zufällig an diesem Vormittag einen Bibelkreis vorbereiteten, wie ich später erfuhr, und nur deswegen in der Kirche waren.

„Ein Glas Wasser“, wisperte ich und versuchte zu entspannen, aber wie soll man entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Wenn einen der Hund ängstlich anhechelt. Wenn man auf den Notarzt wartet und das Gefühl hat, die sind woanders, die vergessen einen.

„Ein Glas Wasser“, wiederholten die Damen und zogen los, froh, etwas tun zu können.

Da war ein Mann auf sie zugewackelt gekommen, mit einem Hund an der Leine, an diesem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann war aschfahl im Gesicht und der Schweiß plädderte an ihm runter, als käme er aus einem Platzregen. Er wankte. Er schleppte sich mühselig voran.

Ein Gespenst.

„Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..“, taumelte seine Stimme, „können Sie den Not.. arzt rufen?“

*

„Der schwitzt auch ganz doll“, stammelte die Dame vom Bibelkreis ins Telefon, „und er ist ganz käsig..“

*

Karlos wusste nichts von dem Infarkt und sprach in den folgenden Tagen, während ich auf der Inneren lag, zweimal auf unseren Anrufbeantworter.

„Glumm, ich hab Bock auf Kicken. Los, wir treffen uns im Käfig an der Schwertstrasse. Ich bin in zehn Minuten da. Hast du noch deine blaue Adidas-Hose?!“

Die Gräfin hatte beide Nachrichten abgehört und wollte ihn schon zurückrufen, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, doch das machte ich lieber selbst. Ich rief Karlos vom Krankenhaus an und erfuhr, dass am selben Tag, als mir die Pumpe durchgeknallt war, Karlos Lederball kaputt ging.

„Knickt das dünne Ding da oben ab, das.. das Ventil!“

„BEI MIR AUCH!“

*

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich nieder auf einer langen, im Dunkel liegenden, nach Politur riechenden Holzbank, und wollte nur noch sterben, so schwach, so fertig war ich.

Niemand war zu sehen, ich hörte leises Geschirrklappern. Kuchengabeln. Kaffeeduft.

Um einen Notarzt zu rufen hätte ich mich schon in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, ein Sterbender, der sich intuitiv in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, den ich aus alten Zeiten kannte, als der Vater von Karlos noch in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte. Als Karlos und ich im Gemeindesaal über eine PA-Anlage Gedichte geprobt hatten.

„Ich möcht sterben“, flüsterte ich.

Im Malstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich der Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich sterben lassen.

Du kannst dich ja auch sterben lassen.

Wer sagt denn, dass du kämpfen musst. Wer sagt denn, dass du gerettet werden willst. Winsel um dein Leben, steht das irgendwo geschrieben?

So jäh wie der Infarkt mich überrumpelt hatte, so jäh blitzte diese Alternative auf. Einfach sterben.. lassen. Es war ja kein typischer Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss, wo man sich die Pistole an die Schläfe setzen oder 90 lange gebunkerte Schlaftabletten futtern muss – nein, ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Ihren Lauf, wie die Dinge ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Telefon-Notruf gab, noch keine rund um die Uhr besetzten Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen.

Als es nur das gute alte Herz gab, den guten alten Herzanfall, den guten alten Gevatter Tod, der sich die Beute nahm, wann immer es ihn danach gelüstete, ohne warten zu müssen, ob dem Notfallmediziner ein Wunder gelingt.

*

Auch wenn ich zuvor nie an die Möglichkeit eines Herzinfarkts gedacht hatte, ich wusste sofort, was los war. Arbeitselefanten legten einen Trampelpfad über meine Brust und wurden mit jeder Sekunde entschlossener – einerseits. Andererseits kündigte sich eine leichte, fast milde Stimmung an, als machte der Heilige Geist schon alles bereit zum Empfang, mit einem sanften Schulterklopfen. Alles halb so schlimm, Meister, alles fügt sich, keine Angst.

Ich ging um die Stadtkirche herum, betrat sie über den Hintereingang. Im Bauch der Katakomben duftete es nach Kaffee und Kuchen. Nach Gemeindearbeit. Ich kauerte vor der polierten Holzbank, neben mir der Hund, im Gebet. Du hast die Wahl, dachte ich, während das Herz drückte und stauchte, während Holme knackten.

Du hast die Wahl.

Musst bloß ein wenig warten. Lass dich sterben, wenn du magst. Eine wärmende Hand schob sich wie eine Kuchengabel unter meinen Körper und schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen. Ich bewegte mich zwischen Erd- und Himmelreich, in der entmaterialisierten Zone.

Und kurz bevor ich mein Leben ganz aus der Hand gab, in letzter Sekunde, entschied jemand: Moment. Nein. Es fehlt noch was. Es fehlt noch das ganz große Okay des Universums. Solange das nicht kommt, bleibst du hier. Der Hund zerrte an der Leine. Ich erhob mich und wankte den langen Flur entlang, stehend k.o., als wäre ich in eine Presse geraten.

Zwei Menschen vom Bibelkreis empfingen mich, einer wählte die 112.

„Der schwitzt auch ganz doll, und er ist ganz käsig..“

*

Ich ruhte auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tode schon so nah, dass ich rüberspucken konnte. An der Demarkationslinie wurde ich mit jedem Augenblick, der verstrich, schwächer, rutschte ich Stück für Stück mehr aus dem Bild, nahm ich den Hund schon nicht mehr richtig wahr.

Viertel vor elf raste ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Seither höre ich anders hin, wenn sich von irgendwo die Sirene nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen jagt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet, wenn irgendwo ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs ist.

Und auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin es.

*

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit BM-Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt geduldig. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport.

Ab hier: minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, diktierte der Doktor. Aufnahme via Notarzt.

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidete, wie gekonnt die OP-Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzte. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut.

O Herr, reiße alle Himmel auf! Es ist soweit.

*

Auf der Intensivstation war ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfing. Einzig meine Zimmergenossin erinnerte an die Gefahr, in der ich mich befand. Die Frau, die maschinell beatmet wurde, aber ich konnte sie von meinem Bett aus nicht sehen, ihr Anblick war von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Sie sprach kein Wort. Vielleicht hatte sie das Locked In-Syndrom. Das übelste, was ich mir vorstellen kann: schreien, ohne gehört zu werden. Ein Niemand zu sein in einem großen Leib.

Ich lag flach auf dem Rücken, durfte mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpfte. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, „sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten“, impfte sie mir ein.

Na, da bleibt man dann schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Dennoch gab es später am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr ertrug und kurz davor war, sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir hatte.

Was nicht funktioniert hätte.

Denn das Fenster des Zimmers auf der Intensivstation war zwar weit geöffnet an diesem Maiabend, doch den Weg ins Freie versperrte ein robustes Insektengitter.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo

*

Während ich im Klinikum lag, träumte sie von Abenteuern im Weltraum und in den Bergen, von langen einsamen Wanderungen in Gegenden, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss. Sie träumte von Planeten und Monden und glitzernden Sternen, die vom Himmel hinabstiegen. Sie nahmen sie in ihre Mitte und ließen sie hochleben, warfen die Gräfin in die Luft und fingen sie auf, wie Sieger das tun nach einem gewonnenen Endspiel. Da waren überall Hände, die zugriffen und Wärme ausstrahlten, die Sicherheit von Jahrbillionen.

Wir sind es! riefen die Gestirne im Traum. Wir sind für dich da!

Nach Mitternacht wachte sie auf. Sie stand mit dem alten Feldstecher meines Vaters am Fenster, in dieser bestimmten, genau austarierten Position, aus der sie den Vollmond perfekt ausspähen konnte, und erkundigte sich nach dem ganz großen Okay des Universums.

*

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Das (fast) ganz große Okay des Universums, Susanne Eggert

*

Auf der Rückfahrt von Zeeland herrschte Flaute im Wagen, Stille. Wir fuhren durch kleine belgische Ortschaften, in denen es nach Bouillon roch. Wir waren ein bisschen enttäuscht. Zum ersten Mal in all den Jahren hatten wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht viel entgegenzusetzen gehabt. Nicht mal ein einbeiniger Regenbogen am Abendhimmel über Retranchment hatte uns aufheitern können.

Ich bekam dieses Bild nicht aus dem Kopf, wie wir bei Dauerregen im Zelt festsitzen und kaum noch darüber lachen können.

Nur weil wir uns an etwas gewöhnt haben, muss es noch lange nicht das beste für uns sein, sagte sie.

Ich wollte nicht daran glauben, klammerte mich daran fest, dass es kaum zwei Monate her war und ich einen schlimmen Herzanfall gehabt hatte, dass es nur eine momentane Schwäche war.

„Rieche ich eigentlich nach der See? Nach dem Salz der Nordsee?“ Sie hielt mit ihr langes Haar hin. „Früher roch ich viel intensiver nach Meer, oder nicht? Mein Körper nimmt die Gerüche der Umgebung nicht mehr so an wie früher. Ich bin eine störrische alte Eselin geworden, die nur noch ihren eigenen Geruch hat.“

*

Ich war mehr als angeschlagen, doch da ich nicht wusste, wie ich mit den Nachwehen eines Herzinfarktes umgehen sollte, liess ich mir nichts anmerken. Ich hatte keine Lust, darüber zu reden. Die ambulante Rehabilitation in Düsseldorf brach ich nach einem Tag ab.

„Wenn man nie etwas sagt und plötzlich stirbt, ist auch doof“, meinte die Gräfin. „Irgendwie ist das unfair den Menschen gegenüber, die dich lieben. Und die du liebst. Da wird einem doch etwas vorgegaukelt, was gar nicht stimmt.“

Stimmt, dachte ich.

*

Der Pflegedienst meldete erhöhten Pflegebedarf an und kam nun dreimal am Tag, um Vater die Medikamente zu verabreichen und darauf zu achten, dass seine Füße sauber waren, der Rücken eingecremt, die dritten Zähne drin.

Für die menschliche Zuneigung waren weiterhin wir Kinder verantwortlich, zuzüglich gelegentlicher Telefonate mit seinen Geschwistern, die selbst alt und malad waren. Ich bewunderte meinen Vater für seinen trotzigen Überlebenswillen, doch die Einsamkeit nach Mutters Tod setzte ihm mehr und mehr zu.

„An manchen Tagen rede ich keinen einzigen Satz“, klagte er. Das konnte zwar nicht sein, da schon der Pflegedienst 3mal am Tag kam und mindestens Guten Morgen, Mahlzeit und Gute Nacht sagte und auf Antwort wartete, aber darum ging es nicht. Es ging um das Gefühl, das er hatte. Wenn Vater das Gefühl hatte, an manchem Tag keinen einzigen Satz zu reden, dann war das so. Dann stimmte das.

Außerdem war es natürlich der Hebel, mit dem er bei uns ein schlechtes Gewissen erzeugte. Ein schlechtes Gewissen sorgt für gut ausgelastete Besuchszeiten, und die Besuchszeiten auf der Schillerstraße endeten nie.

Er hörte nicht nur miserabel, es haperte auch zunehmend mit den Augen. Um überhaupt noch Zeitung lesen zu können, arbeitete er mit zwei Lupen übereinander, arrangierte sie wie olympische Ringe. Eine neue Brille hätte es vielleicht auch getan, wäre sie nicht sowieso dauernd verlegt gewesen.

„Man muss das Alter sportlich nehmen“, sagte er.

Die Technik mit zwei Lupen übereinander leuchtete mir nicht richtig ein. Dass man auf diese Art und Weise schärfer sehen konnte. Ein Selbstversuch bestätigte mich. Die Schrift erschien noch unruhiger als ohne Lupe. Wenn es überhaupt eine Besserung gab, betraf es einzelne Worte, die von der Lupe herausgefiltert und vergrößert wurden, niemals einen ganzen Satz – eine Methode, die jedem Lesefluss entgegenstand.

„Besser als nichts“, murmelte Vater.

„Nee, genauso gut wie nichts“, sagte ich.

Trotzig griff er nach den Lupen, legte sie übereinander wie zwei große Eheringe, und begann langsam zu lesen.

„Se..a..d..“, las er, stockte. Und blickte hoch.

„..ler?“ fügte ich fragend an.

„Wie.. ler?“

„Na. See..ad..ler.“

Er guckte durch die doppelte Lupe.

„Hier steht: Se..at. Seat!“

„Ach so. Das Auto.“

Weiter im Text.

„Seat.. lan..det.. in..“

Ich gähnte. Hatten wir uns im Sommer zuvor noch bei der nachmittäglichen Zeitungslektüre gegenseitig kleine Meldungen vorgelesen, so stieß Vater nun, mit unterschiedlich großen Lupen arbeitend, Wörter hervor, die für sich genommen wenig Sinn ergaben.

„.. Böschnn..“

Kinderlachen drang hinauf vom Hinterhof.

„Böschung! Seat lan..det.. in Böschung!“

Es war jedes Mal ein kleiner Triumph, wenn er eine Überschrift gepackt hatte. Oft fragte er mich nach dem Sinn von Worten, die er nicht kannte. Meist waren es englische Worte.

„Was ist Goooo.. gle?“ wollte er wissen. Er las es vor, wie es ihm auf Deutsch begegnete.

„Gugel“, berichtigte ich. „Das ist eine Maschine, die dich durchs Internet navigiert.“

„Hoy“, meinte Vater. „Ist das so groß, das Internet? Dass man sich darin verläuft? Ohne Gugel?“

„Ja, ist es.“

Das Internet blieb ihm bis zum Schluss ein Rätsel. Zwar hatte mein Bruder ab und zu sein Laptop dabei, um archivierte Fotos zu zeigen, und dann versuchte er Vater zu demonstrieren, wie das Internet funktionierte. Doch es blieb Vater ein Rätsel. Das Internet liess sich nicht anfassen, und alles, was sich nicht anfassen liess, war irgendwie Spielerei.

*

Es stellte sich heraus, dass er Grauen Star hatte. Er musste sich einer Staroperation unterziehen. Dabei wird die trübe Linse durch eine Intraocularlinse aus Kunststoff ersetzt. Dann kann man wieder schön aus der Wäsche gucken, hatte der Arzt am Telefon gelacht. Dann ist der Vorhang weg.

Ein total witziger Arzt. Beim Telefonieren sah ich einen Stand up Comedian vor mir, der sich im OP-Saal beim Abschaben der Netzhaut neue Gags ausdachte, mit denen er sein Publikum am Abend zur Raserei bringen will.

Hoffentlich ist bald Feierabend, denkt so ein Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit, während er Netzhäute schabt, ich hab heut super Witze drauf.

Am Tag vor dem Termin in der Augenklinik half ich Vater, ein paar Sachen zusammenzusuchen. An neun verschiedene Medikamente mussten wir denken, nicht zu vergessen den Einweisungsschein. Den Kulturbeutel hatte Vater schon gepackt, mit Rasierzeugs, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Extra-Haftcreme. Dazu einen Haarkamm und einen Waschlappen. In eine große Sporttasche stopfte er Unterwäsche zum Wechseln, darunter eine lange Unterhose, falls das Wetter umschlagen sollte.

Papa, im Krankenhaus schlägt das Wetter nicht so schnell um, sagte ich, doch er hörte kaum hin.

Er war in stiller Raserei. Zwei Paar Strümpfe kamen hinzu, ein Moskitonetz, eine Wolldecke, eine unbestimmte Nylonhülle, zwei Flaschen Mineralwasser und die große Wasserpumpenzange, mit der sich störrische Verschlüsse von Mineralwasserflaschen leichter aufdrehen ließen. Auch ein Kugelschreiber und ein Schreibblock durfte nicht fehlen, ein Ersatzkugelschreiber sowie ein Paar Filzpantoffeln.

In der Küche sah ich, dass Zucker, Salz, Mehl schon bereitgestellt war. Ich räumte es heimlich zurück in den Vorratsschrank.

Um den Hals trug er einen Brustbeutel mit 300 Euro drin. So viel? Willst du in den Puff gehen?

„Ja, aber erst, wenn ich wieder richtig gucken kann.“

„Wieso nimmst du überhaupt einen Brustbeutel mit?“

„Damit sie mir das Geld nicht klauen, wenn ich nicht zu Hause bin. Die vom Pflegedienst haben doch einen Schlüssel.“

„Und du meinst, die kommen hier rein, wenn du nicht hier bist, und klauen dir dein Bargeld?“

„Genau so.“

Na schön. Und obwohl jedes Krankenhaus in Deutschland eigene Patientenkleidung stellt, packte er noch einen frischen Frottee-Schlafanzug ein. Der lag obenauf eingerollt, wie eine Krone.

„Willst du einen ganzen Monat im Krankenhaus bleiben? Das ist doch nur für eine Nacht. Was willst du mit dem ganzen Kram?“

„Stell dir vor, bei der OP geht was schief und ich muss länger bleiben als vorgesehen.. Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein.“

Mit diesem Einwand hätte ich rechnen müssen. Ängstlichkeit war sein Hauptwesenszug, noch vor dem Humor. Er versuchte stets gewappnet zu sein, um ungeschoren über die Tage zu kommen. Das Leben stand Spalier für seine Ängste. Es wunderte mich nur, dass er keinen Regenschirm eingepackt hatte, aber ich hütete mich, ihn darauf hinzuweisen.

Ich fühlte mich an früher erinnert, wenn wir mit der ganzen Familie zum Gardasee in Campingurlaub fuhren und der Ford 20M so überladen war, dass wir es kaum den Großglockner hoch schafften. Auf der Passhöhe angekommen, musste der Motor ein halbes Stündchen verschnaufen; es dampfte und zischte bei hochgeklappter Motorhaube. Aber wir waren nicht allein. Wenn man sich im Sommer 1967 auf dem Pass umschaute, standen überall überladene Familienkutschen und dampften aus dem Hals.

Von wegen Revolution.

*

Nach dem Eingriff musste mein Vater eine Nacht im Krankenhaus verbringen, zur Beobachtung, wie es hieß, doch schon am nächsten Vormittag, unmittelbar nach der Chef-Visite, würde man uns anrufen, dann könnten wir ihn abholen.

Am nächsten Morgen saßen wir zu Hause und warteten auf den Telefonanruf. Es kam kein Anruf. Nicht um neun, nicht um halb zehn.

Ruf da an, sagte die Gräfin.

Warum? antwortete ich. Die haben doch gesagt, die rufen an.

Schon, aber du weißt doch, wie das heute ist. Die eine Hand weiß nicht, was die andere Hand tut. Beziehungsweise, die eine Hand hat null Interesse an der anderen Hand.

Es wurde zehn Uhr, 10 Uhr 20, 10 Uhr 45. Punkt elf wurde es mir zu blöde. Ich rief in Wuppertal an. In der Augenklinik. Was mit meinem Vater los ist. Ob wir ihn jetzt abholen könnten.

„Ja natürlich kann Ihr Vater abgeholt werden. Der sitzt doch schon seit zwei Stunden im Wartezimmer.“

Am Telefon hatte mir mein Bruder den Weg zur Klinik in Wuppertal beschrieben, über die A 46. Weil die Gräfin die Autobahn aber vermeiden wollte, hatten wir im Internet eine Alternativ-Route herausgesucht, über Wuppertal-Cronenberg. Da brauchte es die Routenführung meines Bruders nicht mehr.

Viele Wege führen nach Rom, einer nach Amarillo, zwei nach Wuppertal.

Vom Hahner Berg aus steuerten wir Elberfeld an. Meilenweit ging es in Serpentinen bergab Richtung Betonpfanne, Richtung Wupper, Richtung Augen-Klinik. Die Gräfin parkte direkt vorm Eingang, damit Vater nicht so weit zu laufen hatte.

In der hotelähnlichen Lobby hielt ich Ausschau nach ihm.

„Der ist bestimmt noch auf Station“, vermutete die Gräfin.

„Wir möchten gern meinen Vater abholen“, sagte ich an der Rezeption. „Er ist gestern operiert worden.“

Die Dame blickte auf den Monitor, sagte nichts.

„Er liegt in Haus 2“, schob ich hinterher.

„Haus 2 gibts hier nicht. Wie war der Name?“

„Glumm..“

„Ja, hier, Glumm.. Ja, aber.. der ist doch in der Augenklinik.“

„Ja und. Ist das hier nicht die Augenklinik?! Das ist doch.. die Helios-Klinik hier, oder nicht?“

„Es gibt zwei Helios-Kliniken in Wuppertal. Hier in Elberfeld die Haut- und Herz-Klinik, die Augenklinik ist in Barmen. Da ist wohl was falsch gelaufen. Sie müssen nach Barmen.“

*

Die Klinik in Barmen entpuppte sich als Katastrophe. Überall tranige Augenklappen und bandagierte Gesichtshälften. Als ich die Tür des Zimmers öffnete, das man uns genannt hatte, dachte ich zuerst, es handele sich um die Abstellkammer, und schloss sie wieder. Es war aber das richtige Zimmer, nur dass mein Vater nicht drin war, sein Bett schon leer.

Zurück auf den Gang entdeckte ich ihn durch eine Glasscheibe. Er hockte im Warteraum, mit wehendem Haar (im Sitzen!) und blutunterlaufenem Auge.

Ein Häufchen Elend.

„Gott sei Dank“, mehr war aus ihm nicht herauszukriegen, als er mich sah, „Gott sei Dank, dass ihr da seid..!“

Ich nahm die Sporttasche vom Boden und half ihm auf die Beine.

„Tut mir leid, dass es was länger gedauert hat.“

Er war so hinüber vom langen Warten, dass der Zorn schon verraucht war. Er machte einen so gebrechlichen Eindruck, dass mir mulmig wurde. Ich hakte ihn fest bei mir unter. Die Gräfin kam von der Besuchertoilette und erschrak bei seinem desolaten Anblick. Auch wenn sie sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen, Vater spürte es und bekam ebenfalls Panik. Schnell drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange.

„Meine Schwiegertochter“, hauchte Vater, als würde er sie vorstellen wollen. Da war aber niemand.

Er sah aus wie Frankenstein.

„Moment noch“, sagte ich.

Ich machte mich auf die Suche nach einem Arzt oder einem Pfleger, der etwas zum Zustand meines Vaters sagen konnte. Die Gräfin erzählte später, ich wäre mit einem Gesichtsausdruck a la Mein Vater, mein Vater! sein Auge! über den Krankenhausflur geflogen, so sehr war ich in Sorge. Diese ganze vermaledeite Station wirkte auf mich wie ein Nachkriegsprovisorium, es war kaum Ernst zu nehmen. Aber es war Ernst, Ernst wie auf einer öffentlichen Straße, wo einen Passanten (Patienten) anrempelten, wenn man nicht schnell genug aus dem Weg war.

„Ja, mit Ihrem Vater ist alles in Ordnung“, deutete ich das desinteressierte Gemurmel eines Pflegers, den ich in einem Schwesternzimmer entdeckte. Dann widmete er sich wieder dem PC-Monitor.

„Äh.. muss ich denn.. müssen wir heute irgendetwas beachten.. in den nächsten Stunden..?“

„Das steht alles im Entlassungsbrief.“

„Aha. Und wo ist der?“

„Wer?“

„Na! Der Entlassungsbrief!“

„Ach so. Den hat er doch dabei.“

„Wo?“

„In seiner.. Jacke? Schätze ich jetzt mal.“

„Na gut. Schau ich gleich nach. Es hat also alles geklappt bei der Operation?“

„JA!!“

Der Pfleger hob genervt den Blick und warf die Tür zu. Dabei war ich ja nur so nervig, weil mein Vater so schlimm aussah. Wie sich dem schwerfälligen Gestammel des Mitarbeiters entnehmen liess, hatte er in der vergangenen Nacht keine Sekunde geschlafen. Während er sprach, glotzte uns das operierte rechte Auge aus seiner Höhle an wie ein Goldfisch, der im Aquarium tot zu Boden gesunken war.

Ein verfluchter Frankenstein-Goldfisch.

Sobald wir im Parkhaus Ebene O erreichten und Vater auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, legte er sich lang und versuchte zu schlafen. Wie ein 86jähriger Schulbub lag er da, der ein Mittagsschläfchen hielt. Kaum eine Minute später saß er wieder aufrecht.

„Ich hab heut morgen grün geschissen.“

„Du hast was..?“

„Grün geschissen. Wie Spinat.“

In Solingen angekommen, hatte der Lausebengel (86) nur noch einen Wunsch: ein halbes Hähnchen vom Grill, dann ab ins Bett. Während wir vorm Imbiss im Wagen auf den Gockel warteten, versuchte er etwas vom Klinikaufenthalt zu erzählen, doch er verlor ständig den Faden.

Einen Monat später war das andere Auge dran.