Bumsen in der Badewanne

 ingef

Heiligabend 1976 schenkte mir der langhaarige Freund meiner Schwester, mit dem sie heute noch zusammen ist und der für sein Leben gern Zugvogel geworden wäre, „weil die sich immer so schön im gleichen Rhythmus bewegen“, ein Best of-Doppel-Album der Doors. Von diesem Tag an war ich süchtig nach der Band aus Kalifornien, genauso wie Karlos, das alte Kripogesicht. (Irgendwer in irgendeiner Kneipe nahm mich irgendwann mal beiseite, hör mal, dein Kompagnon da, der Blondie, der hat aber ein Kripogesicht!)

Zwar war Doors-Sänger Jim Morrison bereits seit 1971 tot, doch das förderte den Kult ja nur. Unsere Ledertornister zierten mächtige I.N.R.I.-Kreuze, das Anarcho-Zeichen sowie THE DOORS in verschiedenen Schriftzügen und Edding-Stärken. Wir begannen, Textzeilen der Band in die Schulbank einzuritzen. Break on through to the other side, Let’s swim to the moon, There will never be another one like you. Selbst in der kleinen Pause blieben Karlos und ich lieber im Klassenzimmer, um die Doors zu verewigen. 

This is the end, beautiful friend.

Wenn die Beatles, die es auch längst nicht mehr gab, Petting waren und die Stones, die es noch gab, waren Gruppensex und Led Zeppelin (gab es auch noch) lecker Fellatio, dann waren die Doors Bumsen in der Badewanne, während ein Gewitter niederging bei Nacht. Wir waren keine DOORS-Fans, wir waren DOORS-Freaks. Auf diesen kleinen Unterschied legten wir Wert. Zwischen FAN und FREAK tat sich eine Kluft auf, so riesig wie zwischen Stutenmilch und Strohrum. Wir ließen uns das Haar über die Schultern wachsen, mopsten die ausgedienten Persianermäntel und blauen Hawaii-Halsketten unserer Mütter vom Speicher und begannen, Schweinereien und impulsiv-düstere Gedichte in einem Notizbuch festzuhalten.

Und weil ich selbst schon ein paar kurze Gedichte geschrieben hatte, ritzte ich sie ebenfalls in die Schulbank, gleich neben denen von Jim Morrison, den ich fortan als Kollegen betrachtete. School’s out verewigte ich im Holz bis mir aufging, Moment, das ist von Alice Cooper, das ist gar nicht von den Doors, aber wo es einmal da stand, liess ich es stehen. Ich war ja gar nicht so. Ich mein, so unter Kollegen.

Eins der eigenen kurzen Gedichte endete mit der schönen Zeile:

Gestern erlag  die Utopie

ihren inneren

Blutungen.

Bisschen steif, bisschen verschwurbelt, bisschen arg 16jährig. In Klammern ritzte ich meinen Namen dahinter. Damit auch jeder wusste, mit wem er es zu tun hatte, verdammt!

Ein weiteres Poem:

Du bist mein Schatz, du bist mein Stern,

auch wenn du stinkst &

wichst &

säufst,

ich hab dich gern.

Es war ein neu arrangiertes Traditional, aber nicht von mir selbst neu arrangiert, sondern von Lena, meiner damaligen Freundin. Mein erster geistiger Diebstahl in einer langen Reihe von geistigen Diebstählen. „Na, hast du dir wieder einen Satz von mir gestohlen und angezogen wie ein schönes neues Hemd!?“ (Die Gräfin).

Tatsächlich observierte ich die Gräfin eine Zeitlang, und sobald sie auch nur den Anschein erweckte, etwas kundtun zu wollen, war ich zur Stelle mit Stift und Notizbuch. Natürlich gab es keine Garantie, dass etwas Gescheites dabei rumkam. Eine Garantie gibt es nie. Eine Garantie auf etwas Gescheites, auf ein Juwel aus dem Mund der Gräfin?! Na, dann versuch mal ein Bonmot einzuklagen, auf das man eine Stunde lang heimlich gewartet hat, mit dem donaublauen Stift in der Hand. Da gibt dir kein Gericht der Welt auch nur ansatzweise Recht, da zeigt niemand auch nur das kleinste bisschen Verständnis. Wer wartet schon den halben Nachmittag auf ein schönes neues Wort aus seiner Frau, so schön und neu es auch sein mag. Auf einen ihrer fabelhaften Sätze.

Aber zurück ins Jahr 1976. Zum Sprücheschmieren. Prompt wurde ich mitten im Unterricht dabei erwischt, wie ich was von Utopie und Blutungen in meine Schulbank ritzte, von Rasemann, unserem Deutschlehrer, den alle nur Sausi nannten. Sausi war ein gerechter älterer Herr, der morgens im sonnengelben Mercedes vorfuhr und es nicht gerne sah, wenn Schüler Eigentum der Schule beschädigten.

„Wieso hat die Utopie Blähungen?? Was soll der Blödsinn, Glumm!?“ stauchte er mich vor versammelter Untertertia zusammen.

„Blutungen“, verbesserte ich ihn. „Da steht: Die Utopie erliegt ihren inneren Blutungen.“

„Na schön. Blutungen! Was soll der Humbug?“

Sausi gab nicht nur Deutsch, sondern auch Philosophie, und als mir auf seine Frage keine plausible Antwort einfiel, brach ihm der Schweiß aus und er schrie, was er immer schrie, wenn er nicht mehr ein, noch aus wusste: „Glumm! Du nimmst Kokain!! Nimmst du Kokain??“ Und das nur, weil ich irgendwas von Utopie und Tod geschrieben hatte, was mir selbst irgendwie ein Rätsel war.

Das andere kleine Gedicht dagegen, das ich neu eingeritzt hatte, wo es ums Stinken, Wichsen und Saufen ging, schien Sausi weniger zu beeindrucken. Er verlor kein Wort darüber. Auch mein hymnisches Feiern der Songtexte von Jim Morrison übersah er geflissentlich. Doch diese kurze und schwer pubertierende Abhandlung über das Wesen der Utopie, das war zuviel für ihn.

„Das ist Anarchie, Glumm! Du nimmst Kokain! GLUMM, NIMMST DU KOKAIN??!“

Als Strafe brummte er mir auf, das Schreibpult wieder in seinen tadellosen Ur-Zustand zu versetzen. „Wie du das hinkriegst, ist deine Sache! Aber besser, du kriegst es hin!“

Typisch war, dass Karlos heil aus der Sache herauskam, weil er nicht viel Aufhebens um seine Bankschmierereien machte, während ich alles tat, um identifiziert zu werden. Aber irgendwie war ich stolz darauf. Es waren meine Worte. Ausserdem war ich mir sicher: eines Tages würde sie ihren inneren Blutungen erliegen, die Utopie. Jede Wette.

Der Vater eines Klassenkameraden betrieb im Hinterhof eine Schreinerei, wo ich mir an zwei heißen Sommernachmittagen einen Wolf schmirgelte, bis die Holzoberfläche des Pults wieder blank war „.. wie ein Kinderpopo!“ Das waren die Worte, die mir der Vater des Klassenkameraden ins Ohr brüllte, wenn er mir in der lauten Werkstatt über die Schulter blickte,

„.. das muss blank sein wie ein Kinderpopo!“

Ich hörte den Spruch an den beiden Nachmittagen in der Schreinerei so oft, dass es mich nicht die Bohne wunderte, als mein Klassenkamerad Monate später ankam und bedrückt erzählte, man habe bei seinem Vater eine Erbse im Gehirn entdeckt, die operativ nicht zu entfernen war. Bis heute ist das Wort Kinderpopo ein rotes Tuch für mich. Begegnet es mir irgendwo, sehe ich sofort einen Packen Schmirgelpapier vor mir, eine Schulbank sowie einen alten Schreinermeister, der mir zornig über die Schultern blickt, mit einer Erbse im Kopf.

Insgesamt war die ganze Geschichte eine traumatische Erfahrung: Texte bringen Scherereien, jedenfalls wenn man sie in fremdes Eigentum ritzt und keinerlei Hehl aus seiner Urheberschaft macht. Das ist, als würde man bei einer Drogenrazzia in der Disco HIER, HERR OBERKRIMINALRAT! ICH! ICH! ICH! schreien, ICH HAB DIE UNTERHOSE VOLL ACID! und darauf hoffen, dass die Musik einen schon übertönt.

„Ja, du bist schon ein cleveres Kerlchen“, meinte Karlos.

 

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