Zahnarztgeschichte No. 2

Dreimal schon hatte ich den Termin platzen lassen.

Das erste Mal wegen Erkältung, was nicht gelogen war, das zweite Mal ebenfalls wegen Erkältung – das war gelogen. Das dritte Mal rief ich auf den letzten Drücker in der Gemeinschaftspraxis an und teilte mit, ich hätte verschlafen, das war nicht gelogen. Bis auf dass es mir leid täte – das war gelogen. Als die Arzthelferin daraufhin meinte, „da haben Sie aber Dusel, keine fünf Minuten zuvor ist ein Termin gecancelt worden“, ich könne mir also ruhig Zeit lassen und später noch reinkommen, da stammelte ich was von ”.. später.. oh da hab ich was vor”, (gelogen), und so wurde der Termin exakt um eine Woche verschoben – auf den folgenden Dienstag, acht Uhr.

“Wenn sie dann wieder nicht erscheinen, kann ich Ihnen keinen Termin mehr anbieten, Herr Glumm. Dann müssen Sie auf gut Glück reinkommen und eventuell sehr lange Wartezeiten in Kauf nehmen.”

Am folgenden Dienstag stand ich pünktlich auf der Matte. Als mir Doktor Kettenbach zufällig auf dem Flur begegnete, verlangsamte er erschrocken seinen Schritt und bog in ein Behandlungszimmer ein, das ursprünglich nicht auf seinem Plan stand – man merkte es der überraschten Reaktion seiner Entourage an, die ihm auf dem Fuß folgte, die Bande Speichelabsauger.

Dass Kettenbach mir aus dem Weg gehen wollte, lag auf der Hand. Ein Jahr zuvor hatte es einen Eklat gegeben. Trotz fünf schmerzstillender Spritzen war es ihm nicht gelungen, einen entzündeten Backenzahn zu ziehen, worauf er mich in höchster Not in die Lukasklinik überwies. „Das ist mir in zwanzig Jahren nicht passiert!“ rang er um Fassung.

Dazu sollte es diesmal nicht kommen, eine neue Kollegin nahm mich meiner an.

„Sie haben ja einen immensen Verbrauch von Betäubungsspritzen, Junge, Junge“, murmelte sie mit Blick auf mein Patientenblatt. Eine resolute Person, auf Ergebnis bedacht, auch wenn der Fall verzwickt war. Der Zahn, um den es ging, war ein Seitenzahn und praktisch tot, seit Kettenbach ihm vier Jahre zuvor den Nerv gezogen hatte. Unglücklicherweise hatte sich Kalk an der Wurzel abgelagert, wie Frau Doktor mir zu erklären versuchte, und die Wurzel hatte sich entzündet. Zudem war der Zahn mittlerweile so kaputt, dass er kaum noch Angriffsfläche für die Zange bot. „Und ehrlich gesagt, Ihre psychische Verfassung motiviert mich nicht besonders, mich an dem Trümmerhaufen zu versuchen.“ Die Ärztin gab dennoch ihr bestes. Bohrte ein Loch in den Zahn und drehte den Entzündungsherd heraus, um die Schmerzen zu lindern. Was tatsächlich gelang. Mehr könne sie leider nicht für mich tun, sagte sie.  Wieder wurde ein Termin mit den Spezialisten der Lukas-Klinik arrangiert, für exakt eine Woche später.

„Die haben die Erfahrung mit Angstpatienten.“

Am Abend vor der Hinrichtung lag ich platt vorm Fernseher und schaute Schrecklich nette Familie. Ein Kabelsender wiederholte die Folgen ohne Ende. Eigentlich kam es nur darauf an, ob man sich ein siebtes Mal amüsieren konnte über Dumpfbacke Kelly, wenn sie “Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für geregelte Arbeit!” röhrte, auf dem Absatz kehrt machte und mit aller Wucht gegen die Wand rumste. Ich lachte aus vollem Hals. Ich liebte die Al Bundy-Randale der frühen Neunziger.

Einmal, während einer dieser nicht enden wollenden Nachtschichtwochen im Turm-Hotel, hatte ich gegen vier Uhr früh an der Telefonanlage gesessen und gelangweilt die Vorwahl der USA gewählt, plus die von Chicago. Dazu drückte ich noch eine Reihe Ziffern bis irgendwann eine transatlantische Verbindung zustande kam. Das Freizeichen kam mir sofort bekannt vor. Es klang so dumpf und fern, wie ich es aus alten Columbo-Folgen im Ohr hatte: als läge ein Sofakissen auf dem Klingelton. Ich war aufs höchste erregt. Tuut tuut. Endlich wurde das Gespräch angenommen, im windigen Illinois.

“Yeah?” erkundigte sich eine müde männliche Stimme.

In Chicago war Abendbrotzeit, TV-Dinner. Ich hatte eine x-beliebige Nummer gewählt in der alten Gangsterhochburg, wo man sich nicht mit Namen zu melden pflegte. Wenn man keinen Trouble riskieren wollte. Is logisch.

Ich räusperte mich.

“Yes, this is..äh. I mean.. May I speak.. to Al Bundy?”

„Al Bundy..?“ Ich spürte, wie der Gegenüber kurz stutzte. Es folgte ein mattes “ha-ha”, und das Gespräch wurde beendet. Alles in allem sehr routiniert. Als würde der unknown Teilnehmer tagtäglich 20 solch müder Scherzanrufe entgegennehmen. Es war das einzige Mal, dass ich in fast sechs Jahren als Nachtportier im Turm-Hotel nach Amerika telefonierte. Und dann so ein Reinfall. Ich schämte mich ein bisschen.

Dienstagmorgen. Um halb acht schlenderte ich vom Bahnhof Ohligs mit einer Lässigkeit in Richtung Lukas-Klinik, die mich selbst verblüffte – nun, wo es soweit war. Nicht mal Zahnschmerzen hatte ich noch. Das sollte mal einer begreifen. Das Leben war nicht nur ein endloser Fopper, ein Stinkefinger nach dem Händewaschen, nein, die Zahnärztin hatte gute Arbeit geleistet, wenn es auch nur provisorisch gewesen war.

Im Wartezimmer des Hinrichters überflog ich die übliche Einverständniserklärung. Demnach durfte man in der Klinik mit mir machen, was man wollte, ergänzt um eine handschriftlich fixierte Eintragung:

EXTRAKTION Z. 14
EVTL. KOMPLIKATIONEN:

  1.  NACHBLUTUNG
  2.  KIEFERHÖHLEN-ÖFFNUNG

Na, Moment. Komplikationen..? Davon wussten die vorher schon?!  Was ging hier vor? Ich sollte vielleicht lieber nach Hause fahren und ordentlich ausschlafen, dachte ich. Aber wie so oft, wenn ich die Flucht ins Auge fasste, war der Zug längst abgefahren. Das Schicksal duldet keine Verzögerung. Das Schicksal sieht es nicht gern, wenn man endlos überlegt, wenn man hadert und hadert..

“Herr Glumm?”

“Ja..?”

“Kommen Sie bitte mit.”

Z. 14  war das Monster eines ruinierten Backenzahns, dessen Wurzel tief ins Fleisch reichte, wie ein Widerhaken. Er war sozusagen die Art Monster von Widerhaken, die so tief im Zahnfleisch haust, dass man sie im normalen Leben nicht zu Gesicht bekommt – der Schwarze Raucher des Zahngewerbes sozusagen. Andererseits, was heißt das schon, normales Leben. Ein Zahnarztbesuch hat mit normalen Leben so viel zu tun wie der Weihbischof mit einer Damenbinde.

Behandlungsstuhl, Saal 2.

“Ruhig bleiben, Johannes..”, redete die Stuhlassistentin ihrem Chef gut zu, doch der Doc wurde zunehmend nervöser. Was wiederum mich nervös machte. Wieso duzten die beiden sich? Hatten die was miteinander? Waren das Schwesterchen und Brüderchen? Und was wusste die Krankenkasse davon? Ich blickte nicht mehr durch. Mit tat überhaupt kein Zahn weh. Was hatte ich hier überhaupt zu suchen?

“Herr äh..”, setzte der Dentist die Zange an, “.. Glumm, ich versuche zunächst den Zahn ganz konventionell zu ziehen.”

Er unternahm insgesamt ein halbes Dutzend konventioneller Versuche, doch Z.14 knackte nur und brach stückweise ab wie harter Schiffszwieback, aber die Wurzel kriegte er nicht zu fassen. Sie widersetzte sich ihm, was mir gar nicht recht war. Ich hätte es besser gefunden, wenn die beiden schnell miteinander warm geworden wären, und sich ebenso schnell wieder voneinander getrennt hätten.

“Johannes..”, wisperte die Arzthelferin in mein Ohr, obwohl sie ihren Chef meinte, “du musst die Nerven behalten..”, doch Johannes verlor die Contenance. Er ackerte und schnoberte wie ein belgisches Brauereipferd, während ich unter ihm lag, in seiner Mache war. Er bot keinen schönen Anblick. Da waren auch keine schönen Geräusche, es schlürfte und strudelte in meinem Mund, als wäre ich böse am absaufen.

Ich sah zur Zahnarzthelferin rüber. Der Stuhlassistenz. Der Geliebten. Ihr gestärkter weißer Kittel wies Blutspritzer auf, richtig dicke Flatschen. Mir wurde schlecht.

„Blöde Kuh“, dachte ich.

“Einmal absaugen, bitte!” ging der Doktor die Schwester rüde an, sie folgte gehorsam.

“Johannes, du machst das schon.”

Was blieb uns anderes übrig. Wenn konventionell nicht funktionierte, musste das Völkerrecht weichen. Mit einem herzhaften Schnitt öffnete der Arzt die Kieferhöhle. Jetzt waren wir angekommen. Bei der Komplikation. Der Extraktion. Das Blut schoss gebündelt aus meinem Mund und traf Teile des Sterilisators.

Für den Rest der Woche schrieb der Doktor mich krank.

Ich lag flach im Bett, tiefgekühlte Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Greuel, der Schädel brummte wie ein Bienenstock. Die Gräfin kochte mir Reisbrei mit Zimt, während es für sie und den Hund knusprige Hähnchenschenkel mit Paprikaschoten gab. Die Dinge liefen zunehmend aus dem Ruder. Das schlimmste aber: der Schmerz ließ kaum nach.

“Die Scheiße eitert”, sagte ich Samstagmorgen zu meinem Bruder, der rübergekommen war, um nach mir zu sehen, im Auftrag der Familie.

Er brachte mich umgehend in die Lukas-Klinik. Der junge diensthabende Oberarzt reichte mir zur Begrüßung sein luschiges Händchen. Ohne mir groß in den Mund zu gucken, drückte er mir fürs Wochenende einige lose Schmerztabletten in die Hand, und auch die nur widerwillig.

“Damit müssen Sie zurechtkommen, mehr gibt es nicht”, sagte er großspurig.

Ja, was war das denn?! Was glaubte der denn?! Dass ich ein Junkie war und Samstagmorgens im Notdienst der Klinik auftauchte, um ein paar beschissene Dolomo abzugreifen?!!

Nun ja. Also..

In der Apotheke besorgte ich mir zusätzlich eine Monatspackung Ibuprofen und am Bahnhof, “warte mal fünf Minuten, Bruderherz“, ein wenig Morphin für fünfzig Mark.

Sonntagnacht ging die Schwellung endlich zurück, doch der Schmerz blieb. Alle zwei Stunden warf ich Pillen ein, doch obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie so viel Pillen eingeschmissen hatte ohne breit zu werden, es brachte nichts.

Mittwoch hielt ich es nicht mehr aus. Ich besuchte auf gut Glück meine alte reguläre Zahnärztin, Frau Doktor Hager. Frau Doktor Hager, eine resolute Person, war eigentlich nicht mehr gut auf mich zu sprechen, seit ich ihre Behandlungstermine nur unregelmäßig wahrgenommen hatte. Das konnte sie nicht leiden, das konnte sie ganz und gar nicht leiden. Ich vertraute ihr dennoch. Sie verstand ihr Handwerk. Ich mochte Leute, die wussten, was sie zu tun haben, wenn man vor ihnen saß und das Maul aufmachte.

Originalton Frau Doktor, als sie sich die Bescherung anschaute: “Oh, das sieht Scheiße aus, Meister. Massive Störung der Wundheilung.”

Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie gleich die Fäden, mit denen in der Klinik die Kieferhöhle vernäht worden war. Keine Stunde später war ich das erste Mal nach einer Woche schmerzfrei.

Abends fuhren die Gräfin und ich mit Karlos und Sandy nach Köln. Jonathan Richman gab ein Kozert. Obwohl nirgends plakatiert oder sonstwie angekündigt, war das Konzert im Tingel-Tangel, einem dunkelroten Plüsch-Klub in der Südstadt, innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Ich hatte alle Platten von Jonathan Richman, sobald etwas Neues auf dem Markt war, besorgte ich es mir. Er hatte mit den Modern Lovers in den Siebzigern den Instrumental-Hit Egyptian Reggae gelandet, der ihm bis in alle Ewigkeit Tantiemen verschaffte, seither war er solo unterwegs.

Live auf der Bühne, nur mit einer großen Schiffer-Gitarre bekleidet, erinnerte er an einen Schiffsarzt, der auf einer langen Kreuzfahrt die Zigarren rausholte und aus seinem Leben erzählte, und alle zuhörenden Patienten gesundeten auf der Stelle.

Es wude ein bombiger Abend. Wie die Rock’n-Roll-Hooligans standen wir vier direkt an der Bühne, mit Kölsch bewaffnet, und sangen die Hits mit: “I was dancing in a lesbian bar”, “Make a mistake for me today”, “Now is better than before”, auch wenn ein Großteil des Publikums auf einem anderen Konzert zu sein schien. Einem Konzert, bei dem Mitsingen verboten und Tanzen untersagt war.

Überhaupt jegliche Bewegung.

“Das sind Scientologen”, schätzte Karlos, “so eingefleischt und sittsam, wie die vor ihrem Wässerchen hocken.”

Scheiß drauf, es war ein großartiges Konzert, und auch die ersten paar Bier und Purpfeifen nach über einer Woche taten gut. Später hockten wir in der Südstadt auf dem Bürgersteig und teilten uns zwei monströse Grill-Hähnchen, von denen das Fett nur so auf den Asphalt tropfte. Das Leben kam wieder in Schwung, mit einem ruinierten Backenzahn weniger.

„Geht doch“, mümmelte ich.

As my mother lay dying

Plötzlich war Mutter tot. Diese rätselhafte stolze Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

*

Je mehr sie an Gewicht verlor, desto schwerer wog ihre Seele. Zum Schluss wurde sie so still, sie beteiligte sich kaum noch an der Unterhaltung. Wo sie doch sonst so gern geschnattert hatte, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: „Ja, du wirst verrückt!“ sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibts doch nicht!

Was gibt es schöneres, als sich etwas anzuvertrauen.

*

Dass sie es sehr genau genommen hätte, kann man nicht sagen, das verbot schon ihr halbitalienisches Blut, (als eine geborene Lesizza, aus dem Friaul ins Bergische Land ausgewandert), aber sie hatte ein waches, umherflitzendes Auge, das eine Menge Dinge wahrnahm. So bemerkte sie während eines Friedhofbesuchs, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, mitten im langen Nachnamen. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch nahen Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon eine Weile gestanden hatte. Daraufhin musste die Schrift komplett erneuert werden. Das fand nicht jeder gut.

*

Es war ein Ritual geworden. Beim Verlassen des Krankenzimmers blieb ich stets in der Tür stehen, drehte mich kurz um und warf ihr einen Handkuss zu, eine Geste, die sie mit einem Lächeln erwiderte. Keine große Sache, doch es sind stets die kleinen Sachen zwischen zwei Menschen.

Fast zwei Jahre nach ihrem Tod liege ich nachts im Bett, gerade wach geworden, und boxe in die Matratze: Warum zum Teufel hab ich mich ausgerechnet an diesem letzten Tag im Krankenhaus NICHT zu ihr umgedreht!? Warum hab ich diese allerletzte Chance verschenkt? Was hat mich damals geritten? Ich dreh mich um, und schlafe weiter.

Tief, wie in Zement eingelegt.

*

Die letzten Jahre schlief sie alleine im Ehebett im Interlübke-EinbauSchlafzimmer, während Vater ins große Wohnzimmer auswich, weil er so laut schnarchte und sie nachts oft raus musste. Das Schlafzimmer in seinem ganz in weiss gehaltenen Mobiliar strahlte eine Nüchternheit aus, die mich manchmal sprachlos machte, wenn ich es betrat oder nur einen kurzen Blick hineinwarf.

Keine Frage. Mutter war zuletzt so geschwächt, wäre sie nicht während der Reha-Maßnahme im Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben, dieses weisse Zimmer wäre ihre letzte ständige Residenz geworden, die sie nicht mehr verlassen hätte. Sie wäre eine unglückliche bettlägerige alte Interlübke-Hexe geworden, doch Gott hat dem vorgebaut. So gesehen.

*

Eine Woche nach ihrem Tod trug ich abends 37 eingetütete Trauerbriefe zur Hauptpost, zur Nachtleerung, und jeder Brief bekam vorm Einwerfen ein Küsschen.

*

Beim Begräbnis sprachen mir zum ersten Mal im Leben Menschen ihr Beileid und Mitgefühl aus, und komischerweise tat es gut.

*

Auch wenn es nachlässt, noch immer gibt es Momente, wo mir jäh die Tränen hochkochen, ganz plötzlich und unerwartet, wo mir alles unendlich leid tut, wo ich immer noch damit hadere, wie das Leben ist, wie es ist, dass es nämlich dazu neigt, aufzuhören.

Dass der Tod ein vom Amtswegen durchgeschnittener Personalausweis ist, ungültig gemacht, entwertet wie ein Ticket, und auf dem Postweg an den Witwer versandt.

*

Im Fernsehen verfolgte ich einen Nachtfilm. Eine Figur meinte: „Jeder hat doch eine Mutter!“

„Ich nicht!“ zürnte ich dem Fernseher.

*

Sie starb an einem Montag, und ich fragte mich, wie lange wohl ihr Schatten fortan auf jedem neuen Montag liegen wird. Nun, nach zwei Jahren, weiss ich es.

*

Das letzte Mal, als es ihr noch gut ging, orderte sie beim Pfleger in Bethanien vier Tassen Kaffee, mit diesem lässigen Fingerschnippen, lässig wie ein Pokerspieler, der ein bravouröses Turnier spielt und sich nun großzügig zeigt.

Vier große Tassen Kaffee, vom indischen Pfleger lächelnd serviert, und ein letztes Mal saßen wir am Fenster und blickten hinaus in den Park, der Winter hielt Einzug, und du warst so sanft und warm und still, ich glaube, an dem Abend hast du Abschied genommen von uns und wir alle haben es verpasst, haben nicht richtig hingehört.

*

Einer ihrer letzten Sätze, geflüstert in mein Ohr: „Pass auf, dass Papa keinen Blödsinn macht.“

*

Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen.

Es köpft dein Leben.

*

Sie starb in der 351. Nacht des Jahres, der Raunacht.

*

Abgesehen von diesem schlichten Testament („ich vererbe hiermit alles an meinen Ehemann“) und der Absprache, nach der sich sowohl Mutter als auch Vater Ave Maria bei der Trauerfeier wünschen, haben meine Eltern wenig über den Tod gesprochen.

(„Was ist intimer als die Sprache unter Eheleuten“, sagt die Gräfin dazu.)

Und: „Deine Eltern sind sehr kindlich geblieben bis ins hohe Alter.“

*

Das allerletzte Mal, dass wir sie sahen, zwei Tage vor ihrem Tod, war Heiligabend. Wir besuchten sie in der Klinik. Sie scherzte, dass sie ja schon deswegen gesund werden müsse, um endlich bei Aktion Mensch abzusahnen, wo sie ein Dauerlos hatte.

„Eine Million“, wünschte sie sich.

„Und dann?“ fragte ich, „was machst du mit der Million?“, obwohl ich genau wusste, was kommen würde, aber ich wollte es hören.

„Dann nehm ich euch alle mit.“

„Wohin?“

Sie zwinkerte.

„Weg hier.“

*

11:49 wurde als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter auf dem Totenbett aufs Laken gelegt hatte, in Höhe der Fußknöchel – eine Uhrzeit, die nicht den Tatsachen entsprechen konnte, da mich bereits Punkt 11:30 der Anruf einer Intensivschwester erreichte, ich möchte bitte umgehend zurückrufen.

Das Zimmer des Abschieds auf der Intensivstation. Sie lag mit dem Kopf zum Fenster, in der Schneise, in der das dämmrige Licht einfiel an diesem Dezemberabend, und ich bewunderte diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger geworden war, je mehr sie abmagerte.

Ihr blasses wächsernes Antlitz, die spitze Nase, wie Toblerone.

*

Man sagt, dass man erst dann erwachsen wird, wenn beide Eltern tot sind. Nun ist Mutter am 27. Dezember (Dritten Weihnachten!) zwei Jahre unter der Erde, sie verfault, wo der Wurm seine Werkbank hat, doch Vater bietet dem Wurm Paroli, er ist noch da, sein altes Herz schlägt, und solange es schlägt, bleibe ich ein halbes Balg.

Schlag weiter, altes Vaterherz – schlag!

*

*

Auch wenn sie für Aussenstehende eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn sie Stück für Stück aus diesem Leben verschwand und zum Schluss kaum mehr fünfzig Kilogramm wog, (die zehn Kilo, die sie vorübergehend im Krankenhaus zugelegt hatte, waren im Gewebe angesammeltes Wasser, weil das Herz nicht mehr richtig pumpte), sie war noch in der Welt. Auch wenn ihre Stimme oft schwach war und ins Schlingern geriet, sie war noch in der Welt und wir hörten ihr Wort, ein leises Ende, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte.

Montag, 27. Dezember.

Gegen halb elf komme ich mit dem Bus aus Gräfrath und kaufe beim Bäcker Semmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Supermarkt auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten.

Als ich den Kannenhof runtergehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf, und meine Mutter kämpft zehn Kilometer entfernt mit dem Tod. In der Lukas-Klinik, wo sie wegen eines komplizierten Beinbruchs zur Reha liegt, erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Im Bett liegend läuft sie blau an, sie stöhnt und röchelt schwer, verliert das Bewusstsein. Da Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller ist Erste Hilfe nicht möglich. Sie wird auf die Intensivstation gebracht, wo sie bald darauf, so die Ärztin fassungslos, von einem weiteren „Rieseninfarkt“ ereilt wird.

„Sie ist uns unter den Händen weggestorben..“

Zur gleichen Zeit gehe ich den steilen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar. Die Beifahrertür des Wagens steht offen und ragt weit auf den Bürgersteig, stört, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerken würde, er ist am Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich an der Autotür vorbei, bleibe dabei mit dem Innenfutter meiner offenen Jacke hängen. Ich bin noch erhitzt vom Einkaufen und hab den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht meine Jacke nun weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag. Es ist, als präsentierte ich der verschneiten Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen einen Moment.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denk ich noch so für mich, „Himmel, was war das denn jetzt..? Das ist ja noch nie passiert“, und lächle dem Fahrer blöde zu, der seinen Fauxpas mit der Wagentür mittlerweile bemerkt hat und mir entschuldigend zunickt.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.

Nachmittags, 1983

Fortziehen aus dieser Stadt war nie ein Thema für mich, aber seit den späten Siebzigern, als ich die Bücher von Brautigan, Fante und Charles Bukowski entdeckte, wünschte ich mir manchmal, ich wäre woanders geboren wurden und hätte dort bleiben können, in Los Angeles, oder in den weiten Wäldern von Montana.

In den achtziger Jahren wohnte ich auf der Schillerstrasse in einer Zwei-Zimmer-Bude im Erdgeschoss. Den Sommer über blieb das Fenster zur Strasse sperrangelweit offen und die Kumpel kamen nach Lust und Laune reingeklettert. Die Nachbarn murrten, waren empört, doch was sollten sie machen – schließlich ist es nicht verboten, eine Wohnung durchs Fenster zu betreten.

An einem sonnigen Nachmittag des Jahres 1983 war es mal wieder rappelvoll, oder, um mit Karlos zu sprechen, da war Schlagabtausch im Ballungsraum. In Ordnung. Wer war alles da. Mal sehen..

An erster Stelle natürlich Karlos selbst, mein alter Gesinnungskumpan. Krebsrot im Gesicht zeichnete er verantwortlich für die Joints. Wenn er zwischendurch Zeit fand, warf er irgendwelche Sprüche in die Runde, Hauptsache laut und aufbrausend.

„Scheiß aufs ganze Geld! Spaß will ich auch nicht haben! Aber irgendwas schon, verdammt!“

Oder: „Wie siehts aus, Jungs? Sollen wir auch die Neunziger mit Warten verbraten und Stoff?!“

Zum Mitsubishi Boy: „Wie, du lachst nicht? Na, scheiß drauf. Hauptsache, ICH lach über meine Witze! Schön laut!“

Und der hier: „Man kann mich nicht ärgern, Hansen! Ich weiß, wie ich aussehe!“

Der dicke Hansen saß neben ihm. Er füllte einen wackligen, notdürftig mit Schnürsenkeln verarzteten Sessel und war damit beschäftigt, seine Unterlippe in die Länge zu ziehen. So ähnlich hatte er schon als Teenager seine lange Vorhaut über den Küchentisch gezogen, um vor den Mädchen zu punkten. Bis knapp über die Kinnlade schaffte er es. Er sah aus wie eine Kuh, der eine Scheibe Kochschinken am Kiefer klebte.

„Wie findet ihr meine Tellerlippen?“

„Mist“, entgegnete Karlos. „So wie im Busch kriegst du das nicht hin. Da musst du früher aufstehen.“

Der dicke Hansen ließ nicht locker.

„Und wenn ich mir in Belgien einen Mercedes-Stern in die Lippen einklöppeln lasse? Müsste doch funktionieren, mit nem stabilen Mercedes-Stern im Maul, oder nicht.”

Mein späterer Hausarzt, der in der Ecke saß und kein Wort sprach, blickte fasziniert einem Schneiderwipphop hinterher, der über den blauen Teppichboden tänzelte, leicht und locker wie der Rauch einer Gauloises, im bleichen Licht der ins Zimmer fallenden Nachmittagssonne.

„Du bist schon ein toller Eingeborener, Hansen“, mischte sich der Mitsubishi Boy lallend ein. Sein Lieblings-T-Shirt mit der Aufschrift UNTERKANDIDELTE LEUTE hing zerknautscht über seinen Gürtel, wie immer. Eine Stunde zuvor hatte er sich beim portugiesischen Arbeiterverein, wo es den besten und preiswertesten Fisch der Stadt gab, von hinten an mich herangepirscht und mir die Augen zugehalten, mit fettigen Gambafingern: „..huhuu, wer bin ich..?!“

So ein Lausbub.

Jetzt saß er sturzbetrunken neben Hansen, nur noch einen Schuh an den Füßen. Den anderen Schuh hatte er aus dem Fenster geschmissen. Da lag er nun. Im Vorgarten. Der Halbschuh.

„Ach, den wird schon irgendjemand.. aufheben und mitbringen, irgendein.. shoeshine.. schwein.. ma-haaaa!“

Mein späterer Hausarzt, zu dem ich immer dann ging, wenn ich eine Krankmeldung brauchte, war ein sehr spezieller Vogel. Als er 18 wurde, saß er für einige Wochen im Rollstuhl, einfach so. Sich von Mitschülern über den Schulhof und durch die Fußgängerzone schieben zu lassen, war das Größte für ihn gewesen. Warum? Ich habe keine Ahnung. In den 70er Jahren fragte niemand: Warum? Und es hätte auch niemand eine Antwort gehabt.

1977 sind wir uns in der Kölner Sporthalle über den Weg gelaufen, auf einem Konzert von Frank Zappa. Da stolzierte mein späterer Hausarzt als Pan Tau verkleidet durch die vollbesetzten Reihen, im Frack, den schwarzen Regenschirm aufgespannt, die Eintrittskarte gefälscht. Er ließ sie stolz die Runde machen. Mit einem Satz Buntstifte hatte er das orangefarbene Ticket nachgemalt, so perfekt, dass es keinem Ordner aufgefallen war. In allem, was er tat, war er penibel darum bemüht, das Beste zu geben. So studierte er auch Medizin, obwohl es ihn nicht die Bohne interessierte. Aber mit irgendwas muss man ja sein Geld verdienen.

An diesem Nachmittag ähnelte er einem russischen Filmarzt, wie er da in der Ecke saß, mit seinen großen widerspenstigen Ohren und dem exakt gestutztem Kinnbart. Nicht ein einziges Wort sprach er, er saß bloß da und saugte die Dinge auf.

„Tu mal endlich einer die schwermütige Pampe runter“, maulte der dicke Hansen, der so dick gar nicht war. Nicht richtig dick jedenfalls. Eher halbdick. Ach was, der dicke Hansen war ein dickes superfettes Schwein. Mit schwermütiger Pampe war die Musik von Jonathan Richman gemeint, meinem erklärten Rock’n Roll-Helden, der Songs machte, als säße er am Rand des Sandkastens und sein Förmchen war verschwunden.

Dem dicken Hansen ging es nicht gut. Er hatte sich zehn Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, und nun wusste er nicht mehr, wie er aus der Nummer herauskommen sollte. Es machte ihn fertig. Er hatte einen Riesenfehler gemacht und nun war es jedes Wochenende das Gleiche. Nachdem er sich unter Mühen ins Zimmer gewälzt hatte, keine Frage, statt durchs Fenster wäre er lieber durch die Haustür reingekommen, doch er wollte sich keine weitere Blöße geben, saß er Stunde um Stunde im Sessel und jammerte.

„Was soll ich machen? Mir tun die scheiß Quanten weh von den Nachtmärschen. Außerdem bin ich zu fett für die scheiß Hose hier! Hier, guck mal.“

Meistens stand ich dann auf und ging lange pinkeln.

„In diesem verdammten Kaff müsste ein Riesentelefon stehen, das alle fünf Minuten läutet, damit ich nicht dauernd wegpenne“, gab der Mitsubishi Boy ein letztes Lebenszeichen von sich, während Karlos mit Denis Hahn eine Grundsatzdiskussion anzettelte.

„Ich finde Sucht sehr positiv!“ krähte Karlos. „Die Neigung zur Sucht ist ja sehr gesund. Nee. Nee!? Nee, ist klar. Ist negativ? Ich wollte das auch nur mal als Gedanke reinbringen!“

Denis Hahn, der erfolgreiche Tatort-Schauspieler, hatte drei sehr blonde Lufthansa-Stewardessen mitgebracht, die nebeneinander auf dem engen Zweier-Sofa hockten und den Mund nicht mehr zubekamen. Nicht etwa, weil es hier so irre zugegangen wäre, sondern weil es sich mit geschlossenem Mund schlecht saufen, kiffen, kichern ließ.

Der dicke Hansen hatte sich unterdessen gefangen.

„Ich bin eine ernstzunehmende Persönlichkeit, manchmal. Und soll ich euch was sagen? Als Schlagersänger bin ich nur deswegen noch nicht berühmt, weil ich lieber für mich alleine berühmt bleiben will!“

Das war einer seiner Klassiker, der bei den Mädels definitiv besser ankam als Karlos’ finale Gedanken zur Suchtproblematik: „Jetzt müßte es einen Riesenknall geben – und ich bin hackevoll!“

„Dreh lieber noch ne Lolle, Karlos“, sagte ich und drehte die Platte um, Rock’n Roll mit Jonathan Richman und den Modern Lovers. Die drei Stewardessen, auf den ersten Blick Tussis, hochnäsiges Pack, entpuppten sich mehr und mehr als nette Mädels, doch bis auf Denis Hahn und dem dicken Hansen hielt es niemand für nötig, sich groß mit ihnen zu befassen.

„Das musst du optisch total geil machen, damit die Damen zufrieden sind“, dozierte der dicke Hansen und schlug die dicken Beine übereinander. „So ungefähr.“

Denis Hahn hatte das Trio direkt vom Set in Bochum mitgebracht, wo am Morgen einige Takes für den Duisburger Tatort gedreht worden waren. Was die Mädels da zu suchen hatten, blieb unklar, war aber auch egal. Jetzt waren sie hier, hatten das Maul auf, waren blond, alles in Ordnung soweit.

(Warum ich allerdings am nächsten Morgen auf einer Parkbank erwachte, splitternackt und mit grüner Zunge, weiß ich bis heute nicht. Niemand konnte oder wollte mir erzählen, was in der Nacht passiert war. Nach einigen schmierigen Andeutungen von Karlos stellte ich jegliche Nachforschung ein. Ich wollte nicht mehr wissen, was im Suff alles passieren kann, ohne dass man am nächsten Tag den geringsten Schimmer von der Sache hat. Stutzig machte mich nur, dass selbst Karlos mich komisch von der Seite anguckte, eine Woche lang. Irgendwie war er in die Sache verwickelt gewesen.)

1983 war Denis Hahn gut im Geschäft. Er gehörte zwar zu den vielen deutschen Schauspielern, die man daran erkannte, dass sie schauspielerten, doch er hatte dieses ebenmäßige, mild erloschene ZDF-Gesicht, für das jede Schwiegermutter ihr Häuschen hergegeben hätte.

„Na klar – ihr scheiß Gartenhäuschen!“ keckerte Karlos, zornig wie eine Krähe. Er war ebenso Schauspieler wie Denis Hahn, aber nicht im Fernsehen, sondern am Stadttheater. Das fuchste ihn zusehends. Lag es vielleicht am Teint, seinem roten Gesicht, dieser Spanplatte, sechzehn Millimeter?

„Was denn fürn Gartenhäuschen..?“ murrte Denis Hahn verständnislos, ein eitler Fatzke, aber ich mochte ihn, irgendwie.

„Herr Glumm?!“

Im ersten Moment dachte ich noch genervt, wer zum Teufel ruft so dienstlich nach mir in meiner eigenen Bude, dann antwortete ich wie automatisch:

„Hier!“

Man ist ja Deutscher. Man ist Flakhelfer. Man macht Meldung, wenn man gebraucht wird. Die Stimme kam von draußen. Aus dem Vorgarten. Vor der Gardine bewegte sich etwas. Wir sahen eine Mütze. Eine grüne Mütze. Der dicke Hansen war sofort auf den Beinen, trotz seiner Wampe.

„Scheisse, die Bullen..“

Geistesgegenwärtig warf er seine Bundeswehrjacke über den kleinen Cocktailtisch, auf dem die nächste Marihuana-Lolle auf ihren Einsatz wartete. Daneben lag schon die Mischung bereit für die übernächste Lolle. Was das Bauen von Lollen anging, war Karlos perfekt durchorganisiert.

„He, aufgemerkt, Hansen!“ motzte er. Irgendwie hatte Karlos noch nicht geschnallt, was Ambach war. „Das fliegt doch alles weg hier!“

„HERR GLUMM..!!“

„Moment..“, sagte ich und ging zum Fenster. Ein Polizist stand auf der Wiese und guckte zu mir hoch, während sich sein Kollege an der Haustüre zu schaffen machte. Er suchte die Klingel. Es gab keine Klingel. Es gab ein offenes Fenster im Sommer.

Es war Sommer.

„Momentchen“, wiederholte ich und ging nach hinten, drehte die Lautstärke der Anlage runter. Der dicke Hansen, tief in den Sessel abgetaucht, wirkte so fett, als hätte er innerhalb einer Minute zehn Kilo draufgesattelt.

„Das sind alles nur Sorgen, Herr Wachtmeister.. das ist kein Fett..“

„Man hat uns informiert, hier wäre eingebrochen worden“, meinte der Polizist im Vorgarten. Schön laut, damit die Nachbarschaft gut mithören konnte.

„Was denn, hier bei mir? Eingebrochen?“

„Ja. Es sind Männer dabei beobachtet worden, wie sie durchs Fenster eingestiegen sind.“

Hinter mir, im Ballungsraum, machte sich Erleichterung breit.

„Herr Wachtmeister“, sagte ich, „das hat alles seine Richtigkeit“, und klärte den Sachverhalt auf. Die Schmiere, zunächst misstrauisch, ließ sich schnell überzeugen.

„Und was ist hiermit? Gehört der Ihnen?“ Der Polizist reichte den Halbschuh hoch, den er im Garten gefunden hatte.

„Äh.. ja. Sicher“, sagte ich.

Sie zogen feixend ab. Der Mitsubishi Boy schlug nicht mal die Augen auf, als ich ihm seinen verlorenen Halbschuh zuwarf. Er landete punktgenau in seinem Schoß.

„Na also“, schnarchte er nur.

Zahnarztstory No. 2

Zweimal hatte ich den Termin platzen lassen. Einmal wegen Erkältung, was nicht gelogen war, das andere Mal auch wegen Erkältung, das war gelogen. Das dritte Mal rief ich auf den letzten Drücker in der Praxis an und sagte, ich hätte verschlafen, auch das war nicht gelogen. Doch als die Arzthelferin daraufhin freudig erregt fiepte, ich hätte aber Dusel, fünf Minuten zuvor sei ein Termin abgesagt worden, ich könne mir ruhig Zeit lassen und später reinkommen, da keuchte ich erschrocken, „ohh nein..! Später.. später hab ich was vor“, das war knallhart gelogen. Ich hatte nämlich überhaupt nichts vor.

Ich war heilfroh, dass ich verschlafen hatte, ich hatte einen Riesenschiss vorm Zahnarzt, ich hatte einen Riesenhaufen in der Hose. Schließlich wurde die Hinrichtung auf nächsten Dienstag verschoben, acht Uhr früh.

„Wenn sie dann wieder nicht erscheinen, Herr Glumm, kann ich Ihnen keinen Termin mehr anbieten. Dann müssen Sie auf gut Glück kommen und eventuell lange Wartezeit in Kauf nehmen.“

Am Abend zuvor lag ich platt vorm Fernseher und schaute Schrecklich nette Familie. Kabel 1 wiederholte die alten Folgen ohne Ende. Eigentlich kam es nur darauf an, ob man sich ein zehntes Mal amüsieren konnte über Kelly Bundy, wenn sie „Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für geregelte Arbeit!“ klarstellt, worauf sie auf dem Absatz kehrtmacht und mit dem Kopf gegen die Wand rummst.

Ich lachte aus vollem Hals.

Apropos Al Bundy: Während einer Nachtschicht im Turm-Hotel hatte ich aus Langeweile die Vorwahl der USA gewählt, dann die Vorwahl von Chicago plus sieben oder acht Ziffern, zufällig aneinandergereiht bis es genug war und eine Verbindung zustande kam. Ein Freizeichen setzte ein, weit entfernt und so dumpf, wie man es aus alten Hollywoodfilmen kennt, wenn der Apparat im Büro von Lieutenant Kojak versumpft, unter einem Hügel relevanter Indizien.

Schließlich hob jemand den Hörer ab, im windigen Illinois.

„Yeah?“ Es war eine müde männliche Stimme; in Chicago war Abendbrotzeit.

„Can I speak to Al Bundy?“

„Al Bundy?“ Der Mann stutzte kurz. Dann fügte er ein mattes „ha-ha“ hinzu, und legte eilig auf. Sehr routiniert, sehr amerikanisch. Sehr windy city.

Dienstagmorgen, halb acht. Vom Bahnhof Ohligs aus schlenderte ich mit einer Lässigkeit in Richtung Lukas-Klinik, die mich selbst verblüffte. Nicht mal Zahnschmerzen hatte ich noch, jetzt, wo es soweit war. Wo der Hinrichter schon den Arm hob und den Nächsten anforderte.

Im Wartezimmer überflog ich die übliche Einverständniserklärung. Demnach durften sie mit mir machen, was sie wollen, mit einer handschriftlichen Ergänzung:

EXTRAKTION Z. 14
KOMPLIKATIONEN:

  1.  NACHBLUTUNG
  2.  KIEFERHÖHLEN-ÖFFNUNG

Komplikationen? Kieferhöhlen-Öffnung? Das wussten die alles schon vorher? Das war schon gebongt? Was ging da vor? Vielleicht sollte ich doch lieber nach Hause fahren und verschlafen!

„Kommen Sie bitte mit, Herr Glumm.“

Zu spät. Wie immer, wenn ich eine Flucht ins Auge fasste, es war zu spät. Das Schicksal duldete keine Verzögerung. Wenn es darauf ankam, musste man hellwach Leine ziehen, oder das folgende erdulden ohne zu jammern. Andererseits, hatte ich denn eine Wahl? Z. 14 war der ruinierte Backenzahn, der tief im Fleisch wurzelte, wie ein Widerhaken. Ein Monster von einem Widerhaken war diese Wurzel. Diese Art Monster, die man im normalen Leben niemals zu Gesicht bekommt, weil sie zu tief im Fleisch hausen, die schwaren Raucher des Zahngewebes sozusagen. Doch was heißt schon normales Leben. Ein Zahnarztbesuch hat mit normalem Leben so viel zu tun wie der Papst mit seinem Hodensack.

„Ruhig bleiben..“, redete die Schwester im OP-Saal 2 ihrem Chef zu, „Johannes“, doch der wurde zunehmend nervös. Ich auch. Wieso zum Teufel duzten sich die beiden? Hatten die was miteinander? Was wussten die Krankenkassen davon? Ich war schon tot, bevor die Hinrichtung losging.

„Herr äh..“, setzte der Dentist die Zange an.

„Ummumm…“

„..ja, gut, also.. Ich versuche zunächst mal den Zahn ganz konventionell zu ziehen.“

Schön, doch das hatte er bereits zweimal gesagt. Z.14 knackte und brach stückweise ab, wie ein Stück Zwieback, aber die Wurzel kriegte er nicht zu fassen. Er ackerte und schnoberte wie ein belgisches Brauereipferd. Kein schöner Anblick. Auch keine schönen Geräusche. Ich schwenkte rüber zur Schwester. Die trug einen gestärkten weißen Kittel, paar Blutspritzer drauf. Richtig dicke Dinger. Der Doktor bemerkte meinen scheelen Blick.

„Einmal wischen, bitte!“ ging er die Schwester rüde an, und sie tupfte gehorsam seine Stirn ab.

„Ruhig bleiben, Johannes. Du machst das schon.“

Und wie er das schon machte: mit einem herzhaften Schnitt öffnete er die Kieferhöhle. Das war sie nun. Wir waren angekommen. Die Komplikation. Die Hinrichtung.

Für den Rest der Woche schrieb der Doc mich krank. Ich lag komplett flach, mit tiefgekühlten Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Greuel, der Schädel brummte wie eine Bienenhalle. Die Gräfin kochte mir Reisbrei, während es für sie und den Hund knusprige Hähnchenschenkel mit Paprikaschoten gab. Die Dinge liefen zunehmend aus dem Ruder. Das schlimmste: der Schmerz ließ nicht nach. Im Gegenteil.

„Die Scheiße eitert“, sagte ich Samstagmorgen zu meinem Bruder, der rübergekommen war, um nach mir zu sehen, im Auftrag der Familie. Er brachte mich in die Lukas-Klinik. Der diensthabende Oberarzt reichte mir zur Begrüßung sein luschiges Händchen und erinnerte mich dabei an ein großes blutarmes Kind. Ohne mir groß in den wunden Mund zu gucken, drückte er mir fürs Wochenende einige lose Schmerztabletten in die Hand, und das auch nur widerwillig.

„Damit müssen Sie schon zurechtkommen, mehr gibt es nicht“, sagte er. Hm..? Was war das denn? Was glaubte der Drecksack eigentlich? Dass ich Samstagmorgens im Notdienst auftauchte, nur um ein paar beschissene Dolomo für die Nacht abzugreifen?!! Ähm.. nun ja. In der Apotheke besorgte ich mir zusätzlich eine Familien-Packung Ibuprofen und, („warte mal fünf Minuten, Bruderherz“), etwas Morphium am Hauptbahnhof.

Am Sonntag ging die Schwellung endlich zurück, doch der Schmerz blieb. Alle vier bis fünf Stunden warf ich zwei oder drei, vier bis fünf Pillen ein, und obwohl ich noch nie so viel Pillen eingeschmissen hatte, ohne breit zu werden, tat mir die Fresse auch am Montagmorgen noch weh. Am Dienstag hielt ich es nicht mehr aus und besuchte auf gut Glück meine reguläre Zahnärztin, Frau Doktor Bonn-Hager. Frau Doktor Bonn-Hager war eine resolute Person, die nicht gut auf mich zu sprechen war, weil ich nicht nur unregelmäßig zur Behandlung kam, sondern grundsätzlich auch zu spät.

Originalton, als sie mir dieses Mal ins Maul schaute:

„Hups! Das sieht scheiße aus, Meister. Massive Störung in der Wundheilung.“

Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie gleich die Fäden, mit denen die Kieferhöhle zugenäht worden war. Eine Stunde später war ich das erste Mal seit einer Woche schmerzfrei.

Abends fuhren die Gräfin, Karlos, Sandy und ich nach Köln. Jonathan Richman war solo in Europa unterwegs. Obwohl nirgends plakatiert, war das Konzert im Tingel-Tangel, einem dunkelroten Plüsch-Klub in der Kölner Südstadt, ausverkauft. Wie Hooligans standen wir zu viert vor der Bühne, mit Pappbechern Kölsch bewaffnet, und sangen die Hits mit: „I was dancing in a lesbian bar“, „Make a mistake for me today“, „Now is better than before“.

Ein Großteil des Publikums schien allerdings ein anderes Konzert besucht zu haben. Ein Konzert, bei dem Mitsingen verboten war, auch das Tanzen war untersagt. „Die sehen aus wie Scientologen“, meinte Karlos, „so eingefleischt und sittsam, wie die da vor ihrem Wässerchen hocken.“

Egal, es war ein klasse Abend, die ersten paar Bier und Purpfeifen nach über einer Woche. Nach dem Konzert hockten wir in der Südstadt auf dem Bürgersteig und teilten uns zu viert zwei monströse Grill-Hähnchen, von denen das Fett nur so auf den Asphalt tropfte. Das Leben war wieder halbwegs im Lot, es ging weiter, mit einem Widerhaken weniger.

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Tom war ein paar Jahre älter als ich und der Prototyp des gepflegten Langhaarigen, der sich hauptsächlich darüber definierte, welche Platten er hörte und den Freunden vorspielte. Ich kannte viele solcher Typen. Wie findest du mich? guckten sie einen mit großen Augen an, wenn sie ihre Lieblingsstücke präsentierten.

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(aus Das weiße Zimmer auf 500beine.)