Heroin. Ein Frontbericht

Der Versuch, für den Rest des Lebens stoned zu bleiben, war nach hinten losgegangen.

“Mann, dass du so dämlich bist, hätte ich nicht gedacht..!”

Es war meine Schwester, die so aufrichtig reagierte und es kaum glauben wollte, als ich ihr meine Heroinsucht beichtete. Und obwohl Sucht mit dämlich oder nicht dämlich relativ wenig zu tun hat, musste ich lachen. Sie hatte ja recht. Ich war nicht naive siebzehn gewesen, als ich mit Heroin zu experimentieren begann, (mit Siebzehn war Kiffen meine Dienstmarke), sondern Ende Zwanzig, und da weiß man eigentlich, was man tut. Da kennt man das Dorf, in dem man sich bewegt.
Sein Pappenheim.

Ich war überrascht, dass sie überrascht war. Dass sie bis zu diesem Moment offenbar nichts von meiner Sucht bemerkt hatte. Es musste sie doch stutzig gemacht haben, wie schlecht ich aussah, wenn wir uns im Kreis der Familie begegneten: fahle Haut, Mundwinkel im Keller, verkniffener Blick. Heroin und Gesichtszüge, auf Dauer eine tragische Liaison. Resultat: ein alter Hund, den man hinterm Ofen hervor zerrt. Kriegt der arme Kerl das falsche zu fressen?

Selbst meine Mutter hatte mich eines Tages, wir standen auf dem Balkon, auf den Kopf zu gefragt, “sag mal, nimmst du Heroin?” Ihre unerwartete Direktheit machte mich so perplex, dass ich es glaubhaft abstreiten konnte, Heroin zu nehmen, und sie hat mich danach nie wieder darauf angesprochen. Dabei war ich in diesem Augenblick lediglich konsterniert, mit welcher Hellsichtigkeit sie erkannt hatte, dass ich weder harten Schnaps, Kokain oder irgendwelche Psychopillen konsumierte, sondern Heroin. Schore. Material.

Golden Brown.

Wir betraten ein überfülltes spanisches Lokal am Grünewald und mussten auf einen freien Tisch warten, meine Schwester, ihr Mann, die Gräfin und ich. Ich hatte schon einiges an Bier und warme Osborne intus. Irgendwann war ein Tisch frei, und die Zeit reif für eine Heroinbeichte. Meine Schwester brach in Tränen aus, als ich ihr von dieser Desasternacht erzählte, wo ich im besoffenen Kopf zu viel Pulver geschnupft hatte und in Karlos’ Wagen bewusstlos weggesackt und beinah verlorengegangen war, auf dem Weg ins Klinikum. Es waren zornige aufgebrachte Tränen.

Für die Abhängigkeit von Drogen gibt es im Holländischen den Begriff Versklavung. Die Versklavung beginnt streng genommen mit dem Zeitpunkt der Geburt, wenn man brutal dem Fruchtwasser entrissen wird, Mutters Schutzzone, in der es behaglich warm gewesen war. Eine typisch männliche, kitschige Vorstellung, und dennoch: Das erste Mal Heroin gleicht nicht weniger als der Rückkehr in den Mutterschoß. Man wird mit Jubelchören im Blut und Tschingderassabum geködert, einer Trommel, die tief im Leib wummert. Die Hitze des Opiats kriecht dir das Rückenmark hinauf und umfängt dich mit einem Gefühl von Tiefsee, von ewiger Plazenta.

Du fühlst dich angekommen, alles Suchen hat ein Ende. Es ist, als zöge die Brandwehr einen Ring Warmwasserschläuche um deinen Körper, ohne einen Fingerbreit auszusparen.

Es ist ein Gleiten, eine Tauchfahrt, ähnlich den Traumbildern, die mich schon als Kind sanft in den Schlaf brachten, wenn ich abends im Bett lag und mir vorstellte, ich würde in einem gläsernen Unterseeboot den Ozean durchpflügen, geschützt von Panzerglas, während um mich herum die prächtige Unterwasserwelt vorüberzog – tiefblau und warm und tonnenschwer und flockig.

In unseren Träumen und auf Opium kehren wir ins Universum zurück, leicht wie Kosmonauten, der Ewigkeit entgegen.

Die Gräfin verfolgt in ihren Exkursionen zum Thema Heroin einen ähnlichen Ansatz. Ihrer Auffassung nach wollen Heroinabhängige gar nicht erst geboren werden.

„Mit ihrer Sucht rächen sie nur ihre Geburt.“

Mitte der Neunzigerjahre hatte ich eine neue Stammdealerin, die Unke. Selbst in der Szene war sie kaum bekannt. Sie belieferte exakt drei Kunden, damit kein Gerede aufkommen konnte. Da sie einem regulären Büro-Job nachging, empfing sie uns erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei.

Sie wohnte im zweiten Stock eines Mietshauses im Stadtzentrum. Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs in Shorts auf ihrer Couch und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage die Bestellungen ab. Sie hatte stämmige, ungeheuer weiße Schenkel, und in der Wohnung hing der schwere süßliche Geruch von zu viel Patschuli.

In ihren erlauchten Kundenkreis war ich gerutscht, nachdem sich ex-Kunde Nummer 3 für vierundzwanzig Monate in den Bau verabschiedete. Man hatte ihn aufgrund irgendwelcher Aussagen verknackt, die andere Süchtige in U-Haft gemacht hatten. Es war immer das gleiche Spielchen, aber ein Spielchen, an dessen Ende ein Suchtkranker ins Gefängnis wanderte. Auf dem Präsidium ließ man die Junkies so lange ohne den gewohnten Stoff zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie jedes belastende Papier unterschrieben, das man ihnen vorlegte – wenn man ihnen nur etwas gegen die Entzugserscheinungen versprach.

Heroin war Krieg an allen Fronten. Jeder Junkie führte einen privaten Weltkrieg gegen sich selbst, der Staat führte Krieg gegen die Süchtigen. Was bei jedem anderen Delikt kaum zur Eröffnung eines Strafverfahrens geschweige denn zu einer Verurteilung gereicht hätte, wurde bei Rauschgift abgesegnet. Es wurde alles abgenickt, alles ging durch, die lächerlichsten Beschuldigungen, bloß weil so viele vom Elend der Junkies profitierten. Die Kette der Profiteure war eine Kette ohne Ende, und niemand lehnte sich dagegen auf, die Junkies zuallerletzt, sie steckten ständig in der Scheiße und hatten keinerlei Lobby.

Junkies versorgten ein ganzes Füllhorn aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienten, desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern, Psychologen, Bewährungshelfern und Ärzten, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtsmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten, Ladendetektiven und Berufs-Mafiosi. Jeder wollte ein Stück abhaben vom Junkie, der in der Regel nichts anders tat, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür steckte man ihn am Ende in eine Zelle. Es war beschämend. Es war zum Kotzen.

Die Preise für illegales schmutziges Straßenheroin blieben so hoch, weil der Staat sich anmaßte, die eine Droge dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen war. Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin mit einem Reinheitsgehalt von 10 Prozent kostete auf der Strasse 100 Mark, das heißt, neunzig Prozent von dem Stoff, den man ankaufte, waren nichts als Steckmittel. Für die Süchtigen war es ein ständiges Vabanquespiel mit der Intensivstation. Ein Gramm sauberes, vom Staat lizenziertes Heroin hätte fünf Mark gekostet, vielleicht zehn Mark, und dabei wäre jeder Zwischenhändler immer noch auf seinen Schnitt gekommen. Aber Junkies hatten keine Lobby, es kümmerte niemanden, was mit ihnen geschah. Junkies kümmerten sich nicht mal um sich selbst, und sie steckten ständig in der Scheiße.

Kunde Nummer 3 war weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer die neue Nummer 3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt.

“Hat einer ne Idee?”

Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mitch, gelernter Werkzeugmacher, hatte riesige Pranken, mit denen er in den späten Siebzigern zum inoffiziellen Flipper-König der Stadt aufgestiegen war. Zwanzig Jahre später war er schwer alkohol- und heroinabhängig, und er ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es mussten ordentlichen Schinken sein, Fantasy-Romane nicht unter 700 Seiten. Die Exemplare waren komplett zerlesen und voller Eselsohren, die Cover faltig, eingerissen, doch für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Er legte lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurück. Genau genommen war Mitch heroin,- alkohol- und lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman, Alter.”

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger Junge mit krausen Haaren, ein ex-Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht und wurde immer sonderbarer. Zuletzt war er davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, er konnte nachts nicht schlafen und glaubte den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören. Schon beim fernsten Getrappel im Hausflur zitterte er am ganzen Leib und schmiss sein letztes Pulver ins Klo und zog ab. Es hatte ihn voll erwischt.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Zehn Tage drauf ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten.

Es ging abwärts und jeder von uns wusste, unten angekommen wartete nur noch der Schanzentisch und man hob ab ins Nichts. Und dennoch – wir wollten es nicht anders. Es war genau das, was wir wollten, wir wollten süchtig sein. Ich wollte Abhängigkeit kennenlernen, ich wollte wissen, wie es ist, morgens affig aufzuwachen, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Ich wollte mich selbst erobern, ich wollte mich kleinkriegen, ich legte alles daran, mich zu foltern, zu desillusionieren, zu töten. Warum? Woher soll ich das wissen. Frag mal die großen Kriegsherren, warum sie Kriege führten. Weil sie Sieger sein wollten. Weil sie sich kleinkriegen wollten.

Ich bin mit den Kriegserzählungen meines Vaters aufgewachsen. 1944 gehörte er als 17jähriger zu Hitlers letztem Aufgebot. Und wie mein Vater als Melder hinter den feindlichen Linien agierte und dem Gemetzel an der Front ausweichen konnte, so ging ich der Einwegspritze aus dem Weg, der Maschinenpistole der Drogenszene. Ich rauchte und schniefte das Pulver in nicht haushaltsüblichen Mengen, injizierte es aber nicht ein einziges Mal, ich verweigerte mich der MP. Ich agierte wie Vater in geschützter zweiter Reihe.

“Was glaubst du, was an der Front für ein Durcheinander herrscht. Jeder hat die Hosen voll, jeder sieht zu, dass es nicht ihn trifft. Melder zu sein war mein Glück. Weil ich ständig in Bewegung war, bot ich kein Ziel. Die Kameraden dagegen, die vorn an der Maschinenpistole saßen, die hatten Pech. Ich war der Einzige aus meinem alten Zug, der überlebte.”

Nachdem ich es ins Stadtzentrum geschafft und bei der Unke geklingelt hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel. 1x kurz, 1x lang.

“Die Tür ist offen!” hörte ich das Näseln der Unke. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden. “Komm rein.“

Sie saß am Wohnzimmertisch, der übersät war mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien. Ich ließ mich keuchend in den Ohrensessel fallen, ein gemütliches Altertümchen, das sie auf dem Flohmarkt erstanden hatte, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin.

“Willst du dich was frisch machen..?” fragte sie.

Es dauerte, bis mir aufging, wie sie das meinte. Es bedeutete: Junge, ich streu dir erstmal ne Line. Zieh das erst mal weg, komm erst mal zu dir, und dann sehen wir weiter.
“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, nuschelte sie und reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war. Daneben lag der übliche McDonalds-Strohhalm. “In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen…”

Ich schnupfte die Portion weg, die sie mir auf der Zeitschrift rübergereicht hatte, und blinzelte zu ihr rüber. Ihre Augen waren zugefallen, der Mund stand offen. Sie befand sich im Dämmerschlaf Sudden death. Heroin, feucht geworden vom Schleim, sickerte als brauner Rotz aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf fünfzig Gramm. Ich beugte mich leise über den Tisch und schnupfte weg, was auf der Schnelle reinging. Ich hatte Gänsehaut, mir klebte Pulver an der Nasenspitze, mir wurde kotzübel, ich war überglücklich. Ich lehnte mich zurück. Solche Momente waren an der Front rar gesät.

Vom nahen Busbahnhof hörte ich das Surren der startenden Oberleitungsbusse, Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Ich saß da und starrte den Pulverhügel an, Terrain, von dem es noch mehr zu erobern galt.

“Wie viel?” hörte die Unke plötzlich murmeln.

“Was..?“

“Wie viel willst du?”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So plötzlich, wie sie weggesackt war, war sie auch wieder zu sich gekommen.

“Zweihundert”, sagte ich.

Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

Auf dem Heimweg legte ich an der Florastrasse ein Stopp ein. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde schon sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Das Geld, das ich bei der Unke gesetzt hatte, hatte ich zuvor in der WG eingesammelt. Zwei Jungs und ein Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Ich lieferte gut 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein mieser Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige große Bescheisserei, nirgends Ende in Sicht. Ich zog Leine. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Ding, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!”

*

Nein, Sucht ist nicht die Art Spinne, die schwarz und hässlich auf der Bettdecke hockt, wenn du mitten in der Nacht aus dem Traum schreckst und die Augen aufschlägst. Sucht siehst du kommen am helllichten Tag. Sucht krabbelt mit zittrigen Beinchen der Wand entlang und starrt dich freundlich an, bis du ein Einsehen hast und sie einfängst und im Garten aussetzt, du willst ihr nicht schaden, sie soll leben, meinetwegen, aber bitte woanders. Doch Spinnen haben einen formidablen Orientierungssinn, sie finden ohne Probleme zurück ins Haus. Bald hockt sie wieder an der Wand und starrt dich an, als sei nichts geschehen, als wäre sie niemals fort gewesen.

Nur freundlich ist sie jetzt nicht mehr.

Du verlierst die Nerven und schlägst das Spinnentier platt, doch selbst davon lässt es sich nicht beeindrucken, es kehrt zurück, hässlicher, widerstandsfähiger als zuvor. Du versuchst es mit dem Staubsauger aufs höchster Leistungsstufe, du versuchst es mit alten Hausmitteln. du holst den Kammerjäger, du wechselst den Wohnort und wohnst woanders, du streichst die Wände in ultimativen Spinnenfarben, du setzt die Große Zitterspinne aus, den ultimativen Intimfeind jeder Kellerspinne, es hilft nichts. Sobald du aufwachst, hockt das finstere kleine Monster an der Wand, langbeinig, wohlgenährt, unbesiegbar.

Dann, eines Tages, ist es soweit. In aller Seelenruhe steigt das Insekt ins Zimmer hinab, übernimmt die Wohnungsschlüssel, den Mietvertrag und die Ehefrau, und frisst dich langsam auf.

*

Mehr: Heroinrauchen

Schwierigkeiten

Becks ist einer von den Leuten, von denen ich keine Ahnung hab, was aus ihnen geworden ist. Zu Beginn der 80er zog er nach Wuppertal und wurde Vater, danach hab ich nie wieder von ihm gehört.

Becks hatte kein einziges Haar am Körper, nicht am Sack, nicht auf dem Kopf, er hatte nicht einmal Augenbrauen.

Meist trug er ein unauffälliges blondes Toupet. War er jedoch betrunken, verlor es seinen Halt und rutschte über seinen Schädel, dann saß es mal da und mal dort, es sah aus wie verrutschte Eierpanade.

Becks bewohnte eine Dachkammer im Haus seiner Tante. Das Haus stand abgelegen am Rande der Felder, weit hinter der Hofschaft Theegarten. Wer ihn besuchen wollte, brauchte ein Auto oder musste einen langen Spaziergang auf sich nehmen.

Es war Sonntagmorgen, ich war früh unterwegs, mit einem dicken Kater. Bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl, meine Nervenmöbel stiessen bald durch die Schädeldecke. Nicht mal die frische Luft brachte mir Linderung, so verkatert war ich.

Unterwegs, auf den Feldern, musste ich plötzlich scheissen. Aufhalten liess sich das nicht mehr, also liess ich den Arschbacken ihren Willen und setzte einen mordsmäßigen Pernod-Schiss in die Büsche. Es stank zum Himmel. Dafür war die Form in Ordnung: ein schönes Hufeisen.

Ich putzte mir den Hintern mit Laub ab, was gut funktionierte, es war schließlich Herbst und jede Menge Klopapier lag in der Gegend rum.

Dann marschierte ich weiter zum Haus der Tante. Ich schellte. Becks hatte seine eigene Türklingel, doch es tat sich nichts. Wir hatten am Abend zuvor gekifft und Pernod in uns reingeschüttet, bis Becks kotzen musste und abgehauen war.

Mit einem Mal stand seine Tante im Morgenrock in der Haustüre. Eine verschrobene, untersetzte Person.

„Morgen“, sagte ich. „Ich wollte ihren, äh.. den Becks besuchen. Wir sind verabredet. Aber er..“

„Ja, der Gute schläft noch. Kommen Sie nur herein, junger Mann. „

Es war ein bißchen, als hätte ich Karlos besucht, der auch unterm Dach wohnte, doch Karlos hatte Haare am Sack und schlief noch. Außerdem wohnte er woanders. Blödsinn alles.

Die Tante sah aus wie das Weib aus dem Märchen vom kleinen Muck, das jeden Tag um die gleiche Zeit die Katzen aus der Nachbarschaft zusammentrommelte, „Herbei, herbei, fertig ist der Katzenbrei..!“

So jedenfalls hatte ich mir als Kind das Weib in dem Märchen aus Tausendundeiner Nacht vorgestellt. Hutzelig und vergessen von der Welt, aber gebraucht von den Katzen.

„Gehen Sie nur die Treppe hoch, und wecken Sie den Guten auf.. nur zu.“

Den Guten. Die war gut. Ich ging hoch, klopfte an seiner Tür. Keine Reaktion. Bevor ich nun die Klinke herunterdrückte, wartete ich einen Moment, man wusste nämlich nie, ob Rollo einen ansprang. Rollo, ein aggressiver hochneurotischer Kater. Ich hatte mächtig Respekt vor ihm. Respekt? Ach was, ich hatte Schiss vor dem schwarzen dicken Monster, das niemals schnurrte. Nur angriff.

Es konnte durchaus passieren, dass wir oben bei Becks saßen und einen Bong rauchten, während die riesige Nordmanntanne, die im Garten stand, friedlich durch die geöffnete Dachluke ins Zimmer nadelte, da sprang Rollo einen unvermittelt an, von der gegenüberliegenden Sesselkante aus. Einfach so. Ohne Motiv. Was heißt einen? MICH! Und wenn man ich es dann nicht schaffte, schnell genug abzutauchen, hatte man enorme Schwierigkeiten im Gesicht. ICH! So Tatzen. Rollo war die bekloppteste Katze, die ich je kennengelernt hatte.

Ich drückte langsam die Türklinke herunter. Das Zimmer war dunkel. Es stank nach kaltem Tabak und Anis. Ich bemerkte eine rasche Bewegung im Bett, und hörte ein Stöhnen. Das war nicht Rollo, Gottseidank, das war Becks.

Ich machte Licht.

„He..!?“

Becks Toupet war runtergerutscht, sein kahler Schädel schraubte sich mühsam in meine Richtung.

„Glumm..? Bist du.. ach, doof..??“

Becks hatte nicht nur keine Haare, er trug auch eine Brille mit monströs starken Gläsern, ohne die er aufgeschmissen war. Seine Augen waren die eines Albinos. Ständig gerötet, wie dauerbekifft. Und wie er nun da in seinem Sonntags-Bettchen lag, glatzköpfig, nach Anis stinkend, tat er mir ein bißchen leid. Ich sah zu, wie er routiniert die Hand unter die Decke schob und seine Brille hervorfischte.

Als sie endlich auf seiner Nase saß, fasste er sich an den Kopf.

„Scheissdreck..“, fluchte er.

Wieder langte er unter die Decke, doch diesmal ohne Erfolg. Er hob fluchend das Kissen an, und da lag sie, seine blonde Echthar-Perücke. Er setzte sie auf und glotzte mich verquollen an.

Seine linke Backe hing schief herunter, vom langen Pennen. Irgendwo im Haus schien jemand zu singen. Irgendwo unten, im Keller.

„Mann, siehst du Scheisse aus“, sagte ich.

„Arschloch“, antwortete Becks.

Ich blieb eine halbe Stunde, und dann noch eine volle.