Fußballspielen

Ich war sechs, als ich zum ersten Mal mit den Großen Fußball spielte.

Weil ich der Kleinste auf dem Feld war, stellte man mich ins Tor. Niemand wollte ins Tor, dessen Pfosten aus Hügeln zusammengeknüllter Jacken bestanden. Im Tor war man auf sich allein gestellt. Man war von der Rasanz auf dem Spielfeld abgeschnitten, man war mit dem Fußballgott auf du und du. Wenn es nichts zu tun gab, erzählte er einem was. Es war perfekt.

Es war wie für mich gemacht.

Wenn der Ball angeflogen kam, hechtete ich über den Grasboden und fuhr die Glieder aus wie eine Wasserpumpenzange, ich machte mich lang, ich streckte mich zur Sonne, und wenn sie ganz tief stand, noch darüber hinaus. Auch wenn ich manchen Treffer nicht verhindern konnte, ich hörte zum ersten Mal Lob auf dem Fußballplatz, und eine neue Welt tat sich auf.

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„Der Kurze hat ja richtig was drauf“, staunten die Großen, meine zwölf, dreizehn Jahre alte Strassenidole, unerreichbar eigentlich, und einer applaudierte. „Der springt der Pille hinterher wie ein Flummi!“

Ab sofort war ich jeden Tag auf einer der zahlreichen Wiesen der Hasseldelle zu finden, bis die Dunkelheit hereinbrach und Mutter fünf Mal hintereinander zum Abendbrot rief. Dass ich auf Dauer dennoch nicht im Kasten blieb, sondern Stürmer wurde, lag einzig daran, dass Tore schiessen noch mehr Laune machte als dem Ball hinterherzuhechten und einzufangen.

Einer der Großen sprach bei meinen Eltern vor. „Der Kleine gehört in den Fußballverein.“ Er spielte selbst beim RSV und übernahm die Anmeldung zur E-Jugend.

Den Sportplatz in Kohlfurth kannte ich vom Blick aus unserem Küchenfenster, der bis weit hinunter ins Tal reichte, wo die schwarze Wupper floss und der RSV beheimatet war, Luftlinie zwei Kilometer.

Der seltsame Platz bestand zur Hälfte aus Asche (etwa in der Mitte, von Tor zu Tor) und dichtem Rasen an den Rändern. Warum das so war, dafür hatte niemand eine Erklärung. Auch woanders hab ich das nie wieder gesehen, diese Melange aus schwarzer Asche und Rasenplatz. Als wäre den Altvorderen beim Anlegen des Spielfeldes das Geld fürs Saatgut ausgegangen. Na gut.

Auch egal.

(Die Erklärung lieferte Jahre später der kleine dicke Mann aus der Nachbarschaft, der in seiner Jugend selbst für den RSV aktiv war. Nach seinen Informationen säte sich das Gras selbst aus, und wurde nie entfernt. Es wuchs einfach, fertig, aus. Leider reiche es nicht fürs ganze Feld.)

Gleich in der ersten Saison 1966/67 wurde ich Torschützenkönig. Als ich auch in der zweiten Saison einen Treffer nach dem anderen erzielte und aus dem Lob längst Warngeschrei geworden war, „he! Hab ich euch nicht gesagt, ihr sollt den Krauskopf decken!?“, sprachen andere Vereine beim RSV vor. Auch die Union, größter Club der Stadt, schickte einen Kundschafter, um mich abzuwerben, doch meine Eltern, die mit Fußball nichts am Hut hatten, waren strikt gegen einen Wechsel. Der Platz des RSV war zwar ein Unikum, lag aber in der Nähe der Hasseldelle, und nur das zählte.

Besonders für meinen Vater. Ein vorsichtiger Mensch. Schon einige Jahre zuvor hatte er eine Offerte der Firma Brandt Hagen abgelehnt, die für ihre Zwieback-Verpackung ein neues Kindergesicht suchte. Wer Brandt Hagen damals das Schwarz-Weiss-Foto zuspielte, auf dem ich (nee wat lecker) im Kinderwagen sitze und lächle, (eine Locke kringelt sich keck auf der Stirn), lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Meine Eltern lehnten das Angebot ab. Sie wollten nicht jedes Mal in mein Grübchen blicken, wenn sie Zwieback kauften.

Für kein Geld der Welt hätte Papa dein Lächeln verkauft, erzählte mir Mutter viele Jahre später.

(So einen Vater hätte Timm Thaler haben müssen, dachte ich.)

So wurde ich also nicht Timm Thaler, und ich blieb auch beim RSV. Ich entwickelte mich mehr und mehr zum eigensinnigen Fummelkopp. Ein Fummelkopp sucht den Sololauf, er treibt den Ball voran, um ihn behalten zu können, so lange es geht. Ein Fummelkopp ist ein konservativer Mensch mit Hang zur Anarchie.

Interessant wird es dabei ab zwei, drei Gegenspielern, die man hintereinander ausknipst. Die man umkurvt, nass macht, dumme Beine sein lässt, umfummmelt, zu Standvieh degradiert.

Zwar ruhen die Augen des Fummlers beim Solo ständig auf dem Lederball, darüber hinaus nimmt er aber jede gegnerische Regung wahr, jede noch so unmögliche wie mögliche Blockade muss vorausgesehen und einkalkuliert werden. Immerzu heisst es beim Dribbling den Ball zu feiern und zu kosen, zu huben, zu hadern, aufzubocken, zu frikassieren, zu tunneln, zurückzuerbeuten.

Bei jedem Dribbling durch die gegnerische Abwehr gibt es diesen Moment, wo du zu scheitern drohst. Wo du dich beinahe vertändelst, wo ein Spieler deinen Trick durchschaut und es dir erst in allerletzten Augenblick gelingt, den Ball mit der Fußspitze oder der Hacke mitzunehmen. Und du weiterfummeln darfst.

Jetzt bist du der King.

Ganz zuletzt ist nur noch den Keeper vor dir. Ein wilder Hund ist der Torwart. Er ist der Mann, der mit langen Armen wild wild sein Haus bewacht, und er darf eine Menge mehr als du darfst als Stürmer: Der wilde Hund darf dir die Pille vom Fuß beissen, wenn er sich anders nicht zu helfen weiss, er darf sich aufs Leder werfen und unter sich begraben, als wäre es totes unnützes Material.

Der Keeper ist der wahre Todfeind des Stürmers, er ist der Drecksack, dem es zuletzt die Kirsche eiskalt durch die krummen untalentierten Beine zu schieben gilt. 1: 0 für Deutschland durch Weeeeeberr!!

Abdrehen, Küsschen, Jubel.

„Hab ich euch nicht gewarnt, ihr sollt den verdammten Lockenkopf decken??“

*

1969.

Tornato stiess zu uns, der grösste und leidenschaftlichste Fummelkopp aller Zeiten, eine mitleidlose kleine Dribbelmaschine, und plötzlich war ich nur noch die laufende Nummer 2 – was das Fummeln betraf. Tornato war der Garincha des RSV, bloß doppelt so verspielt und absolut unfähig, einen Treffer zu erzielen. Wenn Tornato den Ball abgab, dann aus Versehen.

Sein anarchischer Umgang mit dem Ball war geprägt von einem tiefen Verständnis für Physik. Er wusste instinktiv, in welche Richtung sich dieser runde, mit Luft aufgepumpte Behälter bewegt, wenn man ihn tritt, und wie man ihn treten muss, wenn man ihn woandershin haben will.

Er war ein Genie, er fiedelte jeden Gegner um den Verstand. Er tanzte sie aus, er belästigte sie, er liess sie hinter sich wie eine Schar gründelnder Enten.

Tornato war klein und wendig, er kam aus Süditalien und sprach nicht nur kaum ein Wort Deutsch, er sprach auch wenig Italienisch. Ein wortkarger kleiner Aussenseiter, der niemals lachte oder sonstwie die Miene verzog. Das fanden wir komisch. Wie konnte ein Junge, der auf dem Fußballfeld vor Phantasie und Einfällen nur so strotzte, im richtigen Leben so eine graue Maus sein.

Auf dem Fußballplatz lernt man eine Menge übers richtige Leben.

Neben den Platzverhältnissen war Tornato das zweite große Kuriosum des RSV. Er stiess in der D-Jugend zu uns, im Alter von neun Jahren, mit Gummibeinen und diesem undurchschaubaren, gleichmütigen Gesichtsausdruck. Er steckte mich in die Tasche, gegen ihn war ich bloß ein Mittelstürmer, ein Gerd Müller, der zwar immer noch viele Tore erzielte, doch als Künstler reichte ich nicht an ihn heran.

Aber ich war ihm nicht böse. Im Gegenteil. Weil ich seine Lust am Dribbling, seine Leidenschaft so gut nachvollziehen konnte, bekam ich nicht genug davon ihm zuzuschauen. Auch wenn Fußball eine Menge brillianter Dinge zu bieten hat, etwa ein Dropkicktor aus 30 Metern Entfernung oder einen direkt verwandelten Einwurf in der Nachspielzeit, nichts geht über diesen Moment, wenn man beim Dribbeln einen Lauf hat und die Gegner reihenweise aussteigen lässt.

Es ist der totale Rausch.

Ohne, dass du selbst genau weisst, was du als nächstes tun wirst, überrascht du die gegnerische Verteidigung mit der nächsten Trickexplosion, der nächsten Finte, und, nicht zu vergessen: Jeder Verteidiger muss mit einer eigenen Finte ausgespielt werden. Es ist kaum möglich, die gleiche Finte noch einmal zu verwenden in derselben Spielsituation. Du musst jedes Mal eine neue Finte mehr drauf haben als der Gegner.

Aber Tornato fummelte nicht nur jede Abwehr um den Verstand, auch sich selbst verschonte er nicht. Immer wieder passierte es, dass er eine gesamte Hintermannschaft schwindlig spielte, doch sobald er allein auf den Torwart zulief, war sie plötzlich da, die Angst vorm Torwart.

Es war wie ein Fluch.

Als erwachte er aus einem rassigen Traum und nun baute sich die Wirklichkeit vor ihm auf, groß und unüberwindbar und universell fischte sie ihm mühelos den Ball vom Fuß, fast wie nebenbei. Ich kann mich an keinen einzigen Treffer erinnern, den Tornato je für den RSV erzielt hätte.

Niemand von uns Jungs lernte Tornato wirklich kennen. Nicht mal der Duce, der zweite kleine Italiener in unseren Reihen, verbrachte ausserhalb des Platzes Zeit mit ihm, und so blieb er bis zum Schluss ein Rätsel. (Unser dritter Italiener, der lange Tonino, der Vorstopper, war keine Hilfe, er war genauso mundfaul wie Tornato.)

Dass wir trotz seines Supertalents und zwei, drei weiteren guten Spielern bis auf ein Jahr in der Bestengruppe stets in den unteren Jugend-Ligen kickten, lag an der unglückseligen Zusammensetzung unseres Teams. Im Einzugsgebiet des RSV gab es einfach zu viele Schussel und hüftsteife Krücken, die einen Stammplatz sicher hatten, aus dem einen oder anderen Grund.

Mal war der Vater solch einer Krücke unser Trainer, mal bekamen wir ohne das Schussel kein vollständiges Team zusammen. Man musste Minimum acht Mann aufbieten, sonst wurde das Spiel gar nicht erst angepfiffen und automatisch mit 0:2 gewertet.

Eines Tages erschien Tornato nicht zum Training, am folgenden Samstag fehlte er beim Spiel. Seine Familie, von der wir nicht mehr wussten, als dass es eine unüberschaubare Anzahl von Geschwistern gab, die ihn gelegentlich vom Platzrand anfeuerte, war zurück in die Heimat gegangen, eine lang geplante Geschichte, doch Tornato hatte kein Wort gesagt. Aber welches Wort hätte er auch nehmen sollen, ein deutsches?

Drei Jahre später, in der A-Jugend, kehrte er zurück – genauso, wie er gegangen war, ohne Ankündigung, Knall auf Fall. Diesmal war er nur mit dem Vater gekommen, der wieder seine Arbeit bei Rasspe aufnahm, dem Hersteller von Landwirtschaftsgeräten sowie Hauptsponsor und Namensgeber des RSV, Rasspe Sport Verein.

Tornato war kaum gewachsen, hatte sich aber in der Heimat einen bösartigen kleinen Nudelbauch angefuttert. Seine Ballbehandlung war weiterhin großartig, er fummelte auf engstem Raum, als wolle er das Völkerrecht aushebeln, er war immer noch der Reiter, der jede feindliche Linie durchstiess, übertölpelte, Haken schlagend. Wäre es nur irgendwie möglich gewesen, jeder Gegner hätte ihn zur unerwünschten Person erklärt und an der nächstbesten Grenze festsetzen lassen, bis zum Saisonende.

Und darüber hinaus,

Doch etwas war anders geworden. Er war nicht mehr der Alte. Kaum 16 Jahre alt, machte er einen erschöpften, ja niedergeschlagenen Eindruck. Der Bauch, für den seine Mama viele Portionen Nudelteig geknetet haben musste, war nur das äusserliche Anzeichen für seine Schwermut. Schon nach zwei, drei Spielen geschah es, dass er plötzlich den Ball abgab, in einer völlig unbedrängten Situation. Hätten wir uns in der D-Jugend vielleicht noch darüber gefreut, dass er sich mannschaftsdienlich zeigte und das Spiel flüssig machte, so wussten wir nun nicht, was wir davon halten sollten.

Einmal, nach dem Training, wir gingen gemeinsam in Richtung Vereinslokal, wo auch die Umkleidekabinen und Duschräume untergebracht waren, wurde ich das Gefühl nicht los, dass er uns etwas sagen wollte. Tatsächlich holte er Luft, sah uns mit großen Augen an – und schwieg.

Der Bursche habe es mit dem Herzen gehabt, sagte unser damaliger Trainer, als Tornato kurz darauf in die süditalienische Heimat zurückkehrte, ohne den Vater, und sich erhängte.

*

Enid Blyton

Ich war elf Jahre alt und lebte in Fußballbüchern, wenn ich nicht gerade draussen auf dem Platz war und selber gegen den Ball trat. Bis auf „Fußballtrainer Wulff“, vom Taschengeld gekauft, waren es meist gebrauchte alte Schwarten, die mir mein fußballvernarrter Patenonkel Fitting überlassen hatte. Sie trugen Titel wie Spinne, der Torwart und Elf Jungens und ein Fußball.

Ein aus dem Französischen übersetzter Fußballroman für Jungs, Die verschworene Mannschaft, begann mit der programmatischen Einleitung: „In allen Unterrichtspausen spielten wir Fußball.“ Dann gab es noch Uwe findet zum Fußball, Fußballweltmeisterschaft 1966, Fußballweltmeisterschaft 1958 und natürlich das blaue König Fußball-Buch, 600 Seiten stark, in die ich mich regelrecht vergrub. Manche Sätze musste ich wieder und wieder lesen, wie ein begeisterter junger Trinker. Ein Satzsäufer.

Besonders die einfachen schnörkellosen Sätze hatten es mir angetan, begnadete kleine Reißer wie: Der Druck des englischen Sturmes wurde von Minute zu Minute stärker, bis er zu explodieren drohte. Oder: Das Drama kam in der zweiten Spielhälfte zum Höhepunkt, als Mathews sich durchtankte. Und: Es waren 100.000 Menschen, die trotz Regenschauern aushielten, sie dankten dem Spieler durch nicht enden wollende Jubelchöre und liessen ihn hochleben.

Fans, die im strömenden Regen auf die Barrikaden gingen, um Sir Stanley Mathews zum Bleiben zu bewegen, der noch im biblischen Alter von 50 (!) Jahren für Stoke City in der ersten englischen Liga auflief – ich konnte kaum genug von solchen Legenden kriegen, das war es, was ich lesen wollte. Ich wurde eins mit der begeisterten Masse, die ihre Helden auf Schultern durch die Strassen trug und bittere Tränen vergoss, wenn einer in die ewigen Rechtsaussengründe einging.

Ich las von Garrincha, dem brasilianischen Fußball-Mythos der 1950er und 60er Jahre, und seinem Misstrauen. Das Geld, das er bei Botafogo verdiente, dem Club, dem er zeitlebens treu blieb, vertraute er keiner Bank an, er versteckte es daheim im Kleiderschrank. Zu Beginn der Saison, wenn eine neue Lieferung kam, in kleinen gebrauchten Scheinen, stemmte sich die ganze Familie mit vereinten Kräften gegen die Schranktüren, um sie wieder zuzukriegen. Dazu lief jedes Mal laute Bossa Nova Musik, um die neidischen Nachbarn auszutricksen.

Garrincha hatte nicht nur einen Onkel Dagobert-Geldspeicher der Holzklasse im Schlafzimmer, er hatte auch von Geburt schlimme Beine: ein O- und ein X-Bein. Rein rechnerisch hätte er nach jedem Schritt umfallen müssen. Stattdessen wagte er auf dem Rasen die witzigsten, ja die kaputtesten Dribblings, die Brasilien je gesehen hatte, er tanzte Gegner gegen jede theoretische Wahrscheinlichkeit aus, er belästigte und kompromittierte sie und liess sie hinter sich zurück wie gründelnde Enten. Er fiedelte alles und jeden um den Verstand.

Er starb besoffen.

Hier ruht Garrincha, der die Freude der Menschen war

so steht es geschrieben auf seinem Grabstein. Noch heute pilgern treue Fans zu seiner Ruhestätte, noch heute fliessen dort Tränen. Mehr noch als Pele oder Maradona dribbelte sich Garrincha mitten ins Herz Südamerikas.

Aber der Mensch lebt nicht vom Fußball allein, auch der 11jährige Mensch nicht. Es gab auch andere Dinge. Andere Bücher. Auf dem Regal meiner großen Schwester entdeckte ich Abenteuerbücher von Enid Blyton. Nicht die berühmte Fünf Freunde-Reihe, sondern die Geheimnis-Bücher: Geheimnis um eine Tasse Tee, Geheimnis um einen roten Schuh, Geheimnis um eine Efeuvilla. Ähnlich wie bei den Fünf Freunden siedelte die Autorin die Geheimnis-Bücher in den englischen Sommerferien an, wenn Dicki, der Anführer, aus dem Internat zurückkehrte, um mit den anderen Spürnasen und Purzel, einem schwarzen Scotchterrier, in Peterswalde Verbrechen aufzuklären.

In.. Peterswalde? Ich war perplex. Wie zum Henker konnte eine Stadt in England Peterswalde heissen. Peter’s Wood meinetwegen, The Peter Forrest oder New Peter City – aber „Peterswalde“? (Es klang ähnlich beknackt wie „Hans der Herzen“, wie ich einmal „Jack of Hearts“ übersetzt hatte, Herz-Bube. Karlos lachte sich jahrelang scheckig über meinen Fauxpas. „Na, Hans der Herzen“, begrüßte er mich gern, wenn ich mal wieder Zoff mit Lena hatte.)

Der grösste Feind der Spürnasen in Peterswalde war Grimm, der dicke Dorfpolizist, den alle nur „Wegda“ nannten. Wenn er auf seinem Rad unterwegs war und Purzel, Dickis Scotchterrier, kreuzte zufällig seinen Weg, trat Wegda nach dem Köter und schrie mit hochrotem Kopf „Weg da!“, worauf Purzel wütend wurde und im Laufen nach seinem Hosenbein schnappte. Dabei geriet Wegda, logisch, ins Straucheln und legte sich lang in den britischen Staub. Diese Szene gab es in jedem Buch drei Mal, also lag ich drei Mal japsend im Lesesessel.

Vom Taschengeld besorgte ich mir weitere Geheimnis-Bücher, bis ich die Reihe komplett hatte. Dann saß ich da und hatte nichts mehr zu lesen. In meiner Not beschloss ich, mir selbst was auszudenken, ein Buch zu schreiben. Ja warum denn nicht. Andere Leute hatten auch Bücher geschrieben, sonst hätte ich nichts zu lesen gehabt. Ich nahm ein leeres schwarzes Schulheft und legte los. Der erste Satz kam schnell, und er war gut. „Es war ein nebliger Montag“. Mysteriöser Stoff. Gutes Abenteueraroma. Ich schnupperte aus dem Fenster. Nebel. Hm. Hm.

Weiter.

Mir fiel nichts ein. Das Papier starrte mich an. Da stand nur ein Satz, ein zweiter wollte nicht gelingen. Ausserdem, es war kein Nebel auf der Strasse. Wie sollte man über etwas schreiben, das es so nicht gab. Sollte ich vielleicht schreiben: Es war Dienstag und nirgends Nebel auf der Strasse? Das war vielleicht die Wahrheit, aber wen juckte die Wahrheit, wenn sie so lapidar daherkam. Wen juckte kein Nebel. Nein, auf der verdammten Strasse vor meinem verdammten Fenster war verdammt noch mal nichts los, fertig, aus.

Vergiss es, dachte ich. Es mochte ja sein, dass Enid Blytons Spürnasen gefährliche, ja hochbrisante Kriminalfälle aufklärten in England, doch Solingen war nicht England, es war nicht mal neblig hier. Wenn ich aus dem Kinderzimmer blickte, sah ich lediglich diese langgezogene Hecke, die von der Schillerstrasse kommend einen Bogen in die Kurze Strasse beschrieb. Diese Hecke und ein Kippenautomat waren noch das Spannendste, was es hier zu sehen gab. Na schön – ein guter Schreiber kam mit dem Wenigen zurecht, das er vorfand. Vermutete ich mal. Woher sollte ich das wissen. Ich klappte das Heft deprimiert zusammen und beschloss, mich wieder auf das zu konzentrieren, was ich konnte: Elf Jahre alt sein, gelernter Mittelstürmer, ne Zwei in Englisch.

Jeden Tag nach der Schule feuerte ich den Tornister in die Ecke und lief auf O-Beinen zum Fuße des Klauberg runter, wo unser Bolzplatz lag. Ein staubiger und relativ großer Platz, den es bereits in den 30er Jahren gegeben hatte, bis ihn die Nazis kurzerhand zum Exerzierplatz für Pferde umfunktionierten. Das war auch der Grund, warum die Alten den Klauberger Bolzplatz nur Reitplatz nannten.

Ausser mir waren auch Wiwi Wupperbusch und Pille stets mit von der Partie. Natürlich waren es viel mehr Jungs, die sich am Nachmittag dort trafen, aber wir drei waren so ziemlich immer da. Wiwi, gelernter Rechtsaussen, spielte mit mir gemeinsam beim RSV Kohlfurth, Pille, der Rotschopf mit den Sommersprossen, wohnte in der Nachbarschaft, das musste reichen in seinem Fall. Auserdem war Pille es gewesen, der die allererste Suzi Quatro-Single 48 Crash aufgetrieben hatte, zu einem Zeitpunkt, als sie noch gar nicht im Radio lief. Das gab schwer Renommee, davon zehrt Pille bis zum Ende aller Tage. Und dafür durfte er damals in unserer Mannschaft sein und den Ball aufpumpen.

Im Winter rückte ein Kamerateam an.

Die Schillerstrasse sollte als Kulisse für einen Spielfilm herhalten. Heutzutage würde man von Location Scouts sprechen, die unsere Strasse als Drehort entdeckt hatten. Wir hatten aus der Zeitung daraus erfahren. Das mussten wir sehen. Vielleicht liess sich ja noch was lernen, für mein Buch. So ganz hatte ich die Idee noch nicht fallen gelassen, und ein Spielfilm drehen und ein Roman schreiben schien nicht so weit auseinander zu sein.

Die Strasse wurde abgesperrt. „Action!“ Ein Wagen kam vorgefahren. Keine Ganovenkarre, keine Ladylimousine, ein normaler Opel. Ein Schauspieler stieg aus, rannte die Treppe hoch, ins Haus rein, in eins der backsteinroten Genossenschaftsbauten, die den Siedlungscharakter herausstrichen, während weiter unten auf der Schillerstrasse eine Reihe imposanter Gründerzeitvillen standen, die aber für den Film keine Rolle zu spielen schienen.

„Wieso ist die Tür auf? Die kann man nicht einfach aufdrücken! Die muss man aufschliessen!“ empörte sich Wiwi Wupperbusch neben mir. Er wohnte mit seinen Eltern nur drei Häuser vom Aufnahmeort entfernt und kannte die Haustüren aus dem Eff-Eff. Da konnte ihm keiner was vormachen. „Oder er muss klingeln! Dann kann ihm jemand von drinnen die Tür aufdrücken. Also elektrisch.“

„Wieso, der hat seine eigenen Schlüssel“, meinte Pille. „Der ist doch erwachsen.“

„Aber trozdem muss er erst mal aufschliessen! Der hat die Tür aber einfach aufgedrückt! Das geht nicht bei den Türen! Die muss man erst aufschliessen, mit dem Haustürschlüssel! Die lassen sich nicht einfach aufdrücken, von allein. So ein Quatsch! Auch wenn er noch so erwachsen ist!“

Wiwi war kaum zu beruhigen. Ich sagte nichts. Türen, die offen standen? War doch okay, eigentlich. Scheiss doch der Hund drauf. Ein Dialog wurde gefilmt. Um etwas mitzukriegen, mussten wir näher ran. So nahe, bis der bärtige Kabelschlepper, den ich am besten fand, uns heranwinkte.

„Hier. Hol mir mal einer Zigaretten.“

Er gab mir ein Zweimarkstück. Ich lief zum Automaten Ecke Kurze Strasse und zog eine Packung Ernte 23. Als ich zurückkam, war der Dialog zwischen Mann und Frau schon im Kasten. Dabei hatte ich lernen wollen, wie das geht. Was der eine sagt, wenn der Andere was anderes sagt. Und zurück. So Ping Pong. Die beiden Schauspieler rannten die Haustreppe hinauf – wieder in den Flur rein. Ein Mann und die Frau. Als wären sie auf der Flucht. Die Tür stand offen und man konnte von der Strasse aus zusehen, wie sie sich im Flur küssten, mit den Rücken an die Kacheln gelehnt. Aber den Dialog hatte ich verpasst. Ich fragte Pille und Wiwi Wupperbusch, was das Paar gesagt hatte, als ich die Kippen geholt hatte, aber die beiden zuckten nur mit der Schulter.

War zu leise, sagte Pille, aber ich glaubte ihm  nicht richtig. Er war mit den Gedanken woanders gewesen, jede Wette. Das machen die roten Haare, sagte meine italienische Oma immer. Rote Haare machen Jungs meschugge.

Klar, der hat ja auch einen roten Busch, Oma!

Nach drei Tagen waren die Filmaufnahmen beendet. Einmal hatte es Ärger gegeben, weil die dicke Angela, die immer Ärger machte und auf der Margaretenstrasse wohnte, während einer Filmszene volles Rohr angerannt kam, worauf die Szene wiederholt werden musste.

1974 lief der Film im WDR, dem dritten Programm. Wir saßen alle zusammen oben bei Wupperbuschs im kalten Wohnzimmer und waren bitter enttäuscht. Unsere Schillerstrasse war nur in wenigen Einstellungen zu sehen, und die Dialoge, so mein Verdacht, mussten woanders neu aufgenommen worden sein. So jedenfalls hatte keiner geredet, so geschwollen, als wir bei den Dreharbeiten zugeguckt hatten. Eigentlich hatten die ja nie viel geredet.

Das ist ja wie beim Blindenfilm, meinte ich aufgebracht, wie mit falschen Zähnen.

Keiner wusste, was ich damit meinte, auch ich selbst nicht so richtig, aber der Satz stand so in der Luft, wie ich ihn gesagt hatte, also liessen wir ihn da stehen bis ein Anderer was anderes sagte und ihn ablöste. Eins immerhin war geschafft: Mein Buch war fertig, ich hatte das schwarze Schulheft bis zur letzten Seite vollgeschrieben. Die Geschichte hatte Anfang, Mitte und Ende. Es ging um einen Kabelträger beim Fernsehen, der bei Aussenaufnahmen tot umkippte. Der Inspektor, ein gutaussehender einheimischer Lockenkopf, hatte alle Hände voll zu tun.