Karlos hatte eine Katze

In den frühen 80ern zog Karlos von zu Hause aus. Er wohnte nun in der Vogelsiedlung, wo die Straßen Drosselstraße, Lerchenstraße und Wachtelnstraße hießen. Finkenstraße. Sogar einen Dompfaffweg gab es. Und der Mitsubishi Boy wohnte gleich um die Ecke, die gemeine Bluesröhre unter den Singvögeln, der B.B. King. Er konnte sogar ein endloses Mundharmonika-Solo zwitschern an guten Tagen. Ein schräger Vogel.

Im Sommer herrschte ziemliches Gezeter in der Vogelsiedlung. Die Vitalität der Jungen kollidierte mit dem Ruhebedürfnis der Alt-Vögel, die zum Teil seit Jahrzehnten in der Siedlung nisteten. Die Genossenschaftshäuser waren im Karree gebaut, es gab großzügige Innenhöfe mit viel Grün und Geschrei vom Spielplatz. Einmal hörten wir die Kinder Herr Meier sagt spielen, ein Spiel, das wir selbst noch aus unseren Kindertagen kannten. Man freut sich ja, wenn Kinder etwas spielen, das man selbst noch gespielt hat. Dass es Dinge gibt, die sich nicht ändern, Spiele wie Völkerball, Reise nach Jerusalem, Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Wo man sofort einsteigen könnte, eine Runde mitspielen.

Wenn die einen nur ließen, verdammte Saubande.

(Einmal kam ich an der Grundschule Klauberg vorbei. Die Kinder waren in ein Spiel vertieft, das ich nicht kannte. Ich blieb stehen und schaute eine Weile zu. Versuchte dahinterzukommen, nach welchen Gesetzen das Spiel funktionierte, doch ich wurde nicht schlau daraus. Ein heiliger Zorn lag über dem Schulhof.

„Wie heißt euer Spiel?“ rief ich endlich.

„Wer hat Angst vor der weißen Frau!“ kicherten die Kinder und blickten um sich. Da erst merkte ich: war gar kein Spiel. War die Lehrerin dahinten.)

Karlos‘ Wohnung an der Finkenstrasse hatte zwei Zimmer unterm Dach, Kochnische, Bad/WC. Jeder 20jährige Single schien damals in solch einer 2 Zimmer-Wohnung zu hausen. Man stieg eine steile Treppe hinauf, und kurz bevor man den Speicher erreichte, öffnete sich eine Tür und man betrat das Verlies der ewigen 45 m². Karlos teilte es sich mit einer Katze. Sie war ihm zugelaufen, kaum dass er eingezogen war. Ein ziemlich hochnäsiger Brocken, hochneurotisch dazu. Ein echter Müter, wie der Solinger sagt. Karlos nannte sie Lady. Lady pisste ihm gern mal ins Bett, wenn sie sich vernachlässigt fühlte. Heutzutage würde Lady vermutlich eimerweise Bachblüten zu fressen kriegen, gegen Harnabsatzstörung. Damals hieß es einfach, Milady hat einen Knall.

Mit der Zeit ließ das Kätzchen Karlos sehr deutlich spüren, wer Herr im Hause war. Mit ihren scharfen Krallen lauerte Lady ihm nachts im Wohnungsflur auf, wenn er betrunken nach Hause kam. Sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Karlos zu viel getankt hatte – paff!! hatte er wieder eine kleben, sobald die Tür aufging und Karlos durch den Flur torkelte. Lady saß oben auf der Garderobe und zog die Pfote voll durch, wie einen Baseballschläger. Eine Samtpfote war Lady jedenfalls nicht. Meist erwischte sie ihn an der Schulter. Dass Karlos über dreißig Jahre später an genau dieser Stelle eine schwere Arthrose ausbildete, wunderte niemanden, der damals dabei war.

Lady war kein Tier, mit dem man schnell Freundschaft schloss. Zwei Tage vor ihrem Verschwinden, an einem Abend, als in der gesamten Siedlung 20 – 30 Katzen verschwanden und vermutlich als Versuchstiere endeten, stolzierte sie in Karlos‘ Bude hochmütig auf und ab. Plötzlich, so erzählte es mir Karlos, sprang sie auf die Sessellehne, beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss auf die Schnauze – es sollte der erste und der letzte gewesen sein.

Ich weiß nicht, ob es Karlos gefiel oder nicht, aber ich übernachtete oft bei ihm, wenn ich zu betrunken war, um heil die Treppe runterzukommen. Er hatte ein riesiges Bett, ein Unterschlupf geradezu, für ganze Clans. Der Rest des Zimmers (ich möchte jetzt nicht von Schlafzimmer sprechen, sondern von dem Zimmer, in dem sein immenses Bett stand, sein Bettzimmer also) wurde von hohen Apotheker-Regalen dominiert, die Karlos‘ Vater einem alten Apotheker abgeluchst hatte, für kleines, geradezu winziges Geld. Die Wandregale reichten fast bis zur Decke und boten Platz für Karlos‘ Büchersammlung. Einige der Regale trugen noch die original roten Apotheken-Schildchen aus den 50erjahren, Herb. Millefol, Leucoplast, Penicill oder Absinth. Im bekifften Kopf versuchten Karlos und ich mehrfach, seine Bücher passend zu den Emaille-Schildchen einzuordnen. Am Ende standen die Romane von Paul Bowles unter Absinth, Klaus Manns Kracher April, nutzlos vertan fand man unter Phlox-Subulata. – was immer das zu bedeuten hatte. Nur beim Schildchen Asthmapulver war klar, welcher Schriftsteller dort etwas zu suchen hatte: Proust. Aber Karlos hatte kein Buch von Proust.

„Pech gehabt, wa“, sagte ich.

Es gibt ein Notizbuch aus jenen Tagen, um 1985 herum. Dort lese ich, dass ich einmal bei Karlos übernachtete und dabei von drei dicken schwarzen afrikanischen Mamas geträumt hatte, die auf mich einquasselten, in einer S-Bahn, die ganze Fahrt über. Ein echter Disput entbrannte im Traum, alle drei Mamas gegen mich, doch als ich wach wurde, hatte ich vergessen, was Thema gewesen war, obwohl der Traum doch gerade mal eine halbe Sekunde vergangen war. Bis heute will es mir nicht in den Kopf, wie das sein kann, dass mit dem Moment des Wachwerdens sogleich ganze Traum-Passagen einstürzen und ins Nirwana abtauchen, nur weil die Schranke zum neuen Tag hochschnackt.

Ein dumpfer Aufschlag brachte mich zurück in die Gegenwart. Er kam aus der Halbdistanz, wenn man das Leben als Boxkampf begreift. Selbst an einem ruhigen Sonntagmorgen war der dumpfe Schlag zu hören, wenn in der nahen Schmiede Überstunden anstanden. Der dumpfe Schlag kam aus der Gesenkschmiede, einen halben Kilometer Meter Luftlinie entfernt. In regelmäßigen Abständen sauste der Hammer nieder, wie ein Gongschlag aus der Eisenzeit, ein bedrohlich bleiernes Aufstampfen. Karlos und ich lagen im Bett, noch benommen von der Nacht lauschten wir dem Gesenkhammer, der heißes Eisen in Form brachte. Wir rauchten eine Zigarette.

„Hab ich ein komisches Zeugs geträumt“, meinte Karlos. Auf einer Messe hatte man ihm eine neuartige Biene vorgestellt, die man küssen konnte, ohne dass sie einen sticht.

„Ich konnte gar nicht genug davon kriegen, mit ihr zu spielen.“

Im weiteren Verlauf des Traums teilte er sich mit der neuartigen Super-Biene eine Brombeere am Brombeerstrauch. Alles ganz friedlich, ganz souverän.

„Die Wespe saß auf meinem Handrücken und war genüsslich die Brombeere am mümmeln, und ich hab den Rest genommen.“

„Ich dachte, das war ne Biene.“

„Was hab ich denn gesagt?“

„Ne Wespe.“

„Naja, Biene, Wespe, Hornisse – ist doch egal. Sind doch alle am Stechen.“

Während Karlos also (laut Notizbuch) mit friedfertigen Super-Bienen poussierte, saß ich im Traum im Eilzug Richtung Basel und ließ mir von drei dicken Soul-Mamas ein Ohr abkauen. Als ich wach wurde, fiel in der halbnahen Gesenkschmiede der Hammer.

„Ist vielleicht für ne Kurbelwelle oder so“, murmelte Karlos.

Gern hätte ich ihm von meinem Traum erzählt, aber es gab nichts zu erzählen, ich hatte fast alles vergessen. Es gibt kaum etwas dünneres auf Erden als Träume, die nicht viel hergeben, ja, die streng genommen gar nicht hätten geträumt werden müssen, die bloß auf die Welt gekommen waren, um etwas Traumzeit zu verbrennen.

Alles Unsinn.

Er war immer hungrig, und er war sehr dünn – Let’s get lost – Zum 85. Geburtstag von Chet Baker

„Wie hieß noch mal der schmächtige Trompeter, der auf Heroin war und so wunderbar traurig und vorsichtig singen und Trompete spielen konnte?“

„Chet Baker? Du meinst Chet Baker. “

*

Am 13. Mai 1988 starb der magischste aller Jazz-Trompeter in Amsterdam. Offiziell fiel er im Speedball-Rausch, einer Mixtur aus Heroin und Kokain, aus dem offenen Fenster des Prins Hendrik Hotels. Naheliegender klingt die Aussage seines letzten Pianisten Graillier. Demzufolge soll Baker Stunden zuvor des Hotels verwiesen worden sein. Weil er aber sein Instrument vergessen hatte, sei er in der Nacht heimlich die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. Wie auch immer, es handelte sich um einen Unfall, und am folgenden Abend, so die Legende, verstummten alle Jazz-Clubs von Paris bis New York.

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Es gibt ein filmisches Porträt über das Leben von Chet Baker, ein schwarz-weißes Meisterwerk von US-Fotograf Bruce Weber, Let’s get lost. Der Film kam kurz nach Chets Tod in die (Programm-)Kinos. Von Jazz-Puristen oft verschmäht, ist Let’s get lost für mich bis heute der beste Musikfilm, den ich je gesehen habe. Eine wehmütig stimmende Hommage an einen Mann, der Musik machte, als wäre ein Engel zur Erde hinabgestiegen – ein dünner Engel, immer hungrig, und mit zerknittertem Gesicht.

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„Er war immer hungrig,
und er war sehr
dünn.“

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Dialog aus Let’s get lost:

„Findest du das Leben langweilig, Chet?“

„Nein, nicht langweilig, aber manchmal ist es .. lästig. Ja, ich denke, für viele Leute ist das Leben lästig.“

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Let’s get lost zeigt Ausschnitte aus Spielfilmen der 1950er Jahre, als Hollywood den jungen Chet Baker entdeckte, als sein Gesicht noch ebenmäßig und hübsch war. In einer Szene sieht man ihn mit Natalie Wood in „The fine young Cannibals“, da war er 21, 22 Jahre alt und, wie es ein Freund jener Tage ausdrückte, „.. ein Mann wie aus einem Guss.“

Die Amsterdamer Polizei, die seinen Leichnam im Frühjahr 1988 auf der Strasse fand, wusste zunächst nichts mit ihm anzufangen. Da der Tote weder Zähne noch Ausweispapiere bei sich trug, identifizierte man ihn als „..verwahrloste Gestalt, etwa 80 Jahre alt.“ Zu diesem Zeitpunkt war Chet genau 59.

Er war seit Jahrzehnten heroinsüchtig und methadonabhängig, er war ständig koksgeil und der wahrhaftigste Trompeter aller Zeiten. Ich mag besonders den Cool Jazz, seine sanften Sachen. Musik, die so intim klingt, dass man es kaum aushält, sie im selben Raum mit jemanden zu teilen, den man nicht liebt..

Er hauchte mehr, als dass er sang.

*

„Was war der schönste Tag in deinem Leben, Chet?“

„Der schönste Tag? Das war der Tag, an dem ich meinen roten Alfa Romeo beim Händler abholte.“

Bis zu seinem Tod blieb Baker der kleine Junge mit einem roten Flitzer im Herzen und der Trompete im ramponierten Gesicht.

*

Heute, am 23. Dezember 2014, wäre Chet Baker 85 Jahre alt geworden. In der Pool Position der Dinge, die ich unwiderruflich verkackt habe, steht der 22. Dezember 1987. Chet Baker spielte (einen Tag vor seinem letzten Geburtstag) im Flamingo, einem kleinen Jazz-Club am Schlagbaum. Um die Ecke. Chet Baker. Einer meiner Helden. Als Toots Thielemanns wenig später im Konzerthaus spielte, ein weiterer Held, bin ich hingegangen. Da habe ich es geschafft. Bei Chet Baker nicht.

Ich wusste von dem bevorstehenden Konzert und bin doch nicht hingegangen, weil der kleine Jazz-Club Flamingo dafür verrufen war, bei Live-Auftritten ein Dinner zu servieren. Es gehörte sozusagen zum Konzept des Clubs, ein Dinner zu servieren. Man sah darin wohl die einzige Möglichkeit, einen Jazz-Club von Rang in einer Mittel-Stadt wie Solingen zu positionieren, die erdrückt wird von den Zentren drumherum. Du steigst ins Auto und welche Himmelsrichtung du auch immer einwählst, eine halbe Stunde später bist du in Köln, in Düsseldorf, im Ruhrpott. Legst du ein weiteres halbes Stündchen drauf, winken Holland und Belgien. Was braucht es da ein Kaff wie Solingen. So gesehen war das Konzept des Flamingos ein Versuch. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber Chet Baker und ein warmes Schnitzel? Die Vorstellung war so grotesk, dass wir das Konzert sausen ließen. Mit wir meine ich die Gräfin und mich. Seltsamerweise sprach ich mit niemand sonst darüber. Im Nachhinein kann ich es mir nur so erklären: Chet Baker war in diesen Tagen nicht gerade in jedermanns Mund.

Ach Mensch, wäre ich doch hingegangen. Hätte ich doch meinen dummen Stolz überwunden. Es war eins der letzten Konzerte seines Lebens, kurz vor Weihnachten 1987, gerade mal einen lumpigen Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Ich hätte die Wohnungstür zugezogen, wäre ein halbes Stündchen durch die Winterluft gelatscht bis ich den Schlagbaum erreicht hätte, eine vielbefahrene Kreuzung in der Nordstadt. Dann hätte ich der Gräfin die Tür des Flamingos aufgehalten. Es war einer seiner letzten Auftritte. Einige Monate später lag er in Amsterdam auf der Straße und war tot.

Wir haben es vermasselt. Ich habe es vermasselt. Dann hätte ich eben ein verdammtes Ragout bestellt und beim Dessert mit dem Eisfähnchen gewunken, während Chet auf der winzigen Bühne des Flamingo Jazzclub.. während Chet .. nein. Unmöglich. Es ging nicht. Ich wäre darüber so böse geworden, einer lebenden Legende mit Messer und Gabel und einem Kännchen Jäger-Soße gegenüberzusitzen, dass ich den Inhaber des Flamingo eigenhändig gemeuchelt hätte. Ich säße noch heute in Haft und würde Chet Baker-Platten und mp³-Bootlegs hören bis in alle Ewigkeit, ganz melancholisch im Gemüt. Ach, wär ich doch nur hingegegangen.. ich würde als Chets Rächer in den Geschichtsbüchern stehen. Als Jazzclub-Klopper.

Der Flamingo-Meuchler.

*

„Wenn ich My funny Valentine von Chet Baker höre“, so die Gräfin, „schmelze ich dahin.. Es klingt wie der letzte Fetzen Jugend, der aus meinem dummen Erwachsenenkittel ragt, der mir zeigt, wer ich einmal war..“