Er war immer hungrig, und er war sehr dünn – Let’s get lost – Zum 85. Geburtstag von Chet Baker

“Wie hieß noch mal der schmächtige Trompeter, der auf Heroin war und so wunderbar traurig und vorsichtig singen und Trompete spielen konnte?”

“Chet Baker.”

Am 13. Mai 1988 starb der magischste aller Jazz-Trompeter in Holland. Angeblich fiel er im Speedball-Rausch, einer Mixtur aus Heroin und Kokain, aus dem offenen Fenster des Amsterdamer Prins Hendrik Hotels. Naheliegender klingt die Aussage seines letzten Pianisten Graillier. Demzufolge soll Baker des Hotels verwiesen worden sein. Weil er aber sein Instrument vergessen hatte, sei er in der Nacht heimlich die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. Wie auch immer, es handelte sich um einen Unfall, und am folgenden Abend, so die Fortführung der Legende, verstummten alle Jazz-Clubs von Paris bis New York.

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Es gibt ein filmisches Porträt über das Leben von Chet Baker, ein schwarz-weißes Meisterwerk von Bruce Weber, einem  US-Fotografen, Let’s get lost. Der Film kam kurz nach Chet’s Tod in die (Programm-)Kinos.

Von Jazz-Puristen verschmäht, ist Let’s get lost für mich bis heute der beste Musikfilm, den ich je gesehen habe. Eine wehmütig stimmende Hommage an einen Mann, der lebte und Musik machte, als wäre ein Engel zur Erde hinabgestiegen, ein dünner Engel, immer hungrig, mit zerknittertem Gesicht.

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“Er war immer hungrig,
und er war sehr
dünn.”

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Dialog aus Let’s get lost:

“Findest du das Leben langweilig, Chet?”

“Nein, nicht langweilig, aber manchmal ist es .. lästig. Ja, ich denke, für viele Leute ist das Leben lästig.”

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In Let’s get lost  findet man Ausschnitte aus Spielfilmen der 1950er Jahre, als Hollywood den jungen Chet Baker entdeckt hatte, als sein Gesicht noch ebenmäßig und hübsch war und Baker mehr hauchte, als dass er sang.

In einer Szene sieht man ihn mit Natalie Wood in “The fine young Cannibals”, da war er 21, 22 Jahre alt und, wie es ein Freund jener Tage ausdrückte, “.. ein Mann wie aus einem Guss.”

Die Amsterdamer Polizei, die seinen Leichnam im Frühjahr 1988 auf der Strasse fand, wusste zunächst nichts mit ihm anzufangen. Da der Tote weder Zähne noch Ausweis bei sich trug, identifizierte man ihn zunächst als “..verwahrloste Gestalt, etwa 80 Jahre alt.”

Zu diesem Zeitpunkt war Chet 59.

Er war seit Jahrzehnten heroinsüchtig, methadonabhängig, koksgeil und der wahrhaftigste Trompeter aller Zeiten. Ich mag besonders den Cool Jazz, seine sanften Sachen. Musik, die so intim klingt, dass man es kaum aushält, sie im selben Raum mit jemanden zu teilen, den man nicht liebt.

Oder mit jemanden, den man liebt.

Noch schlimmer.

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“Was war der schönste Tag in deinem Leben, Chet?”

“Der schönste Tag? Das war der Tag, an dem ich meinen roten Alfa Romeo beim Händler abholte.”

Bis zu seinem Tod blieb Baker der kleine Junge mit einem roten Flitzer im Herzen und der Trompete im ramponierten Gesicht.

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Heute, am 23. Dezember 2014, wäre Chet Baker 85 Jahre alt geworden. Es gibt nicht allzu viele Dinge im Leben, die ich bereue, weil ich sie nicht getan habe. Ganz oben auf der Liste, in der Pool Position der Dinge, die ich unwiderruflich verkackt habe, steht der 22. Dezember 1987.

Chet Baker spielte damals, einen Tag vor seinem letzten Geburtstag im Solinger Flamingo, einem kleinen Jazz-Club am Schlagbaum. Ich wusste davon und bin doch nicht hingegangen, weil das Flamingo dafür bekannt war, bei Live-Konzerten warmes Essen zu servieren. Das gehörte zum Konzept des Clubs.

Ich fand diese Jazz-Dinner so zum Kotzen, dass ich sogar Chet Baker sausen liess, obwohl ich dem Inhaber im Nachhinein zugutehalten muss, dass sein Konzept wohl eher der verzweifelte Versuch war, in einer krepierenden Mittelstadt, umkesselt von Zentren wie Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet, einen Jazz-Club zu etablieren.

Ach Mensch. Wäre ich doch hingegangen. Hätte ich doch meinen Stolz überwunden.. Es war eins der letzten Konzerte seines Lebens, kurz vor Weihnachten 87, einen lumpigen Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Dann hätte ich eben das verdammte Schnitzel bestellt und beim Dessert mit dem Eisfähnchen gewunken, während Chet auf der winzigen Bühne.. obwohl.. Nee!

Doch nicht.

Ich wäre vermutlich so sauer geworden ob dieser Unverschämtheit, einer lebenden Legende wie Chet Baker mit Messer und Gabel gegenüber zu sitzen, ich hätte den Inhaber des Flamingo eigenhändig gemeuchelt. Ich säße noch heute wegen Mordes in Mono-Haft und würde Chet Baker-Platten hören bis in alle Ewigkeit, ganz melancholisch im Gemüt.

Ach, wäre ich nur hingegegangen.

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 “Wenn ich Chet Baker höre”, sagt sie, “schmelze ich dahin.. Es klingt wie der letzte Fetzen Jugend, der aus meinem dummen Erwachsenenkittel ragt..”