Berlin ist falsch, Solingen zu klein

Nachtschicht, mal wieder. Im stickigen kleinen Büro hinter der Rezeption versank ich im Chefsessel und schaute Tennis, die Live-Übertragung der US Open aus Flushing Meadows. Um dem pummeligen Ballmädchen vor den Toren New Yorks besser unter den Rock gucken zu können, rutschte ich tiefer in den Chefsessel, als es schellte. Das Kunstleder knautschte empört, als ich mich erhob.

Auf dem grobkörnigen Monitor, der elf Etagen tiefer den Eingang im Blick behielt, sah ich zwei Gestalten und ein Mercedes-Taxi, dessen Fahrertür offen stand.

“Ja?” sagte ich.

“Ja, Chef, Nabend. Ich hab hier einen Fahrgast aus Berlin. Habt ihr noch ein Zimmer frei?”

„Ja, ham wir.“

„Wa?!“

“Ein Einzel hab ich noch!”

“Was?!” Der Lautsprecher knisterte wie ein Funkgerät im Busch. “Kann er hochkommen?”

„Ja, kann hochkommen!“

„Okay..! Danke!“

Ich wunderte mich ein bisschen, warum der Fahrer so froh, ja geradezu erleichtert klang. Er stieg eilig in sein Taxi und verschwand im Rückwärtsgang im abendlichen Verkehr. Per Summer drückte ich die Eingangstür im Erdgeschoß auf. Der Mann aus Berlin winkte und tauchte im Treppenhaus unter.

Es war zwei Uhr in der Nacht.

Die Minuten verstrichen. Ich wartete. Eigentlich hätte der Knabe längst oben sein müssen, die Fahrt im Aufzug vom Erdgeschoß bis zum elften Stock dauerte keine halbe Minute. Dazu ein paar Schritte über den Flur, zwei Zwischentüren.. ah.. okay, da kam er. Ein dumpfer Gong meldete das Ankommen des Fahrstuhls. Ein bisschen arg dumpf allerdings. Verdammt! Der komische Vogel war über mir! Er war eine Etage zu weit gefahren und im 12. Stock gelandet. Ich stöhnte auf. Tage zuvor hatte ich in allen vier Lifts extra Aufkleber angebracht, extragroß und extrabreit:

TURMHOTEL REZEPTION →  11. STOCK.

Damit auch ja niemand im 12. Stock landete, oder im 13., oder ganz oben auf der 14. Wo dann nur noch das Dach kam und der Antennenwald.

Ich hörte, wie über mir eine der schweren Zwischentüren ins Schloss fiel – dann Schritte. Na Gottseidank. Der Knabe hatte seinen Irrtum bemerkt und war nun zu Fuß unterwegs, er kam durchs Treppenhaus runter in die elfte Etage.

Es kam: niemand.

Da war auch kein Geräusch mehr zu hören. Da war überhaupt gar nichts mehr zu hören. Nur tiefe schwarze Nacht. Ein Hotel wie aus dem Schlummeratlas. Selbst der Urknall schien vorübergehend auf null gedimmt.

Seufzend schlüpfte ich in die Gesundheitsschlappen vom Chef, die ich nur dann anzuziehen pflegte, wenn ich schnell mal irgendwohin musste und keine Lust hatte, extra die Schuhe anzuziehen. Im Sommer saß ich meist barfuß im Chefsessel. Wegen der Füße. Je älter ich wurde, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass meine Füße größer und selbstbewusster wurden. Ich wollte ihnen das nicht mehr antun, das mit den Schuhen.

Als ich die zwölfte Etage erreichte, hörte ich wieder Schritte, dummerweise wieder über mir. Der Blödmann war auf der Dreizehn gelandet! WAS SUCHTE DER DENN AUF DER DREIZEHN??!

Ich nahm den Aufzug.

Das dreizehnte Geschoss war komplett belegt von Mitgliedern der Staatsoper Krakau. Eine hochnervöse Gesellschaft, mit dicken strammen Hälsen. Ein Riesengeschnarche war im Gange, doch von meinem Fahrgast aus Berlin: keine Spur. Auch im vierzehnten Stock, nichts. Verdammt! Wie besoffen war der Knabe denn?! Und vorallem: Wo?!

Natürlich konnte es auch sein, dass wir uns um Haaresbreite verpasst hatten, und nun war er durchs Treppenhaus zur Rezeption runter und klingelte bereits aufgeregt nach mir. WO ZUM HENKER IST DER NACHTWÄCHTER? Ich runter auf die zwölf, dann auf die elf. Auf den Schlappen vom Chef. Schlapp, schlapp, schlapp. Kein Fußbett, nichts. Von wegen Gesundheitsschlappen. Auch an der Rezeption, nichts. Kein Berliner. Nur Schritte über mir.

Auf der zwölf!

ICH WERD NOCH BEKLOPPT HIER!!

Ich erwischte ihn im dreizehnten Stock.

„Hah!“ krächzte er erleichtert. Ein gealterter Rocker, von Kopf bis Fuß in  schwarzer Ledermontur, schwarze Umhängetasche. Schnapsfahne. Auf dem Handrücken ein Spinnennetz eintätowiert. Das Gesicht rohes ehrliches Material, fast, als hätte ein Maurer darin die Spachtel liegengelassen. Sagen wir, die ganze Werkzeugkiste.

„Mensch, wo muss man denn hier hinne? Det krieg ick nich jeregelt!“ rief er, froh mich zu sehen.

„Hier lang“, erwiderte ich, ebenfalls erleichtert.

Wir fuhren mit dem Lift runter zur Rezeption. Unterwegs einige Informationen. Er war fünfundvierzig Jahre alt, in Solingen aufgewachsen, lebte aber schon seit Jahr und Tag in Berlin.

„Ick kann schon ja kein Solinger Platt mehr. Aber manchmal, weeste, also manchmal, da krieg ich mein Tick und steig in ein Taxi und fahr nach Hause, zu den alten Rockern.“ 700 Mark hatte er dieses Mal hingelegt. „Siebenhundert..! Und wofür? Nur um zu gucken, wat die alten Rocker so machen, wa.“

Er öffnete seine Umhängetasche und griff hinein.

„Meister, hör ma, wat kost die Nacht?“

„Die Nacht, naja.. sagen wir, sechzig Mark“, sagte ich. „Ist ja nicht mehr so lang, die Nacht.“

„Is richtig! Du bis goldrichtig, Meister! Machen wir, wa!“

Eigentlich lag ein Einzelzimmer bei Hundertzwanzig. Eigentlich hatte ich keinen Spielraum zum Handeln.

„Fuffie!“ sagte er. „Is dit okay?“

Hm. Sicher. Der Berliner blieb zwei Stunden an der Rezeption, froh, dass ihm mal einer zuhörte.

„Tut auch mal jut, wa.“

Kurz zuvor hatte er eine kleine Erbschaft gemacht, sein Bruder war gestorben.

„Der hat immer nur jearbeitet, die arme Socke, und die Kohle beiseite jelegt. Abends isser nach Haus jekommen, hat n’Abend Mutter jesagt und fernjesehen, den janzen Abend.“

„Wie, der hat noch bei eurer Mutter gelebt?“

Ja sicher. Sein Leben lang. Bis zur Zucker-Diagnose.

„Zuletzt musste Mutter ihn füttern, wa, er hatte ja keine Olle, war ja sonst keener da, aber noch einen Tag vor seinem Tod hat mein Bruder den Fernsehapparat von Muttern auseinanderjebaut und repariert. Tolle Nummer, wa? Solche Leute findste nich in Berlin, wa. Berlin is kein Pflaster für treue Schluffen. Nee, Berlin is falsch, wa, aber Solingen zu klein. Hier biste ja in zwei Wochen mit allen Leuten durch, die in Ordnung sind, so unjefähr, wa.“

Er stellte sich vor: ich bin der Helmut.

„Alter, jibbet nochn Bier?“

Er erkundigte sich nach dem Nachtportier, mit dem er früher stets zu tun hatte, wenn er im Turm-Hotel übernachtete.

„Wen meinst du? Den Sokolov?“ fragte ich.

„Weiss nich wie der heisst. Son Rentner aus Bulgarien. Aber der verkooft hier nachts immer sein Schafskäse, so selbstjemachten Quark. Na, is ooch ejal.“

Helmut nahm Fahrt auf.

„Ich such ne Olle, wa. So um die Fuffzig, vollschlank. Find ich jut, vollschlank. Is mein Ding. Wat zu packen, nich so dünne Gräten. Da kann ick ja gleich in nem nassen Fisch pulen.“

In Solingen, erzählte er, hatte er eine dunkelhaarige Putzfrau kennengelernt, schon beim letzten Heimatbesuch.

„Ick hab ihr ne gelbe Rose geschenkt. Schwarze Haare, gelbe Rose, sach ich immer. Vielleicht lade ich se mal nach Wedding ein, ma sehn, wa. Kann sein. Ne Putze. Na, warum nich. Ick bin auch keen Rockefeller, wa, nur ein oller Rocker.“

Helmut war so betrunken, er wackelte am Messingtresen, aber er fiel nicht.

„Alta, ick sach dir: wenn ich nochmal als Mann auf die Welt komm, also als junger Mann, nehm ick mir ne Frisöse als Frau. Die sind kreativ, die sind nich zimperlich, die ham Stehvermögen. Wat willste mehr.“

Dann zog Helmut die Lederjacke ein Stück beiseite.

„Guck mal, Chef, mein Herz, siehste die Flecken da druff..? Sach mal, sind dit Altersflecken? Kann dit sein?“

Bevor ich Helmut beruhigen konnte, war er schon beim nächsten Thema: die Bahn. Mit der fuhr Helmut grundsätzlich zurück nach Berlin. Hin ne Taxe, zurück die Bahn. Bin ja nich Rockefeller, wa. Im Winter, bei der Rückfahrt, saß eine Libanesin neben ihm im Abteil. „Du auch Berlin?“ hatte sie gelacht.

„Und dann kam die Puppe immer näher, wa.“

He, doch nich hier! hatte Helmut noch gerufen. Ick mein, die hatte ja noch den Schlüpfer an und ick ooch, wa. Daheim in Wedding wurde dann erst mal schön gefickt. Mit allem Pipapo.

„Aber musst du dir vorstellen, haut die Olle mir hinten an den Kopp, hier, so mit der flachen Hand, wa, immer feste druff, mitten beim Bumsen.“ Er demonstrierte den Tathergang, immer noch empört. „Da musste ick echt ackern, wa, damit die endlich Ruhe jibt. Ne Berliner Libanesin, meine Herren. Meine Beiruter Trümmerfrau, hab ick zu ihr jesacht, wa, nu hör dat Kloppen uff. Aber am Ende hat der Tante ordentlich die Hüfte jepfiffen, kannste mir globen. Watn Luder.“

Um vier Uhr früh war Helmut erledigt. Ich brachte ihn hoch aufs Zimmer. Zwölfte Etage, Zimmer 34.

„Habt ihr auch nen Kühlschrank?“

„Ne Mini-Bar? Sicher. Wat brauchst du denn?“

„Na ja, son kleen Sekt is noch drin, wa.“

Ich reichte ihm einen Piccolo und knipste den Fernseher an. US Open. Flushing Meadows. Die Ballmädchen. Der Bildschirm.

„Sonst noch was, Helmut?“

„Dit Licht“, sagte er und zeigte auf das Nachttischlämpchen.

„An oder aus?“

„An. Is besser, wa.“

Ich knipste das Lämpchen an und sagte Nacht, Helmut.

„Nacht.“

Der kleine Lacherfolg

In Köln war Photokina, das Turmhotel ausgebucht. Bis Mitternacht hatte ich alle Hände voll zu tun und insgesamt zirka eine ruhige Minute. Frühstücksraum eindecken, Minibars auffüllen, Telefonate durchstellen, aus dem Fenster stieren. Der Nebel war so dicht, dass sich die Innenstadt vom elften Stockwerk aus nur noch erahnen liess. Lediglich die Passats der Zivilbullen waren gut zu erkennen, in den dunklen Toreinfahrten. Nebelnacht war Bullennacht.

Die Telefonanlage blinkte auf. Eine Dame vom Flughafen Köln/Bonn rief an, im Auftrag der AVIS-Autovermietung. Es ging um die sieben Zimmer, die das Schweizer Fernsehen gebucht hatte, für Herr Santini und Kollegen.

„Die Herren sind gerade in Köln/Bonn gelandet, das wollte ich Ihnen nur mitteilen, die kommen gleich. Die sind unterwegs.  Nicht, dass Sie die Zimmer weiterverkaufen..“

„Nee, natürlich nicht. Gebucht ist gebucht. Sagen Sie, kommen die Leute vom Fernsehen aus der französischen Schweiz? Ich kann nämlich kein Französisch“, sagte ich, einfach so, mir gefiel ihre Stimme. Ich wollte noch einen Satz hören. Ich stellte sie mir am Flughafenschalter auf, mit Mützchen und Beinfreiheit.

„Bitte?!“ Sie lachte verdutzt. „Ja, äh, also, dann sollte ich noch fragen, wie man zu Ihnen kommt, über die Autobahn.“
Schon saß ich tief in der Bredouille. Wie zum Teufel sollte ich erklären, wie man von Köln nach Solingen kam, über die Autobahn? Ich arbeitete doch erst seit fünf Jahren im Turmhotel. Ich wohnte doch erst seit fündunddreißig Jahren in der Klingenstadt.
„Mh, das ist nicht .. so einfach von Köln nach Solingen“, sagte ich. „Ich fahre nämlich kein Auto, wissen Sie, und da..“
„Gut. Über die A3“, liess sie sich nicht beirren. „Aber welche Ausfahrt?“
„Ausfahrt.. Langenfeld..?“ sagte ich mehr oder weniger ins Blaue hinein.
„Lan-gen-feld..“, notierte die Frau gewissenhaft.  „Gut. Und weiter?“
„Äh, und weiter?“
„Ja, wie weiter, wenn die Herren die Autobahnausfahrt Langenfeld genommen haben.“
„Dann äh.. Moment. Von Langenfeld ist es beschildert Richtung Solingen-City.“
„Und in Solingen-City? Ist es weit zum Turm-Hotel?“
„Na, wir sind das höchste Haus am Platze, das kann man gar nicht ver..“
„..fehlen. Dankeschön.“
„Moment! Das Hotel ist ein riesiges Einwegfeuerzeug“, rief ich ihr sicherheitshalber noch nach, aber sie war schon weg.

Mitten in der Nacht standen die Schweizer im Neonlicht der Rezeption. Eine Gruppe ausgelaugter blasser Medienmänner, bemüht, keine Schwäche zu zeigen, irgendetwas, das man gegen sie verwenden könnte. Nachdem ich die Zimmerschlüssel verteilt hatte, fragte der Wortführer, ein kleiner Mann mit Schnurrbart, im harten Sound der Schweiz:

„Hören Sie, kann ich für morgen früh einen Weckruf anmelden?“

„Aber sicher doch“, sagte ich und hielt den Kugelschreiber schon parat. „Für wieviel Uhr?“
„Ja, das ist eine gute Frage. Lassen Sie mich kurz überlegen. Duschen, rasieren, frühstücken.. sagen wir, 6 Uhr 15. Ja, das ist eine gute Zeit. Sechs Uhr fünfzehn, notieren Sie das bitte.”
„Gut. Äh, welche Zimmernummer..?“
„Das ist.. Zimmer 36. Zwölfter Stock. Santini.“

Nun platzte die Weckliste schon vor lauter Zimmernummern und Weckzeiten, alle Kästchen waren voll, aber das war normal zu Messezeiten. Messenacht war Nummernnacht.

„Mich auch eintragen, aber für fünf vor sechs bitte!“ kam eine Stimme aus der zweiten Reihe, scharf  wie ein Buschmesser, das sich von hinten durchs Dickicht schlägt. Ein großer Mann, ein Lulatsch geradezu. Er klimperte mit dem Zimmerschlüssel und hielt ihn hoch, bis fast unter die Decke. Ich identifizierte die Nummer 43 auf dem Schlüsselanhänger.

„Nummer 43, 5 Uhr 55“, sagte ich und trug die Zimmernummer in die dazugehörige Spalte ein, als der Anführer mit dem Schnurrbart, der kleine Santini, erneut das Wort an sich riss.

„Das ist ja klar, dass der Felix zwanzig Minuten früher aufstehen muss, der ist ja auch zwanzig Zentimeter grösser, der Dödelkopp!“

Nachdem sich die Schweizer auf die Zimmer verabschiedet hatten, kehrte ich den kleinen Lacherfolg vom Boden auf und entsorgte ihn im Müllschacht. Der führte gut sechzig Meter in die Tiefe, und obwohl ich aufmerksam horchte, es war nicht mal ein Glucksen übrig, als er unten aufschlug.