Es ist was ganz schlimmes passiert (Zum 87. Geburtstag meiner Mutter)

Es begann mit einem Telefonanruf. Viele Dinge beginnen mit einem Telefonanruf. Ein Telefonanruf ist so lapidar, dass man gar nicht auf die Idee kommt, damit würde eine neue Ära eingeläutet. Aber dann hebt man ab, jemand spricht, und die Sache bahnt sich ihren Weg.

Als ich die angsterfüllte Stimme meines Vaters hörte, wusste ich sofort, den Klang wirst du nie wieder los.

“Es ist was ganz schlimmes passiert”, stieß er ins Telefon. “Mutter ist tot!”

Ich stand in der Küche, noch verschwitzt vom Einkaufen, in Parka und Boots. Mutter ist tot. Es ist was ganz schlimmes passiert. Ich sank auf den Stuhl nieder.

“Was ist?” rief die Gräfin aus ihrem Zimmer. Sie lag im Bett und las ein Buch.

“Meine Mutter ist tot”, sagte ich tonlos. Zu Vater: “Bist du allein? Ist schon jemand da?”

Ja, Onkel Karl-Heinz war da, der nur zwei Häuser weiter wohnte. Die Gräfin kam in die Küche. Ich saß am Tisch, blickte sie an. Vom Tod der Mutter zu erfahren, das ist, als würde man den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen – bloß dass man gar nicht wusste, dass man im ICE unterwegs ist.

Niemand wusste davon.

Ich trank ein Glas Wasser. Wieso trinkst du jetzt, dachte ich. Wieso hast du noch deinen Kopf. Die Zeit müsste anhalten, Sterne müssten vom Himmel stürzen und zerschellen, noch mehr Sterne! – Mutter ist tot. Ein Glas Wasser. Die Gräfin schloss mich in ihre Arme, schluchzte.

Mir kam der Abend in den Sinn, als Mutter mich fragte, ob wir eigentlich auch Boxen gucken würden, die Gräfin und ich.

“Boxen..?”

“Ja, Boxen. Hier, bomms, was auf die Nuss. Der Klitschko boxt doch heut Nacht in Las Vegas.” Sie kauerte vor mir, knapp 80jährig, mit einem schlimmen Buckel, und tat so, als verpasste sie mir einen Schwinger. “Papa und ich gucken jedes Mal, wenn Klitschko boxt.”

Ich war sprachlos. Das war mir neu. “Welcher Klitschko? Der junge oder der alte?”

“Ist doch egal. Wer gerade dran ist. Sind doch beide vom gleichen Schlag.”

Sie litt unter Osteoporose. Die Knochen waren so morsch geworden, dass sie beim kleinsten Stolperer brachen. Sie wog kaum mehr als hundert Pfund und wurde immer kleiner und krummer. Sie hatte einen richtigen Buckel gekriegt. Wenn sie in der Küche Geschirr aus dem Wandschrank holen wollte, musste sie auf ein Fußbänkchen steigen, wie ein kleines Mädchen. Eines Tages, wir ahnten es alle, würde sie einfach von der Bildfläche verschwinden.

“Boxen kommt doch immer.. so spät”, sagte ich zu Mutter, immer noch erstaunt.

“Na und, Papa und ich schlafen sowieso nicht vor Mitternacht. Und wenn wir doch mal müde sind, stellen wir eben den Wecker.”

Ihre Begeisterung machte mich baff. Vater erzählte später, dass Mutter während der Live-Übertragung den Stuhl ganz nah an den TV-Apparat zu schieben pflegte, um nur ja keine boxerische Finesse zu verpassen. Dabei war sie nie sonderlich sportlich gewesen, abgesehen von ihren Jugendtagen, wo sie für den SSC in der 4 x 100 Meter-Staffel als Kurvenläuferin startete. Die Staffel war so erfolgreich, dass sie bei den Deutschen Schulmeisterschaften in Breslau im Finale stand, in den späten Dreißigerjahren. Aber damit war ihre sportliche Laufbahn praktisch beendet, auch im Fernsehen verfolgte sie keinen Sport. Was sollte das also mit dem Boxen?

Ich kam nicht dahinter.

Ich versuchte meine Schwester zu erreichen, sie war im Winterurlaub in Italien. Sie ging nicht ans Handy. Ich atmete auf. Ich wollte nicht derjenige sein, der die Todesnachricht überbringt, auch wenn man mit Mutters Tod rechnen musste. Dieser rätselhaften stolzen Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei wie Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

Ich rief meinen Bruder an im Kölner Büro.

“Mutter ist tot.”

“Ach du Scheisse”, stammelte er. “Ich komme. Soll ich dich abholen? Fahren wir zusammen zu Vater..? Ach du Scheisse..”

Er war so durcheinander, man hörte förmlich, wie er die Gedanken sortierte: bloß nicht durchdrehen jetzt.

Weil die Gräfin an Heiligabend nicht mitgekommen war, dem letzten Tag, an dem wir Mutter besucht hatten, drängte sie darauf ins Klinikum zu fahren, um sich von ihr zu verabschieden.

“Ich möchte sie noch mal sehen, noch mal anfassen.”

Eine halbe Stunde später war mein Bruder da und holte uns ab. Wir schlichen durch die verschneite Stadt, bei fahler Wintersonne. Rollsplitt knirschte unter den Rädern. Niemand sprach ein Wort. Von der Dauerlast des Pappschnees waren die Bäume reihenweise umgeknickt, wie vom Blitz getroffen standen sie am Straßenrand, in der Mitte gespalten, noch warm im Fleisch. Bevor wir die von Schnee und Eis geräumte Stadtautobahn erreichten, stoppte mein Bruder am Straßenrand. Er stieg wortlos aus und löste die Schneeketten von den Vorderreifen. Die Situation war so unwirklich, so absurd, als bewegten wir uns im Séparée der Wirklichkeit. Kondensstreifen durchzogen kreuz und quer den Himmel wie aus der Hand gefallene, Sirtaki tanzende lange weiße Stifte. Ich griff nach der Hand der Gräfin. Ich fühlte mich leer und abgekämpft. Das Spiel meines Lebens: verloren.

Meine Mutter ist tot.

“Meine auch”, murmelte mein Bruder, als er wieder am Steuer saß und sich Eisbröckchen und Granulat aus den Kleidern klopfte.

Ich sah sie vor mir, diese am Ende gebeutelte und ratlose Person, so schwach, dass sie es kaum noch die Treppe hoch schaffte. Sie beteiligte sich an keiner Unterhaltung mehr, sie, die doch so gern geschnattert hatte, den Schnabel vorgestreckt wie ein Vögelchen. “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibts doch nicht!

Was gibt es schöneres, als sich etwas anvertrauen.

Doch auch wenn sie für Außenstehende eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn die zehn Kilo, die sie vorübergehend im Krankenhaus zugelegt hatte, nur im Gewebe angesammeltes Wasser war, sie war noch in der Welt. Auch wenn ihre Stimme oft kläglich war und ins Schlingern geriet, wir hörten noch ihr Wort, ein leises schüss, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte.

Und plötzlich verstand ich.

Natürlich..! Boxen! Sie wollte kämpfen! Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Sie bot dem Tod die Stirn, ein allerletztes Mal. Und da sie selbst kaum noch die Kraft aufbieten konnte, mussten Stellvertreter in den Ring! Vitali und Wladimir Klitschko, sie hatten um Mutters Leben gefightet.

Endlich erreichten wir die Klinik.

Frau Wolf, ihre letzte Bettnachbarin, Hutmacherin aus Hamburg, telefonierte gerade und schaute erschrocken auf. Noch waren Mutters Utensilien im Zimmer. Die Brille lag auf dem Nachttisch, auf dem Stapel  Reader’s Digest-Hefte.

Wir kommen gleich zurück, bedeutete ich Frau Wolf.

Auf der Intensivstation, ganz am Ende des Gangs, begleitete uns eine Pflegerin zum Verabschiedungsraum. Mutter lag mitten im Zimmer, hell angestrahlt vom Deckenlicht, von weißen Bettlaken zugedeckt. Nur der Kopf war zu sehen, das spitze Näschen (wie Toblerone), das Kinn von einer Stütze gehalten. Nichts in ihren friedlichen Gesichtszügen deutete auf die letzte große Schlacht hin.

“Sie ist uns unter den Händen weggestorben”, so die Pflegerin fassungslos.

Mutter erlitt kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Im Bett liegend lief sie blau an, sie stöhnte und röchelte, verlor das Bewusstsein. Da Arzt und Schwestern im Zimmer waren, wurde sie umgehend reanimiert. Auf der Intensivstation dann ein weiterer “Rieseninfarkt”.

“Ihre Mutter ging mit zwei Paukenschlägen.”

Bleiche Ruhe erfüllte den Raum. Während mein Bruder im Hintergrund blieb und das Zimmer bald fluchtartig verließ, streichelte ich Mutters Wange, die Gräfin schnupperte an der noch leicht rosigen, atmenden Haut. “Sie riecht nach Nivea, wie immer.” Wir bewunderten diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger und größer geworden war, je mehr sie abmagerte. Der Tod gibt uns das Gesicht, das uns gebührt. Im Tod werden wir der Affe, von dem wir abstammen. Im Tod sind wir unser eigener Urahn. Hohlwangig, mit tief sitzenden Augenhöhlen.

Wir zogen das Laken zurück, fanden Mutters linke Hand auf dem Unterbauch, wo sie zeitlebens den Sitz der Seele vermutete. Da der Leichnam noch nicht steif war, fügten wir die rechte Hand hinzu. Die Pflegerin dimmte das grelle Licht, “so ist es besser, nicht wahr.” Ich fühlte ihre Hand an meiner Schulter.

Am Fußende entdeckte ich die Sterbeurkunde. 11:30 war als Todeszeitpunkt angegeben. Genau um diese Uhrzeit war ich den engen Kannenhof runtermarschiert, bepackt mit Einkaufstaschen und Rucksack. Ich ging an einem Wagen vorüber, der halb auf der Straße, halb auf dem Trottoir parkte. Weil die geöffnete Beifahrertür weit auf den Bürgersteig ragte, der Fahrer hatte am Handschuhfach zu tun, schlängelte ich mich seitlich am Wagen vorbei und blieb mit dem Innenfutter der aufgeschlagenen Jacke an der Autotür hängen. Für einen winzigen Moment stand der Parka jetzt weit auf, für einen winzigen Moment gab ich meine Deckung auf – es war, als präsentierte ich der Welt mein Herz, groß und verwundbar.

11:30 blinkte die eingebaute Autouhr.

Ich ballte die Faust.

*

Fotos Willi Glumm 237

Faustkampf

Ein, zwei Jahre vor ihrem Tod fragte Mutter, ob die Gräfin und ich auch Boxen gucken würden.

“Wie, Boxen?”

“Na, Boxen! Hier, bomms, was auf die Mappe. Der Klitschko boxt doch heut Abend.”

Sie stand vor mir, knapp 80jährig, mit einem schlimmen Buckel, und tat so, als verpasste sie mir einen Faustschlag. Sie feixte.

“Der Papa und ich gucken jedes Mal zu, wenn der Klitschko wieder einen einmacht.”

“Welcher Klitschko? Der junge oder der alte?”

“Ist doch egal. Wer gerade dran ist. Sind doch beide vom gleichen Schlag.”

Sie litt unter Osteoporose. Die Knochen waren so morsch mittlerweile, sie musste beim kleinsten Stolpern fürchten, dass die Beine brechen. Sie wog wenig mehr als fünfzig Kilo und wurde immer kleiner und krummer. Wenn sie in der Küche Geschirr aus dem Wandschrank holen wollte, musste sie auf ein Fußbänkchen steigen, wie ein kleines Mädchen. Eines Tages, das ahnten wir alle, würde Mutter einfach verschwinden von der Bildfläche.

“Boxen kommt doch immer.. so spät”, sagte ich, immer noch überrascht.

“Na und, wir können sowieso nicht vor Mitternacht schlafen. Und wenn wir doch mal müde sind, stellen wir den Wecker.”

Angeblich verpassten meine Eltern keinen einzigen Kampfabend, an dem eines der beiden ukrainischen Groß-Rehe beteiligt war, bis zu dem Tag kurz vor Weihnachten, als Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Gestern besuchte ich meinen Vater. Während er Teewasser aufsetzte, las ich in der Fernsehzeitung, dass bei den Klitschkos wieder mal ein Kampftag ansteht.

“Sag mal, stimmt das wirklich, dass ihr soviel Boxen geguckt habt, Mutti und du?”

“Ja klar stimmt das. Aber das war auf Mutters Mist gewachsen. Eines Tages fing sie damit an, sie wollte unbedingt den Klitschko sehen. Den jüngeren glaub ich. Boxen war das einzige Mal, wo Mutter den Stuhl ganz nah an den Fernsehapparat schob, damit sie ja nichts verpasste.”

Auch wenn ihr Tod fast zwei Jahre her ist, es macht mich immer noch baff. Schliesslich war Mutter nie besonders sportlich. Ausser in ihrer Jugend, da lief sie in der 4 x 100 Meter-Staffel, als Kurvenläuferin. Die Staffel war so erfolgreich, dass sie bei den Deutschen Schulmeisterschaften in Breslau startete, in den späten 30er Jahren. Aber damit war ihre sportliche Laufbahn praktisch beendet, und im Fernsehen verfolgte sie so gut wie gar keinen Sport. Was sollte das also mit dem Boxen? Ich kam nicht dahinter.

Wieder sah ich Mutter vor mir, diese zum Schluss so gebeutelte, ja ratlose Person, krumm wie ein Komma und so schwach, dass sie es kaum noch die Treppe hoch schaffte. Und plötzlich verstand ich. Natürlich..! Sie wollte kämpfen. Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Sie bot dem Tod die Stirn, ein allerletztes Mal. Und weil sie selbst kaum noch die Kraft dazu hatte, mussten Stellvertreter in den Ring. Vitali und Wladimir. Sie boxten um ihr Leben.

Ich ballte die Faust.