3. Juli 1971: Das Pulver hochgradig rein, Morrison sturzbesoffen wie immer

Der echte Tod ist der Tod auf dem Lokus. Auf dem Lokus kommt es zur Sache, auf dem Lokus spricht der Körper Tacheles, da ist er es gewohnt, Tacheles zu reden. Da lässt jeder Körper jede Vorsicht, jede Nachsicht fahren und reisst alle Vorhänge nieder. Der Lokus ist der ehrlichste Ort im Leben eines Menschen. Wer auf dem Lokus stirbt, stirbt den Heldentod.

– Die Gräfin –

*

Jim Morrison, am 3. Juli 1971 angeblich in einer Hotel-Badewanne in Paris an Herzversagen gestorben, hat es in Wahrheit wohl auf dem Lokus erwischt, in einer Pariser Diskothek, mit zu viel Schnaps und Heroin im Blut.

Schon Tage zuvor rumort und arbeitet das Datum in mir. 3. Juli, Todestag von Doors-Sänger Jim Morrison. Ich kann nichts dagegen tun, der Tag pirscht sich heran und elektrisiert mich Jahr für Jahr aufs Neue, auch wenn ich mich ansonsten weitgehend von der Rockmusik und ihren Fallstricken und Legenden verabschiedet habe. Zwar begegnen mir auch heute noch gelegentlich Bands, die mir gefallen, doch im Gegensatz zu früher bin ich nicht mehr scharf darauf, Musik in meinen Besitz zu bringen, sie mein eigen zu machen, um sie hören zu können, wann immer mir danach ist. Ist nicht mehr nötig. Ist vorbei, und ehrlich gesagt, auch wenn man seinen Musikgeschmack nicht groß verändert, nur weil man das vierzigste oder fünfzigste Lebensjahr erreicht hat, irgendwann ist es auch mal gut.

Nichts ist peinlicher als Rockkonzerte, wo es um einen herum kreischt, pfeift und klatscht wie unter zehntausend Teenagern, und wenn nach der Zugabe das Hallenlicht angeht, drehst du dich um und die Teenies entpuppen sich als kugelbauchige Mittvierziger mit ausgeleiertem Hintern, die noch mal einen draufmachen wollen.

Was wollte ich sagen. Jim Morrison, Frontmann der Doors, ist am 3. Juli 2018 siebenundvierzig Jahre tot

*

„The whole thing started with Rock’n Roll – now it’s out of control.“
Ray Manzarek
*
“Ich wollte einen Sound, der einem den Zahnbelag entfernt”, erklärte der 2013 verstorbene Ray Manzarek, Keyboarder der Doors und hauptverantwortlich für den unverwechselbar warmen und dunklen Sound der Band. Auch wenn Jim Morrison der erklärte Gott war, unser heimlicher Held war Ray Manzarek.
Wir, das waren Karlos und ich, und auch wenn es eine Menge Leute um uns herum gab, die auf die Doors standen, der harte Kern, die Durchgedrehten, die total Kaputten, das waren Karlos und ich.

Wir stromerten ganze Nachmittage durch die Landschaft und zitierten aus den Doors-Dokumentationen, die wir aus Paris kannten. Im 11. Arrondissement gab es zwei Spezial-Kinos, deren Programm ausnahmslos aus Dokus rund um Jimi Hendrix, Otis Redding, Janis Joplin und den Doors bestand.

In einem dieser Streifen, technisch hundsmiserabel und amateurhaft geschnitten, steigen die Doors auf einem Flughafen die Gangway runter, einer nach dem Anderen, brav wie die Entchen, aber Entchen mit langem Haar und bösen Blick. Die Szene muss 1967 gefilmt worden sein, als sie noch relativ unbekannt waren, denn nacheinander verraten die Bandmitglieder dem Mann hinter der Kamera ihren Namen.

Als letzter ist Manzarek an der Reihe.

“Raymond Daniel Manzarek”, stellt er sich vor, mit diesem herrisch-tiefen Timbre in der Stimme, importiert aus Osteuropa und in Los Angeles geschärft und zur Blüte gebracht, “born Two Twelve Thirty-Nine, Musician, Organist.”
Das kam so obercool Westcoast rüber, Karlos und ich konnten nicht genug davon kriegen. Während wir einen kräftigen Haschisch-Tee im Blut durch die Gärten unserer Heimatstadt strolchten, trat abwechselnd einer von uns vors imaginäre Mikro und verkündete das Wort, “Raymond Daniel Manzarek, born Two Twelve Thirty-Nine”, und der andere gab brummend seine Zustimmung,
„Musician, Organist..“
(Als ich mir die Szene jetzt noch mal anschaue, mit all der Abgeklärtheit eines 50jährigen, stelle ich fest, das Rays Stimme hier eher dünn rüberkommt.)

*

Meine Vernarrtheit in Jim Morrison und die Doors begann im heißen Sommer 71. Ich war keine elf Jahre alt, spielte Fußball beim RSV und hörte im Radio Riders on the storm, Single-Auskopplung aus dem Album L.A. Woman. Ein Song mit Klavier und mit Gewitter und einem Donnerhall, der Regen prasselt nieder, es ist tiefe Nacht. Eine der geheimnisvollsten Aufnahmen der Popgeschichte.

Ich ging zu Radio Palenschadt am Neumarkt und fragte nach der Platte mit dem Gewitter und dem Regen. Verkäufer Max wusste Bescheid. Verkäufer Max wusste immer Bescheid. Verkäufer Max war eine Kanone. Man sang ihm die wenigen Töne einer Aufnahme vor, die man aus dem Radio eines vorbeifahrenden Cabrios aufgeschnappt hatte, nur den Fetzen der Hookline, und er drehte sich um und zog die entsprechende Platte aus dem Fach, ohne ein Wort zu sagen, ohne den dicken Max zu markieren.

Radio Palenschadt hatte ein halbes Dutzend schalldichter Einzelkabinen, in denen man Platten probehören konnte. Jede Kabine war ausgestattet mit Plattenspieler und Stereoboxen – eigentlich waren es riesige begehbare Kopfhörer.

Seit diesem ersten Probehören von Riders on the storm in der Einzelkabine bei Palenschadts bin ich verrückt nach Gewittern, die punktgenau in einen Song einschlagen, und wenn der Regen fällt wie aus Spielfilm-Giesskannen und irgendwo plätschert ein Piano, bin ich vollends hinüber.

Riders on the storm war meine erste Single, gekauft am 20. Juli 1971. Das weiß ich deshalb, weil ich diesen Tick hatte, in der unteren Ecke des Plattencovers das Kaufdatum zu notieren.

20. 7. 1971.

Ich war keine elf Jahre alt und liebte Riders on the storm, ein düsteres Machwerk und schwer wie ein Kosakenchor, aber zugleich auch federleicht. Es klang wie etwas, das man braucht, um sich im zarten Alter von zehn wie schmutzige Elf zu fühlen.

Dass Sänger Jim Morrison zu diesem Zeitpunkt bereits tot und beerdigt war, wusste ich nicht. Angeblich war er in Paris in einem Hotel ertrunken, in der Badewanne. Der herbeigerufene Arzt hatte auf dem Totenschein Herzversagen als Todesursache attestiert. Mort naturelle. Erst dreißig Jahre später brechen Zeugen der Nacht auf den 3. Juli 1971, darunter der ehemalige Nachtclubmanager Sam Bernett, ihr Schweigen und bestätigen, was unter Fans schon lange als wahre Todesursache gehandelt wird: Heroin auf zu viel Alkohol.

Demnach hält sich Morrison in den frühen Morgenstunden in der Pariser Discotheque Rock’n Roll Circus auf und kauft von zwei Kleindealern Heroin. Seine Frau Pamela ist bereits seit langem hochgradig süchtig, Morrison selbst ein Trinker, dennoch verschwindet er aufs Klo und zieht sich eine Nase. Das Zeugs ist hochgradig rein, Morrison besoffen wie immer.

Als Club-Manager Bernett, von Unbekannten gerufen, dazu kommt und ihn auf dem Klo findet, liegt Morrison bereits gekrümmt auf dem Boden, Schaum vorm Mund, Blut tritt aus der Nase, er atmet nicht mehr. Man schleppt ihn in Panik ins nahe Hotel und weckt Pamela auf, die 1974 ebenfalls an einer Überdosis Heroin sterben wird. Sie stecken Morrison in die Badewanne, lassen Wasser einlaufen und versuchen hektisch, seinen Blutkreislauf wieder auf Vordermann zu bringen.

Jeder Junkie kennt solche Situationen: Jemand droht direkt vor deinen Augen zu verrecken, und du bist breit wie tausend Russen und stehst daneben und weißt nicht, was du tun sollst. Aus Schiss vor den Bullen wird nicht mal der Krankenwagen gerufen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite schilderte mir einmal ein Junkie, der, kurz bevor er ins Leberkoma fiel, mit dem All Time-Leberwerte-Rekord von 5200 auf der Entgiftungsstation eingeliefert wurde und die dortige Scorer-Liste seither anführt. „Ich war schon nicht mehr gelb, ich war schon grün wie ein Apfel.“ Er war Ende Zwanzig und süchtig nach Nahtoderfahrungen, nach In-den-Tunnel-fahren, wie er das nannte. Wie in Indien, wo es Junkies geben soll, die sich vorsätzlich von einer Cobra beißen lassen, um stundenlang zwischen Leben und Tod zu schweben und diesen Zustand bis ins Detail auszukosten. „Wenn du das Weiße am Ende des Weges glimmen und leuchten siehst, wenn du das Ziel fast erreicht hast und erst in letzter Sekunde packt dich jemand und zieht dich zurück ins Leben, das ist der intensivste und erdigste Kick, den man als Mensch erleben kann. Das ist so grandios, das kann keine Nadel und kein Speedball, das ist mit nichts zu vergleichen.“ Tatsächlich vergrößern sich die Pupillen des Menschen im Moment des Todes in einer Weise, als würde man etwas Großartiges sehen, etwas, das einen in maximales Erstaunen versetzt.

*

Jim Morrison kehrt an diesem Sommerabend 1971 nicht zu den Lebenden zurück.
Es gibt Schwaz-Weiß-Fotos, einige Tage vor seinem Tod  aufgenommen, Ende Juni 71. Sie zeigen einen aufgedunsenen Säufer auf der Terrasse eines Pariser Cafes. Wer die Bilder sieht, ahnt: Jim Morrison hat sich totgesoffen, und ob nun an diesem letzten Abend im Rock’n Roll Circus Heroin im Spiel war oder nicht, spielt letztlich keine entscheidende Rolle. Es verkürzte lediglich sein Leiden.
*
††

 Zehn Jahre später: Der 3. Juli 1981

Zu Morrisons 10. Todestag sind Karlos, Pepe und ich auf dem Cimetière Père Lachaise im Osten von Paris verabredet. Ein Haufen Prominenz hatte sich angesagt, da durften wir nicht fehlen.
Weil Pepe arbeiten musste und nicht frei bekam vom Arbeitgeber, (seinem Vater), nahm er am Vormittag des 3. Juli den Intercity von Köln nach Paris, während Karlos und ich bereits am Tag zuvor losgetrampt waren. Zwei Jungs ohne Gepäck in anderthalb Tagen bis Paris, mon Dieu, wir hatten schon weitere Strecken in schnellerem Tempo bewältigt, und das zu dritt mit stattlichen Rucksäcken, die Totenkopf-Flagge obenauf, Pernodfahne im Hals.

Wir waren um 12 Uhr Mittags verabredet.

Pepe stand pünktlich am Grab im 6. Friedhofsbezirk des Père Lachaise und hielt Ausschau nach Karlos und mir, inmitten Tausender Fans, die zusamengekommen waren. Alle waren so verdammt pünktlich an diesem 3. Juli 1981 und stimmten a cappella My wild love an, vom Album Morrison Hotel. Selbst die drei übrig gebliebenen Doors waren aus Los Angeles angereist, mit eigenem Filmteam: Ray Manzarek, Gitarrist Robbie Krieger, Drummer John Densmore. Gerüchteweise hatte selbst Doors-Intimus Danny Sugarman pünktlich die Reise nach Europa angetreten, der alte Angeber. Jedenfalls, wer war nicht da? Wer fehlte? Wer hatte es einfach nicht geschafft? Wer war unpünktlich?

Genau.

Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns auf einer Kuhwiese in Belgien und bauten im Regen ein winziges Zwei-Mann-Zelt auf. Karlos und ich hatten versagt, wir hatten Tramper-Pech auf ganzer Linie gehabt. Kaum ein Auto hatte angehalten, und wenn sich doch mal ein Fahrer erbarmte, dann nur für ein paar Kilometer bis zur nächsten Autobahn-Abfahrt.

„Und jetzt Allez!“ (Fußtritt.)

Wir waren so down, dass wir es nicht zum Pere Lachaise geschafft hatten, wir beschimpften uns gegenseitig als Loser und Penner und miese 10-Francs-Nutte.

Die Stimmung in der belgischen Diaspora änderte sich erst, als definitiv feststand, dass wir Paris selbst dann nicht mehr pünktlich erreichen konnten, wenn uns eine Concorde aufgelesen hätte. Wir mussten es akzeptieren, wir waren Loser. Von da an ging es aufwärts mit der Stimmung, und der 3. Juli 1981 entwickelte sich noch zum schönsten 3. Juli aller Zeiten:

Karlos und ich im Matsch unweit einer vielbefahrenen belgischen Autobahn, bei Dauerregen im engen Zelt gefangen, von furchteinflössend muskulösen belgischen Fleischkühen umgeben. Diese Monster niemals aus den Augen lassend, erhitzten wir vorm Zelt auf einem kleinen Campingkocher zwei Flaschen roten Landwein, kippten ein halbes Kilo Zucker dazu und rollten einen kleinen Joint vom letzten Rest Libanesen. Wir lachten bis wir einschliefen, und als ich mitten in der Nacht mit zerfranster Kehle aufwachte, lachte ich immer noch, während Karlos draußen vorm Zelt mit den Kühen diskutierte: „Zum Mitnehmen, ja selbstverständlich, die Dame! Können Sie ruhig alles in eine Tasse packen! Ist nicht weit, nein, dankesehr, nur bis zum Zelt da vorne! Ich bedanke mich recht herzlich! Ein schönes Fest ist das hier!“

Als wir am folgenden Abend endlich Pere Lachaise erreichten, war der Friedhof bereits geschlossen und wir mussten übers Tor klettern. Weit und breit war niemand zu sehen, logisch, ich mein, welcher Penner besucht Jim Morrisons Grab am 4. Juli!

1981!

Bringt doch nichts.

Pepe war stinksauer auf uns wegen dieser Geschichte. Er rieb es uns wieder und wieder unter die Nase, seine Schilderungen von Morrisons 10. Todestag in Paris, bis es ihn selbst erwischte, Ende Juni 1987 auf dem Klo eines Cafes auf der Münchener Leopoldstrasse: eine versehentliche Überdosis Heroin.

Als er vom Wirt gefunden wurde, der sich gewundert hatte, warum die Tasse Kaffee so lange unangerührt auf dem Tresen stand, lag Pepe gekrümmt auf den Bodenkacheln und atmete schwer, Blut lief aus der Nase.

Beigesetzt wurde er am 3. Juli (!) 1987 in Hagen, neben dem Grab seiner Großeltern.

Werbeanzeigen

Bumsen in der Badewanne

 ingef

Heiligabend 1976 schenkte mir der langhaarige Freund meiner Schwester, mit dem sie heute noch zusammen ist und der für sein Leben gern Zugvogel geworden wäre, „weil die sich immer so schön im gleichen Rhythmus bewegen“, ein Best of-Doppel-Album der Doors. Von diesem Tag an war ich süchtig nach der Band aus Kalifornien, genauso wie Karlos, das alte Kripogesicht. (Irgendwer in irgendeiner Kneipe nahm mich irgendwann mal beiseite, hör mal, dein Kompagnon da, der Blondie, der hat aber ein Kripogesicht!)

Zwar war Doors-Sänger Jim Morrison bereits seit 1971 tot, doch das förderte den Kult ja nur. Unsere Ledertornister zierten mächtige I.N.R.I.-Kreuze, das Anarcho-Zeichen sowie THE DOORS in verschiedenen Schriftzügen und Edding-Stärken. Wir begannen, Textzeilen der Band in die Schulbank einzuritzen. Break on through to the other side, Let’s swim to the moon, There will never be another one like you. Selbst in der kleinen Pause blieben Karlos und ich lieber im Klassenzimmer, um die Doors zu verewigen. 

This is the end, beautiful friend.

Wenn die Beatles, die es auch längst nicht mehr gab, Petting waren und die Stones, die es noch gab, waren Gruppensex und Led Zeppelin (gab es auch noch) lecker Fellatio, dann waren die Doors Bumsen in der Badewanne, während ein Gewitter niederging bei Nacht. Wir waren keine DOORS-Fans, wir waren DOORS-Freaks. Auf diesen kleinen Unterschied legten wir Wert. Zwischen FAN und FREAK tat sich eine Kluft auf, so riesig wie zwischen Stutenmilch und Strohrum. Wir ließen uns das Haar über die Schultern wachsen, mopsten die ausgedienten Persianermäntel und blauen Hawaii-Halsketten unserer Mütter vom Speicher und begannen, Schweinereien und impulsiv-düstere Gedichte in einem Notizbuch festzuhalten.

Und weil ich selbst schon ein paar kurze Gedichte geschrieben hatte, ritzte ich sie ebenfalls in die Schulbank, gleich neben denen von Jim Morrison, den ich fortan als Kollegen betrachtete. School’s out verewigte ich im Holz bis mir aufging, Moment, das ist von Alice Cooper, das ist gar nicht von den Doors, aber wo es einmal da stand, liess ich es stehen. Ich war ja gar nicht so. Ich mein, so unter Kollegen.

Eins der eigenen kurzen Gedichte endete mit der schönen Zeile:

Gestern erlag  die Utopie

ihren inneren

Blutungen.

Bisschen steif, bisschen verschwurbelt, bisschen arg 16jährig. In Klammern ritzte ich meinen Namen dahinter. Damit auch jeder wusste, mit wem er es zu tun hatte, verdammt!

Ein weiteres Poem:

Du bist mein Schatz, du bist mein Stern,

auch wenn du stinkst &

wichst &

säufst,

ich hab dich gern.

Es war ein neu arrangiertes Traditional, aber nicht von mir selbst neu arrangiert, sondern von Lena, meiner damaligen Freundin. Mein erster geistiger Diebstahl in einer langen Reihe von geistigen Diebstählen. „Na, hast du dir wieder einen Satz von mir gestohlen und angezogen wie ein schönes neues Hemd!?“ (Die Gräfin).

Tatsächlich observierte ich die Gräfin eine Zeitlang, und sobald sie auch nur den Anschein erweckte, etwas kundtun zu wollen, war ich zur Stelle mit Stift und Notizbuch. Natürlich gab es keine Garantie, dass etwas Gescheites dabei rumkam. Eine Garantie gibt es nie. Eine Garantie auf etwas Gescheites, auf ein Juwel aus dem Mund der Gräfin?! Na, dann versuch mal ein Bonmot einzuklagen, auf das man eine Stunde lang heimlich gewartet hat, mit dem donaublauen Stift in der Hand. Da gibt dir kein Gericht der Welt auch nur ansatzweise Recht, da zeigt niemand auch nur das kleinste bisschen Verständnis. Wer wartet schon den halben Nachmittag auf ein schönes neues Wort aus seiner Frau, so schön und neu es auch sein mag. Auf einen ihrer fabelhaften Sätze.

Aber zurück ins Jahr 1976. Zum Sprücheschmieren. Prompt wurde ich mitten im Unterricht dabei erwischt, wie ich was von Utopie und Blutungen in meine Schulbank ritzte, von Rasemann, unserem Deutschlehrer, den alle nur Sausi nannten. Sausi war ein gerechter älterer Herr, der morgens im sonnengelben Mercedes vorfuhr und es nicht gerne sah, wenn Schüler Eigentum der Schule beschädigten.

„Wieso hat die Utopie Blähungen?? Was soll der Blödsinn, Glumm!?“ stauchte er mich vor versammelter Untertertia zusammen.

„Blutungen“, verbesserte ich ihn. „Da steht: Die Utopie erliegt ihren inneren Blutungen.“

„Na schön. Blutungen! Was soll der Humbug?“

Sausi gab nicht nur Deutsch, sondern auch Philosophie, und als mir auf seine Frage keine plausible Antwort einfiel, brach ihm der Schweiß aus und er schrie, was er immer schrie, wenn er nicht mehr ein, noch aus wusste: „Glumm! Du nimmst Kokain!! Nimmst du Kokain??“ Und das nur, weil ich irgendwas von Utopie und Tod geschrieben hatte, was mir selbst irgendwie ein Rätsel war.

Das andere kleine Gedicht dagegen, das ich neu eingeritzt hatte, wo es ums Stinken, Wichsen und Saufen ging, schien Sausi weniger zu beeindrucken. Er verlor kein Wort darüber. Auch mein hymnisches Feiern der Songtexte von Jim Morrison übersah er geflissentlich. Doch diese kurze und schwer pubertierende Abhandlung über das Wesen der Utopie, das war zuviel für ihn.

„Das ist Anarchie, Glumm! Du nimmst Kokain! GLUMM, NIMMST DU KOKAIN??!“

Als Strafe brummte er mir auf, das Schreibpult wieder in seinen tadellosen Ur-Zustand zu versetzen. „Wie du das hinkriegst, ist deine Sache! Aber besser, du kriegst es hin!“

Typisch war, dass Karlos heil aus der Sache herauskam, weil er nicht viel Aufhebens um seine Bankschmierereien machte, während ich alles tat, um identifiziert zu werden. Aber irgendwie war ich stolz darauf. Es waren meine Worte. Ausserdem war ich mir sicher: eines Tages würde sie ihren inneren Blutungen erliegen, die Utopie. Jede Wette.

Der Vater eines Klassenkameraden betrieb im Hinterhof eine Schreinerei, wo ich mir an zwei heißen Sommernachmittagen einen Wolf schmirgelte, bis die Holzoberfläche des Pults wieder blank war „.. wie ein Kinderpopo!“ Das waren die Worte, die mir der Vater des Klassenkameraden ins Ohr brüllte, wenn er mir in der lauten Werkstatt über die Schulter blickte,

„.. das muss blank sein wie ein Kinderpopo!“

Ich hörte den Spruch an den beiden Nachmittagen in der Schreinerei so oft, dass es mich nicht die Bohne wunderte, als mein Klassenkamerad Monate später ankam und bedrückt erzählte, man habe bei seinem Vater eine Erbse im Gehirn entdeckt, die operativ nicht zu entfernen war. Bis heute ist das Wort Kinderpopo ein rotes Tuch für mich. Begegnet es mir irgendwo, sehe ich sofort einen Packen Schmirgelpapier vor mir, eine Schulbank sowie einen alten Schreinermeister, der mir zornig über die Schultern blickt, mit einer Erbse im Kopf.

Insgesamt war die ganze Geschichte eine traumatische Erfahrung: Texte bringen Scherereien, jedenfalls wenn man sie in fremdes Eigentum ritzt und keinerlei Hehl aus seiner Urheberschaft macht. Das ist, als würde man bei einer Drogenrazzia in der Disco HIER, HERR OBERKRIMINALRAT! ICH! ICH! ICH! schreien, ICH HAB DIE UNTERHOSE VOLL ACID! und darauf hoffen, dass die Musik einen schon übertönt.

„Ja, du bist schon ein cleveres Kerlchen“, meinte Karlos.