Der Mann mit dem Pudel war hier

Als Frau Moll das sechste oder siebte Mal in Hitze war, wurde es kritisch. Jetzt wollte sie es wissen. War ihre Bereitschaft sich mit einem Kerl einzulassen bislang auf die zwei Tage alles erduldende Standhitze beschränkt, so präsentierte sie nun jedem durchgeknallten Crack-Köter ihre rotierende Himbeere. Selbst für den hinkenden Rory, einen uralten Collie-Mischling, hätte sie schnell noch den Schwanz beiseite geschoben, wäre ich nicht im letzten Moment dazwischen gegangen.

„Komm, Rory, is gut, mach die Fliege.“

Vor dem Lottoladen an der Wupperstraße lag ein Berner Sennenhund-Rüde. Neun Monate jung, bißchen tollpatschig, aber schon ein Prachtbursche von fünfundfünfzig Kilo, wie der Besitzer stolz erklärte, der später dazukam, aufgeschreckt vom Gejaule.

„Dem fehlt ein Streifen im Fell, siehst du hier, hat der Züchter moniert. Ist mir doch egal, ob dem ein Streifen fehlt, hör mal. Oder?!“

„Na klar – ist ja kein adidas-Hund“, pflichtete ich ihm bei.

Gegenseitig am Hintern schnüffelnd hatten sich Frau Moll und der Berner Sennenhund umrundet, ein sabberndes Ringelrein, bis Frau Moll plötzlich stehen blieb und den Schwanz hochnahm. Begleitet von leisem Junkern begann ihre Vulva rhythmisch zu zucken, ein rosa Fischmäulchen, in Zeitlupe und Großaufnahme. Passanten blieben stehen. Teils angewidert, teils durchaus die Erregung teilend. Ich wusste ungefähr, was das bedeutete, war aber so fasziniert von dem Anblick, dass ich nicht eingriff.

Auch der Sennenhund, kaum dem Welpenalter entwachsen, wusste nicht, wie ihm geschah. Ungelenk versuchte er aufzusteigen, rutschte ab, versuchte es erneut, doch das war nicht das, was Frau Moll sich vom Geschlechtsakt versprochen hatte. Sie schüttelte ihn ab. Der Rüde war ganz durcheinander und liess den Kopf hängen, Enttäuschung flutete das Trottoir. Er glotzte durch seine Beine hindurch auf dieses dürre lange rote Ding, das unnütz aus seinem Unterleib stand. Der arme Bursche war so außer sich, dass er sich fiepend niederlegte und an dem Ding schleckte und hmmmiamm… What a wonderful world! (Ich verbürge mich für dieses Bild vorm Lottoladen Wupperstrasse. Danach ging ich rein und spielte Rennquintett.)

„Hier, Himbeere“, zeigte Frau Moll dem Berner Sennenhund und einem zufällig des Weges kommenden Rhodesian Ridgeback den knackigen Hintern. Dann blickte sie hochmütig und gleichzeitig resigniert zu mir hoch: Alter, komm, laß uns reingehen und Lotto spielen. Das bringt nix mehr hier. Das gibt nix mehr.

*

Sonntags, nach einem Unwetter. Der Klauberger Bach, sonst ein Rinnsal, zeigt seine lange weiße schäumende Zunge und prescht durch die Wiesen. Beim Abenteuer-Spaziergang kommt uns ein Collie entgegen. Wobei – ein echter Collie ist das nicht. Ein Mischling. Bisschen träge. Bisschen Collie, bisschen Münsterländer Camping Mobil.

„Ist ein Fundhund aus Bottrop“, erklärt die Besitzerin, eine junge Frau mit hartem Party-Mund. „War ne Zeitlang bettlägerig“, fährt sie fort. „Herzklappenfehler und Probleme beim Autofahren. Aber versteht sich prima mit Schweinen.“

Hm. Die spricht von ihrem Hund? Ich dachte schon.

„Wir müssen mal weiter“, sag ich.

*

Ein Wetterchen ist das, wie auf Saltkrokan. So frisch! Nur dass einem statt dem guten alten Bootsmann ein kleiner Beagle begegnet, der wie ein krummbeiniger Innenminister durch den Coppel-Park patroulliert. Der Minister hat ein Handicap. Er ist geschwächt von Leptospirose, einer bösen Infektionskrankheit. Einmal im Monat verpasst ihm die Tierärztin eine Depotspritze.

„Spiel nicht mit den Leptospirose-Hunden“, raune ich Frau Moll noch zu, „sing nicht ihre Lieder“, doch zu spät. Schon kundschaften sich die beiden Tölen gegenseitig am After aus. Wahrscheinlich greift in diesem Moment das Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird als besonders stark wahrgenommen. Die Gräfin kriegt davon wenig mit. Sie ist woanders mit den Gedanken. Sie ist überhaupt nicht richtig da heute. Sie schätzt die Himbeeren, die wir zuvor auf dem verwilderten Gelände der Bogenschützen gepflückt haben, auf gut zwei Pfund. Himbeeren pflücken, unsere Sommermeditation.

„Hier, riech mal“ hält sie mir die Tüte hin, prall gefüllt. „Das stimuliert.“

„Mh na ja.. riecht nach.. nach Zivildienst“, sag ich. „Nach Hagebuttentee auf dem Krankenhaus-Flur.“

*

„Was? Wer musse ins Krankehaus? Du..?“

Die hakennnasige alte Jugoslawin, Frauchen des Beagle, kommt aus den Büschen getappert, einen halben Strauch hinter sich herziehend.

„Ich? Ins Krankenhaus..? Wieso?“ sag ich überrascht.

„Du gerade Krankehaus gesagt.“

„Ach so.. nee. Ich muss nicht ins Krankenhaus. Nee.“

Man begrüßt sich. Man kennt sich. Den Hund zum Kacken ausführen bedeutet immer auch andere Leute treffen, die ihren Hund zum Kacken ausführen. Man mag sich, manchmal, meistens nicht. Die alte Jugoslawin mag ich. Sie ist verschroben, sie ist in Ordnung.

„Ist Bäumchen für unsere Garten“, spricht sie mit rauchiger Stimme und blickt mich an. „Du muss ins Krankehaus?“

„Nein, nein, nee.“

„Muss aufpasse! Dahinte laufe zwei Mann Streife von Ordnungsamt, die machen Kontrolle – die Schweine! Zwanzig Euro Strafe für nix angeleint, abba ich bezahl schon scheise teure Hundesteuer in Monat für ganze Kacka hier!!“

Die Alte ist in Ordnung.

*

Da ist die arbeitslose junge Frau, die jeden Morgen um die gleiche Zeit ihren Hush-Puppy zum Kacken bringt. Ein merkwürdiger Knabe ist das. Seine Pfoten wirken so dick, als würde er einen Satz Ringelsöckchen übereinander tragen, dabei hat er nur zuviel Haut, die ihm am Bein runterrutscht. Ein cooles Vieh.

Bounce ist ein Boxermischling, aber was für einer. Boxermischlinge sind nie schön anzusehen, aber Bounce setzt der Hässlichkeit die Silberkrone auf. Ihm, einer seltenen Kreuzung zwischen Boxer und Riesenschnauzer, wachsen silberne Löckchen aus dem Kopf. EIN HUND MIT SILBERLÖCKCHEN! AUF DEM KOPF! Wobei, Bounce geht ja noch. Der hält wenigstens die Fresse. Sein sportliches Herrchen dagegen faselt wie entfesselt und knackt dabei mit den Fingern, als wären es Wasserpumpenzangen.

Herrchen, 41, betreibt gemeinsam mit seiner Dauerverlobten Katharina das Sportstudio Katharina, Schwerpunkt Karate für alle. Nein, nicht bloß Karate, Karateeeh heisst das. Als junger Bundeswehrsoldat wurde Herrchen in den westdeutschen Karateeeh-Juniorenkader berufen. Darauf ist er heute noch stolz, und darauf, 25 Jahre Leistungssort unverletzt überstanden zu haben.

„Ich bin jetzt 41 und noch nie wirklich verletzt gewesen“, wiederholt er sich innerhalb von zehn Minuten zum dritten Mal, was den Verdacht nahe legt, dass zumindest in seinem Kopp nicht alles richtig ist.“In 25 Jahren nicht, und wisst ihr auch, warum? Weil ich nie einseitig Kampfsport betrieben hab. Ich hab immer auch Ausgleichstraining gemacht. Das ist mein Geheimnis.“

Immerhin, er hat ein Geheimnis. Hat nicht jeder. Er schleppt sich in einer schiefen Körperhaltung neben mir her, dass ich schon fürchte, er kippt nach links den Abhang runter und bricht sich den Buckel, der alte Ausgleichssportler. Sein potthässlicher Hund drückt sich eng an den Bäumen entlang, damit der Nieselregen ihm nicht die Löckchen plättet und das Silber rauswäscht, womöglich.

Frau Moll ist gut drauf. Sie hüpft so froh durchs Gelände, dass das Herrchen von Bounce nachfragt, ob bei Frau Moll ein Känguru mit drin gewesen sei, in der Zuchtfolge.

„In der Zuchtfolge!“ wiederhole ich. „Ha! Genau!“

Moment. Das war ein Witz? Ich komm langsam nicht mehr mit. Ich lache über alles. Oder auch nicht.

*

Wir verlassen den Park und ziehen weiter Richtung Sommerberg. Vorbei am Schrebergarten-Verein, wo Karlos ein Häuschen gepachtet hat, damit seine Zwillinge an die frische Luft kommen.

Das Grundstück ist schon von weitem zu erkennen: überwuchert von wilder Staudensellerie, ein demoliertes Bobby Car steckt oben im Baum. Als ich das letzte Mal hier hergegangen bin, war noch Winter und ich hab Karlos eine Notiz hinterlassen:

DER MANN
MIT DEM PUDEL
WAR HIER

In den Strauch reingehängt, den Zettel. Die Zwillinge von Karlos hatten mich irgendwann gefragt, welche Rasse Frau Moll wäre, und ich hab geantwortet „ist ein Pudel“, was sie natürlich nicht geglaubt haben. „So sieht doch kein Pudel aus!“ Aber ich blieb dabei, Frau Moll sei ein reinrassiger großer alter grauer Edelpudel, auch Bergischer Klippenwolf genannt, also rufen die beiden Mädchen, wenn sie uns kommen sehen: „Da kommt der Mann mit dem Pudel!“ Als wäre Frau Moll ein Pudel!

Sind die doof.

Ist ein Wolf. Der Zettel hängt unberührt im Johannisbeer-Strauch gleich am Eingang des Schrebergartens, wo ich ihn gut sichtbar für die ganze Welt platziert hatte im Winter. Karlos und ein Schrebergarten, das war von Anfang an keine gute Idee. Nicht kompatibel.

Wir verlassen die Laubenpieperkolonie. Was soll ich sagen, wieder läuft uns die alte Jugoslawin über den Weg. Wie heisst die überhaupt. Man kennt immer nur die Namen der Hunde, nie die Namen der Menschen. Ihr übergewichtiger kleiner Beagle leidet seit Jahren unter Leptospirose, berichtet sie. Zuckungen, Krämpfe. Durchfall!

„Der scheisst mich zu Hause ganze Bude voll! Und Pipi!“

Na schön – das ist nicht neu. Das wissen wir schon. Sie hat es oft genug beschrieben.

*

Der Dauerregen der letzten Woche ist wie eine große unscheinbare Braut, die eine nasse Schleppe hinter sich herzieht und durchs Land wischt, unermüdlich, auf und ab.. wischen, wischen.

*

Auf dem aufgeweichten Sportplatz tollt Frau Moll eine Runde mit Peggy, der schlotternden Spitzdame, die aussieht wie eine debile Diana Ross, in ihrem gelben Plastikmäntelchen. Auch Attila, ein weißer kanadischer Schäferhund, stösst dazu. Ein aparter Meister. Aber wie apart er auch immer sein mag, Rüde bleibt Rüde. Wie ein Paparazzo schnofelt er jedem Weiberarsch hinterher, der für einen Schnappschuss herhalten könnte, daran findet Frau Moll kein Vergnügen mehr, sie ist mittlerweile kastriert. Sie verbellt den Meister, der sich prompt umdreht und die kleine Peggy anbaggert. Die schlottert und flüchtet im Kreis, wie irr.

Als wir gerade von einer Regenböe durchnäßt dem Park entgegenstreben, kommt Shiva angeschlichen. Shiva, eine duldsame, ja devote Hündin. Wenn sie einen mit übergroßen traurigen Teddybäraugen anschaut, kann man gar nicht anders, als sie zu streicheln und mit liebevollen Buchstaben einzudecken. Nur das Frauchen von Shiva kann das nicht. Das Frauchen von Shiva ist einsam und beseelt von einem heilig-hageren Zorn auf die ganze Welt, den sie nicht kontrollieren kann.

Man hört die beiden schon von weitem.

„Ich trete dich in den Arsch! Du Mistvieh! Du sollst stehen bleiben!!“

Es ist Frauchen auch egal, ob Leute vorübergehen und den Kopf schütteln. Im Gegenteil: je unterwürfiger der Hund sich verhält, desto zorniger wird das Frauchen.

„Wenn ich dich nur seh, wird mir kotzübel!“

Unklar bleibt, was vorgefallen ist. Was der Grund sein könnte für die heutige Missstimmung.

„Der Grund? Kann ich euch flüstern! Die Sau hat mir die Tagesdecke zerbissen, in hundert kleine Schnipsel! Nur weil sie mal eine Stunde allein zu Hause war, das Frollein! Die Fotze!“

„Schon wieder?“ frag ich, während Shiva mit eingeklemmten Schwanz daneben steht.

„Was schon wieder?!“

„Na, das mit der Tagesdecke hast du doch letzte Woche schon erzählt.“

Sie antwortet nicht. Ihre Nasenflügel pumpen. Pass auf, denk ich, gleich kommt Strom.

Shivas Frauchen ist ein Mensch, bei dem alles schief geht. Selbst die Bewerbungsfotos, die sie für teuer Geld im Fotofachgeschäft anfertigen liess, sehen nach billiger Knipsbude aus. „DIE SIND DOCH VOLL SCHEISSE!“ ist sie vom Ergebnis deprimiert. Sie findet alles Scheisse. „ICH LEB IN SCHEIDUNG, DAS IST VIELLEICHT NE SCHEISSE, SAG ICH EUCH. ABENDS ALLEIN VORM FERNSEHER SITZEN UND WHISKY SAUFEN, WAS NE SCHEISSE.“ Arbeitsamt ist scheisse.. der Hund ist so was von scheisse..“ Sie scheisst eine Viertelstunde lang um sich. Dann ist sie weg.

*

„Und wenn man stirbt, wo kriegt man gute Mensch..? Wo kriegt man noch gute Mensch heute..!!?“

Es ist der Tag nach Vaters Begräbnis, als ich im Coppel-Park auf die hakennasige alte Jugoslawin stoße. Sie hat die fatale Angewohnheit mir zu begegnen, wenn es etwas zu sagen gibt, eine Ansage, ein Statement zu meinem Leben.

Ihr kleiner Beagle ist vor zwei Jahren gestorben, sie kommt über seinen Tod nicht hinweg. Der tapfere kleine Rüde, der an Leptospirose litt, wurde fast achtzehn Jahre alt. Umgerechnet war er zum Schluss ein 125jähriger Knacker.

„Achtzehn Jahre“, staune ich, „das muss man erstmal schaffen..“

„Ja, war eine gute Hund..“

„Sagen Sie, warum holen Sie sich nicht einen neuen?“

Die wenigsten Menschen sind gern allein. Man sollte wenigstens einen Hund haben, der einen ab und zu anpinkelt, sonst hält man sich irgendwann für unanpinkelbar. Man  verlernt den Umgang mit sich selbst, man verliert das Gespür, wie Andere einen sehen. Wir sind nicht gemacht zum Alleinsein. Wir brauchen einen treuen Gefährten. Gern auch untreu.

„Sie können doch gut mit Hunden“, sag ich zur Jugoslawin, „und Sie sind noch fit.“

„Noch fit? Ich..?“

„Natürlich sind Sie noch fit. Ausserdem müssen Sie sich nicht unbedingt einen Welpen holen, es gibt ja auch ältere Hunde aus dem Tierheim.“

„Ja, fit, fit.. fit schon“, knurrt sie. „Aber wer weiss, wie lange noch. Ich bin schon 74. Und was, wenn ich tot bin? Wo kriegt man dann gute Mensch für Hund? Wo kriegt man noch gute Mensch heute!“

Na ja. Paar gute Hunde kenn ich schon.

*

500Hunde

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Live im Kaiser-Eck 88

Ein Vormittag im Kaiser-Eck. In Vohwinkel. Im Premium-Frühjahr ’88.

Insgesamt vier Mann am Tresen, mich eingerechnet. Nach Adam Tresenriese: Kommt ein Fünfter rein, kriegt gleich sein Bierchen hingestellt.

„Von Köln bewegt sich ne dunkle Wand auf Wuppertal zu, wie ne Herde Weiber. Hab ich eben im Wetterbericht gesehen. Morgen, Alfred.“

„Morgen.“

Kommt noch einer rein. Die Eingangstür knarzt wie ein alter Tresor.

„Fängt an zu hageln draussen! Morgen, Jungs..“

„Morgen, Günter.“

„Bist ja gar nicht am husten“, wundert sich die Wirtin.

„Doch doch.. ich hab schon gehustet. Alfred..! Morgen.“

„Morgen.“

„Ist Asthma?“

„Nee, ist anhänglich“, entgegnet Alfred.

Alle lachen auf.

„Anhänglich wie ein Popel.“

Ein älterer Herr spaziert durch die Kneipe wie durch die Fußgängerzone. Er bleibt vor mir stehen und schaut freundlich auf mein Notizbuch nieder, das ich aus der Jacke gefischt und auf den Tresen gelegt habe.

„Schularbeiten, ja..?“ fragt er.

Die erste Runde Feigling wird geordert. Die Wirtin greift nach hinten ins Regal, wo eine ganze Batterie kleiner Aperitifs aufgebaut ist. Fancy Flavours Bubble Gum.

„Fünf Wodka-Feige, Jungs.“

Sie stellt die Fläschchen auf dem Tresen ab.

„Musst du richtig kloppen, das Teil“, sagt Alfred.

Das lässt die Wirtin so nicht gelten.

„Die kann man auch schütteln, Alfred, das muss nicht immer Krach machen.“

„Doch, musst du kloppen! Damit das richtig durcheinander wirbelt! So.. verwirbelt, Charlottchen!“

Günter stiert auf den Tresen.

„Wieviel Volt hat Wodka-Feige überhaupt?“

„Zwanzig“, meint Alfred. „Oder fünfundzwanzig, weiß ich nicht. Musst du richtig kloppen, das Teil. Prost!“

„Prost, Alfred.“

„Prost.“

„Prost, Jungs!“

Die Tür schwingt auf.

„Der Herr Sparkassendirektor, guten Morgen“, grüsst Günter. Die fünfundzwanzig Volt bringen seine Bäckchen zum Glühen. „Ist das heute ein Betrieb hier.“

Der Neuankömmling legt Mantel und Hut ab. Er hat gestern Abend Fußball geguckt, erzählt er. „Aber nur eine Halbzeit. Dann haben wir Besuch gekriegt. Verdammte Bagage. Die kommen immer, wenn Fußball läuft. Jedes Mal. Die haben ein Näschen für wann man stört.“

Er streift mich mit einem Seitenblick: Wem gehört der denn? Der Wohlfahrt? Der Gendamerie? Ein Rocker?

„Ist ganz schön am hageln da draußen.“

„Das ist die schwarze Wand, die kommt direkt aus Köln!“ schreit Günter, als ginge es um Tschernobyl. Er hat es die ganze Zeit gewusst. Er ist der Wettermann im Kaiser-Eck. Er kennt jeden Halbschatten.

„Charlotte, zartes Wesen! Ein Helles“, ordert der Sparkassendirektor, ganz der Galan, „und einen Kurzen.“

„Ne Runde?“ fragt Alfred listig.

„Ne Runde, pft. Bin ich Rockefeller?!“

„Ja sicher! Sparkassendirektor, oder nicht?!“

„Ein Helles, ein Kurzer“, wiederholt die Wirtin. „Kommt sofort, Klausi.“

Sie zapft, sie spült, sie hat immer was zu tun, während die Männer nur dasitzen und quasseln und auf den nächsten Kurzen warten. Oder auf den nächsten Langen. Egal. So lange es nur der nächste ist.

„Sag mal, dein Mann kommt ja gar nicht mehr zurück“, meint Alfred.

„Nee, dem war nicht gut“, sagt die Wirtin.

„Müssen wir ihm ein Ölfläschchen besorgen“, schlägt Alfred vor. „Die letzte Ölung?“

„Oder ne Schere“, meint Günter.

„Wie, ne Schere?“

„Na ja, ne Schere eben.. Für hinten.“

Ratloses Schweigen. Damit kann niemand etwas anfangen.

„Blödsinn. Mein Mann ist Einkaufen“, beendet die Wirtin die Debatte.

„Ach sooo!“

„Ist klar!“

„Haben die Geschäfte denn schon auf?“

„Ja, sicher! Ist schon halb zwölf durch!“ weiss Sparkassendirektor Klausi die Uhrzeit am besten.

„Oha!! Schon halb zwölf durch! Du kriegst die Motten!“

Alle zwei Minuten durchfährt das Rumpeln der Schwebebahn die Eckkneipe. Vohwinkel ist Endstation. Oder der Anfang. Wie man’s nimmt. Die Schwebebahn vibriert von Vohwinkel bis Unterbarmen durchs Tal der Wupper. Durch den Nebelkessel. Durchs düster-bergische San Francisco. Wo die Cable Car auf Stelzen gebaut ist und Schwebebahn heisst, aber eigentlich ein Stelzbock ist, der quietscht und rattert und schreit bis tief in die Nacht. Von wegen.. schweben. Schreibahn. Ratterbahn, Quietschebahn.

Vohwinkel ist, wo Wuppertal endet und wo Solingen anfängt, die handwerklich geschicktere kleine Schwester.

Wuppertal ist, wo Heroin erfunden wurde.

Günter kommt erfrischt vom Klo.

„Hör mal, Charlotte, hast du neue Toilettensteine? Das müffelt schön nach Waldmeister da unten.“

„So, noch ein Bierchen und dann ab nach Hause, was tun“, meint Alfred.

Die Mehrheit ist sich einig: Es gibt doch überhaupt nichts, was Alfred daheim tun könnte. Er hat kein Hobby. Er redet irr.

„Was machen die Hühneraugen?“ fragt er die Wirtin.

„Die wachsen und gedeihen“, antwortet stattdessen der Sparkassendirektor.

„Das kommt vom vielen Rumstehen“, meint Charlotte.

„Ach, Pflaster drauf und fertig!“ schreit Günter.

Alfred dreht sich zu mir um.

„Ich hab noch nie Hühneraugen gehabt. Du?“

Er guckt auf mein Notizbuch, schert sich nicht weiter darum.

„Gute Schuhe sind das A und O. Am besten Lederschuhe. Ist doch egal, wie die aussehen. Was nützen mir schöne Schuhe, die billig verarbeitet und sofort voll Schlamm sind, wenn es mal nieselt. Oder, junger Mann?“

Weil ich kurz im Mittelpunkt stehe, werde ich nervös und der Kugelschreiber springt mir aus der Hand, im hohen Bogen über den Tresen. Wie beim Stabhochsprung.

„Huch!“ ruft der ältere Herr, der die ganze Zeit durch die Kneipe wandert und im Hintergrund bleibt. Er bückt sich nach dem Stift und reicht ihn mir.

„Danke.“

„Hat noch zwei Wurf, der junge Mann!“ schreit Günter.

Die Wirtin stellt mir ein Kölsch hin. Ich schätze sie auf Anfang Fünfzig. Mit kleinen blonden Zähnchen, wie Stina von Saltkrokan. Nur zehn Mal so alt.

Die nächste Schwebebahn läuft in den Bahnhof Vohwinkel ein, bremst mit einem Kreischen ab, als würde ein Arbeitselefant mit dem Bauch über heisses Metall rutschen. Das bergische Muttertier kommt schwerfällig zum Stehen.

„Mein Enkel ist zweieinhalb“, meint der Sparkassendirektor. „Dem hab ich gestern einen Osterhasen geschenkt.“

„Wieso, ist doch noch gar kein Ostern“, murmelt Alfred.

Der Direktor winkt ab. „Hm, oh.“

Am Ende des Tresens sitzt ein schweigsamer BILD-Leser. Ich sehe eine Schlagzeile und das dazugehörige Foto. Es zeigt Karel Gott. Karel Gott finde ich gut. Nicht seine Lieder, die kann er meinetwegen in seinem Hals behalten, doch da war diese Begebenheit.

1959 in Prag. Als er auf einem live im Radio übertragenen Gesangswettbewerb auftrat, es war sein Debüt als Sänger, bewertete ihn die Jury mit 0 Punkten, doch das Publikum geriet ausser Rand und Band und liess ihn erst nach der zweiten Zugabe gehen. Am nächsten Tag meldete sich Gott im Betrieb krank. Er holte den besten Anzug aus dem Schrank und flanierte durch die Altstadt von Prag, Stunde um Stunde, bis in den Abend, weil Gott der Meinung war, fortan ein gemachter Mann zu sein, ein weltberühmter Sänger. Karel Gott.

Nichts besonderes. Das wars schon.

„Unser Hund kann futtern, was er will“, wirft Alfred in die Runde. „Der kann fressen wie ein Schwein, der wird nicht dick.“

Charlotte zündet sich eine Zigarette an.

„Würde ich auch gern sagen.“

„Ja, aber wisst ihr auch warum? Weil der soviel kläfft. Der kläfft sich die Kalorien wieder raus! Ist doch so. Der ist clever. Erst fressen, dann kläffen. Den ganzen Tag, immer in der Reihenfolge. Der ist ein Genie, der Hund. Wie sein Herrchen.“

Nachdem Alfred sich verabschiedet hat, wendet sich Günter mir zu. Er wird schnell intim.

„Ich hab einen Neffen, hör mal, der ist am kiffen. Der fährt immer nach Holland. Da kauft der Hasch und verkauft das hier in Vohwinkel für fünf Mark den Joint. Ist das nicht gefährlich? Sag mal. Ist doch gefährlich, oder?!“

„Geht so“, sag ich glücklich.