Karpaten

Der ozeanblaue Datsun Cherry, den ich 1979 in einer engen (andere meinen kommod weiten) Kurve so zu Klump fuhr, dass er aus dem Schutt gezogen werden musste, gehörte dem dicken Hansen. Der dicke Hansen war nicht richtig dick, er war gemäßigt breit, wie er ständig betonte. Doch damit kam er nicht durch, nicht bei uns, bei seinen Kumpeln. Für uns blieb er der dicke Hansen, da konnte er zwischendurch so viel abspecken, wie er wollte – nichts zu machen, Fat Boy.

Aus einem Spitznamen lässt sich nicht einfach heraushungern.

Es dauerte Jahre, bis ich den Totalschaden beglichen hatte, in schmerzhaften kleinen Raten von monatlich hundert Mark, die ich an Hansens Gr0ßmutter zahlte, sie hatte den Neuwagen finanziert. Das meiste Geld floss während meiner Zivildienstzeit, wo ich besonders knapp bei Kasse war. Aber wann zum Henker war ich nicht knapp bei Kasse. Mit einer Ausnahme.

Als wir in einer Winternacht eine Angeberbrieftasche auf dem Asphalt fanden, randvoll mit Scheinen und Fünfmarkstücken. Die riesige Krösusbrieftasche lag im Lichtschein einer Straßenlaterne, ohne jeglichen Hinweis auf den Eigentümer. Ein Traum wurde wahr. Wir teilten die Beute unter vier Jungs auf, und ich kannte eine Weile keine Sorgen. Immer, wenn ich ins Regal griff, zog ich ein Dutzend klimpernder Heiermänner hervor und mindestens zwei, drei Hunderter. So hätte es weitergehen können. Stattdessen fuhr ich den Datsun vom dicken Hansen zu Schrott und machte ein paar Tausender Schulden.

Morgens gegen fünf war es, als Hansen in der Wipperaue auf dem Sofa lag und tief und fest schlummerte, während ich vorsichtig den Autoschlüssel aus seiner vorderen Hosentasche fischte.

„Scheiße, lass lieber“, versuchte noch sein jüngerer Bruder mich davon abzuhalten, den Wagenschlüssel zu klauen, bevor auch er in Pepes ansteckendes Gegacker einfiel.

„Psst..“, flüsterte ich, „haltet das Maul!“

Bis auf den dicken Hansen waren alle wach in dieser Nacht, und alle waren betrunken und bekifft. Wir waren dauernd betrunken damals, und ohne Kiffen ging gar nichts. Eine großartige Zeit. Man machte sich Freitagabends auf in die Stadt und kehrte Montags zurück, die Fresse voller Pöckchen, nur noch ein Hosenbein. Es dauerte, bis ich es geschafft hatte, die Autoschlüssel aus Hansens eng anliegender, vom Körperfett eingekeilter Hosentasche zu frickeln, ohne dass er davon aufwachte.

Wir waren zu viert: Pepe, Karlos, der Bruder vom dicken Hansen und ich. „Fahren!! Fahren!!“ rief Karlos, als wir draussen vor dem Wagen standen. Er knipste mit Daumen und Mittelfinger, ein aufgeregter Pennäler mit hektischen Bäckchen. Vermutlich meinte er „Lasst mich fahren!“, doch Karlos war zu stoned, um noch ein Satzschema auf die Reihe zu kriegen.

„Ich bin Erster! Ich hab Heimrecht!“ Das war Pepe. Pepe wusste, was er wollte. Nur Hansens Bruder hielt sich raus. Nicht ohne Grund: Sein eigener Japaner, ein fabrikneuer Nissan, ebenfalls von der Oma spendiert, stand um die Ecke, und er war heilfroh, dass es nicht ihn erwischt hatte. Dass nicht er es gewesen war, dem ich im Wohnzimmer der Wipperaue morgens um fünf den Schlüssel stiebitzte, während die Anderen um den Glasbong herumsaßen und krankes Zeugs ausbrüteten. Dann schon lieber sein Bruder.

Die Wipperaue war eine kleine Hofschaft nahe der Wupper und bestand aus Fachwerkhäuschen und einem Pferdestall. Eins der Häuschen hatten Pepe und sein Bruder angemietet, es hatte den Schwamm in den Wänden. Wenn ich in der Wipperaue übernachtete, waren meine Klamotten am nächsten Morgen klamm wie nach einer Woche im Moor. Es dauerte seine Zeit, bis man die Moorleichen aus den Kleidern hatte.

Maria war die Lebensgefährtin von Pepes Bruder, ein launisches Flittchen mit kräftigen Waden, das von Zimmer zu Zimmer wuselte und die plärrende Mutti gab. “Kifft nicht soviel! Bringt das Leergut weg! Sagt nicht immer Fotze!” etc. Das kam besonders bei Pepe schlecht an, der gerade von zu Hause ausgezogen war und keine Lust auf Vorhaltungen hatte. Doch auch wir anderen Jungs waren genervt. Wir hatten genug Mutti daheim, es brauchte keine plärrende Maria der Wipperaue.

Dann war da noch Snoop, der Hofschaftshund. Dumm wie ein Union-Brikett, aber immer wie aus dem Ei gepellt, immer wie mit edelster Schere getrimmt, auch wenn nie jemand gesehen hatte, dass irgendwer Hand an sein Fell legte. Snoop war ein feiner Hund, man konnte ihn wunderbar veräppeln. Man hielt ihm ein Stöckchen hin, Snoop sprang hoch, ganz narrisch wurde er und aufgeregt, doch kurz bevor er zuschnappte, zog man das Stöckchen fort und seine Zähne schnappten krachend ins Leere, wie eine vergebliche Kastagnette. Wir hatten viel Spaß mit Snoop. Blödmann.

„Ich fahr zuerst“, sagte ich und schloss die Fahrertüre auf. „Wir können uns ja abwechseln.“ Karlos und Pepe waren einverstanden. Nur Hansens Bruder sagte nichts. Aber er sagte im Allgemeinen nicht viel. Auch jetzt nicht, kurz nach fünf, Sonntagfrüh, Sommer 79.

„Scheiße, wie geht die Mistkarre an?“ brüllte ich gegen die Gitarrenriffs an, die aus den HiFi-Lautsprechern schallten. Die Reihenfolge der Songs hab ich heute noch im Ohr. MC 5: KICK OUT THE JAMS/Bowie: YOUNG AMERICANS/T. Rex: DANDY IN THE UNDERWORLD/T. Rex: WE LOVE TO BOOGIE.

„Ich dachte, du hättest schon Fahrstunden gehabt“, brüllte Pepe. „Du musst doch wissen, wie ein Auto anspringt!“

„Hat der Glumm schon alles vergessen“, antwortete Karlos, worauf es etwas ruhiger wurde in dem Viertürer. Dass ich nicht mal wusste, wie man ein  Fahrzeug ans Laufen kriegte, streute erste Bedenken, ob das auch alles in Ordnung ging, was wir da abzogen, ob das mit dem Gewissen vereinbar war. Pepe beugte sich über mich und drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. „Jetzt Kupplung treten, Gang einlegen, langsam Gas geben..!“ Ich gehorchte, und der Datsun vollführte Bocksprünge.

„LANG-SAMER!“ riefen alle, und die Karre soff fast ab unter dem Gejohle. Ich probierte es weiter, langsam, bis es endlich klappte. Ich blieb drei Kilometer im ersten Gang.

„WIILLST DU NICHT LANGSAM MAL IN DEN ZWEITEN GANG SCHALTEN, GLUMM!?“ Pepe war genervt, und auch der kleine Bruder vom dicken Hanse verdehte nur noch die Augen. Er fühlte sich in Teilen verantwortlich für die Situation. Schliesslich gehörte der Wagen seinem älteren schlafenden Bruder, und er, der jüngere, hatte den Diebstahl nicht verhindert.

Zur Hofschaft Wipperaue gab es ein Pendant, den berüchtigten Dorperhof nahe der Bienenhalle, wo in einer aufgegebenen Fabrikantenvilla wechselnde Freaks mit langen Zähnen und schlechten Haaren zur Miete wohnten, tausend Mark kalt.

Wenn am Dorperhof die Rauschgiftbullen zur Hausdurchsuchung anrückten, im Schnitt alle vier Monate, wurde sofort die Telefonkette aktiviert. Es war Usus, dass sich das örtliche Rauschgiftdezernat im Anschluss an die Hausdurchsuchung am Dorperhof direkt zur Wipperaue begab, um weiterzufilzen – darauf konnten sich alle Beteiligten verlassen.

Und so klingelte in der Wipperaue mal wieder das Telefon, als die Schmiere am Dorperhof in Mannschaftsstärke auflief.

„Vorsicht.. RD rückt gleich an..“

„Wie so gleich..? Die sind schon da!“

Das Dezernat hatte die kurze, aber hoch effektive Telefonkette durchschaut und war zeitgleich mit zwei Teams an zwei Tatorten aufgekreuzt. Die waren so was von pfiffig, die Jungs.

Die Sonne ging auf. Wir bretterten Richtung Leichlingen. Weil auf dem Beifahrersitz niemand Platz nehmen wollte, nicht mal Karlos, mein bester Kumpel, war vorn viel Platz und hinten war es intim eng. Ich schaukelte die Bande immer der Wupper entlang, bis es rauf nach Wermelskirchen ging und ich schneller wurde, riskanter fuhr. Wenn ich aus dem Seitenfenster blickte, taten sich Abgründe auf von motorhistorischer Dimension. Allerdings sah ich schlecht.

Im Wageninneren ging es hoch her. Aus den Speakern wummerte WHATEVER HAPPENED TO THE TEENAGE DREAM von T. Rex, ein opernhafter Song, den Karlos und ich mitjohlten, als ich vor einer Kurve das Pedal verwechselte. Statt der Bremse drückte ich mit meinem starken rechten Schussbein das Gas durch. Der Motor heulte irritiert auf und wir flogen von der Fahrbahn, rein in die

„.. KARPATEN!“

brüllte Karlos, und Pepe, ganz durcheinander, fauchte „FALUTSCHAA VOHSICHTIG ..!“, doch zu spät. Der Wagen krachte am Waldrand in einen Haufen schwarzen Schotter, rrummmzss!, und blieb jäh stecken.

Wäre in dieser Kurve nicht zufällig Streusplit aufgeschüttet gewesen, das Tempo hätte uns geradewegs vor den nächstbesten Baum getragen. Die Schnauze des Datsun Cherry verschwand komplett in der anthrazitgrauen Masse. Es war, als steckten wir in einer Höhle: vorne der finstere Tod, hinten Tageslicht. Die Karosserie war so verzogen, wir bekamen die Türen nicht auf und mussten über die Sitze klettern und durch den Kofferraum aussteigen. Überall Schotter und Granulat, Steinchen schoben sich durch jede Ritze. Die Kassette drehte sich die ganze Zeit weiter, ohne Erbarmen:

T. Rex, Jitterburg Boogie.

„Totalschaden!“ Karlos glühte wie eine Festpackung Mon Cheri. „Garantiert!“

„Du Idiot!“ fluchte Hansens Bruder, die bitteren Vorhaltungen seines großen Bruders schon im Ohr – zu Recht, wie ich fand: „Wie in aller Welt konntest du den besoffenen Glumm ans Steuer lassen?!“

„Aber echt!“

Ich bin danach nie wieder Auto gefahren. Ich hängte das Autofahren an den Nagel. Nur ab und an, wenn sich im Urlaub eine schnurgerade südfranzösische Landstraße vor uns auftat, übergab die Gräfin mir mit großzügiger Geste das Lenkrad, das ich kurz vom Beifahrersitz aus halten durfte, doch ans Gaspedal liess sie mich nicht ran.

Nicht mal einen Monat später waren wir spätabends im Oberbergischen unterwegs, alle Mann sturzbesoffen, im Nissan von Hansens Bruder. Am Steuer: Karlos, der genauso wenig wie ich einen Lappen hatte. An der Abbiegung von Wermelskirchen runter nach Glüder verlor Karlos die Kontrolle über den Wagen und setzte ihn, ohne groß zu bremsen, „FALUTSCHA VOHSICHTIG..!“, (zu spät), frontal vor eine Hauswand und drückte dabei noch einen Kaugummiapparat in den dahinterliegenden Ziergarten.

Advertisements

Das Ohrfeigengesicht

Als ich fünfzig wurde, war Volkstrauertag und es gab eine Riesenparty. Also irgendwo auf der Welt, bei mir nicht. Es war Mittwoch, ich fuhr mit der 83 Richtung Wuppertal, als der lange Jack zustieg. Jack, Hände wie ein Werkzeugmacher, die Stimme rau wie Jägermeister on the Rocks. Sein Körpergewicht pendelte neuerdings massiv hin und her, er hatte Magenkrebs oder irgendeine andere schwere Krankheit. Oder wie sonst konnte es passieren, dass er innerhalb zwei Wochen locker fünfzehn Kilo zulegte. Und wiederum 14 Tage später waren die 15 Kilo wieder weg, oder sogar 20, und er sah aus wie ein halbierter Holzfäller. Jack, der Jo-Jo, hieß es in der Szene. Jack war in Ordnung. Er hatte stets ein offenes Wort für einen.

Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso. Na, der wäre jetzt auch tot. Erst wusste ich nicht genau, wer mit Ohrfeigengesicht gemeint war, dann störte mich die Formulierung auch tot – wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch was mit? Lebte ich noch in dieser Stadt? Auf diesem Planeten? Wo die Leute anscheinend andauernd umfielen und tot waren, ohne dass ich davon etwas erfuhr? Oder doch erst sehr viel später, so spät, dass sie schon mumifiziert waren, wenn die Kunde von ihrem Ableben zu mir durchdrang.

Der Name Ohrfeigengesicht war mir bekannt, war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, doch welches Gesicht zu dem Namen gehörte, das wusste ich nicht. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer riesigen Grube, in der im Laufe der Zeit ganze Kasernen an Namen verschüttgegangen waren, hohe Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleiste. Zurückgeblieben waren bloße Namensschildchen, lose im Gedächtnis-Schutt, ohne jegliche Verbindungen zueinander, Silben, nur Silben.

Und außerdem:

Waren die Straßen nicht voller Ohrfeigengesichtern und anderen abgewatschten Visagen? JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN!? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders Leuten auffiel, die von außerhalb in die Stadt kamen und erschraken, was sich hier alles auf die Straße traute, ohne weggesperrt zu werden.

Ich grübelte.

“.. Ohrfeigengesicht. War das nicht der mit dem Zopf, der mal Spüli verkauft hat als Codein?”

“Quatsch, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte jeder. Der saß immer so steif auf seinem Mofa, wenn er zum Hilten fuhr. Wie ne Statue.”

“Hm. Der immer so kerzengerade saß auf dem Mofa, der?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam jeden Morgen auf seiner alten Zündapp zur Praxis von Doc Hilten geknattert, um seine Dosis Methadon abzuschlucken. Dann setzte er sich wieder aufs Mofa und fuhr nach Hause. Was Anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei anderen Tätigkeiten gesichtet, außer beim Methadon abschlucken und mit dem Mofa fahren, nach Hause. Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und so steif ging, als hätte er jahrelang nicht geschissen.

Ich fragte mich, wie das Ohrfeigengesicht sich wohl gefühlt haben muss, als es zum ersten Mal mitbekam, dass man es Ohrfeigengesicht nannte. Ich meine, diesen Moment muss es gegeben haben. Der Typ war ja nicht als Ohrfeigengesicht auf die Welt gekommen, mit dem Vornamen. Vielleicht stand er gerade in der Schlange bei Doc Hilten und wartete auf seine Methadonspeisung („Dem Methadon-Ritual ist unbedingt Folge zu leisten!“), als ihn jemand mit Ohrfeigengesicht ansprach.

„Ohrfeigengesicht? Wen meinst du?“

„Na, wen wohl, du Arsch.“

Im Obus der Linie 83, in Höhe Wasserturm. Jack erzählte, dass dem Ohrfeigengesicht vor Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat weggebrochen war. Seitdem hatte er ein medizinisches Korsett getragen, das zu dieser ungemütlich steifen Körperhaltung führte.

“Eigentlich hätte der gar nicht mehr Mofa fahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen und Titanbolzen im Kreuz. Der war eine Ruine, eine wandelnde Werkstatt..”

Ich versuchte mir das Gesicht des Ohrfeigengesichts vorzustellen, was nicht so einfach war, da der Bursche so gut wie nie den Helm abgenommen hatte. Wenn er mit einem sprach, klappte er einfach das Visier hoch und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den kack Helm ab”, hörte ich einmal, wie ihn jemand anpflaumte, “man versteht keinen Ton!”, doch das berührte das Ohrfeigengesicht nicht. Und wer den Kerl doch mal ohne Helm erblickte, verstand auch, warum. Er sah aus, als habe ein Kampfhund versucht, ihm den Schlaf aus dem Auge zu reiben und dabei gewaltig daneben gelangt. Die Stirn war von Narben und Katschen so übersät, dass die Bezeichnung Ohrfeigengesicht schon eine Untertreibung darstellte, ja, einen Kosenamen.

Das Ohrfeigengesicht starb im Spätsommer 2010, als innerhalb weniger Tage drei Junkies ihr Leben ließen, alles geschwächte langjährige Dauerkonsumenten. Erst hieß es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf gewesen, dann stellte sich heraus, dass jeder der Abhängigen seinen eigenen Tod gestorben war, nur zufällig zur gleichen Zeit. Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, oder dass ihre Organe den Dienst einstellen, oder sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden morgens nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht.

Der etwa 40jährige Mann, den alle bloß als Ohrfeigengesicht kannten, erwischte den klassischen Junkietod. Er hatte sich einen letzten Schuss zur Nacht gesetzt, ein Betthupferl, und war daran krepiert – das war‘s. Mehr war nicht zu erfahren, es interessierte auch keinen. Bis auf Fahnder des Rauschgiftdezernats vielleicht, aus statistischen Gründen. Konnten sie wieder einen in ihre Jahres-Statistik einbauen, die im Januar in der örtlichen Presse verbreitet wurde, und die Leute lasen den Schmu und sagten, oho, na, wie gut, dass es die Polizei gibt, bei all den kriminellen Schmeißfliegen in unserer schönen Stadt.

Mit der 83 angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge lag.

“Sag mal, seit wann hieß der Kerl Ohrfeigengesicht? Seit dem Unfall?”

Ben Jakubeck, genannt Jack, neuerdings Jo-Jo Jack, gegerbte Haut, Werkzeugmacherhände und ein Zinken im Gesicht wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Keine Ahnung. Kann sein. Vielleicht sah der Arsch auch schon vorher scheiße aus. Woher soll ich das wissen. Ich hab mit dem nie ein Wort gewechselt. War eben ein Junkie, mehr weiß ich nicht. Und das mit dem Unfall.”

Na schön, nun war der Mann ja tot und auch ich konnte mich nicht daran erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, doch als ich mir nun sein Gesicht vorstellte, dieses stets übelgelaunte, vernarbte Gelände, das sich hinter seinem ewigen Mofahelm verbarg, da musste ich Jack Recht geben. Verdammt, ja. Wir alle hatten unser kleines Leben gegen die Wand gefahren, Heroin war unser Supervater gewesen, (und war es immer noch, auch wenn wir uns brav wie die Chorknaben zur Substitution aufmachten, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.) Wir schenkten dem Supervater all unser Vertrauen, und wir wurden nicht enttäuscht. Jeden Tag packte er uns aufs Neue in Watte, damit nichts an uns drankam, damit wir nicht behelligt wurden vom Unbill des Alltags mit all seinen gefährlichen Aspekten wie Sexualität, Humor, Hygiene.

Der Supervater war allgegenwärtig, und musste doch stets neu gesucht werden. Oftmals war er nur schwer zu orten, es gingen Gerüchte um in der Szene, man habe ihn mal hier, mal dort gesehen, doch wenn man am beschriebenen Ort ankam, war er schon wieder fort. Sein leicht medizinischer Geruch stand noch in der Luft, es war zum Verzweifeln.

Jack hatte Recht.

Das Leben und seine Motive waren ebenso kompliziert wie unkompliziert und undurchschaubar wie durchschaubar, es war alles wie immer, und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht – fertig, aus.