Karpaten

Der ozeanblaue Datsun Cherry, den ich 1979 in einer engen (andere meinen kommod weiten) Kurve so zu Klump fuhr, dass er aus dem Schutt gezogen werden musste, gehörte dem dicken Hansen. Der dicke Hansen war nicht richtig dick, er war gemäßigt breit, wie er ständig betonte. Doch damit kam er nicht durch, nicht bei uns, bei seinen Kumpeln. Für uns blieb er der dicke Hansen, da konnte er zwischendurch so viel abspecken, wie er wollte – nichts zu machen, Fat Boy.

Aus einem Spitznamen lässt sich nicht einfach heraushungern.

Es dauerte Jahre, bis ich den Totalschaden beglichen hatte, in schmerzhaften kleinen Raten von monatlich hundert Mark, die ich an Hansens Gr0ßmutter zahlte, sie hatte den Neuwagen finanziert. Das meiste Geld floss während meiner Zivildienstzeit, wo ich besonders knapp bei Kasse war. Aber wann zum Henker war ich nicht knapp bei Kasse. Mit einer Ausnahme.

Als wir in einer Winternacht eine Angeberbrieftasche auf dem Asphalt fanden, randvoll mit Scheinen und Fünfmarkstücken. Die riesige Krösusbrieftasche lag im Lichtschein einer Straßenlaterne, ohne jeglichen Hinweis auf den Eigentümer. Ein Traum wurde wahr. Wir teilten die Beute unter vier Jungs auf, und ich kannte eine Weile keine Sorgen. Immer, wenn ich ins Regal griff, zog ich ein Dutzend klimpernder Heiermänner hervor und mindestens zwei, drei Hunderter. So hätte es weitergehen können. Stattdessen fuhr ich den Datsun vom dicken Hansen zu Schrott und machte ein paar Tausender Schulden.

Morgens gegen fünf war es, als Hansen in der Wipperaue auf dem Sofa lag und tief und fest schlummerte, während ich vorsichtig den Autoschlüssel aus seiner vorderen Hosentasche fischte.

„Scheiße, lass lieber“, versuchte noch sein jüngerer Bruder mich davon abzuhalten, den Wagenschlüssel zu klauen, bevor auch er in Pepes ansteckendes Gegacker einfiel.

„Psst..“, flüsterte ich, „haltet das Maul!“

Bis auf den dicken Hansen waren alle wach in dieser Nacht, und alle waren betrunken und bekifft. Wir waren dauernd betrunken damals, und ohne Kiffen ging gar nichts. Eine großartige Zeit. Man machte sich Freitagabends auf in die Stadt und kehrte Montags zurück, die Fresse voller Pöckchen, nur noch ein Hosenbein. Es dauerte, bis ich es geschafft hatte, die Autoschlüssel aus Hansens eng anliegender, vom Körperfett eingekeilter Hosentasche zu frickeln, ohne dass er davon aufwachte.

Wir waren zu viert: Pepe, Karlos, der Bruder vom dicken Hansen und ich. „Fahren!! Fahren!!“ rief Karlos, als wir draussen vor dem Wagen standen. Er knipste mit Daumen und Mittelfinger, ein aufgeregter Pennäler mit hektischen Bäckchen. Vermutlich meinte er „Lasst mich fahren!“, doch Karlos war zu stoned, um noch ein Satzschema auf die Reihe zu kriegen.

„Ich bin Erster! Ich hab Heimrecht!“ Das war Pepe. Pepe wusste, was er wollte. Nur Hansens Bruder hielt sich raus. Nicht ohne Grund: Sein eigener Japaner, ein fabrikneuer Nissan, ebenfalls von der Oma spendiert, stand um die Ecke, und er war heilfroh, dass es nicht ihn erwischt hatte. Dass nicht er es gewesen war, dem ich im Wohnzimmer der Wipperaue morgens um fünf den Schlüssel stiebitzte, während die Anderen um den Glasbong herumsaßen und krankes Zeugs ausbrüteten. Dann schon lieber sein Bruder.

Die Wipperaue war eine kleine Hofschaft nahe der Wupper und bestand aus Fachwerkhäuschen und einem Pferdestall. Eins der Häuschen hatten Pepe und sein Bruder angemietet, es hatte den Schwamm in den Wänden. Wenn ich in der Wipperaue übernachtete, waren meine Klamotten am nächsten Morgen klamm wie nach einer Woche im Moor. Es dauerte seine Zeit, bis man die Moorleichen aus den Kleidern hatte.

Maria war die Lebensgefährtin von Pepes Bruder, ein launisches Flittchen mit kräftigen Waden, das von Zimmer zu Zimmer wuselte und die plärrende Mutti gab. “Kifft nicht soviel! Bringt das Leergut weg! Sagt nicht immer Fotze!” etc. Das kam besonders bei Pepe schlecht an, der gerade von zu Hause ausgezogen war und keine Lust auf Vorhaltungen hatte. Doch auch wir anderen Jungs waren genervt. Wir hatten genug Mutti daheim, es brauchte keine plärrende Maria der Wipperaue.

Dann war da noch Snoop, der Hofschaftshund. Dumm wie ein Union-Brikett, aber immer wie aus dem Ei gepellt, immer wie mit edelster Schere getrimmt, auch wenn nie jemand gesehen hatte, dass irgendwer Hand an sein Fell legte. Snoop war ein feiner Hund, man konnte ihn wunderbar veräppeln. Man hielt ihm ein Stöckchen hin, Snoop sprang hoch, ganz narrisch wurde er und aufgeregt, doch kurz bevor er zuschnappte, zog man das Stöckchen fort und seine Zähne schnappten krachend ins Leere, wie eine vergebliche Kastagnette. Wir hatten viel Spaß mit Snoop. Blödmann.

„Ich fahr zuerst“, sagte ich und schloss die Fahrertüre auf. „Wir können uns ja abwechseln.“ Karlos und Pepe waren einverstanden. Nur Hansens Bruder sagte nichts. Aber er sagte im Allgemeinen nicht viel. Auch jetzt nicht, kurz nach fünf, Sonntagfrüh, Sommer 79.

„Scheiße, wie geht die Mistkarre an?“ brüllte ich gegen die Gitarrenriffs an, die aus den HiFi-Lautsprechern schallten. Die Reihenfolge der Songs hab ich heute noch im Ohr. MC 5: KICK OUT THE JAMS/Bowie: YOUNG AMERICANS/T. Rex: DANDY IN THE UNDERWORLD/T. Rex: WE LOVE TO BOOGIE.

„Ich dachte, du hättest schon Fahrstunden gehabt“, brüllte Pepe. „Du musst doch wissen, wie ein Auto anspringt!“

„Hat der Glumm schon alles vergessen“, antwortete Karlos, worauf es etwas ruhiger wurde in dem Viertürer. Dass ich nicht mal wusste, wie man ein  Fahrzeug ans Laufen kriegte, streute erste Bedenken, ob das auch alles in Ordnung ging, was wir da abzogen, ob das mit dem Gewissen vereinbar war. Pepe beugte sich über mich und drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. „Jetzt Kupplung treten, Gang einlegen, langsam Gas geben..!“ Ich gehorchte, und der Datsun vollführte Bocksprünge.

„LANG-SAMER!“ riefen alle, und die Karre soff fast ab unter dem Gejohle. Ich probierte es weiter, langsam, bis es endlich klappte. Ich blieb drei Kilometer im ersten Gang.

„WIILLST DU NICHT LANGSAM MAL IN DEN ZWEITEN GANG SCHALTEN, GLUMM!?“ Pepe war genervt, und auch der kleine Bruder vom dicken Hanse verdehte nur noch die Augen. Er fühlte sich in Teilen verantwortlich für die Situation. Schliesslich gehörte der Wagen seinem älteren schlafenden Bruder, und er, der jüngere, hatte den Diebstahl nicht verhindert.

Zur Hofschaft Wipperaue gab es ein Pendant, den berüchtigten Dorperhof nahe der Bienenhalle, wo in einer aufgegebenen Fabrikantenvilla wechselnde Freaks mit langen Zähnen und schlechten Haaren zur Miete wohnten, tausend Mark kalt.

Wenn am Dorperhof die Rauschgiftbullen zur Hausdurchsuchung anrückten, im Schnitt alle vier Monate, wurde sofort die Telefonkette aktiviert. Es war Usus, dass sich das örtliche Rauschgiftdezernat im Anschluss an die Hausdurchsuchung am Dorperhof direkt zur Wipperaue begab, um weiterzufilzen – darauf konnten sich alle Beteiligten verlassen.

Und so klingelte in der Wipperaue mal wieder das Telefon, als die Schmiere am Dorperhof in Mannschaftsstärke auflief.

„Vorsicht.. RD rückt gleich an..“

„Wie so gleich..? Die sind schon da!“

Das Dezernat hatte die kurze, aber hoch effektive Telefonkette durchschaut und war zeitgleich mit zwei Teams an zwei Tatorten aufgekreuzt. Die waren so was von pfiffig, die Jungs.

Die Sonne ging auf. Wir bretterten Richtung Leichlingen. Weil auf dem Beifahrersitz niemand Platz nehmen wollte, nicht mal Karlos, mein bester Kumpel, war vorn viel Platz und hinten war es intim eng. Ich schaukelte die Bande immer der Wupper entlang, bis es rauf nach Wermelskirchen ging und ich schneller wurde, riskanter fuhr. Wenn ich aus dem Seitenfenster blickte, taten sich Abgründe auf von motorhistorischer Dimension. Allerdings sah ich schlecht.

Im Wageninneren ging es hoch her. Aus den Speakern wummerte WHATEVER HAPPENED TO THE TEENAGE DREAM von T. Rex, ein opernhafter Song, den Karlos und ich mitjohlten, als ich vor einer Kurve das Pedal verwechselte. Statt der Bremse drückte ich mit meinem starken rechten Schussbein das Gas durch. Der Motor heulte irritiert auf und wir flogen von der Fahrbahn, rein in die

„.. KARPATEN!“

brüllte Karlos, und Pepe, ganz durcheinander, fauchte „FALUTSCHAA VOHSICHTIG ..!“, doch zu spät. Der Wagen krachte am Waldrand in einen Haufen schwarzen Schotter, rrummmzss!, und blieb jäh stecken.

Wäre in dieser Kurve nicht zufällig Streusplit aufgeschüttet gewesen, das Tempo hätte uns geradewegs vor den nächstbesten Baum getragen. Die Schnauze des Datsun Cherry verschwand komplett in der anthrazitgrauen Masse. Es war, als steckten wir in einer Höhle: vorne der finstere Tod, hinten Tageslicht. Die Karosserie war so verzogen, wir bekamen die Türen nicht auf und mussten über die Sitze klettern und durch den Kofferraum aussteigen. Überall Schotter und Granulat, Steinchen schoben sich durch jede Ritze. Die Kassette drehte sich die ganze Zeit weiter, ohne Erbarmen:

T. Rex, Jitterburg Boogie.

„Totalschaden!“ Karlos glühte wie eine Festpackung Mon Cheri. „Garantiert!“

„Du Idiot!“ fluchte Hansens Bruder, die bitteren Vorhaltungen seines großen Bruders schon im Ohr – zu Recht, wie ich fand: „Wie in aller Welt konntest du den besoffenen Glumm ans Steuer lassen?!“

„Aber echt!“

Ich bin danach nie wieder Auto gefahren. Ich hängte das Autofahren an den Nagel. Nur ab und an, wenn sich im Urlaub eine schnurgerade südfranzösische Landstraße vor uns auftat, übergab die Gräfin mir mit großzügiger Geste das Lenkrad, das ich kurz vom Beifahrersitz aus halten durfte, doch ans Gaspedal liess sie mich nicht ran.

Nicht mal einen Monat später waren wir spätabends im Oberbergischen unterwegs, alle Mann sturzbesoffen, im Nissan von Hansens Bruder. Am Steuer: Karlos, der genauso wenig wie ich einen Lappen hatte. An der Abbiegung von Wermelskirchen runter nach Glüder verlor Karlos die Kontrolle über den Wagen und setzte ihn, ohne groß zu bremsen, „FALUTSCHA VOHSICHTIG..!“, (zu spät), frontal vor eine Hauswand und drückte dabei noch einen Kaugummiapparat in den dahinterliegenden Ziergarten.

Das Ohrfeigengesicht

Ich fuhr mit der Linie 3, als Jack zustieg. Jack, der Junkie. Hände wie ein Werkzeugmacher, eine Stimme wie Jägermeister on the rocks im Hals. Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso. Na, der wäre ja jetzt auch tot.

Erst wusste ich nicht genau, wer genau mit Ohrfeigengesicht gemeint war, dann störte ich mich an der Formulierung auch tot – wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch etwas mit? Lebte ich noch in dieser Stadt?

Immerhin, den Namen Ohrfeigengesicht hatte ich schon gehört, war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, doch welches Gesicht zu dem Namen gehörte, wusste ich nicht. Ich grübelte. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer Grube, in der im Laufe der Zeit ganze Kasernen an Namen verschütt gegangen waren, hohe Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleisten. Zurückgeblieben waren bloß Namensschildchen, lose im Gedächtnis-Schutt, ohne Verbindung, ohne Geschichte. Buchstaben, bloße Buchstaben.

Und außerdem:

Waren die Straßen der Stadt nicht voller Ohrfeigengesichtern und anderen abgewatschten Visagen? JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN!? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders Leuten auffiel, die von außerhalb kamen und erschreckten, was sich hier alles tummelte im Stadtbild, ohne weggesperrt zu werden?

“Moment mal.. Ohrfeigengesicht. War das nicht der Typ mit Zopf, der Spüli verkauft hat als Codein..?”

“Nee, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte doch jeder. Der saß immer steif auf dem Mofa, wenn er zum Hilten kam.”

“Hm. So kerzengerade, der?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam jeden Morgen auf seiner alten Zündapp zur Praxis von Doc Hilten geknattert, um seine Dosis Methadon abzuschlucken. Dann setzte er sich wieder aufs Mofa und fuhr nach Hause. Was anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei etwas anderem beobachtet, außer Methadon schlucken und Mofa fahren. Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und so steif ging, als wäre er jahrelang bei der Fremdenlegion gewesen, ohne je geschissen zu haben.

Den wahren Grund seiner Steifheit erfuhr ich erst jetzt, im Bus der Linie 3, in Höhe Wasserturm. Jack erzählte, dass dem Ohrfeigengesicht bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat weggebrochen war. Seitdem trug er dieses medizinische Korsett, das zu dieser ungemütlichen Körperhaltung führte.

“Eigentlich hätte der nicht mehr Mofa fahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen im Kreuz. Der war eine wandelnde Ruine.”

Ich versuchte mir das Gesicht des Ohrfeigengesichts vorzustellen, was nicht so einfach war, da der Bursche den Helm fast nie abgenommen hatte. Wenn er mit einem sprach, klappte er einfach das Visier hoch und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den fucking Helm ab!” hörte ich einmal, wie ihn jemand anpflaumte, “man versteht dich nicht!”, doch das berührte das Ohrfeigengesicht nicht. Und wer ihn doch mal ohne Helm erblickte, verstand auch, warum. Er sah aus, als habe ein Kampfhund versucht, ihm den Schlaf aus dem Auge zu reiben, und dabei gewaltig daneben gelangt. Die Stirn war so voller Narben und Katschen, dass Ohrfeigengesicht eine Untertreibung war, ein Kosename fast.

Das Ohrfeigengesicht starb im Sommer 2009, als außer ihm drei weitere langjährige Junkies ihr Leben ließen, alles geschwächte Dauerkonsumenten. Erst hieß es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf gewesen, dann stellte sich heraus, dass es damit nichts zu tun hatte, jeder der Drei war seinen eigenen Tod gestorben, nur eben zufällig zur gleichen Zeit.

Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, ihre Organe versagen, sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden morgens nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht.

Oder sie ersticken, wie es Jack beinahe mal passiert war, der neben mir im Bus saß.

1999, nach der nächsten Strafanzeige wegen Ladendiebstahl, kleineren BTM-Vergehen und Urkundenfälschung brummte ihm ein Richter dreißig Monate ohne Bewährung auf.

“Die Milleniums-Party fand für Jack in der JVA Bochum statt”, erzählte Jack.

Zur Feier wehten weiße Bettlaken aus den Zellenfenstern und wurden abgefackelt. Da dachte Jack, gerade im Knast angekommen, ich zeig den Knackis mal, was eine Harke ist, und bereitete ein dickes Ding vor. Er nahm die Matratze, quetschte sie mühselig zwischen den Gitterstäben hindurch und zündete sie an. Nicht gerechnet hatte er mit der immensen Brennbarkeit von Matratzen und der Rauchentwicklung. Während die Matratze vorm Fenster lichterloh brannte und von den Gefangenen gefeiert wurde, zog der Rauch ungehindert nach hinten in die Zelle ein. Und wäre der Nachtschließer nicht gewesen, der Jacks Hilferufe ernst nahm, Jack wäre in der Silvesternacht jämmerlich erstickt, wie er mir zwischen zwei Haltestellen beteuerte.

Wahrscheinlich erzählte er Scheiße, irgendeine Legende, die unter Knackis die Runde machte.

Das Ohrfeigengesicht erwischte den klassischen Junkietod. Er hatte sich einen Schuss zur Nacht gesetzt und war daran krepiert, das wars. Mehr war nicht zu erfahren, es interessierte auch keinen. Bis auf Fahnder des Rauschgiftdezernats, aus statistischen Gründen.

Mit der Linie 3 angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge brannte.

“Sag mal, hieß der Kerl nicht schon Ohrfeigengesicht vor seinem Unfall?”

Ben Jakubeck, genannt Jack, gegerbte Haut, Werkzeugmacherhände und ein Zinken im Gesicht wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Keine Ahnung. Kann sein. Vielleicht sah der Arsch schon vorher scheiße aus.”

Na schön, nun war der Mann ja tot und ich konnte eh mich nicht daran erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, doch als ich mir sein Gesicht vorstellte, dieses übelgelaunte vernarbte Gelände, das sich hinter einem ewigen Mofahelm verborgen hatte, da musste ich Jack Recht geben.

Verdammt, ja.

Das Leben und seine Motive waren kompliziert und undurchschaubar wie immer, und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht, fertig, aus.

Zeit zum Schreiben (2)

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass Vermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen, das Baby wog nämlich hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

„Das wird immer schlimmer“, krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie überhaupt redete, doch da ausser mir niemand anwesend war, ging ich davon aus, dass sie mich meinte. „Früher durfte man so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein und der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?“ Sie stampfte mit dem Bein auf, und der Ständer mit den vielen ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt vollführte einen kleinen Rittberger. „Heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nehee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?“

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde so laut, beinah schrie sie mich jetzt an.

„Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?“ Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. „WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!“

Ich war heilfroh, als mein Sachbearbeiter endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine „32“ eingetragen hatte.

„Wieso nur zweiunddreißig Stunden?“

„Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können“, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik. Volle sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Riesig. Dafür war Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

„So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen“, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

„Sagen Sie.., die verrückte Dicke, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?“

„Nee. Die steht jetzt.“

*

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen unter Kollegen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Kippe an und rauchte sie so gierig runter, dass es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte am Tisch und blickte mich an.

„Na halloo..“, flötete sie erstaunt.

„Morgen“, sagte ich.

„.. hat er sich Brötchen mitgebracht!“

Wie niedlich. „Das ist ein Schinken-Baguette“, sagte ich.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

„Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee.“ Sie erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie man es da reinschaffte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Vielleicht war sie seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, klar, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios. Er knackte und knirschte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun während der Hundstage.

„Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..“ Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten zu. „Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts.“

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, You make me shiver, makellos sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber schon ahnt, dass man sich bald nahe kommen wird, unter Kollegen.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm ihr eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo eine Kollegin oder ein Kollege das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, das war der Untergang der Zivilisation.

„Nutella“, grinste sie. „Gibt Muckis.“

(Ich versuchte ein Lächeln.)

„Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?“

Das Foto war ein paar Tage vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult und liess die Beine baumeln, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, nicht so .. Glumm.

„Nee, Romane nicht..“ Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. „Eher.. Geschichten.“

„Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?“

„Nee.. aus meinem Leben.“

„Aus deinem Leben?“ Sie glotzte mich an. „Ist das denn so super spannend?“

„Nee.“

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch schwante mir bereits, dass wir beide auf Dauer nicht klarkommen würden. Sie erwartete zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, so erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Dann konnte ich allmählich kommen. Vielleicht.

Oder auch nicht.

„Veröffentlichst du auch richtig Bücher?“

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht Bücher. Gibt es ein Thema, das demütigender ist für einen Autor ohne Buch? BÜCHER!!? In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, „in also mehr ja so Stadtmagazinen“, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

„Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..“

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott und milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen, gradlinigen Hintern, einem famosen knackigen Teil in Vollendung. Ja, genau den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er im Paradies die Blue Jeans erfand und was sich so alles für Ärsche darin verpacken ließen.

„Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst“, meinte sie. „Ich wohne auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst.“

„Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke.“

„Eben. Gut, ne?“

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie gesehen hatte, vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Haus wohnten.

„Dann musst du morgens nur kurz durch den Park“, sagte sie. „Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?“

„Stimmt.“

„Warum nicht?“

„Was, warum nicht?“

„Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Nur so.“

Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Geblubber, kein Gewäsch ertragen.

„Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..“, hörte ich mich dennoch sagen, zu meiner eigenen Verblüffung.

„Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.“

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

„Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?“

„Drei.“

„Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?“

„Vier Tage.“

„Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du ja Bücher für kaufen! Ha ha!“

Lustig. Ja. Schriftsteller veröffentlichen Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, zur Abhärtung. Sie schaute auf die Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, unauffällig, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Weissbrot-Parallel-Universums.

„So, dann wollen wir mal..“

„Und du? Seit wann arbeitest du hier?“ versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

„Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.“

„Ja klar. Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.“

„Ja, vielleicht.“ Sie lachte. „Ich bin die Gabi.“

„Ich der Glumm.“

„Weiß ich doch.“

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich die Frau zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Und dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau mit dem Duktus einer Putze wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Filialleiter Hafner hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Auch er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder auf.

*

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden nicht nur die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für die Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, da könnte ich auch endlich den Obi-Kittel anziehen. Ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit zwei Flachmännern Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken baute sich auf.

„Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!“

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

„Tut mir leid, der Herr, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..“

„Ach so! Der vierundsechzigste Tag erst! Nee, dann ist klar, junger Mann!!“

Zeit zum Schreiben (1)

Noch Wochen, nachdem in beiden Tageszeitungen der Stadt über den Literaturpreis berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.

„Eh.. da kommt Bukowski! Wie siehts aus, Hank?“

„Stabil“, rief ich.

Bukowski, so ein Blödsinn. Bukowski war ein Trinker, der großartige Stories übers Leben schrieb, während ich nur großartig trank. Bukowski war ein Genie, ich nicht. Sparflammenbukowski, dachte ich.

Hauptsache stabil.

*

Kurz nach Neujahr ging das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers verscharrt werden sollte. Mit seiner schweren Maschine hatte er eine Bordsteinkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geflogen. Angeblich fünfzig Meter weit. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den ich nur vom Sehen kannte, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste, weil die Laboranten das Ergebnis nicht glauben wollten. „Mit so viel Koks im Blut hätte er fliegen müssen.“

Mh.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte „Momentchen..“, und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. „Für dich“, flüsterte er, und machte sich auf die Socken Richtung Friedhof.

Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit für ihn, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Tote Hose sozusagen, bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft hatte. Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte wenigstens etwas zu tun. Was mich betraf, so war das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann oder wo.

„Herr Glumm..?“

„Ja“, sagte ich und stierte in den Hinterhof.

„Buntenbach, Arbeitsamt. Schönen guten Morgen, der Herr! Na, ausgeschlafen?“

Bevor ich auch nur einen Ton erwidern konnte, rückte mein Sachbearbeiter, ein fescher junger Mann mit Wohnsitz Köln, schon mit der unangenehmen Sprache raus: eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate. Wo? Bei OBI.

„Bei.. OBI!?“

„Die Eisenwarenabteilung sucht einen tatkräftigen jungen Mann. Da hab ich doch gleich an Sie gedacht.“

Einen Moment lang glaubte ich, Buntenbach wolle mich auf den Arm nehmen, doch ein Arbeitsvermittler, der um diese frühe Uhrzeit anruft, will einen eher nicht auf den Arm nehmen. Im Gegenteil. Der will einen eher loswerden. Raus aus der Statistik. Raus aus dem Bettchen.

In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Mit Mitte zwanzig stand ich in der Blüte meiner Jahre, der Supervogel Jugend kreiste noch über mir, ich war voller Spannkraft. Selbst wenn man mit 25 nichts anderes tat, als von früh bis spät auf der faulen Haut zu liegen, wuchsen einem Matratzenmuskeln.

Dennoch war ich der Auffassung, dass die Gesellschaft in meinem Fall eine Ausnahme machen sollte, was das Arbeiten anging. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich von der ganzen Sauferei zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater endlich nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo da noch Zeit für eine geregelte Arbeit sein sollte. Vielleicht zwischen halb eins und eins. Aber war da Mittagspause. Allmählich wurde ich sauer. Was zum Henker ging da vor sich?! Die herrschende Klasse rottete sich zusammen, zu meinem Schaden.

„Ihr Ansprechpartner ist Filialleiter.. äh.. Moment.. Hafner, Herr Hafner.“

Ich saß da wie angeschossen. Ein halbes Jahr ABM. Im Baumarkt! Wenn ich von irgendetwas keine Ahnung hatte, dann von Baumärkten und Heimwerkern. Männer, die in der Freizeit Fliegengitter zimmerten und darüber mit ihrem Nachbarn fachsimpelten. Der seine Seele zum Hobbyraum erklärte und zwischen offenen Lacktöpfen Nazilieder pfiff. Au weia. Das hatte noch gefehlt.

Ich lotete alle Möglichkeiten aus, die Maßnahme abzuwenden oder wenigstens rauszuzögern, doch mir fiel nichts ein, was irgendwie Sinn gemacht hätte. Noch am gleichen Nachmittag rief ich den Filialleiter an, und wir machten einen Termin aus für das Vorstellungsgespräch.

Als ich Karlos und den anderen Kumpeln davon erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm im Baumarkt, in der Eisenwaren-Abteilung, zwischen Schrauben, Muttern und Nägeln, mit zwei linken Händen, das war ein gefundenes Fressen.

„Dabei hat der Glumm gar keine linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen! Der Penner!“

Der Mitsubishi Boy freute sich schon darauf, mich in flagranti mit dem Besen in der Hand zu erwischen, („aber na ja, haben wir nicht alle schon mal Staub gefressen?! HEHEHE!“), und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze fette Denunziantengesicht.

„Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!“

Er drohte, zweimal die Woche im OBI als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen oder ob ich mich doch nur aufs Klo verdrückte, EXPRESS lesen und ne Kippe rauchen, die Hand am Sack.

*

Anfang 1987, mit Kahnbeinbruch, auf dem Arm meine Nichte

*

10. Januar 1987, halb zehn.

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte Literat saß mit der Bierhefe vom Vorabend im Schädel im Oberleitungsbus nach Ohligs. Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos früh am Morgen so lange das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern. So lange, dass ich mich schliesslich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht im Kissen eingepennt war. Ich hatte mir vom Preisgeld ein neues Kissen zugelegt. So ein großes leichtes Kopfkissen, in dem ich stets das Gefühl hatte, adieu zu sagen, wenn ich darin versank und meinen neuesten Träumen nachging.

Die OBI-Filiale in Ohligs war ein Flachdachbau und groß wie ein Fußballfeld, sie lag an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte eine letzte Kippe und schaute mir währenddessen das kommende Schlamassel durchs Panoramafenster an, bevor ich mich aufraffte und die Hölle betrat.

Es war ein bißchen wie im Stadion, eine halbe Stunde vorm Anpfiff: Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstatmosphäre. Zum Warmmachen schoben Spieler halbleere Einkaufswagen übers Feld, Ersatzspieler zogen einen Flunsch und lungerten im Kassenbereich herum.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter gaffte erschöpft in die Pappbecher, die vor ihnen auf dem Tisch standen. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen der orangefarbenen Kittel trug, drehte sich zu mir um.

„Hallo..“, lächelte sie freundlich.

Hinter ihr, im Stahlregal, stapelten sich die Verkäuferkittel, gebügelt und nach meinem armen Leib trachtend.

„Ich such Hern Hafner, den Filialleiter.“

„Im Büro“, meinte die Blondine.

„Ja schon. Aber wo ist das Büro?“

„Na ja. Hinter dir. Brauchst dich nur umzudrehen.“

Tatsächlich. Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Der Kasten war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder geschah es, dass ich Dinge übersah, selbst wenn sie groß waren wie ein Boxring und in Flammen standen. Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor.

„Ach, dann sind Sie das Vorstellungsgespräch.“

Herr Hafner, Mitte Dreißig, sportlicher Typ , schien soweit in Ordnung. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen, er gab sich jovial und verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker und jovial machten, sehr schnell sehr unlocker und unjovial werden konnten, geradezu bockig, wenn ihre Interessen berührt wurden, und dann war mit Pferdestehlen schnell Essig. Dann war kleiner Ponystall angesagt. Bürsten, striegeln, Fresse halten.

Rasch war geklärt, dass ich aus der ABM-Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, es war nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Ich fragte mich, warum, ich konnte es mir nicht erklären.

„Ich mein, handwerklich bin ich eine totale Null“, spielte ich meinen allerletzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, dass die Hände kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumelten, wie traurige alte Stofftaschentücher.

„Das macht nichts, das lernen Sie schon noch.“

„Schön.. Aber was soll ich dem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, und dann weiss ich nicht die Bohne Bescheid..“

„Ach was. Die ersten ein, zwei Wochen tragen Sie keine Arbeitskleidung, damit Sie niemand als Mitarbeiter identifizieren kann. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, na dann verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter. Alles kein Thema.“

„Kein Thema.. Hm. Und wenn kein nächster Mitarbeiter in der Nähe ist?“

„Na dann.. verweisen Sie den Kunden an den übernächsten.“

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über die Stuhllehne hängen wie abgenudelte Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mir selbst schon wie der größten Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens vorkam: eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

„Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?“

„Jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!“

Ein Mann sollte wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match im Raum steht, das es zu erobern gilt. Und da ich den Job schon nicht verhindern konnte, ohne eine Sperre der Arbeitslosenkohle zu riskieren, hiess es nun für mich, so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein. Teilzeit, dachte ich.

„Ich brauche Zeit zum Schreiben“, sagte ich.

„Was denn, was denn..? Sie müssen schreiben lernen!?“

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, ich klärte ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor. Den King of Satzbau. Saufziegen-Ferdi. Bukowski.

„Short Stories? Was schreiben Sie denn? Ist ja interessant.“

„Na ja.. Short Stories.“

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Was für mich drei Wochen Galgenfrist bedeutete, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage, fürs gleiche Gehalt, wobei das Gehalt so klein war, es war kaum als Gehalt zu bezeichnen. Aber immerhin.

Da war nur noch eines.

„Sagen Sie, Herr Hafner, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?“

„Hm.. Wo denn? Welche Abteilung?“ Er sah mich gespannt an. „Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?“

Wir blieben bei Eisenwaren.

*

Fortsetz.:  Zeit zum Schreiben (2)

Pisser

Bei jeder Party, die Binkenborn veranstaltete, gab es diesen einen Moment, wo ich ihm über den Lärm und die Party-Musik hinweg The day I was born.. zurief, und aus irgendeiner Ecke donnerte es fort, .. I was born a Binkenborn!

Wir waren über mehrere Ecken miteinander verwandt, wobei niemand zu wissen schien, wie es sich mit der Verwandtschaft nun genau verhielt. Das war aber auch nicht weiter wichtig. Unsere Eltern waren seit Jugendtagen eng miteinander befreundet, auch sie hatten schon zusammen gefeiert, das stand mal fest, das reichte.

Dass Binkenborns Parties Legende sind, lag nicht zuletzt an den großzügigen Lofts, die er bewohnte. Das bekannteste war das an der Gasstraße. Wer das Dachgeschoß in dem Gründerzeithaus betrat, verliess die Erde, und es gab Nächte, da fand kaum jemand zurück, und wenn doch, dann nur zeitversetzt und mit Umweg übers Paralleluniversum.

Im Loft an der Gasstraße gab es ein Podest, so groß, dass ganze Blues-Bands darauf jammen konnten, und da Binkenborn ein begnadeter Mundharmonikaspieler war, sein Idol war der große Cannonball Adderley, gipfelte jede Party in einer gewaltigen Blues-Session und Knockin‘ on heavens door als Reggae-Version. Dazu flackerte die Discokugel gefährlich nah über den Köpfen hin-und her, getanzt wurde noch auf dem von schmiedeeisernen Putten befriedeten Balkon und im Kabinett.

Zwischendurch musste ich aufs Klo, oder um den alten Kapitän zur See zu zitieren, der das Erdgeschoss angemietet hatte: „Ordnung muss sein, aber schiffen muss ich auch.“

Bei gedimmten Lichtverhältnissen betrat ich das Bad und sah unter mir ein schickes, geradezu edles Klosett, das so niedrig war, als hätte der Architekt es direkt in den Fußboden eingelassen. Literweise Pisse floss aus mir heraus, ein Feten-Mix aus Bier, Wodka und selbstgemachter Ochsenschwanzsuppe, für die Binkenborns damalige Puppe weltberühmt war in der Klingenstadt.

Ich strullerte so schwer, als verrichtete ich eine Geburt im Stehen. Dazu die Party-Musik und das Stimmengewirr von draussen, ich war guter Dinge. Lediglich die Stille zu meinen Füßen irritierte mich, warum da nichts plätscherte.

„Bestimmt ein wattiertes Super-Porzellan“, zollte ich Binkenborn Respekt, beim Abschütteln. Womit er sein Geld verdiente, war mir nie so recht klar geworden, es hatte mit Telefonverkauf zu tun. Das machte Sinn. Auch wenn er einem ein Loch in die Brieftasche laberte, man ging nie ohne das Gefühl, ein ganz dickes Brötchen geschmiert zu haben.

Ich guckte mir das WC genauer an, bückte mich tief runter. Noch tiefer, und ich wäre mit der Nase angestoßen. Kein Fitzel Urin stand in der sanitären Anlage. Der übliche Nösel Wasser aus dem Spülkasten, mehr nicht. Ich machte Licht, dann sah ich es die Bescherung. Direkt neben der Kloschüssel lag ein dicker dunkelroter Plüschteppich. Mit der Schuhspitze machte ich den Test. Es gab dieses flappende Geräusch, wenn man nach dem Wolkenbruch über den aufgeweichten Campingplatz Richtung Klohäuschen watet. Und das mir, dem erstgeborenen Sohn einer gestandenen bergischen Klempnerlegende.

Empört kehrte ich zur Party zurück und behielt die Dame des Hauses die nächste halbe Stunde penibel im Blick. Als sie bekannt gab, mal eben für kleine Mädchen zu müssen, war ich ruckzuck in der Jacke und hörte ihre verstörten Aufschreie erst, als ich die Wohnungstür sachte hinter mir zugezogen hatte und die Treppenstufen nahm, immer fünf auf einmal, down to earth.

Camilla, und die Anderen

„Junger Mann, sagen Sie, ist das hier.. kein Bahnhof mehr?“

„Nee, schon lang nicht mehr.“

„Das gibt’s doch nicht.. Ich muss nach Köln! Wo ist denn der Bahnhof hin??“

„Einfach links runter und der Beschilderung folgen, bis zum Haltepunkt Mitte.“

Der Alte seufzte.

„Ich bin ja nur zu Besuch. Man kennt sich gar nicht mehr aus in der Stadt.. Links runter, sagen Sie? Ist da der neue Bahnhof?“

„Na, ist ein Haltepunkt. Einfachs links den Weg runter.“

„Und der neue Hauptbahnhof? Wo.. ist der?“

„Der ist in Ohligs.“

„Ohligs? Was macht der denn in Ohligs!?“

„Hm, na ja. Der steht da und lässt Züge rein und rausfahren. Was Bahnhöfe so machen.“

Er entfernte sich murmelnd. Dann blieb er noch mal stehen, und drehte sich langsam um.

„Aber was ist hier in der alten Schalterhalle los..? Da ist doch was los bei euch..! Das seh ich doch!“

„Hier ist ne Ausstellung von Design-Studenten aus Europa. Treten Sie ein. Ist öffentlich. Ist umsonst. Kost nix.“

„Jessas, nein, da dank ich schön. Design? Um Gottes Willen! Muß ich nicht haben. Ich muß nach Köln, nach Nippes.“

*

Man kann nicht sagen, dass der Job eine besondere Herausforderung darstellte. Die bloße Anwesenheit genügte in der Regel, nur hin und wieder galt es eine Information rauszuhauen, während man eine Pausenzigarette in Arbeit hatte, mein Gott, es gab schlimmeres. Einen anderen Ein-Euro-Job zum Beispiel. Einen, wo man unter Aufsicht stand. Hier gab es keine Aufsicht, wir waren unsere eigene Aufsicht. Wir organisierten uns selbst, stellten Dienstpläne auf, stellten Anfragen beim Träger.

Viel los war nicht. Manchmal saß ich eine Stunde lang vor den Türen der alten Bahnhofshalle, einem rundum verglasten Schmuckstück der Fünfzigerjahre, und blinzelte gelangweilt in die Sonne. Und wenn ich keine Lust mehr hatte gelangweilt in die Sonne zu blinzeln, ging ich in die Schalterhalle und setzte mich auf einen Stuhl in der Ecke des Holzkubus, in dem die Exponate ausgestellt waren, und guckte mir bei elektrischem Licht meine Schuhe an.

Was Schuhe anbelangt, gibt es folgendes zu beachten: Schuhe müssen sich ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, Widerstand leisten. Sie müssen das Maul aufmachen. Ich unterhalte mich nicht gerade selten mit meinen Schuhen, da müssen die Galoschen schon was drauf haben. Allgemeinwissen, Sie wissen schon. Paar spezielle Gedanken, wenn’s recht ist.

Der Holzkubus war etwa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit und nach oben offen wie eine gewaltige Sperrholzkiste, so hatte man ihn in die Schalterhalle des alten Hauptbahnhofs gebaut. Ein großer Holzkubus in der gläsernen Schalterhalle eines denkmalgeschützten alten ex-Hauptbahnhofs, darin eine auf sechs Monate angelegte Internationale Design-Ausstellung, die meine Kollegen und ich für einen Euro die Stunde zu betreuen hatten, das war die Sachlage im Sommer 2006.

Wir, das war ein loser Haufen von sechs, gelegentlich sieben oder acht Leuten, je nachdem, wer vom Arbeitsamt gerade dienstverpflichtet wurde. Zwischendurch schied einer aus, weil er einen regulären Job ergattert hatte. Wir kamen aus allen Branchen. Gemeinsam war uns nur, dass wir ein paar Klamotten im Schrank hatten und nicht völlig ruiniert aussahen, obwohl wir langzeitsarbeitslos waren, schließlich handelte es sich um eine repräsentative Maßnahme. Man rechnete mit Gästen aus aller Welt. Englisch war von Vorteil. Paar Zähne auch.

Heidi, Ende Dreißig, bißchen pummelig, aber nicht unansehnlich, Mutter von zwei heranwachsenden Töchtern, hatte lange Zeit bei der Heilsarmee gearbeitet und war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil die Kollegen nie richtig hinhörten, wenn sie etwas sagte. Wenn Heidi morgens den Sozialraum aufschloss, setzte sie erst mal Kaffee auf, für die ganze Mannschaft. Das hatte sie am ersten Tag der Maßnahme getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass Heidi das auch weiterhin tun würde, bis zum Ende aller Kaffeeplantagen und Maßnahmen zur Wiedereingliederung älterer Langzeitarbeitsloser.

Einmal hatte ich gutgelaunt die Tür zum Sozialraum aufgetreten und vor mich hingeflötet, und da ich mir sicher war, allein zu sein, liess ich noch schön einen fahren – es knatterte wie ein einlaufendes Fax, laut und übelriechend. Und genau in dem Moment, wo ich mir den Muff vom Hintern wedeln wollte, sah ich sie im fahlen Licht am Tisch sitzen, ganz still.

„Oha..“, sagte ich.

Heidi lächelte.

„Ich dachte..“, setzte ich an.

„Ja, ich weiß“, unterbrach sie mich belustigt, „das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin.”

Das war ein trauriger Satz, natürlich, aber sie hatte ihn mit einem wissenden kleinen Schmunzeln eingeleitet, daher dachte ich, okay, das geht in Ordnung. Sie wird sich nicht gerade den Strick nehmen, wenn ich gleich hier raus bin.

*

Man hatte uns engagiert, um das Publikum an die Hand zu nehmen und durch eine Ausstellung zu führen, die im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs entwickelt worden war, aber wir fungierten hauptsächlich als Aufpasser, weil die Besucher einfach nicht die Finger von den ausgestellten fünfzig Prototypen lassen konnten.

Mal stellten wir abends fest, dass irgendwo ein Stück Kunststoff abgebrochen war, konnten es aber nicht zuordnen, es lag im Gang herum. Mal fehlte ein Zinken an einer hypermodernen neuen Gabel, die sowieso kaum Zinken kannte, mal war das Micro Stadtauto beschädigt.

„Bitte nicht anfassen!“ „Please don’t touch!“ „Die Flossen da weg!“ hallte es durch den Kubus.

Im Spätsommer bummelte eine 30köpfige Delegation italienischer Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus dem Großraum Mailand durch die Ausstellung. Man war auf Besichtigungstour durchs Ruhrgebiet, wie der deutsche Organisator erklärte, und wollte sich anschauen, was Designstudenten aus Europa im Ruhrgebiet so auszustellen hatten.

„Ruhrgebiet..? Dass Solingen und das Ruhrgebiet wenig miteinander zu schaffen haben, ist Ihnen aber schon klar“, sprach ich zu ihm. „Oder nicht?“

Er blickte ertappt, ein bisschen angefressen, ein bisschen ganz schön griesgrämig.

„Das weiß ich schon, ja. Aber die Ausstellung passt nun mal in den Rahmen der Rundreise. Ich meine, die Damen und Herren sind ja alle aus der Umgebung von Mailand, also, die haben naturgemäß mit Design viel am Hut. Und ob Solingen nun zum Ruhrgebiet gehört oder nicht..“

Er wartete, dass ich naturalmente antwortete, interessiert die sowieso nicht. Weil von mir aber nichts kam, musterte er den Bratarsch einer italienischen Dorfbürgermeisterin, die sich in diesem Moment zum neokonzeptionellen Kuchengeschirr runterbückte, dem exzentrischen Beitrag einer Design-Studentin aus Ljubljana, wie das winzige Schildchen am Objekt verriet.

„PLEASE, DON’T TOUCH!“

Kollegin Camilla schnellte aus ihrem Stühlchen hoch, trotz ihres immensen Bratarsches.

Willkommen im Europa der Bratärsche.

„Heute Nachmittag sind wir im Binnenhafen Duisburg zu Gast“, fuhr der Organisator der Rundreise fort, während ich mich unauffällig aus dem Kubus entfernte. Das war eine Spezialität von mir, Ergebnis langjähriger Praxis:  Leine ziehen, mich verpissen, schön davonstehlen. Darin war ich die Nummer 1. Einer der ganz großen Könner auf dem Gebiet des Vom-Acker-Machens. Davonstehlen war der goldene Boden, auf dem ich mich bewegte.

Vor dem prächtigen Bahnhofgebäude stand Kollege Donato, ein lässiger Sizilianer, dafür bekannt, neunundneunzig Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Handy am Ohr zu verbringen. Das restliche Prozentpünktchen gingen fürs Eingelen des Haupthaars und fürs Smoken drauf, wie er meinte. Er rauchte abwechselnd Pall Mall ohne Filter und Peter Stuyvesant, eine abenteuerliche Mischung. War Peter Stuyvesant die Zigarette für den Weltbürger, dem alles leicht von der Hand ging, so reichten Pall Mall laut Werbeplakaten bis weit in den Weltraum und waren starker Tobak.

Der Sizilianer machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für Ein-Euro-Jobs und der Kunst-Ausstellung, diesem ganzen Design-Schnickschnack aus mobilen Zahnarztstühlen, ferngesteuerten Tischleindeckdichs und wellenförmigem Essbesteck. Auch ich hatte Schwierigkeiten, das ganze Brimborium Ernst zu nehmen, irgendwie kam mir alles wie Camping vor, was die Studenten sich ausgedacht hatten, alles andere als camp.

(Anstatt irgendwelche lächerlichen Kühlschränke zu “erfinden”, die übers Internet automatisch Milch nachbestellen, wenn die alte Packung leer ist, sollten sich Erfinder und Designer von heute lieber um die wirklich relevanten Dinge kümmern, etwa den unerbittlichen Kampf unter Geschwistern um die beste Zitze der Mutter. Da geht’s wirklich um die MILCH.)

*

Zur Mittagszeit floh die 60beinige Delegation aus Mailand ins benachbarte Edel-Restaurant.

„Sag mal, womit füttert ihr die Italiener denn ab?“ fragte ich einen der geschürzten Kellner, ein arroganter Bube mit Drei-Tage-Bart, der uns Ein-Euro-Jobber gern von oben herab behandelte. „Spaghetti Carbonara?“

Er zog die linke Augenbraue in die Höhe, wodurch die gesamte linke Gesichtshälfte ins Rutschen geriet. Er sah plötzlich sehr mitgenommen aus, wie nach dem Schlaganfall. So hättest du nie und nimmer einen Ein-Euro-Job bei uns ergattert, dachte ich, nicht bei uns, Freundchen, mit dieser Fratze, halb in den Hals gerutscht.

„Die kriegen Rheinischen Sauerbraten“, murrte er, „mit Möhrchen untereinander.“

*

Ich beobachtete die Schuljungs, die sich am Bahnhofsvorplatz die Beine in die Skateboards standen, wer der Chilligste war. Sobald einer der Picos sich herabliess und ein Kunststück vorführte, kam Trixi angesprungen, die ältere Pudeldame, die zum Inventar der Spielhalle Die Dose gehörte. Trixi hatte Herztabletten und ein neues Hormonpflaster verschrieben bekommen, und nun tanzte und hüpfte sie um die Skater herum, wie ein fabrikneuer Tischtennisball.

Dann war da noch Charly, der hagere alte Billard-Gauner mit dem Kaspergesicht, der in der Dose als Aufpasser beschäftigt war, sowie als inoffizieller Rattenfänger. Das Gelände um den alten Hauptbahnhof hatte einige Jahre brach gelegen, nun verteidigten die Ratten ihr angestammtes Revier, wollten es nicht kampflos hergeben. Langanhaltender Regen spülte die Viecher aus ihren Löchern, sie promenierten die Bahnhofsstraße rauf und runter, in einer Selbstverständlichkeit, die den alten Billard-Gauner Charly provozierte und fast um den Verstand brachte.

„VERFLUCHTES GELICHTER!“ brüllte er, und ging auf die Hatz.

Er hatte sich dieses Luftgewehr besorgt. Ich hörte einen Knall und ging nachsehen. Der alte Gauner hielt eine fette Ratte beim Schwanz gepackt und ließ sie kopfüber baumeln. Er erklärte sie schon für tot, bis die Ratte sich in seinen Händen plötzlich aufbäumte und nach ihm schnappte. Erschrocken warf Charly sie in Richtung Wiese, das Tier landete auf allen vieren und flüchtete im Zickzack davon, während der Rentner mit dem Luftgewehr nachsetzte, umsonst.

*

Meine Kolleginnen Camilla und Ute, zwei renitente Polit-Weiber, Lieblings-Begriffe faschistoid und Mandat, saßen in der Schalterhalle im Kubus auf ihren Aufpasserstühlchen und verquasselten die Zeit. Dieser unbändige Drang zu quasseln ohne Pause, es machte mich kirre, auch wenn ich mich gar nicht daran beteiligte. Ich musste mich echt in acht nehmen, dass ich nicht wahnsinnig wurde, wenn ich mich in der Nähe der beiden aufhielt. Dass sie mich nicht ansteckten. Dass ich nicht plötzlich in ihren Bann geriet und mitplauderte.

Camilla, sie hieß mit Nachnamen Taylor, seit sie in jungen Jahren einen US-Soldaten geehelicht und bald wieder verlassen hatte, Camilla Taylor also: Hätte sich mit diesem Namen nicht Karriere machen lassen, ich meine, was sprach dagegen?

Sie selbst, wie ich bald erfahren sollte.

Mir ist jedenfalls nie wieder ein Weibsbild begegnet, das beim Gehen so bekloppt mit den Armen ruderte und schlenkerte. Das heißt, es war ja nur ein Arm, der ruderte und schlenkerte, der andere konnte nicht rudern und schlenkern, er war von der großen Handtasche blockiert. Camilla marschierte durch den engen Kubus wie beim nordkoreanischen Militär, im Stechschritt, einarmig schlenkernd und quasselnd. Ein anatomisches Wunderkind, mit einer großen Handtasche.

Camilla hatte sich mit Ute angefreundet, eine fast zwangsläufige Geschichte. Ute, gelernte Sozialarbeiterin, hatte wie Camilla ihren langjährigen Job verloren. Darüber war sie korpulent und missgünstig geworden, sie glaubte, im Leben ständig zu kurz zu kommen und gönnte sich daher beim Abendessen gern eine Extraportion Kohlenhydrate.Sie war ein Bollwerk aus Nudeln, das mit den Männern abgeschlossen hatte. Männer existierten im Weltbild von Ute nur noch als faschistoide Tittengrabscher.

*

„Wenn schon dicke Titten, dann richtige Euter wie in alten Russ Meyer-Filmen, nicht die künstlichen Ballerbrüste mit Silikon drin“, stänkerte Kollege Norbert, ein arbeitsloser Foto-Laborant, der dabei erwischt worden war, wie er während der Arbeitszeit Pornos aus dem Internet gezogen hatte. Wir hatten alle herzlich gelacht, bis auf Camilla und Ute. Die nicht.

Meist hockten Camilla und Ute beieinander und hetzten über Kapitalisten und Männer und große Konzerne, was in ihren Augen alles ein und dasselbe war. Ich konnte nichts damit anfangen. Linke Aktivisten waren mir ein Greuel. Sie hatten zwar in vielem Recht, was sie anprangerten, das Dumme war nur, dass ständiges Rechthaben nach Rechthaberei klang, und das wollte niemand hören.

„Frag doch mal die Jugend“, hatte ich zu Camilla gemeint, „ob die noch groß Gerechtigkeit wollen. Ob die das Thema groß interessiert. Die wollen einen schicken Job und ein schickes Auto mit Interieur aus dem Urwald. Das wollen die. Deine beschissene Gerechtigkeit ist denen total schnuppe.“

Camilla quietschte vor Zorn. Ihre Schneidezähne waren stumpf geworden vom vielen Saxofon blasen, sie war ein begeisterte Amateurmusikerin, (begeistert, nicht begnadet), und sie quietschte, wenn sie sich aufregte, wie eine rückwärts rasende Tanzmaus.

„Ich kämpfe für Gerechtigkeit und nicht für so eine.. Jugend“, entgegnete sie erregt, „ich kämpfe für.. für.. für mich!“

Eigentlich mochte ich sie gern. Camilla hatte Herz, und sie quietschte schön mit den Schneidezähnen.

„Und was deine Gerechtigkeit betrifft“, fuhr ich fort. „Würde man alle Ungerechtigkeit auf der Erde aufzählen, müsste man um Mitternacht anfangen, ohne Pause bis zum nächsten Abend durchmachen und dann früh zu Bett gehen, weil am nächsten Tag noch soviel Arbeit wartet.“

„Du spinnst“, meinte Camilla.

Sie war ein Mensch, der sich ständig für neue große Dinge begeistern musste, sonst wurde ihr fad. Dummerweise haben große Dinge es so an sich, dass sie selten geschehen, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.

Einmal liess Camilla alte Fotos herumgehen, Fotos aus Kinder-und Teenietagen, auf denen ihre Augen noch sanft und voller Melodie gewesen waren. Wenn sie nun eine Doppelschicht im Kubus fuhr, was am Wochenende gang und gebe war, also von morgens um zehn bis abends um sechs, dann bröckelte spätestens am Nachmittag ihr Make up und sie sah aus wie eine vertrocknete alte Farbpatrone. Arme Camilla.

„Du spinnst“, quietschte sie.

*

Zwei Monate nach Eröffnung der Ausstellung kamen immer weniger Besucher, wir hatten nichts zu tun. Die meiste Zeit saßen wir auf unseren Stühlchen und lasen Clever & Smart-Heftchen oder vertändelten sonstwie die Zeit. Ich guckte auf meine Schuhe, Donato schraubte seine 90 Prozent Handy am Ohr auf 97 hoch, befand sich in schwindelerregenden Flatratehöhen und rauchte Pall Mall und Peter Stuyvesant.

Ein paar Tage vor Ausstellungsende erschien ein alter Mann auf Krücken in der Schalterhalle, in Begleitung seiner beiden Töchter. Wir erfuhren, dass er an diesem Tag seinen neunundneunzigsten (!) Geburtstag feierte. Ja, tatsächlich, er wurde 99 Jahre alt an diesem Tag.

Zu diesem Anlass hatte er sich eine kleine Tour durch seine geliebte Heimatstadt gewünscht, inklusive Abstecher zum restaurierten Alten Hauptbahnhof im Südpark.

„Nee! Wat is dat schön jeworden hier!“ fuchtelte er mit der Krücke vor meiner Nase herum. „Ich bin ja nen aulen Schlieper!“

Schlieper sind traditionelle Solinger Messerschleifer. Was im übrigen keine einfache Sache ist, Messerschleifen. Das ist eine Kunst für sich. Als Jugendlicher hab ich mal einen Tag lang als Ferienjob in einer Hinterhofbude auf der Baumstrasse  Gemüsemesser geschliffen, das war schwerer als erwartet. Die Messer konnte der Chef hinterher samt und sonders in die Tonne kloppen, so stumpf waren die Dinger geworden, wie Frotteehandtücher.

Für seine bald hundert Lebensjahre war der Alte noch verdammt rüstig und rosig um die Backen. Er packte sich das ausgestellte futuristische Kochgeschirr der Design-Studentin aus Ljubljana und verteilte darauf seine Fingerabdrücke, als wäre er in eine Live-Ausgabe von Aktenzeichen XY geraten.

„Och, nee! So wat gab et aber früher nich!“

„Vati, nicht anfassen..!“ sprangen seine Töchter hinzu, auch schon um die sechzig. hingen doch überall diese freundlichen NICHT ANFASSEN-Aufkleber, VORSICHT, EINZELSTÜCKE!

„Nee, is jut. Ich pack dat nich an. Is ja jut..“

Keine zwei Ausstellungsstücke weiter, die Krücke hatte der Alte längst der Tochter zugeschoben, patschte er mit den Fingern über die transportable Herdplatte.

„Is ja gar nich heiß!“ zwinkerte er.

„VATI!!“

Ich gratulierte natürlich zum Ehrentag. „Was ein stolzes Alter“, sagte ich.

„Ich wohn in Widdert“, sagte er. „Kennste Widdert?“

„Ja, sicher kenn ich Widdert. Ich bin Solinger.“

„Ich wohn aber hinten durch, unten an der Wupper, Untenwiddert. Kennste dat auch, Jung? Nächstes Jahr werd ich hundert. Kannste kommen. Bringste paar Puppen mit.“

Je länger der Familientrupp zu Gast war, desto mehr interessierte der Jubiliar sich für die Ausstellung. Eine internationale Jury hatte die gelungensten Exponate prämiiert. Ganz vorn war ein mobiler Trinkbrunnen gelandet, den man an jeden Hydranten anschließen konnte. Die Töchter fragten mich aus, wollten dieses und jenes wissen, und ich erzählte, was ich so alles gelernt hatte während der sechsmonatigen Ausstellung. Viel war es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich stand schließlich ständig draußen in der Sonne, woher sollte ich wissen, was es mit dem Modell des City Micro Stadtautos auf sich hatte?!

Ich geriet ins Schwimmen. Ich kapierte das winzige Ding nicht. Es hatte merkwürdig starre Hinterräder, deren Funktionsweise mir niemand erklären konnte, geschweige denn ich dem Geburtstagskind, das überraschend fit im Kopf war.

„Sieht aus wie ne Lokomotive!“ rief er, die Patschefinger schon im Chassis. (Kunsthochschule Berlin-Weißensee). „Aber wie kann dat denn fahren? Dar fährt doch nich! Is doch viel zu stieselig!“

„Tja, das ist äh ein integrales Fahrzeugkonzept für den Individualverkehr“, las ich aus der beigefügten Konstruktionszeichnung die Überschrift vor. „Vielleicht wissen meine Kolleginnen, wie das genau funktioniert, Moment.“

Ich rief nach Camilla und Ute, erhielt aber keine Antwort. Camilla watschelte gerade stupszähnig Richtung Klo, die unvermeidliche Bio-Möhre in Arbeit, und Kollegin Ute hockte draußen in der Sonne und gönnte sich eine Portion Fertig-Nudelsalat, direkt aus dem Plastikkanister. So blieb die Verantwortung wohl oder übel an mir hängen. Die beiden Töchter des Alten blickten einander an.

„Tja, man kann sich das Personal nicht aussuchen“, bedauerte ich, und draußen knallte die Büchse. Charley, der alte Billardgauner aus der Dose, war wieder in Aktion.

„VERDAMMTES GELICHTER!“

Am Tag der Finissage kam ich mit dem Geschäftsführer des Design-Instituts ins Gespräch, das ebenfalls im Alten Bahnhofsgebäude untergebracht war. Man suchte einen Mitarbeiter für die Bibliothek, die, frisch ausgestattet mit 10.000 Büchern rund ums Thema Design, neu eröffnen sollte.

„Mach ich“, sagte ich, und schlug ein.

Die Dinge waren Honig im Sommer 88

 

Die Tussi blieb unbeeindruckt. Beim Ausfüllen des Personalbogens hatte ich wahrheitsgemäß angegeben, seit drei Jahren arbeitslos zu sein, doch das kümmerte sie nicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass ich weder Führerschein besaß noch CNC-Fräsen beherrschte, TÜV-Zertifiziert. Erst als sie die Rubrik Stundenlohnvorstellung erreichte, stutzte sie und blickte hoch.

“Sechzehn Mark..? Nee, junger Mann, können wir gleich vergessen. Wir hatten an elf gedacht. Elf Mark, nicht sechzehn.”

Von meinem Stuhl aus konnte ich sehen, wie sie auf dem Personalbogen des Arbeitsamts in Druckbuchstaben ZU HOHE LOHNFORDERUNG eintrug.
Ja verdammt, musste das sein?
Druckbuchstaben machten Lärm, Druckbuchstaben fielen auf. Druckbuchstaben waren Gorillas, die sich ständig auf der Brust trommelten: HIER, ICH!!
UUH! UUH! UUH!
“Moment mal.. Das geht nicht”, sagte ich. “Wenn Sie das so schreiben, kriege ich Ärger.”
„Mit wem?“
„Mit dem Arbeitsamt.“
“Ärger? Wieso? Wenn Sie doch auf Ihrer letzten Stelle gut verdient haben, ist das doch kein Problem. Dann kann das Amt Sie nicht zwingen, eine geringer bezahlte Arbeit aufzunehmen.”

“Na schon..”, setzte ich an.

Sie wartete.

“Aber..?”

“.. bei meinem letzten Job hab ich elf fünfundsiebzig gekriegt.”

“11, 75? Das sind ja gerade mal fünfundsiebzig Pfennig mehr. Warum fordern Sie denn plötzlich so viel?”

“Warum..? Weil man mit dem bisschen Geld nicht hinkommt. Können Sie nicht.. sagen wir, einen anderen Grund angeben, warum Sie mich nicht einstellen?”

Sie rückte die Brille zurecht.

“Was denn für einen?”

Eigentlich sah sie ganz nett aus. Als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen. Verwuseltes Haar, chinesische Teezähnchen. Ich meine, ist doch schöner als perfekt. Eine Personalchefin muss kein Top-Mannequin sein. Dazu dieses neugierige kleine Stupsnäschen. Wie süß. Wen kümmerte da das bisschen Brille..

“Vielleicht.. dass ich untauglich wäre für den Job?”

“Das ist einfache Maschinenarbeit. Das kann jeder.” Sie gackerte.

“Hm ja.. Oder Sie hätten sich für einen anderen Bewerber entschieden. Es haben sich doch mehrere Leute vorgestellt, oder nicht.”

“Damit wir uns recht verstehen, junger Mann.” Ihre Stimme bekam einen harschen Klang, so als hätte sie plötzlich den Kehlkopf durchgedrückt und stünde nun kerzengerade vor mir. “Wir suchen Mitarbeiter für mehrere Maschinen, und soviel Leute hat uns das Arbeitsamt gar nicht geschickt. Und den meisten, die erschienen sind, ist der Stundenlohn zu gering. Wie Ihnen.”

Mir ging es gar nicht um den Stundenlohn. Ich hatte einfach keine Zeit für den Job, ich hatte genug zu tun. Nachmittags war ich Kofferträger im Hotel und verteilte das Gepäck der ankommenden Reisegruppen, nachts arbeitete ich an der Rezeption und beschiss den Chef, wenn ich ein Zimmer schwarz vermietete. Ich klüngelte an allen Fronten. Die Dinge liefen gut in diesem Sommer. Ich war seit anderthalb Jahren mit der Gräfin zusammen, die Sonne war draussen, ich hatte Bargeld satt.

Eine kurze Zeit waren die Dinge Honig, im Sommer 1988.

Nur wenn ich die Zeitung aufschlug, wurde mir zunehmend mulmig. Konjunkturaufschwung, las ich. Jobs, Jobs, Jobs. Was bedeutete, dass möglicherweise selbst für Loser wie mich womöglich ein Pöstchen heraussprang, ein sozialversicherungspflichtiges. Aber davon hatte niemand etwas. Ich würde alles nur kaputtmachen mit meinen zwei linken Händen und Kopfhälften. Nein. Es konnte ruhig alles so bleiben, wie es war.

Pünktlich zum Monatsende überwies Nürnberg die Arbeitslosenhilfe auf mein Konto, nicht sehr viel, doch es reichte für Miete, Strom und eine Tageszeitung. Für den Rest, fürs High Life, wie meine Eltern das nannten, jobbte ich im Turmhotel. Bezahlt wurde cash auf die Hand, in Dollar das Koffertragen, in D-Mark der gelegentliche Nachtdienst. Ich fühlte mich wie Onkel Dagobert im Geldspeicher. Hier ein Zwanni, da ein paar abgegriffene Dollarnoten.

“Things are really honey”, sang ich vor mich hin, eine Zeile aus einem Popsong. Ich hatte vergessen, welcher Song. War ja auch egal. Die Dinge waren Honig, in jenem Sommer 88, bis zu jenem Tag, dem Vorstellungstermin in einem alten Wuppertaler Gewerbegebiet, bei Frau Patzke.

Ich war Mitte zwanzig und wusste immer noch nicht, was ich werden wollte, wenn ich mal groß bin. Schon Jahre zuvor, als Pepe im Knast saß und wir uns gegenseitig Briefe schrieben, war Pepe auf den Punkt gekommen.

Er beschwerte sich darüber, dass dieser Staat sich anmaßte, darüber zu entscheiden, welche Drogen seine Bürger nehmen dürften und welche nicht. Die sollen uns gefälligst in Ruhe lassen, schrieb Pepe zornig, wir tun diesem Land doch nichts. Wir gehen unserer Arbeit nach und zahlen Steuern, dann können wir auch abends was kiffen oder ein Näschen Koks ziehen, das ist doch unsere Sache. Was geht das den Staat an, was ich mit meiner Kohle veranstalte!

Er zählte einige Kumpel auf, die gerne ihrer Arbeit nachgingen und Steuern zahlten. Zuletzt kam er bei mir an, und jäh riss der Faden. Es wollte ihm partout keine bezahlte Beschäftigung einfallen, die zu mir passte.

Du bist ein Outlaw, schrieb er. Dir wird im Leben nichts anderes übrigbleiben, als einen Sommerhit zu schreiben. Dann hast du ausgesorgt.

Ansonsten sah er schwarz.

Frau Patzke, die Leiterin des Personalbüros, starrte auf meine Finger, die eine Zigarette rollten. Ihr Blick verriet erst Ungläubigkeit, dann Hass. Da war nichts mehr mit Stupsgesicht und Teezähnchen. Da war kaum noch Nase. Nur noch Brille, Kassengestell. Ich war zu weit gegangen. Den Tabak aus der Gesäßtasche zu ziehen und mir eine zu friemeln.. Tabak krümelte auf die weiße Resopalplatte des Schreibtischs. Das Gespräch war am Tiefpunkt angekommen.

“Also, das müssen Sie schon selbst entscheiden”, giftete sie. “Wenn Sie mit elf Mark Stundenlohn bei einer Vierzig-Stunden-Woche zufrieden sind, können Sie Montagfrüh anfangen, Punkt sieben Uhr dreißig, und wenn nicht, dann nicht.”

Das Gespräch neigte sich dem Ende zu, mit riesigen Schritten – nein, es war schon draussen auf dem Gang. Ich hörte es trappeln, bis hierhin. Ich saß in der Falle. Das war exakt die Situation, die man bei einem Vorstellungsgespräch unbedingt vermeiden sollte: wenn nichts mehr vor und zurück ging und man selbst der Gelackmeierte in der ganzen Geschichte war.

Der in der Tinte steckte.

“Elf Mark sind zu wenig”, sagte ich und steckte die fertiggedrehte Kippe ein. Ich hatte nie vorgehabt, in ihrem Büro eine zu rauchen. “Da bleiben doch gerade mal tausend Mark im Monat.”

Sie zog eine veraltete Rechenmaschine heran und tippte mit flinken Fingern Zahlen ein.

“.. sind genau.. elfhundertneunzig netto, Steuerklasse eins.”

Ich griff zur finalen Maßnahme.

“Sie hätten doch gar nichts davon, wenn ich hier Montag anfange und nach, sagen wir, zwei, drei Wochen wieder in den Sack haue.”

“Da haben Sie wohl recht”, sagte sie und erhob sich rasch. “Davon hätte ich nur jede Menge Papierkram.” Sie ging zur Tür und öffnete sie, flankiert von einer kühlen Kopfbewegung: UND JETZT RAUS HIER, FAULER POLAKKE!

Ich schlich davon, wie ein begossener Pole.

Ein Faible fürs Ausserirdische

Unten am Klauberger Bach kommt uns Frau Heller entgegen, mit trippelnden kleinen Schritten, dahinter folgt Cara, die ruhige Rehpinscherdame. Frau Heller redet schon aus zwanzig Metern Entfernung auf mich ein.

„Ich muss aufpassen, dass der böse Mann uns nicht sieht. Der mit dem Schäferhund.“

Erst denk ich, sie macht Spaß, doch als sie vor uns steht, in ihrem rosa Mäntelchen, das Make up einmal quer durchs Gesicht gerutscht, spüre ich ihre Erregung.

„Hier läuft so ein Verrückter rum, kennen Sie den? Der hetzt seinen Schäferhund auf andere Hunde. Hab ich Ihrer Frau auch schon von erzählt. Ein Rauschgiftsüchtiger ist das. Ganz rote Augen hat der. Ein rauschgiftsüchtiger Trinker. Der schlägt auch seine Frau. Man hört so manches.“

Ich schätze, sie meint Tim, einen in der Nachbarschaft wohnenden Dauerkiffer. Tims Hund kläfft sich um den Verstand, sobald er einem anderen Hund begegnet, egal ob Rüde oder Weibchen. Ob er wirklich zubeißen würde, weiß ich nicht, aber Tim hat tatsächlich ein Problem mit der Töle, die er aus dem Tierheim hat.

Während Frau Heller spricht, mit lustig zwinkernden kleinen Augen, legt sich Cara, die Rehpinscherdame, in einiger Entfernung ab. Cara kennt das Spielchen. Wenn ihr Frauchen einmal lostütet, kann man es sich auch gemütlich machen. Warum lange in der Gegend herumstehen, mit vier kurzen krummen Beinen? Ein intelligenter Hund. Ich kenne da ganz andere Vertreter.

„Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne. Gibt bald wieder Schnee, wissen Sie.“

Sie spricht schnell und kantig, als würde sie beim Reden kleine Zwiebelchen hacken.

„Geht mir auf die Pumpe, das Wetter. Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne!? Letzte Woche ist bei mir in der Siedlung auch eine umgekippt. Nee, ist nix für mich, das Wetter. Geht mir auf die Pumpe, wissen Sie. So Kreislauf. Gibt bald wieder Schnee, am Sonntag.“

Ichl versuche mir vorzustellen, wie sie wohl als Teenager ausgesehen haben mag. Als sie tanzen ging, auf Feten. Sie muss ein Rock’n Roll-Monster gewesen sein, damals. Ein heißes Fetengerät. Man kann sie sich auch gut auf einem dieser kommunistischen knatschbunten Propagandaplakate der 50er Jahre vorstellen. Wie sie als junge Bäuerin voranschreitet, im Schlepptau zehn andere Bäuerinnen, mit glühenden KPD-Bäckchen. Fähnchen schwenkend. Terrorlächelnd.

Als sie mir das erste Mal über den Weg lief, schon einige Jahre her, das Make-up durchs Gesicht gerutscht wie ein schwerer Ausnahmefehler, da musste ich aufpassen, dass ich nicht loslachte, so verschroben kam sie rüber.
Mittlerweile freue ich mich regelrecht, sie zu sehen, die tapfere kleine Rentnerin und ihre kleine Hündin. Immer unterwegs, immer unter Dampf. Immer am quasseln.

Nicht jeder mag verrückte alte Frauen, die durch die Welt stapfen und aus vollem Hals Seemannslieder singen, natürlich. Nicht jeder hat ein Faible fürs Ausserirdische. Die Frau jagt den Leuten Angst ein, mit ihrem lauten Anderssein. Und sie ist ja nicht nur laut und schrill, sie ist auch noch: ALT. Und alte Menschen leben nicht so laut. Alte Menschen verstecken sich daheim. Alten Menschen fehlt die Kraft und die Lust, „Seemann, lass das Träumen“ durch den Wald zu dröhnen.

Sie dreht sich um und macht ein paar schaukelnde Schrittchen auf Cara zu, stoppt abrupt ab, macht kehrt. Stop and Go, das ist ihr Verkehr. Sie kann nicht anders. Sie springt von Thema zu Thema, wie ein Eichhörnchen. Wenn man Geduld hat und lange genug wartet, kehrt Frau Heller irgendwann zum Ursprungsthema zurück.

„Haben Sie den Bekloppten heut schon gesehen, mit seinem Schäferhund? Der ist kriminell. Der ist rauschgiftsüchtig. Und dann lacht der immer so dreckig, wenn er uns sieht. Sagt zu seinem Hund, der soll sich Cara schnappen und auffressen. Das ist ein Krimineller. Der nimmt Rauschgift. Der läuft doch immer hier rum. Der hat ganz rote Augen. Müssen Sie aufpassen. Böse Menschen gibt es, nicht?“

Tim hat mir kürzlich von der verrückten Alten mit dem kleinen Hund erzählt, die ihm abends dauernd übern Weg läuft.

„Die glaubt, mein Hund frisst ihren kleinen Kacker. Die ist voll bräsig, die Alte.“

Frau Heller trägt merkwürdig festes Schuhwerk, eine Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh. Ihr Haar ist laubrot gefärbt, auch der verblichene Mantel ist mal rot gewesen, jetzt ist er zahnfleischrosa. (Wenn man nicht mehr viel Zahnfleisch hat, diese Art Rosa.) Dann ist da die Handtasche, die sie vor sich herträgt wie einen heißen Kochtopf, gerade von der Feuerstelle genommen. Die Handtasche ist in Hundekreisen berühmt für die selbstgemachten Getreideplätzchen, die darin lagern. Nur dass Frau Müller ihre Leckerchen nicht so liebevoll verfüttert wie ältere Damen das in der Regel tun, nein, sie schmeißt mit den Leckerchen um sich, als wäre es Kamelle. Wie ein zorniges Funkenmariechen auf dem Rosenmontagswagen. Die Hunde müssen sich sehr vorsehen.

Einmal, es war Sommer, haben wir Frau Heller unten an der Wupper getroffen. Die Wupper ist ein schwarzer mystischer Fluss, der strudelige kleine Geräusche von sich gibt, wenn er durchs enge Tal zuckelt. Als werfe er Blasen auf, wie ein Geysir, wupp, wupp, wupp, geht das. Daher hat der Fluss seinen Namen. Wupper. An diesem Sommertag aber war statt dem wupp-wupp der Wupper die laute Operettenstimme von Frau Müller zu hören, lange, bevor wir sie zu sehen bekamen.

„SEE-MANN“, trällerte sie mit Verve und Wehmut, „LASS DAS TR-RÄU-MEN..“.

Der Gesang schallte durch die Wupperberge, dass die Krähen aufflogen. Die wussten nicht, was los war. Ob Untergang drohte. Havarie.

„..DENK NICHT AN ZU-HAUS, SEEMANN, WIND UND WELLEN
RRU-FEN DICH HIN-AUS..“

Dann erst sahen wir sie den Waldweg hochkurven, ein alter Seebär, Cara im Schlepptau, zehn Meter dahinter, schnaufend.

„DEINE HEI-MAT IST DAS MEEER, DEINE FREUN-DE SIND DIE STERR-NE, ÜBER RIO UND SHANG-HAI..“

Wir unterhielten uns ein bißchen, und sie erzählte, dass man ihrer 57jährigen Tochter letzten Montag den halben Magen wegoperiert hatte.

„Oh, die sieht schlecht aus. Die raucht zuviel. Vier Packungen am Tag. Ist doch nicht normal, oder? Und dann die Türken, mit denen sie rummacht. Das bleibt doch nicht in den Kleidern hängen, oder? Immer nur Türken. Ist doch nicht normal. Jetzt ist der halbe Magen weg.“

Dann musste sie weiter. So wie jetzt auch. Sie muss immerzu weiter.

„Cara, komm..“, ruft sie, „wir müssen weiter. Frauchen muss noch in den PLUS“, doch Cara bleibt liegen. Hat keine Lust. „Cara, komm bei Mama..! Hier ist lecker Pfütze. Komm, lecker Wasser. Cara, komm. Bei Mama!!“

Nichts zu machen. Cara bleibt stur. Einmal haben wir zufällig mitgekriegt, wie Frau Heller, der Alien, die kleine Rehpinscherdame der Einfachheit halber an der Leine hinter sich herzog, die ganze Strasse rauf, wie einen störrischen Würfel. Als hätte Cara in meinen Gedanken gelesen, erhebt sie sich nun und schaukelt lässig an uns vorüber, an mir und meinem Hund. Die Beiden haben eine Art Stillhalteabkommen geschlossen, von dem wir Menschen nichts wissen. Sie ignorieren sich auf ganzer Linie. Sie sind Luft füreinander. Nicht mal schlechte Luft oder lästige Luft, nein, einfach nur.. Luft.

Cara folgt ihrem Frauchen, deren merkwürdiges Schuhwerk, dieser Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh, beim Gehen Geräusche macht, als hätte sie einen nassen Delfin im Schuh. Ein schöner Sound. Ein großartiges Konzert.

„Grüßen Sie ihre Frau“, ruft sie und wackelt davon.

Ja, sie hat den Dreh raus, genau wie die alte Erde. Ich freu mich schon auf den Frühling, wenn die Ausserirdische wieder im original Plissee-Röckchen aus den 60ern aufläuft, mit großen Karos, und auf ihrem Kopf sitzt ein großer lila Hut.

30 Polaroids

Kein einziges Foto ist geblieben. Keins einziges von dreißig Polaroids, aufgenommen im grimmigen Winter 1979 im Oberbergischen, wo der dicke Hansen ein Fachwerkhaus erben sollte. Das wollten wir uns anschauen und vielleicht eine Runde Schlitten fahren, wenn wir schon mal da sind, Karlos, Pepe, der dicke Hansen und ich. Ein paar Schneebälle werfen, ein bisschen Kiffen und Spaß haben. Was man so macht, wenn man neunzehn ist.

Schon die Hinfahrt war frostig. Weil nacheinander Heizung und Lüftung ausfielen beschlugen die Scheiben so stark, dass wir zeitweise bei offenem Seitenfenster fahren mussten, damit frische Luft reinkam und der dicke Hansen hinterm Steuer etwas sehen konnte und nicht bloß auf Verdacht fuhr.

„Jetzt stellt endlich das Kiffen ein“, wetterte er.

Hätten uns die Bullen angehalten, sein Führerschein wäre erstmal weg gewesen. Doch die Polizei hatte genug mit dem pötzlichen Wintereinbruch zu tun. Unter der Last des Neusschnees waren Bäume umgeknickt, verlassene Autos standen kreuz und quer am Strassenrand, Warndreiecke überall. Später stellte unser Autoradio seinen Dienst ein. Keine Musik im Auto ist ärgerlich, mit 19 ist es eine Katastrophe. Oder wie Barry Gordy, Macher der Hitschmiede Motown in Detroit, einmal gesagt hatte: jeder Song, der meine Firma verlässt, muss im Autoradio wie ein Monster klingen. Aber dafür braucht es erstmal ein Autoradio, das es tut, verdammt.

Als wir das Kaff im Oberbergischen erreichten, setzte ich meine nass gewordenen neuen Wildlederstiefel zum Wärmen auf den Ofen, wo ich sie über Nacht vergaß. Am nächsten Morgen waren sie zwei Nummern kleiner, hatten überall Beulen und sahen aus wie eine Pizza Calzone, die Bläschen wirft.

Während das Haus Minute für Minute tiefer im Schnee versank, hockten wir in der von einem englischen Kanonenofen befeuerten, gemütlichen Klause im ersten Stock und drehten Joints, einen nach dem anderen. Wir waren Kiffer vor dem Herren, und wir hatten unsere eigene Stereoanlage mitgebracht.

Das Erdgeschoss war an Einheimische vermietet, ein älteres Ehepaar, das lebenslanges Wohnrecht besaß und uns auf ausdrücklichen Wunsch von Hansens Großmutter bewirtete.

Pepe hatte sagenhaftes Dope auf der Tasche, Türkenplättchen, dünn wie Oblaten, potent wie Opium. Eigentlich taten wir nichts anderes als um den großen Nussbaumtisch herum zu sitzen, Joints zu drehen, Musik zu hören und albernes Zeugs zu singen wie Wir verkiffen unsrer Oma ihr klein Häuschen, was dem dicken Hansen schwer auf die Nerven ging.

“Mann, das hören die doch da unten! Die sind doch nicht doof, nur weil sie auf dem Dorf wohnen!“

„Na klar sind die doof“, rief Pepe bekifft.

Wir waren neunzehn und rauchten Haschisch, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Wir verehrten JJ Cale, seine lässige amerikanische Okie-Musik, easy come, easy go, anyway the wind blow. JJ Cale war der Kitt, der uns zusammenhielt, auf den wir uns musikalisch alle verständigen konnten.

Es war seine beste Zeit damals in den späten 70ern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und jedes Jahr ein Album herausbrachte. Niemand sonst schaffte es, Pop, Blues, Jazz und Country so mühelos miteinander zu verdrahten, so laid back, wie nebenbei. Und, ja natürlich, JJ Cale hatte Obeine. Obeine waren wie ein Eintrag im Personalausweis: guter Mann. Er war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen reiste, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen Nagel in den Stiefel getreten.

An der Wand hing ein Pin up-Auto-Kalender, der aus einem einzigen Blatt bestand, Miss Juni 1975. Der dicke Hansen machte den DJ und legte das frisch erschienene Jewish Princess von Zappa auf: I want a horny little Jewish Princess.. don’t know shit about cooking and is arrogant looking – das Ganze von einem Hintergrundchor abgerundet, den wir lauthals mitschmetterten:

LA-LA-LA!!

Miss Juni 1975, JJ Cale und Zappa auf Hansens futuristischer WEGA 2000-Stereoanlage, Türkenplättchen, die schlicht aussahen, sich beim Bröseln aber aufplusterten wie ein Federkleid und ganz großes Zauberhaschisch wurden, dazu ein Haufen Pulverschnee, das war das Wochenende im Oberbergischen, Winter 1979.

Und die dreißig Polaroids. Dreißig witzige übermütige Aufnahmen, die wir ausnahmslos am ersten Abend schossen und mit Untertiteln versahen und die noch Jahre später für Furore sorgten.

“War das an dem Wochenende, als ihr im Oberbergischen auf die Fresse gekriegt habt?” hieß es, wenn die Fotos auf irgendeiner Party durch die Hände gingen. “Kann schon sein”, antworteten wir stolz, “glaub schon, ja.. sicher, das war das Wochenende”, und mit jedem Erzählen bezogen wir mehr Dresche, hatte Karlos mehr Finger gebrochen, fehlten Pepe gleich zwei Schneidezähne, tat mir der Schädel immer noch weh.

Dreißig Sofortbilder vom Winter 1979, die von einer versunkenen Zeit künden, einer Ära, die es so vielleicht nie gegeben hat, wer weiß das schon, die Beweise fehlen, sie sind lange verloren, dreißig Polaroids, niemand weiß, wo sie abgeblieben sind.

Sie sind fort.

Für die Gräfin, die Pepe niemals begegnete, ist Pepe bis heute das Phantom, dessen nobler grauer Hut an unserer Garderobe hängt, an prominenter Stelle. Der Hut ist alles, was geblieben ist von Pepe, der Jahre später an einer Überdosis Heroin verreckte. Der Hut und zwei verkratzte Langspielplatten von Iggy Pop und Bob Marley, auf denen Pepes Name verewigt ist, rechts oben in der Ecke.

In der zweiten Nacht im Oberbergischen wagten wir uns auf die Felder, obwohl ein Schneesturm tobte. Weil meine Schuhe auf dem Ofen kaputtgegangen waren, trug ich Gummistiefel, die ich irgendwo im Haus gefunden hatte, echte Bulldozer. Zugedröhnt bis zum Anschlag stapften wir durch den Schnee, es war stockfinster, der Wind brüllte und heulte, wir verloren die Orientierung und kamen kaum voran.

“Der Schnee hat den Weg geklaut!” schrie Karlos verwirrt.

Erst eine nur halb verwehte Traktorspur führte uns unter Mühen zum Ortseingang zurück.

Am nächsten Morgen wurde uns im Erdgeschoss ein warmes bergisches Bauernfrühstück serviert, mit Bratkartoffeln und Kaffee. “Ich hab heut Nacht kein Auge zugetan”, klagte das Weib. Erst dachten wir, sie hätte den Schneesturm gemeint, doch nein, sie meinte uns. Unseren Lärm. Ihr Ehemann erhob sich und tat sich grummelnd dadurch. Was wir nicht wussten: Das ganze Dorf hatte uns bereits auf dem Kieker.

Nach dem Frühstück zogen wir uns ins Obergeschoss zurück, das Dope war noch nicht ganz aufgeraucht. Vorsichtshalber hatte Hansen gleich nach der Ankunft die Ritze unter der Etagentüre mit Tüchern abgedichtet. Er kannte die Leute aus dem Dorf, wusste von ihren Vorurteilen gegen die aus der Stadt: Hippies, Taugenichtse, Haschgetüme.

LA-LA-LA.

Das Fiasko nahm seinen Lauf nach einer heftigen kurzen Auseinandersetzung zwischen dem dicken Hansen auf der einen und Pepe, Karlos und mir auf der anderen Seite. Der Anlass war nichtig. Wir wollten es partout nicht einsehen, vor der Abfahrt die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wir stellten uns stur, bis der dicke Hansen drohte, ohne uns heimzufahren, worauf wir noch bockiger wurden und ihn als Spießer verhöhnten.

Es ging ums Prinzip. Wir waren verwöhnte Jungs. Wir erwarteten, dass Mutti vom Himmel fiel und hinter uns herräumte. Wutentbrannt machte Hansen Ernst und dampfte ab, die WEGA 2000-Anlage auf dem Beifahrersitz.

„Dann seht zu, wie ihr nach Hause kommt!“

Damit hatten wir nicht gerechnet, aber niemand versuchte ihn aufzuhalten. Es hätte auch keinen Sinn gemacht, Hansen aufzuhalten, wenn er sich verletzt fühlte. Als Kind hatten er und sein Bruder die schwerste Verletzung erlitten, die ein Kind erleiden kann: die überforderte Mutter hatte ihre beiden kleinen Jungs zur Oma abgeschoben. (Der Vater starb früh an Krebs und blieb den Jungs als der große Held in Erinnerung, der sie im Sommer gerne mit zum Angeln nahm.) Fortan hasste der dicke Hansen Frauen, die sich von ihm trennten. Frauen, die sich von ihm trennten, überzog er mit Hass und Niedertracht. Er verpfiff sie beim Finanzamt, wenn sie schwarz kellnerten, er machte Telefonterror, er schlitzte die Reifen ihrer Autos auf.  Er mochte es einfach nicht, wenn man sich gegen ihn stellte.

Aber wer mag das schon.

Während der dicke Hansen nun allein im Wagen auf der Rückfahrt war, steckten wir zu dritt im Oberbergischen fest. Was blieb uns anderes übrig, wir würden den Daumen raushalten müssen und die gut zweihundert Kilometer bis nach Hause trampen.

“Zur Not zeig ich am Straßenrand meinen nackten Hintern”, bot Pepe an. Er hatte einen perfekt geformten, wunderbar weichen Frauenhintern, wie ein Schwämmchenverkäufer.

Als wir uns auf die Socken machten, dämmerte es bereits. Die illuminierten Christbäume in den Vorgärten, der weiße Rauch aus den Schornsteinen, das Dorf wirkte so friedlich, als habe man gerade den neuen Papst gewählt und der Welt verkündet. Und dann kamen wir daher und schmissen Schneebälle. Trafen eine Hauswand. Eine Kellertür, ein kleines Fenster. Vielleicht haben wir auch nur zu laut gelacht. In den Schnee gerotzt. Zu rotzig durchs Dorf geblickt.

Keine Ahnung.

Eine Haustür wurde aufgerissen. Im Eingang bauten sich ein Vater und seine Söhne auf. Drei kräftige Söhne, mit aufgepumpten Fäusten, dahinter die Mutter. Mütter von idiotischen Söhnen wissen in der Regel, dass sie idiotische Söhne zur Welt gebracht haben, und feuern sie an.

Es dauerte keine halbe Minute, da lagen sämtliche Langspielplatten, die ich in einer Plastiktüte mit mir trug, im Schnee verstreut, und mein Schädel klopfte, als hätte mir jemand Betonwürfel ins Auge gedrückt.

Karlos hatte einen Finger gebrochen und ging stiften, am ärgsten aber erwischte es Pepe, ihn stampften sie wirklich ein. Seine Brille splitterte, das Nasenbein knackte, er spuckte Blut. Ein Schneidezahn war weg.

Natürlich gab es dauernd Schlägereien damals. “Sollen wir vor die Tür gehen, Alter!?”, “Ja, gehen wir vor die Tür, Alter!” und dann ging man vor die Tür, Alter, und markierte den dicken Maxe, doch wirklich auf die Nase gab es eher selten. Die Sache im Oberbergischen dagegen war anders. Sie kam kurz und bündig wie eine Eilmeldung: paff, paff, paff! Lasst euch nie wieder hier blicken!

Paff!

Auf der Polizeistation im nächst größeren Ort, ein Fremder hatte uns an der Landstraße aufgelesen und mitgenommen, ließ man uns auf der Bank schmoren. Man beschimpfte uns als “Drogensüchtige”, die schon verdient hätten, was ihnen widerfahren war.

“Blutet uns ja nicht die Wache voll, ihr Säue!”

Erst als Pepes Vater, ein vermögender Unternehmer, der sein Geld mit einer Kette Jeans-Stores gemacht hatte, spät am Abend vorfuhr, im einschüchternd strengen Benz und braungebrannt, bequemte man sich, einen Arzt zu rufen und Strafanzeige aufzunehmen. Die im Sande verlief. Wir haben nie wieder von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft gehört, in dieser Sache.

Wir waren heilfroh, als wir im beheizten Mercedes saßen und Pepes Vater kutschierte uns heim, wortkarg durch die Dunkelheit. Ein einziges Mal noch wurden wir munter. Wir hielten an einer hell ausgeleuchteten Jet-Tankstelle, und eine Frau mit Mannequinfigur, viel zu dünn angezogen, betankte ihren Wagen, und wie auf Kommando trällerten wir im Chor:

LA LA LA.

Im Benz duftete es nach Leder. Im Nachtradio lief Burt Bacharach. Wahrscheinlich war es James Last.

2011 in review

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

(Merkwürdigerweise ziehen 500beine immer noch mehr Besucher an als glumm.wordpress.)

Hier ist eine Zusammenfassung:

Das Sydney Opera House bietet Platz für 2.700 Konzertbesucher. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 56.000 mal besucht. Das entspräche etwa 21 ausverkauften Konzertveranstaltungen im Sydney Opera House.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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All Time Top Forty

01. Bumsen in der Badewanne

02. Nachtzug nach Budapest

03. Deutsche Junkies sind Petzliesen

04. Der unerhörte Exzess: Airen veröffentlicht Strobo im Sukultur-Verlag

05. Nur ein paar dumme Stunden

06. Babylon und ein doppelter Rittberger

07. Ich mag

08. Zwei schwarze Babes

09. Cinzano und Psilos

10. Feuerland

11. Transportschaden

12. Komma ich blute

13. Zahnarztstory No. 1

14. Kaputt geschrieben

15. Nordfrankreich humpelt

16. Der Schuss

17Ich ging rein und setzte Kaffee auf

18Frag die Engel auf LSD

19. Fotostrecke (6): Eigentlich eine lustige Stadt

20. Das Weib des Lyrikers

21. Fadenwarze

22. Homo Bohei, Glück, Airen I

23. Die Niete

24. Der Brandanschlag von Solingen

25. Geht doch um nix 85

26. Aus dem geheimen Hausbuch der Gräfin, VII: Vor der großen Fleischwunde

27. Die Sachbearbeiterin

28. Das Weihnachtskegeln

29. Deckel hoch, Wasser kocht

30. 3. Juli 1971: Das Pulver hochgradig rein, Morrison besoffen wie immer

31. Das Blut einer Nacht

32. Lecker Grünkohl

33. Runa

34. Du bist so kalt

35. Wir fahren nach Zeeland

36. RSV Kohlfurth: Zum 100jährigen Bestehen einer untergegangenen Legende

37. Chip

38. Mit Thomas Kling in Bochum

39. Auf Verlagssuche

40. Fotostrecke (3)