Platzwunde

Anfang Juni 2013 stürzte Vater in der Küche und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Was genau passiert war blieb unklar, eins aber stand fest: Sobald er wieder auf den Beinen war, muss er das ganze Blut vom Linoleumboden aufgewischt haben, bis auf einen winzigen kreisrunden Rest in der Küchenmitte, der war ihm entgangen.

Er hatte sogar dafür gesorgt, dass nichts von der Küchenrolle zu finden war, mit der das Blut aufgewischt wurde, weder im Abfalleimer noch sonst irgendwo, er muss alles in der Toilette entsorgt haben. Bloß um den Anschein von Normalität aufrecht zu halten. Damit alles weiter seinen gewohnten Gang nahm, damit kein Mensch ins Altenheim musste.

Blut?

Was denn für ein Blut?

Es gab Überlegungen, Planspiele, Vorschläge. So hatte Vater schon bald nach Mutters Tod erste Erkundigungen eingezogen, ob wir uns eventuell vorstellen könnten, bei ihm zu wohnen und ihn mitzuversorgen, die Gräfin und ich. „Ich mach euch nicht viel Arbeit“, sagte er, und wie er das sagte, mit ebenso kleiner wie entschiedener Stimme, hatte ich dieses schummrige Gefühl im Bauch, das sich immer dann meldet, wenn Liebe zu stark zu werden droht, wenn Liebe die Perspektive mit warmer Pranke verschiebt. Wenn man kurz davor ist, eine spontane Entscheidung zu treffen, die man später eventuell bereuen wird, weil die Wirklichkeit, die folgt, eine Planierraupe ist, die sich einen Scheiß um spontane Gefühle schert.

Denn eines war klar: auch wenn die Wohnung mit knapp 90 Quadratmetern nicht klein war, für drei Leute und einen Hund war die Aufteilung der Räume zu ungünstig, das sah Vater letzten Endes auch ein. Niemand hätte je seine Ruhe gehabt. Da auch bei meinem Bruder und meiner Schwester die Verhältnisse nicht so waren, dass Vater dort einziehen konnte, mussten wir uns schnell etwas einfallen lassen. Nach dem Unfall in der Küche setzte uns Vaters behandelnde Haus-Ärztin die Pistole auf die Brust. Sie könne keine Verantwortung mehr für Vater übernehmen, solange er allein lebte und niemand ganztägig ein Auge auf ihn warf.

„Das muss sich ändern, und zwar so rasch wie möglich.“

Vermutlich hatte Vater am Abend in der Küche gesessen, ein Tomatenbrot mit Zwiebeln gegessen und war dabei vom Drehstuhl gerutscht und auf den Boden aufgeschlagen. Ob er kurzfristig ohnmächtig gewesen war, niemand konnte es sagen. Er selbst hatte keinerlei Erinnerung an den Vorfall. Sagte er. Ich glaubte ihm. Vielleicht nicht zu 100 Prozent, aber gute 95 waren drin.

Ich war gegen halb vier mit dem Hund zur Schillerstraße gekommen. Wenn ich die Wohnungstür im zweiten Stock aufschloss und nachschaute, wo Vater sich aufhielt, musste ich vorsichtig zu Werke gehen. In seiner Einsamkeit war Vater oft so tief in sich versunken, dass ihn fast der Schlag traf, wenn man plötzlich vor ihm stand und hallo sagte.

Hallo Papa.

„Junge, hast du mich erschreckt…! Ja, bist du denn verrückt!? Das kann man doch nicht machen!“

Besonders heikel war es, wenn er sich zum Mittagsschläfchen ins Esszimmer zurückgezogen hatte. Auf dem gemütlichen alten Sofa mit den beigefarbenen Bommeln schlief er so entrückt und fest, dass es kaum möglich war, ihn wach zu bekommen, und da konnte ich mich beim Betreten der Wohnung noch so forsch ankündigen, PAPA, ICH BIN’S!

Oder ich schickte gleich den Hund vor. Lauf, weck den Opa! Doch dann war die Gefahr groß, dass Vaters jähes Aufwachen mit dem Bild eines vor ihm stehenden Riesenköters zusammenfiel, und der zog die Lefzen hoch.

„Ich dachte, was ist das denn fürn Untier!“

Wie ich es auch drehte und wendete, das Aufwecken blieb ein Problem. Im ersten Moment, wenn er aus tiefen Traumschichten stieg und die Augen aufmachte, war ich für Vater stets ein Fremder, den er nicht kommen gehört hatte, ein Fremder, der ihn überfallen und ausrauben wollte. In Amerika, mit einer Pumpgun unterm Kopfkissen, hätte er mich locker zwanzig Mal über den Haufen geknallt.

Vater lag auf dem Sofa, unter Decken begraben. Er schlief tief und fest, ein vertrauter Anblick. Nur der Kopf war zu sehen und sein wirr abstehender weißer Haarschopf – ein Dirigent, der sich zwischen zwei Aufführungen aufs Ohr gehauen hatte, um sich zu erfrischen.

Ich stand über ihm und begutachtete seinen Schlaf. Manchmal blieb ich minutenlang so stehen, still und bewegungslos, den Blick auf den alten geschundenen Körper gerichtet. Wie ein Bussard kreiste ich über ihn und wachte über seinen Herzschlag, denn in Vaters Alter, in seinem Zustand konnte man nie ganz sicher sein, ob die Wolldecke, die sich im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte, sich auch wirklich im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte oder ob ich mir das nur einbildete und der Körper längst – oder unlängst – erkaltet war.

Lebte der alte Bursche noch??

(Ich war nicht nur Vaters privater Herzschlag-Bussard, ich war auch ein Luftbild-Archäologe, der aus einer gewissen Höhe Muster zu erkennen suchte, Hirnströme im Schädel des Alten, zackige Kurven.)

Oh, süße sorglose Tage, wenn ich am Sofa stand und er plötzlich und unerwartet die Augen aufriss und hellwach war!

„Ach du bist es..!“

(Manchmal hatte ich echt die Nase voll. Ich hatte alles Mögliche probiert, um ihn schonend wach zu bekommen, doch er reagierte auf nichts, auf gar nichts. Er schlief einfach weiter bis ich kurzentschlossen an seiner Schulter rüttelte wie an der bösen Stiefmutter.

„Papa!“

„JAA.. BIST DU DENN..? DES WAHNSINNS..? HAB ICH MICH VIELLEICHT ERSCHROCKEN!!“)

Er schlief immer noch. Er träumte, den Mund halb geöffnet. Ich stutzte. Da war ein dunkler Fleck an seinem Haaransatz. Ich bückte mich zu ihm hinunter. Ein Klecks Blut verklebte sein graues Haar, getrocknetes Blut. Er stöhnte leise im Schlaf. Ich ermunterte den Hund laut zu bellen, damit Vater endlich aufwachte, doch der Hund kapierte nicht, was ich wollte, blickte hilflos um sich.

Ich stand an der Couch, rief laut „Vater!“, zupfte unschlüssig an der gesteppten Decke und rüttelte erneut an seiner Schulter, was alles nichts brachte, dafür ist der Altersschlaf ein zu mächtiger Diktator, da hilft es nicht, unschlüssig an der gesteppten Decke zu zupfen und ein bisschen „Vater“ zu winseln, „du musst aufstehen, du kannst nicht den ganzen Tag schlafen.“

Ich griff zum finalen Mittel. In der Küche war ein Wasser-Boiler aus den Sechzigerjahren. Sobald das Wasser kochte, setzte ein Daueralarm ein, ein Inferno, dass dem Mietshaus fast das Dach wegflog, und tatsächlich: sofort war Vater wach, mit schreckensweit geöffneten Augen.

„WER IST.. WAS IST LOS..?!“ keuchte er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen.

„Na, das frag ich dich..“, sagte ich.

„WAS??!“

Ich ließ ihn erstmal zu sich kommen. Er stöhnte und schmatzte. Der Hund hechelte. Nach einer Weile stieß Vater die Decke weg, streckte die Hand nach dem Hund aus.

„Da ist ja auch der Hund.. hallo Molli.“

Frau Moll schleckte genüsslich Vaters Hand, rauf und runter, wie einen dicken Fleisch-Lolli. Sie liebte die milchige, nach Aprikose duftende Creme, die der Pflegdienst bei ihm auftrug.

„Sag mal, Papa.. was hast du am Kopf gemacht..?“

„WAS??!“

„WAS DU AM KOPF GEMACHT HAST!“

Er saß jetzt halb auf dem Sofa, halb hing er durch, ein angebrochener Schiffsmast in Trainingshose. Er winkte verschlafen ab.

„Ach so.. ja. Weiß auch nicht, was da passiert ist.“ Er versuchte das Thema nicht weiter zu berühren, doch ich nagelte ihn fest.

„Bist du hingefallen?“

„WAS?!“

„OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST DA EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF! DA MÜSSEN WIR WAS MACHEN. DAS KÖNNEN WIR NICHT EINFACH SO LASSEN, PAPA! WAS HAST DU GEMACHT?“

Er nickte müde. Ja, ich weiß. Da war so was. Da ist so was.. geschehen. Unangenehme Geschichte. Scheint die Sonne..? Setzen wir uns draußen auf den Balkon? Ja? Komm, wir gehen auf den Balkon. Wir können zwei Stück Apfelkuchen auftauen.

Seine Augen, rot und todmüde, wie die Scheinwerfer eines betagten Doppeldeckers, der den Himmel schon so oft abgeflogen war, dass er jeden kleinen Winkel kannte, jedes noch so kleine feindliche Luftschiff, jeden Luftzug.

Lass mich einfach in Ruhe, sagten diese Augen.

„Was ist passiert, Papa?“

Nein, er konnte sich nicht erinnern. Ich schaute mir die blutverschmierte, verklebte Wunde aus der Nähe an. Es war nicht zu erkennen, was darunter los war. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung. Zum Glück war ihm nicht übel, er hatte kein Kopfweh, und schwindelig war ihm sowieso ständig. Das kam vom Zucker. Um rekonstruieren zu können, was geschehen war, klapperte ich die Wohnung ab, ich suchte nach Indizien und fand schließlich den kreisrunden Fleck Blut auf dem Küchenboden.

„Du bist in der Küche gestürzt“, sagte ich, holte eine Schüssel voll warmen Wasser und einen Waschlappen. Vater versank auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Er blickte mich aus großen ängstlichen Peter Lorre-Augen an.

„Ich weiß, ja. Was machst du da…?“

„Ich versuch das Blut abzutupfen.“

„WAS?“

„ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN.“

Es war aussichtslos. Das Blut war bereits eingetrocknet. Es gelang mir lediglich, die Kruste etwas aufzuweichen, worauf die Wunde wieder leicht zu bluten begann. Es war halb sechs. Der Pflegedienst konnte jeden Moment einfliegen. Vielleicht reichte es, wenn die Pflegerin einen Blick auf die Wunde warf. Vielleicht auch nicht. Ich suchte die Telefonnummer des Pflegedienstes raus, entschied mich aber dafür, lieber bei der Hausärztin anzurufen, deren Praxis um die Ecke lag, keine dreihundert Schritte entfernt. Machen Sie sich sofort auf die Socken. Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Ich legte auf und rief ein Taxi. Zu Fuß schaffte Vater es nicht.

Ich half ihm beim Anziehen, was nicht so einfach war, da er es hasste, gleich nach dem Aufwachen in eine hastige Aktion verstrickt zu werden. Und was sollte ich mit dem Hund machen? Allein lassen in Vaters Wohnung würde nicht funktionieren, dann bellte Frau Moll die ganze Hausgemeinschaft in Schutt und Asche. Also mitnehmen den Hund. Im Taxi?! Frau Moll spürte, dass die Situation brenzlig zu werden versprach, sie dackelte die ganze Zeit hinter mir her. Da die Gräfin sie tags zuvor stundenlang gebürstet hatte, sah sie aus wie ein Riesenstofftier von der Kirmes. Vater und ich lachten kurz auf.

Um zehn vor sechs war das Taxi da. Für eine Fahrt von 300 Metern. Da hilft nur üppig Trinkgeld, sonst hast du schnell ein Messer zwischen den Rippen. Der Fahrer, ein mürrischer Türke, kam die Treppe hoch. Wir nahmen Vater in die Mitte und führten ihn durchs Treppenhaus runter zum Wagen, wobei ich mit der freien Hand noch die Hundeleine halten musste, weil Frau Moll uns sonst zwischen den Beinen hin- und her gewuselt wäre. Ich kam mir vor wie ein Marionettenspieler, der Mühe hatte, die Fäden seiner beiden Puppen auseinander zu halten.

Nachdem Vater im Taxi verstaut war, schickte ich den Wagen voraus und folgte zu Fuß mit dem Hund zur Vereinsstraße. Alles sehr umständlich. Da die behandelnde Haus-Ärztin nicht im Haus war, musste sich ein anderer Arzt aus der Gemeinschaftspraxis um die Wunde kümmern. Während Vater, der sehr schwach und unkonzentriert wirkte, im Sprechzimmer auf den Doc wartete, trudelten ständig weitere Patienten ein, obwohl die Sechs Uhr-Deadline längst überschritten war.

Ich hatte andere Probleme. Wohin mit dem Hund? Ich konnte Frau Moll schlecht mit in die Praxis nehmen, also leinte ich sie im Hausflur am Geländer an, das war okay für sie. Es ließ sich aber nicht vermeiden, dass Nachbarn, die in die oberen Etagen wollten oder von dort kamen, über den Hund hinweg steigen mussten, eine Konstellation, die Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen konnte. Dabei geriet sie schnell in Stress und verlor jegliche Contenance und Beißhemmung, auch wenn es bloß ein Beißen in die Luft war. Ein Warnbeißen. Doch was sollte ich tun? Den Hund mit in die Praxis nehmen, verbot schon die Front der Arzthelferinnen, ein Trio blutjunger türkischer Frauen mit und ohne Kopftuch. Da konnte ich mir jegliche Diskussion ersparen.

Ich teilte mich auf. Fand mich für einige Minuten im Sprechzimmer ein, wo ich Vater Gesellschaft leistete beim Warten auf den Arzt, dann war ich zurück im Flur und kraulte den am Geländer angeleinten Hund, um ihn zu besänftigen. Irgendwann rief der Doktor mich zu sich, ein jovial auftretender Mann, leger gekleidet wie für den Everyday Award, der im Gespräch ständig zwischen Du und Sie lavierte und unentschlossen wirkte, wie er mit Vater verfahren sollte.

„Mir fehlen hier die Gerätschaften, um festzustellen, ob Ihr Vater eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er kann sich ja nicht einmal erinnern, was überhaupt passiert ist. Vielleicht war er unterzuckert und ist eine Weile ohnmächtig gewesen, wer weiß.“

Da Vater Diabetes hatte, war der Verdacht einer kurzen Ohnmacht durchaus begründet, er bekam seit einiger Zeit Insulin gespritzt. Der Doktor tendierte dazu, Vater übers Wochenende ins Klinikum einweisen zu wollen, nur zur Beobachtung, „dann sind wir auf der sicheren Seite. Wenn Sie mir jetzt natürlich versprechen, ich schlafe heut Nacht bei meinem alten Dad und pass auf ihn auf, dann können Sie ihn mitnehmen.“

„Dann machen wir das so“, sagte ich, obwohl ich keine große Lust hatte, im ex-Ehebett meiner Eltern zu übernachten, aber darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hauptsache, er musste nicht ins Krankenhaus, wo übers Wochenende eh keine Untersuchung stattfand. Er bekam eine Tetanusspritze, die Wunde wurde gereinigt und desinfiziert, wobei sich herausstellte, dass es sich weniger um eine echte Platzwunde handelte, sondern eher um einen Riss, aus dem aber schon seit vergangener Nacht kein Blut mehr gesickert war.

Genau in dem Moment, als der Doc „Das ist doch mal eine gute Nachricht“ sagte, hörte ich plötzlich lautes Gebell und Gepolter aus dem Treppenhaus.

„WEM GEHÖRT DER SCHEISS KÖTER HIER!??“

Mit einem vage unguten Gefühl stürzte ich durch die sich leerende Praxis Richtung Ausgang und stieß die Tür zum Treppenhaus auf.

„Der Hund gehört mir. Wieso?“

Frau Moll saß aufrecht auf dem untersten Treppenabsatz und hechelte gestresst, während ein Mann in meinem Alter etwas abseits im Flur stand, er war kaum zu bändigen.

„DER ALTE BOBTAIL DA WOLLTE MEINEN SOHN BEISSEN!“

Ich blickte mich um. Ich sah keinen alten Bobtail, ich sah kein Blut, keine ausgebissenen Fleischstücke, nichts war zu sehen oder zu beanstanden, nicht mal ein vereinzelter loser Milchzahn. Ja, da war nicht mal ein Sohn zu sehen. Ich beschloss Ruhe zu bewahren. Alles andere machte keinen Sinn.

„Das ist kein Bobtail, das ist ein Hütehundmischling“, stellte ich klar. „Und wo ist denn ihr Sohn?“

„DER IST DRAUSSEN, SO EINE ANGST HAT DER GEKRIEGT! DER IST RAUSGERANNT! DER KÖTER WOLLTE MEINEN SOHN KILLEN!“

Ich fragte, was genau passiert war. Als ich hörte, was passiert war, entschuldigte ich mich. Ich sagte, dass ich als Junge ebenfalls Schiss vor Hunden gehabt hätte, dass ich das gut nachvollziehen könne, dass es mir leidtäte und dass der Hund niemals wirklich zubeißen würde, dass er das noch nie getan hätte, er würde nur in die Luft schnappen zur Warnung, wenn man über ihn hinweg zu steigen versuchte, und dass man das als Junge natürlich als Biss wahrnehmen würde etc. etc. Ich nahm allen Wind aus den Segeln. Ich hielt den Ball flach. Es war nichts passiert, und ich hatte andere Sorgen.

Während Vater mit versorgter Wunde in der Praxis saß, warteten Frau Moll und ich im Hausflur aufs Taxi, das uns wieder nach Hause bringen sollte. 300 Meter, fett Trinkgeld. Ich kraulte Frau Moll das Fell, damit sie sich beruhigte. Ganz kleinlaut lag sie da, mit vom Durchzug umgeklappten hellrosa Öhrchen.

Baby, kurz vorm Vollmond hält man die Füße still, flüsterte ich. Weiß doch jeder.
Sie hatte nach dem Jungen geschnappt, der im Treppenhaus auf dem Weg nach unten über sie hinweg gestiegen war, und ihn dabei kurz in den Arm gekniffen. Der Vater des Jungen, alarmiert von dem Geschrei, war aus der Wohnung im zweiten Stock gestürzt, um nachzusehen, was los war. Ich hatte mich dafür entschuldigt. Vater und Sohn waren daraufhin nach oben gegangen, zurück in die Wohnung. Dachte ich jedenfalls. Bis ich im Hausflur ein Flüstern wahrnahm, von oben, ein lautes genervtes Flüstern.

„Jetzt haben wir uns auch noch ausgesperrt, Vati..“

In dem ganzen Tohuwabohu hatte der Vater den Schlüssel in der Wohnung vergessen, und beim Durchzug war die Tür zugeschlagen. Jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf die ältere Tochter zu warten, die hatte einen Ersatzschlüssel, wie ich heraushörte. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill, schließlich lag das ganze Schlamassel im Schwenkbereich meiner Schuld. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich den Hund nicht im Flur angeleint, wäre der Junge nicht über den Hund gestiegen, hätte mein alter Vater nicht zum Arzt gemusst, wäre er nicht vom Stuhl gerutscht und auf den Schädel geknallt, wäre Mutter nicht zwei Jahre zuvor gestorben, womit die ganze Malaise ihren Anfang nahm. Die Malaise begann stets mit irgendjemandes Tod. Ich fand den Tod nicht gut, ich fand die ganze Veranstaltung Tod zunehmend unpassend.

Endlich kam das Taxi. Ich holte Vater aus der Praxis. Zum Glück war es derselbe Fahrer wie auf der Hinfahrt, ich musste nicht viel erklären. Er guckte auch so schon ziemlich doof aus der Wäsche. Schon wieder wir. Die Mini-Tour.

Bloß raus hier, dachte ich. Bevor noch ein Unglück geschieht.

Wie gehts meinem Vater

Der man einmal war, bevor das Leben schrecklich wurde.

*

Morgens rufe ich im Krankenhaus an, wo man ihn vorsorglich eingeliefert hat, seine Blutzuckerwerte spielten verrückt. Er liegt auf der Nephrologie, wo er nicht wirklich hingehört, doch auf der Inneren war auf die Schnelle kein Bett frei, schon gar kein Privat-Bett.

“Wie gehts meinem Vater? Wie hat er die Nacht verbracht?”

“Wie er die Nacht verbracht hat, kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie die Nachtwache fragen.“ Die Krankenschwester klingt gleichzeitig amüsiert und genervt. “Im Moment sitzt Ihr Vater wieder draußen auf unserem Hanse-Stuhl und schimpft über Gott und die Welt, wie man ihn kennt.”

Wie man ihn kennt..? Da ist unser alter Vater nicht mal einen Tag auf Station, und schon heißt es, wie man ihn kennt.

Wenn das mal kein Qualitätsmerkmal ist..

Als ich die Station betrete und nach jemand Ausschau halte, der zum Zustand meines Vaters Auskunft geben darf, komme ich an einer offenstehenden Tür vorbei. Ein Männlein steht mitten im Zimmer, das weiße Krankenhaus-Leibchen schlottert an seinem Körper. Es hat eine Strickjacke übergeworfen, deren Knöpfe falsch geknöpft sind. Haltlos tapst es umher, auf Socken, die schiere Panik im Gesicht. Erst, als es mich erblickt und meinen Namen ruft, erkenne ich ihn.

“Papa..!!” ruf ich erschrocken.

Er gräbt sich in meine Arme, versteckt das Gesicht hinter seinen Händen. Sein weißes Haar steht wirr in der Luft, wie nach einer Razzia.

“Ich dachte schon, ihr hättet mich alle abgeschrieben! Ich könnt so luggen..!”

Er ist kaum zu bändigen. Er irrt im Kreis umher, das Gesicht in den verschorften Händen. Ein alter Dickhäuter, der zu lange schon auf der Welt ist, um sie noch zu verstehen. Es dauert seine Zeit, bis ich ihn so weit runterfahre, dass er sich ins Bett legt. Er muss zur Ruhe zu kommen.

Auch ich bin aufgebracht. Ich bin aufgebracht, weil man ihn ohne Rücksprache ins Klinikum eingeliefert hat. Mit der Leitung des Altenheims war abgesprochen, Vater nur noch dann ins Krankenhaus einzuweisen, wenn es dazu medizinisch keine Alternative gibt und wir Kinder zuvor informiert werden. Jeder Krankenhausaufenthalt bereitet ihm solche Qualen, dass er vom Moment der Einlieferung an radikal abbaut, seelisch wie körperlich. Ortsveränderungen sind Gift für demenzkranke Menschen. Die fremden Gesichter, die vielen überflüssigen und langwierigen Untersuchungen, mit denen Kliniken ihre millionenschweren Apparateparks auslasten, die damit verbundenen Strapazen und Ängste.

Du willst einen Pflegefall töten? Stecke ihn ins Krankenhaus und warte fünf Minuten.

Trotz der Abmachung mit der Altenheimleitung geschieht es immer wieder, dass einzelne überforderte Pflegekräfte sofort nach dem Notarzt telefonieren, wenn Vater sich morgens beim Waschen nicht kooperativ zeigt und grantig wird. Was schon mal passieren kann, wenn man früh um fünf aus dem Bett gescheucht wird, im Kommandoton. Und wenn dann noch die Blutzuckerwerte gestiegen sind, an einem Freitag, wie es der Zufall will, konstruiert man daraus kurzerhand ein heftiges Variieren der Blutzuckerwerte. Und je nachdem, welcher Notarzt gerade Dienst hat, fackelt der nicht lange und schreibt so fix eine Einweisung, dass keine Zeit bleibt, sich mit irgendwelchen Angehörigen in Verbindung zu setzen, die eh nur Ärger machen – Sache erledigt. Soll sich doch das Krankenhaus übers Wochenende mit dem dementen Deppen herumärgern.

 

Bis 19 Uhr liegt er im Bett und schläft. Aber es ist ein unruhiger Schlaf. Trotz zweier zusätzlicher Wolldecken und der auf volle Pulle gestellten Heizung ist ihm so kalt, dass er fröstelt, er bibbert regelrecht. Ich hole eine dritte Decke aus der Wäschekammer. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, rollt mit den Pupillen, starrt zur Decke. Dann fällt er wieder in den Schlaf. Unruhig, ohne echte Entspannung. Doch immerhin, er liegt im Bett.

“Zum ersten Mal an diesem Tag,” wie die Pflegerin erleichtert feststellt, als sie ins Zimmer reinschaut, um das Abendbrot zu bringen. “Er hat praktisch den ganzen Nachmittag im Hanse-Stuhl verbracht und gezetert und geschimpft.”

Der Hanse-Stuhl ist ein Riesenmöbelstück, das am Ende des Flurs steht und dem unregelmäßig amtierenden König der Station vorbehalten bleibt. Die Jury besteht aus dem Pflegepersonal, das aktuell Dienst schiebt, und der Arzt-Visite. Die hat auch ein Wörtchen mitzureden. Der Hanse-Stuhl hat weitläufige Armlehnen, die ihn zu einem majestätisch anmutenden Thron, ja zum Herrschersitz aufbrezeln. Selbst von anderen Stationen kommen am Wochenende Patienten und Pflegekräfte auf einen Sprung rüber, um dem aktuellen König zu huldigen. Unserem Vater.

Der alte Schreihals.

“Die trachten mir nach dem Leben”, soll er nachmittags in einer Art Dauerschleife geschrien haben. “Die wollen mich abspeisen, die wollen mich fertig machen! Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird. Und das nur, weil ich nicht weiß, welches Datum heute ist und welchen Wochentag wir haben.. Der ist bestusst, heißt es dann. Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird!”

Man kann es nicht anders sagen. Seit Vaters Umzug ins Altenheim feiern Demenz und innere Erregung fröhliche Eskapaden und er spricht die Wahrheit – nichts als die Wahrheit.

 

Ich weiss nicht, an wieviel aberhundert Abenden ich im Wohnzimmer am großen Kirschbaumschrank saß, die Kopfhörer aufgesetzt und aus dem Stereo-Radio Musiksendungen mitschnitt, die sich um Pop drehten, um US-Charts und britische Neuentdeckungen, während keine drei Meter entfernt, mit dem Rücken zu mir, mein Vater seinem spät entdeckten Hobby nachging und Heimorgel spielte, die Kopfhörer aufgesetzt. Er in seiner beschwingten Farfisa-Welt, ich in meinem UKW-Universum.

Was besonders in Erinnerung geblieben ist: wie mein Vater, er war damals Ende vierzig, ich vierzehn, beim Spielen mit den Beinen arbeitete. Er trat in die Pedale seiner Orgel, als wolle er den Tourmalet erobern, dazu die Handarbeit an den zwei Manualen. Er schmiss sich in die Tasten wie ein Handwerker, der Feierabend hatte, aber nicht davon ablassen konnte, zu schmirgeln und sich ins Zeug zu legen. Eine schöne Zeit war das. Wir fröhnten beide unseren Leidenschaften, Abend für Abend, gemeinsam, ohne den anderen groß damit zu behelligen.

Und dauernd sah ich seinen rockenden Rücken.

 

Wir hatten nicht viele Gemeinsamkeiten. Zwar waren wir uns vom Gemüt her ähnlich und auch äusserlich unschwer als Vater und Sohn zu erkennen, doch damit hatte es sich. Mit meiner Leidenschaft für Fußball konnte er nichts anfangen, ich kann mich nicht erinnern, dass er je ein Spiel besucht hat, bei dem ich auf dem Platz stand. Nicht, dass es mir wirklich gefehlt hätte, ihn am Spielfeldrand zu sehen wie so viele andere Väter meiner Klubkameraden, die sich den Hals wund meckerten, weil ihr Sohn nicht mit Flanken gefüttert wurde, aber es zeigte eben doch, wie wenig er sich für mein Leben interessierte.

Einspruch. Da gab es ein Spiel, wo er mit dabei war. Und meine Mutter auch. Es muss ungefähr 1972 gewesen sein, wir spielten mit dem RSV in Baumberg am Rhein, auf Rasen, und Vater probierte seine neue Super 8 Kamera aus. Schöne Farbaufnahmen, aber ich war nicht gut in Form an diesem Tag. Mein Vater stand am Spielfeldrand und filmte mich. Das machte mich nervös. Kaum ein Trick gelang.

 

Der Bettnachbar, wesentlich jünger als mein Vater, ist ein komischer Kauz. Ständig ins Kreuzworträtsel der Frau im Spiegel versunken, zeigt er keinerlei Interesse an seiner Umgebung. Nicht mal in dem Moment, wo ich das Zimmer betrete, blickt er auf. Und auch als Vater lauthals schreit, “DIE WOLLEN MICH FERTIGMACHEN!”, bleibt er stur im Kreuzworträtsel verhaftet. Wie ein Bussard, der über der Zeitschrift steht und nur darauf wartet, dass er endlich Beute macht, wie ein Buchstabenbussard. Erst im Laufe des Abends merke ich, dass der Mann ein gewaltiges Problem mit dem Hören hat, ja, dass er vermutlich schwerhörig ist und außerdem kaum Deutsch spricht, geschweige denn versteht. Kein Wunder, dass er mit dem Kreuzworträtsel nicht zurecht kommt.

Als ich ihn frage, ob er vielleicht eine Ahnung habe, wie sich das grelle Licht am Krankenbett meines Vaters herunterdimmen ließe, muss ich schon dreimal nachfassen und ihm direkt unter die Augen treten, bis er endlich kapiert, was ich von ihm will. Dann aber gibt er bereitwillig und kompetent mit Händen und Füßen Auskunft und ruckzuck herrscht gemütliche Dämmerstimmung im Zimmer. Eigentlich ganz in Ordnung, der blöde Hammel.

Vater hat dennoch keinen Respekt vor ihm. Er nennt ihn bloß Vinzenz, wenn er von ihm spricht. Nun weiß ich aus jahrelanger Erfahrung, dass Vater nur solche Leute Vinzenz nennt, die er nicht ernst nimmt. Ein Vinzenz rangiert im Ansehen meines Vaters noch weit unter der Pfeife, und eine Pfeife gilt schon nicht viel. Ironischerweise ist Vinzenz von Viktor abgeleitet und bedeutet: Sieger. Aber so ist das nun mal mit den Märtyrern im Dunstkreis meines Vaters.

 

“Mir ist kalt”, jammert Vater, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Immer wieder erkundigt er sich, ob ich die Heizung auch wirklich hochgedreht habe. “Ich friere wie ein Schneider.”

“Du bist ein Frösterpitter”, sag ich, und er lächelt. Wenn ich Platt spreche, lächelt er.

“Ich hab schon als kleiner Junge immer gefroren”, sagt er.

Das ist doch mal ein Wort. Ich steige sofort darauf ein.

“Wie hast du es denn später im Beruf gemacht?”

“Was meinst du?”

“Na ja, wenn du als Installateur in Kellern gearbeitet hast, ich mein, da muss es doch ständig bitterkalt gewesen sein. Oder hat dir jemand von den Stiften alle zwei Stunden eine Wärmflasche vorbeigebracht?”

Er übergeht den müden Scherz.

“Na, deswegen hab ich mich doch früh selbständig gemacht.” Er wartet einen Moment, um zu prüfen, ob ich weiß, worauf er hinaus will. “Damit ich als Meister solche Arbeiten nicht ausführen musste. Das konnte ich.. delegieren. Das waren meine Überlegungen damals. Es war ja alles genau geplant. Als Meister musste ich nie irgendwo arbeiten, wo es unangenehm kalt war. Außerdem konnte ich jeden Mittag nach Hause fahren, Mittagessen und mich ein Stündchen aufs Ohr legen.”

“Ich erinnere mich.”

Zwischen eins und halb drei, nach dem Essen, mussten wir Kinder still sein, Papa hatte sich hingelegt. In diesen knapp anderthalb Stunden war in der ganzen Wohnung nichts zu hören, ausser dem leicht wiegenden Surren der Spülmaschine und kehliges Schnorcheln.

“Ja, siehst du. Das hätte ich als einfacher Geselle alles nicht gekonnt.”

Da hatte er also Mitte der 50er Jahre seinen eigenen Betrieb eröffnet, um nicht sein Leben lang selbst in eiskalten Kellern buckeln und frieren zu müssen. Noch Jahrzehnte später ziehe ich den Hut vor solchen Schachzügen, die einem das Leben erleichtern. Und nicht nur das: Weil er in seiner eigenen Kindheit so oft frieren musste und uns Kindern diese Erfahrung ersparen wollte, bekam jeder von uns Dreien seinen eigenen Heizkörper ans Bett montiert.

Ehrensache.

 

Vater schließt die Augen und schläft etwas. Ich schaue ihm zu. Den unruhigen Atemzügen, den Zuckungen in seinem Gesicht, mit denen er auf Geräusche vom Stationsflur reagiert. Einmal kracht ein Tablett zu Boden, mit lautem Geschepper. Er reißt die Augen auf.

“Was.. war das denn..??!”

“Ach nichts. Draussen auf dem Gang ist.. Besteck  zu Boden gefallen.”

Er nickt zufrieden. Unterdessen nehme ich seine Hände, die über Kreuz auf dem Brustkorb liegen, in meine Hände, und drücke sie.

“Ja, das kannst du ruhig tun”, flüstert er.

 

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Zum zweiten Todestag meines Vaters (1927-2014)

Fotos Willi Glumm 523

Der Bursche ganz rechts unten

Geplant war Ewigkeit (13): Die letzten Tage

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5. Februar 2014

Vaters desolater, an einen Schlaganfall erinnernder Zustand hält an. Er ist kiebig und laut, als ich am Nachmittag ins Altenheim komme. Er sitzt am Katzentisch vorm Schwesternzimmer, ein Bein lässig über die Armlehne seines Rollstuhls geschwungen, und beschimpft die Frauen, die im Halbkreis zusammensitzen, ihm den Rücken zugewandt, demonstrativ schweigend.

„Gut, dass mein Sohn kommt..!“ ruft Vater, als er mich entdeckt. „Andreas! Sag den Frauleuten mal, ich hab denen nichts getan..!“

Ich grüße in die Runde, die eher einer Mauer gleicht, einer Mauer aus Kleidern und Augen, ernte aber kaum ein Nicken.

„Wem hast du nichts getan?“

Er macht große Augen.

„Na, den..en.. hier! Die wollen mich doch.. die wollen mich doch..“

„Ach, der bildet sich was ein“, wagt sich eine Stimme aus dem Halbkreis.

Da könnte was dran sein. In seiner jetzigen Verfassung ist die Aussenwelt für ihn eine einzige fortgesetzte Bedrohung. Ein falsches Wort, und es regt sich eine schwer zu definierende Wut in ihm. Der Franzose ist ihm auf den Fersen, der Engländer sowieso. Selbst wir Kinder kommen kaum an ihn heran.

„Du hast bestimmt was in den falschen Hals gekriegt..“, sag ich und tätschle seine Hand. Aber er ist kaum zu beruhigen.

„Doch, doch, doch..! Ich hab denen doch gar nichts getan. Die wollen mich.. wollen mich..“, er sucht nach den richtigen Worten, „.. die wollen mich.. ausliefern!“

Daher weht der Wind. Ausliefern.. Einige Tage zuvor kam er zu dem Schluss, von allen Gefangenschaften seines Lebens, (womit hauptsächlich die 2jährige Kriegsgefangenschaft in England gemeint war), sei die letzte die schlimmste:

das Alter.

Er fühlt sich gefangen. Die Frauen sind konkurrierende Mitgefangene, die Wärter das Pflegepersonal, das ganze Gebäude ein Lazarett. Das hatten wir schon einmal.

Vater wirkt ungepflegt, die Trainingsbuxe trägt er seit Tagen, nur das weiße Haar sieht top-schick aus, seit meine Schwester mit ihm beim Coiffeur um die Ecke war. Dass er mit seinem Charme alle Frisörinnen im Handstreich eroberte, so kennt man ihn. („Einen anderen Kat? Wat is dat denn?“ „Einen Undercut, Herr Glumm! Einen Undercut!“ „Kenn ich nicht.“)

So kannte man ihn.

*

Seit einer Woche verfällt er zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen.

Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.

„Da tun wir dir erstmal die Zähne rein.“

Dass das Pflegepersonal ihm die Prothese so oft nicht einsetzt, hat seinen Grund: sie finden das Ding nicht. Ich hab es schon im Blumentopf gefunden, unterm Bett, im Gang vor seinem Zimmer. Niemand konnte sich erklären, wie es da gelandet war. Egal, ohne das Teil kann er nicht vernünftig kauen, und beim Sprechen schludert er die s-Töne und harten Buchstaben.

„Die Frauleute wollen mir an den Kragen“, sagt er gereizt. „Die Weibsbilder. Die hüppen doch nur hier rum. Wie die Flöhe.“

„Ach was, du hast bestimmt wieder schlecht geträumt beim Mittagsschlaf. Und wenn du dann wach wirst, denkst du, alle Leute wollen dir was.“

Er sitzt im Rollstuhl und blickt zu mir hoch. „Ja..?“

„Ja.“

Ich geh ins Bad, suche sein Gebiss. Es liegt am Handwaschbecken. Ich säubere es unter fliessend heißem Wasser.

„ANDREAS!!“

Was denn jetzt. Ich stoße die Tür auf. „Was?“

„ICH MUSS MAL PINKELN!“ Er quengelt wie ein Kleinkind. „Ich muss mal!“

Ich seh ihn vor mir, wie er als Dreijähriger mit der Rassel auf einer umgedrehten dicken dash-Trommel herumhaut. Ich verlasse das Bad und drücke ihm die mit Super-Haftcreme eingeschmierte Prothese unter den Oberkiefer.

„So, einen Moment noch..“

„Ich muss mal!“

„Ja, ich weiss, aber es kann doch gar nichts passieren, du hast doch eine Windel an.“

„Eine.. Win.. del? Was verstehst du.. unter Windel?“

„Na, was du untenrum trägst, zum Beispiel..“

Das lässt er nicht gelten.

„ICH MUSS MAL!“

Von jähem Zorn übermannt versucht er sich im Rollstuhl sitzend die Trainingshose runterzuziehen, ein bockiges Kind, das den Eltern mal zeigen will, wie sehr es Pipi muss.

„UND GROSS AUCH!“

Ach, du Scheiße. Das ist nicht mein Ding.

„Moment, ich hol jemanden.“

Seine Lieblingspflegerin, eine echte Solingerin, blondiert, um die vierzig, stabil gebaut, Sommersprossen, hat Dienst. Sie ist die einzige, die Vater duzt. Sie setzt ihn ohne viel Aufhebens im Bad auf den Toilettenstuhl.

„Da kommt nichts..“, jammert Vater. „Jetzt, wo ich auf dem Klo sitze, kann ich nicht.“

„Ist ja auch kein Wunder“, entgegnet die Pflegerin. „Ist bestimmt schon alles in der Windel gelandet.“

„WAS?? WO IST DAS GELANDET?“

„In der Windel, alter Mann. W-I-N-D-E-L!! Schon mal gehört?“

Keine Reaktion. Dann:

„DA KOMMT DOCH WAS!“

„Na, Gottseidank.“

Um sechs bring ich ihn zurück nach vorn, in den Gang vorm großen Essensraum, aus dem man ihn verbannt hat, weil er es alleine nicht mehr gebacken kriegt.

„Wir brauchen morgens eine ganze Stunde, um ihn zu waschen und zu füttern, und das zu zweit“, erzählt eine andere Pflegerin, schwarzes krauses Haar, hager, auf dem Weg in die Zigarettenpause. „Füttern dauert so lang, weil er gar nicht mehr weiß, was er mit dem Löffel anstellen soll, den man ihm vor den Mund hält. Er guckt einen mit seinen treuen Augen an und ist ganz hilflos, und ehrlich gesagt, ich hoffe, Sie sehen es mir nach, aber wir alle denken das gleiche: Lieber Herrgott, hab Gnade mit diesem alten Mann und hole ihn heim..“

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann. An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, unf ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.“

Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Meist spaßeshalber.

Er sitzt am Katzentisch, direkt vorm Schwesternzimmer. Zum Abendbrot hab ich ihm eine Pferdewurst mitgebracht.

„Das war richtig“, sagt Vater.

Zwischen ihm und den Frauen, die noch nicht in den Essensraum gewechselt sind, herrscht angespannte Atmosphäre. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber es ist etwas vorgefallen. Dabei sind die meisten Damen ganz okay, bis auf ein oder zwei, die einem Streit nur ungern aus dem Wege gehen.

„So“, sage ich zu Vater und platziere ihn samt Rolli am Katzentisch, „gleich gibts Pferdewurst.“

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Ich sehe den Herrgott regelrecht vor mir, wie er da oben auf seiner Himmelstribüne hockt und sich ins Fäustchen lacht, weil ich exakt in dem Moment, wo ich in der Innenstadt in die 698 umsteige, in eine dicke Frau reinlaufe, die ein Kaugummi aufbläst, groß wie eine Pampelmuse, und locker platzen lässt.

PLOPP.

(Muss der Kerl einen Spaß haben.)

*

6. Februar 2014

Um 13.52 zeichnet die Mailbox einen Anruf aus dem Altenheim auf.

Ihr Vater hat einen HB-Wert von 8,4. Der Doktor ist gerade da und hat eine Einlieferung ins Krankenhaus angeordnet. Rufen Sie bitte zurück?

Bevor ich zurückrufe, telefoniere ich eine Stunde mit meinen Geschwistern. Wir sind am Ende mit den Nerven.

*

Letzter Teil (14) folgt nächste Woche

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Der Blueshund

 

Geplant war Ewigkeit (9)

„Tu mal die Witze-Seite rüber“, meinte Vater müde. Wir saßen in seinem kleinen, nicht ungemütlichen Zimmer im Altenheim und teilten uns die dicke Wochenendausgabe der Lokalzeitung. Er rieb sich die Augen. „Ach, nee..- nicht die Witze-Seite, nein“, korrigierte er sich, „ich meine doch die Dings.. die Seite mit den Todesanzeigen.“

Ich lachte auf, doch Vater blieb cool. Vielleicht erschien ihm der Versprecher nicht makaber genug, vielleicht war es aber auch in seinem Alter nicht mehr entscheidend, ob man die Witzeseite oder die Todesanzeigen meint. Ob ein Witz schlecht ist oder der Psalm ein Kracher, macht doch nichts.

Wenig später legte ich Vater ein Papier hin, zum Unterschreiben.

“Was ist das..?”

“Das ist.. also, na.. lies selbst.”

Er kauerte im Sessel und beobachtete mich misstrauisch. Im Hintergrund lief der Fernseher. Als ich gekommen war, hatte ich erstmal sämtliche Stationen per Suchlauf neu programmieren müssen – keine Ahnung, wie er das jedes Mal hinkriegte, dass die Sender verschütt gingen und manuell nicht mehr auffindbar waren, erst recht nicht mit seinen ungelenk gewordenen, verschorften Händen.

„Opa hat die dickste Haut der Welt“, sagte meine Nichte stets bewundernd, die hübsche Tochter meiner Schwester, wenn sie zu Besuch kam.

Seitdem Vater ins Heim umgezogen war, guckte er kaum noch Fernsehen. Vielleicht hätten wir ihm seine bauchige Neunzigerjahre-Kiste lassen sollen statt ihm dieses, wenn auch gemäßigt breite, Breitbildkino hinzustellen. Mit dem digitalen Datenstrom und der dazugehörigen lernfähigen Universal-Fernbedienung tat er sich so schwer, das er nicht mal das ZDF fand, wenn Aktenzeichen XY und Notruf Hafenkante lief, seine Lieblingsprogramme, oder eine farbige Kriegsdokumentation auf Phoenix.

“Die Knöppe sind so klein. Die krieg ich nicht zu packen.”

*

Beim Zappen waren wir bei einer Natur-Dokumentation hängen geblieben. Da er wie immer keine Lust hatte, die Kopfhörer aufzusetzen, verstand er maximal die Hälfte von dem, was der Sprecher erzählte, obwohl ich den Lautstärkepegel schon so laut gestellt hatte, dass die Damen auf dem Flur neugierig wurden und einen Blick ins Zimmer warfen. Gegenstand der Doku war ein See in Afrika, berühmt für seine schillernden Buntbarsche, wie der Sprecher wieder und wieder betonte.

Der geht mir langsam auf den Sack mit seinen schillernden Buntbarschen, sagte ich.

„Wieso drei Millionen Schweine?“ brüllte Vater mich an.

„Wie kommst du auf drei Millionen Schweine!?“

„Na das sagst du doch dauernd da!“

„Nicht drei Millione Schweine, schillernde Buntbarsche.“

„Ach so!“

*

Wenn ich ihn Nachmittags im Altenheim besuchte, machte Vater zunehmend einen leicht verwahrlosten, desorientierten Eindruck. Sein schlohweißes Haar stand ihm dirigentenmäßig wirr vom Kopf, er war seit Tagen unrasiert, der Hosenstall stand offen. Sein ganzes Auftreten war eine Form des Protests. Ein letztes Aufbegehren. Zu viel störte ihn an der neuen Situation im Altenheim, der er sich nur der Not gehorchend unterordnete.

Wenn es nach mir ginge, sagte sein gesamtes Äußeres, ich wäre nicht hier.

Aber es geht ja nicht mehr anders. Es ist zu gefährlich geworden, allein zu Haus zu sein. Wenn man stürzt und niemand ist da, der helfen kann, ich weiß, ich weiß..

Aus seinem Mund klang es wie eine Selbstbeschwörung. Ein hilfloser, letzter Versuch zu akzeptieren, was unumkehrbar war. Und jetzt kam ich auch noch mit einer unangenehmen Sache um die Ecke, die seiner Zustimmung bedurfte. Das Schriftstück lag vor ihm auf dem Tisch. Er nahm die Lupe in die Hand.

“Nee, wat is dat klein”, schimpfte er.

Es waren lediglich ein paar Zeilen, aber sie hatten es in sich. Nach vierundvierzig langen Jahren musste die Wohnung an der Schillerstraße gekündigt werden. Dort, wo ein Großteil unserer Familiengeschichte stattgefunden hatte, wo jedes Möbelstück, jede kleine Zinnvase im Regal so viel gesehen, gehört, geatmet hatte, dass es weh tat, sie in die Entrümpelung zu geben. Mohre, die ihre Schuldigkeit getan hatten, Nichtsnutze plötzlich nur noch. Sachen, die man in den Müll gibt. Weg damit.

„Aber nicht die Fotos. Nicht die Dias“, hatte Vater mich wieder und wieder bearbeitet. Zuletzt sogar bekniet. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. Weder mein Bruder noch ich hätten auch nur ein einziges Foto weggeschmissen von seinen Zehntausenden Dias, Papierfotos und Negativen.

Auf der Busfahrt zum Altenheim hatte ich mir Gedanken gemacht, wie Vater auf das Kündigungsschreiben reagieren würde. Er lebte schon einige Wochen im Heim, zur Probe sozusagen, hatte die alte Wohnung aber noch behalten. Dabei war eine Rückkehr unmöglich. Die Hausärztin hatte uns zum Schluss die Pistole auf die Brust gesetzt. „Ihr Vater kann nicht mehr allein bleiben, das kann niemand mehr verantworten.“

Tatsächlich hatte mehrfach der Gasherd über Nacht gebrannt, der Heizstrahler im Badezimmer wäre beinahe durchgeglüht. Er gefährdete auch die Mitbewohner im Haus. Es gab kein Zurück, und Vater wusste es. Und dennoch. Ich saß im Bus und hörte ihn beim Anblick des Kndigungsschreibens schon “Das ist mein Todesurteil!” aufschreien, begleitet von einem ungläubigen Blick: “Unterschreibt der Delinquent neuerdings sein eigenes Todesurteil?”

“Wir müssen.. kündigen zum Ende September”, sagte ich jetzt, “daran führt kein Weg vorbei.”

“Ja sicher. Ich kann auf Dauer nicht zwei Mieten zahlen, da kann ich mich ja gleich erschiessen.. lassen. Hast du einen Stift?”

Er legte die Lupe weg und überflog das Schreiben. Stutzig machte ihn allein das Feld links oben, in dem seine aktuelle Adresse eingetragen war.

“Was bedeutet das?”

Er zeigte auf das c/o, das dem Altenheim vorangestellt war.

“Na, das bedeutet.. wo du zur Zeit wohnst.”

“Zur Zeit? Zur Zeit.. ha! Das ist gut. Als würde noch eine andere Zeit kommen. Aber was ist c/o..?”

Während ich überlegte, unterzeichnete er mit zittrigen Händen die Kündigung zum nächsten Quartalsende.

“Nee, wat bin ich alt geworden”, brummelte er und besah sich seinen Otto. „Besüch dich dat.“

“Wieso? Das geht doch noch. Sieht doch gut aus.”

Ich meinte es ernst. Der Schwung seiner Unterschrift hatte mir schon immer gefallen, das Hoch und Runter der Buchstaben, das an die Straßenschluchten amerikanischer Innenstädte erinnerte. Und es gefiel mir immer noch, ohne Abstriche. Auch wenn es jetzt eher die Skizze eines alten Kapitäns war, der beim Dinner in großzügig-schnellen Zügen auf die Serviette warf, wohin die Schiffsreise ging – von hier aus. Eine stolze Reise, mit Wellengang und Windhose.

„Und was ist mit.. c/0?“

Verdammt.

*

Als Junge, erzählte Vater, „hatte ich Schiffskoch werden wollen, auf einem Ozeanriesen wie der Titanic. Das war mein großer Traum als Knirps: die weite Welt sehen.“

„Du und Schiffskoch? Du kannst doch gar nicht kochen. Genausowenig wie ich.“

„Darum ging es doch gar nicht. Ich hatte in einem Abenteuerbuch gelesen, dass man als Schiffskoch in die weite Welt hinaus kommt. Ich wollte auch in die weite Welt.“

Und dann landete er in Kriegsgefangenschaft tatsächlich in der Küche, als Smutje oben in Schottland, noch in amerikanischer Gefangenschaft, bevor er den Engländern überstellt wurde.

„Was hab ich anfangs gestaunt, was die Amis alles wegwarfen. Wenn es Hühnchen gab, bogen sich die Abfalltonnen, so viele nicht mal halb abgenagte Keulen und Bollen waren da drin. Und wir armen Schweine hatten monatelang nur einen Kanten Brot gefressen.“

Anfangs war es ihnen verboten, auch nur ein Fitzelchen Chicken-Fleisch aufzuheben und zu essen, Vergehen wurden streng geahndet. Erst mit der Zeit merkten die Amis, dass viele der deutschen Gefangenen bloß junge Burschen waren, die ihre ganze Kindheit hindurch von Nazi-Propaganda indoktriniert worden waren, und wurden lockerer.

„Zum Schluss durften wir sogar das gleiche essen wie die amerikanischen Offiziere.“

Kurz vor 18 Uhr verliessen Vater und ich das Zimmer im Altenheim, Abendbrot stand an. Auf dem breiten, hell gestalteten Flur trafen wir die beiden alten Damen, die wie immer einträchtig nebeneinander auf der Bank saßen. Die jüngere hielt die Hand der älteren, eher schmächtigen Freundin, die verloren zu gehen drohte in ihrer viel zu großen, porös gewordenen Haut. Sie sah aus, als trüge sie ein gewaltiges Hauszelt mit sich herum.

“Abendbrot, die Damen”, verkündete Vater galant und blieb stehen, auf den Rollator gestützt, den er bloß Alligator nannte oder meine Karre, beziehungsweise ming Kärrken, wenn er auf Platt parlierte.

“Herr Glumm, wir kommen mit”, zwitscherten die beiden Vögelchen im Chor, die Bäckchen noch rosig von der Nachmittagssonne.

Auch der Alte kam pünktlich den Flur runter. Der Alte kam tausend Mal am Tag pünktlich den Flur runter. Er hatte nichts anderes zu tun als tauend Mal am Tag pünktlich den Flur runterzukommen.

Der Alte hatte wie viele Demenzkranke einen unstillbaren Bewegungsdrang und war von früh bis spät unterwegs, ohne einen Ton von sich zu geben. Lediglich der Speichel verliess noch seine Mundwinkel, in langen tröpfelnden Schnüren, die sich auf dem Fußboden verloren. Dadurch war es stellenweise so glatt und schleimig, als wäre heisses Frittenöl verspritzt worden, man musste ständig darauf gefasst sein, auszurutschen.

Der Alte, mein Vater hatte ihn so getauft, war ein kleiner demenzkranker Mann mit zäher Grundausstattung. Die Vorstellung, dass er womöglich weitere zehn Jahre über die Stationsflure drängeln würde, seinen Speichel verströmend, war nicht von der Hand zu weisen.

Auch das Pferd war unterwegs. Das Pferd hatte seinen Spitznamen ebenfalls von Vater verpasst bekommen und trabte entgeistert über den Flur. Kaum hatte er sich zum Abendessen hingesetzt, war ihm ein Unglück unterlaufen. Ein Fanal: Er hatte sich das frisch gestärkte Hemd bekleckert. Er war knallrot vor Ärger.

„Guck mal, ein knallrotes Pferd“, sagte Vater.

Die Damen giffelten.

Das Pferd hatte ein langes Gesicht und war mundfaul. Ein verkrampfter Zeitgenosse, der nirgendwo Punkte sammeln konnte, während der Alte doch ein sympathischer Mensch war, eigentlich. Es war die Demenz, die zeitweilig einen Unsympath aus ihm machte.

Wenn der Alte mich kommen sah, hob er jedes Mal die Hand, als wollte er mich heranzitieren. Einweisen, in seine Richtung. Wie ein Lotse in seinen persönlichen Hangar: Hierhin, komm, Jung! Das erste Mal war ich noch darauf reingefallen. Er hatte mich bei der überraschend trockenen Hand genommen und ich durfte ihn begleiten über die Gänge des Altenheims, seinem letzten haltlosen Parcours.

Bis ich ihn schliesslich entnervt abgab, an eine Couch, die zufällig auftauchte am Ende des Gangs.

Es gab Heimbewohner, die hatten Angst vor dem Alten. Vor seiner Unberechenbarkeit. So wie die ältere der beiden befreundeten Damen. Die jüngere drückte ihr die Hand, worauf ihr die Tränen rollten, aus lauter Rührung.

“Wenn ich den Alten abends auf dem Gang treffe und keiner ist da, der mir helfen kann“, schniefte sie, „also.., was soll ich kleine Maus schon ausrichten gegen ihn..?”

“Ach was, der Alte tut doch nichts”, sagte ich, obwohl ich mir nicht so sicher war, wie ich tat.

Kölnisch Wasser umwehte unsere Nasen.

Wie ein Vöglein hockte die schmächtige alte Frau da, aus dem Nest geplumpst, ohne Heimat, ohne Sicherheit. Aber mit Freundin. Immerhin. Und die Freundin lächelte meinen Vater und mich an.

“Die hat soooo ein kleines Herz”, deutete sie zwischen Daumen und Zeigefinger an, wie winzig das Organ ihrer Freundin war: Ein Herzchen nur, ein Fliegenschiss. Ich musste lachen.

“Ach, keine Angst, der Alte tut nichts, der läuft doch nur hier rum”, sagte ich aufmunternd und es klang ein bisschen, als spräche ich von der alten zuckerkranken Stationskatze. Endlich zog Vater mich weiter, Richtung Essensraum.

“Ich han Schmeit”, sagte er auf Platt.

Ich faltete das Kündigungsschreiben zusammen und steckte es in die Brusttasche meines Hemdes. Zu Hause würde ich das Kündigungsschreiben noch mal hervorholen, um dem krickligen Namenszug meines Vaters einen stützenden kleinen Kuss zu verpassen, eine letzte kleine Hilfestellung.

Ehrensache.

Geplant war Ewigkeit (5)

„Hast du es schon gehört?“ fragte Mutter, als sie Freitagabend anrief.

„Mh, was meinst du..?“

„Papa kommt nicht mehr nach Hause.“

„Was? Wieso..? Wer sagt das?“

„Die Ärztin.“

„Welche Ärztin?“

„Die neue, die in Langenfeld.“

Mutters Stimme klang gebrochen von den vielen Tränen. Ihre Worte fielen hin, rappelten sich auf, klopften sich den Staub aus den Kleidern, versuchten weiter zu gehen, doch der Staub blieb drin. Machte die Stimme schwer.

„Was sagt die neue Ärztin denn?“

„Die Ärztin sagt, sein Gehirn wäre durch die Herzschwäche zu lange unterversorgt gewesen mit Blut, daher die schnelle Demenz. Er kommt nicht wieder nach Hause.. Er kommt.. er muss ins Pflegeheim.“

Es gibt Worte, die eine gewisse poetische Schärfe an den Tag legen, Worte wie Seenotfackeln oder Einfahrt frei halten Tag und Nacht, und es gibt Worte, die einfach nur scharf ins Ohr stechen, Worte wie Locked In Syndrom, Methadon, Pflegeheim. Worte, die alles aus dem Weg schaufeln. Die das Leben frei machen für Neues oder es beenden. Pflegeheim. Ich seufzte. Auch wenn wir Kinder die Möglichkeit schon ins Auge gefasst hatten, dass Vater im Pflegeheim vielleicht besser aufgehoben war als zuhause, falls sein Zustand sich nicht besserte, die eindeutige Prognose einer Ärztin, die sich mit dieser Krankheit auskannte, machte sprachlos.

„Dann bleibst du ja.. allein zurück“, sagte ich traurig zu Mutter.

„Ja, was soll man machen.“ Sie versuchte, besonnen zu bleiben. „Hier in der Nachbarschaft sind viele Frauen, die allein sind, das schaff ich schon. Da muss ich durch..“

Es dauerte keine halbe Minute, und sie begann zu schluchzen. Es kam mit solch einer Wucht und Vehemenz, dass auch ich nicht mehr an mich halten konnte. All die Anspannung der letzten Wochen, all die ungeheuerlichen Vorgänge rund um unseren alten Vater suchten ein Ventil.

„Moment..“, kriegte ich nur noch raus und legte den Telefonhörer auf den Küchentisch, während es mich schüttelte.

In diesem Moment betrat die Gräfin die Küche. Sie war mit dem Hund draußen gewesen.

„Was ist denn hier los..!?“

Ich zeigte nur auf den Telefonapparat, aus dem die Trauer meiner Mutter strömte. Die Gräfin wusste sofort Bescheid, wer dran war. Sie nahm den Hörer in die Hand.

„Er weint“, sagte sie zu meiner Mutter, die ihrerseits überhaupt nicht wußte, was los war.

Ich konnte nicht mehr.

*

Im Frühjahr 2009 rutschte Vater nach seinem zweiten Herzinfarkt ins Durchgangssyndrom ab, einer temporären Form von Demenz, die nicht selten in Altersdemenz mündet.

Zwar gelang es den erfahrenen Ärzten des Landeskrankenhauses gegen jede Prognose, den extra-geriatrischen Zellverfall zu stoppen und ihn medikamentös so einzustellen, dass er ins Leben zurückkehrte. Es war beinah, als wäre ihm ein hochpotenter Licht-Trunk verabreicht worden, der sein Hirn wieder aufhellte. Selbst die vorübergehende Entmündigung wurde von Amts wegen zurückgenommen. Er war wieder Herr seiner Sinne. Er war zurück. Und doch, im Rückblick erscheint diese Zeit wie ein letztes Verschnaufen vor dem endgültigen Abstieg. Wie ein letztes Gönnen Gottes.

*

Es war nicht mehr zu übersehen: Die Ehe meiner Eltern hatte im Laufe der Zeit gelitten, wie jede anständige langjährige Ehe – auch wenn es in erster Linie die Misere des Alters war, die beiden zusetzte.

Mutter wurde immer dünner und schwacher, und je mehr Gewicht sie verlor, je krummer der Rücken wurde, desto unwirscher reagierte sie selbst auf Vaters Schwächen. Besonders seine Schwerhörigkeit stellte das Zusammenleben auf eine harte Probe. Zuletzt schleuderte er einem sein gereiztes „WAS!?“ selbst dann entgegen, wenn er ausnahmsweise mal etwas verstanden hatte, auf Anhieb. Es war schon ein Automatismus geworden,WAS? zu rufen, ein Reflex. Ein nervtötender Reflex. Und da er sich weigerte, Hörgeräte zu tragen, (wegen der vielen störenden Nebengeräusche, „das scheppert und häckselt so im Hintergrund“), war Besserung nicht in Sicht. Sollten doch die Anderen zusehen, wie sie damit zurechtkamen, dass er jedes Mal nachfragen musste. Die Menschen in seiner Umgebung mussten Monat für Monat lauter werden, um noch zu ihm vorzudringen. Und unserer alten Mutter fehlte dazu schlicht die Kraft.

Und die Lust.

Wenn ich mir mittags den Hund schnappte und die Eltern auf einen Sprung besuchte, war die schlechte Stimmung zwischen den beiden oft greifbar. Sie kauerten am Mittagstisch und schaufelten das vom nahen Altenheim Cronenberger Strasse gelieferte, wässrige Mittagsmenü in sich hinein, jeder für sich: Vater den Kopf aufgestützt, lustlos löffelnd, Mutter müde und ohne Appetit. Es herrschte brütendes Schweigen.

Es war besonders dieses Schweigen, mit dem ich nicht umgehen konnte. Dabei schwieg Mutter hauptsächlich, um der Gefahr zu entgehen, das Gesagte wiederholen zu müssen. Dies ständige Wiederholen in Vaters Gegenwart war ja nicht nur anstrengend, es war absehbar und stupide. Und Vater schwieg, weil er eh keiner Unterhaltung mehr folgen konnte. Es gab Momente, da fühlte ich mich so ohnmächtig, dass ich am liebsten schreiend aus der Wohnung gelaufen wäre. (Doch was hätten da die Nachbarn gesagt: Sagen Sie, Frau Glumm, seit wann läuft ihr Ältester schreiend aus dem Haus..?)

*

Vater spürte Mutters zunehmenden Widerstand, natürlich. Einmal bekam er einen schlimmen Hustenreiz. Nach dem Mittagessen saßen wir noch etwas am Tisch, als Mutter meine Hand in ihre legte, wie eine Wahrsagerin. Sie streichelte die Handfläche, zeichnete die Adern nach und sagte schliesslich so was ähnliches wie ja, seit wann hast du denn so rote Wurstfinger, worauf ich überrascht auflachen musste, aber Vater, der uns misstrauisch beäugte, fing wie verrückt an zu husten. Es war nah am Asthmaanfall und nahm kein Ende, er schnappte schwer nach Luft. Mutter verdrehte nur genervt die Augen und kümmerte sich nicht weiter darum.

Es dauerte, bis ich verstand, was vorgegangen war. Vater war eifersüchtig geworden, weil Mutter mir Zärtlichkeiten zukommen ließ, die sie ihm vorenthielt. Mutter geizte ohnehin mit Berührungen, auch wenn sie insgesamt alles andere als kühl oder gar kalt gewesen wäre. Mit Anfassen war in unserer Familie nie viel, das hab ich erst später mühsam von den Frauen meines Lebens lernen müssen.

Was die Situation am Mittagstisch betraf, da hatte Mutter nach dem Motto agiert: Wenn du mir zuliebe nicht wenigstens ab und zu deine Hörapparate anlegst und mein Leben erleichterst, tue ich dir zuliebe auch nichts mehr. Eine langwährende Liebe beim Zieleinlauf. Er verstand sie nicht mehr, sie fühlte sich unverstanden. Zwei isolierte alte Menschen, die sich einst doch so gemocht hatten.

Nur gelegentlich schimmerte er noch durch, der alte Zauber. Wenn Vater sich aufraffte und von früher erzählte, sah ich in ihrem Blick, was sie an ihm so geliebt hatte. Seine Wärme, sein bedächtiges Zupacken, seinen Humor.

*

Ich fuhr mit Vater zum Akustiker. Wir hatten ihn überreden können, seinem zehn Jahre alten Hörgerät ein Update zu verpassen, inklusive Reinigung und Desinfizierung.

„Desinifizierung?“ rief Vater. „Wieso das denn? Bin ich schon ansteckend doof?!“

Zunächst gab es einen Hörtest. Da er den Kommandos des Akustikers kaum folgen konnte, begleitete ich ihn in die separate Testkabine. Erst da ging mir auf, wie schlecht er mittlerweile hörte. Besonders hohe Töne waren ein Problem. Nicht mal den hohen Dauerton konnte er hören, der ihm über Kopfhörer eingespielt wurde und den ich noch aus zwei Metern Entfernung ohne Kopfhörer vernahm, (und nicht nur das, es kratzte mir so an den Nervenenden, dass ich mir die Finger in die Ohren steckte, um nicht hysterisch aufzujaulen.)

Erst als der Ton gellend laut wurde, rief Vater endlich „JETZT!“, als Zeichen, das er ihn vernommen hatte.

„Ihre Ohren sind schon sehr geschädigt“, drückte es der Filialleiter des Akustikerfachgeschäfts behutsam aus. Ein Geschäftsmann, der überraschenderweise nicht alle Hebel in Bewegung setzte, um meinem Vater ein neues Hörgerät aufzuschwatzen. Im Gegenteil. Selbst die Auffrischung und Neueinstellung des alten Geräts lief unter Service und war kostenlos. Lediglich neue Knopfbatterien waren nötig.

„Ich wusste gar nicht, dass in Solingen so ein Krach ist“, meinte Vater, als wir im Taxi saßen und zurück zur Schillerstraße fuhren. Er hatte den Hörapparat ausnahmsweise drin gelassen.

Daheim ging es mit den akustischen Sensationen weiter. Als Mutter einen Kessel Wasser aufsetzte und das Wasser zu kochen begann, glaubte er Handwerker im Haus zu hören, die mit dem Schneidbrenner zugange waren.

„Machen die kein Mittag!?“ rief Vater wütend.

Und als ich die Balkontüre öffnete, um frische Luft reinzulassen, bellte er sofort „WAS??!“, weil er das Quietschen der Tür missgedeutet hatte.

„Ich dachte, ihr hättet nach mir gerufen!“

Geplant war Ewigkeit (4)

24. Januar 2014

„Bist du müde?“ frage ich Vater.

„Was?!“

„Ob du müde bist.“

„Müde?!“

„Ja, müde. Bist du müde?“

Sein weißes Haar steht wirr in der Luft, wie nach einer Razzia. Er überlegt eine Weile. Dann:

„Ich bin nicht glücklich. Ich bin deprimiert. Und müde.“

*

„Wenn du gleich nach Hause kommst, ist dann der älteste Sohn da?“

Einen Moment denk ich, dass er mich vielleicht mit meinem Bruder verwechselt, der hat zwei Söhne. Vater schaut mich verzweifelt an. Er ahnt, dass er etwas gesagt hat, das irgendwie nicht stimmt, doch er kann es nicht gerade rücken, nicht berichtigen, weil er nicht mehr genau weiß, was er gesagt hat. Nur, dass irgendetwas damit nicht stimmt.

Ich glaube, mit ältestem Sohn meint er Sanne.

„Ja“, antworte ich, „Sanne ist da, wenn ich gleich nach Hause komme.“

Sein Blick glüht vor Freude, dass ich ihn verstanden habe.

*

Als das Abendbrot kommt, helfe ich ihm in die Sitzposition. Sagen wir, in eine halbwegs aufrechte Liegestellung.

„Noch was höher das Kopfteil?“

„Nee, ist schon gut. Ist schon gut.“

Ich schmiere ihm ein Brot mit Butter und Käse, schneide es in kleine Stücke und füttere ihn. Dazu gibt es roten Tee. Wie im Altenheim. Da gibt es auch immer roten Tee. Alte Leute trinken roten Tee, ob im Krankenhaus, im Sanatorium, im Altenheim, im Demenzclub der Busch-Stiftung, im Hospiz. Das scheint Gesetz zu sein. Wenn ich demnächst alt bin, will ich auch roten Tee haben. Oder wenn ich tot bin. Dann spiele ich alter Mann und saufe im Himmel kannenweise Früchtetee, ihr Arschgeigen.

Vater war schon immer ein langsamer Esser, doch seit er zunehmend Hilfe benötigt beim Essen, isst er noch langsamer. Er scheint jeden Bissen im Mund fünfzig Mal hin- und her zu wälzen, umzudrehen, zu kauen und zu prüfen, wie ein Edelsteinhändler, der neuerdings in Graubrot macht.

Aber ich bin ein geduldiger Mensch. Genauso geduldig wie die Menschen in meiner näheren Umgebung geduldig mit mir sein müssen. Ich bin nämlich meines Vaters Sohn. Wir sind vom langsamen Schlag. Er kaut und kaut und kaut. Und kaut und kaut. Und wenn ich zwischendurch die Geduld verliere und schon das nächste Stückchen Brot mit Käse nachschieben will, obwohl er noch was im Mund hat und kaut, funkelt er mich böse an.

„Willst du mich ersticken?“

Die gleichen Worte, mit denen er sich früher bei Mutter beschwerte, wenn ihr eine Speise zu trocken geraten war, für seinen Geschmack.

Die Scheibe Mortadella verlangt er ohne lästiges Brot und mümmelt die Wurst in sich hinein. Nicht nur das Abendessen, auch die Medikamentengabe zur Nacht nehme ich den Schwestern ab, die nirgends so unfreundlich sind wie auf dieser Station. Durch die Bank zickige Tanten, spezialisiert auf patzige Antworten und Selbstgerechtigkeit.

„Dazu darf ich Ihnen nichts sagen.“

„Müssen Sie warten, bis der Doktor kommt.“

„Müssen Sie warten, bis der andere Doktor kommt.“

„Der Doktor kommt erst morgen. Der kann Ihnen mehr sagen. Wir wissen nichts. Und selbst wenn wir etwas wüssten, dürften wir es Ihnen nicht sagen.“

Immerhin erhalte ich auf meine Frage, ob es medizinisch unbedingt nötig gewesen sei, Vater ins Klinikum zu überweisen, prompt eine Antwort, von Stationsschwester Monika, dem schläfrigen Monstrum:

„Ja.“

Mehr dürfe sie nicht sagen, klar. Aber soviel rückt sie dann doch raus: was den Blutzucker betrifft, musste die Medikamentation neu eingestellt werden. Die Werte seien öfter mal im Keller, dann wieder im Himmel. Das erklärt auch den Traubenzucker, der sich neuerdings stets griffbereit in Vaters Nähe befindet, als erste Hilfe, falls ihm schwarz wird vor Augen.

„Ich kann nicht mehr“, prustet Vater, und einige feuchte Bröckchen Brot fliegen durchs Bett.

„Genug?“

„Ja. Ich bin satt.“

Mit einer Papierserviette berge ich Krümel von seinem Mund und von der Bettdecke, eine Aktion, die er mit weit aufgerissenen Augen verfolgt.

„Wo ist mein Alligator?“

Ich schaue mich im Zimmer um. Der Bettnachbar ist immer noch nicht zurück, seit er sein Tablett auf den Gang rausgebracht hat. Auch sonst gibt es nicht viel zu sehen. Schon gar keinen Rollator, den Vater nur noch Alligator nennt.

„Den hast du doch bestimmt im Heim gelassen, oder nicht?“

„Bei Gisela? Hab ich den bei Gisela vergessen?“

„Wieso bei Gisela?“

Gisela ist eine Bekannte aus besseren Tagen, die er seit bestimmt zwei Jahren nicht mehr getroffen hat.

„Von der Gisela hab ich heut Nacht geträumt“, meint Vater und neigt mir vertraulich den Kopf zu. „Obwohl es bei ihr nicht mehr viel zu träumen gibt.“

Er gluckst schelmisch.

Bald ist der Rollator vergessen, Gisela ist vergessen, das Abendbrot ist vergessen. Und plötzlich wird er ernst.

„Ich hab manchmal Angst, Andreas“, sagt er. Wenn er mich beim Vornamen anspricht, weiß ich, dass es dicke kommt. „Angst davor, was kommt.“

Und so oft ich auch sonst blöde Gegenfragen stelle, aus lauter Hilflosigkeit, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, in diesem Moment halte ich meine Klappe und sage gar nichts. Ich weiß natürlich, dass er unter all der Dunkelheit um ihn herum leidet, unter der Einsamkeit, und das wir Kinder ihm dabei nicht groß helfen können, so oft wir ihn auch besuchen.

„Haben wir nichts Süßes hier?“ fragt er.

„Hm, ich kann was holen, unten in der Cafeteria.“

„Würdest du das tun?“

„Na klar. Bin schon unterwegs.“

Ich kaufe eine Packung Kaffeegebäck Schoko-Traum, die er fast alleine verputzt.

Waffelröllchen, Biscuit.

„Du haust aber ganz schön rein.“

„Ja nun, was soll ich sonst machen? Was bleibt sonst noch übrig? Soll ich auf meine alten Tage das Rauchen anfangen?“

Er greift ein letztes Mal in die Kekspackung und entnimmt ein Plätzchen. Von der Wärme im Krankenzimmer ist die Schokolade geschmolzen und bleibt an seinen Fingern kleben. In den folgenden Minuten, die wir schweigend verbringen, muss er sich mit der Hand durchs Gesicht gewischt haben, denn das nächste, was ich sage, als ich ihn mir näher betrachte, ist bloß ein einziges Wort, he,

„Schokoschnute!“

 

Geplant war Ewigkeit (3)

23. Januar 2014

Morgens rufe ich im Krankenhaus an. Er wurde gestern vorsorglich eingeliefert, da seine Blutzuckerwerte verrückt spielten. Er liegt auf der Nephrologie, wo er eigentlich nichts zu suchen hat, doch auf der Inneren ist auf die Schnelle kein Bett frei gewesen, schon gar kein Privat-Bett.

„Wie gehts meinem Vater? Wie hat er die Nacht verbracht?“

„Wie er die Nacht verbracht hat, dazu kann ich Ihnen nicht sagen“, meint die Krankenschwester. „Aber im Moment sitzt er draußen auf unserem Hanse-Stuhl und schimpft wieder über Gott und die Welt, wie man ihn kennt.“

Sie klingt amüsiert und zugleich genervt. Da ist unser alter Vater gerade mal einen halben Tag und eine Nacht auf Station, und schon heißt es, wie man ihn kennt.

Wenn das mal kein Qualitätsmerkmal ist.

*

Als ich gestern Nachmittag die Station betrete und zunächst mal jemand suche, der zum Zustand meines Vaters Auskunft geben darf, komme ich an einer offenstehenden Tür vorbei. Ein Männlein steht mitten im Zimmer, das weiße Krankenhaus-Leibchen schlottert am Körper. Es hat eine Strickjacke übergeworfen, deren Knöpfe falsch geknöpft sind. Haltlos tapst es umher, auf Socken, die schiere Panik im Gesicht. Erst, als es mich erkennt und meinen Namen ruft, „Andreas!!“, erkenne ich ihn.

„Papa..!!“

Vater schließt mich, nein, er gräbt sich in meine Arme und versteckt das Gesicht hinter seinen Händen.

„Ich.. ich dachte schon, ihr hättet mich alle abgeschrieben! Ich könnte so luggen..!“*

Er ist kaum zu bändigen. Er irrt im Kreis umher, das Gesicht in den Händen verborgen. Ein alter Dickhäuter, der zu lange schon auf der Welt ist, um sie noch zu verstehen.

Es dauert seine Zeit, bis ich ihn so weit habe, dass er sich ins Bett legt, um etwas zur Ruhe zu kommen. Auch ich bin aufgebracht. Ich bin aufgebracht, weil man ihn ohne Rücksprache mit uns Kindern ins Klinikum eingeliefert hat. Mit der Heimleitung war abgesprochen, Vater nur dann ins Krankenhaus einzuweisen, wenn es dazu medizinisch keine Alternative gibt. Jeder Krankenhausaufenthalt bereitet ihm solche Qual, dass er vom Moment der Einlieferung an radikal abbaut, seelisch wie körperlich.

Ortsveränderungen sind Gift für demenzkranke Menschen. Die vielen fremden Gesichter, die überflüssigen und langwierigen Untersuchungen, mit denen die Kliniken ihre millionenschweren Apparateparks begründen, die damit verbundenen Strapazen und Ängste. Willst du einen pflegebedürftigen Angehörigen töten, stecke ihn ins Krankenhaus und warte fünf Minuten.

Trotz der Abmachung mit der Altenheimleitung geschieht es immer wieder, dass einzelne überforderte Pflegekräfte sofort nach dem Notarzt rufen, wenn Vater sich morgens beim Waschen nicht kooperativ zeigt und grantig wird. Und wenn dann noch zufällig die Blutzuckerwerte gestiegen sind, macht man daraus kurzerhand ein „heftiges Variieren der Blutzuckerwerte“. Und je nachdem, welcher Notarzt gerade Dienst hat, fackelt auch der nicht lange und schreibt so fix eine Einweisung aus, dass keine Zeit bleibt, sich mit Angehörigen in Verbindung zu setzen – Sache erledigt. Sollen sich doch Andere mit den dementen Deppen herumärgern. Es liegt ein medizinischer Notfall vor, und niemand will sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen.

*

Bis 19 Uhr liegt er gestern friedlich im Bett und schläft. Aber es ist ein unruhiger Schlaf. Trotz zweier zusätzlicher Wolldecken und der auf volle Pulle gestellten Heizung ist ihm so kalt, dass er fröstelt, sein scharf ausrasiertes Kinn bibbert regelrecht. Er öffnet kurz die Augen, rollt mit den Pupillen, starrt zur Decke. Dann fällt er wieder in den Schlaf. Unruhig, ohne echte Entspannung. Mit bibbernder Kinnlade. Doch immerhin, er liegt im Bett.

„Zum ersten Mal an diesem Tag,“ wie eine Pflegerin erleichtert feststellt, als sie ins Zimmer reinschaut, um das Abendbrot zu bringen. „Er hat praktisch den ganzen Nachmittag im Hanse-Stuhl auf dem Gang gehockt und gezetert und geschimpft.“

Der Hanse-Stuhl, ein Riesenmöbel, bleibt dem unregelmäßig amtierenden König der Station vorbehalten. Die Jury besteht aus dem Pflegepersonal, das gerade Dienst tut, und die Arzt-Visite hat ebenfalls ein Wörtchen mitzureden. Der Hanse-Stuhl hat weitläufige Armlehnen, die ihn zu einem majestätisch anmutenden Thron, ja zum Herrschersitz aufbrezeln. Selbst von anderen Stationen kommen am Wochenende Patienten und Pflegekräfte auf einen Sprung rüber und huldigen dem aktuellen König. Unserem Vater.

Der alte Schreihals.

„Die trachten mir nach dem Leben“, soll er nachmittags in einer Art Dauerschleife geschrien haben. „Die wollen mich abspeisen, die wollen mich fertig machen! Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird. Und nur, weil ich nicht weiß, welches Datum heute ist und welchen Wochentag wir haben, halten die mich für bekloppt. Der ist bekloppt, heißt es dann. Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird!“

Man kann es nicht anders sagen. Seit Vaters Umzug ins Altenheim feiert die Demenz fröhliche Eskapaden, und er spricht die Wahrheit.

*

Der Bettnachbar ist wesentlich jünger als mein Vater und ein komischer Kauz. Ständig ins Kreuzworträtsel der Frau im Spiegel versunken, hat er keinen Blick für seine Umgebung. Selbst in dem Moment, wo ich erstmals das Zimmer betrete, blickt er nicht auf. Und als Vater lauthals schreit, „DIE WOLLEN MICH FERTIGMACHEN!“, bleibt er stur im Kreuzworträtsel versunken. Wie ein Bussard, der einen halben Meter über der Zeitschrift steht und auf Beute wartet, Buchstaben.

Erst im Laufe des Abends merke ich, dass der Mann ein Problem mit den Ohren hat, ja, dass er vermutlich schwerhörig ist und außerdem kaum Deutsch versteht, geschweige denn Deutsch spricht. Kein Wunder, dass er mit dem Kreuzworträtsel nicht zurecht kommt.

Als ich ihn frage, ob er vielleicht wisse, wie sich das grelle Licht am Krankenbett herunterdimmen ließe, muss ich dreimal nachfassen und ihm direkt unter die Augen treten, bis er endlich kapiert, wovon ich spreche und was ich will. Dann aber gibt er mit Händen und Füßen kompetent Auskunft, und ruckzuck ist es gemütlich im Zimmer.

Vater hat dennoch keinen Respekt vor seinem Zimmergenossen. Er nennt ihn bloß Vinzenz, wenn er von ihm spricht. Aus jahrelanger Erfahrung weiß ich, dass Vater Leute nur dann Vinzenz nennt, wenn er sie nicht ernst nimmt. Ein Vinzenz rangiert im Ansehen meines Vaters noch weit unter einer Pfeife, und eine Pfeife gilt schon nicht arg viel. Ironischerweise ist Vinzenz von Viktor abgeleitet und bedeutet Sieger.

Aber so ist das mit den Märtyrern im Dunstkreis meines Vaters.

*

„Mir ist kalt“, jammert Vater, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Immer wieder erkundigt er sich, ob ich die Heizung auch wirklich hochgedreht habe.

„Ich friere wie ein Schneider.“

„Du bist ein Frösterpitter“, sag ich, und er lächelt. Wenn ich Platt spreche, lächelt er.

„Stimmt, ich hab schon als kleiner Junge immer gefroren.“

Das ist doch mal ein Wort. Endlich ist er klar im Kopf. Ich geh sofort darauf ein.

„Wie hast du das denn später im Beruf gemacht?“

„Was meinst du?“

„Na, du hast doch als Installateur in Kellern gearbeitet, ich mein, da muss es doch ständig bitterkalt gewesen sein. Oder hat Mutti dir alle zwei Stunden eine Wärmflasche vorbeigebracht?“

Er übergeht den müden Scherz.

„Na, deswegen hab ich mich doch früh selbständig gemacht.“

Er wartet einen Moment, um zu prüfen, ob ich weiß, worauf er hinaus will.

„Damit ich als Meister solche Arbeiten nicht ausführen musste. Das konnte ich.. delegieren. Das waren meine Überlegungen damals. Es war ja alles genau geplant. Als Meister nirgendwo arbeiten, wo es kalt ist. Außerdem konnte ich jeden Mittag nach Hause fahren, Mittagessen und mich ein Stündchen aufs Ohr legen.“

„Ich erinnere mich“, sag ich.

Zwischen eins und halb drei hatten wir Kinder still zu sein, weil Papa sich hingelegt hatte. In diesen anderthalb Stunden war in der ganzen Wohnung nichts anderes zu hören als dieses leicht wiegende Surren der Spülmaschine.

„Ja, siehst du. Das hätte ich als einfacher Geselle alles nicht gekonnt.“

Da hatte er also Mitte der 50er Jahre einen eigenen Betrieb eröffnet, um nicht sein Leben lang in kalten Kellern buckeln und frieren zu müssen. Noch Jahrzehnte später ziehe ich den Hut vor solchen Schachzügen, die einem das Leben erleichtern.

Und nicht nur das: Weil er in seiner eigenen Kindheit so oft frieren musste und uns Kindern diese Erfahrung ersparen wollte, bekam jeder von uns Dreien seinen eigenen Heizkörper ans Bett montiert.

Ehrensache.

Vater schließt die Augen und schläft etwas. Ich schaue ihm zu. Den unruhigen Atemzügen, den Zuckungen in seinem Gesicht, mit denen er auf Geräusche vom Stationsflur reagiert. Einmal kracht ein Tablett zu Boden, mit lautem Geschepper von Besteck und Porzellan.

Er reißt die Augen auf.

„Was war das denn..??!“

„Ach nichts. Da ist nur ein Tablett zu Boden gefallen.“

Er nickt zufrieden. Unterdessen nehme ich seine Hände, die über Kreuz auf dem Brustkorb liegen, in meine Hände, und drücke sie.

„Ja, das kannst du ruhig tun“, flüstert er.

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* Solinger Platt; weinen

Geplant war Ewigkeit (1)

Das Schreckliche am Tod ist das Gefühl, als wäre nie etwas gewesen, als hätte das Leben niemals stattgefunden.

Als hätte sich jemand alles bloß ausgedacht.

Als wäre bloß der Tod real.

*

Er war in seinem Element, wenn er von früher erzählte. Von der Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft, in die er 18jährig während der Ardennenoffensive geraten war, vom Tanzengehen nach dem Krieg, als der Eintritt einen Brikett kostete, damit das Tanzcafé beheizt werden konnte, von der Kindheit am wilden Bärenloch.

Besonders die Geschichten rund ums Bärenloch klangen in meinen Ohren wie aus Tausendundeiner Nacht. Es hatte einen fernen dunklen Zauber und war von einer zügellosen Zärtlichkeit durchdrungen.

Nichts tat Vater lieber, als uns mit Anekdoten aus seinem Leben zu versorgen, und so hielt er es auch nach dem plötzlichen Tod von Mutter, wenn ich ihn Nachmittags besuchte und wir auf dem Balkon saßen. Wo die Dynastie der sonnigen Nachmittage ihren Anfang nahm.

Nachdem wir eine Weile unterm Sonnenschirm gesessen, uns gegenseitig aus der Zeitung vorgelesen und den Hund gestreichelt hatten, schaute er über die Balkonbrüstung in den Himmel und begann zu erzählen. Er wusste, dass ich seine alten Geschichten gern hörte und nicht mal etwas dagegen hatte, wenn er sich wiederholte, weil ich es mir dann besser merken konnte. So hatten wir beide etwas davon.

In seiner ruhigen und gemächlichen Art trank Vater einen Schluck von der heißen Trinkschokolade, die eine bräunliche Rinne auf seinen Lippen hinterließ –  an manchen Tagen eine Kruste, eine dicke Kruste.

„Papa, du hast da was“, sagte ich.

Aber ich sagte es auch nur dann, wenn der Kakao-Schnauz so massiv geworden war, dass es mich ablenkte und ich nur noch auf den Mund starrte wie auf einen kleinen schmuddeligen Tatort anstatt den Worten zu lauschen.

Papas Familien-Geschichten waren aktive Ahnenforschung, auch wenn ich bis zum Schluss Schwierigkeiten hatte, die vielen Namen unter einen Hut zu kriegen, ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse untereinander zu klären. Und beim nächsten Mal nicht wieder alles durcheinander zu werfen.

Abschließend blickte er in seine verschorften Hände. Sie lagen auf dem Camping-Tisch, die Finger ineinander gekreuzt. Hände, die ein Leben lang hart zugepackt hatten, aber auf eine akribische und langsame Art, bei der Arbeit wie am Akkordeon.

Und jetzt ist alles vorbei, brummte er traurig.

Wie ein kleiner Bub saß er da, ein kleiner Bub Mitte Achtzig, dement in einem noch relativ frühen Stadium, ein Witwer, der nicht mehr weiter wusste. Geplant gewesen war Ewigkeit, verflucht noch mal, nicht alleine zurückbleiben, ohne Frau.

So saßen wir beisammen, Vater und Sohn, zwei Schiffbrüchige, ohne groß Land in Sicht, aber ein Floß unterm Hintern. Ein Floß, immerhin: der Kaffeetisch auf dem Balkon. Die Sonne am Himmel. Der Nachmittag. Der Hund, und die Geschichten.

*

20. Januar 2014

PFERDEWURST FÜR PAPA steht im Notizbuch obenan, wie eine Schlagzeile, die mich vorm nächsten Besuch im Altenheim daran erinnern soll, einen Umweg über den Werwolf zu machen, beim Pferdemetzger vorbei. Zweimal schon hab ich es verbockt, doch diesmal steckt die Pferdewurst in meiner Jackentasche, in Wachspapier eingerollt. Gut, dass ich ohne Hund unterwegs bin.

Papa ist ungehalten. Nicht nur, dass ich zu spät gekommen bin, seiner Auffassung nach.

„Warum machst du das?!“ geht er mich kurz an, so als würde ich ihn bestrafen wollen, indem ich mich extra verspäte. Dabei hab ich bloß am Schreibtisch gesessen und die Zeit vergessen.

„Aber jetzt bin ich ja hier“, sag ich.

Nein, es passt ihm nicht, und irgendwo hat er auch recht. Wenn ich erst nach vier ins Altenheim komme, bleibt kaum Zeit bis das Abendbrot serviert wird. Abendbrot um sechs ist der natürliche Break, um sich zu verabschieden, und von vier bis sechs, zwei Stunden, ist das mindeste, was wir brauchen, um miteinander warm zu werden.

Es ist halb fünf.

Aber Vater ist nicht nur böse auf mich, er beklagt sich auch über meine Schwester.

„Sag ihr, sie möchte doch bitte noch mal kommen. Ich hab sie so lang nicht gesehen.“

„Das kann doch gar nicht sein“, sag ich. „Klar, sie hat viel zu tun, aber sie war doch gestern hier.. oder nicht? Sie kommt doch jeden Sonntag. Sie war bestimmt hier, du hast es nur vergessen.“

Ich wende mich den beiden betagten Damen am Tisch zu, die in den vergangen Monaten so etwas wie Vertraute geworden sind. Wenn ich wissen will, was im Heim vor sich geht, ohne einen Mitarbeiter hinzuziehen, erkundige ich mich bei den beiden Damen. Beide sitzen im Essensraum am Tisch meines Vaters, beide sind an den Rollstuhl gefesselt und halten sich vom Gros der Mitbewohner fern, ohne sich zu isolieren. Sie bilden so etwas wie eine operative Einheit. Körperlich gebeutelt setzen sie Herz und Hirn ein, um im Altenheim zu überleben, sie sind ein Gespann.

„Doch, doch.. Ihre Tochter war gestern hier“, beruhigt die stämmigere der beiden Alten meinen Vater. Sie hält stets ein gutmütiges Lächeln in der Hinterhand, obwohl ihre Hüften wie verrückt schmerzen, vom vielen Sitzen im Rollstuhl.

„Siehst du, Papa, deine Tochter war gestern hier“, sag ich.

„Wer sagt das?“

„Na, die Damen. Die können das bezeugen.“

Vater ist nicht so schnell zu beeindrucken.

„Gestern war meine Tochter hier?“ wirft er ungläubig in die Runde.

„Ja, gestern. Am Sonntag.“

Plötzlich hellt sich sein Gesicht auf. Jetzt versteht er.  „Am Sonntag? Na, aber da war ich doch nicht hier!“

„Mh, klar warst du hier. Wo sollst du denn gewesen sein“, sag ich.

Er blickt mich unwirsch an, aus chemikalisch aufbereiteten, blutunterlaufenen Augen.

„Und ich hab .. mit ihr gesprochen..?“

„Ja, nehm ich doch an. Du hast es nur vergessen.“

„Ja, hab ich vergessen“, sagt Vater leise.

„Macht doch nichts. Hauptsache, sie war hier, und du warst hier.“

„Ja, Hauptsache, sie war hier..“

„Und du auch.“

„Und ich auch..“

*

Später fahren wir mit dem Aufzug runter ins Cafe. Er will Glühwein trinken. Wobei das mit dem Glühwein unwichtig ist, Hauptsache etwas mit Alkohol. Bloß keinen Kaffee. Nicht schon wieder Kaffee. Er kann keinen Kaffee mehr sehen.

Er hat eiskalte Hände. Ich nehme seine Hände und lege sie in meine.

„Hast du warme Hände“, sagt Vater.

Im Cafe ist kaum was los. Wir schauen in den hellen Innenhof, jeder hängt seinen Gedanken nach. Manchmal beobachte ich Vater und frage mich, was in seinem Kopf wohl vorgeht. Er ist nicht mehr der selbe, seit er im Heim ist. Man kann sich kaum noch länger mit ihm unterhalten, er hat seine Konzentration verloren. Er weiß oft nicht einmal, wovon ich spreche, und schaut ins Nichts. Er sieht Dinge, die sonst niemand sieht. Vögelchen, die zwischen den Speichen von Rollstühlen hin und herfliegen, Löcher in der Wand, die tief ins Mauerwerk reichen.

Er verschwindet auf seine ganz ureigene Weise, ganz anders als Mutter vor drei Jahren. Es geschieht in seinem Kopf, während Mutter Pfund für Pfund abmagerte und dünn wie ein Gespenst aus dem Leben schied, geistig aber bis zum Schluss intakt blieb.

„Heute gibts Pferdewurst zum Abendbrot“, sag ich.

Er schaut mich an. Nicht wirklich überrascht, eher so, als müsse er überrascht tun, mir zum Gefallen.

„Pferdewurst..?“

„Ja, hab ich dir mitgebracht. Hast du dir doch gewünscht.“

„Mh“, macht er und schürzt die Lippen. „Lecker Pferdewurst..“

Ich glaube ihm kein Wort, und wir lächeln uns an.

*

Abschied liegt in der Luft. Die Dynastie der sonnigen Nachmittage, die nach Mutters Tod ihren Anfang nahm, mit heißem Kakao auf dem Balkon, ist an ihr Ende gekommen. Doch noch lebt der alte Herrscher, noch atmet die alte Familie, noch ist die alte Sonne draußen. Einmal noch lächelt der Nachmittag.

Ich gluckse.

„Was ist?“ fragt Vater.

„Ach, nichts“, sag ich.

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Original War Index Card, British Army, 1945

Während der Ardennen-Offensive geriet mein Vater im Januar ’45 nahe Bastogne (Belgien) in Gefangenschaft

Können wir noch zwei Kaffee haben?

Es ist kurz nach fünf, als die Mitarbeiterin des Altenheim-Cafes missmutig die Tische wischt und darauf wartet, dass es endlich halb sechs wird und sie pünktlich die Kasse abrechnen und nach Hause kann. Da sind zwei späte Gäste nur lästig.

“Können wir noch zwei Kaffee haben?”

Auf meine erste Frage antwortet sie gar nicht, stellt sich konsequent taub und guckt woanders hin. Erst als ich die Frage wiederhole und dabei den stoischen Eindruck vermittle, es zur Not auch 45mal zu wiederholen,”Können wir noch zwei Kaffee haben?”, “Können wir noch zwei Kaffee haben?”,”Können wir noch zwei Kaffee haben?”, lässt sie sich zu einer Reaktion hinreißen. Was bleibt ihr auch übrig.

Öffnungszeiten: bis 17.30.

“Ja..”, brummt sie, “zwei mal Kaffee..”

Bis in den letzten Winkel ihres unglücklichen muffigen Gesichts ist ihr anzusehen, dass sie aktuell so ziemlich alles andere lieber täte als für meinen alten Vater und mich zwei Becher zu nehmen, unter den Henrystutzen des Kaffeeautomaten zu stellen und volllaufen zu lassen. Sie kann ihren Widerwillen kaum unterdrücken.

“Große Kaffee?”

“Ja.”

(Auch ich kann militärisch knapp.)

Papa steht unentschlossen am Tisch, ganz mit seinem Rollator verwachsen. Müde von den vielen verrauchten Momenten seines Lebens.

“Kannst dich setzen”, sag ich.

“Was?!”

“Kannst dich schon mal setzen..!”

“WASS?”

“DU KANNST DICH HINSETZEN! KAFFEE KOMMT GLEICH!”

“Ja, ist ja gut.. ist ja gut..”

Er bleibt dennoch stehen und weiß nicht, wie es weitergeht. Was es als nächstes zu tun gibt. Dass er das nicht weiß, passiert immer häufiger und ist neu. Keine Marotte, sondern das Fortschreiten der vaskulären Demenz.

“Komm”, sag ich, “ich helf dir.”

Verfall und Schwerhörigkeit schreiten voran. Er ist oft gar nicht mehr richtig bei der Sache, der Blick bleibt im Ungefähren hängen. Denkt man jedenfalls. Und dann haut er einen Spruch raus, dass einem schwindlig wird.

“Sag mal, fliegen da vorn Vögel durch die Speichen?”

“Was..? Welche Speichen?”

“Na da vorn, die Speichen vom Rollstuhl, der da.. rumsteht, da.. fliegen doch so kleine Vögel durch. Oder wie seh ich das?”

Er hat regelrechte Halluzinationen, vermutlich von dem Dutzend Medikamente, das er täglich schluckt. Wenn er das Zeugs aber nicht nimmt, überwältigt ihn die Angst und er bekommt die schiere Panik. Wovor? Vor dem eigenen Zustand. Davor, was mit ihm wird. So bleibt wenigstens eine dicke fette Decke drüber, mit den vielen Pillen.

Als er endlich am Tisch sitzt, kommt schon der Kaffee. Das heißt, der Kaffee wird aufgerufen, wie auf dem Amt. “Ihr Kaffee ist fertig!” Fertig zum Abholen, auf dem großen Plastiktablett. Ist ja ein Selbstbedienungs-Cafe. Wozu soll man heutzutage auch noch freundlich sein zu den Menschen. Lohnt doch nicht. Womöglich noch in der Gastronomie.

“Solln wir auch n’paar Plätzker eten?” meint Vater.

Plätzker. Das ist gehobenes Platt. N’paar Plätzker eten. Nicht Plätzchen, Plätzker.

„Warum nicht.“

Ich entscheide mich für ein Pfund Waffeln & Kekse, Gebäcktraum. Kaum ist die Packung geöffnet, langt Vater zu. Er zieht sich eine Schokowaffel nach der anderen rein, Stück für Stück, er ist eine gut geölte, ausgehungerte, verfallende Maschine. Wie ich ihm so zuschaue, wird mir bewusst, dass er unter Alterszucker leidet, doch die Werte sacken oft dermaßen in den Keller, dass die Pflegerinnen ihm den Traubenzucker riegelweise in den Mund schieben und erst Ruhe geben, wenn er sich das Zuckerstück bis zum letzten Krümel einverleibt hat.

Da kann er auch ein Pfund Plätzker vertragen.

Vater süßt seinen Kaffee mit Natreen, ich mit raffiniertem Zucker. Dummerweise ist der Zuckerspender nicht richtig zugedreht, und so geht reichlich was daneben, auf die Tagesdecke. Der halbe Tisch ist voll Zucker. Nachdem ich mich absichere, dass die Kellnerin mit der Kasse beschäftigt ist, schüttle ich das Deckchen überm Fußboden aus.

“Was machst du denn da?” wundert sich Vater.

“Da war Zucker drauf.”

“Ach soo.”

Das  Schöne am Beisammensein mit demenzkranken Menschen ist ihre unvergleichliche Akzeptanz so ziemlich jeder Situation. Sie nehmen alles als gegeben hin. Oder man hat Pech und es passiert das genaue Gegenteil und alles endet in einem riesigen Unverständnis. Man müsste es so formulieren: Das Schöne am Beisammensein mit demenzkranken Menschen ist die Überraschung, die jederzeit möglich ist.

“Probier mal den Kaffee”, sag ich.

“Probier mal meine Gedanken?”

“Den Kaffee! Probier mal, ob er dir süß genug ist! Du futterst ja nur Plätzker!”

“Ja, die schmecken gut. Schön frisch.”

Zwischendurch fallen ihm die Augen zu. Wach wird er meist von irgendwelchen lauten Geräuschen, die plötzlich sein Gehör erreichen. Etwa wenn die Putzkräfte einlaufen, mit ihren Supersaugern.

“Was ist das denn..? Kommt die Eisenbahn??”

“Das ist die Putzfrau”, sag ich, und er nickt.

“Die kenn ich. Die ist in Ordnung.”

Beim Griff in die Kekspackung scheint er ein Gebäckstück erwischt zu haben, bei dem die Schokolade schon angeschmolzen ist, von der Wärme, die im Cafe herrscht. Alte Menschen frieren schnell. Jedenfalls sind nicht nur seine Finger voller Schokolade, sein ganzes Gesicht enthält deutliche Spuren von Kakao.

“Na, Zuckerschnute”, sag ich.

(wird fortgesetzt)

*

Mehr davon:

  1. Mittags, im Heim
  2. Schub
  3. Verdammte Transportarbeiter
  4. Einwurf
  5. Mein Vater, mein Vater, sein Auge!
  6. Becher Kakao auf dem Balkon
  7. Es ist was ganz schlimmes passiert
  8. As my mother lay dying
  9. Wahlmöglichkeit
  10. Wie ich Mutter einmal fast die Seele verbrannte

Montags, im Heim

Später Montagnachmittag im Altenheim. Ich will gerade anklopfen, da sehe ich, dass die Tür zu Vaters Zimmer einen Spalt offen ist. Er hockt im Dunkeln am Tisch und wühlt, ohne etwas sehen zu können, in der Schublade.

„Hal-lo!“ ruf ich.

„Was??!“

„Ich bins! Hallo!“

„WER IST DENN DA!?“

„ANDREAS!“

„WER?!“

„ICH! ANDREAS! ICH BINS!“

„Ach soo..!“

Das erste, was ich tue, wenn ich Vater besuche, ist die Nase ins Zimmer schieben und schnuppern, ob die Luft rein ist. Es ist ein richtiges kleines Trauma geworden, seit ich zwei Mal kurz hintereinander Zeuge wurde, wie er den Urin nicht mehr halten konnte und auf den Laminat-Fußboden pullerte, lustig wie ein Zimmerspringbrunnen. Ohne dass er etwas dafür konnte. Er hatte eine Weile einen Katheterschlauch tragen müssen und war noch Tage nach der Entfernung ohne Gefühl für eine natürliche Blasenentleerung. Schön war das trotzdem nicht. Nicht so sehr der Anblick, der war okay, fast sportlich, jedenfalls menschlich, aber dieser beissende, aufdringliche Gestank von Urin.. Als würde das Alter nur noch aus defekten Blasen bestehen, maroden Leitungen.

Doch heute riecht es gut, stelle ich erleichtert fest.

„Warum kommst du so spät? Warum machst du das?“ Vater klingt verärgert. Er hat Plätzchenkrümel am Mund.

„Ich konnte nicht früher“, sag ich und mache Licht. Alles, was die Schalter hergeben, überall, wo On drauf steht – viel ist es trotzdem nicht. Eigentlich nur die Deckenbeleuchtung. Alle anderen Lampen scheinen nicht zu funktionieren.

„Sind alle kaputt!“ ruft Vater und schliesst die Schublade.

„Was hast du da eigentlich gesucht?“

„WAS?“

„WAS DU DA GESUCHT HAST.“

„WO?“

„NA, IN DER SCHUBLADE.“

Er blickt mich verständnislos an, wir belassen es dabei. Er trägt seine speckige blaue Trainingshose, eine Weste und ein bekleckertes kariertes Hemd. Schlappen. Der Kleiderschrank ist voller Klamotten, doch er trägt stets das gleiche. Auf dem Tisch entdecke ich die Schalen von Dutzenden geknackter Walnüsse, das erklärt den Plätzchenmund.

„Sind die Lampen kaputt?“ fragt Vater.

„Ja, sind kaputt. Was ist passiert?“

„Ach, die da.. ist mir runtergefallen. Hab ich dran gestoßen und, wummz, war sie weg.“

Er meint die auf alt getrimmte Messingleuchte. Ich schraube die 60 Watt-Birne heraus und mache den Schnelltest, um zu prüfen, ob sie noch intakt ist.

„Ist kaputt“, sag ich, „muss ich dir eine neue mitbringen.“

Doch auch die große Stehlampe, die neben dem Ohrensessel steht und gemütliche Stimmung verbreitet, mit Fransenschirm und Zipperschaltung, tut es nicht. Genausowenig wie eine weitere Tischlampe, auf der Nachtkonsole neben dem Bett.

„Kein Licht, kein Ton, ich komme schon“, albere ich.

„Was?“

„Schon gut, Papa. Nicht so wichtig.“

Ich hab keine Lust, schon am Anfang des Besuchs all mein Pulver zu verschiessen, denn jede kleine Wiederholung kostet Kraft.

„Aber wieso sind alle Lampen kaputt..? Die kannst du doch nicht alle runtergeschmissen haben, oder?“

„Warum nicht?“

„Hast du die alle runtergeschmissen?“

„Wieso?“

„Na, weil die alle kaputt sind.“

„Ach, hier ist.. hier kann man doch keinem vertrauen, hier wirst du nur verarscht.. Die Leute hier machen einem alles kaputt.“

Na ja, die Mitarbeiter und Mitbewohner des Heims werden wohl kaum Vaters Zimmer stürmen, alle Lampen zerstören und dann wieder abziehen, wie das Rollkommando Licht aus im Alter! – Ressourcen schonen! Finsternis ist auch schön!

„Wieso grinst du?“ fragt Vater.

„Nur so“, sag ich.

Seit Vater dement ist und die Demenz immer neue Schübe feiert, muss man vorsichtig sein mit irgendwelchem Gegrinse. Ironische kleine Schlenker am Mundwinkel kann er gar nicht ab, jedenfalls wenn er keinen Anlass dafür sieht. Damit kann man ihm nicht mehr kommen. Entweder es gibt einen handfesten Grund für ein Lächeln, dann ist es willkommen, oder eben nicht. Dann hält man aber auch besser die Lippen beisammen und macht keine süffisanten Faxen, die unangebracht sind.

Es ist so warm im Zimmer, ich möchte am liebsten sämtliche Fenster aufreissen, aber dann friert er. Bibbert geradezu. Wir sitzen am Tisch und schauen auf die vielbefahrene regennasse Strasse runter. Vaters Blick ist hart von den vielen Medikamenten und zugleich müde und geschafft. Die Augen haben rote Ränder, wie mit dem dünnen Blutstift gezogen. Zwischendurch gehen ihm die Augen zu und er schläft kurz ein. Als er wach wird, friert er.

„Mir ist kalt“, jammert er.

Ich nehm ihn in die Arme, reibe seinen Rücken, wir ziehen ihm eine zusätzliche bayrische Trachtenjacke an, (aus irgendwelchen Gründen mag er diese Art Jacken), er sieht richtig wild aus. Hochalpin.

Er erkundigt sich mehrfach, ob ich die Heizung runtergedreht habe, („Nee, das würde ich mir nicht erlauben“), und erzählt einmal mehr, dass er schon als kleiner Junge viel gefroren habe.

„Mir war immer kalt.“

Um uns Kindern diese Erfahrung zu ersparen, bekam jeder seinen eigenen Heizkörper direkt ans Bett installiert. Wir haben die muckeligsten Träume geträumt in unserer Kindheit.

„Wie hast du das denn früher im Beruf gemacht?“ frag ich, um ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Was meinst du?“

„Na, als Klempner musstest du doch oft in kalten Kellern arbeiten, oder nicht?“

Er lächelt verschmitzt.

„Deswegen hab ich doch früh die Meisterprüfung abgelegt und mich selbständig gemacht.“

„Damit du nicht in kalten Kellern buckeln musstst?“

„Richtig, das war meine Überlegung. Solche Arbeiten konnte ich immer delegieren. Da musste ich nicht frieren.“

Dass er zwischendurch zu klarer Ansage fähig ist, überrascht mich nicht mehr. So ist das bei Demenz. An guten Tagen schimmert selbst sein alter Charme durch. Als er noch gut zu Fuß war, gingen wir oft zusammen Einkaufen. Sobald wir uns in der Öffentlichkeit bewegten, wurde Vater von unzähligen Leuten gegrüßt, viele blieben auf ein Schwätzchen stehen. Es faszinierte mich, wie wohlgelitten er war. Besonders bei ehemaligen Lehrlingen und Gesellen war er beliebt, für seine Menschlichkeit. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, seine Stellung als Meister zu mißbrauchen.

Noch gar nicht lange her, da wartete ich unten am Altenheim mit meinem Vater aufs Taxi, er hatte einen Arzttermin. Plötzlich rief jemand seinen Namen.

„Herr Glumm..! Herr Glumm!“

Am Haus gegenüber, das totalrenoviert wird, winkte jemand vom Gerüst herunter, und setzte sich in Bewegung.

„Moment, Herr Glumm!“

„Wer ist das?“ flüsterte mein Vater.

„Keine Ahnung“, sagte ich. „Jemand will was von dir.“

„Wieso von mir? Du bist auch Herr Glumm.“

„Ja schon.. aber.. jede Wette, du bist gemeint.“

Wir beobachteten einen Handwerker, der gekonnt das Gerüst herunterkletterte und auf uns zulief, während Vater die Augen zusammenkniff, um die Person zu erkennen.

„Hallo Herr Glumm..!“

„Ach.. du bist es, Domenico“, meinte Vater. „Ich habs eilig.“

„Ich bin Franco! Der Bruder!“ lachte der Italiener temperamentvoll und schlug seine Hand in die meines Vaters. „Dass ich Sie noch mal sehe!“ Er strahlte übers ganze Gesicht. „Ich wollte meinem Lieblingschef nur mal Guten Tag sagen!“

Und war wieder weg. Klettete das ganze Gerüst wieder hoch und winkte noch, als wir schon im Taxi saßen und davonzuckelten.

*

„Sag mal, was ist denn mit der Gardine passiert..!?“

Erst jetzt fällt mir auf, dass sie zur Hälfte schlaff herunterhängt, wie ein Segeltuch bei Flaute.

„WAS?“

„Was hier passiert ist, mit der Gardine.. HAT HIER IM ZIMMER SCHON VOR SILVESTER JEMAND GEBÖLLERT?“

„WAS!??“

„OB HIER JEMAND RAKETEN IN DIE DEKO GESCHOSSEN HAT!!“ Ich zeige auf die kaputte Gardine. „DAS IST DOCH NICHT NORMAL.“

„Ach so, die Gardine. Da bin ich gestürzt und wollte mich festhalten..“

„Hast du dir weh getan?“

„Nee. Ist nichts passiert.“

Allmählich werde ich sauer. Da komme ich am späten Nachmittag ins Heim und mein Vater sitzt im Dunkeln, weil die Lampen defekt sind. Dann seh ich, dass die Hälfte der Gardine aus den Röllchen gerissen ist und runterhängt, wie in einem Pennerhotel. Wofür zum Henker bezahlt mein Vater eigentlich 3000 Euro im Monat? Eine Frage, die sich bei jedem Besuch stellt.

Und bei jedem Besuch ist die Antwort: Für Verwahrlosung unter Aufsicht.

Kein Wunder, dass mein Vater hier Depressionen kriegt und unglücklich ist.

Bevor ich verärgert in Richtung Schwesternzimmer aufbreche, fällt mein Blick zufällig auf die Mehrfachsteckdose am Boden, das Long Vehicle unter den Steckdosen, das eine Menge Elektrogeräte in Vaters Zimmer mit Strom versorgt. Das Ding ist überhaupt nicht eingestöpselt.

„Kein Wunder, dass hier keine Lampe brennt“, sag ich.

„Was?“

„KEIN WUNDER, DASS HIER KEIN LICHT BRENNT!“

„JA KLAR, WENN DIE GLÜHBIRNEN ALLE EINEN DÖTSCH HABEN..!“

„NEIN, DER STECKER IST NICHT IN DER STECKDOSE!“

„WAS ??!“

Ich strecke die Waffen. Der schwerhörige Mensch gewinnt immer. Es ist nicht nur anstrengend, jeden Satz zu wiederholen, man muss auch den Lautstärkeregler bei jedem neuen Versuch einige Dezibel hochfahren, bis man endlich verstanden wird. Natürlich könnte Vater auch seine teuren Hörapparate benutzen, doch da stören ihn die vielen lauten Nebengeräusche. Da lässt er die Hörgeräte lieber im Schuber und uns brüllen.

„SAG MAL, PAPA, DU HAST JA GAR NICHT DEINE ZÄHNE DRIN!“

„FÄDEN..? WELCHE FÄDEN?!“

„DEINE ZÄHNE! DIE LIEGEN DOCH HIER AUF DEM TISCH, DEINE ZÄHNE!“

„ZWIEBELN??!“

„DEINE ZÄHNE, PAPA! DIE HAST DU VERGESSEN EINZUSETZEN!“

„Ach so.. Ja. Hab ich vergessen.“

„Na schön. Ist ja nicht schlimm. Müssen wir aber gleich reintun, vor dem Abendbrot.“

Er schläft im Sitzen ein. Ich mache ein bisschen Ordnung im Zimmer. Plötzlich reisst er die Augen auf.

„NEIN!“ schreit er. „NEIN!“

Er guckt mich an, fassungslos. Und schläft wieder ein.

Ich nutze die Gelegenheit und gehe ins Schwesternzimmer. Es riecht nach  lecker Zigaretten, Pausenraumstimmung, Soul-Radio. Auf dem Adventsgesteck brennen alle vier Kerzen. Fast möchte man nicht stören. Doch dann stehen mir beide Pflegerinnen sofort zur Verfügung, als ich ihnen eine halb heruntergerissene Zimmergardine melde.

Wie zwei aufgeschreckt gackernde Hühner folgen sie mir in Vaters Zimmer. Eins der beiden ermuntert mich sogar, solche Vorkommnisse künftig SOFORT zu melden.

„Tu ich doch gerade“, wende ich ein, doch das geht im allgemeinen Hof-Gegacker unter.

„Sind wir ja immer froh, wenn wir von Angehörigen erfahren, dass die Gardinen wieder mal runtergefallen sind..“

„Die kommen dauernd runter..“

„Wenn man wie unsereins einfach so ins Zimmer kommt, sieht man das ja nicht sofort..“

„Die passen gar nicht in die Ösen da oben.. Die Röllchen, mein ich..  die Gardinen.. das ist das Problem..“

„Der Hausmeister bringt das in Ordnung..“

„Ja, wir schreiben dem das auf..“

„Für heute ist es natürlich zu spät, der Hausmeister hat Feierabend. Und morgen ist Silvester..“

„Also nächste Woche“, schleiche ich mich ins Geplapper.

Dann macht sich das Federvieh vom Feld, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin. Aufbruch, Geflatter. Tschüss. Dankesehr. Herr Glumm, in einer halben Stunde ist Abendbrot.