Platzwunde

Anfang Juni 2013 stürzte Vater in der Küche und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Was genau passiert war blieb unklar, eins aber stand fest: Sobald er wieder auf den Beinen war, muss er das ganze Blut vom Linoleumboden aufgewischt haben, bis auf einen winzigen kreisrunden Rest in der Küchenmitte, der war ihm entgangen.

Er hatte sogar dafür gesorgt, dass nichts von der Küchenrolle zu finden war, mit der das Blut aufgewischt wurde, weder im Abfalleimer noch sonst irgendwo, er muss alles in der Toilette entsorgt haben. Bloß um den Anschein von Normalität aufrecht zu halten. Damit alles weiter seinen gewohnten Gang nahm, damit kein Mensch ins Altenheim musste.

Blut?

Was denn für ein Blut?

Es gab Überlegungen, Planspiele, Vorschläge. So hatte Vater schon bald nach Mutters Tod erste Erkundigungen eingezogen, ob wir uns eventuell vorstellen könnten, bei ihm zu wohnen und ihn mitzuversorgen, die Gräfin und ich. „Ich mach euch nicht viel Arbeit“, sagte er, und wie er das sagte, mit ebenso kleiner wie entschiedener Stimme, hatte ich dieses schummrige Gefühl im Bauch, das sich immer dann meldet, wenn Liebe zu stark zu werden droht, wenn Liebe die Perspektive mit warmer Pranke verschiebt. Wenn man kurz davor ist, eine spontane Entscheidung zu treffen, die man später eventuell bereuen wird, weil die Wirklichkeit, die folgt, eine Planierraupe ist, die sich einen Scheiß um spontane Gefühle schert.

Denn eines war klar: auch wenn die Wohnung mit knapp 90 Quadratmetern nicht klein war, für drei Leute und einen Hund war die Aufteilung der Räume zu ungünstig, das sah Vater letzten Endes auch ein. Niemand hätte je seine Ruhe gehabt. Da auch bei meinem Bruder und meiner Schwester die Verhältnisse nicht so waren, dass Vater dort einziehen konnte, mussten wir uns schnell etwas einfallen lassen. Nach dem Unfall in der Küche setzte uns Vaters behandelnde Haus-Ärztin die Pistole auf die Brust. Sie könne keine Verantwortung mehr für Vater übernehmen, solange er allein lebte und niemand ganztägig ein Auge auf ihn warf.

„Das muss sich ändern, und zwar so rasch wie möglich.“

Vermutlich hatte Vater am Abend in der Küche gesessen, ein Tomatenbrot mit Zwiebeln gegessen und war dabei vom Drehstuhl gerutscht und auf den Boden aufgeschlagen. Ob er kurzfristig ohnmächtig gewesen war, niemand konnte es sagen. Er selbst hatte keinerlei Erinnerung an den Vorfall. Sagte er. Ich glaubte ihm. Vielleicht nicht zu 100 Prozent, aber gute 95 waren drin.

Ich war gegen halb vier mit dem Hund zur Schillerstraße gekommen. Wenn ich die Wohnungstür im zweiten Stock aufschloss und nachschaute, wo Vater sich aufhielt, musste ich vorsichtig zu Werke gehen. In seiner Einsamkeit war Vater oft so tief in sich versunken, dass ihn fast der Schlag traf, wenn man plötzlich vor ihm stand und hallo sagte.

Hallo Papa.

„Junge, hast du mich erschreckt…! Ja, bist du denn verrückt!? Das kann man doch nicht machen!“

Besonders heikel war es, wenn er sich zum Mittagsschläfchen ins Esszimmer zurückgezogen hatte. Auf dem gemütlichen alten Sofa mit den beigefarbenen Bommeln schlief er so entrückt und fest, dass es kaum möglich war, ihn wach zu bekommen, und da konnte ich mich beim Betreten der Wohnung noch so forsch ankündigen, PAPA, ICH BIN’S!

Oder ich schickte gleich den Hund vor. Lauf, weck den Opa! Doch dann war die Gefahr groß, dass Vaters jähes Aufwachen mit dem Bild eines vor ihm stehenden Riesenköters zusammenfiel, und der zog die Lefzen hoch.

„Ich dachte, was ist das denn fürn Untier!“

Wie ich es auch drehte und wendete, das Aufwecken blieb ein Problem. Im ersten Moment, wenn er aus tiefen Traumschichten stieg und die Augen aufmachte, war ich für Vater stets ein Fremder, den er nicht kommen gehört hatte, ein Fremder, der ihn überfallen und ausrauben wollte. In Amerika, mit einer Pumpgun unterm Kopfkissen, hätte er mich locker zwanzig Mal über den Haufen geknallt.

Vater lag auf dem Sofa, unter Decken begraben. Er schlief tief und fest, ein vertrauter Anblick. Nur der Kopf war zu sehen und sein wirr abstehender weißer Haarschopf – ein Dirigent, der sich zwischen zwei Aufführungen aufs Ohr gehauen hatte, um sich zu erfrischen.

Ich stand über ihm und begutachtete seinen Schlaf. Manchmal blieb ich minutenlang so stehen, still und bewegungslos, den Blick auf den alten geschundenen Körper gerichtet. Wie ein Bussard kreiste ich über ihn und wachte über seinen Herzschlag, denn in Vaters Alter, in seinem Zustand konnte man nie ganz sicher sein, ob die Wolldecke, die sich im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte, sich auch wirklich im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte oder ob ich mir das nur einbildete und der Körper längst – oder unlängst – erkaltet war.

Lebte der alte Bursche noch??

(Ich war nicht nur Vaters privater Herzschlag-Bussard, ich war auch ein Luftbild-Archäologe, der aus einer gewissen Höhe Muster zu erkennen suchte, Hirnströme im Schädel des Alten, zackige Kurven.)

Oh, süße sorglose Tage, wenn ich am Sofa stand und er plötzlich und unerwartet die Augen aufriss und hellwach war!

„Ach du bist es..!“

(Manchmal hatte ich echt die Nase voll. Ich hatte alles Mögliche probiert, um ihn schonend wach zu bekommen, doch er reagierte auf nichts, auf gar nichts. Er schlief einfach weiter bis ich kurzentschlossen an seiner Schulter rüttelte wie an der bösen Stiefmutter.

„Papa!“

„JAA.. BIST DU DENN..? DES WAHNSINNS..? HAB ICH MICH VIELLEICHT ERSCHROCKEN!!“)

Er schlief immer noch. Er träumte, den Mund halb geöffnet. Ich stutzte. Da war ein dunkler Fleck an seinem Haaransatz. Ich bückte mich zu ihm hinunter. Ein Klecks Blut verklebte sein graues Haar, getrocknetes Blut. Er stöhnte leise im Schlaf. Ich ermunterte den Hund laut zu bellen, damit Vater endlich aufwachte, doch der Hund kapierte nicht, was ich wollte, blickte hilflos um sich.

Ich stand an der Couch, rief laut „Vater!“, zupfte unschlüssig an der gesteppten Decke und rüttelte erneut an seiner Schulter, was alles nichts brachte, dafür ist der Altersschlaf ein zu mächtiger Diktator, da hilft es nicht, unschlüssig an der gesteppten Decke zu zupfen und ein bisschen „Vater“ zu winseln, „du musst aufstehen, du kannst nicht den ganzen Tag schlafen.“

Ich griff zum finalen Mittel. In der Küche war ein Wasser-Boiler aus den Sechzigerjahren. Sobald das Wasser kochte, setzte ein Daueralarm ein, ein Inferno, dass dem Mietshaus fast das Dach wegflog, und tatsächlich: sofort war Vater wach, mit schreckensweit geöffneten Augen.

„WER IST.. WAS IST LOS..?!“ keuchte er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen.

„Na, das frag ich dich..“, sagte ich.

„WAS??!“

Ich ließ ihn erstmal zu sich kommen. Er stöhnte und schmatzte. Der Hund hechelte. Nach einer Weile stieß Vater die Decke weg, streckte die Hand nach dem Hund aus.

„Da ist ja auch der Hund.. hallo Molli.“

Frau Moll schleckte genüsslich Vaters Hand, rauf und runter, wie einen dicken Fleisch-Lolli. Sie liebte die milchige, nach Aprikose duftende Creme, die der Pflegdienst bei ihm auftrug.

„Sag mal, Papa.. was hast du am Kopf gemacht..?“

„WAS??!“

„WAS DU AM KOPF GEMACHT HAST!“

Er saß jetzt halb auf dem Sofa, halb hing er durch, ein angebrochener Schiffsmast in Trainingshose. Er winkte verschlafen ab.

„Ach so.. ja. Weiß auch nicht, was da passiert ist.“ Er versuchte das Thema nicht weiter zu berühren, doch ich nagelte ihn fest.

„Bist du hingefallen?“

„WAS?!“

„OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST DA EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF! DA MÜSSEN WIR WAS MACHEN. DAS KÖNNEN WIR NICHT EINFACH SO LASSEN, PAPA! WAS HAST DU GEMACHT?“

Er nickte müde. Ja, ich weiß. Da war so was. Da ist so was.. geschehen. Unangenehme Geschichte. Scheint die Sonne..? Setzen wir uns draußen auf den Balkon? Ja? Komm, wir gehen auf den Balkon. Wir können zwei Stück Apfelkuchen auftauen.

Seine Augen, rot und todmüde, wie die Scheinwerfer eines betagten Doppeldeckers, der den Himmel schon so oft abgeflogen war, dass er jeden kleinen Winkel kannte, jedes noch so kleine feindliche Luftschiff, jeden Luftzug.

Lass mich einfach in Ruhe, sagten diese Augen.

„Was ist passiert, Papa?“

Nein, er konnte sich nicht erinnern. Ich schaute mir die blutverschmierte, verklebte Wunde aus der Nähe an. Es war nicht zu erkennen, was darunter los war. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung. Zum Glück war ihm nicht übel, er hatte kein Kopfweh, und schwindelig war ihm sowieso ständig. Das kam vom Zucker. Um rekonstruieren zu können, was geschehen war, klapperte ich die Wohnung ab, ich suchte nach Indizien und fand schließlich den kreisrunden Fleck Blut auf dem Küchenboden.

„Du bist in der Küche gestürzt“, sagte ich, holte eine Schüssel voll warmen Wasser und einen Waschlappen. Vater versank auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Er blickte mich aus großen ängstlichen Peter Lorre-Augen an.

„Ich weiß, ja. Was machst du da…?“

„Ich versuch das Blut abzutupfen.“

„WAS?“

„ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN.“

Es war aussichtslos. Das Blut war bereits eingetrocknet. Es gelang mir lediglich, die Kruste etwas aufzuweichen, worauf die Wunde wieder leicht zu bluten begann. Es war halb sechs. Der Pflegedienst konnte jeden Moment einfliegen. Vielleicht reichte es, wenn die Pflegerin einen Blick auf die Wunde warf. Vielleicht auch nicht. Ich suchte die Telefonnummer des Pflegedienstes raus, entschied mich aber dafür, lieber bei der Hausärztin anzurufen, deren Praxis um die Ecke lag, keine dreihundert Schritte entfernt. Machen Sie sich sofort auf die Socken. Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Ich legte auf und rief ein Taxi. Zu Fuß schaffte Vater es nicht.

Ich half ihm beim Anziehen, was nicht so einfach war, da er es hasste, gleich nach dem Aufwachen in eine hastige Aktion verstrickt zu werden. Und was sollte ich mit dem Hund machen? Allein lassen in Vaters Wohnung würde nicht funktionieren, dann bellte Frau Moll die ganze Hausgemeinschaft in Schutt und Asche. Also mitnehmen den Hund. Im Taxi?! Frau Moll spürte, dass die Situation brenzlig zu werden versprach, sie dackelte die ganze Zeit hinter mir her. Da die Gräfin sie tags zuvor stundenlang gebürstet hatte, sah sie aus wie ein Riesenstofftier von der Kirmes. Vater und ich lachten kurz auf.

Um zehn vor sechs war das Taxi da. Für eine Fahrt von 300 Metern. Da hilft nur üppig Trinkgeld, sonst hast du schnell ein Messer zwischen den Rippen. Der Fahrer, ein mürrischer Türke, kam die Treppe hoch. Wir nahmen Vater in die Mitte und führten ihn durchs Treppenhaus runter zum Wagen, wobei ich mit der freien Hand noch die Hundeleine halten musste, weil Frau Moll uns sonst zwischen den Beinen hin- und her gewuselt wäre. Ich kam mir vor wie ein Marionettenspieler, der Mühe hatte, die Fäden seiner beiden Puppen auseinander zu halten.

Nachdem Vater im Taxi verstaut war, schickte ich den Wagen voraus und folgte zu Fuß mit dem Hund zur Vereinsstraße. Alles sehr umständlich. Da die behandelnde Haus-Ärztin nicht im Haus war, musste sich ein anderer Arzt aus der Gemeinschaftspraxis um die Wunde kümmern. Während Vater, der sehr schwach und unkonzentriert wirkte, im Sprechzimmer auf den Doc wartete, trudelten ständig weitere Patienten ein, obwohl die Sechs Uhr-Deadline längst überschritten war.

Ich hatte andere Probleme. Wohin mit dem Hund? Ich konnte Frau Moll schlecht mit in die Praxis nehmen, also leinte ich sie im Hausflur am Geländer an, das war okay für sie. Es ließ sich aber nicht vermeiden, dass Nachbarn, die in die oberen Etagen wollten oder von dort kamen, über den Hund hinweg steigen mussten, eine Konstellation, die Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen konnte. Dabei geriet sie schnell in Stress und verlor jegliche Contenance und Beißhemmung, auch wenn es bloß ein Beißen in die Luft war. Ein Warnbeißen. Doch was sollte ich tun? Den Hund mit in die Praxis nehmen, verbot schon die Front der Arzthelferinnen, ein Trio blutjunger türkischer Frauen mit und ohne Kopftuch. Da konnte ich mir jegliche Diskussion ersparen.

Ich teilte mich auf. Fand mich für einige Minuten im Sprechzimmer ein, wo ich Vater Gesellschaft leistete beim Warten auf den Arzt, dann war ich zurück im Flur und kraulte den am Geländer angeleinten Hund, um ihn zu besänftigen. Irgendwann rief der Doktor mich zu sich, ein jovial auftretender Mann, leger gekleidet wie für den Everyday Award, der im Gespräch ständig zwischen Du und Sie lavierte und unentschlossen wirkte, wie er mit Vater verfahren sollte.

„Mir fehlen hier die Gerätschaften, um festzustellen, ob Ihr Vater eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er kann sich ja nicht einmal erinnern, was überhaupt passiert ist. Vielleicht war er unterzuckert und ist eine Weile ohnmächtig gewesen, wer weiß.“

Da Vater Diabetes hatte, war der Verdacht einer kurzen Ohnmacht durchaus begründet, er bekam seit einiger Zeit Insulin gespritzt. Der Doktor tendierte dazu, Vater übers Wochenende ins Klinikum einweisen zu wollen, nur zur Beobachtung, „dann sind wir auf der sicheren Seite. Wenn Sie mir jetzt natürlich versprechen, ich schlafe heut Nacht bei meinem alten Dad und pass auf ihn auf, dann können Sie ihn mitnehmen.“

„Dann machen wir das so“, sagte ich, obwohl ich keine große Lust hatte, im ex-Ehebett meiner Eltern zu übernachten, aber darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hauptsache, er musste nicht ins Krankenhaus, wo übers Wochenende eh keine Untersuchung stattfand. Er bekam eine Tetanusspritze, die Wunde wurde gereinigt und desinfiziert, wobei sich herausstellte, dass es sich weniger um eine echte Platzwunde handelte, sondern eher um einen Riss, aus dem aber schon seit vergangener Nacht kein Blut mehr gesickert war.

Genau in dem Moment, als der Doc „Das ist doch mal eine gute Nachricht“ sagte, hörte ich plötzlich lautes Gebell und Gepolter aus dem Treppenhaus.

„WEM GEHÖRT DER SCHEISS KÖTER HIER!??“

Mit einem vage unguten Gefühl stürzte ich durch die sich leerende Praxis Richtung Ausgang und stieß die Tür zum Treppenhaus auf.

„Der Hund gehört mir. Wieso?“

Frau Moll saß aufrecht auf dem untersten Treppenabsatz und hechelte gestresst, während ein Mann in meinem Alter etwas abseits im Flur stand, er war kaum zu bändigen.

„DER ALTE BOBTAIL DA WOLLTE MEINEN SOHN BEISSEN!“

Ich blickte mich um. Ich sah keinen alten Bobtail, ich sah kein Blut, keine ausgebissenen Fleischstücke, nichts war zu sehen oder zu beanstanden, nicht mal ein vereinzelter loser Milchzahn. Ja, da war nicht mal ein Sohn zu sehen. Ich beschloss Ruhe zu bewahren. Alles andere machte keinen Sinn.

„Das ist kein Bobtail, das ist ein Hütehundmischling“, stellte ich klar. „Und wo ist denn ihr Sohn?“

„DER IST DRAUSSEN, SO EINE ANGST HAT DER GEKRIEGT! DER IST RAUSGERANNT! DER KÖTER WOLLTE MEINEN SOHN KILLEN!“

Ich fragte, was genau passiert war. Als ich hörte, was passiert war, entschuldigte ich mich. Ich sagte, dass ich als Junge ebenfalls Schiss vor Hunden gehabt hätte, dass ich das gut nachvollziehen könne, dass es mir leidtäte und dass der Hund niemals wirklich zubeißen würde, dass er das noch nie getan hätte, er würde nur in die Luft schnappen zur Warnung, wenn man über ihn hinweg zu steigen versuchte, und dass man das als Junge natürlich als Biss wahrnehmen würde etc. etc. Ich nahm allen Wind aus den Segeln. Ich hielt den Ball flach. Es war nichts passiert, und ich hatte andere Sorgen.

Während Vater mit versorgter Wunde in der Praxis saß, warteten Frau Moll und ich im Hausflur aufs Taxi, das uns wieder nach Hause bringen sollte. 300 Meter, fett Trinkgeld. Ich kraulte Frau Moll das Fell, damit sie sich beruhigte. Ganz kleinlaut lag sie da, mit vom Durchzug umgeklappten hellrosa Öhrchen.

Baby, kurz vorm Vollmond hält man die Füße still, flüsterte ich. Weiß doch jeder.
Sie hatte nach dem Jungen geschnappt, der im Treppenhaus auf dem Weg nach unten über sie hinweg gestiegen war, und ihn dabei kurz in den Arm gekniffen. Der Vater des Jungen, alarmiert von dem Geschrei, war aus der Wohnung im zweiten Stock gestürzt, um nachzusehen, was los war. Ich hatte mich dafür entschuldigt. Vater und Sohn waren daraufhin nach oben gegangen, zurück in die Wohnung. Dachte ich jedenfalls. Bis ich im Hausflur ein Flüstern wahrnahm, von oben, ein lautes genervtes Flüstern.

„Jetzt haben wir uns auch noch ausgesperrt, Vati..“

In dem ganzen Tohuwabohu hatte der Vater den Schlüssel in der Wohnung vergessen, und beim Durchzug war die Tür zugeschlagen. Jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf die ältere Tochter zu warten, die hatte einen Ersatzschlüssel, wie ich heraushörte. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill, schließlich lag das ganze Schlamassel im Schwenkbereich meiner Schuld. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich den Hund nicht im Flur angeleint, wäre der Junge nicht über den Hund gestiegen, hätte mein alter Vater nicht zum Arzt gemusst, wäre er nicht vom Stuhl gerutscht und auf den Schädel geknallt, wäre Mutter nicht zwei Jahre zuvor gestorben, womit die ganze Malaise ihren Anfang nahm. Die Malaise begann stets mit irgendjemandes Tod. Ich fand den Tod nicht gut, ich fand die ganze Veranstaltung Tod zunehmend unpassend.

Endlich kam das Taxi. Ich holte Vater aus der Praxis. Zum Glück war es derselbe Fahrer wie auf der Hinfahrt, ich musste nicht viel erklären. Er guckte auch so schon ziemlich doof aus der Wäsche. Schon wieder wir. Die Mini-Tour.

Bloß raus hier, dachte ich. Bevor noch ein Unglück geschieht.

Wie gehts meinem Vater

Der man einmal war, bevor das Leben schrecklich wurde.

*

Morgens rufe ich im Krankenhaus an, wo man ihn vorsorglich eingeliefert hat, seine Blutzuckerwerte spielten verrückt. Er liegt auf der Nephrologie, wo er nicht wirklich hingehört, doch auf der Inneren war auf die Schnelle kein Bett frei, schon gar kein Privat-Bett.

“Wie gehts meinem Vater? Wie hat er die Nacht verbracht?”

“Wie er die Nacht verbracht hat, kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie die Nachtwache fragen.“ Die Krankenschwester klingt gleichzeitig amüsiert und genervt. “Im Moment sitzt Ihr Vater wieder draußen auf unserem Hanse-Stuhl und schimpft über Gott und die Welt, wie man ihn kennt.”

Wie man ihn kennt..? Da ist unser alter Vater nicht mal einen Tag auf Station, und schon heißt es, wie man ihn kennt.

Wenn das mal kein Qualitätsmerkmal ist..

Als ich die Station betrete und nach jemand Ausschau halte, der zum Zustand meines Vaters Auskunft geben darf, komme ich an einer offenstehenden Tür vorbei. Ein Männlein steht mitten im Zimmer, das weiße Krankenhaus-Leibchen schlottert an seinem Körper. Es hat eine Strickjacke übergeworfen, deren Knöpfe falsch geknöpft sind. Haltlos tapst es umher, auf Socken, die schiere Panik im Gesicht. Erst, als es mich erblickt und meinen Namen ruft, erkenne ich ihn.

“Papa..!!” ruf ich erschrocken.

Er gräbt sich in meine Arme, versteckt das Gesicht hinter seinen Händen. Sein weißes Haar steht wirr in der Luft, wie nach einer Razzia.

“Ich dachte schon, ihr hättet mich alle abgeschrieben! Ich könnt so luggen..!”

Er ist kaum zu bändigen. Er irrt im Kreis umher, das Gesicht in den verschorften Händen. Ein alter Dickhäuter, der zu lange schon auf der Welt ist, um sie noch zu verstehen. Es dauert seine Zeit, bis ich ihn so weit runterfahre, dass er sich ins Bett legt. Er muss zur Ruhe zu kommen.

Auch ich bin aufgebracht. Ich bin aufgebracht, weil man ihn ohne Rücksprache ins Klinikum eingeliefert hat. Mit der Leitung des Altenheims war abgesprochen, Vater nur noch dann ins Krankenhaus einzuweisen, wenn es dazu medizinisch keine Alternative gibt und wir Kinder zuvor informiert werden. Jeder Krankenhausaufenthalt bereitet ihm solche Qualen, dass er vom Moment der Einlieferung an radikal abbaut, seelisch wie körperlich. Ortsveränderungen sind Gift für demenzkranke Menschen. Die fremden Gesichter, die vielen überflüssigen und langwierigen Untersuchungen, mit denen Kliniken ihre millionenschweren Apparateparks auslasten, die damit verbundenen Strapazen und Ängste.

Du willst einen Pflegefall töten? Stecke ihn ins Krankenhaus und warte fünf Minuten.

Trotz der Abmachung mit der Altenheimleitung geschieht es immer wieder, dass einzelne überforderte Pflegekräfte sofort nach dem Notarzt telefonieren, wenn Vater sich morgens beim Waschen nicht kooperativ zeigt und grantig wird. Was schon mal passieren kann, wenn man früh um fünf aus dem Bett gescheucht wird, im Kommandoton. Und wenn dann noch die Blutzuckerwerte gestiegen sind, an einem Freitag, wie es der Zufall will, konstruiert man daraus kurzerhand ein heftiges Variieren der Blutzuckerwerte. Und je nachdem, welcher Notarzt gerade Dienst hat, fackelt der nicht lange und schreibt so fix eine Einweisung, dass keine Zeit bleibt, sich mit irgendwelchen Angehörigen in Verbindung zu setzen, die eh nur Ärger machen – Sache erledigt. Soll sich doch das Krankenhaus übers Wochenende mit dem dementen Deppen herumärgern.

 

Bis 19 Uhr liegt er im Bett und schläft. Aber es ist ein unruhiger Schlaf. Trotz zweier zusätzlicher Wolldecken und der auf volle Pulle gestellten Heizung ist ihm so kalt, dass er fröstelt, er bibbert regelrecht. Ich hole eine dritte Decke aus der Wäschekammer. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, rollt mit den Pupillen, starrt zur Decke. Dann fällt er wieder in den Schlaf. Unruhig, ohne echte Entspannung. Doch immerhin, er liegt im Bett.

“Zum ersten Mal an diesem Tag,” wie die Pflegerin erleichtert feststellt, als sie ins Zimmer reinschaut, um das Abendbrot zu bringen. “Er hat praktisch den ganzen Nachmittag im Hanse-Stuhl verbracht und gezetert und geschimpft.”

Der Hanse-Stuhl ist ein Riesenmöbelstück, das am Ende des Flurs steht und dem unregelmäßig amtierenden König der Station vorbehalten bleibt. Die Jury besteht aus dem Pflegepersonal, das aktuell Dienst schiebt, und der Arzt-Visite. Die hat auch ein Wörtchen mitzureden. Der Hanse-Stuhl hat weitläufige Armlehnen, die ihn zu einem majestätisch anmutenden Thron, ja zum Herrschersitz aufbrezeln. Selbst von anderen Stationen kommen am Wochenende Patienten und Pflegekräfte auf einen Sprung rüber, um dem aktuellen König zu huldigen. Unserem Vater.

Der alte Schreihals.

“Die trachten mir nach dem Leben”, soll er nachmittags in einer Art Dauerschleife geschrien haben. “Die wollen mich abspeisen, die wollen mich fertig machen! Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird. Und das nur, weil ich nicht weiß, welches Datum heute ist und welchen Wochentag wir haben.. Der ist bestusst, heißt es dann. Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird!”

Man kann es nicht anders sagen. Seit Vaters Umzug ins Altenheim feiern Demenz und innere Erregung fröhliche Eskapaden und er spricht die Wahrheit – nichts als die Wahrheit.

 

Ich weiss nicht, an wieviel aberhundert Abenden ich im Wohnzimmer am großen Kirschbaumschrank saß, die Kopfhörer aufgesetzt und aus dem Stereo-Radio Musiksendungen mitschnitt, die sich um Pop drehten, um US-Charts und britische Neuentdeckungen, während keine drei Meter entfernt, mit dem Rücken zu mir, mein Vater seinem spät entdeckten Hobby nachging und Heimorgel spielte, die Kopfhörer aufgesetzt. Er in seiner beschwingten Farfisa-Welt, ich in meinem UKW-Universum.

Was besonders in Erinnerung geblieben ist: wie mein Vater, er war damals Ende vierzig, ich vierzehn, beim Spielen mit den Beinen arbeitete. Er trat in die Pedale seiner Orgel, als wolle er den Tourmalet erobern, dazu die Handarbeit an den zwei Manualen. Er schmiss sich in die Tasten wie ein Handwerker, der Feierabend hatte, aber nicht davon ablassen konnte, zu schmirgeln und sich ins Zeug zu legen. Eine schöne Zeit war das. Wir fröhnten beide unseren Leidenschaften, Abend für Abend, gemeinsam, ohne den anderen groß damit zu behelligen.

Und dauernd sah ich seinen rockenden Rücken.

 

Wir hatten nicht viele Gemeinsamkeiten. Zwar waren wir uns vom Gemüt her ähnlich und auch äusserlich unschwer als Vater und Sohn zu erkennen, doch damit hatte es sich. Mit meiner Leidenschaft für Fußball konnte er nichts anfangen, ich kann mich nicht erinnern, dass er je ein Spiel besucht hat, bei dem ich auf dem Platz stand. Nicht, dass es mir wirklich gefehlt hätte, ihn am Spielfeldrand zu sehen wie so viele andere Väter meiner Klubkameraden, die sich den Hals wund meckerten, weil ihr Sohn nicht mit Flanken gefüttert wurde, aber es zeigte eben doch, wie wenig er sich für mein Leben interessierte.

Einspruch. Da gab es ein Spiel, wo er mit dabei war. Und meine Mutter auch. Es muss ungefähr 1972 gewesen sein, wir spielten mit dem RSV in Baumberg am Rhein, auf Rasen, und Vater probierte seine neue Super 8 Kamera aus. Schöne Farbaufnahmen, aber ich war nicht gut in Form an diesem Tag. Mein Vater stand am Spielfeldrand und filmte mich. Das machte mich nervös. Kaum ein Trick gelang.

 

Der Bettnachbar, wesentlich jünger als mein Vater, ist ein komischer Kauz. Ständig ins Kreuzworträtsel der Frau im Spiegel versunken, zeigt er keinerlei Interesse an seiner Umgebung. Nicht mal in dem Moment, wo ich das Zimmer betrete, blickt er auf. Und auch als Vater lauthals schreit, “DIE WOLLEN MICH FERTIGMACHEN!”, bleibt er stur im Kreuzworträtsel verhaftet. Wie ein Bussard, der über der Zeitschrift steht und nur darauf wartet, dass er endlich Beute macht, wie ein Buchstabenbussard. Erst im Laufe des Abends merke ich, dass der Mann ein gewaltiges Problem mit dem Hören hat, ja, dass er vermutlich schwerhörig ist und außerdem kaum Deutsch spricht, geschweige denn versteht. Kein Wunder, dass er mit dem Kreuzworträtsel nicht zurecht kommt.

Als ich ihn frage, ob er vielleicht eine Ahnung habe, wie sich das grelle Licht am Krankenbett meines Vaters herunterdimmen ließe, muss ich schon dreimal nachfassen und ihm direkt unter die Augen treten, bis er endlich kapiert, was ich von ihm will. Dann aber gibt er bereitwillig und kompetent mit Händen und Füßen Auskunft und ruckzuck herrscht gemütliche Dämmerstimmung im Zimmer. Eigentlich ganz in Ordnung, der blöde Hammel.

Vater hat dennoch keinen Respekt vor ihm. Er nennt ihn bloß Vinzenz, wenn er von ihm spricht. Nun weiß ich aus jahrelanger Erfahrung, dass Vater nur solche Leute Vinzenz nennt, die er nicht ernst nimmt. Ein Vinzenz rangiert im Ansehen meines Vaters noch weit unter der Pfeife, und eine Pfeife gilt schon nicht viel. Ironischerweise ist Vinzenz von Viktor abgeleitet und bedeutet: Sieger. Aber so ist das nun mal mit den Märtyrern im Dunstkreis meines Vaters.

 

“Mir ist kalt”, jammert Vater, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Immer wieder erkundigt er sich, ob ich die Heizung auch wirklich hochgedreht habe. “Ich friere wie ein Schneider.”

“Du bist ein Frösterpitter”, sag ich, und er lächelt. Wenn ich Platt spreche, lächelt er.

“Ich hab schon als kleiner Junge immer gefroren”, sagt er.

Das ist doch mal ein Wort. Ich steige sofort darauf ein.

“Wie hast du es denn später im Beruf gemacht?”

“Was meinst du?”

“Na ja, wenn du als Installateur in Kellern gearbeitet hast, ich mein, da muss es doch ständig bitterkalt gewesen sein. Oder hat dir jemand von den Stiften alle zwei Stunden eine Wärmflasche vorbeigebracht?”

Er übergeht den müden Scherz.

“Na, deswegen hab ich mich doch früh selbständig gemacht.” Er wartet einen Moment, um zu prüfen, ob ich weiß, worauf er hinaus will. “Damit ich als Meister solche Arbeiten nicht ausführen musste. Das konnte ich.. delegieren. Das waren meine Überlegungen damals. Es war ja alles genau geplant. Als Meister musste ich nie irgendwo arbeiten, wo es unangenehm kalt war. Außerdem konnte ich jeden Mittag nach Hause fahren, Mittagessen und mich ein Stündchen aufs Ohr legen.”

“Ich erinnere mich.”

Zwischen eins und halb drei, nach dem Essen, mussten wir Kinder still sein, Papa hatte sich hingelegt. In diesen knapp anderthalb Stunden war in der ganzen Wohnung nichts zu hören, ausser dem leicht wiegenden Surren der Spülmaschine und kehliges Schnorcheln.

“Ja, siehst du. Das hätte ich als einfacher Geselle alles nicht gekonnt.”

Da hatte er also Mitte der 50er Jahre seinen eigenen Betrieb eröffnet, um nicht sein Leben lang selbst in eiskalten Kellern buckeln und frieren zu müssen. Noch Jahrzehnte später ziehe ich den Hut vor solchen Schachzügen, die einem das Leben erleichtern. Und nicht nur das: Weil er in seiner eigenen Kindheit so oft frieren musste und uns Kindern diese Erfahrung ersparen wollte, bekam jeder von uns Dreien seinen eigenen Heizkörper ans Bett montiert.

Ehrensache.

 

Vater schließt die Augen und schläft etwas. Ich schaue ihm zu. Den unruhigen Atemzügen, den Zuckungen in seinem Gesicht, mit denen er auf Geräusche vom Stationsflur reagiert. Einmal kracht ein Tablett zu Boden, mit lautem Geschepper. Er reißt die Augen auf.

“Was.. war das denn..??!”

“Ach nichts. Draussen auf dem Gang ist.. Besteck  zu Boden gefallen.”

Er nickt zufrieden. Unterdessen nehme ich seine Hände, die über Kreuz auf dem Brustkorb liegen, in meine Hände, und drücke sie.

“Ja, das kannst du ruhig tun”, flüstert er.

 

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Zum zweiten Todestag meines Vaters (1927-2014)

Fotos Willi Glumm 523

Der Bursche ganz rechts unten

Geplant war Ewigkeit (13): Die letzten Tage

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5. Februar 2014

Vaters desolater, an einen Schlaganfall erinnernder Zustand hält an. Er ist kiebig und laut, als ich am Nachmittag ins Altenheim komme. Er sitzt am Katzentisch vorm Schwesternzimmer, ein Bein lässig über die Armlehne seines Rollstuhls geschwungen, und beschimpft die Frauen, die im Halbkreis zusammensitzen, ihm den Rücken zugewandt, demonstrativ schweigend.

„Gut, dass mein Sohn kommt..!“ ruft Vater, als er mich entdeckt. „Andreas! Sag den Frauleuten mal, ich hab denen nichts getan..!“

Ich grüße in die Runde, die eher einer Mauer gleicht, einer Mauer aus Kleidern und Augen, ernte aber kaum ein Nicken.

„Wem hast du nichts getan?“

Er macht große Augen.

„Na, den..en.. hier! Die wollen mich doch.. die wollen mich doch..“

„Ach, der bildet sich was ein“, wagt sich eine Stimme aus dem Halbkreis.

Da könnte was dran sein. In seiner jetzigen Verfassung ist die Aussenwelt für ihn eine einzige fortgesetzte Bedrohung. Ein falsches Wort, und es regt sich eine schwer zu definierende Wut in ihm. Der Franzose ist ihm auf den Fersen, der Engländer sowieso. Selbst wir Kinder kommen kaum an ihn heran.

„Du hast bestimmt was in den falschen Hals gekriegt..“, sag ich und tätschle seine Hand. Aber er ist kaum zu beruhigen.

„Doch, doch, doch..! Ich hab denen doch gar nichts getan. Die wollen mich.. wollen mich..“, er sucht nach den richtigen Worten, „.. die wollen mich.. ausliefern!“

Daher weht der Wind. Ausliefern.. Einige Tage zuvor kam er zu dem Schluss, von allen Gefangenschaften seines Lebens, (womit hauptsächlich die 2jährige Kriegsgefangenschaft in England gemeint war), sei die letzte die schlimmste:

das Alter.

Er fühlt sich gefangen. Die Frauen sind konkurrierende Mitgefangene, die Wärter das Pflegepersonal, das ganze Gebäude ein Lazarett. Das hatten wir schon einmal.

Vater wirkt ungepflegt, die Trainingsbuxe trägt er seit Tagen, nur das weiße Haar sieht top-schick aus, seit meine Schwester mit ihm beim Coiffeur um die Ecke war. Dass er mit seinem Charme alle Frisörinnen im Handstreich eroberte, so kennt man ihn. („Einen anderen Kat? Wat is dat denn?“ „Einen Undercut, Herr Glumm! Einen Undercut!“ „Kenn ich nicht.“)

So kannte man ihn.

*

Seit einer Woche verfällt er zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen.

Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.

„Da tun wir dir erstmal die Zähne rein.“

Dass das Pflegepersonal ihm die Prothese so oft nicht einsetzt, hat seinen Grund: sie finden das Ding nicht. Ich hab es schon im Blumentopf gefunden, unterm Bett, im Gang vor seinem Zimmer. Niemand konnte sich erklären, wie es da gelandet war. Egal, ohne das Teil kann er nicht vernünftig kauen, und beim Sprechen schludert er die s-Töne und harten Buchstaben.

„Die Frauleute wollen mir an den Kragen“, sagt er gereizt. „Die Weibsbilder. Die hüppen doch nur hier rum. Wie die Flöhe.“

„Ach was, du hast bestimmt wieder schlecht geträumt beim Mittagsschlaf. Und wenn du dann wach wirst, denkst du, alle Leute wollen dir was.“

Er sitzt im Rollstuhl und blickt zu mir hoch. „Ja..?“

„Ja.“

Ich geh ins Bad, suche sein Gebiss. Es liegt am Handwaschbecken. Ich säubere es unter fliessend heißem Wasser.

„ANDREAS!!“

Was denn jetzt. Ich stoße die Tür auf. „Was?“

„ICH MUSS MAL PINKELN!“ Er quengelt wie ein Kleinkind. „Ich muss mal!“

Ich seh ihn vor mir, wie er als Dreijähriger mit der Rassel auf einer umgedrehten dicken dash-Trommel herumhaut. Ich verlasse das Bad und drücke ihm die mit Super-Haftcreme eingeschmierte Prothese unter den Oberkiefer.

„So, einen Moment noch..“

„Ich muss mal!“

„Ja, ich weiss, aber es kann doch gar nichts passieren, du hast doch eine Windel an.“

„Eine.. Win.. del? Was verstehst du.. unter Windel?“

„Na, was du untenrum trägst, zum Beispiel..“

Das lässt er nicht gelten.

„ICH MUSS MAL!“

Von jähem Zorn übermannt versucht er sich im Rollstuhl sitzend die Trainingshose runterzuziehen, ein bockiges Kind, das den Eltern mal zeigen will, wie sehr es Pipi muss.

„UND GROSS AUCH!“

Ach, du Scheiße. Das ist nicht mein Ding.

„Moment, ich hol jemanden.“

Seine Lieblingspflegerin, eine echte Solingerin, blondiert, um die vierzig, stabil gebaut, Sommersprossen, hat Dienst. Sie ist die einzige, die Vater duzt. Sie setzt ihn ohne viel Aufhebens im Bad auf den Toilettenstuhl.

„Da kommt nichts..“, jammert Vater. „Jetzt, wo ich auf dem Klo sitze, kann ich nicht.“

„Ist ja auch kein Wunder“, entgegnet die Pflegerin. „Ist bestimmt schon alles in der Windel gelandet.“

„WAS?? WO IST DAS GELANDET?“

„In der Windel, alter Mann. W-I-N-D-E-L!! Schon mal gehört?“

Keine Reaktion. Dann:

„DA KOMMT DOCH WAS!“

„Na, Gottseidank.“

Um sechs bring ich ihn zurück nach vorn, in den Gang vorm großen Essensraum, aus dem man ihn verbannt hat, weil er es alleine nicht mehr gebacken kriegt.

„Wir brauchen morgens eine ganze Stunde, um ihn zu waschen und zu füttern, und das zu zweit“, erzählt eine andere Pflegerin, schwarzes krauses Haar, hager, auf dem Weg in die Zigarettenpause. „Füttern dauert so lang, weil er gar nicht mehr weiß, was er mit dem Löffel anstellen soll, den man ihm vor den Mund hält. Er guckt einen mit seinen treuen Augen an und ist ganz hilflos, und ehrlich gesagt, ich hoffe, Sie sehen es mir nach, aber wir alle denken das gleiche: Lieber Herrgott, hab Gnade mit diesem alten Mann und hole ihn heim..“

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann. An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, unf ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.“

Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Meist spaßeshalber.

Er sitzt am Katzentisch, direkt vorm Schwesternzimmer. Zum Abendbrot hab ich ihm eine Pferdewurst mitgebracht.

„Das war richtig“, sagt Vater.

Zwischen ihm und den Frauen, die noch nicht in den Essensraum gewechselt sind, herrscht angespannte Atmosphäre. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber es ist etwas vorgefallen. Dabei sind die meisten Damen ganz okay, bis auf ein oder zwei, die einem Streit nur ungern aus dem Wege gehen.

„So“, sage ich zu Vater und platziere ihn samt Rolli am Katzentisch, „gleich gibts Pferdewurst.“

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Ich sehe den Herrgott regelrecht vor mir, wie er da oben auf seiner Himmelstribüne hockt und sich ins Fäustchen lacht, weil ich exakt in dem Moment, wo ich in der Innenstadt in die 698 umsteige, in eine dicke Frau reinlaufe, die ein Kaugummi aufbläst, groß wie eine Pampelmuse, und locker platzen lässt.

PLOPP.

(Muss der Kerl einen Spaß haben.)

*

6. Februar 2014

Um 13.52 zeichnet die Mailbox einen Anruf aus dem Altenheim auf.

Ihr Vater hat einen HB-Wert von 8,4. Der Doktor ist gerade da und hat eine Einlieferung ins Krankenhaus angeordnet. Rufen Sie bitte zurück?

Bevor ich zurückrufe, telefoniere ich eine Stunde mit meinen Geschwistern. Wir sind am Ende mit den Nerven.

*

Letzter Teil (14) folgt nächste Woche

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Der Blueshund