Tip Top der Bursche

2008, eine Woche vor Weihnachten. Die Gräfin holt mich überraschend von der Arbeit ab. Ich bin sofort misstrauisch. Es ist die Art, wie sie den Nissan parkt, unser altes graues Pferdchen, mit der Schnauze direkt vorm Eingang des Instituts. Wie sie mir sofort jegliche Fluchtmöglichkeit nimmt.

„WIR FAHREN IN DIE STADT“, ruft sie, die Scheibe runtergelassen, „UND DU HOLST DIR EINE NEUE JACKE! ICH KANN DIE OLLEN JOPPEN NICHT MEHR SEHEN!“

Ich hasse es, einkaufen zu gehen. Ich hasse Einkaufszonen, Einkaufscenter, Shopping Malls, ich hasse die ganze Bagage. Kleine Läden sind noch schlimmer. Wo sie direkt auf einen zugeiern, Sie kommen zurecht!? Liebe Dame, ich bin in meinem ganzen verkorksten Leben noch nicht zurechtgekommen, da werde ich einen Teufel tun, hier und heute damit anzufangen! In diesem Schuppen!

Dann lieber Karstadt.

Ich probiere bestimmt zwanzig verschiedene Jacken und Blousons an, dazu drei robuste Allrounder, sogar ein ominöses Sakko, alles Schrott. When I look around me, all I see is misery. Und wenn mir doch mal etwas gefällt, ist es garantiert zu klein und in meiner Größe nicht vorrätig. Fast hab ich die Gräfin schon soweit, dass sie entnervt die Brocken hinschmeißen will und wir endlich nach Hause können, ohne irgendeinen neuen atmungsaktiven Mist am Leib, da trabt dieser lange Knecht um die Ecke. Ein Karstadtknecht, mit einem Front-Igel.

„Ich hab da noch was auf Lager“, schnalzt er übereifrig, „eine brandneue Lieferung, da ist bestimmt was für Sie dabei.“

Erst denk ich, woher will der Lulatsch wissen, was mir gut steht, und dann hat er tatsächlich Recht, der Knecht. Eine schwarze North-West Territories, mit Pelzbesatz am Kragen, Kunstpelz natürlich, kanadisch geschnitten. Was soll ich sagen. Das Ding geht in Ordnung. Seither nennt mich die Gräfin „mein kanadischer Platzwart“ und friemelt den ganzen Tag an mir herum. Also an meiner kuschligen Platzwartjacke. Das funktioniert, weil ich das Ding selbst beim Abendessen nicht ablege. Junge, ich sehe aber auch klasse darin aus. Eins a.

Tip Top der Bursche.

John Sugar Glumm (Foto: Komplizin)

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Wie ich einmal fast von drei Öfen getötet wurde

Die dritte Wohnung, die wir uns ansahen, lag am Kannenhof, einer Genossenschaftssiedlung aus den 20er Jahren, die man nach dem Vorbild Wiener Gartensiedlungen errichtet hatte, mit viel Grün und Gewürz hinter den Häusern. Außerdem war gleich nebenan die große Parkanlage, wo wir uns schon als Teenager getroffen und mit den Mädchen rumgeknuscht hatten, die wir damals „Keulen“ nannten.

Ein trauriger alter Mann öffnete die Tür. Sein Name klang wie eine anschwappende kleine Welle, Loe, Paul Loe, mit Betonung auf dem e, wie er uns leise erklärte, nachdem ich ihn ahnungslos Herr Lö angesprochen hatte. Hallo, Herr Lö.

„Nein, Loeh..“, sagte er, winkte aber gleichzeitig ab, nach dem Motto, wen juckt das noch. Er schlurfte gebeugt vor uns her und führte uns durch die Zimmer. Vermutlich war er gar nicht so furchtbar alt, aber er war einsam und alt, da zählt jedes Lebensjahr doppelt und dreifach. Die Wohnung lag im Erdgeschoss, hatte sechzig Quadratmeter und Holzfußboden, original ochsenblutrot lackiert.

„Ich muss hier raus“, sagte er. „Das ist alles zu viel für mich.“

Das Schlafzimmer, das später mein Zimmer werden sollte, war ganz gelb vom vielen Nikotin und düster wie eine Schiffskajüte, die man unter Deck vergessen hatte. Der alte Mann erzählte, dass er lange mit Frau und Sohn in der Wohnung gelebt habe. Erst sei seine Frau gestorben, dann sein Sohn. Diesen Ostern. Er zündete sich eine Filterzigarette an, und wir rauchten eine mit.

„Der Doktor meint, ich soll das Rauchen aufhören. Der kann mich mal. Der soll mir lieber was verschreiben, damit die Kippen wieder schmecken.“

Seine neue Bleibe sei gleich um die Ecke, im Seniorenstift der Stadtsparkasse.

„Ihr könnt mich ja mal besuchen kommen, Jungs.“

Tatsächlich ging ich einige Monate später bei ihm vorbei und brachte ihm seine Post, die bei uns gelandet war. Er wusste überhaupt nicht, wer ich war. Als auch mein dritter Versuch floppte, mich in Erinnerung zu bringen, tippte ich mir an die Stirn und präsentierte mich als der neue Bezirksbriefträger. Das war in Ordnung. Da ging’s.

Im Oktober 1986 zogen Karlos und ich am Kannenhof ein. Wir heizten mit drei Kohleöfen. In der großen Wohnküche gab es einen Dassel-Dauerbrenner, ein gusseisernes Mordsding mit komplett verkohltem Sichtfenster, das eine geradezu heilige Wärme abstrahlte, sowie je einen kleineren Ofen in meinem und in Karlos‘ Zimmer.

Mein Ofen, ein nostalgisch anmutender, fast neuwertiger Kaminofen, war nur in Betrieb, wenn die Temperaturen unter null sanken, (was selten war im ersten Winter), oder wenn ich den ganzen Tag mit einem Buch im Bett blieb, im Maul einen Geschmack, als rauchte ich mich durch eine Aktenordnerwand, Ordner für Ordner, Seite für Seite – das kam von der Ofenluft. Die Öfen verbreiteten zwar die gemütliche Wärme, von der alle schwärmten, („oh, ihr habt Kohleofen..? Das ist aber gemütlich!!“), aber der Geruch schlug mir auf den Magen. Besonders, wenn ich im Bett lag und rauchte, ein dickes Buch in Arbeit. Ich sah sowieso lieber Filme. Bei Romanen musste man sich zu viele Namen merken und ständig kamen neue hinzu und man musste zurückblättern und nachsehen, welcher Name zu welcher Figur passte. Filme machten es einem deutlich einfacher. Man merkte sich am Anfang ein Gesicht und gut war‘s für die nächsten neunzig Minuten.

Einmal wäre ich fast gestorben. Alle drei Öfen hatten die ganze Nacht gebrannt, ohne dass irgendwo ein Fenster geöffnet war. Es war sozusagen ein Probelauf gewesen. Da lag ich also nachts im Bett und hörte in der Finsternis das Koks und die Briketts nach unten durchrutschen und knispeln wie hungrige kleine Schlangen in ihrer Grube, und mir fiel prompt diese Zeitungsnotiz ein.

Einen Tag zuvor hatte es im benachbarten Wuppertal ein tragisches Unglück gegeben, das sich Jahr für Jahr in ganz Deutschland dutzendfach wiederholt: ein Rentner-Ehepaar starb an einer Kohlenmonoxidvergiftung, weil der Ofen in der Wohnung über Nacht gebrannt hatte und alle Fenster geschlossen waren.

Ich lag im Bett und bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Ersticken, was ein läppischer Tod, dachte ich. Fast schon ein Lapsus. Eine Ungeschicklichkeit. Schön die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands hochklettern, die Müngstener Brücke, die Solingen und Remscheid miteinander verbindet, und dann 107 Meter in die Tiefe segeln und beim Aufprall cool das Dach eines Andenkenstandes durchschlagen und auch noch die Stützpfeiler mitreißen, das ging in Ordnung, das hatte was, da hatten die Hinterbliebenen noch Futter, um sich das Maul zu zerreißen, aber ersticken, nur weil der Kohleofen über Nacht gebrannt hatte ohne Frischluftzufuhr…?

(Einen Moment lang glaubte ich schon, ich sei tot, weil ich die Affenhitze, die in der Bude herrschte, mit dem Höllenfeuer verwechselte und eine kleine Panikattacke erlitt, die ich aussaß, indem ich liegen blieb und nichts tat.)

Am nächsten Tag war ich zum Mittagessen bei meinen Eltern. Zum Nachtisch karrte Mutter einen herrlich schlammigen, noch warmen Schokoladenpudding an, und ich erkundigte mich bei meinem Vater, warum das mit dem Ofen-Unglück in Wuppertal passiert war. Was dahinter steckte. Das war natürlich was für Vater. Das war sein Metier. Und er hatte diese angenehme Art, sich nicht groß aufzupumpen, wenn er von etwas Ahnung hatte. Und selbst wenn er sich aufpumpte, blieb für andere noch genug Platz am Tisch.

Um ihm zuzuhören.

Er erklärte es mir so, dass Unfälle durch Kohlenmonoxidvergiftung meist nach langen Wärmeperioden geschehen, wenn der Kamin von einer Kaltluftschicht verstopft ist, der sogenannten „Stange“.

„Plötzlich wird es Winter und die Leute machen den Ofen an, aber die Stange, die sich im Sommer gebildet hat, lässt die giftigen Abgase nicht den Schornstein hoch, also entweicht das Kohlenmonoxid peu a peu ins Zimmer und frisst Sauerstoff und Mensch. Im Schlaf merkst du das gar nicht, du schläfst einfach weiter und bist irgendwann tot.“

In unserem Haus am Kannenhof sei die Gefahr einer solchen Vergiftung jedoch gering, da dort überall noch mit Kohleofen geheizt werde, das sorge für einen guten Durchzug. Ich war zunächst beruhigt. Doch etwas ging mir nicht aus dem Kopf. Da hatte ich also in der Nacht zuvor lieber mein Leben riskiert, als mal eben aufzustehen und das Fenster zu öffnen. Ein bisschen Sauerstoff hätte ja schon gereicht, das Fenster auf kipp gestellt und die Erstickungsgefahr wäre gebannt gewesen. Aber ich unternahm nichts, ich blieb liegen im Bett, hörte das Züngeln der Flammen und spielte Russisch Roulette auf die kommode Art: einfach abwarten, ob ich jetzt draufgehe oder nicht.