Zwei schwarze Babes

Verabredungen mit einem Dealer folgen stets dem gleichen Muster. Mag sich der Knabe anfangs auch von der korrekten Seite zeigen, um dich mit Pünktlichkeit und Großzügigkeit anzufixen, es kommt unweigerlich der Moment, wo er dich spüren lässt, wer Herr im Hause ist. Von nun an bestimmt der Dealer nicht nur Treff- und Zeitpunkt, der Dealer bestimmt auch die Zeitspanne, die er dich warten lässt.

Ich hatte ein Date mit Ringo. Ringo war spät dran. Ich kannte Ringo aus alten Grundschultagen, jetzt war er mein Dealer. Dealer haben das Zeitmonopol. Wer die reine Lebenszeit aufrechnen will, die ein Junkie damit verbringt, auf einen Dealer zu warten, an irgendeiner grauen Straßenecke, schlechtgelaunt, den Affen im Genick, der sollte den Taschenrechner anwerfen. Ein Junkie wartet sich ganz schön was weg im Leben. Aber von allen Dealern, auf die ich je warten musste, störte es mich am wenigsten, auf Ringo zu warten. Er hatte einen unschlagbaren Vorteil den anderen gegenüber: Ich wusste, er würde kommen. Er ließ einen niemals hängen. Ich kannte ihn von der Grundschule. Er war in Ordnung. Er ist dieses Jahr 10 Jahre tot.

Mitte der Neunziger war ich noch relativ gut drauf, was Schore anging. In jeder Drogenlaufbahn gibt es eine Phase, wo man mit seiner Sucht einverstanden ist, wo man die Strenge, die jeder Sucht eigen ist, noch als Motor zu schätzen weiß und wo man glaubt, oder hofft, aus der Nummer noch irgendwie rauskommen zu können. Eine Zeit, wo einen die Konsequenzen der Sucht noch nicht wirklich gepackt haben, wo das Siechtum stets andere betrifft.

Der Treffpunkt, den ich mit Ringo abgemacht hatte, war vorm ehemaligen Wienerwald-Restaurant, das einem Irish Pub gewichen war, der aber auch schon wieder dichtgemacht hatte und nun leer stand. Ich überquerte den Zebrastreifen, als ich über mir schrille Frauenstimmen hörte, you buddy.. heyy..!! Cum up!

Ich blieb stehen. Ich konnte die Stimmen nicht lokalisieren. Sie kamen von oben, irgendwo.. Da sah ich sie. In dem Appartementhaus über dem vernagelten ehemaligen Wienerwald drängelten sich zwei schwarze Frauen am Fenster und winkten mir zu. Das Fenster war im dritten oder vierten Stockwerk.

YOU CUM UP!!?

Ich drehte mich um. Hinter mir war niemand, ich war der einzige auf dem Zebrastreifen. Die meinten tatsächlich mich. Die Grünphase war um, die Fußgängerampel sprang auf Rot. Ich setzte mich wieder in Bewegung, inmitten des Stadtlärms. Ich verstand nicht, was die beiden schwarzen Frauen von mir wollten, es war einfach zu laut: Fahrzeuge machen Krach, wenn sie in der Stadt unterwegs sind, da sind Bauarbeiter, die mit Pressluft bohren, Weiber, die fremde Männer anjodeln, alle lassen es krachen. Als wäre Lärm ein Muss in der City. Stillschweigend lässt niemand die Stadt über sich ergehen.

„Yes, you!“ winkten die Frauen. „You must help! Just a minit! No problem! Cum up?“

„Okeh“, rief ich zurück, ich erreichte den Bürgersteig.

Keine Ahnung, was die Frauen wollten. Ich kannte die Frauen nicht, ich kannte niemanden, der in dem Haus über dem alten Wienerwald wohnte. Die wollten mir ja wohl kaum einen blasen. Solingen war nicht Nairobi. Die beiden Babes yappten immer noch wild durcheinander in ihrem Pidgin-Englisch, ich kapierte kein Wort. Ich hatte doch gesagt, ich komme hoch. Okay, rief ich noch einmal und zeigte zur Tür. Come down. Open the door.

Vorbei am Pub, an staubigen Ladenfenstern, vergessenen Konzert-Plakaten. In den Siebzigern, als es noch das gutlaufende Wienerwald-Restaurant gab, konnte man vom Bürgersteig aus den Gästen genau auf die Teller glotzen. Wie oft hatten wir Teenager unsere blanken Hintern an die ebenerdigen Panoramascheiben gedrückt und die Arschbacken auseinandergezogen: PRÄ-SEN-TIERT.. DIE RO-SETTE. Wir hatten unseren Spaß, die Gäste ihr Hendl und einen Einblick in die Hölle.

Die Eingangstür zum Appartementhaus schnappte auf. Ein schwarzes Babe winkte mich heran, ein Kaugummi in Arbeit. Sie trug ein Top, unter dem sich stramme Möpse abzeichneten, und rote, am Knie abgeschnittene Leggings.

“Schlampenfaktor 11” hätte Ringo auf den ersten Blick alle Punkte vergeben, plus Bonuspunkt. Ringo war vernarrt in harte Abzieher-Ladys. Eigentlich hatte ich hier nichts verloren. Mir lief schon leicht die Nase, Dröpje für Dröpje. Ich hatte ein Pulver-Date mit Ringo. Am liebsten hätte ich die ganze Situation eingepackt und zu Hause in aller Ruhe aufgemacht.

Ich folgte der Schwarzen die Treppe hoch, starrte auf ihren Hintern, der wie ein schlingerndes Beiboot die Stufen nahm. Wartete oben ein Lude, um mich niederzuknüppeln und auszurauben? Waren es neuzugezogene Junkies, die nicht wussten, dass sie gerade dabei waren, einen alteingesessenen Junkie abzuziehen? Das schwarze Babe spazierte vor mir her, ein großes Chewing Gum, mit hochgerecktem Hintern. Vielleicht wollten die mir ja doch einen blasen. Im dritten Stock stand eine Zimmertür offen. Sie schlappte keuchend voraus, ich hinterher.

“Cum in!”

Ihre Kollegin wartete im Appartement. Es war karg möbliert, es roch nach frischer Farbe. Sie trug afrikanische Tracht, ein weites goldenes Gewand. Im Fernseher lief MTV, ohne Ton.

“Can u help?” Sie zeigte auf den Hi-Fi-Turm in der Ecke. “Doesn’t wok”, sagte sie.

“Hm?”

“Da music doesn’t work. Look.”

Theatralisch drehte sie den Lautstärkeregler rauf und runter, aber die Boxen blieben stumm.

“No sound”, wiederholte sie, “u hear?”

Ich ging in die Hocke. Im CD-Laufwerk hatte sich eine CD verklemmt, die Klappe ließ sich nicht öffnen. Auch das Radio funktionierte nicht. Kein Licht, es war alles tot. Aber warum?

„No idea“, sagte ich.

Ich zog fachmännisch hier am Stecker, ruckelte fachmännisch da am Kabel, ich fuhr die Antenne ein und aus. Nahm noch mal den Stecker in die Hand, stöpselte ihn ein. Aus. Ein. Aus. Ein.

„Ja, ist eingestöpselt!“ lachte ich.

Die beiden Tanten beobachteten mein Treiben zunehmend unfreundlicher, bis das Babe, das mich unten auf der Straße abgeholt hatte, plötzlich laut wurde, in seiner Muttersprache. Kurz glaubte ich, aus dem anderen Zimmer des Appartements schlurfende Geräusche zu hören und bereitete mich innerlich schon auf einen Faustkampf vor, mit wem auch immer, doch nichts geschah.

Mir war ungemütlich. Es war unbekanntes Terrain. Natürlich kann auch auf unbekanntem Terrain eine Situation gelingen wie eine gute Mahlzeit: à la minute. Aber wenn man gar nicht darauf hinarbeitet, dass solch eine Situation gelingt, wenn man also, im übertragenen Sinne, gar nicht gekocht hat und es steht dennoch eine fremdartige Speise auf dem Tisch, auf den Punkt gewürzt und alles, tja, dann fasst man sich an den Kopf, „das gibt’s doch gar nicht!“ Ist mit den üblichen Maßstäben kaum zu vereinbaren. Zauberei. Alchemie.

„Wackelkontakt“, sagte ich einfach mal ins Blaue hinein, um die Technik zurück ins Spiel zu bringen, von der ich keinen blassen Schimmer hatte.

„What you mean?“

„Rockin‘ contact“, sagte ich (tatsächlich).

Zuletzt versuchte ich die eingeklemmte CD mit Gewalt ins Schubfach zurückdrücken. Es gab ein störrisches Geräusch, so als würde ein dicker Esel husten, aber die CD verhakte nur noch mehr, auch wenn sie jetzt ein Stückchen tiefer im CD-Player angekommen war.

Den Frauen schien endgültig aufzugehen, wen sie sich da in die Wohnung geholt hatten, das Interesse erlosch. Jäh zogen sie sich ans Fenster zurück, drängelten sich aneinander und yappten zur Straße runter, Hey you! Yes! Must help! Just a minit! No problem!

Sie kümmerten sich nicht weiter um mich. Im Treppenhaus sprang ich die Stufen runter, wie ich es als Junge getan hatte: ich nahm stets sechs Stufen auf einmal, wobei ich mich links und rechts an Wand und Geländer abstützte.

Als ich an die Luft trat, stand dort bereits der nächste weiße Hi Fi-Champ, der im Geiste schon einen schönen Quickie ausformulierte. YES, I CUM UP! hörte ich ihn rufen, mit roten erregten Bäckchen zum Appartement hoch.

Ringo!