Komma ich blute

In der Woche vor Weihnachten saß ich in der S-Bahn nach Düsseldorf, ich war auf dem Weg in den Puff. Hinterm Bahndamm. Nicht gerade ein Jazzclub. Ein Laufhaus. 24 Stunden geöffnet. (Unangenehm die vielen Türken, die sich im Kontakthof um die Glücksspielautomaten scharten und sich demonstrativ an den Schwanz fassten, wenn eine neue Hure ihren Dienst begann.) Es war eine seltsame Zeit damals. Natürlich ist jede Zeit seltsam, im Nachhinein betrachtet, doch es gibt Zeiten, die sind in einem Maße seltsam, als hätten sie die Seltsamkeit erst definiert, als wären ihnen der Spezialpreis im Seltsamsein zugesprochen worden. Die Doors haben darüber schön gesungen, und sie haben kurzen Prozess gemacht:

Strange Days.

Im September 86, knapp drei Monate zuvor, hatte ich überraschend den Literaturpreis des Landes erhalten, im Februar 87 würde ich die Gräfin kennenlernen. Und da saß ich nun, mittendrin, in der S-Bahn und fühlte mich seltsam, und fuhr in den Puff.

Paar Tage vorm Christfest.

Der Wettbewerbstext, den ich in der Landeshauptstadt Düsseldorf eingereicht hatte, ARNHEIM/DER BLUES, war eine Verzweiflungstat. Im Winter zuvor hatte mich meine erste große Liebe verlassen, Lena. Ich brach kurzerhand zusammen und fing an zu schreiben – ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. ARNHEIM flutschte aus mir heraus wie ein Songtext. Ein Rap. Lena war nach fünf Jahren gegangen, ich war verzweifelt, am Ende, ich wollte von der Brücke springen, das ganze Programm. In solch einer Verfassung zu schreiben ist mehr als nur eine Geschichte aufs Papier bringen, Schreiben ist plötzlich E-Gitarre, Seuche und Feuerlöscher in einem. Und damit in etwa genau das, was später einmal unter dem Slogan Gefühl und Härte als typisch für die deutschsprachige Literatur der Achtzigerjahre abgeheftet werden sollte, doch davon wusste ich nichts. Ich war hauptsächlich mies drauf. Mich kotzte alles an. Da war keine Lena mehr, die mir morgens einen Kuss gab, wenn ich verkatert aufwachte. Abends ging ich saufen mit den Freunden, morgens saß ich an der Schreibmaschine und schrieb über das Saufen mit den Freunden, ich drehte und soff mich im Kreis.

Der Sommer 86 brachte die Wende.

Es war ein heisser Sommer. Ich hatte diesen Kofferträgerjob im Turmhotel ergattert und stets Bares auf der Tasche, ich war braungebrannt und donjuante mich durch die Landschaft. Doch je länger ich abends unterwegs war, desto schwerer fiel es mir am nächsten Morgen, darüber zu berichten. Irgendetwas musste passieren. Die Option mit der Brücke war noch offen. Die Option war immer offen. Die Option mit der Brücke war sozusagen die Absicherung, dass alles seine Grenzen hatte. Die Frage war nur: wer bestimmte, wann eine Grenze erreicht und wann sie überschritten war, und wann sie in die Tiefe führte.

Da kam mir die Ausschreibung für den NRW-Literaturpreis in die Finger. Ich sandte ARNHEIM/DER BLUES und BLAU ein, fünf Seiten wie gefordert. Bis spätestens Ende August, hieß es, würde man unter den Einsendern 10 Autoren auswählen, die dann in einer Art Wettlesen in der Düsseldorfer Kunsthalle den Gewinner unter sich ausfochten.

Es wurde Ende August, Anfang September, nichts geschah. Kein Anruf, kein Brief, nichts. Als zwei Wochen später immer noch keine Reaktion gekommen war, vergaß ich die Geschichte.

Eines Morgens hing ich in der Badewanne mit meinem Dauer-Blues, als es an der Tür schellte. Ich war zu kaputt um aufzustehen. Wozu auch? Um dem schwulen Schornsteinfeger zu öffnen, der mir aufs Höschen schielte? Für eine Schornsteinfegerin hätte ich meinen nassen Hintern vielleicht noch aus der Wanne gehievt, doch so wurde es Mittag, bis ich beim Verlassen des Hauses im Briefkasten nachschaute. Die Benachrichtigung über ein Einschreiben. Möglicherweise handelte es sich eine Vorladung als Zeuge in irgendeiner Drogengeschichte. Mir fiel zwar niemand ein, der ein Verfahren am Arsch hatte, andererseits hatte immer irgendwer ein Verfahren am Arsch.

Am nächsten Vormittag stiefelte ich zur Hauptpost und zeigte am Schalter Personalausweis und die Benachrichtigung vor. Ich dachte keine Sekunde an den Literatur-Wettbewerb, das Thema war gestorben. Und dann sah ich den Absender auf dem Umschlag, den mir der Postbeamte zuschob: Kulturbüro NRW, Düsseldorf. Ich ging zum Fenster und riss den Umschlag auf. Darin ein leeres, fünfseitiges Formular und ein Anschreiben:

Herzlichen Glückwunsch, Sie sind in der Sparte Prosa unter den 10 Autoren, die dieses bla bla Jahr..

Ich stürmte zum Ausgang, die Treppe runter, ich sprang über die viel befahrene Kölner Strasse. „DIE GEBEN MIR NE CHANCE!“ Autos hupten. „DIE WICHSER!“ Dann zurück in die Poststelle, weil ich den Umschlag samt Formular auf dem Fensterbrett liegen gelassen hatte.

*

Für das Finale in der Düsseldorfer Kunsthalle war ein weiterer Text einzureichen, fünf Seiten lang. Ich entschied mich für „Scharfer Hund“, wo ich von meinen Anfängen als Nachtportier erzählte.

Kunsthalle Düsseldorf, 27. September 86.

Ich war als dritter oder vierter an der Reihe. Während das Gros der Autoren am Rednerpult traditionell publikumsfeindlich ins Mikrofon nuschelte und umständlich nach der nächsten Zeile fahndete, trug ich den Text fast freihändig vor: ein Mittelstürmer, den quirligen Text eng am Fuß, in eine hellblaue Jeansjacke und dem Trikot der Cannabis Kickers mit der Nummer 59 gehüllt, in dem ich normalerweise in der Hobby-Liga gegen Teams wie Torpedo Kaarst aufzulaufen pflegte.

Das hatte seinen Grund, dass ich den Text gut drauf hatte, und der Grund hieß GEHT DOCH UM NIX: mit Schnaat an der Gitarre, dem dicken Hansen an den Keyboards, seinem Bruder an den Drums, Schwarte Schwarz am Bass und mit mir am Mikro hatten wir ein paar Monate zuvor ein Programm mit Text (Glumm) und Musik (Schnaat) auf die Bühne gestellt. Und so wichtig ein guter Text sein mag, ausschlaggebend ist die Präsentation. Ich musste nicht mal groß aufs Blatt gucken, während ich SCHARFER HUND vortrug.

Dass ich das Ding gewinnen könnte, kam mir erstmals in den Sinn, als ich im Foyer zweimal angepflaumt wurde: Erst von der Aufseherin, „ZIGARETTE AUS!“, dann von einer streng dreinblickenden Dame, „Ah, mein größter Widersacher..“, als wir uns auf der Treppe begegneten. Ich wußte nicht, wer die Dame war, bis ich an ihrem Revers das Namensschildchen sah, das wir teilnehmenden Autoren tragen sollten, ich aber nicht angesteckt hatte, weil es mir zu albern war.

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Preisverleihung im vollbesetzten Großen Saal. Nachdem der zweite Platz der Kategorie Prosa bekannt gegeben war, rutschte ich nervös auf der Stuhlkante hin und her. Blieb nur noch Platz 1 – alles oder nichts. Da erwischte ich den prüfenden Seitenblick meins Schwagers, der sich zu mir umdrehte. In diesem Moment wusste ich, dass ich gewonnen hatte.

.. ersten Preis erhält Andreas Glumm. Ihm gelingt es, aus dem Lebensgefühl eines großen Teils der jüngeren Geschichte heraus, Situationen des Alltags unversehens ins Groteske zu wenden. Bemerkenswert ist dabei die authentisch wirkende, starke und vitale Sprache.

Blitzlichtgewitter und Applaus. Ja, ich meinte sogar eine einzelne Fanfare wahrzunehmen, doch das war wohl ein Phänomen meiner Ohren. Meiner Familiengeschichte, meiner Vorfahren, die gerne mal auf den Putz hauten und den Silberrücken hervorkehrten.

(Anfang des 19. Jahrhunderts hatte es einen vermögenden Glumm gegeben, der seine Ländereien auf einem weissen Schimmel abreitete, an den Stiefeln vergoldete Sporen. Er endete tragisch. Er verspielte jeglichen Grund und Boden am Roulettetisch und hatte danach immer noch Spielschulden. Er war keine vierzig Jahre alt, als er an den Stadtrand gelockt und erschlagen wurde. Zur Abschreckung nagelte man seinen Leichnam an das Wasserrad des Kohlfurter Kotten.)

Der Kultusminister strahlte mich an und überreichte die Urkunde, einen großen grünen Scheck über zweitausend Mark und einen Strauss Pferderosen, von dem ich schon zehn Minuten später nicht mehr wusste, wo er abgeblieben war. „Ich muss pissen!“ rief ich den verdatterten Fotografen zu, und weg war ich. Bereits vor der Bekanntgabe der Preisträger war ich minutenlang unruhig auf dem Sitz hin-und hergerutscht, aus Nervosität, logisch, aber auch wegen der randvollen Blase. Nach meinem Vortrag war noch Zeit gewesen bis zur Preisverleihung und ich hatte einige Bier und Killepitsch getankt, eine süße Düsseldorfer Spezialität. Und nun floh ich mit Scheck und zusammengefalteter Urkunde, aber ohne Blumen, aus dem Kameralicht in Richtung Scheißhaus. Als ich zurückkehrte, wollte sich die Jury gerade aus dem Staub machen, darunter eine nicht unsympathische weißblonde Intellektuelle um die Fünfzig, im Tross mit anderen wichtigen Figuren aus dem Literatur-Obergrund.

„He! Was ist denn jetzt?“ rief ich und flog hinterher.

Sollte das alles gewesen sein? Die lumpigen paar Mark, die Urkunde, der Strauss Rosen, der weg war? War ich jetzt nicht weltberühmt? Niemand hörte zu. Die Juroren hatten ihre Arbeit war getan, man wollte jetzt in den Goldenen Kessel, wo es Freibier gab und noch mehr Killepitsch. Bis auf die Literaturagentin aus Meerbusch. Eine kühle zurückhaltende Person, deren Metier eigentlich Reisereportagen und politische Essays waren, wie sie mir erklärte.

„Na schön“, seufzte sie, als ich nicht locker ließ. „Besuchen Sie mich nächste Woche in Meerbusch, und bringen Sie Arbeitsproben mit.“

Meine Texte gefielen ihr, wir schlossen einen Vertrag. Die Absagen der Verlage, die sie anschrieb, liess sie mir zukommen. „Für die von Ihnen angestrebte Absichtslosigkeit“, so Kiepenheuer & Wietsch, sei das ganze „nicht absichtslos genug.“ Auch die Agentin machte bald einen ratlosen Eindruck, und nach nicht mal sechs Monaten war Schluss mit Achselzucken. „Eigentlich vertrete ich ja mehr anglo-amerikanische Reise-Literatur.“

Ach so. Ja. Richtig.

2000 Mark brachte mir der Preis, und am folgenden Sonntagmorgen kassierte ich noch mal 1000 Mark für einen einen einzigen Auftritt auf dem Bücherbummel auf der Kö. 3000 Mark an einem einzigen Wochenende. Es hatte Vorteile, es lag auf der Hand, ein Star zu werden.

„Scharfer Hund!“ – wie einen Fußball-Helden feierten die Solinger unter den Zuschauern „ihren“ Autor, den 1. Preisträger für Prosa, Andreas Glumm. Wenn er seine Texte vorträgt, oft frei, die Augen nach oben oder blitzschnell ins Publikum gerichtet, halten sich Selbstsicherheit und eine gewisse Verlegenheit, ob er das denn auftischen kann, die Waage. Authenzität wurde ihm bescheinigt.

(Rheinische Post, 29. September 1986)

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Es war wie immer. Kaum hatte ich den größten Erfolg meines Lebens errungen, setzte das Übliche ein. Meine alte Verweigerungstaktik. Einen Schritt vor konterte ich stehenden Fußes mit einem Schritt zurück. Ich war ein großer Freund von Ausgleich, von Balance, von leckt mich alle am Arsch, ich mich selbst ganz besonders. Ich war die große glückliche Bulldozerseele, ich war der Konteradmiral. Ich wollte meine Ruhe haben, erst recht in einem Moment, wo ich stolz wie Oskar war, und stellte das Schreiben ein. Wofür sich noch groß den Arsch aufreissen. Ich war doch schon berühmt. Ich hatte dreitausend Mark – in Worten: dreitausend – an einem einzigen Wochenende im Herbst verdient – was sollte da noch kommen. Das war nicht zu toppen.

Schon keine zwei Monate später erschien mir dieser Samstag im September 86 wie eine Fata Morgana, als wäre es bloß ein kleiner Schriftstellertraum von Ruhm und Ehre gewesen, als hätte das legendäre YPS-Magazin dem Herbst-Heft ein Literatur-Gimmick beigelegt, versehentlich. Ein Produktionsfehler. Ein Redaktionsirrtum.

Bockmist.

Lena war mir durch die Lappen gegangen. Sie hatte Schluss gemacht, war mit einem Bundeswehrsoldaten durchgebrannt. Sie hatte Mut bewiesen nach fünf oder sechs gemeinsamen Jahren und den Schlußstrich gezogen. Mir blieb das ungute Gefühl allein zu sein in der Welt, allein unter all diese Leuten, von denen ich zumeist nicht wusste, was ich von ihnen halten sollte.

Ich sollte ficken fahren, dachte ich.  Männer, die allein sind, gehen in den Puff. Ich bin ein Mann, ich bin allein, ich fahr in den Puff. Ole.

Und natürlich – ich trank zuviel. Immer noch. Jetzt erst recht. Vertrug ich das Trinken nicht mehr. Immer weniger. Die Sauferei. Es gab Tage, da riss ich beim Aufwachen erschrocken die Augen auf – erschrocken, weil ich mich umguckte und noch lebte. Detonierter Bauch, die Zellen zerrüttet, solche Tage.

Tage, wo Blut kam.

Tage, wo ich mich abends lächerlich machte am Tresen, wo ich den Ausgang, den Weg nach Hause nicht fand. Es waren dieselben Tage, die mich morgens mit dem monotonen Geräusch eines Wassertropfens empfingen, der in der Küche aus dem lecken Wasserhahn fiel und peu a peu eine Kerbe in den Spülstein trieb, im Takt schneller hastiger Herzschläge. Solche Tage. Beschissene Tage.

Tage, wo Blut kam.

Wenn ich aufs Klo ging und pinkelte, war ich stets darauf vorbereitet, Blut in der Schüssel vorzufinden. Das große neue Menetekel, seit der beste Freund meines Schwagers an Blasenkrebs gestorben war. Das erste Anzeichen, dass er krank war, war Blut gewesen, das er auspinkelte. Nach dem Volleyball-Training war es gewesen, als er meinen Schwager in der Umkleidekabine beiseite nahm, „du, ich hab Blut im Urin.“ Kein halbes Jahr später starb er in den Armen seiner Frau, ausgezehrt von der Chemotherapie. Seither wartete ich nur darauf, Blut zu pissen. Erst recht an verkaterten Tagen. Wo Blut sowieso kam.

Vielleicht sollte ich ficken fahren. Morgen ist Heiligabend.

Da kam immer der Heiland.

 – Fortsetz. –