Die Solinger Regenwaldfotos


 

 

 

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Was denkt der Mensch, wenn er zu brennen beginnt

„Bist du müde?“

„Was?!“

„Ob du müde bist.“

„Müde..?!“

„Ja, müde. Bist du müde? M-Ü-D-E…?“

Vaters weißes Haar stand wirr in der Luft, wie nach einer überraschend anberaumten Razzia. Er überlegte eine Weile. Dann sagte er: „Ich bin nicht glücklich. Ich bin deprimiert. Und ich bin müde. Ich bin ein müder… Krieger.“

*

Obwohl wir Kinder mit seinen Kriegserinnerungen aufgewachsen waren, konnte ich ihn mir zeitlebens nur schwerlich als Soldat vorstellen, als bewaffneten Krieger schon gar nicht. Ich brachte es nicht zusammen. Männer, die in den Krieg ziehen, waren für mich Kerle in Panzern, die nicht zögerten zu töten, wenn der Einsatzbefehl kam, die Bomben abwarfen und Leichenberge anhäuften. Doch wie war so eine seelenlose Testosteronmaschine in Einklang zu bringen mit meinem ruhigen, stets überlegt handelnden, souveränen und friedliebenden Vater?

(Seelenlose Testosteronmaschine? Unterschlug ich dabei nicht die guten Soldaten, die Hitler besiegten?)

Normandie, Frühjahr 1944.

„An der Front schrien wir jungen deutschen Soldaten vor lauter Angst alle durcheinander. Wir schrien nicht etwa um Hilfe, wir schrien nach MUTTER“, erzählte Vater und fügte hinzu: „Was glaubst du, was an der Front für ein Durcheinander herrscht. Jeder hat die Hosen voll, jeder sieht zu, dass es ihn nicht als nächsten trifft.“

Sie wurden Grünschnäbel gerufen, die 16, 17jährigen Jungs, die mit der NS-Propaganda groß geworden waren und nun an der Front verheizt wurden, weil die gestandenen Soldaten, die alten Recken alle entweder tot, verschollen oder in Gefangenschaft waren. Man trichterte den Grünschnäbeln ein, dass sie es bei den vorrückenden Amis in vorderster Reihe mit baumlangen Negern zu tun haben würden, die mit aufblitzenden Buschmessern zwischen den Zähnen kämpften, wilde schwarze riesige Tiere, die man sofort und ohne Gnade töten musste, wenn man sie vor die Flinte bekam, ansonsten schlachteten sie dich ab und grillten dich, ohne mit der schwarzen Wimper zu zucken.

Vater diente als Melder. Jeder Zug hatte zwei Melder, und so war es reiner Zufall, dass der Kollege aus Breslau an diesem Morgen im Frühjahr 44 Dienst hatte und nicht Vater. Der Auftrag lautete, eine Nachricht an einen Offizier zu überbringen, der mit seiner Einheit am gegenüberliegenden Flussufer stationiert war. Dazu musste eine strategisch wichtige Brücke überquert werden, die unter sporadischem amerikanischen Panzerbeschuss stand.

Der Melder aus Breslau hatte die Hälfte der Brücke schon zurückgelegt, als sie bombardiert wurde. Sein Körper wurde glatt entzweigerissen. Aus einiger Entfernung sah Vater, wie die Gedärme des Kameraden am Brückengeländer herunter hingen, wie Fondue-Käse, der Fäden zieht, auch die Beine des armen Teufels zogen sich immer mehr in die Länge, Tentakeln, lange schleimige Tentakeln, bis sie ebenfalls entzweirissen und der Torso ins Flusswasser stürzte.

„Das hättest ja genauso gut du sein können“, meinte ich vorsichtig.

„Na sicher. Hätte ich an diesem Tag Dienst gehabt, säßen wir beide jetzt nicht hier..“

Mutter hätte nach dem Krieg einen anderen Mann kennengelernt, sie hätte andere Kinder geboren, es hätten andere Geschichten zur Debatte gestanden, wenn der Dienstplan ein anderer gewesen wäre, damals, im Frühjahr 44. Was für ein wahlloser Blödsinn dieses Dasein ist. Würfelglück – sonst nichts.

Fondue.

„Am Ende waren alle Kameraden entweder tot oder verwundet, ich war der einzige aus dem alten Zug, der noch lebte. Als Melder, das war mein Glück. Ein Melder ist ständig in Bewegung, er bietet kein festes Ziel.“

Da Vater so ausgiebig von früher erzählte, blieb die Familiengeschichte meiner Mutter eher im Hintergrund. Doch wenn es um den Schrecken des Krieges in der Heimat ging, waren ihre spärlichen Erinnerungen hilfreich. Wenn sie erzählte, hockte man als blutjunges BDM-Mädchen (Bund Deutscher Mädels) im überfüllten Luftschutzkeller und hörte das Dröhnen der alliierten Flieger, das Pfeifen der Bomben, die Einschläge ringsherum. Man hörte Gebete im Keller, lauter und flehender nach jedem neuen Bombeneinschlag, man hörte Kindergeschrei. Jede Detonation ließ das Haus erzittern, Putz rieselte von den Decken und Wänden, der Staub machte die Gesichter weiß, die Luft war zu dick zum Atmen. Wenn Mutter erzählte, sah man die alten Menschen, wie sie verrückt geworden vor Angst aus klaustrophobisch engen Bunkern flohen, auf der Straße erfasste sie der Feuersturm, „sie brannten wie Fackeln.“

Was denkt der Mensch, wenn er zu brennen beginnt, was geht in ihm vor? dachte ich verstört, als Mutter von der Heimatfront erzählte, und Vater drehte sich sorgsam zur Seite.