Der neue Hund

„Wir brauchen einen neuen Hund“

Die Bildergeschichte „Der neue Hund“ von Susanne Eggert auf

Citronenbusen

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Jahre mit Hund

Das Schöne an Hunden: Sie geben immerzu alles. Sie können nicht anders. Das ist ihr Wesen. Und je länger ich das Wesen von Hunden studiere, desto länger dauert auch die Bewegung, mit der ich den Hut vor ihnen ziehe.

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In China ist Neujahr, es beginnt das Jahr des Hundes. Die Jahrgänge 1958, 1970, 1982, 1994 etc. sind unter der Knute des Hundes geboren. Der Hund ist linientreu und fleißig, etwas introvertiert und verlässlich, so wie es sich gehört. Wer einen Hund als Freund hat, kann sich glücklich schätzen, ihn zu vergraulen ist schon fast eine Aufgabe. Doch im chinesischen Horoskop 2018 gibt es eine „süße Gefahr“, lese ich im Chinanetz: „Der Hund steigert das Gefühl der Sicherheit und Gemütlichkeit im bereits Vertrauten und Bekannten, was dazu führen kann, dass man lange ersehnte Chancen und Gelegenheiten verpasst.“

Seltsamerweise kommt mir beim Jahr des Hundes sofort „The year of the Cat“ von Al Stewart in den Sinn. Und wenn „The year of the Cat“ in meinen Kopf anspielt, sitze ich automatisch im Stonns Fuot, Solingens legendärer Hardcore-Kneipe am Grafen, die 1980 abrupt dichtmachte. Dichtmachen musste, weil der damalige Eigentümer die Pacht so massiv erhöhte, dass es sich für den Pächter nicht mehr rechnete.

Mit dem Stonns endeten die 70er Jahre. Und all die verrückten Typen, all diese seltsamen Vögel, wie sie nur die 70er ausspucken konnten, versprengten sich in alle Himmelsrichtungen und wurden nie wieder gesehen. James, der Wirt, Vollbart, Halbglatze, kräftige Statur und Bierbauch, spielte die Platten im Stonns grundsätzlich nass ab. Neben dem Plattenspieler stand stets griffbereit ein Whisky-Glas voll Wasser, das er mit lässiger Geste über die LP kippte, bevor sich die Nadel aufs erste Stück niedersenkte.

„Year of the Cat“ ist für sich genommen nicht mal eine besondere Nummer, es ist ein Hit unter vielen, aber es gibt immer mal wieder einen Song, der alle anderen mitnimmt, der ihnen ein Dach verleiht, ein Zuhause gibt, genau so ein Song ist „A Year of the Cat“. Wenn er im Stonns anlief, machte sich kurz so etwas wie Frieden breit, eine olympische Idee. Kein Mensch sagte mehr einen Ton, wir schauten zum Fenster raus, wo sich der Verkehr über die Kölner Straße schob, wo der Schneeregen einsetzte, zufällig genau dann, wenn das Saxofon kam. Und genervt hat „A Year of the Cat“ irgendwann auch. Aber dann schloss der Schuppen. Soll man jetzt sagen glücklicherweise?

Pünktlich.

1980, von einem Tag auf den andern. Karlos, Benzini und ich waren ratlos. Wo jetzt die Abende versaufen? Benzini jobbte damals auf einer Airbase der US-Army, von wo er gallonenweise billigen Gin und Whisky mitbrachte, wenn er alle vierzehn Tage auf ein langes Wochenende auftauchte. Zwei Tage stromerten wir bis spät in die Nacht durch die Nordstadt, futterten frisch gerupftes Kohlrabi und brachen Gartenhäuschen auf, aber nicht um irgendwas zu klauen, sondern um ein trockenes Plätzchen zum Feiern zu haben.

Wenn ich ans Stonns denke, sehe ich den Hintern vom dicken Hellmann vor mir. Wenn man reinkam links hockte der dicke Hellmann auf seinem Stammplatz an der Bar. Während er einen halben Liter nach dem anderen kippte und den Wirt kontaktierte, „mein Ruf ist schlecht, James, aber ich bin gut“, quoll sein fetter Hintern in den engen Gang, und wer sich vorbeizwängte, riskierte einen Blick in die Hölle: Einer behaarten Murmelbahn gleich verlor sich eine lange dunkle Arschritze in seinen Hosenboden, eine Ritze, die sich selten gewaschen hatte.

Der Schlitz war wie eine Einladung, etwas darin abzustellen, eine kleine Stange Kölsch etwa, quasi im Vorbeigehen. Silvester 79 auf 80 hatte der dicke Hellmann schon nachmittags so viele Humpen gesoffen, dass er auf seinem Hocker eingepennt war, mit dem Schädel auf dem Tresen, als Pepe aus Übermut einen roten China-Kracher in Hellmanns Arschritze stopfte, mit dem Zünder nach oben. Er konnte nicht anders – ein Böller und die Ritze vom dicken Hellmann – es war DIE Liaison zum Jahresausklang! In der nächsten Stunde zündelte mal Karlos bedrohlich nah am Docht, mal drückte sich Pepe mit dem Einweg-Feuerzeug an Hellmanns Hintern herum. Es war so voll im Stonns, niemand bekam etwas davon mit, nicht mal James, der Wirt. Wir kicherten wie bekiffte kleine Welpen, als es plötzlich zu knistern begann. Pepe hatte den roten Kracher tatsächlich angezündet, wenn auch mehr aus Versehen.

„SCHEISSE..!“

Es war Karlos, der geistesgegenwärtig ein frisches Bier opferte und über Hellmanns Hintern auskippte und damit in letzter Sekunde verhinderte, dass uns der ganze Arsch buchstäblich um die Ohren flog. „WAS..?? ZUM TEUFEL!!?“ bäumte sich Hellmann am Tresen auf und zog den nassen Kracher aus seiner Hose, während wir Jungs grölend zur Tür rausspritzen – bloß weg hier. Neujahr hatte das Stonns geschlossen, und auch die nächsten Tage ließen wir verstreichen, ehe wir uns um den Sechsten Januar herum wieder reintrauten. Pepe, Karlos, TB und ich. Und einen Tag später schloss das Stonns von heute auf morgen seine Pforten und wich einem Jeansshop.

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Zum Jahr des Hundes:

King Leo I.

Zum einen jährt sich der Todestag von Frau Moll, in zwei Wochen ist es so weit. Einige Tage vor ihrem Tod ging ich morgens mit ihr raus, so wie ich es 13 Jahre lang getan hab, irgendwann zwischen acht und halb neun. Ich beobachtete, wie sie im Gebüsch hinterm Sportplatz stand, unschlüssig, was zu tun war. Ihr schien entfallen zu sein, warum ich sie jeden Morgen zum Gebüsch hinterm Sportplatz ausführte, ohne Leine. Sie blickte in meine Richtung, zerstreut, fast ein wenig stuhldebil. Als hätte sie vergessen, wie Kacken geht.

Auf dem Rückweg vom Sportplatz fand sich des Rätsels Lösung. Von mir unbemerkt hatte sie bereits auf dem Hinweg in den Hinterhof geschissen, wie sie es das letzte Mal als Welpe getan hatte. Das machte mir mehr Sorgen als jeder Gedanke an eine eventuelle Demenz. Oder war das schon Demenz?

Drei Wochen später bäumte sie sich mitten in der Nacht neben meinem Bett auf, fiel mit einem Herzinfarkt um und war tot.

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Frau Moll (2003 – 2017)

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Der neue Liebling King Leo I. (siehe ganz oben) ist auch in Ordnung, besonders seine morgendlichen Darbietungen als über den Teppich robbender Skiflieger rufen Bewunderungsstürme hervor. Nicht so schön: Seine wenn auch kurze Vergangenheit als Straßenhund nahe Lissabon hat Spuren hinterlassen, er frisst alles, was am Wegesrand rumliegt und nicht von anderen Hunden gefressen wurde. Eben im Wald sehe ich aus einiger Entfernung, wie er mal wieder auf irgendwas rumkaut. „He, nicht!“ ruf ich, er lässt es fallen. Aber natürlich nur, um es kurz darauf wieder aufzunehmen und inbrünstig zu verschlingen und schnell um die Ecke zu verschwinden. Als ich die Stelle erreiche, seh ich, um was es sich handelt: ein Türstopper aus Vollgummi. Da fragt man sich schon, wo ist die Tür im Wald. Und schafft das der Darm. Immer rein damit.

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Hinterm Bolzplatz ist die Wiese, auf der wir Frau Moll traditionell Steinchen warfen, damit sie was zu tun hatte, damit sie sich nicht so nutzlos vorkam. Steinchen, keine Stöckchen. Wenn es feucht war, flitschten die Steinchen flach übers Gras wie über eine ruhige See. Frau Moll war dann ganz besonders versessen darauf, die Steinchen aufzuspüren und schwanzwedelnd zurückzubringen.

Einmal blieb sie plötzlich sitzen und begann auf dem Steinchen herumzuknabbern, das war neu. Ein wüstes, ein klebriges Knirschen, ein Ergötzen ohne Ende. Erst konnten wir es uns nicht erklären, bis der Gräfin aufging, dass sie das Steinchen vor dem Werfen mit etwas Speichel eingerieben hatte, um dem Hund das Apportieren zu versüßen. Dumm nur, dass sie zuvor ein Karamellbonbon gelutscht hatte.

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Gar nicht zu spaßen ist mit unseren Hunden, (mittlerweile hat ja mit Leo schon der dritte Einzug gehalten), wenn sie selbstbewusst in der Küche hocken und das Gerät bewachen, das scheinbar das Zentrum unserer Mahlzeiten darstellt: den Elektroherd. Dem Herd gilt die Hauptsorge unserer Hunde. Da dürfen nur die Hände der Gräfin ran. Selbst ich werde angeraunzt, sollte ich mich an eine der vier Herdplatten wagen. Mach dich ja vom Acker, Bruder.

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In einen Hundehaufen treten, obwohl man genau weiß, dass er vor einem liegt, nur um hinterher sagen zu können, „wusst ich’s doch!“, so kommt mir die Welt manchmal vor.

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Wir hatten seit drei Nächten schlecht geschlafen. Der Hund grunzte. Zappelte auf dem Teppich wie ein Fisch, den man an Land gezogen hatte. Und er stank.

„Frau Moll, die schlechte Luft auf vier Pfoten“, sagte die Gräfin und hielt sich demonstrativ die Nase zu. „Manchmal läuft sie an einem vorbei und man denkt, die kommt aus der Vulkaneifel.“

„Da hilft nur Luftanhalten“, sagte ich.

Oder Fenster auf. Aber so viele Fenster kann eine Wohnung gar nicht vorrätig halten, dass Fenster aufreißen tatsächlich Linderung brächte.

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Niete 1989

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Jeder Tiertrainer hätte die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Wir lagen samstagvormittags zu dritt im Bett, in der Mitte Königin Niete. Ihr wurde zunehmend langweilig. Sie fiepte ein bisschen.

„Niete, halt die Klappe.“

Sie begann zu junkern.

„Psst!“

Bis sie plötzlich quietschte, wie eine alte Tür.

„HE!“

Immer rigoroser.

„MENSCH, NIETE!!!! MACH DIE VERDAMMTE HUPE AUS!!“

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Die Gräfin schätzt, dass der neue Hund Leo I. eigentlich eine portugiesische Grille werden sollte, eine Heuschrecke, die im hohen Gras sitzt und nervös pfeift, wenn ein Trupp Erntehelfer anrückt, doch als die Götter näher hinschauten sahen sie, Moment, wir haben ja noch eine Rute und einen Satz Zähne übrig, da machen wir einen Hund draus. So entstand Leo I.

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In einen Pferdeapfel treten ist nicht halb so schlimm wie in Hundescheiße. Allein das Halbwort Apfel macht es erträglich.

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Niemand konnte uns sagen, welche Rassen in Leo stecken. Wir tippten auf Podengo, portugiesische Podenco-Variante, was aber nicht ganz hinhaut. Eine Nachbarin bringt uns drauf: „Da ist ein Irish Terrier drin.“ Die Internet-Recherche ergibt: ja, wir haben uns einen Terrier-Mix angelacht. Einen Terrier! Das erklärt auch seinen Terrier in Not-Blick, wenn er unterm Frühstückstisch hervorblickt, ausgemergelt, hungrig, von der Welt vergessen. Oder wenn er sich draußen in einen verlassenen Karnickelbau verbeißt und nicht aufhört zu buddeln, bis er auf der anderen Seite der Welt rauskommt und ein Sonnenbad nimmt auf Curacao.

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„Niemand kann einem so schön und so tief in die Augen schauen und dabei noch am Atem erkennen, was man zu Mittag gegessen hat, wie Leo.“ (Die Gräfin)

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Mit seinen knapp anderthalb Lenzen hat Leo I. eine Power, dass er das Unterholz wie ein Speedboot durchkämmt.

Hält man ihm ein Leckerchen hin, zieht er die Nahrung ein wie ein Geldautomat die Banknote, so die Gräfin.

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Wie Niete (1987 – 93) war auch Frau Moll ein eher konservativer Hund. Alles musste seine Ordnung haben. Futtermenge, Abendrunde, Häufchen hinterm Sportplatz. Na ja, beim Kacken ist sie variabel geblieben. Auf dem kurzen Dienstweg machte sie auch schon mal bei uns in den Garten. Wie alle gesunden Hunde hatte sie mehrere Klos. Und tollte nach dem Scheißen eine federleichte Runde mit Hademar, dem kleinen Nachbarsrüden. Ich habe seinen richtigen Namen vergessen und nenne ihn hier der Einfachheit halber Hademar, weil er Hademar Bankhofer ähnelte, dem Gesundheitsexperten im ARD-Morgenmagazin, der immer so aussah, als trüge er die sauberste Unterhose der Welt mitten im Gesicht.

Näh – das war nichts für mich. Ich meine, wenn schon Gesocks, dann richtig Gesocks. Dann so Gesocks, das Ray Liotta gerne im Film spielt oder Billy Bob Thornton. Ja, der auch. Sind meine beiden Lieblinksschauspieler. Ich komm vom Thema ab. Was war denn das Thema.

Konservative Hunde.

Hademar, der Nachbarshund, war so verfressen, er knabberte sogar dem Familien-Meerschweinchen das Löwenzahn aus der Schnauze, erzählte Hademars Frauchen, das einen zwetschgenblauen Hut trug und immerzu maulte, „Im Endeffekt..“ Im Endeffekt.. war alles gleich schlecht beim Frauchen von Hademar. Zum Beispiel Brötchen.

„Im Endeffekt“, sagte das Frauchen am Sonntagmorgen, wir begegneten uns im Park, ich mit Frau Moll, sie mit Hademar, „kannst du heutzutage doch Brötchen holen, wo du willst, schmeckt doch überall gleich.“

Sie hielt die Brötchentüte einer rustikalen Land-Bäckerei in der Hand, ich kam von der Tanke, wo ich sonntags aufgebackene Brötchen holte. Die Sonntags-Brötchen von der Tanke waren eine Zeitlang genial. Waren die besten Brötchen weit und breit.

Der kleine Hademar Bankhofer glotzte mich an, durch seine Gesichtshose

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Frau Moll, unser kleines Stinkmodell, war so wuschelig, dass man oftmals nicht genau wusste, wo ist hinten und wo vorn war. Vor allem im Dunkeln konnte man Pech haben. Da wollte man ihr Köpfchen streicheln zur guten Nacht und erwischte ihre Fut.

Mmh.

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Auch eine Erwähnung wert: Wie unwirsch Niete einen von ihrem Napf abdrängte, den man doch gerade mit Frischfleisch angefüllt hatte: MACH, DASS DU HIER WEGKOMMST, MANN! GEHT DOCH ALLES VON MEINER FRESSZEIT AB! ZIEH LEINE, ONKELCHEN!

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Eigentlich wollten wir nur eine kleine Runde drehen – es wurden dreieinhalb Stunden draus. Kein Mensch begegnete uns. Wir wundern uns schon lange nicht mehr, wie wenig Leuten man im Wald begegnet. Wer geht schon noch in den Wald. Nicht mal mehr der Förster oder der Räuber.

Was uns betrifft: es ist der Hund, der uns in die Welt zwingt, und es sind gerade Tage wie dieser, an dem wir eigentlich nur ein kleine Runde drehen wollten und dann finden wir uns querfeldein in den Wupperbergen wieder. Dabei ist es immer das gleiche, wenn man losgeht. Nach den ersten 200, 300 bleiernen Metern möchte man am liebsten umkehren, doch man marschiert voran, lässt sich treiben, und am Ende eines dreieinhalbstündigen Marsches hat man acht Kilo mehr drauf, alle auf den Oberschenkeln.

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Bene kam aus Eritrea und veranstaltete die besten Flohmärkte in der Gegend. Immer dabei: sein Hund Stan, ein pfiffiger kleiner Kerl, der keine Leine kannte. Selbst im dicksten Verkehr in der Innenstadt war er gern allein unterwegs. Es konnte passieren, dass Bene mittags in seine Stammkneipe Mumms kam und fragte, ob Stan hier gewesen sei. Ob ihn jemand gesehen hätte. Und kaum war Bene wieder weg, um nach Stan zu suchen, guckte Stan um die Ecke.

„War Bene schon hier?“

Bene brachte ihm kleine Kunststückchen bei. So schaffte Stan es nach einer Weile, kopfüber in den orangefarbenen Müllbehälter zu springen, der vorm Mumms am Laternenpfahl hing.

„Allez!“ rief Bene, und Stan sprang hoch und verschwand kopfüber im Müll. Man hörte ein eifriges Wühlen und ein Schnaufen, bis der Hund endlich mit dem Köpfchen wieder aus der Öffnung herausragte, stolz hechelnd:

„Na, wie hab ich das gemacht!?“

Die Beiden waren ein zufriedenes glückliches Paar, bis er eines Tages beim Überqueren der Hauptstraße unter die Räder geriet. Nicht Stan.

Bene.

Er hat sich von diesem Unfall nie wieder erholt.

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So ein Hund muss nicht lange überlegen, was er anzieht, sein Fell bringt ihn durchs Leben. Und während ich noch in die Klamotten steige, Boots, Platzwartjacke, Pudelmütze mit islamischem Sehschlitz sowie schlichtes blaues Männerheft (Notizbuch), hockt der Hund schon ungeduldig im Hausflur und wimmert, „Das geht alles von meiner Zeit ab, Chef! Können wir dann mal..!!?“

Die Abendrunde ist meine Sache. Zwar streift auch die Gräfin gern durch die Landschaft, besonders Lichtungen haben es ihr angetan, wo man jäh ins Freie tritt wie in eine neue Dimension, aber nicht unbedingt bei Dunkelheit. Klar, da sieht man ja nichts. Obwohl das Dunkle drumherum oft erst die helle Mitte ausmacht. Egal jetzt. Eine Malerin malt unablässig, jeder Blick ein Strich, da braucht es Tageslicht, das ist besser, ja klar. Abends schmerzen ihr vor Anstrengung die Augen. Da hat sie natürlich keine Lust mehr mit dem Hund rauszugehen.

Ich bin dran.

Zum Aufwärmen gibt’s eine Runde durch den Park. Paar Enten aufscheuchen, den Fischreiher beleidigen, zwei, drei Maulwurfhügel ausbuddeln, die aussehen wie Dr. Oetkers braune Festtagstorte. Dann geht’s rüber auf die Korkenziehertrasse, eine ausgediente Güterbahnstrecke. Umgebaut zum Freizeitpfad schlängelt sie sich kilometerweit am Rand der Stadt entlang, wie ein Korkenzieher, von Unmengen Radfahrern, Spaziergängern und Hunden bevölkert. Frost glitzert an den Laternenmasten.

„Vorsicht, das ist ne ganz linke Tante!“

Ein bärtiger Typ warnt mich vor seiner Schäferhündin, die er in einem selbstgezimmerten Bollerwagen hinter sich herzieht. Mit dem weißen Verdeck erinnert er an einen Planwagen im Wilden Westen, nur in klein. Es gibt sogar ein kleines Licht am Kopfende, das sieht richtig behaglich aus da drin, wenn der Zweier-Treck abends über die Trasse rollt, mit seiner indirekten Beleuchtung. Jeder im Viertel kennt das seltsame Gespann, den Mann und seinen Schäferhund im kleinen Planwagen.

Herrchen, ein Einzelgänger, macht nicht viel Worte. Er bleibt lieber auf Distanz. Er hockt auf der Bank, die tagsüber für Punks und Trinker reserviert ist und wo jetzt am Abend niemand da ist außer ihm und der Schäferhündin, die mit hechelnder Zunge und langen gelben Zähnen aus dem beleuchteten Bollerwagen herausglotzt wie der böse Wolf. Fehlt nur Großmutters Haube auf dem Schädel und bisschen Blut dran. Ich bleibe stehen auf der Trasse und versuche mir das Bild einzuprägen, das sich gerade bietet. Prompt erhebt sich das Herrchen von der Bank und tritt auf mich zu. Auf ein Schwätzchen. Ich mag keine Schwätzchen. Die dauern mir zu lange. Das geht alles von meiner Zeit ab. Andererseits: Woher soll man sonst Dinge erfahren, die man als Klatschreporter braucht. Etwa, dass die Schäferhündin fünfzehn Jahre alt ist, beinahe blind und schon vor anderthalb Jahren den zweiten Schlaganfall erlitten hat.

„.. aber Vorsicht“, warnt er mich, „das ist ne ganz linke Tante. Als ich sie vor acht Jahren gekriegt habe, war sie schon sechs und total verkorkst. Eine Wachhündin, die nur das Betriebsgelände kannte, nichts anderes. Man kann natürlich immer was gutmachen an einem Hund, aber bei ihr war es zu spät, da war zu viel verpfuscht. Mit sechs Jahren ist ein Hund zu alt, um ihn noch von Grund zu einem sozialen Wesen umzupolen.“

Wie der Kerl so vor mir steht, leicht wackelig, aber in sauberer, ja anständiger Kleidung, würde ich ihn eher in der Sportabteilung des Kaufhof vermuten als abends auf der Korkenziehertrasse, hinten im Bollerwagen eine linke Tante. Ja, ein Sportartikel-Verkäufer, vielleicht mit einem Alkoholproblem, okay, kann schon sein, aber mein Gott, wer hat denn heutzutage nicht irgendeine Sucht an der Backe. Wer heutzutage keine Sucht an der Backe hat, gilt als Lusche, als Fickfehler.

„Einen Hund, den meine Thea nicht kennt, lässt sie erstmal ganz nah an sich rankommen“, erzählt das Herrchen, „so nah wie möglich. Sie leckt ihm sogar noch übers Maul, macht ganz auf devot, auf Untertan und beste Freundin, der man alles erzählen kann, aber dann, wenn der andere mehr damit rechnet, dann geht’s RAPP und die Tante beißt zu.“

„Boh, link!“ sagt ein junger kräftiger Türke hinter uns, den ich gar nicht bemerkt habe, so sehr war ich versunken in die Schilderung der linken Tante-Problematik. Der junge kräftige Türke hat auch einen Hund, Blacky, einen jungen schwarzen Muskel-Labrador, der sich mit Leo bereits angefreundet hat. Die beiden Raufbolde haben sich gesucht und gefunden. Auf der rutschigen, vereisten Trasse knallen sie wie die Ziegenböcke aneinander, man hört Rippen knacken und ächzen, genau so wie Leo es gern hat. Mit seinen Eisbommeln im rötlich-weizenblonden Barthaar sieht er aus wie ein militanter Priester, russisch-orthodox. Der kräftige junge Türke kriegt sich kaum ein, das ein junger Hund so zur Sache geht, das hat er noch nie gesehen.

„Dominanzverhalten“, sag ich.

„Ja , klar“, beeilt er sich. Weiß er doch.

Die kleine Trassen-Gesellschaft löst sich genauso schnell wieder auf wie sie zusammengefunden hat. Das Herrchen kehrt zurück zur linken Tante im Bollerwagen, der Türke sammelt Sheriff Black ein, „der hat in seinem ganzen Leben erst drei Mal gebellt und das direkt in einem Aufwasch, alle drei Mal hintereinander“, und ich mache noch ein bisschen Strecke mit Leo.

Ich stapfe durch den plattgetretenen Schnee, in meinen Ohren das Knurpseln einer weißen Schneemahlzeit.

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„Iih!“ ist bei uns daheim ein Ausruf, mit dem gehen wir sparsam um, aus Rücksicht auf unsere Hunde. Rutscht es uns doch mal heraus, weil es irgendwo müffelt, fühlte sich besonders Frau Moll sofort angesprochen. Ein schweres, geradezu enttäuschtes Seufzen entfuhr ihr und sie verzog sich reflexhaft.

Dabei gibt es nun mal Hunde, die riechen stark. Nach nassem Hund. Nach dem kalten, organischen Hundegeruch wie im Tierheim.

„Warum sind wir mit so einem alten Stinker geschlagen?“ murrte die Gräfin.

Dagegen war unser erster Hund, Niete, ein blonder Colliemischling, wie eine ganzjährig geöffnete Wildblumenwiese, mit geradezu ätherischen Düften. Auch Leo mieft nicht. Frau Moll aber war eine Stinkbombe. Ein 33 Kilogramm schwerer Bubenstreich. Wenn sie nach dem Fressen wie Zerberus, der Höllenhund, auf ihrer Decke lag und einen Furz ließ, guckte sie sich empört um und starrte auf ihren Hintern. Als hätte sich dort jemand eingeschlichen und ein Furzfeuerchen gezündet, mit dem sie nichts, aber auch gar nichts zu schaffen hatte, weil der eigene Leib kurz vorm Hintern endete.

„Ich leide doch genauso unter diesem erbärmlichen Gestank wie ihr!“ sprach ihr vorwurfsvoller Blick. Und Hunde können gucken! Sie geben immerzu alles.

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Benno, Susanne Eggert, 2012

Benno, Susanne Eggert