Besessen bin ich und ich sitz viel

“Haben Sie noch mehr so Storys? Oder vielleicht auch.. andere Sachen?”

Die Lektorin, seit zwanzig Jahren beim großen Verlagshaus angestellt, das gerade im Begriff war nach Berlin umzusiedeln, hatte den Stapel Texte gelesen, den ich ihr per word-Dokument geschickt hatte. Ausserdem hatte sie meinen Weblog abonniert, sich mit der Programmdirektorin abgesprochen und ein Treffen arrangiert. In meiner Nähe. Eine ruhige Person. Ene Taktikerin. Sie kam mit dem Zug. Wir saßen draußen vorm Bahnhofs-Cafe. Es war Frühling. Wind kam auf.

“Andere Sachen? Was meinen Sie?”

“Nun ja, was anderes halt.. nicht nur die Sachen, über die ich gelesen hab, sondern auch.. andere Themen.”

Meinte sie Hobbys, über die ich noch schreiben könnte, ausser Saufen, Sniefen und mit dem Hund rausgehen? Jetzt wurde die Sache schwierig.

“Fußball”, sagte ich schließlich, “hat mich früher interessiert”, und im gleichen Moment, wo ich es aussprach, hätte ich es gern zurückgezogen. Fußball hat mich früher interessiert.. FRÜHER! Wie klang das denn. Andererseits, einen schlechten Satz abbrechen, mittendrin, während man noch redet, dazu gehört Mut. Und eine Alternative braucht man auch noch, was man stattdessen sagen könnte.

Ich hielt die Fresse.

“Fußball..” Die Lektorin vom großen Literaturverlag stutzte. Eine Frau mit Erfahrung. Kein x für ein u. Oder su. “Moment, da ist doch eine Fußball-Geschichte in Ihrem Manuskript, die ist auch gelungen, die ist gut, aber mehr hab ich zum Thema Fußball nicht gefunden.”

Ich war überrascht, wie gut sie die Sachen im Kopf hatte, immerhin fast 150 Seiten.

“Da ist noch eine Fußball-Story”, protestierte ich. “In RSV gehts auch um Fußball. Da kommt mein Lieblingstrainer vor, der Ekki. Und andere Trainer auch.”

“Ach richtig, RSV.. stimmt. Da gings doch um den Trainer, der mit fünfzig tot vom Stuhl kippt, bei der Arbeit, mittags in der Kantine, oder?”

“Ja”, sagte ich. “Mittags in der Kantine. Der Ekki.”

“Gut. Sonst nichts?”

“Was meinen Sie, sonst nichts..? Ob es noch mehr gibt.. von Fußball?”

Ich war zunehmend abgelenkt. Wir saßen im Aussenbereich des Cafes, Wind strich durch ihr dunkles, auf Page geschnittenes Haar, wie ein Volvo in einer Tempo 20-Zone. Ein warmer Wind. Ein Kriechwind. Der Wagen hielt an, Leute stiegen aus und blickten sich unsicher um. Sie wussten nicht, wo sie gelandet waren. Auf welchem Stern. Auf welchem Kopf. Das viele Haar. All die Wurzeln. Ich bin der Wind, sagte der Wind. Ich bringe alles durcheinander.

“Na ja, zum Beispiel Fußball..”, sagte die Frau und schüttelte sich. Sie nahm das Jäckchen, das sie kurz zuvor über die Stuhllehne gehangen hatte, von der Lehne und zog es über. Es wird kühl, sagte ihr Blick. Sie hatte kleine Kampfsportäuglein. Das Polyester-Jäckchen knisterte beim Drüberziehen, wie Butterbrotpapier. Trotz aller Behäbigkeit, die sie an den Tag legte, war sie elektrisch geladen. Wir mühten uns miteinander ab, doch wir blieben uns fremd. Weder sie noch ich wusste, mit wem wir es zu tun hatten, an diesem Nachmittag.

“Das müssen Sie wissen, Sie sind der Autor. Ob da noch Themen sind, andere Themen, die Sie noch nicht angesprochen haben in Ihrem Manuskript.”

Verdammt, nein. Ich hatte keine Hobbys. Ich fand Hobys doof. Ich saß zumeist am Schreibtisch, die Uhr blickte von der Wand runter und schlug. Ich war mein eigener Parteichef, und meine Partei war das Schreiben. Es gab nur noch mich und vorm PC sitzen und schreiben, ansonsten Schwärze drumherum. Schreiben ist ein eigener Planet, der durchs Universum rauscht. Und Gewohnheit ist ein strenger Gast, so ein Lieblingssatz von mir, er stammte von der Gräfin. Sie zeichnete und malte, das gefiel mir. Ich weiss auch nicht, dachte ich. Hobbys? Ja, was für Hobbys denn??

“Popmusik”, sagte ich, “interessiert mich.. ähm..”

.. auch nicht mehr. Das war doch lächerlich. Ich ging auf die Fünfzig zu, sollte man sich da noch für populäre Musik interessieren und darüber schreiben? Natürlich konnte man das tun. Man konnte durchaus darüber schreiben, wie töricht und affig sich fünfzigjährige Konzertbesucher aufführten, die immer noch “yeah!” und “uuuhuuh!” und heeyaah! machten und cool auf dem Finger pfiffen und trommelten, wenn das Saallicht ausging und U2 erschien mit Schlaggitarren im Scheinwerferlicht. Aber das gab auch nur einen kleinen Absatz in einer kleinen Geschichte. Nein, meine Dame, es gab kein Hobby, weit und breit nicht, ich hatte nur mich zu bieten. Einen Mann ohne Hobbys, Schuhgröße 44 oder 45. Je nachdem, wie der Schuh ausfiel.

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foto.portraitglumm