Die wahren Helden wohnen um die Ecke

Solingen ist ein düsteres Pflaster, wo die Ortschaften Rüden heißen, Teufelsinsel, Schwarze Pfähle und Werwolf. Der Kölner Komiker Konrad Adenauer nannte Solingen einst das Sibirien Deutschlands. Der Menschenschlag ist verschroben, geheimnisvoll und misstrauisch.

Und ein bisschen zurückgeblieben und schlecht angezogen.

Hundegebell von fernen Höfen empfing von jeher die Fremden, und das aus gutem Grund: es konnte ja die Gendarmerie sein, die sich näherte. Überall in den verstreuten Tälern und Hofschaften des Bergischen Landes hatte sich steckbrieflich gesuchtes Gesindel breitgemacht, das aus den großen Städten am Rhein geflohen war und sich dort nicht mehr blicken lassen konnte, weil man dieses oder jenes verbrochen hatte. Es ist dieses dunkle Erbe, welches das Bergische Land zum großen Unbekannten, zum schwarzen Raucher auf der Landkarte Deutschlands macht.

Wer die Region bereist, ist bald verhext vom welligen Zungenschlag der Einheimischen. Nicht umsonst gilt das Bergische Land bis heute als Knautschzone des deutschen Dialekts. Nirgendwo sonst wird auf engstem Raum so viel verschiedenes Platt gesprochen. Die Landschaft ist verheißungsvoll und brombeerprall, ein kleines England, aber auch dunkel und einsam, die Erde ist sauer. Bushaltestellen der Linie 686 tragen Namen wie Jammertal und Geilenberg, und gleich die nächste Ausstiegsmöglichkeit heißt:

Hoffnung.

 

Dass die wahren Helden um die Ecke wohnen ist keine Verblüffung auslösende, brandneue Erkenntnis, aber es markiert einen Standpunkt. Mir ist der Nachbar lieber, der irgendwas im Leben gut auf die Reihe kriegt als das Idol aus dem Fernsehen, das hauptsächlich ein Geschäftsmodell verfolgt und in Wirklichkeit vielleicht ganz anders ist als das Bild, das ich von ihm habe.

Natürlich bekomme ich auch den Nachbarn nur in Ausschnitten mit, logisch, doch ich kann bei ihm klingeln und nach dem Rechten schauen. Das funktioniert beim Hollywoodstar eher nicht. Stell dir vor, es klingelt bei Jack Nicholson abends an der Tür, und als er öffnet, steht eine Million Fans auf der Matte: „Alles klar, Hans?“ Schwierige Konstellation, anstrengender Abend.

Da machen die Helden, die um die Ecke wohnen, ganz andere Probleme. Etwa: Was tun, wenn sie fortziehen? Wenn sie plötzlich ganz woanders wohnen und gar keine Nachbarn mehr sind, wenn sie dich zurücklassen, ohne sich um adäquaten Helden-Ersatz zu kümmern?

Ist das jetzt gemein oder bloß der Lauf der Dinge?

*

Der kleine dicke Mann, der seit 1962 um die Ecke lebt, zieht fort. Die Wohnung ist ihm zu teuer geworden. Außerdem hat er es in den Beinen, er kann nicht mehr gut gehen, er und seine Frau haben eine Erdgeschoßwohnung gefunden, in einer anderen Siedlung. Wo man keine Treppen steigen muss, um den Einkauf und sich selbst reinzubringen.

Wie oft habe ich mit dem kleinen dicken Mann vorm Haus zusammengestanden und seinen Geschichten gelauscht, in diesem warmen Solinger Singsang, der mich an meine Eltern erinnert. An meine Onkel und Tanten, an Opa, meine Oma, an die ganze Sippe, die Solinger Platt sprach, den Slang meiner Kindheit.

Manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich einfach die Augen schloss und mich in den Worten des kleinen dicken Mannes hin- und herwog, ohne groß auf den Sinn zu achten. Es war, als badete ich, und der kleine dicke Mann war mein wohltemperierter kleiner dicker Badesee.

Wer Solinger Platt nicht kennt, wer als Auswärtiger hinzukommt, für den klingt es wie ein Nuscheln, aber ein freundliches Nuscheln. Der Begriff Neuschier etwa ist so viel freundlicher als das hochdeutsche Original. En Neuschier ist ein neugieriger Mensch. Doch wenn man das Wort Neuschier hört, sieht man sofort die Nase, die sich vorwitzig um die Ecke schiebt, um etwas mitzukriegen, was sie eigentlich nichts angeht. Es ist diese sehr eigenwillige Beziehung zum Leben, die sich im Solinger Platt ausdrückt. Oft nicht so gemütlich wie im Kölsch, eher derbe-direkt.

Weil er nicht mehr gut zu Fuß war und kaum noch lange stehen konnte, hatte er sich hinterm Haus einen alten Holzschemel hingestellt, der dicke kleine Mann. Da er wusste, zu welcher Tageszeit ich ungefähr mit dem Hund durch den Hinterhof spazierte, um Richtung Wald zu kommen, nahm er Platz auf dem Schemel und wartete auf mich. Um mich zu füttern. Mit Mundart. In die er stets Klassiker einfließen ließ, Klassiker des Solinger Sprachschatzes wie das rätselhafte mauschebeet (erledigt, völlig erschossen) oder huschhascheln, eines dieser wunderbare Worte, die meine Mutter zu sagen pflegte. Huschhascheln, was so viel bedeutet wie hin- und her räumen, kramen.

Oder ummeln. Wer im Bett liegt und gemütlich vor sich hindämmert, aber noch nicht eingeschlafen ist, der ummelt ein bisschen.

– Bist du schon am schlafen? –

– Nein, ich bin am ummeln. –

Finnig ist eine Suppe, der man auf Anhieb nicht ansieht, wie brühend heiß sie ist. Eine finnige Suppe versteckt ihre Hitze unter einer unauffälligen Oberfläche, und dann verbrennt man sich das Maul, dass es nur so eine Art hat.

*

Der kleine dicke Mann erzählte gern von Fußball. Sein Enkel spielt bei der Fortuna, er ist aktuell sein ganzer Stolz, doch mir war lieber, er erzählte aus alten Zeiten. So erfuhr ich, dass hybridartige Fußballplätze wie der in Kohlfurth (in Kolfert), wo ich beim RSV alle Jugendmannschaften durchgespielt habe von der E- bis zur A-Jugend, gang und gäbe waren im Stadtgebiet, diese verfluchten Zwitterwesen aus Asche und Rasen. Das Gras säte sich mit der Zeit sozusagen von selbst aus und bildete erste Flächen, dann wuchs es von den Rändern des Feldes zur Mitte hin, es geschah von ganz allein, ohne Zutun der Vereine. Was auch daran lag, dass man die Plätze sich selbst überließ. So etwas wie einen Platzwart gab es nur insofern, dass jemand die Eckfahnen aufstellte am Spieltag und mit dem Kreidewagen die Linien abfuhr.

Nachdem der Ascheplatz in Kohlfurth mehr und mehr von Rasen dominiert wurde, (ohne ihn je ganz in Beschlag zu nehmen), stellte RASSPE einen Mähtraktor zur Verfügung und stutzte die Wiese gelegentlich. Das bot sich an, war RASSPE doch nicht nur Namensgeber des 1909 gegründeten Arbeitervereins Rasspe Sport Verein (RSV) Kohlfurth, sondern auch einer der führenden Landwirtschaftsmaschinen-Hersteller seiner Zeit, die Fabrikhallen lagen um die Ecke. RASSPE hatte keinen guten Ruf. Rasspe bot viele Arbeitsplätze, zahlte aber schlecht.

Willst du schlechte Löhne, geh zu Rasspe und Söhne.

Der kleine dicke Mann berichtete, dass es 1950 zum 40jährigen Bestehen des RSV ein einwöchiges Fest-Turnier in Kohlfurth gab. Im Endspiel standen sich der SV Sudberg und der SSC 95/98 gegenüber. Es war Sonntagnachmittag. Bratwurststände und Trinkbuden waren aufgebaut, Hunderte von Zuschauern säumten den mit Blumengirlanden geschmückten Acker, genannt Platz. Und dann, so der kleine dicke Mann, muss es eine mordsmäßige Klopperei unter den Spielern gegeben haben, in deren Verlauf eine betagte Sudberger Anhängerin („Minimum Mitte sechzig!“) den Platz stürmte und rigoros mit ihrer Handtasche zuschlug, wobei dem Vorstopper des Gegners 95/98 das halbe Ohr abrasiert wurde. Sofort wurde das Endspiel abgebrochen. Polizei fuhr vor (im Peterwagen) sowie ein Krankentransport, es wurde ein halbes Ohr gesucht und ein Dutzend Platzverweise ausgesprochen. Nicht vom Schiedsrichter, nein, der hätte das Finale gern weiterspielen lassen, aber die Polizei nicht, die hatte was dagegen.

„Dat woaren noch staatse Konden auffem Platz fröüher, die hatten noch Schitte anne Füöte!“

(Das waren noch prächtige Jungs auf dem Platz früher, die hatten noch Scheiße unter den Schuhen = die konnten noch was ab.)

*

Der Solinger Musiker/Performer Georg Zangl singt in dem wunderschönen Erop eronger, und ich übersetze den Anfang mal gleich, „ich sitz in der Küche rum und prakesier.“ Nun bin ich mit Platt groß geworden, und bei „prakesieren“ sehe ich sofort meinen Vater vor mir, der mich bittet, einen Moment zu warten, Jung, „ich bin noch am prakesieren.“

Auf Hochdeutsch bedeutet prakesieren in etwa: nachdenken, überlegen, aber da ist mehr drin in prakesieren, eine stille Verzweiflung ist in diesem Wort. Ich sitze in der Küche und denke nach ist etwas ganz anderes als Ich sitz in der Küche rum und prakesier.

Das ist eine komplett andere Küche.

Hin-und her überlegen trifft es noch am ehesten. Ich sitze in der Küche und überlege hin und überlege her. Prakesieren ist immer eine langwierige Geschichte, eine echt bergische Meisterschaft. Man leuchtet eine Sache aus, man guckt sich noch die kleinste Schneise im Lichtschein an, damit es später nicht heißt, hättest du doch.. ein bisschen mehr..

PRAKESIERT!

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Blue Jeans Baby

Was die Musik betrifft, mit der man aufgewachsen ist, da schleppt jeder seine eigene Musikbox mit sich herum, seinen privaten kleinen Wurlitzer-Buckel voller Erinnerungen. Die Erlebnisse sind durchnummeriert von A bis Z, von der ersten kleinen Liebe über die erste große Liebe bis zum Kiff-Urlaub mit Pepe in St. Tropez – alles ist unterlegt von einer unverwechselbaren Klangspur.

Als ich mit Pepe durch Südfrankreich trampte, im August 1978, schallten aus allen Musikboxen die Bee Gees, es war der Saturday Night Fever Sommer. Jeder, der einen coolen Gang drauf hatte, war John Travolta. Im Sommer 1983 waren alle braungebrannt und trugen weiße Hemden und stürmten die Tanzfläche, sobald die ersten Takte von Michael Jacksons Billie Jean aufflammten.

usw usw.

Ich bin ein Freund von klaren einfachen Melodien. Songs wie freundliche Scharlatane, die einem den Bauchraum mit bloßer Hand öffnen und innerhalb drei Minuten wieder verschließen, ohne dass Blut zu sehen ist. Die allerbesten Songs sind ohnehin die zunächst unauffälligen, die man ein paar Mal hören muss bevor sie einen am Wickel kriegen. Und natürlich hat jeder gute Song seine neuralgische Stelle. Die besten Songs sind wie achtlos weggeschnippte Kippen, die eine Weile vor sich hin glimmen bis sie endlich einen Zipfel deines Gemüts zu fassen kriegen und einen Flächenbrand auslösen und alles niederfackeln in deinem inneren Musikzimmer – zurück bleibt ein Klumpen Erinnerung, eingeschmolzen auf alle Ewigkeit.

*

Ihre Plattensammlung umfasste vielleicht siebzig Alben, als wir uns kennenlernten. Oder sagen wir hundert – höchstens. Auch wenn Frauen in der Regel nicht soviel Wert auf ihre Platten legen wie Männer, in den Platten und CD’s einer Frau zu stöbern heißt immer auch etwas über ihr Leben, über ihre Vergangenheit zu erfahren. Eine Plattensammlung ist die Abkürzung ins Herz einer Frau. Man sollte sich Zeit nehmen beim Durchsehen. Auf spöttische Kommentare kann man verzichten, hochgezogene Augenbrauen sind getrost beizudrehen.

Ich fand einige seltene Reggae-Sachen, die mich überraschten. Noch mehr überraschten mich aber die Soundtracks von „Jenseits von Afrika“ und „Flash Dance“. So normale Sachen machten mich stets stutzig. Bis mir einfiel, Moment, das hier war die Plattensammlung einer Frau, hier hatte eine Frau die Finger im Spiel. Frauen hatten andere Finger, sie spielten ihre eigene Musik.

Sie besaß sogar einige wenige Singles, und zwar keine Achtzigerjahre-Extended Versions irgendwelcher Euro Dance Tracks, sondern richtig echte 45er-Singles aus den 70ern, darunter „Too big“ (Honey, I never lose!) von Suzi Quatro. Was mir mächtig imponierte, da „Too big“ nicht gerade das war, was man von Suzi Quatro zu haben pflegte, im Gegensatz zu „48 Crash“ oder „Can the can“, aber selbst die beiden Mörder-Singles hatte sie sich zugelegt.

Und dann war da noch David Dundas Monster-Hit aus dem Jahre 1976, „Jeans on“. Natürlich zählt „Jeans on“ nicht gerade zu den besten 500 Songs der Pop-Historie, nicht mal zu den besten 50.000. Das heißt, es gibt wahrscheinlich 49.999 Nummern, die besser sind als „Jeans on“, ja, ich glaube, darüber sind wir uns einig. Wir, die „Jeans on“ kennen und im Kopf haben. Wobei das im Fall von „Jeans on“ ein und dasselbe ist, kennen und (auf ewig) im Kopf haben. Einmal gehört, nie wieder verlassen.

“Ich fand den Song super”, erzählt sie. “Samstagmorgens Jeans On auflegen, in die Jeans steigen und durchs Kinderzimmer tanzen, darüber ging lange Zeit nichts, das war die Erfüllung meines Mädchentraums. Irgendwie schien immer die Sonne vom Himmel, wenn Jeans On lief, und unten im Hof wartete der blonde Alex auf dem Moped und drehte schon mal ne Runde, bis ich fertig war, denn ich war noch nicht so weit, ich hatte noch zu tun. Ich musste noch schnell die Stelle mit dem tschkk-tschkk hören – auf das tschkk-tschkk in Jeans On war ich total heiss, wenn das tschkk-tschkk kam, rastete ich total aus. Also, ich meine, cool. Ich rastete total cool aus. Ich war 14.”

Ursprünglich war „Jeans on“ nur ein Werbe-Jingle für eine US-Jeans der Marke Brutus, bis man beim Publikum das Hit-Potential erkannte und den Song als Single veröffentlichte. Vom ersten Takt an sitzt eine frisch gewaschene Blue Jeans am Körper, nach Weichspüler duftend und so knalleng, dass man nur mit dem Schuhlöffel reinkommt. Und sobald die Hose einmal am Körper ist, verursacht der Hintern tatsächlich dieses knackige tschk-tschk!-Geräusch von David Dundas, mit dem er die frohe Botschaft, I pull my Upper Jeans on, noch unterstreicht.

Wobei mir lange Zeit nicht klar war, was mit Upper Jeans gemeint sein sollte, denn das war es, was ich damals als Teenager verstand: „I pull my blue jeans on, I pull my upper Jeans on“. Erst bei der Recherche 40 Jahre später lese ich, was er damals tatsächlich gesungen hat: nicht upper Jeans, sondern „I pull my old blue jeans on“. (Schon komisch, was man damals so alles verstanden hat, schon komisch, was man heute so alles versteht.)

Ich wunderte mich nämlich, dass die Penner in England anscheinend Upper Jeans und Lower Jeans unterschieden, also Jeans für drunter und drüber. Doch was zum Henker sollte das sein, ein Jeans für drüber? Eine zweite Jeans für den Winter, wenn es kalt war? Hatten die Engländer sie noch alle? Na, war auch egal, wir sangen ständig irgendwelchen Mist mit, der nicht die Bohne mit dem Original übereinstimmte, das taten wir andauernd, wen kümmerte das schon, solange nur das tschkk-tschkk zur rechten Zeit kam und die Blue Jeans knackeng am Arsch saß und knisterte wie ein Schwung heißer Frachtpapiere