He-Ja He-Ja

 

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Als Junge gab es eine Million Dinge, die mich faszinierten. Also ungefähr so viel wie heute. Mit einem Unterschied. Die Dinge waren neu.

Eine Million neue Dinge.

Und nur dreizehn Jahre Zeit bis zur Pubertät, dem Ender aller Dinge.

Aber noch war ich im Spiel.

Ich fand Auto-Quartett toll, auch wenn einem nicht recht einleuchtete, was ein Wankel-Motor in einem sportlichen NSU suchte und warum man ihn ausgerechnet so getauft hatte. Flugzeug-Quartett war bombig, ich sage nur: Messerschmitt. Schiffs-Quartett begeisterte wegen der vielen tausend Bruttoregistertonnen und riesigen Flugzeugträger der US-Navy, bei deren Anblick man das Gefühl nicht los wurde, die Amis hätten einfach einen Kilometer Highway aus Kalifornien rausgeschnitten und aufs offene Meer verschifft.

Mich faszinierten Sportbücher, die der Freund meiner Schwester mitbrachte, er war wie ein großer Bruder für mich. Es waren ältere, ein bisschen angegilbte Bücher, die von vergangenen deutschen Zehnkampfhelden wie Graf von Moltke handelten, aber das machte nichts, im Gegenteil. Die Vergangenheit schien stets einen Tick feierlicher und nobler zu sein als die Gegenwart, das gefiel mir. Selbst wenn die Gegenwart neuer war. Und von Moltke hatte fast 8000 Punkte geholt. Damals schon.

Am liebsten waren mir natürlich Fußballbücher, wie das großartige ELF FREUNDE MÜSST IHR SEIN und das Buch von der Fußball-WM 1958 in Schweden. Da gab es Passagen, von denen ich nicht genug bekam. Ich las wieder und wieder, wie das einheimische Publikum seine Mannschaft anfeuerte, mit frenetischen He-Ja, He-Ja-Rufen. So wie der Verfasser des Buches es beschrieb, lag ein unheilvolles Dröhnen über der Göteburger Arena, als im Halbfinale Schweden auf Deutschland traf. Immer wieder hörte ich das heisere He-Ja, He-Ja aus fünfzigtausend Kehlen, (skandinavisches Adrenalin), ich sah den Einpeitscher mit seinem Megaphon, wie er am Zaun hochkletterte und den nordischen Bienenstock anfütterte. Es herrschte ausgelassene Stimmung in meinem Schädel. Ausverkauftes Haus. Der Schwarzmarkt brummte. Deutschland ging unter.

Dann wurde ich 14, plötzlich war alles anders. Die Sexualität krachte in unser Leben. Der Stimmbruch. Eben noch gepiepst, röhrte jetzte die halbe Klasse. Wo man auch hinging, ein Hirsch.

Im Konfirmanden-Unterricht im Gemeindeheim Margaretenstraße verbrachte ich ganze Nachmittage damit, die vielen pechschwarzen Haare auf dem Arm meines Banknachbarn zu studieren. Dass ich sie nicht zählte lag nur daran, dass ich ständig durcheinanderkam. Er sah aus wie ein Gorilla. Wenn er da unten auch so einen Busch hatte, konnte ich mich gleich aus dem Staub machen. Ich hatte keine Chance gegen ihn. Was ein Stelzbock.

In der Schule liessen die Leistungen nach. Wir waren die letzte reine Jungs-Klasse, wir liessen es noch mal richtig krachen. Im abgedunkelten Physik-Saal ging es nur noch darum, wer den Längsten hatte, wer den eregierten Vogel abschoss. Ich hörte was von 18, 4 Zentimeter. Das war der Topwert, den es zu schlagen galt. Ich nahm das Lineal zur Hand und setzte diesmal an der Schwanzwurzel an, ganz unten, wenn man den Sackanfang wegliess und Dinge mitrechnete, die noch gar nicht richtig zum Schwanz dazugehörten – irgendwie musste man ja an 18 Zentimeter rankommen.

Und dann verkündete Thomas Belly gut dokumentierte 19 Zentimeter. Die Zahl wurde von Bank zu Bank weitergereicht, machte kurz bei manchem Mitfavoriten halt, es wurde eine zweite Messung eingefordert.

Ausgerechnet Belly.

Er saß zwei Sitzreihen hinter mir. Ein Zwerg von einem Kerl, aber mit kochiger großer Nase und einem gewaltigen Eumel in der Hose. Selbst der Haarwuchs auf seinen Armen übertraf den des Gorillas im Gemeindezentrum. Belly setzte sich unangefochten an die Klassenspitze. Ein kleiner Mann, er lächelte viel in diesen Tagen.

Wobei erwähnt werden muss, dass längst nicht alle mitmachten. Von dreißig Klassenkameraden zeigte nicht mal ein Drittel den Ständer her. Der Rest kicherte blöd oder versuchte dem Unterricht zu folgen und die verdammte 19 aus dem Kopf zu kriegen. Spätestens zu Hause holte jeder den Zollstock raus, jede Wette.

Horst S. zählte zum Favoritenkreis, ohne dass er sich je bei der Latten-Trophy engagiert hätte. Doch schon die anatomisch sichtbaren Merkmale überzeugten. Eins fünfundneunzig groß, 100 Kilo schwer, eine Nase wie aus dem Unterholz. Horst S. stammte aus einer gläubigen Familie, er wollte Priester werden. Klar, dass er da schlecht das Monster unter der Bank hervorholen konnte, ausserdem war Prahlen nicht sein Ding. Ein bescheidener Junge. Doch was wir nach dem Sportunterricht unter der Dusche zu sehen bekamen, sorgte für Aufsehen. Was, wenn dieses Gerät noch eregierte? Die Vorstellung sprengte jeden Rahmen. Wie auch immer. Frauenwelt und Schwanzvergleich durften aufatmen, wenn der Zölibat dafür sorgte, dass dieser Flugzeugträger aus dem Rennen genommen wurde.

Wir waren wie junge Fohlen, die ungestüm über die Weide sprangen und mit den ersten Erektionen aneinanderrasselten. Die ersten Erektionen mussten gefeiert werden, ob daheim unter der Bettdecke oder im abgedunkelten Unterricht. He-Ja, He-Ja-Rufe brausten über den Flur und begleiteten das Championat, Jungsmotoren jaulten auf, knatterten. Eigentlich wusste niemand, was plötzlich los war und was das alles zu bedeuten hatte. Na gut, wir hatten plötzlich stramme Knüppel in der Hose und zeigten sie stolz den anderen Jungs. Aber konnte man die Dinger auch Mädchen zeigen?

Die Diskussion kam gerade erst in Gang.