Fotografieren Sie? Sind Sie Fotograf?


Ich fotografiere gern Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen. Wie sie auf irgendeiner Bank hocken. Wie sie im Bus den Halteknopf drücken. Wie sie den Hund über den Zebrastreifen führen. Solche Sachen. Es sind alltägliche Bilder, die ich nicht ohne weiteres veröffentlichen darf. Könnte ja sein, dass sich jemand unvorteilhaft abgebildet sieht. Und dann: Zivilklage. 20.000 Lira auf sein Konto.

Eine Weile dachte ich: wäre ich anerkannter Fotograf und die Menschen auf den Fotos unverzichtbar für meine künstlerische Tätigkeit, könnte man selbstverständlich über Veröffentlichung reden. Schließlich ist die Straßenfotografie höchstrichterlich als eigenständige Kunstform anerkannt. Doch selbst da heißt es bei jedem einzelnen Bild abwägen, ob man eventuell Persönlichkeitsrechte verletzt. Immerhin ist es noch ohne Einschränkung gestattet, den Boden zu Füßen der Menschheit fotografisch auszukundschaften. Finde ich persönlich jetzt auch nicht so übel. Kann man machen.

Und dann erscheint doch wieder eine Person auf der Bildfläche. Höchstwahrscheinlich ahnt sie gar nicht, dass sie mein Interesse erregt. Noch besser. Soll man da etwa abbiegen mit der Handykamera?

Ein Foto ist angehaltenes, abgestorbenes Leben, ein Foto ist eine tote Geschichte, auch wenn der Fotograf bei der Aufnahme nur den Auslöser drückt und sich nichts weiter dabei denkt. Der Fotograf ist grundsätzlich unschuldig. Auch dann, wenn die Person vor ihm in Hundekacke tritt.

Eine Weile hab ich mich vermehrt auf Twitter rumgetrieben und Fotos eingestellt. Die meisten Likes bekam: Der Hund tollt am Strand herum.

Da kam die Gräfin um die Ecke.

„Bist du schon wieder am Twittern..!?? Verliere dich bloß nicht in dem Sumpf..!“

Hunde haben keine Persönlichkeitsrechte. Die kannst du beim Einkoten der halben Königsallee fotografieren, sie können nichts dagegen tun. Und das wollen sie auch gar nicht. Es ist ihnen scheißegal.

Ein weiteres, überproportional oft geliktes Hundefoto auf Twitter zeigt Frau Moll am Fenster, wie sie uns hinterherblickt. Ein Foto aus dem Jahre 2012, Rubrik Drama. Wo fahrt ihr hin?!

Da war Molli noch nicht im Hundehimmel. (Wo ein ziemlicher Radau herrschen soll, dem Vernehmen nach.)

Bild

*

Zwanzig Zentimeter Neuschnee über Nacht, und es schneit immer noch. Wir unternehmen einen warm eingepackten Winterspaziergang über die Felder. Die Krähen schicken ihre Kundschafter voraus, das Licht: ein weich dampfendes Märchen. Plötzlich entdeckt die Gräfin einen Regenwurm. Er liegt mitten auf dem verschneiten Weg. Eingekringelt.

„Pass aufl!“ ruft sie erschrocken und hält mich fest. „Siehst du nicht den Wurm?? Du trittst ihn ja platt.“

Sie bückt sich und hebt ihn auf, trägt ihn vorsichtig zum Wegesrand, zu dieser großen Buche, wo es trocken ist und kaum Schnee liegt.

„Da kann der arme Kerl im Boden verschwinden, in seine Wohnung.“

„Moment noch“, sage ich, und knipse schnell ein Foto. Ich meine, ein Regenwurm mitten im Winter, glaubt einem doch sonst niemand.

Kommt eine Frau des Weges, von hinten.

„Na, hallloo!!“ grüsst sie erstaunt. Und geht weiter.

„Wer warn das?“ flüstert die Gräfin.

„Na, die Kassiererin“, sag ich, „oben aus dem PLUS.“

„Du meinst NETTO.“

Tags drauf mache ich ein paar Besorgungen. Oben, im früheren PLUS. Als ich an der Kasse stehe und zahlen will, beugt sich die Kassiererin verschwörerisch übers Band.

„Sagen Sie, sind Sie Fotograf? Fotografieren Sie Würmer?“

Sag ich leise: „Ja, bin Wurmfotograf.“

Sagt sie: „Vier siebzig.“

Sag ich: „Hab ich klein.“

„Gut.“

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