Die Elster

Abendspaziergang Mitte Juli. Der Himmel in Phosphorstimmung, der Wind blafft um die Häuser. Es nieselt. Der Hund verdrückt sich mit einem Stöckchen ins Buschwerk am großen Ententeich, so cool, als würde er mit der Zeitung aufs Klo gehen.

„Guck mal dahinten, ist das nicht der Karim?“

„Wo?“

„Na, da vorn..! Im hohen Gras.“

„Das ist doch nicht der Karim“, sag ich.

„Sondern..?“

„Na, weiß ich doch nicht. Ein kleiner Indianer..“

„Das ist der Karim. Wetten? Komm mit.“

„Hallo ihr zwei.“

Karim ist ein kleiner aufrechter Mann aus Teheran, schon lange Jahre eingedeutscht, mit einer sehr elastischen persischen Grundstimmung. Er hat einen schwarzen Schnurrbart und bis vor einiger Zeit regelmäßig unseren Wagen repariert, er hat geschickte Hände. Da Karim niemals Geld für seine Bemühungen haben wollte, revanchierten wir uns stets mit ein bisschen Haschisch. Seitdem wir nicht mehr kiffen, repariert jemand anderes unser Auto. Karim steht im hohen Gras und hat eine Plastiktüte in der Hand, vollgestopft mit Löwenzahn.

„Für unsere Meerschweinchen.“

Während er weiter Grünzeug rupft und eine zweite Tüte befüllt, erkundigt sich Karim, ob wir das schon gehört hätten, das mit Runa, und er ist ganz verblüfft, dass wir nicht einmal wissen, wer das sein soll, Runa.

„Na, unsere Elster..! Nein? Kennt ihr nicht? Die hab ich doch im Garten gefunden, sie konnte nicht mehr fliegen, ganz abgemagert war sie auch. Ein Flügel hatte einen kleinen Knacks, ein Beinchen war angebrochen… Ist schon ein Jahr her.“

Karim nahm sie in seine Obhut und päppelte sie auf, reparierte ihre Federn. Schiente das Beinchen mit einem McDonalds-Strohhalm. Karim kann gut mit Autos und Elstern. Seine Frau ist Journalistin. Ein engagierter Mann, und ein großer Freund von Vögeln. Er ist fest davon überzeugt, dass jeder Vogel beim Landen ganz kurz in die Flügel klatscht, kaum wahrnehmbar, ein kleines Bravo! Hier bin ich, Leute!

Mit der Zeit wurde Runa immer zutraulicher, sehr ungewöhnlich für eine Elster, wie Karim stolz erklärt. Meist saß sie auf ihrem Paradebaum im Garten und begrüßte keckernd die Kunden, die zum alten Schuster um die Ecke wollten. Der Schuster ist neunzig Jahre alt und nagelt und besohlt immer noch Schuhe in der eigenen kleinen Werkstatt, weil er sein Leben lang nichts anderes getan hat, warum soll er nun damit aufhören, nur weil er neunzig ist.

„Das macht doch keinen Sinn“, sagt der Schuster.

Seine alten Hände sind der Geheimtipp in der ganzen Stadt.

„Abends saßen meine Kinder am Fenster und warfen Runa Käseecken in den Garten“, erzählt Karim. Die Elster wartete schon sehnsüchtig. Sie schnappte sich die Beute und verteilte sie in ihrem Revier. Versteckte hier ein Stückchen Gouda, da ein Stückchen Emmentaler oder Chester-Ersatz. Was gerade so Ambach war im Käsebusiness am Pappelweg.

„Am Ende waren es locker zwei Pfund Käseecken, verteilt im ganzen Garten, in allen möglichen Ecken.“

Doch das reichte Runa nicht. Es reichte Runa nie. Sie nutzte jedes geöffnete Fenster in der Nachbarschaft, um Essensreste und Besteck vom Küchentisch zu stibitzen, Münzen und silberne Schmuckkästchen verschwanden, Klopapier in haushaltsüblichen Mengen. Runa war eine passionierte Diebin. Keine fünf Minuten nach dem letzten Raubzug saß sie wieder auf ihrem Stammplatz im Baum und totterte mit dem alten Schuster, als wäre nichts geschehen, oder sie spazierte mit spitzem Schwanz die Straße rauf und runter und hielt Hof.

„Die Straße war ihr natürlicher Laufsteg, sie liebte den Asphalt. Runa spazierte niemals über Gras. Eine Wiese war nichts für sie.“ Karims Augen leuchten. „Viel zu weich. Aber so richtig verrückt war sie nach Klunkern und billigem Talmi. Sobald es irgendwo funkelte und glitzerte, war Runa zur Stelle.“

Wenn die Kinder mittags nach der Schule angelaufen kamen und nach ihr riefen, keckerte Runa fröhlich zurück. Die ganze Nachbarschaft liebte die Elster. „Und Madam war gelehrig.“ Sie tippelte nicht nur gekonnt über den Catwalk, („wie die Klum“, so Karim), nach einem halben Jahr schaffte sie es auch, den Klingelton seines Mobiltelefons nachzuahmen, besser und genauer als jeder Papagei.

„Manchmal wussten wir nicht mehr, wo uns der Kopf stand: Ist das jetzt das Telefon, das klingelt, oder will Runa uns wieder auf den Arm nehmen…“

Und dann war der Vogel plötzlich verschwunden. Ohne eine Spur zu hinterlassen. Keine ausgerupften Federn, nirgends ein Blutfleck, nichts, was auf den Hinterhalt einer Katze schließen würde.

„Sie ist uns gestohlen worden, unter Garantie, das war Diebstahl auf Bestellung. Eine zahme Elster ist ja was besonderes, gibt’s nicht oft.“ Erst jetzt fallen mir Karims Augen auf, sie sind rot und aufgeschwemmt. Ob nun vom Kiffen oder aus Trauer, schwer zu sagen. „Jemand hat mitgekriegt, wie geschickt sie klauen kann, jetzt wird sie abgerichtet auf Trickdiebstahl, auf Juwelen und Schmuck. Die ist ja perfekt für Rififi-Raubzüge, unsere Runa.. über den Dächern von Nordrhein-Westfalen.“

Karim hat genug Grünkram gesammelt für seine Meerschweinchen. Zwei dicke Tüten voll. Er reicht uns die Hand zum Abschied. Fester Händedruck. Fast ein Quetschen. Als er der Gräfin gegenüber erstmals erwähnte, dass er aus Teheran stammt, war sie verdutzt. Sie hielt ihn für einen Indio. Oben aus den Anden.

„Ich finde immer noch kleine Käsestückchen im Garten, die Runa vergraben hat, obwohl sie schon über einen Monat weg ist. Gestern hab ich zwei Eierlöffel ausgebuddelt, die wir vermisst hatten. War sogar noch Eigelb dran, n‘ bisschen.“

Eigentlich wollte ich Karim gegenüber erwähnen, dass unser Wagen neuerdings so seltsame Geräusche von sich gibt, wenn er in der Kurve liegt, fast so, als würde eine trächtige Hündin Hello Goodbye von den Beatles singen. Aber Karim ist ja nicht mehr unser Schrauber. Lohnt ja nicht, das zu erwähnen. Ich schaue ihm hinterher, bis der kleine Mann aus Teheran den Park verlassen hat.

„Jetzt stehlen die Leute sich schon gegenseitig die Vögel“, meint die Gräfin kopfschüttelnd. „Die menschliche Spezies ist voll schadhaft. Erst, wenn alles geklaut und aufgefressen ist, ziehen wir irgendwann weiter.“

Ich bin nicht ganz bei der Sache. „Was..? Wohin? Wo ist der Hund hin, sagst du…?“

Leo kommt misstrauisch aus dem Teich-Gebüsch gekrochen, eine braune Entenfeder im Fell, und späht dem Indio hinterher.

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