Was ich noch sagen wollte und schon mal gesagt habe

Ich mag es, wenn sie mir spätabends im Bett einen Kuss gibt und viel Spaß beim Träumen wünscht, „.. oder was auch immer du so treibst, wenn du gleich die Augen geschlossen hast.“

Ich mag Popsongs, die sich voranschleppen wie ein Tag, an dem man es schwer hat, und am Abend ist die Sache ausgestanden.

Ich mag es, den Sachen nahe zu kommen, denn je näher man den Sachen kommt, desto eher verschwinden sie auch wieder und sind fort und erledigt – für immer.

Ich mag die Szene, wo der ältetste der drei Rocketta-Brüder mit zwölf Monaten Mietrückstand und einem gewaltigen Hexenschuss nach Hause gehumpelt kommt, zwei Pullen Zuckerrohrschnaps unterm Arm. Er wird bereits erwartet von Gerichtsvollziehern, Handwerkern und Polizei, bleibt aber höflich. „Hereinspaziert, die Herrschaften“, ruft er und zählt erstmal durch. „So, sechs Mann sind am Start. Wer will alles ein Schnäpschen?“ Die Zwangsräumung verläuft in gelöster Stimmung.

„Ich mag Nullen, die haben ganz schön Kraft, im Hinblick auf die Nullen, die an einer Million hängen.“ (Die Gräfin)

Ich mag meine innere Stimme, meinen besten Außendienstmitarbeiter.

Ich mag Maria Callas. Dass ich Maria Callas mag, liegt daran, dass Maria Callas Blues singt.

Ich mag es mein Gegenüber zu fragen, „sag mal, wann fängt das Kino an, um acht oder um viertel nach acht?“ und mein Gegenüber antwortert, „och, weiss nicht, so um acht, viertel nach acht.“

Ich mag es in einer anstrengenden prallvollen Zeit zu leben, wo jedes neue Nichts mit lautem leutseligen Halloo begrüßt wird, während alles, was leise ist und mit zartem Strich rüberkommt, übersehen wird. („Das magst du doch nicht wirklich, du alter Pampahasenforscher!“ „Na, und ob!“)

Ich mag es, die Leute mit der Wahrheit reinzulegen, das ist besonders perfide.

Ich mag Genialität, die darauf beruht, nein zu sagen zur Gesellschaft und ihr dennoch alles zurückzugeben.

Ich mag dieses unbestimmte, niemals verstummende Gefühl von Weltende, das mich schon als Teenager im Griff hatte, als ich die Schule schwänzte, im Stonns Fuot am Tresen hockte und mit meiner Zeit nichts anzufangen wusste, ausser am Tresen sitzen und darauf warten, dass die Welt untergeht.

Ich mag den Anblick von Bodybuildern, diese furios triefenden Gebirge aus Muskelsträngen und Posing-Öl und untenherum eine winzige Ausbuchtung, als stünde eine einzelne Kaffeebohne quer im Höschen.

Abends mag ich es, wenn sich eine Bande dunkler Gesellen rund um den Kaugummiapparat sammelt und Rififi plant.

Ich mag den Rhythmus von John Lennons Give peace a chance, der wie eine Schlaghose daherkommt.

Ich mag den Bossa Nova Beat, mit dem Break on through to the other side von den Doors beginnt, und dann setzt der Basslauf ein, gestohlen von der Butterfield Blues Band, und die Nummer nimmt ordentlich Fahrt auf, voller Diebesgut.

Ich mag ausgebuffte Holunderbüsche und sofortige Wiederbelebung durch Kunst.

Ich mag es auf meinem eigenen Erbgut zu leben.

Ich mag Romane, die heftig gelesen wurden und aussehen wie ein seit Monaten ungemachtes Bett.

Ich mag den Inhalt eines typischen Männerhandtäschchen der Achtzigerjahre: Einwegfeuerzeug, Schachtel Kippen, Glas Bier.

Ich mag Rückwärtsgehen, es fühlt sich so schön verkehrt an – man geht, aber man geht nicht drauf zu. Wer eine Zeitlang einer bestimmten Sache nachgelaufen ist, wer sich zu sehr zielorientiert bewegt hat, der sollte einfach mal rückwärts gehen. Es fühlt sich so schön verkehrt an.

Richtig. Ich mag es Kaffeebohnen von Hand zu mahlen. Wenn ich mal keine Lust habe, halte ich kurz inne und denke an Pozzo di Borgo, einem Querschnittsgelähmten, einem Tetraplegiker, der im Rollstuhl sitzt: „Ich wäre schon froh, wenn ich nur den kleinen Finger bewegen könnte.“ Und schon ist Kaffeemahlen wieder die schönste Sache der Welt.

Angenommen, die Sonne explodiert, dann dauert es 8 Minuten bis die Auswirkungen die Erde erreichen und das Licht wegbricht, 8 Minuten, Zeit für eine letzte Photosynthese, ein letztes Mal Chlorophyll und dann ab ins Bett – es wird eine lange unruhige Nacht – ob ich das mögen werde?

Ich mag das sogenannte Handicap-Prinzip der Natur: Wer sich einen Nachteil leisten kann, wird von Feinden als besonders stark wahrgenommen.

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Ich mag es, auf Schleichwegen zu mir selbst unterwegs zu sein, das hab ich von der Gräfin gelernt.

Ich mag es, wenn sie die Nährwerttabelle auf der Nudelpackung laut vorliest. Es sind chinesische Nudeln. „Pro Portion 350 Kalorien! Das ist kulinarische Kriegsführung! Die Chinamänner wollen uns kugelrund füttern, damit wir aus Europa nicht mehr rauskommen! Damit wir hier versauern im eigenen Nudelfett, und die machen sich den Rest der Welt untertan! 350 Kalorien! Ich glaub, es hackt!“

Ich mag Lieder, die sich selbst singen, das ist für alle Mann die beste Lösung.

Ich mag es, wenn ihr in der Küche beim Anmachen des Möhrensalats aus einem Meter Höhe ein Gummiring vom Gewürzboard in die Salatschüssel fällt und sie spontan „Gummi im Salat!“ anstimmt, nach der Melodie von You’re the one that I want von Olivia Newton-John und John Travolta, incl. Hüftschwung und schmierigem Grinsen.

Ich mag Geschichten, die das Leben besser nicht geschrieben hätte.

Ich mag Dichter sind heilig und Klos sind dreckig, na und?!, das hat Lena mal gesagt, fand ich gut.

Ich mag jeden richtig gewählten Zeitpunkt, weil hinter jedem richtig gewählten Zeitpunkt mindestens sechzig falsche auf der Bank sitzen, die nur darauf brennen, endlich zum Einsatz zu kommen und den Gegner zu düpieren.

Ich mag Sätze, die einen anknallen wie erstklassiges Koks, die dampfen und zischen wie Brandzeichen, die aufbrausen wie Hitzköpfe, kurzum – die ein für alle Mal die Dinge auf einen magischen Nenner bringen, in schwarz geteerten Blockbuchstaben und mit doppeltem Ausrufezeichen:

SHINDIG!

Ich mag Litfasssäule, Tischfeuerwerk, NASA-Rakete.

Ich mag literarische Vergleiche, die ein paar Meter weit humpeln und mit schiefgelaufenen Absätzen mausetot zusammenbrechen.

Ich mag das Licht der ersten Frühlingstage, ich würde am liebsten den Pinsel rausholen und rüberlaufen an die Staffelei.

Ich mag Neugeborene, sie sind so runzlig und krebsrot wie besoffene alte Männer, es ist ein verstörend schöner Anblick.

Ich mag es, Studenten beim Telefonieren im Intercity zu belauschen: „Wenn ich die nächste Klausur verscheisse, hab ich verkackt.. ja, endgültig.. ist so. Wenn ich ein verschissenes Gefühl hab, verkacke ich jedes Mal.. genau“, ohne mich umzudrehen. Bringt ja nichts. In diesem Falle.

Ich mag es, mein Leben als Glumm Revue passieren zu lassen, denn wo ich auch hinsehe, nichts als clevere Schachzüge, obwohl das Wort Glumm, veraltet, trübe bedeutet. Du trübest das Wasser mit deinen Füßen, und machest seine Ströme glumm, Ezech. 32, 2. (Ein anderes Wort ist das Meklenburgische Glumm, für ein unter der Asche glimmendes Feuer .)

„Ich mag es, am Abend im Bett zu liegen und meine Lieblingsserie zu gucken. Das ist das gleiche, als kämen gute Freunde zu Besuch, aber man kann sie leiser stellen, wenn sie nerven.“  – Die Gräfin –

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Ich mag es, meine eigene Soko zu sein. Ich wurde speziell zusammengestellt für mein eigenes Leben.

„Ich mag es nach dem Essen erstmal eine Weile blöd zu sein, weil der ganze Körper mit dem Verdauungsvorgang beschäftigt ist, inklusive Gehirn.“ – Die Gräfin –

Ich mag die Idee des Lebens, allein geboren zu werden, allein zu sterben, und zwischendurch trifft man ein paar Leute – wenn man Glück hat, nette.

Ich mag Jammern, Wehklagen und Meckern, und das ist erst der Anfang, das können wir Deutsche noch viel besser, und jetzt alle. (Man soll ja immer das tun, was man am besten kann.)

Ich mag Neugier als ersten Wohnsitz.

„Ich mag Obst und Gemüse vom Bauern nebenan, weil es die gleiche Luft atmet wie wir.“  (Die Gräfin)

Ich mag den gut strukturierten Muskelschlamm im Oberkörper von Iggy Pop und ich mag die roten Bäckchen im Kripogesicht meines alten Freundes Karlos, (du alte Tiefsee-Meduse, du Röhrenwurm!), die mich an romantisches Ballonglühen auf dem Flugplatzfest erinnern. (Sich umzubringen im Kreise seiner Freunde – was gibt es Größeres, solange es Freunde gibt.)

Ich mag es, wenn mich alle im Stich lassen, wenn keiner mehr an mich glaubt, wenn alle sagen, näh, dä Typ dä krisste wirklich nit mie hin, dann dauert es nicht mehr lange und ich kann kommen. (Eine Situation, die man gelegentlich künstlich herbeiführen muss, wenn es partout nicht anders geht.)

Was ich an Typen wie Donald Trump und Berlusconi mag, ist ihre kompromisslose „Ich kacke so viel in den Sandkasten, wie ich will!“-Haltung.

Ich mag Persischen Tee am Abend, danach bin ich richtig rollig geworden, wie eine Katze, die auf Baldrian schläft.

Ich mag es nicht zu scheißen und dann muss Hulk groß.

Ich mag achtlos weggeworfene leere Zipperbags, die überall herumliegen, mit winzigen Anhaftungen von selbstgezüchtetem, leichten, die Seele öffnenden Mariuhana und nicht diesen chemischen Pfusch aus niederländischen Krafthäusern. (Beim heutigen THC-Gehalt im Gras ähnelt Kiffen mehr einem Sturzbesäufnis als dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten.)

Ich mag Verlierer, ich hab ein Faible für Gesockse und andere verkommene Subjektive, ich mag skurrile Gewinner und weiteres Personal. Das muss nicht notwendigerweise skurrile Namen tragen, das ist nicht nötig. Die Leute können ruhig, sagen wir, Orion Specht heißen. Oder Herr Billwitz. Randolph Stuttgard. Kinkerlitzchen Carmichael. Donna Littchen. Batzen Dill. Alles kein Problem.

Siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 0:10 auf die Mütze kriegen, das finde ich gut. Mit Mitte Vierzig vor lauter Lachen in die Hosen machen und dann mit kleinen Schritten nach Hause staksen, damit auch ja keinem der riesige Pissfleck ins Auge fällt, das geht in Ordnung. Sehr gut sind alle Sachen, die nicht so laufen wie geplant, die kommen immer gut. Nein, nicht immer, natürlich. Null zu zehn untergehen ist wahrlich kein Coup. Aber notwendig. Bisweilen.

Ich mag das Unterwegssein in der Welt, das Suchen, was gibt es schöneres, solange man es nicht findet.

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Wach werden und die Freundin pult dir im Auge herum, weil sie einfach mal nach dem Rechten sehen will, “wie es eigentlich dahinter aussieht, wenn du schläfst”, das tut weh, geht aber in Ordnung. Super Sache.

Steh ich jetzt nicht so drauf.

Den ganzen Tag mit dem Geschmack eines Traumes durch die Gegend laufen, mit dem man früh am Morgen wach geworden ist, an den man aber ansonsten keine Erinnerung hat, finde ich von der Atmosphäre her gelungen.

Ich liebe diese Szene im Finale der Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko-Stadt, als Diego Maradona nach einem gelungenen Sololauf abrupt stehen bleibt, sich bückt und den eigenen Füßen Szenenapplaus spendiert, eine tolle Szene, auch wenn anscheinend nur ich das gesehen hab am Fernsehapparat, niemand sonst.

Ich mag defekte Lämpchen in all dem Glitzer.

Ich mag es am Hintern einen Pickel wachsen zu lassen, damit er artgerecht rausgelutscht werden muss.

Ich mag es, zum Soundtrack eines Ballerfilms aus Hongkong rhythmisch korrekt mit dem Kugelschreiber zu quietschen.

Ich mag es neben Karlos an der Bar zu sitzen und blöde Sätze zu sagen wie „es wird immer härter, echt“, worauf Karlos trocken entgegnet, „soll es immer weicher werden oder wie?“

Ich mag es, früh am Tag die Haustüre zu öffnen und der Rubel rollt zur Stube hinein bis ich mit erstickender Stimme nöle, „is gut, Sergej..! Lass gut sein.”

Ich mag den Moloch New York mit all den vielen Schluchten, es ist der gelungene Versuch, den Grand Canyon in Glas und Beton nachzubauen.

Ich mag Leute, die gleichzeitig reden und rauchen können. Das sieht cool aus, wenn man etwas erzählt und dabei rotiert die Kippe wie ein qualmender kleiner Schraubenschlüssel. Mein alter Kumpel Pudding war ein Meister darin, ein Lucky Luke der alten Schule, ich weiss nicht, was mit ihm geschehen ist. Er läuft mir nicht mehr über den Weg, seit geraumer Zeit schon nicht mehr, Mensch, was ist bloß mit dem guten alten Pudding los..

Pudding, Susanne Eggert, 2007

Ich mag es, im Bus Platz zu nehmen und der Fahrer tut etwas, was ich lange nicht gehört habe: Er pfeift ein Lied. Er pfeift Volare, er pfeift es laut und vernehmlich, er pfeift die Sonne in den Bus. Nächste Station:

Hoffnung.

Ich mag lebenslänglich Klappehalten ohne Bewährung.

Ich mag Flure und Dielen, denn Flure und Dielen sind die Zwischenwelten einjeder Wohnung, es sind die Orte, wo die Ahnen um Mitternacht zusammenkommen und auf die Pauke hauen.

Ich mag Come as you are, die düstere Basslinie, die das Unheil ankündigt, Nirvana, du weißt schon.. Wenn einem in den Neunzigern etwas schlimmes widerfuhr, hatte man automatisch Come as you are im Kopf, die Hymne, das Unglück, die Verschmelzung von schwarzer Magie und Pech an vorderster Front.

Ich mag Schornsteine im Winter, aus denen der weiße Rauch aufsteigt, als habe jedes kleine Haus seinen eigenen Papst gewählt.

Ich mag dieses neue große superleichte Kopfkissen. Wenn ich in darin versinke, habe ich das Gefühl, adieu zu sagen.

Ich mag diesen russischen Gitarrenspieler in der Fußgängerzone, mit dem wir uns eine Weile unterhalten und am Ende sagt er zur Gräfin, „.. so Frau wie du kann man nicht mit Taschenlampe finden!“

Ich mag Gott. Ich weiß nicht, ob Gott existiert. Ich glaube nicht. Aber ich hätte es gern. Ich fände es besser, wenn es Gott gibt. Ich würde mich für einen Mann entscheiden, als Gott. Ein Mann mit kanariengelber Fliege. Keine Frau. Oder doch eine Frau, eine vornehme Frau mit teurem Zobel und ungeduldigen Fingerschnippen, wenn es ihr unten auf der alten Erde wieder einmal zu trödelig vonstatten geht. Zu wenig schick. Ist Gott aber ein Mann, was ich vermute, dann ist Gott Österreicher – ein österreichischer Metzger, 47 Jahre alt, der sein Stammcafe hat und ein gewaltiges Methadonproblem am Hals, er nuschelt ein wenig wie alle Wiener. Keine große Sache.

Gott eben.

Ich mag es, wenn die Gräfin im Dunkeln zu mir ins Bett steigt und den Fleck vom Kopfkissen schnippen will, doch der Fleck erweist sich als hartnäckig, er lässt sich nicht fortwischen, es ist ein sehr heller Fleck, natürlich! es ist das Mondlicht, das durchs Fenster fällt.

Ich mag die Liebe zum Detail, es ist wie ein zartes Hackebeil.

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Ich mag es, der Gräfin vom Einkauf eine Riesenextratüte Salzige Chips mitzubringen, wenn sie ihre Tage hat, Darling, deine Periodenkartoffeln! – logisch, ich meine, welche Frau würde das nicht mögen.

Ich mag es, wenn im Leben plötzlich etwas passiert, wofür man gar nichts kann, das ist schön.

Ich mag Menschen, dieses kurze Winseln im All.

Ich mag Magie, manchmal merke ich nichts davon.

Ich mag mein Zuhause. Männer sind immer nur so gut wie ihr Zuhause. Auch unterwegs, beim Zelten.

Ich mag kalte Wintertage, wenn Kondensstreifen kreuz und quer am eisig blauen Himmel stehen, wie Sirtaki tanzende, aus den Händen gefallene Schreibstifte.

Ich mag Gedanken, die durch den Kopf eilen wie Vagabunden.

Ich mag Menschen, in denen sich die Ruhe der ganzen Welt breit macht.

Ich mag es, wenn die Gräfin beim Sonntgagsspaziergang einmal mehr im Mittelpunkt meiner Öffentlichkeit steht und ich das Notizbuch so oft zücken muss, dass wir in zwanzig Minuten nicht einen Meter vorankommen, nur weil sie stets einen neuen Satz erfindet, den ich mir nicht entgehen lassen kann – beziehungsweise, ich wäre ja schön blöde.

Ich mag es, mitten in der Nacht die Brille aufzusetzen, damit ich was zu sehen kriege im Traum und nicht etwa jemanden grüße, den ich gar nicht kenne, womöglich.

Ich mag Tage, an denen ich an mir herunterschaue und denke, Junge, hast du große Füße heute.

An den Hundstagen mag ich solche Schlagzeilen:

Ich mag Männer im Unterhemd. Sie sind stets auf dem Sprung.

An späten Sommernachmittagen mag ich den Klang alter Propellerflugzeuge, die in dreihundert Metern Höhe träge ihre Runden drehen, weil es keinen Klang gibt, der die Hitze eines späten Sommernachmittags besser ausdrücken könnte.

Ich mag die Tatsache, dass einem die wichtigsten Dinge im Leben stets erst dann klar werden, wenn sie irgendwer beiläufig erwähnt.

Den ganzen Tag vor sich hinsummen, als habe man eine gut bestückte original Wurlitzer-Musikbox verschluckt – kann gut sein, muss nicht. Eine Innenstadt-Taube, die beschwipst durch die Fußgängeroase torkelt wie eine Weinkönigin – knorke, keine Frage. Schummrige Wangen bekommen, nur weil man dieses eine Wort hört, Marrakesch – Klasse. Oder Terpentin.

Gut finde ich auch die Einsamkeit, mit der manche Leute Dinge tun, die andere Leute nicht tun, nicht mal in Gesellschaft. Zum Beispiel: Heimlich ne Wolke essen. Macht satt, sieht gut aus.

Ich mag die Idee, dass das Leben eingeschnappt ist, wenn es ungehuldigt bleibt.

Ich mag es, wenn einem mitten im Pfiff die Luft ausgeht und man noch einmal ansetzen muss, weil einem danach vielleicht der Pfiff der Jahrhunderte gelingt, kann doch sein, wer weiß das schon.

Ich mag es, das Notizbuch eng am Mann zu führen wie in den Jugendtagen den Fußball.

Sachen, die die Gräfin sagt, finde ich per se nicht schlecht. Nein, sie hat keine Angst vor der Zukunft, sagt sie, auch nicht vor der Gegenwart. “Ich hab Angst vor meiner Vergangenheit.” Ich schreibe den Satz auf. Es sind drei Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Ich frage sie nicht. Sie hat es schon mehrfach gesagt. Lassen wie es doch so stehen.

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Ich mag es, Junkies in der Stadt zu begegnen, das ist immer ein bisschen wie früher auf dem Schulhof, wenn wir Fußballbildchen tauschten. Erstmal zeigen!

Außerdem mag ich: Doppelpunkte. Ein Doppelpunkt hat etwas Militärisches, hat etwas von Krieg, von STILL GESTANDEN! Das ist manchmal nötig, auch wenn es keinem gefällt.

Ich mag Mütter, denen klar geworden ist, dass sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben, doch was sollen sie tun, die Pille für 20 Jahre danach ist weiterhin nicht in Sicht.

Ich mag es, wenn jemand ein Schoss raus hat, die Hochparterre und die zweite Etage incl. Sonnen-Loggia, es hängt alles reichlich schief im Wind.

Ich mag die große linke Tour, weil kleingedruckt lügen lohnt nicht.

Ich mag Geschichten vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus, ich mag Geschichten vom schneidigen Supervogel Pubertät und der alten Krähe Erwachsenwerden.

Ich mag die ewige Suche nach dem angenehmsten Zustand, keine Frage, das Optimum sollte es schon sein, was soll es denn sonst.

Ich mag es, aus dem Schatz zu schöpfen, ohne ihn ganz und gar zu heben.

Ich mag es im Herbst aus der Haustüre zu treten und von einem Geruch empfangen zu werden, als habe ein dicker Hund Gold gefrühstückt und in der Folge mehrfach aufgestoßen.

Ich mag den Anblick 16jähriger Jungs, das blonde Haar auf struppig gegelt. Sie sehen aus, als wären sie eingefroren in einer Windböe.

Ich mag den fröhlichen Friedhof von Sapanta in Rumänien in der Region Maramures, wo auf Grabkreuzen Bildergeschichten an das Leben der Toten erinnern. Die Bilder werden gemalt und geschnitzt, und der Dorf-Schnitzer sagt: „Ich liebe alle Menschen. Die guten und die schlechten.“ So soll es sein. Danke dafür.

 Ich mag den Trommelwirbel in Hound Dog von Presley, ich mag guten alten Rock’n Roll. Ich mag schon seit langer Zeit Curtis Mayfields People get ready in diversen Versionen und bin stolz darauf, dass es die Urversion der Impressions auf Rang 24 der 500 Greatest Songs of All Time geschafft hat, gewählt vom Rolling Stone.

Ich mag es den Hund im Wald auszutricksen, indem ich einen Stöckchenwurf nach links antäusche, den Übersteiger bringe, in falschen Zungen rede und dabei vergesse, was ich dem Hund eigentlich sagen wollte.

Ich mag es eine Dose Bier aufzureissen und eine schöne Frau guckt mir dabei zu.

Was ich nicht mag ist Wohlstand, der macht gehässig, und Pillen, die man einnimmt und ist satt für ein Jahr. (Kommt bald.)

Außerdem mag ich es, so lange wie möglich zu existieren, ohne durchzudrehen.

Und ich mag Sommerpause.

Vom Gucken

Am Morgen fiel mir eine Frau auf. Sie stieg aus dem Wagen, gegenüber der Allianz-Filiale. Es war halb neun durch, Dienstbeginn. Sie trug High Heels und eine Stoffhose, so knackig eng, dass die Arschbacken meuterten. Verstohlen rupfte sie den Schlüpfer zurecht, raus aus der Fut. Dann drehte sie sich um und entdeckte mich auf der anderen Strassenseite, breitbeinig abwartend. Ich bin Weltmeister im breitbeinig Abwarten. World Cup Glummi, Randy Andy, der verwegene Fritz. So einen Weltmeistertitel muss man sich verdienen. Man kann nicht einfach auf der anderen Strassenseite rumhängen und abwarten, ob vielleicht zufällig eine Person daherkommt und La Paloma zupft, man muss auch brilliant die Arme vor der Brust verschränken können. Und dabei so tun, als würde einen das ganze nichts, aber auch rein gar nichts angehen. Dabei immer schön weiter gucken.

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Die Viertelstunde

Wenn jedem Erdenbürger per Definition künftig 15 Minuten Weltruhm zusteht, macht das bei aktuell sieben Milliarden Menschen summa summarum 105 Milliarden Minuten Glanz und Gloria. Kann das mal bitte jemand auf Tage runterrechnen, damit ich weiß, wann ich ungefähr an der Reihe bin? Ich möchte mich nämlich eine Weile aufs Ohr legen. Nicht, dass ich noch den Rummel um meine Person verschlafe.

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Du blutest aber gut

Anfang 1986, Notizbuch.

Wenn ich diese Zeilen in einigen Jahren lese, werden es nur noch Zeilen sein. Jetzt ist es mein Leben.

*

Macht es Sinn, dass ich ständig alles aufschreibe? Dass mein Notizbuch den geplagten Buckel herhalten muss, nur damit ich jemanden habe, dem ich meinen immergleichen Schmerz anvertrauen kann. (Wenn der Schmerz beginnt, ein Evergreen zu werden.) (Ein Long Vehicle.) Aber ich kann nicht anders.

Schreiben ist Schlaf, Schreiben ist Trance. Wenn ich nach Stunden vom Schreibtisch aufstehe, beginne ich zu frieren. Ich gähne acht, neun, zehn Mal hintereinander, elf Mal, ich bin komplett k.o. Es ist, als würde das Schreiben sämtliche Energien auf einen Punkt konzentrieren. Mir ist vermutlich schon während des Schreibens kalt gewesen, ich war schon die ganze Zeit k.o., aber ich habe es nicht gespürt. Ich habe geschlafen. Ich war in Trance. 

*

Schreiben ist: aus der Welt ausscheren, um das Innenleben auszuloten. Schreiben ist: mit sehnsuchtsvoller Stimme alte magische Zeiten heraufbeschwören. Ein Mammut sein, das für ein Wochenende in die alten Jagdgründe zurückkehrt, den Rüssel verschlammt, gewienert.

*

Wenn ich den ganzen Tag am Rechner sitze und das Holz des Schreibtischs einatme, gibt es nichts schöneres, als am Abend mit dem Hund durch den Wald zu laufen und das Holz der Bäume einzuatmen.

*

So schmilzt es dahin, das Leben. Dabei hab ich immer geglaubt, ich käme aus der Nummer mit dem Älterwerden irgendwie raus. Aus der Nummer mit dem Dahinschmilzen. Na schön, was solls. Solange das Herz noch radamm macht und Tageslicht in mein Gesicht fällt..

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Du blutest aber gut

Den ganzen Tag schon lief ich durch die Gegend und versuchte sie zu erreichen, aus jeder verfluchten Telefonzelle, die auf dem Weg lag. Die Route der Freizeichen führte übers Mumms und den Kotten runter ins York, dann die verschneite Schützenstraße rauf bis zur alten Bienenhalle und zurück zur Stadtmitte, ins York. Je öfter ich das Freizeichen hörte, desto bedrohlicher klang es. Wir hatten eine Woche nichts voneinander gehört, komplette Funkstille. Ich musste sie sprechen. Ich musste wissen, woran ich war.

Es war schon dunkel, als ich eine von Schnee eingewehte Telefonzelle am Werwolf betrat, nahe der Eislaufhalle. Ich schlug den Kragen hoch und wählte ihre Nummer, und endlich, sie war zu Hause.

„Ja..?“

„Ja, ich bin’s..“, sagte ich, eine Spur zu hastig.

Keine Reaktion. Schweigen. Stille.

In diesem Moment wusste ich, es ist vorbei.

Der Wind pfiff durchs Telefonhäuschen, es war lausig kalt, das Deckenlicht nicht mehr als eine Funzel. Ich versuchte die widerspenstige Tür zu schließen, doch ein Spalt blieb offen.

„Ich hab bestimmt zehn Mal angerufen..“, sagte ich und presste die Muschel des Hörers an mein Ohr. Leise im Hintergrund spielte ihr Radio, ihr kleines Transistorradio auf der Fensterbank. Und da war ein Rascheln. Sie war nicht allein.

„Sag mal.. sind wir eigentlich noch zusammen?“ sagte ich, wie von weit her. Das Echo einer tausend Mal nicht gestellten Frage.

„Ich glaub.. nicht.“

„Du glaubst nicht…?“

Ein Plakat starrte mich an: FUNKTAXI. Wie., FUNKTAXI?? Hatte nicht jedes Taxi Funk? Was sollte der Unsinn!?

„Und warum..? Wegen einem anderen?“

Sie zögerte.

„.. ja..“

„Wer ist der Typ?“

„Ist doch nicht wichtig.“

„Ist er bei dir?“

„.. ja schon.. aber du.. kennst ihn nicht..“

„Dann gib ihn mir.“

„Was, jetzt?“

„Natürlich jetzt!“

Lastwagen kraxelten die Schützenstrasse hinauf, schwerfällig wie Büffel, ich sah dreckiges Eis aufspritzen im Lichtkegel der Scheinwerfer.

„Du willst ihn ja doch nur beschimpfen..“

„Nein. Ich beschimpf ihn nicht.“

„Echt nicht?“

„Nein!“

Sie zögerte.

„Na gut.. Moment“, sagte sie.

Ich hatte keine Ahnung, was ich von dem Kerl wollte. Ich wusste nicht mal, wer er war. War es der Soldat, von dem sie erzählt hatte? War es der Junkie, der angeblich mit einer Knarre im Hosenbund rumgelaufen war und gedroht hatte, mich abzuknallen, unten vorm Daddy? Weil er sie für sich haben wollte, ohne sie je gehabt zu haben. War es irgendjemand ganz anderes?

„Nussbaum“, meldete sich eine Stimme, förmlich wie im Büro. Als hätte seine Sekretärin mich zu ihm durchgestellt.

„Hör zu.. Nussbaum. Lena ist seit fünf Jahren meine Freundin. Warst du schon mit ihr im Bett?“

„Spielt das ne Rolle?“

„Ob das ne Rolle spielt..?! HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?“

„Spielt das ne Rolle?“

„WENN’S KEINE ROLLE SPIELT“, äffte ich ihn nach, „DANN GIB’S DOCH ZU, FEIGLING!“

Lena war wieder am Apparat.

„He, bleib cool..“

„Ich soll cool bleiben..? Hätte ich nicht angerufen, ich wüsste gar nicht, was los ist!“

Du wolltest doch, dass ich nicht mehr anrufe.“

„Wer sagt das?“

„Du! Du hast das gesagt!“

Eine schwache Erinnerung flutete an. Im betrunkenen Kopf hatte ich bei ihr angerufen und sie aufgefordert, mich nicht mehr anzurufen. Ein echter Glumm-Anruf.

„Aber da war ich doch besoffen! Das zählt nicht!“

„Woher soll ich wissen, wann etwas zählt und wann nicht..“

„Pass auf: Ich komm jetzt bei dir vorbei und wir reden“, sagte ich, die Scheibe der Telefonzelle beschlug vor Erregung. „Wehe, du bist nicht da. Der Typ kann meinetwegen da bleiben!“

„Ja, komm vorbei, aber.. soll der echt hier bleiben?“

„Er kann auch verschwinden..“, schnaufte ich. „Mir doch egal.“

Ohne auf den Verkehr zu achten, stürzte ich über die Kreuzung. Autos hupten mich an, wie einen Wolf, der sich in die Zivilisation verlaufen hat. Rein in die nächstbeste Kneipe, das Tilbury, wo Karlos, Pepe und ich schon in den Siebzigern Schlankheitstropfen in unser Bier gemixt hatten und weggesackt waren zum Geklingel der Glücksspielautomaten. Jetzt gab es Videoclips auf dem Bildschirm über der Bar. Like a virgin.. like the very first time.. with your heartbeat. Ich nahm drei Osborne auf ex.

Auf dem Weg zur Teufelsinsel pochte es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen..?? Ich konnte es nicht fassen. Und ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen. Gleich würde sie mir sagen, was los ist, und ich würde ihr hilflos ausgeliefert sein. Mit jedem Schritt wurde ich zorniger. Kampfbomber waren in der Luft, die Fenster abgedunkelt. Im kleinen Park an der Feuerwache rutschte ich aus und legte mich lang, knallte mit dem Kopf auf einen vereisten Wurzelstrang. Der Stoß verfehlte die Schläfe nur um Millimeter – das ausströmende Adrenalin stellte mich sofort wieder auf die Beine.

„Scheiße!!!“

Teufelsinsel. Lena zitterte mindestens genauso. Wir saßen nebeneinander vorm Nachtstromspeicher, blickten uns kaum in die Augen. Was Neues wolle sie. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden, am Sonntag bei meinen Eltern Gulasch essen. „Immer der gleiche Streifen!“ Sie war richtig aufgebracht. Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da. Dieser Lebenshunger. Es gäbe keine Zukunft für uns. Alles, was sie sagte, riss mich in Stücke, nur die Klamotten hielten mich beieinander.

„Und der Typ? Was ist mit dem?“

„Der ist nett.“

„Ist es der Soldat?“

„Ja. Der Soldat.“

„Bist du verliebt?“

„Ja.. ich glaube. Ja..“

Diesmal würde es sich nicht wieder einrenken, diesmal nicht, diesmal war es anders. Sie wollte weg, sie hatte die Nase voll. Ich hinderte sie an ihrer Entwicklung. Sie war einundzwanzig und wollte andere Männer ausprobieren. Verständlich, wenn nicht ich der Gelackmeierte der ganzen Geschichte gewesen wäre. Ist doch klar, hätte ich gesagt. Muss doch.

Dann holte sie aus. Dass sie es nicht mehr mitansehen könne, wie ich in den Tag hinein lebe, perspektivlos und mich auf die Loyalität meiner Freunde verlassend. All die Dinge, die sie früher an mir geliebt habe, meine Sorglosigkeit, meine Lässigkeit hasse sie mittlerweile, „weil du ein kleines Arsch bleibst, wenn du dein Leben nicht endlich in die Hand nimmst.” Wie ich mir überhaupt meine Zukunft vorstelle, so als größter Drückeberger der Welt. Ich antwortete, dass man keine Zukunft nötig habe, bloß Gegenwart, “die macht schon genug Rückenwind, wenn man sie nah genug heranlässt.”

“Ach, du immer mit deinen.. Sätzen!”

Ihr war aufgefallen, dass ich beim Schreiben niemals ein Semikolon setzte. So ein Ding, weniger als ein Punkt, mehr als ein Komma. Ein Zeichen, das dem Leser signalisieren soll, jetzt kommt was Neues, in Anlehnung an das Alte.

“Gibt dir das nicht zu denken?!”

Ich sei doch schon immer ihr Traummann gewesen und sei es immer noch und werde es auch immer bleiben, aber jetzt sei es vorbei, fürs erste. Ich solle ihr Zeit geben. Platz lassen. Ihr Kopf sei ein Tollhaus, da gehe es drunter und drüber, sie könne nicht richtig erklären, was in ihr vorgehe, es rumore schon so lange in ihr. Und was wären da schon Worte, ausser unzulänglich und verlogen. Sie versuchte mich in ihre Arme zu schliessen, ich stiess sie fort und floh aus der Wohnung. Wie oft war ich im Streit aus der Wohnung gerannt, jedes Mal war Lena mir gefolgt, auf Strümpfen, auf Asphalt, mitten in der Nacht, bei Regen, bei Schneefall, großes Drama. Zum Schluss war es andersrum gewesen. Zum Schluss war sie rausgerannt und ich hinterher. Immerzu war irgendwer gerannt und der andere hinterher, diesmal nicht. Diesmal sah ich sie am Fenster stehen, wie eine Marienerscheinung. Sie machte keinerlei Anstalten, etwas zu tun, sie stand bloß da. Ich drehte mich um und stapfte los, die Hände in den Manteltaschen, wie unter einem riesigen Kuppelbau, in einer fremden und frostigen Kathedrale, weit draussen im Universum.

Schneehaufen türmten sich am Straßenrand. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer.

Als ich die Schillerstrasse erreichte und vor der Haustür stand, sträubte ich mich aufzuschließen. Die meiste Zeit hatten wir hier verbracht. Wegen dem großen Fernseher, der Badewanne, und überhaupt. Es war unser Quarier gewesen. Jetzt war sie einundzwanzig und hatte den Streifen satt. Hatte lange genug Sonntag für Sonntag gebadet, bei meinen Eltern  zu Mittag gegessen. Es reicht, mein Freund. Mach dich vom Acker. Ich knallte mich aufs Bett, versuchte etwas zu schlafen. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere. Immerzu tauchte ihr kleiner Busen auf, ihre Schenkel, in die jetzt irgendein gesichtsloses Schwein eindrang. Ihre zärtlichen Worte. Ihre warmen braunen Augen, die mich so satt gemacht hatten, dass kein Hunger blieb für andere Dinge.

Weil mein Telefon wegen unbezahlter Rechnungen gesperrt war, sprang ich aus dem Bett, zog mir die Schuhe an, in denen ich schon viel zu lange herumlief und die kaum noch Profil hatten, und stiefelte durch die Hinterhöfe zur Telefonzelle. Ich brauchte einen Hoffnungsschimmer. Es konnte doch nicht einfach so vorbei sein, so Knall – und aus! Es war klirrend kalt. Ich warf eine Mark in den Schlitz. Sie hatte meinen Anruf erwartet. Befürchtet. Ich fragte, ob es denn keine Möglichkeit mehr gäbe.

„Es gibt immer eine Möglichkeit“, sagte sie. Und dass sie ja selbst nicht genau wisse, was los ist. „Ich folge einfach meinem Instinkt.“

Ich jammerte wie ein kleiner Junge, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hatte, und der nicht verstand, warum. Nur weil er immer das gleiche gespielt hatte? Was konnte falsch an Dingen sein, die lange Zeit richtig gewesen waren?!

„Was soll ich denn machen ohne dich?!“

„Pack meine Sachen zusammen, stell ein paar Möbel um, keine Ahnung. Ich weiß nicht. Du bist so ein Gewohnheitstier, und ich brauche Abenteuer. Ich bin zu jung, um zu verrotten.“

Wieder starrte mich so ein großes FUNKTAXI-Plakat an, im Telefonhäuschen, schwarze Lettern auf gelbem Grund.

„Du musst stark sein. Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so.. durcheinander..“

Ich solle ihre Maßnahme als Experiment betrachten. Und dass es dabei weniger um einen anderen Typ gehe, sondern darum, dass wir uns über unsere Gefühle klar werden, unsere Gefühle füreinander. Was Frauen so sagen in solchen Situationen, und was Männer so schlucken. Sie legte auf. Das war es also. Gewohnheitstier.

Als Junge hatte es mir Spaß gemacht, Fußballstadien zu zeichnen, mit Bleistift, an verregneten Nachmittagen. Besondere Mühe machte ich mir mit dem tausendköpfigen Publikum, ich malte die Leute Kopf für Kopf. „Das sind aber eine Menge Köpfe!“ staunten meine Eltern. Besonders Mutter begeisterte sich für die Geduld, die ich aufbrachte, um eine große Zahl von Zuschauern zu zeichnen. Dabei hatte auch jede andere Arena, die ich gemalt hatte, so viele Köpfe gehabt, aber die hatten meine Eltern nicht gesehen. Wenn mir etwas Spaß machte, suchte ich die Wiederholung, um jeden Preis. Ist doch logisch. Ohne Fans, ohne Anfeuerungsrufe ist keine Action auf der Tribüne, das muss jeder einsehen.

Das Gewohnheitstier schlich nach Hause und haute sich hin. Im kältesten Bett der Welt lag es im Dunkeln und betete, die Nacht möge bald ein Ende haben, doch als es hell wurde, als das Licht zurückkehrte, baute sich etwas gräßlicheres vor ihm auf: die Angst vor dem Sonntag. Ohne Lena. Ohne Gewohnheit.

 

2

Sonntag. Der magische Sonntag im Tierpark. Sie trug ihr braunes Indian Summer-Kleid und war gut gelaunt. „Los, zu den Kamelen!“ Hier gibts keine Kamele, sagte der Tierpfleger. „Dann eben Lamas!“ Die Tiere standen in der Nachmittagssonne und malmten ihr Gras. „Beiß mich“, flüsterte Lena, die mal behauptet hatte, ein Fußkettchen hätte ihr gesamtes Leben umgekrempelt. Ich lugte hinüber zu den Lamas, und biss zu. Das Kettchen knirschte.

Auf Kieselsteinen weiter zum Exotenhaus. Javaneraffen turnten an nackten Stahlgerüsten, zeigten ihre Hintern. Früher, auf Bali, in ihrer Heimat, waren sie heilig gewesen, unantastbar. Früher mal. In alten Zeiten. Als Mensch und Tier sich noch grüßten, wenn die Sonne aufging.

Weiter unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine schattige Bank. Wir waren allein auf weiter Flur. Lena zog die Nylonstrümpfe aus und stieg auf meinen Schoß. Ich schob ihren Slip beiseite. Ich schmeckte ihren Hals. Küsse. Papageienschreie. Rote Flecken.

Die Bank kippte im richtigen Moment.

*

Bis in den Nachmittag blieb ich im Bett. Ich war wie gelähmt. Rauchte tausend Kippen. Ich versuchte den Kopf frei zu kriegen, nicht an sie zu denken, doch denken ist auch nur eine Möglichkeit, mit seinen Gefühlen umzugehen. Dann badete ich, doch ich weiß nicht, wie oft wir zu zweit Platznot hatten in der Wanne, jetzt war sie eine riesige Arena und verschlang mich. Immerzu musste ich an sie denken. An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir. Ihre zärtlichen Worte, unsere vertraute Sprache, die Spielereien. Es schmerzte und machte wütend. Lena war natürlich fein aus dem Schneider. Hatte einen neuen Kerl und Jacki, ihre beste Freundin, zog demnächst bei ihr ein. Nahtloses Timing. Wozu brauchte sie mich noch?! Mein Selbstbewusstsein lag auf dem Boden und schielte zur Uhr. Wenn wenigstens das Mumms schon geöffnet hätte.. Ich hielt es nicht mehr aus, ich machte mich auf die Socken. Unterwegs rief ich Karlos an.

„Lena hat Schluss gemacht.“

„Scheisse. Echt?“

„Ja. Ich komm jetzt bei dir vorbei.“

Weil nur die Hauptstrassen von Schnee und Eis geräumt wären, brauchte ich doppelt so lange wie sonst bis zur Finkenstrasse. Ich bestand nur noch aus Beinen. Aus Gehen und Fühlen. Ich ge(h)-, fühl und komm um, schrieb ich mit klammen Fingern in mein Notizbuch.

Drei Stunden lang saßen wir uns in Karlos‘ Bude gegenüber. Er legte Van Morrison auf und hörte zu. Ab und an schüttelte er den Kopf und warf etwas ein. „Man hat schon gemerkt, dass eure Beziehung einen gewaltigen Knacks erlitten hat..“, sagte er, und „Die Seele ist Prosa, da kannst du mit Poesie nix reissen“, und „Chaos im Kopf ist nie umsonst.“ Als ich begann, ziemlichen Scheiss zu labern, „Ich liebe sie so sehr, dass ich lieber mein Leben verpfusche als ohne sie etwas auf die Reihe zu kriegen“, fuhr er mir nur kurz über den Mund, jetzt red kein Scheiss. Zuletzt sagte er etwas, das mir im Kopf blieb. „Vielleicht musste es passieren. Vielleicht musste etwas in dein unverschämt sicheres Leben platzen, damit du aufwachst und anfängst das zu tun, was der liebe Gott für dich vorgesehen hat.“

Ich starrte ihn an. Wovon sprach er zum Teufel?

„Na, dass du dich auf deinen Arsch setzt und anfängst zu schreiben.“

Was Liebekummer betraf, konnte er mitreden wie kaum ein anderer. Zwei Jahre zuvor hatte ihn Biene verlassen, seine große Liebe, so richtig hinweg war er darüber immer noch nicht.

„Das ist noch nicht gegessen“, sagte er mit dieser tiefen Märchenplattenstimme, die mich stets beruhigte. Es klang wie: Die Braut hol ich mir noch zurück. Wart’s nur ab. Es war keine vier Wochen her, da hatte Karlos mitten in der Nacht unter Bienes Fenster gestanden und nach ihr gepfiffen und gerufen wie ein dummer Fünfzehnjähriger.

„Und?“

„Was, und?“

„Na ja, ich mein, hat sie aufgemacht oder nicht?“

„Ach wo, die Sau war überhaupt nicht zu Hause. Die war im Urlaub, wie sich hinterher rausgestellt hat.“

Punkt neun standen wir im Mumms am Tresen. Ein verrauchter Karnickelbau mit einem Herz Buben an der Tür, durchstochen von einem Stilett. Der Laden war oft so brechend voll, dass alle in Dreier-Reihen vorm Tresen drängelten und so viel soffen, als hätten sie Schiss gehabt, eines Tages aus diesem großspurigen Trinkgelage aufzuwachen. Karlos und ich orderten Bier und Tequila. Assoziationsketten aus Tod und Verzweiflung stürzten auf mich nieder. Ich war eine große glühende Wunde und hatte dieses aufputschende Gefühl, alles rauszulassen. Während Karlos mir geduldig das Ohr lieh, betrank er sich in aller Seelenruhe.

Benzini kam rein und stellte sich zu uns. „Du blutest aber gut“, meinte er süffisant, und Ludi, der mich nur vom Sehen kannte, meinte fast ein bisschen peinlich berührt: „Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, ich hätte dir gar nicht zugetraut, dass eine Frau dich so fertig macht.“

Cool und abgewichst. Darauf vertranken wir die Nacht.

 

4

Als ich zur Mittagszeit aufwachte, ging der Spuk weiter. Verkatert hockte ich auf der Heizung und hörte dem Wasserhahn zu, wie er in der Küche tropfte, er schlug eine Kerbe in den Spülstein. Das Barometer vorm Fenster war bei minus fünfzehn eingefroren. Ich rauchte eine Kippe nach der anderen. Vielleicht hatte sie ihren Entschluss schon bereut. Ich peitschte zur Telefonzelle gegenüber vom Gemeindeheim Margartenstrasse und rief in der Zahnarztpraxis an, wo sie ihre Ausbildung machte.

„Ich muss mit dir sprechen. Können wir uns treffen?“

„Klar. Klar doch.“

„Heut Abend im Mumms?“

Sie zögerte einen Moment.

„Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?“

TRAURIG!

Einmal unterwegs, ging ich gleich weiter in die Stadt. Ich nahm mir vor, neue Schuhe zu kaufen, weil die Winterlatschen vom toten Nachbarsjungen  mir kein Glück gebracht hatten, doch es blieb beim Vorsatz. Ich hatte keinen Nerv auf Schuhe kaufen. Ich suchte mir im Karstadt-Restaurant einen Fensterplatz, mit Blick auf den alten Busbahnhof, wo Lena und ich im Winter 1979 zum ersten Mal verabredet waren. Wir saßen bei nassem Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt den ganzen Nachmittag unter dem überdachten Wartehäuschen, zu schüchtern für einen ersten Kuss, aber mit löchrigen Turnschuhen und der Gewissheit: das ist es. Noch in derselben Nacht bekam ich hohes Fieber, alle Knochen taten mir weh. Drei Wochen lang lag ich mit einer schweren Nierenbeckenentzündung flach, und Lena, gerade mal fünfzehn und bildhübsch, kam mich besuchen, den Poncho übergeworfen, und neben meinem Bett dampfte der Haschischtee.

Das erste Mal gesehen hatte ich Lena im Mankes 13, einem Jugendklub in Ohligs. Ohligs zählte eigentlich nicht zu meinem Revier, es war Zufall, dass ich an diesem Freitag in dem Stadtteil gelandet war. Freitags war Disco im Mankes. Es war früher Abend, rappelvoll. Ich hatte eine Tasse Kaffee in der Hand, was ich mir bis heute nicht erklären kann, weil ich damals so gut wie nie Kaffee trank. An diesem Tag aber war Kaffee in meiner Tasse, und ich stolperte über ein Paar Beine, das zu einem jungen Mädchen gehörte, das auf einem Sofa saß. Ich strauchelte und schüttete ihr dabei etwas von dem Kaffee über die Hose. So hatte ich Lena kennengelernt.

So saß ich jetzt im Karstadt-Schnellrestaurant. Ich verdrückte ein Zigeunerhack mit Pommes und Salat oder was immer Tages-Menü war, dazu ein Glas Cola, weil Bier nicht mehr runter ging. Ich war fünfundzwanzig. Ich war der gutaussehende Typ gewesen, ich hatte immer Frauen um mich gehabt, jetzt war ich grau und erledigt, fühlte mich Scheiße, ich war Scheiße. Nichts stimmte mehr. Ich wartete nur darauf, dass Blut kam auf dem Klo, ich war ein versoffener ängstlicher kleiner Pisser. Ich glotzte dem Serviermädel hinterher, das den Geschirrwagen durch die Gänge schob und Geschirr einsammelte, ich glotzte dicken Frauen in den Ausschnitt, die ihr Mittagsmenü verdrückten. Eine Frau löffelte Linsensuppe. Ein überlanges Bockwürstchen ragte zu beiden Seiten über den Rand des Tellers. Alles an der Frau war korpulent und traurig, sie war überall zu viel. Sie kämpfte mit der langen Wurst, wusste nicht, wo sie den Löffel ansetzen sollte, um sie zu teilen. Oder ob sie doch lieber Messer und Gabel zur Hand nehmen sollte. Warum sie das überlange Vehikel nicht einfach in die Hand nahm, die Finger zur Not mit einer Serviette geschützt, blieb unklar.

Als Soundtrack zu der kuriosen Szene hatte sich die Geschäftsführung des Karstadt richtig was einfallen lassen. Man ließ über Lautsprecher Nummern ausrufen, eine Nummer nach der anderen, kuriose Personalnummern, pausenlos, wie auf dem nationalen Nummerntag.

„Die 366, bitte!“, „die 408, bitte!“, „die 369, bitte!“,

„die 500, bitte!“

Andere Frauen führten leise Selbstgespräche, mit angebissenen Würstchen und zittrigem Blick, bis sie entdeckten, wie ich ihnen auflauerte und mir Notizen machte, da fühlten sie sich ertappt und fingen an aufzuhören mit sich selbst zu reden. Das Zittern hörte nicht auf. Die Fragen auch nicht. Was schreibst der Kerl da? Schreibt der über mich?!

Na klar schreibe ich über euch. Ich schreibe, wie ihr das Maggi in eure Suppen pumpt, ich schreibe über Geschmacksverstärker und Gluten, die in euren Suppen um die Herrschaft raufen wie trotzige kleine Stöpsel. Ich schreib das alles auf, damit ich was zu tun habe und mir nicht noch mehr auf den Wecker falle. Würde ich nicht zufällig schreiben, ich würde einfach umfallen, ich wäre auf der Stelle tot.

Ich fasste einen Entschluss. Ich musste etwas tun. Genug geheult. Ich stand auf und machte mich auf zur Jobvermittlung. Ich brauchte Ablenkung. Außerdem hatte es Lena zunehmend gewurmt, dass ich bis in die Puppen ratzen konnte, während sie ständig früh raus musste und eine Ausbildung machte, die ihr gegen den Strich ging. Dass sie sich zusammenriss, während ich mich gehen ließ.

Frau Düstersiek war Leiterin der Jobvermittlung, einer Aussenstelle des Arbeitsamtes.

„Na, Sie As!“ meinte sie erfreut, „Allein hier heute? Was macht Ihr Kumpel, der.. wie heißt er noch gleich..?“

„Karlos.“

„Ja, genau, Karlos! Was ist Sache mit Karlos?! Warum kommen Sie ohne ihn?“

„Na ja.. also, nur so.“

Keine Ahnung, ob es wirklich daran lag, dass ich ohne ihren Spezi Karlos gekommen war, doch die Düstersiek rückte lediglich die Telefonnummer eines kleinen Betriebs raus, der in Türklinken machte, oben am Schaberg. Ich rief in der Firma an und sagte, dass ich auf der Stelle anfangen könne. Gut. Ja.

„Kommen Sie vorbei.“

„Was denn..?! Jetzt sofort?“

„Ja, natürlich. Wenn Sie Zeit haben, können Sie auch sofort anfangen.“

„Äh.. ja, natürlich.“

Damit hatte ich nicht gerechnet, dass man mich beim Wort nahm. Ich kaufte einen Strauß Blumen, klemmte ihn an der Teufelsinsel an ihre Wohnungstür. Mit einem Zettel. Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Was besseres fälll dir wohl nicht ein? dachte ich. Nein. Was besseres fiel mir nicht ein.

Die Firma am Schaberg entpuppte sich als Hinterhofbude. Ohne groß eingewiesen zu werden, setzte man mich in der Endmontage ein. Meine Aufgabe: Türbeschläge und Klinken polieren, Kartons falten, Aufträge zusammenstellen, verpacken und für den Versand fertigmachen. Meine Hände flatterten vom vielen Saufen. Von Ablenkung keine Spur. Was ich auch tat, ich hatte nur Lena im Sinn. Selbst in der Nacht, als ich mir einen runtergeholt hatte, hörte ich ihre Worte, als es mir kam, ganz anders als sonst, wo sich eher schmierige Tanten in meiner Phantasie verirrten. Und als es mir kam, fühlte es sich an wie der Orgasmus, den der neue Kerl ihr machte – ich ließ sofort los. Ließ spritzen, ließ rumsen im Bauch.

Lüttkenhorst, der Kollege, kam an und meinte, ich solle nicht dauernd rumsitzen und so ein dämliches Gesicht ziehen, lieber ein paar Kartons falten, wenn gerade Leerlauf war. Ein bisschen Eigeninitiative. Hm? Redete der mit mir? Am Abend wollte ich alles auf eine Karte setzen. Ich würde sie mir zurückholen. Versprochen. Endlich halb Fünf. Feierabend. Ich fuhr mit dem Bus in die Stadt.

Als ich das Mumms betrat, war sie schon da. Saß in der hintersten Ecke, mit einem Glas Tee vor sich. Sie sah umwerfend aus. Ich holte mir ein Bier, setzte mich zu ihr. Ich hatte keine Zeit für Tändeleien.

„Ist wirklich Schluss?“

Ängstlich blickte sie mich an. Sie nickte. Ich riss mich zusammen. Bestand darauf, dass ich eines schon kapiert hätte, in den letzten, nun ja, vierundzwanzig Stunden: ohne gemeinsame Zukunft keine Beziehung! Ein Satz, für den ich mir noch eine Woche zuvor auf die alten Schuhe gekotzt hätte.

„Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben.“

Sie war überrascht. Sie nahm es ernst. Es funktionierte.

„Ein Buch schreiben..? Na, das ist ja ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig und der Herr tut nix, aber kaum kriegt er einen Schuss vor den Bug, bewegt er seinen Hintern. Guck mal einer an.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Du sollst es nicht für mich, sondern für dich tun.“

„Für uns! Ich möchte mit dir meinen Weg gehen, mit dir glücklich sein.“

Ich immer mit meinen Sätzen. Ich spürte, dass sie nachgab. Damit hatte sie nicht gerechnet. Dass ich so schnell was dazugelernt hatte. Dass ich sie so sehr wollte.

„Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen..“

Wir blickten tief einander in die Augen. Dieses Bauchgefühl. Dann sagte sie es. Ganz leise. Fast unhörbar. Gehaucht.

„Ja.“

Ich flog ihr um den Hals. Vergrub ihren Kopf an meiner Brust.

„Hast du wirklich ja gesagt?!“

„Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los.“

Ich driftete zum Tresen. Glaubte es noch gar nicht richtig. Dass das so schnell ging. So ohne viel Widerstand. Ich bestellte Tequila. Wir lachten. Küssten uns. Wie waren wie die Kinder. Die Holztische des Mumms glühten im Sonnenuntergang, die Flusen tanzten im einfallenden Sonnenstrahl.

„Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen“, stellte Lena klar.

„Ja“, sagte ich, immer wieder ja. Ich hätte ihr einen Welt-Bestseller versprochen, wenn sie es nur ernst meinte.

„Wann machst du mit dem Typ Schluss?`“

„Ich werd.. es ihm gleich sagen.“

Wir verabredeten uns für den folgenden Nachmittag um Fünf, sie versprach zu mir zu kommen. Ich blieb im Mumms und betrank mich. Karlos tauchte auf. Er  warnte mich, ich solle mich nicht zu früh freuen, doch ich freute mich. Auf die Schnauze fallen konnte ich immer noch.

5

Die Maloche am nächsten Tag nervte. Ich konnte kaum meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzte mir zu. Wenn ich mal einen Tag wenig trank, schwitzte ich mir in der Nacht gleich die Beine weg. Aber ich liebte Lena und hatte sie wieder. Das war die Hauptsache.

„Die Kartons sind aus Pappe!“ blökte Lüttkenhorst, der Vorarbeiter. Die Schatten unter seinen Augen waren groß und finster, seine Stimme tief und krächzend, fast punktuiert. „Die Kartons kann man biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das mit dir! Da kannst du Gift drauf nehmen!“

Punkt fünf Uhr war ich daheim. Vielleicht wartete sie schon vor der Haustür. Tat sie nicht. Ich rauchte und hörte Radio, kaputt und aufgekratzt zugleich. Machte ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs. Ich wurde unruhig. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein, dachte ich. Überpünktlich. Vielleicht war was mit Jacki dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal. Ich versuchte etwas zu lesen. Uns verbrennt die Nacht. Von einem Indianer, der mit Jim Morrison durchs L.A. der 60er Jahre gezogen war, doch ich konnte mich nicht konzentrieren. Jeder Satz endete mit Lena in meinem Kopf.

Ich stand am Fenster und wartete. Watching and waiting. Sechs Uhr, halb Sieben. Autos fuhren vorüber, Autos hielten. Türen schlugen zu. Nur die Strasse zählte. Um sieben Uhr war Lena immer noch nicht da. Ich tigerte von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, geriet in Panik. Schrie „Lena, was machst du mit mir?!“ Raufte mir die Haare und schleuderte mich gegen die Wand. Blieb liegen. Stand auf. Konnte es einfach nicht fassen, wie ich verarscht wurde. Dass sie nicht gekommen war. Trotz ihrer Worte. Ich knallte mich gegen den Türpfosten. Es schellte. Nicht ihr Schellen. Es war der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber. Ich zerrte Poster von der Wand, trat eine Tasse durch die Küche. Sie zersplitterte unterm Spülstein. Eli begriff gar nichts.

Du kommst wegen Lena so drauf? Gibs das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt.“

Ich liess ihn stehen und lief zur Margaretenstraße, durch den Schnee, zur Telefonzelle. Jacki hob ab.

„Ist Lena da?!“

„Die ist schon lange weg.“

„Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?“

„Lena hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist.“

Ich hetzte durch die Strassen. Blickte in jedes vorübersausende Auto. Auch im Mumms war sie nicht. Natürlich nicht. Das Mumms war mein Revier. Mein Wohnzimmer. Cobra hockte am Tresen.

„Hallo.“

Sie hatte mich mal angemacht, nicht lange her, da hatte ich abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten. Jetzt war ich froh, dass sie da war. Fragte, wie es ihr geht und so. Spendierte Bier und Schnaps. Wenn es Schnaps gibt, steht der Angriff bevor. Göring und seine neue Braut kamen rein, tranken einen mit.

Göring arbeitete als Fernmeldetechniker bei der Bundespost. Einige Mal hatte ich ihn getroffen, als er gerade irgendeinen Telegraphenmast hochkletterte und seine Arbeit verrichtete. Ein Kerl mit schweren Knochen und einem gewaltigen Alkoholproblem, der lauthals „Geht doch um nix!“ posaunte, wenn er mich im Mumms erblickte. Den Spruch hatte er von einem Kumpel, der ihn seinerseits im Knast aufgeschnappt hatte.

Es dauerte nicht lange und wir beschlossen, zu verduften. Wir riefen ein Taxi, kauften unterwegs an der Tankstelle zwei Flaschen Ouzo, fuhren zu Göring nach Hause und versanken in den Ledersesseln. Göring erzählte von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hatte, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.

„Das sind die Tanten, die wir brauchen!“ wieherte Cobra.

Sie und Göring verstanden sich prächtig. Das gefiel mir nicht. Musste ich mich notgedrungen mit seiner Freundin befassen. Eine seltsam trutschige Person. Ihre Nase war groß und schief und irgendwie spanisch, eine vergeigte Steinmetzarbeit. Ich wusste nicht, was ich mit ihr reden sollte. Im Radio liefen Bronski Beat. It ain’t necessarily so. Muss doch alles nicht sein.

„GEHT DOCH UM NIX!“ brüllte Göring.

Irgendwann in der Nacht lagen wir zu viert im geräumigen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen waren zuviel für mich. Ich war sturzbetrunken und hatte nur Lenas Körper im Sinn. Cobra und Göring verschwanden ins Wohnzimmer. Während sie auf dem Tisch vögelten, hantierte ich an dieser Braut herum, deren Namen ich nicht kannte. Im Radio schepperte irgendein amerikanischer Heckmeck. Cobra kam ins Schlafzimmer zurück.

„Na, gut abgespritzt?!“

Ich sagte gar nichts und pennte ein.

 

Als der Morgen dämmerte, wurde ich schlagartig wach. Mein Herz pochte wie verrückt. Ich stand auf und suchte das Telefon. Cobra folgte mir mit den Augen.

„Vergiss es, das Telefon ist gesperrt.“

Ich zog mich an und machte mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle. Lena, klopfte es in meinem Bauch, sei zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß. Die Sonne ging auf, Hundepisse im Schnee. Ich klapperte vor Kälte. Endlich eine Telefonzelle. Ich wählte die Nummer. Es dauerte. Niemand ging dran. Ich wählte nochmal. Lena hob verschlafen ab.

„Ja..?“

„Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!“

Sie stöhnte.

„Es ging nicht.“

„WIESO GING ES DENN NICHT?“

„Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!“

Meine Stimme schnappte über.

„IST DER TYP DA?“

„Ja“, räusperte sie sich. „Er ist hier.“

„Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!“

Lena seufzte.

„Ich weiß.. Aber ich kann nicht.“

„WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!“

„Weil du mich so gequält hast..“

Ich rastete aus. Beschimpfte sie. Sie legte auf. Ich stapfte durch den Schnee zur Wohnung zurück. Cobra öffnete die Tür.

„Ich muss mit dir reden“, sagte ich.

Wir holten Bier am Kiosk und fuhren mit dem Bus zu mir. Es war okay. Wir verstanden uns. Gleiche Wellenlänge. Sie studierte Germanistik. Ich spielte ihr Jonathan Richman vor. Sie musste lachen.

„Was ist das denn für einer?“

„Der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen.“

Er gefiel ihr. Ich interessierte sie. Schade, dass ihre Titten so groß waren. Am nächsten Mittag ging Cobra heim und ich ins Mumms. Karlos war auch da und legte den Leuten die Karten. Hatte er selbst erfunden. Mir prophezeite er, dass ich immer Checkerei haben würde mit der Herz Dame. Abends war Cobra wieder da. Die Karo Dame.

„Flüchtige Liebschaft“, flüsterte sie.

„Du hast mich verwirrt“, sagte sie.

Der Russe war da. In seinem langen Armeemantel, dem grauen Vollbart und den wuchtigen, wie zu einer Brücke zusammengewachsenen Augenbrauen erinnerte er an Solschenyzin, den Schriftsteller. Er spielte in der Bundesliga Schach für 1868 Solingen und redete kaum ein Wort. Dafür hatte er ständig eine Zigarre und ein grosses Glas Altbier in Arbeit und lächelte sein Russenlächeln, unermüdlich, geheimnisvoll. Sperrte er den Mund doch einmal auf, dann nur für einen einzigen Satz:

„Immer gut rauchen“, prostete er uns zu, „und Mathematik!“

Da Solingen Schachstadt ist, 1868 war eine Weile deutscher Abonnementmeister im Vereinsschach, ist man hier schräge Figuren gewohnt, die nichts anderes im Kopf haben als spanische Spieleröffnungen und Springertausch, doch der Russe war ein absolutes Unikum, jeder mochte ihn. Selbst die faulenden Zähne und triefenden Nikotinfinger fielen nicht ins Gewicht. Eines Tages tauchte er nicht mehr auf, er blieb verschwunden. Niemand wusste etwas. Die Wetten im Mumms liefen auf Lungenkrebs oder Schachturnier im Irak. Auf einer Tafel wurden die Wetteinsätze notiert. Es stand Fifty-fifty.

„Immer gut rauchen und Mathematik!“

Karlos orderte Tequila und entwickelte das Kartenlegen weiter. „Kreuz As und Pik As gibt AIDS.“ Cobra erzählte, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe. Danach sei sie zusammengeklappt. Pik Sieben war die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.

„Liebe ist nicht alles“, tröstete mich Cobra.

Ich war geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lena. Cobra schleppte Tequila an. Tequila baute auf.

„Liebe ist nur Spinnerei im Kopf“, sagte sie.

Zitronenscheiben rutschten unter den Tisch. Kreuz Zehn bedeutete Entziehungskur. Folgte darauf die Herz Zehn, wurde man rückfällig.

„Heut bin ich verknallt“, summte Cobra in mein Ohr, „morgen ist alles vorbei. Lass uns noch was trinken.“

Der nächste Tequila. Endzeithunger. Mad dog days. Zwei dunkelhäutige Frauen setzten sich zu uns an den Tisch. Eine war Brasilianerin. Sie kam aus Recife. Sie erzählte von Insekten, die beim Abendessen aus den Bäumen in die Teller fielen, in ihrer Heimat.

„Du hast schöne Augen“, sagte sie.

Karlos legte ihr die Zukunft. Verlegen stand ich daneben und überlegte, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelte sich ihre Freundin dazwischen und funkelte mich böse an.

„Mein Zug ist abgefahren“, kritzelte Cobra in mein Notizbuch, das offen und für alle einsehbar auf dem Tisch lag. Ich holte das nächste Tablett Bier und wandte mich Karlos zu.

„Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist..“

Sturzbesoffen redete er auf mich ein.

„Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen.“

Ich hing an seinen Lippen.

 

Samstagmorgen wurde ich früh wach. Detonierter Bauch. Vollrauschnerven. Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrte sich in meinem Gehörgang fest. Ich holte mir einen runter. Zündete mir eine Kippe an. Die erste von den nächsten tausend. Draußen regnete es.

Tauwetter.

 

 6

Samstagmittag ging ich zu meinen Eltern rüber, zum Essen. Beim Nachtisch erzählte Mutter aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählte, war es mir, als lüftete sich ein Schleier und dahinter tauchte der Kern von mir auf. Vage erinnerte ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern geklettert war, auf die Seite meiner Mutter, und dort bis zum Morgengrauen blieb.

„Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben, wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich.“

Dann, 1967, wurde mein Bruder geboren, im Jahr der Ziege. Es war ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab. Mein Vater rief aus dem Krankenhaus an. Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.

„Was?! Ein Junge..?“ rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung, ich rannte von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.

„Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!“

Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt. Mein kleiner Bruder beanspruchte fortan den Thron an ihrem Busen.

„Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng im Bett. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen.“

Bedauern klang durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln zum Nachtisch, Bedauern, dass sie mich damals nicht darauf vorbereitet hatte.

„Es war ein Schock für dich. Du hast nächtelang gekrampft, ich weiß nicht, wie oft du schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund.“

„Schaum vorm Mund?“

„Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus.. Beinah wie bei einer.. Zyankalivergiftung..“

Wie sie so erzählte, spürte ich das Kitzeln einer tiefen, fast verlorenen Erinnerung. Nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, die mich verliess.

„Und warum du so viel Bier trinkst“, meinte Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm am Abend von Mutters Beichte berichtete, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als:

Blume.