Und wann ist dein Buch fertig?

Ich stand da.

„Und wann ist dein Buch fertig?“ erkundigte sich Vater.

Kurz zuvor hatte er gefragt, wie ich denn meinen weiteren späten Nachmittag zu gestalten dachte, worauf ich „na ja, am Schreibtisch“ gesagt hatte, „wie immer“, doch jetzt hing ich in der Luft. Mein Buch… fertig? Zögernd machte ich mich an die Antwort.

„Mein Buch.. nächstes Frühjahr..“, sagte ich schleppend und wie aus der Luft gegriffen. Es gab nämlich keinen Zeitpunkt, keinen Masterplan. Ich hätte genauso gut auch „nächste Woche“ sagen können oder „übernächstes Jahrhundert“, das wäre nicht weniger richtig oder falsch oder wahrscheinlicher gewesen wie „nächstes Frühjahr“. Zwar gab es immer wieder Anstöße für ein Buch, ob nun von außen oder von innen, vom Kreis der Eingeweihten oder von Zufallslesern, die meinen Blog im Internet entdeckt hatten und Interesse zeigten, doch alle Welt forderte einen Roman, ja, selbst ich forderte neuerdings diesen Roman von mir und keine schnöde Sammlung von Short Stories, die ohnehin gratis im Internet kursierten, doch da war kein Roman. Nicht in mir.

Nichts in Sicht.

„Was wird das denn für ein Buch?“ ließ Vater nicht locker. „Eine… Familiengeschichte?“

Wir standen im Flur der Wohnung, in der ich aufgewachsen war, es war Mittagszeit, Mutter seit einem halben Jahr tot und ich bereit zum Aufbruch. Ich war nur kurz auf einen Sprung reingekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Der Hund an meiner Seite junkerte nervös, weil er wieder losmachen wollte, und in mir regte sich Dankbarkeit.

„Ja.. natürlich, eine Familiengeschichte“, sagte ich erleichtert.

*

Es dauerte dann noch fast satte 10 Jahre.

 

Im April 1983, kurz bevor Karlos und ich nach Portugal reisten, erschien im Lokalblatt eine winzige Vorankündigung unter Vermischtes:

Andreas Glumm liest Gedichte in Kennies Antiquitätenladen, Wupperstraße.

Das war aber nur die halbe Wahrheit. Die Gedichte stammten zwar von mir, gelesen wurden sie aber von Karlos. Als Bühnenschauspieler hatte er die trockeneren Finger beim Vorlesen, während eines meiner frühen, eher programmatischen Gedichte den Titel DIE FISCHANGST MEINER HÄNDE trug. Ich finde das Gedicht nicht mehr. Es ist verloren. Ich habe auf dem Speicher gesucht, in dem staubigen alten Koffer, in dem eine Menge loser Blätter lagern, doch das Gedicht ist weg. Es endet damit, dass ich in der Früh wach werde und einen Fisch reite mit einem großen Busen. Daran erinnere ich mich.

Das Ende war gut.

Karlos war der Erste gewesen, der an mich glaubte, zu einem Zeitpunkt, als es keinen Grund dafür gab. Ich hatte nicht mehr als 20, 30 kurze Gedichte geschrieben, und wenn ich sie heute durchsehe, ist da nicht viel Talent.

Aber das juckte Karlos nicht.

„Du machst das schon.“

Eine Handvoll Freunde und Angehörige erschien an diesem Nachmittag in Kennies Antiquitätenladen auf der Wupperstraße. Die Wupperstraße war berühmt für ihren Doppelcharakter. Es gab zwei Frisöre, zwei Supermärkte, zwei Büdchen, zwei Bäcker, zwei Dealer, zwei Blumenläden, zwei Imbissbuden, die legendäre Lotto-Annahmestelle, zwei Kneipen, zwei Generalvertretungen von Versicherungen und eine Weile sogar zwei Kindermodegeschäfte, die sich aber nicht halten konnten und kurz hintereinander dicht machten. Eine turbulente laute Strasse, von zwei Schulen gesäumt und einer Menge verkrachter Existenzen. Wer mittags der Wupperstrasse entlang ging, um Besorgungen zu machen,  dem begegneten auf Schritt und Tritt Grüppchen junger Männer, die einem frisch gepflückte Autoradios andrehen wollten, sonst ließen sie dich nicht durch. Und die Lotto-Annahmestelle war nach Schulschluss oft dermaßen überfüllt, dass die Inhaberin, eine geschäftstüchtige Frau, regelmäßig die Notbremse zog.

„NUR REINKOMMEN, WER GELD HAT!“ zeterte sie, „DIE ANDEREN WARTEN DRAUSSEN!“

In den 90er Jahren bot die Wupperstraße ein anderes Gesicht: Es gab nur noch einen Frisör, einen Billigbäcker, 1 Supermarkt und 1 Kneipe, aber dafür vier Imbissbuden. Das Gleichgewicht war innerhalb eines Jahrzehnts brutal aus dem Ruder gelaufen, und die Straße hat sich bis heute nicht davon erholt.

Kennies Antiquitätengeschäft, Samstagnachmittag ’83, erste Lesung. Proppenvoll war es nicht gerade. Der dicke Hansen war gekommen, sein Bruder, mein Bruder, meine Schwester, mein Schwager. Fleschkönigs ließ sich blicken, Lena war da, Pepe, Pepes Bruder, der kleine Bruder von Karlos, und Schnaat, der hatte keinen Bruder. Nur Schwestern. Die waren aber nicht da. Die waren woanders. Die waren ständig woanders. Sie waren mehr ein Gerücht. Dafür war Kennie da, logisch. Kennie, der Gastgeber, Einzelkind, Altjunkie, 2007 gestorben im Alter von zarten fünfzig Jahren. Ein paar Tage vor seinem Tod hab ich ihn noch in der Stadt getroffen. Er sah gut aus, gut wie lange nicht mehr. Er hatte beide Hände voll. Links einen Strauß Rosen in Blumenpackpapier, rechts einen Fisch in Fischeinwickelpapier.

„Kennie! Wohin?“

„Nach Hause“, gab er gutgelaunt zurück.

„Oh. Machst es dir gemütlich, wie?“

„Sicher“, leuchtete er. „Den Fisch in die Blumenvase, die Vase auf die Heizung, halbe Stunde aufdrehen, fertig ist der Budenzauber.“

Budenzauber war das letzte Wort, das ich aus seinem Mund gehört habe. Paar Tage später brach sein Kreislauf zusammen, abends vorm Fernseher, er saß neben seiner Mutter, bei der er zu Besuch war.

1983 stellten wir genau in die Mitte seines Antiquitätenladens eine hellblaue Werkstatt-Leiter. Karlos hockte auf der obersten Sprosse und las mit ritterlicher Stimme meine verschwurbelten kleinen Gedichte, in denen .. die Utopie ihrer inneren Blutung erliegt. Oder ich steh hinten in der Pommesbude, als meine Ex auftaucht, im Schlepptau ihren schnieke Fritz. Da blutet mein Herz, und im Bauch die Currywurst.

Das Ende war gut.

Nach dem letzten Gedicht kam meine große Schwester zu uns rüber und machte eine Riesenpulle Sekt auf. In gewisser Weise saufe ich heut noch davon.