Graf Uruguay

Im Herbst 2015 gab es dieses seltene Phänomen am Himmel namens der rote Mond, eine blutige Mondfinsternis, ein Supermond. Tagelang hatte die Gräfin kein anderes Thema, sie war fasziniert von dem kommenden Spektakel. Dummerweise war der Zeitpunkt, wo der rote Mond sich zeigte, ein ungünstiger:

Montagfrüh, halb sechs.

„Ich hab’s vermasselt. Ich hab verpennt..! Das werde ich mir nie verzeihen.. Weißt du was? Ich warte jetzt 18 Jahre, bis der nächste rote Mond am Himmel erscheint. Ich geh hier nicht weg, ich bleib hier sitzen bis der Himmel 2033 wieder genauso aussieht wie Montagfrüh, fünf Uhr dreißig.. Das passiert mir nicht noch einmal, das sage ich dir!“

Tja, was soll ich sagen, Freunde. Wenn es auf der Erde irgendeine Verrückte gibt, die 18 Jahre auf dem Stuhl in der Küche verbringt und darauf wartet, bis ein Naturschauspiel namens der rote Mond zur nächsten Aufführung kommt, dann ist es die Gräfin. Die Frau, die hier auf dem Stuhl.. he, Moment!

hiergeblieben!

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Einige Wochen, bevor ich im Januar 2005 wieder anfing zu schreiben, tauchten in unserem Viertel geheimnisvolle Konzertankündigungen auf: der legendäre Graf Uruguay sollte live im Park auftreten.

Es waren Konzerte, die nie stattfinden sollten, es gab keinen Graf Uruguay, es gab keine Konzerte im nahen Coppel Park. Es gab auch keinen Welt-Hit namens „Rumkloppen auf dem Alphatier!“ Die Plakate waren von mir. Ich hatte sie aufgehängt. Ich wollte einfach nur gucken, wer zu einem Graf Uruguay-Konzert kommt. Zur Erinnerung: ich war damals 44 Jahre alt. Machen Leute mit 44 so blödes Zeugs?

Ja.

Am Sonntag Anfang November war ich im Park und wartete aufs Publikum. Kein Schwein ließ sich blicken. Es nieselte. Ich war verschnupft. Die Gräfin saß neben mir, vor mir der Hund, der noch ganz klein war.

„Sollen wir nicht langsam mal reingehen? Mir ist kalt.“

Eine Woche später versuchte ich es mit einer Variante:

Dummerweise hatte ich vergessen, das Datum zu ändern. Das Konzert war also schon eine Woche her. Diesmal kam nicht mal ich in den Park, auch nicht die Gräfin oder der kleine Hund. Meine Laufbahn als Graf gilt fortan als abgeschlossen. Aber dafür war die Gräfin geboren.

Ich bin ein Genie.