Wer kennt das Buch?

 

Das rasende Huhn, Sanne Eggert

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Ich hab mal ein Buch mit nach Hause gebracht, es stand unter Neuerscheinungen. Ich weiß nicht mehr, wie es hieß, ich habe den Namen des Autors vergessen, ich weiß nicht mal mehr, worum es in dem Buch genau ging, ich weiß nur noch, es hatte ein hellblaues Cover und spielte in Lateinamerika. In Uruguay, Montevideo, genauer gesagt. Ein Roman aus der Großstadt, eine verhängnisvolle Liebe zwischen Mann und Frau.

Einmal angefangen, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen, und als ich den letzten Absatz erreicht hatte, die letzte Zeile, das letzte Wort gelesen, da nahm ich das Buch und pfefferte es mit aller Kraft und Vehemenz gegen die Zimmerwand, Tränen in den Augen. Weil am Ende alles so gekommen war, wie man es befürchten musste als Leser: mit dem Tod eines der beiden Protagonisten. Ein tolles Buch, eine traurige Geschichte, und ich habe alles vergessen. Es kam in den frühen Achtzigern auf Deutsch heraus. Es hatte ein hellblaues Cover.

In etwa wie der Himmel um den zehnten Mai herum.

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Nach dem Spaziergang verkroch sich der Hund unterm Schreibtisch und wärmte mir die Füße. Später fand ich diese dicke Zecke auf dem Teppichboden. Erst dachte ich, es wäre ein Steinchen, das dem Hund aus dem Pelz gefallen war, doch es fühlte sich nicht an wie ein Steinchen, eher wie eine dicke graue Bohne, noch warm und ein bisschen taumelig, fast wie besoffen. Es war, als hätte ich einen Anruf aus der Kneipe gekriegt, „He! Ihre kleine Frau liegt betrunken unterm Tresen und streckt alle viere von sich“, und nun war ich gekommen, um sie einzusammeln. Na ja, so ähnlich. Gut. Ich nahm ein Taschentuch, wickelte die graue Milbe darin ein, und schmiss sie in den Mülleimer.

Abends erzählte ich der Gräfin davon, und von diesem Moment an hatte sie keine ruhige Sekunde mehr. Nicht etwa, weil dem Hund eine Zecke aus dem Fell gefallen war und die Anti-Zecken-Lotion damit grob versagt hatte, sondern weil ich die Zecke einfach in den Müll gegeben hatte, so mir nichts, dir nichts.

„Und wenn die da wieder rauskrabbelt?“ sagte sie.

„Wie soll die denn da rauskrabbeln..?! Die kann doch gar nicht mehr krabbeln, so pappsatt und kugelrund wie die ist..“

„Weißt du, wozu Zecken alles fähig sind?? Das sind Überlebenskünstler. Das sind Strategen. Die hängen zwanzig Jahre wie tot am Strauch, dann kommt ein Hund mit wuscheligem Fell daher und schwupp – schmeißen sie sich ran und zecken sich fest.“

„Ja, wenn sie hungrig sind, klar, wenn sie zwanzig Jahre lang kein Blut gefressen haben. Aber die Zecke unterm Schreibtisch war so pappensatt, bei der müsste man erstmal Blut absaugen, bevor sie aktiv werden kann.“

„Dafür findet sich auch noch ein Kollege, der das macht. Der ihr das Blut absaugt. Eine andere Zecke, mein ich. Sogar im Mülleimer, jede Wette. Das sind Kannibalen.“

In diesem Moment wurde auch ich unsicher. Wer weiß schon genau, was man alles im Hausmüll hat. Ich ging also zum Mülleiner und fischte das zusammengeknüllte Taschentuch heraus, ging mit einem Feuerzeug vor die Tür und fackelte es auf dem Pflaster ab. Es knisterte wie eine kleine graue Texaspfanne.

Danach war Ruhe im Bau.

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Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine. Nicht mal ein Hintern. An der Hasseldelle gab es eine hohe Wiese, die niemals gemäht wurde, die Schlangenwiese. Hohes Gras. Kein Baum. Abschüssig. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese tabu war für Spiele. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder waren da.

An Ostern.

..neun, zehn! Ich komme!

Keinen halben Meter von mir entfernt, plötzlich ein Zischeln. Es raschelte.

„Eine Schlange!“ schrie Patrizia, die ein Sommerkleidchen trug und immer die Knie blutig hatte. Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durchs Schlangengras. Kroch etwas. Durchs hohe glitschige Gras. In kurzen Lederhosen rempelte ich jemanden an, am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen. Ein Züngeln! Störrische Halme knickten beim Laufen, Gräser rissen, Schürfwunden –

Natterngetrappel.

Ich war der erste, der die Straße erreichte.

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Du bist echt ein super Zwiebelschneider

„Pellkartoffeln, Butter, Salz – das ultimative Trio.“

Die Gräfin

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„Du bist echt ein super Zwiebelschneider. Wenn ich dagegen Zwiebeln schneide, muss ich mich danach immer ärgern, weil die beim Anbraten in der Pfanne nicht so schön gleichmäßig braun und knusprig werden wie bei dir. Genial.“

Ich bin ein sehr genauer, ein zielorientierter Zwiebelschneider. Zwiebelschneiden gehe ich als militärische Operation an. Jede Zwiebel will in ihre Einzelteile zerlegt werden, ich behandle die Zwiebel wie einen außerirdischen Corpus. Zwiebelschneiden ist konkrete Zerstörung. Nach der ersten Häutung (schälen) liegt er vor dir, der Fruchtkörper, und du gehst es an. Mit mathematischer Präzision. Rapp rapp rapp, rupp rupp rupp. Es ist, als würdest du alle vier Reifen vom Auto nehmen und in mühseliger Kleinarbeit zerkloppen, aus lauter Freude am feinen Kaputtmachen. Am Ende bleiben lauter Würfelchen übrig, ich lösche den Körper als solchen aus. Ich entgräte den Fisch bis zur Fischlosigkeit. Takk takk takk klopft es auf dem Schneidebrettchen.

Das von mir favorisierte Zwiebelmesser ist das Geschenk eines Solinger Messer-Produzenten, der 1981 auf der Inneren der Städtischen Klinik lag und bei seiner Entlassung allen Mitarbeitern der Station hochwertige Küchenmesser schenkte, als Dank für die gute Umsorgung. Wir Zivildienstleistenden lagen ihm besonders am Herzen, wir bekamen die edelsten Teile. Das jetzt 35 Jahre alte Allround-Küchenmesser tut immer noch seinen Dienst, ist scharf wie am ersten Tag.

Auch wenn die Feuerstelle in der Küche insgesamt das Ressort der Gräfin ist, so werde ich doch zu Hilfsarbeiten herangezogen. „Hilfsarbeiter!“ schallt es zur Mittagszeit durch die Wohnung, und ich eile zu Hilfe. Ich schneide Paprikaschoten, ich hacke Schnittlauch, ich zerkleinere alle Arten von Gemüse und Kräutern. Gelegentlich schäle ich auch Kartoffeln, doch die werden mir immer wieder aus der Hand gerissen, weil ich ihrer Ansicht nach die Schale zu dick abtrage, „da bleibt ja kaum noch Fleisch übrig! Du Großkotz!“

Zwiebeln schneiden. Das ist meine Domäne. Da macht mir niemand etwas vor, da bin ich derjenige, den jede Generation nur einmal hervorbringt. Die Zwiebeln sind am Ende alle gleich klein, wenn ich durch bin, ich habe es einfach in den Fingern, es ist, als würde ich mit dem Lineal drauflos hacken und das Schneidebrett ist aus Millimeterpapier. Zwiebeln schneiden ist meine ganz persönliche Ballade zur Esskultur. Es ist ganz wunderbar. Ich singe ein Duett mit dem Küchenmesser, wenn ich Zwiebeln schneide, es erinnert an Michael Jackson und Paul McCartney, I’m a lover not a fighter. Mit großer Leidenschaft gehe ich jede gestellte Zwiebelaufgabe an, und sei sie auch noch so tränentreibend.

Was ich auf den Tod nicht abkann, sind Gemüsezwiebeln. Groß wie Russland, faul wie Russland, widerspenstig wie die Ukraine, und dicke Ringe schneiden mag ich auch nicht. Ich mag keine Zwiebelringe. Hau mir ab mit Gemüsezwiebeln, Wladi.

Ringe! Dass ich nicht… weine!

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Ein ständiges Ärgernis im Haushalt ist (aus ihrer Sicht) mein anarchischer Umgang mit der Butter. Während sie möglichst akkurat und nur mit trockenem Messer ihre Portion abnimmt, fahre ich wie ein Punk in den Halb-Pfünder und hinterlasse lauter schmierige Stellen: die buttrigen Reifenspuren der Milchwirtschaft.

„Du Asi.“

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Und so stehen wir Spalier, das Herz mangelernährt in einer überfressenen Gesellschaft.

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„Ihr Männer wisst doch gar nicht, was in uns Frauen vorgeht“, sagt sie. „Während wir von euch alles wissen.“

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„Wenn die Handys eines Tages auf Zippo-Größe geschrumpft sind und nur noch mit winzigen Pinzettenfingerchen bedient werden können..“

„Dann..?“

„Keine Ahnung. Dann ist das eben so.“

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„Nein, ich muss nicht weinen“, sagt sie an einem dieser Tage, und fügt mit drohendem Unterton hinzu, „.. aber ich könnte.“

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Am Himbeerweg steht ein mintgrün gestrichenes Mehrfamilienhaus. Es ist genau dieses Stück Popcorn-Solingen, dass mich im Jahr 2000, zum Ende der Rotterdamkarriere, zum Fotografieren brachte, und das Fotografieren brachte mich Jahre später, nach Zehntausenden von Bildern, zum Schreiben zurück. Was ich sagen will: es war ein mintgrünes Haus am Himbeerweg, das am Anfang des Weges stand, und es steht heute noch haargenau so da.

 

 

Man könnte meinen, es spiele keine Rolle, ob die Dinge, die man beschreibt, sich tatsächlich so zugetragen haben, oder ob man es sich nur ausgedacht hat, oder vielleicht etwas hinzugedichtet, aber dem ist nicht so. Das stimmt nicht. Das ist falsch. Ausdenken ist verboten, Ausdenken ist Frevel. Der Herrgott in seiner unvergleichlichen Pracht hat es nämlich so eingerichtet, dass mit jeder noch so kleinen, aber wahren Begebenheit, die man erzählt und niederschreibt, die Welt ein wenig schwerer wird, bis es eines Tages erreicht ist, das definitive Gewicht der Welt, und alles Leben anhält.

In diesem feierlichen Moment wird die Erde eingefroren und zum Museum fürs restliche Universum. Sonntags werden Aliens von fernen Galaxien einschweben und Ausflüge machen ins Museum Erde, das sein Gewicht erreicht hat, weil alles wahr war, was ich niederschrieb.

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Sag Mutter, ich hab Scheiße gebaut.