Oh Happy Day

Köln Hauptbahnhof. Als ich aus dem Nahverkehrszug stieg, spürte ich die Blicke der Leute. Man starrte mich genauso seltsam an wie zuvor im Großraumabteil des Regionalzugs. Sah ich schon so unverschämt gut aus, dass man mich anstarren MUSSTE? Ich hatte keine Ahnung, was da los war. Vielleicht sah man mir auch die Sauferei an, die ganze heillose Sauferei der letzten Wochen. Trinken war schon immer der große Publikumsöffner gewesen, der Salto mortale in die kommende Nacht, aber so toll hatte ich es noch nie getrieben. Ohne Saufen ging gar nichts mehr. Ich war jeden Abend sternhagelvoll, ich trank bis ich wackelte. Ich war vielleicht nicht süchtig in dem Sinne, dass ich morgens direkt einen Drink brauchte, um überhaupt auf die Beine zu kommen, doch sobald ich im Laufe eines verkaterten Tages unter Menschen trat, genehmigte ich mir auf der Stelle ein Bier und einen warmen 103er.

Weil noch Zeit war bis zum Termin im Foto-Studio, trieb ich mich auf der Domplatte herum und geriet in einen großen Gospel-Chor. Die Stimmung erinnerte an Jesus People, an altgediente Les Humphries Singers, wie sie da in ihren weiten weißen Gewändern zusammenstanden, das lange Haar Strähne für Strähne in Positur gezupft. Man traf sich zum Oh Happy Day Singen und in Trance tanzen, ich sah Tränen übers Gesicht laufen.

When Jesus washed my sins away, yeah, oh, Happy Day.

Das wollte ich auch. Ich schloss die Augen, versuchte mich einzufinden in den Chorgesang, in die Maschinerie der fremden Leiber, in den Wind, der unter die Gewänder schoss und sie aufblähte wie LKW-Plane, in die schwungvollen kräftigen Gospelsongs. Die Freude.

Oh Happy Day.

Doch kaum war das Lied verklungen, strömte alles auseinander, als wäre nichts gewesen. Ich war überrascht, wie routiniert die Jünger voneinander gingen, und ich war ein bisschen enttäuscht. Da wollte ich mir gerade etwas Lebensfreude abgucken, ein bisschen Rausch, der nichts mit Drogen zu schaffen hatte, da war die Geschichte schon wieder gegessen. Aber ich musste eh aufs Klo. Mit voller Blase liess sich schlecht cool bleiben, wenn ich gleich fotografiert werden sollte. Das erstbeste halböffentliche WC fand ich auf der Schildergasse in Wendy’s Schnellrestaurant. Ich blickte in den Spiegel. Endkontrolle Qualitätssicherung. Und da sah ich es: ein Rußfilm, quer übers ganze Gesicht. Darum hatten die Leute so blöd geglotzt. Es musste am Morgen passiert sein, beim Briketts aus dem Keller holen. Vermutlich hatte ich mir den Schweiß von der Stirn gewischt, nachdem ich den Kohleofen in der Küche befüllt hatte. Ich sah lustig aus. Ich wunderte mich, warum die Leute nicht gelacht hatten bei meinem Anblick. Der schwarze Kohlestrich reichte von einem Ohr über die Backe bis zur Stirn. Ich sah aus wie der Mann von der Brikett-Mafia.

Wo ich schon mal in Wendy’s Schnellrestaurant war, bestellte ich mir eine große warme, in Alufolie servierte Kartoffel zum Auslöffeln, gefüllt mit Broccoli und Käsesauce. Welch eine Schweinefraß. Immer rein damit. Ich schaffte nicht mal die Hälfte. Vielleicht hätte ich das Chili nehmen sollen, dachte ich. Zu spät.

Noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Foto-Termin. In der Fußgängerzone kreuzte ein korpulenter Mann meinen Weg, der verstohlen in sein Croissant biss, ein Naschwerk, das groß und warm aus einer Papiertüte ragte und in seinen hochgestellten Mantelkragen krümelte. Fast hätten wir uns gegenseitig in Grund und Boden gerannt. Ich fühlte mich zunehmend verkatert und fragte mich, was zum Teufel ich hier überhaupt zu suchen hatte. Ein Vorstellungsgespräch als Dressman, als Model… ich – in einem Fotostudio! Was hatte ich mir dabei gedacht. Warum ließ ich mich auf so einen Schwachsinn ein.

MODEL GESUCHT. JETZT MIT UNS ALS DRESSMAN DURCHSTARTEN.

Du wolltest schon immer mal in Katalogen, Magazinen & Werbespots als Model zu sehen sein? (Nee, wollte ich nicht, aber ich musste Geld verdienen.) Unser Pool sucht stets neue Werbegesichter.

Zurück zu Wendy’s. Zweiter Versuch, um die Nerven zu beruhigen. Ein Doppel-Chili mit Käse und Zwiebeln, eine große Cola, dazu einen Beutel Crackers zum Tunken. Zum Hierfressen. Oh Mann. Nicht mal ein Bier.

Auf der Schildergasse erkundigte ich mich nach dem Weg zum Fotoatelier, doch wie immer in Köln stammte jeder, den ich nach dem Weg fragte, nicht von hier. Im Gegenteil – die meisten Gesichter kamen mir sogar bekannt vor, wenn auch aus Zusammenhängen, die sich mir gerade nicht erschlossen. Wahrscheinlich bestand ganz Deutschland aus einem einzigen großen Fußgängerzonen-Pöbel, der überall gleich aussah. Ein Kölner Großmütterchen half mir weiter.

„Zum Opernhaus? Immer geradeaus.“

„Wie lange brauch ich zu Fuß?“

„Na, Sie sind noch jung. Ich alte Oma mit meinen morschen Knochen…“ Sie schaute mich traurig an. „Wissen Sie, was, junger Mann? Als Frau hat man Kinder, und man hat doch keine.. Ich würd sagen, zehn Minuten.“

Eine Gaststätte namens „Fertig“ machte mich neugierig. Eine bürgerliche Kneipe, in der ich um diese Uhrzeit der einzige Bürger weit und breit war. Selbst der Wirt blieb diskret im Hintergrund. Man hörte ihn in der Küche klappern und wuseln mit Pfannen und Töpfen, als ein junger Mann zur Tür reinschneite.

„Juten Morjen!“ stellte er ein buntes Spielzeugflugzeug auf dem Tresen ab. Mit durchsichtigen Cockpitscheiben, aus Plastik. „Kost‘ nur fuffzehn Mark, Meister!“

Der Wirt erschien im Durchgang zur Küche und schüttelte nur traurig den Kopf.

„Is jot, Jung..“

„Flugzeug hier, kost‘ sonst fünfundvierzig Mark, für Sie nur fuffzehn.. Können Se verschenken, Meister, oder hier in’t Schaufenster stellen.. Sieht jut aus, wollen alle gucken kommen, und Bier saufen.“

„Is jot, Jung. Komm, mach et jot. Und nimm dat Ding da mit.“

„Hm.. denn, danke auch, und schönen Tag noch.“

Das Telefon klingelte.

„Gaststätte Fertig.. Jo, Herr Schumann. Ach, su früh? Ich han für zwölf Uhr zwei Bestellungen für Muschele, Herr Schumann. Nee, kann ich nich.. Muschele. Tschö, Herr Schumann. Schad, ja.“

Ich genehmigte mir das erste große Kölschbier des Tages, (schon weil ich kleine Kölsch zeitlebens lächerlich fand), und schaute mir im ausliegenden Südstadt-Magazin die Schadstoff-Sammeltermine in der Kölner Südstadt von Januar bis Juni 1987 an. Die Kneipe füllte sich langsam, während ich mich mit dem Köbes unterhielt. Ein Mann vom alten Schlag, der seine Gäste mit sicherem Blick taxierte. Mich hatte er nur kurz mit der Nase im Notizbuch gesehen, schon wusste er Bescheid.

„Schreiben ist ein Hungerberuf“, sagte er auf hochdeutsch, bevor er auf Kölsch fortfuhr: „Sach ens, hättest du nix angeres liehre künne?“ Und dann, mit zwinkerndem Auge, „Su oder su, ihr Künstler sid doch all Verdötschte.“

Verrückte.

Wir redeten noch in bisschen, dass heißt, er redete noch ein bisschen und ich hörte zu, doch die ersten Bier weckten schließlich auch meine Zunge. „Ich arbeite nebenher als Model“, log ich, einfach, um den Klang dieser Worte zu testen, um zu hören, wie es angenommen wurde. Doch alles, was ich plötzlich wahrnahm, war Speckaroma und Schmorgurke, ein Duft, der aus der Küche kam. Es war Zeit zu verschwinden. Kurz vor drei erreichte ich die Foto-Agentur Adler nahe dem Opernhaus. Ich stand am Eingang, froh, dass eine Kölsch-Fahne nicht durch eine Gegensprechanlage passte. Ich klingelte und sagte brav meinen Namen auf und dass ich einen Termin hätte um 15 Uhr. Eine männliche Stimme schien es kaum erwarten zu können, bis ich mit meinem Text durch war, man bellte ungeduldig:

„Dritter Stock.“

Ich nahm das Treppenhaus, und oben angekommen, öffnete sich die Tür. Man blickte mich an. Ich sagte „Glumm“, die Stimme ächzte nur „ach.“ Der Typ, zu dem die Stimme gehörte, war Mitte Dreißig, hatte graumelierte dünne Löckchen, ähnlich wie das Zeug, das in meiner Bürste steckenbleibt, wenn ich mich kämmte, aber in grau, wie gesagt. An dem Typ war irgendwie alles grau. Bart, Brille, Zähne. Auf den zweiten Blick vermittelte er eine Mischung aus Zerstreut- und Verschlagenheit. Und da war dieser bemerkenswert kleine Mund, der wie ein Schiffchen durch sein Gesicht fuhr. Welchen Eindruck machte ich eigentlich? Er reichte mir einige Blätter Papier.

„Hier. Kannst du schon mal ausfüllen, ich rufe dich dann rein.“

Er verschwand in das angrenzende Büro, und da es keine Türe gab, konnte ich beobachten, wie er an seinem Schreibtisch Platz nahm. Vor ihm, mit dem Rücken zu mir, saß  ein dicklicher älterer Herr in Wintersportkleidung. Ein Fotograf? Vielleicht. Ich legte den Wisch weg, lief durch den großen Raum. Fast schon ein Loft. Scheinwerfer standen herum, Stative, ich sah einen aufgespannten Schirm. Ich nahm wieder Platz und füllte die Bewerbung aus.

BEWIRB DICH AUF EINEN SPANNENDEN JOB. VOM FOTOSHOOTING BIS HIN ZUR WERBEKAMPAGNE. SEI UNSER NEUES ZUGPFERD.

Anzugeben waren zunächst Konfektionsgröße. Kragenweite. Taille. Ich war schon froh, wenn ich meine Schuhgröße kannte, wenn ich Schuhe kaufen ging mit meiner Mutter, doch ausgerechnet die wollten sie nicht wissen. Da mir bei diesen schwierigen Fragen also die Schuhe gebunden waren, widmete ich mich dem zweiten Teil. Der Prosapassage. Sind Sie zielbewusst? Zielsicher?

Selbstbewusst?

Finden Sie sich erotisch anziehend?

Halten Sie Werbung für notwendig oder für Volksverdummung? Wollen Sie mit dieser Arbeit das „große“ Geld verdienen?

Ohne Ausnahme kreuzte ich Ja an. Ja sicher! war ja nicht zu finden. Ob ich modebewusst bin? Auch zu erotischen Videospots bereit? Ja, verdammt. JA. JA! Zweimal ging die Türschelle, der Graue kam aus seinem Büro, bellte „Dritter Stock!“ in die Sprechanlage, wartete eine halbe Minute, währenddessen er mich beobachtete und ich ihn zurückbeobachtete, woraufhin er rasch wegblickte und so tat, als habe ein Mann wie er besseres zu tun, als ausgerechnet mir beim Gucken zuzugucken.

Zwei schicke junge Dinger platzten zur Tür rein. Freundinnen, vielleicht 15, 16 Jahre alt. Die größere trug einen grauen Velours-Mantel, darunter ein Plissee-Röckchen aus den 60ern mit großen Karos, die andere knallrote hohe Wencke Myrrhe-Gedächtnisstiefelchen. Die beiden Mädels nahmen neben mir Platz und machten sich sofort lustig über die Fragen. Sie gingen verschwörerisch jede Frage einzeln durch. Ich stand auf und vertrat mir die Beine. An der Wand war eine Fotogalerie, Portrait-Aufnahmen in Passfotoformat, das Lächeln eingemeisselt in die Gesichter, eines cooler als das andere. Cool sein kann ich auch, dachte ich. Oder doch nicht? Verrieten mich meine Nerven? Auf der Zugfahrt hatte ich auch gedacht, was sind das für komische Blicke hier im Abteil. Gut, dass hatte sich später aufgeklärt. Aber wenig später dachte ich im Zug: was sind das für komische Schleifgeräusche hier? Entgleist der Regionalzug gleich? Hört das denn niemand – ausser mir? Bis ich feststellte, es war gar nichts an den Rädern kaputt, das waren meine Nerven, die Schleifgeräusche. Das war mein vom Alkohol angegriffenes Innenohr. Ich setzte mich zurück zu den kichernden Mädels. Endlich verabschiedete sich der dicke rätselhafte Mann in Wintersportkleidung, der Chef begleitete ihn zur Tür. Dann kam er zu uns an den Tisch.

„So. Wer war der nächste? Du? Schön. Bringst du den Bogen mit?“

Der Stuhl vor seinem Schreibtisch war noch angewärmt vom Wintersporthintern – unangenehm. Der Graue überflog den ausgefüllten Bogen. Stutzte kurz, als er die Rubrik „Jetziger Beruf“ erreichte.

„Was soll das heißen? Nachtportier und… Autor?“

„Richtig“, sagte ich.

„Hm.. was schreibst du denn so?“

„Na, Geschichten.. aus meinem Leben.“

Das fand er ja interessant und kam dann sofort zur Sache. (Es war, als liesse er sein Schiffchen zu Wasser.)

„Also, um zu sehen, ob du vor der Kamera etwas darstellen kannst, ob du dich verkaufen kannst, müssen wir Probebilder von dir machen. Die kosten dich dreihundert Mark..“

Ich guckte blöd, er überlegte kurz.

„..sagen wir, zweihundert, weil du es bist. Ein Künstler. Das ist dein Risiko. Wenn die Bilder fertig sind, entscheidet das Team, ob wir es mit dir versuchen oder nicht. Willst du dir das noch mal überlegen, oder sollen wir gleich einen Termin ausmachen? Für, sagen wir, morgen?“

Ich war selbst erstaunt, als ich mich sagen hörte, „Ja. Können wir gleich klarmachen“, ohne jeglichen Plan, wie ich bis zum nächsten Tag zweihundert Mark auftreiben sollte.

„Gut“, sagte er. „Sagen wir, Moment.. morgen dreizehn Uhr fünfzehn..?“

Ich nickte nach aussen, während tief in mir die Bestürzung wuchs. DANN KANN ICH MIR HEUT ABEND KEINEN ANSAUFEN! sang der Zellenchor in mir. WENN ICH MORGEN HIER FIT ERSCHEINEN MUSS!

Flink zog der Kerl einen Vertrag aus der Schublade, übertrug die persönlichen Daten aus dem Fragebogen, fragte beiläufig, ob ich etwas anzahlen könne von den dreihundert Mark.

„Zweihundert“, verbesserte ich ihn.

„Zweihundert..?“

„Ja. Wir hatten zweihundert abgemacht.“

„Aber ja, sicher.“

Er schrieb weiter.

„Und?“

„Was und?“

„Was ist nun mit der Anzahlung?“

„Nee, hab ich nicht dabei..“

AUSSERDEM KANN ICH HIER MORGEN UNMÖGLICH MIT SCHWEISSAUSBRÜCHEN VOR DER KAMERA STEHEN UND EINEN AUF COOL MACHEN, WENN ICH MIR HEUT ABEND DOCH EINEN BRENNE, VERDAMMT!

(Der Chor kicherte.)

Der Kerl spürte meine Unentschlossenheit und setzte nach.

„So eine Fotosession kostet dich woanders locker einen Tausender. Das finde ich aber eine Sauerei, tausend Mark für ein paar Bildchen. Obwohl dir das vielleicht merkwürdig vorkommt, dass ausgerechnet ich das sage, so als Unternehmer.“

Ja, stimmt, kam mir merkwürdig vor.

Der Vertrag war soweit ausgefüllt, inklusive Termin für die verabredete Probesession am folgenden Tag, 13 Uhr 15, und wartete nur noch auf meine Unterschrift.

„Lies es dir gut durch.“

Ganz unten sah ich, Gerichtsstand Düsseldorf. Eigentlich kann ich ja immer noch aufstehen und einfach gehen, dachte ich. Es war noch nichts unterschrieben. Er reichte mir einen Stift. Noch konnte ich mir heut Abend schön einen ansaufen. Noch war ich im Rennen.

„Wie viel verdiene ich überhaupt?“

„Pro Auftrag sind das zwischen dreihundert und vierhundert Mark. Das kann über ein paar Stunden gehen, vormittags, nachmittags, in der Woche, abends, am Wochenende, manchmal auch nur ne Stunde, da kann ich dir nichts versprechen. Das ist ganz verschieden.“

„Und in welchen Klamotten werde ich äh ..morgen fotografiert?“

„Aber ja, richtig!“ seufzte er in einem Ton, als müsse er sich wirklich über sich selbst wundern, dass er das nicht von sich aus schon angesprochen hatte. „Accessoires musst du selbst mitbringen, und zwar dreierlei: was Modisches, was Sportliches, was Seriöses. Bring mit, was du magst. Hut, Sonnenbrille, Ledermantel..“

„Ich hab einen original Gestapo-Mantel zuhause..“

„Äh.. ja. Fein.“

Ich stand unvermittelt auf, weil der Zellenchor Recht hatte. Ich war dabei, einen kapitalen Fehler zu begehen. Aber noch war es nicht zu spät. Noch konnte ich die linke Bazille, die mir gegenüber saß, auskontern.

„.. aber andere Sachen müsste ich erst noch organisieren. Einen Hut, eine Sonnenbrille..“

„Ach was, ist nicht nötig, haben wir auch alles hier“, hieß es plötzlich.

„Nee, nee, ich melde mich, wenn ich alles zusammen hab.“

Der Vertrag blieb auf dem Tisch liegen, ohne Unterschrift. Wir verabschiedeten uns flüchtig, und als ich durch das Loft zur Ausgangstür ging, blickten mich die Mädels mit großen Augen an, so als wollten sie in meinem Gesicht ablesen, wie es gelaufen war, aber ich blieb cool.

Undurchsichtig bleiben, Mädels, ist das A und O in diesem Metier.

Als ich endlich draußen war, in den Straßen von Köln, war ich heilfroh, dass es nicht geklappt hatte. Dass ich in letzter Sekunde abgesprungen war. Einerseits. Andererseits verdiente man kaum Geld damit, dass man andauernd heilfroh ist, weil etwas nicht geklappt hat. Dass man in letzter Sekunde abspringt.

Zurück in Solingen marschierte ich ohne Umschweife ins Mumms.

„Ein großes Kölsch, Marina.“

Es wartete einer der schlimmsten Abstürze seit Wochen auf mich.

„Morgen früh bin ich eine käsebleiche Natter“, vermutete ich.

„Aber unter Garantie“, entgegnete Karlos am Tresen. Er glühte wie ein Rotgesichtsmakake, der wieder mal zu lang in der heißen Quelle gebadet hatte, trotz aller Warnungen.

Es ist ein Kreuz

Den eigenen Herzschlag feiern, das Bum Bum der privaten Blutwirtschaft – immer gut!

So lautete der Satz, den ich am Vorabend meines 32. Geburtstages in mein Notizbuch kritzelte. Einfach so. Damit das Stück Papier, das aktuell an der Reihe war, ein paar Silben abkriegte und nicht leer ausging, zur Feier des nächsten Tages.

Ich wollte in dieser Septembernacht in meinen Geburtstag reinsaufen, mit Karlos und anderen Verwirrten, im Mumms, unserem Wohnzimmer. Das war nichts besonderes. Das war Usus. Das war 1992. Aber dann war ich schon um elf Uhr so blau, dass man mich in ein Taxi verfrachtete und heimschickte. Und was nun den nächsten Morgen betraf, da gab es regelmäßig zwei verschieden verkaterte Zustände. Den einen, wo ich immer noch so betrunken und voller Speed aufwachte, dass ich aus dem Bett sprang und zu Herman Broods Dope sucks durch die Bude tanzte, „It’s coming out of my nose!“, und den anderen, wo ich, kaum wach geworden, schon deprimiert am Bettrand hockte und mich fragte, wie zum Henker ich diesen Tag bloß überstehen sollte.

Nachmittags überraschte mich die Gräfin, vier Tage vor ihrem eigenen 30. Geburtstag, mit einer kleinen Käsesahnetorte, obenauf 32 Spaßkerzen, die sich, sobald man sie ausblies, wieder selbst entzündeten. Ein Spielchen, das kein Ende zu nehmen schien. Ich blies die Kerzen aus, sie entzündeten sich wieder von selbst, ein ums andere Mal, es wurde nicht besser.

“Die scheiß Dinger gehen überhaupt nich aus!” krähte ich erbost und zweiunddreißig Jahre alt.

Scheisse, war das anstrengend. Ich war ziemlich hinüber vom Saufen. Ich meine, ich hab mich solche Sachen nie gefragt, ich hab es stets als gegeben hingenommen, als vom Schicksal dazu verdonnert, als Süchtiger zu enden, als Trinker und Junkie, doch jetzt, wo ich älter werde, frage ich mich schon, warum ich eigentlich ständig Drogen zu mir genommen hab. All das Bier, den Gin, das Marihuana, das LSD, das Heroin. Was das überhaupt sollte. Ich hätte es ja auch genauso gut lassen können.

Ich erinnere mich an einen Tag in den späteren Neunzigern, als ich innehielt und dachte: wenn du dir heute wieder ein Pack besorgst, kannst du nicht mehr zurück. Dann schaffst du es nicht mehr. Dann ist Schluss. Dann bist du exakt in dem Kreislauf gefangen, der dich immer so abgestoßen hat, der dir so verhasst ist, weil all die Fertigen so tumb und wächsern rüberkommen, die darin gefangen sind. Und dann stapft der Desperado in mir los und besorgt sich Pulver. Fast schon ein bisschen stolz, eine Entscheidung getroffen zu haben. Zwar eine, die grimmig in den Untergang führte, aber immerhin, eine Entscheidung war eine Entscheidung.

Später an meinem 32. Geburtstag holte Mutter mich mit dem Wagen ab und wir fuhren in die Stadt, Schuhe kaufen. Unser jährliches Ritual. Manchmal gab es auch eine Winterjacke. Was Jungs so brauchen, die Geburtstag haben. Ich war verkatert und ein bisschen affig. Wir wurden schnell fündig. Ein Paar dunkelrote Wildlederhalbschuhe Landlord, Italy, 179 Mark. Hauptsache, es war schnell erledigt. Im Karstadt-Restaurant saßen wir noch ein bisschen zusammen und tranken eine Tasse Kaffee, als zwei Tische weiter Kilian Platz nahm, mit dem Tagesgericht auf dem Plastiktablett. Kilian, mein damaliger Heroindealer. Wir grüßten uns überrascht per Handzeichen, mein Herz tat einen Sprung. Ich war auf der Stelle so scharf auf Schore, dass ich gute Laune bekam. Meinen Dealer zu sehen war für mich gleichbedeutend mit seiner euphorisierenden Ware. Da saßen plötzlich 70 Kilo Lebend-Morphin in meiner direkten Umgebung, nur zwei Tische weiter. Ich fieberte im Tagtraum. Mein Mutter hatte mir zum Geburtstag etwas Geld geschenkt, obenauf zu den neuen Halbschuhen.

“Moment, ich muss jemandem hallo sagen”, sagte ich zu ihr und ging rüber zu Kilian. Er schwitzte. Er sah schlecht aus, so aus der Nähe. Ein blasser Sonderfall, fettiges Haar.

“Ich glaub, ich krieg grade einen Affen,” meinte Kilian nur und riss die Augen auf.

“Hast du was dabei?” ließ ich mich nicht beirren. Ich hatte meine eigenen Probleme. Ich hatte keine Lust, mich vollquatschen zu lassen.

Doch er bürstete mich ab.

“Ich muss mich jetzt erstmal um mich selbst kümmern.”

Er stand genervt auf, packte den vollen Teller (Nudeln in Sahnesauce) und brachte ihn zur Kasse. Ich hörte was von „Warmstellen“ und dass er spätestens in einer Viertelstunde wiederkäme. Kilian drehte sich noch kurz zu mir um, signalisierte: ruf mich später an, während ich schlechtgelaunt zu Mutter zurückkehrte.

“Was ist denn mit deinem Bekannten?”

“Dem ist schlecht geworden.”

“Ja, aber doch nicht vom Essen hier, oder? Der hat doch noch gar nichts gegessen. Der hat sich doch gerade erst hingesetzt.”

“Weiß nicht. Keine Ahnung.”

Scheisse. Arschloch.

Um 22 Uhr am selben Abend begann meine Nachtdienstwoche im Turmhotel. Auf dem Weg zum Graf Wilhelm-Platz klingelte ich bei Kilian, der über einer Pizzeria wohnte, er öffnete nicht. Es war auch kein Licht zu sehen in seiner Wohnung. Mir blieb nichts anderes übrig, als erstmal ins Hotel zu gehen und ihn später anzurufen.

Die Rezeption befand sich im 11. Stock des Turm-Zentrums. Bei klarer Sicht konnte man weit ins Land gucken, bis Köln und bis Leverkusen, aber wer wollte schon bis Leverkusen gucken. Was gab es da schon zu sehen, außer vielleicht das beleuchtete Bayer-Kreuz bei Nacht, größte Leuchtreklame der Welt, und ein paar tausend Arbeitsplätze. Freunde, die nachts zu Besuch kamen, standen eine Weile am Panoramafenster im Frühstücksraum und genossen die Aussicht. Manche fragten, sag mal, wo ist der Kölner Dom, wo Düsseldorf. Sogar nach Holland fragten die Leute, nach Pasadena die Spaßvögel. Aber nach Leverkusen?

Nach Leverkusen fragte nie jemand.