Nachts rumorte es im Haus

Es begann kurz nach Mitternacht und endete selten vor drei, halb vier in der Früh. Es war kein durchgängiges Geräusch, eher ein in unregelmäßigen Abständen wiederkehrendes dunkles Geraschel, ein Rumoren. Es kam aus der Wohnung über uns, wo Gus lebte, der Alt-Punk, mit seinem 15jährigen Sohn, der schwerpunktmäßig die Kifferei entdeckte, mit wechselnden besten Kumpeln. Aber das Geräusch hatte mit Kiffen nichts am Hut. Es war kein Kiffergeräusch. Es fiel kein Bong zu Boden, es folgte kein stundenlanges Ablachen, kein Geplansche in Bongwasser. Das Geräusch war anders. Es war bedrohlicher.

Es störte.

Für sich genommen war es nicht mal besonders laut. Wenn du aber nachts im Bett liegst und nicht einschlafen kannst, weil du jederzeit fürchtest, von Geräuschen geweckt zu werden, dann hörst du irgendwann erst recht hin und findest nicht in den Schlaf. Dann bist du fast schon enttäuscht, wenn es ausnahmsweise ruhig bleibt im Haus.

DAS NERVT DA OBEN! schrie ich nachts um dreiviertel vier, obwohl seit zwei Stunden totale Stille herrschte.

Das Geräusch an sich war nicht zu identifizieren. Mal stellte ich mir eine Clique kleinwüchsiger Bodenturner vor, die auf raschelnden Papierbahnen Rolle vorwärts einübte, dann eine lange Pause einlegte und schließlich zur Rolle rückwärts überging – die allerdings mit Motorradhelm und auf Stützrädern. Und wenn es kurzfristig noch heftiger wurde, (und es wurde kurzfristig heftiger, Nacht für Nacht), dann begann ich regelrecht zu halluzinieren und sah brodelnde Kochtöpfe vor mir, mit Menschenopfern drin – Voodoo in der Hausnummer 59, erste Etage.

Zwischendurch: Stille.

Mal zehn Minuten, mal zwanzig Minuten, mal eine ganze Stunde.

Eine Stille, die, je länger sie anhielt, mich fast schon in den ersehnten Schlaf überstellte, bevor es doch wieder laut wurde. Irgendetwas Unheimliches ging da oben vor sich. Abends hörten wir die Jungs nach Hause kommen, empfangen vom wütenden Gebell unseres Hundes, was die Burschen nicht weiter beunruhigte. Sie stiegen gutgelaunt durchs Treppenhaus, abgefüllt mit Marihuana, keckernd wie junge Raben.

Ja, die liebe Nachbarschaft…

Weiß man je so ganz genau, was sie wirklich tut, die liebe Nachbarschaft? Der eine Nachbar gibt vor, täglich die Realschule aufzusuchen, der andere Nachbar erklärt (ohne rot zu werden) monatlich ein schönes Fixum zu beziehen, doch in Wahrheit?

„.. drucken die nachts Falschgeld da oben“, sagte ich. „Aber dann sollen die Schweinehunde wenigstens so fair sein und ein Bündel Hunderter runterreichen. Das ist doch nicht normal!“

„Na, dann zeig mir mal etwas, das normal wäre in diesem Haus“, so die Gräfin cool.

Gewissen Dingen begegnete sie neuerdings mit einer stoischen Ruhe, die mich erstaunte, war ich doch sonst der gelassenere von uns beiden. Es spielte vielleicht eine Rolle, dass in ihrem Teil der Wohnung so rein gar nichts ankam von dem nächtlichen Rumoren. Dass ich der Gelackmeierte war in der ganzen Geschichte. Tagsüber war das Zimmer über mir das reinste Schweigegelübde, das leiseste Flüsterzimmer der Welt, aber nach 24 Uhr, nach der Geisterstunde, da ging’s los. Bodenturnen, brodelnde Töpfe, Geraschel. Ich hatte genug von dem Krach. Es reichte. Ich würde Gus zur Rede stellen müssen.

Wieder einmal.

„He!“ rief die Gräfin mir nach, als ich die Treppe hochstiefelte. „Bleib ruhig. Lass dich nicht provozieren.“

Sie hatte recht. Es gab Dinge zu beachten. Gus und ich, wir hatten uns schon einmal gegenseitig am Schlafittchen gepackt, als er und sein Kumpel Sprotte zu Sham 69 abgerockt hatten, ein ganzes Wochenende lang, bis ich die Contenance verlor. Ein anderes Mal hatte Gus seine brandneue Spielekonsole EXAKT auf der Stelle am Boden platziert, unter der eine Etage tiefer mein Bett stand, mit mir drin, schlaflos und gereizt. Es war der Dauerbrummton der fabrikneuen X-Box, der sich wie ein Wasserfleck an meiner Decke ausbreitete und mich langsam aber sicher verrückt machte.

Dennoch gab es einen wichtigen Unterschied: Damals hatte es nicht mal einen halben Tag gedauert, schon stand ich wie ein sabbernder Köter vor seiner Tür, bereit zum Angriff. So gesehen war ich diesmal ein Ausbund an Höflichkeit. So gesehen hatte ich mich diesmal viel zu lange schon dezent zurückgehalten.

„Bleib ruhig, Mann“, wiederholte die Gräfin. „Mach kein Ärger. Lohnt nicht.“

„Lohnt nicht, Frau“, sagte ich. „Du hast recht.“

Also kam ich noch mal zurück und zog die Clogs an, die im Flur standen. Clogs machen grösser. Dabei war ich schon grösser als Gus, selbst auf Strümpfen, aber man kann nicht groß genug sein in gewissen Situationen. Zudem hatte Gus ein breiteres Kreuz als ich. Ich war größer, er war breiter. 1:1. Ich die Treppe hoch. War ja nicht weit. 18 Stufen.

Vielleicht fünfzehn.

Ich drückte die Türschelle. Drinnen war Musik zu hören. Da drin war immer Musik zu hören. Punk war das allerdings nicht, eher so Singer/Songwriter-Zeugs, das neuerdings wieder Konjunktur hatte. Ich summte ein bisschen vor mich hin. Gus öffnete die Tür. Er kaute auf irgendwas herum, einem Baguette vielleicht, und machte große erstaunte Augen.

„Hallo Gus“, sagte ich locker.

„Ja, hallo. Ist was?“

Er legte den Kopf zurück. Eine Nuance nur, so als wollte er andeuten: Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, die Mukke dahinten wäre zu laut..??

„Sag mal, habt ihr irgendwo eine neue Maschine stehen?“ fragte ich. „Eine, die nur nachts arbeitet?“

Seine Augen zogen sich gefährlich zusammen, zu Schlitzen.

„Maschine? Was für eine Maschine? Was meinst du?“

Er stellte sogar das Kauen ein.

„Naja, weiß nicht“, sagte ich. „Irgendwas, was man nur in der Nacht hört. Im Zimmer über mir. Wo dein Sohn wohnt.“

„Mein Sohn?? Der ist längst ausgezogen. Der wohnt wieder bei seiner Ma.“

Er blickte kurz nach rechts, in das bewusste Zimmer, das zwar weiterhin bewohnt war, wie ich erfuhr, doch nun von seinem halbstarken Töchterchen Greta.

„Aber eine neue Maschine“, meinte Gus, „haben wir hier nicht.“

„Und woher kommt dann jede Nacht dieser Krach?“

„Was für ein Krach?“

„Na, so lautes… Schaben. Kratzen. Keine Ahnung.“

Er schien ehrlich überrascht. Er wusste überhaupt nicht, wovon ich sprach. Wir standen uns gegenüber wie Nachbarn, die in den Siebzigerjahren Slade und Sweet und Led Zeppelin gehört hatten und die jetzt alt und grau geworden waren und genervt vom Alltag nicht mehr genau wussten, wie sich die Dinge verhielten.

Plötzlich erhellte sich seine Miene.

„NATÜRLICH!“ Er gluckste. „Das ist Fritz!“

„Fritz?“

„Ja, Greta hat sich doch einen Goldhamster gekauft.. der läuft nachts Rad, jede Nacht, wie ein Bekloppter! Ja logisch! Fritz macht den Sound! Ich bin am Anfang auch nachts wach geworden und hab gedacht, Mann, was ist das für ein scheiß Gescharre hier? Hat hier einer die Spülmaschine angeschmissen?“ Er lachte laut auf. „Das ist FRITZ, Mann! Sein Käfig steht auf dem Boden in Gretas Zimmer!“

Gus war zufrieden und kaute sein Baguette weiter. Er schlug vor, den Hamsterkäfig zu unterfüttern, vielleicht mit einer Schaumstoffunterlage, damit nachts wieder Ruhe einkehrte. Die Mauern in unserem 1926 erbauten Genossenschaftshaus waren papierdünn, sie wirkten fast schon wie Resonanzkörper.

Gus, ein kräftiger Handwerker, ein Maler und Anstreicher, nahm Fahrt auf. Kochschinken wälzte sich durch seinen Mund.

„Ich hab noch eine Turnmatte im Keller, die legen wir unter den Käfig. Kennst du doch von früher, die schweren blauen Dinger, auf denen wir im Sportunterricht Rolle rückwärts geübt haben und so. Da kannst du ne Elefantenkuh draufschmeißen, da hörst du nichts von.“

„Super Sache“, sagte ich erleichtert und drückte ihm kurz die Hand. Das mache ich immer, wenn mir jemand etwas verspricht. Damit er sich daran erinnert, später, wenn es wieder mal knirscht.

Greta kam aus ihrem Zimmer und blickte mich schräg von der Seite an.

„Wir waren doch nicht zu laut, oder!?“

„Nein, ihr nicht“, sagte Gus. „Aber der Fritz.“

„Der Fritz?? Wieso..? Der pennt doch.“

Sie konnte kaum aus der Wäsche gucken, so rot waren ihre Klüsen. Marihuanaschwaden waberten aus ihrem Zimmer, Gegiffel von anderen Mädels war zu hören. Manche Dinge ändern sich nie, dachte ich. 15jährige sind immer 15jährige, egal, ob sie 1975 fünfzehn waren oder 2010, und ein 50jähriger ist immer ein 50jähriger und ein Hamster ist immer ein Hamster und immer nachtaktiv und eine blaue Turnmatte ist eine blaue Turnmatte und ein Bong ist ein Bong ist ein Bong.

„Komm doch mal auf ein Bier hoch“, rief Gus mir nach, als ich die Treppe runterstieg.

So ein Blödsinn, dachte ich.

Dann hätte ich ja direkt dableiben können.

Advertisements

Eines Tages entdeckte ich eine kleine Warze an meinem Hodensack

… oder wie der Holländer sagt: op mijn klootzak.

Im ersten Moment befürchtete ich, eine Zecke hätte ihr Beißwerkzeug in mein Skrotum gehauen, doch aus Erfahrung wusste ich, dass solch ein Zeckenbiss, egal wo er einen heimsucht, rasch zu jucken beginnt und irgendwie warm wird, doch dieses stippelige Ding juckte nicht, und es wurde auch nicht warm. Es sah aus wie ein Fähnchen, das Buzz Lightyear versehentlich in meine Hautfalte getrieben hatte statt in den Mondsand.

Ich zeigte das unbekannte, nicht mal einen halben Zentimeter große Genitalgewächs der Gräfin, der man eine gewisse Freude am Detail nicht absprechen kann. Sie kam sofort mit der Lupe rüber, so wie es früher auch mein alter polnischer Hautarzt zu tun pflegte.

„Sieht aus wie ein Bienenstich“, sagte sie.

„Blödsinn. Wenn mich da ne Biene gestochen hätte, wäre ich doch in die Luft gegangen.“

„Nein, ich meine dein ganzer Sack sieht aus wie ein Bienenstich vom Konditor, so in der Vergrößerung.“ Sie schnupperte daran. „Riecht aber anders. Ein bisschen nach Hefe, wie früher, als du noch gesoffen hast. Ist wahrscheinlich ne Warze. Musst du besprechen, dann geht das Ding zurück. Oder mit frischem Morgenurin betröpfeln.“

„Wie jetzt…?! Soll ich mir selbst über den Sack pinkeln?“

„Betröpfeln sagte ich, nicht bepinkeln.“ Es war ihr anzusehen, dass ich ihre Phantasie angekurbelt hatte, sie verzog das Gesicht. „Aber das funktioniert nur bei abnehmendem Mond“, schränkte sie ein. „Sonst macht man alles nur noch schlimmer, und am Ende hast du einen ganzen Warzen-Park untenrum.“

„Aha – gut. Und was war das andere noch mal…?“ sagte ich, schon reichlich ernüchtert.

„Besprechen.“

„Genau. Wie bespricht man eine Sackwarze?“

„Am besten, man überlässt es einer alten Heilerin aus dem Donbass, oder man versucht es per Autosuggestion. So ähnlich wie beim Autogenen Training. Du quatschst dir die Warze sozusagen weg. Aber andererseits, wenn ich mir das Ding so anschaue… ist vielleicht doch ein Insektenstich.“

„Und was soll das bitte sehr für ein Insekt sein, das seinen Stachel im Sack zurücklässt?“

„Weiß ich doch nicht. Es werden doch immer exotischere Viecher eingeschleppt..“, sie sah mich an, „aus aller Sackherren Länder. Oder du versuchst es einfach mal mit Waschen.“

Sehr witzig. Und sehr verunsichernd. Nein, es half alles nichts, der Fachmann musste her. Ich sah mich schon bei meinem alten polnischen Hautarzt vorsprechen, das prekäre Weichteil in Gänze auf seinen Schreibtisch wuchtend.

„Herr Doktor, Inspektion!“

Dummerweise war der gute Mann seit 10 Jahren tot. Also wartete ich erstmal ab. Dinge, die sich von ganz allein erledigen, sind die nachhaltigsten. Und tatsächlich. Keine zwei Tage später schrumpfte das Ding zusehends, und war nach weiteren zwei Tagen verschwunden. Ganz ohne Besprechen, ganz ohne goldenen Schauer. Was soll ich sagen. Im Nachhinein erscheint mir das ganze wie ein Spuk. Ein Komplott, ein heimtückischer Anschlag auf die Blutlinie Jesu und meine Hygiene. Oder hatten Kölner Heinzelmännchen einen Zapfhahn in den Hodensack gerammt, um all mein Gold abzupumpen?

„Schicksale sind das“, sagte ich.

 

„Mir juckt der Sack, Frau.“