Herr Langsamstift an den Buchstaben

Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein: Wer sich selbst nicht sonderlich mag, nimmt andere zu wichtig.

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Im Grunde bin ich immer ein bisschen versteckt, ein bisschen heimlich – so ist meine Natur. In meiner Kindheit, wenn wir in den Sommerferien auf langen Autoreisen zum Gardasee unterwegs waren und in der Ferne glitten die Berghänge und Pinienwälder vorüber, sehnte ich mich dorthin, auf die Bergkuppen, ins grüne Dickicht – dieses ganze Gestrüpp zog mich magisch an. Um mich verstecken zu können. Zu verbergen. Um ich selbst sein zu können.

Dieses Hinwünschen in fremde Wälder, das bin ich.

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Das Schicksal ist wie ein kräftiges Gummiband, das einem mal hierhin, mal dorthin Auslauf gestattet und in einem gewissen Rahmen ausbüxen lässt, doch am Ende gibt es einen trockenen kurzen Ruck und du schnackst zurück zum Ort deiner Bestimmung.

Du kannst deinem Schicksal nicht entgehen – es ist ja deins.

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Als vor Jahren die ersten Freisprecheinrichtungen aufkamen, hatte ich davon zunächst nichts mitbekommen. Ich wunderte mich nur, warum mir zunehmend Leute begegneten, die augenscheinlich Selbstgespräche führten, ja, die dauerhaft und lustvoll monologisierten, ohne sich dafür auch nur im geringsten zu schämen. Im Gegenteil, sie schienen sogar stolz darauf zu sein, im Gehen mit sich selbst zu quatschen. Eine neue Angewohnheit, die Mut machte. Wenn es immer mehr Menschen nichts ausmachte, ungewöhnlich aufzutreten in aller Öffentlichkeit, war das ein Anlass für vorsichtigen Optimismus.

Als mir nach und nach der Hintergrund klar wurde, war ich enttäuscht. Mal wieder hatte sich die Menschheit nicht geändert, es war nur ein neuer technischer Kniff hinzugekommen.

Es dauerte seine Zeit, bis ich erkannte, dass solche Freisprecheinrichtungen auch für einen Nicht-User wie mich gewisse Vorteile boten. Plötzlich war es nicht mehr nötig, schnell wegzublicken, wenn man beim Singen von Liedern von einem anderen Planeten ertappt wurde am helllichten Tag in der Innenstadt.

Ich telefonierte ja nur.

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„Wie die alle damit rumlaufen den ganzen Tag und aufs Display starren, als könnten sie ohne nicht mehr leben. Wenn die ihr Smartphone ausstellen, fallen die um. Überall Strippen im Ohr, als würden sie künstlich ernährt. Das ist pathologisch, die Handysucht.“

– Die Gräfin –

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Ach wo, das ist überhaupt kein Telefon, was die Leute da in ihrer Hand halten! Das ist ein Handspiegel! Die Leute kontrollieren unentwegt ihre eigene Fresse! Die gucken sich an, ob sie sexy genug sind für die Welt, die tun nur so, als drückten sie irgendwelche geheimnisvollen Tasten oder riefen Whatsapp-Videos ab!

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Ich habe gestern Nacht zufällig einen schönen iranischen Spielfilm gesehen, „Das Lied der Sperlinge“ aus dem Jahre 2008. Es war wie im Märchen, die Bilder aus der Großstadt Teheran, wo Zehntausende von Motorradfahren in den Straßen unterwegs sind, ohne Helm. Bilder, wie es sie hierzulande noch in den Siebzigern gab. Da war dieses strenge Blumenkind mit langem dünnen blonden Haar, das ich aus der Teestube an der Kasernenstraße kannte. Ein ungemein blasses Geschöpf, nahe am Albino, also die feminine Version, Albina. Sie hatte einen Freund, der war ziemlich klein und hatte langes schwarzes Haar und fuhr Moped. Er also vorn mit dem flatternden dunklen Haar, sie auf dem Sozius mit ihrem flatternden blonden Haar und dem flatternden Maxi-Rock. Die langen Haare wie Seidenvorhänge im Wind, beide Rücken gerade durchgedrückt, stolz auf die geapfelshampooten Matten.

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Was auch immer in meinem Leben geschehen war, es trat mit Verzögerung ein. Wenn Eric Clapton der Mister Slowhand des britischen Bluesrock war, war ich der Herr Langsamstift an den Buchstaben.

„Red nicht. Du bist das Faultier unter den Schreibkräften“, sagte sie.

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Worte wie Modul und Cluster gingen mir auf den Sack, Worte, denen der Duft des Business anhaftete und die doch nichts bedeuteten, die keinen Inhalt hatten, nicht wirklich jedenfalls, Worte, wie in den Nullkorridor der deutschen Sprache gedrückt.

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„Die meisten Deutschen haben doch eine… eine…. na, wie nennt man das noch.. was bis jetzt geschah… eine…?“

„Hm..? Vergangenheit?“

„Genau. Vergangenheit.“

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Samstagabend, es ist schon dunkel. Auf dem Spielplatz sitzt ein einsamer Teenager auf der Schaukel und schaukelt. Es hat sein Handy an, und das bläuliche Licht des Displays schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein betont höfliches UFO.

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Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein. Etwa die Tatsache, dass auch das teuerste und exklusivste Captains Dinner der Welt IM ENDEFFEKT nichts anderes ist als der Vorläufer eines dicken fetten braunen Kackhaufens. Auch der Captain macht so einen.

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Die Heizperiode geht los. In den Heizkörpern grollt und bläst die Luft, wie im Straflager. Allerdings nicht in unseren. Der Heizkessel ist nämlich kaputt. Er gibt keinen Mucks mehr von sich. Ein neuer muss eingebaut werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. „Wir haben brutal viel zu tun“, stöhnt der zuständige Klempnermeister. Der Schornsteinfeger ist auch involviert. Er hat gute Zähne. Vielleicht fällt das Weiß seiner Zähne auch nur so brutal gut auf, weil alles andere an ihm kohlrabenschwarz ist. Ein cleveres Bürschchen.

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Ich: „He! Es ist schon viertel vor zehn!“

Sie: „Bei dir vielleicht.“

 

 

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