Nervenzusammenbruch, hoher Blutdruck, „bisschen viel Wasser im System“, sagt der Doc

Als ich im Januar 2016 den Text „Die beschädigten Tage“ in den Blog stellte, eine Geschichte über irrationale Ängste, an dessen Ende ich vom OP-Tisch springe und fliehe, obwohl schon alles bereit liegt für die Herzkathetermessung, schickte mir eine Leserin eine Mail. Sie schrieb darin, dass ihr das alles sattsam bekannt vorkäme und ich wohl am Anfang einer vielversprechenden Angstkarriere stünde.

„Ein guter Zeitpunkt, sich einen Profi zu suchen. Und denk nicht, der kann sowieso nicht helfen, nach alter Männertradition. Wenn du dir ein Bein gebrochen hättest, würde dir auch niemand sagen, mit Geduld und Spucke und viel Liebe wird das wieder heil. Nein, du würdest sofort zum Arzt gescheucht. Wenn die Seele spinnt (was sie im Übrigen ja gar nicht tut, sie ist im Moment sogar deine beste Freundin), dann gibt es dafür auch Dienstleister, die sich mit deinem Problem bestens auskennen. Die werden gut bezahlt dafür, dass sie dir helfen. Man sollte nutzen, was zu kriegen ist.“

Es war ein gut gemeinter Rat, den ich mittlerweile beherzigt habe, und nicht nur das, die von mir ausserordentlich geschätzte Leserin, selbst Bloggerin, bewies ein goldenes Näschen, denn das seltsame daran war der Zeitpunkt ihrer Mail. „Die beschädigten Tage“, der Text, auf den sie sich bezog, war in Wahrheit über zwei Jahre alt. Die Geschichte hieß im Original „Eines Tages kam ein Anruf vom Klinikum“ und war von mir überarbeitet worden, so wie ich es grundsätzlich mit meinen Geschichten halte. (Daher die turnusmäßigen Wiederholungen. Ich bin eine Sendeanstalt. Ein Piratensender.) Die Leserin aber hatte „Die beschädigten Tage“ für aktuelle Münze genommen, und kurz darauf holte mich ihre Mail wie eine Vorsehung heim und ich rauschte tatsächlich in die schwerste Krise, an die ich mich erinnern konnte – schlimmer noch als der monströse Schrecken, den der dreifache Herzinfarkt Jahre zuvor ausgelöst hatte.

Ich verlor in manchen Momenten derart die Fassung, dass ich glaubte den Verstand zu verlieren, mich aus der Hand zu geben, verrückt zu werden, durchzudrehen. So. Ist damit alles an Gemeinplätzen versammelt, um den Zustand zu beschreiben, damit er nachvollziehbar wird? Noch nicht ganz, nein: Es war, als schlüge die Nadel weit über den roten Bereich hinaus und landete im vatikanisch Violetten – heftigst.

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Natürlich schleppt jeder von uns tiefe Ängste mit sich herum, die einen verrückt zu machen drohen, doch die meiste Zeit sind sie in Geheimtinte verfasst, sie sind chiffriert, damit einem nicht jeder Elende, jeder Lump auf zehn Meilen Entfernung ansieht, was alles nicht stimmt. Muss ja nicht jeder auf Anhieb wissen, was dich bedrängt und einschnürt, all die unerledigten Gemetzel der Kindheit und der Pubertät, die wiederkehrende Albträume des Erwachsenseins, für die es scheinbar keine Erklärung und schon gar kleine Erlösung gibt. All die Midlife-Jahre, wo man sich Tag für Tag an seine stärkste Seite herankämpfen muss, bloß um zu überleben und nicht unterzugehen. Wo man in sich eine Art Massenpanik spürt an jedem einzelnen Abend, an dem man von den Menschen heimkehrt. Wo nichts mehr selbstverständlich ist, nicht mal das Luftholen noch reibungslos funktioniert. Wo alles stresst und in höchstem Maße unlocker macht.

Willkommen im Kosmos der beschädigten Tage

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Ach – die Damen und Herren kennen sich bereits?

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Einmal tief in die Scheiße gegriffen, siehst du überall Scheißhaufen um dich herum.

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Es geschah, dass ich den Bus der Stadtwerke schlagartig verlassen musste, obwohl ich erst zwei oder drei Stationen gefahren war und noch einiges an Strecke vor mir lag, doch ich geriet in Panik. Ich absolvierte weite Fußmärsche, weil ich nicht in der Verfassung war, in einem gottverdammten Bus auszuharren, wenigstens so lange, bis ich mein Ziel erreicht hatte. Einmal bat ich den Fahrer auf freier Strecke anzuhalten und mich rauszulassen. Ich hatte mich an Stangen und Halteschlaufen nach vorn zur Fahrerkabine gehangelt, käsebleich, mir gehts nicht gut, lassen Sie mich raus, schnell, bitte. Ihm genügte ein Blick in mein Gesicht und ein kurzer in den Rückspiegel, zischend öffnete sich die Tür.

Oder soll ich den Rettungswagen rufen?

Nein, schon gut – ich brauch nur.. frische Luft.

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 3. Dezember 2015

Nach der Lesung in Ohligs, der ersten in meiner Heimatstadt seit mehr als 30 Jahren, dauerte es fast eine Woche, bis ich wieder Boden unter den Füßen hatte, so sehr schwebte und schlafwandelte ich durch die Tage. Dabei war gar nichts passiert. Ich war lediglich froh, eine Lesung hinter mich gebracht zu haben. Dass es vorbei war.

Es ist schon schwierig, in einer fremden Stadt zu lesen, wo man nach der Zugabe noch die Groupies abräumen muss, die Genitiv und Genital erst verwechseln und dann total süß finden, aber in der Stadt zu lesen, in der man lebt, vor Leuten, über die man schreibt und die diesen „Den kenne ich von früher“-Blick draufhaben, „als er noch ein anderer war“, das ist die Höchststrafe. (In der Fremde kennen einen die Leute wenigstens nur aus Geschichten. Da kann man irgendwelchen Mist verzapfen, ohne dass es sich nachprüfen lässt.) Nein, vor Publikum lesen ist insgesamt Mist, es raubt einem nur die Zeit und die Konzentration, die ich fürs Schreiben brauche, ausserdem stehe ich nicht gern im Mittelpunkt. Schon im Mathe-Unterricht schätzte ich ab, wann ich ungefähr dran war mit an die Tafel kommen, und setzte mich früh genug ab aufs WC.

„Du bist am besten, wenn du von weit hinten kommst und niemand mehr mit dir rechnet – genau das ist deine ganz persönliche Pole Position“, so Sanne.

Wir sind seit fast 30 Jahren zusammen, niemand kennt mich so gut wie sie. Was sie sagt, ist Gesetz. Sie ist die Botin. Manchmal geht sie durch die Wohnung und ich schaue ihr hinterher, mit diesem Gefühl der Rührung. Menschen, die gut miteinander können, haben etwas rührendes, Zerfall hat etwas rührendes, Sätze haben etwas rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung, mit diesem Sound, als würde ein Junges aus dem Hintern der Antilopenmutter fallen. flopp.

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Ich bin nicht der richtige Mann für die Bühne. Es mag Abende geben, wo zufällig alles zusammenpasst – Text, Publikum, Witterung – doch in den meisten Fällen laufe ich erst zu annehmbarer Form auf, wenn ich die Bühne verlassen hab, das macht irgendwie keinen Sinn. Für niemanden. So war das also, im Dezember 2015: Die Erleichterung, eine nicht mal 40minütige Lesung hinter mich gebracht zu haben, trug mich durch die folgenden Tage. Doch kennt ihr das Gefühl, tagelang dermaßen gut drauf zu sein, dass man sich selbst zur Räson rufen muss? He, Mann! Du hast bloß eine beschissene kleine Lesung hinter dich gebracht, keine große Sache, und ganz bestimmt kein Grund für irgendwelche schwindelerregenden Allüren, also, nun komm endlich runter! Ich fühlte mich wie auf einem fliegenden Teppich, auch wenn meiner nur knapp über dem Boden flog, so als versuchte er dem Radar auszuweichen.

Nach einer Woche erste Mißtöne. Was genau sich in mein Denken und Fühlen einschlich, keine Ahnung, vielleicht lag es an dem kurzen Video-Mitschnitt der Lesung auf youtube, der mich so entsetzte. Als ich es mir ansah, erschrak ich regelrecht: Das war ich..? Dieser verkniffene Opa?! Der Mann mit dem gehemmten Mund? So sah das also mittlerweile aus, was andere Leute zu Gesicht bekamen, wenn ich vor ihnen auf der Bühne saß und Geschichten vortrug: Was ich da auf youtube sah, war ein Mann Mitte 50, der sich mit zu viel Methadon ruhigstellt, damit die Nerven halten, und man sah es ihm an. Ich sah aus wie ein Mann, der an seinen missmutigen Mundwinkeln litt, ich war ein missmutiger alter Opa, der sich schon früh am Morgen beim Einkleiden einbläute: Das Leben ist scheiße. Ja, natürlich, ich hatte einen schlechten Tag erwischt, schon klar, nicht jeder Tag ist so, man muss das nicht so extrem sehen, ich weiss, ich weiss, ich weiss, doch der Punkt ist: Der Mann, der mich in dem kurzen Einspieler aus dem Ohligser Cow Club anblickte, gefiel mir nicht.

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Ich habe mir mein Leben lang unverschämt viel Zeit gelassen mit meiner Entwicklung, ich tue es heute noch. Ich bin ein Reptil. Sanne hat es neulich schön ausgedrückt. Sie stand in der Küche und machte Spiegeleier.

„Hast du schon mal geschrieben: Die Eier schmatzen in der Bratpfanne?“

„Nein.“

„Ich auch nicht. Ich mein, da steh ich dreihundert Mal am Herd und mache Spiegeleier, und beim 301. Mal weiß ich plötzlich, wie es klingt.“

Genau so verläuft unser Leben. Was straightere Leute längst als Scheitern betrachten würden, nämlich mit Mitte 50 immer noch auf der Suche zu sein, ist für uns lediglich ein spätes Dahintersteigen, worum es im Leben geht.

Um das 301. Mal.

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16. 12. 2015

Ich hab Angstattacken hinter mir, wie ich sie nie gekannt habe. Ich wache in der Nacht auf, mit pochendem Herzen. Ich wandere im Zimmer auf und ab, wie ein Gefangener im Hochsicherheitstrakt. Ich lauf stundelang die Trasse entlang, allein, ohne Hund, weil ich keine Verantwortung mehr übernehmen kann für ein anderes Lebewesen. Das schlimmste aber ist das Auf- und ablaufen daheim. Die Ruhelosigkeit. Das Gehetztsein. Es ist, als wären in unserer Wohnung, in der wir seit fast 30 Jahren leben, plötzlich Giftstoffe ausgetreten, die mein vegetatives Nervensystem ausfransen lassen.

Dann ein Notarzteinsatz. Städtisches Klinikum, Ambulanz. EKG und Blutbild deuten daraufhin, dass ich hohen Blutdruck habe. „Bisschen viel Wasser im System“, erklärt der freundliche junge Doc, „aber kein Anzeichen für einen wiederholten Infarkt oder ähnliches..“ Selbst die Lunge wird geröntgt – ohne Befund. Auch wenn ich seit vier Jahren keine einzige Kippe mehr angefasst habe, es bleiben immer noch die 30 Jahre, die ich Kippen angefasst habe. Die kriegt man nicht weg. Die bleiben im Blut. Die qualmen weiter. Die hat man sich einmal ins Haus geholt. Ich bleibe ein ex-Raucher. Ein ex ein ex ein ex.

Kreislaufdepression, schreibt er.

„Sie bekommen noch einen Notfallschein von mir.“

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Es geschah im Gesundheitsamt. Ich hatte einen Termin. Das Job-Center sucht Klärung, wie es um mich bestellt ist. Welche Arbeit mir man noch anbieten kann, nach dem Herzinfarkt vom Mai 2012. Der Termin ist früh am Morgen, 8.00. Nun sollte ich mittlerweile wissen, dass ich so früh am Tag nicht besonders gut drauf bin, mein Kreislaufsystem arbeitet noch nicht richtig. Ich sollte es ruhig angehen lassen. Stattdessen stürze ich zu Hause meinen 3fach großen Espresso runter, ohne etwas zu essen, schmeisse meine Herzpillen ein, mein Methadon, und marschiere los, auf den letzten Drücker. Man sollte meinen, dass man mit Mitte 50 ein Alter erreicht hat, wo man ungefähr weiß, was mit einem los ist. Stattdessen betrete ich Tag für Tag Neuland, selbst in Gebieten, die mir außerordentlich bekannt vorkommen müssten, und stiefle los.

Ich brauche eine gute halbe Stunde bis in die Nordstadt, durch Nieselregen. Ich spanne den Schirm auf, es ist dunkel, viel zu warm für Dezember. Ich stratze der Trasse entlang, wie auf Eiern, und fühle mich mit jedem Schritt schlechter. Es ist diese Möglichkeit, ständig wegzukippen, die Böschung runterzuknallen, die Schwäche in den Beinen. Am alten Nord-Bahnhof verlasse ich die Trasse. Ich bin so ausser Puste, am liebsten würde ich mich in den Bus setzen und zum Doc fahren, doch allein die Vorstellung, in einen Bus zu klettern, hält mich davon ab. Ich versuche mich zusammenzureissen.

Obwohl ich kaum noch Kraft habe, lasse ich den im Erdgeschoß des Rathauses, es handelt sich um ein Nebengebäude, wartenden Aufzug links liegen und nehme das Treppenhaus. Ich schleppe mich die Stufen hoch. Es ist diese jede noch so kleine Faser des Körpers in den Würgegriff nehmende, käsige Schwäche, die mich so fertig macht.

Zweiter Stock, Gutachterlicher Dienst. Wartebereich. Ich lege den Schirm ab, hänge den Mantel an die Garderobe. Sofort biegt eine Mitarbeiterin um die Ecke. Es ist Punkt 8.00.

„Guten Morgen“, sagt sie. „Ich komme gleich.“

„Mir gehts schlecht“, sag ich.

Sie bleibt stehen. Mir steht die Panik ins Gesicht geschrieben.

„Was ist denn los?“

„Mein Kreislauf..“

„Kommen Sie mal mit.“

Was sein Innerstes betrifft, tappt der Mensch grundsätzlich im Dunkeln. Er greift mal hier und mal dort hin, und was er dabei zu fassen bekommt, hält er für seine Seele, solange es nur halbwegs in die zupackende Hand hinein passt.

„Haben Sie Stress?“

„Stress..? Nein.. ich..“

.. hab keine Ahnung. Mein Kreislauf bricht gerade zusammen, um acht Uhr früh.

„Legen Sie sich hier hin..“

Eine zweite Mitarbeiterin des Stadtdiensts Gesundheit kommt hinzu. Sie erschrickt, als sie mich erblickt. Kalter Schweiss, kein Blut im Gesicht. Schneller Puls. Rasender Puls. Man misst den Blutdruck. Ich dreh schon durch, wenn die Blutdruckmanschette sich aufpumpt, ich sehe Eingeweide aus dem Oberarm spitzen. Ich hasse Blutdruckmessungen. Ein Gerät zur 24-Stunden-Dauermessung nahm ich mit nach Hause. In der Nacht hielt ich es nicht mehr aus, das ständige Aufblasen der Manschette, riss mir das Gerät genervt ab und schmiss es gegen die Zimmerwand.

„Hier. Ist kaputt“, sagte ich bei der Rückgabe.

Als ich beim Stadtdienst Gesundheit auf der EKG-Pritsche liege und zu entspannen versuche, „machen Sie sich lang.. richtig lang..“, bitte ich eine der beiden Mitarbeiterinnen das grelle Deckenlicht runterzudimmen, „das macht mich krank.“ Ich weigere mich, eine zweite Blutdruckmessung über mich ergehen zu lassen, weil der Wert der ersten Messung so hoch war. 160/100.

„Ziemlich hoch, ne?“ sag ich.

„Geht so. Gibt höhere“, sagt die ältere der beiden Mitarbeiterinnen, eine vorsichtige Blondine um die 50, und ich fühle mich kurz wie im Puff vor 25 Jahren, wo ich zu schnell kam und ich fragte die Hure „Ging schnell, ne?“ und die Hure antwortete „Geht so. Gibt schnellere.“ Sie hat einen knackigen Gang, sie trägt knackige Stiefel. Ist aber vorsichtig, irgendwie, die Blondine. „Bleiben Sie liegen.“

„Ich hasse das Gepumpe der Manschette.“

Ich liege im Dunklen, stürze mit zittriger Hand zwei Gläser Wasser runter, ich hab irren Durst. Kommt die jüngere der beiden Frauen rein, eine Dunkelhaarige: „Sie sind immer noch ganz blass.“

„Hier liegen tut gut“, sag ich, „besonders..“

Besonders was? Ich versuche ihr mitzuteilen, dass mir die Luft gut tut, (man hat auf meine Bitte hin das Fenster geöffnet), aber ich finde das Wort „Luft“ nicht, verhaspele mich stattdessen, „das Licht äh Wasser tut gut äh..“ Kurzfristig bekomme ich Panik, dass ich vielleicht einen Schlaganfall erlitten habe, ich meine, beim Schlaganfall redet man doch Blödsinn und hat Wortfindungsschwierigkeiten. Die andere Frau ist im Nebenzimmer entschwunden und kehrt nun mit dem Doktor zurück, dessen Dienst gerade beginnt, der sich im Gehen den weissen Kittel überwirft.

„Was machen Sie denn für Sachen, junger Mann?“

Mit meiner Vorgeschichte, dem hohen Blutdruck und meinem Allgemeinzustand plädiert der Doc dafür, den Notarzt zu rufen und mich im Krankenhaus abschecken zu lassen. Ich bin dagegen, will nicht ins Klinikum und stehe auf, gegen den Willen aller Anwesenden. Ich brauche nur etwas frische Luft, sag ich. Man lässt mich wiederwillig ziehen, nicht ohne zuvor eine Erklärung zu unterzeichnen, dass ich  dies auf eigenes Risiko tue. Kaum hab ich die zweite Etage verlassen und stolpere die Stufen hinab, ist es ganz aus. Wie oft willst du dich eigentlich noch verabschieden? geht es mir durch den Kopf, bis du wirklich mal Aufwiedersehen sagst. In mir stürzt alles zusammen. Ich schaffe es gerade noch zurück.

„Hilfe..“

Ist wahr. Die Schwäche in den Beinen, das Gehen auf wattierter Landschaft. Ich halt’s nicht mehr aus. Ein Rettungswagen wird gerufen. Die Rettungs-Sanitäter, die mich ins Städtische Klinikum bringen, diesmal ohne Blaulicht, vermerken auf dem Einlieferungsschein lediglich „Kreislaufprobleme“, dementsprechend lande ich in der Hierarchie der Notfall-Ambulanz weit weit hinten. Der Wartebereich ist in mehrere halboffene, fast clubähnliche Inseln samt Schleusen aufgeteilt. Ich zähle rund 30 Leute, die vor mir dran sind, dann höre ich mit dem Zählen auf. Das kannn Stunden dauern bis ich an der Reihe bin.

„Ich geh was Luft schnappen“, sag ich zur Mitarbeiterin am Notfall-Tresen.

„Ja ja“, winkt sie ab, „machen Sie ruhig, das dauert, bis Sie dran kommen..“

Na super. Und wenn ich jetzt wirklich einen versteckten Infarkt habe? Einen atypischen? Eine ohne großes Engegefühl in der Brust? Dann sitze ich hier drei Stunden in der Ambulanz bis mich einer untersucht. Ich laufe draussen vorm Eingangsbereich herum, gefangen in diesem ominösen Beinahe-Kollaps. Da ich aber zwischendurch kurze Momente durchlaufe, wo so etwas wie ein gutes, ansatzweise kräftiges Gefühl durchschimmert, spiele ich mit dem Gedanken, mich einfach abzusetzen, mit dem Bus nach Hause zu fahren. Oder ich rufe Sanne an, ob sie mich irgendwo abholt. Doch kaum hellt sich mein Gemüt etwas auf, verdunkelt es sich auch schon wieder – ich verwerfe alle Fluchtgedanken. Aber drei Stunden in der Ambulanz warten, bis ich dran bin? Das halte ich nicht durch. Kaum zurück am Notfall-Tresen, schnappe ich mir eine Mitarbeiterin.

„Hören Sie, ich hab schon mal einen Herzinfarkt gehabt, das fühlte sich genauso an wie jetzt, ich kann hier nicht stundenlang warten..“

Die Mitarbeiterin bleibt ruhig. Nimmt den Hörer der Telefonanlage ab und drückt einen Knopf.

„Nehmen Sie dort vorn Platz. Es kümmert sich jemand um Sie.“

Ich eiere einem Durchgang entgegen: NUR FÜR PERSONAL.

„Nein, nicht da. Da. Auf einem der drei Stühle.“

Ich lasse mich nieder, höre sie telefonieren. Die Routine in Person. Mir ist mittlerweile so warm, ich ziehe den Mantel aus, dann den schwarzen Pulli, und warte. Mein Gang, mein ganzer Apparat ist unsicher. Beim Aufstehen muss ich aufpassen, dass ich nicht in die Glastür falle. Nach wenigen Minuten erscheint ein junger Mann im blauen Krankenhaus-Dress. Freiwilliges Soziales Jahr.

„Können Sie laufen?“ fragt er bekümmert, als er mich sieht.

„Nicht gut“, sag ich.

„Moment.. Ich  besorge uns einen Rollstuhl.“

In den nächsten Minuten seh ich ihn an den verschiedensten Ecken der Ambulanz hin- und herlaufen. Dann endlich hat er gefunden, was er sucht, und holt mich mit dem Rolli ab.

„Bitte Platz nehmen. Es geht zum EKG.“

Vorm EKG-Raum stellt er mich ab und arretiert den Stuhl.

„Sie werden gleich aufgerufen.“

Der EKG-Raum hat keine Tür, wird nur von einem zugezogenen blauen Vorhang abgetrennt. Der kleine Wartebereich ist überfüllt. Ich schätze, ich bin an Nummer 6 dran. Ich geh kaputt. Ohne mich. Ich steh auf, laufe rum und spreche den erstbesten Pfleger an, der mir begegnet.

„Mir geht’s schlecht“, sag ich.

Er bleibt stehen. Auf diesen Satz sind hier alle geeicht. Der geht immer. Sesam öffne dich.

„Wo müssen Sie denn hin?“ Er deutet zum EKG-Raum. „Hier hin?“

Ich nicke. „Ja. Ich fall gleich um.“

„Moment, ich sag Bescheid.“

Er geht einige Meter weiter zur Stationsleitung. Ich höre ihn tuscheln, man schaut zu mir herüber. Es dauert keine Minute, da wird der blaue Vorhang aufgezogen und ich werde hineingebeten, zum Verdruss anderer Patienten.

„Können Sie laufen..?“

„Bin schon unterwegs.“ Ich schiebe den Rollstuhl vor mir her.

„Legen Sie sich hin, bitte. Und oben freimachen.“

Nach dem EKG, („alles in Ordnung“), nimmt sich eine Schwester meiner an und bringt mich in die Kardiologie, wo sie mir Blut abzapft. Von meinem letzten Klinikaufenthalt sind meine Daten schnell auf ihrem Bildschirm. Auch meine Opiatabhängigkeit ist verzeichnet.  Sie wundert sich, dass ich so intakte Venen habe.

„Ich denke, Sie waren abhängig?“

„Ja. Und?“

„Haben Sie Heroin nur geraucht? Ich seh keine Narben in der Armbeuge.“

Na, die kennt sich aber aus. Sie selbst habe eine schwere Autoimmunkrankheit, erzählt sie. „Da ist man auch ein bisschen ein Aussenseiter.“ Und was Rauschgift betrifft, nun, sie komme aus Bayern, da kannte sie einen Landrat der CSU, der war auch heroinsüchtig.

„Aber ein ganz netter.“

„Ach so“, sag ich.

Keine zwanzig Minuten später kommt ein Arzt. Er hat lustige Augen, deren Ursprünge vermutlich im Orient liegen.

„Waren Sie bewusstlos?“ fragt er. „Sind Sie umgefallen?“

Er hat es eilig.

Nein. Ich erzähle ihm ein bisschen von mir. Er sagt, er könne nichts feststellen. Dier Ergebnisse des Schnelltests wären in Ordnung. Was ist mit Sport, fragt er. Um den Kreislauf zu stärken. Machen Sie Sport?

„Wenn man immer das gleiche macht, darf man sich nicht wundern, wenn man immer das gleiche erlebt.“

Und alle Naselang in der Notfallambulanz landet.

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„Vielleicht solltest du eine Sammelklage gegen dich selbst anstrengen, vielleicht solltest du mal so richtig gegen dich selbst vorgehen, damit sich mal was ändert. Von Besserung will ich gar nicht reden.“