Todestag 9

Am Abend vor ihrem Tod hinterließ sie mit brüchiger Stimme eine Nachricht auf unserer Mailbox. Zwar war die Mühe schon zu spüren, die ihr die Worte machten, der Anruf insgesamt, doch dass sie den Ärzten am nächsten Vormittag unter den Händen wegsterben würde, überrannt von zwei Herzinfarkten kurz hintereinander, den ersten noch während der Visite, das war nicht zu hören. Daran war kein Gedanke.

„Susanne, sag dem Andreas doch bitte, er möchte an die Tempo-Taschentücher denken… und an das Baldrian extra-stark, wenn er mich morgen besuchen kommt..“

Die knappe Nachricht beschloss Mutter wie üblich mit einem leicht belustigten, langgezogenen, irgendwie die Rutsche runtergerutschten „En..de“, so, als handelte es sich um ein Spaß-Telegramm alter Schule. Und während nun im Hintergrund zu hören war, wie sie den Hörer umständlich Richtung Telefonapparat bugsierte, Festnetz Krankenhaus, während die Sprachbox also das Rascheln der Bettwäsche und des Kissens aufzeichnete, stieß Mutter noch ein allerletztes schüss aus, ein leises, wie im Abspann durchrauschendes kleines schüss, ein Mini-U-Boot von einem schüss, das mit dem Periskop noch einmal heimlich die dunkle See ablauschte, die an zweiten Weihnachten 2010 ganz ruhig dalag, kaum Wellengang, no fish today.

Schüss, mein Junge.

Ebenfalls zu hören, sozusagen im Superhintergrund: Frau Wolf, die grundsympathische und in etwa gleichaltrige Bettnachbarin auf Zimmer 12, die in jungen Jahren als Hutmacherin in Hamburg Karriere gemacht hatte. Sie tuschelte etwas, das nicht zu verstehen war, nicht einmal in Ansätzen, auch nach dem x-ten Abhörversuch nicht.

Dann machte es klack.

 

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Vom Drang grinsen zu müssen

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort,  und sie streckte das eh schon von tausend Händen gestreckte Gift nicht noch zusätzlich mit Backpulver oder Hustenstiller oder zerriebenen Hufnägeln oder was die Leute sich sonst noch alles einfallen ließen, um die Verkaufsmenge (nochmals) zu vergrößern. Es gab eine Faustregel. Je weiter man vom Hafen Rotterdam entfernt war, desto gepanschter die Ware, die am Ende vor lauter Beimischung kaum noch als Droge erkennbar war. Ein Anteil von 10 % Heroin im Straßenheroin galt als normal. Man gab sein Geld zu 90 % für falschen Hasen aus. Für zerstampfte Kopfschmerztabletten, wenn man Glück hatte.

Irgendwann hatten wir die Nase (buchstäblich) voll von all dem Dreck und versorgten uns direkt an der Quelle. In Rotterdam war das Material nicht nur billiger, auch die Qualität war um ein vielfaches besser. Im Stadtteil Schiedam gab es einen Straßenzug, wo marokkanische Dealer heruntergekommene Häuser anmieteten, sogenannte Basements, in denen 24 Sunden am Tag Weiß und Braun verkauft wurde. Man konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit an der Tür kratzen, es war immer jemand da, der einem öffnete.

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