Enten schlitzen im Stadtpark

Mein Vater, Susanne Eggert, 2020

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„Na, du weißt doch, wie so was läuft in Deutschland“, ächzt sie. „Wenn hier ein Kind von der Schaukel fällt, werden sofort alle Spielplätze renoviert.“

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„Das Wort Schokoladentorte hat der Mund schon gegessen, bevor man es nur ausgesprochen hat.“

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Die Gräfin legt sich mit einer jungen Frau an, die im Park ihren Winzling von Hund hinter sich herzieht, wie einen Hüpfball.

„He, da ist doch Blut drin in dem Lebewesen!“ ruft sie.

„Kümmre dich um deinen eigenen Scheiß, Alter!“

„Tu ich ja! Du bist gerade mein Scheiß!“

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„Mit einem umtriebigen Geist wie meinem gibt es nichts Schöneres, als früh am Nachmittag auf dem Bett zu liegen und dem Universum zu lauschen, dem Wind, dem Bimmeln der Eiswagen. Das ist die totale Entspannung. Weißt du, was die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies ist? Unser Nicht-Entspannen-Können in der Welt.“

Die Gräfin

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„Ich kenne wirklich niemanden, der sich so vehement gegen Veränderungen sträubt wie du“, sagt sie. „Als würde hinter der nächsten Straßenecke die große Veränderungsschlange warten, die dir in den Schwanz beißt.“

Ja, stimmt ja auch! Alles könnte in großen Schmerzen enden!

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Unterwegs sein in der Welt, um sich zu finden, was gibt es Schöneres im Leben – solange man sich nicht findet.

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Wir waren lecker essen bei den beiden italienischen Brüdern mit den langen Zähnen. Als Ergebnis der Tischunterhaltung weiß ich jetzt auch, woher sie das hat. Diese Leidenschaft, jegliches Strandgut, das es irgendwie ins Landesinnere geschafft hat, vom Boden aufzuklauben und nach kurzer Inaugenscheinnahme nach Hause zu schleppen. In den Bau. Ob es sich dabei nun um durchnässte Liebesbriefchen oder um zerknüllte Einkaufszettel handelt, ob um das herausgerissene Bein einer Mad Max-Puppe oder um Scherben einer Badezimmerkachel – es gibt nichts, was sie nicht aufsammelt. Weil sie es vielleicht mal gebrauchen könnte. Für eine kleine Installation, für eine Collage. Für irgendwas. Für nichts.

Schon als Kind musste sie unter den strengen Augen der Mutter die Taschen leeren, wenn sie zum Abendbrot aus dem nahen Wald heimkehrte. Mutter bestand darauf, dass die kleine Gräfin die Sachen selbst aus ihrer Tasche fischte, weil sie, die Mutter, einmal eine tote Kröte aus der Gesäßtasche des Töchterchen befördert hatte, worauf ihre Nerven kurzfristig im Eimer waren.

Die Gräfin erinnert sich an jene Tage, selig lächelnd.

„Als Kind ist man so nah dran am Erdboden, das ist ja eine eigene kleine Welt da unten. Wenn ich vom Teich kam, hatte ich immer die Jacke voller Froschlaich und Würmern und was sonst noch so über den Boden krabbelte. Andererseits waren auch tausend Insekten an mir interessiert, das muss man auch mal sagen. Das Interesse war durchaus auf beiden Seiten.“

„Opa Alois hat auch immer alles aufgesammelt“, wirft die Schwester ein, die einzige am Tisch, die eine Pizza bestellt hat und rundum zufrieden vor sich hinglüht.

„Ja, Opa Alois“, meint der Vater der Gräfin, ein ruhiger alter Mann mit einem Pulsschlag von 60 Schlägen in der Minute. „Der ist in Bad Sassendorf mit dem Spazierstock umhergezogen wie mit der Wünschelrute. Und wenn es gezuckt hat im Stock, ist er stehen geblieben und hat alles aufgespießt, was er für seine Werkstatt brauchen konnte. Sein Mantel war ein einziges Zwischenlager. Er hat das Hamstern nach dem Krieg nie wirklich aufgeben.“

„Opa Alois war doch der Entenschlitzer!“ ruft die Gräfin, einen Grappa in Arbeit.

„Ja, aber nur, wenn es auf Weihnachten zuging. Da wurde Opa Alois rabiat.“ Zu spüren bekamen es die Enten im Stadtpark. Da Opa Alois nur als harmloser Zettelchen-Piekser bekannt war, nahm das Geflügel ihn nicht weiter ernst, wenn er sich im Dezember näherte, mit seinem geschärften Spazierstock. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte.

„Wie eine Harpune warf Opa Alois den Stock nach den Enten. Das war sein Kampf mit dem Wal, das war sein persönlicher Moby Dick. Meist benötigte er nur einen Versuch und die Ente war erledigt. Eine Ente pro Jahr, mehr nicht.“

„Das ist doch nicht wahr“, sag ich, „oder?“

„Na, und ob. Opa Alois war der Entenschlitzer von Bad Sassendorf, das ist Tatsache“, meint die Gräfin und kippt den 3. Grappa runter. „Da kannst du jeden fragen, wen du willst, in Bad Sassendorf und Soest.“

An beiden Weihnachtstagen gab es bei Oma und Opa traditionell Ente mit Rotkraut und Knödel. Die ausgerupften Federn steckten sich die Kinder als Indianerschmuck ins Haar und tanzten um den Weihnachtsbaum. Alle waren happy, und Opa Alois stieg nach dem Essen in den Keller und pfiff alte Schlitzer-Lieder.

Der Filmkuss

„Du…?“

Es ist spät am Abend. Wir liegen im Bett, ich bin schon fast weggeduselt, da wispert sie in mein Ohr…

„Du?“

„Mh..“

„Sag mal, können wir nicht endlich einen Film über mich drehen?“

„Wie.. . was fürn Film?“

„Weiß nicht. Egal. Irgendeinen… Aber ein Filmkuss muss drin sein. So was richtig  altmodisches, du weißt schon, wo die Schauspieler nur so tun, als ob sie sich küssen. Was meinst du? Kriegen wir das hin?“

„Warum nicht, aber… welchen Schauspieler willst du nehmen, für den Filmkuss? Wen willst du.. küssen? Doch nicht mich, oder?“

„Quatsch, ist doch ein Spielfilm! Na, jedenfalls keinen Schönling. Keinen Johnny Depp oder so. Dann schon lieber… sagen wir, Bukowski.“

„Der ist tot.“

„Nein, ich meine jemand, der Bukowski spielt. So einen möchte ich im Film küssen. Keinen Lackaffen.“

„Aha. Und wenn nun, sagen wir, Johnny Depp Bukowski spielt? Geht das?“

„Nein. Das geht nicht. Kein Schönling. Basta.“

„Gut. Weiter. Was ist mit Stuntmen? Brauchen wir Stuntmen für waghalsige Stunts, damit deine Schauspieler keine Rückenschmerzen kriegen, wenn sie aus deinem Film wieder rausklettern?“

„Stuntmen…?! Was redest du denn da! Mach doch nicht immer alles so kompliziert! Ich will doch nur einen Film über mich im Kino sehen, wo ich die beste, die schönste, die schillernste bin und einen süßen kleinen Filmkuss abkriege! Ist das denn so schwer? Das kann doch nicht so schwer sein! Herrgott noch mal!“

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Der Kuss, Susanne Eggert, 2012

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Der kleine Beitrag „Filmkuss“ stammt aus dem Jahr 2013. In den Kommentaren spricht auch der Kurt. Kurt ist der Mitsubishi Boy. Gelegentlich kommentierte er auch unter dem Namen Margot. Er war ein versierter Junge.

Das Bild „Kuss“ ist, wie immer, von der Gräfin.

Damen der Gesellschaft

Arbeit war ein Fremdwort, und ich hatte definitiv keine Lust, es im Fremdwörterbuch nachzuschlagen. Ich war Anfang zwanzig und schlug die Zeit am Tresen tot. Ich traf mich mit Damen der Gesellschaft, etwa der kleinen Bellavera. Sie arbeitete am Amtsgericht und kellnerte nebenbei, eine Blondine mit tiefhängenden Augen. Eines Morgens wachte sie bei mir auf. Wir lagen im Bett, die Sonne schien ins Zimmer.

„Du hast ein schönes Glied“, sagte sie, immer noch angeschickert, „aber du bist ein Schwein.“

Ich wunderte mich, dass sie so ein nüchternes Wort wie Glied benutzte, obwohl sie ihn eine Stunde zuvor noch in der Mache hatte. Es drückte eine gewisse Distanz aus – fast wartete ich darauf, dass sie mich siezte. Dabei wollte sie doch vermutlich nur nicht so schlampig rüberkommen, nach dieser Nacht.

Eine junge Russin verführte mich frühmorgens im beleuchteten Eingangsbereich eines Foto-Geschäfts in der Innenstadt. Es war Winter, wir kamen aus der Disco. Der Boden war so hart, dass mir noch Tage später die Knie schmerzten. Als ich Svenja wieder traf und ihr grinsend von meinen Kniebeschwerden berichtete, schüttelte sie nur den Kopf und meinte, sie habe einen gut gepolsterten russischen Hintern, mit dem käme sie überall klar auf der Welt, egal ob auf Sand, Rasen, Teppich oder Beton. Sie spielte Tennis.

Dann war da Dschinni. Auch sie ruhte ganz in sich selbst. Dschinni war meist allein unterwegs, sie war seltsam. Sie war eigentlich einen Zacken zu seltsam für mich. Ein sexy verschlossenes Mädchen mit langem Haar und hohen Schaftstiefeln. Es sah aus, als würde sie gleich zum Reiten gehen oder als wäre sie gerade vom Reiten gekommen, Großer Preis der Nationen. An anderen Tagen kam sie rüber wie eine Rockerbraut. Es war nicht einfach, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Ich kann mich nicht erinnern, je mehr als einen kurzen Blick von ihr aufgeschnappt zu haben, doch als es passierte, lange Blicke sogar, ja, ganze Blickketten, da war es eine ganz natürliche, eine durch und durch organische Angelegenheit und wir landeten mitten in der Nacht im Wald, weil wir nicht wussten, wohin sonst. Ich hatte einen Schlafsack organisiert, aber es war eine feuchte Nacht. Wir waren mehr berauscht als betrunken. Ein Film Noir. Eine schwarze Kurzgeschichte. Es kam ein Satz von ihr, als wir im engen Schlafsack übereinander lagen und uns küssten, als ich vor ihrem Unterleib stand und drängelte, um Einlass begehrte: „Nun mach mal langsam..“ Und ich am Drängeln. Im Morgengrauen, durchgefroren, durchnässt und nicht gefickt, aber trotzdem glücklich, brachten wir den Schlafsack zurück.

Eine andere Dame der Gesellschaft war gerade aus der Haft entlassen worden. Sie war spitz wie Nachbars Lumpi. Dagegen war nichts einzuwenden. Das Problem: sie hatte 30 Kilo zu viel drauf. Das fehlende Sportprogramm in der Haft hatte ihr zugesetzt, sagte sie. Sie kam mit zu mir nach Hause. Ich wohnte auf der Schillerstraße, es war meine erste eigene Bude. Die Fahrt kostete sechs Mark mit dem Taxi, vom Mumms aus. Mit Trinkgeld.

„Moment noch“, sagte ich zum Fahrer, „ich muss eben Kohle holen.“

„Ist schon gut“, meinte sie. „Ich übernehm das.“

Wir machten nicht viel Worte. Wir ließen den ganzen Kram sein, von wegen möchtest du was trinkenhörst du lieber Soul oder AC/DC und wo ist das Klo, wir legten sofort los. Es war nicht mal schlecht. Es war sogar gut. Es hat richtig Spaß gemacht. Obwohl ich kein AC/DC hatte. Nach vierundzwanzig Monaten Aufenthalt im Frauengefängnis Köln wegen Scheckbetrugs und fortgesetzter Unterschlagung war sie ausgehungert und bestrebt, ihre Phantasien umzusetzen, die in der kargen Einzelzelle in Ossendorf aufgelaufen waren. Ich fühlte mich fast ein wenig benutzt von ihr. Aber nur ein klein wenig. Und auch nur fast.

Jedenfalls.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so pompös einen geblasen gekriegt zu haben, mit allem Pipapo. Ich könnte dir stundenlang zugucken, sagte ich, und sie grinste mich an, pausbäckig. Ja wieso? Das tust du doch auch,

(Jungs mit zwanzig haben nichts als Bumsen und Blasen im Kopf. Selbst wenn ich bei Lana übernachtete, in die ich wirklich verliebt war, und sie früh um acht zur Arbeit aufbrach, dauerte es keine halbe Stunde und ich hing am Telefon und versuchte ein schnelles Date für ein zweites Frühstück hinzukriegen. Ich weiß, es hört sich ziemlich dämlich an, macho macho, schon klar – aber so war’s nun mal, was soll ich sagen, das ist meine Erfahrung. Ich erreichte natürlich niemanden, der früh um halb neun erpicht gewesen wäre, meinen Morgenständer aufzuweichen, also legte ich selber Hand an und hatte für den Rest des Tages den Duft meines Spermas in der Nase, sobald ich die Hand hob und die Kellnerin heranwinkte.)

Am nächsten Abend stand sie wieder am Tresen. Sie hatte noch Bewährung. Als der Geschäftsführer die Sperrstunde einläutete, dackelten wir rüber zum Taxistand. Diesmal hatte ich noch Kohle auf der Tasche, ich löhnte die Fahrt. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Sex in dieser Nacht ähnlich de Luxe ausfiel wie in der Nacht zuvor, ich schätze nicht. Ich war ein miserabler Liebhaber, wenn ich zwei Nächte hintereinander voll war. Eine Nacht tat es mitunter auch. Dann verschwand sie vom Radarschirm. Es dauerte geschlagene zehn Jahre, (eher fünfzehn), bis sie mir eines Abends wieder über den Weg lief. Ich war unterwegs zum Nachtdienst im Hotel. Erst erkannte ich sie kaum, sie hatte sich enorm verändert. Sie hatte abgenommen, trug hohe Leopardenstiefel und Blazer, dazu diese Dolce & Gabbana-Sonnenbrille. Wir feixten, als wir uns mitten auf dem Zebrastreifen begegneten. Niemand sagte ein Wort. Ach doch. Ich.

Ich sagte: Na?

Der Mitsubishi Boy ist tot

Was soll ich sagen. Ich schiebe es seit über einer Woche vor mir her. An Ostern ist der Mitsubishi Boy gestorben, mit 59. Er wurde genau so alt wie sein Vater.

Der heimliche Häuptling von Hamburg ist nicht mehr da.

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Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1967. Zur Einschulung stehen wir auf den Treppenstufen vor dem Pavillon der Grundschule. Vierzig verträumte 6jährige, die in die Sonne blinzeln, darunter der Mitsubishi Boy und ich. Auch zehn Jahre später, 1977, auf dem Gymnasium, gehen wir in die gleiche Klasse und werden fotografiert. Bis sich erst der eine, dann der andere einen Schulverweis einhandelt. So ähneln sich Karrieren. So geht das Leben. Einmal kurz geblinzelt, schon sind 6 Jahrzehnte um.

So ganz aus den Augen verloren wir uns nie, auch nicht in seiner langen Hamburger Zeit. Sein beschwingtes „Ja Moooin…!!“, mit dem er jahrelang seine Nachrichten auf unserem AB einleitete, wabert heute noch durch die Wohnung. Wie oft saßen die Gräfin und ich in der Küche und amüsierten uns über seine philosophischen Überlegungen.

„Ein Mann braucht zwei Hosen“, sagte der Mitsubishi Boy, „und in einer muss Geld drin sein.“

Als er 1993 nach Hamburg ging, rief er anfangs nur selten in der Heimat an. Einmal erzählte er, dass er sich auf eine Kleinanzeige hin eine 90 Kilo schwere Heimorgel gekauft habe.

“Funktioniert zwar nur zur Hälfte, aber zum Berühmtwerden müsste es noch reichen, hab ich mir überlegt.”

„Ne Hammond?“

„Nee, irgendne olle DDR-Orgel. Aber is alles drauf, was man braucht, Bossa Nova, Sturmflut – alles.“

Er hatte nicht nur vor, in Verbindung mit einer Vernissage auf der Mönckebergstraße live vom Niedergang dieser Republik zu singen, er wollte auch den ganzen Sommer die Heizung voll aufdrehen, damit selbst ein Energieriese wie Vattenfall ein bisschen was abkriegt von seinem neuen Reichtum.

“Die sollen auch nicht leer ausgehen.”

Das war typisch Mitsubishi Boy, mit einem trockenen kleinen Auflacher am Ende, „in Alter Seebär-Manier“, wie die Gräfin meinte. Er war der Ausguck, der hoch oben im Mast hockt und die Kommentare in den Wind lacht. Doch kaum jemand verstand seine Worte, schon weil der Wind aus der falschen Richtung kam.

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Na klar, er hatte ein Schoss raus, und was für eins. Aber es war die Art Schoss, die man gerne hervorzieht, um sich die Dinge darin anzuschauen. Was man alles fand: ein Juwel an guten Tagen, Strass an anderen. Es blinkte und funkelte in seiner Schublade wie in einem Voodookabinett.

„Ich glaub, ich bin sinnlich schon ziemlich verpeilt. Eigentlich gehöre ich eingesperrt.“

Was das Altwerden betraf, ließ er es eher lässig angehen.

“Wenn ich 30 bin, fang ich an zu überlegen, wie ich 40 werde, und wenn ich 40 bin, fang ich an zu überlegen, wie ich 50 werde, und so weiter und so weiter. Das muss reichen, fürs erste.”

Die 60 dagegen schaffte er nicht mehr. Er verfehlte sie ganz knapp.

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„die Nervenkrankheit macht mir schon zu schaffen , da muss jeder Schritt überdacht sein
ist anstrengend.
wir telefonieren die Tage!“

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„ich glaub ich hatte einen kleinen Schlaganfall
oder sowas in der Art
aber damit muss ich irgendwie klar kommen und einfach weiter üben um nicht schon wieder auf die Fresse zu fallen
spür kaum meine Füsse und muss mich ständig irgendwo festhalten ,meine Beine machen was sie wollen
jetzt versteh ich erst warum es diese Rollis gibt
aber geht schon besser
muss mich aber konzentrieren
das ist der Anfang vom Ende.“

(21. Januar 2020, 10:06)

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Karfreitag telefonierten wir ein letztes Mal. Das Karfreitag-Gespräch war sein Abschied von dieser Welt. Irgendwann über Ostern muss er die Mailbox aktiviert haben. Er wusste, dass er stirbt, und er wusste, ich würde noch mal anrufen. Er wollte beim Sterben nicht gestört werden. Er wollte seine Ruhe haben. Er wollte seine Ruhe behalten. Man stirbt, wie man lebt. Man hält an seiner Seele fest bis zuletzt.

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Ich hab nicht so viel Freunde, dass ich einfach auf dich verzichten könnte, hatte ich ihn Karfreitag (für meine Verhältnisse) fast angefleht, etwas zu unternehmen. Er gab mir sein Wort, an Dienstag nach Ostern einen Arzt aufzusuchen. Möglichst nicht den alten Hausarzt, der nichts als Verachtung für einen Gewohnheitstrinker wie ihn übrig hatte. Sondern die Fachärztin, die Neurologin, die ihn bereits wegen Thrombozytopenie behandelte und vorgewarnt hatte, dass die Krankheit sehr schnell schlimmer werden könne, „und denn kommen Sie wieder!“

„Ja, gut… ich geh… zu ihr“, meinte er mit ganz kleinen Buchstaben. „Mach ich.“

Aber ich wusste, er würde es nicht tun, und er wusste, dass ich es wusste. „Ich will nicht an Schläuchen enden, an sirrenden Apparaten im Krankenhaus…“, meinte er müde. „Ohne mich.“ Das hatte ich zu akzeptieren.

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Er war gesundheitlich schwer angeschlagen. Die Leber kaputt, Blutungen bekam er kaum noch gestoppt. Es schoss ihm aus der Nase, als hätte er das Wasser aufgedreht. Er sprach von Thrombozytopenie, der verminderten Anzahl von Blutplättchen. Sein Wert lag zuletzt unter 50.000 und war schon klinisch. „Ein Wert wie bei Leukämie“, schrieb er. „Es kann zu Spontanblutungen kommen“, las ich auf Wikipedia. “ Hirnblutungen.“ Er humpelte schon seit Wochen, konnte kaum noch gehen. „Ich brauch 20 Minuten für 50 Meter“, schimpfte er.

„aber was rede ich da ?
es gab gute und mal weniger gute Tage und alles im allen auch besonders schöne Momente
es gibt keinen Grund mich zu beklagen
Tu ich aber. verdammte Scheisse!“

(15. März 2020 um 12:40)

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Einmal fragte ihn jemand vorm Penny-Markt, wieso er einen Baseballschläger im Einkaufswagen habe. „Mein Fuß ist kaputt“, antwortete Mitsubishi. „Den brauch ich als Krücke. Und wenn du nicht aufpasst, zieh ich ihn dir gleich durch die Fresse.“ Er lachte laut auf, als er das erzählte, und natürlich wusste ich, dass er das nie im Leben gebracht hatte. Das alte Großmaul.

Polyneuropathie wurde diagnostiziert, eine übliche Folge von Alkoholmissbrauch. Wenn die Nerven kaputtgehen. Seine Zehen und die Ballen waren fast immer taub, er verlor dauernd den Halt zum Boden. Dazu kamen Bindehautentzündungen. („Konnte auf einem Auge nur noch wischiwaschi sehn.“) Zuletzt tauchten blau-schwarze Flecken auf, handtellergroß, erst an den Beinen, dann am ganzen Körper. „Richtig dicke Flatschen, die sind neu.“ Am Ende fühlte er sich wie Dresden – „ausgebombt. Zermahlen. Aber es kommt keiner, der mich neu aufbaut.“

Er war von Bier auf Wodka umgestiegen, der Untergang. Er sprach stets von einem „Kurzen“, wenn er Schnaps meinte. Der Körper mag keinen Schnaps. Er nimmt ihn hin, logisch, ein Körper nimmt alles hin, was man ihm antut, doch die Rache ist heftig.

„Warum bleibst du nicht beim Bier?“ fragte ich, und tatsächlich, in den letzten Wochen vor seinem Tod ließ er den Schnaps großenteils weg. Er setzte sich hin, meist in der Nacht, und begann wieder zu schreiben. Aus seinem Alltag zu erzählen, ohne Anfang, ohne Ende. Episoden, die davon künden, wie er in einer Kneipe in Barmbek Süd beim Bahnhof da um die Ecke eine Stunde damit verbringt, jemanden zu beleidigen –  „..funktionierte aber nicht. Waren alles Komplimente, wie sich hinterher herausstellte.“

Zwar hatte er auch in den Monaten zuvor geschrieben, in der Nacht, wenn er nicht schlafen konnte. Er tippte mir die Traktate direkt in den Kommentarkeller eines bestimmten Eintrags des Jahres 2018 auf Studio Glumm. Zum Schluss waren es über 400 als Kommentare getarnte kleine Stories, die sich angesammelt hatten. doch seltsam: zum Schluss waren da kaum noch Rechtschreibfehler. Nicht, dass es mich je gestört hätte, es war einfach augenfällig, es musste am Schnapsverzicht liegen. Selbst meine kleinen Seitenhiebe konnte ich mir nun sparen: Ich hab definitiv keine Ahnung, wovon du da redest, aber es ist brillant.

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Er war ein wilder Dichter. Wenn er mit Rainbowtours nach Paris aufbrach, um ein Wochenende zu verbringen, ging garantiert alles schief, und in den Straßen am Montmartre stank es nach schwarzem Tabak und Pisse.

mitten in Paris
neben dem Hotel du nord lag ich indem Stadtpark Dujardin oder so ähnlich
auf der wiese und kuckte mir alles an
verliebte Pärchen neben uns und auch überall
die Franzosen kennen da ja nix
die sind nur am knutschen und am fummeln
alles wirkte etwas künstlich
selbst der Wasserfall
na ok
meine bekannte hatte mich eingeladen
Wochenende Paris mit Rainbowtours
wir kamen irgendwann an
wer nicht mit zur Besichtigungstour mitwollte (was extra kostet) musste aussteigen und zwei stündchen vertrödeln

zum glück war da ein Wochenmarkt und Geschäfte hatten auf
nicht das ich deswegen genervt gewesen wäre oder so
es war viel schlimmer
weil die Penner zuviel Reisen vertickt hatten gab es ein Problem
und ein Ersatz-Bus musste her

gut.

die andern fuhren dann schon mal los mit ihrem doppelstöckigen Superteil mit Klimaanlage und Kühlschrank und schicken Toiletten
als dann diese weiss übertünchte Rostlaube aus der Vorkriegszeit uns abholte
natürlich ohne alles und jeden comfort
wollte ich nur noch abhauen
ich mein dass die kiste nicht sofort vom schiefkucken auseinanderfiel war alles ,was solls
es gab kein zurück
arschkarte
die andern mitreisenden kamen mir recht jung vor
selbst vor ungefähr fünfzehn jahren waren sie jung
die alte rostgurke fuhr davon mit unserem Gepäck
als wir denn im Hotel du nord landeten war es schon mittags
das zimmer war cool

der blick auf den französischen Kreisverkehr mit Tendenz zum tanzen
am abend sollte es eine lichterfahrt geben
paris bei nacht
ich besorgte uns erstmal eine flasche Pernod und testete meine franzbrocken
sprachlich-

ob die merken das ich deutscher bin?

am ersten abend ,wir wollten ja auch was sehn hatten wir uns komplett verfranst
in der Metropole nee in der Metro wurden wir erwischt ohne gültigen Fahrschein
ich versuchte es mit Händen und füssen die Sachlage zu klären
„in Hamburg“, wiederholte ich mindestens oft genug, „in hamburg wär das mit dem bezahlen anders..“
wir hatten keinen ticketautomaten ausfindig machen können und das war keine Absicht
die flics liessen sich erweichen und begleiteten uns zum ausgang wo wir denn endlich unsere Fahrkarte erwerben konnten,

knapp vor montmatre die ähnlich glänzte wie unser bus
klar war ja auch blauer himmel

ein buntes Volk tummelte sich auf den heiligen stufen ,mal mit mal ohne Gitarre
in der kirche selbst war es schön kühl –
aller kerzen zum trotz
hier und da waren ein paar andächtige
bei der arbeit
eher ernüchternd
unten rechts tauchte schon das berühmte Moulin Rouge auf
die Luft bekam einen anderen Charakter
es roch nach schwarzem Tabak und pisse auch nicht gerade ein Rosé

Sonntag dann mit der weissen gurke nach Versailles
da warteten schon fünfhundert busse
die leute standen Kilometerlang an
um ins innere zu gelangen
ich fragte nach dem Klo und schwupps war ich drin
aussen Politur
einmal aus dem fenster kucken dachte ich
sowie damals der Sonnenkönig
das muss reichen.

(02. September 2016)

*

Bevor er 1992 nach Hamburg ging, schenkte ich ihm eine alte Schreibmaschine, Gabriele. Mir fiel sonst niemand ein, von dem ich glaubte, dass er es mit Schreiben versuchen sollte. Der M. Boy hatte die Geschichten, er hatte den Blick. Hatte er auch die Ausdauer? Dummerweise war er ein Wirrkopf. Auf dem Weg zur Pointe vergaß er regelmäßig, warum er überhaupt angefangen hatte zu erzählen, er verlor den Faden und jeder Zuhörer schüttelte genervt den Kopf. Vielleicht half ihm Gabriele, sein Chaos zu ordnen. Ich glaube nicht, dass er Garbriele je gebraucht, je angepackt hat. Er fing erst an zu schreiben, als er sich 2010 ein Notebook zulegte und einen Blog eröffnete.

Ich war auf dem Weg zu Penny, begann er.

Genialer Einstieg. Er schrieb ein halbes Jahr lang, dann haute er in den Sack und löschte alles wieder. Nicht gut genug, sagte er. Ich war sein einziger Leser gewesen, aber ich hätte seine Miniaturen auch gut gefunden, hätte ich ihn nicht zufällig gekannt. Hätte ich nicht 1967 neben ihm vor der Grundschule Klauberg gestanden und mit ihm in die Sonne geblinzelt, den Hals verdeckt vom Rollkragenpulli.

 

 

Ostermontag 2020, zur Mittagszeit. Der erste Versuch, ihn an den Arztbesuch zu erinnern. Doch alles, was ich von nun an zu hören bekam, war: „Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar, wird aber über Ihren Anruf per SMS informiert.“ Als er nicht zurückrief, (was er sonst immer tat, wenn er meine Nummer sah), gab es nur zwei Möglichkeiten, was passiert war. Im günstigeren Fall lag er im Krankenhaus und konnte aus irgendwelchen Gründen nicht ans Handy, oder… tja, oder.

Und ich saß in Solingen, ein paar hundert Kilometer entfernt und wusste nicht, was ich tun wollte.

*

Der M. Boy wuchs in haargenau der gleichen Geschwisterkonstellation auf wie ich, also in derselben: große Schwester und jüngerer Bruder. Der M. Boy war wie ich ein Kind der Mitte. Das verband uns. Wir waren sowohl nach oben als auch nach unten geschützt, und dieser Schutzschirm war unsere Lebensversicherung.

Der M. Boy war auch der einzige, mit dem ich noch mit Anfang Dreißig Klingelmännchen machen konnte. Wir beömmelten uns wie die Pennäler, wenn wir auf dem Heimweg aus der Kneipe die halbe Nordstadt aus dem Schlaf klingelten. Mit einem Unterschied: statt wie früher stiften zu gehen, zockelten wir nun gemächlich unseres Weges, während in den Wohnungen die Lichter ansprangen und Fenster aufgerissen wurden.

„Ach, die sind längst weg“, sagten wir, wenn ein Aus-dem-Schlaf-Geklingelter angerannt kam und uns ansprach. „Die kleinen Schweinehunde.“

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Obwohl unser Festnetztelefon seit langem abgeschaltet ist, meinen wir es gelegentlich klingeln zu hören. Sonntags, beim Frühstück, gegen halb zehn, zu Mitsubishis favorisisierter Zeit. Wir nahmen niemals den Hörer ab, wir warteten brav, bis er den AB vollgequakt hatte, dann erst spielten wir die Aufnahme ab und lauschten, was er zu sagen hatte. Einmal, um 2005 herum, war ihm ein Fersensporn gewachsen, eine schmerzhafte Angelegenheit. Schon damals konnte Mitsubishi kaum laufen, doch da man selbst als gelernter Hartz 4-Bezieher gelegentlich die Bude verlassen muss, bekam er Probleme.

„He, was läufst du so schief!?“ sorgte sich die Nachbarschaft in Barmbek.

Da kam ihm eine kleine Erbschaft gelegen. Seine Mutter war mit Mitte 80 gestorben und hatte ihm etwas Geld und einen Wagen hinterlassen, einen 16 Jahre alten Opel. Die folgenden 14 Tage, so der M. Boy, erledigte er alles, was es zu erledigen gab, mit dem Auto – ausnahmslos. „Zu Fuß mach ich keinen einzigen Meter mehr.“ Und siehe: der Fersensporn gab klein bei. Wurde immer weniger und zog sich am Ende ganz zurück.

„Der brauchte nur ein bisschen Schonung, der lütte Speer. So mach ich das jetzt immer. Einfach in die Karre setzen und 14 Tage um den Block kurven, bis die Dinge sich von allein regeln.“

*

„Sag mal, was ist eigentlich mit dem Job-Center?“ fragte ich.  „Lassen die dich in Frieden?“

Ich erfuhr, dass sie ihn schon seit geraumer Zeit nicht in Frieden ließen. (Allerdings ist das auch nicht Aufgabe des Job-Centers, das muss man schon sehen. Jeder hat seine Aufgabe zu erfüllen.) Man hatte ihm einen 1-Euro-Job aufs Auge gedrückt: beim Gartenamt der Stadt, wo es Blumenzwiebeln einzugraben galt etc. Durch die ständige Arbeit in gebückter Haltung bekam Mitsubishi Magenprobleme. Er hatte dauernd Sodbrennen. Bis der alte Doktor ihm die Arbeit untersagte, „wenn Ihnen etwas an Ihrer Gesundheit liegt. Bücken ist nichts für Sie.“ Damals mochte ihn der alte Knabe noch. So kam der Mitsubishi Boy aus der Nummer raus, „bücken ist nix für mich“, so wie er am Ende aus so ziemlich jeder Nummer herauskam. Bloß aus der letzten, aus der nicht.

*

Anfang März bekam er in der Nacht starkes Zahnfleischbluten, es wollte und wollte nicht aufhören. „Ich hab gedacht, ich laufe aus, so pumpte das. Da hab ich Schiss gekriegt und den Rettungswagen angerufen, um 2 Uhr früh. Ich bin noch raus auf die Straße gerobbt, damit es schneller geht. Gehen konnte ich nicht mehr.“

Es war zu Beginn der hochkochenden Corona-Krise.

„Echt gespenstisch, wie die beiden Sanitäter da in Schutzanzügen aufkreuzten, mitten in der Nacht… vermummt wie Astronauten. Was ist denn los? fragten sie treuherzig, obwohl ich wie der Tod aussah. Na, ich laufe aus, sagte ich, aber.. Ich hab’s echt nicht geglaubt, die haben mich vor der Tür stehenlassen, mit all dem Blut und obwohl ich nicht mehr gehen konnte… war denen scheißegal. Dabei ist das Bundeswehrkrankenhaus gerade mal 500 Meter entfernt. Das wäre nur ein Klacks gewesen für die, mich dahin zu bringen.“

„Versteh ich nicht. Warum haben die das nicht gemacht?“

„Der eine meinte, es würde reichen, wenn ich früh um acht zum Hausarzt gehe. Sie sind kein echter Notfall. Und schon waren sie weg.“

Ich schätze, in dieser Nacht brach sein letzter Widerstand zusammen. Er hatte schon zu diesem Zeitpunkt kaum noch die Energie, sich für die eigenen Belange so einzusetzen, dass die Rettungskräfte ihn hätten mitnehmen MÜSSEN.

*

„Ich glaub, das war’s mit mir…“, sagte er. Es herrschte Stille am Telefon. „Man merkt ja… ob der Körper.. noch was draufhat… oder nicht. Ich glaub nicht, dass das noch was wird… Den Tod kann man riechen. Es riecht nach Fett.“

Er redete schon ganz langsam, er schob die Worte beinah vor sich her. Ich hab selten ein Gespräch geführt, bei dem mir so mulmig wurde.

„Was machst du zuhause, wenn es dir so schlechtgeht..?“ fragte ich vorsichtig. Ich stellte es mir schlimm vor, dauernd allein zu sein, wenn man so übel dran ist. Dass nie einer da ist, der dich stützt. Weil aber keine Antwort kam, setzte ich ein „vor dich hindösen..?“ hinzu.

„Ja“, sagte er leise. „Gut gesagt. Genau.. Ich dö…se vor mich hin, ja, kann man so sagen.. Ab und zu ein Bierchen.. und einen Kurzen, für die Nerven.“

„Hast du Schmerzen?“

„Zum Glück nicht. Also, außer beim Laufen. Ich humple ja nur noch.“

*

In jungen Jahren war er ein gutaussehender Bursche, ein Beau, ein Gigolo fast. Aber kein Angeber. Eher einer, der vorm Spiegel verschmitzt in sich reinkichert, Junge, Junge, wie kann man nur so unverschämt gut aussehen. Und dann drehte er sich um und betrachtete seinen Hintern im Spiegel, gab sich einen ironischen Klaps und haute einen Blues raus, a cappella, dabei am Tresen den Takt schlagend. Eine Kneipenwirtin in Wandsbek lobte ihn: „Singen kannst du“, sagte sie, „aber dir fehlt das Gefühl.“ Worauf Mitsubishi die Lippen schürzte, als hätte er ein besonders leckeres Bonbon in Arbeit und ein weiteres Mal die Gläser zum Klirren brachte.

„Cool“, sagte ich anerkennend, als er am Telefon davon erzählte.

„Ja. Ging aber auch schon mal nach hinten los… Hausverbot und so.“

„Das gehört dazu.“

*

Doch jetzt im Alter, wo das viele Bier nicht nur den Bauch, sondern auch das Gesicht in Teilen verformt hatte, da schämte er sich ein bisschen für sein Aussehen. Er wollte auch nicht an der Krücke gesehen werden, die er jetzt brauchte, um voranzukommen, er wollte nicht, dass die Nachbarschaft ihn als Rumpelstilzchen wahrnahm. Da blieb er lieber daheim und verließ es nur noch, um im Penny-Markt einzukaufen.

Karfreitag, in den Mittagsstunden. Laut Handy waren wir exakt 24 Minuten und 40 Sekunden miteinander verbunden. Danach hat er mit keiner Menschenseele mehr gesprochen. Er hat sich vom Leben verabschiedet. Er war müde, er hatte Wortfindungsschwierigkeiten. Er hatte keine Lust zu gar nichts mehr.

„Wenn ich schon den Fernseher nicht mehr anmache…“, sagte er und ließ den Satz halbfertig in der Luft hängen.

Ich hörte seine Traurigkeit, als er sagte: „Hier sind so viele Klamotten in der Bude, so vieles, was sich über all die Jahre angesammelt hat… Klamotten, wo ich immer gedacht hab, eines Tages ziehst du die wieder an, die 501er-Jeans, die Sweatshirts, eines Tages,.. wenn du wieder dünn geworden bist, wie früher…“

*

Die Leute in meiner Heimatstadt, die Studio Glumm verfolgen, wissen in der Regel, wer sich hinter welchem Pseudonym verbirgt. Sie wissen, wer Karlos ist, wer der dicke Hansen (†) war, wer der Mann mit dem Buch (†), wer Ringo etc. Doch der Name Mitsubishi Boy warf bis zuletzt Fragen nach seiner wahren Identität auf. Der Grund lag auf der Hand: da er die Heimat bereits vor fast 30 Jahren verließ, (und auch nur für wenige Visiten zurückkehrte), hatten ihn viele schlicht vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn, so ist das Leben.

Er war ein Einzelgänger, aber er hatte seine Kontakte. Mit Burek freundete er sich richtig an. Burek war vermutlich der einzige Freund, den er je hatte, in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern zogen sie durch die Stadt. (Mich als Freund von Mitsubishi zu bezeichnen, wäre eine Nummer zu dick aufgetragen. Wir waren alte Kameraden. Wir hatten den Krieg überstanden.)

Es gibt ein Bild, das sich eingebrannt hat in mein Gedächtnis. Und jedes Mal, wenn es in meiner Erinnerung auftaucht, so wie imposante Bilder das in unregelmäßigen Abständen zu tun pflegen, justiere ich kurz die Schärfe, schon steht es in seiner ganzen Pracht vor mir. Es muss zum Jahreswechsel 1978/79 gewesen sein, als wir nach Mitternacht in Hansens überfüllter Karre saßen und am Werwolf entlangfuhren. Es lag Schnee in dieser Nacht, und es schneite immer noch. Wir mussten Schritt fahren, der Untergrund war rutschig. Da tauchten plötzlich wie auf einer riesigen Leinwand der Mitsubishi Boy und Burek auf, wie sie im dichten Schneetreiben die Kreuzung Werwolf freizuschaufeln versuchten. Sie hatten irgendwo zwei Schneeschippen organisiert und machten auf Monty Python, nur fürs eigene Plaisier. Ich erinnere mich, dass wir stehenblieben und zuschauten, wie die beiden im knalligen Laternenlicht mit extra-ausladenden Schaufelbewegungen ihren WINTERDIENST ableisteten, man hörte ihr von Schnee gedämpftes Gelächter. (Wie wir später erfuhren, kamen sie direkt von Bureks Bruder Freewheelin‘ Franklin, bei dem es Feuerzangenbowle gegeben hatte. Und selbst während der Slapstickeinlage am Werwolf leerten sie eine halbe Flasche Asbach.) Es war ein irres Bild, die Unmengen Schnee, das grelle Kreuzungslicht, und mittendrin der Stadtdienst Ordnung. Für mich ist es bis heute das definitive Bild der späten 70erjahre.

*

Im betrunkenen Zustand rief der M. Boy die halbe Welt an, am liebsten mitten in der Nacht. Besonders die alten Weggefährten aus seiner Solinger Zeit mussten dran glauben. Viele reagierten genervt, wurden nicht klug daraus, was der Mann überhaupt wollte. Er konnte schon anstrengend sein. Und wenn Mitsubishi noch etwas konnte, dann kryptisch reden. Er hatte ja selbst keine Ahnung, was in seinem Kopf los war.

*

Es gibt nix schlimmeres für einen gesetzten Seemann
als seiner Mütze hinterher zu laufen
ach was ,sie zu sehn
wie sie davon fliegt
wegen einer blöden WINDBÖE!

*

„Der liegt bestimmt tot in seiner Bude“, meinte die Gräfin, als ich ihr von unserem letzten Gespräch und seinem schlechten Zustand berichtete. Doch was sollte ich tun. Alles, was ich hatte, war seine Handynummer. Im Nachhinein ärgerte ich mich natürlich, ihn nie nach seiner Adresse gefragt zu haben, genau für so einen Fall, wie er jetzt eingetreten war. Wen sollte ich jetzt informieren? Wer konnte eingreifen? Die beiden Geschwister? Von seinem jüngeren Bruder wusste ich den Vornamen und dass er in Köln lebte, doch für Google existierte ein Mann seines Namens nicht. Nicht in Köln, nicht in Deutschland. Mitsubishis Schwester lebte in Solingen und hatte ihren alten Jugendfreund Thomas geheiratet, das hatte Mitsubishi mir erzählt. doch sein verdammter Nachname wollte mir nicht einfallen. Ich kannte ihn aus dem Haus der Jugend, aus den frühen Siebzigern. Er hieß Thomas… Sowieso. Ich rief Karlos an, doch auch Karlos musste passen. Ich schickte Burek eine Email. Ihm fiel der Nachname auch prompt ein,  er wusste sogar, warum der Mitsubishi Boy Mitsubishi Boy hieß, doch es nutzte alles nichts. Auch Thomas K.  existierte nicht, wenn man sich an Google wandte.

*

Dienstag nach Ostern fing ich an, Krankenhäuser abzutelefonieren. Mitsubishi hatte erwähnt, dass er nicht weit vom Bundeswehrkrankenhaus Wandsbek wohne, keine 500 Meter entfernt. Dort fing ich an. Nein, man hatte ihn nicht aufgenommen, doch die überaus freundliche Dame rückte immerhin seine Adresse heraus. Sie stattete mich außerdem mit den Telefonnummern weiterer Hamburger Kliniken aus. Ich rief eine nach der anderen an, ich hakte ab. Nirgends konnte man mit seinem Namen etwas anfangen. Der Mann im KH St. Georg meinte, rufen Sie bei der Feuerwehr an. Wenn es bei Ihrem Freund über Ostern einen Notdienst-Einsatz gab, weiß die Feuerwehr davon.

Am folgenden Tag rief ich die Feuerwehr an, doch auch hier, nichts. Letzte Möglichkeit war die Polizei. Ich googlemapte das seiner Adresse nächstgelegene Kommissariat raus, rief am 17.4. an und schilderte alles. Der Rückruf der Kripo kam 4 Tage später: „Ich muss Ihnen leider mitteilen.. wurde tot in seiner Whg. aufgefunden.“ Man vermutete einen natürlichen Tod. Dennoch wurde routinemäßig eine Obduktion angeordnet. Mehr erfuhr ich nicht vom Kommissariat 35.

*

Den Sturm aussitzen.

Abwettern, sagt der Seemann.

Abkacken, der Mitsubishi Boy.

„22 Monate das Gerassel der Schließer in den Ohren“, stöhnte Mitsubishi, als er von seiner Zeit im Knast erzählte, wegen Drogenschmuggels, „und mittags Erbsenpüree.“

*

An einem Sommermorgen 1991 ging das Telefon. Der Mitsubishi Boy war dran und fragte, ob ich Lust hätte schwimmen zu gehen. Warum nicht, sagte ich, aber ich bin blank. Halbe Stunde später stand er vor der Tür, mit  seiner moosgrünen Gangsterkutsche. Auf dem Boden eines Schwimmbeutels lag ein Zwanzigmarkschein begraben, unter Handtüchern und sonstigem Badezeugs. Ich musste ihn mir selbst herausfischen.

„Tu was für dein Geld, alte Frau Glumm.“

Wir fuhren runter ins Freibad Schellberg, dem Unikum unter den bergischen Freibädern. Im Talkessel hatte man den steilen Abhängen Liegewiesen abgetrotzt, auf denen die Badenden in der Sonne lagen, wie Vögel, die an Steilküsten brüteten, in Badehosen.

„Ich fang morgen meinen neuen Job an“, sagte der Mitsubishi Boy, als wir am Kiosk saßen und Bier tranken. „Das ist mein letzter Versuch. Wenn der Job nicht klappt, haue ich in den Sack und geh nach Hamburg. Ich hab die Nase voll von dem Nest hier. Wer sich hier aufrichtet, holt sich sofort ne blutige Nuss.“

Außerdem habe er die letzten fünf Jahre nichts anderes getan als mit seiner Katze rumzukrebsen. Auf der Silvesterparty von 90 auf 91 hatte er eine süße Schweizerin kennengelernt, die in Hamburg auf die Schauspielschule ging. Ein charmantes Ding, wie Schwyzerinnen so sind. Warmherzig, sprunghaft. Schön und süß, auch das. Aber zunächst mal war da der neue Job, sein letzter Versuch in der Heimat Fuß zu fassen, in einem Keramik-Vertrieb. Auf dem Lager. Am Montag war der Chef noch ganz angetan von Mitsubishi und versprach, ihn bald als Vorarbeiter zu beschäftigen. „Brauchst du dich nicht länger mit dem Pack hier rumzuschlagen“, sagte er, womit er die Russen meinte, die die ganze Maloche machten. Mittwoch ging die erste Vase zu Bruch. Tags drauf zerschoss Mitsubishi mit dem Elektrohubwagen eine Palette Keramikfrösche aus Fernost – Schnickschnack alles, aber Schnickschnack, dem die Firma ihren ganzen Umsatz verdankte. Die Kündigung kam Freitagmittag per Einschreiben,

Im Herbst siedelte der M. Boy um nach Hamburg. Er war 30, sein Vater kurz vorher gestorben. In den folgenden Monaten rief er ab und zu an, wenn ich im Turm-Hotel Nachtdienst hatte. He, du Nachtgesicht. Er wohnte in einer Schrebergartenkolonie in Wandsbek und hatte voll den Schimmel in den Wänden. Bleib mal eben dran!, rief er und spielte mir ein neues Blues-Stück vor, das er irgendwo aufgetan hatte. In Deutschland haben alle den Blues, sagte er, aber keiner spielt ihn. Is doch Kacke.

*

Die Leute, die aus SG wegziehen, tun dies in aller Regel, um die Welt kennenzulernen, um etwas zu erleben. Man spricht nicht umsonst davon, sich zu verändern, wenn man den Wohnort wechselt. Mitsubishi aber blieb, wie er war. Er machte aus Hamburg ein großes Solingen und lebte sein Leben einfach weiter wie zuvor. Mit dem Unterschied, dass ihm wohl die alten Leute fehlten. Sonst hätte er nicht so oft in der alten Heimat die Leute aus dem Schlaf telefoniert.

Ich blieb der alte Loser
ich fühl mich nicht als Tourist aber heimisch ist auch was anderes , sowas teilt man am besten mit Freunden oder Freundinnen
Ich hab hier meine Lieblingsplätze und muss nicht grossartig suchen
Reeperbahn oder Hafen spielen da gar keine Rolle
Ich bin halt ne Ouittsche wie der Hamburger sagt.

so Long!

*

Kam er anfangs noch regelmäßig in die alte Heimat und besuchte uns am Kannenhof, (Weihnachten), wurde es mit den Jahren immer weniger. 2008 oder 2009 ging das Gerücht um, dass der Mitsubishi Boy tot sei. (Wovon ich nichts mitbekam.) Burek kondolierte sogar seiner Mutter, als er sie zufällig auf der Straße traf, zum Tod ihres Ältesten. Sie muss ganz schön blöd geguckt haben.

Erst 2010 ging wieder das Telefon, der Mitsubishi Boy war dran. Die Stimme etwas tiefer, versoffener. Ansonsten war er der verwirrte Beau, wie eh und je.

„Aber jetzt mit Bierbauch!“, meckerte er fröhlich.

Auf seine dahinjagende hechelnde Art verblüffte er ganz wie früher mit eigenen Betrachtungen zur Lage der Nation. „Die Wirklichkeit besteht ja nicht nur aus Rätseln, die Wirklichkeit besteht aus Dramatik, Kultur und Tinnef. Und wenn alles zusammenkommt, ich meine, der ganze Matrosenkram und alles, tja, min Jung, dann ist das Schönste immer noch: Blumen kaufen.“

„Ja genau“, strahlte ich. „Da ist was dran.“

*

2014 gab es eine Lesung in Hamburg, ich hatte leichtfertig zugesagt. Etwa eine Woche lang suchte ich fieberhaft nach einer Ausrede, warum ich nicht kommen könnte. Ich biss mich in den Arsch, dass ich zugesagt hatte, aus einer Laune heraus. „Ich möchte doch nur zu Hause bleiben“, klagte ich der Gräfin mein Leid.

„Nun fahr“, sagte sie nur. „Man muss tun, was man tun muss.“

3. Oktober. Tag der Lesung, Sonnenschein, zwanzig Grad, blauer Himmel. Perfektes Wetter, um für immer unterzutauchen. Eine Stunde vor der Lesung, die im Schanzenviertel stattfand, einen Steinwurf von der Roten Flora entfernt, tauchte Mitsubishi auf, genau in dem Moment, als ich ihn laut Anruf-Protokoll meines Handys zum 11. Mal innerhalb der vergangenen beiden Stunden vergeblich zu erreichen versuchte. Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar. Ich blickte die Außentreppe runter und da stand er, live, unten im Garten: Der Mitsubishi Boy. Viel zu große Sandalen, NATO-Jacke, Trinkerhände. Später erzählte er, dass er mich erst gar nicht erkannt hatte, da oben auf der Treppe. „Ich dachte, du wärst der Türsteher, ich fragte mich schon, ob du mich überhaupt reinlässt mit meinem Bier in der Hand.“ Ich winkte ihn hoch, und als er oben war, lagen wir uns kurz in den Armen.

„Du siehst verdammt schlau aus mit deiner Brille“, spottete er, als er oben ankam, außer Puste.

*

In der Nacht zogen wir über die Reeperbahn, im Schlepptau meines Neffen und seiner Frau, die ebenfalls in Hamburg lebten, mitten in St. Pauli, und  mit jeder Buddel Weisswein mehr zu glühen begannen. Im Silbersack schilderte Mitsubishi, schon reichlich angetrunken, wie er einmal Romina Powers und ihren Mann im Penny-Markt am Alten Teichweg gesehen hätte.

„Jetzt sind sie geschieden.“

Mein Neffe kriegte sich nicht mehr ein. Er kannte Mitsubishi bislang nur dem Namen nach, aus meinen Geschichten.

„Übrigens, ich hatte auch Mitsubishi Boy-Texte dabei, die hätte ich auch lesen können“, meinte ich zum M. Boy, doch der wehrte nur ab, Flasche Bier in Arbeit.

„Ach wo, das wär doch albern gewesen.“

*

Soll mal einer sagen, ich wäre kein Glückskind. Erst schenkt mir der Mitsubishi Boy als kleine Aufmerksamkeit zum Wiedersehen eine einzelne, in Alufolie gewickelte Filterzigarette der Marke St. Pauli, (obwohl ich seit 2 Jahren nicht mehr rauche), dann finde ich in der Nacht meine Brieftasche wieder, die ich auf dem Männerklo verloren hatte, ohne es überhaupt zu bemerken.

Bis morgen um drei waren wir zu viert über die Reeperbahn gezogen. Zwischendurch verloren wir uns aus den Augen, jeder war plötzlich woanders, alle waren weg. Wir simsten wild hin und her, wer gerade wo in welcher Kneipe auf wen wartete. Eine übermütige ausgelassene Stimmung herrschte überall in den Straßen, es war langes Wochenende mit Getümmel im Silbersack, Crazy Horst, Roschinsky. Und dann noch die Sache mit der verlorenen Brieftasche. Unglaublich, aber wahr: ich hatte sie im 73 verloren, dem Kulturzentrum, als ich aufs Klo gegangen war. Danach saß ich wieder mit Mitsubishi, meinem Neffen und seiner Frau zusammen. Wir tranken Bier und Schnaps. Freunde der beiden kamen vorbei. So der lange Heiner, der kurz vor der Lesung einen Salsa-Kurs besucht hatte, um seiner neuen spanischen Freundin zu imponieren. Heiner turnte auch gleich vor, wie man als hüftsteifes Nordlicht den nötigen Hüftschwung herstellte, nämlich indem man sich über Kreuz ans Knie fasst. Als Mitsubishi das probierte, lag er auf der Nase wie ein Käfer und kam kaum wieder hoch.

Meine Blase kam in Schwung, ich musste wieder pinkeln. Ich stiefelte runter aufs Klo, sondierte eher nebenbei den mit Gumminoppen ausgelegten schwarzen PVC-Boden, als mein Blick zufällig, nahe einer Tür (PERSONAL), auf eine Brieftasche fiel, die mir bekannt vorkam. Das ist doch deine, dachte ich. Ich kapierte erst gar nicht, warum sie da lag, was sie da zu suchen hatte und warum sie nicht (wie sonst) in meiner rechten Gesäßtasche steckte. Erst da begriff ich: ich musste sie schon bei meinem letzten Gang aufs Klo verloren haben..! Ich hob sie auf, schaute hinein, es war alles da: Bargeld, Bankkarten, Ausweise etc. Es war kaum zu fassen. Da verlor ich mein Portmonee, das relativ prall gefüllt war (inklusive Honorar für die Lesung & Kohle fürs Rückfahrticket) und eine geschlagene Dreiviertelstunde später finde ich das Ding zufällig (und vollständig) auf dem Pott wieder, weil sich niemand danach gebückt hatte. Was hatte ich ein Schwein gehabt…

Nachts, auf St. Pauli.

„Jetzt kacke ich echt ab.“ (Mitsubishi)

*

“Ich mein, es ist schon schwierig, als verkrachte Existenz durchs Leben zu kommen, doch mit mehreren verkrachten Existenzen in einer einzigen Person, mein Lieber, da wird’s knifflig. Da zeigt sich der Champ.“

*

Die Sauferei hat ihn dahingerafft. Er hinterlässt eine Lücke, die niemand schließen kann, was mich betrifft. Dafür war er einfach zu selten. Sanne hat es einmal so beschrieben.

„Da steht ein Haufen Eisen am Straßenrand, jede Menge rostiges Zeugs, aufgeschüttet für den Altmetallhändler. Und ganz oben sprießen Maiglöckchen und Pusteblumen, wo man sich automatisch fragt, wie sind die dahin gekommen..? Das ist der Mitsubishi Boy.“

Das war der Stefan.

*

Er hatten guten Draht zu seiner Mutter. Die beiden fuhren viele Jahre gemeinsam in Urlaub. Jeden Sommer erreichten uns Postkarten von der Küste. Moin Moin! Als die Mutter starb, erbte Mitsubishi ein bisschen Geld und den Wagen, den sie gefahren hatte. Eine nicht mehr ganz taufrische Kiste, doch es reichte, um nun allein an die See zu fahren und oben am Deich den Regiestuhl aufzubauen. Das hatte er auch diesen Sommer vor,

ein letztes Mal das Meer sehen und den blauen Himmel.

(15. März 2020 um 15:25)

*

„versprochen !
passt auf euch auf !-
wir kriegen das gebacken!!“

(Seine letzte Nachricht. 07. April 2020 um 02:09)  

 

„Stefan mein Freund.. wie ist es?“

(Meine letzte Nachricht. 11. April 2020 um 10:39)

 

Ich hab mal kurz durchgezählt:

Da sind etwas über 150 Notizbücher, die sich angesammelt haben über die Jahre. Sie sind gleichzeitig immer auch Tagebuch. Ganz brav stehen sie im Regal, nach Datum sortiert und gekennzeichnet, in Reih und Glied, fast wie Soldaten. Aber es sind Anarchisten. Sie fügen sich nicht. Oder nur widerwillig. Es gibt sogar Exemplare, die rutschen unter den Autositz und tauchen wochenlang nicht mehr auf.

Ein anderes hab ich mal in der Schalterhalle einer aufgegebenen Sparkassenfiliale liegengelassen, die mittlerweile von einem Kulturverein genutzt wird. Da gab es eine Lesung, da war ich eingeladen, sogar Karlos hat etwas vorgetragen. Als ich am nächsten Morgen feststellte, dass mein Notizbuch weg war, rief ich beim Kulturverein an. Moment mal, sagte der Chef und ging nachgucken. Er fand es auf Anhieb, weil ich eine Vermutung hatte, wo es mir weggerutscht war. Na, mein Kindchen, sagte ich, als ich es eine Stunde später abholte. Hat man dich gut behandelt? Wurdest du ordentlich versorgt? Oder brauchst du eine Revanche?

Das erste Notizbuch, das ich wirklich mit mir herumtrug, war das von Dezember 1985, als Lana mich zum ersten Mal verließ. Es war nicht mein erstes Notizbuch überhaupt, ich hatte bereits welche genutzt, doch zum ersten Mal hatte ich es ständig am Mann, wie ein Spielmacher den Ball. Zum ersten Mal hatte das Notizbuch eine wirkliche Funktion. Ich nutzte es wie einen Freund, dem ich Dinge anvertraute, wenn kein Freund in der Nähe war, kein Karlos, kein Schnaat. Und ich war im Dezember 1985 voll mit Dingen, die ich Freunden anvertrauen musste, ich war darauf angewiesen, es loszuwerden, wollte ich nicht daran ersticken. Ich war verlassen worden. Die große Liebe war mit einem anderen durchgebrannt. Da braucht es Freunde.

Wer etwas über sich erfahren will, das über den Anblick im Spiegel hinausgeht, der sollte den Leuten zuhören, die einen sehr lange kennen. Wer keine Freunde in seiner Umgebung hat, die einen lange genug kennen, der sollte schleunigst Freundschaft schließen. Dann zehn Jahre warten, und noch mal fragen.

So ein Notizbuch umfasst im Schnitt 3 Monate, manche mehr, manche weniger. In den Jahren zwischen 1995 und 2005 habe ich kein einziges Wort geschrieben, es sind zehn verlorene Jahre, es gibt kein einziges Notizbuch aus dieser Zeit. Und dann gibt es Notizbücher, die sind in 14 Tagen voll.

Die Notizbücher sind mein Maschinenpark. Es kommt vor, dass ich im Betrieb stehe und meinen Blick stolz über die Maschinenhalle wandern lasse. 150 leise tuckernde Maschinchen, von denen jedes einzelne zwischendurch und immer mal wieder zum vollen Einsatz kommt. Dazu greife ich blindlings hinein. Einfach mal reinlangen in die Vergangenheit. Einfach mal kommen lassen, dem Zufall vertrauen – es ist die Lust aufs eigene früher.

Es ist wie bei einer Plattensammlung. Nicht jede Platte hat Potenzial und enthält Single-Auskopplungen, ganz zu schweigen von einem Hit. Im Gegenteil. Was ich herausfische, sind oft Arztbesuche oder Spaziergänge mit Hund, der ganz normale Alltag und weniger die dicken unvergesslichen Bumsfallera-Tage, das Durchmachen bis morgen früh, das Singen und Rotzen der frühen 80er. Hätte ich bloß in solchen Zeiten Buch geführt, die Sammlung wäre dünn. Klitzeklein.

Ist sie aber nicht.

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An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof und ich opfere eine Erinnerung

„Manchmal fühle ich mich wie ein Höhlenmensch, den man in ein riesiges New Yorker Kaufhaus geschubst hat“, sagt sie.

„Macys?“

„Ja,.“

*

Wegen der ungewöhnlich früh einsetzenden Hitze bin ich schon im Morgengrauen mit dem Hund unterwegs, als mich ein Hustenreiz attackiert – prompt schalten sich sämtliche Straßenlaternen um mich herum aus. Also im absolut selben Moment. In einer total deckungsgleichen Aktion, um 6.00 früh. Als hätten die verdammten Lampen nur darauf gewartet, dass ich endlich draußen auf der Bildfläche erscheine und lauthals huste. Wer gerät da nicht ins Grübeln, was dieser Tag wohl noch alles aufbieten wird, um mich zum Staunen zu bringen – außer neuen Hitzerekorden und CDs auf der Rückbank, die in der Sonne zergehen wie Schmelzkäse. Wie ich diese feuchtschwüle Hitze hasse…

Der Schweiß, der von der Stirn auf den Bügel der Brille tropft und das ganze Gestell so ins Rutschen bringt, dass ich alle naselang den Sitz der Brille korrigieren muss, sonst sehe ich nichts. Bloß Schmierfilm. Und all den Staub, der sich von der langanhaltenden Trockenheit absetzt und bei mir Hustenreiz auslöst und beim Hund diese langanhaltenden Verschluckungsanfälle. Armer Glumm. Armer Hund. Heiße Welt.

*

Mir gegenüber in der S7 sitzen ein Mann und eine Frau, beide in den Vierzigern. Mir scheint, sie kennen sich von einem früheren Arbeitgeber, haben sich aber lange nicht gesehen. Ich sehe Tränensäcke und weit runtergezogene Mundwinkel, ich sehe bröselnde Wangenknochen – viel zu tun für einen Schönheitschirurgen. Aber da kommst du mit einem nicht aus, denke ich. Zum Glück hab ich die Vierziger schon hinter mir. Die Schallmauer. Mit Gongschlag 45 endet die Jugend. Mit 45 sieht man plötzlich besonders angegriffen aus. Dann sollte man besser daheim bleiben. Im Keller, ein bisschen aufräumen.

„Sagen Sie… der Herr Klein, was macht der eigentlich?“ fragt der Mann. „Gibt der nebenher noch Tanzunterricht?“

„Ja, der gibt immer noch Tanzunterricht. Meine Tochter ist da im Club.“

„Ihre Tochter..? Ach, wie schön. Wie alt ist die Kleine denn?“

„Jennifer ist vierunddreißig.“

„Hm, ach so. Hm.. na. Und wie ist das, ich meine… beten die.. immer noch, wenn die fertig sind? Nach dem Tanztraining?“

„Ja. Der ist ja sehr christlich, der Herr Klein.“

„Ja, genau. Ein Hundertprozentiger.“

Es ist abartig heiß im Abteil, ich fächle mir Luft zu. Auf der ganzen Welt ist es heiß geworden, seit drei Tagen, wie nach einem schweren Bedienungsfehler. Es brennt bei den Christen, es brennt bei den Muslimen, es brennt orthodox und in halb China. Seit Wochen ist es so heiß auf der ganzen Welt, als hätte man die Sonne aufgeschnitten, als wäre Feuer und Glut ausgelaufen.

Flammen.

Außerdem hat hier irgendwer starken Mundgeruch. Es riecht!, möchte man schreien. Ihr Schweine stinkt. Fresst ihr keine Hormone?! Man möchte Deoroller spendieren, groß wie Saugwalzen.

„Seine Frau, das war ja eine Lustige.“

„Hm?“

„Ja. Seine Frau.“

„Seine Frau..??“

„Ja, vom Klein die Frau.“

„Hm, ach soo, die hab ich nicht gekannt.“

„Doch. Ich schon. Die hat gewusst, wo die Glocken hängen, die Frau Klein. Haaha..“

„Die ist auch früh gestorben.“

„Auch..? Wieso auch? Wer denn noch?“

„Ich sag das nur so, auch.. Na. Egal. Ja, der Herr Klein. Immer die Gebete..“

„Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind.“

„Kann von heute auf morgen alles vorbei sein“, meint der Mann.

In dem Augenblick, wo ich aus dem Fenster schaue, marodiert ein Trupp Gleisarbeiter übers Bahngelände, die orangefarbene Warnweste geschultert – ein Bild, das selbst unsere alte Sonne so anrührt, dass sie für einen Moment aus dem Tritt gerät und die Menschheit der Verdunkelung überlässt. Mein Bergisches Land, mein vergängliches kleines England. Wohin man auch blickt, überall Gesichter wie zu früh aus den Händen der plastischen Chirurgie entlassen. Unschöne Ergebnisse. Als würden sie Geld dafür kriegen, sich zu früh zu zeigen in der Öffentlichkeit. Bloß – warum? Keine Ahnung. Vielleicht ist es einfach die viele Hitze, die uns Menschen verrückt macht. Der Schmelzpunkt. Die Temperaturen um 35 Grad. Der Frühling, ein abgebrühtes Schuppentier. Ein Wirtstier, ein Virus. Eine zerbröselte Natur.

Und niemals Regen.

Früher hieß es, das Bergische Land ist ein verdammtes Regenloch. Hier hat es so viel geregnet, dass man den KNIRPS erfand, den kleinen Schirm, der auf Knopfdruck aufging. Das ist lange her. Vom Regenloch zur Trockenzeit = 30 Jahre.

*

Das Rezept der Gräfin gegen die Hitze: Viel Kamillentee trinken und mollige Damen zeichnen. Das kühlt die Finger.

„Hagere Mädchen beim Einkaufen malen kommt auch gut“, wende ich ein.

„Ja? Kann sein“, sagt sie. „Muss ich ausprobieren.“

*

„Ich hab keine Angst vor der Zukunft“, sagt sie. „Auch nicht vor der Gegenwart. Ich hab Angst vor meiner Vergangenheit.” Ich schreibe es auf. Es sind 3 Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Ich frage sie nicht.

Lassen wie es doch einfach so stehen.

*

„So. Ich muss jetzt raus her“, meint der Mann..“ Zum Gedächtnistraining.“

„Gedächtnistraining?“ fragt die Frau neugierig. „Einmal die Woche? Ja? Oder wie ist das?“

„Ja, immer mittwochs.“

„Mittwochs? Heut ist Dienstag.“

„Nee! Mittwoch!“

„Weiß ich doch. War nur ein kleiner Scherz. Eine kleine Prüfung.“

„Ach so.. na gut. Ich steig hier aus.“

„Ja? Ich auch.“

(Doppelter Abgang.)

*

Mädchen beim Einkaufen, Susanne Eggert

*

Als wir im Autoradio eine Oldie-Station reinfummeln, läuft „Sealed with a kiss“, der Edel-Heuler von Brian Hayland.

„Yes it’s gonna be a cold, lonely sum-mer..“

„Hm? Wie heisst das? Was singt der da eigentlich?“ fragt die Gräfin.

„Sealed with a kiss“, sag ich.

„Sealed with a kiss?“

„Ja. Versiegelt mit nem Kuss.“

„Ja..? Ich hab immer See you with a kiss verstanden.“

In einer ausladenden Rechtskurve singt sie den Refrain trotzdem falsch. Noch vehementer falsch. Erst recht falsch. Das ist schon keine Schnulze mehr. Das ist eine Kampfansage an die Wirklichkeit.

*

„Irgendwie bin ich heute gar nicht richtig da“, murmelt sie. „Aber woanders bin ich auch nicht.“

*

Keiner ruft an, Post kommt nicht, WhatsApp im Eimer.

„Wir sind Gottes vergessene Kinder!“ ruft die Gräfin.

Hoffentlich hält der Zustand noch einige Zeit an.

*

„Wenn ich tot bin, würde ich am liebsten alle zweihundert Jahre zur Erde zurückkehren.. nur um nachzuschauen, wie weit wir Menschen gekommen sind. Ob wir schon herausgefunden haben, wie groß das Universum ist. Wo es endet. Und wo es wieder anfängt.“

Dass ihr dieser hohe Erkenntnisgewinn verwehrt bleiben wird, macht sie jetzt schon wütend.

„Wozu dann überhaupt etwas wissen..? Dann doch lieber gleich doof bleiben, Steine klopfen und ab und zu eine Tüte rauchen und keine Ahnung haben von irgendetwas.. Ich glaube, das Konzept der Menschheit befindet sich immer noch in der Rohfassung.“

*

„Den ganzen Sommer sind wir barfuß gelaufen, über Stoppelfelfder. Das hat richtig gebrannt an den Füßen, wenn wir uns abends gewaschen haben. Was vermisse ich das Barfußlaufen…“

In den Siebzigern sah die Sache anders aus

Erstens: sich über Hamster lustig machen, ist ziemlich billig, sagt sie. Das kann jeder.

Richtig, sag ich. Und zweitens: jetzt bin ich dran.

*

Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Goldhamster nichts verloren haben in den Händen von Kindern, da sie nachts auf Maloche sind und tagsüber pennen, doch in den Siebzigern sah die Sache anders aus. Die Viecher waren eben da, irgendwer hatte sie mitgebracht und nun musste man schauen, wie man damit umging. Wer also als Pico mittags von der Schule kam und sich um den neuen Familienhamster kümmern musste, der nichts anderes drauf hatte als mit dicken Backen in den Seilen zu hängen, der hatte Pech gehabt.

„Du kannst den Hamster ruhig aufwecken, Simon, den haben wir zum Spielen gekauft. Der kann das.“

Blödsinn. Einem Hamster stand der Sinn selten nach Spielen. Schon gar nicht am helllichten Tag, Aber Goldhamster hatten keine Lobby in den 70ern, sie waren Auslegware in Zoofachgeschäften und Tierhandlungen, sie waren och, wie süß, mehr nicht. Man kaufte Goldhamster, wie man heute einen Coffee to go mitnimmt. Man packte sie zu Hause aus und schnell wieder ein, weil sie undicht waren oder weil sie den ganzen Tag nicht aus dem Bett kamen. 70erjahre-Hamster waren ganz arme Schweine.

Aber der Hamster des Jahrgangs 2020 hat es kaum besser. Auf YouTube sieht man Züchter in Neuengland, die ihre Nager in kleinen Planwagen durchs Wohnzimmer treiben, wie beim Großen Treck Richtung Westen. Ein anderer dokumentiert auf seinem Kanal, wie Darling-Hamster Sandy Zartbitterschokolade in sich reinstopft bis ihm die Kakaozubereitung aus den Backen quillt – goldig! Zuletzt rutscht er mit seinen Pfötchen auf der Kuvertüre aus und das Funny Chocolate & Cappucino Golden Hamster Dancing nimmt seinen hunderttausendfach angeklickten Lauf.

Im englischen Seebad Bournemouth begeht ein angetrunkener Pub-Hamster namens Teddybear den Fehler, an einem Hochsommertag Wassermelone zu fressen, die innerhalb kürzester Zeit in seinem Leib zu gären beginnt. Zuletzt sieht man Teddybear als hilflose Person über die Strandpromenade torkeln, von einer Piss-Laterne zur nächsten. Armer britischer Hamster. Aber du bist nicht allein. Das Internet ist voll britischer Hamster.

Eine 56jährige Waliserin findet ihren alten Daddy-Hamster leblos in seinem Häuschen liegen. „Poor Daddy.“ Sie bettet ihn in eine Faltschachtel und beerdigt ihn im Garten. Am nächsten Mittag trifft sie fast der Schlag, als der alte Gauner (3) fröhlich durchs Haus scharwenzelt, das Fell verdreckt und um eine Nahtoderfahrung reicher. Er war in eine Art Winterstarre getreten und musste sich nach dem Aufwachen durch aufgeweichte Pappe und lehmiges Erdreich fressen bis er an der frischen Luft war.

Hamster-Storys via YouTube oder Instagram enden oft damit, dass man dem Burschen einen winzigen selbstgebauten Karlsson vom Dach-Motor auf den Rücken schnallt und vom 7. Stock auf die letzte Reise schickt. Unten angekommen rollt er sich locker ab, verstaut den Fallschirm im Gebüsch und geht auf Wanderschaft, Richtung Panama. Es geht immer Richtung Panama, selbst von Panama aus. Sollen sie sich doch bei Janosch bedanken, die Panamäer.

Ein weiterer Großstadtmythos unserer Tage, der nicht totzukriegen ist, hat seinen Ursprung in Hongkong. Betrunkener Student brät Hamster der Mitbewohnerin im Wok: 120 Stunden Sozialarbeit. Was soll man sagen.

Immer die Chinesen.

Auch in unserer Familie gab ein Goldhamster in den frühen 70ern sein Gastspiel. Schon seine Ankunft zum 17. Geburtstag meiner großen Schwester ließ nichts gutes erwarten. Ihr Freund G. platzte ins Kinderzimmer und überraschte sie mit einem gekonnten Hamster-Seitfallwurf,

“hepp!“

Meine Schwester verfehlte den Nager, er landete auf den Füßchen und watzte verstört von einem Party-Gast zum anderen. (Die Clique trug Boots und Cordhose, auf dem Dual-Plattenspieler drehte sich Electric Ladyland von Jimi Hendrix, hier: das Eröffnungslied mit dem tiefen Hendrix-Hüsteln.) Der Hamster verkrümelte sich aus lauter Angst vor den vielen Leuten unter dem bullig-heißen Heizkörper. Die Verbrennungen waren leichter Natur. Wir tauften ihn Pepsi.

Keiner konnte etwas anfangen mit Pepsi. Er lungerte den ganzen Tag im Käfig herum, unter Heu begraben, lediglich die vibrierende Gefriertruhe in der Küche, auf der sein Käfig stand, verschaffte ihm etwas Entspannung und leichte Massage. Selbst in der Nacht, wenn andere Nager aktiv werden und ins Laufrad steigen, hörte man Pepsi nur schwermütig zum Salatnapf schlurfen. Mein Problem: ich mochte ihn nicht anfassen. Es wabbelte mir einfach zu sehr, wenn ich ihn in der Hand hielt, und sein Herzchen klopfte wie eine Disco-Kugel. Nein, Pepsi war mir einfach zu lebendig. Ich war Fußbälle gewohnt, die ich treten durfte. Das war besser. Irgendwann ging der arme Goldhamster ein, sang- und klanglos, vermutlich Fettleber, und wurde samt Nistmaterial und Wheel im Baumhof meiner Großeltern beigesetzt.

In der Familie des kleinen Wiegand hatte es auch einen Hamster gegeben. Er musste sich die Zuneigung der Menschen mit Trixi teilen, einer alte Spitz-Dame, die gern dabei war, wenn es etwas zu lachen gab mit 70erjahre-Goldhamstern.

„Der Hamster stopfte sich dauernd mit Hundefutter die Backentaschen voll, das sah voll eklig aus, wie bei einem Breitmaulfrosch. Er konnte einfach nicht aufhören, Trixis Nassfutter zu verdrücken“, so Wiegand, den ich schon lange kenne..

„Wie hieß euer Hamster?“

„Der hatte keinen Namen. Hamster. Der hieß Hamster.“

Hamster tauchte eines Tages nicht mehr auf, blieb fort, für immer. Da das Haus der Familie am Waldesrand stand, vermutete man ihn auf Wanderschaft. Bis zu dem Tag, als Wiegands Mutter, die am selben Tag wie Joan Baez geboren wurde, (beiden stehen Regenmäntel gut und ein Lächeln gegen die eigene Strenge), beim Saubermachen der Waschküche eine Entdeckung machte. Erst wusste sie gar nicht, was das sein sollte, was ihr da beim Reinigen der Waschmaschine entgegenquoll, es schien sich um einen traurigen Haufen Staub zu handeln. Aber es war Hamsterfell, in Büscheln. Nicht ein einziger Knochen, ja, nicht einmal ein Knöchelchen war vom Hamster übriggeblieben, nur Fell. Der arme Bursche musste bei der Buntwäsche gründlich zermahlen worden sein, mutmaßte der Familienrat der Wiegands am selben Abend.

70er Jahre Hamster waren ganz arme Schweine.

666 Nischen

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*

„Jedes Mal, wenn ich mit dem Hund durch den Wald streune, springt in meinem Gehirn das Licht an und leuchtet eine der vielen Nischen aus, in denen sich meine Kindheit verbirgt.“

*

Die Gräfin wuchs am Rande von Düsseldorf auf, in Hochdahl, einem kleinen Garten Eden. Das Zwei-Familien-Haus, („unser Eingang war links, und rechts wohnte die alte Frau  Krämer, die Hühnermörderin, mit ihrer Schäferhündin Senta“), gehörte dem Stromkonzern RWE, für den ihr Vater als Programmierer arbeitete.

Der Mietvertrag wurde stets nur um ein Jahr verlängert, da das Gelände einem künftigen Industriepark im Wege stand und abgerissen werden sollte. Es wurde nie etwas modernisiert, alles blieb, wie es war. Weil das Haus nicht mal an die Kanalisation angeschlossen war, stand im Garten ein Plumpsklo, und neben der kleinen Scheune war ein Brunnen, aus dem das Wasser gepumpt wurde. Der Brunnen war abgedeckt, damit die Kinder nicht reinfallen konnten. Gebadet wurde einmal die Woche in einer Zinkbadewanne in der Wohnküche, das Badewasser musste auf dem Herd mühsam erhitzt werden, Kessel für Kessel für Kessel. Familien-Badetag war Samstag. Wenn alle trocken und schön sauber waren, kam die Sportschau. Noch heute liegt ein Leuchten auf ihrem Gesicht, Samstags gegen 18.00.

*

„Direkt hinterm Haus rauschte die Eselsbeeke, ein wilder Bach, der im Sommer schnell Hochwasser führte. Schon ein einziger Sturzregen genügte, und die Beeke war voll und ich nicht mehr zu bremsen: Anlauf, Absprung, Köpper – yippiiehhh ja yeahh, Schweinebacke! Der Bach war nicht kanalisiert und sauber, aber voller Blutegel. Wenn ich aus dem Wasser stieg, waren die Beine voll bis obenhin. Sofort kam Mutter angelaufen und riss die Dinger runter. Das muss sein! Die lutschen einen sonst leer! Sonst wird man krank! Ich hab geschrien vor Schmerzen. Aber sobald die Blutegel runter waren, stürzte sich Tarzan sofort wieder in die Fluten..“

„Tarzan..? Du warst Tarzan? Nicht Jane?“

„Ich war beides, Tarzan und Jane. Und ich war Cheetah, der Affe. Schon als Kind war ich erst glücklich, wenn ich alles auf einmal hatte.“

*

„Hast du da drin auch Schwimmen gelernt? In der Eselsbeeke?“

„Richtig Schwimmen gelernt hab ich im Urlaub, in Waging am See. Da hat mich mein Vater sogar mal vorm Ertrinken gerettet. Das ist ein tolles Gefühl, wenn man als Kind tief unter Wasser ist und das Sonnenlicht bricht sich und überall sind Schlingpflanzen, die sich um deine kurzen Beinchen legen… und du bist kurz vorm Ersaufen, wie im Mutterleib fühlt sich das an, nur größer und hilfloser. Und plötzlich greift dich ein Paar kräftiger Arme und reißt dich im letzten Moment aus dem Wasser an die Luft, was ein Gefühl.“

*

Wenn sie vom Spielen aus dem nahen Wald kam und die schmutzigen Klamotten auszog, durchsuchte ihre Mutter erstmal die Taschen, damit nichts in der Wäsche landete, was da nicht reingehörte. Einmal fischte sie eine tote Kröte heraus und fiel fast in Ohnmacht.

„Wenn meine Mutter gewusst hätte, was ich da draußen sonst noch alles angefasst hab, sie hätte mich nie mehr in den Wald gelassen… Jedenfalls nicht mit Händen.“

*

„Nun sei mal doch einmal etwas damenhaft!“ Ihre Mutter schüttelte verständnislos den Kopf. „Du siehst aus, als würdest du gleich die Bäume rauf wollen.“

„Oh ja, die Bäume rauf!“ tanzte die kleine Gräfin durch ihren Garten Eden.

Im Plumpsklo saßen die herrlichsten Winkelspinnen an der Wand, die man sich denken konnte. Sie zitterten bei Durchzug wie Urwaldmonster, ihre Netze waren immer gut gefüllt. Scheißhausfliegen hauchten darin ihr Leben aus, und bunt schillernde Käfer. Ein Geschäft machen bedeutete immer auch das Studium von Insekten. Das Prinzip des Lebens kennenlernen: fressen und gefressen werden, oder fliehen und woanders weiterfressen und gefressen werden.

Erst als die Gräfin das Teenageralter erreichte, war das Plumpsklo über Nacht nicht mehr zeitgemäß. Sie traute sich kaum noch, Schulfreundinnen heimzubringen, aus Angst, die Mädels könnten sich lustig machten über das stinkige alte WC im Garten und all die fiesen Riesenspinnen.

Das Paradies.

*

*

Aus ihrer Kindheit trug die Gräfin ein schweres Knödeltrauma davon. Ihre geliebte Großmutter Soest, die so lecker nach Essenmachen und nach Nivea duftete, (und zwar gleichzeitig), bekochte die ganze Großfamilie, die an Feiertagen und runden Geburtstagen in ihrem Haus zusammenkam.

„Omas selbstgemachter Nudelteig hing den ganzen Sonntagvormittag in der Küche über der Stuhllehne. Er sah aus wie ein großes Fensterleder. Ich dachte immer, wieso will Oma noch die Fenster putzen, es gibt doch gleich Essen..“

Der Renner waren Omas Klöße. Für die kleine Gräfin gab es nichts Schöneres, als den knochigen krummen Händen der Oma zuzusehen, wenn sie den Teig für Kartoffelklöße zubereitete und knetete, für die leckersten Knödel der Welt.

„Mit solch krummen Fingern konnte man nur gut kochen, Oma Soest blieb gar nichts anderes übrig. Da steckte der ganze Schmerz des Lebens drin. Und wo Schmerz ist, ist die Liebe nicht weit.“

Oma Soest hielt nichts von Rezepten und exakten Mengenvorgaben, sie kochte nach Gefühl, selbst dann, wenn an Weihnachten die ganze 50köpfige Familie zusammenkam und bekocht werden wollte.

„Fünfzig?“ frag ich erstaunt. „Ist wahr!?“

„Keine Ahnung. Die haben jedenfalls gefressen für fünfzig.“

Dass Omas selbstgemachte Knödel die leckersten der Welt waren, geschenkt. Aber dass es der Gräfin bis heute nicht gelingt, die Klöße so gnadenlos lecker hinzukriegen wie Oma Soest in den späten 60ern, hat tiefe Spuren bei ihr hinterlassen.

„Oje, wenn Oma jetzt zuguckt im Himmel, schlägt sie wieder die Hände überm Kopf zusammen! Kind..! Nicht soviel Milch!“

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Neulich saß sie beim Zahnarzt, einem Syrer, der es sehr genau nahm. Eine Behandlung, für die sie nicht mehr als 20 Minuten eingeplant hatte, wollte kein Ende nehmen. Nach einer Stunde saß sie immer noch im Stuhl und starrte von unten in sein Gesicht, auf seinen Bartschutz, auf die Zimmerdecke, und wurde fast ein bisschen böse. Am liebsten hätte sie einfach in den Bohrer gebissen, so wie sie es einmal als kleines Mädchen getan hat, bei ihrer Zahnärztin, Frau Doktor Süß, in einer sehr ähnlichen, sehr angespannten Situation, was einen sofortigen Stopp des Bohrvorgangs auslöste.

„Aber das kannst du nicht bringen“, dachte sie, „nicht mit 56..“

Aber sie war soo kurz davor, es zu bringen. (Sie zeigte mir mit Daumen und Zeigefinger an, wie knapp die Sache gewesen ist.)

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Erinnerungen an die Kindheit waren unsere Morgengabe, vom ersten Moment an. Wenn man sich kennenlernt, spürt man instinktiv, ob man in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, ob man in etwa das gleiche sucht im Leben. Als wir uns kennenlernten, war da dieses Muttermal über ihrer Oberlippe, diese Perle, und ich hatte ein tiefes Grübchen, in dem ein Muttermal ausreichend Platz fand. Es passte. Es konnte losgehen.

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„Eigentlich sind meine kleine Schwester und ich auf Saltkrokan aufgewachsen“, erzählt sie. „Wir hatten einen lieben Hund, einen Wald und einen wilden Bach hinterm Haus, ja, wir hatten sogar einen Opa, der die Hände hinterm Rücken gekreuzt herumlief und nach Zigarre stank, genau wie bei Astrid Lindgren, bloß eins war anders: wir hatten keine so liebe sanfte Mutter. Ich wollte immer so eine Mutter haben, wie die blonde Mutter der kleinen Skrollan. Die war so empfindsam und hübsch und knäckebrotblond, nicht so zack zack und immer nur praktisch wie meine Mutter.“

*

Frau Doktor Süß hatte strohiges Haar und Mundgeruch.

„Ich sag dir, die hat Stinkbomben gemampft wie andere Leute Cocablätter. Und ihr Lippenstift war verkrustet und in die Mundwinkel gerutscht, da klebten überall rosa Bröckchen rum. Ich mochte die olle Kuh von Anfang an nicht. Wie konnte man Süß heissen und so aus dem Maul stinken.“

„Wahrscheinlich war sie magenkrank“, gebe ich zu bedenken.

„Ach, die! Die war überall krank.“

Die kleine Gräfin war gerade eingeschult worden, als sie das erste Mal zur Frau Doktor Süß gerufen wurde, zur Untersuchung. Trotz gutem Zureden ihrer Klassenlehrerin, die neben dem Behandlungsstuhl saß und ihr Händchen hielt, dauerte es seine Weile, bis sie endlich den Mund öffnete. Doch als Frau Doktor sich mit ihrem fauligen Geruch über die Gräfin beugte, schloss sie ihre Klappe gleich wieder.

„Ich hätte sonst kotzen müssen.“

Nun wurde Frau Doktor rabiat. Setzte ihre Hand als Zange ein, mit der sie der 6jährigen Gräfin so fest in den Unterkiefer kniff, dass der kleine Mund sich unwillkürlich aufsperrte, wenn auch nur einen Spalt weit. Genug immerhin, um den verhassten Bohrer einzuführen.

„Und dabei hab ich instinktiv zugebissen, auf den Bohrer. Und nicht mehr losgelassen. Der ging nicht vor und nicht zurück. Der Bohrer steckte fest.“

„Jetzt ist aber Schluss!“ kreischte Frau Doktor Süß.

„War mir aber egal“, erzählt die Gräfin. „Die hätte mich totprügeln können, die olle Kuh, ich hab den Mund nicht mehr aufgemacht. Da war ich störrisch wie ein Esel.“

„Wie bist du da rausgekommen, aus der Nummer?“

„Die Süß musste den Raum verlassen, da hab ich den Bohrer frei gegeben.“ Sie pfeift einmal kurz auf. „Als sie wieder reinkam und tatsächlich noch einen dritten Versuch starten wollte, habe ich mich vor Wut auf den Boden geworfen und losgebrüllt. Die stinkt, hab ich gebrüllt. Die alte Hexe stinkt!“

„Und die Klassenlehrerin? Was hat die gemacht?“

„Kann mich nicht erinnern. Aber den Gestank der ollen Süß hab ich heut noch in der Nase.“

„Ja, das ist schlecht“, sag ich. „Eine Zahnärztin, die aus dem Halse schlammt.“

*

 

Es wird eine Zeit kommen, wo man den Kindern von längst vergangenen Tagen erzählt, als die Menschen noch ein unbeobachtetes Leben führten. Als noch keine allgegenwärtigen Kameras und Smartphones jeden deiner Schritte und Tritte überwachten, als es noch verzwickte und langwierige Kriminalprozesse gab, wo um die Wahrheit gerungen wurde, weil keine Kamera das Geschehen aufgezeichnet hatte. Und die Kinder werden staunend dasitzen und sich gruseln, was das wohl für Zeiten waren, als die Menschen tun und lassen konnten, was sie wollten, ohne sich ständig Gedanken machen zu müssen, wie man später auf Band rüberkam.

„War das die Freiheit, Opa..?“

*

Als mit 13 die erste Periode kam, deckte sie sich am Kiosk mit Ungarischen Chips ein und blieb zur Freude der Mama endlich mal daheim, mit einem guten Buch von Mark Twain, dem Buch aller Bücher, (noch vor dem Großen Wilhelm Busch-Buch).

„Tom!!“

Huckleberry Finn war ihr großes Idol. So wollte sie leben. Nur der Freiheit verpflichtet, in den Tag hinein. Hin und wieder ein Meerschaumpfeifchen stopfen und in der Tonne wohnen. Unbedingt in der Tonne, ohne Teppich. Teppiche waren ihr ein Gräuel. Es lief sich barfuß so viel besser auf Steinboden. Oder barfuß über abgeerntete Stoppelfelder, bis die Fußsohlen bluteten.

*

Mark Twains kultivierte, zu Herzen gehende Sprache hatte sie ganz allein für sich entdeckt, in der Autobücherei, die einmal im Monat Station machte. Sie las Die Abenteuer von Tom Saywer ein ums andere Mal, sie konnte nicht genug davon kriegen. Es war wie eine Sucht, die erste Sucht ihres Lebens.

„Mark Twain hat meine Lust auf Sprache erst geweckt.“

Sie ist auch ihrem Vater dankbar, der ihr abends vorm Zubettgehen Gedichte vorlas. Beim Erlkönig musste die kleine Gräfin jedes Mal an der gleichen Stelle weinen, wenn der Vater in der dunklen Nacht mit dem Kinde davonreitet, mit wehendem Mantel und bangem Herzen.

„Immer wieder wollte ich das hören, und immer wieder musste ich weinen.“

Doch was war das gegen die schweren Prüfungen, die Tom Saywer und Huckleberry Finn zu bestehen hatten. Zwei Freunde gegen das Böse in der Welt. Und nicht zu vergessen Tante Polly, die so gern eine richtig strenge Tante gewesen wäre, doch ein zu großes Herz hatte.

Das Herz des Mississippi.

„Ach, die Kindheit kommt nie wieder“, seufzt die Gräfin.

Darauf seufze ich einen mit.

„Schätzchen, es kommt niemals auch nur irgendetwas wieder..“

*

Kinderbild Papa

 

Mehr Kindheit der Gräfin? Doktor-Spiele mit Spucke

In einer kalten kleinen grauen Stadt

Eine Weile glaubte ich schon, ich wäre über den Berg, ich hätte es hinter mir. Zwar hatten Medikamente nichts genutzt, und auch das Autogene Training, in das mich ein Verhaltenspsychologe eingewiesen hatte, war nur bedingt hilfreich gewesen, aber vielleicht hatte einfach die Zeit für mich gearbeitet. Mir ging es jedenfalls besser.

Man sah es an meinem Schriftbild.

Weil ich mir oft unsicher war, ob ich die Herzmedikamente am Morgen schon eingenommen hatte oder nicht, war ich dazu übergegangen, unmittelbar nach Einnahme der Arznei das Datum des jeweiligen Tages in eine Liste einzutragen. Das war zwar umständlich, hatte sich aber als sicherste Methode erwiesen, einen Blutdrucksenker nicht versehentlich doppelt einzuwerfen und wegzupennen. Und während die untereinander eingetragenen Daten während einer depressiven Episode oft fahrig und schwach aussahen, war es im letzten halben Jahr deutlich besser geworden. Die Zahlen strahlten Kraft und Bewusstsein aus, ja, Linientreue. Dann kam das Virus. Das Neue Testament. Corona. Und mit Corona das Szenario einer umfassenden Bedrohung. Jederzeit konnte man aus dem Hinterhalt getroffen werden, man war ständig Zielscheibe von bösen Tröpfchen. Um das zu verhindern, atmeten Menschen in aller Welt von einem Tag auf den anderen durch Tücher, Masken und Maschinen. Wem sein Leben lieb war, der verließ kaum mehr das Haus, und wenn doch, dann mit schlechtem Gewissen. Bookcrossing-Bücher, in Plastikfolie verschweißt und am Zaun ausgehängt, um neue Leser zu finden, wurden über Wochen nicht angefasst, aus Angst sich zu infizieren. Und auch in mir, langsam zunächst, fast zögerlich, ging es wieder los.

Der Berg schüttete sich wieder auf.

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Es sind mehr als vier Jahre ins Land gezogen, seit ich zum ersten Mal eine Depression durchmachte. Was ich bis dahin für eine Depression hielt, entpuppte sich im Nachhinein als mittelfristiges Miesdraufsein, als Wochenendmisere. Doch eine Depression war eine andere Liga. War wie Liebeskummer, nur eine Million mal stärker, wie es jemand, den ich gut kenne, mal formuliert hatte. Erst als es mir selber schlecht ging, verstand ich „eine Million mal stärker als Liebeskummer“. Es stand für die Tiefe und Ungeheuerlichkeit, mit der man von Depressionen in die Zange genommen wird. Für die Unabdingbarkeit, und für die Erinnerung an bessere Tage.

*

Für jeden Depressiven bedeutet eine Depression etwas anderes. Was für Außenstehende nach Lethargie klingen mag, ist oft mit übersteigerter Aktivität verbunden. Das, was ich Depression nenne, ist eine tollwütige innere Unruhe, eine Hast, die jede bewusste Verbindung zum Ich kappt, zur Umwelt. Man kommt an nichts richtig heran, es ist, als liefe man mit lauter losen Kabelenden durchs Leben. Und zuletzt kommt der Punkt, den ich am meisten fürchte. Die Erstarrung.

Mein Verschwinden.

*

Schon beim Wachwerden spüre ich die erste Welle heranschwappen, mit nassen Händen. Eine Welle, die sich nicht stoppen lässt, da sie bereits im Schlaf Fahrt aufgenommen hat. Noch im Schlaf wurden erste Impulse gestreut. Keine Chance, sich beim Aufwachen der Welle entgegen zu stemmen, sie rollt in mir. Und es dauert keine Minute und die Nachfolger schlagen in mir zusammen, und ich taumele aus dem Bett. Bis in die letzten Nervenenden erregt, weil sich ein weiterer Desaster-Tag ankündigt. Nowhere to run, nowhere to hide.

Schon Wochen vor dem ersten Nervenzusammenbruch schlief ich schlecht. Sanne meinte im Nachhinein, ich hätte nachts nur noch geschnaubt, im Zimmer nebenan. „So komische Stressgeräusche.“ Von da an ging nichts mehr. „Wenn andere Leute zu 70 % aus Wasser bestehen, bestehst du zu 70 % aus Angst.“

*

Ich wurde früh um vier wach und lief in den vier Wänden auf und ab wie in Gefangenschaft. Ich war auf einem Abstiegsplatz Richtung Irrsinn, ich war das Schlusslicht, ich hatte die rote Laterne. Wie oft hatte ich die Finger am Telefon, um einen Rettungswagen zu rufen, weil ich der Masse an schlechten Gefühlen nicht mehr Herr wurde, während ich im Zimmer auf- und abschritt. Ich war ein mit minderwertiger Medizin gedopter Athlet, der sein letzes Ziel verfolgte: den eigenen Niedergang. Das war krank. Das war neu. Das kannte ich nicht, nicht in diesen Dimensionen. Es war die Angst vor mir selbst, die Angst vor dem, wozu ich fähig war, ganz ohne es zu wollen.

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Gregorius also, doch jeder nannte ihn bloß Schorsch

Sie war funkelnde 24, als ich sie kennenlernte, und nicht mal betrunken nach einer halben Flasche Jack Daniels, sie fuhr noch Auto. Übermütig bog sie hinter dem Garagenhof in eine enge Durchfahrt ein, wo links und rechts nur wenige Zentimeter Spiel waren und Betonwände aufragten. Sie gab Gas. Ich saß auf dem Beifahrersitz, machte mich klein und stellte das Atmen ein. Damit das Auto dünner wurde. Nach fünfzig Metern war der Weg zu Ende. Sie stoppte vor einer Backsteinmauer, legte den Rückwärtsgang ein und bretterte mit derselben Geschwindigkeit wieder zurück. Ich war schwer beeindruckt. Ich war mitten in einem neuen James Bond gelandet.

Das Katerfrühstück nahmen wir regelmäßig beim Schorsch ein. Es bestand aus Koteletts und Bratkartoffeln. Riesige Dinger waren das, einmalig in der Stadt, unpaniert. Dazu diese eins a  selbstgemachten Bratkartoffeln.

War ja alles selbstgemacht.

Hereinspaziert! Chez Schorsch! Er hieß eigentlich Gregorius und war ein trauriger kleiner Grieche, der sich so oft räusperte, als täte ihm das ganze Leben leid, besonders sein eigenes in der verräucherten Eckkneipe am Neumarkt. Sein Räuspern war Folklore, ein bisschen wie Fado, wäre Schorsch Portugiese gewesen. Unter den Stammgästen erzählte man sich, dass ihm einst die Frau weggelaufen sei, das ist es, was ihn so quält, hörte man, was ihn so traurig, so fertigmacht.

Na ja, sagte ich zur Gräfin, ehrlich gesagt, ich kenne keinen Mann, dem nicht irgendwann die Frau wegläuft, das gehört doch zum guten Ton, oder nicht.

Ja vielleicht, entgegnete die Gräfin. Aber wenn es doch die Frau seines Lebens war..

Und schon tat Schorsch einem wieder leid.

Er trug ständig einen grauen Kittel, er trug ihn Tag und Nacht, man kannte ihn nicht anders. Aber wenn man genau hinschaute, war da gar kein Kittel. Es war normale Kleidung, Hose, Pullover, solche Sachen. Und doch wirkte alles an ihm wie ein grauer Kittel, es war nichts zu machen.

Schorsch hatte definitiv seine Macken.

Wenn sich die Kundschaft von einer Sekunde auf die andere stapelte und ihm alles zuviel wurde hinterm Tresen, wehrte sich seine Seele mit einem heftigen Zucken der Augenlider. Und wenn es ganz schlimm kam, setzte sich das nervöse Zucken bis in die Schultern fort, wie an einem körpereigenen Fließband. Und plötzlich stand ein zuckender kleiner grauer Wirt vor einem, der in die Steckdose gegriffen hatte, und es tat ihm sichtlich leid, dass seine Gäste mitansehen mussten, wie der Strom durch ihn hindurch fegte.

Gregorius also, doch jeder nannte ihn bloß Schorsch.

Abgesehen vom täglichen Imbissbuden-Einerlei wie Currywurst und Schaschlik bot Schorsch auch ein Mittagsgericht an, aber nur auf Nachfrage. Die meisten Gäste wussten nichts von diesem Angebot, es interessierte sie auch nicht. Sie wollten sich in Ruhe betrinken, eine Runde würfeln und um Mitternacht nach Hause eiern, mit einer kalten Frikadelle auf der Faust, die Fresse mit Senf verschmiert, das war es, was sie wollten, keine griechische Küche.

Vielleicht war es das, was Schorsch so traurig machte: Dass dieses fremde Deutschland einen Pommesbuden-Heinrich aus ihm gemacht hatte. Denn beim Tagesgericht zeigte Schorsch, was er drauf hatte. Dass er Gregorius hieß und aus Thessaloniki stammte, dass er ein Mann war, der kochen konnte. Ein Mann der Leidenschaften und der Leckerbissen, ein Mann, durch den der Strom jagte.

Wir hatten Spaß gefunden an seiner Kocherei und kehrten nun auch mitten in der Woche ein, nicht nur sonntags, um den Kater klein zu futtern. Und wir nahmen nicht nur die grandiosen unpanierten Koteletts mit Bratkartoffeln, wir rangierten die kleine Speisekarte rauf und runter, es gab fünf oder sechs Gerichte, wie wir unter der Hand erfuhren. Es war einfache griechische Landküche, deftige Eintöpfe mit Fleisch und viel frischem Gemüse, so lecker und reichhaltig, dass wir uns kaum noch bewegen konnten, wenn wir brav aufgegessen hatten, die Gräfin und ich. Schorsch gewöhnte sich daran, an unseren Tisch zu kommen und Nachschlag auszuschenken, ohne dass wir danach verlangt hätten. Er schöpfte mit der Suppenkelle direkt aus dem Riesenbottich, und wehe, wir schlugen ihm etwas ab. Da war er ganz Gregorius aus Thessaloniki, berühmt für zappige Eintöpfe und schnell beleidigt.

Den Laden am laufen hielten aber weiterhin die Stammgäste, die zum Saufen und Würfeln kamen und vorm im Imbiss hockten und jeden Neuankömmling mit Hurra und einem Gespritzten begrüßten. Dahinter, von einem Raumteiler abgetrennt, war die Gaststube, eine schlichte Angelegenheit, die nur aus einigen Tischen und Stühlen bestand. Wenn Schorsch vorn im Imbiss zu tun hatte, was neunzig Prozent seiner Zeit beanspruchte, wirkte er stets etwas deplatziert in seinem Kittel, wie ein Spediteur, der fälschlicherweise Schaschlik und Frikadellen aufgeladen hatte und nun gucken musste, wohin mit dem ganzen heißen Kram.

Im hinteren Gastraum dagegen, der Taverne, bewegte er sich so selbstverständlich wie ein Tänzer, und sein rechtes Augenlid flatterte wie ein Kolibri, aber vor Freude. Die Küche blühte im Verborgenen. Niemand bekam sie zu Gesicht. Es hieß, seine Frau hätte dort lange Jahre gekocht, und er hätte sein Handwerk von ihr gelernt.

Das muss eine tolle Frau gewesen sein, flüsterte die Gräfin.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle nur den legendären Ostergulasch 1989 mit geschmortem Fenchelgemüse. Wir waren so satt, wir konnten uns buchstäblich nicht mehr bewegen, so oft hatte Schorsch Nachschlag ausgeschenkt. Eigentlich hatten wir vorgehabt, den Rest des Sonntags gemütlich ausklingen zu lassen, in ihrer Altbauwohnung an der Kölner Strasse, doch wir schafften es nur bis zur nächsten Ecke und mussten eine Pause einlegen.

Nichts ging mehr.

Wir standen da, die schweren Beine im Erdboden versunken, ja verankert – unfähig, uns zu rühren. Unsere Wampen waren so prall, dass sie mit der blanken Luft kollidierten. Jeder Luftzug schmerzte. „Ich kann nicht mal mehr meine eigene Spucke runterschlucken“, flüsterte ich, „dann kotz ich.“ Frauen mit Kinderwagen kurvten kopfschüttelnd um uns herum, ein Zeitungsjunge wechselte die Straßenseite. Wir kamen nicht vom Fleck. Nicht mal eine Zigarette ging noch rein. Auch rückwärts gehen war nicht möglich. Es war eine Art überfressenes Wachkoma.

„Boh“, prustete die Gräfin endlich, als ich sie kurz schubste, um zu sehen, ob sie noch lebte.

„Boah.“

Eines Tages blieb der Laden geschlossen. Wir waren eine Weile nicht dagewesen und standen vor verrammelter Tür. Auch in der folgenden Woche gab es keine Änderung, keinen Aushang. „Was ist aus Schorsch geworden..?“ fragten wir, wann immer uns jemand begegnete, den wir den alten Stammgästen zurechneten. Doch niemand wusste, was aus Schorsch geworden war.

Es gab die vage Vermutung, er sei Hals über Kopf zu seiner großen alten Liebe zurückgekehrt, nach Thessaloniki, ein Gerücht, mehr nicht. Wir wissen bis heute nicht, was aus Schorsch geworden ist. Aber wenn in dieser seltsamen Stadt jemals ein kleiner Mann die Lizenz zum delikaten Sattmachen hatte..

Am schönsten waren die Sonntage.

san-satt

Hassan’s Süße Ecke

Als ich Hassan’s Süße Ecke betrete, pfeift mir jemand hinterher. Ein echt italienisches Minirockpfeifen, mehr Anerkennung als Anmache: Du hast wirklich schöne Beine, Mädchen… Ich bin irritiert. Ich meine, ich bin ein Mann, und ein Mann, dem ein anderer Mann hinterherpfeift..?! Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Außerdem hab ich Obeine. Ich ziehe den Schritt zurück, zurück auf den Bürgersteig, um mir den Knaben anzusehen, der mir so schwungvoll den Hof macht. Oder ob vielleicht eine Verwechslung vorliegt, ob ich vielleicht gar nicht gemeint bin. Seltsamerweise ist weit und breit kein Bauarbeiter zu sehen, überhaupt nichts Südländisches, was pfeift. Ich sehe bloß Autos vorüberfahren. Deutsche Autos, japanische. Ich hab Mittagspause, ich bin am Grünewald unterwegs.

Hassan’s Süße Ecke, nächster Anlauf. In dem Moment, als ich den Laden betrete, ist dieses Minirockpeifen wieder in meinen Ohren. Es dauert einen Augenblick, bis ich endlich schnalle, was hier vor sich geht: Eine automatische Spielerei, die ausgelöst wird, sobald man die Türschwelle übertritt. Damit Hassan, sollte er sich im hinteren Bereich der Trinkhalle aufhalten, Bescheid kriegt, dass ein Kunde kommt. Doch statt Gebimmel wird neapolitanisches Bauarbeiterflöten ausgelöst.

He he!

„Du bist nicht der erste, der sich geschmeichelt fühlt“, grinst Hassan, in den Händen ein Glas süßen türkischen Tee. „Manche Frauen kriegen direkt ne rote Bombe, wenn sie merken, dass sie gar nicht gemeint sind.“

*

Der Mann von der Zeitung stellt eine Frage, und es dauert lange, bis ich auf den Trichter komme, warum ich schreibe. Was das überhaupt soll, wem es dient. Die Antwort ist schlicht, sie liegt auf der Hand: Weil ich es woanders nicht zu lesen bekomme.

*

„Und dann pfeift mir glatt so ein Spacko hinterher“, erzähle ich am Abend der Gräfin.

*

Sie spielt mit dem Gedanken, im Alter nach England zu ziehen. Nach Süd-England genauer gesagt, oder nach Wales, wo es wild und zerklüftet zugeht. Und die Sprache kriegt man auch geregelt.

„Spätestens nach einem Jahr träumen wir auf Englisch“, sag ich.

„Und du schreibst auf Englisch“, sagt sie, „und ich male auf Englisch.“

Dieses kollektive Rumdümpeln in Träumen hat man als Deutscher gepachtet.

*

„Ich kann einfach nicht mehr…“, stöhnt sie. „Obwohl ich ehrlich gesagt noch nie konnte… ich hab den Leuten immer nur gekonnt vorgespielt, als könnte ich.“

*

Frauen, die frisch vom Klo kommen, sind mir deutlich lieber als Männer, die gerade beim Frisör waren. Oder andersrum? Ich habs vergessen. Glaub ich.

*

Er ist fortgezogen, er wohnt mittlerweile woanders. Schon der vergangene Sommer war gewöhnungsbedürftig, es war der erste Sommer seit vielen Jahren, in dem keine Musik aus dem Hinterhof schallte. Für mich hieß er immer bloß „der DJ“. Jeden Abend saß der DJ allein in seiner Blockhütte und spielte Oldies in einer Lautstärke, dass die ganze Nachbarschaft mithörte, ob sie wollte oder nicht. Mehrfach wollte ich zu ihm runter und ihn bitten, leiser zu machen, doch da gab es ein Hindernis: er hörte die Musik aus den 70ern, mit der ich aufgewachsen war. Einmal schlich ich mich spätabends in die Nähe seiner Laube, um die Musik besser hören zu können. Ich hatte kein Interesse, dass er mich entdeckte und womöglich auf ein Bier einlud, ich pfiff nur leise den Song mit, der mich runtergelockt hatte: Goin‘ up the country, Canned Heat.

In einem Buch über Popmusik hatte ich als Pico gelesen, was Canned Heat bedeutete: Hitze in Dosen. Ich verstand nicht, was das bringen sollte, wenn eine Rock-Band sich Hitze in Dosen nannte, aber so war das eben. Es gehörte zum Mysterium der Popmusik, dass es Gruppen gab, die sich komische Namen verpassten wie Hitze in Dosen oder Die Türen. Ich pfiff also leise Goin‘ up the counry, einen Song, der auch in Woodstock gespielt worden war. Und als im Anschluss Steve Harley folgte, wurde mir richtig warm ums Herz: „Make me smile“. Und bei Fleetwood Macs Originalversion von „Black Magic Woman“ war ich dann endgültig angekommen in meinem alten Kinderzimmerhimmel von 1976.

*

Vielleicht… ja, vielleicht ist der Welt wieder ein Heiland geboren worden, und wir wissen gar nichts davon. Man sagt uns ja nichts mehr, seit der Geschichte damals in Jerusalem, ums Jahr 30 herum. Seither ist Stille am Firmament.

*

Ich mochte schon immer gern die schwärmerische Seite der Popmusik. Downtown von Petula Clark oder Volare, vielleicht das geheimnisvollste und leichteste Stück Popmusik, das jemals geschrieben wurde.

Komponiert und gesungen wurde Volare 1957 von Domenico Modungo, der Text kam von Franco Migliacci. Ein Jahr später gewann der Song den ersten Platz beim berühmten Festival von San Remo. Wie Migliacci 2004 über die Entstehung der Textzeilen verriet, war er an einem heißen Sommertag mit einem Freund zum Baden verabredet. Dieser ließ sich aber nicht blicken, also betrank Migliacci sich fürchterlich mit Chianti-Wein. Am Morgen erwachte er aus seinem Rausch und blickte auf zwei Drucke des Malers Marc Chagall. Es war der Blick seines Lebens. „Dabei kam mir die Idee für eine Flucht ins Blaue.“

Dass seine Zeilen tatsächlich um die Welt gingen, erfuhr Migliacci Jahre später. Auf einer Reise durch Pakistan hörte er, wie ein Straßenkehrer vor seinem Hotel „Volare, oh, oh“ schmetterte.

(Der zweite große Moment seines Lebens.)

*

Sollte jemals ein Raumschiff landen, in dem Außerirdische sitzen, die wissen wollen, was es mit der Musik der Menschen auf sich hat, ich würde vorschlagen, den Fremden Volare vorzuspielen, in der Originalversion, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Fliegen. Singen.

Schreiben.

Corona – die düsteren und die anderen Gedanken

Blaue Himmel, Sonnenschein, im Märzen der Bauer. Das Virus ist da, die Krise, aber draußen kracht der Frühling los, als wäre alles wie immer. Die Narzissen explodieren, vorm Fenster duftet eine einzelne, von Sanne höchstpersönlich ausgewilderte Hyazinthe und die Hunde toben über die Wiese wie junge Rößlein. Es könnte so schön sein. Doch Corona hängt überm Land. Eine tiefe schwarze Wolke, die Krankheit und Misere bringt, und Einsamkeit.

Und Geisterstadt.

Die Menschen nicken einander in tief verbundener Unsicherheit zu.

*

Als ich mit dem Hund unterwegs bin, fliegt der erste Schmetterling des Jahres vor mir her, im üblichen Zickzack. Ein Zitronenfalter. Ich bin mir nicht ganz sicher, doch ich meine, ich hätte im Vorbeifliegen einen winzigen gelben Mundschutz gesehen.

Manchmal denk ich, das ist vielleicht der letzte schöne Tag in deinem Leben. Ich duze mich in Momenten, wo ich mit mir selbst rede. Und dann sehe ich, dass die Wildschweine über Nacht aus dem Wald gekommen sind und den Pfad umgepflügt haben. Das Ganze ist nur schwer zu fassen. Es ist Krieg ausgebrochen, ein Krieg, dessen Front überall ist, ein Krieg, bei dem keine Bomben fallen, sondern Tröpfchen. Ein Krieg, der uns Tag für Tag neu erklärt wird, weil kaum jemand den Feind kommen sah. Und jetzt ist er da. Überall. Und nirgends. Und wo ist die Kriegserklärung? Der Feind ist link.

Eine hinterhältige Brut.

Wenn ich mit anderen Hundebesitzern zusammenstehe, fällt mir auf, wie zögerlich sich die Leute auf neue Umstände einlassen. Nur wenige halten die zwei Meter Mindestabstand zum Nachbarn ein. Sie nehmen den Feind nicht ernst. Sie freuen sich aufs Grillen am Wochenende. Sie stinken schon nach Rindfleisch.

*

Vorgestern Mittag hab ich gedacht, es hat mich erwischt. Ich bin infiziert. Corona. Seit Tagen werde ich morgens mit leichten Halsschmerzen wach, und da ist diese Irritation in der Lunge, dieses Gefühl, als blase jemand in unregelmäßigen Abständen kleine Feuerchen in mir an. Im Lungengewebe. Tief innen drin. In der Steuerzentrale. Wo die Atmung herkommt. Wo sich früher, als ich noch geraucht hab, Teer und Nikotin gute Nacht sagten. Winzig-kleine Einschübe, die mich wahnsinnig machen, je mehr ich mich darauf konzentriere.

„Du dürftest eigentlich nicht eine einzige Nachrichtensendung sehen“, meint Sanne und zeigt mir den Vogel. „Mal ganz abgesehen von Corona-Extras.“ Sie hält mich für einen eingebildeten Kranken. Nein. Ich bin mir sicher, es arbeitet etwas in mir. Eine Entzündung. Ich lege mich aufs Bett, strecke mich lang aus und horche konzentriert in mich hinein.

ICH.

ICH.

*

Sanne ist mit dem Hund gegangen, ausnahmsweise. Ist eigentlich mein Job. Ein Job, den ich gerne erledige. Nichts ist schlimmer, als einer dieser seltenen Tage, wo ich nicht vor die Tür komme. Nachdem ich mich ausgiebig verrückt gemacht habe, ziehe ich mir Schuhe an und geh einkaufen.

EINKAUFEN IST DER ABSOLUTE VIREN-SUPERALARM! Die Einkaufswagen. Die Leute. Das Bezahlen. Das Anstehen an der Kasse. Und an irgendeiner Ecke steht garantiert jemand und rotzt und schleimt, als gäbe es kein Heute.

(Sanne und ich beratschlagen später am Abend, ob man vielleicht mit Einmalhandschuhen einkaufen sollte. Wir haben aber nur noch zwei Paar, die sie gelegentlich zum Malen braucht, wenn sie richtig Sauerei macht. Als sie im Keller nach weiteren Gummihandschuhen sucht, findet sie zufällig zwei angebrochene Flaschen Desinfektionsmittel. „Das Zeug kann man auch für die Einkaufswagen benutzen“, sagt sie. „Mal eben über den Griff wischen, bevor man losfährt.“ Unsere Augen leuchten vor Freude.)

Im NETTO kaufe ich die letzten 6 Bananen ein, die es noch zu kaufen gibt, eine Tüte Tiefkühlbrötchen, Thunfisch in Olivenöl. Viele Regale bieten nur noch Staub und Krumen an. Als ich in der Schlange an der Kasse stehe, es kümmert sich niemand um einen Mindestabstand, bricht mir der Schweiß aus. Die alte Kassiererin, die neu an der Kasse sitzt, arbeitet so langsam, am liebsten möchte ich den ganzen Laden über den Haufen schießen, nur um hier rauszukommen. Geht das nicht was schneller!? Hier steht ein Mann mit Corona!

Die Kassiererin trägt Gummihandschuhe, aber sie sind zu dick, sie kann die Münzen kaum greifen. Schließlich zieht sie die Handschuhe aus und macht ohne weiter. „Sind zu dick!“ ruft sie einer Kollegin zu, die andere Probleme hat. Sie ist damit beschäftigt, für vier nicht georderte Paletten Blumenerde einen Stellplatz zu finden.

„Was sagst du!?“

„SIND ZU DICK!“

Ich staune über die prall gefüllten Einkaufswagen. Was die Leute alles aufs Band hieven. Die Speisen türmen sich meterhoch, und es kullert auch schon mal was runter und bleibt einfach liegen. Niemand bückt sich nach verlorengegangenem Gemüse. Noch nicht.

Hol mal ne neue Gurke, Rolf.

Nur der junge Mann, der unmittelbar hinter mir ist, tritt plötzlich einen Meter zurück, als könne  er meine düsteren Gedanken lesen. In Zeiten allgemeiner Verunsicherung verrät uns schon der kleinste Gedanke, der uns den Schweiß auf die Stirn treibt. Ich fühle mich so schwach, am liebsten würde ich mich irgendwo anlehnen, doch in dieser Corona-Superbrutstätte fasse ich nichts an, was ich nicht unbedingt anfassen muss. Nein, ich muss von ganz allein auf den Beinen bleiben, trotz Schwächegefühl.

Ich fühle mich zum Kotzen.

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Was haben wir uns über vollverschleierte Muslima das Maul zerrissen. Jetzt husten sie uns was in ihrem feinen körpergroßen Mundschutz. Jetzt sind sie plötzlich fein raus. Nein fein drin. In ihrer Burka, wo kein Virus reinkommt.

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Weil ich seit längerem springende Schmerzen im linken Arm habe und nicht weiß, was das soll und woher das kommt, hatte ich vor Wochen einen Termin beim Orthopäden gemacht. Der Termin ist morgen. Ich weiß nicht, ob ich ihn wahrnehmen soll. Es drängt mich nicht grade ins Wartezimmer. Ich kriege allmählich Panik, wenn ich Menschen sehe, potenzielle Virenschleudern. Aber ich hab den Termin schon zweimal verschoben, ein drittes Mal könnte ich mir selbst nicht verzeihen. Ich meine, der linke Arm. Hallo?! Der Herzarm! Warum also zum Orthopäden? Weil es bis zum Termin beim Kardiologen noch länger hin ist.

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Sieht denn niemand den engen Zusammenhang zwischen koronar und Corona? Es ist eigentl. ein Herz-Virus. Es dockt im Sozialraum der Herzen an und verwüstet die gesamte Infrastruktur: Nähe. Vertrauen.

Und sämtliche Ausgänge.

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Seitdem mein Bruder uns Netflix installiert hat, schaue ich in eine Menge Schrott rein. Uninteressantes Zeugs, Massenware. Ich schaffe es selten länger als fünf Minuten. Dann weiss man in der Regel Bescheid, was einen erwartet. Wie immer gibt es Ausnahmen. Echte Fundsachen. Die israelische Serie Shtisel kniet sich lustvoll in eine ultra-orthodoxe Familie in Jerusalem rein. Ich warte auf die zweite Staffel. (Keine Doku!) Momentan freue ich mich tgl. auf ein oder zwei , drei Folgen vom Breaking Bad-Ableger Better call Saul. Bob Odenkirk spielt den übermütigen Anwalt Saul, der stets den Ritt auf der Rasierklinge sucht. Lakonischer Humor, ohne lachen zu müssen.

Mir ist definitiv nicht nach Lachen zumute.

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Irgendwie glaubte ich immer, unsere Generation sei die eine große Ausnahme, die ohne existenzielle Einschnitte wie Krieg oder Hunger davonkommt. Ohne schwere Zeiten. Die eine goldene Ausnahme. Und jetzt sitzen Landräte in Bayern in ihrer Wohnung fest. Ohne jeden Besuch.

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„Ich bin auch einsam“, sage ich zu Karlos, als wir eine Runde Spazierengehen. „Jeder ist einsam.“

Einsamkeit ist ein hartes Wort, Bruder. Man sollte sich gut überlegen, ob man es benutzt, solange man noch eine Frau an seiner Seite hat, die man liebt, und einen Freund, der mit einem spazierengeht.

Schäme dich, Glumm.

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Ich stelle fest: die Leute spucken beim Sprechen. Und diese Leute bin auch ich. Ich hab mich selbst schon beim Spucken beobachtet. Ich rede mit irgendwem auf der Hundewiese und registriere aus den Augenwinkeln, (ohne dass ich mich beim Reden besonders echauffiert hätte), dass helle Rotzschleifchen aus meinem Maul fliegen in Richtung Nebenmann. Oh Scheiße, denke ich. Sollte ich infiziert sein, habe ich gerade die Infektionskette vervollständigt.

Der Mann, der gut anderthalb Meter entfernt steht, regt sich über die Hamsterkäufe seiner Mitmenschen auf, nur um im gleichen Atemzug von seinem eigenen Einkaufswagen bei Edeka zu erzählen, der trotz 150 Euro-Einsatz gerade mal halbvoll geworden sei, weil die billigen Artikel alle schon weggekauft waren und er auf die teuren Bio-Produkte umschwenken musste.

„Ist doch asozial.“

Was die sozialen und praktischen Verwerfungen angeht, stehen wir noch ganz am Anfang, und nein, ich habe kein gutes Gefühl. Wie selbstverständlich es ist, dass unsere Versorgung mit Essen & Trinken stets wie am Schnürchen läuft, fällt erst auf, wenn es wegzubrechen droht.

Von der Müllabfuhr ganz zu schweigen.

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Manchmal muss man die Dinge aussprechen, nur um zu hören, was man alles für einen Mist zusammendenkt den ganzen Tag. Das waren schon immer die Momente, wo Karlos auftauchte und mir seine Ohren lieh. Bevor Karlos nicht davon erfuhr, war es praktisch nicht passiert.

Einsamkeit ist ein hartes Wort für die andere Seite der Welt.

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Die Blockwarte laufen sich warm, ihre Zeit ist gekommen.  HE, RUNTER VOM SPIELPLATZ UND AB NACH HAUSE! Jawohl, mein Herr. Und vielen Dank auch für den Hinweis. Das Dumme: Zum ersten Mal sind die Penner auch noch im Recht.

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Ob wir wollen oder nicht, die Zukunft ist Verzicht.

Mehr kann jeder, mehr ist kein Problem“, sagt sie. „Aber ins Weniger muss man erst reinwachsen.“

*

Mir fällt auf, dass die Blicke sich ändern. Die wenigen Leute, die sich auf der Strasse noch begegnen, mustern sich neugierig. Eine seltsame Mischung aus Trotz und Furcht spricht aus den Augen. Sogar Liebe ist zu spüren. Und die erste verkokelte Grillparty

DANACH.

*

Man geht mit Corona ins Bett, man träumt von Corona, und wenn man aufwacht und Frühstücksfernsehen schaut, ist das erste Wort, das man hört, CONVID19: über Nacht hat es wieder Hunderte erwischt.

*

Als ich eine späte letzte Runde mit dem Hund drehe, fällt es mir auf: Ich habe seit Jahren nicht mehr so viele Sterne so klar am Himmel gesehen wie heute Nacht. Eine gigantische Szenerie, und jeder Stern ein Gesundeter.

*

Corona übernimmt die Welt. Die USA verhängen Einreisestopp, New York droht Kollaps, Tom Hanks ist infiziert. Sanne kann es nicht mehr hören. Mach die Nachrichten aus. PANDEMIE. Die Regierung fordert die Bürger auf, direkte Sozialkontakte zu vermeiden. Frankreich schliesst Bars und Restaurants.

Zuhause bleiben…

Wer jetzt nicht in sich zuhause ist, ist nirgendwo zuhause.

Weißt du, wen ich lange nicht mehr gesehen hab?

Das sind die Richtigen! Keine Haare am Sack, aber’n Kamm in der Tasche! hieß es Mitte der 70erjahre, wenn jemand vorüberflanierte, der den Stielkamm griffbereit hinten in der Hosentasche trug, und da war es auch egal, wie alt oder wie jung dieser Jemand war und ob er vielleicht schon einen ganzen Busch an Schamhaaren zu versorgen hatte.. Ein Stielkamm hinten in der Hosentasche hieß: Vorsicht! Ich bin von gestern. Ich bin der Yesterday Man.

Einer der letzten echten Stielkamm-Luigis war ein schräger Vogel namens Pudding. Ein echter Freak, den es nicht weiter störte, was die Leute ihm hinterherriefen. Kurz nach hinten gegriffen, den Kamm gepackt und durchs fettige Haar gezogen, ein, zwei Bahnen nur, echte Ölspuren, dann zurück ins Täschchen. Keine große Sache.

Möchte man meinen.

Der Stielkamm an sich war ein Überbleibsel aus den 60ern, als englische Teddy Boys damit ihre Tolle in Schwung brachten. Doch irgendwann waren die Teds Vergangenheit, und übrig blieb Pudding, der sich einen Dreck um irgendwelche Moden scherte. Er steckte sich den Kamm auch in den frühen 90ern noch in die Gesäßtasche, so wie er zum Frühstück eine Käsestulle mampfte. Es gehörte zu seinem Leben dazu, es war eine Selbstverständlichkeit, er dachte sich nichts dabei.

Er kämmte sich.

Pudding hatte noch mehr drauf. Er konnte gleichzeitig reden und rauchen, und das in einer solchen Perfektion, wie ich es sonst nur aus dem Comicheft kannte, von Lucky Luke. Wenn Pudding einen dreckigen Witz raushaute, rotierte die Kippe in seinem Maul wie  ein qualmender kleiner Schraubenschlüssel. Pudding war ganz alte Schule. Er war Lucky Luke, er war Averell Dalton, er war der letzte Stielkamm-Luigi. Ich weiß überhaupt nicht, was aus ihm geworden ist. Er läuft mir schon seit geraumer Zeit nicht mehr über den Weg. Mensch, was ist bloß aus dem guten alten Pudding geworden…? Wo ist er abgeblieben??

Lebt der überhaupt noch?

*

„Weißt du, wen ich lange nicht mehr gesehen hab?“

„Nö.“

„Den Pudding.“

„Stimmt, ja… ich auch nicht… der Pudding.. Ist bestimmt ein Jahr her“, sagte sie. „Oder länger. Da war noch Sommer.“ Sie blinzelte belustigt. „Wo er versucht hat mit mir zu flirten.“

„Hm, ja“, sagte ich. „Hast du mir erzählt.“

Richtig aufdringlich sei er geworden.

„Aufdringlich..? Na ja, er hat sich bei mir untergehakt und wir sind ein paar Meter zusammen gegangen… War halb so wild.“

„Mh… der soll schön die Flossen bei sich behalten.“

„Ach, der ist doch nur einsam, der Pudding. Und er ist nun wirklich nicht mein Typ.“

Aber sie mochte diesen sonderlichen Kauz. Es gab kaum ein Gesicht in unserem Umfeld, das sie so gerne malte wie seines, auch wenn Pudding uns eher selten begegnete. Er hatte es ihr angetan. Ich blickte zufällig auf ihren Zeichentisch, wen sah ich da? Wer blickte mich von ihrem Zeichenblock an, die Kippe zwischen den Lippen, am rotieren wie ein Schraubenschlüssel? Der verdammte Pudding – am Grinsen und am Paffen. Der alte Schlot. Es gab auch Porträts von Pudding, auf denen er nicht rauchte. Die gefielen mir noch besser.

„Hat der eigentlich jemals ne Frau gehabt?“ fragte sie.

„Keine Ahnung… glaub nicht. Solange ich ihn kenne, ist Pudding solo.“

„Dabei hat er so treue braune Augen, so gutmütige Augen. Aber er ist zu schüchtern für Frauen. Oder? Ich meine, der Pudding spricht doch keine fremde Frau an, das traut der sich doch gar nicht, oder..?“

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Ill.: Pudding, Susanne Eggert

 

Wenn er einem so über den Weg lief, hätte man meinen können, sein Zuhause wäre Eisenheim gewesen, Oberhausen-Eisenheim, The Home of Arbeitersiedlung, doch Pudding kam aus dem Bergischen Land. Er war in der gleichen Gegend aufgewachsen wie ich, er war 10 Jahre älter, der gute alte Pudding. Er rauchte Kette, er marschierte im Deutschlandparka durchs Land, er beschwerte sich über Gott und die Rasspe AG und die ganze Welt, die alle drei keine Gnade kannten und ihn Ende der 80erjahre fallen ließen.

Pudding hatte die herrlichsten Reval-Finger, die ich jemals gesehen habe an einem lebenden Objekt, sie waren von einem solch triefenden Nikotingelb, dass sensiblere Gemüter schon vom bloßen Ansehen einen Kippenschock erlitten. Es kam vor, dass Pudding an langen Wochenenden von ehemaligen Arbeitskollegen zum Angeln abgeholt wurde, wie in den alten Zeiten fuhr man zum Rhein runter. Die Stelle bei Leverkusen-Hitdorf war ein Geheimtipp. Man fischte Brassen im Sommer, geködert mit Kellog’s Honig Smacks, und man fischte Brassen im Winter, geködert mit in Maggi gewälzten Maden.

„Da drehen die Brassen durch, da beißen die wie bekloppt. Maggi, das ist für die Brassen wie ne Schlemmermahlzeit von Iglo.“

„Und Honig Smacks?“ fragte ich neugierig.

„Wie, und Honig Smacks?“

„Na, ja wenn Maggi für die Fische wie ne Schlemmermahlzeit ist, was sind dann Honig Smacks für die..?“

Er blickte mich verständnislos an.

„Wieso? Honig Smacks sind Honig Smacks, für alle, fertig.“

Pudding führte ein schräges, freundliches Gesicht ohne viel Zähne und ähnliches Brimborium spazieren. Er trug es ganz in Leder, in der Regel mit einer Reval oder einer Roth Händle aufgehübscht, ohne Filter. Pudding war der totale Einzelgänger. Ich kannte ihn gar nicht anders. Nur wenn er ein paar Bier drin hatte, wurde er schon mal aufdringlich, mitunter sogar ein bisschen frivol, besonders Frauen gegenüber, bis die zurückwichen und Pudding allein zurückblieb.

Warum Pudding Pudding genannt wurde? Keine Ahnung. Ich habe ihn nie danach gefragt. Ich glaube auch nicht, dass ihn das jemals irgendwer gefragt hat.

„Sag mal, Pudding – wieso heißt du eigentlich Pudding?“

Blöde Frage.

*

„Weißt du, was sein Problem ist? Er sieht aus wie ein Kindermörder“, sagte ich zur Gräfin. „Als würde er i-Dötzchen fressen.“

„Der Pudding..? Blödsinn. So ein Typ frisst keine i-Dötzchen. Im Gegenteil. So was machen nur Milchgesichter.. Männer, die irgendwie nach nichts aussehen, das sind die grössten Schweine. Sag mal, was hat der früher eigentlich gearbeitet, der Pudding?“

„Der war Werkzeugmacher, glaub ich. Und am Wochenende hing er immer im Puff rum, unten am alten Nordbahnhof.“

„Im Puff? Ist wahr? Der schüchterne Pudding? Als was? Als Hausmeister?“

„Na, das glaubst aber auch nur du. Der Pudding war ein Ficker vor dem Herrn.“

„Du redest dummes Zeugs.“

„Nee, ist wahr. Wenn einer Nutte damals nach einem richtigen Freier zumute war, musste der Pudding ran. Das war seine Stunde.“

Sie brach in Gelächter aus. „Der Pudding..! Was ein Vogel.“

„Ja, schon“, sagte ich. „Aber der soll schön seine Flossen bei sich behalten.“

*

Nach der Arbeit im Design-Institut, ich ging der Trasse entlang, kam mir ein Typ entgegen. Das ist doch der Pudding, dachte ich. Oder nicht? Bisweilen gibt es ja noch Wunder und es begegnen einem Typen, von denen man glaubte, sie seien längst ausgestorben – und dann ist die Freude groß. Oder der Jammer, je nachdem.

In diesem Fall näherte sich der Mann bis auf ein paar Meter, erst dann sah ich, er hatte mit Pudding lediglich die Statur gemein und den schleppenden Gang einer alten Blues-Nummer. Keine Reval-Finger, kein dummer Spruch zur Begrüßung, nichts, was ich irgendwie mit Pudding in Verbindung gebracht hätte. Nein, es handelte sich um eine ganz normale deutsche Gurke, die mir da auf der Trasse entgegenkam.

Dann aber – am nächsten Tag – gleiche Uhrzeit, spazierte ich mit Frau Moll, unserem Hund, der Korkenziehertrasse entlang, es regnete. Es plumpste richtig in die Pfützen, und dann war es plötzlich vorbei mit dem Regenguss. Und wieder kam mir jemand entgegen, der aussah wie der Pudding. Aber diesmal war es der Pudding. Als er mich erkannte, wechselte er auf meine Seite der Trasse und grinste.

„Och, nee, guck mal an!!“ Seine rechte Hand schnellte aus dem Ärmel des Parkas, wie ein verschorftes Reptil. „Hallo!“

„Pudding!“ sagte ich. „Das wurde aber auch Zeit!“

„Was wurde Zeit?“

„Dass wir uns nochmal sehen! Andauernd treffe ich Leute, die so ähnlich aussehen wie du, aber nie bist du es. Es sind immer andere.“

Er hatte eine Tasche umhängen, in der Leergut klimperte. Er sah erschöpft aus. Doch eins war wie immer: Pudding hatte eine seiner legendären Zigarettenkippen in Arbeit. Kippen, die niemals qualmten, und die doch nicht aus waren. Er war unser Lucky Luke, er war der poor lonesome Cowboy.

„Mann, hat das geschüttet“, sagte Pudding.

„Das war kein Regen, das gehört schon als Totschlag vor Gericht“, legte ich einen drauf.

Pudding reagierte nicht, er hatte nur Augen für Frau Moll.

„Sag mal, was ist das denn..? Das ist doch nicht euer Hund“, sagte er entrüstet, “ Oder ist das der Hund, mit dem deine Frau immer rumläuft?!“

„Na sicher ist der das“, sagte ich. „Das ist Frau Moll.“

„Dann ist der aber ganz schön auseinandergegangen, der Hund, hör mal… Was gebt ihr dem armen Tier denn zu fressen – Hefe, oder wie..?“

„Blödsinn, der ist einfach kein Welpe mehr, das ist alles. Das ist ganz normale Gewichtszunahme…“ Strahlend wiederholte ich seinen Namen. „Der gute alte Pudding“, weil ich den so gern in den Mund nahm und so lange nicht mehr gesagt hatte. Ich meine, wer hieß schon Pudding, ohne etwas dagegen zu haben, in seinem Alter. Ich schaute ihn mir aus der Nähe an. Sein Hals war faltig geworden wie Buttercreme, die am Rand der Torte herunterläuft und sich überlappt. Pudding war eine müde, vertrocknete Buttercremetorte geworden, eine großartige Süßspeise.

„Ich bin jetzt Hartz vier“, schimpfte er. „Und was machen die Verbrecher vom Job-Center mit mir? Nehmen mich aus der Vermittlung raus. Weil ich angeblich zu krank bin zum Arbeiten. Dabei will ich doch arbeiten gehen. Wenn ich keine Arbeit kriege, können die mich gleich abknallen, dann sind sie mich los und die Sache hat sich erledigt.“ Seine Fluppe, kalt geworden, drehte sich im Mundwinkel mit, während er redete. Eine Selbstverständlichkeit, die man kaum noch zu Gesicht bekam. „Jetzt sammle ich leere Bierpullen und Dosen, damit ich vom Pfand mein Angelzeugs bezahlen kann.“

In einem Western wäre Pudding in der Saloon-Szene der unrasierte Cowboy gewesen, (am Ende der langen Messingtheke), bei dessen Anblick jeder Zuschauer dachte, oha, dem sitzt der Colt aber locker.

Der große Kinder-Colt.

„Aber seit ich keinen Wagen mehr hab, komm ich kaum noch vor die Tür,.“

„Du hast keinen Wagen mehr?“

„Den musste ich doch abmelden. Hab ich dir nicht erzählt? Keine Flocken mehr für Benzin, pleite. Aber zu Fuß bin ich auch nicht mehr gut. Das Bein. Und hier, mein Asthma. Aber ich kann das Quarzen nicht lassen. Weißt du doch.“

Mit jeder Silbe rollte die Zigarettenkippe in seinem Mund ein Stück weiter, bis sie schließlich im Mundwinkel landete und die Reise von vorn losgehen konnte. Die waren immer unterwegs, Puddings Fluppen. Sie qualmten nicht, und sie waren noch nicht aus, Puddings Fluppen. Sie hatten ein Leben.

„Ohne Auto und schlecht zu Fuß, da kommt man kaum noch vor die Tür“, wiederholte er trotzig und kaute auf der Kippe herum.

„Aber Angeln gehst du noch?“

„Wie denn, ohne Wagen? Wie soll ich denn zum Rhein runterkommen?“

„Deine Kumpel können dich doch mitnehmen, wie früher. Die haben dich doch früher auch immer abgeholt…“

„Ach, früher.“

Puddings krumm gewachsene Nase war mit der Zeit noch krummer geworden. Es sah irgendwie aus, als versuchte seine Nasenspitze in den Mund reinzuwachsen, damit sie auch mal ziehen konnte an seinen legendären Kippen, die niemals qualmten, aber immer an waren. Die Nase wollte auch mal leben, nicht immer nur krumm weiterwachsen. Immer nur wachsen, das war nicht schön. Immer nur wachsen war kein Leben. Immer nur wachsen war ein Irrglaube, immer nur wachsen war der Abgrund. War das Ende. Krumm und unansehnlich.

„Was ist denn mit deinen ehemaligen Kumpel von Rasspe? Holen die dich nicht mehr ab zum Angeln?“

„Mein Bruder hat mich letztes Wochenende zum Rhein gebracht, nach Monheim. Zum Nachtangeln. Dann ist er wieder gefahren. Scheiße, hat das geschüttet. Zwei Tage und eine Nacht lang nur Regen, Regen, Regen, im Zelt stand das Wasser bis zum Campingstühlchen. Ich war froh, als der Frank mich Sonntagabend wieder abgeholt hat. Alles stank nach Müll, alles war nass.“

(Die Gräfin erzählte mir einmal begeistert, wie sie Pudding in der Stadt getroffen hatte. Wie sie sein Gesicht am liebsten vom Hals gebrochen und mit nach Hause genommen hätte, um es im Detail abmalen zu können. „Das war ein starkes körperliches Verlangen, dem Pudding das Gesicht vom Rumpf zu reißen und mit nach Hause zu nehmen und zu bearbeiten und zu zeichnen..“)

Ein junges Ding radelte auf der Trasse an uns vorüber, sexy 15 (vielleicht), auf dem Weg zur Chemie-Nachhilfe. Pudding schielte ihr so großspurig hinterher, dass selbst die Kippe in seinem Mund einen Satz machte.

„Nee, viel zu jung, die Kleine“, meinte er dann. „Mit der kannst du höchstens ne kurze Propellernummer schieben.“

Er demonstrierte, was mit einer Propellernummer gemeint war. Die Frau auf das Geschlechtsteil des Mannes gesteckt und von Hand angeschoben, bis sie langsam an Fahrt gewinnt und sich im Kreise dreht und immer schneller wird und am Ende mit Karacho vom Hocker fliegt, wie beim Bullenreiten.

„.. pchjiiuuhhh..! Wie bei Hoppe hoppe Reiter!!“

Pudding lachte so sehr über seinen eigenen blöden Witz, dass er die Kippe fast verschluckte, , …pchjiiuhhh. Doch es dauerte nicht lange, und er wurde wieder zornig und böse. Böse aufs Job-Center, weil das immer noch nicht gezahlt hatte, obwohl schon der Siebte war, „die hätten schon am 30. zahlen müssen, die Schurken! Oder nicht!?“

„Ja klar. Hast du immer noch keine Kohle drauf?“

Er schüttelte den Kopf. Er war auch wütend auf seine Autoversicherung, die hatte auch noch nicht gezahlt, obwohl Pudding den Wagen schon Anfang des Jahres abgemeldet hatte, „da müssen die doch langsam mit der Erstattung rüberkommen, das sind bestimmt zweihundert Euro.“ Dann war er böse auf seinen Vermieter, eine Verwaltungsgesellschaft. Die hatte ihm unlängst versprochen, neue Fenster einzubauen, endlich- nach über zwanzig Jahren Kampf.

„Aber was machen die Brüder? Bauen nur ein Fenster ein statt direkt alle vier! Und dann noch so ein Plastikfenster!“

„Was meinst du..? Thermopane?“

„Nee, so ein Plastikfenster! Die Bude schimmelt mir seit zwanzig Jahren unterm Arsch weg, aber was machen die Brüder?! Bauen mir EIN neues Fenster ein! Nicht VIERI!“

Als Puddings Gejammer kein Ende zu nehmen drohte, übernahm ich das Wort. Ich war schließlich auch mal dran. Ich musste schließlich auch sehen, wo ich blieb.

„Pudding, ich muss nach Hause, ich hab Hunger. Meine Frau wartet mit dem Essen.“

„Ja gut“, sagte er, dachte aber nicht daran, mich ziehen zu lassen. Er motzte einfach weiter. Es drehte sich ohne Ende um die Autoversicherung und um die Vermietungsgesellschaft, bis ich einfach losmarschierte.

„Pudding“, sagte ich, „Ich muss nach Hause.“

Kipperingend suchte er nach einer gelungenen Pointe zum Abschied, doch ihm wollte partout nichts einfallen. Mir fiel auch nichts ein, aber ich suchte auch nicht danach, ich hatte Hunger.

Wir reichten uns die Hand.

„Machs gut, Pudding.“

„Jo, du auch. Und gebt euren Hund nicht so viel Hefe, sonst wird der noch ein… “

„Puddingteilchen“, sagte ich.

„Jo. Genau.“

 

Pudding