Das Durchgangssyndrom


oder:

 VATER GEHTS BESSER

*

26. Januar 2009

Vater randaliert nachts auf der Intensivstation, sagt die Krankenschwester. Ich bin baff.

„Mein Vater.. und randalieren!?“

Sie nickt und nimmt mich beiseite.

„Ich mag Ihren Vater, wirklich. Aber wenn er anfängt zu schreien wie am Spieß und mit Flaschen um sich zu schmeißen..“

„Was für Flaschen denn ..?“

„Na, was er gerade zur Hand hat, was er zu packen kriegt.. Mineralwasser, Apfelsaftflaschen, egal. Es macht ihn zornig, wenn er mitten in der Nacht aufwacht und keine Orientierung hat, wenn er nicht weiß, wo er ist. Oder er glaubt, er wäre in Kriegsgefangenschaft. Seine Bettnachbarin kann froh sein, dass sie nicht am Kopf getroffen wurde.“

Auf der Intensivstation liegen Männer und Frauen Bett an Bett, es gibt keine speziellen Männer- und Frauen-Zimmer. Es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen auf der Intensivstation. Es gibt nur einen Unterschied, und das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Dass Vater so rabiat, so ausfallend wird, ist neu. Ein alter Mann, der am liebsten flüchten würde aus dieser Hölle, die ihn am Leben hält, doch zur Flucht fehlt ihm die Durchschlagskraft. So daneben haben wir ihn noch nie erlebt. Um seinen schnaubenden Herzschlag zu verlangsamen, (Pulsschlag 150 bei Einlieferung), bekommt er stark sedierende Medikamente, er ist kaum in der Lage zu reden, geschweige denn zu fliehen. Ich frage mich, wie ein Mensch in seiner Verfassung mit vollen Flaschen um sich werfen soll. Er ist so geschwächt, er schläft mitten im Sprechen ein, und er tippelt mehr, als dass er geht. Wenn er es denn überhaupt aus dem Bett schafft, ohne lang hinzuschlagen.

Freitag früh, so die Schwester zögernd, habe es eine Situation gegeben, „eine kritische Situation“, wo schon alles vorbereitet war für die künstliche Beatmung.

„Die Herz-Lungen-Maschine stand bereit, Ihr Vater war intubiert.“

Erst in letzter Sekunde hätten die Ärzte die alles rettende „richtige Medikation“ gefunden, um die künstliche Beatmung noch abzuwenden. Klingt beinah, als habe ein halbes Dutzend Spezialisten an seinem Bett gestanden und verzweifelt alle verbliebenen Optionen durchgespielt, bevor einem der Beteiligten das rettende Schäufelchen Nitroglycerin einfiel.

„Ja, so ungefähr..“, antwortet die Schwester ausweichend.

Es ist Vaters zweiter Herzinfarkt, doch so schlimm war die Desorientierung beim ersten Mal nicht, obwohl ihm ein Bypass eingesetzt wurde. Wir stehen zu dritt an seinem Bett. Mein Bruder, meine Mutter, ich.

„Dass du bald wieder auf die Beine kommst“, versuchen wir Vater Mut zu machen, ihn aufzubauen.

„Ja, das sagt man immer“, entgegnet er leise.

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