Der Kosmische Sprung

Sie nennt es den “Kosmischen Sprung”, wenn die Atmosphäre zwischen zwei Menschen plötzlich aus dem Gleichgewicht gerät, wenn eine winzige Verschiebung stattfindet und niemand eine Erklärung dafür hat. Wenn sich unerklärliche Nervosität einschleicht zwischen Menschen, die sich eigentlich nahe sind..

“.. dann hat der Himmel eingegriffen. Aber warum..? Aus purer Lust am Eingriff?”

“Ja natürlich. So ein Himmel ist ja auch nur Chirurg”, stimme ich zu.

©

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Schuhe des toten Nachbarsjungen

Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit gliedert sich das Leben neu, die Kameras stehen in einem weiteren Winkel und man erkennt: Man war eigentlich ein ganz anderer.

©

Was Schuhe anbelangt, die müssen sich ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, sie müssen Widerstand leisten gegen den Fuß, der nicht verhüllt werden will. Der Barfuß im Regen singt von Michael Holm, immer noch, immer wieder.

Ich war Mitte zwanzig, als ich eine Weile in den Schuhen des toten Nachbarsjungen herumlief. Er war etwas jünger gewesen als ich, ein komischer Kauz, der schon als Teenager Pfeife geraucht hatte, aber nicht auf die widerspenstige Art eines Hucklebery Finn oder übermütig wie Popeye, der Seemann, sondern wie jemand, der mit dem Rechenschieber ans Leben herangeht.

Wir konnten nicht viel miteinander anfangen. Er war ein verschlossener, irgendwie eindimensionaler Bursche mit wenig Kontakt zur Welt, ich war ein verschlossener, irgendwie eindimensionaler Bursche, der den Kontakt zur Welt suchte. Später studierte er Maschinenbau und jobbte in den Semesterferien regelmäßig in der Werkzeugfabrik, in der sein Vater im Personalbüro saß und ebenfalls Pfeife rauchte.

Daher hatte der das.

Es passierte an einem Freitagmittag, beim Großreinemachen vorm Wochenende. Es wäre sein letzter Tag gewesen, (es war sein letzter Tag), als der Nachbarsjunge in eine hydraulische Presse geriet und enthauptet wurde. Eine Woche nach der Beerdigung ließ mir seine Mutter ungefragt das Paar Lederschuhe zukommen, das ihr Sohn am Unglückstag getragen hatte, es war noch wie neu, kaum getragen. Der Nachbarsjunge war einen halben Kopf kleiner gewesen als ich, doch seine Schuhgröße war die gleiche, 44.

Die Geschichte spielt im strengen Winter 1985, als mir gleich zwei Paar Schuhe hintereinander kaputt gegangen waren. Mir gingen dauernd die Schuhe kaputt. Meine Füße waren Monster, die sich dagegen wehrten eingesperrt zu werden. Es war oft der dicke Zeh, der sich durchs Material bohrte und täglich größer werdende Löcher hinterließ. Das war der Moment, als mir die Latschen vom toten Nachbarsjungen in die Hände fielen. Ich lief bis zum Frühjahr darin herum. Sie sahen plump aus. Brown shoes don’t make it, hatte Zappa schon gewarnt. Ich selbst hätte mir die Schuhe niemals gekauft, und sie brachten mir kein Glück. Lena war auf und davon und ich immer hinterher, in Schuhen, die keinem gefielen, die kein Glück brachten, niemandem. Aber ich durfte seine Mutter nicht enttäuschen. Das war nicht drin. Sie hatte mein Wort, selbst wenn ich es ihr nie gegeben hatte.

Als der Winter zu Ende ging und das Frühjahr kam, brach die Sohle und ich kaufte mir Turnschuhe mit weinroten Querstreifen.

©

Da! Die Füße tun es schon wieder! (siehe Fotostrecke 3) Ort unbekannt, 10/04

Die 50 besten Platten der Rock-Musik (8): Suzi Quatro, Too big

Die wahre Pop-Musik kam von den Vinyl-Singles. Als mit den Achtzigerjahren auch die Ära der 45er-Singles endete, von Ausnahmen wie dem Reggae- und Dub-Markt auf Jamaica mal abgesehen, war es auch mit der Pop-Musik vorbei. Natürlich bestand der Pop auch in den Jahren danach und er besteht bis heute und auch morgen wird es eine Musik geben, die als Pop in den Radios und Clubs gespielt werden wird, doch niemals wieder wurde der einzelne, drei Minuten lange Pop-Song so gefeiert und hofiert wie auf der Single, die mit 45 Umdrehungen pro Minute unterwegs war.

Als ich die Gräfin kennenlernte und in ihrer Plattensammlung wühlte, um zu sehen, mit wem ich es zu tun hatte, fand ich zu meiner Überraschung einige Original-Singles aus den 70ern. Nicht die Massenware, die man auf Flohmärkten nachgeschmissen bekam, der ganze Abba- und Iwan Rebroff-Kram, sondern Leckerbissen wie Too big von Suzi Quatro.

Suzi Quatro war die Heldin der frühen Siebziger. Voll unbändiger Energie, mit den richtigen Botschaften. In Too big machte sie kurzen Prozess: Honey, I never lose! Too big gehörte schon kurz nach dem Erscheinen zum Standard-Repertoire jedes echten, aufopferungsvoll kämpfenden Losers, egal ob Boy oder Girl. Too big schützte vor der Kälte, Too big war die lange Unterhose des Glitter-Rock, und sie war aus schwarzen Leder genäht.

Ich hielt die Single in der Hand und wusste, ich war angekommen.

©