Der nächste Hitler wird eine Frau

Der nächste Hitler wird eine Frau, sagt die Gräfin trocken, als wir am Wahlabend vom Abschneiden der AFD erfahren. Sie sagt es so ins Blaue hinein. Es ist nur eine Eingebung, und doch klingt es in meinen Ohren fast zwingend richtig. Ja, so wird es kommen. Wenn eine stramme Lesbe wie Alice Weidel Vorsitzende einer stramm deutschnational aufmarschierenden Partei werden kann, ohne intern Proteste zu entfachen, dann ist es nicht mehr weit bis Frau Hitler. Und wer sagt denn, dass sie unbedingt aus Österreich… nein, muss sie nicht, Frau Hitler muss nicht unbedingt aus Braunau stammen.

Als wir also am Wahlabend das vorläufige Endergebnis hören und ich gerade losschimpfen will,  „diese scheiß AFD-Fressen, die vor Kraft kaum laufen können, müssen wir jetzt die nächsten Jahre im  Bundestag ertragen..“, winkt sie genervt ab. „Bitte nicht in Erregung bringen, bitte nicht, ich kann es nicht mehr hören… Jeder ist nur noch am Schimpfen in diesem Land.“

Da hat sie recht. Bleiben wir nüchtern. Lassen wir die Erregungs-Schnäpschen aus dem Kopf. Hören wir ihr lieber kurz zu, bevor sie vom Wahlzirkus genervt in ein TV-Programm umschaltet, das keine Politik versendet.

„Wenn ein System sich so verbacken hat wie unsere Demokratie und niemand mehr herausfindet, setzt der Verstand irgendwann aus und übrig bleibt das pure schlechte Gefühl, und das lässt sich niemand nehmen.“

„Der Sozialgedanke hat sich in den letzten dreißig Jahren zwischen den Geldscheinen zerrieben.“

„Auch wenn ich Angela Merkel bewundere für ihre Standhaftigkeit im Herbst 2015, zurück bleibt dieses eine fatale Bild: Sie hat die Flüchtlinge geküsst und darüber die eigenen Kinder vergessen. Das macht den Erfolg der AFD aus.“

*

Heut Morgen im Bus zwei Junkies getroffen, die AFD gewählt haben. Beide sind keine Nazis, im Gegenteil, in ihrer Jugend waren sie bestimmt links und stehen somit für Millionen anderer AFD-Wähler, die ebenfalls keine Nazis sind und früher mal links gewählt haben.

„Wenn ich diesen Salafisten sehe, der hier morgens in seiner Pluderhose durch die Stadt spaziert, mit einem arroganten Grinsen in der Fresse, da könnte ich so Amok laufen“, sagt einer der beiden mit Schaum vorm Mund, obwohl er gar keine Zeit hatte sich groß in Rage zu reden, wir haben uns nämlich gerade erst die Hand gegeben zur Begrüßung.

Sofort ist er auf 180.

„Das Schwein lebt von unserem Geld, das Schwein lässt sich von unseren Steuergeldern durchfüttern und als Dank klaut das Schwein den nächstbesten LKW und brettert durch die Fußgängerzone und fährt uns alle tot. Wenn ich solche Typen sehe, könnte ich so um mich schießen.“

Der anderen AFD-Wähler, den ich kurz spreche, ist seit 24 Jahren heroinsüchtig und glaubt nicht, dass er jemals von dem Zeug loskommt. „Auch wenn ich kaum noch weiß, wo ich mit der Nadel reinkommen soll“, sagt er und blickt stur geradeaus.

„Die anderen Parteien brauchen sich nicht zu wundern, wenn die AFD so viele Stimmen kriegt. Das kommt davon, wenn man den Leuten dauernd einredet, es ginge allen in Deutschland supergut, es gibt aber zwanzig Prozent Leute, denen geht es überhaupt nicht supergut, denen geht es schlecht und da ist niemand, der sich um sie kümmert. Oder muss ich mich erst als Flüchtling verkleiden, bevor ich in meinem eigenen Land ernstgenommen werde?“ bellt er mich an.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die AFD sich um deine Belange kümmert, wenn sie an die Macht kommt. Im Gegenteil. Als beschissener kleiner Junkie gehörst zu den ersten, die von der Straße geholt werden.“

„Ach was, die AFD soll den alten Parteien kräftig in den Arsch treten, damit die sich wieder für uns interessieren und nicht nur für Ali aus Afghanistan. Das ist alles, was ich will.“

„Na hoffentlich irrst du dich nicht.“

Eine Furcht hätte ich nämlich im Angebot. Zwar leistet sich mittlerweile jede halbwegs anständige Demokratie in Europa eine starke rechte populistische Bewegung im Parlament, doch in Deutschland schwingt immer die alte Nazizeit mit. Oder wie die Gräfin es ausdrückt.

„Krank sind sie alle, keine Frage. Doch der Deutsche neigt dazu, noch einen draufzusetzen und den Sack zuzumachen.“

Frau Hitler, ick hör dir trapsen.

*

Die Deutschen sind zunehmend persönlich beleidigt, wenn es in ihrem Leben nicht rundläuft. Als hätten andere Zeitgenossen, meist „die da oben“, nichts besseres zu tun, als tagein, tagaus dafür zu sorgen, dass denen „da unten“ nichts gutes widerfährt. Die vielen tollen bunten Geschichten in TV und Internet suggerieren ein Anrecht auf Teilhabe am Glück, das natürlich nicht existiert. Die Evolution schert sich einen Piss darum, ob das Leben gerecht und nett zu dir ist, genauso wenig wie es das Recht des Gnus gibt, am Wasserloch nicht vom bösen Krokodil angegriffen zu werden: ICH WOLLTE DOCH NUR WASSER TRINKEN!

GEMEINHEIT!

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Ein Bild macht Karriere: irgendetwas sieht immer aus wie ein aufgeplatztes Kissen. Es begegnet einem überall. In einem Gespräch am Tisch, in einer SMS, die ich empfange, am Ende sogar in einer Illustrierten. Die Leute benutzen es mit einer diebischen Freude, als hätten sie gerade die Metapher des Jahrtausends aufgetan. Was uns das zum Zustand der Nation verrät? Keine Ahnung. Ziemlich im Arsch wahrscheinlich, das Kissen. Und noch schlimmer: „Früher war mehr Lametta.“ Au weia. Denn es stimmt sogar. Und das sind die schlimmsten Satzverbrechen.

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