Loslassen

„Loslassen…! Sie müssen loslassen“, schärfte mir der neue Zahnarzt ein, ein eloquenter Mann unbestimmten Alters. „Vertrauen sie mir. Atmen Sie ruhig und gleichmäßig durch die Nase, lösen sie die Verkrampfung. Arbeiten Sie mit der Atmung, um zu entspannen. Es passiert Ihnen nichts. Kennen Sie Autogenes Training? Das wäre das Richtige für Sie. Sie müssen sich entspannen. Machen Sie Autogenes Training. Oder Yoga. Aber jetzt bleibt Ihnen erstmal nichts anderes übrig, als mir zu vertrauen.“

Während der Dentist, flankiert von zwei jungen Dingern, einer Helferin und einer scheuen Auszubildenden, in meinem Mund herumstocherte, erklärte er mit bewusst ruhiger Stimme jeden weiteren Schritt, den er zu unternehmen gedachte. Er sprach zu mir, als wäre ich elf Jahre alt und komplett durch den Wind. Dabei war ich Mitte Fünfzig und komplett durch den Wind. Das machte einen Unterschied von mehr als vierzig Jahren. Aber eigentlich auch nicht. Eigentlich gab es nur einen Unterschied zu früher: Meine Nerven wurden Jahr für Jahr fragiler und dünner und schlechter. Allein das schlürfende Geräusch des Sekretschlauches setzte mir so zu, dass mir davon schlecht wurde.

Da saß ich also bei meinem neuen Zahnarzt. Karlos hatte ihn mir empfohlen. Ein guter Mann, sagte Karlos. Mit dem kann man arbeiten. Mit dem kann man es wenigstens versuchen.

Ich hielt die Augen geschlossen, hörte die Worte des Zahnarztes, deren Sinn sich mir kaum eröffnete, aber das machte nichts. Seine leicht spöttelnde, volltönende Stimmlage tat gut, entfaltete hier und da sogar die beabsichtigte leicht sedierende Wirkung. Ein Zahnarzt muss immer auch Hypnotiseur sein, Hypnotiseur und gutmütiger Grubenarbeiter mit Stirnlampe, der noch ganz altmodisch mit Henkelmann in den Stollen einfährt.

Aber wie ich es auch drehte und wendete, eins ließ sich nicht ändern: die Opferhaltung, die man als Patient im Behandlungsstuhl einzunehmen hatte. Nichts war mir verhasster als die Opferhaltung im Zahnarztstuhl, den dentalen Fertigkeiten eines Fremden ausgeliefert, von dem mir nicht mehr bekannt war als das Diplom an der Wand, ein Titel im Praxisschild und die Empfehlung eines Kumpels.

„Der ist ganz okay. Der kann gut mit Panikpatienten. Da gehen sogar meine Kinder gern hin.“

Gern? Zum Zahnarzt?? Die gehen gern zum Zahnarzt??! Was sind das denn für Kinder, Karlos!?

Seine Empfehlung gab jedenfalls den Ausschlag, dass ich es mit dem Doktor versuchte. Wer mit Kindern kann, dachte ich, kann vielleicht auch mit:

Glumm.

Gestatten, Superangstpatient. Großwesir aller Panikattacken. Schmerzsensibelchen. Schon in der Grundschule gab es genau zwei Dinge, die mir Angst einjagten.

1. Wenn alle vierzehn Tage Schulschwimmen auf dem Stundenplan stand, und

2.  wenn es zu Beginn der ersten Stunde hieß: Heute kommt der Schulzahnarzt.

Der hatte immer was zu meckern, wenn er mir in den Mund guckte, es gab jedes Mal eine lange Mängelkarte, die dann mein bemitleidenswerter regulärer Zahnarzt Doktor Puder mühselig abarbeiten musste. Ich hasste den Schulzahnarzt, und der Schulzahnarzt hasste Jungs wie mich, die faule Zähne hatten und den Mund nicht aufkriegten. Hass stand auf dem Stundenplan, wenn der Schulzahnarzt kam, Hass an allen Fronten, in allen Gesichtern.

Da saß ich also bei meinem neuen Zahnarzt, der ganz in der Nähe der Wupperstraße praktizierte, keine 500 Meter Luftlinie von daheim entfernt, ich konnte mein Blut fast nach Hause spucken. Trotz der wärmenden, fast schlafwandlerisch sicheren Worte des Zahnarzts, (schon sein erster Eindruck vom Zustand meiner Zähne hatte mich überrascht: „Das sieht doch gar nicht mal so schlecht aus, Meister“), blieb meine Haltung im Zahnarztstuhl verkrampft, mein Herz eine Alarmglocke. Vom Hochfrequenz-Surren des Bohrers in eine irrationale Form von Angst getrieben, die Hände ineinander verknotet und über den Weichteilen gekreuzt, stumme Fisch-Schreie ausstoßend.

Ganz genau.

Es war wie immer.

Kein Unterschied, trotz diverser Atemübungen.

Sagen wir: Es war fast wie immer. Immerhin, ich war nicht weggelaufen, ich hatte nicht Reißaus genommen, kurz bevor ich die Praxis betrat. Ganz besonders hoch anrechnen konnte ich mir aber etwas anderes: Ich war nicht im sonst üblichen akuten Rette mich!-Modus zum Zahnarzt geschlichen, von bösen Entzündungsschmerzen getrieben, sondern ich war, sozusagen, freiwillig gekommen, bevor wieder mal alles zu spät war und irgendein Eckzahn nur noch extrahiert werden konnte. Es war der Versuch, die Dinge anzupacken statt ihnen hinterher zu laufen.

Gut, sagte der neue Zahnarzt. Er hatte freundliche Augen. Aber dieser Eindruck konnte auch täuschen. Das sein Blick so freundlich und menschenbezogen auf mir ruhte, konnte auch daran liegen, dass wir uns heute zum ersten Mal sahen. Selbst im Zahnarztstuhl gilt: jeder ersten Begegnung wohnt ein Zauber inne. Ab dem zweiten Mal regiert die Gewohnheit, du alter Blödmann.

Es gibt zwei Problemfelder, sagte der neue Zahnarzt.

„Heute gilt unsere Aufmerksamkeit einem Eckzahn im Unterkiefer.“ Eine Ecke des Eckzahns war abgebrochen, die wurde nun mit Plastik verfüllt. Und wo Plastik reingeht, geht da nicht auch Plastiksprengstoff rein?? Idiotischer Gedanke, natürlich, und trotzdem: ich fühlte mich für einen beunruhigenden Moment wie ein Islamist, der für ein Selbstmordattentat präpariert wird, was mir nicht wirklich weiterhalf und die Nerven beruhigte.

„Atmen Sie ruhig und gleichmäßig durch die Nase.. Niemand reißt Ihnen den Kopf ab.“

Genau da war ich mir nicht sicher. Zumal jetzt auch noch der Bohrapparat gewechselt wurde. Don’t change horses in the middle of the street! schrie ich durch meinem Kopf. Das neue Gerät arbeitete mit langsamerer Drehgeschwindigkeit, wie ich sofort heraushörte, am sonoren Surren. Auch der Zahnarzt sprach mit noch sorgsam ausgesuchterem Timbre. Er klang wie ein mit Muskeln bepackter Tiefbau-Spezialist älteren Semesters, erfahren und routiniert – solche Leute braucht man im Dental-Business. Steiger, die sich in den tieferen Dimensionen des Zahnschmelzes auskennen.

„Ruhig bleiben, schön weiter durch die Nase atmen, Sie machen das groooßartig..“

Ich verfiel in eine Art Dämmerschlaf. Der Doc ging seiner Arbeit nach, die scheue Helferin spülte mit Wasser nach, und auf meiner inneren Leinwand tauchte Großvater Glumm auf, ein Selfmademan, der seine 8köpfige Familie mit dem Schleifen und Fräsen von Zahnarzt-Instrumenten durch die Zeit des Nationalsozialismus brachte.

In meiner Erinnerung ist Opa, der 95 Jahre alt wurde, ein stattlicher Mann mit kreisrunder Glatze und schelmischen Grinsen im Gesicht, und ich bin jedes Mal baff, wenn ich ihn zufällig auf sepiabraunen alten Familienfotos entdecke und feststellen muss, na Moment, der Großvater war ja kaum größer als Großmutter und die war eher gemütlich und klein. Vermutlich verdankte Opa seinen stattlichen Eindruck der bloßen Tatsache, dass er mit einer tiefen und festen Stimme sprach – allein das verschaffte ihm mindestens einen halben Meter zusätzlicher Körpergröße.

Er war gelernter Federmetzreider, wie der Solinger sagt, Taschenmessermonteur, ein Beruf, den er wiederum von seinem Vater erlernt hatte. Ich erinnere mich, Opa noch in den Sechzigerjahren bei der Arbeit beobachtet zu haben, wie er in seiner Werkstatt auf einem Schemel saß, im Auge eine Art dickes Monokel, als begutachtete er einen Edelstein. Dann setzte er einen Bohrer an, der ein Fräser war, und bearbeitete das Objekt vor ihm, das sich mir als Kind nicht restlos erschloss. Ich erfuhr von meinem Vater, dass es Zahnarztinstrumente waren, die Opa schärfte.

Damit bohrt dir der Zahnarzt das Karies aus den Zähnen, erklärte Vater, und jetzt verstand ich gar nichts mehr. War Opa ein Untergrund-Zahnarzt, der statt einem weißen Zahnarztkittel einen schäbigen grauen Mantel trug und nicht in hellen Praxisräumen praktizierte sondern in einer schmuddeligen Keller-Werkstatt?

Mit dem Schleifen von rotierenden Werkzeugen, so die offizielle Bezeichnung, hatte Opa die Großfamilie in der schlechten Zeit mit Ach und Krach über Wasser gehalten. Er belieferte Zahnärzte im ganzen Rheinland bis hoch nach Niedersachsen mit generalüberholten geschärften Instrumenten, ein Service, wie er damals noch nahezu unbekannt war. Da er kein Auto hatte, und weil die Jahreskarte der Deutschen Reichsbahn zu teuer war, musste mein Vater, jung und handwerklich gewitzt, die nötigen Zug-Fahrkarten für Opa fälschen.

„Das war reine Geduldsarbeit, auf den Billets mit einer feinen Klinge das Datum abzuschaben und durch ein neues zu ersetzen. Aber die Schaffner sind uns nie auf die Schliche gekommen.“

„Herr Glumm..?“

Was ist hier los..??!

„HERR GLUMM!!? Wir sind fertig für heute. Lassen Sie sich vorn am Tresen einen neuen Termin geben, ja?“

Und jetzt raus hier aus dem Stuhl, verdammt! (Behandlungseinheit KaVo 1066 T, basiert auf Nassabsaugung)

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