Sie verdrehen im ersten Moment die Augen, wenn sie beim Kartenspiel mit Freunden etwas von dieser offensichtlich rückwärts gewandten Theorie mitbekommen, die zur Überraschung vieler Spieler an die alten Zeiten erinnert, und funktioniert! Erst gerät man ins Wanken. Komisch manchmal, was Nostalgie alles anrichtet. Funktionierende Nostalgie. Das Telefon. Wer sich an solchen Abenden mit Bekannten und Unbekannten trifft, gibt beim Einlass das Handy ab, und für die gebuchte Dauer bleibt es auch so. So ohne Handy. Es gibt eine einzige alte gelbe Telefonzelle, die in der Mitte aufgebaut ist. Wie ein Boxring . Darf jeder Teilnehmer einmal benutzen am Abend.
„Wenn du noch einmal so eine Andeutung machst, von wegen, du hast die Nase voll von diesem Leben, du schmeißt dich von der Brücke runter, dann reicht es. Dann rufe ich auf der Stelle deine Geschwister an. Sollen die sehen, wie sie mit dem Verrückten zurechtkommen. Ich will jedenfalls nicht am Ende dastehen als die Blöde, die von nichts eine Ahnung hatte… Wenn schon, dann sollen gerade deine Geschwister, dein Blut Bescheid wissen, was am Ende deines Lebens mit dir los war.“
Ich war wirklich am Ende. Ich war nicht mehr in der Lage, einen Absatz zu schreiben, der die Wirklichkeit in ihrer Schrägheit und Schärfe so wiedergeben konnte, dass Lesern mulmig wurde im Kopp. Dabei war ich nicht mal in der Lage, einen echten Selbstmordversuch zu wagen, selbst wenn mir extrem danach zumute war. Wie gern hätte ich den Mumm aufgebracht, von Deutschlands höchster Eisenbahnbrücke, die zwischen Solingen und Remscheid im Bergischen Land im Jahre 1899 gebaut worden war, zu springen. Da war man wenigstens sicher, dass man wirklich tot war, wenn man Sekunden später nach dem Sprung aus über 100 Metern Höhe in den Wäldern aufschlug.
Es war spät abends im Mumms, Winter 1985. Wir hockten an einem dieser rot lackierten kleinen Sprossenfenster zur Mummstraße hin, die aus dem vorderen Teil des Mumms eine Art Saloon machten, und glotzten betrunken nach draußen, auf die dunkle verregnete Straße – fertig, aus, übrig geblieben.
Was mich betraf: Mit Lana war endgültig Sense. Nach sechs Jahren. Ich wollte es nicht wahrhaben. Es war das zweite oder dritte Mal, dass sie sich einen Kerl geangelt hatte, dem sie ungesagt die Aufgabe übertrug, sie von mir loszueisen. Aber sie und ich, wir wussten Bescheid: Es war die einzige Aufgabe, die diesen unglücklichen Vögeln zukommen sollte. Sie liebte mich immer noch, sagte sie, aber sie wollte weg von mir. Sie hatte die Nase voll davon, wie gelangweilt ich mit dem angebrochenen Leben umging. Dass ich so planlos durch die Monate plätscherte, ohne zu wissen, was ich mit dem Dasein anstellen sollte.
Als wir das letzte Mal miteinander geschlafen hatten, war ich mittendrin in ihr erschlafft. Ganz plötzlich war die Konzentration weg. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, ging es runter auf off. Das war noch nie passiert, in all der Zeit nicht. Wir waren beide erschrocken. „Du bist noch nie in mir weich geworden“, beschwerte sie sich.
Wir haben es nie wieder versucht. Es war zu Ende. Ich konnte dennoch nicht von ihr lassen. Ich fuhr jedes Geschütz auf, um sie zurückzuholen, doch am Ende war sie cleverer als ich. Sie wusste, obwohl einige Jahre jünger, besser Bescheid vom Leben, während ich mir einredete, ohne sie nicht mehr weiterleben zu können. Alles, was ich noch spürte, war Leere.
*
Der Trennungsschmerz versetzte mich in eine Art Duldungsstarre. Ich soff immer mehr. Ich saß an der Bar und ließ in mich hineinlaufen.
„Du blutest aber gut“, meinte Karlos im Mumms zu mir, mit dieser ihm eigenen Süffisanz, die ich auf den Tod nicht leiden konnte, sobald ich das Opfer war.
Ich nickte nur, Schaum vorm Mund.
Ich wohnte zu dieser Zeit in einer eigenen Wohnung auf der Schillerstrasse, zum Mittagessen ging ich oft zu meinen Eltern rüber. Beim Nachtisch erzählte Mutter aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählte, war es mir, als lüftete sich ein Schleier und es tauchte der wahre Kern des Andreas Glumm auf.
Das Trauma.
Vage erinnerte ich mich daran, was Mutter da erzählte. Dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Ehebett geklettert war, auf die Seite meiner Mutter und dort blieb bis zum Morgengrauen, das wusste ich noch. Das war mir nicht neu.
„Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben, wenn ich nachts deine leisen Schritte hörte. Dann kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich.“
Sieben Jahre lang, Nacht für Nacht, es war mein kleines Paradies.
1967 wurde mein Bruder geboren, im Jahr der Ziege. 7 Jahre jünger als ich. Es war ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab. Mein Vater rief aus der Geburtsklinik an. Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.
„Ein Junge..? NEIN!“ hörte ich meine Schwester entsetzt rufen, doch was sie entsetzte, ließ mich jubeln. Ein Brüderchen! Ich rannte und tanzte durch die Wohnung, von Zimmer zu Zimmer, im roten Frottee-Schlafanzug mit Disneyfiguren.
„Ich hab einen Bruder! Ich hab einen Bruder! Ich hab einen.. Bruder!!“
Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: mein nächtlicher Komfortplatz im Ehebett der Eltern, speziell am Busen der Mutter, war fortan belegt. Der kleine Bruder beanspruchte den Thron. Ich war aus dem Spiel. Ich war der Gelackmeierte in der Geschichte.
„Die ersten Nächte bist du weiter zu mir ins Bett geklettert, aber es war zu eng. Es ging einfach nicht. Da war ja nicht nur der neue Bruder, da war auch Vater, der seinen Schlaf brauchte, um ein Geschäft aufzubauen. Also musste ich dich jede Nacht zurückschicken ins eigene Bett. Gegen jede Vernunft.“
Bedauern klang durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schoko-Raspeln im Dezember 85, Bedauern, dass man mich damals nicht besser darauf vorbereitet hatte. Dass ich vielleicht eine Weile allein schlafen müsste. Scham, das auch, Scham, dass meine Eltern nicht den Weitblick hatten, welche Folgen solch ein abrupter Rauswurf aus einer gewohnten Situation für ein Kind haben könnte. Meine Mutter schämte sich.
„Es muss ein tiefer Schock für dich gewesen sein. Wie oft bist du nachts schreiend wach geworden, wie aus einem Albtraum gerissen, jedes Mal hattest du Schaum vor dem Mund..“
„Schaum…?“
„Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus.. Ein grünlich weißer Schaum. Es war ein Drama, aber mit der Geburt und Vaters Geschäft wuchs uns damals alles über den Kopf. Du glaubst gar nicht, wie oft es mir später leid tat, dass ich in dieser Zeit kein Auge hatte für dich.““
Ich spürte ein Kitzeln in mir, den Kitzel einer rabenschwarzen Erinnerung. Eine stille Nostalgie brach sich Bahn. Kälteeinbruch. Schnell wurde mir klar, dass ich ein fettes Trauma am Arsch hatte, und das genau hier der Grund zu suchen sein würde für meine späteren heftigen Verlassensängste. Der Grund, warum ich jedes Mal so heftig reagierte, wenn Lana von mir fortging, oder jede andere Frau, die ich liebte. Wenn sie mich verstieß aus ihrem Bett. Von ihrem Busen. Aber es gab keine andere. Nicht zu dieser Zeit.
„Und warum du so traumatisch viel säufst, Glumm, das wissen wir jetzt auch“, meinte Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm Bericht erstattete am Tresen, was Mutter mir am am selben Mittag erzählt hatte. Karlos betrachtete den Schaum, der an meinem Pils-Glas herunterlief, auch bekannt als:
Die Blume.
*
Das Trauma.
*
Als Karlos fort war, ließ ich mir vom Geschäftsführer des Mumms ein Taxi rufen und zahlte meinen Deckel. Während ich auf die Droschke wartete, verstieg ich mich in den irgendwie abgehobenen Gedanken: Du luxuriöse Null nimmst tatsächlich ein Taxi zum Selbstmord. Genau das war der ironische Schlenker beim Einsteigen in den Wagen. TAXI ZUM SELBSTMORD, WEIL ES ZU FUẞ ZU WEIT WAR BIS ZUR MÜNGSTENER BRÜCKE, WEIL ES ZU NASS WAR IM NIESELNDEN REGEN…
Als ich das Fahrtziel angeben sollte, konnte ich im letzten Moment verhindern, dass mir „Müngstener Brücke“ herausrutschte. Jeder Taxifahrer in der Stadt wusste Bescheid, wenn nachts ein Betrunkener zustieg und zur Müngstener Brücke kutschiert werden wollte. Da war eine Selbsttötung im Anrollen. Du hast einen potentiellen Selbstmörder im Wagen sitzen. Der Taxifahrer, ein Türke, hatte ein bisschen Angst vor mir, ich spürte es bis auf meinen Rücksitz, er schien mich nicht einschätzen zu können, mit meiner Mütze, darüber eine nassgeregnete Kapuze, weil ich einige Minute vorm Eingang des Mumms aufs Taxi gewartet hatte, um den Suizid-Plan zu schmieden. Außerdem zählte ich während der Fahrt hoch zur Krahenhöhe dauernd dauernd mein Geld, ob es überhaupt reichen würde bis zum Bahnhof Schaberg, von wo aus die legendäre Brücke leicht zu erreichen war. Es konnte sein, dass der Fahrer sofort die Bullen informierte, wenn ich aus dem Wagen ausstieg. Die Müngstener Brücke, mit über 100 Metern Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke, eins der Touristenziele im Tal der Wupper. Unter dem mächtigen Stahlbrückenbogen hatten sich Kneipen, Minigolfanlagen, Brezelbuden, Restaurants und eine im ganzen Bergischen Land bekannte Rockdisco angesiedelt. Das war 1985, doch im kleineren Format gibt es diese Etatblissements heute noch.
Und: Im Schnitt springt jeden Monat ein Mensch aus 107 Metern in den Tod, sagt die Statistik. Das heißt aber auch, dass im Schnitt einmal im Monat ein Wanderer oder der Förster irgendwo zwischen den Felsen, Büschen und Klippen im Tal der Wupper auf eine zerschellte Leiche stößt. Was sicher kein schöner Anblick ist.
Der Bahnhof Schaberg auf Solinger Seite lehnte sich fast an die Brücke an, so nah war sie diesem imposanten Bauwerk. Einige hundert Meter weiter wartete die Remscheider Seite der Schienenstränge, die Solingen und Remscheid seit vielen Jahren miteinander verbanden. In der nächtlichen Dunkelheit marschierte ich Bohle für Bohle geradeaus bis zur Brückenmitte. Ich blieb stehen und lehnte mich vorsichtig übers Brückengeländer. Es war eiskalt und nass, ich starrte in die Tiefe, in den Nebel – tief deprimiert und voller Respekt. Das ist doch viel zu hoch! dachte ich erschrocken. Wie soll man sich denn da runterschmeissen, in dieses mächtige schwarze Nichts. Es war wie in einem sich leerenden riesigen Stadion, in dem letzte dimmende Flutlichter darauf warteten, auszugehen. In der Tiefe, unten in Müngsten, nahm ich einige Laternen wahr, hörte einen Hund bellen, und da war das leise Plätschern der Wupper, zu meiner Überraschung, schließlich war der Fluss über 100 Meter entfernt. Ich fühlte mich wie auf einem verschollen geglaubten Buchcover von Sir Arthur Conan Doyle. Die Hunde der Wupper.
Nein.
Das schaff ich nicht, das ist viel zu hoch, von hier oben zu springen, dachte ich, und verließ die Brücke mit langsamen kurzen Schritten, von Bohle zu Bohle, bis ich wieder im Nebel am alten Schaberger Bahnhof stand.
*
Jahre später kamen die Depressionen erneut, etwa 2015 herum, und sind bis heute geblieben. Schon beim Wachwerden spüre ich die erste Welle heranschwappen, mit nassen Händen. Eine Welle, die sich nicht stoppen lässt, da sie bereits im Schlaf Fahrt aufgenommen hat. Noch im Schlaf werden erste Impulse gestreut. Keine Chance, sich beim Aufwachen der Welle entgegenzustemmen, sie rollt los. Und es dauert keine Minute und die Nachfolger schlagen über mir zusammen. Bis in die letzten Nervenenden erregt, weil sich ein weiterer Desaster-Tag ankündigt.
Schon Wochen vor dem ersten Nervenzusammenbruch schlief ich schlecht. Sanne meinte im Nachhinein, ich hätte nachts nur noch geschnaubt, im Zimmer nebenan. „So komische Stressgeräusche.“ Von da an ging nichts mehr. „Wenn andere Leute zu 70 % aus Wasser bestehen, bestehst du zu 70 % aus Angst.“
Ich kann die Angst, die mich niederdrückt, nicht beschreiben. Es gibt keine Worte für die Angst, die ich vor mir selbst habe. Nur ein plötzlich aufgetauchtes Trauma.
„Wenn deine Panikattacken anrücken, schlägst du mit Hochhäusern um dich.“
- Die Gräfin
Der zweite, na, Selbstmordversuch, im Sommer vor einigen Jahren. Es war den fünften Tag hintereinander 35 Grad im Schatten, es knackte und knirschte auf den Straßen, weil die Bäume ihre Zweige abwarfen, um sie nicht mehr mit Wasser versorgen zu müssen. Um weiterleben zu können.
Morgens traf ich Vitali, einen Bekannten, den früh am Tag schon eine Kreislaufattacke niedergeworfen hatte, wie er langsam erzählte. Vitali, zugewandert aus Kasachstan, war der bedächtigste Erzähler, den ich kannte. Er war im Wohnzimmer in den gläsernen Geschirrschrank der Familie gekracht und hatte sich dabei ein Stück von der Ferse abgeschnitten.
„Blutet immer noch“, sagte er und humpelte eisern weiter.
(Vitali passieren die schrägsten Dinge. Einmal verbrühte er sich den halben Arm, als er seiner Frau eine Wärmflasche einschütten wollte. „Da konntest du richtig das rohe Fleisch sehen“, sagte er.)
In der Mittagszeit, ich war wieder zuhause, hielt ich mich nicht mehr aus. Es gab nicht mehr diesen einen Grund wie im Winter 85 und den Liebeskummer, es war eine böse Gemengelage. Die Depression ist der moderne Teufel. Er reißt dein ganzes Wesen mit in die Tiefe, er ringt dich nieder und schreit alles an Kraft aus dir heraus, die er noch vorfindet. Und er spielt niemals Akkordeon.
Niemals.
Als die Hitze in der Wohnung unerträglich wurde, zog ich wie betäubt los, ohne Hund. Wie ein Roboter marschierte ich die steile Klingenstrasse hinauf bis zum Schaberg, von dort zum alten Bahnhof, von wo aus man bequem auf die große, 500 Meter lange Brücke kommt. Wenn einen niemand dabei beobachtet und zurückhält. (Dass es bei Strafandrohung verboten ist, die Brücke zu betreten – geschenkt).
All die diffusen Ängste in meinem Kopf, die Depressionen, die Leere, die zunehmende Einsamkeit hatten sich aufgetürmt zu einem Riesenschrecken, und jetzt, im Alter von knapp 60 Jahren, fand ich kaum noch heraus. Ich hatte mir angewöhnt, Dinge in mir mit der größtmöglichen Depression zu behandeln. Es gab Tage, da lief ich in meinem Zimmer auf und ab, wie im Knast. Es war, als hätte ich mich selbst in Gefangenschaft genommen. Ich war mein eigener unnachgiebiger Wärter.
Wie sonst war es zu erklären, dass ich am helllichten Tag die Brücke betrat, ohne mich auch nur einmal umzublicken. Obwohl Passanten auf dem Bahnsteig warteten. In der Nähe war ein Bauhof, auf dem große Container standen. Ich nahm den kleinen unscheinbaren Wirtschaftsweg, der zur Brücke führt. Als ich etwa die Mitte des riesigen Stahltrosses erreichte, blieb ich stehen. Der Wind war nicht ohne, und ich dachte noch, wohin er mich wohl wehen würde, wenn ich es tatsächlich tun würde – springen. Fallen. Und wieder war da dieser absurde Gedanke, als ich mich ans Geländer stellte und runterschaute: Das ist doch viel zu hoch…!
Das schaffst du gar nicht!
(Natürlich bleibt die Frage erlaubt, was ich damit eigentlich meinte, zum Teufel. Schließlich war ich ja wegen der sagenhaften Höhe gekommen.)
Als ich die Gleise zurückschlich Richtung Bahnhof, deprimiert, ohne Mumm, mein kleines Leben wegzuwerfen, hörte ich in der Ferne den Regionalzug anrollen. Mir kamen Männer in Arbeitsanzügen entgegen. Sie kamen über den Wirtschaftsweg des Bauhofes, von wo aus man einen guten Blick auf die Brücke hat, wenn man trainiert ist, genau hinzuschauen. Und das hatte die Kripo wohl angeraten. So erzählte es mir später der Bauleiter, ein kräftiger Mann mit gleichsam mitfühlendem wie leicht abschätzigen Blick. Wir warteten darauf, dass die Polizei eintraf, die er gerufen hatte. Er stand 2 Meter von mir entfernt, und schien jederzeit darauf gefasst zu sein, mich festzuhalten, sollte ich zu türmen versuchen. Doch danach war mir nicht, nicht nach Türmen, genauso wenig wie nach Fallen. Ich hörte einen Hubschrauber heranfliegen, er schien ganz in der Nähe zu sein, doch ich sah ihn nicht, er musste irgendwo hinter den Baumwipfeln kreisen, die den Abhang bedeckten.
„Sind die wegen mir hier?“ fragte ich den Bauleiter noch, und er nickte, meinte aber gleichzeitig, na ja, ich weiß es nicht. Dann drehte der Helikopter ab, ohne dass ich ihn gesehen hatte, und der Nahverkehrszug aus Remscheid/Wuppertal rollte ein.
Zwei Polizisten und eine blonde Polizistin mit Pferdeschwanz nahmen mich in Empfang. Die Polizistin schien darin geübt zu sein, mit Lebensmüden zu kommunizieren, während ihre beiden Kollegen eher karg rüberkamen. Der Vorarbeiter verabschiedete sich, wünschte mir „viel Glück“ und schaute betreten zu Boden.
„Wird schon wieder“, fügte er noch an, doch seinen Worten, so nett sie auch gemeint waren, fehlte jede Überzeugungskraft. Ich fühlte mich grau und ausgestoßen. Ich wollte wissen, was jetzt passiert.
„Wir fahren jetzt erstmal zur Wache, dann sehen wir weiter“, meinte einer der Polizisten.
„Wenn wir Sie jetzt einfach laufen lassen, schüss, ist ja nichts passiert, das wäre dann doch zu wenig. Auf der Wache wird sich ein Arzt um Sie kümmern… und eventuell verbringen Sie eine Nacht in einer… äh darauf spezialisierten Einrichtung.“
„Bloß nicht“, murmelte ich.
Plötzlich war der Hubschrauber wieder da. Wie aus dem Nichts stand er flatternd über der 500 Meter langen Brücke, als würde er gleich ein Rettungsseil hinablassen wollen. Der Polizist verschwand im Mannschaftswagen und telefonierte. Wieder fragte ich, ob die wegen mir in der Luft wären, doch die Polizistin winkte ab.
„Die waren zufällig in der Nähe und haben über Funk den Einsatz mitbekommen.“
Es ging mir darum, dass ich kein Interesse hatte, den Notfall-Einsatz eines Helikopters zu bezahlen.
Im VW Bully mit 3 Beamten zur Hauptwache. Bevor ich den Mannschaftswagen betrete, werde ich abgetastet. „Müssen wir machen, zur Eigensicherung.“ Es ist halb drei, 34 Grad.
In einem kahlen Verhörzimmer unterhielt sich ein Polizist mit mir. Er durchsuchte meinen schwarzen Rucksack, fand mein Notizbuch. Blätterte darin herum, schnupperte, und nahm es an sich.
He, sagte ich.
„Kriegen Sie zurück, kriegen Sie zurück“, meinte er. Er verließ den metallischen Verhörraum, der lediglich aus einem im Boden verschraubten Tisch (aus Metall) und einigen ebenso fest verschraubten Stühle bestand. Es war wie im Knast. Dabei hatte ich bloß auf der berühmten 107 Meter hohen Brücke gestanden, um zu prüfen, ob ich kleiner Feigling wirklich so lebensmüde war, wie ich zu sein vorgab. Ob ich wirklich bereit war, so hoch zu fallen. In eine Tiefe, die ich aus dieser Höhe nicht überblicken konnte. Durch ein großes Fenster konnte ich einen Flur der Wache beobachten, so wie die Beamten von außen mich im Blick behielten. Ich konnte kein Wort verstehen, aber ich sah die Blicke einer Kollegin, als sie darüber aufgeklärt wurde, welch freches Vögelchen man sich mit mir geangelt hatte. Schleicht sich in der Hitze der Mittagssonne auf die Müngstener Brücke. Und dann war es dem Vögelchen zu hoch! Aber es war schon auf dem Weg zurück zum Bahnhof gewesen, als man es einfing, dachte ich. Ein armes Vögelchen.
Es wollte fliegen.
(Wenn man 30 Jahre lang gut abgeschirmt in der Sonne lebt, und plötzlich taucht etwas Schwarzes auf, das in überbordender Schnelligkeit dein ganzes Gesichtsfeld ausfüllt, dann ist man erstmal schockiert. Das ist die Depression.
Die Angst.
Dein Fall.)
Sanne wird von einem Beamten angerufen. Ob sie mich abholen könne. Den Anruf kriege ich natürlich nicht mit, ihre Reaktion auch nicht, wir haben hier Ihren Mann sitzen, er wurde bei einem Suizidversuch… Man wollte mich jedenfalls nicht allein nach Hause gehen lassen. Mein Notizbuch hatte ich immer noch nicht zurück.
Ich laufe in der Zelle hin und her, ich kann nicht sitzen bleiben. Ab und zu schnappe ich die Blicke von den im Gang entlanglaufenden Bullen auf. Endlich kommt jemand. Aber es ist kein Arzt, wie man mir im VW Bully versprochen hatte, sondern ein Mann vom Ordnungsamt, in orangefarbener Brustpanzer-Montur mit Erste Hilfe-Koffer.
Groß gewachsen, strammes Auftreten. Er will mich ins LKH einweisen. Was hat ein Typ vom Ordnungsamt mit dem LKH zu tun? Ich weise ihn darauf hin, dass ich bereits auf dem Weg zurück war von der Brücke, als die Polizei kam, und dass ich gar nicht versucht hatte zu springen.
„Ich hatte es schon aufgegeben.“
Dann verschwindet er wieder, „um Ihre Frau in Empfang zu nehmen.“
Eine halbe Stunde dauert es, bis man Sanne zu mir lässt. Sie fällt mir in die Arme. Was machst du denn fürn Scheiss? Tränen und Schweigen. Wir sitzen eine Weile zu dritt zusammen. Sanne fasst sich schnell. Ich bin ja nicht tot. Gerechnet hat sie damit aber nicht, dass ich den Platz auf der Brücke suche. Das Notizbuch kriege ich wieder, obwohl der Beamte darin das Wort DÄMONEN gefunden hat. Was er verdächtig findet. Welche Dämonen? will er wissen, mehrfach.
„Keine Ahnung, ich weiß nicht, was ich alles so notiere..“
Er bleibt misstrauisch. Da bin ich ganz froh, dass er anscheinend andere Worte nicht gelesen hat.
Als wir ihm versprechen, noch bei „Menschen in Not“ vorbeizufahren, lässt er uns gehen, ohne noch mal die Klapse ins Gespräch zu bringen. Die Frau, die uns bei „Menschen in Not“ die Tür öffnet, ist ja ganz nett. Ganz zuletzt fragt sie mich:
„Haben Sie denn etwas, wobei Sie sich entspannen können, wenn Sie gleich daheim sind? Sagen Sie…Puzzeln Sie?“
