Mobilfunkmoment an Haltestelle

Bushaltestelle, überdacht, Mittwochvormittag. Neben mir ein Raucher. Um die sechzig, schmales Hemd, halbe Glatze, Plastikschuhe – insgesamt ein verwohnter Anblick. Ich sende eine SMS an die Gräfin, um letzte Modalitäten bezüglich des Mittwoch-Einkaufs zu klären, als die elektronische Info-Tafel eine 5minütige Verspätung der Linie 683 anzeigt.

„Muss man ja haben“, meint der Raucher unvermittelt und blickt auf das Telefon in meiner Hand.

„Was…?“

„Ich hab ja jetzt auch eins“, wiederholt er langsam. „So eins.“

Er dehnt die Silben, wie Menschen das gelegentlich tun, die lange daran gearbeitet haben, deutlich zu sprechen. Ein gewisser Stolz schwingt mit. Dass man jetzt mithalten kann.

„Ja. Ich hab auch eins.“

Ich sehe zwar kein Handy in seiner Hand, aber es ist ja keine Verpflichtung, seins zu zeigen, nur weil man davon spricht.

Noch nicht.

„Meins hab ich bei der Telekom gekauft.. im Laden. Neunzehn neunzig“, sagt der Mann und widmet sich seiner Filterzigarette. Er saugt das Nikotin so gierig in sich hinein, dass die Glut fast übersteuert und den ganzen Stengel in Brand setzt. Ein Säugetier, denk ich. Ein Kobold. Ein Rauchtier.

Seit ich nicht mehr rauche, genieße ich den Geruch jeder einzelnen Kippe, die in meiner Gegenwart abgebrannt wird. Sagen wir fast jeder. Es gibt Ausnahmen. Das Leben ist eine unablässige Abfolge von Ausnahmen. Die Kippe hier zum Beispiel hat Mundgeruch. Obwohl wir gut anderthalb Meter voneinander entfernt sind, kommt ein käsig-warmer Gestank bei mir an, es lässt sich nicht ignorieren. Es kommt tief aus den Eingeweiden des Mannes und wird noch verstärkt von fauligen Zahnstumpen und in Zahnzwischenräumen eingepressten Weißbrotbröckchen vom Frühstück und anderen Essenssresten. Ich bin fasziniert und angeekelt zugleich. Ich meine, man ist schließlich auch nur Kameramann, Mittwochmorgen, zehn Uhr.

Nasenmann auch.

Er, schmales Hemd, um die sechzig, chinesische Plastikschuhe, bleibt beim Thema.

„Hab ich aber Pech gehabt mit dem Handy. War der Akku kaputt. Wo krieg ich denn einen neuen her, hab ich im Laden gefragt, einen neuen Akku. Ja, und was war? War ich direkt noch mal zwanzig Euro los. Ich dachte, ich werd verrückt. Erst neunzehn neunzig, dann zwanzig. Aber ich brauche das Handy nicht oft. Nur wenn ich nächstes Jahr in Urlaub bin und meine Schwester anrufe..“

Er saugt an der Zigarette, der Käse zieht Fäden.

„.. um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung ist“, führe ich den Satz in Gedanken fort, ungefragt, damit er schneller zum Ende kommt. Wenn der Bus kommt, so mein Plan, will ich fertig sein hier. Leute mit Mundgeruch sind immer etwas peinlich.

„Genau. Ja. Und Freitags beim Gesangsverein“, lächelt er, „dann brauche ich das auch.. das Telefon..“

„Bei den Meigenern?“ frage ich, jetzt doch interessiert.

„Kotter“, antwortet er, und nickt zufrieden.

Ich sehe es vor mir, wie die Chorprobe eines der ältesten Männergesangsvereine Deutschlands aus dem Ruder läuft, weil der langjährige Sangesbruder Fritjof R. böse aus dem Hals schlammt und keiner mehr mit ihm singen mag. Endlich kommt die Linie 683 angekrochen, den Berg rauf aus Wuppertal-Vohwinkel. Es ist schwül-heiß an diesem Mittwoch, echtes Apnoe-Wetter. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, man glaubt, man spaziert durch Baumwollfelder. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, mit dem Hemdsärmel.

Es gibt Alltagsmomente, da kann es passieren, dass man als Gegenüber ein mächtiges Ausblasen einsetzen möchte, einfach, um die Sinne zu beruhigen. Um noch etwas Milde reinzukriegen in diesen ganzen Wahnsinn.