Zeitlos

 

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Grosses wildes Baby

Nach dem Mittagessen zeigt sich seine portugiesische Herkunft: Leo aalt sich in der Mittagssonne auf dem großen Bett der Gräfin, wie ein sattes Löwenmännchen liegt er da, in Cinemascope, und seufzt zufrieden. Ein Golden Boy seiner Generation – innen Gold, außen Gold.

Das Fell, cognacfarben, steht ab wie lauter kleine Flämmchen.

Er ist angekommen.

*

Auf der Facebook-Seite des portugiesischen Tierschutzvereins hieß es letzten Sommer über Leo:

„Bartholomeo ist ein Junge von etwa 5 Monate, ein großes wildes Baby, das noch wachsen wird und Energie gibt. Er liebt es mit uns zu sein und spielen, alles für ihn dient als Gegenstand für den Witz. Aber er ist ein zart und ein Süßes..“

Die Gräfin verliebte sich auf der Stelle in das beigefügte Foto, aufgenommen in einem Shelter nahe Lissabon. Aber er ist ein zart und ein Süßes…! wiederholte sie den Satz wie ein Mantra, und musste lachen. Ja, das isser! Den nehmen wir, oder?! Guck du ihn dir mal an!

Ich schaute ihr über die Schulter, und tatsächlich… diese abstehenden Segelohren, dieses Fledermausgesicht..

Is das ne Type, sagte ich.

Ein knappes dreiviertel Jahr zuvor, im Februar 2017, war Molli von uns gegangen, wie man so sagt, und in ihrem Fall hatte das durchaus seine Berechtigung – sie starb nicht, sie ging. Um die Ecke, ohne groß zu winken, kein Tschüss, nichts. Sie hatte sogar den richtigen Zeitpunkt abgewartet, als wir einige Tage mehr als sonst mit uns selbst beschäftigt waren und sie ihrem Schicksal überließen. Da endlich, so rekonstruierten wir hernach, konnte sie loslassen. Sie war lungenkrank und alt. Beim Atmen rasselte es, die Räume waren eng geworden. Sie wollte nicht mehr.

Ausgerechnet am Abend vor ihrem Tod hatte ich noch eine Reihe Fotos von ihr gemacht, als wir eine letzte gemeinsame Runde drehten. Das Fotohandy hatte ich schon seit einiger Zeit in der Tasche, doch erst an diesem letzten Abend knipste ich plötzlich drauflos, ohne zu ahnen, warum. Ich drehte sogar ein kleines Video von Molli, wie sie auf dem Sportplatz nach einem Stöckchen springt, auch wenn sie es nur mir zuliebe tat, mit halbem Herzen.

Und ich Trottel hatte dabei nichts besseres zu tun, als sie anzufeuern, so wie ich es in ihren Welpentagen getan hatte, spring schön! krieg den Stock! Und auch wenn es die letzten Aufnahmen sind, die sie lebend zeigen, ich kann die kurze Sequenz kaum ansehen, den Auftritt unserer eisgrauen Lady von 13 Jahren, wenige Stunden vor ihrem Herzinfarkt. Ich komme mit meinem blöden nun spring schön! nicht zurecht. Dass ich den alten Meister Tod nicht im mindesten herannahen fühlte, unter seiner Kappe.

*

8. Oktober 2017

Heute kommt er, der kleine Leo aus Portugal. In einem Sammeltransport mit insgesamt 27 Hunden, die an verschiedenen Treffpunkten in der ganzen Republik von ihren neuen Haltern abgeholt werden. Für uns heißt es: Wir müssen zur holländischen Grenze. Alsdorf heißt das Kaff, wo wir gegen 12 Uhr bei einer Aktivistin des Tierschutzvereins verabredet sind.

„Hoffentlich ist Leo nicht so eine Gurke“, sag ich, als wir auf der Autobahn sind. Schließlich kennen wir nur Fotos aus dem Internet. Das letzte aktuelle Bild ist sechs Wochen alt, und da war er gerade von einem Hundebiss im Shelter genesen.

„Das ist keine Gurke. Der hat ein ganzes süßes Fledermausgesicht. Sei nicht immer so skeptisch.“

Meinen Einwand, dass wir ja eigentlich einen neuen Hund brauchen und keine Flattermaus, behielt ich lieber für mich. Eine Autobahn ist ein heikler Ort für einen kleinen Streit am Sonntagmorgen. Es ist ja immer der kleine Streit, der plötzlich aus dem Ruder läuft. Nicht, dass ich es beschreien möchte, aber so ist es nun mal. Es liegt in der Natur der Sache, dass große Sachen selten geschehen, dass sie echte Ausnahmen bleiben, während die kleinen Sachen, wo man denkt, das hatten wir doch schon tausend Mal, kein Problem, plötzlich zum Monster werden und in den Metallsplittern der Mittelplanke enden. Aber ich hab ja die Klappe gehalten.

Zum Glück!

*

„Du siehst aus, als hätte man dir in der Schweiz die Haare geschnitten! Oben auffem Berg. Wo’s dunkel ist“, scherzt sie.

„Haha“, sag ich.

Es ist ein Scherz auf meine Kosten. Weil ich es seit Wochen nicht zum Frisör schaffe, (es gibt Zeiten, da fühle ich mich wie in eine Zwangsjacke gesteckt, wenn die Frisörin mir den Kittel umlegen will, also bleibe ich solchen Läden fern), hat sie gestern kurzentschlossen zur Schere gegriffen. „Du siehst aus wie ein abgehalfterter Knastbruder“, hatte sie zuvor noch gemeckert und sich selbst quasi Absolution erteilt. Die Schere ist eine original Frisörhandwerksschere, ein letztes Überbleibsel, ein letztes Souvenir vom dicken Hansen, der ein paar Jahre lang Frisörzubehör vertrieben hat.

9 Uhr 40. Die Nachrichten in der WhatsApp-Gruppe überschlagen sich vor Vorfreude. Alle erwarten ihre neuen Gefährten, auch wenn niemand so recht weiß, was ihn erwartet. Es ist, als hätte man in einer Auktion einen herrenlosen Koffer ersteigert, und endlich darf man ihn in Empfang nehmen und reingucken. Wir passieren den Niederrhein, vorbei an Mönchengladbach und Jülich, Kraftwerke und Windräder.

„Das erste, was ich gerochen hab, als ich ihn im Arm hielt, waren seine leckeren Schweißfüßchen“, so die Gräfin später.

Das erste, was ich gedacht hab, als man Leo aus seinem Käfig vom Transporter holt: Ist der klein! Ist das alles?

Muss man den erst aufpumpen? sagte ich zur Gräfin, doch sie hörte gar nicht hin. Man hatte ihr Leo in die Arme gelegt, ein Bündel Reisig mit vertrauensvollem Blick. Als sie ihn kurz niederließ und er sich im Laub wälzte, war er in seinem beigefarbenen Fell kaum zu unterscheiden von den Blättern.

Raffiniert.

*

Im Grunde sind wir alle gleich, Hunde wie Menschen. Die Feinheiten herauskitzeln, das dauert schon mal seine Zeit. Und was meine Haare betrifft, da sind schon mal ein Haufen Ecken und Schrunden.