Streunerseelen

Mandy, eine schwarze Labrador-Dame, nutzte jede Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen. Oft blieb sie tagelang verschollen, und wenn sie zurückkehrte, war ihr Fell so verdreckt und verfilzt und von Zecken befallen, dass man sich fragte, in welchem Bums sie sich herumgetrieben hatte. Sie verschlang zwei Dosen Rindfleisch auf ex, warf sich rülpsend ins Körbchen und schlief zwei Tage lang durch, ohne sich zu mucksen.

Das erste Mal war uns Mandy in Müngsten aufgefallen, einem beliebten Ausflugsziel unter der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands. Sie überspannt eine 100 Meter hohe Schlucht zwischen Solingen und Remscheid. Eine schwarze Hündin ohne Begleitung kam uns entgegen, zielsicher, als wollte sie uns entern, als hätte sie es von vornherein auf uns abgesehen, Sie beschnupperte uns freundlich, schien uns für gut zu befinden und trabte zwischen Brezelbuden und Fahrgeschäften (Paris – Dakar) neben uns her, mit den gutmütigsten Augen der Welt. Was aber sollten wir anfangen mit dieser leicht übergewichtigen Labradorhündin, die sich uns so selbstverständlich angeschlossen hatte und gegen deren Begleitung nicht mal unsere junge, ansonsten so eifersüchtige Frau Moll etwas einuzuwenden hatte. Am roten Halsband der Hündin hing ein Clip:

Ich heiße Mandy, und ich wohne Bertha von Suttner-Straße.

„Bertha von Suttner ..? Das ist doch ganz in der Nähe von uns, irgendwo am Spielplatz den Weg hoch“, sagte ich überrascht.

Also fuhren wir die kleine Globetrotterin heim in die Nobelpreisträgersiedlung: Robert Koch-Straße, Alfred Nobel-Straßen, Bertha von Suttner. Ein Meer aus Flachdachbungalows und japanischen Sicheltannen. Auf einem umzäunten Grundstück stand ein Mann im Unterhemd, in der Hand einen spritzenden Wasserschlauch.

„Hm…? Ist unsere Dicke wieder ausgebüxt?“, fragte er ungerührt und wässerte den Rasen, während Mandy schwanzwedelnd durch die offene Küchentür ins Haus eintrat, ohne sich noch mal umzudrehen.

Sie begegnete uns etliche Male auf ihren Solo-Ausflügen – einmal 15 Kilometer entfernt im Staatsforst Burgholz. Wir hatten uns verlaufen, die Sonne ging schon unter. Wir hatten keine Ahnung, wo wir uns befanden. Als Mandy an einem stillgelegten kleinen Bahnhof auftauchte, mit ihrem unschuldigen Blick, voller Vertrauen an das Gute im Menschen, war es wie im Märchen – gemeinsam fanden wir den Pfad zurück in die Zivilisation.

Danach sahen wir die Streunerin nicht mehr, sie verschwand von der Bildfläche. Vermutlich war sie alt und sesshaft geworden. Bis zu jenem kalten Winternachmittag 2010, am Theegarten. Die Sonne versank schon hinterm Horizont, als Mandy mit einem Mal vor uns stand, wie aus dem schwanzwedelnden Nichts. Wir erkannten sie zunächst nicht einmal und glaubten, da stünde ein alter Hund vor uns, der keine Kraft mehr hatte und hinter Herrchen oder Frauchen zurückgeblieben war. Aber es war niemand zu sehen auf den weitläufigen Feldern, kein Herrchen, kein Frauchen, niemand.

“Ist das etwa … Mandy?“, stutzte Sanne plötzlich und schaute am Halsband nach. „Klar ist das Mandy! Schätzchen, hast du aber zugenommen!“

Frau Moll kam an und schnupperte an Mandys Hintern, beide Hunde ließen fröhlich den Schwanz kreisen. Als hätten sie erst unser Okay gebraucht, um einander wiederzuerkennen.

„Na, kleine Globetrotterin“, kraulte ich Mandys Hals, und sie bedankte sich mit einem Blick aus tiefer, treuer Streunerseele. Ich kann doch nichts dafür, dass ich immer auf Trebe bin, sagte ihr Blick, bevor die schwarze Labradorhündin über die verschneiten Felder davonlief, in die Richtung, aus der sie gekommen war.

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aus Geplant war Ewigkeit