Ein schwieriger Fall*

„Doctor, doctor, can you feel my pain? Doctor said: shit man, not you again.“

  • (Kevin Ayers)

 

1
„Ein Blutdruck wie ein Jungbulle“, feixte der Doktor und legte Manschette und Horchgerät ab.

„Hä..? Wie ein Jungunternehmer?“

„Ja, genau. Wasch dir mal die Ohren. Ein Jungbulle. Wie ein Jungbulle!“

Das war doch schon mal was. Allerdings war mir nicht bekannt, wie miserabel sich so ein Jungbulle fühlen kann, trotz eines bombigen Blutdrucks. Ich sah eine runtergerockte Bull-Riding-Arena vor mir, voll zerrissener Haxen, Ochsenschwanzsuppe aus der Büchse.

„140 zu 80“, sagte der Doktor.

Pulsschlag: auch okay. Er leuchtete mir mit der Stablampe in die Augen, dann checkte er meinen Mundraum.

„Zunge rausstrecken und laut a sagen.“

„Aaaaa..“

„Lauter!“

„AAA..!!“

„Gut, gut… auffressen sollst du mich nicht.“

Nächste Aufgabe: mit dem Zeigefinger die Nasenspitze antippen. Abwechselnd. Mal mit links, mal mit rechts. Darin war ich gut. Dafür brauchte es Fingerspitzengefühl. Zack Zack erledigt. 2mal voll ins Schwarze. Ein bisschen enttäuscht war ich schon, wie selbstverständlich diese Leistung hingenommen wurde. Als wäre es alltäglich, sich unter Beobachtung unfallfrei die Nase anzutippen.

„Und jetzt mal bitte der Linie entlang gehen.“

„Wo?“

„Da.“

„Da ist keine Linie.“

„Witzbold. Stell dir eine vor. Eine gedachte Linie. Nur ein paar Schritte geradeaus.“

Mir war oft schwindelig in letzter Zeit, besonders vormittags. Es war halb 11. Ich wackelte auf einer gedachten Linie auf das grosse Regal zu, das voller Fachbücher war. Bisschen arg wackelig, fand ich. Ich schaukelte mehr, als dass ich ging. Ein schiefer Büttenmarsch. Doch der Doc bemerkte nichts. Vielleicht hatte er auch keine Lust richtig hinzugucken. War noch nicht auf Betriebstemperatur.

„Gut. Und jetzt das ganze mit geschlossenen Augen.“

Noch schlimmer. Ich war froh, dass ich nicht vor die Schreibtischkante eierte. Dass ich mich nicht langlegte.

„In Ordnung, soweit okay alles. Keine Ausfälle im Gehirn.“

Die Gräfin kam hinzu. Sie hatte sich draussen mit einer Mitarbeiterin unterhalten. Jetzt saß sie neben mir, sie war ausnahmsweise mitgekommen zum Doc, trotz Kopfweh. Sie wollte wissen, was los ist.

„Der Mann betrübt mich. Ich mein, ich hab den noch nie so fertig erlebt, so deprimiert. Der Mann hat in der letzten Woche mehr geheult als in den ganzen zwanzig Jahren zuvor.“

Es kam aus dem Nervensystem. Es war, als vagabundierten Insekten in mir, Insekten, die dampfende Nester in mein System schleppten, aufbauten und immer mehr von diesem widerborstigen Material heranschafften. Es setzte sich auf meine Netzhaut und stiftete visuelle Verwirrung. Was flimmert da alles? dachte ich manchmal.

Wenn ich morgens das Haus verließ, war da plötzlich kein Boden unter meinen Füßen. Es war wie ohne Beine, wenn ich auf den Füßen war. Da war nur Luft abwärts der Hüfte. Ich war der Schaumgummigänger.

Begonnen hatte es, als ich Morgens zur Arbeit ging und aus den Latschen kippte. Im Vorgarten. Im Frühnebel. Zwei Schulmädchen kicherten, weil ich im Gras saß. Im Tau. Den Hosenboden nass. „Können wir Ihnen helfen?“ „Nee. Schon gut.“ Sagte ich leise.

Nichts war gut.

„Hast du das Bewusstsein verloren?“ fragte der Doktor.

„Nein.“

Danach blieb ich im Bett, eine Woche lang. Dann hatte ich Rückenschmerzen, vom vielen Liegen. Jetzt sass ich hier. Mit der Gräfin.

Der Doktor thronte hinter seinem Schreibtisch. Er wurde immer dicker. Bei jedem Besuch hatte er 2 Kilo mehr drauf. Während er zuhörte, warf er einen Blick auf die Patientendaten auf dem PC-Bildschirm. Er beobachtete meine Hände, wenn ich redete. Immer auf die Hände gerichtet war sein Blick. Wie ein Zimmerhabicht. Fummelten meine Hände italienisch in der Luft? (Was vorkam.) Hielt ich sie in Höhe des Bauches, in Höhe des Herzens? Ruhten sie im Schoß? Schlapp herunterhängende Hände waren der Kardinalsfehler. Das unterliess man besser. Das stellte dich beim Doktor in ein ganz schlechtes Licht. Aber stellte das einen nicht bei so ziemlich jedem in ein schlechtes Licht? Schlapp runterhängende Hände waren praktisch schlechtes Licht.

Der Arzt hörte eine Weile zu, wie er es immer tat, bevor er sich aufblies und loslegte.

Bla bla bla.
Blablablabla.

Blubber blubber blubberino.

Es war wie bei den Peanuts. Wenn Erwachsene redeten, sah man als Zuschauer stets nur den Unterkörper der Figur, nie das Gesicht. Beim Doc sah man irgendwann nur noch den Bauch. Ein dicker Bauchredner. Eine Figur, die sich selbst spielte. Wenn der Doc sich so gern selbst beim Essen zusah wie er sich selber gerne reden hörte, na dann, prost Mahlzeit. Erst als die Gräfin meine  „weinerliche“ Verfassung einwarf, verzog er kurz den Mund. Der Knabe kannte mich ja nun schon seit geraumer Zeit. War so etwas wie mein Hausarzt geworden. Versorgte mich mit Mitteln und gelegentlich mit außergewöhnlichen Wahrheiten aus seinem Wissensvorrat. Dumm war er ja nicht. Er konnte nur nicht gut mit Menschen. Immer wieder begegneten einem Ärzte, die nicht gut mit Menschen konnten. Das war wie Komponisten, die Musik hassten. Aber ich bin mal wieder zu streng. Er hatte auch gute Seiten. Der Doktor.

„Seh es mal als Alarmsignal deines Körpers“, sagte er, „dass du nicht so weitermachen kannst wie bisher. Er will nicht mehr. Dein Körper hat deine Drogen-Eskapaden satt. Und zwar bis obenhin.“

Das klang an sich logisch. Ich würde auch nicht mein eigener Körper sein wollen. Meine Leber. Die Nieren. Die Nerven. All das bekloppte Blut. Aber ich war mit Shore durch. Spätestens, seit Ringo tot war. Ringo war so etwas wie mein letzter sporadischer Heroinkumpel gewesen. Doch was sollte ich das dem Doc gross auseinanderlegen. Er glaubte mir ohnehin nicht. Er hatte sich in seiner langjährigen Laufbahn als Drogendoktor abgewöhnt, Süchtigen zu glauben.

Dann wollte der Doc noch wissen, ob etwas anders gewesen sei in letzter Zeit. In meinem Alltag.

„Eigentlich nicht.“

„Blödsinn“, mischte sich die Gräfin ein. „Du hast nur noch sm Schreibtisch gesessen und geschrieben, wie ein Blöder. Du hast dir überhaupt keine Pause mehr gegönnt. Immer nur dieses Hacken in die Maschine. Wie eine Maschine, die vor einer Maschine sitzt. Ohne Ende, ohne Erfolg.“

„Was heisst, ohne Erfolg?“

„Na, es klappt ja alles nicht so, wie er es sich wünscht.“

Tatsächlich hatte ich, nachdem der 2. Jahresvertrag in der Bibliothek abgelaufen war, zwei Monate Resturlaub gehabt und nur noch am Schreibtisch gesessen und getippt. Nicht, dass viel dabei herausgekommen wäre.

Als Schreiber hilft man den Sätzen auf die Welt, und wenn sie wie neugeborene Fohlen übers Papier staksen und stolpern und hinfallen, müssen sie von allein wieder auf die Beine kommen. Sonst taugt es nichts. So ist das mit den Sätzen. So ungefähr. Woher soll ich das wissen. Bin ich der Hebammer!?

„Du denkst vom Thema ab“, sagte der Blick der Gräfin genervt.

„Ich könnte dir jetzt eine genaue Diagnose stellen“, sagte der Doktor. „Vegetative Störung, irgendwas in der Art, aber das bringt nichts bei dir. Das setzt sich nur in deinem Kopf fest und macht sich selbständig und richtet noch mehr Unheil an. Weißt du was? Mach einfach mal Pause. Tu mal nichts. Einfach mal gar nichts tun. Kriegst du das hin?“

Nein, dachte ich. Das krieg ich nicht hin.

Er nahm mir noch Blut ab, für ein großes Blutbild.

 

2
Das letzte Mal im Chefzimmer war ich wegen Migräne accompagnée. Das waren diese Sehstörungen, die mich überfallartig erwischten, im Sommer 2008. Immer morgens, wenn ich zur Arbeit gehastet bin, auf den letzten Drücker.

Es begann mit einem kleinen dunklen Fleck in der Mitte des Gesichtsfeldes. Nur eine kleine Bildstörung. Ich konnte plötzlich ein Wort auf dem Bildschirm nicht mehr richtig lesen. Und dann gings los. Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten schoben sich Geometrie-Schauern ins Blickfeld, im Zickzack verlaufende Lichtblitze, die sich mehr und mehr ausbreiteten, von Minute zu Minute mehr, ein ganzes Arsenal an flimmernden Zacken und Wellen und zerstreuten Rittmeistern – Silvester im Augendorf.

Ich war in Panik aus der Bibliothek geflüchtet, nach draussen in den Hof, ich dachte, ich verliere den Verstand. Ich verliere mein Augenlicht. Diese komplette Linienverwirrung, diese in sich verschobenen, abstrakten Figuren. Diese ganze verschwimmende Strenge! Als hätte sich ein Konstrukteur von Pop Art auf Milimeterpapier verlaufen, und nun fand er nicht heim.

Nach zwanzig Minuten nahm der Spuk allmählich ab, verlor sich in den Augenwinkeln, ein langsam ausschleichender Blitzkrieg, bis es endgültig vorbei war und ich ausgepumpt in den Seilen hing. Erleichtert, dass es vorbei war. Erstaunt, was der Körper alles bereithielt an bislang unbekannten Sensationen.

„Ein neurologisches Phänomen“, so der Doktor letzten Sommer. „Selbst die Visionen der guten alten Hildegard von Bingen führen Spezialisten auf solche Anfälle zurück. Du siehst, du bist in guter Gesellschaft.“

Man sieht, der Doktor hatte auch gute Sachen drauf. Aber er erstickte alles in in einen Strudel aus Theorie und Akademikermüll. Mein dicker Doktor, der, wenn er in Fahrt kam und das Wartezimmer rappelvoll war, gern wie ein weisser Kittelherr durch die Praxis rauschte und „den nächsten Miesepeter“ ins Chefzimmer bat, zum Patientengespräch. Das er dann alleine führte. Als Monolog vor kleinem Publikum.

Und je länger ich als Kassenpatient in seinem Clubzimmer herumlümmelte und nichts von dem verstand, was er mir sagen wollte, desto mehr machte ich mir meine eigenen Gedanken. Etwa zur speziellen Bestuhlung hier.

 

3
„Dein Manko? Du denkst die Sachen nicht zu Ende“, sagte er, als er endlich durch war mit seiner Litanei. „Und daher weiss ich auch nicht, ob ich dein Buch kaufe, wenn es auf dem Markt ist. Ob das überhaupt von Interesse ist, für mich.“

Er wartete einen Moment, um seine Drohung, ein Buch nicht kaufen zu wollen, das es noch gar nicht gab, sacken zu lassen.

„Ein Buch von einem Autor, der die Sachen nicht zu Ende denkt. Wen interessiert das? Oder besser gesagt, wem bringt das was? Hab ich davon einen Gewinn? Ein Buch, das mir keine neuen Erkenntnisse bringt, kaufe ich nicht.“

Im Chefzimmer wurden dem Patienten zwei verschiedene Sitzgelegenheiten angeboten. Ich hatte den Verdacht, dass die Entscheidung, welchen der beiden man wählte, stets den ersten kleinen Psycho-Test darstellte.

Es gab einen runden Skysessel aus braunem Leder, in dem man gemütlich einsank, und daneben Sitzgelegenheit Nummer zwei, ein einfacher Stuhl. Auf dem man höher saß als in dem Sessel, genau in Augenhöhe mit dem Doktor, aber unbequem, auf Dauer.

Natürlich hatte der alte Fuchs das Mobiliar extra so angeordnet. Wer sich wo hinsetzte, verriet eine Menge. Im Sessel saß man gemütlich, aber devot, und auf dem Stuhl saß man hart, aber auf gleicher Höhe mit ihm.

Ich hatte mich zunächst nicht entscheiden können, als ich alleine im Chefzimmer war und auf den Chef und die Gräfin wartete. Die Position auf dem Stuhl hatte den Nachteil, dass man sich irgendwie immer auf dem Sprung befand. Wollte man nur ein Rezept haben oder einen gelben Schein für drei Tage abgreifen, war das in Ordnung. Suchte man ein längeres Gespräch, war der Sessel natürlich die bessere Wahl. Für Anfragen, die eine gewissen Anbahnung verlangten. Wenn ich zum Beispiel die Methodondosis raufgesetzt haben wollte. Dann hiess es Ruhe bewahren im runden Sky-Sessel und gleichzeitig ins Schwitzen geraten, damit der Doktor auch die innere Unruhe bemerkte, der niedrigen Dosierung wegen, versteht sich.

Die Sitzfrage, ein Vabanquespiel im Chefzimmer. Wo man sich hinsetzte und was man mit seinen Händen machte während des Chefgesprächs, bildeten am Ende nicht selten das Gerüst seiner Diagnose. Mehr musste er nicht wissen, der dicke Fuchs. Das waren die Schlüssel, mit denen er seine Patienten aufschloss. Und wenn er gelegentlich den Bart des Schlüssels ein wenig stutzen und bearbeiten musste, damit er passend war, damit es so passte, wie es ihm passte – na gut, das war wohl so. Und zur Not gab es ja noch den Schlüsselnotdienst.

Doch ich war eh kein schwieriger Fall für den Doktor. Ich war nur für mich selbst ein schwieriger Fall.

„Du denkst die Sachen nicht zu Ende“, wiederholte er sich.

Und du quatscht und quatscht und quatscht, dachte ich. Du Quatschkopf.

Warum ich das Methadon nicht runterdosierte? Warum ich stattdessen noch mehr davon wollte?

„Weil ich Angst hab?“

„Angst wovor?“

„Dass es mir schlecht geht. Jeder Süchtige hat Schiss davor, dsss es ihm schlecht geht.“

„Ach, Angst. Deine Angst ist nicht Chef, hör mal! Kommst du öfter zu mir in die Praxis, machen wir Bio-Energetik. Da hast du in ner Viertelstunde keine Angst mehr vor gar  nichts.“

Ja, genau. Bla bla. Und „deine Angst ist nicht Chef“ – das war von mir. Das hatte er geklaut und setzte es nun in seinen Chefgesprächen ein, als wäre es von ihm. Ich hatte einmal zu ihm gesagt: meine Angst ist Chef, aber meine Angst soll nicht Chef sein!

„Deswegen bin ich aber heute nicht hier“, sagte ich.

Der Doktor guckte auf den Bildschirm, dann mich an. Ich hatte die Hände in Position gebracht. Eine Hand auf dem Oberschenkel, locker, die andere im Gesicht, mit dem Zeigefinger an der Nase.

„Hast du Zahnschmerzen?“

„Nein.“

„Und warum hast du den Finger im Gesicht?“

Stille. Die Gräfin war wieder da. Sie kam vom Klo zurück.

„So“, sagte der Doktor, urplötzlich leise. Uninteressiert. Nach dem Motto: Was kommt denn jetzt wieder für eine Junkiescheisse. Eure Zeit ist um.

Er versorgte die halbe Junkie-Szene der Stadt in seiner Praxis. Damit die sich mit den normalen Patienten nicht ins Gehege kamen, hatte er den Junkies eine eigenen Eingang spendiert, in einem separaten Flügel. Eine eigene Ausgabestelle für die armen Teufel, die jeden Tag kommen und abschlucken mussten. Die kein Rezept für eine Wochenration bekamen. Die Junkies waren seine Haupteinnahmequelle.

Ohne Junkies kein Motorboot, keine dicke Yahama.

 

4
„Hast du gesehen?“ fragte sie später, als wir zur Apotheke gingen, um mein Rezept einzulösen, immer der Hauswand entlang, damit wir nicht nass wurden.

Es regnete in Strömen.

„Was hab ich gesehen?“

„Der Doc hatte doch diesen riesigen blauen Flecken am Unterarm.“

„Hm? Nee.“

„Unterm Ärmel vom Kittel, konnte man doch sehen. Ein lila-blauer Fleck, ein dicker Katschen. Wie gequetscht.“

„Fesselspiele“, sagte ich.

*

Coveridee auf Twitter von Scott Hühnercrisp.

 

Das Cover des Buches, das kommt, ist aber das hier von Oliver Driesen:

 

*:  Letzte Geschichte vor dem Buch