Finde deinen Wert heraus, und dann leg noch was drauf

Es ist eine Kausalkette, das Leben. Alles hängt mit allem zusammen. Es gibt keine isolierte Betrachtung. Nirgends. Alles, was du sagst, alles, was du denkst und tust, findet seine Fortsetzung.

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Ich saß in der Nähe der Bahngleise und korrigierte mich. Vielleicht lag die Sache anders. Das schlimmste, was passieren konnte, war nicht die Unmöglichkeit einer Flucht, das schlimmste war sein Geheimnis einzubüßen. Zu viel preiszugeben. Kein Rätsel mehr zu sein, nicht mal sich selbst. Ein Geheimnis, einmal in der Welt, brachte alle zum Lachen und erfüllte den ganzen Kosmos mit Scham.

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Wie immer, wenn es auf eine Entscheidung hinauslief, wenn ich kurz davor war zu handeln, wurde ich unruhig und geriet ins Wanken. Eine einzige kleine Entscheidung konnte alles verändern, das war es, was mir zu schaffen machte, mehr, als mir lieb war. Nur weil die Dinge sind, wie sie sind, sind sie nicht daran gebunden, so zu bleiben bis ans Ende aller Tage.

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Du kannst jeden Ort verlassen, der unruhig ist, auf der ganzen Welt, aber nicht deinen eigenen Geist, nicht deinen eigenen Körper. Den musst du aushalten. Den musst du dir zum Freund machen, zu einem Ort mystischer Ruhe, sonst hast du ein Problem. Sonst wirst du krank.

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„Finde deinen Wert heraus, und dann leg noch was drauf.“ (Darlene Love)

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Menschen begegnen einem, die sind nicht von dieser Welt. Die wirken wie reingeplumpst. Als hätte der Herrgott sein Füllhorn ausgeschüttet und am Boden klebte noch etwas Satz von der letzten Ausschüttung.

Ich inspizierte mit dem Hund gerade die neue Korkenzieherbahn, eine hochmodern gefederte Stadttrasse, Material Terraway, luft- und wasserdurchlässig, da sah ich in einiger Entfernung diesen seltsamen Vogel. Stand da mitten auf der Trasse, Ausgang Eckstrasse, nahe den Bänken, auf denen sonst die Penner ihren Rausch ausschlafen. Er stand mitten auf dem Weg und passte so gar nicht dahin, mit seinem feinen Tuch. Er trug ein schwarzes Sakko, das um so edler wirkte, je näher ich ihm kam.

Während er in sein Handy krächzte, schwerfällig, als arbeiteten seine Stimmbänder noch mit alten Lochkarten aus den Siebzigern, hielt er in der anderen Hand eine glitzernde Pulle Wodka, Marke Gorbatschow, halbvoll. In kleinen wohlorganisierten Schlücken nippte er an der Flasche. Ich verlangsamte meinen Schritt und kam zum Stillstand, so sehr verwirrte mich dieses Bild, in dem nichts zusammenzupassen schien.

Es war nicht mal neun Uhr am Morgen, der Himmel silbriges Metall, da taumelte mir dieser exzellent ausrasierte Trunkenbold entgegen, in einem Sakko, so knitterfrei, als hätte er gleich DEN Business-Termin seines Lebens  vor sich, während ich plötzlich sehr dringend groß musste.

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Samstagmittag. Sommer liegt in der Luft, es riecht nach Marihuana in den Parkanlagen der Stadt und ich hab Lust auf kurzes Haar. Oben auf der Wupperstrasse gibt es zwei benachbarte Frisörsalons, Cut Lounge und Hair Society. Ich nehme die Hair Society. Ich nehme immer die Hair Society.

Es ist zehn vor eins.

Als ich die Tür aufstoße, blicken die Chefin und ihre kaugummikauende Mitarbeiterin vom Balkan überrascht auf. Sie sind gerade dabei, den Laden besenrein ans Wochenende zu übergeben. Und dann komm ich daher, auf blauen Lucky Luke-Beinen.

„Oh.. schon am Aufräumen?“ sag ich, fast schon wieder beidrehend.

„Na, ist ja gleich ein Uhr“, sagt die Chefin und schaut zur Mitarbeiterin rüber. „Aber egal. Geht noch.“

Sie murmelt ein, zwei Anweisungen und macht sich dünne, Richtung sonnige Terrasse. Ich nehm Platz am erstbesten Waschtisch. Der Boden ist tipptopp gefegt, das Radio aus, der Kittel der Mitarbeiterin hängt schon im Sozialraum. Sie schlappt auf mich zu, von hinten.

„Wie solls denn sein?“

„Kurz.“

„Kürzer als sonst?“

„Ja… denke schon. Ja.“

Woher weiß sie das? Ist mein Haar länger als sonst? Und wie zum Henker lautet die ultimative Anweisung noch mal?

Äh..

Ah!

„Kurz, und in Stufen geschnitten“, verlautbare ich stolz.

„Stufig. Gut. Soll mehr als die Hälfte runter?“

„Hm. Ja.“

„Maschinenschnitt?“

Den hat sie ja noch nie zur Sprache gebracht. Will sie mich im Hauruckverfahren abspeisen, weil gleich Feierabend ist?

„Nee“, sag ich. „Kein Maschinenschnitt.“

Maschinenschnitt erinnert mich an meine Kindheit in den 60ern, wenn ich mit meinem Vater zum Schlicht gegangen bin, einem verräucherten Herren-Salon am Stöckerberg. Schlicht war passionierter Reval-Raucher, der auch während der Arbeit nicht von seiner Zigarette lassen konnte und mit triefenden Kippenfingern Variationen des Pottschnitts verteilte. Mein Vater trank immer einen Klaren, bevor er sich beim Wölk auf den Stuhl traute. Beim Wölk und bei hohen Familienfeiern waren die einzigen Anlässe, zu denen ich meinen Vater einen Schnaps trinken sah. Schlicht hatte eine tiefe rauchige Stimme und schlimme gelbe Finger.

Obwohl es auf ein Uhr zugeht, zeigt sich die Mitarbeiterin vom Balkan von der besonnenen, ja bedächtigen Seite. Eine schweigsame kaugummikauende Person, die irgendwann von der Chefin die Order bekam, während der Arbeit kein Kaugummi mehr zu kauen, weil der Deutsche das ungern sieht, dass man ein Kaugummi im Mund hat, während man arbeitet und sein Geld verdient. Du darfst in Deutschland alles sein, hatte die Chefin ihr eingebläut, nur nicht lässig bei der Arbeit. Aber sie kann es nicht lassen. Ein Wrigleys gehört zu ihrer Grundausstattung. Entweder du nimmst mich mit Kaugummi oder gar nicht.

Zwischendurch hebe ich den Blick und sehe im Spiegel, wie ein frisches Kaugummi in ihrem kleinen kroatischen Mund verschwindet, wo es kurz aufblitzt wie ein aufmüpfiger kleiner Delfin. Sie ist eine langsame, eine hypnotische Frisörin. In ihren Händen verfalle ich grundsätzlich in eine Art Duldungsstarre, bei der die Augen geschlossen bleiben und man nur noch das weiche Geklapper der Scherenblätter vernimmt. Ein Klang, so weich und fern, als säße ich nebenan in der Karibik.

Keine acht Minuten später hilft sie mir aus dem Kittel und das eben noch relativ lange Haar ist abgetaucht in den ewigen Jungsgründen – futschikato. Genial.

Eine Zauberin.

Und da es ihr zu lästig gewesen ist, extra den Frisörkittel noch mal anzuziehen, klebt ihr meine abgeschnittene Wolle am Mohair-Pullover. Sie tritt mit dem Handspiegel hinter mir auf.

„Gut so?“

„Ja, sehr gut“, sag ich.

Sie rasiert den Nacken aus, fügt hier und da leichte Korrekturen an. Ihr Pullover ist voll von meinem dunklen, leicht fettigen Unterhaar, das saugt sich besonders gut an. Als ich die Rechnung mit einem Euro achtzig überzahle, taucht der Delfin kurz auf und schnappt nach Luft.

Sie trägt einen weißen Rollkragenpullover, mit Haaren drauf, von mir.

*

Dann wurde ich 14 und plötzlich war alles anders. Die Sexualität krachte in unser Leben. Der Stimmbruch und anderer Leuts Genitalbereich. Eben noch gepiepst, röhrte jetzt die halbe Klasse. Wo man auch hinging, Hirsche und Haarwuchs. Im Konfirmanden-Unterricht im Gemeindeheim verbrachte ich ganze Nachmittage damit, die schwarzen Haare auf dem Arm meines Banknachbarn zu studieren. Dass ich sie nicht zählte lag nur daran, dass ich ständig durcheinanderkam, es waren einfach zu viel Haare. Er sah aus wie ein Gorilla. Wenn der untenrum auch so einen Busch hat, dachte ich, kann ich einpacken.

In der Schule ließen die Leistungen rapide nach. Wir waren die letzte reine Jungs-Klasse, wir ließen es noch mal richtig krachen. Im abgedunkelten Physik-Saal ging es jetzt darum, wer den Längsten hatte, wer den erigierten Vogel abschoss. Ich hörte was von 18, 4 Zentimeter. Das war der Topwert, den es zu schlagen galt. Ich nahm das Lineal zur Hand und setzte weit unten an der Schwanzwurzel an, ich rechnete den Sackanfang und andere Dinge hinzu, die noch gar nicht richtig zum Schwanz dazugehörten – irgendwie musste man ja an die verdammten 18 Zentimeter rankommen.

Und dann verkündete Thomas Belly gut dokumentierte 19 Zentimeter. Die Zahl wurde von Bank zu Bank weitergereicht, machte kurz bei manchem Mitfavoriten halt, es wurde eine zweite Messung eingefordert. Ausgerechnet Belly. Er saß zwei Sitzreihen hinter mir. Ein Zwerg von einem Kerl, aber mit knochiger großer Nase und einem gewaltigen Eumel in der Hose. Selbst der Haarwuchs auf seinen Armen übertraf den des Gorillas im Gemeindezentrum. Belly setzte sich unangefochten an die Klassenspitze. Ein kleiner Mann, er lächelte viel in diesen Tagen.

Wobei erwähnt werden muss, dass längst nicht alle mitmachten. Von dreißig Klassenkameraden zeigte nicht mal ein Drittel den Steifen her. Der Rest kicherte blöd oder versuchte dem Unterricht zu folgen und die verdammte 19 aus dem Kopf zu kriegen. Spätestens zu Hause holte jeder den Zollstock raus, jede Wette.

Horst S. zählte zum Favoritenkreis, ohne dass er sich je bei der Latten-Trophy engagiert hätte. Doch schon die anatomisch sichtbaren Merkmale überzeugten. Eins fünfundneunzig groß, 100 Kilo schwer, eine Nase wie aus dem Unterholz. Horst S. stammte aus einer gläubigen Familie, er wollte Priester werden. Klar, dass er da schlecht das Monster unter der Bank hervorholen konnte, außerdem war Prahlen nicht sein Ding. Ein bescheidener Junge. Doch was er nach dem Sportunterricht unter der Dusche herzeigte, sorgte für Aufsehen. Was, wenn dieses Gerät noch erigierte? Die Vorstellung sprengte jeden Rahmen. Wie auch immer. Frauenwelt und Schwanzvergleich durften aufatmen, wenn der Zölibat dafür sorgte, dass dieser Flugzeugträger aus dem Rennen genommen wurde.

Wir waren wie junge Fohlen, die ungestüm über die Weide sprangen und mit den ersten Erektionen aneinanderrasselten. Die ersten Erektionen mussten gefeiert werden, ob daheim unter der Bettdecke oder im abgedunkelten Unterricht. He-Ja, He-Ja-Rufe brausten über den Flur und begleiteten das Championat, Jungsmotoren jaulten auf, knatterten. Eigentlich wusste niemand, was los war und was das alles zu bedeuten hatte. Na gut, wir hatten plötzlich stramme Knüppel in der Hose und zeigten sie stolz den anderen Jungs bis Baustaub aufstieg. Aber konnte man dieses herrliche Gerät auch einem Mädchen zeigen?

Die Diskussion kam gerade erst in Gang.

*

„Sie kommen zurecht?“ erkundigt sich der Chef im Künstlerbedarf-und Schreibwaren-Laden, als ich mich den Herzstücken nähere und vorm Regal mit den schönen glänzenden Notizbüchern stehen bleibe. Manche sind aus Frankreich und in Leder gebunden. Wie lecker die riechen.

„Ich komme zurecht, o ja“, sag ich und wundere mich selbst, wie außerordentlich überzeugt ich klinge.

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