Tischgespräche (167)


„Wann sind wir eigentlich alt geworden, Joe?“

„Letztens.“

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Tu mal die Witze-Seite rüber

Wir saßen in dem kleinen, nicht ungemütlichen Zimmer im zweiten Stock des Altenheims und teilten uns die dicke Wochenendausgabe der Lokalzeitung.

„Tu mal die Witze-Seite rüber“, meinte Vater müde.

Von der Straße war das Dröhnen und Schnauben vorbeifahrender Autos zu hören. Es suggerierte eine gewisse Teilnahme am täglichen Dasein, an der großen Mama Verkehr, wie die alten Leute es Zeit ihres Lebens gewohnt waren. Vermutlich wurden deshalb so viele Altenheime an viel befahrenen Straßen gebaut. An Kreuzungen, wo es auch mal einen Unfall zu bestaunen gab. Eine Fahrerflucht. Rotlicht. Was Lebendiges.

Vater rieb sich die Augen.

„Ach, was red ich, nicht die Witze-Seite“, korrigierte er sich, „ich meine die.. Dings-Seite, die… na, die Seite… mit den Todesanzeigen.“

Ich lachte auf, doch Vater blieb unbeteiligt. Er verzog keine Miene. Er blieb cool. Vielleicht erschien ihm der kleine Versprecher nicht makaber genug, vielleicht war es auch in seinem Alter nicht mehr so wichtig, ob nun eine Seite mit Todesanzeigen oder die Seite mit Witzen gemeint war.

Ich legte Vater ein Papier hin, zum Unterschreiben.

“Was ist das..?”

“Das ist.. also, na.. lies selbst.”

Er kauerte in seinem Ohrensessel und beobachtete mich skeptisch. Ein Papier zum Unterschreiben..? Er rückte näher an den Tisch heran.

Im Hintergrund lief der Fernseher. Als ich gekommen war, hatte ich wieder einmal sämtliche Stationen per Suchlauf neu programmieren müssen – keine Ahnung, wie er es jedes Mal hinkriegte, dass alle 35 Sender verschüttgingen und manuell nicht mehr auffindbar waren, schon gar nicht mit seinen ungelenk gewordenen, verschorften Händen. „Opa hat die dickste Haut der Welt“, war meine Nichte stets fasziniert, wenn sie zu Besuch kam und seine Arme bewunderte. Selbst meine Haut wurde allmählich runzlig, wie ich feststellen musste. Je älter, desto reptiler, dachte ich.

Seit Vater ins Heim umgezogen war, führte der Fernseher ein Schattendasein. Vielleicht hätten wir ihm seine bauchige Neunzigerjahre-Röhrenkiste lassen sollen statt ihm ein neues Flachbildkino hinzustellen. Mit der dazugehörigen lernfähigen Universal-Fernbedienung tat er sich so schwer, dass er nicht einmal das ZDF fand, wenn Aktenzeichen XY lief oder Notruf Hafenkante, seine beiden Lieblingssendungen. Oder eine nachträglich kolorierte Kriegsdokumentation auf Phoenix.

“Die Knöppe sind so klein“, maulte er, wenn er die Fernbedienung zur Hand nahm. „Die krieg ich nicht zu packen.”

Beim Zappen durch die Programme waren wir bei einer Natur-Dokumentation hängen geblieben. Da Vater wie immer keine Lust hatte, die Kopfhörer aufzusetzen, verstand er maximal die Hälfte dessen, was der Sprecher erzählte. Als ich den Lautstärkeregler kurzfristig auf 10 hochfuhr, wurden sofort die Damen auf dem Flur neugierig und warfen einen Blick ins Zimmer, ohne groß anzuklopfen.

„Wir wollten nur schauen, ob bei Ihnen auch alles in Ordnung ist, Herr Glumm. Wir wussten ja nicht, dass Ihr Sohn da ist.“

Gegenstand der Doku war ein See in Afrika, berühmt für seine schillernden Buntbarsche, wie der Sprecher wieder und wieder betonte.

„Der geht mir langsam auf den Sack mit seinen schillernden Buntbarschen“, sagte ich genervt.

„Drei Millionen Schweine?!“ brüllte Vater.

„Hm..? Wie kommst du auf drei Millionen Schweine!?“

„Na, das sagt der doch dauernd, DREI MILLIONEN SCHWEINE!“

„Nein, nicht drei Millionen Schweine, drei Millionen schillernde Buntbarsche.“

„Ach soo.“

Vater machte zunehmend einen leicht verwahrlosten, fast schon desorientierten Eindruck. Sein schlohweißes Haar stand ihm dirigentenmäßig wirr vom Kopf, er war seit Tagen unrasiert, der Hosenstall stand offen. Sein ganzes Auftreten war eine Form des Protests. Ein letztes Aufbegehren. Manchmal saß er wie ein störrischer Teenager vorm Essensraum und ließ die Beine über die Armlehne hängen. Zu viel störte ihn an der ungewohnten Situation im Altenheim, der er sich nur der Not gehorchend unterordnete. Wenn es nach mir ginge, sagte sein gesamtes Auftreten, wäre ich nicht hier. Aber es geht ja nicht nach mir. Es ist ja zu gefährlich geworden für mich allein zu Haus, ich weiß, ich weiß…

Aus seinem Mund klangen die Worte wie eine Selbstbeschwörung. Ein hilfloser, letzter Versuch zu akzeptieren, was unumkehrbar war. Und jetzt kam ich auch noch mit einem Schriftstück, mit einer unangenehmen Sache um die Ecke, die seiner Zustimmung bedurfte. Das Papier lag vor ihm auf dem Tisch. Er nahm die Lupe zur Hand.

“Nee, wat is dat kleen”, schimpfte er.

Es waren lediglich ein paar Zeilen, doch sie hatten es in sich. Nach vierundvierzig langen Jahren war es soweit. Die Wohnung an der Schillerstraße musste gekündigt werden. Dort, wo ein Großteil der Familiengeschichte stattgefunden hatte, wo jedes Möbelstück, jede kleine Zinnvase so viel gesehen, gehört, geatmet hatte, dass es weh tat, sie in die Entrümpelung zu geben. Mohre, die ihre Schuldigkeit getan hatten, Nichtsnutze plötzlich nur noch. Sachen, die man in den Müll gibt. Weg damit.

„Aber nicht die Fotos. Nicht die Dias“, hatte Vater mich wieder und wieder bearbeitet, ja regelrecht bekniet. „Die dürft ihr nicht wegschmeißen.“

Tausende gerahmter Dias hatten sich über die Jahre angesammelt und warteten in übereinander gestapelten Magazinen darauf, noch einmal gezeigt zu werden. An Dia-Abenden, die nie mehr kamen. Die nur noch Geschichte waren. Ich musste ihm mehrfach hoch und heilig versprechen, mich nach seinem Tode um die vielen Bilder zu kümmern. „Nicht, dass die auf dem Müll landen.“ Es waren Dutzende grauer Kästen mit Aufschriften wie „Gardasee 1964“, „Konfirmation 1980“, „Heimreise Bodensee“ „Gardasee 1965″, „Gardasee 1993“, „Callantsoog, Alkmaar 1975“.

Dia-Abende im Kreise der Familie sind als Großereignisse in Erinnerung geblieben. Mochte der allgegenwärtige Onkel Fitting auch Wortführer gewesen sein, an solchen Abenden öffneten sich auch jene Onkel und Tanten, die sonst eher zurückhaltend waren. Und wenn es ein besonders schlüpfriges Dia auf die Leinwand schaffte, rollte ein Aufschrei durch die Reihen.

„Et Schwatten Hilde im Liegestuhl!!“

„Wo is dat dann..? Is dat ungen am Dickenbusch??“

„Ach wat, Willm, dat is in Rimini! Dat is in Rimini!“

All die herrlichen Namen, die an solchen Abenden durchs Zimmer tanzten, Namen, die mir oft nichts sagten, die ich aber so gern hörte, als rheinisch-bergischer Singsang: der Krätzen Mäck. Et Schmittmanns Anni. Et kleen Külls Anni, und natürlich der Renner für meine Ohren, Battenfotz Kuurt, was so schön unanständig klang, dabei hieß er in Wahrheit lediglich Kurt Battenfolt.

Dä Battenfotz Kuurt.

Ich saß vorn an der Leinwand mit all den anderen Knirpsen, meinen Cousins und Kusinen, meinen Geschwistern. Im bläulichen Lichtschein des Projektors waberten Zigarettenrauch und Flusen zur Decke – ein orientalischer Geist, der aus der Flasche stieg und die Welt verzauberte. Das Klacken des Dia-Projektors, wenn das nächste Bild durchgeschoben wurde und auf der Leinwand erschien, wo es mit bissigen Kommentaren und Gelächter aufgenommen wurde. Als Kind freute ich mich auf solche Dia-Abende, dass ich aufpassen musste, mir nicht schon vorher in die Hosen zu machen. Besonders wenn Onkel Fitting zu Hochform auflief und die Familie mit seinen Späßen unterhielt, war ich glücklich. Onkel Fitting, der Magier, der aus einem abbrennenden Zündholz ein Jahrhundertfeuerwerk machen konnte, der aus drei Zündhölzern einen Kometenschweif zelebrierte, der mein Patenonkel war, mir aber nie etwas schenkte. Schenken war einfach nicht sein Ding. Große Klappe und Gags ja, Schenken nein. Eine Tradition, die ich weiterführe, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass mein Patenkind jemals von mir etwas geschenkt bekommen hätte. Und ich bin nicht mal ein Magier.

Dia-Abende waren die Märchenabende meiner Kindheit. Das Märchen, das aufgeführt wurde, hieß Familie. Jedes neue Bild wurde mit einem Aufschrei begrüßt. Ich liebte besonders die ganz alten Fotografien, die mein Vater in jungen Jahren mit einer uralten Plattenkamera geschossen hatte, die er über den Krieg retten konnte. Ein Foto zeigte meine Mutter im August 1949, ein Schwarz-Weiß-Foto, wo sie in einem blinkenden Bikini zu sehen war, eine schöne und geheimnisvolle Mitzwanzigerin, Tochter einer Nord-Italienerin und eines Deutschen.

„Das war im Strandbad in Kohlfurth. Sie trug den hellgrünen Bikini, den sie und ihre Schwester selbst genäht haben, direkt nach dem Krieg. Darauf waren beide ganz stolz. Mal durfte Inge den Bikini tragen, mal Sonja. Immer abwechselnd.“

Dann fiel ihm ein, dass Mutter an diesem Tag Fieber gehabt hatte.

„Sie hatte eine ganz heiße Stirn, als ich das Foto gemacht habe. Wir sind bald nach Hause gegangen, und sie hat sich hingelegt.“

 

Das Fieberfoto 1949

 

Schon auf der Fahrt Richtung Altenheim hatte ich mir meine Gedanken gemacht, wie Vater wohl auf das Kündigungsschreiben reagieren würde. Er lebte seit einigen Wochen im Heim, zur Probe sozusagen, hatte die alte Wohnung aber noch behalten. Dabei war eine Rückkehr unmöglich. Die Hausärztin hatte uns die Pistole auf die Brust gesetzt.

„Ihr Vater kann nicht mehr allein leben, das kann niemand mehr verantworten.“

Tatsächlich hatte der Gasherd schon mehrfach über Nacht gebrannt, der alte Heizstrahler im Badezimmer wäre beinahe durchgeglüht. Er gefährdete nicht nur sich selbst, auch die Mitbewohner im Haus bekamen es allmählich mit der Angst. Wer hat schon gern einen demenzkranken alleinstehenden alten Mann im Haus wohnen, oben unterm Dach, wo er sich jeder Kontrolle  entzog. Nein, es gab kein Zurück, und Vater wusste es. Und dennoch: Ich saß im Bus und hörte Vater schon aufschreien beim Anblick des Kündigungsschreibens, “Das ist mein Todesurteil!“

“Wir müssen.. kündigen zum 30. September”, sagte ich jetzt, “daran führt kein Weg vorbei.”

Er verstand. Er nickte.

“Ich kann ja schlecht auf Dauer zwei Mieten zahlen, eine fürs Altenheim, eine für die Schillerstraße“, meinte er traurig. „Da könnte ich mich ja gleich erschießen.. lassen. Hast du einen Stift?” Er legte die Lupe weg und überflog das Schreiben. Stutzig machte ihn allein das Feld links oben, wo seine aktuelle Postanschrift eingetragen war. “Was bedeutet das?” Er zeigte auf das c/o, das der Adresse des Altenheims vorangestellt war.

“Na, das bedeutet.. wo du zurzeit wohnst.”

“Zurzeit? Das ist gut. Ha! Als würde es jemals noch eine andere Zeit geben. Aber was heißt das genau, c/o..?”

Während ich überlegte, was c/o nun genau bedeutete, (ich wusste es nicht), unterzeichnete er mit zittrigen Händen die Kündigung zum nächsten Quartalsende.

“Nee, wat bin ich alt geworden”, brummelte er und besah sich seinen Otto.

“Wieso? Sieht doch gut aus.”

Ich meinte es ernst. Der Schwung seiner Unterschrift hatte mir immer gefallen, das schnittige auf und ab der Buchstaben, das an die Hochhausschluchten amerikanischer Innenstädte erinnerte. Und es gefiel mir immer noch, ohne Abstriche. Er hatte es immer noch drauf. Auch wenn die Signatur etwas brüchig aussah und eher der Skizze eines alten Schiffskapitäns glich, während des Dinners auf eine Serviette geworfen, um den Passagieren zu demonstrieren, wohin die Reise ging – von hier aus. Eine letzte Reise, mit reichlich Wellengang und kniffligen Mann über Bord-Momenten.

Als Junge, erzählte Vater, „wollte ich unbedingt Schiffskoch werden auf einem Ozeanriesen wie der Titanic. Das war mein Traum als Knirps: die große weite Welt kennenlernen.“

„Du und Schiffskoch? Du kannst doch gar nicht kochen.“

„Ja und? Ich hatte in einem Abenteuerbuch gelesen, dass man als Schiffskoch die weite Welt kennenlernt. Das wollte ich auch, in die weite Welt hinaus. Also musste ich Schiffskoch werden. Logisch, oder nicht?“

Und dann landete er 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft tatsächlich in der Küche, als Smutje in Schottland.

„Anfangs hab ich nur gestaunt, was die Amis alles wegwarfen. Wenn es Hühnchen gab, bogen sich die Abfalltonnen vor lauter nicht abgenagten Keulen und Bollen. Und wir armen Schweine bekamen monatelang nur Kartoffeln und ein Kanten Brot zu fressen.“

Es war deutschen Kriegsgefangenen verboten, auch nur einen Fitzel des übriggebliebenen Chicken-Fleisches zu essen, jedes kleine Vergehen wurden streng geahndet. Erst mit der Zeit merkten die Amis, dass viele der Gefangenen bloß junge Burschen waren, die ihre ganze Kindheit hindurch von Nazi-Propaganda indoktriniert worden waren. Dass sie gar nichts dafür konnten, was man aus ihnen gemacht hatte.

„Da wurden sie netter zu uns. Zum Schluss bekamen wir sogar das gleiche Essen wie die amerikanischen Offiziere im Kasino.“

Kurz vor 18 Uhr verließen Vater und ich sein Zimmer im Altenheim, das Abendbrot stand an. Auf dem breiten, hell gestalteten Flur trafen wir die beiden berüchtigten alten Damen, die wie immer einträchtig nebeneinander auf der Bank saßen. Die jüngere hielt die Hand der älteren, eher schmächtigen Dame, die verloren zu gehen drohte in ihrer viel zu großen, porös gewordenen Haut. Sie sah aus, als trüge sie ein gewaltiges Hauszelt mit sich herum.

“Zum Abendbrot, die Damen?” sprach Vater galant und blieb stehen, auf den Rollator gestützt, den er bloß den Alligator nannte oder meine Karre, beziehungsweise ming Kärrken, wenn er auf Platt parlierte. Er machte eine einladende Geste. „Kommen Sie mit uns?“

“Ja aber gern, Herr Glumm”, zwitscherten die beiden Vögelchen im Chor, die Bäckchen noch rosig von der Nachmittagssonne.

Auch der Alte kam pünktlich den Flur runter. Der Alte kam tausend Mal am Tag pünktlich den Flur runter, er hatte nichts anderes zu tun als tausend Mal am Tag pünktlich den Flur runterzulaufen. Der Alte hatte wie viele andere Demenzkranke einen unstillbaren Bewegungsdrang und war von früh bis spät unterwegs, ohne einen Ton von sich zu geben. Lediglich der Speichel verließ noch seine Mundwinkel, in langen tröpfelnden Schnüren, die sich auf dem Fußboden verloren. Dadurch war es auf den Gängen stellenweise so glatt und schleimig, als wäre heißes Frittenöl verspritzt worden – man musste jederzeit darauf gefasst sein, auszurutschen.

Der Alte, mein Vater hatte ihn so getauft, war ein kleiner demenzkranker Mann mit zäher Grundausstattung. Die Vorstellung, dass er womöglich noch weitere zehn Jahre über die Stationsflure drängeln würde, den Speichel wie Frittenöl verströmend, war nicht von der Hand zu weisen. Ein widerstandsfähiges Männlein, hart im Nehmen.

Im Gegensatz zu Vater, dessen Demenz eher milde ausgeprägt war, hatte es den Alten schwer erwischt. Sein Sohn, ein geduldiger Mann in meinem Alter, der fast täglich zu Besuch kam und eine schweigsame Stunde mit seinem Vater verbrachte, erzählte mir ein Beispiel, das gut verdeutlichte, wie das Gehirn eines Demenzkranken arbeitet. Sein Vater war sein Leben lang ein starker Raucher gewesen, doch mittlerweile hatte er vergessen, wie Rauchen ging. Eines aber war dem Alten noch bewusst: dass eine Zigarette beim Rauchen immer kürzer wurde. Also was tat er? Er nahm eine Schere und schnitt die Zigarette in lauter kleine Stückchen. Dann lächelte er zufrieden. Er hatte geraucht.

Auch das Pferd war ohne Pause auf den Fluren des Altenheims unterwegs. Das Pferd hatte seinen Spitznamen ebenfalls von Vater verpasst bekommen und trabte schnaubend über den Flur. Es war stets tipptopp gekleidet. Als es sich zum Abendessen hinsetzte, unterlief dem Pferd ein Unglück. Ein Fanal: Der hochgewachsene Mann bekleckerte sich das frisch gestärkte Hemd mit Hühnerbrühe. Hektisch erhob er sich vom Tisch. Dass so etwas ausgerechnet ihm passieren musste. Er war knallrot vor Ärger.

„Guck mal, ein knallrotes Pferd“, gluckste Vater.

Auch die Damen giffelten. Das Pferd hatte ein viel zu langes Gesicht. Ein verkrampfter Zeitgenosse, der nirgendwo Punkte sammeln konnte, während der Alte im Grunde genommen kein unsympathischer Mensch war. Es war die Demenz, die zeitweilig einen Unsympathen aus ihm machte. Wenn der Alte mich nachmittags den Gang runterkommen sah, hob er die Hand, als wollte er mich heranzitieren, als wollte er mich einweisen, in seine Richtung. Wie ein Lotse in seinen persönlichen Hangar: Hierhin, komm hierhin, Jung!

Das erste Mal war ich noch darauf reingefallen. Er hatte mich bei seiner überraschend trockenen und warmen Hand genommen und ich durfte ihn begleiten über die langen Gänge des Altenheims, seinem letzten haltlosen Parcours. Der Weg hörte überhaupt nicht auf, der Alte ließ mich nicht los. Immer, wenn ich dachte, an der nächsten Ecke ist Schluss, drehte er um und schlug den Weg zurück ein. Bis ich ihn schließlich entnervt abgab, an eine Couch, die zufällig in einer Nische auftauchte.

Es gab Heimbewohner, die hatten Angst vor dem Alten. Vor seiner Unberechenbarkeit. So wie die ältere der beiden befreundeten Damen, die man nur gemeinsam sah und die nach Kölnisch Wasser dufteten. Die jüngere drückte der älteren die Hand, worauf der die Tränen rollten, vor lauter Rührung.

“Wenn ich den Alten abends auf dem Gang treffe und keiner ist da, der mir helfen kann“, schniefte sie, „also…, was soll ich kleine Maus schon ausrichten gegen so einen Kerl…?”

“Ach was, der Alte tut doch nichts”, sagte ich, „der ist harmlos“, obwohl ich mir da nicht so sicher war, wie ich tat. Wie ein Vöglein hockte die schmächtige alte Frau da, aus ihrem Nest geplumpst und ohne Heimat, ohne Sicherheit. Aber mit einer besten Freundin. Immerhin. Und diese beste Freundin lächelte Vater und mich an. Kölnisch Wasser brandete gegen meine Nase.

“Die hat soooo ein kleines Herz”, sagte sie und zeigte an, wie winzig das Zentralorgan ihrer Freundin ausgebildet war: Ein Herzchen nur, ein Fliegenschiss.

Ich musste lachen.

“Ach, keine Angst, der Alte tut nichts, der spaziert doch nur noch hier rum”, sagte ich aufmunternd. Es klang ein bisschen, als spräche ich nicht von einem alten Mann, sondern von der zuckerkranken alten Stationskatze.

Endlich zog Vater mich weiter, Richtung Essensraum, ohne die beiden Damen weiter zu beachten. “Ich han Schmeit”, sagte er auf Platt. Ich habe mächtig Appetit. Ich faltete das unterschriebene Kündigungsschreiben zusammen und steckte es in die Brusttasche meines Hemdes. Zu Hause würde ich es sicherlich noch mal hervorholen, um dem krickligen Namenszug meines Vaters einen stützenden kleinen Kuss zu verpassen, eine letzte kleine Hilfestellung.

Ehrensache.

„Und was war das jetzt mit dem… c/o? Was heißt das, Jung? „