Enten schlitzen im Stadtpark

Mein Vater, Susanne Eggert, 2020

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„Na, du weißt doch, wie so was läuft in Deutschland“, ächzt sie. „Wenn hier ein Kind von der Schaukel fällt, werden sofort alle Spielplätze renoviert.“

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„Das Wort Schokoladentorte hat der Mund schon gegessen, bevor man es nur ausgesprochen hat.“

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Die Gräfin legt sich mit einer jungen Frau an, die im Park ihren Winzling von Hund hinter sich herzieht, wie einen Hüpfball.

„He, da ist doch Blut drin in dem Lebewesen!“ ruft sie.

„Kümmre dich um deinen eigenen Scheiß, Alter!“

„Tu ich ja! Du bist gerade mein Scheiß!“

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„Mit einem umtriebigen Geist wie meinem gibt es nichts Schöneres, als früh am Nachmittag auf dem Bett zu liegen und dem Universum zu lauschen, dem Wind, dem Bimmeln der Eiswagen. Das ist die totale Entspannung. Weißt du, was die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies ist? Unser Nicht-Entspannen-Können in der Welt.“

Die Gräfin

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„Ich kenne wirklich niemanden, der sich so vehement gegen Veränderungen sträubt wie du“, sagt sie. „Als würde hinter der nächsten Straßenecke die große Veränderungsschlange warten, die dir in den Schwanz beißt.“

Ja, stimmt ja auch! Alles könnte in großen Schmerzen enden!

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Unterwegs sein in der Welt, um sich zu finden, was gibt es Schöneres im Leben – solange man sich nicht findet.

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Wir waren lecker essen bei den beiden italienischen Brüdern mit den langen Zähnen. Als Ergebnis der Tischunterhaltung weiß ich jetzt auch, woher sie das hat. Diese Leidenschaft, jegliches Strandgut, das es irgendwie ins Landesinnere geschafft hat, vom Boden aufzuklauben und nach kurzer Inaugenscheinnahme nach Hause zu schleppen. In den Bau. Ob es sich dabei nun um durchnässte Liebesbriefchen oder um zerknüllte Einkaufszettel handelt, ob um das herausgerissene Bein einer Mad Max-Puppe oder um Scherben einer Badezimmerkachel – es gibt nichts, was sie nicht aufsammelt. Weil sie es vielleicht mal gebrauchen könnte. Für eine kleine Installation, für eine Collage. Für irgendwas. Für nichts.

Schon als Kind musste sie unter den strengen Augen der Mutter die Taschen leeren, wenn sie zum Abendbrot aus dem nahen Wald heimkehrte. Mutter bestand darauf, dass die kleine Gräfin die Sachen selbst aus ihrer Tasche fischte, weil sie, die Mutter, einmal eine tote Kröte aus der Gesäßtasche des Töchterchen befördert hatte, worauf ihre Nerven kurzfristig im Eimer waren.

Die Gräfin erinnert sich an jene Tage, selig lächelnd.

„Als Kind ist man so nah dran am Erdboden, das ist ja eine eigene kleine Welt da unten. Wenn ich vom Teich kam, hatte ich immer die Jacke voller Froschlaich und Würmern und was sonst noch so über den Boden krabbelte. Andererseits waren auch tausend Insekten an mir interessiert, das muss man auch mal sagen. Das Interesse war durchaus auf beiden Seiten.“

„Opa Alois hat auch immer alles aufgesammelt“, wirft die Schwester ein, die einzige am Tisch, die eine Pizza bestellt hat und rundum zufrieden vor sich hinglüht.

„Ja, Opa Alois“, meint der Vater der Gräfin, ein ruhiger alter Mann mit einem Pulsschlag von 60 Schlägen in der Minute. „Der ist in Bad Sassendorf mit dem Spazierstock umhergezogen wie mit der Wünschelrute. Und wenn es gezuckt hat im Stock, ist er stehen geblieben und hat alles aufgespießt, was er für seine Werkstatt brauchen konnte. Sein Mantel war ein einziges Zwischenlager. Er hat das Hamstern nach dem Krieg nie wirklich aufgeben.“

„Opa Alois war doch der Entenschlitzer!“ ruft die Gräfin, einen Grappa in Arbeit.

„Ja, aber nur, wenn es auf Weihnachten zuging. Da wurde Opa Alois rabiat.“ Zu spüren bekamen es die Enten im Stadtpark. Da Opa Alois nur als harmloser Zettelchen-Piekser bekannt war, nahm das Geflügel ihn nicht weiter ernst, wenn er sich im Dezember näherte, mit seinem geschärften Spazierstock. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte.

„Wie eine Harpune warf Opa Alois den Stock nach den Enten. Das war sein Kampf mit dem Wal, das war sein persönlicher Moby Dick. Meist benötigte er nur einen Versuch und die Ente war erledigt. Eine Ente pro Jahr, mehr nicht.“

„Das ist doch nicht wahr“, sag ich, „oder?“

„Na, und ob. Opa Alois war der Entenschlitzer von Bad Sassendorf, das ist Tatsache“, meint die Gräfin und kippt den 3. Grappa runter. „Da kannst du jeden fragen, wen du willst, in Bad Sassendorf und Soest.“

An beiden Weihnachtstagen gab es bei Oma und Opa traditionell Ente mit Rotkraut und Knödel. Die ausgerupften Federn steckten sich die Kinder als Indianerschmuck ins Haar und tanzten um den Weihnachtsbaum. Alle waren happy, und Opa Alois stieg nach dem Essen in den Keller und pfiff alte Schlitzer-Lieder.

Der Filmkuss

„Du…?“

Es ist spät am Abend. Wir liegen im Bett, ich bin schon fast weggeduselt, da wispert sie in mein Ohr…

„Du?“

„Mh..“

„Sag mal, können wir nicht endlich einen Film über mich drehen?“

„Wie.. . was fürn Film?“

„Weiß nicht. Egal. Irgendeinen… Aber ein Filmkuss muss drin sein. So was richtig  altmodisches, du weißt schon, wo die Schauspieler nur so tun, als ob sie sich küssen. Was meinst du? Kriegen wir das hin?“

„Warum nicht, aber… welchen Schauspieler willst du nehmen, für den Filmkuss? Wen willst du.. küssen? Doch nicht mich, oder?“

„Quatsch, ist doch ein Spielfilm! Na, jedenfalls keinen Schönling. Keinen Johnny Depp oder so. Dann schon lieber… sagen wir, Bukowski.“

„Der ist tot.“

„Nein, ich meine jemand, der Bukowski spielt. So einen möchte ich im Film küssen. Keinen Lackaffen.“

„Aha. Und wenn nun, sagen wir, Johnny Depp Bukowski spielt? Geht das?“

„Nein. Das geht nicht. Kein Schönling. Basta.“

„Gut. Weiter. Was ist mit Stuntmen? Brauchen wir Stuntmen für waghalsige Stunts, damit deine Schauspieler keine Rückenschmerzen kriegen, wenn sie aus deinem Film wieder rausklettern?“

„Stuntmen…?! Was redest du denn da! Mach doch nicht immer alles so kompliziert! Ich will doch nur einen Film über mich im Kino sehen, wo ich die beste, die schönste, die schillernste bin und einen süßen kleinen Filmkuss abkriege! Ist das denn so schwer? Das kann doch nicht so schwer sein! Herrgott noch mal!“

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Der Kuss, Susanne Eggert, 2012

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Der kleine Beitrag „Filmkuss“ stammt aus dem Jahr 2013. In den Kommentaren spricht auch der Kurt. Kurt ist der Mitsubishi Boy. Gelegentlich kommentierte er auch unter dem Namen Margot. Er war ein versierter Junge.

Das Bild „Kuss“ ist, wie immer, von der Gräfin.