Eine abgedunkelte Figur/Der kleine Wiegand

Im Bus kam ich mit einem Perser ins Gespräch, der ebenfalls im Methadon-Programm war. Ich kannte ihn vage vom Hallo sagen. Er sah nicht gerade wie ein Junkie aus. Fünf Tage-Bart, schwarze Kleidung, drahtig – eine merkwürdig abgedunkelte Figur, wären da nicht die gepflegten weißen Zähne gewesen. Sie standen eng gestaffelt in seinem Kiefer, wie eine Palisade.

Um die Jahrtausendwende war er mit Eltern und Geschwistern nach Deutschland übergesiedelt. Er arbeitete als Pizzabäcker in Düsseldorf. Als er davon erzählte, zog er den Reißverschluss seines schwarzen Kapuzenpullis runter und gab den Blick aufs Sweatshirt frei, darauf das Emblem des sausenden Pizza Man.

“Keine Zeit-Pizzas”, grinste er matt.

“Du kommst aus Persien? Was heisst das? Iran?”

Er nickte.

“Und warst du im Iran auch schon drauf?”

Er sah mich prüfend an.

“Schon, aber im Iran hab ich nur Opium geraucht. Im Iran raucht jeder Opium, das ist wie Obst essen in Deutschland. Wenn man irgendwo zu Besuch kommt, kriegt man erstmal eine Pfeife angeboten.”

Die Vorstellung, statt in eine Banane in ein Opiumpfeifchen zu beißen, amüsierte mich.

“Es gibt auch viele Heroinsüchtige im Iran”, fuhr er fort, “viel mehr als in Europa, das ist ein Riesenproblem da, aber es bleibt in den Familien, darüber wird nicht gesprochen. Heroinsüchtige sind nicht gut angesehen im Iran. Von denen hält man sich fern. Dabei kriegt man von Opium einen viel härteren Affen. Ein Opium-Affe dauert volle vierzig Tage, ungelogen. Also, wenn du viel und täglich Opium geraucht hast. Einen Schore-Affen bist du nach drei Tagen los.”

“Wieviel Metha nimmst du?”

“Fünf Milliliter. Ist eigentlich zu wenig, davon schläft man nicht richtig. Man schläft zwar, kriegt aber alles mit, was um einen herum passiert.”

Ich wusste, wovon er sprach. “Kein Tiefschlaf, ne?”

“Kein Tiefschlaf. Als wäre die Nacht eine Untertasse.”

In der Innenstadt stieg ich aus, wir verabschiedeten uns. Wenn ich mich einmal in der Woche in der City aufhielt, schaute ich kurz auf der Platte am Kaufhof vorbei, ob jemand Bekanntes da war, einer von den Alten. Die jüngeren Gesichter sagten mir nichts. Ich war komplett raus aus der Geschichte.

Sich auf der Platte aufzuhalten ist der Judenstern der Drogenszene: jedermann weiss sofort Bescheid, was los ist. Dass du ein Morphinist bist. Ein Verlierer. Aber das macht eigentlich nichts. Denn dass wir alle Sieger sein wollen, geht schon rein rechnerisch nicht auf. Dass wir alle Sieger sein wollen, ist Mathematik für Dummies.

Der kleine Wiegand saß auf der Treppe. Er hatte die erste Kanne Bier in Arbeit, morgens um neun. Er rülpste verächtlich.

“Die erste.. bff. Was redst du da.”

“Die wievielte denn?”

“Keine Ahnung. Ich zähl doch nicht mit. Die.. dritte glaub ich.”

Um diese frühe Uhrzeit wimmelte es in der Stadt von Junkies, und jeder zweite hatte Bier und Jägermeister in Arbeit. Viele kamen direkt von der Methadon-Vergabe. Es gab drei oder vier Arztpraxen in der Stadt, die lizensiert waren, Heroin-Süchtige zu substituieren, mit Methadon, Methadicct, Polamidon, Subutex, dazu diverse Antidepressiva, Pillen gegen Alkoholismus etc. etc.

Den kleinen Wiegand kannte ich noch aus längst vergangenen Tagen, als im großen Saal des Haus der Jugend Woodstock gezeigt wurde. Im Nachhinein wundere ich mich, wie alt uns der Film damals schon vorkam, obwohl das Festival gerade mal ein paar Jahre zurücklag. Woodstock aus dem Jahr 1969 erschien uns 1975 wie Musik und Mode von einem anderen Planeten, Woodstock war Höhepunkt und Abschluss von Flower Power. Wir waren schon die Bump-, Punk- & Glitter-Ära, wir hatten mit Hippies kaum was am Hut.

Wiegands Gesicht war teigig und rund wie ein Pfannekuchen, vom vielen Saufen und billigem Essen.

“Im August bin ich ins LKH eingeliefert worden, mit 4,8 Promille.”

Ich liess einen anerkennenden Pfiff hören. Hohe Promillezahlen und Leberwerte wurden in der Szene wie Trophäen gehandelt.

“Mein Rekord ist über fünf”, meinte der kleine Wiegand. Er hatte nicht nur eine beschädigte Leber, er hatte auch ein gutes Herz. Das wurde ihm oft zum Verhängnis. Sogenannte Freunde betrachteten ihn gern als Selbstbedienungsladen, wenn er zuviel getankt hatte und den Überblick verlor. Er schlief immer und überall ein. So war es auch gewesen, als er im O-Bus nach Höhscheid von vier Kiddies mit Baseballcaps ausgeraubt worden war, stockbesoffen war er in der letzten Bank eingeschlafen. Die Polizei meinte später, er sei vermutlich schon dabei beobachtet worden, wie er Geld vom Bankautomaten abhob.

Es war Monatsende, Kohle schon auf dem Konto, und Wiegand hatte alles abgehoben, was ging: ALG II sowie die kleine Rente, die ihm endlich zugesprochen worden war, für einen zwanzig Jahre zuvor erlittenen Arbeitsunfall.

Die Unfallversicherung hatte ihm eine einmalige Nachzahlung von 80.000 Euro angeboten, wahlweise eine monatliche Rente von 300 Euro.

“Ja wie..!? Und du hast dich für die Rente entschieden??” Ich konnte es nicht fassen. “Bist du wahnsinnig? Solange lebst du doch gar nicht mehr, dass sich das noch lohnt!”

Der kleine Wiegand, sonst immer für einen Scherz gut, grunzte vor sich hin und nahm einen Schluck Bier.

“Dich alte Labertasche überlebe ich allemal! Jetzt erst recht!”

Aber zurück zum Tag im August. Wiegand hebt also 750 Euro ab, wackelt betrunken ins Schuhgeschäft und leistet sich für 150 Euro rote Nike-Turnschuhe, die er sofort anbehält. Dann steigt er in die 3 nach Höhscheid, will nach Hause. Er schläft auf der Stelle ein, in der letzten Bank eines überlangen Gelenkbusses. Dabei wird er von vier Hip Hoppern klar gemacht. Die Szene ist auf Video dokumentiert, alle Busse der Stadtwerke werden videoüberwacht. Die Jungs, die Basecaps tief ins Gesicht gezogen, streifen dem kleinen Wiegand in aller Seelenuhe (“ich hab nix gemerkt”) die nagelneuen Sneakers ab, zocken seine Brieftasche bis auf den letzten Cent. Auf dem Film sieht man, wie der Busfahrer an der Endhaltestelle auf Wiegand zukommt und ihn rausschmeißt, obwohl er nur noch Strümpfe anhat.

“Ich wusste überhaupt nicht, was Sache war.”

“Na, das ist ja nun auch nix neues”, sagte ich.

Wir lachten. Es ist ein Riesenunterschied, ob man sich erst als Junkie kennenlernt oder ob man schon vor den Drogen eine Beziehung zueinander hatte.

*

“Kleine Männer stinken beim Ficken!” war der blöde Spruch, mit dem ich den kleinen Wiegand immerzu aufzog, wenn wir nebeneinander am Tresen standen, aber Wiegand hatte nur laut gelacht.

“Zieh Leine, Lutscher!” schrie er, wenn ich rüberkam mit dem blöden Spruch.

Zu Beginn der Neunzigerjahre jobbte er als Dachdecker. Einmal hatte er Pech. Trat in einen rostigen Nagel, in billigen Arbeitsschuhen, die nichts aushielten. Der Nagel ging glatt durch, fünf Zentimeter weit in den Fuß rein, und guckte oben wieder raus, aus dem Spann.

“Zuerst hab ich kaum was gemerkt. Das war ein Gefühl, als hätte ich auf eine Katze getreten, die nicht wegläuft, das war richtig komisch.”

Im städtischen Krankenhaus haben sie dann ambulanten Murks gemacht: keine Röntgen-Aufnahmen, dumme Blicke, wieder nach Hause geschickt. Nach ein paar Tagen wurden die Schmerzen unerträglich, trotz der Pillen für Krebskranke, die sich der kleine Wiegand auf der Platte besorgt hatte. Also zurück ins Krankenhaus. Die Wunde rund um das Loch hatte sich böse entzündet. Diagnose: Knochenfraß. Jeder Millimeter zählte, jede Stunde. Vorschlag des behandelnden Chefarztes: Amputation des Fußes, damit die Entzündung nicht noch mehr Schaden anrichtete und womöglich das ganze Bein ab musste.

Am selben Abend erreichte Wiegand auf dem Zimmertelefon der Anruf eines Bekannten, der als Pfleger eine Station tiefer arbeitete.

“Such dir eine andere Klinik, Mann. Die schneiden hier wie die Bekloppten. Die sind messergeil! Das sind Solinger Ärzte! Die müssen schneiden!”

Am nächsten Morgen war Visite. Wiegand teilte den versammelten Metzgern mit, dass er verlegt werden möchte, um von Spezialisten eine zweite Meinung einzuholen.

“Es ging immerhin um eine Amputation. Zwei Stunden später wurde ich rausgeschmissen.”

“Wie – rausgeschmissen?!”

“Na schön, rausgeflogen. Mit dem Blaulicht-Hubschrauber nach Bocholt, in eine Spezial-Klinik.”

Der Fuß konnte in letzter Sekunde gerettet werden. Doch bevor man das Loch mit Spezial-Plastik auffüllen konnte, musste die Wunde zwei Tage lang offen bleiben. Das Bein wurde auf ein medizinisches Kissen hochgelegt, so dass der kleine Wiegand aus einer bestimmten Liegeposition heraus ganz bequem durch das fünfmarkstückgroße Loch im Fuß auf den Bildschirm des Münzfernsehers blicken konnte. Die Schwestern auf der Station konnten es nicht fassen, als sie das Abendbrot brachten..

“Was um Himmels Willen machen Sie denn da!?”

“Hm..? Ich guck Fußball. Wieso?! Am besten, ihr kommt gleich noch mal wieder, nach der Verlängerung.”

Schwer gezeichnet von der Hitze des Tages

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Es war der Sommer der Hitzerekorde. Dschungelwetter. Alles stand still. Nichts rührte sich. Man war schon froh, wenn ein Windstoß hinter der Ecke lauerte, auch wenn er gar nicht zum Einsatz kam.  “Der Hitzepeter ist in der Stadt”, stöhnte die Gräfin. Anfang Juli wurde die 40 Grad Marke geknackt. Es war so heiß, dass ich mir einen Eimer Wasser unter den Schreibtisch stellte, den ich stündlich mit frischen Eiswürfeln auffüllte. Das machte es halbwegs erträglich.

Im Fernsehen zeigte ein Nachmittagsmagazin mit Handy aufgezeichnete Wiederbelebungsversuche am Ufer des Badesees. “Ich kann mich nicht mehr bewegen”, stöhnte der junge Mann, der kopfüber ins flache Wasser gesprungen war. Er ahnte noch nicht einmal, was das alles für ihn bedeuten sollte, für den Rest seines Lebens. Es war sein erster querschnittsgelähmter Nachmittag. Es gab Momente, da verachtete ich das Leben für seine Konsequenz.

Drüüt! ging die Türschelle, drüüüt! Drüüüüt!

Der Hund kläffte, aber nur ein einziges Mal, dann lag er schon wieder ausgepumpt in der Ecke. Es war zu heiß, um sich groß aufzuregen, nur weil die Klingel ging und jemand Einlass begehrte. Auch ich blieb erstmal am Schreibtisch sitzen und guckte aus dem Fenster. Da parkte ein großer roter Taunus, direkt vorm Haus. Ich kannte niemand, der einen großen roten Taunus fuhr. Andererseits wechselten die Leute dauernd ihre Autos, schon allein um mich zu irritieren. Damit ich nicht mehr ein noch aus wusste, wenn in einem Wagen, der mir eben noch bekannt vorkam, plötzlich andere Gestalten saßen.

Ich pitschte auf tropfenden Füßen zur Haustür. Ein älterer hagerer Mann stand auf der Matte. Seine knollige Nase erinnerte an einen nachlässig aufgerollten Damenstrumpf. Er trug einen Kittel und in der Hand einen Bastkorb, gefüllt mit Obst, und er schwitzte schlimm.

“Guten Morgen.. Könnt ihr Äpfel gebrauchen?”

“Äpfel? Nee.”

“Dankeschön.”

Na, du lässt dich aber schnell abwimmeln, dachte ich. So gibt das aber nichts. So wirst du nicht einen blöden Apfel los.

Er klingelte eine Etage über uns.

“Da ist niemand um diese Tageszeit”, sagte ich.

Er klingelte ganz oben, unterm Dach. “Und hier?”

“Da wohnt Lester. Der Hase.”

“Ein Hase?”

“Ja. Das heißt, nein. Hase ist nur sein Spitzname. Eigentlich heißt er Lester. Er hat Urlaub, glaub ich. Kann sein, dass er zuhause ist.. weiß nicht.”

Lester war der Prototyp eines Einzelgängers. Man wusste nicht viel über ihn, obwohl er fast genauso lange im Haus wohnte wie ich, mehr als zwanzig Jahre. Mit seiner mächtigen Naturkrause sah er aus wie jemand, der den Schrank voller Zappa- und Captain Beefheart-Scheiben hatte. Ich kannte sonst niemanden, der sein Leben so straight nach Plan lebte. Lester verliess jeden Morgen Punkt halb Sieben das Haus, fuhr zur Arbeit, kam gegen fünf heim. Um halb acht brach er auf in die Stadt, um bei Enzo einen Kaffee zu trinken. Spätestens eine Stunde später hörten wir seine Schritte im Treppenhaus, er war zurück.

Seine Waschmaschine lief jeden Mittwochabend von halb sieben bis halb acht, im Sommer machte er vier Wochen Urlaub in Andalusien. Einmal im Monat legte die Post das alternative Musikmagazin Visions in seinen Briefkasten.

Lester machte keinen unglücklichen Eindruck, aber mit der Zeit schlichen sich Sprachfehler ein, zuletzt stotterte er beinah. Vielleicht war er einsam. Keine Ahnung. Wir wohnten ja nur im selben Haus, wie soll man da wissen, ob jemand allein ist oder schon einsam. Die Leute reden ja nicht. Die Männer. Man muss schon sehr genau hinhören, um bei einem Typ wie Lester mitzukriegen, was wirklich mit ihm los ist.

Der Obstverkäufer gab nicht auf. Er schwitzte und er klingelte. Er stand sozusagen auf Lesters Klingel, wenn auch mit dem Zeigefinger. Vielleicht hatte er meine Gedanken gelesen, na, der gibt aber schnell auf, und wollte es mir nun zeigen. Dem zeig ich’s aber, dem Erdgeschoßler! Ich holte mir ein Wasser aus der Küche, tropische Hitze macht durstig. Ich trank seit Tagen ein Wasser nach dem anderen, vermutlich bestand ich schon zu zwei Dritteln aus Sprudelwasser.

“WAS IS LOS?!”

Das war Lester. Er hatte aufgemacht. Er brüllte von oben durch den Hausflur.

“WER IS’N DA?”

“GUTEN MORGEN, JUNGER MANN!” rief der Obstverkäufer durch das Spalier der Treppengeländer. “SAGEN SIE, KÖNNT IHR ÄPFEL GEBRAUCHEN?!”

“WER IS DA?!”

“ÄPFEL! ICH VERKAUFE ÄPFEL! ICH BIN DER OBSTVERKÄUFER! KÖNNT IHR..!?”

Oben unterm Dach fiel krachend die Wohnungstür ins Schloss. Lester machte nicht viel Worte. Ein staubtrockener Geselle. Nur sein Gang hatte etwas nobles an sich. Er bewegte sich, als wäre er sein eigener Butler.

“Tja”, sagte ich zum Obstverkäufer.

Er stand auf der Matte am Hauseingang und blickte mich verlegen an. Eigentlich, sagte dieses Gesicht, eigentlich könnte ich jetzt auch Feierabend machen.

Oder mich weghängen.

“Trotzdem vielen Dank, junger Mann.”

Ich ging an den Schreibtisch zurück, zu meinen Eiswürfeln, zu meinem Hund und den Geschichten. Ich versuchte eine Story zu Ende zu bringen, wo leicht maskuliner Schweißgeruch zur richtigen Zeit eine Frau zur Räson brachte – da schoss mirTeufel auch, warum eigentlich nicht!? durch den Kopf. Warum nicht ein paar frische Äpfel kaufen an der Haustür und am Abend die Gattin überraschen? Mit einem Obstsalat! Apfelsalat. Grandiose Idee.

Und das Wort Gattin in diesem Zusammenhang gefiel mir auch.

Ich erwischte den hageren Obstverkäufer, wie er aus dem Haus gegenüber trat, fröhlich pfeifend schritt er voran. Da hatte er wohl einen guten Deal hingelegt, der Boskop-Lümmel. Ich hatte den Hund mit nach draussen genommen. Auf kochend heißem Terrain waren wir barfuß unterwegs. Der Teer platzte hier und da schon auf. Die Sonne knallte unerbittlich, kein Baum spendete Schatten, obwohl es genug Bäume gab in der Nachbarschaft. Doch in jenem Sommer standen sie nur tatenlos in der Gegend rum und weigerten sich, Schatten zu werfen. Es war, als hätten sie über die Jahre so viel Schatten gespendet, jetzt war genug.

“Hallo..!” rief ich.

Der Mann blieb stehen.

“Ich nehm doch ein paar Äpfel.”

Er wartete, bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte.

“Sind die auch lecker?” fragte ich.

Weil es so heiß war auf dem Asphalt, tänzelte ich von einem Fuß auf den anderen. Der Hund war cleverer. Er blieb gleich auf der Wiese sitzen und beobachtete uns.

“Das ist Berlepsch, ganz seltene Sorte, superlecker. Wieviel Äppel brauchen Sie denn, junger Mann?”

“Na, drei, vier Stück vielleicht.”

“Wie? Drei oder vier..? Nein, das geht nicht. Ich hab das Obst doch nur abgepackt. Sehen Sie! Ist ganz frische Ware.”

Auf seiner Stirn bildete sich eine Art Ypsilon. Ich hatte noch nie ein hingeschwitztes Ypsilon auf der Stirn eines reisenden Obstverkäufers gesehen. Leute gab es. Keine schöne Sache.

“Einzelne Äpfel verkaufen Sie nicht?”

“Nein. Tut mir leid. Ist alles abgepackt.” Er zeigte in seinen Korb. Knallrote Äpfel leuchteten mich an, in Folie eingezogen. Wie im Märchen. “Da müsste ich die Packungen ja alle auseinanderreißen..”

Ich hüpfte in den Vorgarten, zum Hund. Da war es kühler.

“Und was ist die kleinste.. Einheit?”

“Fünf Kilo zu acht Euro.”

Fünf Kilogramm! Mannomann! Gibts doch nicht!

“Das sind ja mindestens.. fünfzig Äpfel! So viel Äpfel will ich doch gar nicht!”

“Nein, sind dreißig”, entgegnete er ölig. “Maximal dreißig. Normale Größe, süß, saftig. Berlepsch. Eine seltene Sorte, fast ausgestorben.”

Aber ich hörte gar nicht mehr richtig hin. Das Ding war gelaufen. Dabei hätte es so romantisch werden können. Ein paar wilde Äpfel an der Haustüre, einen verwunschenen Kamm mit ein bisschen Gift dran, nur ein bisschen zum Antörnen.., aber – fünf Kilo?! Was sollten wir mit fünf Kilo Obst?!

Ich war froh, als ich wieder in meiner schattigen Bude hockte, die Füße baumelten im Wasser, der Hund schnorchelte.

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