Meine Fresse, sagte ich

Die Erfahrungen, die ich mit Buchverlagen gemacht hatte, waren ernüchternd. Nirgendwo war man wirklich willkommen als Autor. Überall roch es nach Abwehrmaßnahmen. Nach Hürden, die man hochgezogen hatte, um Fremde abzuwimmeln. Nach: Es gibt zu viele von dir. Zieh Leine. Mach dein Häufchen woanders. Oder aber es geschah das exakte Gegenteil und im ersten Überschwang wurde Gold zum Fünfuhr-Tee gereicht.

Bücher sind sowieso überbewertet, meinte die Gräfin. Jeder Hinz und Kunz bringt heutzutage ein Buch heraus, daran ist nichts besonderes mehr. Im Gegenteil. Es ist eher was besonderes, als Autor KEIN Buch zu veröffentlichen. OHNE Buch als Autor zu bestehen. Ein rein virtuelles Dasein aus Nullen und Einsen zu bestreiten, im Internet, das ja angeblich nichts vergisst, während der Buchmarkt dement ist und ein Buch innerhalb von vierzehn Tagen vergisst, wenn es schlecht startet.

Naja, man kann es sich auch schönreden.

Andererseits: Ein Buch bedeutet Unannehmlichkeiten. Werbemaßnahmen. Eine Lesereise. Ich hasse es vor Publikum zu lesen, ich hasse Hotelzimmer, ich hasse Reisen. Das alles ist Mist, der einem nur Zeit und Konzentration raubt und wo man nachts all die großstädtischen Groupies abräumen muss, die im betrunkenen Kopf Genitiv und Genital erst verwechseln und dann total süß finden.

Des Persons Pimmel hat gereibt!

Also, warum zum Henker solltest du weiter knickrigen Buchverlagen hinterherjapsen, wenn du das auch alleine geregelt kriegst! Wenn du als Self-Publisher alle Fäden selbst in der Hand hältst? Ohne dich einem Verlag auszuliefern, der dich mit Erlösanteilen im einstelligen Prozentbereich abspeist. So FDP.

WARUM?

neues notizbuch

„Darum.“

Der Chef des mittelgroßen ambitionierten Verlages aus dem süddeutschen Raum hatte mein Manuskript mit nach Marseille genommen, wo er einen zweiwöchigen Arbeitsurlaub plante. Danach wollte er anrufen. Versprochen. Als kein Anruf kam, auch nicht nach einem Monat, rief ich an.

„Ach, der Herr.. ähmm Glumm. Stimmt… Sie wollte ich auch noch anrufen.“

Na, das ist ja jetzt nicht mehr nötig, entgegnete ich kühl. Die Stimmung war am Boden.

„Dann lass mal hören“, sagte er endlich. Wie jetzt? sagt ich. „Na, erzähl was von deiner Biografie.“ War das sein Ernst? Es war nicht so schwer, meinen Namen zu googeln, wer sich ein bisschen Zeit nahm, erfuhr im Internet einiges über mich. Das heißt, wenn man sich für meine Sachen interessierte. Musste man ja nicht. Aber wer wollte, konnte. Wahrscheinlich hatte der Mann diese Art Recherche bislang nicht nötig gehabt, schließlich rannten ihm die Autoren auch so die Bude ein, all die Autoren, die ebenfalls von Ruhm träumten, von grandios übers Buchpapier stelzenden Satzbauten und Megametaphern, von Groupies mit hochgestrubbeltem Haar.

All die Träumer.

Ich versuchte ihm etwas von mir zu erzählen. Kam aber nicht sehr weit. Ich war ein bisschen eingeschnappt von der ganzen Situation, versuchte aber, es nicht durchklingen zu lassen. Eingeschnapptsein hat noch nie was gebracht. Der Verleger sagte, dass er unschlüssig sei, was meinen Text betraf. Er passe in keine Kategorie. Er wisse nicht, wohin damit. Das sei schon mal.. schwierig. Im übrigen, es gehe kühn los, baue aber im zweiten Teil stark ab.

Kann sein, sagte ich. Mit dem zweiten Teil hab ich mir noch nicht so die Mühe gegeben wie mit dem Anfang. Aber daran lässt sich arbeiten. Autoren arbeiten ständig an Texten. Das ist der Job eines Autors. Ich hab sonst nichts zu tun. Ein neuer Arbeitstitel wäre auch schon geboren:

Pulverdampf und heiße Lieder!

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Au Backe, sagte er. Klingt nach Elvis in der Südsee. (Das ist Elvis in der Südsee, dachte ich.) Und er habe da noch ein Problem.

„Du hast keinen Namen.“

Keinen Namen?

„Glumm“, sagte ich.

Nein. Keinen bekannten Namen.

Na wie denn auch, sagte ich. Wenn alle Verleger so denken wie du werde ich nie einen Namen haben, nicht auf dem Buchmarkt. Aber so ganz unbekannt bin ich ja nicht, als Blogger.

Tja ja, als Blogger, sagte er. Doch wie viele Menschen kennen und lesen dich? Ein paar hundert? Ein paar Tausend, wenn es hochkommt?

Ja, für den Anfang doch besser als nichts.

Aber wenn du schon einen Namen hättest, wäre das besser. Egal als was. Hauptsache einen Namen. Als Basketballstar in Israel, als Schwanzlutscher in Arabien, ganz egal. Du verstehst, was ich meine? Die Leute kaufen kein Buch von jemanden, dessen Name ihnen nichts sagt. Besser noch sie kennen schon deine Fresse aus dem Fernsehen, die man vorn auf den Umschlag knallen kann. Das ist Umsatzbringer Nummer 1. Deine Fresse.

Meine Fresse, sagte ich.

Na, deine jetzt nicht. Pass auf, sagte er. Sag mir, warum ich mich für Glumm entscheiden sollte und nicht für Autor Y, von dem ich hier ebenfalls ein Manuskript auf dem Tisch liegen habe. Ein Autor, der jünger ist als du und schon ein wenig bekannter.

Das soll ich dir beantworten?! sagte ich.

Ja, sagte er. Erkläre mir, was dich auszeichnet. Überzeuge mich von dir. Du hast eine Minute. Und los.

Ich saß da und dachte, da will jemand in dein Haus einbrechen. Aber erstmal sehen, ob es was zu holen gibt. Der will sehen, ob du dich verkaufen kannst. Ob du ein Marktschreier bist für deine eigenen Belange. Daran ist nichts ehrenrühriges, dachte ich, und schwieg. Er war ein Verleger. Er musste Geld verdienen. Mann, war das dämlich. Ich kam mir vor wie auf dem Schulhof, wenn man sitzengeblieben ist und am ersten Schultag im neuen Jahr ist man umringt von neuen Klassenkameraden. Einer hat eine große Klappe. Er will sich mit mir boxen. Ich schlage ihm voll in die Fresse.

„Jetzt mal ehrlich: würde nicht jeder Autor jetzt sagen, pass auf, Chef, nimm mich! nimm lieber nicht den Anderen“, sagte ich. „Dass ICH die Sachen schreibe, die die Leute lesen wollen. Das ist doch Humbug.“

Ich hörte den Sound eines Schreibtischs am anderen Ende der Telefonleitung, ein Verschieben von Stiften, Kratzgeräusche, Papierrascheln. Der Sauhund kritzelte, während wir miteinander sprachen. Wir beide waren ungefähr gleich alt. Alter verlangt Chuzpe. Ohne Chuzpe bist du aufgeschmissen. Sonst bist du irgendwann nur noch alt, und wehrlos.

„Wenn du wenigstens einen Roman hättest“, klagte er. „Nicht nur Storys.“

„Es gibt doch kaum noch Autoren, die so schreiben wie ich“, hörte ich mich sagen, ein Satz, der mir nicht gefiel, ungenau und hochtraberisch. „Von Heroin, Herzinfarkt, von Altersdemenz…“ Das waren alles keine Gewinner-, keine Bringerthemen. Und: Ein Verleger will nicht hören, dass man anders schreibt als die anderen, er will gefälligst hören, dass man so ähnlich schreibt wie Bestsellerautor Heinz X – so, und nicht anders.

Das war’s. Ich hatte abgekackt. Der Bus war um die Ecke. Dabei war ich fast sicher gewesen, dass der Verlag das Manuskript annehmen würde. Wir hatten schon über Vorschuss gesprochen und über einen eventuellen Veröffentlichungstermin. Wieder einmal hing die Wurst vor mir, war zum Greifen nahe, ich hätte nur noch Hinschnappen müssen, und plötzlich – war sie weg. Aus dem Blickfeld gezogen, wie zum Hohn. Mal wieder. Wenn du eine Chance versemmelst, tritt das Schicksal noch mal extra nach; es tritt dich in den Hintern, mit der Pieke. Volles Rohr ins Scheissgebiet.

Steissgebiet.

 

Scheiß doch auf die Verlage, meinte die Gräfin später. Mach es einfach selbst. (Nachdem sie zuvor noch was anderes gesagt hatte, das ich interessant fand: DIE CHANCEN SIND SO ODER SO IN DER WELT. WENN DU SIE NICHT NUTZT, NUTZT SIE EIN ANDERER.)

Nächster Satz der Gräfin:

„Du bist doch ohnehin am besten, wenn du von hinten kommst und das Feld aufrollst, wenn niemand, wirklich niemand mehr mit dir rechnet – genau das ist deine ganz persönliche Pole Position.“

Ich  blickte sie an. Wir waren seit mehr als 30 Jahren zusammen, niemand kannte mich so gut wie sie. Was sie sagte, war Gesetz. Manchmal ging sie durch die Wohnung und ich schaute ihr hinterher, mit diesem Gefühl der Rührung. Zwei Menschen, die gut miteinander können, haben etwas Rührendes. Zerfall hat etwas rührendes. Sätze haben etwas rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung. Als würde ein Neugeborenes aus dem Leib der Antilopenmutter fallen und losstaksen, in Nullen und Einsen. Nur einen Namen musste das verdammte Kind haben.

„Wie wärs mit Glumm?“ meinte sie.

ABER JA! WARUM WAR ICH DARAUF NOCH NICHT GEKOMMEN!

Hey, American!

2. August ’94

Boulogne-sur-Mer. Die erste Nacht verbringen wir im Hotel Alexandra, auf einer Art Wasserbett, bloß ohne Wasser. Nur mit diesem instabilen Feeling im Rücken. Wenn wir in der Mitte eng beieinander liegen, bildet sich diese Kuhle, die uns tief in die See zieht und verschlingt. Während ich bis zum Morgengrauen nicht über einen gewissen Dämmerzustand hinwegkomme und im Halbschlaf das Doppelbett abwandere, (alle Ecken, alle Positionen), schnorchelt die Gräfin friedlich vor sich hin, so erledigt ist sie von der langen Autofahrt.

 

3. August ’94

Am Strand, irgendwo hinter Boulogne-sur-Mer. Vor dem Hintergrund eines abgrundtief blauen Himmels beiße ich in eine fettige rote Pferdewurst, die mir ein mobiler Metzger auf dem Zeltplatz angedreht hat:

„Ja, bleib so!“ ruft die am Boden kauernde Gräfin und knipst gleich am ersten Strandtag DAS Erinnerungsfoto. In jedem Urlaub gibt es dieses Bild, wo sie mich von unten gegen den blauen Himmel fotografiert, was mir eine gewisse königliche Würde verleiht.

„Puh, deine verdammte Pferdewurst riecht man noch hinten am Meer“, stänkert die Gräfin, als sie aus dem Wasser kommt und sich auf die Luftmatratze plumpsen lässt. „Als hätte der Stalljunge die Tür aufgelassen.“

„Zum Pferdestall?“

„Zum Hosenstall.“

„Ist aber vom Pferd, die Wurst.“

„Das sagst du. Bist du sicher?“

Na, nehme ich doch an. Wenn ich dem mobilen Frikadellenhändler Glauben schenken darf, der, wie ein Aushang mitteilt, jeden Vormittag den Campingplatz anfährt, handelt es sich um eine berühmte normannische Pferdewurstspezialität. Und dann noch in diesem verwegenen Rouge, ou la la, ich meine, wenn das nicht zum Kauf animiert.. Im übrigen sind wir in Frankreich, da sollte man kulinarisch schon mal eine manipulierte Blutwurst in Kauf nehmen. Oder nicht.

„Wenn du meinst“, meint sie.

Der Strand, der gleich hinterm Campingplatz beginnt, ist weit und menschenleer, wie mein Schreibtisch zu Hause. Da ist auch nichts mehr los. Da könnte man auch freiwillig ins Wasser gehen.

„Sollen wir gleich eine Runde Volleyball spielen?“ fragt sie, die Augen geschlossen, während sie in der Sonne trocknet. „Aber bei dir wird ja sowieso Fußball draus.“

Sie plappert munter drauflos.

„Hier kannst du getrost ein gekochtes Ei mit ins Wasser nehmen, so salzig ist das.“

Ich dagegen bin die Mundfäule in Person. Schon gestern auf der Hinfahrt hab ich den Mund kaum aufgekriegt. Außer zum Husten vielleicht. Zum Gähnen. Die Gräfin ist gefahren, ich hab daneben gesessen und muffig über die Autobahn geglotzt, in die Autos rein.

„Na, hat man dir wieder lebenslänglich Klappehalten ohne Bewährung aufgebrummt?“ seufzte sie.

Es ist immer das gleiche, wenn wir von zuhause fort sind. Jedenfalls die ersten zwei, drei Tage. Ich bin schlecht gelaunt, weil ich einen kleinen Affen schiebe, zugegebenermaßen ein Äffchen, verglichen mit dem Affen, den Junkies schieben, die richtig drauf sind. Nicht so la la wie ich, nicht so unentschieden. Nach drei cleanen, schlaflosen Tagen bin ich wieder halbwegs auf dem Damm und der Urlaub kann beginnen – für mich. Da ist die Gräfin längst angekommen und wartet an der nächsten Ecke, dass ich endlich aufschließe. Heut morgen, im Frühstücksraum des Hotels in Boulogne, haben wir uns genau deswegen so heftig gestritten, dass jeder für sich allein weiter wollte. Sie mit dem Wagen, ich mit dem Intercity.

„Du versaust ja nicht nur dein Leben, nee, das reicht dem Herrn ja nicht! Du versaust uns auch noch den Urlaub!“

Was sollte ich darauf schon antworten? Nichts, und das machte sie erst recht zornig. Schließlich fuhren wir ein paar Kilometer aus Boulogne raus, durch französisches Surburbia, bis wir die Küstenstraße erreichten. Und plötzlich war da diese unscheinbare Hinweistafel, die ich beinah übersehen hätte, wäre da nicht dieses elektrisierende kleine Wörtchen Suzanne gewesen: 

Camping Chez Suzanne.

„LIIINKS!!“

 

 

Der Campingplatz liegt auf einem windstillen (!) Plateau, keine fünfzig Meter vor den Dünen. Wir zahlen 35 Francs die Nacht für Zelt, Auto, zwei Menschen und die normannische Sonne, die mit einer Kraft niederbrennt, als hätten wir das Herz Afrikas erklommen. Phantastisch. Und nirgends ist ein deutsches Wort zu hören, nicht mal im Waschhäuschen beim Kacken.

Nachteil: der Boden auf dem Platz ist dermaßen sandig, die Heringe müssen beinah stündlich nachgezogen werden, damit die Zeltwände nicht schlaff durchhängen. Weil dazu aber niemand Lust hat, man ist schließlich in Urlaub, stehen die wenigen Zelte da wie versunkene kleine Epochen. Der Zeit entschlüpft.

Vormittags zwischen neun und zehn fährt die Boucherie den Platz an, der Wagen des Pferdemetzgers. Ansonsten geben Platz und Umgebung nicht viel her. Am Strand kein Strandpavillon, auf dem Camping kein Mini-Markt, das Hinterland Zones Industrielles. Aber Hauptsache: keine Touristen und feiner Sand.

„Guck mal, Japaner“, staunt die Gräfin überrascht, begleitet vom Knautschen der Luftmatratze, als sie sich umdreht.

„Japaner?“ frag ich. „Wo?“

Ich glaub, ich hab noch nie einen Japaner in Badehose an einem Strand in Westeuropa gesehen.

„Ach nee, doch nicht. Sah nur so aus.“

Wir haben einen kleinen Joint geraucht, das entspannt die Situation. Andererseits bringt es alles durcheinander. Sie sieht Japaner, wo keine sind, und ich halte einen bunten Sonnenschirm, der in zwanzig Metern Entfernung in der Mittagssonne flirrt, für ein grosses Zirkuszelt. Dass es das nicht ist, merke ich erst im letzten Moment, als ich schon verblüfft ausrufen will, „dahinten, guck mal! Die bauen ne Manege auf! Meinst du, da singt die Greco heut Abend?“

Allez.

Ein Stück rote Wurstpelle liegt achtlos im Sand, bis ein kleiner weißer Köter mit Locken daherkommt. Doch Frauchen macht französisch pfui, pfah. Was mich auf eine Idee bringt.

„Wie heißt eigentlich toi, toi, toi auf französisch? Wenn man aufs Holz klopft.“

Die Gräfin hat keine Ahnung. Logisch. Woher auch. Der Scherz ist ja grade erst gehärtet worden, in meiner kleinen Schmiede. Und hier kommt die Auflösung:

„Twa, twa, twa“, klopfe ich fein akzentuiert aufs Holz. Da hab ich sie aber da liegen! Na schön, sie liegt sowieso schon. Welch ein Brüller.

Ein Schnauferl.

Abends, auf dem Campingplatz. Der normannische Wurst-Händler, der mit seinem dünnen Oberlippenbärtchen aussieht wie Monsieur Oberfritte persönlich, steht schon wieder da, an der selben Stelle. Ich glaube, er hat sonst nicht viel zu tun.

„Hm, ich denke, der kommt nur vormittags. Da hab ich wohl was falsch verstanden“, sag ich.

„Vielleicht hast du das mit der Pferdewurst auch falsch verstanden, und das ist gar keine Pferdewurst“, sagt sie.

„Sondern?“ sag ich bang.

„Naja, wenn man das Rot so isoliert betrachtet.. ich würde auf Pavian tippen. Auf Pavianarsch.“

Wir sprechen beide nur wenige Brocken französisch, und wir raten gern, was die Worte bedeuten könnten. Im Wagen von Monsieur Oberfritte entdecke ich ein Emaileschild, darauf steht irgendwas mit „Il ya Boudir“, ein kleiner Satz nur. „Die Blutwurst hängt im Haus rum“, vermute ich. Boudin heißt nämlich laut raschem Blick ins mitgenommeme Schulwörterbuch Blutwurst und die Redewendung Il y a boudir bedeutet: Der Haussegen hängt schief, macht alles zusammen DIE BLUTWURST HÄNGT SCHIEF IM HAUS RUM. Oui, so wird es sein.

Oder auch nicht.

„Der Metzger verkauft morgen früh irgendein Sonderangebot mit Schnaps“, versteh ich spät am Abend die letzte Lautsprecherdurchsage, die über den Platz scheppert.

„Untersteh dich“, meint die Gräfin nur.

 

4. August ’94

Das war ja klar. Sonnenbrand an den Waden, als hätte ich die halbe Nacht am Lagerfeuer gesessen, ohne zu merken, dass ich mittendrin sitze. Ok. Mit Lagerfeuer bin ich fertig.

„In dreißig Jahren wird deine Haut ihr welkes Köpfchen heben und dich anklagen: Weißt du noch, damals in der Normandie, 1994, als du dir den bösen Sonnenbrand geholt hast?“ unkt die Gräfin.

Dabei hat sie selbst ein lagerfeuerrotes Näschen, das ist auch nicht von hautkrebsresistenten Eltern.

Ich hocke schlechtgelaunt vorm Zelteingang und will den ersten Espresso des Urlaubs anblasen, und dann funktioniert das nicht. Kann gar nicht funktionieren. Wir haben zwar an den Zwei-Flammen-Kocher gedacht, das schon, nicht aber an die dazugehörige Gasflasche, die steht schön zuhause im Keller und beginnt sich allmählich zu sorgen, was aus ihr werden soll, wenn sie nicht mal im Hochsommer zum Einsatz kommt, beim Camping in der Normandie.

So eine Scheiße! Merde!

„Was ist los?“

„Wir haben das Propangas zu Hause vergessen.“

Ohne Kaffee, aber mit ordentlich Wut im Bauch und die Waden geröstet fahren wir nach Boulogne rein, ein geöffnetes Cafe suchen. Um diese frühe Uhrzeit? Also, erstmal am Geldautomat halten und Geld wechseln. Den Brustbeutel meines Vaters, Running Gag jeder Ferienfahrt, frisch aufgefüllt mit 2600 Franc, klappern wir das Industriegebiet nach einem Cafe ab, finden keins. Nur ein Mamout, ein Supermárche, mit Tiefkühltruhen riesig wie Strafräume, sowie 38 Sorten Toilettenpapier und ein Sonderposten Briefumschläge mitten in der Camping-Abteilung.

Wir erstehen, die Nerven blank, besonders ich, Propangas, hundert Briefumschläge und eine Luftmatratze, weil wir nur eine mitgenommen haben. (Und eine Isomatte.)

Auf der Rückfahrt zum Camping dann, endlich, ein geöffnetes Cafe für Routiers, Chez Bernadette. „Deux grand cafe.“ Keine Ahnung, ob wir wie Engländer aussehen, man serviert uns 2 große Schwarze Tee. Die Reklamation verläuft zügig.

Nachmittags, am Strand. Die Sonne lässt sich nicht blicken, eine solide Wolkendecke hat sich eingefunden. Warm ist es trotzdem. So suppig. Die einheimischen Franzosen spielen Boule. Wir liegen doof rum. Am Abend, in einem Landgasthof, wird nur ein einziges Menu angeboten, Pulle Rosè dabei. Zum Nachtisch reicht man Karamell-Grießbrei. Ich traue dem Braten nicht, der sich als Brei tarnt.

„Darin tummeln sich unter Garantie all unsere kleinen Freunde“, flüstere ich.

Unsere kleinen Freunde – das ist unser Code für Salmonellen & Co. Seit ich von einem behinderten Nachbarn am Kannenhof erfahren habe, dass die Lähmung seiner rechten Körperhälfte unmittelbare Folge einer Lebensmittelvergiftung ist, verursacht durch ein Dessert, bin ich vorsichtig geworden mit Eierspeisen.

„Das hast du aber schon lang nicht mehr gesagt“, staunt die Gräfin.

„Was?“

„Na, das mit unseren kleinen Freunden.“

Ich trage den Karamellhügel samt und sonders ab, und zwar nicht nur meine Portion, sondern auch ihre, und dann ab durch die Mitte. Das Leben, eine Mixtur aus kleinen Mysterienspielen und Eierspeisen.

 

5. August ’94

Scheiße, sind wir genervt. Der Kampf mit dem Einschlafen im Zelt dauert und dauert. Erst bin ich es, der die harte neue Luftmatratze einliegt, und obwohl ich in unregelmäßigen Abständen Luft aus der mittleren Kammer entweichen lasse, kriege ich keine vernünftige Schlafposition hin. Ich mein, ich würde auch gern noch mal schlafen. Die Gräfin gibt derweil ihrer (ebenfalls neuen, noch in Deutschland gekauften) Iso-Matte eine letzte Chance, bekommt aber kein befriedigend hohes Kopfkissen gebaut, Tragisch: sie hat eh schon Kopfschmerzen. Und bei Kopfschmerzen das Gefühl zu haben, der Kopf liegt bergab, das ist, als sammle sich der ganze Schmerz im Schädel, wo er eine klopfende hartleibige Ursuppe bildet. Sagt sie. Ich bin ja gleich skeptisch gewesen, beim Kauf der Iso-Matte.

„Ist doch viel zu hart.“

„Ach was, auf so Dingern hab ich früher prima geschlafen.“

„Früher, ja klar, früher warst du achtzehn und mit achtzehn pennt man zur Not auch auf einer Musikbox ein, die AC/DC spielt.“

Sie versucht es auf der neuen Luftmatratze, klappt auch nicht. Wir tauschen die Luftmatratzen mitten in der Nacht, im engen Zelt. Ich nehme die neue, sie die alte, die wir von zu Hause mitgenommen haben, und tatsächlich finden wir beide etwas Schlaf.

Am Morgen gießt es in Strömen, es blitzt und es donnert. Wir sitzen im Wagen, der gleich neben dem Zelt parkt. Während sie in den Stadtgeschichten von Armistead Maupin schmökert und gelegentlich kichert, wir haben drei der sechs Bände dabei, versinke ich auf dem Beifahrersitz in Agonie. Was hab ich hier überhaupt zu suchen? Tief in meinem Innern wünsche ich mir, nie wieder von zu Hause fort zu müssen. Ich hasse Urlaub, ich hasse Normandie, la douche, die Dusche. Der Regen prasselt aufs Autodach, die Scheiben beschlagen.

„Na, nun komm schon, ist der vierte Tag heute“, sagt sie und schaut mich freundlich an. „Ab morgen wird’s besser. Der vierte Tag ist immer dein schlimmster. Dann geht’s aufwärts.“

„Mh“, brumme ich. So ein kleines Näschen Pulver würde die Sache schon regeln. Es gibt aber nirgends Näschen hier. Nur scheiß Regen. Und warten, warten…

Neben uns bricht eine belgische Jugendgruppe ihr großes militärgrünes Gemeinschaftszelt ab. Sie waren nur eine Nacht hier. Mann, haben die die Schnauze voll.

 

6. August ’94

Samedi. Zur Abwechslung, und da es sich mittags sowieso bewölkt, fahren wir ein paar Kilometer die Küste runter bis Hardelot, einem Touri-Kaff mit großen Appartementklötzen an der Strandpromenade. Vorteil: am Hafen reiht sich Nougatbude an Nougatbude. Immerhin sind wir schon den fünften Tag in Frankreich und haben noch nicht ein einziges Crepes gegessen. Kein Crepes avec Choco, kein Crepes avec Chantilly. Oder hier, mit Cognac. Mit Cognac auch nicht.

Als die Sonne rauskommt, gehen wir zum Strand runter. Der Strand von Hardelot ist ein Dorado für Winddrachen, Pilots genannt, die durch die Luft brausen wie aufdringliche Mopeds. Wir machen Brotzeit. Haben am Morgen beim Caravan-Metzger Würstchen (vom Schwein) und Schinken eingeholt, dazu Tomaten und frisches Knüppelbrot.

Nach der Brotzeit entschwindet die Gräfin ins Wasser und überlässt mir ihren Walkman.

„Hm, ist das denn…?“ bin ich irritiert, als ich reinhöre.

„Gustav Mahler“, ruft sie.

Mahler? Klingt spannend. Wie ein Klassik-Tatort. Dramaturgie: Ein Ferienwochenende auf dem französischen Land, der Mord geschieht bei der Fasanenjagd, der lockige Postillon bläst Alarm. (Ich winke der Gräfin zu, die sich in die Wellen stürzt wie ein kleines Mädchen: Papa, schau, was ich alles kann!)

„Das Wasser ist soo klasse, du musst auch reinkommen!“

Ein Samstag am Meer. Jedem Hautarzt liefe das Bindegewebe im Maul zusammen. Überall liegen Krankenscheine. Meine Waden kann er gleich mit einpacken. Aber die Gräfin hat Recht: endlich bin ich angekommen. Dass es mir besser geht, spüre ich daran, wie verbunden ich mit der Welt bin. Plötzlich gehöre ich wieder dazu. Zu den Geräuschen, den Düften, den Bildern.

Rückfahrt zum Zeltplatz in St. Etienne au Mont. Unterwegs stoppen wir an einem alten Chateau mit dazugehörigem Reiterhof, weil die Gräfin Pferde so gerne mag, den Geruch von Schweiß, Hufe und Stolz. Um die die Ecke ist ein Supermarché, wo wir eine große gegrillte Poularde erstehen, die wir, in St. Etienne angekommen, im Windschatten unseres Zelts, noch heiß, verputzen.

Ab 20 Uhr Ramba Zamba, wie das so ist, Samstagabends in Frankreich. Am Eingang des Campingplatzes wird eine Minikirmes aufgebaut, es  spielt eine rollende Discotheque zum Technotanz auf für die ganze Familie, niemand steht im Abseits. Es läuft gesamtdeutscher Techno. Eins, zwei Polizei. Drei, vier Grenadier. Die Gräfin und ich machen daraus eine Nougatfete. Drei Crepes für jeden, dazu türkischen Honig, zwei Bierchen und dann ab ins Bett.

Mitten in der Nacht weckt uns ein lautes Fauchen an der hinteren Zeltwand, ein Prusten, direkt über unseren Köpfen. Da ist ein Dachs am Ackern, ein Igel vielleicht, wir warten nur darauf, dass der Reißverschluss runtergerissen wird und ein gieriger Rüssel fährt in unsere Schlafsäcke und rüsselt das Nougat aus uns heraus.

 

 

11. August ’94

In Val de Oise, einem Mini-Camping landeinwärts, haben wir deutsche Nachbarn. Und wie der Zufall es sich ausgedacht hat, kommt die Familie aus Remscheid, unserer Nachbarstadt im Bergischen Land. Während die Gräfin und ich vorm Zelt rumlümmeln und eine Runde Reise-Scrabble spielen, schmeißt die fettleibige Familie aus Remscheid schon am Nachmittag riesige Entrecotes auf den Wok.

„Ich will euch mal eins sagen!“  Der Vater bereitet sich auf den alltäglichen Angriff der Killer-Wespen vor. „Dieses Essen war sündhaft teuer, das lass ich mir nicht noch einmal Kaputtstechen, von diesen Viechern!“

„Ach Mann, Papa..!“ stöhnt Johnny, sein Sohn. Er ist gestern volljährig geworden und kann es nicht mehr hören. „Die verstehen dich doch nicht, die Wespen! Das sind Franzosen.“

Der Vater hört gar nicht hin. „Die mache ich fertig, die Brut! Die knöpfe ich mir vor.“

Seit fünfzehn Jahren schon, hören wir, kommt die Familie jeden Sommer auf diesen kleinen Zeltplatz in der Picardie, mit ihrem stattlichen Wohnmobil. Man hat sogar einen Stammplatz. Der Vater ist so fett, die Gräfin und ich warten jedes Mal nur darauf, dass er am Arsch abbricht, wenn er morgens aufs Mountainbike steigt, um mit Liesel, der übergewichtigen Rottweilerhündin, eine Runde über den winzigen Zeltplatz zu drehen. Jetzt ist er vor lauter Wut so rot im Gesicht, als könne die Farbe nicht mehr ablaufen. Als müsse er auf alle Zeit wütend auf Wespen bleiben, damit das Rot weiterhin Sinn macht.

„Guckt euch mal meinen Teller an! Überall Wespenvolk! Gestern genau dasselbe! Es reicht. Ich lass mich von denen doch nicht veräppeln! Die fressen mir das schöne Steak weg!“

Seine Frau Uschi hat andere Sorgen. Ihr kleiner Nachzügler, der 18monatige Robin, hat irgendwas am Popo kleben.

„Sieht aus wie ein Tampon“, meint Johnny. Und hakt nach. „Wieso hat Robin ein gebrauchtes Tampon am Hintern kleben, Mutti?“

Johnny dreht das Radio lauter. Als die Familie nach einigen Umbesetzungen wieder um den Wok herumsitzt, geht die Wespenjagd weiter.

„Verzieht euch aus meinem Apfelsaft!“ schlägt der Vater mit der eingerollten Zeitung um sich. Auch Mutter Uschi hat langsam die Nase voll.

„Da geh ich lieber direkt essen demnächst.“

Die Wespen sind wirklich überall.

„Wenn man drei killt, kommen vier neue!“ wispert die Gräfin.

Da kommt der Bauer von der Feldarbeit, auf seinem riesigen Mähdrescher New Holland. Er winkt fröhlich. Der Vater ist kaum noch zu halten.

„Jetzt reicht es aber! Jetzt verbrenn ich die Viecher!“

„Hondert-Twey! Hey, hey!“ singt Sohn Johnny den Jingle des Radiosenders mit, der von Brüssel aus operiert. Wir sind überrascht. Es ist Johnnys bei weitem größter Gefühlsausbruch seit Tagen.

 

19. August ’94

Bei offenem Schiebedach, die Türen weit aufgerissen, fläze ich auf dem Beifahrersitz und gaffe über den Campingplatz. Wir sind schon den siebten Tag hier. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise halten wir es maximal drei, vier Tage am gleichen Ort aus, dann müssen wir weiter. Nicht so in Zuydcoote. Vielleicht, weil wir die einzigen Deutschen sind auf einem ansonsten fest in nordfranzösischer Hand befindlichen Zeltplatz direkt am Meer. Und wegen der Sonne. Dem erfrischenden Wind. Den Dünen.

Camping Des Dunes.

Die Kondensstreifen am Himmel erinnern an tänzelnde Diagrammbalken. Kurz zuvor, im Zelt, hat die Gräfin (einmal mehr) feststellen müssen, welch infektiöses Material sie belutscht, wenn sie mich küsst. „Warum bist du nicht zum Zahnarzt gegangen, bevor wir gefahren sind?“ beschwert sie sich. Warum? Weil ich keine Zahnschmerzen hatte, und weil ich ohne Zahnschmerzen grundsätzlich nicht zum Zahnarzt gehe. Das wäre eine Art vorausschauendes Handeln. Damit hab ich es nicht so. Damit hab ich es noch nie gehabt. Werde ich es auch nie haben. Das hieße ja, ich wäre plötzlich ein anderer. Ich bin schon froh, wenn ich nach 14 Tagen ohne Drogen wieder der Alte bin. Die Welt riecht gut. In unmittelbarer Nähe blubbert Nudelwasser auf dem Zeltplatz. Es ist Mittagszeit.

„Merde!“ brüllt ein alter Franzose und humpelt auf Krücken den Kiesweg entlang, als habe er einen schweren Schluckauf in den Beinen. „Merde, merde!“ Er schreit und schreit und humpelt und ich hab keine Ahnung, worum es geht. Die Gräfin zuckt ratlos mit der Schulter. Auf dem Areal gegenüber zelten französische Jugendliche in einem silbernen Raumschiff. Man sieht sie nie, man hört sie nur. Einer der Jugendlichen stimmt seine akustische Klampfe und beginnt einen Ententanz auf französisch. Alle singen sofort mit. In der… MITTAGSZEIT! Ich bin fertig mit der Normandie.

„Sind die am Ende“, stöhnt die Gräfin.

„Jung und am Ende“, sag ich. “ Im Gegensatz zu uns. Wir sind alt und am Ende.“ Ich baue eine kunstvolle kleine Pause ein. „Ich hab sogar schon Altersflecken.“

Die Gräfin stützt sich neugierig auf.  „Wo?“

„Kann man nicht sehen. Aber ich fühle es. Altersflecken, mitten auf meinem Herzen.“

„Pff“, macht die Gräfin, und legt sich wieder hin.

Sie liegt neben unserem schief aufgebauten Zelt auf ihrer Luftmatratze und schmökert in Band 3 der Stadtgeschichten von Maupin.

„Spannend?“ frag ich.

Keine Reaktion. Ich blicke muffig durch die Windschutzscheibe. Dummerweise haben wir heut morgen an der Rezeption unseren Stellplatz um eine weitere Nacht verlängert, ganz spontan, als die Morgensonne verführerisch über die Küste schielte. Aber die stecken hier eh alle unter einer Decke… die Sonne, die Wolken, der Zeltplatzbetreiber, die Köchin von Chez Juliette, wo wir täglich riesige Koteletts vertilgen.

Am Strand liefen uns gestern zwei verdreckte kleine Burschen nach. Einheimische Jungs. Woher wir kommen, wollten sie wissen.

„America.“

Hey. American. Wie wir heißen.

„Bel Air“, hab ich uns vorgestellt, also erst mich, „and the Gräfin.“ Wie zum Beweis, dass wir waschechte Amerikaner sind, hab ich noch „YES, SIR, I CAN BOOGIE“ geschmettert, über den weiten Strand. Aber da waren die beiden Knirpse längst verschwunden. Ein Kleinkind, allein gelassen, schreit wie am Spieß, bis die Mutter angehumpelt kommt und das Baby auf den Arm nimmt. Sie hat ein steifes Bein. In einem Lucky Luke Sonderheft befänden wir uns in Humpeltown. Ich würde gern Musik hören, Johnny Guitar Watson vielleicht, oder Al Green, aber die Autobatterie ist bald leer, meint die Gräfin.

„Außerdem, das alte Kassettendeck eiert sowieso“, sag ich.

„Alter Muffkopp!“ hebt die Gräfin ihren Blick über den Buchrand. Sie schleppt sich auf den Fahrersitz. „Ist das langweilig.“

„Was?“

„Na, alles. Das Buch.“

„Kannst du es mir ja geben“, mach ich einen vorsichtigen Versuch.

„Nichts da. Das lese ich erst zu Ende, und wenn es noch so scheiße ist.“

Wusst ich’s doch. Die Gräfin ohne Buch, das ist wie ich ohne Schwierigkeiten. Das gehört sich nicht. Aber was solls. Bis auf Band 3 hab ich alle Stadtgeschichten durch. Ich roll mir eine Kippe, mit ein bisschen Marihuana drin. Die Gräfin will auch mal ziehen.

„Aber nicht heißrauchen!“

Schräg gegenüber stellt ein belgisches Muttchen das Stühlchen vor den Wohnwagen und zündet sich eine Zigarette an.

„Morgen fahren wir nach Hause“, sagt die Gräfin bestimmt. „Ich will endlich wieder in meinem Bett schlafen.“

Dann fällt ihr ein, dass sie bekifft ist.

„Jaa, Mutti, stell du schön dein Stühlchen raus!“

Wir kommen auf Touren. Amüsieren uns über die großen französischen Jungs, die erstmals ihr silbriges Raumschiff verlassen und selbst im Alter von siebzehn Jahren noch schön mit Schäufelchen und Eimer zum Strand ziehen.

Vom Kiffen fühlt sich die Gräfin wie in den Autositz genagelt.

„Pass mal auf, wenn ich gleich aufstehe, pappt mir der Sitz am Hintern.“

Da passiert es. Die Sonne sucht sich ein Loch in den Wolken. Damit hat niemand mehr gerechnet. Es dauert keine zehn Minuten, und wir sind mit Sack und Pack zum Strand runter, der gleich hinterm Proletarier-Camping beginnt.

(Kennt jemand Weekend à Zuydcoote? In Deutschland kam der Film 1964 unter dem Titel Dünkirchen, 2. Juni 1940 ins Kino. Der Film basiert auf einem Kriegsroman von Robert Merle, Wochenend in Zuidcoote. Auffällig, dass der Name des Örtchens Zuydcote stets anders geschrieben wird. Das Wort lädt natürlich auch dazu ein. Zuidcoote. Zuydcoote. Duinkerk. Dünkirchen.)

Wir liegen in den Dünen. Es knirscht. Sand ist der heimliche Herrscher über Ferien. „Selbst unter der Vorhaut knirscht es“, sag ich, „und in den seitlichen Frauentaschen aber auch!“ (Gräfin).

Es ist Ebbe, das Meer weit weg.

„Wir Frauen werden vom Mond hin und hergeschubst“, schimpft die Gräfin, hält sich aber nicht lange damit auf. „Hoffentlich ist das Wasser bald mal hier. Ich muss mal.“

Gleich hinter den Dünen steht ein großes, verlassenes Sanatorium aus rotem Backstein. Man kommt sich vor wie in einem Film noir aus den Fünfzigern.

„Letztes Jahr war Frankreich schöner“, behauptet die Gräfin plötzlich.

„Wie, schöner?“

„Na, schöner eben, vom Wort her.“

Das Marihuana haben wir auf dem Hinweg in Flandern gekauft. Ein böses, langanhaltendes Neonlichtgewächs.

„Schöner gibt einen anderen Sinn von Wirklichkeit“, sag ich.

Es bewölkt sich wieder. Ein paar Tropfen fallen. Dicke Dinger, mächtiges Wasser.

„Wenn auf unserem kleinen Planeten zu viele Menschen zufällig zur gleichen Zeit reden, kann es passieren, dass es regnet“, stellt sie eine ihrer Theorien vor: „Beim Reden sondern wir Kondenswasser ab, das steigt zum Himmel, wo es sich sammelt und auf uns niederregnet.“

„Dann ersaufen wir in unserem eigenen Gequatsche?“

„Japp.“

Als die Wirkung vom Gras nachlässt und die Sonne sich endgültig verabschiedet, kehrt mein mundfaules Grundrauschen zurück und ich laufe neben der Gräfin her – wie ein gestresster Engländer. In der der Nacht lauschen wir den Luftmatratzen, wenn die Camper sich im Traum wälzen.