Die Unordentliche

Nach einem schnellen Stickie unter der überdachten Bushaltestelle verabschiedete sich Karlos in den Spätbus nach Haan, während ich ins Mumms zurückkehrte. Bekifft an den Tresen zurückkehren hatte den Vorteil, dass nun das Bier besser lief. Was gleichzeitig der Nachteil war. Es dauerte nicht mehr lange und ich war betrunken und bekifft. Jetzt ging gar nichts mehr. Ich döste im Stehen vor mich hin, inmitten einer Geräuschkulisse aus Gläserklirren und dunklem Geraune. Jemand gähnte. Erst als Hoffi, der Zapfer, der gleichzeitig auch Geschäftsführer war, den Gong schlug und die Sperrstunde ausrief, “DEFINITIV LETZTE ORDER!”, schreckte ich hoch. Ich schüttelte mich wie ein nasser Hund. Scheisse, war ich breit. Dann alarmierte ich den Kellner.

„Noch ‘n Kölsch, Hoffi.“

Der hatte mitgedacht und setzte bereits das letzte Bier vor mir ab.

„Eine letzte Kaltschale, der Herr. Darf ich gleich abkassieren?“

Es bereitete ihm ein Heidenvergnügen, betont höflich und akzentuiert aufzutreten, wie in einem Etablissement an der Düsseldorfer Kö, wo man Gefahr lief in einen Nerzmantel reinzulaufen, sobald man auf die Strasse trat. Hoffi kannte ich noch aus alten Schultagen. In der Oberstufe hatten wir gemeinsam Deutsch-Leistungskurs bei Lehrer Sackmann belegt, bevor ich noch im ersten Halbjahr entnervt das Handtuch warf. Alles fit, Antigone? grüßte Hoffi gern, wenn ich abends ins Mumms kam. Er addierte die Striche auf meinem Deckel.

„Macht zwanzig Mark und vierzig Kupferfennige, der Herr.“

Mit seiner knielangen weinroten Kellnerschürze und den weißen Clogs erinnerte sein Auftritt an eine hünenhafte Weinfestkönigin. Ich legte zwei Zehner auf den Tresen, und ein Zweimarkstück. Am Tisch gegenüber, eingebettet in ein leicht erhöhtes Eisenbahnabteil, saß die Unordentliche und grinste mich an. Richtig frech grinste sie rüber, frech und herausfordernd, wie ein überreifer Pickel.

Die Unordentliche.

Ich kannte ihren Namen nicht. Niemand kannte ihren wirklichen Namen, selbst die Kellner sprachen bloß von der Unordentlichen, wenn die Rede von ihr war. Wenn man sie so ansah, hörte man im Geiste das Gezeter ihrer Mutter, „nun sei doch mal ein ordentliches Mädchen!“ – vergeblich. Ständig war die Bluse falsch geknöpft, das Haar ein Hühnerhaufen, die Zähne ein schiefes Durcheinander. Und die Manteltasche, eigentlich nur kurz auf rechts gedreht, um die Tabakkrümel rauszuschütteln, blieb tagelang draußen, wie eine schmuddelige Stones-Zunge, ein Waschlappen.

Die Unordentliche zählte nicht gerade zum Stammpublikum, sie tauchte meist am Wochenende auf, nach Mitternacht, auf einen letzten Schoppen Wein.

Und plötzlich stand sie neben mir.

Ich war überrascht, ich war überrumpelt. Sie hatte mich angegrinst, okay, aber ich kannte sie bloß vom Sehen, wir hatten noch nie ein Wort miteinander gewechselt – ein leicht gekünstelt wirkendes, zur Hysterie neigendes U-Boot namens die Unordentliche, und ich, der Trinker, der ewige Kiffkopf, der sich auch mit Mitte Zwanzig noch fürs Leben warmlief, der seit Ewigkeiten in den Startblöcken ausharrte und auf den Schuss aus der Starterpistole wartete.

„Hast du Lust, mit zu mir zu kommen?“ gurrte sie.

Weiterlesen