Danke, Dasein, danke

Sie war noch ein Kind, als sie das erste Mal Paternoster fuhr, im Finanzamt zu Düsseldorf, und beim Runterfahren versuchte sie im Handstand auszusteigen.

Damit die ganze Angelegenheit irgendwie Sinn machte.

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„Weißt du, wie Nachrichten klingen müssten in einer Welt, in der ich gerne lebe? Bürgermeisterin rettet Küken!“

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„Weißt du, was mich krankmacht? Dieser ganze Fabrikzucker, davon werde ich blind, von dem Industriezucker, der macht mich zum Hulk, zum Zucker-Hulk!“

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Es gibt Tage, da beschleicht mich zunehmend ein ungutes Gefühl. Besonders, wenn ich früh am Morgen das Haus verlasse, um Dinge zu erledigen, die keinen Aufschub dulden, obwohl es schwer regnet. Was machst du eigentlich noch hier in diesem Kaff, in dieser vergessenen kalten kleinen grauen Stadt in der rheinisch-bergischen Provinz? denke ich, wenn ich am Graf Wilhelm-Platz auf den Bus nach Gräfrath warte. Warum lebe ich nicht in einer großen kalten grauen Stadt, die keiner so schnell vergisst.

Um nicht nass zu werden, suche ich Schutz unter dem Vordach der Drogerie und beobachte, wie eine Handvoll Gerüstbauer dem ersten Job der Woche nachgeht. Man baut direkt vor meiner Nase ein Gerüst ab und scherzt mit dem Busfahrer, der aus der Kanzel seines Busses tritt (Linie 682) und sich eine schnelle Pausenzigarette gönnt.

„Ihr Jungs könnt Feierabend machen!“ ruft er vergnügt. „Anordnung von ganz oben!!“

Die Gerüstbauer, gekleidet in gelben Warnwesten und schwarzen Arbeitshosen, transportieren Metallstangen von hier nach da und bleiben cool.

„Das musst du aber erst mit dem großen Meister klären.“

„Wie..? Ist der auch hier?“

„Na sicher. Der sitzt hinten im Laster und kloppt sich einen.“

„Oha. Dabei möchte ich ihn aber nur ungern stören. Also, Jungs: Feierabend!“

(07.58 Uhr, Graf Wilhelm Platz, vor großem Publikum)

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Nun sind ja Geburt und Tod die rigorosesten Dinge, die uns das Dasein zu bieten hat. Und was sagen wir da? Danke sehr, sagen wir da artig. Danke sehr, liebes Dasein.

Danke.

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„Bee Gees..? Moment.. Waren das nicht diese drei komischen Gebissmänner? So Falsettfritzchen? Ich verwechsle die immer mit den Beach Boys.. Die Beach Boys waren doch Brian Wilson, oder..?!“

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„Wenn ich nochmal jung wäre, ich würde Surfen lernen und beim Tanzen auf der Monsterwelle die Erkennungsmelodie von Hawaii Fünf Null pfeifen.“

  • Die Gräfin

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„Wenn mein Charakter so gut wäre, wie mein Kopf es sich ausdenkt, wäre ich schon sehr zufrieden.“

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„Aufwachen am Morgen und noch am leben sein, immer noch..!! Welch ein Privileg! Und womöglich scheint noch die Sonne, und du hast auf einem Bleistift geschlafen, ohne es zu merken!“

„Ja. Was will man mehr.“

„Ja genau! Konsequente Weltklasse!“

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„Wenn du in Gesellschaft nicht funktionierst, erntest du nur ratlose Gesichter..“

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Es gibt Worte, die sind abgenutzt bis auf die Felge. Man kann sie nicht mehr benutzen, obwohl sie in diesem Moment in diesem Satzzusammenhang genau passen würden, aber es geht nicht. Erschütternd. Ist so ein Wort.

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Blogs sind die beste Erfindung seit Hebammen und Griesel in der Schneekugel.

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Dass stets alles seinen Gang nimmt, mit dem Ziel, effektiver und gewinnträchtiger zu sein als am Tag zuvor, halte ich für das böseste Gerücht der Gegenwart.

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„Weißt du, was der Schliff des Lebens ist? Die Zeit. Am Ende sind wir alle ganz fein.“

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Die Säerin, Susanne Eggert

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Der rote Luftballon

Der Nachteil jedes Höhepunkts: Er läutet unerbittlich das Ende ein.

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Der Wind jammert in den Bäumen, und der rote Luftballon steckt in der Baumkrone fest, seit Tagen schon. So perfekt sitzt er da, so extra-festlich, als wäre jemand den Stamm hochgeklettert und hätte ihn dort oben befestigt, was aber nicht hinhaut: das dichte Astwerk verhindert ein Hochkommen und Anbinden. Nein, der rote Luftballon ist durch den Coppel-Park getrieben und hat sich oben in der Baumspitze verfangen, fertig, aus.

So einfach ist das.

Das sind in etwa meine Gedanken, als ich stehen bleibe und mir den Hals verrenke, nur ein Gedanke von vielen, die man sich am Tag so macht, und meist ist der Anlass wesentlich nichtiger.

Ich meine, so ein schöner knallroter Zufall… das gibt es nicht alle Tage.

“Ist kein Zufall, ist Zeichen”, meint der knorrige alte Pole mit dem Pepita-Hut, er sitzt auf der Parkbank. Das ist sein Platz. Ich habe ihn nicht gesehen, weil die Bank etwas im Abseits steht. Sein Gesicht ist voller Ecken und Schrunden, er sieht aus wie jemand, der viel gesehen hat im Leben. Und wie er so dasitzt, nach vorn gebeugt, die Hände überm Knauf seines Spazierstocks gekreuzt, kommt er mir vor wie ein Apostel aus alter Zeit.

“Ist Zeichen von Gott.”

Nun bin ich schon immer ein Freund von Zeichen gewesen, ich  bin empfänglich für Gottes kleine Kommentare – doch woher soll der Pole das wissen. Oder sieht man mir die Hingabe schon an? Die Verehrung? Bin ich so schwer schon gezeichnet? Eine traurige, eine tückische Zeit ist das, wo alles schon mal dagewesen ist und unschwer zu erkennen.

„Ja“, sage ich.

Ich nicke dem schmächtigen Alten zu, der im Gegenzug höflich den Pepita-Hut lupft. Dann eile ich weiter. Ich muss den Bus kriegen, ich muss nach Elberfeld, ich habe etwas zu erledigen. Ich habe überhaupt keine Zeit für knallrote Luftballons.

“Ja, scheene Tag noch”, sagt der alte Pole versonnen, und blickt nach oben.

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Coppel-Park