Taxifahren

Sie erzählt von ihrer Zeit als Taxifahrerin bei Kemperdieck. Kemperdieck hatte eine Flotte von zehn Wagen, das neueste Modell fuhr der Chef grundsätzlich selbst. Ein misstrauischer Mann. Weil die Fahrer seiner Meinung nach zu oft auf eigene Rechnung unterwegs waren, ließ er als erster Taxi-Unternehmer der Stadt Sitzkontakte einbauen, was ihn pro Fahrzeug stolze 2.000 DM kostete. Sobald sich nun ein Fahrgast niederließ, egal, ob auf dem Beifahrer- oder dem Rücksitz, wurde ein Kontakt ausgelöst und das Taxameter sprang automatisch an. So waren keine Schwarzfahrten mehr möglich.

Dachte der Chef.

Doch es gab einen Pferdefuß. Die Technik reagierte erst ab einer Belastung von vierzig Kilogramm. Ein Kind konnte durchaus Platz nehmen, ohne dass der Kontakt ausgelöst wurde. Zwei Kinder eher nicht. Zwölf Heringe schon. 39 Eierbriketts: die auch.

Als die Gräfin nun, noch neu im Job, am Taxi-Halteplatz auf Kundschaft wartete, näherte sich ein dünner älterer Herr. Er ging um den Wagen herum, studierte das Nummernschild, und stieg schließlich zu. Vorsichtig schlängelte er sich auf den Beifahrersitz, machte sich krumm wie eine Salatgurke, bis er endlich mit einer halben Arschbacke Platz nahm. Die Gräfin dachte zuerst, der Mann hätte vielleicht Hämorrhoiden oder es läge etwas auf dem Sitz, was störte, und wollte es wegräumen, doch da war nichts. Der Platz war frei.

„Warum setzen Sie sich nicht richtig hin? Ich beiße nicht.“

Der Mann schaute verdattert auf.

„Na Moment, junge Frau… Sie fahren doch für Kemperdieck! Oder etwa nicht!?“

 

Die Taxifahrerin, Susanne Eggert