Herzsurfen

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Trinkgeld

24. September 1994, Nachtdienst

In Köln ist Photokina, das Turmhotel ausgebucht. Lediglich ein Doppelzimmer ist auf den letzten Drücker storniert worden. Bis Mitternacht habe ich alle Hände voll zu tun und insgesamt zirka eine ruhige Minute. Zimmerschlüssel herausgeben, Wecklisten anfertigen und wieder ändern, Telefonate durchstellen, Gäste zum Parkdeck dirigieren, Minibars auffüllen, kleine Snacks rausgeben, blöde aus dem Fenster stieren. Der Nebel ist so dicht, dass sich die Innenstadt von der Rezeption im elften Stock aus nur erahnen lässt. Lediglich die Passats der Zivilbullen sind halbwegs gut zu erkennen, selbst in dunklen Toreinfahrten. Nebelnacht ist Bullennacht.

Um halb drei beginne ich den Frühstücksraum einzudecken. Für 70 Gäste Frühstück vorbereiten dauert seine Zeit. Wurst, Käse, Kochschinken schneiden, Buffet aufbauen, Tische decken. Es ist richtig Arbeit. Ich frage mich manchmal, wie das geschehen konnte. Dass man mich am Arsch gekriegt hat mit regelmäßiger Arbeit. Aber wahrscheinlich hält es auf Dauer kaum einer aus, mit Mitte zwanzig auf der faulen Haut zu liegen. Das schaffen nur die besten. Und zu denen scheine ich nicht zu gehören, nicht was das Drückebergen betrifft.

Ja, wenn man nicht aufpasst, führt einen das Leben in gräuliches Fahrwasser, Freunde!

Und weiß Gott, ich habe versucht, der Lohnarbeit aus dem Wege zu gehen. Ich gehörte zu denen, die erst gar keinen Beruf ergriffen haben, um sich soviel Zeit wie möglich freizuschaufeln, die sich voll und ganz ihrem Vergnügen gewidmet haben, die bis in den Mittag schliefen und aus dem Maul müffelten. Bis das Deutsche in mir doch noch die Oberhand gewann. Das Deutsche, das einem wie ein Papagei auf der Schulter hockt und einflüstert: Wer in diesem Lande lebt, wer hier auf- und weiterwächst, der muss nützlich sein. Und so wurde ich, weil mir auf die Schnelle nichts besseres vor die Füße fiel, Nachtportier. Da konnte ich wenigstens weiterhin bis in den Nachmittag schlafen.

Wie immer, wenn in Köln Photokina ansteht, kommen die Leute aus aller Welt. Allein Fujifilm aus Tokio hält eine Etage belegt. Es schellt. Auf dem grobkörnigen Monitorbild, das den Haupteingang im Erdgeschoß im Blick hat, erkenne ich ein Paar, Arm in Arm. Der Mann winkt fröhlich in Richtung Überwachungskamera.

„Hallo Herr Droese“, sag ich in die Gegensprechanlage.

„Hallo Meister! Noch’n Zimmerchen da?“

Droese kommt grundsätzlich in Begleitung seiner pferdescheuen Geliebten, die keinen Ton redet. Niemals hab ich von ihr auch nur einen Piep gehört.

„Ein Doppel kann ich noch verkaufen, Herr Droese“, sag ich. „Da haben Sie aber Glück heut Nacht.“

Per Summer öffne ich die Tür im Erdgeschoss und schaue per Monitor zu, wie die beiden Arm in Arm im Gebäude verschwinden.

Wenig später kündigt ein Gong den Aufzug an.

„Morgen Meister!“ dröhnt es im gnadenlosen Neonschein der Rezeption. „Das beste Zimmer für den alten Droese! Und nich so ne Bumsbude!“

Das ist sein Standardspruch. Das beste Zimmer! Und nich so ne Bumsbude! Immer das gleiche. Droese ist in Ordnung. Er schiebt ordentlich Trinkgeld rüber. Diesmal einen Zehner. Fürs erste.

„Für Sie, Herr Droese..“, sage ich verschwörerisch, als ich den Schlüssel vom Haken nehme, „..wie immer die Suite.“

Er weiß natürlich, dass im Turmhotel ein Zimmer wie das andere ist. Vor Vergnügen schlägt er mit der Faust auf den Tresen, dass die Klingel einen Hopser macht und seine Geliebte aufschreckt. Dennoch, irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas ist anders heut Nacht. Da erst sehe ich es. Es ist in seinem Gesicht.

„Sie tragen eine neue Brille“, sag ich erstaunt. Ein Riesending. PVC. Schwarz.

Droese nimmt meine Huldigung entgegen.

„Neue Brille, gut hingeguckt, Meister! Wenn ich vorm Badezimmerspiegel stehe, denke ich jedes Mal, das ist Roy Orbison!“ dröhnt er, und seine Geliebte kneift ihm in den Hüftspeck. „Ich war ja ein Riesen-Fan von Roy Orbison, als ich jung war“, fährt Droese fort. „Den hab ich richtig verehrt. Aber wenn du älter wirst, bist du kein Fan mehr von irgendwem. Wenn du älter wirst bist du froh, wenn du dich selber gut findest.“

Droese lacht, und haut mit der flachen Hand auf den Tresen.

*

In Zimmer 46, vierzehnte Etage, wohnt eine weitere Saufnase, Herr Hofmann. Auch er hat, genau wie Droese und seine Geliebte, mit der Photokina nichts am Hut, muss aber den überteuerten Messetarif berappen.

Der Chef hat mir bei der Übergabe extra gesteckt, dass Hofmann sein Zimmer stets nur gegen Vorkasse bekommt, plus 30 Mark Kaution für die Mini-Bar. Das sind die undankbarsten Jobs für einen Nachtportier. Wenn man eine unpopuläre Entscheidung verkünden muss, die man selber nicht zu verantworten, aber auszubaden hat. Dabei ist Herr Hofmann gar nicht so verkehrt. Auch er lässt gegen Mitternacht 10 Mark Trinkgeld rüberwachsen, damit ich seiner Perle und ihm ein Taxi rufe.

„Und wenn eine Frau Ritter anruft, sagen Sie, wir sind auf dem Weg.“

„Okay. Kein Problem“, sag ich und stecke den Zehner ein.

Zwei Stündchen später sind sie zurück. Seine Begleiterin ist etwas verlegen. Ich schätze, sie kommt aus Polen, irgendwie aus der Ostblockecke. Ihre raue Gesichtshaut, vom Licht der Rezeption noch verstärkt, wirkt wie eine Peelingmaske mit überhöhter Keimzahl. Ein Reptil.

„Sagen Sie, wir möchten mit Ihnen gerne noch einen Piccolo trinken“, sagt Hofmann mit eher ängstlich auf männlich-feste getrimmtem Vibrato. Die Polin blickt weg, mit einem verdeckten Lächeln. Was haben die beiden vor? Einen Dreier? Im Stehen? In der Wäschekammer?

„Das ist nett“, sag ich, „aber ich trinke nachts keinen Alkohol.“

Das stimmt sogar. Manchmal lässt sich mit der Wahrheit am besten herausreden. Herr Hoffmann akzeptiert meine Absage und schiebt mit seiner Begleitung ab. Die scheint ganz froh zu sein, dass ich auf das Angebot nicht eingegangen bin.

Weiter mit Tische eindecken. Da es im Frühstücksraum lediglich 42 Sitzplätze gibt, muss für 28 Gäste nachgedeckt werden. Das ist ein fließender Prozess. Ab sechs Uhr kann gefrühstückt werden, und sobald ein Gast fertig ist, decke ich bzw. die Frühschicht oder das Zimmermädchen den Platz neu ein, bis irgendwann alle siebzig Gedecke aufgetragen und abgefressen sind.

Das Eindecken der Tische beginnt rituell mit dem Verteilen der Papierservietten. Eine luftig-leichte Angelegenheit, als würde man 42 Damen mit Federboas ausstatten. Es schellt an der Rezeption. Auf dem Monitor erkenne ich eine Frau, sie steht im Erdgeschoss an der Gegensprechanlage.

„Ja bitte?“

„Ja guten Morgen. Ich möchte zu Herrn Hilger.“

Bevor ich etwas sage, mache ich einen Moment Pause, weil es gleich vier Uhr in der Nacht ist, mitten in der Woche, mitten in der Tiefschlafphase, wer empfängt da noch Besuch..? Da fällt mir ein, dass es genau diese Frauenstimme gewesen ist, die eine halbe Stunde zuvor angerufen hat und Herrn Hilger auf Zimmer 42 sprechen wollte.

„Weiß der denn Bescheid, dass Sie kommen?“ frage ich.

„Natürlich. Ich werde erwartet.“

Na schön. Ich drücke per Summer die Türe im Erdgeschoß auf, und widme mich wieder meinen Tischen im Frühstücksraum.

Es dauert keine Minute, da klingelt es an der Rezeption.

„Sagen Sie, der Herr Hilger, welche Zimmernummer hat der nochmal..?“ fragt die Frau. „Irgendwas mit drei..“

„Moment“, sag ich und schaue zur Sicherheit auf dem Belegungsplan nach. „Zimmer 42.“

„342“, verbessert sie mich.

„Nein. 13. Stock, Zimmer 42..“

Dann will sie los. Sie trägt eine Art Kostüm aus Blaser und Rock, mit schwarz-weißen Karos.

„Kann ich da mit dem Fahrstuhl rauffahren?“

„Natürlich. Aber dann müssen Sie Herrn Hilger erst anrufen, damit er zur Zwischentür kommt und Ihnen aufschließt. Sonst stehen Sie da oben vor verschlossener Tür.“

„Oh. Ja, gut. Welche Nummer muss ich wählen..?“

Auf der Rezeption befindet sich ein Extra-Apparat für Gäste, die intern im Haus telefonieren wollen. Ich wähle erst die 13, dann die 42, und gebe ihr den Hörer. Sie nimmt ihn entgegen, und lässt läuten. Ich beobachte sie von hinten. Sie starrt auf den Apparat. Sie ist groß, Mitte zwanzig, gepflegt, französisch kurz geschnittenes Haar, der Rock hat einen Schlitz, rot lackierte Fingernägel. Nicht hübsch, aber bestimmt. Wenn sie einmal weiß, was sie will, lässt sie nicht locker, da ist es auch nicht entscheidend, was die andere Seite will. Ihr Wille geschehe. Sie lässt 24mal durchläuten. Dann dreht sie sich zu mir um.

„Geben Sie mir mal was zu schreiben, ich hinterlasse eine Nachricht.“

Als ich um den Tresen herumgehe und ihr einen Bleistift reiche, fällt mir ein, dass für #42 bereits eine Nachricht hinterlegt ist, von gestern Nachmittag. „Von so ner komischen Puppe“, wie mein Chef bei der Übergabe meinte. Während sie nun eine erneut eine Notiz verfasst, lässt sie endlos weiterläuten, den Hörer eingeklemmt zwischen Schulter und Wange. Endlich gibt sie auf.

„Ist schon spät“, sage ich und versuche zu retten, was zu retten ist. Irgendwie tut sie  mir leid. Ihre Augenlider flattern, als würde sie versuchen ein aufsteigendes Sodbrennen niederzukämpfen.

„Ja, aber der erwartet mich“, sagt sie, und fängt sich schnell wieder. „Geben Sie mir bitte einen Briefumschlag.“

Auch wenn sie relativ aufrecht an der Rezeption steht, ihre Haltung verrät: Sekt gesoffen. Sie reicht mir den Umschlag zurück.

„Sie sorgen dafür, dass er ihn bekommt.“

Dann sagt sie noch „danke“ und „tschüss“ und ist weg, im Fahrstuhl verschwunden. 40 Sekunden weiter. Es schellt. Sie steht im Erdgeschoß an der Sprechanlage.

„Ja, ich bin’s. Ich hab das Trinkgeld vergessen. Würden Sie sich das bitte aus dem Fahrstuhl holen? Ich schicke ihn hoch in den elften Stock. Okay?“

„Oh ja, natürlich. Danke.“

Dann stöckelt sie davon, in den Nebel der Nacht. Ich begebe mich in den Vorraum zu den Fahrstühlen und warte, dass einer sein Kommen ankündigt. Als es Gong macht, schiebt sich die Türe auf und auf dem Boden des Aufzugs liegt ein nagelneuer, frisch dem Geldautomaten entnommener Zehner.

Der König pfeift, als er sich bückt.

*

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