Gracias Dios, por el futbol, por Maradona…

Vor Jahren hab ich irgendwo im Fußballfernsehen eine Spielszene gesehen, wo  Diego Maradona nach einem gelungenen Sololauf abrupt stehen bleibt, sich bückt und den eigenen Füßen demonstrativ Szenenapplaus spendiert. Nun ist mir diese schöne Szene nie wieder untergekommen, sie ist abgetaucht, verschwunden in den Archiven, aber, ehrlich gesagt, ich glaube mittlerweile, dass lediglich ich das so gesehen habe, niemand sonst. Es war eine Art Wunschbild: Hätte ich Maradonas Zauberfüße gehabt, ich hätte sie auf diese Weise gefeiert, mit Szenenapplaus – und zwar genau einmal.

Und dann nie wieder.

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Dass Maradona sich fast um den Verstand gekokst hat, war ja nur folgerichtig.

Ein Stürmer, ein Dribbler seines Kalibers kann nicht anders. Er ist ein süchtiger Charakter, der die ständige Wiederholung sucht, den Rausch, das Austricksen. Er gibt den Ball nicht her, er treibt ihn voran, um ihn behalten zu können, er sucht das Solo, so lang es nur irgendwie geht. Ein Dribbler ist ein höchst konservativer Charakter mit Hang zur Anarchie. Interessant wird es für ihn, den geübten Dribbler, nach zwei, drei Gegenspielern, die er hintereinander ausknipst. Die er umkurvt, die er nass macht, die er umfummmelt und zu bloßem Standvieh degradiert. Da beginnt der Rausch im Kopf.

Die Sucht.

Zwar ruhen die Augen beim Solo ständig auf dem Lederball, darüber hinaus hat man aber jede gegnerische Regung wahrzunehmen – jede noch so unmögliche wie mögliche Blockade muss intuitiv vorausgesehen und einkalkuliert werden. Immerzu heißt es beim Dribbling den Ball zu feiern und zu kosen, zu huben, zu hadern, aufzubocken, zu frikassieren und zu tunneln. Und zur Not, ja, auch das, zurückzuholen.

Bei jedem Sololauf durch die gegnerische Abwehr gibt es diesen Moment, wo du zu scheitern drohst. Als Mensch, als Fußballspieler, als blutjunger Künstler. Wenn du die Pille beinah vertändelst, wenn dein Gegner den Trick fast durchschaut, wenn es dir erst im allerletzten Augenblick gelingt, den Ball doch noch per Hacke mitzunehmen, das sind die glücklichsten Momente.

Zuletzt bist du allein vor dem gegnerischen Tor. Ein wilder Hund, das ist der Torwart. Ein Mann, der mit langen Armen wild wild sein Haus bewacht – und der kraft Gesetzes eine Menge mehr darf als du es darfst als Stürmer: er darf dir die Lederpille vom Fuß beißen, er darf sich mit dem ganzen Körper aufs Leder werfen und unter sich begraben, als wäre es totes unnützes Material, er darf sogar die Hand einsetzen, und davon hat er zwei. Der Keeper ist der wahre Todfeind des Stürmers, er ist der Drecksack, dem es die Kirsche ganz zuletzt eiskalt durch die krummen untalentierten Beine zu schieben gilt.

Abdrehen, Küsschen, Jubel.

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Maradonas Sololauf im Viertelfinale der WM 1986, als er gegen England das 2:0 erzielte, wurde 2002 von der FIFA zum Tor des 20. Jahrhunderts gewählt. Hier der Ausschnitt mit dem Original-Kommentar aus dem argentinischen Radio.

Gracias Dios, por el fútbol, por Maradona.