Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr Glumm!?

Nein. Ich hatte nie eine Vorstellung davon, wo mein Platz sein sollte in dieser Gesellschaft, was werden sollte aus mir. Eine Weile wollte ich berühmt werden, ich wusste aber nicht womit oder wofür, ich hatte keinerlei Berufs- oder Karrierewünsche. Und dass die Karriere, die ich dann doch hinlegte, exakt die eine war, für die man nicht gefeiert wird, war wohl kein Zufall. Wenn man nicht weiß, was man vom Leben will, nimmt man das am bequemsten zu Erreichende: was im Regal auf Augenhöhe steht.

Kindheit und frühe Jugend waren okay. Ich verbrachte so viel Zeit auf dem Fußballplatz, dass meine gleichaltrigen Kumpel Wupperbusch und H. mich abends auf dem Nachhauseweg in ihre Mitte nehmen mussten und mühsam den steil ansteigenden Klauberg hochwuchteten, weil ich es allein nicht mehr schaffte, so sehr schmerzten die überlasteten Achillesehnen und der Meniskus. Hätte ich mit zwanzig das Kicken nicht eingestellt, ich wäre heute ein Sammelsurium orthopädischer Nickeligkeiten. (Nicht umsonst hieß mein erster Weblog 500beine.) Fußball war mein Leben, der große Bolzplatz am Klauberg meine Heimat. Im Sommer gab es kaum einen Abend, wo wir Picos nicht bis zum Einbruch der Dunkelheit spielten, an den Wochenenden standen Punktspiele mit dem RSV an, Montag und Donnerstag kaufte ich mir den Kicker. Auf die Idee, Berufsfußballer zu werden, kam ich dennoch nicht.

„Das hätte auch nicht funktioniert“, rückte Jahre später Ekki, mein Lieblingstrainer beim RSV, meine späten Träume zurecht, als wir am Tresen standen. „Du warst gut, du hattest Talent, aber du hattest keinen linken Fuß.“

Ach so, richtig. Habe ich ganz vergessen: Ich machte alles mit rechts.

*
Mit Mitte zwanzig begann ich, morgens aufzuschreiben, was abends so alles passiert war. Ich schickte die Texte an ein paar Verlage, ich nahm an Wettbewerben teil. Als mir 1986 in Düsseldorf ein Literaturpreis verliehen wurde, flüsterte mir der später zur Legende gewordene, zu früh verstorbene Dichter Thomas Kling ins Ohr, ich solle mich nicht verheizen lassen. Ich habe mich nicht verheizen lassen. Es war niemand da, der mich verheizen wollte, weil ich im selben Moment aufhörte mit dem Schreiben. Ich war schon immer ein cleveres Kerlchen. (Bleibt mir bloß vom Leib mit eurem Erfolg.) In dem Moment, wo es losgehen konnte, packte ich meine sieben Sachen und machte mich aus dem Staub. „Anstatt nach vorn ins Licht zu treten und dich zu zeigen, bist du wieder erschrocken in deinen Schatten zurückgetreten.“ (Die Gräfin). Tatsächlich hab ich lieber gesoffen und gekifft und herzhaft mit braunem Pulver experimentiert und wie nebenbei viele Jahre im höchsten Hotel am Platze als Nachtportier gejobbt und bedröhnt übers finstre Land geglotzt, anstatt zu schreiben und mich verheizen zu lassen.
Clever.
*

Eines Tages steckte sich der Pächter des Turm-Hotels (baumlanger Kerl, silbriges Puffkettchen um den Hals, Kettenraucher) die nächste HB an und bat mich ins Büro. „Herr Glumm, sagen Sie… was tun Sie eigentlich noch hier?“ Er verstand nicht, warum ich so wenig machte aus meinen Möglichkeiten. Das machte ihn nervös. „Ich meine, ein Mann in Ihrem Alter… und dann Nachtportier..?“ Natürlich wusste ich keine Antwort darauf. Ich versuchte erst gar nicht, mir irgendwas zurechtzustammeln, ich schwieg einfach. Aber so einfach ist es nicht. So einfach ist es nie. Schon gar nicht mit den wichtigen Anmerkungen zu deinem Leben. Seine Frage geistert mir seither im Schädel herum, und zwar genau alle 7 Jahre.

Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr G.!??

Alle sieben Jahre, sagt die Psychologie, häutet man sich, alle 7 Jahre ändert sich dein Leben. Alle 7 Jahre meldet sich das Teufelchen und flüstert dir Dinge ein, die dich verunsichern, Dinge wie: Was hast du hier noch zu suchen!!? Erfinden sich immer nur andere neu?! Alle sieben Jahre trifft man jemanden, der einem die Wahrheit geigt, in schlichten Worten, die einen nackig und sprachlos zurücklassen. Auch, weil es meist von unerwarteter Seite kommt. Es kommt immer von unerwarteter Seite, und es erreicht dich wie nebenbei. Man muss schon sehr genau hinhören, sonst verpasst man die wichtigen Lektionen seines Lebens.

Herr Glumm! Was tun Sie eigentlich noch hier? hat die gleiche Qualität wie ein Satz meines Bruders in den mittleren Neunzigern. Wir saßen an der Bar und waren schon reichlich hinüber. Es ging darum, warum zum Teufel ich nicht endlich wieder zu schreiben beginne. Richtig zu schreiben. Basslastig, mit dicker Hand. Wann ich aufhörte zu spielen.

„Alles, was du jetzt nicht schreibst, wirst du niemals schreiben!“ zürnte er. „Das ist verloren! Für immer!“

Ich glotzte ihn an wie ein Kalb – ein bisschen dümmlich, ein bisschen unschuldig. Voll der Amateur. Und wenn ich richtig rechne, sind 2019 mal wieder sieben Jahre um. Beziehungsweise zehn Jahre, weil bei mir alles etwas länger dauert. Ich brauche stets etwas länger, wie überhaupt jeder Mensch seinen eigenen sieben Jahren auf die Schliche kommen muss.

*

„Wieviel Volumen hat eine Seele, Joe?“

“Na, ein Tempel muss schon reinpassen.”

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