Heroinrauchen

In der Szene, in der ich mich bewegte, fixte kaum jemand. Wir hatten keine Lust mit einem Loch im Arm durch die Gegend zu rennen. Wir wollten breit sein, und trotzdem gut aussehen.

Wir wollten keine Fixer sein.

Wir wollten nicht bei Anbruch der Dunkelheit zwei Dutzend versiffter Pumpen zur Restmülltonne tragen, wir wollten im Sommer kurzärmelige T-Shirts tragen können, ohne fragende Blicke zu kassieren. Wir hatten keine Lust, uns mit Hepatitis zu infizieren, niemand von uns lungerte länger als nötig auf der Platte herum. Wir wollten unsere Ruhe haben.

Die meisten Heroin-Konsumenten wollen ihre Ruhe haben, wenn sie in die Jahre kommen. Die richtig wilden und turbulenten Sachen, die man mit Zwanzig auf Droge macht, finden schon eine Dekade später nicht mehr statt. Nur wenn ausnahmsweise gutes Pulver im Haus ist, flackert die alte Euphorie noch mal auf, kurzfristig, bis Mann und Frau bräsig wegtreten.

Was Heroin anbelangt, hat die Gräfin ihre eigene Theorie.

“Ich glaube, jeder Junkie rächt seine Geburt. Junkies wollen gar nicht geboren werden. Jeder Junkie ist ein Selbstmörder, der seinen Selbstmord möglichst in die Länge zieht, um ihn zu geniessen.”

Ich: “Heroinsüchtige sind Showstars, die ihre Bühne knallhart nach innen zimmern. Es finden die großartigsten Gigs im Kopf und im Blut statt, doch niemand schaut hin, keiner feiert mit. Es sind hermetisch abgeriegelte Ereignisse ohne Publikum – unbefriedigend, bodenlos, zwanghaft. Wenn der Ego-Schwung schliesslich dahin ist, bleibt auch der Spaß weg und du erstarrst in Gewöhnung.”

Heroinsüchtige sind Gläubige, die von früh bis spät einem Gift hinterherjagen, von dem sie sich WÄRME versprechen. MENSCHLICHE WÄRME. SUPERTURBOMENSCHENWÄRME.

Gott.

Und dafür steckt die Gesellschaft sie ins Gefängnis. Würde Jesus heute auf der Erde wandeln und predigen, er nähme sich der Drogenabhängigen an so wie er sich früher den Prostituierten und Bettlern zuwandte. Niemand ist so sehr auf der Suche nach Gott wie ein Drogensüchtiger, und niemand fällt damit so schwer auf die Schnauze und vergeigt sein kleines Leben.

*

Ende der Achtzigerjahre grassierte eine neue Mode. Durch die Beigabe von Laufmitteln war Heroin plötzlich rauchfähig, die Leute begannen, sich die Lunge zu ruinieren. Was weniger am gepanschten Stoff lag, dessen Wirkstoffgehalt selten 15 % überstieg, sondern an der beschichteten Aluminiumfolie, auf der das Pulver erhitzt wird. Zwar flämmen die gewissenhaften unter den Süchtigen die Folie vor dem Rauchen ab, um die schädlichen Stoffe möglichst auszumerzen, doch dazu haben die meisten User weder Lust noch Muße. Man ist zu geil aufs Breitwerden, um solch eine umständliche Lahme Enten-Aktion einzuschieben, die eine halbe Minute und länger in Anspruch nimmt: Eine halbe Minute weniger breit ist eine halbe Minute weniger breit..

Noch Fragen?

Es gab die ganz ungeduldigen Blower, die sich gleich ein halbes Gramm aufs Blech packten, die richtig kleine erdbraune Hügel bauten, und dann das Feuerzeug starteten. Sobald das Pulver sich nun auf der Alufolie erhitzte und verflüssigte und zur dunkelbraunen, nach bitteren Mandeln riechenden Pampe wurde, liess man es über die Folie hin und her rollen, vor und zurück, wie eine Schiffsschaukel auf der Kirmes, immer verfolgt vom Mundröhrchen, durch das der Heroinqualm vehement eingesogen wurde, ein Ritual, das weltweit als “den Drachen jagen” bekannt geworden ist.

Drachenjäger sind ungeduldige Leute, die Geduld haben müssen, da solch eine Prozedur zwanzig Minuten und mehr dauern kann, bis zuletzt nur noch ein öliger Klecks Heroin übrigbleibt, der in einer gewaltigen Orgie von Rauch aufgeht und sich in die Lunge frisst – ein wilder, zügelloser Moment, ein ultimatives Zumachen, das Erlegen des Opium-Drachens. Allein das Schreiben darüber und die Erinnerung lassen mich nach hinten wegkippen und lang aufschlagen.

Dann gab es die Punktraucher. (Punktschweißer.) Punktraucher waren fleißige Wesen. Ringo war so ein Punktraucher. Ringo hatte gerade zwei Jahre Haft wegen Dealerei abgesessen und jobbte nun in einem Elektronikfachmarkt. Er hatte was drauf, was Computer anging und ergatterte später einen guten Job in der IT-Branche. Dummerweise war Ringo aber auch der Ober-Süchtel aller mir bekannten Süchtel, woran er mit Mitte 40 auch elend zugrunde gehen sollte.

Ich traf ihn spätabends bei Kilian, einem gemeinsamen Bekannten von Ringo und mir. Als alles schon zum Aufbruch bereit war, fiel mir eine Bahn Alufolie in die Hand, über und über mit rußig-schwarzen, kaum nagelkopfgroßen Punkten bedeckt. Sie lag direkt vor Ringo auf dem Tisch.

“Was hast du denn da fabriziert, Ringo?” fragte ich. “Kaninchenköttel?”

Es sah nach einer ungeheuren Fleißarbeit aus. Vor lauter schwarzen Punkten war kaum die Aluminiumfolie darunter zu erkennen.

“Ringo ist Punktraucher”, krächzte Kilian, der Gastgeber. Er lag auf der Matratze, die er sich aus dem Schlafzimmer rübergeschoben hatte, und wartete nur noch darauf, dass wir endlich alle Mann die Biege machten, er wollte allein sein. Es ging ihm nicht gut. Er war böse erkältet. Es war fast ein Witz: Da war Kilian über Monate bis zum Kragen voll mit Morphin, und dann fing er sich einen Schnupfen, der ihn fast aus den Pantinen haute.

“Hat der Glumm mal wieder nichts mitgekriegt, wah?” tönte Ringo und erklärte mir kurz das Wesen der Punktraucherei.

Man streute ein wenig Pulver aufs Blech, eine Messerspitze nur. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Beim Blowen größerer Mengen passierte es immer wieder, dass man den aufsteigenden Qualm nicht zu 100 % erwischte, dass etwas neben das Röhrchen geriet, wenn man den Drachen jagte. Was doppelt ärgerlich war. Zum einen landete der Qualm nicht in den Lungenbläschen, da, wo er hingehörte, zum anderen nicht im Röhrchen, das ebenfalls aus Aluminiumfolie angefertigt wurde, um das abgefangene Heroin nochmals rauchen zu können und den Kreislauf zu perfektionieren.

Die Punktraucherei war eine anstrengende Geschichte. Anstatt die Schore auf dem Blech fröhlich vor und zurück laufen zu lassen, hiess es beim Punktrauchen immer wieder von Neuem zu beginnen, die nächste Messerspitze aufzulegen. Es war die reinste Fließbandarbeit. Etwas für Stoiker. Tatsächlich war Ringo der einzige konsequente Punktraucher, der mir je unter die Augen gekommen ist, und selbst er gab das Schweißen nach einer Weile auf. Genau wie ich stieg er aufs altbewährte traditionelle Sniefen um.

Sniefen hat den Nachteil, dass die Schleimhäute das Material erst verarbeiten und weiterreichen müssen, bis es endlich im Zentrum der Sucht andockt, und bis dahin vergehen gut und gern zwanzig Minuten. Sniefen ist eine langsame, eher altmodische Angelegenheit, die aber einen entscheidenden Vorteil bietet: Die Wirkung hält länger an als beim Rauchen.

Wenn die Blower schon wieder an ihren Vorrat müssen, (egal ob Punkt-oder Hügelraucher), hängen die Nasenzieher und Schnupflieschen noch ganz entspannt im Sessel, den Schädel auf die Lehne geknallt.

Ach Kinder, ist Sniefen nicht eine herrliche Angelegenheit?

Schade, dass ich es kotzeleid bin und schon vor Jahren aufgegeben habe.

*

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12 Gedanken zu “Heroinrauchen

  1. H wollte mich nie. Egal wie oft ich es schniefte. Ich hab jedesmal fürstlich gereiert. Mahlzeit!

  2. ahoi, glumm,….oder glimm, ich weiss nicht, ob ich die Tortur der Einloggung schaffe, schau ma mal, ( ich komm aus bayern ) trotzdem : ich bin auch seit 35 jahren Profi; ich finde deine Ergüsse super, das IST ( ! ! ) Kultur , du hast es drauf, die Dinge zu benennen, wie sie sind, es kommt an, aber leider sind die meisten Protagonisten in der Scene heutzutage sehr viel weniger ( ?! ) kreativ, belesen, gebildet, und / oder sensibel genug, den Witz unseres Tuns, und z.B. deiner Texte , zu verstehen.
    Ich würde mich freuen, mehr von dir zu hören.
    Augen auf, und durch !!
    Tuimo

  3. Hi du, ich muss schon sagen,mit den sätzen hast du mir echt aus der seele gesprochen. Womit ich jetzt hauptsächlich die letzten sätze meine. Genauso ist es ja leider,habe dank der scheiss schore jetzt zum ersten mal im knast gesessen. 17 monate,bin erst seit Oktober draussen. Auch wenn ich finde,dass du das zeug ein bisschen in denn himmel hebst. Heroin. ist der teufel. Meinen sohn,meine top wohnung und meine adern habe ich durch das dreckzeug verloren. Na ja kannst ja mal was zurücktexten. lg Daniela

  4. komisch..ich war jahrelang notorischer hügelraucher…
    geschnupft hab ich shore nie…aber ich habe verantwortungsvoll immer die folie abgeflämmt…gebracht hat´s für meine lungen aber trotzdem nix…ich huste mir heute noch die seele aus dem oberkörper…
    da fällt mir eine strophe aus einem lied ein:

    well, won’t you lend your lungs to me?
    mine are collapsing
    plant my feet and bitterly breathe
    up the time that’s passing.
    breath I’ll take and breath I’ll give
    pray the day ain’t poison
    stand among the ones that live
    in lonely indecision.

    lg

    flippy

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