Heroinrauchen

Es war das erste Mal, dass mich jemand aus dem Viertel auf meinen Blog ansprach.

„He, du bist doch derjenige, der über Heroin schreibt, oder?“

Ich kannte ihn vom Sehen. Mitte zwanzig, gut aussehend, ein bisschen zu gut, ich kannte das.

„Ja“, sagte ich.

Er reichte mir die Hand.

„Du hast mir mal das Leben gerettet“, sagte er.

„Was.. ich?“

„Ja, im letzten Sommer. Es fehlte nicht mehr viel und ich wär voll auf Schore gekommen, als ein Freund zu mir sagte, hier, lies das mal, der Typ wohnt um die Ecke. Und dann hab ich deine Drogenstorys gelesen.. alle hintereinander weg. Ich hab einfach Heroin eingegeben in die Suchmaske. Die ganze Zeit hatte ich diesen bitteren Geschmack vom Gift auf der Zunge. Und all diese Typen.. Das hat mir echt geholfen.“

Wir redeten noch ein bisschen. Ich erfuhr, dass er in Wuppertal aufs Lehramt studierte, dass er Vater eines Sohnes war und mit einer Frau zusammenlebte, die aber nicht Mutter seines Jungen war. Und er baute Didgeridoos aus PVC-Rohren.

„Kann man da richtig drauf spielen?“

„Klar kann man da richtig drauf spielen. Ich bau dir auch einen. Meine Freunde haben alle einen.“

Dann ging er weiter, ohne verraten zu haben, inwiefern ich sein Leben gerettet hatte. Ich traf ihn seither noch einige Male, aber immer vergaß ich ihn danach zu fragen.

War wohl nicht so wichtig.

*

In der Szene, in der ich mich in den Neunzigern bewegte, fixte kaum jemand. Wir hatten keine Lust mit einem Loch im Arm durch die Gegend zu rennen. Wir wollten breit sein, und trotzdem gut aussehen.

Wir wollten keine Fixer sein.

Wir hatten kein Interesse bei Anbruch der Dunkelheit eine Hundertschaft benutzter Pumpen zur Restmülltonne zu tragen, wir wollten im Sommer kurzärmelige T-Shirts tragen können, ohne dämliche Blicke zu kassieren. Wir hatten keine Lust auf Hepatitis, Wandervenen und HIV, niemand von uns lungerte länger als nötig auf der Platte herum. Hätte es außerhalb der Stadt einen Strand gegeben, wir wären die Beach Boys auf Heroin gewesen. Braungebrannt, mit Stecknadelkopfpupillen und nachtleuchtenden Frisbeescheiben. Wir wollten unsere Ruhe haben. Die meisten Heroin-Konsumenten wollen ihre Ruhe haben, wenn sie in die Jahre kommen. Die richtig wilden und turbulenten Sachen, die man mit zwanzig auf Droge macht, sind schon eine Dekade später passé. Nur wenn ausnahmsweise gutes Material im Haus ist, flackert die alte Euphorie noch mal auf, kurzfristig, bis die ganze Mischpoke mit dem Schädel auf die Tischkante knallt und bräsig wegpennt.

Die Wirkung von Heroin, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Bayer in der Nachbarstadt Wuppertal entwickelt, als Hustenmittel, („vorzügliches Sedativum!“), gleicht dem erwärmten Verstreichen von Zeit. Mehr ist es eigentlich nicht.

(Und Methadon hat Hamburg erfunden.)

Heroin ist warmes Stubenpulver und durchgehende Ausnahmesituation. Heroin ist weit weg von allem, was man sonst kennt an Drogen. Es umfängt und durchdringt dich wie die Luft, die du atmest. Heroin ist der Weißclown unter den harten Drogen, über den niemand so recht lachen kann, weil er in der Seele tieftraurig und schwarz wie Tinte ist.

Heroinsüchtige rächen ihre eigene Geburt. Sie begeben sich freiwillig in den härtesten Knast der Welt, um dem Leben zu entkommen.

Heroinsüchtige sind Showstars, die ihre Bühne knallhart nach innen zimmern. Es finden die großartigsten Gigs in Kopf und Blut statt, doch niemand schaut hin, keiner feiert mit, es sind hermetisch abgeriegelte Großereignisse ohne Publikum – unbefriedigend, bodenlos, zwanghaft. Und wenn der Ego-Schwung zuletzt dahin ist, bleibt auch der Spaß weg, das Publikum flieht, du erstarrst in Gewöhnung.

Heroinsüchtige sind Gläubige, die von früh bis spät einem Gift hinterherjagen, von dem sie sich nichts als Entspannung und WÄRME versprechen.

MENSCHLICHE WÄRME.

SUPERTURBOWÄRME.

Gott.

Dafür steckt die Gesellschaft sie ins Gefängnis. Junkies werden für etwas kriminalisiert, was nur sie selbst etwas angeht. Leute, die Drogen nehmen, wollen nichts anderes, als sich eine Weile vom eigenen Selbst zu verabschieden. Was geht es den Staat an, welche Drogen ich konsumiere und welche nicht. Das ist Privatsache und geht den Staat nichts an, solange ich damit niemand Anderem schade. Würde Jesus heute auf der Erde wandeln und predigen, er nähme sich der Drogenabhängigen an, so wie er sich früher den Prostituierten und Bettlern zuwandte. Niemand ist so sehr auf der Suche nach Gott wie ein Drogensüchtiger, und niemand fällt damit so schwer auf die Schnauze und vergeigt sein kleines unstetes Leben.

So nah kommt man einem Menschen niemals wieder, wie in den ersten neun Monaten in der Fruchtblase der Mutter. Allein die Möglichkeit, in einem anderen Leib aufzuwachsen, ihn als Obdach zu nutzen, als Brutstätte, ist so phänomenal, dass wir unser ganzes restliches Leben danach trachten, diese Wärme, dieses Feuer, diesen Schutz der Mutter WENIGSTENS NOCH EINMAL zu spüren. Das ist Heroin. Unter dem Einfluss von Heroin kommt man ähnlich zur Ruhe wie in der Fruchtblase. Man sabbert still vor sich hin, wie in einer Nährlösung; Däumchen lutschend. Drogensüchtige ehren die Mutter bis zur Selbstaufgabe.

Ich lernte Toni kennen. Noch so ein verdammter Schlaumeier. Er machte eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Lief den ganzen Tag im Blaumann durch die Gegend, selbst in seiner Freizeit und erst recht beim Verschecken. Der Blaumann schien ihm die perfekte Tarnung. Wer beobachtet schon einen Handwerker, der einem anderen Kerl die Hand gibt, wenn man sich zufällig auf der Strasse begegnet. Dass dabei ein Heroin-Bubble gegen Drogengeld eingetauscht wird, ja, mein Gott, Herr Vorsitzender, das konnte nun wirklich niemand ahnen.

Toni lebte mit einer Italienerin und ihren zwei kleinen Kindern in einer heruntergekommenen Sozialwohnung, bei deren Betreten mich jedes Mal das Gefühl überkam, ich würde in einen Erdbunker hinabsteigen, ins dunkle Verließ von Ali Baba. Ein bisschen schämten sich die beiden, in dieser Bude zu hausen, auf nicht mal anderthalb Zimmern und einem Klo, das diesen Namen nicht verdiente. Es bestand aus einem Wassereimer, der halb gefüllt oben hinterm WC hing und mittels einer Strippe aktiviert werden musste, um den Pott zu fluten. Kleine Geschäfte gingen auf diese Weise runter, bei großen Geschäften musste man schon mal mit einem Stock nachhelfen. Es war jedes Mal eine Stippvisite in der Dritten Welt, bei Toni und Gina Stoff zu kaufen. Wer spätabends kam, musste leise sein, weil die Kinder schon schliefen, also saß man um den Tisch herum und lauschte schweigend Radio Monte Carlo.

Fünfzehn Jahre später sah ich ihn auf der Strasse wieder, wir fielen uns in die Arme. Es regnete, wir gingen ein paar gemeinsame Schritte unterm Regenschirm, wie Brüder. Er war rasiert, er war schlank, er war clean. Er sah große Klasse aus. Dass wir nicht kurz Volare anstimmten, Cantare, war alles. Obwohl ich mich aus der Szene größtenteils herausgezogen hatte, waren die meisten Leute, die mich grüßten, wenn ich tagsüber durch die Stadt ging, immer noch Junkies. Was auch daran lag, dass andere Leute tagsüber gar nicht die Zeit haben, durch die Stadt zu streunen und Leute zu grüßen, die man lange nicht gesehen hat. Einem Junkie begegnen, den man lange nicht gesehen hat, ist wie ein Treffen unter alten Arbeitskollegen. Man hat viel gemeinsame Zeit in derselben Firma verbracht.

“Sag mal, was macht eigentlich der Lange, der.. Dings, der.. wie hieß er noch..? Der lange.. äh..?” fragte ich Toni.

“Der lange Stan..? Ist längst tot.”

“Der lange Stan ist auch tot? Im Ernst..? Seit wann?”

“Na, den hat man doch direkt vorm Parkhaus gefunden, die Pumpe noch im Arm. Gegenüber von den Bullen. Ist aber schon lange her.“

„Wie lange schon?“

„Wie lange der schon tot ist?“

„Ja.“

„Keine Ahnung. Ein halbes Jahr.”

Die alten Knaben starben wie die Fliegen. Selbst die zähesten Cracks gaben den Geist auf. Jahrzehntelang malträtiert, machten ihre inneren Organe schlapp, Dominosteinen gleich fielen sie nacheinander um, plopp plopp. Doppelplopp.

„Ist mir gar nicht aufgefallen, dass der lange Stan tot ist“, sagte ich.

„Na, der saß ja auch die halbe Zeit im Bau.“

Tatsächlich ging es bei Stan rein und raus. Ein paar Monate Haft, ein paar Monate draussen, im fliegenden Wechsel. Der lange Stan. Ein redlicher Kleinkrimineller. Wenn er mit seinen langen Zotteln und Zahnreihen ohne Zähnen die Warenhäuser der Stadt betrat, schlugen alle Kaufhaushunde Alarm. Was Stan jedoch niemals davon abhielt, umgehend die Parfüm-Abteilung aufzusuchen, mit  hängenden Manteltaschen. Der lange Stan, die dreiste Notwendigkeit, die personifizierte Platte, der Mann, der niemals einen Hehl aus seinem Appetit auf harte Drogen gemacht hatte und stets geradeaus gewesen war.

Als ich ihn das letzte Mal traf, war Stan gerade aus der Haft entlassen worden und auf dem Weg zu seiner Stammkundschaft in den Kneipen rund um den Neumarkt, die sich aufgrund Stans selbstlosem Warenhaus-Einsatz auch mal einen Flakon fürs Weib daheim leisten konnte.

Ich fragte Stan, wie es geht und so. Ob er eine Wohnung habe, ob er im Methadon-Programm untergekommen sei. Metha? Bloß nicht, knurrte Stan, den Rucksack voller Aluminiumfolie zum Heroinrauchen, und dass er absolut keinen Nerv auf Methadon habe und lieber beim Originalstoff bleibe.

„Ich hab ein einziges Mal im Bau einen Metha-Affen geschoben, seitdem hab ich Respekt davor. Das brauche ich nicht noch mal. Das war der härteste Entzug, den ich je durchgemacht hab.“

Eines aber trieb Stan, eins fünfundneunzig lang und Beine dünn wie Zündhölzer, die Zornesröte ins Gesicht. Im Büro des Gefängnisarztes hatte er kurz vor der Entlassung heimlich einen Blick in seine Akten werfen können und dabei etwas von einer irreversiblen Absenkung des Brustkorbs sowie vom Borderline-Syndrom gelesen, schwerer Persönlichkeitsstörung.

“Ich und Borderline..??! Nur weil ich seit dreißig Jahren saufe und drogensüchtig bin? Wie scheiße sind die denn drauf??!”

Toni und ich lachten noch über die kleine Anekdote, als wir uns Ecke Cronenberger Strasse verabschiedeten, zurück in den Regen.

Das Problem bei Leuten, die einmal auf Heroin waren: Die Erinnerung an die unvergleichlich tiefe Entspannung wird man nie wieder los. Es bleibt ein Riesenmöbel in der süchtigen Seele, sperrig und flauschig zugleich. Man kann noch so einen Lauf haben, noch so zufrieden sein, ein Ex-Junkie ist niemals davor gefeit, dem kleinen Teufel nachzugeben, der ihm auflauert und einflüstert, he, mein Freund, weißt du noch, erinnerst du dich nicht mehr an den krönenden Kick, der alles in den Schatten stellte?

Als dir der Stoff den Rücken hochkroch wie eine warme freundliche Schlange?

Weißt du nicht mehr, wie es war, wenn dir nach dem Kick der Sabber aus den Mundwinkeln lief, war das nicht die reine und unschuldige Wollust? Der Höhepunkt deiner Existenz? Mach es noch mal, Junge. Nur noch einmal..

Und dann macht man es noch einmal.

*

Es gibt ein Band zwischen allen Junkies dieser Welt. Der Süchtige ist Teil einer großen Bewegung, man ist Mitspieler in einer niemals endenden Tragikomödie, auch wenn Heroinsüchtige sich untereinander aufs niederträchtigste abziehen und bestehlen, auch wenn sie sich gegenseitig für eine Messerspitze Pulver an den Galgen bringen. Als vor Jahren der Hurrikan Katrina über New Orleans kam und erste Filmberichte von Menschen zu sehen waren, die bis zum Hals im Wasser steckten, in einer Stadt, die jeglicher Infrastruktur beraubt war, galt mein erster Gedanke den armen Junkies. Mein Gott, wie sollen die armen Süchtigen über die Runden kommen, wenn Strassen und Häuser und Telefonleitungen zerstört sind, wenn Arztpraxen und Apotheken und die Treffpunkte der Dealer nicht mehr existieren. Weil sich das Leben größtenteils auf illegalem Terrain abspielt, sind Junkies auf feste Strukturen angewiesen. Ein Junkie kann nicht mal eben die Stadt wechseln. Ohne seine Leute ist er aufgeschmissen. Ein Junkie braucht Eingeweihte. Ein Junkie ist der gefesselte Mensch.

*

Ende der Achtzigerjahre grassierte eine neue Mode. Durch die Beigabe von Laufmitteln wurde Heroin plötzlich rauchfähig und die Leute begannen, sich die Lunge zu ruinieren. Was weniger am Stoff lag, dessen Wirkstoffgehalt selten 15 % überstieg, sondern an Streckmitteln und der beschichteten Aluminiumfolie, auf der das Pulver erhitzt und geschmolzen wird. Zwar flämmen die gewissenhaften unter den Süchtigen die Folie vor dem Rauchen ab, um die schädlichen Stoff so gut es geht auszumerzen, doch dazu haben die meisten User weder Lust noch Muße. Man ist einfach zu scharf aufs Breitwerden, um zuvor eine solch umständliche Lahme Enten-Aktion einzuschieben, die womöglich eine halbe Minute und länger in Anspruch nimmt. Eine halbe Minute weniger breit ist eine halbe Minute weniger breit. Noch Fragen.

Es gab die ganz ungeduldigen Blower, die sich gleich ein halbes Gramm aufs Blech packten, die richtig kleine erdbraune Hügel bauten und das Feuerzeug starteten. Sobald das Pulver sich nun auf der Alufolie verflüssigt und zur dunkelbraunen, nach bitteren Mandeln riechenden Pampe wird, lässt man es heiß über die Folie hin und her rollen, vor und zurück, wie eine Schiffsschaukel auf der Kirmes, immer verfolgt vom Mundröhrchen, durch das der Heroinqualm eingesogen wird, ein Ritual, das weltweit als “den Drachen jagen” bekannt geworden ist.

Drachenjäger sind ungeduldige Leute, die aber Geduld haben müssen, da solch eine Prozedur seine Zeit braucht bis zuletzt nur noch ein öliger Klecks Heroin übrigbleibt, der in einer gewaltigen Orgie von Rauch aufgeht und sich in die Lunge frisst – ein wilder, zügelloser Moment, das ultimative Zumachen, das Erlegen des Opium-Drachens. Allein das Schreiben darüber und die Erinnerung lassen mich nach hinten wegkippen und lang aufschlagen.

Dann gab es die Punktraucher (Punktschweißer.) Punktraucher waren fleißige Wesen. Ringo war Punktraucher. Ringo hatte gerade zwei Jahre Haft wegen Dealerei abgesessen und jobbte nun in einem Elektronikfachmarkt. Er hatte was drauf, was Computer und Datenverarbeitung anging und ergatterte später einen guten Job in der IT-Branche. Dummerweise war Ringo aber auch der Ober-Süchtel aller mir bekannten Süchtel, woran er mit Mitte 40 auch elend zugrunde gehen sollte.

Ich traf ihn spätabends bei Kilian. Als alles schon zum Aufbruch bereit war, fiel mir eine Bahn Alufolie in die Augen, über und über mit rußig-schwarzen, kaum nagelkopfgroßen Punkten bedeckt. Sie lag direkt vor Ringo auf dem Tisch. Es sah nach einer ungeheuren Fleißarbeit aus. Vor lauter schwarzen Punkten war kaum noch die Aluminiumfolie zu erkennen.

„Was ist das denn..!?“

“Ringo ist Punktraucher”, krächzte Kilian, der Gastgeber. Er lag auf der Matratze, die er sich aus dem Schlafzimmer rübergeschoben hatte, und wartete nur noch darauf, dass wir endlich die Biege machten, er wollte allein sein. Es ging ihm nicht gut. Er war böse erkältet. Es war ein Witz: Da war Kilian bis zum Kragen voll mit Morphin, fing sich aber einen Schnupfen, der ihn fast aus den Pantinen haute.

“Hat der Glumm mal wieder nichts mitgekriegt, wa”, tönte Ringo und erklärte mir kurz das Wesen der Punktraucherei.

Man streute ein wenig Pulver aufs Blech, eine Messerspitze nur. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Beim Blowen größerer Mengen passierte es immer wieder, dass man den aufsteigenden Qualm nicht zu 100 % erwischte, dass etwas neben das Röhrchen geriet, wenn man den Drachen jagte. Was doppelt ärgerlich war. Zum einen landete der Qualm nicht in den Lungenbläschen, da, wo er hingehörte, zum anderen nicht im Röhrchen, das ebenfalls aus Aluminiumfolie angefertigt wurde, um das abgefangene Heroin nochmals rauchen zu können und den Kreislauf auf diese Art zu perfektionieren.

Die Punktraucherei war eine anstrengende Geschichte. Anstatt die Schore auf dem Blech fröhlich vor und zurück laufen zu lassen, hiess es beim Punktrauchen immer wieder von Neuem zu beginnen, die nächste Messerspitze aufzulegen. Es war die reinste Fließbandarbeit. Etwas für Stoiker. Tatsächlich war Ringo der einzige konsequente Punktraucher, der mir je unter die Augen gekommen ist, und selbst er gab das Schweißen nach einer Weile auf. Genau wie ich stieg er aufs altbewährte Schnupfen von Heroin um. Sniefen hat den Nachteil, dass die Schleimhäute das Material erst verarbeiten und weiterreichen müssen, bis es endlich im Zentrum der Sucht andockt, und bis dahin vergehen gut und gern zwanzig Minuten. Sniefen ist eine langsame, eher altmodische Angelegenheit, die aber einen entscheidenden Vorteil bietet: die Wirkung hält länger an als beim Blowen. Wenn die Raucher schon wieder an ihren Vorrat müssen, hängen die Sniefer noch entspannt im Sessel, den Schädel auf der Lehne. Hach, ja, Kinder – ist Sniefen nicht eine herrliche Angelegenheit? Das leckere Nasengetreide und das alles. Schade, dass ich es alles kotzeleid bin und schon vor Jahren aufgegeben habe.

*

Mehr Heroin

13 Gedanken zu „Heroinrauchen

  1. Pingback: in|ad|ae|qu|at : Litblogs.net – Lesezeichen 4 | 2011

  2. ahoi, glumm,….oder glimm, ich weiss nicht, ob ich die Tortur der Einloggung schaffe, schau ma mal, ( ich komm aus bayern ) trotzdem : ich bin auch seit 35 jahren Profi; ich finde deine Ergüsse super, das IST ( ! ! ) Kultur , du hast es drauf, die Dinge zu benennen, wie sie sind, es kommt an, aber leider sind die meisten Protagonisten in der Scene heutzutage sehr viel weniger ( ?! ) kreativ, belesen, gebildet, und / oder sensibel genug, den Witz unseres Tuns, und z.B. deiner Texte , zu verstehen.
    Ich würde mich freuen, mehr von dir zu hören.
    Augen auf, und durch !!
    Tuimo

  3. Hi du, ich muss schon sagen,mit den sätzen hast du mir echt aus der seele gesprochen. Womit ich jetzt hauptsächlich die letzten sätze meine. Genauso ist es ja leider,habe dank der scheiss schore jetzt zum ersten mal im knast gesessen. 17 monate,bin erst seit Oktober draussen. Auch wenn ich finde,dass du das zeug ein bisschen in denn himmel hebst. Heroin. ist der teufel. Meinen sohn,meine top wohnung und meine adern habe ich durch das dreckzeug verloren. Na ja kannst ja mal was zurücktexten. lg Daniela

  4. komisch..ich war jahrelang notorischer hügelraucher…
    geschnupft hab ich shore nie…aber ich habe verantwortungsvoll immer die folie abgeflämmt…gebracht hat´s für meine lungen aber trotzdem nix…ich huste mir heute noch die seele aus dem oberkörper…
    da fällt mir eine strophe aus einem lied ein:

    well, won’t you lend your lungs to me?
    mine are collapsing
    plant my feet and bitterly breathe
    up the time that’s passing.
    breath I’ll take and breath I’ll give
    pray the day ain’t poison
    stand among the ones that live
    in lonely indecision.

    lg

    flippy

  5. NATÜRLICH einer meiner Lieblingstexte! Als ich 2006 in Therapie rückfällig wurde, rauchte ich mit nem halben Dutzend Blower, die alle aus Krefeld oder Aachen kamen. Die kannten nur Punktrauchen, unter denen war ich der Exot. Da ich aber schon seit drei Monaten clean war und eh nicht viel rauchen mußte um breitzuwerden, hab ich mich angepasst. Aber du hast recht, der Aufwand ist zu groß. Und das mit der Alu abflämmen, stimmt auch. Kam mehr als einmal vor, daß ich mir damit nicht genug Zeit genommen hab.
    Was auch faszinierend war, über zehn Jahre lang war ich nicht mehr erkältet gewesen. Dann war ich seit drei Wochen clean und ne Kehlkopfentzündung haute mich völlig aus den Socken. Eine Woche lag ich flach und hatte keine Stimme mehr. Und jetzt bin ich wieder zehn Jahre erkältungsfrei…

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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