Selle™

Mir wird von mehreren Seiten zugetragen, dass es Selle erwischt, ach wo, dass er es geschafft hat. Dass er tot ist. Dass sich das Empfangskomitee des Himmels diesen schon lange fälligen Happen nicht noch einmal entwischen liess. Nicht dieses Mal. Es war genug. Mehr als das, Selle war überfällig. Nun ist er also in den Tunnel eingefahren.

Selle ist tot.

„Das kann doch gar nicht sein“, war meine erste hilflose Reaktion, als Karlos mir von Selles Tod erzählte, ohne zu wissen, dass Selle und ich in den vergangenen zwei Jahren regelmäßig Kontakt hatten. „Den mochte ich doch!“

Ich mochte ihn sogar gern, und ich bin traurig, dass ich nie wieder sein sprödes „eh, Riese!“ hören werde, wenn wir uns über den Weg liefen, und dass ich nie wieder zusehen darf, wie die Versteinerung in seinem Gesicht langsam den Rückzug antrat, sobald er spürte, dass man es gut mit ihm meinte, entgegen seiner ersten Vermutung.

Na Moment mal, Selle war ja kein Haustier.. Er war ein Süchtiger, so wie wir alle. Aber nur weil jemand polytoxikoman veranlagt ist und sein Leben lang robust Richtung Tod ackert, bedeutet das ja nicht, dass man nicht traurig sein darf, wenn er plötzlich nicht mehr da ist. Und wenn es stimmt, was man sich erzählt, war sein Abgang höchst ungemütlich. Angeblich platzte ihm die Halsschlagader, als er sich zu Hause auf eine Flasche Korn und irgendwelche original in Polen verpackten Hammerpillen gegen Alkoholismus einen allerletzten Druck Heroin setzte.

(Wenn man das noch Heroin nennen soll, was da an Dreck auf der Strasse verkauft wird. Aber es ist ja nur die Drogenszene, die daran verreckt. Sind ja keine Trinker, wie im Bundestag. Würden im Bundestag so viele Drogensüchtige wie Trinker sitzen, die Sache sähe anders aus in diesem Land. Drogen wären längst legal, billig und sauber. So. wie es sich gehört. Wer eine Flasche Schnaps kauft, will schliesslich auch sicher sein, saubere Ware zu kriegen und nicht 90 Prozent Streckmittel. Ihr Arschlöcher.)

Die Arterien seiner geschundenen Leber rissen, das Blut muss nur so aus ihm herausgesprudelt sein – Selle, zuletzt ein Zimmerspringbrunnen. Die Wände, erzählt man, waren bis zur Decke in Rot getaucht, als man ihn leblos auffand, seine Eltern liessen vom Hausmeister die Tür aufbrechen, weil sie tagelang nicht von Selle gehört hatten.

Selle wurde 46.

Er überlebte seinen älteren Bruder, der ebenfalls Selle gerufen wurde und an einer Überdosis Heroin starb, um beinahe dreißig Jahre, bei fast identischer Lebensführung. Schon für diese Leistung möchte ich kurz den Hut anlupfen und eine Marke anmelden.

Selle™.

Er ging regelmäßig Skat spielen zu einem Kumpel, sie spielten um Geld, kleiner Einsatz. Einmal hatte Selle sich zwei Dias eingepfiffen und eine halbe Kanone Korn und ein paar Flaschen Bier, bis er irgendwann die Karten nicht mehr halten konnte und beim Kippeanzünden die Kippe nicht mehr traf. Ordentlich daneben langte. Vom Stuhl kippte.

„Wir machen dann besser Schluss“, seufzte der Gastgeber, „Selle ist hinüber.“

Sie spielten jeden Freitag in dieser Gartenlaube, der Kanonenofen bullerte, es war die erste kalte Nacht des Winters.

„Wie, ich bin hinüber!? Was is los!? Wir spielen noch einen aus!“

Doch es war nichts zu machen. Es wurde abgerechnet, und Selle verdrückte sich mit seinem Hund Sniff in die Nacht. Ein Schäferhund-Mix, zwei Jahre alt. Ein Stromer, der jedem Weiberrock hinterherschnüffelte, egal, ob läufig oder nicht, nun lass mich erstmal aufsteigen, Baby, dann sehen wir weiter.

Um Sniff in der Dunkelheit besser ausmachen zu können, hatte Selle ihm ein grün blinkendes Warnhalsband gekauft. Kaum hatten Hund und Herrchen die Gartenlaube verlassen, legte Selle sich lang, in die benachbarten Blumenrabatte. Die Freundin des Gastgebers, sie war gerade beim Aufräumen, hörte ein Geräusch und schaute nach, was draussen los ist. Als sie Selle daliegen sah, die Hose verschlammt, hilflos schimpfend, bot sie an, ihn nach Hause zu fahren, ist doch nicht weit, und es macht mir auch nichts aus, doch der alte Sturkopf lehnte empört ab.

„Ich bin immer noch allein nach Hause gekommen..!“ brabbelte er und trollte sich in die Nacht. Die Freundin des Gastgebers blieb besorgt und rief Selles Mutter an, schilderte ihr die Situation.

„Der schafft das nicht allein nach Hause, aber von mir will er sich nicht helfen lassen.“

Selles Mutter, Mitte 70 und resolut, setzte sich ins Auto und fuhr den Weg ab, den er ihrer Meinung nach nehmen musste, um von der Schrebergartensiedlung hoch zur Krahenhöhe zu kommen, wo Selle ein kleines Appartement bewohnte. Nach Mitternacht, sie wollte die Suche schon ergebnislos abbrechen und umkehren, fiel ihr ein pulsierndes grünes Blinken ins Auge, aus einem Gebüsch heraus, keine zwei Meter von der Strasse entfernt. Tatsächlich war es Sniff, der neben dem friedlich schlafenden Herrchen wachte.

Am nächsten Morgen läutete Selles Mobiltelefon, seine Mutter war dran.

„Erinnerst du dich noch an heut Nacht, Junge? Wie ich dich aus dem Gemüse gezogen hab?“

Er glaubte zunächst an einen Scherz. Dass man ihm Angst einjagen wollte. Vonwegen Lebenswandel und so.

Er trug eine merkwürdige Cordhose mit Schlag und diese cognacfarbenen Lederslipper. Ich schaute auf seine Schuhe.

„Was ist denn da los?“ fragte ich.

Der Mann der besten Freundin seiner Mutter war plötzlich gestorben und hatte ihm jede Menge Klamotten hinterlassen. Da beide von der Statur ähnlich waren, machte das zwar Sinn, doch es handelte sich um Kleidung, die Selle sich selbst niemals gekauft hätte. Viel zu piefig, das Zeugs. Das ist der Zwiespalt bei jeder geschenkten Kleidung. Sie mag ja passen, doch in 99 % aller Fälle käme man selbst nie auf die Idee, diesen Mist zu kaufen.

20 Paar Schuhe, Jacken, Reisestrümpfe, Chinos und Leinenhosen, Blousons, Designerjeans.

„Was ich früher zu Muttern geschleppt hab zum Nähen und Ausbessern, das schmeiss ich heute alles weg. Kommt alles in den Müll.“

Dafür sah er aber auch aus wie eine Comicfigur im Rohzustand: Wie noch nicht wirklich in Rente an dem einen Tag, und wie noch nicht wirklich erfunden am nächsten Tag. Nichts halbes, nichts ganzes.

„Ich seh voll kacke aus, wa?!“

Insgesamt neun Jahre verbrachte Selle hinter Gittern. Er saß in Portugal, er saß in Holland, in Südafrika und zuletzt auch vier Jahre in Deutschland.

Er hatte Geschäfte gemacht mit dem Sohn eines Hamburger Reeders, einem Schwarzen, der gleichzeitig auch König seines Stammes im Kongo war. Der Reeder verschiffte alle drei Monate zwanzig Container nach Afrika, und die wollten gut gefüllt sein, bis unters Dach.

„Manchmal hiess es, hier ist die Liste, da steht alles drauf, was wir brauchen. Ihr habt eine Woche Zeit, es zu besorgen.“

So kamen Selle und der Sohn des Reeders schon mal ins Rödeln, wenn innerhalb von sieben Tagen die verschiedensten Dinge aufgetrieben werden mussten, in größerer Stückzahl. Gusseiserne Pfannen, Trockensteckmasse für Blumen, Ferngläser, tonnenweise Gullydeckel und natürlich Autos und Motorräder. Einmal ging es um eine halbe Tonne Silberbesteck, die Selle und der Sohn des Reeders innerhalb von drei Tagen aus dem Karstadt in Düsseldorf herausholten, in insgesamt dreißig Koffern, in mühsamer Ameisenmanier.

„Wir waren so voll auf Koks, uns war alles scheißegal. Noch heute schlotten mir die Knie, wenn ich nachts wach liege und daran zurückdenke, wie dreist wir damals waren. Aber die haben uns nie gekriegt.“

Selle klaute Luxuskarossen und vertickte sie an einen Hehler in Rotterdam. Statt Bargeld als Bezahlung gab es Heroin im Kilobereich. „Das haben wir gleich weiterverkauft, sonst hätten wir uns totgedrückt. Kaum hatten wir die Schore vertickt, kauften wir kleine Mengen davon zurück. Es war absolut bekloppt, es war absurd.“

Er hatte in der Spitze Leberwerte von 30.000.

„Wenn Sie noch einen Tag weitersaufen und spritzen, sind Sie morgen tot“, sagte der Doc, und da war Schluß. Er ging in Entgiftung, dann in Therapie, war eine Weile clean. Eine Weile. Sicher.

Eine Weile.

Selle hatte etwas Nordisches an sich, mit seinem roten Haar. Ein agiler kleiner Tausendsassa, der so gar nicht klein wirkte. Mich rief er Riese. Ich glaubte lange Zeit, ich wäre der einzige Riese, bis ich zufällig mitbekam, dass er einen anderen Knallkopp ebenfalls so nannte. Da war ich kurz betrübt, weil ein Alleinstellungsmerkmal so trocken über Bord gegangen war, aber dann entdeckte mich Selle und leuchtete, „He, Riese! Wie ist die Luft da oben?“, und die Sache war wieder geritzt.

Selle zählte zu den Kalibern, die  sich gar nicht erst groß aufpumpen mussten, um größer zu wirken. Er war einfach nicht klein, und er war nicht klein zu kriegen.

„Du kannst mich mal an meinem klapprigen Hühnerarsch lecken!“ meinte er gut gelaunt. Doch selbst ein Stehaufmännchen altert und steht irgendwann nicht mehr auf. Er hatte seinen Körper aufs äusserste getriezt, zuletzt mit immer mehr Jägermeister. Und das bei schwer geschädiger Leber.

Als Amy Winehouse tot aufgefunden wurde, mit 27, meinte Selle: „Wir sind die Leute, die nicht mit 27 gestorben sind, obwohl wir genauso gelebt haben. Jede Wette, wir müssen mit 54 dran glauben, Riese. Zweimal 27. Achte mal drauf.“

Er wurde 46.

Ein einziges Mal sprach er darüber. Von den Nahtoderfahrungen, die er in den 30 Jahren seiner Drogenkarriere gesammelt hatte. Die einzige Karriere, für die man niemals gefeiert wird.

„Nicht die Situationen, wo man sich aus Versehen eine Messerspitze zuviel auf den Löffel packt und ein paar Minuten lang abkackt“, er meinte die echte authentische Überdosis, wo es richtig scheppert. Wo einem die Rotze aus der Trompete fliegt, wo es auf Messers Schneide steht und unklar ist, ob man diesen Shake überlebt.

„Ob der verdammte Notarzt einen da noch mal rausholt.“

Das war es, was Selle meinte, wenn er vom in den Tunnel einfahren schwärmte, diesen Zustand zwischen Leben und Tod. Und dass man danach fast süchtig werden könne.

Ich weiß, es klingt abgegriffen, sagte er und es klang abgegriffen, aber du siehst das Weiße schon leuchten am Ende des Tunnels, du reißt innerlich die Augen weit auf, du möchtest dem Licht näherkommen und dich hineinwinden, und dann wirst du im letzten Augenblick vom Notarzt zurückgezogen, ruckartig, wie am Schlaffitchen, das ist ein unglaubliches Gefühl, mit nichts zu vergleichen.

Und er wagte doch einen Vergleich.

„Es gibt Junkies in Indien, die lassen sich extra von Giftschlangen beissen, guck nicht so blöde, ist wahr. Die kriegen ihren Kick, wenn sie von einer Cobra gebissen werden, das Schlangengift versetzt sie für Stunden in genau diesen Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Und es ist nie klar, ob man den Biss überlebt.“

„Kann man doch ein Gegenmittel spritzen“, sagte ich.

„Na klar – aber das kann man auch sein lassen und abwarten, ob man abkratzt.“

In den Goldenen Achtzigern gab es eine Zeit, da lebte Selle praktisch nur im Auto.

„Fast jeden Abend bin ich mit einem Kumpel nach Rotterdam gefahren, Schore kaufen. Zurück in der Stadt hiess es Bubbles abpacken, die haben wir am nächsten Morgen in Düsseldorf am Bahnhof vertickt. So ging das zwei Jahre lang. Nachmittags Rotterdam, abends zurück Bubbles packen, morgens in Düsseldorf verticken. Die warteten schon immer auf uns, weil wir den besten Stoff hatten.“

Einmal war Selle ausnahmsweise allein unterwegs nach Rotterdam, mit dem Motorrad. Auf der Rückfahrt, kurz hinter der Grenze, winken ihn die Zöllner raus.

„Die hatten mich richtig auf dem Kieker, kannn sein, dass die einen Tipp gekriegt haben. Jedenfalls machen die mich richtig klar, die stellen die ganze Karre auf den Kopf, die rühren mit dem langen Stab im Tank, ob da was drin ist, aber nichts. Ich also mit auf die Wache. Die gucken mir in den Arsch, die schicken mich zum Röntgen, nichts zu finden. Die Penner hatten schlicht meine Motorradhandschuhe übersehen. In den Fingern waren 70 Gramm versteckt.“

*

Selle erzählte von einer Überdosis, wo es es gerade noch geschafft hatte, über Handy den Notarzt zu rufen. Frisch aus der Entgiftung gekommen hatte er nichts besseres zu tun gehabt, als sich einen Knaller zu machen, ohne zu berücksichtigen, wie geschwächt sein Körper war vom Entzug. Na schön – Atemstillstand. Der Rettungswagen kam, man schoss ihm Adrenalin ins Herz.

Als er wach wurde, fand er sich im Krankenbett auf dem Gang der Städtischen Ambulanz wieder, es war Wochenende, kein Zimmer frei. Gleich kommt der Chefarzt, vertröstete ihn die Schwester. Direkt neben dem Bett hatten Pfleger unvorsichtigerweise einen mobilen OP-Tisch abgestellt, voll steril verpackter Instrumente und mittendrin eine aufgezogene Pumpe, mit dem Aufkleber DIAZEPAM.

„DIAS..! Und das mir,. Ich mein, das war ein Zeichen Gottes, oder nicht. Der göttliche Funke.“

Selle öffnete kurz entschlossen einen der beiden Schläuche, über die der Zugang zu seinem Herz gelegt war, (über die Bronchien), und kickte das starke Beruhigungsmittel ab. Dann raffte er seine Klamotten zusammen und floh aus der Klinik.

„Die Leute im Bus starrten mich an, von denen hätte am liebsten jeder Einzelne die Bullen gerufen. Links und rechts sprossen die Schläuche aus meinem Hals, untenrum schwappte ein halbvoller Urinbeutel hin und her. Ich sah aus, als käme ich direkt vom Urknall. Fehlte nur ein Partyfäßchen – vom Saturn.“

Selle, es muss an dieser Stelle gesagt werden, Selle, du warst ein Tier. Du konntest nie! niemals genug kriegen. Da hattest du die eine Überdosis Heroin gerade überlebt und schon wieder eine Zufalls-Portion Diazepam intus, die alleine schon einen nicht gewöhnten Patienten über die Wupper gebracht hätte, und doch stiegst du in der Innenstadt aus und besorgtest dir auf der Platte einen kleinen Bubble für einen Zehner.

„Ich fuhr mit dem Bus nach Hause, machte mir einen Knaller, ruhte mich eine halbe Stunde aus und machte mich dann auf die Socken zurück ins Spital, weil ich dachte, das geht nicht gut, Selle. Sag da lieber noch mal Guten Tag.“

Im Krankenhaus stellte man sich stur, weigerte sich, ihn aufzunehmen. Man hatte ihn nicht nur vermisst gemeldet, sondern gleich die Polizei informiert. Ein Betäubungsmittel, das eine Minute lang unbeaufsichtigt neben seinem Bett gelegen hatte, wurde auch vermisst. Erst die Zusage, dass ihm vom folgenden Tag an ein Betreuer zur Seite gestellt werden würde, sorgte dafür, dass man ihn aufnahm.

Ein filmreifes kleines Leben. Dabei lernte ich ihn erst auf seinen letzten Metern kennen, da war er Anfang vierzig. Ein schmächtiger Bursche mit großer Klappe und Sportbrille, er spielte gut Golf, hatte eine Weile in Düsseldorf gespielt, war mal auf dem Sprung in den Juniorenkader NRW gewesen. Damals kannte ich ihn nur vom Sehen, wusste halt, das er der jüngere Bruder vom großen Selle war.

Sein ältere Bruder war bereits in der Nacht vor Silvester 1985 an Heroin krepiert, mit Mitte zwanzig. Ich erinnere mich, dass Karlos, der dicke Hansen und ich an diesem Tag im Auto unterwegs waren, um die Mittagszeit herum. An einer Kreuzung hielten wir an, Selles kleiner Bruder stand da und hatte uns herangewunken.

„Wenn ihr zu meinem Bruder wollt, das könnt ihr euch sparen.“

Nun wollten wir zwar gar nicht zu seinem Bruder, aber die Formulierung war so seltsam, dass wir neugierig abwarteten, was kam.

„Der ist tot.“

Jeder kennt so Typen, jeder hat so Spezis, denen jedes Mal, wenn man sie trifft, etwas neues zugestoßen ist. Typen, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass der Hergott sie ganz besonders oft und innig ins Gebet nimmt, (wenn er sie trifft). 60 Krankenhausaufenthalte in fünf Jahren sind da nicht unbedingt eine Seltenheit, Nierensteine, Armbrüche, die Leber.

DIE LEBER!

Zwei Jahre lang fuhren Selle und ich jede Woche zusammen nach Gräfrath zum Doc, hin und zurück waren wir fast eine Stunde zusammen, Jede Woche. Da kommt einiges zusammen, an Geschichten.

Ausser der Drogensucht hatte er ein gewaltiges Alkohol-Problem am Hals, Selle war polytoxikoman. In den zwei Jahren begann er mindestens ein Dutzend Entzüge im Landeskrankenhaus Langenfeld, einige zog er sogar durch. Ein anderes Mal flog er bereits am ersten Tag raus, als die Betreuer einen Beutel Marihuana und starke Schlaftabletten fanden, die er auf Station schmuggeln wollte.

„Bei denen kriegt man zum Pennen nur rosa Tralala. Wenn ich schon entziehe, will ich wenigstens vernünftig pennen.“

Man darf sich bei Selle keinen torkelnden Sauf/Fix-Bruder vorstellen, meist nahm ich bei unseren Busfahrten hin und zurück nur eine leichte Jägermeisterfahne wahr. Ein Pegeltrinker. Vom vielen Saufen in den 80ern und 90ern war die Leber hin, er hatte Leberzirrhose und Hepatitis.

Nachdem er sich den Hund zugelegt hatte, Sniff, erzählte er dauernd von Tiersendungen, die er im Fernsehen verfolgt hatte.  Da war dieser aus dem US-Fernsehen übernommene Beitrag, wo ein Mops 27 Schnuller gefressen hatte, in einer Familie mit drei Kleinkindern in New Jersey. Die ganze Busfahrt bis Gräfrath beömmelten wir uns bei der Vorstellung, wie ein Mops gemüßlich 27 Schnuller in New Jersey verspeist, einen Schnuller nach dem anderen, lecker in Vaseline getaucht, damit es besser rutscht.

Auf der Rückfahrt. Selle wollte mir weismachen, dass er supergut riechen könne, seitdem seine Leber hinüber war.

„Ich rieche sogar einen vor Stunden verschütteten Klecks Vollmilch. Oder eine Tankstelle aus fünfhundert Metern Entfernung. Meine Leber ist so im Arsch, der entgeht nichts. Würde ich an der Mosel leben, ich könnte den Wein schon schnuppern, wenn er noch in der Traube hockt und sich das Näschen putzt. Und es ist nicht nur die Nase. Alle meine Sinne sind hyperempfindlich, seit ich Leberwerte habe wie Keith Richards 71 in St. Tropez. Ich kann auch besser sehen, ich hab Augen wie ein Bussard. Wenn ich durch die Stadt gehe, seh ich schon unten am Woolworth, was die Jungs oben auf der Platte für Bubbles und Pillen in der Tasche haben und kann mich darauf einrichten..“

Er konnte sich wunderbar für Dinge begeistern. Und wie alle Leute, die gern schwärmen, übertrieb er gern. Mehr als ein Mal bot er mir an, bei ihm Silvester zu feiern. Er wohnte oben an der Krahenhöhe, dem höchsten Punkt der Stadt, wo er im vierten Stock eines direkt an der lauten Schützenstrasse gelegenen Appartementhauses wohnte und einen Riesenpanoramablick von seinem Balkon (Südseite) genoss.

„Silvester verkauf ich Sitzplätzte auf meinem Balkon für.. vierzig Okken!“ schnitt er auf, und ich musste grinsen.

„Na, für dich und deine Olle kostet das natürlich nix.“

Er weihte mich ein, dass die Stadt Düsseldorf, so seine Beobachtungen vom Balkon aus, ihre Strassenbeleuchtung bereits auf LED-Licht umgestellt habe, und dass man von dort nachts nur noch punktuell Laternenschein wahrnehmen könnte. „Düsseldorf in der Nacht ist fast finster“, so Selle, während Leverkusen immer noch erstrahle wie eine fette Blume.

„Ne fette Blume über Leverkusen in der Nacht“, das blieb der Running Gag dieser Hin-und Rückfahrt Solingen-Gräfrath.

An anderen Tagen saßen wir einfach nebeneinander im Bus und liessen eine Reihe harter Opiat-Fürze erklingen, die wie Briketts in den Keller rutschten, Wir erfreuten uns wie die Pennäler an den Blicken der anderen Fahrgäste, und liessen noch einen kullern.

An anderen Tagen war Selle so blass um die Nase, als hätte man zuviel Mehl in ihn hineingeschüttet.

„Kommt auch von der Leber“, meinte er. „Die klaut mir das Blut aus der Fresse. Die braucht das da unten für die Reparaturarbeiten.“

Er lebte schon sehr in seiner eigenen Welt.

Manchmal erzählte er aus vergangenen, wilderen Drogen-Zeiten, und ich liebte seine Einleitung: „So, jetzt erzählt Opa wieder aus dem Krieg“, und ich lehnte mich zurück.

Er erzählte Anekdoten aus der Szene, ich stieg tief mit ihm ein in die Welt der dunklen Drogensaga Bergisches Land. Da war die unglaubliche Geschichte des Thomas Hufnagel, der schon in den frühen 80ern den Löffel abgab. Er hatte sich zum alten Bunker an der Schwertstrasse, der eigentlich zugesperrt war, Zutritt verschafft, um sich in Ruhe einen Druck zu machen. Dabei fand er eine staubige alte Ledertasche voller Ampullen. Es waren Morphiumfläschchen aus dem zweiten Weltkrieg. Die letzten vergessenen Bestände in den Händen eines stadtbekannten Draufgängers, der Ein Mann-Heroin-Guerilla Thomas Hufnagel, das konnte nur schiefgehen. Am nächsten Tag fand man ihn tot auf der Strasse, Er war eins der letzten Opfer der Nazis.

„Wieso nehmen eigentlich die aufgdrehten Typen alle Aufputschmittel wie Kokain und Amphetamine, während die Schlafmützen zum Heroin greifen und noch schlapper werden?“ meint die Gräfin.

Vielleicht um den eigenen Charakter zu intensivieren, um noch einen Tick draufzusatteln, um alles herauszuholen, was die Natur einem eh schon mitgegeben hat, vermute ich.

Tatsächlich, so unsere Beobachtung und Erfahrung, stehen Typen wie Benzini oder Selle, eh schon extrovertiert, leutselig und vital, gar nicht so auf Opiate, die einen beruhigen bis zur totalen Ermattung, sie sind eher scharf auf Kokain, das ihr Mundwerk noch mal beschleunigt; Sergeant Plapper kommt zum Tee.

Es gibt Menschen, die selbst Koks ausschütten und kein zusätzliches Koks brauchen, so wie Klaus Kinski, und es gibt Menschen, die selbst Koks auschütten und trotzdem noch koksen wie die Irren, so wie Fassbinder, der Rainer Werner, „aber der hatte auch was leicht verschlafenes“, so die Gräfin. „Verschlagenes“, finde ich eher.

Unsere These: Man möchte mit Drogen gar nicht zu anderen Ufern aufbrechen, man möchte eher die eigene Veranlagung ausloten bis zum Gehtnichtmehr. Darum gehts bei Drogen.

Das ist wie in dieser amerikanischen TV-Soap, meint die Gräfin. Da wird dauernd geweint. Das ist die Serie mit den meisten Tränen. Ich glaub, die Hauptdarstellerin weint gern. Die hat sich die Serie auf den Leib schreiben lassen. Damit sie schön weinen kann.

Wir leben in einer traurigen tückischen Zeit, wo alles schon mal dagewesen ist, wo nichts von Wert zu sein scheint. Wo man schon froh ist, echte Figuren aufzulesen am Rand der Tage, echte Menschen, die einen angucken mit echten Problemen und Bürstenhaarschnitt und vier echten, üppig hervorstehenden Schneidezähnen, deren Anblick ein sofortiges Gruppengefühl auslöst.

Und mit dem Tod von Selle ist wieder ein durchgeknallter Typ weniger in der Welt, ein Aufrechter weniger. Wäre Pelle eine Farbe gewesen, dann das Blau der italienischen Nationalflagge, trotz seiner roten Haare, seiner nordischen Geradlinigkeit.

Es ist wie beim Jazz. Der Jazz hat keine schmutzigen Typen mehr. Überall Till Brönners, die schöne Baby-Musik machen mit Brei-Trompetchen und dafür auch noch gefeiert werden, (wenn auch von den falschen Leute). Dabei ist sauberer Jazz verlorener Jazz. Erinnert sich jemand an die Gier in der Stimme von Chet Baker, an die Schwindsucht eines Charlie Parker, an die verschwitzte herbe Sehnsucht einer Billie Holiday? Und hatten die nicht alle Haare unter den Achseln, Haare, die nachts im Club verklebten? Es ist nichts geblieben. Nur noch weiße brave, sich selbst feiernde Langeweile.

Und kein Selle mehr.

Selle im Flieger nach Lissabon, wo er sich auf der Bordtoilette einen satten Schuss gesetzt hatte. Er schaffte es gerade noch zurück auf seinen Platz, wo er umgehend wegsackte, zwischen seinen Eltern. Die hatten ihn zur Belohnung seiner bestandenen Prüfung zum Zahntechnikermeister auf eine Karibik-Kreuzfahrt eingeladen, von Lissabon aus.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, befand er sich auf dem auslaufenden Luxusliner, Panik erfasste ihn. Natürlich hatte er vorgesorgt und sich für vier Wochen mit Pulver eingedeckt, wobei er die tägliche Bemessungsgrenze zwischen großzügig und größenwahsinnig ausgelegt hatte. „Ein pralles 70 Gramm-Säckchen, Heroin vom feinsten. White Chinese.“

Aber er fand es nicht. Es war weg. Er suchte das halbe Schiff ab, seine Kabine, die Kabine seiner Eltern, das Deck, alles. Es gab nur eine Erklärung, er musste es im Flugzeug auf der Bordtoilette liegen gelassen haben. Wahrscheinlich konnte er noch von Glück reden, dass die Bullen nicht eingeschaltet wurden.

„Und ich war auf hoher See, links und rechts nichts als Wasser, Wasser und nochmal Wasser, und keinen Fitzel Pulver mehr auf der Tasche..“

Er wäre am liebsten auf der Stelle über Bord gesprungen, er wollte nur noch sterben.

„Als mir klar wurde, das Zeug ist weg und ich komm von dem Tanker nicht runter bis wir die Antillen erreichen, so eine Panik kannst du dir nicht ausmalen.“

Er verbrachte die nächsten Tage in der Einzelkabine. Er trat sich die Knochen wund an dem zu kurzen Bett, er krampfte wie ein Dutzend Neugeborene, schabte sich die Haut ab. Als er nach einer Woche halbwegs wieder auf den Beinen war, suchte er den Bordarzt auf. Der verschrieb ihm tatsächlich eine 100er-Packung Codein-Pillen, die er jedoch nirgendwo einlösen konnte.

„Versuch mal auf einer amerikanischen Insel, und St. Lucia gehört zu den USA, ein Codeinrezept einzulösen. Da kannst du froh sein, wenn sie dich bloß rausschmeißen und nicht nach den Cops schreien.“

Nach knapp zehn Tagen war alles überstanden und es folgte, so Selle, der geilste Urlaub aller Zeiten.

Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Eigentlich sogar die wenigsten. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, oder sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden am Morgen nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht. Oder sie ersticken, wie es Selle beinahe passiert wäre.

Ende der 90er Jahre, nach der 37. Strafanzeige wegen Ladendiebstahl, kleineren BTM-Vergehen und Urkundenfälschung brummte ihm der Richter dreissig Monate auf, ohne Bewährung.

Die Milleniums-Party fand für ihn in der JVA Bochum statt. Zur Feier liessen die Knackis weiße Bettlaken aus den Zellenfenstern wehen und fackelten sie ab. Da dachte Pelle, gerade den dritten Tag angekommen, ich zeig den Asis mal, was eine Harke ist, und bereitete ein dickes Ding vor. Er nahm die Matratze vom Bett und quetschte sie unter erheblichem Aufwand zwischen den Gitterstäben hindurch und zündete sie an. Nicht gerechnet hatte er mit der leichten Brennbarkeit von Matratzen und dieser immensen Rauchentwicklung.

Während vorm Zellenfenster ein Teil der Matratze lichterloh brannte, was von den Gefangenen begeistert gefeiert wurde, zog der Rauch ungehindert nach hinten in die Zelle ein. „Das war ein Riesen-Bengalo!“

Dumm nur, dass der dichte Rauch den Weg zur Tür versperrte, wo der Notknopf angebracht war, die sogenannte Ampel. Und wären damals die Nachtschliesser nicht gewesen, die Silvester Dienst hatten und Selles panische Hilferufe ernst nahmen, er wäre schon damals jämmerlich erstickt, wie er zwischen zwei Haltestellen beteuerte.

Jeder kennt so Typen, so Spezis, denen jedes Mal, wenn man sie trifft, wieder was Neues zugestoßen ist. Typen, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass der Herrgott sie ganz besonders oft ins Gebet nimmt. Es sind oft Leute mit fahrigen Händen, einer lädierten Nase, einem schrägen Humor und  Nierensteinen. Das Geräusch, das Nierensteine machen, wenn sie beim Ausscheiden nach und nach in die Kloschüssel fallen, das liebte Pelle besonders gerne nachzuahmen, wenn wir im Bus saßen.

Plink, plink. PLAKK! pokter; pokkta.

Einmal stieg er krebsrot in den Bus, eine schwere allergische Reaktion. Es war Herbst und er hatte auf seinem Balkon Mariuhana angepflanzt, eine Sorte namens Amnesia, drei fette Stauden, hoch wie bis zur Decke. Es roch wie im Dschungel auf seinem Balkon, erzählte er, und stand kurz vor der Ernte, als ihm ein Mißgeschick unterlaufen war. An einem heißen Tag hantierte er mit bloßem Oberkörper an den Pflanzen herum, wollte etwas zuschneiden und geriet dabei mit den schweren reifen Blüten in Hautkontakt. Von da an juckte und brannte sein Bauch, der Rücken, die Arme, sein ganzer Oberkörper leuchtete wie ein Hummer. Er wäre fast verrückt geworden, konnte aber schlecht zum Hautarzt gehen, tu mal ne Salbe rüber gegen Marihuanablütenverbrennung.

Einmal hatte er die Hand in Gips. Ein Hund hatte ihn gebissen. Nicht sein eigener Hund Sniff, ein anderer Hund. Er musste genäht werden, ambulant bei Unfallchirurgen.

„Das war ein Geräusch wie früher auf dem Bauernhof meines Opas, wenn die Schweine kastriert wurden.“

Und wieder machte es Selle einen Heidenspaß, Geräusche zu imitieren: mimimimmi. Die ganze bklöde Busfahrt bis Gräfrath und zurück.

MIMIMIMMMIMMMIMMI!

Das letzte Mal gesehen hab ich Selle im Bus nach Höhscheid, vor vielleicht drei Wochen. Es war einer dieser langen Gelenkbusse, wo man eine Viertelstunde braucht, bis man hinten ist.

Es war Nachmitag, er hockte in sich gekehrt in der letzten Sitzreihe. Unrasiert, angetrunken, die Augen geschlossen. Ich beugte mich über ihn .

„Die Fahrkarten bitte!“

Nach einem kurzen Moment Unverständnis und Gereiztheit blitzten seine Augen auf.

„Riese“, sagte er müde, „was is los?“

Wir fuhren einige Stationen zusammen, ich war auf dem Weg zu meinem Vater ins Altenheim, Selle wollte zu seinen Eltern, um den Hund abzuholen. Er war nicht gut drauf. Er war besoffen und pupte ein paar Teenies an, mit blöden Sprüchen. „Na, macht ihr auch schön euer Abi?“ So blödes Opa-Zeugs, das manchmal aus ihm herausdrang an die frische Luft, es war nicht böse gemeint, es musste einfach raus und im Wind verschwinden.

Ein knurriger alter Hahn mit rotem Schopf und vier bräunlichen Schneidezähnen vom vielen Tabakrauchen, die nicht mehr so prominent in seinem Gesicht standen wie noch Jahre zuvor.

Ein Knurrhahn mit Bürstenhaarschnitt, eine Comicfigur im Rohzustand. Noch nicht wirklich zu Ende gedacht. Noch nicht wirklich In Rente am einen Tag, noch nicht wirklich erfunden am nächsten Tag.

Selle ist im Tunnel eingefahren.

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8 Gedanken zu „Selle™

  1. He, die Story mit der brennenden Matratze habe ich bei YouTube von Sick (Shore Stein Papier) gehört…

    Ansonsten guter Nachruf auf einen von uns.

  2. „Dafür sah er dann aber auch aus wie eine Comicfigur im Rohzustand. Wie noch nicht wirklich In Rente an dem einen Tag, wie noch nicht wirklich erfunden am anderen Tag.“

    Der Refrain eines Lebens – wie genial du diese Lebensgeschichte erzählt hast!

  3. Gut dass er es endlich geschafft hat, der arme Kerl. Leberzirrhose ist eine fürchterliche Krankheit. Sucht ist nichts Grandioses, dieses Leben, einfach nur eklig und schlimm und traurig, keine Liebe, keine Abenteuer, keine Kunst. Sucht ist einfach nur Scheiße. Die armen Eltern.

  4. Traurig, was Du schreibst. Gut, wie Du schreibst. Bohemien, aber liebe- und respektvoll. Und – einmal mehr wird mir bewusst, was für ein Glückskind ich bin…das ich solch einen Schiss vor Pulver hatte.

    Lieben Gruß aus dem Tal der Wupper & bleib`gesund,
    Reiner

  5. Pingback: Lesestoff - Ausgabe 47 | DenkfabrikBlog.de

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