Komplett neben der Zeitspur

„Das ist aber ne Menge, meine Herren.. Glaubst du, das hat der alles extra aufgeschrieben..?“

Das gepflegte ältere Ehepaar, das mein aufgeschlagenes Notizbuch auf der Parkbank gefunden hat, blättert neugierig darin herum und versucht sich mit meiner Handschrift anzufreunden, (was soll das heißen..? Heißt das Nuggets?), als ich im Laufschritt, „he, Sie da!“, in den Coppel-Park einbiege.

„.. das ist meins! Die Pfoten da weg!“

Meine heiligen Notizbücher! Die können mich langsam mal, meine heiligen Notizbücher. Der Schreibtisch platzt aus allen Nähten vor lauter heiligen Notizbüchern, und alle zwei Monate kommt ein neues hinzu, ist wieder so ein Heiligtum voll.

Es kommt schon zu Missverständnissen, zu bösen kommunikativen Störungen, wenn ich am Straßenrand stehe und das Notizbuch aus der Jackentasche ziehe, weil mir etwas in den Sinn gekommen ist, DAS SOFORT FESTGEHALTEN WERDEN MUSS, DAS KEINEN AUFSCHUB DULDET, bevor es mir womöglich entfällt und ade! für immer im Orkus verschwindet. Autofahrer dagegen sehen einen Mann vom Ordnungsamt am Straßenrand stehen, jemanden, der ihr Kennzeichen aufschreibt, und gehen jäh in die Eisen.

Vielleicht sind sie ein bisschen zu schnell gefahren, waren einen Moment nicht angeschnallt, haben während der Fahrt telefoniert, keine Ahnung, jedenfalls haben sie ein schlechtes Gewissen und halten mich für eine zivile Fußstreife, sie treten auf die Bremse und schleichen mit unterdrücktem Stinkefinger an mir vorüber.

Ich bin eine Politesse auf O-Beinen.

Was will man machen.

Notizbücher.

Mit meinem aktuellen Notizbuch, einem leuchtend orangefarbenen Herlitz komme ich mir unter all den Portables und Piano Blacks schon wie ein Ureinwohner vor, ein Pöbel, ein analoges Landei.

Ich bin komplett neben der Zeitspur.

(Eine Weile hab ich die Diktiergerät-Funktion meines Handys genutzt, um Einfälle festzuhalten, das war auch ganz okay, ist auf Dauer aber nicht das gleiche wie Aufschreiben. Aufschreiben ist jedes Mal direkt ein Buch machen, mit jedem kleinen Nebensatz. Das ist besser.)

Wenn ich im Bus sitze und hole mein Notizbuch raus, während um mich herum alles aufs Smartphone starrt, bin ich ein Dino der Extraklasse. Ich bin ein U-Boot, das nach siebzig Jahren auf Tauchfahrt aufsteigt und das Ende des zweiten Weltkriegs feiert, mit einem schönen kleinen Tagebuch-Eintrag.

Wenn ich im Bus etwas notiere, was nicht warten kann, was keinen Aufschub duldet, fühlen sich junge Leute in meiner Gegenwart zunehmend unwohl. Mit dem Stift übers Papier schwingen ist etwas anderes als die elektronische Oberfläche eines Gerätes bedienen, wobei, das Schreiben auf Papier den Kids ja nicht unbekannt ist. Noch am Vormittag in der Schule haben sie es selbst getan – geschrieben, doch das war in der Schule. IN DER SCHULE! Nicht draussen in der freien mobilen Welt.

Uncool.

Ich bin ein Alien.

Ein hoffnungsloser Fall. Die Kids glotzen mich an. Ein ganz junges Mädchen weint sogar bei meinem Anblick. Vielleicht sollte ich das Handy rausholen und sinnlos einen Blog in die Welt puffen. Nur zur Sicherheit.

*

IMG_20170523_0002_NEW

Auch die Gräfin nutzt es gelegentlich, hier 2007

*

Total alte, aus der Zeit gefallene Photographie

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10 Gedanken zu „Komplett neben der Zeitspur

  1. Ich Füllfederhalterfetischist entdecke gerade den Kopierstift neu …

    Und manchmal entspinnt sich aus dem In-die-Kladde-Kritzeln ein notierenswertes Gespräch.

  2. Da kommts mir mal wieder vor, als würdest du über mich schreiben.
    Ich hab übrigens das selbe Notitzbuch wie auf dem Foto. Die Welt is ’n Dorf.

  3. Hm… mir fallen da beim Lesen zwei Fragen ein:
    Was ist es, was da einen Gedanken oder etwas Gehörtes als aufschreibenswert kennzeichnet, oder ist der Glumm einfach der Gerichtsschreiber des, seines ganz eigenen, Lebens und es wird mitgekritzelt was da kömmt?
    Ist eine Tendenz im bisher Niedergeschriebenen erkennbar, eine Entwicklung des frühen zum heutigen, vom Vergangenheits- zum Gegenwarts-Glumm – in Themen, Gefühlen und deren Wahrnehmung oder lapidar im Satzbau?

    • Schätze, ich hab mich nicht sonderlich geändert. Aber Entwicklung findet schon durchs tägliche Schreiben statt. Kann man sich kaum wehren.

      Und was das Mitschreiben anbelangt – da kann man ja nichts für, was angeflogen kommt. Höchstens, was man davon für festhaltenswert einschätzt. Vielleicht ist man als Schreiber genau das: Preisrichter der angeflogenen Gedanken.

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