Komplett neben der Zeitspur

„Das steht aber ne Menge drin, meine Herren… glaubst du, das hat der alles extra aufgeschrieben…?“ fragt der Mann.

„Extra? Wie meinst du das, extra?“ fragt die Frau.

Das frage ich mich allerdings auch. Kann man denn etwas „unextra“ aufschreiben? Geht das überhaupt? Das gepflegte ältere Ehepaar, das mein aufgeschlagenes Notizbuch zufällig auf der Parkbank gefunden hat, blättert neugierig darin herum und versucht sich mit meiner krakeligen Handschrift anzufreunden,

(Was soll das heißen hier..? Heißt das Nuggets?),

als ich im Laufschritt, „he, Sie da!“, in den Coppel-Park einbiege. „Das ist meins!!“ Eins meiner heiligen Notizbücher! Ehrlich gesagt: Die können mich langsam mal, meine heiligen Notizbücher. Diese ganze Brut aus Originalzitaten und falsch aufgeschnappten Satzzeichen. Was so ein Ein-Mann-Räumdienst über den Tag verteilt eben alles so abräumt, festhält und auffängt. Mein Schreibtisch platzt schon aus den Nähten vor lauter heiligen Notizbüchern, und alle zwei Monate gesellt sich ein neues hinzu, ist wieder so ein kleines Heiligtum voll.

Literaturräumdienst Glumm.

ICH RÄUME FÜR SIE AB! KEIN SATZ BLEIBT UNGESCHRIEBEN!

Es kommt hier und da schon zu Missverständnissen, zu bösen kommunikativen Störungen, wenn ich etwa am Straßenrand stehe und eilig das Notizbuch aus der Jackentasche ziehe, weil mir etwas in den Sinn gekommen ist, DAS SOFORT FESTGEHALTEN WERDEN MUSS, DAS KEINEN AUFSCHUB DULDET, bevor es mir womöglich entfällt und, ade! Für immer im Orkus verschwindet. Ich horche ja nicht nur ab, was die anderen Menschen so aus ihren Lungen pressen, ich horche auch in mich selbst hinein. Die motorisierten Teilnehmer am Autoverkehr dagegen sehen etwas ganz anders: was sie sehen, ist ein Mann vom Ordnungsamt, der am Straßenrand steht und ihr Kennzeichen aufschreibt, und dann steigen sie jäh in die Eisen. Vielleicht sind sie gerade ein bisschen zu schnell gefahren, waren einen Moment nicht angeschnallt, haben während der Fahrt ein ganz kleines Ferngespräch geführt, keine Ahnung, jedenfalls haben sie ein schlechtes Gewissen und halten mich für eine zivile Fußstreife, also treten sie auf die Bremse und schleichen mit unterdrücktem Stinkefinger an mir vorüber. Ich bin eine Politesse auf O-Beinen. Ich bin eine miese Nummer.

Eine ganz miese Nummer.

Was will man machen.

Notizbücher.

Mit meinem aktuellen Notizbuch, einem leuchtend orangefarbenen Exemplar der Firma Herlitz komme ich mir unter all den Portables und Piano Blacks schon wie ein Pöbel vor, ein analoges Landei. Ich glaub, ich bin komplett neben der Zeitspur.

(Eine Weile hab ich die Diktiergerät-Funktion meines Handys genutzt, um Einfälle festzuhalten, das war auch ganz okay, ist auf Dauer aber doch nicht das gleiche wie Aufschreiben. Aufschreiben ist jedes Mal direkt ein Buch machen, mit kleinen Nebensätzen und Illustrationen. Das ist besser.)

Wenn ich im Bus sitze und hole mein Notizbuch raus, während um mich herum alles aufs Smartphone starrt, bin ich ein Dino der Extraklasse. Ich bin ein U-Boot, das nach siebzig Jahren auf Tauchfahrt aufsteigt und das Ende des zweiten Weltkriegs feiert, mit einem schönen kleinen Tagebuch-Eintrag.

Wenn ich im Bus etwas notiere, was nicht warten kann, was keinen Aufschub duldet, fühlen sich junge Leute in meiner Gegenwart zunehmend unwohl. Mit dem Stift übers Papier schwingen ist etwas anderes als die elektronische Oberfläche eines Gerätes bedienen, wobei, das Schreiben auf Papier den Kids ja nicht unbekannt ist. Noch am Vormittag in der Schule haben sie es selbst getan – geschrieben, doch das war in der Schule. IN DER SCHULE! Nicht draussen in der freien mobilen Welt.

Uncool.

Ich bin ein Alien.

Ein hoffnungsloser Fall. Die Kids glotzen mich an. Ein ganz junges Mädchen weint sogar bei meinem Anblick. Vielleicht sollte ich das Handy rausholen und sinnlos einen Blog in die Welt puffen. Nur zur Sicherheit.

 

 

*

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Auch die Gräfin nutzt es gelegentlich, hier 2007

*

Total alte, aus der Zeit gefallene Photographie

12 Gedanken zu „Komplett neben der Zeitspur

  1. Hm… mir fallen da beim Lesen zwei Fragen ein:
    Was ist es, was da einen Gedanken oder etwas Gehörtes als aufschreibenswert kennzeichnet, oder ist der Glumm einfach der Gerichtsschreiber des, seines ganz eigenen, Lebens und es wird mitgekritzelt was da kömmt?
    Ist eine Tendenz im bisher Niedergeschriebenen erkennbar, eine Entwicklung des frühen zum heutigen, vom Vergangenheits- zum Gegenwarts-Glumm – in Themen, Gefühlen und deren Wahrnehmung oder lapidar im Satzbau?

    Gefällt 1 Person

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