Fadenwarze

Es geht heute um mein Gesicht, wo zwischen Mund und Nase neuerdings eine kleine Warze gezüchtet wird, ohne dass man dazu je mein Einverständnis eingeholt hätte. Es wäre auch nicht weiter erwähnenswert, würde das Teil mit der Zeit nicht zerfasern wie ein altes Blumenkohlröschen und relativ scheiße aussehen.

Die Leute gucken schon komisch.

„Mach dir mal die Schnötte da weg!“ sagen die Blicke, ohne dass Worte fallen.

„Ist keine Schnötte“, entgegne ich, ebenfalls ohne Worte, „ist eine Warze.“

„Hm..? Ich habe doch gar nichts gesagt..“

„Dann glotz gefälligst nicht so!“

Ein ähnliches Teil ist mir in den ungesunden Neunzigern schon mal aus der Haut gefahren, allerdings nicht im Gesicht, sondern weiter unten am Hals, in Höhe des Kehlkopfes. Der Tonspur. Wo die Stimme entsteht.

„Das kommt von dem ganzen Bullshit, den du ständig quasselst“, hat der dicke Hansen damals gemeint. „Das hat sich entzündet. Ist doch logisch. Wenn ich dein Kehlkopf wär, ich würde mich auch entzünden. Ich würde versuchen zu türmen. Bloß raus aus deinem Hals!!“

Zuletzt hatte die Warze gewisse Ähnlichkeit mit einem Hubschrauberpropeller und drehte sich wie wild, (wenn ich daran herumspielte), bis sie plötzlich, es war Sommer, einfach abfiel, ganz von allein, auf den Boden. Zur Sicherheit hab ich noch draufgetreten. Das ist meine liebste Methode: einfach abwarten, bis die Dinge sich von alleine regeln, dann noch ein paar Mal drauftreten.

Neun Mal.

Auch die jetzige, die neue Hautirritation zwischen Mund und Nase nimmt sich Zeit, um von selbst zu verschwinden. Nimmt sich zu viel Zeit. Man könnte schon meinen, mir würden vertrocknete kleine Popel aus dem Konterfei kriechen. Versteinerte Mini-Lava. Die Popel-Rosen von Kairo.

„Mach dir endlich mal die Schnötte da weg!“ kreischen die Leute schon.

Onkel Fitting, für jeden spirituellen Schnickschnack zu haben, kriegt es bereits mit der Angst, als wir uns zufällig begegnen, auf dem Bierfest.

„SÖHNCHEN“, ruft er erschrocken am Bierstand, als er mich als Mitglied der Familie identifiziert. „WAS HAST DU DENN DA!!? DIE WARZE LIEGT JA MITTEN IM MAGISCHEN DREIECK..!“ Er geht auf Abstand. „Das ist keine ungefährliche Angelegenheit, so eine Warze im magischen Dreieck. Glaub mir das. Geh lieber zum Arzt, Söhnchen..“

Vielleicht hat er ja recht. Der Onkel. Er war schon im Radio, weil er fest davon überzeugt ist, mit verstorbenen Angehörigen kommunizieren zu können. Wer weiß. Warum nicht. Vielleicht haben ja alle recht, bloß ich nicht. Die Gräfin meint ja schon lange, „pflege dich mal ein bisschen. Trage Creme auf nach dem Duschen, wenigstens das. Und geh zum Hautarzt, lass den Propeller wegmachen. Und du hast noch mehr so seltsame Dinger. Willst du im Alter aus der Wäsche gucken wie ein blatternverseuchter alter Dattel-Opa?“

Sie übertreibt natürlich. Wir übertreiben alle gern. Übertreibung ist wie Tinte: man könnte das Leben sonst nicht lesen.

Mein Hautarzt ist ein uralter Pole an der Konrad-Adenauer-Straße. Er gehört längst in Ruhestand, weigert sich aber, die Praxis aufzugeben. Ich glaube, er weiß nicht, was er sonst mit seiner Zeit anfangen soll, wenn er anderen Leuten nicht mit der Medizinal-Lupe auf den Pelz rücken kann. Und er nuschelt. Er ist ein ganz schlimmer Nuschelkopf, und in seinem Wartezimmer ist es immer voll. Meist Frauen. Lauter Kroatinnen, Inderinnen, arabische Damen, Türkinnen. Eine einzige Frau kommt aus Deutschland, das ist die resolute Arzthelferin. Sie stolpert fast über meine Beine, als sie ins Wartezimmer reinplatzt.

„Frau Hatice!!?“

„..ja?“

„Kommen Sie bitte mit durch. Und Herr Glumm?“

Ich steh auf. Ich salutiere fast.

„Sie nehmen bitte schon mal in der Kabine Platz.“

Hui. Die ist aber eng, die Kabine. Bis aufs Höckerchen und einem stehenden Kassenarzt passt da nicht viel rein. Vielleicht noch zwanzig Hautschüppchen und ein paar Rötungen. Aber noch ist sowieso kein Arzt da. Ich bin allein und ich warte. Öde Stellwände. Ist total fade. Dann: Doktor kommt! Also, er ist in der Kabine nebenan – aber immerhin. Schon mal ein Anfang. Und man kann schön mithören, was es da zu begutachten gibt, nebenan.

„Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Herr Doktor“, sagt eine Frau in blitzblankem Deutsch, wird dann aber so leise, dass ich nicht folgen kann. Außer: „Mein Frauenarzt weiß nicht mehr weiter. Das juckt da unten, wie Harri.“ Die hingenuschelte Antwort des polnischen Doktors lässt sich von meinem Standpunkt aus nicht dechiffrieren, beim besten Willen nicht. Er schlürft die Silben in sich rein wie Soße, die so lecker ist, dass er sie nicht teilen mag. Alle Soße für den polnischen Doktor! Pilzsoße!

Dann ist die andere Kabine neben mir dran, rechts von mir.

Ich frage mich schon: hat der Gute mich womöglich vergessen in der mittleren Kabine? Mich, das Sandwichkind? Das ewig übersehene Musterbalg? Wir werden ja immer übersehen, wir Sandwichkinder, und wenn wir groß sind, ist das Geschrei groß, weil wir mächtig Wirbel machen, um wahrgenommen zu werden:

ICH BIN DIE BEATLES!

Die Patientin rechts von mir, ich höre davon, hat anders gelagerte Probleme. Sie klagt über schweren Haarausfall.

„Mittel Sie gegeben, Doktor, hat nichts genutzt, Herr.“

Ich höre ein Rascheln.

Doktor: „Verlieren mehr als hunnert Haar an Tag, Frau?“

Hüsteln.

„Hundert Haare am Tag, Doktor? Bestimmt mehr liegt im Abfluss in Badezimmer an Morgen. Viel viel Haar, wie bei Hund. Kann ich auch nicht allein zu Hause lassen, verliert direkt alle Haar der kleine Hund. Kleine Hund, aber ganze dicke Bischel Haar, wie ich..“

Der Rest ihrer Worte geht unter im leisen Tonfall des Nuschelpolen. Ich versteh nur so was ähnliches „ei, ei, ei!“ und „Störung“ und „Nervensilvester“, na, ich weiß nicht. Nervensilvester. Na ja.

Endlich, ich bin an der Reihe. Die Beatles. Hallo, Herr Doktor. Ich hab ihn lange nicht gesehen. Er erinnert mich zunehmend an Papst Wojtola. Er ist genauso klein und gebeugt, das Gesichtchen zäh. Bevor ich auf meine Problemzone unterhalb des Näschens zu sprechen komme, hat der alte Nuschelkopf schon erkannt, was Sache ist, er kommt auf mich zugeschlurft, mit dieser riesigen Lupe in der Hand.

„Aaah ja, sehscho..“, murmelt er, und wippt dabei mit der Lupe vor und zurück, wie ein gut geöltes Jojo. „Iseifadwazz.“

„Bitte? Ist was? Ist schlimm..?!“

„Is nix schlimm, nein. Eifadwazz.“

Er nuschelt eine Helferin herbei, auf echt polnisch, und weist sie an, zu übersetzen.

„Eine Fadenwarze. Kein Problem. Bildet sich meist im Gesicht, wo die Haut zart ist. Das kriegen wir mit Stickstoff weg.“

Ich folge ihr ins Behandlungszimmer. Sie rollt einen großen silbernen Kessel heran, aus dem prompt Dampf steigt, als sie den Deckel öffnet. Sie tunkt ein Wattestäbchen in den dampfenden Bottich, rührt darin herum wie in der Zuckerwatte auf der Kirmes, und schließt den Behälter. Mit dem Stickstoff-Stäbchen wird die Warze mehrfach eingepinselt, bei jeder kleinen Berührung zischt und knistert es unterhalb der Nase. Ich atme kleine kühlende Feuerchen ein.

„Mal nicht atmen“, sagt sie.

Ach so.

Dann ist es gut für heute. Ich soll nächste Woche wiederkommen, um die gleiche Zeit. Halb vier.

„Ich hatte schon mal so eine ähnliche Warze“, sag ich beim Rausgehen zur Arzthelferin, damit sie sich merkt, mit wem sie es zu tun hat, nächste Woche um die gleiche Zeit. Damit ich was besonderes bin in ihren Augen. Damit ich ab jetzt Promistatus genieße.

„Es sah aus wie ein Propeller, hier am Hals. Wo man redet. Wie bei einem Modellflugzeug.“

Sie blickt mich verständnislos an. Sie hat keine Ahnung, wovon ich rede.

„Hm. Nächsten Montag also. Halb vier. Und nicht dran knibbeln, junger Mann. Das fällt von ganz allein ab.“

Genial!

*

(2009)

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