Hundert Archen werden kommen und uns retten

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Spaziergänge mit struppigen Hunden sind eine gesunde Sache, sagt der Doktor mit dem hohen Blutdruck im Gesicht, schon wegen der vielen Hundehaare, die man beim Gehen einatmet und die sich weiträumig ums Herz legen und es abfedern. Lebt man zudem im Bergischen Land, im fiebrigen Wupperdelta, in der Neuen Eisenzeit, wo die Wälder wieder rauschen, dann ist das Herz mehr als gewappnet.

Oder, wie mein türkischer Arbeitskollege Erhan vor Jahren zu sagen pflegte, bevor er sich beim Ein-Euro-Job in die Kulissen verdrückte: „Eh, Kollega, Erhan jetzt Spazierengehn bla bla!“ Dann streckte er mir die Zunge raus und war weg für den Rest des Tages. Sehr gesund, das.

Spazierengehen.

Ein Wort, fatalerweise in der Kindheit an die Tugendhaftigkeit verfüttert, an biedere Sonntage mit Oma und Opa und Stiefonkel und Stieftante. Dabei ist es doch ein Streunen. Ein wildes Klettern, ein Raufen im Morast! ein Brennen! ein Erobern von Landschaft!

Den Göttern folgen, in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt!

voran!

Spaziergänge sind notorische Kurzreisen, und Nachtspaziergänge führen direkt ins All.

*

(Wo wir gerade dabei sind: Erhan schilderte mal, wie er versucht habe sich selbst zu hypnotisieren, wie? Indem er eine halbe Stunde ununterbrochen aufs rote Standby-Licht seiner Stereoanlage blickte.

„Und?“ fragte ich, „hypnotisiert?“

„Erhan eingepennt.“)

*

“Das ist nicht schön!” schnaubt die Gräfin.

Na, da hat sie recht. Das ist in der Tat nicht schön, wenn man aus der Haustüre tritt und da wabert ein Geruch durch die Luft, als habe ein mopsiger alter Mann Leberwurstbrötchen gegessen und in der Folge mehrmals kräftig aufgestossen.

“Ich hab überhaupt keine Lust mehr auf Spazierengehen”, jammert sie.

“Ja ich denn?” jammere ich zurück.

“Leberwurst”, denkt der Hund, die Nase hart im Wind.

Spaziergang am frühen Abend, zur besten Sportschau-Zeit. Leichter Regen. Wir drehen eine Runde über die Felder. Es riecht nach Leder und Licht, nach Erde. Nach viel Schlaf und dreimal kess durch die Zellen geklimpert. Nach Radfahrern, die von hinten heranflattern und auf der Schelle stehen, so unverschämt, dass man ein Beinchen in den Weg stellen möchte. Und da sind Hundehaufen am Wegesrand, dick wie Sonntagsbuchstaben. Alle drei Meter bleibe ich stehen und notiere etwas. Eine Idee, ein Bild, ein kleiner Satz.

“Was schreibst du denn andauernd auf?”

“Drei Meter Sätze”, sag ich.

Wir biegen in den Wald ein. Es riecht nach Pfeffer und Dill. Der Wald in den Wupperbergen ist wie eine dunkle unheimliche Truhe, in der man sich niemals so richtig auskennt. Man kann dreißig Mal an derselben Stelle abbiegen und glauben, jeden kleinen germanischen Feuerbusch zu kennen, doch biegt man aus Versehen auch nur einen halben Meter zu früh ab, tut sich gleich Terrain X auf, die neue, die andere Welt.

Abhängig von Spaziergang und Tagesform.

Ein kleines Laubblatt, das AUGENSCHEINLICH keine rechte Lust hat, zu Boden zu fallen, steht mitten in der Luft. Regungslos. „Ich bin ein Wunder“, säuselt es angetrunken und schwebt, nein, tänzelt auf uns zu, wie an einem unsichtbaren Faden. Den Trick offenbart das Gegenlicht: das kleine Blatt hat der Wind vom Baum geholt, dann hat es sich in einem Spinnennetz verfangen, das quer über den Weg gezimmert wurde, in Kopfhöhe.

„Dass der Tod so schön sein kann, so leicht“, murmelt die Gräfin.

Jäh reißt ein Windstoß das Blatt fort; wie eine Sternschnuppe saust es um mich herum und kracht mir mitten auf die Stirn, samt Spinnennetz! SPIDER CRIME! Die Gräfin lacht frei heraus. Es sind kleine LSD-Tränen. So ähnlich. Sie steht da wie das Sterntalermädchen.

*

Wir alle sind nur da wirklich Mensch, wo wir uns fallen lassen können, wo man uns ohne wenn und aber, ohne Stützräder und Fixseil in den Augenblick hineinrauschen lässt.

*

Geschlagene anderthalb Stunden sind wir auf dem alten Postweg unterwegs. Andauernd bleibt jemand stehen, bleibt stehen, um sich etwas anzugucken, der andere schliesst auf und schaut es sich auch an. Wir kreisen wie Satelliten um die eigene Geschichte. „Das ist kein Gehen, das ist relativ flottes Stehen“, übernehme ich die Deutungshoheit. Wir verlassen die gesicherten Pfade und kraxeln die Wupperberge rauf und runter, der Hund begeistert voran. Das ist sein Metier. Unterwegs in unwegsamen Gelände, die Nase am Boden, ein Trüffelschwein ohne Interesse an Trüffel, nur am Buddeln.

„Molli riecht wie meine alte Blockflöte“, schnupperte die Gräfin am Fell des Hundes, „wenn das Mundstück nass war, eingespeichelt.“

*

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*

Erinnerungen an die Kindheit waren die Morgengabe unserer Freundschaft, vom ersten Moment an. Wenn man sich kennenlernt, spürt man instinktiv, ob der andere ähnlich aufgewachsen ist. Ob man in etwa das gleiche erfahren hat im Leben. Als wir uns kennenlernten, war da als erstes dieses Muttermal über ihrer Oberlippe, diese Schokoperle. Das Gegenstück war mein Grübchen, in dem ihr Muttermal genau Platz hatte. Das ging in Ordnung. Das passte. Es konnte losgehen.

*

Als Frau Moll noch klein war, gerade dem Welpenalter entwachsen, räuberte sie oft mit Spikey, einem Rüpel von einem Schäferhundrüden aus der Nachbarschaft. Die Nahkämpfe der Beiden endeten oft mit Zahnfleischbluten und ausgerupften Fellbüscheln, sie knallten mit den Rippen aneinander wie lose Heizkörper, dass es nur so schepperte, unter Einsatz des ganzen schnaubenden Hundekörpers.

Doch Frau Moll ist nicht mehr so beweglich, sie knickt schon mal mit den Hinterläufen ein, gerät ins Stolpern.

„Unsere alte Oma“, ruft die Gräfin verliebt.

*

Der Wald, ein Körbchen voll schräger Geräusche. Eicheln gehen zu Boden, Kastanien klackern. Eine Krähe kräht im Fliegen mit ihrem Kumpan um die Wette.

“Krah-krah!”

“Wenn man im Herbst vorüberfliegende Krähen hört, ist man innerhalb Sekunden im Mittelalter”, meint sie. “Dieser Herbst ist uralt.”

“Bronzezeit”, schätze ich.

Wenn ich mal alt bin, sagt sie, also demnächst, möchte ich nur noch schöne Augen malen und Gerüche einsammeln.

Wir stöbern in Schonungen, entdecken einen verwunschenen, illegalen Grillplatz, wir rücken dem Wald insgesamt tiefer auf die Pelle: via dem alten Postweg, wo uns alle anderthalb Meter ein frischer Kuhfladen auflauert.

“Wie zum Teufel kommen Kühe hier in den Wald?”

“Zu Fuß”, vermute ich. “Die grillen hier. Das ist ein uralter Grillplatz von Kühen.”

Auf Laub geht man weich, wie auf ganz frischen, noch nachgiebigen Leichnamen.

*

Ich kann nicht anders. Mir entfährt ein “Kleil!”, weil sich mein Sprachzentrum auf die Schnelle nicht entscheiden kann zwischen “Klasse!” und “Geil!”, als die Gräfin sich die rote Lederleine von Frau Moll um die Hüfte wickelt, drapiert mit okkergelbem Laub tanzt sie die Herbst-Domina, im Napoleonmantel.

KLEIL!

Die Gräfin, ein seltsames, ein seltenes Arrangement von Frau.

Nasses Laub glimmt tief im Forst, abseits der Pfade, der Hund buddelt im Erdreich, im Windschatten unserer Worte.

Die Gräfin nimmt sich vor, in Zukunft nicht mehr so viel und sorglos zu plappern, (“ach du Schande!” rufe ich aus, “mein armes Notizbuch!”), sondern ihre Gedanken lieber ins Nichts rascheln zu lassen, “dann bin ich glücklich.”

“Na schön”, sag ich. “Dann lauere ich mit dem Notizbuch künftig im Nichts.”

Geht in Ordnung. Auch gut.

*

Entlang der Bahngleise. Im Schotter nach Gegenständen fahnden, die Leute aus dem Regionalzug werfen, der alle zwanzig Minuten zwischen Solingen, Wuppertal, Remscheid verkehrt:

3 mumifizierte dunkle Rosen im Gleisbett.

“Eine Rose ist noch ein bisschen schön”, sagt die Gräfin, und legt sie zurück. “Vielleicht ist hier mal jemand tödlich verunglückt. Was meinst du? Vielleicht ist das eine Kultstätte.”

“Kann sein.”

Es kann vieles sein. Und es ist auch viel. Gewesen, vor allem. Vergangenheit überall. Solange der Mensch lebt, produziert er Vergangenheit. Und je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Vergangenheit ist in der Welt. Es ist eine mächtige Überproduktion. Man weiss nicht mehr wohin mit all der Vergangenheit. Große Deponien bedecken schon den Kontinent: VERGANGENHEIT! Ein Maximum an FRÜHER, wohin man auch den Blick wirft.

(Weil wir die Zukunft nicht kennen, multiplizieren wir einfach unsere Vergangenheit und glauben, hundert Archen werden kommen und uns retten.

Ja sicher.)

*

Ein warmer Herbstschauer pixelt vorübergehend die Gegenwart. Die Haut. Es regnet – Bindfäden?

“Wieso Bindfäden? Nein, es regnet – Bleistifte! Graphit!” ruft sie.

Und mutmaßt sofort: “Oder meinst du, der liebe Gott gurgelt? Es riecht sogar ein bißchen nach Odol.” Sie schnuppert an ihrem Ärmel. “Hier. Riech mal.”

“Leberwurst?” frag ich vorsichtig, weil ich nicht gut rieche.

“Odol! Blödmann!”

*

Pferdegetrappel in der Ferne, ein Streifen Sonne fegt heiß über unsere Köpfe, als ur-plötzliches Bügeleisen.

“Wo kommt denn die Sonne auf einmal her..?”

Ist schon wieder verschwunden.

“War nur ne Bügelvisite.”

*

Plötzlich Kuddelmuddel in der Luft. Zwei Vogelschwärme geraten aneinander, kurzfristiges Aufbrausen, denn genauso schnell wie es begonnen hat, wird die Kollision für beendet erklärt, und jeder fliegt wieder seines Luftraums.

Der Waldweg verläuft eine Weile schnurgerade, ist sogar mit Kopfstein gepflastert. Ein Biker kommt uns entgegen, mit Stirnlampe und Leuchtdioden an den Knöcheln. Fesch und sportiv rumpelt er übers Pflaster, doch als wir auf gleicher Höhe sind und grüßen, stösst er nur ein klägliches “Moin..!” aus, wie ein defektes Hodenkehlchen.

“Schätze, sein Skrotum ist angegriffen von allerhand Überlandfahrten”, so die Gräfin.

Dann doch lieber Spaziergang. Ein tugendhaftes, zutiefst biederes Wort, in der Kindheit an langeweilige Sonntage verfüttert. Dabei ist es ein Streunen. Ein Klettern und ein Raufen im Morast! Den Göttern folgen, in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt! weiter!

voran!

Da taucht eine Buche vor uns auf. Präsentiert längst vergangene Botschaften, eingeritzt ins Holz. ONLY TO MY LADY-FRIEND.

Erstaunliche Daten: 23. 3. 1976. MARCH 1966. 22. 3. 1946. (!)

„..BELLA.. EYE OF MY..“

Manche Zeichen sind tief in die Baumrinde gesunken, lassen sich kaum noch entziffern, anderes wirkt wie gestern erst eingeritzt. Es ist diese plötzliche Präsenz, die verblüfft, die Wiederentdeckung eines Evergreens.

Selbst die Sonne sucht sich ein Loch in den Wolken und schaut uns zu.

MARCH 1946. HENRY U. BELLA. (Ich folge einem Pfeil zur anderen Seite des Stamms..) HENRY AND BELLA IN THE WOOS TONIGHT! Es wurde ein D vergessen im August 1946, IN THE WOODS TONIGHT. War es ein Soldat der Alliierten, der sich am bergischen Frollein (Bea) bediente?

„Hallooo.. ihr Zweiiiii!“ hallt es durch die Wupperberge, eine erregte Walddurchsage der Gräfin, die bereits den Hang hoch ist. Ich blicke den Hund an, der Hund bellt mich an: nichts wie hinterher!

Feuerahorn raschelt unter unseren Füßen und Pfoten.

Der Herbst ist die einzige Jahreszeit, wo es im Wald brennt, aber niemand muss löschen, hatte sie am Morgen gemeint, als wir loszogen. Der Herbst ist der Feuerläufer.

Die Sache ist geritzt.

*

foto.sanne.imherbst

Die Gräfin

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15 Gedanken zu „Hundert Archen werden kommen und uns retten

  1. grandioser text! hättest du lust darauf, dass ich diesen text (in voller länge) bei mir drüben unter „geschichten von unterwegs“ blogge? es wäre mir eine ehre …

  2. eigentümlich: an einigen stellen dachte ich, du hättest dich in mein herz und hirn geschlichen und dort alle regungen in worte gefasst, vor allem jene, die sich im und durch das gehen ausdrücken, denn ganze halbe tage verbringe ich damit, mit diesem spazierengehen und -stehen und -sehen … schön, dass es noch andere gibt, die auf langsamen (freiers)füßen unterwegs sind.
    gruß, uwe

    • Da ich mit dem Hund häufig unterwegs bin: viele von uns gibt es nicht, jedenfalls nicht bei uns. (Und ich schätze in Wuppertal auch nicht.) Das hat natürlich handfeste Vorteile: man hat seine Ruhe im Wald.

  3. Von vielen schönen Gedanken der schönsTe..

    „Wir alle sind nur da Mensch, wo wir uns fallen lassen können, ohne wenn und aber, keine Stützräder und keine Fixseil, wo wir ohne Angst in den Augenblick hineinrauschen.“

  4. Pingback: Hundert Archen werden kommen und uns retten | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

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