Das Leben, eine Übergangslösung

„Das Leben ist nur eine Übergangslösung“, sag ich, und ich klinge so bestimmt, so überzeugt, dass sie aufblickt.

„Wer sagt das?“

„Ich.. Ich sag das.“

„Und was meinst du damit?“

„Keine Ahnung. Das steht so in meinem Notizbuch. Hab ich vor ein paar Wochen geschrieben. Hier.. das Leben.. nur eine Übergangslösung?“

Sie beugt sich zu mir rüber. Das Fenster ist offen. Ein Spätsommerabend. Man hört Kinderstimmen vom Spielplatz, ein Auto parkt ein, weiter oben die Strasse hoch.

„Da ist ja ein Fragezeichen hinter“, sagt sie.

„Ja“, sag ich. „Ist ja auch ne Frage.“

„Dann musst du das auch so vorlesen.. Das Leben, eine Übergangslösung? Und wenn ja: Übergangslösung wohin?“

„Das weiss ich doch nicht.“

„Du hast es doch geschrieben.“

„Aber ich weiss doch jetzt nicht mehr, wie ich das gemeint hab. Mehr steht da sonst ja nicht.. zu dem Thema. Nur der eine Satz.“

„Gib mal her.“

Ich reiche ihr das Notizbuch rüber. Es ist ein orangefarbenes Aufmaßbuch, eins der letzten aus dem Fundus meines Vaters. Er bekam die praktischen Dinger geschenkt, wenn er beim Großhandel Bestellungen aufgab. Die meisten benutzte er selbst für seine Arbeit, doch ich bekam regelmäßig meinen Anteil.

Natürlich hätte ich es damals schon so machen können wie heute, die Notizbücher ganz normal im Bürohandel kaufen, aber ich wartete lieber, bis er eins übrig hatte. Die Notizbücher meines Vaters waren etwas besonderes. Am verheißungsvollsten waren die Bücher, die er schon eine Zeitlang im Blaumann mit sich herumgetragen, aber kaum eine Seite beschrieben hatte. Wenn ich solch ein Königsexemplar erwischte, war ich obenauf. Es duftete nach Männerschweiß und Zollstock, nach harter ehrlicher Arbeit, nach Eisen. Nach Dingen, von denen ich träumte.

Ich erinnere mich an einen Tag, es ist vielleicht zehn Jahre her, als meine Mutter mich anrief und meinte, komm doch mal vorbei, der Papa hat was für dich. Sie tat richtig geheimnisvoll, und ich wusste nicht, was dahinter steckte. Ich hörte ihr Lächeln, als sie sprach. Am nächsten Tag stand ich auf der Matte. Ich hatte schlecht geschlafen. Aber es lohnte sich, die Überraschung war gelungen: mein Vater, schon lange Rentner und aus dem Geschäftsleben raus, hatte im Wandschrank des Schlafzimmers zwei leere Notizbücher gefunden. Zwei von den fruchtigen, wie ich sie immer nannte, weil sie so starke orangefarbene Deckblätter besaßen. Meine Apfelsinen.

„Wo stand das noch mal mit der Übergangslösung..?“ fragt die Gräfin. „Jetzt find ich’s nicht mehr..“

Einen von den beiden alten Fruchtkörpern hat sie in der Hand, es ist definitiv das allerletzte Notizbuch meines Vaters. Ich versuche es so wenig wie möglich zu benutzen, damit es noch eine Weile vorhält. Lieber stecke ich irgendein xbeliebiges neues Notizbuch ein, eins von Style X.

Ich zeig ihr die Stelle. „Hier.“

Während sie liest und weiterblättert, blicke ich in den Fernseher, wo ein Krimi läuft, in dem der Chef der Polizei von San Bernadino zu tun hat. Einmal lacht sie auf, kurz und heftig. Sofort nehm ich den Blick vom Bildschirm.

„Was lachst du?“

„Na.. was du so schreibst..“

„Ja, aber was genau?“

Sie schweigt. Die Spurensicherung nimmt ihre Arbeit auf. Es sind Männer in weißen Ganzkörper-Schutzanzügen, die aussehen, als hätten sie Muffensausen vor wilden Bienen. Oder zu vielen Toten.

„Hier.. ein paar Seiten später kommt noch ein Rätselsatz. Glück ist nur die Lücke zwischen zwei.. Atemzügen.“

„Zeig mal.“

Ich nehm mein Männerheft in die Hand, kann aber die eigene Klaue kaum entziffern.

„Da steht noch was drüber.. was eingeschobenes..“

Wir beugen uns beide übers Notizbuch Juli 2015.

„.. hier, über Atemzügen, siehst du?“

„Ja, stimmt.“

„Wie heisst das..? langsamen..? zwischen zwei langsamen Atemzügen..“

„GLÜCK IST NUR DIE LÜCKE ZWISCHEN ZWEI LANGSAMEN ATEMZÜGEN“, lesen wir gemeinsam vor. Ein antiker Chor, so einer aus den gelben Reclam-Heften.

Ich muss an den dicken Hansen denken, der vergangenen Sommer an Lungenkrebs gestorben ist. Als ich das letzte Mal mit ihm telefonierte, er lag in Bochum in einer Spezialklinik, musste er nach jedem zweiten Satz innehalten und Luft holen, bevor er weitersprechen konnte. Es klang, als hätte er zwischendurch an einem Bong voller Gips gezogen. Lungenkrebs nach Heroin-Abusus steht irgendwo in den Krankenakten, ächzte Hansen.

Ich will nicht sterben, aber ich komm klar damit.

Die Kinder spielen Fußball in der Abendsonne. Du kannst ruhig mal abgeben, ehh! Der Hund kommt ins Zimmer und lässt sich mit einem schweren Seufzer unterm Schreibtisch nieder. Ein alter Hund überlegt sich stets zweimal, ob er sich ablegt. Man muss ja auch wieder hochkommen.

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2 Gedanken zu „Das Leben, eine Übergangslösung

  1. Ach wie ich diese Gedanken von dir mag Andreas / oftmals wie Feinkostperlen die es nur zu bestimmten Anlässen gibt / tolle Geschichten die so tief sind wie das Leben. Danke dir.

  2. Deine Geschichten haben auch die hakenschlagene Struktur von Notizen.
    Sie legen sich nicht fest, bleiben offen mit ihren losen Enden, so als ob sie eine „Übergangslösung“ sind –
    zwischen der ersten und der vermeintlich letzten Fassung.
    Gruß, Uwe

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