Das Geheimnis der Hunde

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Hunde haben die Angewohnheit uns Menschen anzuschauen, als wüssten sie etwas, was wir nicht wissen.

Das ist ihr großes Geheimnis.

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Wie schon beim Tod unseres ersten Hundes bringen wir es auch diesmal nicht fertig, den Futternapf und die Wasserschüssel beiseite zu räumen. Beides bleibt an seinem angestammten Platz. Es sieht aus, als müsse Molli nur reinkommen und in ihre Ecke am Küchenschrank laufen, so wie sie es tausende Mal getan hat. Nicht mal die vielleicht zu einem Drittel gefüllte Wasserschüssel kippen wir aus, wir lassen das Wasser von allein verdunsten. Es dauert auf den Tag genau vier Wochen, bis alles weg ist. Ausgetrocknet.

In aller Stille.

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Ein Hund in der Wohnung ist wie ein Luftbefeuchter, nur dass er die Seelen feucht hält, weniger die Luft. Ein Hund ist ein Seismograf. Ein Seelenbefeuchter. Ein Hund befähigt einen, die Wahrheit zu erkennen und auszusprechen: „Man darf nicht immer nur meckern, man muss auch mal ein Schnitzel rüberreichen.“

Molli war unsere Lehrherrin. Sie hat uns beigebracht, auf die Zwischentöne zu achten. Sie war unbestechlich. Sie war streng, und wir waren folgsam. Sie hat sich nie zum Affen gemacht für uns, aber sie hat uns zum Lachen gebracht, wenn sie gut drauf war.

Ihre Beinarbeit war souverän und würdevoll, wie Wellengang.

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(Es fällt uns auf beim Durchsehen alter Bilder. Im Jahre 2012, als wir nach meinem Herzinfarkt für ein paar Tage nach Holland fuhren, stieg der Hund zur Person auf. Zur Persona grata.)

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„Nein. Dass Molli gestorben ist, ist nicht das Thema. Dass Molli nicht mehr da ist, das ist das Thema.“

Sanne

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„Weisst du, warum ich Filme liebe? Weil man Filme immer wieder auf Anfang setzen kann.“

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Der Tod ist eine letzte Erhöhung. Ein Punkt ist erreicht, von dem aus keine Änderung mehr möglich scheint.

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In „Triumph des Todes“ von Otto Dix ist der Hund das einzige der abgebildeten Lebewesen, das den zerstörerischen Kern des Königs erkennt. Es ist der Hund, der die Welt in ihren menschlichen Zusammenhängen zu durchschauen vermag, der alles bis ins Detail aufsaugt und durchblickt. Es ist nicht das alte Weib, das in Dixs Gemälde die Zerstörungskraft der Menschheit begreift, es ist nicht das Neugeborene, nicht der Soldat.

Es ist der kleine Hund.

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Man darf gar nicht dran denken, was alles passieren kann im Leben, also denke ich auch nicht dran.

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Eine Woche nach Mollis Tod holen wir die Asche ab, aus den Fängen des Vereins für Tierbestattung. Sieht eher aus wie Granulat, was wir da als Ergebnis einer Einzelkremierung in einer kobaltblauen Urne überreicht bekommen, von einem mäßig sympathischen Paar in den Dreißigern. Sie ein käsiger Möbelwagen, er erkältet und distanziert wie ein falscher Fuffziger. Wir sind froh, dass wir weg sind.

Was bleibt, ist Granulat.

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Vor fünf Wochen bin ich mit Molli zur letzten Abendrunde aufgebrochen, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon wusste, dass es die letzte sein würde. Dabei entstanden auch die letzten Fotos, auf denen Molli zu sehen ist. Hier nicht zu sehen. Sie steht in der Abenddämmerung auf dem Weg, wie eine Schrankenwärterin steht sie da, die auf den letzten Zug wartet – gleich ist Feierabend.

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Es ist ein bisschen, als hätten wir 13 Jahre lang Eltern gespielt, und jetzt sind die Kinder aus dem Haus und wir entdecken, zaghaft noch, unsere alte Zweierbeziehung wieder.

„Das Problem ist nur: unser Kind kann nicht einfach mal zu Besuch kommen.“

(Sanne)

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Es passiert immer noch, dass ich beim Verlassen der Wohnung automatisch nach der Leine greifen will. Für einen ganz kurzen Moment ist alles wie immer, Leine und Halsband anlegen, Tür aufmachen.. Doch kaum angerissen, ist es auch schon vorbei mit dem wohligen Allerweltsgefühl. Ich kriege einen kurzen tiefen Schreck und realisiere, ach, ist doch gar nicht mehr nötig, ist doch vorbei, hat sich erledigt.

Enttäuschung macht sich breit.

Ich muss das nicht mehr tun.

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2 Gedanken zu „Das Geheimnis der Hunde

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